Mit Rudi übers Stoppelfeld

30. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lesestoff: Eine Erzählung von Babette Reineke mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war an einem herrlichen Sommertag des Jahres 1939. Ich verbrachte meine ersten großen Schulferien bei den Großeltern in Franken, der Heimat meines Vaters. Selbst zählte ich gerade sieben Jahre, als ich eines Tages das Gänseliesel vom Dienst war und mit Rudi, dem Nachbarsjungen, dreizehn graugesprenkelte Schnattergänse hütete. Der blonde Lockenkopf Rudi war knapp drei Jahre älter als ich und allzeit zu Späßen aufgelegt. Ich muss gestehen, ich fand ihn toll und ließ mich leicht von ihm auf den Arm nehmen. Der Schlingel wiederum tat das nur allzu gerne, denn ich war sehr ängstlich, und das nicht nur im Umgang mit angriffslustigen Gantern; schließlich hatte ein solcher schon einmal meinen Zopf erwischt. Ich habe ihn zwar wiederbekommen, ein beträchtliches Büschel Haare jedoch habe ich lassen müssen! Seither ließ »Rudirallala«, wie ich ihn nannte, keine Gelegenheit aus, mich zu nerven. »Olles noch dro, Bowedla?« Was auf Hochdeutsch heißt: »Alles noch dran, Babettchen?«

Na, dem wollte ich’s zeigen! Erstens, dass ich auch anders konnte und beileibe nicht das Angsthäschen aus der Stadt war; zweitens zwar Thüringerin war, aber nie und nimmer »a Schnapspreiß« (ein Schnapspreuße)!

Zeichnung: Maria Landgraf

Aus diesem Grunde machte ich mich mit Rudi auf die Socken, als er »sei Wiewelich« (seine Gänseschar) aus der Toreinfahrt trieb. »Muss heit Gäns hütn. Traust dersch un gest miet?«

Und ob ich mich traute! Wenn mir auch insgeheim schier die Haare zu Berge standen, da sie jedoch in Zöpfe geflochten waren, blieb das allein mein Geheimnis. So versuchte ich also tapfer, mit einer Weidenrute die laut schnatternde Gesellschaft in Schach zu halten. Zugegeben, das war nicht schwer, denn die Gänse wussten genau, wo’s langgeht und folgten »Rudirallala« auf dem Fuße, Barfuße genauer gesagt. Damit meine ich nicht nur das Federvieh.

Dies folgte fröhlich trompetend und flügelschlagend unbeirrt seinem unablässigen »Wieh, wieh, wiehelaha, wieh, wieh, wiehelaa!«, dem Schlacht-, pardon, Lockruf aller Gänsehirten, einem auf- und abschwingenden, sich ewig wiederholenden Singsang.

Endlich waren wir am »Lochranger« angekommen. Das Getreide war eingefahren und auf den Stoppeln lagen noch reichlich Ähren, die dem Rechen entgangen waren. Alles in allem so recht ein Ort zum Gänsehüten, die davon bis Sankt Martin schön dick und rund werden würden. Das Hüten aber war Sache der Jüngsten im Dorf, der Kinder also. Sie mussten schon recht früh mit zupacken, und das war noch eine der leichtesten Übungen damals. Warum sollte das ein Stadtkind nicht auch können? Vor den Erfolg aber hatte mein gestrenger »Herr und Meister« eine harte Probe gesetzt. Wie üblich, musste auch ich nun barfüßig über die Stoppeln »hoppeln«. Auweia, meine zarten Fußsohlen, wie sie brannten und der Schmerz mir die Tränen in die Augen trieb! Dennoch, ich trieb manch widerspenstiges Gänschen zurück auf den rechten Weg oder verscheuchte den lästigen Hühnergeier, der beutegierig und mit grässlichem Gekreische hoch über uns seine Kreise zog. Zu dumm, dass die ansonsten so schlauen zwei Viecher immer wieder aus dem Schutz der großen Eiche watschelten. Kein Wunder, dass der Räuber der Lüfte nicht aufgab und wir gleichfalls unsere Aufgabe hatten! Im Unterschied zu Rudiral­lala aber hatte ich am Ende ziemlich zerfetzte Fußsohlen und Blasen an den Zehen. Es war und blieb mir schleierhaft, wieso der Lausbub so flink und frei über die Stoppeln sprang und nicht ein bisschen von ihnen gepiekst wurde. Nie und nimmer konnte das mit rechten Dingen zugehen, meint ihr nicht auch?

Rudi aber lachte mir nur ins Gesicht.

»Herrschaftseiten, machst du a Gscheiß! A jed’s Kindla bei uns koo’s schoo!« Leicht verstört sah er sich die Bescherung an und murmelte etwas kleinlaut: »Dacht i mersch doch glei, für Stodtleit is fei nix. Am wengsten für kleena Mädlich!« Haste da noch Töne?

Ich jedenfalls hatte noch lange an der Sache zu knabbern, wenn ich auch in der Achtung unseres Nachbarjungen gestiegen – weil nicht abgesprungen – war! Gelernt hab ich allemal daraus, denn Übung macht den Meister und abhärten tut sie auch.

Inzwischen gehe auch ich – ganz ohne Schmerzen, mit frohem Herzen – barfuß übers Stoppelfeld!

