Von einem, der den Atomkrieg verhinderte

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Welt am Abgrund: Vor 33 Jahren verhinderte ein sowjetischer Offizier mit gesundem Menschenverstand einen »Atomkrieg aus Versehen«.

Am 26. September 2016 jährt sich zum dritten Mal der von der UN-Versammlung ausgerufene Internationale Tag für die vollständige Abschaffung von Atomwaffen. Warum am 26. September?

Wir müssen 33 Jahre zurückgehen, ins gefährlichste Jahr des Kalten Krieges. Viele Menschen, auch in Deutschland – hüben und drüben – peinigt die Furcht, dass der sogenannte Ost-West-Konflikt aus der Zone der politischen Machtauseinandersetzung heraustreten und zu einem militärischen Konflikt eskalieren würde: Ein Krieg, in dem der Einsatz von atomaren Waffen auch auf deutschem Boden nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar und unabwendbar werden würde.

Das Frühwarnsystem im »Dorf« Serpuchow 15

In dieser Situation spielt sich am 26. September ein Vorgang ab, der ohne Beispiel ist: Der Hauptakteur heißt Stanislaw Petrow. Er ist Jahrgang 1939. Tatort ist Serpuchow 15, ein »Dorf« in der Nähe Moskaus. Dort ist das sowjetische Raketen-Frühwarnsystem untergebracht: in Bunkern auf einem riesigen Gelände von 70 km Durchmesser. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe in der Raketen- und Flugabwehr. Seine Aufgabe: mit seinen Untergebenen die Überwachung des sowjetischen Luftraums per Satellit und Computer zu leiten.

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Stanislaw Petrow: Der ehemalige Ingenieur im Dienst der Sowjet- armee sitzt im Februar 2013 in einem Hotel in Dresden. In jenem Jahr wurde er mit dem Dresden-Preis geehrt. Foto: picture alliance/ZB/Oliver Killig

Zu seinen Pflichten gehört es, möglichst früh und absolut fehlerfrei einen jederzeit denkbaren Raketenangriff des Westens gegen den Osten festzustellen. Die Nachricht davon muss dann unverzüglich weitergeleitet werden an die argwöhnische politische Führung mit dem Nachfolger Breschnews, Juri Andropow, an der Spitze. Dieser hätte dann den Abschuss der sowjetischen Raketen zu befehlen. Der ganze Ablauf muss innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Minuten geschehen. So lange dauert der Raketenflug aus den USA nach Moskau.

Von dem, was am 26. September 1983 passiert, berichtet Petrow so: »Der Alarm ging gegen 0.15 Uhr los, vollkommen unerwartet. Wir hatten das oft geprobt, aber nun war es ernst. Die ganze Festbeleuchtung ging an, die Sirenen heulten, und auf den Bildschirmen blinkte in großen, roten, kyrillischen Buchstaben ›Raketenstart‹ mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Es war ein Schock, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich war der Diensthabende, der Älteste und vom Dienstgrad her Ranghöchste, die anderen waren jüngere Offiziere, die dafür zuständig waren, die Raketen scharf zu machen. Sie waren ganz durcheinander geraten und blickten mich an. Alle warteten auf meine Entscheidung.«

Petrow ist zunächst selber ebenso vor Entsetzen erstarrt wie seine Untergebenen. Es gelingt ihm aber, sich zu fassen und seinen Verstand auszurichten: Ein amerikanischer Atomangriff auf die SU würde nicht mit einer einzelnen Rakete beginnen, sondern mit einer Unmenge. Er telefoniert mit dem Generalstab. Noch während dieses Gesprächs »meldete der Computer einen zweiten Raketenstart und dann einen dritten, vierten und fünften«.

Zweifel – und eine intuitive Entscheidung

Dem diensthabenden Offizier bleiben in einem solchen Fall nur wenige Minuten, um die Flugkörper zweifelsfrei zu identifizieren. Danach muss unbedingt Andropow informiert werden. Wenn dieser sich zum Abwehrschlag entschließt, sind sieben Minuten später ein ganzes Rudel sowjetischer Interkontinental-Raketen des Typs SS-18 unterwegs in Richtung Washington, New York und diverser US-Militärbasen in Europa – insbesondere auch in Westdeutschland. Alles wird in Gang gesetzt nach der geltenden Doktrin von der »gesicherten gegenseitigen Zerstörung«.

