Das Kreuz mit dem Kreuz

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die lutherische Kirche in Schweden erlebt derzeit eine in dieser Schärfe ungewöhnliche Auseinandersetzung: Kritiker werfen der Kirchenführung ein Verleugnen des Kreuzes und Unterwürfigkeit gegenüber dem Islam vor.

Begonnen hat der offene Streit mit einer Facebook- und Twitter-Initiative von drei schwedischen Pastorinnen Ende Juli: »Mein Kreuz« sollte ein Zeichen für verfolgte Christen im Nahen Osten setzen. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, ihr Kreuz offen zu tragen. Anlass war die Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel in Frankreich.

»Es beunruhigt mich, dass das Kreuz zu einem Distanz schaffenden Zeichen genutzt wird«, schrieb darauf der Pastor und Sprecher der Kirche mit dem Hauptsitz in Uppsala, Gunnar Sjöberg. Er nannte die Aktion auf seinem Internet-Blog sogar »unchristlich«.

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

»Die Schwedische Kirche benimmt sich gegenüber dem Islamismus unterwürfig«, reagierte in einem Leitartikel die sonst so liberale Zeitung »Göteborgs-Posten« auf Sjöbergs Aussagen. Die Kirche sei merkwürdig still bei Gewalttaten von Islamisten, verurteile jedoch stets scharf Gewalt vonseiten Israels, stellte die Zeitung fest.

Ann Heberlein, eine durch TV und Bücher populäre Theologin, wies in der Boulevardzeitung »Expressen« darauf hin, dass bis Juni bereits 13 000 Kirchenmitglieder ausgetreten sind – 10 000 mehr als sonst durchschnittlich. Vor allem träten Menschen in den Sechzigern aus, die in der Kirche keine geistliche Heimat mehr fänden. Die Erzbischöfin Antje Jackelén habe Diskussionen über ein neues Kirchenhandbuch, dessen politische Akzente Kirchenmitgliedern aufstießen, nicht ernst genommen und schweige zu der Ermordung des Priesters in der französischen Kirche und zu der Christenverfolgung im Nahen Osten. »Die Kirche will keine christliche Gemeinschaft mehr leiten«, glaubt Heberlein.

Dazu kommt: Bereits im Frühjahr gab es einige Skandale um Verschwendung von Kirchengeldern, die in den schwedischen Medien breit diskutiert wurden. Die Vorwürfe: Kirchenfunktionäre reisten zu Konferenzen um die Welt und ließen sich private Luxusreisen sponsern. So flogen etwa 99 Personen der Gemeinde Hudding für fünf Tage an den Strand nach Malta, um das »Wir-Gefühl« zu stärken.

»Wir bestellen mal das Teuerste« – diese Mentalität macht die ebenfalls populäre Pastorin Annika Borg in Teilen der Kirche aus. Die Kirche brauche eine neue Leitung und eine neue Reformation, so Borg. Jackelén, eine gebürtige Deutsche, hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht direkt geäußert. Auch Sjöberg ist derzeit nicht für einen Kommentar zu erreichen.

Die Chefredakteurin der Zeitschrift »Evangelium«, Sofia Lilly Jönsson, warnte davor, die Erzbischöfin persönlich für Verfehlungen wie die finanziellen Verschwendungen verantwortlich zu machen. Jackelén habe weit weniger Macht als es scheine, die Kirche habe eine »unerhört komplexe Struktur«.

Der Pastor und Künstler Kent Wisti kritisiert dagegen den Konservatismus, den er bei Heberlein zu entdecken meint und weist darauf hin, dass sich die Kirche, im Gegensatz zu Gott, fortlaufend verändere. Die Auseinandersetzung, so Wisti, sei die zwischen »Kreuzrittern und Pilgern«, zwischen »Angst voreinander und Verlangen nacheinander«.

Die aktuelle Debatte um das Kreuz ist indes nur ein weiterer Reibungspunkt auf dem Weg der Kirche in Schweden, der ihre Kritiker eine immer stärkere Verweltlichung und Politisierung vorwerfen. Johanna Andersson, die Pastorin und Initiatorin der Kreuz-Facebookseite, hat vor wenigen Tagen die Konsequenzen gezogen und ihren Austritt aus der Kirche angekündigt. Sie beklagt ein »Mobbing« der Kirchenleitung, die ihr vorwerfe, sie würde gegen Muslime hetzen und wünsche einen »Religionskrieg«.

Der Schwedischen Kirche gehören offiziell noch rund 64 Prozent der Bevölkerung des Landes an. Aber nur 45 Prozent der Schweden glauben laut einer Umfrage an Gott. Dennoch scheint die Frage nach Gott die Gesellschaft mehr umzutreiben als man denkt. Ein Indiz dafür sind unter anderem die philosophischen und theologischen Texte, die man in Schwedens Zeitungen und Zeitschriften weit häufiger lesen kann als etwa in Deutschland.

Jens Mattern

So fern und doch so nah

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Diesmal geht es um den islamischen Gottesdienst.

Was Gottesdienst im Islam bedeutet, ist nur mit einer gewissen Vorläufigkeit zu bestimmen. Manche Muslime sehen in jeder Handlung, die dem Willen Gottes entspricht, die wahre Form des Gottesdienstes. Dies entspricht der christlichen Vorstellung, die die Bewährung des Glaubens im Alltag ebenfalls als Gottesdienst bezeichnen kann.

In einer enger gefassten Definition wird im Islam als Gottesdienst bezeichnet, was als Ritual in erster Linie die Beziehung zu Gott betrifft. Diese Rituale werden als Ibadat bezeichnet und in einem eigenen Bereich der Scharia, d. h. der islamischen Normenlehre, verhandelt. Ibadat leitet sich von der arabischen Wurzel abd (dienen) ab. Bekannt ist die Wurzel als Bestandteil von Namen wie Abdullah – Diener Gottes. Zu den Ibadat zählen neben dem Gebet auch das Fasten, die Almosensteuer, die Pilgerfahrt und diverse Reinheitsvorschriften.

Dem christlichen Verständnis von Gottesdienst entspricht am ehesten das Ritual- oder Pflichtgebet (Salah bzw. Salat), neben dem jedoch noch weitere Gebetsformen praktiziert werden. Es wird fünfmal am Tag verrichtet. Die Zeiten orientieren sich am Stand der Sonne und variieren daher nach Jahreszeit und Ort. Traditionell wird durch den Gebetsruf (Adhan) zum Gebet aufgerufen. In Deutschland geschieht dies in der Regel nur innerhalb der Moschee. Bis auf das Freitagsgebet, das die muslimischen Männer in Gemeinschaft in der Moschee durchführen und in dem wie im christlichen Gottesdienst eine Predigt erfolgt, können die anderen Gebete auch alleine vollzogen werden.

Vor dem eigentlichen Gebet erfolgt eine doppelte Vorbereitung. Zum einen vollzieht der bzw. die Gläubige eine rituelle Reinigung (wudu) mit Wasser. Eine innerliche Ausrichtung auf das Gebet erfolgt durch die Absichtserklärung (fard). Im Hinblick auf das christliche Gebet könnte diese doppelte Vorbereitung Anlass geben, die Zeit vor Beginn des Gottesdienstes bewusster wahrzunehmen. Das bei vielen Gläubigen nicht mehr praktizierte Gebet zur Vorbereitung könnte in diesem Sinne wiederbelebt werden. In der katholischen Kirche hat sich hingegen der Brauch gehalten, sich beim Betreten der Kirche mit dem Weihwasser zu bekreuzigen: ein symbolischer Akt der Reinigung und eine Erinnerung an die Taufe. Beim gemeinsam vollzogenen Gebet stehen die Muslime in Reihen dicht beieinander. Symbolisch soll so ausgeschlossen werden, dass sich der Teufel zwischen die Betenden stellt und sie vom Gebet ablenkt. Zugleich ist diese Tradition eine vorbildliche Nivellierung aller sozialen und intellektuellen Unterschiede.

Das Ritualgebet selbst besteht aus mehreren sich wiederholenden Einheiten (rak’a). Mit dem Körper werden bestimmte Gebetshaltungen eingenommen, in der Regel das Stehen mit den hinter den Ohren erhobenen Händen, die Verbeugung und das Niederwerfen, bei dem die Stirn den Boden berührt. Die einzelnen Gebetshaltungen sind mit höchster Wahrscheinlichkeit aus vorislamischen Traditionen übernommen. Auch in manchen christlichen Konfessionen wurden und werden sie noch immer praktiziert. Für den evangelischen Gottesdienst können sie eine Anregung sein, neu darüber nachzudenken, wie mit Gesten und Gebetshaltungen das Gebet vertieft werden kann.

Den beschriebenen Gebetshaltungen sind Texte aus dem Koran sowie kurze Gebetsrufe zugeordnet. Zu den Texten aus dem Koran, die auswendig, aber zum Teil nur murmelnd gesprochen werden, gehört die erste Sure (Kapitel), »Al-Fatiha«, die Eröffnende – ein Gebet, das im Islam eine ähnliche Bedeutung hat wie das Vaterunser im christlichen Kontext. Dass Suren auswendig rezitiert werden, könnte ein Anstoß sein, im evangelischen Bereich dazu zu motivieren, verstärkt Lieder, Gebete und Bibeltexte auswendig zu lernen, um sie in Krisensituationen abrufen zu können.

Der bekannteste Gebetsruf innerhalb des Ritualgebets ist das Allahu akbar – Gott ist größer. Mit diesem Lob Gottes drücken muslimische Gläubige nicht nur aus, dass der eine Gott größer als alle Götzen ist, sondern sie erinnern sich auch daran, dass Gott alle Vorstellungen von ihm übersteigt. Dies deckt sich mit dem im jüdisch-christlichen Kontext überlieferten Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen.

Der muslimische Gottesdienst unterscheidet sich – wie wir gesehen haben – in vielem vom christlichen Gottesdienst. Dennoch kann die Betrachtung der Art und Weise, wie Muslime und Musliminnen beten, uns Christen anregen, alte Praktiken neu zu überdenken und neue Formen auszuprobieren.

Ralf Lange-Sonntag

Der Autor ist Referent für Fragen des christlich-islamischen Dialogs am Institut für Kirche und Gesellschaft in Villigst.

Miteinander reden statt übereinander

29. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava heißt Brüderlichkeit: Nach einem beachtlichen Start im vergangenen Jahr gehen die Achava-Festspiele, deren Medienpartner die Kirchenzeitung ist, in diesem Jahr vom 1. bis 11. September in Erfurt in die zweite Runde. Harald Krille sprach mit Martin Kranz, dem Intendanten des Festivals, über Ziele und Schwerpunkte des Programms.

Herr Kranz, Sie haben vor einem Jahr in einer an kulturellen Glanzlichtern nicht gerade armen Region mit »Achava« ein neues Festival ins Leben gerufen, wie kam es zu dieser Idee?
Kranz:
Ich war elf Jahre lang Leiter und Intendant der »Jüdischen Kulturtage« in Berlin, die in dieser Zeit das wirklich mit Abstand größte jüdische Festival in Deutschland wurden. Ich lebe aber weiter in Thüringen, in Weimar, und da hat mich schon lange die jüdische Geschichte Erfurts beeindruckt. Immerhin gab es in Erfurt im Mittelalter zumindest zeitweise die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Ich habe immer gedacht, da müsste man doch was machen.

2013 habe ich mich dann mit dem jüdischen Musikprofessor Jascha Nemtsov aus Weimar und dem Präsidenten der Musikhochschule, Professor Christoph Stölzl, zusammengesetzt. Gemeinsam erarbeiteten wir den Vorschlag, ein Festival zu etablieren, dass einen starken jüdischen Kern hat, aber künstlerisch, kulturell und religiös über den Tellerrand hinausschaut und zum Dialog von Kulturen und Religionen einlädt.

Und Sie stießen auf Begeisterung?
Kranz:
Am Anfang stießen wir auf viel Skepsis. Viele erkannten wohl zunächst auch das Potenzial eines solchen Festivals nicht. Aber dann rückte 2014 das Thema islamischer Terror und »IS« in den Blickpunkt, die Welt stand auf einmal in Flammen. Da habe ich dann gedacht, jetzt müssen wir es machen. Ich bin Anfang Dezember 2014, am Tag nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, zu Bodo Ramelow. Auch mit ihm hatte ich vorher schon gesprochen und an dem Tag sagte er spontan: »Wir machen es.«
Kultur-vor-Ort-33-2016Aber er hatte außer ein paar freien Lottomitteln kein Geld, das Land hatte für 2015 noch keinen Haushalt. Doch er hat die Schirmherrschaft übernommen, wir haben uns den Namen »Achava« ausgedacht, was auf hebräisch »Brüderlichkeit« bedeutet und die Zielrichtung des Festivals vorgibt. Und dann haben wir Sponsoren gesucht und letztlich auch gefunden, sodass es 2015 das erste Achava-Festival gab.

Wie war die Resonanz im vergangenen Jahr?
Kranz:
Wir hatten um die 6 000 Besucher. Das ist für ein völlig neues Festival schon nicht schlecht.

Religion wird von vielen heute als Privatsache gesehen, von etlichen sogar als Bedrohung empfunden. Bei Achava geht es dezidiert um die jüdische, christliche, muslimische und auch buddhistische Religion und Kultur.
Kranz:
Achava nimmt sich Religion und Kulturen zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie es mit uns und unserer Welt weitergeht. Dazu muss man immer einen Blick zurückwerfen und fragen: Wo kommen wir her? Wo ist unser kultureller und religiöser Ursprung? Beides hängt ja zusammen. Deshalb die Einladung an die Menschen, sich wieder verstärkt mit der Identität zu beschäftigen. Und da spielt Religion natürlich eine ganz große Rolle. Zum anderen sehen wir natürlich, wie weltweit Religion für politische Zwecke missbraucht wurde und wird. Auch dem wollen und werden wir nachspüren.

Was unterscheidet Achava II von Achava I?
Kranz:
Achava II ist in seiner Ausprägung vor allem noch einmal breiter aufgestellt und geht stärker weg von dem israelischen Fokus. Wir nehmen die anderen Kulturen, die anderen Religionen stärker in den Blick.