Aus: Kleindienst, Jürgen (Hg.): Hoch auf dem Erntewagen. Unvergessene Dorfgeschichten, Band 5. 1918–1968, Zeitgut Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-86614-251-0, 11,90 Euro

Portugal: Zwiespältige Erfahrungen in Sachen Ökumene

29. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Deutschland halten sich die Zahlen der Katholiken und Protestanten in etwa die Waage und stehen einer fast gleich großen Zahl religionsloser Menschen (jeweils rund ein Drittel) gegenüber. Da ist es durchaus üblich, dass man sich als Christen gegenseitig wahrnimmt und Gemeinsamkeiten sucht. Das geschieht mit Unterschieden, aber grundsätzlich doch mit positiver Tendenz. Ende Mai machten sich 25 Leserinnen und Leser der Kirchenzeitungen »Glaube+Heimat« aus Thüringen und »Der Sonntag« aus Sachsen auf Leserreise nach Portugal.

Für Protestanten die Andacht verboten: die Erscheinungs­kapelle im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima – Foto: Hanfried Victor

Für Protestanten die Andacht verboten: die Erscheinungs­kapelle im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima – Foto: Hanfried Victor

Das Interesse an dem überaus katholisch geprägten Land und seinen Verhältnissen war groß. In Portugal ist die Bevölkerung zumindestens 85 bis 90 Prozent katholisch, lediglich 1,2 Prozent nennen sich protestantisch. Andachten der Reisegruppe an zwei renommierten Wallfahrtsorten (Braga und Fatima) wurden angemeldet, eine Begegnung mit dem katholischen Bischof Lissabons, Manuel Clemente, bestätigt. Hinzu kamen Begegnungen mit zwei deutschsprachigen evangelischen Gemeinden (Lissabon und Carvoeiro). Es versprach interessant zu werden – und wurde doch enttäuschend.

Die Reiseleiterin, die uns jeden Tag bei Andachten erlebte, unseren Gesang im Bus aufmerksam verfolgte, stellte am letzten Tag erstaunt fest: »Ach, ihr seid also auch getauft! Ich dachte bisher, Protestanten sind eine Sekte.« In Fatima, dem berühmten Wallfahrtsort, wurde uns als Protestanten eine zuvor genehmigte Andacht in der Erscheinungskapelle verwehrt und nur mit Bauchschmerzen das Halten derselben in der neuen Kirche für 9 000 Besucher, der »Igreja da Santissima Trindade«, gestattet. »Aber bitte nutzen Sie nicht den Altar!«, so die Mahnung.

In Lissabon freuten wir uns auf die Begegnung mit dem katholischen Bischof. Zum verabredeten Termin hieß es, der Bischof sei noch in einem anderen Gespräch. Die Gruppe vor uns habe sich verspätet und viele Fragen. Wieder und wieder wurden wir vertröstet. Nach über einer Stunde vergeblichen Wartens verließen wir enttäuscht und unverrichteter Dinge den Palast.

Anders erlebten wir die beiden deutschsprachigen evangelischen Gemeinden. Wir wurden erwartet und freundlich empfangen, haben miteinander gesungen, gebetet und uns ausgetauscht. Die evangelische Pfarrerin in Lissabon erzählte uns dabei, dass sie jüngst auch im Rahmen der Visitation der katholischen Gemeinde vom katholischen Visitationsteam besucht worden sei. Sie wertete dies als Zeichen guten Miteinanders. In Carvoeiro berichtete der evangelische Pfarrer, wie dankbar er ist, für seine kleine Gemeinde die katholische Kapelle nutzen zu können. Das sei aber ein singuläres Erleben. Überall sonst an der Algarve würde ihm für Taufen oder Hochzeiten die Nutzung katholischer Kirchen verwehrt. Ist Ökumene nur dann angesagt, wenn man in der Minderheit ist und irgendwie zusammenhalten muss? Oder ist Ökumene ein grundlegendes Anliegen? Papst Franziskus zumindest scheint zu letzterem zu tendieren.

Hanfried Victor

Der Autor ist evangelischer Pfarrer i. R. aus Thüringen.

Begleiter durchs Leben

28. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibelworte: Tauf-, Konfirmations- und andere Sprüche können Wegweiser und Denkanstoß sein

Zur Taufe, zur Konfirmation, zur Trauung wird den Täuflingen, den Konfirmanden und den Brautpaaren ein biblischer Spruch zugedacht. Er soll begleiten, zum Nachdenken anregen, bei Entscheidungen, an Knotenpunkten des Lebens Wegweisung vermitteln, in Krisen stärken und trösten.

Der Taufspruch wird oft von den Eltern ausgesucht und zur Hochzeit haben die angehenden Ehepaare meistens einen Bibelspruch, den sie als Leitwort über ihr gemeinsames Leben stellen wollen. Heute wird der Konfirmationsspruch oftmals nicht mehr vom Pfarrer in einsamer Wahl zugewiesen, sondern gemeinsam mit den Konfirmanden ausgewählt, aus einer größeren Zahl von Angeboten. Umso besser, wenn die Konfirmanden in der Bibel selbst fündig werden. So lassen sich Peinlichkeiten bei der Zuweisung von Denksprüchen vermeiden. Früher kam es vor, dass der Denkspruch zum regelrechten Denkzettel wurde. Ein Junge, der im Konfirmandenunterricht regelmäßig störte, bekam etwa bei der Einsegnung das Bibelwort »Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht« (Sprüche 1,10).

