Türkei: Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.
Auch im Westen spielen solche Symbole eine große Rolle, wie das V-Zeichen für »Victory«, von Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg und später von »Friedensbewegten« in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruß, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinensern populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

Ulrich W. Sahm

Wenig Schlaf für den jungen Luther

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: In Erfurt begann Martin Luther zu studieren, bis ein heftiges Gewitter ein Leben veränderte. Der wohlhabende Student wurde zum Bettelmönch. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

In Erfurt erzählt fast jeder Pflasterstein eine Geschichte. Auf einige von ihnen hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch der junge Martin Luther (1483–1546) seine Füße gesetzt. Im Jahr 1501 kam der spätere Reformator nach seiner Schulzeit in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach nach Erfurt. Rund zehn Jahre später verließ er sie als Mönch. Zunächst studierte er, wie damals oft üblich, an der »Hierana« die »Sieben Freien Künste«, wie Grammatik, Rhetorik und Astronomie.

Die Erfurter Universität bestand schon mehr als 100 Jahre. Manch ortsansässiger Historiker nennt sie gar die älteste Universität Deutschlands, stammt doch das Privileg zu ihrer Einrichtung aus dem Jahr 1379. Erfurt hatte damals 20 000 Einwohner und zählte zu den fünf größten Städten im Reich. Heute hat die thüringische Landeshauptstadt gut 200 000 Einwohner und bietet einen großen mittelalterlich geprägten Altstadtkern.

Damals übte der Ruf von Stadt und Universität auf den jungen Mann aus wohlhabendem Hause eine magische Anziehungskraft aus. Zudem versprach sich sein strenger Vater vom späteren Studium der Jurisprudenz einen Grundstein für eine steile Karriere als Beamter an einem Fürstenhof.

Doch es kam anders. Die Legende berichtet, dass der junge Mann am 2. Juli 1505 auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern im rund 90 Kilometer entfernten Mansfeld auf einem Feld bei Stotternheim, das heute zu Erfurt gehört, von Blitz und Donner überrascht wurde. In Todesangst rief er: »Ich will Mönch werden!« Das setze er um und trat zwei Wochen später in das strenge Augustinerkloster ein. Forscher vermuten, dass er schon vorher mit dem Gedanken gespielt hatte, aber Angst vor der Reaktion des Vaters hatte.

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Im heutigen Augustinerkloster wird deutlich, wie die Mönche des Bettel­ordens vor 500 Jahren lebten. Und wie Luther sich mit der Frage quälte: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« In der Dauerausstellung unter dem Dach sind Mönchszellen zu sehen. Allerdings dienten sie nicht privaten Bedürfnissen, erzählt Kurator Carsten Fromm. Geschlafen wurde in einem Raum, die Zellen dienten allein als Rückzugsorte für die Glaubensarbeit.

In einem der kleinen Räume werden hinter dicken Eisenstäben schwere Folianten aufbewahrt. Sie sind Teil der berühmten Bibliothek des Klosters. Durch eine Glasscheibe hindurch können die Besucher aus der Ausstellung in ihren Lesesaal blicken. Im Fenster der Kirche ist die Rose zu sehen, die den Reformator zu seinem Siegel inspiriert haben soll. Im Kapitelsaal bekommt der Gast eine kleine Vorstellung von der Strenge des klösterlichen Lebens. Mehr als vier Stunden Schlaf waren für die Mönche nicht drin, den Rest des Tages widmeten sie sich Gebet und Studium der Heiligen Schrift.

Heute ist das Kloster eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Wer ohne Parkplatz und Telefon auskommen kann, ist hier richtig. »Wir versuchen eine Reduktion auf das Wesentliche«, beschreibt Kurator Fromm das Anliegen seines Hauses. Von hier aus lässt sich Luthers Erfurt erkunden.

Nur wenige Schritte sind es vom Kloster hinüber zum Dom, wo Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Der Weg führt durch das alte lateinische Viertel der Universität, über kurze Abstecher gelangt man zur Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen, und in die Waagegasse zur ältesten erhaltenen Synagoge Mitteleuropas. Dort ist seit einigen Jahren auch der Goldschatz zu sehen, den ein reicher Jude vor dem Pogrom von 1349 vergrub.

Vieles lässt sich in Erfurt entdecken, was an Luthers Aufenthalt bis 1511, seinem Wechsel nach Wittenberg, erinnert. Die Humanistenstätte Engelsburg zum Beispiel, die heute Studentenclub ist. Dort soll der kranke Martin Luther 1537 behandelt worden sein. Und die pittoresken Bursen, Fachwerkhäuser am Flussufer, die als Studentenwohnheime dienten. So gründete sich vor einigen Jahren der Verein »Georgenburse Erfurt«, der das Haus betreut, in das der Student Luther Ende April 1501 eingezogen sein soll. Es gibt eine kleine ökumenische Pilgerherberge und eine Ausstellung darüber, wie die Studenten im Mittelalter so lebten.

Von Dirk Löhr und Wiebke Rannenberg (epd)

Gott in den Alltag holen

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie können Eltern und Groß­eltern ihren Glauben an Kinder und Enkelkinder weitergeben? Dieser Frage widmet sich eine dreiteilige Serie.

Kennen Sie »Kirchenbauchschmerzen«? Nein? Dieses rätselhafte Leiden befällt meine Kinder ab und zu am Sonntagmorgen kurz nach neun Uhr, wenn es Zeit wird, sich für den Sonntagsgottesdienst bereit zu machen. Er fühle sich gar nicht gut, sagt dann der Achtjährige, der Bauch tue weh und überhaupt, das gesamte Befinden sei nicht das Beste. Die kleine Schwester schließt sich dem an, greift noch schnell an die Stirn, die ihr selbst sehr, sehr heiß vorkommt. Das Zauberhafte an diesen Beschwerden ist: Um Punkt zehn Uhr sind sie verschwunden, ob wir nun gemeinsam den Gottesdienst besuchen oder nicht.

»Kirchenbauchschmerzen« zeigen, dass es gar nicht so einfach ist, Kinder im Glauben zu erziehen. »Religion lernt man von außen nach innen«, sagt der Religionspädagoge Fulbert Steffensky. Kinder sollen am Vorbild der Eltern christliches Leben erfahren, mit ihnen den Gottesdienst besuchen, das Geschehen dort in sich aufnehmen, erleben, um es dann zu verinnerlichen und verstandesmäßig zu erfassen.

Doch Kinder in den Kontakt mit dem Glauben zu bringen und sie auf ihrem eigenen Weg zu bestärken ist nicht leicht, vor allem, da man als Eltern erst einmal über den eigenen Glauben reflektieren muss. Was glaube ich? Wie erlebe ich Gott? Was weiß ich über ihn und Jesus Christus? Wie sag ich’s meinem Kinde? Und man muss sein Verhalten betrachten: Bete ich? Spreche ich von Gott? Gehe ich zum Gottesdienst? Sprechen wir gemeinsam das Tischgebet? Bin ich barmherzig und gebe dem Bettler in der Fußgängerzone etwas aus meinem Geldbeutel oder gehe ich achtlos an ihm vorbei?

Kinder betrachten ihre Umwelt sehr genau. Dazu gehört auch das Verhalten der Menschen, die sie umgeben. Und sie fragen ganz automatisch nach Gott. Ihre Fragen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, das ist ganz wichtig, damit Kinder eine Beziehung zu Gott aufbauen können. Der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger hat viele Bücher darüber geschrieben, wie man den christlichen Glauben an Kinder und Jugendliche weitergibt. Neben den Gesprächen über Gott hält er Rituale für unverzichtbar: das Segnen der Kinder vor dem Weg zur Schule oder zum Kindergarten, das Tischgebet und das Vorlesen aus der Bibel.