Zu den neuen Programmpunkten und Formaten in diesem Jahr gehört am 3. September der »Shuk Achava« im Erfurter Landtag. Was erwartet die Besucher dort?
Kranz:
Hinter der Idee des Shuks, also des traditionellen arabischen Marktes, steht für mich mehreres. Zunächst ist es ein Format mit einer niedrigen Hemmschwelle für Besucher. Zugleich finde ich es wichtig, im Landtag, also einem Haus, wo sonst Politik gemacht wird, die Tür zu öffnen und etwas zu machen, was sonst dort so nicht stattfindet: Wir machen politisches Kabarett im Plenum, wir machen Puppentheater im ganzen Haus, wir werden orientalisch kochen mit dem ehemaligen Chefkoch des Landtags und einem israelischen Spitzenkoch. Dort werden sich Erfurter Religionsgemeinschaften ebenso präsentieren wie die Fraktionen des Landtags, es wird Ausstellungen und Podiumsdiskussionen geben. Kurz: Wir bringen Politik, Kultur und Religion in einen Gesprächskontext.

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Ein facettenreiches Mosaik mit Künstlern unterschiedlichster Herkunft und Genres bietet das Kulturprogramm der Festspiele. Fotos: Veranstalter

Dazu gehört auch am Vormittag ein Israeltag, bei dem wir mit Schülern über das moderne Israel und die politische Lage im Nahen Osten diskutieren. Also niedrigschwellig viele Menschen ansprechen, eine Tür öffnen und sagen: Guckt einfach mal, seid neugierig, schaut euch das an. Das ist die Idee des Shuks.

Wir zeigen damit übrigens auch, dass Achava überparteilich ist: Schirmherr ist der Ministerpräsident Bodo Ramelow, ein Linker. In den Landtag aber wurden wir von Landtagspräsident Christian Carius, einem CDU-Politiker, eingeladen.

Als wohl größte Herausforderung empfinden die meisten Menschen die Auseinandersetzungen mit dem Islam und die Frage der Integration von Flüchtlingen. Greift Achava diese Fragen auf?
Kranz:
Aber natürlich spielen die Flüchtlingsfrage und die Herausforderung durch den Islam eine große Rolle. In der Reihe der Erfurter Religionsgespräche in der Peterskirche werden wir unter anderem der Frage nachgehen, ob und wie demokratie- und zukunftsfähig der Islam ist. Mit der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek und dem Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide wird es dabei kompetente und auch kritische Gesprächspartner geben.

Werden Flüchtlinge auch selbst zu Wort kommen?
Kranz:
Selbstverständlich. Zum Beispiel in der Reihe »Hört die Zeugen«. Da wird uns in diesem Jahr unter anderem ein syrischer Flüchtling über seine drei Jahre andauernde Flucht erzählen, auf der er fünf Sprachen lernte, bevor er in Berlin ankam und jetzt Dolmetscher werden will. Das ist doch spannend, sich mit so einem Menschen zu unterhalten. Überhaupt ist es wichtiger, mit Flüchtlingen, mit Muslimen, zu reden, als immer nur über sie.

Und ich komme wieder auf den Shuk zurück: Dort wird die »Banda International« aus Dresden auftreten und auch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Das ist eine Formation, in der Flüchtlinge aus 20 Nationen mitspielen und die als künstlerische Antwort auf Pegida entstanden ist.

Viele Veranstaltungen bei Achava sind kostenlos, andere kosten einen eher symbolischen Eintritt von fünf Euro. Wie funktioniert das bei solch hochkarätigem Programm?
Kranz:
Das funktioniert vor allem durch die Unterstützung von Privatpersonen und -institutionen. Der Gesamtetat des Festivals beträgt 500 000 Euro. Knapp 250 000 Euro kommen von privaten Spendern, der Rest sind öffentliche Mittel. Ich stehe dafür, dass Achava kein Hochpreis-Eliten-Festival wird, sondern wir wollen alle erreichen. Und ich denke, für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion sind fünf Euro ein zumutbarer Obolus. Für die teuersten Konzerte sind je nach Preiskategorie 15 bis 30 Euro fällig. Das kann sich wohl jeder leisten, wenn er es möchte. Und so soll es auch bleiben.

Was wünscht sich der Intendant von Achava für das Festival?
Kranz:
Der größte Wunsch ist natürlich, dass möglichst viele Besucher kommen. Das Zweite ist, dass alles glatt läuft, dass die Künstler gesund sind, dass wir alle Veranstaltungen durchführen können. Und das Dritte ist, dass die Menschen, die kommen, etwas mitnehmen. Dass wir in einer Zeit, in der viele Fragen im Raum stehen, wir vielfach verunsichert sind, ein paar Anregungen und vielleicht auch ein paar Antworten geben können und vor allem ehrlich miteinander ins Gespräch kommen, Probleme offen ansprechen. Das ist ja der Sinn von Achava.

www.achava-festspiele.de

Ein Festival für Toleranz und Dialog

Im Grußwort der Veranstalter heißt es: »Das Motto der Achava-Festspiele ist dem Buch des Propheten Micha entnommen: ›Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.‹ Diese Friedensvision erscheint einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander seinen Glauben, seine Meinung und Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.«

»Egal welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören, dürfen wir in den zahlreichen Veranstaltungen Gemeinsamkeiten entdecken, über unsere Unterschiede reflektieren und sehr viel lernen«, meint Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Schirmherr.

Und Ministerpräsident Bodo Ramelow, ebenfalls Schirmherr, schreibt: »Die Erfurter Achava Festspiele geben wichtige Impulse für unsere weltoffene Gesellschaft.« Das Festival sei eine Stimme der Humanität und die kulturvolle und kulturelle Antwort der Zivilgesellschaft auf Intoleranz und Ausgrenzung und Ausdruck für das moderne und weltoffene Thüringen.

»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Blick-Sonne-30-2016Ihnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.

»Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen«

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Dreiste Schlepper und ausgehungerte Flüchtlinge: Nach zwölf Seetagen haben die deutschen Marineschiffe das ganze Elend Afrikas an Bord. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche besuchte jetzt die Soldaten im Mittelmeereinsatz.

Viktor Onyeka erinnert sich: »Ich hatte Angst um mein nacktes Leben.« Der 34-jährige Nigerianer ist Christ – doch in seiner Heimat treiben die islamistischen Terrorbanden des Boko Haram ihr Unwesen. »Meine Mutter und meinen jüngeren Bruder haben sie ermordet, und auf mich wurde geschossen.« Viktor Onyeka entschloss sich zur Flucht, reiste durch den Niger, die Sahara und durch Libyen.

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Viktor Onyeka floh vor dem Wüten der Terrorgruppe Boko Haram aus Nigeria und wurde halbtot von den deutschen Marinesoldaten aus dem Mittelmeer geborgen. Foto: Benjamin Lassiwe

Heute sitzt Onyeka im Hof eines Flüchtlingsheimes der italienischen Caritas in der Nähe von Cagliari auf Sardinien. Dass er am Leben ist, verdankt er einem deutschen Schiff. »Es waren Deutsche, die mich im Herbst 2014 aus dem Mittelmeer gefischt haben«, sagt Onyeka. Mit unzähligen anderen Menschen hatte er sich auf einem Zodiac-Schlauchboot eingeschifft, 700 US-Dollar an den Schleuser bezahlt. »Viele Menschen waren schon tot, als sie uns endlich gefunden haben.«

Viktor Onyeka ist einer von vielen Zehntausenden, die in den letzten Jahren den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zurückgelegt haben. Tausende andere haben es nicht geschafft, sie erstickten an Abgasen, verdursteten oder ertranken auf sinkenden Booten auf hoher See. Seit dem Herbst 2015 ist deswegen die Deutsche Marine im Mittelmeer im Einsatz. Mit zwei Schiffen, dem Flottentender »Werra« und dem Minenjagdboot »Datteln«, beteiligt sie sich an der Flüchtlingsrettung. »Bis zu 600 Menschen sind an Bord der Boote, die wir hier draußen treffen«, sagt der Kommandant der »Werra«, Korvettenkapitän Mirko Preuß.

Am vergangenen Sonnabend hatte die »Werra« hohen Besuch. Im Hafen von Cagliari war die Mannschaft auf der Back, dem erhöhten Vorschiff, angetreten, die Bootsmannsmatenpfeife ertönte. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der evangelische Militärbischof Sigurd Rink kamen an Bord des Schiffes.

»Ich bin gekommen, um Ihnen Danke zu sagen«, sagt Bedford-Strohm. »Danke für Ihren Dienst, danke für das, was Sie hier tun.« Der bayerische Bischof hat kleine Lebkuchenherzen im Gepäck, die er an die Marinesoldaten verteilt. Es sei eine wichtige polizeiliche Funktion, die die deutschen Schiffe im Mittelmeer ausüben. »Denn es ist ein Verbrechen, wenn sich Menschen auf seeuntaugliche Boote setzen müssen und ihren Tod riskieren.«

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Lebkuchenherzen hatten der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Militärbischof Sigurd Rink am vergangenen Sonnabend bei ihrem Besuch der deutschen Marineeinheiten auf Sizilien im Gepäck. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Als er am Nachmittag einen Gottesdienst auf der Back des Schiffes feiert, wird Bedford-Strohm noch deutlicher: Jenseits aller Diskussionen um die Rolle der Bundeswehr sei der Einsatz im Mittelmeer ein »eindrucksvoller Samariterdienst«. »Die Gefahr ist groß, dass wir im sicheren Deutschland einfach wegsehen«, sagte Bedford-Strohm. »Aber würde Europa hier wegsehen, würde es seine Seele verlieren.« Jeder Tote habe eine persönliche Geschichte, sagte Bedford-Strohm. Um jeden Toten trauerten ein Vater, eine Mutter oder dessen Geschwister. »Für jeden dieser Menschen gelte der erste Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Dass Flüchtlinge manchmal mehr als 1 000 Euro bezahlen, um auf diesem Wege nach Europa zu kommen, zeige, »dass wir auch legale und sichere Wege benötigen, über die die Menschen nach Europa kommen können«, betonte Bedford-Strohm gegenüber der Kirchenzeitung. »Und wir brauchen Maßnahmen vor Ort, die die Lage in den Herkunftsländern der Menschen stabilisieren.«

An Bord des Schiffes haben die Geistlichen viel Gelegenheit, sich mit den Soldaten zu unterhalten. Zum Beispiel mit Bootsmann Felix S. aus der Nähe von Kiel. Für ihn ist die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer der erste Einsatz auf der »Werra«, erst seit Mai ist er an Bord. »Wenn man sieht, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir sie hier an Bord nehmen, dann ist das schon ein gutes Gefühl«, sagt der Bootsmann. »Dass dieser Einsatz Sinn macht, steht für mich völlig außer Frage.«

Auch Fregattenkapitän Jan D. aus Husum, der als Rechtsberater auf dem Schiff mitfährt, sieht das so. Im heimatlichen Schleswig-Holstein höre er aber auch andere Meinungen: »Könnt ihr nicht einfach ein paar von denen übersehen?«, würden Freunde in der Heimat manchmal fragen. »Ich sage dann, dass wir die Verpflichtung haben, Menschen in Not zu helfen«, sagt Jan D. »Wir können die Menschen ja nicht einfach ertrinken lassen.«

Einen härteren Umgang pflegt die Besatzung der »Werra« indes, wenn sie Schlepper bei der Arbeit beobachtet. »Wir hatten da ein hochmotorisiertes schnelles Boot, dass zwei Schlauchboote im Schlepp hatte«, berichtet Kapitän Preuß. Der Vorgang wurde von einem Hubschrauber aus gefilmt. Das finnische Boarding-Team, das an Bord der »Werra« eingeschifft ist, enterte das Schlepperboot, die Besatzung wurde in Gewahrsam genommen und im nächsten Hafen den italienischen Behörden übergeben. Denn auch der Kampf gegen die Schleusernetzwerke gehört zum Aufgabenbereich der EU-Mission. Und er wird in dem Maß wichtiger, in dem sich auch private Organisationen der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer widmen.

Mittlerweile hätten diese Vereine schon 3 000 Plätze auf ihren Booten zur Verfügung, berichtet der »Werra«-Kapitän. »Aber die Organisationen berichten uns auch von der Dreistigkeit der Schlepperbanden: Wenn die Flüchtlinge an Bord der Helferschiffe seien, kommen die Schakale genannten Schlepper mit ihren Booten und versuchen die benutzten Schlauchboote für den nächsten Einsatz zurück nach Libyen zu bringen.« Auch deswegen sei es wichtig, die leeren Flüchtlingsboote nach der Übernahme ihrer Insassen zu versenken.

Für die Mannschaft ist ein Einsatz wie der auf der »Werra« aber auch belastend. Zwölf Tage ist das Schiff ununterbrochen im Einsatzgebiet. Doch im Unterschied zu anderen Bundeswehreinsätzen im Ausland hat die Besatzung der »Werra« keine Möglichkeit, per Internet mit der Familie daheim zu kommunizieren. Und wenn das Schiff auf See ist, füllt es sich schnell mit dem kompletten Elend Afrikas. »Das sorgt an manchen Tagen auch für gemischte Gefühle«, sagt Jan D.