Wie sehr ein biblischer Spruch einen Menschen prägen kann, wurde bei der Trauerfeier für den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (1937–2016) am 30. März in der Stuttgarter Stiftskirche deutlich. Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July erinnerte an Späths Denkspruch, den er 1951 bei seiner Konfirmation in Ilsfeld bekommen hatte: »Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin« (Philipper 3,12). Das »Nachjagen« sei eine Eigenschaft des Managers und Politikers Späth geblieben, mit seinen immer neuen Aufbrüchen und Innovationen, mit seiner Neugierde und seinen Impulsen. Am Schluss habe er, an Demenz erkrankt, im Pflegeheim »die geistlichen Lieder seiner Jugend« gesungen.

Man kann sich auch mit seinem Konfirmationsspruch kreativ auseinandersetzen. Der derzeitige Bundesinnenminister Thomas de Maizière, zuvor Bundesverteidigungsminister, wurde 1968 in Bad Godesberg konfirmiert. Der Sohn eines Generals der Bundeswehr erhielt, sicher nicht ohne Bedacht ausgewählt, den Denkspruch: »Er aber, der Herr des Friedens, gebe euch Frieden allezeit und auf alle Weise« (2. Thessalonicher 3,16). De Maizière sieht darin einen »tiefen Trost«, dass Gott uns »seinen Frieden« gibt. Das mache im Erfolg bescheiden und lasse in der Niederlage nicht verzweifeln. Trotzdem: »Heutzutage würde ich mir wohl eher einen Konfirmationsspruch aussuchen, der eine aktive Rolle des Christenmenschen betont, nicht eine empfangende. Aber vielleicht ist es für mich gerade andersherum gut.«

Einen ähnlich kritischen und zugleich kreativen Umgang mit dem eigenen Denkspruch übt ein ehemaliger Dresdner Klinikdirektor, der Strahlentherapeut und Onkologe Professor Thomas Herrmann. Er wurde im März 1959 konfirmiert und musste als Folge die in der DDR üblichen Schikanen auf sich nehmen. Der für ihn ausgewählte Denkspruch lautete: »Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen« (Sprüche 3,5–6). Der Mediziner erfuhr Sackgassen, wenn er sich allein auf seinen Verstand verlassen wollte, und spürte in seinem Berufsleben göttliche Führungen. Doch sei ihm klargeworden, dass man ohne den eigenen Verstand nicht weit kommt. So will er seinen Denkspruch leicht erweitern: »Verlass dich nicht nur auf deinen Verstand.«

Die Internetseite Konfispruch.de führt die »zehn beliebtesten Bibelverse« auf. Wie auch immer diese Liste zustandegekommen ist, so sind die Bibelsprüche auf dieser Hitliste jedenfalls lebensdienlich. Auf Platz eins liegt mit Psalm 23,6 ein Vertrauenswort: »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Platz zwei nimmt mit Römer 12,21 eine Mahnung ein: »Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.« Auf Platz drei landete mit Psalm 139,5 ein Wort, das Gott als die alles umfassende Daseinskraft bekennt: »Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.«

Andreas Rössler

www.taufspruch.de

www.konfispruch.de

www.trauspruch.de

Gott viel näher als zu Hause

23. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Flechtingen hat seit mehr als 25 Jahren eine offene Kirche

Die Kirchentür ist geöffnet – und das bedeutet mehr als ungehinderten Eintritt in die prächtig ausgestattete Patronatskirche zu Flechtingen (Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt). Ablasskasten, Tonnengewölbe, Herrenloge mit Wappen, Kanzel und Taufstein aus dem 16. Jahrhundert, sehenswerte Grabsteine und Epitaphe. »Wir haben eine schöne Kirche mit toller Ausstattung. Sie können daran die Reformationsgeschichte nachzeichnen«, sagt Pfarrerin Irene Heinecke.

Aber der größte Schatz: die geöffnete Kirchentür. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert praktiziert die 430 Mitglieder umfassende Kirchengemeinde im Luftkurort, was die Landeskirche im Zuge des Reformationsjubiläums in den Fokus rückt: Dass Kirchen auch jenseits des sonntäglichen Gottesdiensts geöffnet sind. Dass sie als Orte für Gebet und Besinnung ins Bewusstsein rücken.

Vandalismus hat es in all den Jahren nicht gegeben, aber viele überraschende Begegnungen mit Menschen und mit Gott. Foto: Kora Duberow

Vandalismus hat es in all den Jahren nicht gegeben, aber viele überraschende Begegnungen mit Menschen und mit Gott. Foto: Kora Duberow

»Sie kommen Gott in einer Kirche viel schneller näher als zu Hause in der eigenen Stube. In einer Kirche ist Ruhe, Stille, hier sind die Gebete anderer, vorangegangener Menschen«, sagt die Pfarrerin überzeugt. Dem Projekt, das begann, um den Menschen von der anderen Seite der Grenze die Kulturschätze der Börde zu zeigen, wohnt eine starke Haltung inne. Und auch eine Verpflichtung: Viele Kirchen sind mit öffentlichen Geldern saniert worden, sie sind öffentliche Gebäude, betont Pfarrerin Heinecke.