Solche Rituale haben auch wir. Und es stimmt: Sie helfen auch in unserer hektischen, digitalen Zeit, innezuhalten und Gott in unser Leben, an unseren Abendbrottisch zu holen. Aber ich gestehe, ich muss mich immer wieder ermahnen, Gott diesen Raum in unserem Leben zu geben, Platz an unserem Tisch zu machen. Wer Gott als täglichen Begleiter erfährt, weiß, dass er mit allen Sorgen, Nöten, Ängsten, aber auch Freuden in ihm einen Ansprechpartner hat. Ich hoffe, so wird der Glaube an Gott und Jesus Christus allmählich verinnerlicht. Ein Glaube, der bleibt, wenn der Kinderglaube längst schon vergangen ist.

Diana Steinbauer

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Luthers Erben in Tansania

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Leipziger Missionare brachten neben der Bibel vor allem Luthers Tradition des Gemeindegesangs in das damalige Deutsch-Ostafrika. Eine Tradition, die im heutigen Tansania ungeahnte Früchte trägt.

Der Filmtrailer beginnt mit Szenen aus ländlicher Gegend Tansanias, dazu sieht man eingeblendete Fotos aus der Missionsgeschichte. Unterlegt ist das Ganze mit dem Gesang aus einem Bach-Oratorium. Dann erscheint das Gesicht von Kelvin: »Diese Lieder sind wir nicht gewohnt zu singen«, sagt der junge Musiker mit entschuldigendem Lächeln. Schnitt: Vorbereitungen zu einem Chortreffen im südöstlichen Afrika, fröhliche Stimmen, mitreißender Rhythmus, sich im Takt wiegende Menschen in bunten Gewändern. Das ist das Lebensgefühl von Luthers Erben im ehemaligen Deutsch-Ostafrika heute.

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Die aus Mitteldeutschland stammende und jetzt in Frankfurt lebende Filmemacherin Julia Peters hat diese Art von Gemeindegesang vor einigen Jahren kennengelernt. Bei einer Begegnungsreise mit dem Leipziger Missionswerk, das vor rund 130 Jahren die ersten Missionare in das heutige Tansania entsandte. Nicht, um der damaligen Kolonialmacht, dem Deutschen Reich, zu dienen, sondern allein dem Reich Gottes, wie man ausdrücklich betonte. Im Gepäck hatten die lutherischen Christen nicht nur Gottes Wort, sondern auch Luthers Tradition des Choralgesangs.

Heute gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias rund 5,5 Millionen Menschen. Und es gibt seit 60 Jahren einen der wohl größten Chorwettbewerbe der Welt: 1 500 Chöre treten jährlich gegeneinander an. Zunächst in Vorausscheiden in den Diözesen, die 20 Besten dann im großen Finale. Bestreiten müssen sie dabei einen Pflichtteil und die Kür. Die Pflicht: ein europäischer Choral, der von der Kirchenleitung vorgegeben wird. Die Kür: eine eigene Komposition, in der sie zeigen, wie das Evangelium auch in traditionellen afrikanischen Musikformen seinen Ausdruck finden kann.

Seit Julia Peters die fröhlichen Menschen mit ihrem ebenso hingebungsvollen wie im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Gesang erlebt hat, hat sie einen Traum: Sie will diesem einzigartigen Ausdruck echter Volksfrömmigkeit in einem Dokumentarfilm nachspüren. »Es ist die Chance, etwas über Tansania, über Afrika zu erzählen, ohne die Menschen dort, wie so oft üblich, als die hilflosen Opfer darzustellen«, so die Filmemacherin. Denn so unterschiedlich die Chöre auch sind, was sie eint: Es gibt keine Profis. Alles sind einfache Menschen, musikalische Autodidakten, aber voller Begeisterung und Kreativität. Und voller Glauben, der ihr Leben ebenso wie ihren Gesang prägt.

Wie zum Beispiel Martha, Witwe und Kleinbäuerin in bescheidenen Verhältnissen. Der Glaube und der Gesang gaben ihr in schwerer Zeit die Kraft zum Überleben. Heute leitet sie den Neema-Chor, der aus Menschen ihrer Dorfgemeinschaft besteht und für den sie inzwischen eigene Lieder im Stile des WaGogo komponiert. Oder der Kanaani-Jugendchor aus Arusha, einer Großstadt im Nordosten Tansanias. Kelvin leitet den Chor, der nicht nur musikalisch aktiv ist: Seit einiger Zeit hat der Chor ein eigenes Projekt für Straßenkinder in Arusha initiiert.

Drei Chöre will Julia Peters gemeinsam mit ihrer Partnerin Jutta Feit in diesem Sommer begleiten und filmisch porträtieren, bis hin zum Finale des diesjährigen Wettbewerbs. Premiere für den Film »Luthers Erben – Sing it Loud« soll im kommenden Frühjahr sein. Als Höhepunkt wünscht sie sich im Jahr des Reformationsjubiläums dann eine Kino- und Konzerttour mit dem Jugendchor Kanaani durch Deutschland, bis hin zu den Kirchentagen auf dem Weg und dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg.

Doch um das ehrgeizige Projekt zu realisieren, braucht die Filmemacherin zunächst einmal genügend Geld. Sie sucht deshalb Einzelspender oder auch Kirchengemeinden, die das Projekt als Partner begleiten oder vielleicht sogar einen Kino- und Konzertabend im kommenden Jahr organisieren wollen. Auf einer eigenen Internetseite sind außer dem Filmtrailer weitere Angaben zum Projekt und vor allem Kontakt- und Spendenmöglichkeiten angegeben. »›Luthers Erben‹ aus Tansania hätten es wirklich verdient, gerade im kommenden Jahr hier nach Deutschland zu kommen«, ist Julia Peters überzeugt.

Harald Krille

www.singitloud.de

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Ein Poet im Pfarrhaus

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Bad Köstritz gedenkt des Dichterpfarrers Julius Sturm, der vor 200 Jahren geboren wurde

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Julius Sturm (1816–1896) war zu seiner Zeit, der Spätromantik, ein bekannter Dichter und Märchenerzähler. In Fachkreisen geschätzt als Kleinmeister der Literatur und Schriftsteller der kleinen und leisen Dinge. Bis 1910 waren seine Werke in fast jeder Gedicht-Sammlung zu finden. Anfang des 20. Jahrhunderts ist er jedoch vergessen worden. In Bad Köstritz ist das Erbe des Pfarrers und Liederdichters seit jeher unvergessen. Geboren wurde Julius Karl Reinhold Sturm am 21. Juli 1816 in Köstritz. Er besuchte das Geraer Rutheneum, Theologie studierte er in Jena. Zunächst arbeitete Sturm als Erzieher in Heilbronn und danach im Hause der Fürstenfamilie Reuß in Schleiz. Die Heirat brachte ihn zurück nach Köstritz, wo er die Nachfolge seines Schwiegervaters im Pfarramt antrat. Bis zu seinem Tod am 2. Mai 1896 ist Julius Sturm seiner Geburtsstadt treu geblieben. Viele historische Stätten in Bad Köstritz erinnern an diesen Sohn und Förderer der Stadt. Ein Denkmal, eine Gedenktafel am Pfarrhaus, in dem er von 1860 bis 1885 wirkte, das Sturmzimmer im Palais und seine letzte Ruhestätte auf dem neuen Köstritzer Friedhof gehören dazu. Bad Köstritz gedenkt in diesem Jahr nicht nur Sturms 200. Geburtstages, sondern sein Todestag jährt sich ebenfalls zum 120. Mal. Das ganze Jahr 2016 steht daher im Zeichen der Erinnerung an den geheimen Kirchenrat, Doktor der Theologie und Ehrenbürger von Köstritz. Friederike Böcher, Direktorin im Heinrich-Schütz-Haus, berichtet allein von zwei Ausstellungen in ihrem Haus. Im Frühjahr zeugte eine Schau vom Einfluss Martin Luthers auf Sturms Leben und Schaffen mit Gedichten zur und über die Person des Reformators. Bis September beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung »Dein Lied, o Luther, tönt wie Meeresrauschen« mit Sturms Liedern. »Etwa 35 Choräle, nach Worten von Julius Sturm, hatten oder haben den Weg in evangelische Gesangbücher gefunden, zum Beispiel: Nun geh’ uns auf, du Morgenstern«, weiß Friederike Böcher. Sturm nutzte das Schreiben vorrangig zur Alltagsbewältigung. Seine Gedichte, Fabeln und Märchen sind Ausdruck von Freude und Traurigkeit, handeln von den kleinen Dingen des Alltags, von der Schönheit der Natur und berichten Vers für Vers von seinem tiefen unerschütterlichen christlichen Glauben. »Josef Gabriel Rheinberger, Carl Reinecke, Franz Schreker, Hugo Wolf und viele andere mehr haben Lieder oder vierstimmige Sätze nach Worten von Julius Sturm verfasst«, ergänzt Friederike Böcher. »Mehrere davon werden zur 14. Köstritzer Museumsnacht am 26. August 2016 erklingen.«