Aber Oberstleutnant Petrow riskiert Kopf und Kragen und verweigert den Befehl zur Information Andropows. Warum? Eine sachlich überlegte Entscheidung im Kopf war für Petrow undenkbar. »Man kann die Vorgänge unmöglich in ein paar Minuten gründlich analysieren«, erklärt er den Vorfall zwanzig Jahre später. »Man kann sich nur auf seine Intuition verlassen.« Also entscheidet Petrow intuitiv und geht noch einmal von einem Irrtum aus. Er riskiert alles. Einerseits spielt er mit seinem Leben und einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung, andererseits wäre ein nuklearer Schlagabtausch, ein »Atomkrieg aus Versehen«, mit dramatischen Konsequenzen die Folge. Und Petrows Intuition wird bestätigt – Fehlalarm.

Was hat den Fehlalarm ausgelöst? Die späteren Untersuchungen ergeben: Der sowjetische Weltraumsatellit Kosmos 1382 hat Reflexionen von Sonnenstrahlen in der Gegend der amerikanischen Malmstrom-Raketenbasis in Montana für den Schweif einer startenden Rakete gehalten.

Statt eines Dankes aufs Abstellgleis geschoben

Welche Folgen hatte der Fehlalarm für Stanislaw Petrow? Seine Tat – oder besser: seine Nicht-Tat – bleibt zu Zeiten des sowjetischen Sozialismus unbekannt. Für ihn und die Zeugen wird ein strenges Schweigegebot erlassen. Erst 1991 berichtet die Prawda davon.

Nach jenem Ereignis wird Petrow dafür weder gewürdigt noch bestraft. Aber seit seinem eigenmächtigen Handeln gilt er nicht mehr als ein zuverlässiger Offizier. Seine bis dahin ungebrochen verlaufene Karriere endet, indem er auf einen bedeutungslosen Posten versetzt wird. Eine kleine Ehrung bekommt er 1984 wegen seiner »Verdienste um den Aufbau der Raketenstation Serpuchow 15«, nicht für das, wofür er am 26. September 1983 die Verantwortung übernahm.

Auch vereinzelte, weithin unbeachtet gebliebene Ehrungen – zum Beispiel der Dresden-Preis 2013 – konnten nicht mehr verhindern, dass er zu einem gebrochenen Mann wurde, der heute alkoholkrank, psychisch versehrt und physisch krank in der Nähe von Moskau lebt. Ein Arte-Film zeigt ihn als einen manisch-depressiven Patienten, ständig zwischen Depression und krankhaftem Hochgefühl, zwischen Nüchternheit und Betrunkenheit.

An jenem 26. September 1983 musste Stanislaw Petrow seinen Dienst unvorhergesehenerweise in Vertretung eines erkrankten Kollegen wahrnehmen. Hätte dieser kein Fieber gehabt, hätte anstelle Petrows ein anderer die Wache schieben müssen. Zufall? Fügung?

Zufall oder Gottes Fügung?

Eine Arbeitsgruppe des sowjetischen Militärs macht sich im Winter 1983/84 daran, nach den Ursachen jenes Fehlalarms vom 26. September zu suchen. Petrow muss immer wieder auf dieselben Fragen antworten. Insbesondere der Leiter dieser Arbeitsgruppe reizt den Offizier so sehr, dass er nur noch ein: »Das hing vom lieben Gott ab«, hervorbringen kann, womit er den Vorgesetzten noch mehr in Rage bringt.

Petrow erinnert sich: »Nun wurde der wütend wie ein Stier, begann mit den Füßen zu trampeln und sagte: ›Was soll das denn heißen? Das hing vom lieben Gott ab?‹ Wir waren ja ein atheistisches Land. Aber ich entgegnete ihm: ›Andere Informationen habe ich nicht.‹«

Von Malte Heine und Rolf Wischnath

Malte Heine ist Theologiestudent und Rolf Wischnath Honorarprofessor für Dogmatik an der Universität Paderborn.

Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Der lange Schatten der Trauer

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In ihrem Buch beschreibt Ilona Krömer, wie sie nach der Selbsttötung ihrer Eltern innerlich heil wird

Schattenjahre« nennt Ilona Krömer ihr Buch, in dem sie ihr Leid über die Selbsttötung ihrer Eltern beschreibt. Ihre Mutter hatte sich am
14. Januar 1991, ihr Vater fünf Tage später, am 19. Januar, das Leben genommen. Diese Erfahrungen überschatten viele Jahre, Jahrzehnte von Ilona Krömers Leben und dem ihrer Familie. Während sie in dem Buch ihre Erinnerungen, ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihren Schmerz buchstabiert, verarbeitet sie, wie sie selbst sagt, ihre Geschichte, und findet Trost. Sie widmet das Buch ihren beiden Töchtern. Sie wolle ihnen erklären, warum sie so oft traurig war und geweint habe.