Heute sind es vor allem Ausflügler und die Patienten der beiden Reha-Kliniken in Flechtingen sowie deren Angehörige, die die Kirche besuchen. Ein Gästebuch gibt es nicht, ebenso wenig einen Kirchenführer. »Wer will schon unter Aufsicht beten?«, fragt die Pfarrerin rhetorisch. Sie wünscht sich von den Einheimischen, die Kirche stärker als ihre Kirche zu erleben. »Gehen Sie bei einer Familienfeier doch einmal hinein, halten Sie beim Friedhofsbesuch inne, machen Sie beim Spaziergang einen Abstecher«, sagt sie oft. Ob beim stillen Gebet oder im Gespräch mit Verwandten und Freunden über die eigene Konfirmation oder Trauung, das Kirchengebäude rege zum Nachdenken über den Glauben an. Und was ist es für ein schöner, ermutigender und tröstlicher Gedanke, dass mitten im Dorf ein Ort ist, in dem ein Stück Identität wohnt und in den man mit vielen Fragen hineingehen kann und mit einigen Antworten herauskommt.

Katja Schmidtke

Die lutherische Welt blickt 2017 nach Namibia

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Namibia: In Windhoek eröffneten die Lutheraner jetzt den Endspurt zur Vollversammlung in einem Jahr

Aus deutscher Perspektive dreht sich in Sachen Reformationsjubiläum alles um Wittenberg. Doch die weltweite Konfessionsgemeinschaft der Lutheraner feiert im Südwesten des afrikanischen Kontinents.

Creation is not for sale«, singt der Gospelchor, der auf einer kleinen Bühne in den Gärten vor dem Parlament in Windhoek, Namibia, Aufstellung genommen hat. »Die Schöpfung ist nicht verkäuflich. Menschen sind nicht verkäuflich. Erlösung ist nicht verkäuflich.« Unter den hohen Bäumen des Parks haben gut 500 Menschen Platz genommen. Prominenz ist darunter, wie der stellvertretende Präsident des Landes, Nickey Yambo. Oder der frühere Bischof und heutige Minister für Armutsbekämpfung, Zephania Kameeta. Er ist es, der wenige Minuten später in einer alten Öllampe ein Feuer entzündet. »Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, die Vorbereitungsphase für die 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu eröffnen«, sagt Kameeta, der zugleich Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist.

Globale Erinnerung an die Reformation

Vom 10. bis 17. Mai 2017 wollen Delegierte aus allen 145 Mitgliedskirchen des LWB, die immerhin für 72 Millio­nen Lutheraner stehen, in Namibia zusammenkommen. Ihr Treffen soll im Jahr des Reformationsjubiläums unter dem Motto »Befreit durch Gottes Gnade« stehen. Und die damit verbundenen Unterthemen sind die Liedzeilen des Gospelchors: Die Unverkäuflichkeit von Schöpfung, Menschheit und Erlösung.

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne.  Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne. Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

»Namibia wird der Ort für die globale Erinnerung an die Reformation sein«, sagt Kameeta. Dass sich die weltweiten Lutheraner dazu nicht in Wittenberg, sondern ausgerechnet in Afrika treffen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die heute durchaus kritisch gesehene, jahrelange Unterstützung der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO durch den Lutherischen Weltbund. Dessen Stipendienprogramme erleichterten nach der Erlangung der Unabhängigkeit vielen Namibiern den Einstieg in Wirtschaft und Politik. »Wir wollen dem LWB ein Schaufenster in das Land bieten, das sie unterstützt haben«, sagt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), Shekutaamba Nambala.

Das lutherischste Land in ganz Afrika

Zum anderen ist das 2,3 Millionen Einwohner zählende Namibia schlicht das am meisten lutherisch geprägte Land auf dem schwarzen Kontinent – auf dem zudem bisher nur eine einzige Vollversammlung des LWB stattgefunden hat. Rund 1,1 Millionen Einwohner gehören einer der drei lutherischen Kirchen des Landes an: der auf die finnische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), die rund 700 000 Gemeindeglieder hat; der auf die rheinische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN), die etwas mehr als 400 000 Gemeindeglieder zählt; und der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK), der rund 5 000 Gemeindeglieder angehören.

Alle drei Kirchen haben eine gemeinsame Kirchenleitung, sehen sich aber als selbstständige lutherische Kirchen an – und wollen an diesem Zustand trotz teils großem Druck aus Deutschland auch nichts ändern. »Wir reden hier nicht über eine gemeinsame Kirche«, sagt der Generalsekretär der ELKRN, Petrus Kaariseb. »Wir arbeiten aber eng zusammen.«
So kooperieren die drei Kirchen etwa bei einem gemeinsamen Programm zur Nothilfe in dem von einer Dürrewelle geplagten Land. Die beiden afrikaanssprachigen Kirchen unterhalten ein gemeinsames theologisches Seminar. In der Innenstadt von Windhoek wurde die »Inner City Congregation« gegründet, eine gemeinsame, englischsprachige Gemeinde, die allen drei Kirchen angehört. Und in der kleinen deutschsprachigen Kirche übernimmt der eigentlich zur ELKIN gehörende, frühere Generalsekretär des Namibischen Kirchenrates, Ngeno Nakamnela, seit einigen Wochen eine Vertretung in einer vakanten Gemeinde.

»Trotzdem nehme ich auch wahr, dass die Kirchen nicht wirklich der Einheit verpflichtet sind«, sagt der Diakoniepfarrer der ELKIN, Gerson Neliva. Und auch der Bischof der ELKIN-DELK, Burgert Brand, spricht davon, dass es zwischen den Kirchen zuweilen Kommunikationsprobleme gebe.