Die beiden großen Kirchen haben deswegen auch bei diesem Einsatz ihre Militärseelsorger an Bord. Jeweils im Wechsel kommen ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher auf die »Werra«. »Es sind zwar nur wenige Soldaten konfessionell gebunden, aber wir spüren eine große Nachfrage bei unseren Pfarrern«, sagt der evangelische Militärbischof Sigurd Rink. Eine Nachfrage, die so groß ist, dass auch die Kirche an ihre Grenzen kommt. »Die Marine wird als Teilstreitkraft derzeit über Gebühr belastet«, sagt Rink. Viele Einheiten seien überall auf dem Globus im Einsatz. »Aber wir haben nur zwölf Marinepfarrer.«

Derzeit ist auf dem deutschen Tender der katholische Dekan Jochen Folz im Einsatz. Regelmäßig feiert er Andachten auf der »Werra«, bei Hafenaufenthalten nimmt er interessierte Soldaten mit in die Messe. An Bord ist er ein gefragter Gesprächspartner – ob ein Besatzungsmitglied familiäre Probleme hat oder auch bei den ganz normalen Alltagsthemen. Und einmal feierte er sogar schon eine Kindstaufe. »Da hat eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria ein Kind bekommen«, sagt Folz. »Als sie erfuhr, dass ich katholischer Priester bin, bat sie um die Taufe.« Gesagt, getan: Aus der Kombüse des Schiffes besorgte sich der Priester eine Sauciere und eine Schüssel, »an Wasser haben wir hier ja keinen Mangel«. Das Kind wurde auf hoher See getauft – und Militärseelsorge und Deutsche Marine waren um eine Episode reicher, die man wohl so nur beim Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer erleben kann.

Benjamin Lassiwe

Das Marburger Religionsgespräch

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: 1529 kam der bekannteste Mann Europas an die Lahn: Martin Luther nahm auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp am Marburger Religionsgespräch teil. Aber eine Einigung scheiterte. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

Es war der 30. September 1529. Ein wichtiger Termin stand an: Der Reformator sollte seinen Kontrahenten Ulrich (Huldrych) Zwingli treffen, auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp. »Man weiß: Luther ist aus seiner Kutsche ausgestiegen«, erzählt Christoph Becker. »Die Marburger haben sich die Augen ausgeguckt. Denn Luther war der bekannteste Mann Europas.«

Christoph Becker, Pferdeschwanz und Hut, ist Historiker und Schriftsteller, er schreibt historische Krimis. Jetzt begleitet er zwei Jahre lang für die Stadt Marburg das Reformationsjubiläum 2017. Er hat ein Buch über die Stadt und die Reformation geschrieben, mit vielen Anekdoten aus dem Alltag. Marburg rechnet mit vielen Besuchern. Am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, veröffentlichte Luther in Wittenberg seine 95 Thesen – der Tag symbolisiert den Beginn der Reformation, in der Marburg eine zentrale Rolle spielte.
Luther ging an diesem Septembertag 1529 den steilen Weg hinauf in die Stadt, über den Marktplatz, zu einem Eckhaus, an dem heute ein Schild hängt: »Hier wohnte Dr. Martin Luther 1529.« Becker lacht. »Man könnte drunter schreiben: für vier Stunden.« Denn der Reformator zog sich in dem Gasthaus nur um und eilte weiter, hoch ins Schloss, wo ihn der Landgraf erwartete. Und sein Kontrahent Zwingli.

Bis zum 4. Oktober blieben die Reformatoren auf dem Schloss. Versammelt war die theologische Elite der Zeit: Luther, der mit Philipp Melanchthon aus Wittenberg angereist war, Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen, weitere Theologen, weltliche Ratsherren und Militärs. Luther und Zwingli trennte ein heftiger Streit um die Auslegung des Abendmahls: Für Luther war Christus real gegenwärtig in Brot und Wein, für Zwingli bedeuteten Brot und Wein symbolisch den Leib und das Blut Christi. »Luther wollte gar nicht nach Marburg kommen«, sagt Historiker Becker. »Er fürchtete, dass er verlieren konnte.« Aber Landgraf Philipp, eine politische Kraft hinter der Reformation, bestand auf dem Treffen. »Philipp war durch und durch Machtmensch«, sagt Becker. »Er war der zweite Landesfürst, der in seinem Land die Reformation eingeführt hat.« Und er hatte 1527 die erste protestantische Universität der Welt gegründet.

Auf dem Schloss ging es sehr laut zu. Die Kontrahenten wohnten teilweise im selben Zimmer. Die Diskussionen in der Fürstenwohnung wurden auf Deutsch und auf Latein geführt, es gab eine Redeordnung, Treffen unter vier Augen, ein Abschlussgespräch.

Philipp zwang die Reformatoren, sich in so vielen Punkten wie möglich zu einigen. Doch eine Einigung scheiterte am Ego Luthers. »Er hat auf stur gestellt«, sagt Becker. Es gab zwar eine Abschlusserklärung mit 15 Artikeln, doch in der entscheidenden Abendmahlsfrage blieben die Differenzen.

Stiegen führen hoch zum Schloss, Fachwerkhäuschen schmiegen sich an den Berg. Auf dem Marktplatz sitzen Touristen beim Kaffee in der Sonne, sie sprechen deutsch, englisch, holländisch. 1529 lebten nur 3 500 Menschen in der Stadt. In den Hinterhöfen waren die Schweineställe, Fäkalien wurden über die Gosse entsorgt oder den Schweinen verfüttert. »Hier wollen wir eine ›Stinkstation‹ aufbauen«, sagt Becker und deutet auf eine dunkle Ecke hinter der lutherischen Pfarrkirche. Der Plan für das Marburger Jahr zum Reformationsjubiläum steht. »Wir wollen das 16. Jahrhundert lebendig werden lassen«, erklärt Kulturamtsleiter Richard Laufner.

Am Fronleichnams-Wochenende im Juni 2017 ist eine Zeitreise geplant. In der »Stinkstation« soll es so riechen wie damals. Ein Schauspieler trägt Tischreden Luthers vor, es gibt eine Armenspeisung, ein Pfarrer braut Bier. Das ganze Jahr über sind in Zusammenarbeit mit Universität und Kirchen Ausstellungen, Tagungen und ein Lutherstück im Landestheater vorgesehen.

Luther reiste am 5. Oktober aus Marburg ab. Das – im Grunde ergebnislose – Religionsgespräch ist noch heute bekannt. »Es hat was Folkloristisches«, findet Becker. Religionsgeschichtlich war es ein entscheidender Schritt zur Trennung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten.

Stefanie Walter (epd)

Das alles verbindende Gebet

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christinnen und Christen von den Geschwistern aus der Ökumene und von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine vierteilige Beitragsserie. Den Auftakt bildet der jüdische Gottesdienst.

Wenn Christinnen und Christen vom jüdischen Gottesdienst lernen wollen, so müssen sie wohl zuerst einsehen, dass der Begriff Gottesdienst gar nicht so einfach auf das Judentum angewendet werden kann. Das Gebet, zu dem sich Jüdinnen und Juden am Feiertag in den Synagogen versammeln, ist grundlegend nichts anderes als das Gebet im Alltag – nur in etwas anderer Form. Jüdinnen und Juden, die ihre Religion alltäglich praktizieren, beten dreimal täglich. Am Sabbat oder Feiertag bleiben die alltäglichen Abend-, Morgen- und Nachmittagsgebete in ihrer Struktur gleich, werden aber sprachlich besonders gestaltet. Das Gebet verbindet Alltag und Feiertag. Wenn der Jude Paulus die an Christus Glaubenden im Neuen Testament auffordert: »Betet ohne Unterlass!« (1. Thessalonicher 5,17), dann könnte er an eine solche, ihm aus seinem jüdischen Leben vertraute Praxis gedacht haben.

Generell ist das jüdische Gebet durch eine große Bedeutung der Tradition und des Rituals gekennzeichnet. Das gilt sogar für die Gottesdienste und Gebete der reformorientierten Kreise im Judentum. In den Gebeten finden sich zahlreiche Texte, die nie verändert werden: das sogenannte »Höre, Israel« (5. Mose 6,4–9), das in jedem jüdischen Gebet gemeinsam gelesen wird, das Achtzehngebet, das trotz seines Namens niemals 18 Bitten hat, sondern am Wochentag 19 und am Feiertag sieben, zahlreiche Psalmen und Preisungen, die wortgleich überall, wo Jüdinnen und Juden feiern, gesprochen bzw. gesungen werden. Was sich unterscheidet, sind die Art und Weise, wie diese Texte gottesdienstlich gestaltet werden und damit die Klangfarben der Gottesdienste.

Der polnisch-US-amerikanische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel (1907–1972) hat die Bedeutung des verbindlich festgelegten Textes überaus zu schätzen gewusst. Niemand müsse Gebete aus seinem eigenen Inneren selbst hervorbringen. Der Mensch stimme vielmehr ein in eine andere Melodie, die das Gebet vorgibt. »Es bringt uns weiter«, schreibt Heschel, »wenn wir das Echo der Musik der Jahrhunderte in uns wiedererwecken, als wenn wir auf der zersprungenen Flöte des eigenen Herzens spielen.« Interessant sind auch die Erfahrungen des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier, der anlässlich des Todes seines Vaters anfing, regelmäßig zu beten. Die für ihn zunächst völlig fremden Worte des Gebets wurden ihm nach und nach zur Heimat. Sie erwiesen sich wie ein Raum, den er betreten konnte und nicht selbst bauen musste. Manchmal stöhnt und ächzt der christliche Gottesdienst angesichts der Forderungen nach Originalität und Authentizität. Die Erfahrung vieler jüdischer Beter könnte den Kreativitätsdruck zurücktreten lassen. Und wer weiß, vielleicht kann ich, auch wenn für mich an einem Sonn- oder Feiertag kein einziges Wort des Glaubensbekenntnisses oder mancher Lieder einfach so aus dem Herzen sprudeln würde, im Mitbeten dieser Texte und Mitsingen dieser Lieder selbst Neues entdecken und von außen nach innen zum Glauben finden.

Dazu gehört auch, dass das jüdische Gebet an den meisten Orten auf Hebräisch gebetet wird – auch wenn nicht alle zum Gebet Versammelten diese Sprache wirklich verstehen. Verständlichkeit im kognitiven Sinn ist nicht alles im Gottesdienst – eine Wahrnehmung, die vernunftorientierten Protestanten gelegentlich gesagt werden muss. Apropos Protestanten: Jüdisches Gebet funktioniert immer auch ohne Predigt; in den Morgengottesdiensten der Feiertage aber nie ohne biblische Lesungen. Vor allem die Tora-Lesung hat einen hohen Stellenwert. In der Feier der Gemeinde wird die Gabe der Tora am Sinai liturgisch-symbolisch neu inszeniert, und die zum Gottesdienst Versammelten können sich so fühlen, als seien sie selbst am Sinai versammelt. Wer diese Praxis einmal gesehen hat, wird sich fragen, warum wir Evangelischen uns zwar manchmal »Kirche des Wortes« nennen, aber den Lesungen aus der Bibel so wenig Gewicht geben.

Da das jüdische Gebet im Prinzip festliegt, kann jeder aus der Gemeinde – in liberalen und vielen konservativen, nicht aber in orthodoxen Gemeinden auch jede – zum Vorbeter werden. Es braucht keinen ordinierten Rabbiner zum gemeinsamen Gebet. Die Reformation trat einst auch an, das Priestertum aller Getauften zu vertreten. Meines Erachtens handelt es sich dabei aber um eine der am häufigsten zitierten und am wenigsten praktizierten Wendungen in der evangelischen Kirche. Vielleicht wäre auch hier ein Lernen vom Judentum 500 Jahre nach der Reformation hilfreich.

Alexander Deeg

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Musiker mit Vorleserqualitäten

22. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Michael von Hintzenstern mit Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth über private Urlaube, Konzertreisen und die Zukunft der Kirchenmusik.

Herr Ehrenwerth, Sie haben Ihren Urlaub kürzlich beendet. Konnten Sie die Seele baumeln lassen und ein wenig entspannen?
Ehrenwerth:
Wie bei jedem von uns muss der Urlaub was anderes sein als der Alltag. Meine Frau und ich haben dieses Jahr eine weite Reise auf die Insel Madeira gemacht, waren ziemlich oft unterwegs, um viel kennenzulernen, es gab ausgedehnte Wanderungen, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Bananen und Eukalyptusbäume wachsen sehen. Und wir haben uns mehrfach in Funchal, der Hauptstadt mit dem so vielfältigen Flair, umgetan. Es war also eher ein Aktivurlaub. Ein guter Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch im Erfurter Zentrum für Kirchenmusik! Wenn man den Körper bewegt, lüftet man ja Geist und Seele mit. Die Mischung aus Aktivität und Ruhe ist uns diesmal gut gelungen. Zum Entspannen im Urlaub gehört übrigens auch, dass ich meiner Frau an den Abenden Bücher vorlese (während sie strickt), die möglichst irgendetwas mit der Urlaubsgegend zu tun haben, diesmal ein historischer Roman, ein Krimi und ein angefangenes drittes Buch, das noch zu Ende gelesen werden muss! Jetzt folgt noch eine Woche Familienurlaub mit den erwachsenen Töchtern. Das ist eine Tradition seit Jahren.

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Das heißt, Sie waren erst mit Ihrer Frau unterwegs und dann noch mal mit der ganzen Familie.
Ehrenwerth:
Ich habe 14 Tage wieder gearbeitet. Im Zentrum für Kirchenmusik ist es in den Sommermonaten ein bisschen ruhiger. Das Telefon klingelt eher selten. Und man genießt, dass man mal zu Dingen kommt, die sonst eher nicht möglich sind. Obwohl man natürlich dann doch nie das schafft, was man sich eigentlich vorgenommen hat.

Haben Sie bevorzugte Urlaubsziele? Manche fahren immer an den gleichen Ort. Andere wechseln lieber. Wie machen das die Ehrenwerths?
Ehrenwerth:
Unterschiedlich! Wir sind viele Jahre lang Fahrrad gefahren entlang der deutschen Flussradwege. Vor allen Dingen an den Flüssen, die man in unserer Kindheit und Jugendzeit nicht besuchen konnte, also etwa Ems, Rhein, Mosel, Main, Nahe. In den letzten Jahren waren wir öfter in Südtirol. Manchmal finden wir es aber auch angenehm, nicht so weit wegzufahren, Thüringen und das Erzgebirge spielen da schon noch eine Rolle. Man muss, glaube ich, nicht immer die ganz weiten Ziele haben.