Die Fest- und Gedenktage vom 21. bis 24. Juli 2016 in Bad Köstritz bilden den Höhepunkt der Feierlichkeiten. Die Gäste erwartet ein abwechslungsreiches Programm. Bürgermeister Dietrich Heiland wird in die Rolle von Julius Sturm schlüpfen und Geschichten und Gedichte vortragen. Alle Gedenkstätten in Bad Köstritz können erkundet werden. Ein Vortrag wird sich mit der Bedeutung des Dichters zu seiner Zeit beschäftigen. Zum Abschluss wird zu einem Gottesdienst 10 Uhr in die Köstritzer Kirche St. Leonhard, in Ablauf und Gestaltung angelehnt an die Zeit von Julius Sturm, eingeladen.

Wolfgang Hesse

Sieg und Niederlage

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sehnsucht nach dem vollen Leben artikuliert sich beim Fußball wie im Glauben

Die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich ist zu Ende. Vier Wochen lang hat der Fußball das Leben von Millionen Menschen bestimmt, hat sie Abend für Abend gemeinsam in die Cafés und Kneipen oder vor den Fernseher gelockt. Was ist dran an der Faszination Fußball?

In einer kleinen Dorfkirche im Weimarer Land hängt vom Kanzelaltar die Leinwand. Ein Familienvater schaltet den Beamer ein. Liturgische Farbe ist heute Schwarz-Rot-Gold. Hier gibt es keine Sakristei, der Kühlschrank steht unter der Empore. Der Lehmputz fällt von den alten Wänden. Noch. Und doch ist dieser Ort heute mit Leben gefüllt. Gleich kommen sie, die Alteingesessenen und die Zugezogenen, die Konfirmanden, der alte Bauer und viele, die noch nie in einer Kirche waren. Heute kommen sie und gucken gemeinsam Europameisterschaft. Das ganze Dorf – sonst sieht man sich ja nie. Sie schauen und jubeln für verschiedene Mannschaften. Der Taufengel hält seinen Fuß ins Bild. Hinterher bleiben viele da, haben Zeit und teilen sich eine Bratwurst und das Leben.

Was diese kurze Anekdote deutlich macht: Fußball hat auch in den vergangenen vier Wochen Menschen zusammengeführt, Gemeinschaft ermöglicht, auch und vor allem zwischen Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären.

Foto: Smileus – Fotolia.com

Foto: Smileus – Fotolia.com

Fußball ist ein Mannschaftssport, ob auf dem Platz oder vor der Leinwand. Ob auf der Arbeit oder im Konfirmandenunterricht, über die Spiele der Europameisterschaft kommen Menschen ins Gespräch und teilen ihr Leben. Und manchmal findet das ganze Leben zwischen 90 Minuten statt: Hoffen und Bangen, Empörung und Versöhnung, der befreiende Siegesjubel und die bitteren Tränen der Niederlage. Das gemeine versteckte Foul, das besonders weh tut, auch weil es nicht geahndet wird. Das überraschende Fair-Play, wenn ein Spieler sein Vergehen gegenüber dem Schiedsrichter zugibt. Die Verletzung, die Träume zerplatzen lässt, und die wunderbare Rückkehr des Spielers Benjamin Köhler, der mit dem Krebs um sein Leben gerungen hatte und nun wieder auf dem grünen Rasen steht. Diese Geschichten zeigen, dass Fußball Teil unseres Lebens ist. So waren auch bei dieser Europameisterschaft für mich wieder die stärksten Momente diejenigen, bei denen die Spieler als Menschen erkennbar wurden. Da sehe ich Portugals Christiano Ronaldo, wie er seinen Arm schützend um einen Fan legt, der für ein Foto mit seinem Vorbild auf den Rasen gestürmt war und nun von den Sicherheitskräften abgeführt werden sollte. Ich sehe die Gesichter der Spieler nach dem Elfmeter-Krimi Deutschland–Italien. Unbändige Freude und fassungslose Trauer zugleich. Der faire Verlierer Gianluigi Buffon, der italienische Torhüter, der mit Tränen in den Augen zum Sieg gratuliert, und die deutschen Spieler, die ihre italienischen Kollegen in den Arm nehmen. Und wie in den Stadien, so auch auf den Straßen und in den Cafés in Deutschland. Diese Emotionen sind es, die das Spiel ausmachen. Wo sonst können sie so öffentlich gelebt werden?

Und ich sehe die Spieler Islands, die mit Teamgeist und Leidenschaft Geschichte geschrieben und sich in die Herzen Europas gespielt haben. Nach der Niederlage im Viertelfinale gegen Frankreich war Island ausgeschieden, und doch blieben die Isländer allgegenwärtig in den Stadien und den Straßen Frankreichs und Europas. Die isländischen Fans standen in ihrer Leidenschaft den Spielern in nichts nach, sie empfingen die Spieler auf der Insel wie Helden, und ihr Wikinger-Schlachtruf eroberte die Stadien bis hinein ins Finale: Hu!

Aber geht es im Fußball nicht letztlich um Sieg oder Niederlage? Gewiss, und so ist es doch auch im »richtigen« Leben, im Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Der Fußball bietet einen spielerischen Umgang mit diesen Erfahrungen, der grenzenlosen Freude, wie auch der völligen Verzweiflung. Diese Emotionen zu leben, kann freimachen, und es tut gut, auch einmal zu Niederlagen stehen zu lernen.

Beim Fußballspiel kann sich das Blatt bis zur letzten Minute noch wenden, und es fühlt sich gut an, diese Hoffnung mit zurück ins Leben zu nehmen. Im Fußball, wie im Glauben, artikuliert sich die Sehnsucht nach dem vollen Leben.

Ramón Seliger

Kapitulation im Gottesdienst

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausgebrannt: Er leitete eine Vorzeigegemeinde. Pfarrer Andreas Möller war beliebt, erfolgreich und irgendwann überlastet. Erst eine Auszeit brachte sein Leben wieder ins Lot.

Andreas Möller, Jahrgang 1962, bezeichnet seinen vierteljährlichen Aufenthalt im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach als »eine der wertvollsten Zeiten in meinem Leben«. Innehalten, das bisherige Leben unter die Lupe nehmen, schauen, warum es zu dieser Krise gekommen ist. Der Pfarrer blickt auf ausgefüllte, erfolgreiche Berufsjahre im Gemeindebezirk Wenigenjena, zu dem in Jena die Gemeinden am Lutherhaus und an der Schillerkirche und in Ziegenhain die an der Marienkirche gehören.