Im Hintergrund steht dabei noch immer die Zeit des Apartheidregimes. Dass der farbige Nakamnela als Vakanzvertreter an einem Pfarrkonvent der ELKIN-DELK teilnimmt, wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen. Und oft wird gerade der deutschsprachigen Kirche vorgeworfen, sich nicht entschieden genug gegen die Apartheid positioniert zu haben. 1984 wurde die ELKIN-DELK deswegen vom Lutherischen Weltbund suspendiert – eine Entscheidung, die der LWB als »Erziehungsmaßnahme« deklarierte.

Schweres Erbe: Kolonialzeit und Apartheidregime

»In Namibia wurde es als Rausschmiss empfunden«, sagt Brand. Auch das Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet der Bischof als »ambivalent«. Zwar habe die Partnerschaft mit Deutschland selbst in der Zeit der LWB-Suspendierung gehalten. Doch dass manche EKD-Vertreter von der »weißen Kirche« Namibias sprechen, und die deutschsprachigen Namibier zumindest unterschwellig für alle Gräueltaten der Geschichte Namibias verantwortlich machen, stößt in der Kirche auf Unverständnis und Empörung. Brand spricht gar von einem »eurozentristischen, paternalistischen Blick« der EKD. »Wir sind Namibier, die deutsch sprechen«, sagt Brand.

Tatsächlich setzt sich auch die ELKIN-DELK kritisch mit der Kolonialgeschichte Namibias auseinander: Über einer Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche, in der der Toten der Kolonialkriege gedacht wird, soll nach dem Vorbild einer Kirche aus Wilhelmshaven eine Plexiglasplatte angebracht werden, die darauf aufmerksam machen soll, dass man heute aller Toten aller Kriege gedenkt.

Und natürlich unterstützt auch die ELKIN-DELK zahlreiche Projekte zur Bekämpfung der Armut im Land – etwa das Wohnheim »Hephata« in der größten Armensiedlung Windhoeks, in Kattutura, wo Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung aufopferungsvoll betreut werden. »Wenn wir von ›Liebe deinen Nächsten‹ predigen, ist doch völlig klar, dass damit die Menschen in den Armutsvierteln gemeint sind«, sagt der Pastor der Küstengemeinden rund um Swakopmund, Klaus-Peter Tietz.

Herausforderung bei Finanzen und Logistik

Eine enge Kooperation findet sich auch in der Vorbereitung der Vollversammlung des LWB. Das 15-köpfige Planungsteam besteht aus Mitgliedern aller drei Kirchen. Doch der schlechte Wechselkurs des namibischen Dollars stellt die Verantwortlichen vor immer größere Herausforderungen. »Wir müssen 64 000 Euro für die Vollversammlung selber aufbringen«, sagt Hartmut Diehl, der zum Planungskomitee gehört. Als die Vorbereitungen begannen, stand der Namibia-Dollar im Verhältnis zum Euro noch bei 1:12, mittlerweile ist der an den südafrikanischen Rand gekoppelte Wechselkurs bei 1:17 angekommen.

Für die Namibier wird die Vollversammlung damit immer teurer. Zudem ist eine Vollversammlung des LWB in einer Stadt wie Windhoek, die über kein öffentliches Nahverkehrssystem verfügt, auch eine logistische Herausforderung. Doch die Namibier haben sie angenommen. »Wir wollen der Versammlung den Geist Namibias mitgeben«, sagt Emma Nangolo vom örtlichen Planungskomitee. »Und wir wollen das Lutherische in Namibia sichtbar machen.«

Benjamin Lassiwe

www.lwfassembly.org

Zusammenführung zweier Rebellen

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Annäherung der beiden Martins in Eisenach ist ein reizvolles Kunstabenteuer

Von Angesicht zu Angesicht stehen sich der Kirchenerneuerer Martin Luther und der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in einer neuen Ausstellung im Eisenacher Stadtschloss gegenüber.
Eisenach. Ein Abenteuer. So nennt Reinhard Lorenz die Arbeit an dieser Ausstellung. Und: eine Reise. Zweieinhalbtausend Kilometer waren er und sein Kollege Michael Kunze im ganzen Land unterwegs gewesen, um Bilder, Fotografien und Skulpturen zu Martin Luther und Martin Luther King zu suchen, zu sichten und in Auftrag zu geben. Hundert etwa haben sie mitgebracht nach Eisenach, seit Sonnabend sind sie im ehemaligen Marstall des Stadtschlosses unter dem Titel »Face to face« zu sehen.

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Zwei Fragen drängen sich dem Betrachter sofort auf. Zum Ersten: Warum ist eigentlich noch keiner früher drauf gekommen, den Kirchenerneuerer und den US-Bürgerrechtler in einer Ausstellung zusammenzubringen? Immerhin eint beide mehr als der Name, für den der Ältere dem Jüngeren Pate stand. Zum Zweiten: Warum 2016? Auf die erste Frage weiß Kurator Reinhard Lorenz auch keine rechte Antwort. Beide seien ihrem Wesen nach Rebellen und Visionäre, deren Schriften und Lieder den Menschen bis heute und vielleicht ganz besonders heute viel zu sagen haben.