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer. Foto: Sabine Kuschel

Ilona Krömer, geboren 1958 in Zeitz, erinnert sich an eine schöne Kindheit. Sie wuchs als Einzelkind in einem behüteten Elternhaus auf. Ihre Eltern waren selbstständig. Sie hatten den Familienbetrieb – eine Buchbinder-Werkstatt – väterlicherseits übernommen und gemeinsam weitergeführt. Es ging ihnen finanziell gut. Die Tochter wird Krankenschwester. Wegen einer Hautunverträglichkeit von Desinfektionsmitteln kann sie jedoch den Beruf nicht ausüben. Sie erlernt das Buchbinderhandwerk. 1983 heiratet sie und gründet zusammen mit ihrem Mann Ulrich, der ebenfalls Buchbindermeister ist, in Zeitz eine kleine Buchbinderwerkstatt. 1986 und 1988 werden die Töchter Almut und Luise geboren.

»Es lief alles gut, bis die Wende kam«, schreibt die Autorin. Wann sich der Stimmungswandel ihrer Mutter bemerkbar machte, kann sie nicht genau sagen. Irgendwann wirkte sie trauriger. In ihrem Abschiedsbrief formuliert ihre Mutter: »Die Marktwirtschaft ist grausam und wir kommen ohne Arbeit nicht damit zurecht. Wir … wollen gehen, ehe unser letztes Geld alle ist.« Aus diesen Worten liest die Tochter, dass ihre Mutter unter Zukunftsangst und Verarmungswahn litt. Aber: Die in dem Brief angedeutete Geldnot bestand nicht, sagt Ilona Krömer. Dass ihr Vater sich kurze Zeit später ebenfalls selbst tötete, erklärt sich die Tochter mit der Liebe zu seiner Frau. Sein Abschiedsbrief »spiegelt mir all seine Not wider, die ich ja auch gespürt habe«, so die Autorin in ihrem Buch.

Schmerz und Trauer darüber, dass beide Elternteile Suizid begangen haben, sind groß. Schuldgefühle quälen die Tochter. Hätte sie nach dem Tod der Mutter nicht besser auf den Vater aufpassen und ihn an diesem Schritt hindern können? Sie kann ihren Eltern nicht verzeihen, dass sie ihr das angetan, sie allein gelassen haben.

Mit ihrem Buch möchte sie für das Thema Suizid in der Öffentlichkeit sensibilisieren. Sie habe nach der Selbsttötung ihrer Eltern selbst oft Isolation und Ausgrenzung erfahren.

In der schweren Trauerarbeit gibt ihr die Familie Trost und Halt. Ebenso die Kirchengemeinde und die Gemeinschaft in Taizé. »Taizé hat unser Leben geprägt und so ist es gekommen, dass wir fast jedes Jahr für eine Woche dorthin fuhren.« Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Stille und die Gesänge tun ihr gut. Und nun ist ihr Buch fertig. Das Schreiben habe sie als einen heilsamen Prozess erlebt. Nachdem sie die Abschiedsbriefe ihrer Eltern zu Papier gebracht hatte, spürt sie »eine sehr große Liebe«. Ihr wird bewusst, dass es neben den belastenden Erfahrungen viel Glück in ihrem Leben gibt – »dass meine Familie gesund ist, dass ich so einen wunderbaren Mann …, zwei so bezaubernde Töchter habe.« Sie zählt auf, was sie alles glücklich macht. Am Ende dieser Liste steht: »dass ich meinen Eltern verzeihen konnte.«

Ihren Beruf als Buchbinderin hat sie aufgegeben. Seit dem Jahr 2000 findet sie Erfüllung als Altenpflegerin im St. Marienstift, einem katholischen Altenpflegeheim in Zeitz.

Sabine Kuschel

Krömer, Ilona: Schattenjahre. Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, Brunnen Verlag, 144 S., ISBN 978-3-7655-4294-7, 9,99 Euro

Der Raub der Heiligen

21. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kastagnetten und Kirchenglocken: Im Herzen Spaniens ist ein Heiligenfest Ende September besonders spektakulär.

Die Männer mit den zwei Heiligen auf den Schultern machen Tempo. Irgendwo in den Gassen nämlich lauern Diebe, trachten Nachbarn nach den Zwillingsbrüdern auf ihrer von Nelken geschmückten Trage. Kosmas und Damian wollen sie an den Kragen, den Bärtigen mit dem Heiligenschein. Jährlich am 27. September sind sie in Arnedo auf Tour, der kleinen Schuhstadt in La Rioja, Spaniens wichtigster Weinbauprovinz.