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

Pfarrer Andreas Möller. Foto: Sabine Kuschel

1998 kommt der Theologe nach Jena. Gemeinsam mit seiner Frau, die Gemeindepädagogin ist, will er sich am Konzept eines missionarischen Gemeindeaufbaus nach Christian und Fritz Schwarz orientieren. Zu diesem gehören inspirierende Gottesdienste, zweckmäßige Strukturen, die Mitarbeiter übernehmen Verantwortung entsprechend ihren Gaben. Als er der Gemeinde dieses Konzept vorstellt, ist er begeistert von der Resonanz: »Da packen wir mit an.« So kommt es. Die Gemeindesituation wird genau betrachtet, die Menschen, ihre verschiedenen Frömmigkeitsformen, die Gebäude und Räume. Drei Schwerpunkte kristallisieren sich heraus: Christ werden und bleiben. Wie können Christen ihre je eigene Form der Nachfolge entwickeln? Und wie können sie entdecken, welches ihr persönlicher Beitrag für das Anliegen Gottes ist? Dafür gibt es entsprechende Angebote: Seminare, Glaubenskurse, geistliche Übungen, Persönlichkeitstests. Das Gemeindeleben blüht auf. Familiengottesdienste werden so gestaltet, dass sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen. Die Jugendlichen kommen am Abend. Alte und neue Formen existieren nebeneinander. Als die 180 Plätze im Kirchsaal nicht mehr ausreichen, werden die Gottesdienste geteilt. Jeweils drei am Sonntag. Der Zuspruch ist enorm. »Die Nachbargemeinden guckten nach uns.« Es entsteht Druck. Neben der Vielzahl an Gruppen, Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen gibt es einen Berg an Verwaltungsarbeit. »Ich habe den Anspruch, dass alles gut und sauber läuft, aber nicht das Geschick für die Geschäftsführung«, räumt der Theologe ein. 2002 nach einem Urlaub machen sich »Anzeichen von Burnout« bemerkbar. Panikattacken. Der Pfarrer beschließt kürzerzutreten. Als er der Gemeinde dies im Gottesdienst sagen will, bricht er plötzlich in Tränen aus. Totenstille. Möller schildert: »Ein Mann steht auf, Arzt, ein ganz großer Mann, kommt nach vorn, nimmt mich in den Arm und sagt, er habe das kommen sehen.« Für Möller ist dies ein berührender Moment. »Ein emotionaler Höhepunkt. Ich habe mich getröstet gefühlt.«

Nun überlegt und berät die Gemeinde, wie der Pfarrer entlastet werden könnte – und findet eine innovative Lösung. Es wird eine zusätzliche Pfarrstelle eingerichtet, jedoch nicht mit landeskirchlichen, sondern eigenen Mitteln. Es finden sich genügend Spender. Die Stelle wird über einen Förderverein finanziert. Es dauert allerdings eine Weile, bevor 2004 Pfarrer Jörg Gintrowski kommt und sich die Situation in der Gemeinde entspannt. Allerdings laufen im Kirchenkreis Verhandlungen über Strukturveränderungen. Möller engagiert sich. Die Auseinandersetzungen kosten viel Zeit und Kraft. Energie, die der Gemeinde verlorengeht. »Ich wollte für unseren Kirchenkreis etwas bewegen.« Doch er kann sich nicht eingestehen, dass er etwas geschafft hat.

Januar 2012. Der Pfarrer sitzt vor seinem Computer, sein Leben erscheint ihm wie ein Trümmerhaufen. »Ich war so frustriert, wie erstarrt, vergleichbar mit einer festgefahrenen Festplatte auf dem Computer, eine innere Lähmung.« Der Psychiater schreibt ihn krank und verordnet eine Langzeittherapie. Der Theologe klinkt sich aus seinem Alltag aus. Die Gespräche mit dem Psychologen sind wichtig für ihn. Und die Auszeit in Münsterschwarzach. Hier blickt er auf sein Leben und erkennt: »Es ist nicht allein die Arbeit«, denn viele Menschen seien mit Arbeit randvoll eingedeckt und bekämen dennoch kein Burnout. »Es ist auch nicht die mangelnde Wertschätzung«, andere würden für das, was sie tun, ebenfalls keine oder zu wenig Anerkennung ernten. Er unternimmt in Münsterschwarzach eine Reise in die Kindheit. Dabei entdeckt er, dass seine Erziehung in einem Pfarrhaus in der DDR Spuren hinterlassen hat. Die Einstellung seiner Eltern, Dienst für Gott und Menschen gehe vor, leitet auch ihn. Ebenso der Anspruch, alles perfekt erledigen zu wollen. Er nimmt seelische Verwundungen wahr, schreibt Tagebuch, liest die Klagelieder der Bibel. Im Recollectio-Haus hat er viel Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Zum täglichen Ritual gehören die Gottesdienste und Gebete. Ein Team von geistlichen Begleitern, Psychotherapeuten und Ärzten hilft, neue Perspektiven zu erkennen. Andreas Möller steckt seine Grenzen neu ab.

Die Wochen im Recollectio-Haus sind eine heilsame Zeit. Er entdeckt den Wert von Familie und von Freundschaften neu. Er macht ausfindig, wie er sich im Alltag eine kurze Pause schaffen kann, kennt seine 30 Möglichkeiten der Entspannung, die nicht länger als fünf Minuten dauern und nicht mehr als fünf Euro kosten. Zum Beispiel eine Tasse Kaffee trinken, ein Comic lesen, ein paar Schritte im Garten gehen. Er kehrt nach Hause zurück mit einer anderen Sensibilität. »Ich weiß mich zu schützen.« Nach 18 Jahren verabschiedet sich der Pfarrer von Jena und betritt beruflich Neuland. Seit März ist Möller Referent für Gemeindeentwicklung. Zur Einführung in dieses neue Amt schreibt eine Jenaer Autorin: »Die EKM hätte kaum einen Besseren finden können.«

Sabine Kuschel

USA: Die endlose Debatte über Schusswaffen

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Es war spektakulär, als im Juni demokratische Kongressabgeordnete im US-Capitol einen Sitzstreik durchführten, um eine Abstimmung zur Schusswaffenkontrolle zu erzwingen. Doch die Debatte steckt fest. Barack Obama hat schon mehr als ein Dutzend Mal Hinterbliebenen von Schusswaffenmassakern kondoliert. Beschwerden über die Waffenindustrie und den Lobbyverband »National Rifle Association« (NRA), der unerbittlich auf das Recht zum Waffenbesitz pocht, haben allerdings nicht viel gebracht. Beide Seiten leben in verschiedenen Welten, fühlen sich als Opfer.

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Schätzungsweise 300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privathänden – statistisch beinahe eine pro Person. Etwa ein Drittel der US-Amerikaner lebt in Haushalten mit einer Schusswaffe. Laut dem »Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention«, einer öffentlichen Behörde, sind im Jahr 2013 in den USA 11 208 Menschen mit Schusswaffen getötet worden. Mehr als 20 000 Menschen haben sich mit einer Kugel selbst das Leben genommen.

Der Waffenhandel boomt jedes Mal nach Massenmorden. Viele legale Käufer treibt im Grunde genommen, was auch Schusswaffengegner treibt, die sich über die Waffenvernarrtheit entsetzen: das illusorische Verlangen nach Sicherheit. Selbstschutz wird bei Umfragen als Hauptgrund für den Waffenbesitz genannt. Dabei geht die Kriminalität seit Jahren stark zurück. Aber Bewaffnete verweisen zudem auf die US-Verfassung: Diese garantiere das Recht auf Waffenbesitz.

Tiefes Misstrauen liegt der Debatte zu Grunde. Schusswaffengegner misstrauen den Besitzern, die sich von den Herstellern und der NRA vereinnahmen ließen und einfach nicht verstehen wollten, dass die Todeszahlen so hoch sind, weil Waffen so leicht zugänglich sind. Die Bewaffneten misstrauen dagegen der Regierung und trauen ihr auch zu, Gesetze zu schreiben, die dem gesetzestreuen Amerikaner schaden könnten. Waffenbesitzer sind überwiegend konservativ eingestellte weiße Männer. Frauen bewaffnen sich kaum, und Afroamerikaner viel weniger als Weiße.

Doch trotz ihrer Erfolge beim Abschmettern von Reformen: Schusswaffenbesitz und der Stolz auf die Waffe gehören zu einem Amerika, das an Einfluss verliert. Anfang der achtziger Jahre wohnten noch 50 Prozent der US-Amerikaner in Haushalten mit einer Waffe. Junge Leute schießen heute nicht mehr auf der Jagd, sondern beim Computerspiel auf dem Laptop- oder Smartphonebildschirm.