Auf die zweite Frage kann er gleich zwei Antworten geben. Vor zwanzig Jahren waren Martin Luther und Martin Luther King schon einmal Thema in Eisenach. In der Georgenkirche gab es 1996 die Performance »Play Luther«, die Wort, Musik und Tanz verwendete für die Konfrontation des widerspenstigen Theologen mit dem schwarzen Prediger. Kings Tochter Yolanda sang damals Spirituals, Hannelore Elsner las – ein großes Spektakel. Das nun 2016 eine Fortsetzung erfährt, diesmal nicht mit den Mitteln der Darstellenden, sondern mit jenen der Bildenden Kunst. Der zweite Grund für den Termin im Jahr vor dem großen Trubel heißt Aufmerksamkeit. Einer, der wie Reinhard Lorenz seit 1990 bereits Kulturamtsleiter ist, weiß, dass eine Ausstellung zum falschen Zeitpunkt verschenkt ist. 2017 buhlen zu viele mit dem Namen Luther um die Gunst der Besucher.

Auch diese Ausstellung wird es tun, allerdings nicht in Eisenach, sie wandert nach Eisenhüttenstadt und vielleicht auch weiter. Eisenhüttenstadt war eine der Reisestationen von Reinhard Lorenz und Michael Kunze auf dem langen Vorbereitungsweg. Dort, im Städtischen Museum, fanden sie das Ölgemälde »Merkwürdige Zusammenkunft oder Napoleon war nicht geladen« der aus Eisenach stammenden Künstlerin Susanne Kandt-Horn. 1982 hatte sie die beiden Martins bereits zusammengedacht und -gebracht.

Ihr Atelier hatte sie damals im Stadtschloss.

Mehrere solcher Verbindungslinien in die Wartburgstadt lassen sich ausmachen beim Rundgang durch den Marstall. Johannes Heisig etwa war im Jahr 2004 »Stadtgast«: Während seines Aufenthalts schuf er Malerei und Grafik zu Persönlichkeiten der Eisenacher Geschichte – von der heiligen Elisabeth über Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner. Für »Face to face« hat er »Via Dolorosa« gemalt, den Leidensweg des Martin Luther King, der sich hilfesuchend in einer Demonstration umblickt, die an jene immer montags in Dresden erinnert.

Ergiebig waren aber nicht nur die seit Jahrzehnten aufgebauten Kontakte von Reinhard Lorenz, sondern auch die Reise zum Martin-Luther-King-Zentrum Werdau in der Nähe von Zwickau. Oder der Besuch im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, in dessen Depot sich viele Arbeiten fanden, die 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers entstanden waren, aber von den DDR-Bürgern nicht gesehen werden sollten. Vieles, erzählt der Kurator, sei vor dieser Ausstellung überhaupt noch nie zu sehen gewesen. Auch das macht diese beinahe spielerische Annäherung an die beiden Martins, von denen der eine zunächst auf den Namen Michael getauft war, so reizvoll. Ein Kunst-Abenteuer – für die Macher wie für die Besucher.

Susann Winkel

Die Sonderausstellung »Face to face – Martin Luther und Martin Luther King« ist bis zum 25. September mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Thüringer Museum im Stadtschloss Eisenach zu sehen.

Der Fußballgott und die wahre Kirche

21. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Sportreporter Marcel Reif und seine Gedanken zur schönsten Nebensache der Welt

Fans falten die Hände, blicken nach oben in den Himmel – möge der Elfmeter doch im gegnerischen Tor versenkt oder am eigenen vorbeigehen. Stoßgebete für den Sieg der eigenen Mannschaft, religiös anmutende Rituale und reihenweise Fußballgötter. Ist das Stadion die wahre Kirche?

Der Autor ist Schweizer Fernsehjournalist und Sportkommentator. Foto: Sky

Der Autor ist Schweizer Fernsehjournalist und Sportkommentator. Foto: Sky

Nein, das Stadion ist nicht die wahre Kirche, tatsächlich sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Und ernsthaft: Auch den Fußballgott, den ich zuweilen in meinen Reportagen erwähnt habe, gibt es so nicht. Solche Begriffe habe ich dann genutzt, wenn ich mir Dinge auf dem Rasen nicht erklären konnte – aber bitte immer mit Augenzwinkern.

In der Kirche geht es auch nicht immer ruhig und »gesittet« zu. Ich habe Bilder von Kirchentagen gesehen und war als Journalist selbst dort – wenn Sie junge Menschen sehen, wie sie ihren Glauben feiern, so sind da große Emotionen im Spiel. Auch wenn es in diesen Momenten kein Stadion gibt. Ich persönlich mag nicht krampfhaft irgendwelche Brücken zwischen Glauben und Fußball schlagen, wo es gar keine Brücken braucht. Im Gegenteil, ich habe immer dann ein Problem, wenn ich merke, Menschen nehmen den Sport, speziell den Fußball, zu ernst. Der erhält dann eine religiöse Überhöhung, wird möglicherweise zum einzigen Lebenssinn und Lebenszweck, das ist mir zu viel. Da geht mir das kindliche, die schönste Nebensache der Welt sozusagen, verloren.

Und so verorte ich auch Glauben woanders, nicht in einem Stadion. Dort gehen Emotionen stark nach außen, die Fans toben laut, sie grölen und jubeln. Glaube geht tiefer. Auch die Seele soll tiefer sitzen, sagt man mir. Wenn Spitzensportler ihre Kraft aus dem Glauben holen – sie wollen immerhin Spitzenleistungen erzielen –, finde ich das großartig.