Wie immer zum Fest der beiden stehen die Bürger ihren Stadtpatronen Spalier und warten auf die Burschen aus der Nachbarschaft, die ihnen die Heiligen rauben wollen. »Robo de los Santos« heißt der Brauch, einer der ausgefallensten Spaniens. Es ist der religiöse Auftakt zu einem weltlichen Spektakel, zu einer Woche mit Jubel, Trubel und Heiterkeit, zu einer typischen Fiesta eben.

Punkt elf verlassen Kosmas und Damian ihr Domizil, die alte Pfarrkirche hoch über dem Städtchen. Kastagnetten und Glockenklang begleiten ihren Auszug. Im Feststaat sind viele Bürger gekommen, einige gar in Tracht. Richtung Rathaus geht es weiter, durch alte Gassen ins Zentrum Arnedos. Plötzlich aber geraten die Heiligen in Bedrängnis, attackiert ein gutes Dutzend meist junger Burschen die Männer mit der Trage. Doch schnell reagieren die Einheimischen, drängen die Heiligenräuber unsanft ab. »Autrono« rufen sie den Bösewichtern hinterher, den Fremden aus der Nachbarprovinz Navarra, die Kosmas und Damian für sich beanspruchen.

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Schützend versammeln sich die Bewohner aus Arnedo in der spanischen Provinz La Rioja beim »Robo de los Santos« um ihre beiden Heiligen Kosmas und Damian. Foto: Günter Schenk

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert geht das so, reklamieren die Menschen in Navarra die beiden Heiligen für sich. Denn früher, so erzählt eine Legende, seien Kosmas und Damian in Andosilla zuhause gewesen, wo sie die Bürger Arnedos irgendwann gestohlen hätten. Historisch gibt es dafür keine Belege. Aber bis heute kommen die Navarros Jahr für Jahr noch immer gern nach Arnedo, um lautstark und öffentlich die Rückgabe der Heiligen zu fordern. Schon früh morgens singen sie den beiden ihre Loblieder.

Das Volk Arnedos ist dann meist müde auf dem Heimweg, kehrt zurück von den vielen Festen, mit denen es am Vortag, dem Namenstag der beiden Heiligen, gefeiert hat. Heiße Schokolade und Fettgebackenes warten jetzt auf die Spätheimkehrer, ein Muntermacher nach durchzechter Nacht.

Immer wieder reklamiert das halbe Hundert Burschen aus Navarra die Heiligen für sich. In Liedern und Gedichten tragen sie den Bürgern Arnedos ihre Argumente vor, wie immer witzig und wortreich. Doch die geben Kosmas und Damian nicht frei. »Autrono!«, machen sie die Schönredner nieder, die wenig später die letzte Attacke starten. Es ist der dritte und letzte Raubversuch, mehr sind im Drehbuch des Brauches nicht vorgesehen.

Gegen Mittag kehren Kosmas und Damian stets in die Kirche zurück. Das ist das Startsignal für acht lange Feiertage; für eine spanische Festwoche, die jeden Morgen mit dem Lauf der Stiere startet. Dem traditionellen Encierro, bei dem die Wagemutigsten aus Arnedo kräftigen Bullen vorausrennen, in einem Holzgatter bis zur Arena quer durch die Neustadt.

Mittags brutzeln Fisch und Fleisch in riesigen Pfannen und Töpfen, servieren die sogenannten Penas das Beste aus Küche und Keller. Es sind Gesellschaften, die das Heiligenfest organisieren. Für die Jüngsten gibt es Marionettenspiel, für die Älteren Volkstheater und Stierkampf. Bis tief in die Nacht spielen dann die Orchester, tanzt und singt man auf den Straßen.

Der Raub der Heiligen ist dann längst vergessen. Das kleine Spektakel zum Festbeginn, das Arnedos Kirchweih zum großen Fest hat werden lassen.

Günter Schenk

Die Bärtigen mit dem Heiligenschein

Kosmas und Damian waren der Überlieferung nach Zwillingsbrüder im heutigen Syrien. Als Ärzte hätten sie die Menschen kostenlos behandelt und so zum Christentum bekehrt. Im Gefolge der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian seien sie gefoltert und schließlich enthauptet worden. Auch wenn sichere historische Nachrichten über ihr Wirken fehlen, gilt der bereits um das Jahr 500 belegte Kult um die beiden Heiligen als Beleg für den historischen Kern der vielen über sie verbreiteten Legenden.

Viele Kirchen wurden in ihrem Namen erbaut. Im Mittelalter fanden die Mediziner vor allem in den immer wieder von Epidemien bedrohten Großstädten Verehrung. Um 850 brachte ein Hildesheimer Bischof einen Teil ihrer Reliquien nach Deutschland. Heute finden sich Teile ihre Gebeine auch in Essen und München. Ammen, Ärzten, Apothekern, Drogisten, Friseuren, Krämern und Zuckerbäckern gelten sie als Schutzpatron. Der Gedenktag der beiden Heiligen ist in der römisch-katholischen Kirche der 26. September.


Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Schlüsselerlebnis im Stadtwald

12. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: In einer Lebenskrise fand Jana Huster aus Gera zum Glauben

Alles war perfekt. Die Ehe, die gemeinsame Tochter, das Haus mit eigenem Spezialitätengeschäft, zwei veröffentlichte Bücher mit Kurzgeschichten. Jana Huster war die Strahlefrau von Gera: Muntere Augen, ein Lächeln im Gesicht und einen flotten Spruch auf den Lippen. Auf Linken-Parteitagen verkaufte sie mit einer gehörigen Portion Ironie schon mal selbstgemachte rote Socken.

»Dass ausgerechnet mir so etwas passiert, hätte wohl keiner gedacht«, sagt sie und meint einen Zusammenbruch im vergangenen Sommer. Die Welt, wie Jana Huster sie kannte, geriet aus den Fugen. Die Ehe kriselte, Nackenschmerzen, Wirbelblockaden und Panikattacken quälten die junge Frau. Den Laden in der Altstadt sperrte sie zwei Monate lang zu. Nichts ging mehr.
Jana Huster ist in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, später tritt die gelernte Rechtsfachwirtin in die Partei »Die Linke« ein. Das Christentum hat sie nie an sich herangelassen, aber es ist ausgerechnet der Glaube, aus dem sie in der Krise Kraft schöpft. Zunächst helfen Mediziner. Physiotherapie, Osteopathie – sie fühlt sich wohl in den Händen dieser Helferinnen, und es stellt sich heraus, dass einige von ihnen Christen sind. Die Gespräche während der Behandlungen werden bald wichtiger als die Behandlung selbst.

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Gemeindepfarrer, hat sich in Gera einen Namen mit Literatur- und Kunstgottesdiensten gemacht. Dadurch kennen sich die beiden, in diesen Gottesdiensten fühlt sich Jana Huster wohl, die »tollen Geschichten, die spannenden Predigten« fesseln die freiberufliche Autorin. Als Pfarrer Hiddemann den verschlossenen Laden bemerkt, sie anruft, sie zum Spaziergang einlädt, findet sie das beängstigend: »Als Seelsorger will er bestimmt tausend Sachen wissen.« Will er nicht. Zwei Stunden spazieren sie durch den Zaufensgraben. Es tut ihr so gut, dieses gemeinsame Schweigen, dass sie sich regelmäßig mit dem Geistlichen verabredet. »Mein Schlüsselerlebnis hatte ich im Stadtwald. Wir stromerten durchs Gehölz, abseits der Wege, und meine Frage, wohin wir gehen, hat er kaum beantwortet: Ist doch egal, wo wir rauskommen. Ich habe über diese innere Ruhe, diese Angstlosigkeit so gestaunt«, erinnert sie sich.

Gelassenheit dem Kommenden gegenüber ist Jana Huster nicht erst bei Pfarrer Hiddemann aufgefallen. Es ist eine Geisteshaltung, die sie bei vielen christlichen Freunden und Bekannten entdeckt hat. »Wenn irgendetwas nicht klappte, sind diese Menschen, anders als ich, nicht in ein riesiges Loch gefallen«, sagt sie.

Im Winter beschließt sie, sich taufen zu lassen. Sie stürzt sich auf die Bibel, sie liest und hinterfragt. Sie hadert mit »der Sache mit dem ewigen Leben« und sie findet, Gottesdienste sind in ihrem Ablauf zunächst schwer zu verstehen. Zu Himmelfahrt 2016 wird Jana Huster getauft; die Fürbitte hält mit Knut Meenzen ein junger Christ – und Genosse. Auch Jana Huster ist nach wie vor Mitglied bei der Linken. Sie sieht darin keinen Widerspruch. »Gerechtigkeit, Solidarität – da sind viele Gemeinsamkeiten«, meint sie. Ihrer Tochter, die Angst hat, dass die Mama anders wird, sagt sie: »Ich lebe jetzt ein Leben mit Gott. Ich werde ein anderer Mensch sein, aber nicht schlimmer.« Dabei hat sie sich eigentlich nicht verändert: Sie ist fröhlich, im Laden lacht und tröstet sie, sie betrachtet mit wachen Augen und ihrem unverwechselbaren Humor die Welt. Ihre ersten Gedanken zu christlichen Ritualen oder biblischen Geschichten verarbeitet sie derzeit augenzwinkernd in einem Buch.