Verglichen mit Europa ist in den USA die Zahl der Schusswaffenopfer astronomisch hoch. Doch bei aller Empörung: Die Rate ist nach Regierungsangaben seit Anfang der neunziger Jahre stark zurückgegangen, von sieben Morden pro 100 000 Einwohner auf 3,8 Morde. Die USA werden wohl weiter mit ihren Schusswaffenarsenalen leben. Für Kirchen ist die Diskussion schwierig: Denn auch in ihren Bänken sitzen viele Schusswaffenbesitzer.

Konrad Ege

Vom Guten im Bösen, vom Unglück im Glück

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Josefsgeschichte – ein Edelstein der biblischen Erzählkunst

Ohne Frage, in ihrer Zeit war die Josefsgeschichte eine moderne Erzählung und Josef war ein moderner Mensch. Was aber hat diesen Edelstein der biblischen Erzählkunst zu einer modernen Geschichte gemacht? Dies, dass sie sich durch eine »revolutionäre Weltlichkeit« auszeichnet (Gerhard von Rad). Dem Leser der Meisternovelle in 1. Mose 37-50 wird ein junger Mann vor Augen gestellt, der auf den ersten Blick ganz in der Welt aufgeht: Josef, der Träumer, das Lieblingskind, die Petze, der verhasste Todeskandidat, der nach Ägypten verkaufte Haussklave, der Glückspilz, der erfolgreiche Hausverwalter, der Standhafte und Verleumdete, der Häftling, der weise Traumdeuter, Vizepharao, Retter in der Not und große Versorger, der harte Prüfer und Versöhner … Nichts Menschlich-Allzumenschliches ist ihm fremd. Alles riecht nach Welt. Wie ein autonomes Geschehen läuft die Kette der Ereignisse vor den Blicken des Publikums ab, etsi deus non daretur – »als ob es Gott nicht gäbe« (Dietrich Bonhoeffer).

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Rebecca Horner als Potifars Weib und Denys Cherevychko als Joseph in der Ballettkomposition »Josephs Legende« von John Neumeier. 2015 wurde das Ballett an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Foto: Wiener Staatsballett/ Michael Pöhn

Vor uns steht ein junger Mann mit einer mehrfach gebrochenen Karriere. Das macht ihn interessant. Glatte Karrieren sind etwas für Langweiler! Und dass die Josefsnovelle ihr Publikum in mehr als 2 000 Jahren Literaturgeschichte gelangweilt hätte, das kann wahrlich niemand behaupten. Dieses Kapitel der Weltliteratur, immer neu und immer anders erzählt, hat im kulturellen Gedächtnis des Judentums, der Christenheit und des Islams breite Spuren hinterlassen, bis hin zur monumentalen Roman-Tetralogie »Joseph und seine Brüder« von Thomas Mann.

Ja, auch die Religionen lieben das Weltliche und sind – trotz gelegentlicher apokalyptischer Neurosen – nicht auf Weltflucht programmiert. In diesem ständigen Auf und Ab einer Familiengeschichte fällt es schwer, so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. Da gibt es Glück im Unglück, aber auch Unglück im Glück, Gutes im Bösen, aber auch Böses im Guten. Vieles, was geschieht, trägt den Stempel der Kontingenz, des Zufälligen, Überraschenden. Und doch wird der Leser den Eindruck nicht los, dass hinter all diesen Irrungen und Wirrungen eine »unsichtbare Hand« steht, ein verborgener Sinn in einem Meer von scheinbaren Sinnlosigkeiten.

Doch dieser Sinn erschließt sich Josef und seinen Brüdern erst im Nachhinein, in den wenigen Augenblicken, in denen Göttliches im Weltlichen aufblitzt, der Gott Israels in der Geschichte seines Volkes, für das Jakob und seine Söhne stehen. Durch Vaterliebe und Bruderhass, Sklavenlos und Gefängnis, durch Niederlagen und Erfolge, den großen Hunger und kluge Landwirtschaftspolitik, durch Schuld und Versöhnung, durch dieses ganze unentwirrbare Geflecht menschlicher Leidenschaften und Schicksale, schimmert das verborgene Handeln Gottes hindurch, seine Vorsehung. Am Ende tröstet Josef seine Brüder mit den Worten: »Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt« (1. Mose 45,5). Da ist einer, der es gelernt hat, einen Sinn im scheinbar Sinnlosen zu entdecken, in all den Irrwegen und Umwegen, die er gehen musste, Gottes Wege mit ihm und seinen Brüdern zu erkennen und anzunehmen; einer, dem eine Ahnung davon aufgegangen ist, dass Gottes Wege Lebenswege sind, Wege, die nicht auf Vernichtung, sondern auf Rettung, nicht auf Vergeltung, sondern auf Versöhnung, nicht auf den Hungertod, sondern auf Brot und die Fülle des Lebens »für alle Welt« (1. Mose 41,56 f.) aus sind. Da ist einer, der am Ende seines ganz und gar weltlichen Lebens und des Lebens seiner Brüder Bilanz zieht: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20). Das nenne ich wirklich ein begnadetes Leben. Das Leben eines Menschen, der in dem Bösen, das ihm widerfuhr, die Güte Gottes fand.

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Lesetipp
Lux, Rüdiger: Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern, Evangelische Verlagsanstalt, 312 S., ISBN 978-3-374-01848-2, 16,80 Euro

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Hoffnungen, Risiken, Bedenken

11. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Neue Verfahren wie die Crispr-Cas9-Methode haben die biomedizinische Forschung in das öffentliche Interesse gerückt. Diskutiert werden müssen die ethischen Grenzen der Genomchirurgie, vor allem der Zugriff auf das menschliche Erbgut. Fragen und Antworten.

Was ist die Crispr-Cas9-Methode?
Es geht darum, die DNA, in der das genetische Material und damit das Erbgut von Lebewesen und Viren gespeichert ist, zu zerschneiden, zu zerstören oder gezielt zu verändern. Das Verändern wird »genome editing« genannt, analog dazu, wie ein Text redaktionell editiert (bearbeitet) werden kann. Eingesetzt werden kann es zur Erforschung und zur Therapie von Krankheiten. Ein entscheidender Durchbruch gelang im Jahre 2012 den Arbeitsgruppen um die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die Biochemikerin Jennifer Doudna. Crispr steht für »Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats«.

Was ist das Besondere an der Methode?
Die Forscher nutzen ein Verfahren, das es in der Natur schon gibt: Bakterien sind in der Lage, zielgenau und wie mit einer Schere die DNA von Viren zu zerstören, die zuvor in die Bakterien eingedrungen sind.

Was wurde schon gemacht?
Zum Beispiel Forschung an Pflanzen, Mikroorganismen und Bakterien: die Erzeugung einer Hefe zur effektiveren Herstellung von Krebsmedikamenten und die Züchtung einer bakterienresitenten Reispflanze.

Wie sehen es andere Länder?
In der Genforschung gibt es einen starken internationalen Wettbewerb. So haben chinesische Forscher im April 2015 das Potenzial von Crispr-Cas9 an nicht entwicklungsfähigen menschlichen Embryonen getestet. Die Ergebnisse zeigten, dass »genome editing« noch nicht genügend ausgereift sei für eine »verantwortbare Anwendung in der Medizin«, heißt es von den Forschern der Leopoldina.

Welche Chancen bietet das neue Verfahren?
Effizient, zeitsparend und kostengünstig sind die immer wieder verwendeten Schlagworte. Und wenn zum Beispiel die Gene der Anopheles-Mücke, die Malaria überträgt, dauerhaft verändert werden könnten, könnte das das Ende der Malaria bringen. Es bedeutet aber auch einen massiven Eingriff in das Ökosystem.