Viele Kirchenmusiker sind im Sommer besonders aktiv, um in den nun angenehm temperierten Kirchen zu konzertieren. Wie ist das bei Ihnen?
Ehrenwerth:
Wir haben eine Konzertreihe hier im Augustinerkloster: die Sonntagskonzerte, die jeweils bis zum Ende des Schuljahres laufen. Aber die Orgelkonzerte mittwochs in der Predigerkirche gehen natürlich weiter. Wir im Augustinerkloster gehören ja zur Predigergemeinde. Dass Kirchenmusiker in den Sommermonaten besonders aktiv sind, sieht man am besten auf der Veranstaltungsseite von »Glaube + Heimat«. In diesem Jahr vielfach unter der Überschrift »Max Regers 100. Todestag«, woran dann ein oder mehrere Stücke im Programm erinnern. Es gibt eine Fülle von Angeboten, nicht nur in den Domen und Stadtkirchen, sondern auch in der Kleinstadt und auf dem Dorf.

Wie sieht es mit Konzertreisen aus?
Ehrenwerth:
Unser Andreas-Kammerorchester gastiert Ende August in Bad Salzungen, Friedrichroda und Eschenbergen. Der Augustiner-Vocalkreis gibt Anfang Oktober Konzerte in der Altmark. Und die Augustiner-Kantorei fährt im gleichen Monat für zwölf Tage nach Japan. Das ist ein Projekt, das sehr lange vorbereitet worden ist und nun tatsächlich Wirklichkeit wird. Bis vor kurzem haben alle noch ein bisschen daran gezweifelt. Aber nun ist es sicher. Es wird viele Begegnungen mit japanischen Chören geben. Und auch ungewohnte Stücke. Die Kantorei singt ja sonst eher Oratorien. Dieses Mal werden A-cappella-Kompositionen gesungen, Volkslieder und Lieder mit japanischen Chören zusammen mit japanischem Text, aber auch Stücke für Chor und Orgel, Bach und viel Mendelssohn …

Wir fahren sozusagen als Botschafter des Reformationsjubiläums. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist Schirmherrin dieser Reise, aber auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Es geht hauptsächlich um kulturelle Begegnungen.

Das ist logistisch sicher nicht ganz einfach zu stemmen. Wie groß ist die »Delegation«?
Ehrenwerth:
Fast 100 Leute aus der Kantorei werden dabei sein.

Bietet der Sommer Raum, um über Perspektiven und zukünftige, auch langfristige Projekte nachzudenken?
Ehrenwerth:
Na klar. Ich will, kann da jetzt keine konkreten Ergebnisse sagen. Aber natürlich hat man im Sommer eher Gelegenheit, nachzudenken und Gespräche zu führen. Ich war jetzt mit einem Kollegen im Ruhestand vier Tage lang unterwegs. Und wir haben wandernd von morgens bis abends alle Themen rund um die Kirchenmusik behandelt. So etwas ist ganz wichtig, dass man sich mal mit jemandem austauschen kann, der die Dinge inzwischen mit ein bisschen Abstand sieht.

Sie sind ausübender Kirchenmusiker, tragen als Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) aber auch Verantwortung für die gesamte EKM. Wo wird die Entwicklung in den nächsten zehn, 20 Jahren hingehen? Weiterer Stellenabbau, hauptamtliche Kirchenmusiker nur noch in Kernregionen? Ehrenwerth: Es ist ganz schwierig, da zu orakeln. Ich bin in diesem Amt seit 16 Jahren. In dieser Zeit hat man immer Stellenabbau befürchtet. Ich muss sagen, dass er aber eigentlich bisher gar nicht so extrem eingetreten ist. Wir haben die Zahl der Kirchenmusikerstellen erstaunlicherweise fast gehalten.

In den großen Städten gab es Abbau, in der Fläche aber auch Zuwachs. Es ist nicht so, dass wir so viel weniger geworden sind. Jetzt in der aktuellen Stellenplandiskussion erscheinen am Horizont natürlich Probleme. Wenn wir uns die Mitgliederentwicklung unserer Kirche angucken, dann wird dies nicht spurlos an der Kirchenmusik vorbeigehen. Aber ich habe doch die große Hoffnung, dass Kirchenmusik insgesamt ihren hohen Stellenwert behält.

Das wird sicher ein bisschen unterschiedlich gesehen, von Kirchenkreis zu Kirchenkreis, dort liegt ja die Verantwortung für die Stellenpläne. Aber die Menschen, die in der Kirchenmusik aktiv sind, von den Chorsängern bis zu den Bläsern, von den Kindern bis zu den Senioren, deren Anzahl in den letzten Jahrzehnten insgesamt übrigens erfreulich konstant geblieben ist, sind doch die Aktiven in der Gemeinde und sitzen oftmals in den Entscheidungsgremien. Und die werden sich hoffentlich zu gegebener Zeit zu Wort melden und sagen: Kirchenmusik ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern ein ganz zentrales Anliegen unserer Kirche!

In »Glaube + Heimat« werden oft goldene Amtsjubiläen von verdienten Organisten oder Chorleitern gewürdigt. Immer mehr engagierte Ehrenamtliche scheiden aus Altersgründen aus. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Ehrenwerth:
Die Situation wird schwieriger. Zumal wir überall in der Gesellschaft feststellen können, dass Menschen sich gerne eine begrenzte Zeit lang für etwas engagieren, aber nicht dauerhaft verpflichten wollen. Und gerade für potenzielle jugendliche Organistinnen oder Organisten beginnen unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen ja doch relativ früh am Tag. Also wir können eigentlich nur versuchen, immer wieder Kursangebote zu machen.
Sommerlogo GuHWir experimentieren regional unterschiedlich! Gute Erfahrungen gibt es in letzter Zeit mit Kursangeboten für Chorleiter in zwei Propsteien im Süden, aber auch für Organisten existieren Angebote, gerade wieder in Halberstadt und in Wolmirstedt mit guter Beteiligung. Anfang September wird es in der Propstei Eisenach-Erfurt einen Fortbildungstag für Neben- und Ehrenamtliche geben, da steht z. B. Singen mit Kindern auf dem Programm. Das soll sich zugleich an Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer wenden. Und wir bieten die C-Ausbildung in Halle und Erfurt und Konsultationstage für die D-Prüfung an. Das ist sicher alles noch nicht genug. Der Kontakt zu den Musikschulen wird intensiviert werden müssen. Jede Gemeinde muss Ausschau halten nach Menschen, die bereit sind, so einen Dienst zu übernehmen. Und dass sich der Blick nicht immer nur auf die Orgel richtet, sondern auf andere Möglichkeiten: Warum soll die Gemeinde nicht auch mal von einem Trompeter oder Gitarristen begleitet werden? Ich denke, wir brauchen noch mehr Fantasie für die Zukunft.

Stichwort Reformationsjahr 2017. Wie sind Ihre Erwartungen, wird ein Event das nächste jagen? Was geschieht danach?
Ehrenwerth:
Die Kolleginnen und Kollegen in der EKM haben eine Fülle an Aktivitäten im nächsten Jahr geplant. Zu den landeskirchlichen Schwerpunkten gehören der Deutsche Evangelische Kirchentag in Wittenberg und vor allem die »Kirchentage auf dem Weg«. Zu den acht Veranstaltungsorten gehört auch Erfurt. Die Augustiner-Kantorei hat bei dem Magdeburger Komponisten Thomas König ein Werk in Auftrag gegeben, das einzelne Lieder des Erfurter Enchiridions von 1524, eines der ersten Gesangbücher überhaupt, zur Grundlage haben wird. Er wählte dafür eine hochinteressante Besetzung: Chor und Orgel, zwei Gesangssolisten, Violoncello und Saxofon. Das Stück soll dann am Reformationstag noch einmal aufgeführt werden.

Sonne-webWeimar ist nach dem Europäischen Kulturstadtjahr 1999 in ein großes Loch gefallen und auf einmal stand alles still. Könnte das auch nach dem Lutherjahr passieren?
Ehrenwerth:
Also ich merke auch eine gewisse Müdigkeit am Ende der doch langen Lutherdekade. Hinterher mal wieder völlig frei zu sein und vielleicht zunächst mal ein, zwei Jahre zu haben, in denen man sich nicht nach einem Oberthema in der Planung richten muss, werden wir, glaube ich, alle sehr genießen. Die nächsten Landeskirchenmusiktage sind dann vermutlich 2019 dran.

Dann muss man Ende 2017 auch schon wieder anfangen zu planen.
Ehrenwerth:
Genau. Wir sind gerade dabei zu überlegen, wo die nächsten stattfinden können. Und es wird sicher wieder einen Landeskirchenchortag oder Propstei-Chortage geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir alle, wenn am 1. November 2017 der Reformationstag vorbei ist, erst mal tief Luft holen.

Kloster auf Zeit

17. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Memleben war einst Kaiserpfalz und Kloster: Heute ist es Museum. Aber ein belebtes, denn seit sechs Jahren ziehen jeden Sommer für einige Tage bayrische Benediktinermönche ein, leben und arbeiten und legen vor den Gästen Zeugnis ihres Glaubens ab.

Da hinunter? Die steile Treppe führt ins Nichts. Ein großes schwarzes Loch tut sich auf. Doch wer sich traut und behutsam einen Fuß vor den anderen setzt, erkennt: So düster ist diese Dunkelheit gar nicht. Unten angekommen, erhellen sieben Kerzen die 900 Jahre alte Krypta. Aus kleinen bunten Fenstern fällt sanftes Mittagslicht. Psalmengesänge durchdringen die Stille. Drei Männer, in schwarze Gewänder gekleidet, singen: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.«

Es sind für Memleben, gelegen an der Unstrut im Burgenland, ungewöhnliche Szenen, die sich in der vergangenen Woche abgespielt haben. Nicht nur gehört das Gebiet trotz reicher, auch reicher kirchenhistorischer, Geschichte, zu den entkirchlichsten Regionen der Welt; auch wurde das Kloster infolge des Niedergangs durch die Reformation im 16. Jahrhundert endgültig aufgehoben. Erstmals seit rund 500 Jahren kehrten im Jahr 2011 Benediktinermönche aus der bayrischen Abtei Münsterschwarzach in das ehemalige Kloster und die alte Kaiserpfalz zurück. Zumindest zeitweise. Jeden Sommer, für jeweils rund fünf Tage, leben und arbeiten die römisch-katholischen Ordensbrüder in der Anlage, die heute ein Museum ist. »Der Besuch der Benediktiner ist Teil unseres Projekts ›Lebendiges Kloster‹«, schildert Museumsleiterin Andrea Knopik. Der historische Ort, einst auch von Benediktinern bewohnt, soll neu mit Glauben gefüllt werden und Besuchern Einblicke gewähren in das moderne Mönchtum.

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

Pater Remigius, Pater Maximilian und Pater Samuel (v. l.) leben für fünf Tage im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben. Ihr Tagesablauf hier unterscheidet sich kaum von dem in der Abtei Münsterschwarzach. – Foto: Katja Schmidtke

»Mit ›Der Name der Rose‹ hat unser Leben wahrlich nichts zu tun«, räumt Pater Maximilian Grond sogleich mit dem ersten Vorurteil auf. Die Abtei Münsterschwarzach, in der 80 Glaubensbrüder leben und arbeiten, ist einerseits ein Ort der Beständigkeit im Glauben und in der Gemeinschaft, andererseits verweigern sich die Mönche nicht der modernen Welt. Die Abtei hat vor 16 Jahren mit ihrer eigenen Energiewende begonnen und verzichtet – den Treibstoff für die Fahrzeuge ausgenommen – auf fossile Brennstoffe. Biogasanlage, Wasserkraftwerk und Solaranlagen erzeugen den Strom, die Heizung wird von einer Holzhackschnitzelanlage betrieben. Den Ölverbrauch habe man von rund 650 000 Litern pro Jahr auf nahezu Null gefahren. Das bringt finanzielle Vorteile, ist aber nicht nur monetär begründet, sondern fest im Glauben verankert. »Die Bewahrung der Schöpfung ist uns als Auftrag mitgegeben«, erzählt Pater Maximilian von der Benediktinerregel. Alle Dinge sollen wie heiliges Altargerät behandelt werden. Eine Trennung in Sakrales und Profanes kennen die Benediktiner nicht.

Wohl aber Stress und Hektik. Diese vermeintlichen Symptome unserer außerklösterlichen Welt sind auch innerhalb der Klostermauern bekannt, sagt der Pater und schmunzelt. Zur Benediktinerregel zählt Ora – Beten – Legere – Lesen –, aber auch Labora – Arbeiten. Denn laut Benedikt soll so viel wie möglich von dem, was zum Leben benötigt wird, im Kloster hergestellt werden. »Klöster sind auch Wirtschaftsunternehmen. Das wollen wir unseren Gästen in diesem Jahr schwerpunktmäßig zeigen«, sagt die Memlebener Museumsleiterin Andrea Knopik. 20 Betriebe gibt es auf dem Münsterschwarzacher Klostergelände, nicht überall arbeiten Mönche. »Wir haben auch Angestellte«, erzählt Pater Maximilian. Eine Goldschmiede, eine Druckerei und ein Verlag, Bäckerei und Metzgerei gehören etwa zur Vier Türme GmbH. Das Kloster muss sich finanziell selbst tragen.

Nach Memleben haben die Mönche eine kleine Auswahl ihrer Produkte mitgebracht und gewähren einen Einblick in eine klösterliche Holzwerkstatt: Gäste können Kreuze fertigen. Die Tage in Sachsen-Anhalt sind für Pater Maximilian und seine Mitbrüder Remigius und Samuel eigentlich kein großer Unterschied zum Tagwerk in Münsterschwarzach. Die festen Gebetszeiten werden auch in Memleben eingehalten: vier Mal am Tag sind dazu auch Gäste eingeladen. Davor gibt es Gesprächsrunden über das Leben im Kloster. Im Gegensatz zur heimischen Abtei begegnen die Benediktiner hier in Memleben mehr oder weniger zufällig Gästen, vermehrt auch Konfessionslosen. Gerade mit ihnen ergeben sich oft tiefe Gespräche. Es sind Momente, in denen vom historischen Ort Memleben aus eine Brücke geschlagen wird zu einem lebendigen Ort des Glaubens: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir«, klingt es aus der Krypta. In das Vaterunser stimmen viele Gäste mit ein.