Und doch ist etwas anders. Der Glaube, sagt sie, gebe ihr Geborgenheit und Ruhe. »Ich hatte Tausend Ängste und die sind jetzt weg.« Das ist das größte Geschenk.«

Katja Schmidtke

Flagge zeigen für das Miteinander

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnerungsort: »Topf & Söhne« symbolisch mit ACHAVA-Fahne markiert

Menschen zusammenführen und einladen zum Lernen und zur Begegnung, das ist das Ziel von »ACHAVA«, dem jüdischen Impuls für interreligiösen Dialog. Die Festspiele für Toleranz und Dialog fanden 2015 erstmals in Thüringen statt. In diesem Jahr hat das Festival zwei neue Veranstaltungsorte und -partner gefunden: den Thüringer Landtag und den Erinnerungsort »Topf & Söhne«.

Hissen der Flagge:  Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort  Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Hissen der Flagge: Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf & Söhne« wurde ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA aufgehängt. (v. li.): Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, Christian Carius, Thüringer Landtagspräsident, Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne«, der Kulturdirektor der Landeshauptstadt Erfurt, Tobias J. Knoblich, Sophie Eckenstaler, Kuratorin der Ausstellung »Un-er-setz-bar« vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Foto: Diana Steinbauer

Vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma »Topf und Söhne«, die Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern zahlreicher Konzentrationslager baute, wurde deshalb am Tag vor der Eröffnung des Festivals ein acht Meter großes Banner mit dem Logo von ACHAVA gehisst.

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes »Topf & Söhne« betonte die Bedeutung eines solchen Zeichens: »Es ist sehr wichtig, dass an einem solchen Ort wie diesem, an dem Techniker gedacht und produziert und dabei die Folgen ihres Tuns für die Menschen ignoriert haben, dass gerade hier nicht nur der Taten erinnert, sondern auch ein Zeichen für Toleranz und Verständigung gesetzt wird.«

Mit dem Banner wolle man nicht nur auf ACHAVA und die zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen bis zum
11. September in Erfurt aufmerksam machen. »Wir wollen auch zeigen, dass dieser Ort ein offenes Haus und nicht auf die Vergangenheit ausgerichtet ist. Hier bewegt sich etwas«, so die Kuratorin.

Der Kulturdirektor der Stadt Erfurt, Tobias Knoblich, erklärte, die Stadt wolle nicht nur Veranstaltungsort, sondern intensiver Partner des Festivals sein. Knoblich betonte die besonderen Herausforderungen, die die Globalisierung an die Gesellschaft stelle. »Es gibt viele Widerstände und Grenzen. Wir müssen uns aufmachen, Unbekanntes kennenzulernen und Differenzen akzeptieren zu können«, so Knoblich.

Martin Kranz, Intendant der ACHAVA Festspiele, freut sich über die Zusammenarbeit mit dem Landtag und dem Erinnerungsort. Er hofft, dass das Festival auch in diesem Jahr wieder viele Menschen anziehen und begeistern wird. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Meditation und vieles mehr wird dem Publikum in diesen Tagen in Erfurt geboten.

Kranz hofft, dass bis zu 10 000 Besucher zum Festival kommen werden. »Wir machen den Erfolg von ACHAVA jedoch nicht an einer Zahl fest«, so Kranz. »Für uns zählt die Qualität der Beiträge und jeder Einzelne, den wir erreichen.«

Diana Steinbauer

Popmusik fürs Kirchenvolk

11. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Oh happy day«: Am Wochenende treffen sich Gospelchöre aus ganz Deutschland in Braunschweig zum 8. Internationalen Gospelkirchentag, initiiert von der Creativen Kirche in Witten. Die »Singende Gemeinde« aus dem Ruhrgebiet hat auch für das Reformationsjahr 2017 Großes geplant.

Stellen Sie sich das mal vor«, jubelt Christian Gerhardus geradezu am Telefon, »für das Luther-Pop-Oratorium Ende Oktober 2017 in Berlin haben sich schon 1 200 Sänger angemeldet, obwohl die Werbung dafür noch gar nicht gestartet ist.« Gerhardus gehört zur Stiftung Creative Kirche in Witten, die »das Projekt der tausend Stimmen« organisiert. Berlin soll der krönende Abschluss werden. Acht Städte, zehn Aufführungen in den größten Hallen und eine vor der Schlosskirche in Wittenberg sind für das kommende Jahr geplant.