Wann wird es problematisch?
Diskutiert werden vor allem die drei Anwendungsmöglichkeiten am Menschen. Die Forschung in vitro, im Reagenzglas außerhalb des Körpers, an normalen somatischen Körperzellen, wird im Allgemeinen als unproblematisch angesehen. Die Anwendung im Körper (in vivo), an normalen Zellen, setzt voraus, dass die Methode ausgereift, ethisch begründbar und technisch sicher ist. Prinzipiell zur Diskussion steht die dritte Anwendungsart: die in der Keimbahn.

Was ist die Keimbahn?
Die Linie von Eizelle und Samenzelle über die befruchtete Eizelle bis zu den Eizellen oder Samenzellen des daraus entstehenden Nachkommens. Somatische Zellen hingegen enthalten zwar Erbinformationen, geben diese aber nicht weiter.

Welche ethischen Fragen werden diskutiert?
Im Mittelpunkt steht die Veränderung der Keimbahn und damit der Eingriff in das Erbgut künftiger Generationen. Befürworter weisen darauf hin, dass so Menschen vor schweren Erbkrankheiten bewahrt werden könnten. Wer das nicht wolle, müsse moralisch begründen, wieso er ein Krankheitsrisiko bewusst nicht beseitigen wolle.
Blick-28-2016Andere weisen darauf hin, dass die genetische Veränderung ohne die Zustimmung des künftigen Menschen geschieht, damit würden das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit sowie die Würde des noch nicht geborenen Menschen verletzt. Andere setzen die Würde und Identität der gesamten menschlichen Gattung dagegen. Zudem sei die technische Selbstgestaltung Teil der menschlichen Entwicklung – und wieso sollte es die Würde eines Menschen verletzen, wenn er vor einer schweren Erkrankung bewahrt würde?

Um all diese Fragen zum Eingriff in die Keimbahn ausführlich und öffentlich zu diskutieren, fordern einige Wissenschaftler ein Moratorium für Keimbahn-Experimente beim Menschen.

Wiebke Rannenberg (epd)

Ein Riss geht durch das Land

5. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Der katholische Mehrheitsglaube hat die Menschen im Nachbarland noch immer geeint. Doch in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen scheint selbst dies nicht mehr zu funktionieren.

Teile und herrsche«, das sei das Motto von Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der derzeit alleinregierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), meint Piotr Kandyba. Er selbst ist Mitglied der Partei »Nowoczesna Ryszarda Petru«, zu deutsch »Richard Petrus Moderne« oder auch einfach nur »Die Moderne«. Auf dem Weg vom Büro zur Parteiarbeit nimmt er sich in einem Café Zeit für ein Gespräch. Die Regierung ermuntere die Menschen zu einem aggressiven Verhalten. Der Lokalpolitiker Kandyba werde darum als Parteimitglied des Ökonoms Ryszard Petru als »Bankster« beschimpft. Das schmerzt ihn, da er sich als »sozialliberalen Katholik« sieht, der sich vor Ort auch für die sozial Schwachen engagiert, die sich nun teils gegen ihn wenden. »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden«, so das Motto des Weltjugendtags, zu dem Papst Franziskus Ende Juli Polen besuchen wird. Im Gastgeberland stehen sich Regierungsgegner und Regierungsbefürworter derzeit jedoch unversöhnlich gegenüber.

Bei Demonstrationen und Protestaktionen kommt es immer wieder zu Gerangel. »Verräter, geht nach Deutschland oder Russland!«, werden Aktivisten des »Komitees zur Verteidigung der Demokratie« (KOD) von Anhängern der PiS angeschrien. Die Partei unter der Leitung von Jaroslaw Kaczynski hat im vergangenen Herbst die Wahlen gewonnen. Seitdem gestaltet sie Polen nach ihren nationalkonservativen Vorstellungen um.

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Nicht die Begeisterung über Polens Einzug ins Viertelfinale der Fußball-EM treibt derzeit immer wieder Tausende Polen auf die Straße, sondern die Angst vor einer immer nationalistischeren und europafeindlicheren Politik. Foto: REUTERS/Kacper Pempel

Möchte man mit Gegnern oder Befürwortern der PiS ins Gespräch kommen und gibt sich als Journalist zu erkennen, erntet man oft bei allen erst mal Misstrauen: »Ah, pass auf – wir wissen nicht, auf welcher Seite er ist!« An eine neutrale Berichterstattung scheint kaum noch jemand in Polen zu glauben.

Doch wo ist dann die Mitte, die Brücke zwischen den Polen? Lange galt die Familie als Zuflucht gegenüber einer oft feindselig empfundenen politischen Umgebung. Doch heute: Kommentare zur Politik lassen Familienzusammenkünfte platzen, Eltern löschen ihre Kinder auf Facebook und umgekehrt. Zerwürfnisse, die in anonymer Form kolportiert werden.

Der 46-jährige Kandyba hofft, dass es zu keinem »Maidan«, zu keiner gewaltsamen Auseinandersetzung wie in der Ukraine kommt. Eine Änderung erwartet er – leider – erst, »wenn die umgesetzten Versprechen der Regierung unsere Volkswirtschaft zum Kippen bringen. Wenn die Leute ihre Arbeit verlieren«. Dann, so hofft er, würden viele ihre Fehler einsehen und die Zerstrittenen könnten aufeinander zu gehen. Da er in einem internationalen Konzern arbeitet, gleichzeitig offen für das KOD wirbt, sieht er sich als eine Ausnahme: Die meisten Angestellten hätten sich bereits aus der politischen Arbeit verabschiedet, da sie um ihre Stelle fürchten.

Von der katholischen Kirche, dem einst großen gemeinsamen Nenner Polens, ist Kandyba enttäuscht. Sie versäume es, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. In der Kirche in seinem Heimatstädtchen Piaseczno bei Warschau würde bei der Messe den KOD-Engagierten sogar der Friedensgruß verweigert.

Dies wird Ende Juli hoffentlich nicht passieren. Der Besuch des Papstes in Polen wird seit Februar durch von ihm ernannte 76 polnische »Missionare der Barmherzigkeit« vorbereitet. Die Geistlichen haben sogar die besondere Ermächtigung, von Sünden loszusprechen, von denen sonst nur der Apostolische Stuhl freisprechen darf.

Einer von ihnen, der auch im staatlichen Fernsehen TVP mitwirkt, erklärte sich einverstanden, ein Interview zu geben. Die Kirche nach Franziskus sei ein »Feldlazarett«, bei dem jeder sich holen könne, was er brauche. Die Kirche dürfe sich nicht vor dem Menschen verschließen. Doch dann ist er über die seiner Meinung nach zu politischen Fragen ungehalten. Eine Autorisierung des Interviews entfällt im Nachhinein.

Von einem gespaltenen Land will der Geistliche indes auch nichts wissen: »Als Missionar der Barmherzigkeit fahre ich durch Polen von Süden nach Norden. Ich bin in unterschiedlichen Gemeinden, in unterschiedlichen Gemeinschaften, die sehr mit der Kirche verbunden, oder auch überhaupt nicht mit der Kirche verbunden sind. Es ist ein Polen, ein wunderbares Polen, eine polnische Gesellschaft, ein Volk Gottes.«

Dennoch steht bereits fest, dass er nach dem Papstbesuch seine Arbeit im Staatsfernsehen aufgeben muss. Intendant Jacek Kurski und ein Teil der Bischöfe störten sich an einer zu liberalen Ausrichtung, so jedenfalls die These liberaler polnischer Medien.

Jens Mattern

Beten für die Nationalmannschaft?

5. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kontroverse: Darf man sich bei der Fußball-Europameisterschaft für einen Sieg an Gott wenden?