Katja Schmidtke

»Sale«-Schilder, Smartphones, riskante Abenteuer

16. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sooo billig! In der Werbung lauert sie augenzwinkernd hinter Pralinen oder Spitzendessous: Die Versuchung. Manchmal wird sie als schwarzrotes Teufelchen dargestellt, mal als innere Stimme, und oft heißt die Botschaft: Gib der Versuchung nach – und genieß es!

Zu Schlussverkaufs-Zeiten erlebe ich die Versuchung oft in Gestalt von »Sale«-Schildern, Prozentzeichen und überklebten Preisschildern: Sooo billig, so eine schöne Farbe – und dann fallen mir auch Gründe ein, warum dieses T-Shirt, dieser Rock, dieser Schal noch Platz in meinem überfüllten Kleiderschrank finden sollte …

Friederike Ursprung – Foto: Steffen Giersch

Friederike Ursprung – Foto: Steffen Giersch

Oft steckt die Versuchung auch im Smartphone: Mal schnell dieses Selfie oder Video oder jenen Kommentar posten, bei diesem Ereignis oder jener Debatte meinen Senf dazugeben, Anerkennung bekommen – egal ob es stimmt, und egal ob es irgendwen verletzt …

Die meisten gefährlichen Versuchungen tauchen nicht als Cartoon-Teufelchen auf, und es geht um mehr als sündige Genüsse oder Smartphone-Gedaddel.

Welche Möglichkeiten habe ich gerade? Welche davon wäre richtig, welche würde schaden? Das ist die Frage, mit der sich Jesus 40 Tage lang beschäftigt. Vermutlich schlägt er sich in der Wüste mühsam damit herum, auch wenn es sich in der Bibel liest, als hätte er jede Versuchung mal kurz mit dem passenden Bibelzitat abgeschmettert.

Mach doch einfach Brot aus diesen Steinen, ist doch kein Problem für dich! Und wieviel Gutes könnte Gottes Sohn mit so einem Wunder bewirken – was sollte daran falsch sein? Versuchungen haben manchmal verführerische Argumente, lassen sich sogar mit den besten Absichten begründen. Hier aber geriete Jesus in Gefahr, dass er sich von seinem eigentlichen Ziel ablenken lässt und sich durch ein einfaches Hintertürchen aus einer schwierigen Lage herausmogelt.

Andere Versuchungen können einen gerade in Schwierigkeiten und Gefahr bringen, und andere mit. Die Idee, vom Tempeldach zu springen, klingt völlig aberwitzig – doch aus Größenwahn irgendwelche halsbrecherischen Abenteuer riskieren, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, das ist auch im 21. Jahrhundert keine Seltenheit. Wird schon irgendwie gut gehen, scheinen viele zu glauben – doch nicht immer schaffen es die Schutzengel, Schaden abzuwenden von den Betroffenen selbst und von anderen, die unter den Folgen ihres Handelns (manchmal auch: ihres Nichthandelns) zu leiden haben.

Das können Geschichten von persönlichen Risiken, vom Scheitern, von Verletzungen und Burnout sein – oder Nachrichten von riskanten Höhenflügen und Abstürzen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien: von unüberlegten politischen Entscheidungen, geplatzten Finanzblasen, Umweltkatastrophen – aber auch davon, dass die erhoffte Superstar-Karriere im Fernsehen zur öffentlichen Demütigung wird, dass überhitzte Berichterstattung Panik verbreitet oder Hass sät.

Zu den gefährlichsten Versuchungen zählt es wohl, sich von Macht und Reichtum korrumpieren zu lassen: Die ganze Welt gebe ich dir, wenn du mich anbetest, sagt der Versucher zu Jesus. Doch für den steht fest: Nur Gott gilt es zu dienen!

Wem dienen Menschen mit ihrem Leben und mit dem, was sie tun? Wie entscheiden sie sich zwischen persönlichem Vorteil und dem, was Gott will? Sind sie sich dieser Frage überhaupt immer bewusst?

Führe uns nicht in Versuchung, beten Christen im Vaterunser. Das heißt also: Gott, hilf uns, gefährliche Versuchungen zu erkennen, und steh uns bei, dass wir Entscheidungen treffen, mit denen wir ihnen nicht erliegen!

Friederike Ursprung

Die Autorin ist evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR.

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Wohin geht die Reise?

14. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Europa und seine Institutionen sind nicht erst seit dem Votum der Briten zum Austritt aus der EU in eine schwere politische und ökonomische Krise geraten. Ein Theologe zieht kritisch Bilanz.

Die europäischen Bürger sind, wie schon die Umfrageergebnisse des John-Stuart-Mill-Instituts (Heidelberg) zum Freiheitsindex 2013 belegt haben, nicht bloß skeptisch gegenüber der Europäischen Union und ihren Institutionen, sondern misstrauisch gegenüber dem gesamten europäischen Projekt geworden. Der »Brexit« im Juni dieses Jahres war ein Schuss vor den Bug für die EU-Kommission und alle EU-Ideologen. Vieles müsse sich ändern, wird jetzt von einigen Mächtigen schuldbewusst eingeräumt.

Vermutlich wird sich aber fast gar nichts ändern. Zu fest eingefahren sind die unguten Strukturen, die zu diesem Bruch geführt haben. Dass die EU-Kommission versuchte, die CETA-Verhandlungen (Freihandelsabkommen mit Kanada) an sich zu reißen und ohne Berücksichtigung der nationalen Parlamente durchzubringen, beweist hinreichend, wie der europäische Hase unter bisherigen Voraussetzungen läuft.

Bisher deutet nichts auf eine grundsätzliche Kursänderung in Brüssel hin. – Foto: xtock – fotolia.com

Bisher deutet nichts auf eine grundsätzliche Kursänderung in Brüssel hin. – Foto: xtock – fotolia.com

Zwar könnte man – wie Navid Kermani das in einem F.A.Z.-Beitrag gezeigt hat – durchaus eine nicht-völkische und nicht-nationalistische Vision von Europa entwickeln. Dem Europa der Opportunisten und Spießbürger setzt Kermani ein Europa der Visionen gegenüber, das ein demokratisches Gegengewicht zu Russland, zur Türkei und zur arabischen Welt sein könnte. Doch woher soll die Realisierung des Ideals tatsächlich kommen? Wer oder was sorgt für mehr Subsidiarität statt für weitergehende Integration, für mehr Föderalismus statt für weitere Verstärkung des Zentralismus?

Eine Prinzessin, die zum Mythos wurde

Europa ist eigentlich der Name einer phönizischen Prinzessin, die Teil einer mythischen Erzählung war. Stellt nicht »Europa« schon im Ansatz einen Mythos dar? Ein »Mythos« ist eine Erzählung oder auch ein womöglich unbewusstes Gedankengebilde, mit dem Menschen beziehungsweise Kulturen ihr Weltverständnis gesellschaftlich verbindlich zu fassen oder zu fühlen versuchen. Mythen werden »im Menschen gedacht, ohne dass er etwas davon weiß«, erklärt der berühmte Mythenforscher Claude Lévi-Strauss.

Vorsicht vor Totschlag-Argumenten

Wenn in unseren Tagen das Stichwort Europa immer weiter als stechendes Argument für eine zur Vereinheitlichung drängende Europapolitik genannt wird, dann klingt das wie die Berufung auf einen »Mythos Europa«. Hier wird mit subtilen Appellen gearbeitet, ohne dass bewusst zum Ausdruck gebracht wäre, was oder welche Vision im tiefen Grunde gemeint sein soll.

Man brauche ein starkes Europa als Gegengewicht gegenüber Amerika und China, wird oft gesagt. Überhaupt verhindere eine Einheit Europas jegliche Kriegsgefahr auf dem Kontinent, den früher bekanntlich viele Kriege durcheinanderwirbelten und von dem zwei Weltkriege ausgingen. Doch solche Thesen wollen genauer geprüft und bedacht sein; sie können genauso wenig als Totschlag-Argument fungieren wie der umstrittene Satz: »Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa.« Die NATO würde genügen, um innereuropäische Kriege zu verhindern.

Dass Europa auch als »christliches Projekt« verstanden werden müsse, hat schon Kardinal Reinhard Marx betont. Aber was wiegt dieses kirchliche Statement im religiösen und weltanschaulichen Pluralismus unserer Zeit noch? Er spricht jedenfalls ganz richtig von einem »Projekt« und erklärt Europa mitnichten zum Selbstzweck. Welch ein »Mythos Europa« ist es denn, der nicht aufhört, energisch gigantische Milliarden-Opfer einzufordern und bürokratische Gängelungen festzulegen?

Entmythologisierung ist angesagt

Andreas Voßkuhle sagte vor einigen Jahren als Bundesverfassungsgerichts­präsident zu Beginn der Eilverhandlung über die Klagen gegen eilige Rettungsfonds- und Fiskalpakt-Beschlüsse: »Europa fordert den demokratischen Verfassungsstaat ebenso, wie der demokratische Verfassungsstaat Europa fordert.« Aber wo steht das eigentlich geschrieben, dass der demokratische Verfassungsstaat ein »Europa« erfordere? Und wenn ja: welch ein Europa? Und was bitte, wenn solche Europa-Forderung – wie schon damals die Kläger in Karlsruhe befürchteten – kraft ihres vereinheitlichenden Zuges am Ende Freiheit und Demokratie eher zu gefährden als zu stützen droht? Wenn der »Mythos Europa« womöglich totalitäre Tendenzen zeitigt, wie er das nicht nur durch diverse penible EU-Regelungen, sondern indirekt auch durch die strategische Förderung der digitalen Revolution längst tut? Bücher wie »Digitale Diktatur«, »Die digitalisierte Freiheit« oder »Smarte Diktatur« decken die politischen Gefahren auf. Fragen über Fragen!

Ich meine jedenfalls nicht, der Euro müsse weiter gerettet werden, damit Europa christlicher werde. Dafür wäre es vielmehr nützlich, erst einmal den unscharfen »Mythos Europa« zu entmythologisieren und den Bürgerinnen und Bürgern genauer und glaubwürdiger als bisher zu sagen, was man meint und will.

Werner Thiede

Pfarrer Dr. Werner Thiede ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Publizist.

www.werner-thiede.de

Seelsorge in allen Facetten

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreichs Bundesheer ist traditionell multireligiös organisiert. Das gilt auch für die Militärseelsorge.

Die Armee in der Donau-Monarchie war immer ein Schmelztigel für Soldaten verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Glaubens«, meint der Leiter des »Institutes für Religion und Frieden« und zuständiger Militärpfarrer für Oberösterreich, Militärkurat Stefan Gugerel. Das »Institut für Religion und Frieden« ist eine Einrichtung des katholischen Militärordinariats der Republik Österreich. Es wurde 1997 gegründet, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Veränderungen im Hinblick auf die katholische Soziallehre zu fördern. Ganz ökumenisch im selben Gebäude der Wiener Stiftskaserne in der Mariahilferstrasse arbeitet die evangelische Militärseelsorge. Geleitet wird sie von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner. Das Pendant zum katholischen Institut ist das evangelische »Institut für militärethische Studien«, kurz IMS.

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt  in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Mit angewandter Militärethik wollen beide Einrichtungen das Bildungsangebot für das Österreichische Bundesheer bereichern. Im Blickpunkt stehen die Grundwehrdiener und die Berufssoldaten und Offiziere. Seelsorgliche Praxis bedeutet hier, dass die Militärseelsorger zu den in Österreich Angelobungen genannten Vereidigungen eine kurze Ansprache halten und ein Gebet sprechen. Seit einiger Zeit finden diese Angelobungen auch interkonfessionell und sogar interreligiös statt. Dazu gibt es auch einen orthodoxen und seit 2015 einen muslimischen Geistlichen.

Karl-Reinhart Trauner resümiert die Situation im schönsten Wienerisch: »Es woar a bisserl in den vergangenen Jahren verlorengegangen, dass mer so verschiedene Herkünfte erlebt hat, oaber jetzt koan mer alle Facetten beim Bundesheer erleben.«

Für die Grundwehrdienstleistenden wird ein konfessioneller lebenskundlicher Unterricht angeboten. Die Aufgaben des österreichischen Bundesheeres bewegen sich zwischen Auslands- und Assistenzeinsatz. Assistenzeinsätze bedeuten Hilfeleistung bei Elementar­ereignissen und Unglücksfällen sowie Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Inneren.

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Momentan sind also auch Soldaten an den Grenzen eingesetzt, um Flüchtlinge zu betreuen. Die Kernaufgabe der Militärseelsorge ist, in jedem Fall dort zu sein, wo Soldaten sind, das heißt, auch im Auslandseinsatz oder aktuell beim Grenzschutz. Militärsuperintendent Trauner sieht im Moment viel Gesprächsbedarf in der Flüchtlingsfrage: »Da mües mer nachbereiten, woas der Einzelne so erlebt hat.« So erlebten Grundwehrdiener manchmal, dass das Essen oder die Kleidung wieder weggeworfen wird. Hinzu kommt gelegentlich auch viel Aggressivität. Die Militärseelsorger bemühen sich in Gesprächen deshalb um eine entspannte Situation. Grundsätzlich dauert der Grundwehrdienst in Österreich sechs Monate.

In der Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die einst viele Völker vereinte, spielte die Integration anderer Religionen in der Armee schon früh eine Rolle. Bereits 1874 wurde der Rabbiner Alexander Kisch zum ersten Feldrabbiner ernannt. Derzeit erfolgt die religiöse Betreuung der jüdischen Soldaten im Auftrag des Oberrabbiners.

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

1881 wurden in der k.u.k. Armee spezielle Vorschriften für die Wahrung der religiösen Bedürfnisse und Gebräuche der muslimischen, bosnischen Wehrpflichtigen erlassen. Bereits 1882 kam es zur Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge und sogar zum Bau einer eigenen Militärmoschee. Das römisch-katholische Militärordinariat Österreich wird von Bischof Werner Freistetter geleitet. Zu ihm gehören derzeit 19 hauptamtliche Seelsorger. Schon seit 1969 existiert die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten, kurz AKS, deren Mitglieder die Militärseelsorger unterstützen.