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Musik der guten Nachricht: Das Evangelium steht im Mittelpunkt von Gospel. Wer einmal ein Gospelkonzert oder einen Gospel- gottesdienst miterlebt hat, weiß, wie expressiv und mit welchem Enthusiasmus Hoffnung und Dankbarkeit ausgedrückt werden. So auch bei diesen jungen Frauen beim Gospelkirchentag vor vier Jahren. Foto: Stiftung Creative Kirche

Bei der Creativen Kirche hat man Erfahrung mit musikalischen Großereignissen. Seit über 20 Jahren exportieren die »Creas« die Vision der »singenden Gemeinde«. Musikprojekte, Kinderbibelmusicals, Workshops, Chortage, Gottesdienste in neuer Form, die mit Popmusik Kinder, Jugendliche und Erwachsene berühren sollen. Was 1993 mit einer Idee der Diakone Ralf Rathmann und Martin Bartelworth begann, ist heute ein kleines Musikunternehmen im Ruhrgebiet, zu dem 22 Angestellte und viele Ehrenamtliche gehören.

Seit 2002 veranstaltet die Creative Kirche regelmäßig alle zwei Jahre den Gospelkirchentag an wechselnden Orten. Der 8. Internationale Gospelkirchentag ist diesmal in Braunschweig zu Gast. »Wir wollten einen Begegnungsraum und ein Forum für die vielen Gospelchöre schaffen«, erklärt Martin Bartelworth, der heute zusammen mit Ralf Rathmann Vorstand der Stiftung Creative Kirche ist.

Dass die Gospelchöre Unterstützung brauchen, wurde spätestens nach einer Befragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD deutlich: 40 Prozent der Chorleiter gaben an, ohne Ausbildung, also Autodidakten zu sein. »Das war die Geburtsstunde der Evangelischen Popakademie«, so Bartelworth.

Im Herbst beginnt in Witten ein Studiengang, der speziell populär-musikalisch geprägt ist. »Wir wollen Glaube und Kirche attraktiv machen mit der Lebenskultur, mit der wir groß geworden sind. Das ist für uns die Popularmusik«, beschreibt er die Intention. Deshalb soll jetzt in Qualifizierung und Bildung investiert werden. Die Popakademie versteht er dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur klassischen Kirchenmusik.

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Fotos: Stiftung Creative Kirche

Ein »blühendes Kreuz« als Symbol für die Auferstehung (re.) schmückte die Bühne. Foto: Stiftung Creative Kirche

Vor sechs Jahren startete mit dem Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« von Dieter Falk und Michael Kunze ein weiteres Projekt. In Zeiten, in denen Kirchenchöre Nachwuchssorgen plagen, gelang es, allein für die Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle 2 500 ehrenamtliche Sänger zu gewinnen. Die Mischung aus Musical und Gospelkonzert kam an. Das soll im kommenden Jahr mit »Luther« noch getoppt werden.

Dass Projektchöre entstehen und wieder in der Versenkung verschwinden, findet Bartelworth nicht schlimm. »Jeder kann mitmachen und etwas Einmaliges erleben. Komm wie du bist, du bist willkommen, sagt Jesus«, und so laute auch das Credo der Creativen Kirche. Das sei zutiefst lutherisch, meint Bartelworth. Luther komponierte damals keine Klassik, sondern »Volks-Pop«. Der Diakon unterstreicht: »Es ging und geht um die frohe Botschaft des Evangeliums und um ihren auch musikalischen Sitz im Leben.«

Da gehörten die Choräle der alten Meister in neuen Arrangements genauso dazu wie Gospels, Worship und andere Stile.

Mit bis zu 5 000 Beteiligten zählt der Gospelkirchentag zu den größten Sängerfesten im Lande. Aber die Masse sei nicht entscheidend, meint Bartelworth. Es gehe vielmehr darum, dass Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern – nach dem Motto, mit dem Besucher in den Räumen der Creativen Kirche in Witten empfangen werden: »Glauben singen. Glauben leben«. Kirche so zu gestalten, dass man guten Gewissens auch andere dazu einladen kann, sei das Ziel – im Kleinen wie im Großen.

Willi Wild

www.gospelkirchentag.de


www.creative-kirche.de


www.luther-oratorium.de


www.gospel.de

Das inszenierte Geheimnis

6. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von den Geschwistern aus der Ökumene lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Den Abschluss bildet der katholische Gottesdienst.