Nein, er selbst bete nicht für einen Sieg, sagt Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Aber für viele Fans sei es sicherlich ein großes Anliegen. »Und es steht mir auch gar nicht zu, anderen vorzuschreiben, was sie beten dürfen. Was wir beten, kommt aus dem Herzen und von Herzen. Und Fußball ist für viele, auch für mich, eine Herzensangelegenheit.«

So, wie er sich ein faires Spiel wünsche, so gelte Fairness auch für die Gebete, gibt de Vries zu bedenken. »Ich kann nicht dafür beten, dass sich gegnerische Spieler verletzen oder blamieren, sondern dass in einem guten Spiel zwischen guten Mannschaften meine Mannschaft das bessere Spiel macht. Einen ›Fußballgott‹ braucht es dafür nicht, weder im Himmel noch auf dem Platz.« Er selbst werde für eine friedliche und faire EM beten.

Pro:   Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Pro: Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Kontra : Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Fotos: epd-bild

Kontra: Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Fotos: epd-bild

Aber was bedeutet es, wenn Fans der beiden gegnerischen Teams jeweils für einen Sieg beten? »Hier können wir nur darauf vertrauen, dass Gott mit einander widersprechenden Gebeten richtig umgeht«, erläutert der Theologe. »Wir vertrauen darauf, dass er unsere Gebete hört, obwohl wir immer wieder – und spätestens nach der Niederlage der eigenen Mannschaft – die Erfahrung machen, dass er sie nicht alle er-hört.«

Man könne Gott zu nichts überreden, geschweige denn zwingen. »Das Gebet ist vielmehr ein Gespräch mit Gott, das aus dem Herzen kommt«, sagt de Vries. »Das Gebet öffnet einen Raum, in dem wir Gemeinschaft mit Gott haben. Und da sind wir wieder beim Thema: Das Beten für den Sieg meiner Mannschaft gibt meinen Emotionen und Herzenswünschen einen Raum – und Emotionen gibt es während einer Europameisterschaft im Überfluss!«

Er finde das Beten für den Sieg des eigenen Nationalteams befremdlich, sagt hingegen Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. »Ich finde es unangemessen, wenn sich das Gebet auf ein bestimmtes Ergebnis bezieht. Was für ein Verständnis von Gott steckt hinter solchem Beten? Gott ist nicht wie ein Kaffeeautomat, in den ich einige Münzen werfe, und dann kommt unten postwendend die Kaffeevariation heraus, die ich mir wünsche.«

Ein Gebet zu sprechen heiße für ihn in erster Linie, zu danken, erklärt der Theologe. »Zu beten heißt für mich, mich in Beziehung zu Gott zu begeben. Im Vaterunser beten wir: ›Dein Wille geschehe.‹ Das ist für mich wesentlich, dass ich mich im Gebet dem Willen Gottes öffne.« Im Gebet begegne sein Wollen und Wünschen dem Willen Gottes. »Indem ich mit Gott spreche, höre ich, was sein Weg ist – mit mir und der Welt. Da passt eine Bitte um einen Sieg von Boateng, Khedira, Schweinsteiger und Co. für mich nicht hin.«

Eine Niederlage der eigenen Mannschaft könne ihm zwar mal den Abend ein bisschen verderben, berichtet Rekowski. Aber wenn das Spiel gut gewesen sei, könne er auch mit einem schlechten Ergebnis leben: »Deswegen muss ich nicht für einen Sieg beten.«

Dennoch fühle er sich als Beter für die EM gefragt: »Ich kann und muss Gott klagen, dass auch bei der EM in Frankreich wieder mal Hooligans herz- und vor allem hirnlos prügelnd und randalierend unterwegs sind«, sagt Rekowski. Gott im Gebet um machtvolles Eingreifen, um Umkehr dieser Fans, die keine Fans sind, zu bitten, scheine ihm viel notwendiger zu sein, als für einen Sieg der eigenen Elf zu beten.

Matthias Klein (epd)

Ächzen, stöhnen – bis zum Urknall

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Stelzenfestspiele bei Reuth: Landmaschinen und Kuhställe bekommen eine Seele

Kurioses kann man zu den Stelzenfestspielen bei Reuth nach 24 Jahren immer noch erleben. Dass Landmaschinen eine Seele haben, das sollten die Zuschauer und -hörer zur legendären Landmaschinensinfonie spüren. »Wir wollen es beweisen, dass sie ächzen, stöhnen und stauben«, sagte Henry Schneider, Landmaschinensinfoniker und Festivaldirektor. Und so kam es dann auch: Gareth Lubbe hämmerte auf die Egge, die Gülleorgel leuchtete und die Melkspinne, oben an der Scheunendecke hängend, sang auf ihre besondere Weise. Aber nicht nur das: Während der Argentinier Marcelo Nisinman am Bandoneon zu Gange war, ließ Gareth Lubbe Bier- und Weingläser mit dem Geigenbogen klingen. Genauso wie Henry Schneider es schaffte, eine gewöhnliche Säge zu einem Musikinstrument umzufunktionieren. Der Tenor Gerald Kaiser indes bekam schon Applaus, als er noch keinen einzigen Ton gesungen hatte. Auf sein »O sole mio« wartete das Publikum regelrecht. Die Stelzener Sternensinger wurden gefeiert. Für experimentelle Töne war die Leipziger Band »Atonor« zuständig. Als Überraschung marschierte die Saxofongesellschaft Cisholm in die Festspielscheune ein.

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Gareth Lubbe mit Violine auf dem Traktor, Roland Färber lässt den Motor dazu klingen. Foto: Simone Zeh

Eine Woche hatten die Musiker zusammengearbeitet und sich auf die Landmaschinensinfonie vorbereitet. »Es war Arbeit und stöhnen, streiten und wieder versöhnen«, schildert Henry Schneider. So lange hatte es gedauert, bis alles im Einklang war, bereit für den Urknall, auf dessen Suche man war. Bei der Landmaschinensinfonie standen alle 25 Musiker gemeinsam als großes Orchester auf der Bühne. Henry Schneider, versehen mit Schutzbrille, ließ die Funken sprühen. Stehende Ovationen des Publikums waren die Belohnung, bevor es zum mitternächtlichen Feuerwerk nach draußen ging. Sprengmeister Roland Keil aus Leipzig hatte einen Ufo-Aufstieg für 0.16 Uhr proklamiert. Der konnte sich sehen lassen. Staunende Blicke gingen immerzu zum sogenannten Ufo auf der Wiese und den leuchtenden Lichterstrahlen am nächtlichen Himmel.

Menschen statt Kühe, Musik statt Muh-Laute im Kuhstall, so was gibt es nur zu den Stelzenfestspielen bei Reuth. Mit dem großen Eröffnungskonzert wurde der neuen Stallanlage Seele eingehaucht. Sieht so ein Kuhstall aus? Bunte Kühe, zwei aus Kunststoff von der Decke hängend, viele von Kindern handgemalt, etwa 1 500 Menschen auf Bänken sitzend in Kuhboxen. Kinder turnen an den Gitterstäben herum. Nein, die Kühe sind noch nicht in ihrem neuen Stall in Rothenacker eingezogen. Gewandhausmusiker aus Leipzig machten ihn vorab zum Konzertsaal, welcher mit einem erwartungsvollen Publikum komplett gefüllt war. Damit wurden am Sonnabendmittag nicht nur die Stelzenfestspiele eingeläutet, sondern auch der neue Kuhkomplex offiziell eingeweiht. »Es ist ein Doppelkonzert«, erklärte Festivaldirektor Schneider. Eine Beseelung des Kuhstalles. Die Kooperation mit der Aktiengesellschaft in Rothenacker gäbe es zudem schon lange.

»Ich bin überwältigt«, sagte Stefan Kühne, Vorstandsvorsitzender des landwirtschaftlichen Betriebes. Dass so viele Leute kommen, hätte er nicht gedacht. »Und ich freue mich, dass ihr euch auf diese nicht alltägliche Einweihung der Milchviehanlage eingelassen habt.« Auf lange Grußworte von Gästen – Bauernverband, Bürgermeister und Landesregierung – wolle man verzichten, worauf es spontanen Applaus aus dem Publikum gab.

»Die Grußworte sind in die Musik eingewebt.« Da könne man hinhören und verstehen. 950 Kühe hat das Unternehmen insgesamt. Die beiden neuen Ställe bezeichnete Stefan Kühne als Fünf-Sterne-Stall mit neuem Melkzentrum. Denn hier gibt es ein vergrößertes Luftraum-Volumen, mehr Bewegungsfläche für die Tiere und die Liegeplätze mit Spezialmatten. Die Kühe indes ließen sich in ihren noch »alten« Ställen nicht beeindrucken von den vielen Menschen, geschweige denn aus der Ruhe bringen. Für sie wird es wohl erst aufregend, wenn sie in ihre neuen »Wohnungen« umziehen. Stefan Kühne: »Die meisten unserer Kühe sind schwarz-weiß – und nicht lila.«

Simone Zeh

Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte

4. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission praktisch: Wer Menschen erreichen will, sollte sich die Mühe machen, darüber nachzudenken, was sie wirklich bewegt, meint der Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Altbischof Axel Noack, im Gespräch mit Willi Wild.

Welche Bedeutung hat Mission bei uns heute?
Noack:
Ich denke, das Verständnis dafür zumindest in der Kirche wächst. Früher war klar: Christliche Eltern erzeugen christliche Kinder und die Kirche setzt sich automatisch fort. Das ist nicht mehr so. Erstens erzeugen christliche Eltern ohnehin weniger Kinder. Und dann werden das auch nicht unbedingt Christen. Tatsache ist, wir werden weniger.

Das heißt, man muss sich etwas Neues einfallen lassen? Was halten Sie von der Mission unter Flüchtlingen?
Noack:
Die Frage nach der Mission in anderen Religionen, bei Juden oder Muslimen, sollten wir sehr behutsam angehen. Wir müssen von unserem Glauben überzeugt sein, aber wir dürfen den der anderen nicht kränken. Ich sage gern: Schaut euch erst mal um nach den vielen Heiden im Land. Da habt ihr genug zu tun.

Die Zahl derer, die keiner Religion angehören, wird aber deutlich abnehmen. Ganz schnell wird das gehen, durch die vielen Zuwanderer. Und die haben auch noch viele Kinder. Da spielen der Glaube und die Religion eine große Rolle. Wir müssen uns deshalb aber nicht verstecken. Die Kirchen müssen von ihrem Glauben Zeugnis geben und Rechenschaft ablegen über die Hoffnung, die in ihnen ist. Allerdings gibt es missionarisch engagierte Gruppen im Lande, die ein schwieriges Verhältnis zum achten Gebot in Luthers Auslegung haben, wenn es darum geht, andere nicht zu kränken oder den Ruf nicht zu schädigen. Wir müssen den Glauben anderer hoch achten, wenn wir auch geachtet werden wollen. Mission unter Muslimen hat für mich nicht oberste Priorität. Wir haben genug anderes zu tun.

Wie sollte Mission heutzutage aussehen?
Noack:
Es ist nicht mehr wie früher, dass man einfach ein Traktat verteilt oder evangelistische Kongresse abhält. Das funktioniert heute fast nicht mehr. Mission sollte so verstanden werden, wie es Fulbert Steffensky ausdrückt: »Wir sollten vom Äußeren zum Inneren kommen.« Über die Musik kann man viele Menschen erreichen, über die Kirchengebäude oder über eine Beteiligung am Kirchbau. Dabei ist es möglich, auch vom Glauben zu reden. Aber es sollte vom Äußeren zum Inneren gehen.

Wir scheuen uns immer noch vor nichtkirchlichen Gruppen. Ich meine Vereine, Interessen- oder Berufsgruppen, wie Jäger, Handwerker oder Motorradfahrer. Da gibt es viele Gelegenheiten, den Glauben zu bezeugen. Ich mache als Pfarrer öfter mit bei Freisprechungen von Gesellen oder Meisterfeiern. Wenn wir als Kirche angefragt werden, dürfen wir uns davor nicht drücken. Wir sollten auch offen sein für Segensfeiern an den Schulen. Die Kritiker meinen, wir seien als Kirche dann nur noch die Blumenkübel, die anderen das Fest schön machen. Ich sehe das anders. Denn ich glaube, mit dem Evangelium werden wir die Menschen nur wirklich erreichen, wenn wir uns Mühe geben darüber nachzudenken, was die Menschen wirklich bewegt. Und die Jäger sind eben bei ihrer Jägerei betroffen, und die Motorradfahrer beim Motorradfahren, und die Handwerker in ihrem Beruf. Hobby und Beruf sind wichtige Ansatzpunkte. Das ist viel besser, als bei der Sündigkeit des Menschen anzusetzen oder bei nicht gelingendem Leben, wie das früher oft der Fall war.

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Eine Plakatwand vor einer Kirche in Bielefeld mit einem Zitat des Aktionskünstlers Arno Backhaus. Foto: arnobackhaus.de

Derzeit machen sich vor allem Gruppen außerhalb der Kirche lautstark Gedanken über den Fortbestand des christlichen Abendlandes. Ist das ihrer Meinung nach auch ein Ansatz für Mission?
Noack:
In der Tat ist es so, dass Ängste dann entstehen, wenn man unsicher ist. Oft sind die Leute, die diese Sorge um das christliche Abendland äußern, gar keine Christen. Es ist eine wichtige Aufgabe der Kirche, Menschen in der eigenen Tradition sicherer zu machen. Vorausgesetzt, wir erreichen die Menschen. Ich habe schon ein paar Mal versucht zu diskutieren. Da wurde es dann ziemlich schnell laut. Und das ist nicht mein Stil. Die Pegida-Demonstrationen sind für mich fürchterlich, aber die Gegner sind auch nicht viel besser. Die pfeifen oder skandieren in Sprechchören: »Schnauze halten, Schnauze halten!« Das bringt’s auch nicht. Wir müssen eine Kultur hinkriegen, die friedfertig ist und auch auf verbale Gewalt verzichtet. Das klingt jetzt komisch, aber es geht tatsächlich um das christliche Abendland. Das ist es, was uns ausmacht. Wir sollten deutlich sagen, dass unsere Kultur ganz stark vom Christentum geprägt ist. Das ist vor allem für Juristen ein Problem. Tierschutz oder Eherecht – alles christlich geprägt. Das kollidiert dann mitunter mit den Prinzipien eines weltanschaulich neutralen Staates oder Vorstellungen anderer Religionen. Aber das müssen und werden die Rechtsgelehrten lösen.

Welche Rolle spielt Mission im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum?
Noack:
Das ist eine große Chance. Dadurch werden viele Menschen mit unterschiedlichen Themenfeldern erreicht. Die Tourismus-Wirtschaft hat sogar einen neuen Begriff geprägt: spiritueller Tourismus. Das ist toll. In Halle fährt eine Straßenbahn mit einem großen Werbeschriftzug. Darauf steht zu lesen: »August Hermann Francke bringt Luther in Bewegung! Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln!« Das zieht sich über die ganze Straßenbahn hin. Das hätte es ohne das Reformationsjubiläum nicht gegeben. Natürlich gibt es auch Kritik. Die Kulturschaffenden oder die Touristiker sagen: Ihr Protestanten beschäftigt euch immer nur mit den Problemen und Schattenseiten, wie etwa mit dem Thema »Luther und die Juden«. Könnt ihr euch nicht mal richtig freuen? Doch, wir können und wir wollen uns freuen, aber wir müssen auch die Probleme benennen. Deswegen gab es di e zehn Themenjahre. Natürlich wäre es schön, wenn wir unverkrampft und fröhlich an die Sache herangehen könnten. Aber so sind wir.

Wie sieht Ihre persönliche Mission aus?
Noack:
Ich bin an der Uni. Ich habe mit vielen Studenten zu tun, die wenig oder nichts von Kirche wissen. Ich spreche mit vielen Studenten und habe auch schon einige getauft. In Mötzlich, das ist das Dorf, in dem wir leben, bin ich kein Missionar. Aber die Menschen wissen, ich bin Pfarrer, und wenn sie mich brauchen, bin ich da. Ein Pfarrer, der sich nicht versteckt, ist per se missionarisch.