Die evangelische Militärseelsorge ist im Bundesheer mit sechs evangelischen Militärgeistlichen unter der Leitung von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner im Einsatz, darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern Pfarrer im Nebenamt sowie eine Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Soldaten (AGES).

Thomas Janda

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Lieder von Herz zu Herz

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Großeltern ihren Glauben an Kinder weitergeben? Zum Schluss unserer dreiteiligen Serie geht es um das Singen.

Obwohl das Singen mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum verschwindet, faszinieren uns singende Menschen nach wie vor. Für Kinder ist das Singen eine einzigartige Möglichkeit, sich ihre Umwelt zu erschließen und ihre Identität auszubilden, auch die religiöse.

Theo ist drei Jahre alt und seit wenigen Wochen ein Kindergartenkind. »Wer auf Gott vertraut, braucht sich nicht zu fürchten«, klingt es am Nachmittag aus seinem Kinderzimmer. Es hört sich nicht danach an, dass das Lied beiläufig dahergesungen wird. Eher nach bewusst gewählten Worten, die aus dem Herzen kommen, Worte der Zuflucht in turbulenten Zeiten.

Lieder drücken aus, was uns im Inneren bewegt

Dass wir in Liedern ausdrücken, was uns bewegt, ist ein uraltes Verhaltensmuster. Wenn uns für das, was uns bewegt, die Worte fehlen, greifen wir auf Formulierungen zurück, die schon andere vor uns gefunden haben. Oft erinnern wir uns noch Jahre später an die Musik, die uns in bestimmten Situationen geprägt hat.

Wer Kindern geistliche Lieder vermittelt, gibt ihnen zugleich einen Glaubensschatz auf den Lebensweg mit. Foto: esthermm – Fotolia

Wer Kindern geistliche Lieder vermittelt, gibt ihnen zugleich einen Glaubensschatz auf den Lebensweg mit. Foto: esthermm – Fotolia

Auch unserem Glauben können wir durch das Singen Ausdruck verleihen und ihn vor anderen bezeugen. In besonderer Weise auch vor unseren Kindern. Neben dem Erzählen von Geschichten und dem vertrauensvollen Gebet ist das Singen eine einmalige wie einzigartige Chance, die Kinder im gemeinsamen Alltag in Gottes Gegenwart zu bringen. Denn auch für uns gilt das Bekenntnis der Israeliten aus Exodus 15: »Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil« (2. Mose 15, Vers 2).

Für den Theologen Jürgen Henkys liegt darin eine dreifache Sinnrichtung: Gott als Lobgesang ist zugleich Inhalt, Ziel und Beweggrund. So ist es möglich, dass wir über ihn, zu ihm und durch ihn singen können. Das Singen macht Gott zum einen in dieser Welt hörbar, und zum anderen werden wir und unsere Kinder beim Singen selbst von ihm berührt.
Daher lohnt es sich, geistliche Lieder auch außerhalb von konfessionellen Kindergärten und Schulen oder dem Kindergottesdienst in den Alltag zu integrieren: zum Aufstehen oder Frühstücken, Abendessen oder Schlafengehen. Aber auch Spielsituationen können als Anlass zum beiläufigen Lernen von Liedern genommen werden.

Christliche Verlage bieten eine Vielzahl von CDs und Liederbüchern, je nach Alter der Kinder oder bestimmten Musikstilen. Dabei müssen es nicht immer nur spezielle Kinderlieder sein. Auch alte und neue Kirchenlieder oder Lobpreissongs können in der Familie gemeinsam gesungen werden. Was eine viel größere Rolle als die Liedauswahl spielt, beschreibt der Professor für Liturgik, Musik und Stimmbildung, Markus Eham, von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: »Wenn an meinem Vor- und Mitsingen nicht hörbar wird, dass es aus dem Herzen kommt, wird es kaum zu Herzen gehen.«

Es kommt nicht zuerst auf den sauberen Ton an

Das darf für alle Eltern und Großeltern auch als eine große Erleichterung verstanden werden. Denn Text- und Tonsicherheit spielen eher eine untergeordnete Rolle, wenn wir mit unseren Kindern von und für Gott singen. Das darf des Öfteren auch ohne CD-Begleitung geschehen, denn nur so können Kinder die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Stimmen kennenlernen und ihre eigene trainieren.

Das Singen bringt Sprechen und melodisches Klingen, also auch Denken und Fühlen, zusammen. Es trainiert die Zusammenarbeit von linker und rechter Gehirnhälfte. Dieses Training stimuliert die Entwicklung der musikalischen Intelligenz, welche als Basis für andere Intelligenzen gilt. Durch die Fähigkeit des Singens, negative Gefühle in positive zu verwandeln, wachsen Widerstandskraft, Selbstvertrauen und Selbstverantwortung.

Einen Schatz neu entdecken: Singen in der Familie

Durch den technischen Fortschritt hat sich der Stellenwert des Singens enorm verändert. Das sogenannte Volkslied ist kaum noch existent. Vielmehr begrenzt sich das eigene Singen auf feste Räume, wie Fußballstadien und Klassenzimmer, oder findet auf Volksfesten oder im religiösen Rahmen statt. Doch der eigene Gesang in der Familie ist ein Schatz, den es neu zu entdecken gilt. Denn neben den geistigen Fähigkeiten, die das Singen trainiert, wird mit religiösen Liedern eine geistliche Basis gelegt, aus der viele ein Leben lang schöpfen.

Und damit kann man nie früh genug beginnen. Theo beispielsweise musste als Baby stundenlang singend umhergetragen und geschaukelt werden, bevor er in den Schlaf fand. Doch das abend-, oder besser gesagt, nächtefüllende Repertoire seiner Eltern geriet bald an seine Grenzen. Nach »Der Mond ist aufgegangen« und »Weißt du, wie viel Sternlein stehen« mussten Alternativen her. Nichts eignete sich da besser als alte Kirchenlieder mit vielen Strophen: »Befiehl du deine Wege« (EG 361) oder »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (EG 369).

Mirjam Petermann

Als Christen erkennbar bleiben

8. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Katja Schmidtke mit Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, über seine Zeit als Schriftsetzer, über Flüchtlingsintegration und Großvaterfreuden.

Sie haben in den 1980er-Jahren bei »Glaube + Heimat« gearbeitet. Was war das für eine Zeit?
Grüneberg: Im VOB Druckform Weimar war ich Setzer an einer Bleiguss-Setzmaschine, eine große laute Maschine, und einen halben Meter von mir entfernt stand der kochende Bleitopf. Arbeiten, die im Zeitalter des Computers nur noch im Museum zu finden sind. Mein Beruf ist ausgestorben.

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke




Bevor Sie zum Druck kamen, waren Sie Hilfspfleger in einer Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Menschen. Wie hat Sie das geprägt?
Grüneberg: Ich wollte nach Abitur und Armee nicht studieren, sondern etwas mit den Händen machen. Damals haben viele Freunde in diakonischen Einrichtungen gearbeitet. Diese Häuser waren in den 1970er-Jahren Nischen für Unangepasste. Dort konnte man sich politischen Anforderungen ein Stück weit entziehen. Ich bin umgeschwenkt, als mir die Leitung des Hauses eine Qualifizierung angeboten hatte, Freunden aber nicht. Also ging ich in die Druckerei.

Sie sagten, Häuser wie in Templin waren damals etwas für Unangepasste. Waren Sie auch einer?
Grüneberg: Ja, ich suchte Alternativen. Ein Studium hätte eine Richtung vorgegeben und die hatte ich damals nicht. In den 1980er-Jahren reisten viele Freunde in den Westen aus. Auch für uns stellte sich die Frage, bleiben wir oder nicht, gibt es hier eine sinnvolle Tätigkeit? Damals wuchs der Gedanke, Theologie zu studieren – angestoßen durch meine Frau, die aus einem Pfarrhaus stammt.

Haben Sie auch erst dann zum Glauben gefunden?
Grüneberg: Meine Eltern waren nicht besonders fromm, aber sie gehörten der Kirche an. Als Jugendlicher und junger Erwachsener ging ich zum kirchlichen Leben auf Abstand. Das änderte sich in Templin, das ja ein diakonisches Haus war. Aber der Entschluss, Pfarrer zu werden, brauchte doch Zeit. Erst mit 28 Jahren habe ich angefangen zu studieren.

Für einen jungen Menschen in der DDR war das ein untypischer Weg.
Grüneberg: Ich habe diese Umwege gebraucht, ohne sie wäre es nicht richtig gewesen. Ich habe alles sehr gern gemacht, nichts war verlorene Zeit.

Sommerlogo GuHKönnen Sie die Sorgen und Nöte Ihrer Mitarbeiter nachvollziehen?
Grüneberg: Die Arbeit in der Pflege ist überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Als ich in Templin angefangen habe, wurde ich am ersten Tag bekannt gemacht mit der Gruppe von zehn, zwölf Jugendlichen und am nächsten Tag betreute ich sie allein. Da habe ich Lehrgeld gezahlt. Keine Frage, die Umgebung war sehr liebevoll, aber es hatte reinweg gar nichts zu tun mit den Standards in Pflege und Förderung heute.

Es gelten hohe Standards, aber auch hohe Anforderungen, ein großer Zeitdruck. Steht das nicht im Widerspruch zu christlichen Werten, mit denen sich die Diakonie von anderen abhebt?
Grüneberg: Es ist zumindest ein Spannungsverhältnis, denn wir erwarten von uns, dass wir uns unterscheiden mit Blick auf Zuwendung, Begleitung, kirchliche Angebote. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen und muss immer wieder neu durchbuchstabiert werden.

Sind die Diakonie-Mitarbeiter gut in diesem Durchbuchstabieren?
Grüneberg: Ich denke schon. Sie sind sich des Umfelds bewusst und der Erwartungen, die Eltern oder Angehörige von Pflegebedürftigen an uns als kirchliches Haus stellen.

Nun ist aber ein Großteil der Mitarbeiter konfessionslos.
Grüneberg: Zurzeit sind 46 Prozent der Mitarbeiter Angehörige einer Kirche. Wir unterbreiten seit Jahren Angebote, um sie bei Glaubens- und Lebensfragen zu begleiten, es gibt ein richtiges Programm für geistliches Profil und einen Fachverband Geistliches Leben. Dass wir seit elf Jahren die 46 Prozent halten – damals noch mit 22 000 statt 29 000 Mitarbeitern –, hängt auch mit diesem Programm zusammen.

Wenn mehr als die Hälfte konfessionslos ist, wie christlich ist die Diakonie tatsächlich an der Basis?
Grüneberg: Für den einen ist es eine Arbeitsstelle, für den anderen ein echtes Glaubenszeugnis. Es ist in der Regel Aufgabe von Leitungen, darauf aufmerksam zu machen, dass wir als Diakonie noch andere Aufgaben haben – im Unterschied zu anderen sozialen Einrichtungen –, dass Glaube, Dienstgemeinschaft und kirchlicher Auftrag eine Rolle spielen. Wenn die Einrichtungsleiter das diakonische Profil betonen, wird es auch für Mitarbeiter erlebbar und bedeutsam.

Anfang Juni kochte die von Verdi angestoßene Debatte um den Tarifvertrag hoch. Ist bei den Auseinandersetzungen ein Unterschied zu spüren zwischen christlichen und konfes­sionslosen Mitarbeitern?
Grüneberg: Das weiß ich nicht. Meine Überzeugung ist, unser System der paritätisch besetzten arbeitsrechtlichen Kommissionen ist modern. Es bedeutet Kompromiss, Gespräch und gemeinsame Verantwortung. Wer aber eigene Interessen verfolgt, wird sagen: »Das System funktioniert nicht.« Stimmt. Weil sich ein Partner entzieht.

Sie glauben also an die arbeitsrechtliche Kommission …
Grüneberg: Halt, halt! Ich glaube an den dreieinigen Gott. Aber ja, ich denke unser Weg ist richtig und modern. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass es modern ist, zu streiken und damit Teile der Gesellschaft lahmzulegen, wie es bei Eisenbahner- oder Pilotenstreiks passiert. Und am Ende sitzen alle an einem Tisch und müssen sich einigen.

Sie haben in der Flüchtlingsfrage immer wieder Ihre Stimme erhoben für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Die Wahlergebnisse sprechen eine andere Sprache. Kann man der Angst Argumente entgegensetzen?
Grüneberg: Angst ist irrational. Wer Ängste vorsätzlich schürt, zieht daraus einen Nutzen für sich. Ohne das wäre die AfD nicht zu diesem Erfolg gekommen. Unser Grundsatz ist und bleibt: Wir können uns den Bitten der Menschen, die auf der Flucht sind, nicht entziehen. Das gebietet der eigene Glaube. Wir wollen zeigen, dass das kein Bedrohungspotenzial hat, sondern unsere Gesellschaft reicher machen kann.

Sonne-webJetzt geht es um die Integration. Welche Aufgaben hat die Diakonie und wie sind die Mitarbeiter vorbereitet?
Grüneberg: Dass momentan weniger Flüchtlinge ankommen, hängt nicht damit zusammen, dass sich die Thematik erledigt hätte. Die Menschen sitzen jetzt an den Außengrenzen der EU, und es kommen wieder mehr Boote über das Mittelmeer. Es braucht immer noch politische Antworten. Für uns ist die praktische Aufgabe, unsere Angebote neu zu bedenken, sodass sie auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen verständlich und wahrnehmbar sind. Andererseits müssen wir als Christen erkennbar bleiben. Spannend wird es dann, Menschen anderen Glaubens nicht nur als Klienten zu sehen, sondern auch als mögliche Mitarbeiter.

Gibt es bereits solche Fälle?
Grüneberg: Noch nicht, aber die Kollegen stellen solche Fragen wie: Können wir eine Kollegin mit Kopftuch einstellen und wie verträgt sich das mit der evangelischen Ausrichtung des Hauses?

Wie ist dazu Ihre Meinung?
Grüneberg: Ein evangelisches Haus muss als solches erkennbar sein und deshalb muss auf das demonstrative Tragen von Zeichen anderer Religionen während der Arbeitszeit verzichtet werden. Das ist natürlich ein Spannungsfeld zwischen der verfassungsmäßig garantierten Glaubensfreiheit einerseits und dem ebenfalls in der Verfassung garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen andererseits.

Sie schrieben für »Glaube + Heimat«, arme Menschen brauchen keine Almosen, sondern strukturelle Veränderungen. Welchen Beitrag leistet die Diakonie?
Grüneberg: Leider ist die Herkunft, damit meine ich auch die soziale, immer noch entscheidend für Bildungschancen. Vor zehn Jahren habe ich den ersten Armutsbericht vor der Synode gegeben, damals wurde das übrigens mit sehr viel Widerstand aufgenommen, und bis heute ist es so, dass Kinder aus armen Familien es schwerer haben, Zugang zu Bildung zu bekommen. Wir haben viel unternommen, etwa mit der Aktion »Kindern Urlaub schenken« oder unserem Plädoyer für einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt, denn der größte Grund für Armut ist Langzeitarbeitslosigkeit. Wir können es uns nicht erlauben, auch nur einem Kind wegen seiner Herkunft den Weg zu Bildung zu versperren.

Sie sind zweifacher Großvater. Was wünschen Sie sich für Ihre Enkel?
Grüneberg: Dass sie in Frieden und glücklich in ihrer Familie aufwachsen, und dass ich das noch lange miterleben kann. Ein Enkelkind auf dem Arm zu halten, ist noch einmal ein ganz anderes Erleben als bei den eigenen Kindern. Weil man damals noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Es braucht offensichtlich Zeit und eine gewisse Altersweisheit zu merken, was Kinder für ein Wunder sind.

Haben Sie in der Bibel Lieblingsgeschichten, die Sie den beiden Mädchen gern vorlesen wollen?
Grüneberg: Nein, keine konkreten, aber eine Kinderbibel haben wir noch von den eigenen Kindern und daraus werden wir vorlesen.

Und was liegt bei Ihnen selbst auf dem Lesetischchen?
Grüneberg: Im Moment lese ich – aber ziemlich schleppend – »Die Ehre des Scharfrichters«. Aber ehrlich gesagt, ich bin niemand, der abends im Bett lange liest, deshalb liegt auch kein Buch auf meinem Nachtschrank.

Wie entspannen Sie nach der Arbeit?
Grüneberg: Ich jogge, ich höre Musik, spiele nach der Arbeit ein paar Nummern auf der Gitarre oder gehe spazieren, besuche, wenn ich in Halle bin, unsere Kinder und die Enkel.

Haben Sie Lieblingsplätze in Halle und in Eisenach, wo Sie wohnen?
Grüneberg: In Halle bin ich gern auf der Peißnitz oder ich fahre den Radweg nach Wettin. Und in Eisenach ganz klar unser Garten, dort könnte ich den ganzen Tag sein!

Auf der Alm, da gibts die Sünd

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Urlaubsvertretung – das mache ich gerne. Vier Wochen in einer bayerischen Gemeinde. Man feiert Gottesdienste auf Bergen, an Seen, auch in Kirchen. Denn die Gemeinden sind tourismusbedingt im Sommer größer.

Man entlastet das Team der Geistlichen vor Ort. Viele Touristen aus Ostdeutschland trifft man. Die sagen nicht selten: »Zuhause gehen wir in keinen Gottesdienst.« Ich frage: »Aber hier? Warum?« Sie antworten: »Weil’s in die Landschaft passt. Und weil uns hier keiner kennt.«

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Predigt in den Bergen: Pfarrer Felix Leibrock beim Gottesdienst auf dem Wallberg am Tegernsee. Foto: privat

Auf der Alm, da gibts so manche Sünde, die man nicht voraussieht. Ich habe mal auf der Winklmoosalm (richtig: die von der Rosi Mittermaier!) über Auf- und Abstieg gepredigt. Man musste ja da rauf- und runterlaufen. Illustriert habe ich das am 1. FC Köln. Der war gerade aufgestiegen. »Die können auch wieder absteigen«, sage ich. Da stehen ein Dutzend Menschen auf und gehen. Einer ruft mir empört zu: »Unverschämt! Wir steigen nicht mehr ab. Nehmen Sie Düsseldorf, die sind dafür viel besser geeignet.« Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass das Spaß war. War es aber nicht. Ganz ernste Gesichter. Der Fußballgott ist offenbar ein strenger. Obwohl es ihn nicht gibt.

Am Forggensee halte ich eine Abendandacht. Idyllische Kulisse. Selbst die Schwäne liegen am Ufer und scheinen zuzuhören. Dann spielt der Posaunenchor. Und jetzt passiert es: Die Schwäne schlagen wild mit den Flügeln und gehen schnappend los auf – nein, nicht auf den Posaunenchor, den Verursacher der Aggression, sondern auf den Mann mit dem schwarzen Leibrock! Bis heute hadere ich mit dem Unrecht, das mir da widerfuhr. Ich bin um den halben See gerannt, um den Bissen der Schwäne zu entfliehen. Immerhin haben nach der Attacke deutlich mehr Leute an der Andacht teilgenommen. Weil’s eine Action-Andacht war. Oder warum auch immer. Und der Posaunenchor weiß jetzt hoffentlich: Schwanengesang geht anders.

Einmal habe ich eine Silberhochzeit auf dem Wallberg am Tegernsee gehalten. Herrliches Wetter, die Berge prachtvoll, das Jubelpaar aufgeregt wie am Tag der Hochzeit. Wir bauen die Segnung in den Gottesdienst ein. »Wenn ihr euch noch liebt, könnt ihr das hier vor der Gemeinde auch noch mal öffentlich sagen. Liebt ihr euch?«, frage ich. Eine Antwort kommt sekundengenau und sehr laut. Erst mal noch nicht vom Ehepaar, sondern von ihrem Hund. Wau! Wow!

Gottesdienste auf dem Berg, am See, das ist immer eine ganz eigene Atmosphäre. Irgendwie gelöster, wenn die Kühe das Glockengeläut liefern. Wenn dem Pfarrer der Talar hochweht wie Marylin Monroe das Kleid. Wenn ein Alphorn so ergreifend spielt, dass selbst die Hunde im Tal aufjaulen. Gelöst und heiter bei Gott sein, vielleicht ist es das, was die Menschen auf dem Berg oder am See suchen. Nach so einem Gottesdienst bin ich mit einem Einheimischen im Lift nach unten gefahren. Ich hatte ja viel Gepäck: Wegweiser zum Gottesdienst, Liedhefte, Talar. Das trägt sich schlecht zu Fuß. Da sagt der Mann im Lift zu mir: »Sagen Sie mal, wird bei Ihnen in Thüringen im Gottesdienst in der Kirche öfters gelacht?« Ich: »Na ja, schon. Wir haben ja eine Frohe Botschaft. Da können wir nicht nur als Kopfhänger und Bodenkriecher Gott feiern. Und Jesus bei der Hochzeit in Kana, den kann ich mir auch nicht als Spaßverderber und Trauerkloß vorstellen.« Der Mann: »Hm. Wissen Sie was? Ich gehe hier seit 30 Jahren jeden Sonntag in den Gottesdienst. Wir haben noch nie gelacht.«

Noch eine Beichte: In der Zeit der Urlauberseelsorge schreibe ich meine Krimis. Dafür brauche ich Zeit. Um die zu gewinnen, wechsele ich die Urlaubsorte. Die Bergpredigt in Füssen kann ich nächstes Jahr in Berchtesgaden und übernächstes in Ruhpolding halten. Spart mir die Predigtvorbereitung. Dachte ich. Bis beim letzten Mal auf der Kührointalm ein freundliches Ehepaar kommt und sagt: »Herr Pfarrer, die Predigt von Ihnen kannten wir schon. Wir wechseln jedes Jahr den Urlaubsort.« Jetzt habe ich ein Problem.

Felix Leibrock

Der Autor ist Geschäftsführer und Pädagogischer Leiter des Evangelischen Bildungswerks München, nebenamtlicher Polizeiseelsorger und »Krimi-Pfarrer«. Lebt in Weimar und München.

Vertrauen, Mut und Orientierung schenken

2. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Großeltern ihren Glauben an Kinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Vertrauen, Orientierung und Mut wollen wir unseren Kindern vermitteln. Viele Regeln und Ordnungen lernen Kinder von uns, sie schauen und machen das, was die Erwachsenen ihnen vormachen. So lernen sie die Regeln und Ordnungen, die wie Geländer Raum und Zeit orientieren und strukturieren.

Im Zusammenleben erfahren sie erstes Vertrauen: Man bekommt Nahrung, wenn man Hunger hat; im glücklichen Fall wird man getröstet, wenn man sich wehgetan hat. Von Gott wird erzählt, dass er einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Sollte schon in die ersten Anfänge eines Lebens Gott hineinspielen?

Leben ist geschenkt, gegeben, wir haben es nicht gemacht. Schon am Anfang ist Gott mit im Spiel: »Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.« (Psalm 139,16) »Gott als Geheimnis der Welt«, unter diesem Titel hat der Theologe Eberhard Jüngel sein Nachdenken über Gott und Welt zusammengefasst. Gott also in der Welt, aber als Geheimnis, die Welt ist offenkundig kein Beweis für Gott. Gott schenkt Leben, er provoziert Vertrauen, Orientierung und Mut. Die Bibel nennt das Glauben. Aber das Geheimnis ist nicht greifbar, es ist kein Beweismittel, und was wir nicht als Beweismittel greifen können, wird rasch vergessen. Der Geschenkcharakter des Lebens gerät in Vergessenheit. Das ist moderne Gottvergessenheit.

Die Geschichte Gottes wirbt für die Einsicht, dass ein Mensch sich geschenkt ist. Mit den vielen Geschichten, Gebeten, Verheißungen und Klagen verweist die Bibel auf Gott. Gott erschließt sich, wenn wir im Erzählen in die Geschichten verwickelt werden. Das Erzählen macht Menschen empfänglich für Gottes ursprüngliches Ja: »Fürchte dich nicht, … ich habe dich bei deinem Namen gerufen«. (Jesaja 43,1)

Schauen wir auf das erste Kapitel der Bibel. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Ein Kind mag fragen: Ist so die Welt entstanden? Das kann doch nicht sein! Aber es versteht, dass schon am Anfang die Welt Schutz brauchte, Fürsorge, wundervolle Ordnung von Raum und Zeit. Die Welt ist schön, ein Lobgebet äußert das: Der Himmel freue sich …, es sollen jauchzen alle Bäume im Walde (Psalm 96,11/12). Der Bericht des ersten Kapitels der Bibel fährt fort mit der Schöpfung des Menschen: der Mensch im Angesicht Gottes, angeredet als Ebenbild, verantwortlich und voller Würde.

Als Mensch in Gottes Geschichte kann ich rufen und werde gehört. Ich spreche mit Kindern den 23. Psalm: Die uralten Worte, mit denen Israel seinen Glauben bekannte, erweisen sich als zuverlässig und tragfähig. Die Worte schaffen einen Raum von Vertrauen, da hört uns jemand und versorgt uns wunderbar mit erquickendem Wasser. Ich bin nicht der einsame Einzelne, der allen gleichgültig ist.

Ein Kind erziehen heißt, mit ihm zusammenleben, ihm Vertrauen, Orientierung und Mut einflößen. Man kann das tun, indem man von der Geschichte erzählt, in der einem jeden Menschen Anerkennung und Würde zugesprochen wird. So wird ein Mensch, ein Kind in Gottes Geschichte verwickelt. Während des Zusammenlebens mit meinen Kindern und später mit den Enkeln waren für mich leitend die Gedanken des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak, der von 1912 bis zum Ende 1942 das jüdische Waisenhaus in Warschau leitete. Korczak entstammte einer jüdischen Familie, praktizierte aber die jüdische Religion nicht. Dennoch blieb er fest verwurzelt in der biblischen Tradition. Er galt als nicht religiös, aber er richtete im Waisenhaus ein Morgengebet ein, an dem die Kinder freiwillig teilnehmen konnten.

Das Gebet ist Lebensraum und Ordnung, es teilt die Zeit ein, innerhalb und außerhalb meiner selbst: Gott ist der Name für das Geschenk und die Güte des Lebens.

Janusz Korczak konnte den Kindern sein Lebensverständnis vermitteln beim Betrachten einer Wiese. »Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens ihnen, das Leben für eine Wiese zu halten.« In seinem Tagebuch im Warschauer Getto schreibt er: »Dank dir, guter Gott, für die Wiese und die bunten Sonnenuntergänge, für das frische Lüftchen am Abend nach einem heißen Tag der Mühsal und Arbeit. Guter Gott, der du es so weise eingerichtet hast, dass die Blumen duften, die Glühwürmchen auf der Erde leuchten, die funkelnden Sterne am Himmel.« Korczak schreibt aus der Erinnerung – im Getto gab es keine Wiese – im Vertrauen auf das ihm geschenkte Leben. Die fröhliche Wiese ist gestaltet vom Realismus der Barmherzigkeit. Eine Hand ist neben mir und sorgt für mich wie der barmherzige Samariter. Das ist die Sicht auf die Welt, die immer wieder die Spur des Geheimnisses der Welt entdeckt.

Gunda Schneider-Flume

Die Autorin war Theologieprofessorin in Heidelberg und Jena. Bis zu ihrer Emeritierung 2006 hatte sie den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Leipzig inne.

Buchtipp:
Schneider-Flume, Gunda: Kinder können fliegen. Leben mit Kindern – Im Gespräch mit Janusz Korczak, Verlag Peter Lang, 95 S., ISBN 978-3-63166-364-6, 19,95 Euro

»Ermöglicher« – und nicht »Verhinderer«

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In entspannter Atmosphäre auf ihrem Balkon in der Erfurter Altstadt traf Willi Wild die Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, zum Gespräch. Es ging dabei um aktuelle Herausforderungen, Kritik aus den Kirchengemeinden und Perspektiven.