In der letzten Generation ist der protestantische Gottesdienst katholischer und der katholische Gottesdienst protestantischer geworden. Das ist im Wesentlichen eine positive Entwicklung. Darüber hinaus folgen beide großen Kirchen schon immer demselben liturgischen Grundschema. Dennoch ist es reizvoll, beide Gottesdienstformen typologisch gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann eine liebevolle Karikatur der genaueren Wahrnehmung helfen. In den folgenden vier kurzen Thesen setze ich voraus, dass meine Beschreibungen dem Idealtypus des katholischen Gottesdienstes entsprechen, aber nicht jeder tatsächlich abgehaltenen Messfeier; und ich setze voraus, dass diese Prinzipien den Wahrheitsgehalt des evangelischen Gottesdienstes erschließen können. Einfacher gesagt: Ein bisschen mehr Geheimnis wäre auch für uns Evangelische nicht schlecht. Aber zunächst zum Katholischen. Erstens: Der Katholik glaubt vor allem mit den Augen. Das Messgewand des Priesters, die Kleidung der Ministranten, der Einzug und die Handlungen am Altar folgen einer tief verwurzelten Ordnung, die weder erklärt werden kann noch muss. Die erhobene Hostie und die sorgfältige, umständliche Reinigung des Kelchs nach der Eucharistie zeigen, dass hier das Unerklärliche und Überintellektuelle geschieht. Das Sterben und Auferstehen und das Sich-Schenken des Gottessohnes an diejenigen, die daran schauend teilhaben, wird Wirklichkeit: »Kommt und seht!« (Johannes 1,39).

Die katholische Messe transportiert damit zweitens keine Gedanken oder Informationen. Sie ist in ihrem Kern nichts anderes als das rituell vergegenwärtigte Geheimnis selbst. Es geht nicht um eine zu übermittelnde Botschaft, sondern um die Realität des Mysteriums. Ein Mysterium aber ist wie ein Rätsel nicht zu entschlüsseln, sondern zu feiern. Das Geheimnis der Erlösung, wie es im Gottesdienst erfahren werden kann, ist der Abstieg Gottes in die Welt (»Katabasis«), der Aufstieg des menschlichen Herzens zu Gott (»Anabasis«) und der Durchgang der Welt von der jetzigen Zweideutigkeit zur Vollendung (»Diabasis«). Um weniger geht es nicht in der Liturgie – also um alles.

Drittens: Für den Katholiken gehört die Predigt zwar zum Gottesdienst – aber sie gehört dennoch nicht so recht zur Liturgie. Die offiziellen Dokumente sprechen seit der Konzilskonstitution »Sacrosanctum Concilium« des 2. Vatikanums von 1963 zwar vom Zusammenhang von Predigt und Mahl, aber die Empfindung ist bisweilen eben doch eine andere. Ein konservativer Liturgietheoretiker, der katholische Schriftsteller Martin Mosebach, schrieb darum vor einigen Jahren: »Die Predigt zerreißt das Kleid der Liturgie. Auch wenn man es nicht so scharf ausdrücken möchte: Die Predigt steht in der katholischen Messe immer in der zweiten Reihe. Sie dient dazu, den Zugang zu dem Geheimnis zu bahnen bzw. die ethisch-moralischen Konsequenzen des Geheimnisses zu erläutern und einzuschärfen. Sie ist der Weg zum oder vom Mysterium. Aber die Predigt selbst ist nicht Mysterium. Christus selbst spricht im Geschehen am Altar und in den Lesungen, nicht aber in der Predigt. Denn zu einer derartigen Aussage konnte sich auch das 2. Vatikanum nicht durchringen. Nach »Sacrosanctum Concilium« von 1963 sind Liturgie und Predigt weiterhin deutlich zu unterscheiden.

Viertens ist der katholische Priester damit Geheimnisträger. Er ist nicht vor allem Prediger. Er ist Gleichnis des Mysteriums, Gleichnis der Menschwerdung des Göttlichen und der Transformation des Menschlichen. In einer eher missverständlichen Formulierung heißt es in den katholischen Dokumenten, der Priester handele »in persona Christi«. Das kann hierarchisch und autoritär aufgefasst werden, als ob der Priester mit einer Gloriole versehen werden solle, die man psychologisch kaum (er)tragen kann. Das hätte in der Tat etwas Neurotisierendes für den Amtsträger wie für die Gemeinde. Und doch: Richtig an dieser Sicht ist – auch aus protestantischer Sicht –, dass der Pfarrer kein Volksredner, Conférencier oder Alleinunterhalter ist, sondern der Sachwalter und das lebendige Zeichen des die Welt durchdringenden Geheimnisses Jesu.

Protestantisch wird man diese Charakterisierung auch auf die Predigt ausdehnen. Der Prediger steht und steht ein für dieses Geheimnis: Die Lebensgeschichte Jesu, meine Lebensgeschichte und die Geschichte Gottes sind – wenn auch in verborgener Weise – miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist die Aufgabe der am Gottesdienst Beteiligten, also auch des Predigers.

Mit dem Einstehen für das Geheimnis befindet sich der Prediger nicht über oder neben der Gemeinde. Im Gegenteil verhält er sich nur so, wie es nach Paulus allen Christen aufgegeben ist: »Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.« (1 Korinther 4,1)

Michael Meyer-Blanck

Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Bonn.

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung