Das inszenierte Geheimnis

6. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von den Geschwistern aus der Ökumene lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Den Abschluss bildet der katholische Gottesdienst.

In der letzten Generation ist der protestantische Gottesdienst katholischer und der katholische Gottesdienst protestantischer geworden. Das ist im Wesentlichen eine positive Entwicklung. Darüber hinaus folgen beide großen Kirchen schon immer demselben liturgischen Grundschema. Dennoch ist es reizvoll, beide Gottesdienstformen typologisch gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann eine liebevolle Karikatur der genaueren Wahrnehmung helfen. In den folgenden vier kurzen Thesen setze ich voraus, dass meine Beschreibungen dem Idealtypus des katholischen Gottesdienstes entsprechen, aber nicht jeder tatsächlich abgehaltenen Messfeier; und ich setze voraus, dass diese Prinzipien den Wahrheitsgehalt des evangelischen Gottesdienstes erschließen können. Einfacher gesagt: Ein bisschen mehr Geheimnis wäre auch für uns Evangelische nicht schlecht. Aber zunächst zum Katholischen. Erstens: Der Katholik glaubt vor allem mit den Augen. Das Messgewand des Priesters, die Kleidung der Ministranten, der Einzug und die Handlungen am Altar folgen einer tief verwurzelten Ordnung, die weder erklärt werden kann noch muss. Die erhobene Hostie und die sorgfältige, umständliche Reinigung des Kelchs nach der Eucharistie zeigen, dass hier das Unerklärliche und Überintellektuelle geschieht. Das Sterben und Auferstehen und das Sich-Schenken des Gottessohnes an diejenigen, die daran schauend teilhaben, wird Wirklichkeit: »Kommt und seht!« (Johannes 1,39).

Die katholische Messe transportiert damit zweitens keine Gedanken oder Informationen. Sie ist in ihrem Kern nichts anderes als das rituell vergegenwärtigte Geheimnis selbst. Es geht nicht um eine zu übermittelnde Botschaft, sondern um die Realität des Mysteriums. Ein Mysterium aber ist wie ein Rätsel nicht zu entschlüsseln, sondern zu feiern. Das Geheimnis der Erlösung, wie es im Gottesdienst erfahren werden kann, ist der Abstieg Gottes in die Welt (»Katabasis«), der Aufstieg des menschlichen Herzens zu Gott (»Anabasis«) und der Durchgang der Welt von der jetzigen Zweideutigkeit zur Vollendung (»Diabasis«). Um weniger geht es nicht in der Liturgie – also um alles.

Drittens: Für den Katholiken gehört die Predigt zwar zum Gottesdienst – aber sie gehört dennoch nicht so recht zur Liturgie. Die offiziellen Dokumente sprechen seit der Konzilskonstitution »Sacrosanctum Concilium« des 2. Vatikanums von 1963 zwar vom Zusammenhang von Predigt und Mahl, aber die Empfindung ist bisweilen eben doch eine andere. Ein konservativer Liturgietheoretiker, der katholische Schriftsteller Martin Mosebach, schrieb darum vor einigen Jahren: »Die Predigt zerreißt das Kleid der Liturgie. Auch wenn man es nicht so scharf ausdrücken möchte: Die Predigt steht in der katholischen Messe immer in der zweiten Reihe. Sie dient dazu, den Zugang zu dem Geheimnis zu bahnen bzw. die ethisch-moralischen Konsequenzen des Geheimnisses zu erläutern und einzuschärfen. Sie ist der Weg zum oder vom Mysterium. Aber die Predigt selbst ist nicht Mysterium. Christus selbst spricht im Geschehen am Altar und in den Lesungen, nicht aber in der Predigt. Denn zu einer derartigen Aussage konnte sich auch das 2. Vatikanum nicht durchringen. Nach »Sacrosanctum Concilium« von 1963 sind Liturgie und Predigt weiterhin deutlich zu unterscheiden.

Viertens ist der katholische Priester damit Geheimnisträger. Er ist nicht vor allem Prediger. Er ist Gleichnis des Mysteriums, Gleichnis der Menschwerdung des Göttlichen und der Transformation des Menschlichen. In einer eher missverständlichen Formulierung heißt es in den katholischen Dokumenten, der Priester handele »in persona Christi«. Das kann hierarchisch und autoritär aufgefasst werden, als ob der Priester mit einer Gloriole versehen werden solle, die man psychologisch kaum (er)tragen kann. Das hätte in der Tat etwas Neurotisierendes für den Amtsträger wie für die Gemeinde. Und doch: Richtig an dieser Sicht ist – auch aus protestantischer Sicht –, dass der Pfarrer kein Volksredner, Conférencier oder Alleinunterhalter ist, sondern der Sachwalter und das lebendige Zeichen des die Welt durchdringenden Geheimnisses Jesu.

Protestantisch wird man diese Charakterisierung auch auf die Predigt ausdehnen. Der Prediger steht und steht ein für dieses Geheimnis: Die Lebensgeschichte Jesu, meine Lebensgeschichte und die Geschichte Gottes sind – wenn auch in verborgener Weise – miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist die Aufgabe der am Gottesdienst Beteiligten, also auch des Predigers.

Mit dem Einstehen für das Geheimnis befindet sich der Prediger nicht über oder neben der Gemeinde. Im Gegenteil verhält er sich nur so, wie es nach Paulus allen Christen aufgegeben ist: »Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.« (1 Korinther 4,1)

Michael Meyer-Blanck

Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Bonn.

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Das inszenierte Geheimnis”
  1. Alexios Garotman sagt:

    … großartiger Artikel! Den Charakter des Mysteriums auf das Sprach-Hör-Geschehen auszudehnen. Wünsche mir mehr solcher Artikel auf G&H.

  2. Peter Uhrmacher sagt:

    Heißt das nicht auch, dass die Mysterien in gewisser Weise TABU sind? Man muss das Heilige nicht überall und zu jeder Zeit vor jeder Ansammlung unverständig bleiben wollender Menschen auf die Straße ausschütten … Arkandisziplin!
    TABU ist der falsche Ausdruck, – ich weiß!