Das Landeskirchenamt ist mitten in Erfurt und Sie wohnen unweit des Domplatzes. Was bekommen Sie von den Demonstrationen am Dom mit und was bewegt Sie dabei?
Andrae:
Auf meinem Nachhauseweg komme ich am Domplatz vorbei. Den Mittwochs-Demonstrationen kann ich da gar nicht entgehen. Ich finde die Polarisierung in der Stadt und insgesamt in der Gesellschaft erschreckend, auch wenn die Zahl der Demonstranten zurückgegangen ist. Natürlich bewegt mich die Frage, wie wir die Menschen, die zu uns gekommen sind, integrieren können.

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Brigitte Andrae, im Gespräch mit Willi Wild. Fotos: Mario Gentzel

Mein Mann und ich gehören zum Unterstützerkreis der Begegnungsstätte »Café Paul« in der Predigergemeinde. Dort treffen sich Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Das sind erst mal ganz einfache Begegnungen. Ich lerne aber dabei sehr viel über die Menschen und habe plötzlich ein ganz konkretes Bild über die Lebenswirklichkeit von Mustafa und Maarouf. Aber auch sie erfahren etwas über mich.

Wie begegnen Sie auf der anderen Seite Menschen, die Angst vor Überfremdung haben und das christliche Abendland in Gefahr sehen?
Andrae:
Sicher gibt es in unserer Kirche Menschen, die solche Ängste haben. Grundsätzlich müssen wir als Kirche die Ängste vor dem Fremden oder die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ernst nehmen. Was wir derzeit an Gewalt, Krieg und Zerstörung von Lebensgrundlagen erleben, verursacht Ängste. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es ist wichtig, eine Gesprächsbasis zu finden.

Was bedeutet das im Umgang mit anderen Religionen?
Andrae:
Da bin ich Lernende. Ich merke immer wieder, wie wenig ich über andere Kulturen, andere Religionen und die Lebenswelten anderer weiß. In der Begegnung wächst mein Verständnis. Ich bin ein offener Mensch und empfinde Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mein Arbeitsplatz nicht in Gefahr ist und dass die Flüchtlinge für mich keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Deshalb kann ich mir kein Urteil über Menschen erlauben, die ihre Existenz bedroht sehen.

Seit fünf Jahren ist das Landeskirchenamt der EKM jetzt in Erfurt im Collegium maius mitten in der Altstadt. Welche Verbindung haben Sie als Kirchenbehörde zur Stadt?
Andrae:
Eine enge Verbindung habe ich von Anfang an angestrebt. Dem Ort, dem Collegium maius, der alten Erfurter Universität mit Martin Luther als berühmtesten Schüler und Lehrer, fühlen wir uns verpflichtet. So oft es möglich ist, öffnen wir unser Haus für Veranstaltungen. Die »Collegium-maius-Abende« werden gut angenommen. Wir wollen unser Haus öffnen und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs. Für mich ist die Kunst im Landeskirchenamt ganz wichtig. Regelmäßig organisieren wir Ausstellungen und laden ein zur Teilnahme an unseren geistlichen Angeboten, den Morgengebeten und mittwochs zum Mittagsgebet in der Michaeliskirche, gegenüber dem Landeskirchenamt.

Viele Mitarbeitende im Landeskirchenamt engagieren sich ehrenamtlich. Wir haben im Haus für Flüchtlinge gesammelt oder die Arbeit der Stadtmission unterstützt.

Sie wollen erstmals die Öffentlichkeit ins Landeskirchenamt einladen. Was haben Sie vor?
Andrae:
Am 10. September von 10 bis 14 Uhr gibt es einen »Tag der offenen Tür«. Wir wollen unsere Arbeitsbereiche vorstellen und Menschen einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein Angebot, das weit über Erfurt hinausgeht. Kirchengemeinden und Mitarbeitende sind eingeladen, ihr Landeskirchenamt zu besuchen, um beispielsweise die Öffentlichkeitsarbeit der EKM kennenzulernen oder sich über das EKM-Projekt zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen zu informieren. Aber auch Fragen nach der Funktionsweise unseres Finanzsystems in der EKM werden fachkundig beantwortet. Ich möchte die Kirchengemeinden ermuntern, die Möglichkeit für einen Gemeindeausflug zu nutzen.

Das Verständnis für die Arbeit und die Arbeitsweise des Landeskirchenamtes scheint an der Basis nicht sehr ausgeprägt. Angesichts von Strukturreformen, Stellenkürzungen oder der Zusammenlegung von Kirchengemeinden wächst der Unmut. Viele fragen sich, wohin soll die Reise gehen? Was ist das Ziel?
Andrae:
Die Frage nach dem Ziel ist eine gemeinsame und vor allem eine geistliche Frage, die alle Ebenen unserer Landeskirche betrifft. Die Rahmenbedingungen für die kirchliche Arbeit haben sich, auch im gesellschaftlichen Kontext, in den letzten Jahren erheblich verändert. Ich sehe die zentrale Funktion des Landeskirchenamtes darin, unter den geänderten Rahmenbedingungen das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Gemeinden zu ermöglichen und zu gewährleisten. Wir wollen »Ermöglicher« und nicht »Verhinderer« sein. So hat sich bei den Schwerpunkten der Arbeit im Landeskirchenamt einiges verändert. Unsere Aufgaben als Aufsicht gehen zurück, die der Beratung und Dienstleistung nehmen zu. Wir bieten in einigen Bereichen Spezialwissen an, das in Kreiskirchenämtern oder auf Kirchengemeindeebene so nicht vorgehalten werden kann.

ErSommerlogo GuHreicht Sie die Kritik aus den Kirchengemeinden?
Andrae:
Ja, natürlich erreicht mich die Kritik. Und ich nehme wahr, dass es unter den geänderten Rahmenbedingungen für die Gemeinden und Kirchenkreise nicht leicht ist, Schwerpunkte zu setzen oder die Arbeit in bestimmten Bereichen neu zu organisieren. Die Verantwortung liegt vor Ort. Über den Stellenplan für den Verkündigungsdienst beschließt die Kreissynode. Wie die konkrete Dienstanweisung für die Pfarrerin oder den Pfarrer aussieht, wird zwischen diesen und den Kirchengemeinden unter Beteiligung des Superintendenten ausgehandelt. Das Landeskirchenamt hat lediglich eine Rahmenanweisung erlassen, um einer Überlastung vorzubeugen. Damit wollen wir die Pfarrerinnen und Pfarrer im Verkündigungsdienst unterstützen.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da müssen im Landeskirchenamt der EKM große Aufgaben geschultert werden. Was ist Ihnen wichtig?
Andrae:
In erster Linie wollen wir als EKM gute Gastgeber sein. Natürlich sind wir stolz auf die vielfältigen Schätze, die wir in der EKM haben. Die schönen Kirchen, die wunderbare Kirchenmusik, die Kunst und die Menschen in unseren Kirchengemeinden. Wir wollen zeigen, dass wir eine lebendige Kirche sind, die sich – ganz im Sinne der Reformation – verändert. Das Reformationsjubiläum ist eine Chance, dass wir als EKM noch stärker unsere gemeinsame Identität finden. Wir gehören zusammen und vieles verbindet uns, ob wir in Eisenach oder in der Altmark leben.

Welche Perspektive hat Ihrer Meinung nach die EKM?
Andrae:
Eine Frage, die uns weiter beschäftigen wird: Wie kann es uns gelingen, neben dem Bewährten etwas Neues zu etablieren, in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns befinden? Gute Traditionen erhalten und Neues ausprobieren. Ein gutes Nebeneinander von Tradition und Innovation. In den »Erprobungsräumen« nehmen missionarische Projekte einen wichtigen Platz ein. Bunte Vielfalt anstatt ausschließlich starrer Formen.

Eine zweite wichtige Frage ist, wie es uns gelingt, religiöse Themen in die Gesellschaft einzubringen. Wo erreichen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen? Da ist Phantasie gefragt. Ich wünsche mir natürlich auch eine Kirche, die verantwortlich mit ihren Ressourcen umgeht. Und ich wünsche mir, dass man gerne in dieser Kirche arbeitet. Sei es im Haupt- oder im Ehrenamt. Wenn wir etwas von der Freude des Evangeliums ausstrahlen, fände ich das wunderbar.

Sie hatten im vergangenen Jahr einen runden Geburtstag?
Andrae:
Ach ja.
Sonne-web

Denken Sie schon über die Zeit nach dem Berufsleben nach? Und welche Ziele haben Sie, was möchten Sie bewegen?
Andrae:
Ich bin 60 geworden. Nach wie vor macht mir die Arbeit viel Freude. Die verbleibenden fünf Jahre bis zu meinem Ruhestand möchte ich nutzen, um zwei Anliegen zu befördern: Das ist zum einen die strategische Personalentwicklung für den Verwaltungsdienst in der EKM. Hier haben wir für die Entwicklung und Implementierung ein Projekt für das Landeskirchenamt und exemplarisch in drei Kreiskirchenämtern aufgelegt. Zum anderen: Wie gelingt es, das Landeskirchenamt noch stärker zukunftsfähig zu machen? Wie können wir den Erwartungen der Adressaten noch besser entsprechen? Wo setzen wir inhaltliche Schwerpunkte? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund der Einsparungen in 2019 zu lösen. Nach jetzigem Stand sind auf der landeskirchlichen Ebene zweieinhalb bis drei Millionen Euro einzusparen.

Und das, obwohl sich die Einnahmesituation im vergangenen Jahr doch erheblich verbessert hat?
Andrae:
Die Einnahmen im Haushalt der EKM bestehen nur zu 50 Prozent aus eigenen Mitteln, der Kirchensteuer, 30 Prozent kommen aus dem EKD-Finanzausgleich und 20 Prozent sind Staatsleistungen. Trotz der Einnahmesteigerung geht die Gemeindegliederzahl kontinuierlich um jährlich zwei Prozent zurück. Bis 2025 wird es circa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler in der EKM geben. Darauf müssen wir auf der Ausgabenseite reagieren.

Ihre Aufgabe nimmt Sie sehr in Beschlag. Gibt es da überhaupt noch ein Leben außer des Amtes?
Andrae:
Gott sei Dank! Ja.

Wobei können Sie entspannen?
Andrae:
Mein Mann und ich entspannen, wenn wir mit unseren beiden Kindern und deren Familien zusammen sind. Mit unseren beiden Enkelinnen fahren wir in den Urlaub an die Ostsee. Die Große wird elf und die Kleine ist fünf, die kommt das erste Mal mit. Wir lieben das Meer. Anschließend sind wir in Mecklenburg mit unserem alten DDR-Faltboot unterwegs.

Daneben interessiere ich mich für Kunst oder sitze gern mal gemütlich in einem Café.

Krakaus Lutheraner und der katholische Weltjugendtag

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Draußen, in der Krakauer Fußgängerzone, singen und tanzen die Jugendlichen aus ganz Europa. »Italia, Italia«, schreit eine Pilgergruppe, die hinter einer überdimensionierten italienischen Flagge vom Wawel zum Marktplatz zieht. Und als Pfarrer Roman Pracki die Türen der Martinskirche öffnet, strömt sofort eine Pilgergruppe aus Pforzheim in das Gebäude. Was bemerkenswert ist, denn die direkt am Fuß des Wawel gelegene Martinskirche ist eine evangelische Kirche. Und Pracki gehört zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
»Unsere Gemeinde hier in Krakau gibt es seit der Reformation«, berichtet der Theologe eine Etage weiter oben, in seinem Büro, in perfektem Deutsch. Heute lebten 600 Lutheraner in Krakau – ein Drittel stammten aus lutherischen Familien aus Krakau, ein Drittel sei aus dem traditionell lutherisch geprägten Teschener Land zugezogen, ein weiteres Drittel konvertiert. Welt-31-2016»Der Weltjugendtag erinnert mich an unsere Jugendevangelisationen, die wir in einem weit kleineren Maßstab jedes Jahr in Dziegielów anbieten.«

Im Vorfeld des Weltjugendtags hätten die im ökumenischen Rat von Krakau organisierten Minderheitenkirchen, zu denen neben Lutheranern auch Methodisten, Altkatholiken und Orthodoxe gehören, den Katholiken Räume für Veranstaltungen angeboten und gemeinsame Angebote vorgeschlagen. »Daran bestand seitens der Katholiken aber kein Interesse, auch wenn die Ökumene hier in Krakau sonst durchaus funktioniert«, sagt Pracki, der selbst an einer katholischen Hochschule evangelische Liturgik unterrichtet. »So wird der einzige ökumenische Akzent im Programm des Weltjugendtags das Treffen des Papstes mit den Bischöfen der Minderheitenkirchen bleiben – wie schon bei den vergangenen Papstbesuchen in Polen.«

Im persönlichen Kontakt seien die Katholiken in Krakau aber häufig sehr offen für Anliegen der Lutheraner – so gebe es gemeinsame Gottesdienste, speziell auch für Menschen, die in gemischt-konfessionellen Ehen lebten. »Wir sind ja auch eine konservative lutherische Kirche, so wie die Altlutheraner in Deutschland«, sagt Pracki. Und wenn im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Cracowia Sacra« alle Kirchen der Stadt die Türen öffnen, beteiligten sich natürlich auch die Protestanten daran.

Während der Woche des Papstbesuchs finden in der Kirche Orgelkonzerte und Kirchenführungen statt, und natürlich am Sonntag die drei Gottesdienste, die jeden Sonntag gefeiert werden. Was der Weltjugendtag mit Krakau macht? »Es ist auf jeden Fall eine Veranstaltung, die für eine positive Stimmung in der Stadt sorgt und allgemein für das Christentum wirbt«, sagt Pracki. »Und weil Polen ein mehrheitlich katholisches Land ist, haben auch viele Einwohner großes Verständnis für die Jugendlichen – das sieht man etwa in der Straßenbahn, wo die Pilger sofort gefragt werden, wo sie denn herkämen.« Wer mit dem Weltjugendtag nichts zu tun haben wolle, sei ohnehin in Urlaub gefahren.

Benjamin Lassiwe