Als ich gemeinsam mit meinem Freund Béla Réthy beim ZDF gearbeitet habe, hat sich Folgendes zugetragen. Béla wollte nach einem Fußballspiel den Brasilianer Georginio, der für Bayer 04 Leverkusen spielte, ins Sportstudio einladen. Georginio antwortete darauf: »Du, Béla, heute kann ich nicht, habe Bibelstunde mit Heiko Herrlich.« Herrlich, ein sehr gläubiger Mensch, spielte damals ebenfalls in Leverkusen und ist heute Trainer in Regensburg. Das war so. Mir ist das nicht gegeben, ich beziehe Kraft und Stärke aus meinem Inneren. Ob ich in einigen Fällen bete und wenn ja wohin, kann ich nicht genau sagen. Aber dass es in mir Dinge gibt, aus denen ich Stärke beziehe, halte ich für selbstverständlich. Das ist etwas, was über den ganzen Radau im Stadion weit hinausgeht. Dennoch gehört auch die Heldenverehrung im Sport bis zu einem gewissen Ausmaß dazu, das macht den Zirkus aus, sonst funktioniert er nicht.

Verehrung bis zum Idol, von mir aus. Ein Sportler kann jedoch nicht Gott gleich sein, bitte, das ist mir zu viel. Von dem, der Gottgleichheit erwartet und schon allemal von dem, der sie leisten soll. Wahrscheinlich hat sich beispielsweise Diego Maradona mit seiner »Hand Gottes« im Ausdruck vergriffen. Dass er es zur Fußball-Weltmeisterschaft 1986 nach dem Spiel England gegen Argentinien tatsächlich so gemeint hat, glaube ich nicht. Es gibt noch eine andere Geschichte über Zlatan Ibrahimovi´c, einem brillanten Fußballer, der auch zur Selbstironie fähig ist. Als Ibrahimovi´c einst neu nach Paris kam, ging er zu seinem Trainer Carlo Ancelotti (jetzt in München) und fragte: »Trainer, glauben Sie an Gott?« Ancelotti bejahte, worauf Ibrahimovi´c meinte: »Er steht vor Ihnen.« Solange wir über solche Geschichten schmunzeln können, ist alles gut. Was darüber hinausgeht, ist zu viel.

Marcel Reif

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Referendum in Großbritannien: Goodbye Europa?

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wir sind eine durch und durch europäische Familie. Mein Mann ist Engländer, ich komme aus Deutschland. Zwei unserer Kinder sind in Deutschland geboren, zwei in Großbritannien. Als ich 1999 das erste Mal den Sommer über in London gearbeitet habe, da habe ich die Freiheit, in verschiedenen europäischen Ländern reisen und arbeiten zu können, als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen. Nun liegt es in den Händen der Wähler meines Gastlandes, ob es auch meinen Kindern vergönnt sein wird, mit dieser Freiheit aufzuwachsen.

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib des Landes in der Europäischen Union ab. Foto: momius – fotolia.com

Am 23. Juni wird hier darüber abgestimmt, ob Großbritannien auch zukünftig ein Mitgliedsstaat in der Europäischen Union sein oder ob es zum »Brexit«, dem britischen Exit von der EU, kommen wird. Das Thema beherrscht seit Wochen die Nachrichten, und je näher der Termin des Referendums rückt, umso erbitterter und emotionaler werden Diskussionen und Argumente. Krieg werde es geben, Großbritannien würde in eine neue Wirtschaftskrise gestürzt, die Briten würden am Ende mit weniger Geld dastehen, heißt es aus dem Lager derjenigen, die für den Verbleib in der EU werben. Alles Quatsch, meint die andere Seite. Dann müssten endlich nicht mehr Milliarden von britischen Steuergeldern an andere Mitgliedsstaaten verschwendet werden und man könnte die Immigration aus anderen europäischen Ländern kontrollieren.

Die anglikanische Kirche verhält sich in der Frage offiziell neutral. Auf die Referendumsfrage gäbe es keine korrekte christliche Antwort, heißt es vom Erzbischof von Canterbury, Justin Welby. Lediglich ein allgemeines Gebet für das EU-Referendum wurde vor einigen Wochen von der Kirche veröffentlicht. Mit Bedacht sind die Worte dabei in dem neunzeiligen Gebet gewählt worden, um keiner Seite den Vorzug zu geben. Um Offenheit und Ehrlichkeit in der Debatte wird darin gebetet, um Großzügigkeit bei der Meinungsbildung und Einsicht bei der Wahl. Auch die katholische Kirche bezieht keine Position. Kürzlich gab Kardinal Vincent Nichols, Vorsitzender der katholischen Kirche in England und Wales, jedoch zu verstehen, dass er persönlich für einen Verbleib in der EU sei.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob sich die Mehrheit der Wähler seiner Meinung anschließt. Nur eine Minderheit derjenigen, die dann für den Verbleib in der EU stimmen, dürfte dies aus Überzeugung für die europäische Sache tun, sondern weil es das kleinere von zwei Übeln ist. »Better the devil you know«, heißt das im Englischen. Es ist nichts Neues, dass sich Großbritannien mit seiner Mitgliedschaft in der EU schwertut. Europa ist nicht hier. Dies zeigt sich auch in der Alltagssprache. Spricht man von Europa, dann meint man das europäische Festland. Doch wie die Abstimmung auch immer ausgeht: Wir sind und bleiben eine europäische Familie. Ob nun inner- oder außerhalb der Europäischen Union.

Julia Wohlgemuth

Wenn Muslime dem Christentum begegnen

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Nichts ist für sie so normal, wie das Reden über den persönlichen Glauben

Günther Beck ist hauptamtlicher Mitarbeiter beim Missionswerk »DMG interpersonal« (früher Deutsche Missionsgemeinschaft) in Sinsheim in Baden-Württemberg. Er arbeitete viele Jahre in arabischen Ländern und begleitet bis heute Muslime, die Christen geworden sind. Harald Krille sprach mit ihm.

Ein Blitz, Saulus stürzt vom Pferd und wird zum Paulus – haben Sie so etwas bei Muslimen auch erlebt?
Beck:
Nein. Aber ich habe schon erlebt, dass Muslime zum Glauben an Christus gefunden haben. Durch Radiosendungen etwa oder Gespräche mit Freunden. In jedem Fall war es kein »Damaskuserlebnis«, sondern ein längerer Prozess mit vielen Gesprächen.

Was motiviert Muslime, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden?
Beck:
Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Gründe. Ein Mann sagte mir, dass er das Neue Testament las und ihn der Friede, der aus den Seiten strömte, schlicht überwältigte.
Ein anderer nannte mir den Vers, wo Jesus sagt: »Wer eine Frau nur ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« (Matthäus 5,28). Ich war überrascht und fragte ihn, warum gerade dieser Vers? Seine Antwort: »Alles, was ich als Moslem machen muss, fasten, beten, Almosen geben, das kann ich erfüllen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber das, was Jesus hier sagt, das kann ich nicht. Und das zeigt mir, dass hier ein Geist ist, der stärker ist als im Islam.«

Worauf sollten Christen in der Begegnung und im Gespräch mit Muslimen achten?
Beck:
Mein erster Rat: Keine Kommentare oder Wertungen, positiv wie negativ, über den Islam, über den Koran oder Mohammed abgeben. Auch nicht allgemein und theologisch über das Christentum sprechen. Wichtiger ist es, über den eigenen Glauben zu reden. Was bedeutet Jesus für mich, warum bin ich froh, Christ zu sein?

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Das Andere: Fragen stellen. Es gibt im ganzen Koran nur eine einzige Frage, aber das Evangelium ist voller Fragen. Jesus stellt immer Fragen an seine Zuhörer. Und wenn ihn jemand fragt, dann antwortet er oft mit einer Gegenfrage. Mit Fragen zeige ich ja auch mein Interesse. Nicht, ich sage dir jetzt, was ich vom Islam halte, sondern ich frage, was bedeutet zum Beispiel der Ramadan für dich? Wie lebst du das? Was macht dir Freude daran? Und wenn ich genug gefragt habe, dann kommen auch Fragen zurück.

In Deutschland herrscht vielfach die Meinung, Glaube ist so persönlich, darüber redet man nicht …
Beck:
Das empfinden Muslime völlig anders. Glaube ist immer öffentlich. Deshalb redet ein Muslim auch ohne Mühe über seinen Glauben und freut sich in der Regel sogar, wenn er auf ein solches Thema angesprochen wird. Im Gegenteil, wenn wir nicht über unseren Glauben reden, dann erwecken wir eher den Eindruck, wir verstecken etwas oder schämen uns dafür.

www.dmgint.de

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Kontrolle und Schutz zugleich

7. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Venedig: Vor 500 Jahren wurde in der Lagunenstadt das erste Getto der Welt errichtet


Hier sieht Venedig etwas anders aus als am Canal Grande oder am Markusplatz. Der Putz bröckelt an den höchsten Häusern der Lagunenstadt. Vor 500 Jahren entstand hier das erste jüdische Getto.

Es war vor 500 Jahren, als sich das Leben der jüdischen Bevölkerung von Venedig von einem auf den anderen Tag änderte – keineswegs nur zum Schlechteren. 1516 erließ der Doge Leonardo Loredan ein Dekret, demzufolge die Juden, die schon seit Jahrhunderten über die Stadt verteilt lebten, in einem Viertel konzentriert werden sollten. Ziel war nicht nur die Ausgrenzung und Kontrolle der Bewohner, sondern auch deren Schutz. Übergriffe von Christen gegen Juden standen zwar unter Strafe, waren aber immer wieder vorgekommen. Zwangsbekehrungen aber, die an vielen Orten an der Tagesordnung waren, gab es in Venedig nicht.

Das alte Getto im Norden Venedigs prägen keine Palazzi, dafür höhere Häuser als sonst in der Stadt. – Foto: Harald Krille

Das alte Getto im Norden Venedigs prägen keine Palazzi, dafür höhere Häuser als sonst in der Stadt. – Foto: Harald Krille

Nun zogen die venezianischen Juden, 700 Familienoberhäupter nebst Angehörigen sollen es gewesen sein, ins Getto. Schon seit Jahrhunderten war das verhältnismäßig tolerante und pragmatische Venedig Zufluchtsort für Juden – zuletzt für die aus Spanien vertriebenen. Der Name ihres neuen Quartiers, der später so traurige Berühmtheit erhalten sollte, leitet sich vom italienischen ›getto‹ ab, dem Wort für Guss bzw. Gießen. Dort gab es mehrere Gießereien, in denen die Bewohner, die nun umgesiedelt wurden, Arbeit gefunden hatten.

Das älteste Getto der Welt ist 500 Jahre später ein Ort, an dem sich eine andere Geschichte artikuliert als an den übrigen Stellen Venedigs. Wer heute zu der kleinen Insel im Bezirk Cannaregio spaziert, muss schon mit speziellem Spürsinn ausgestattet sein, um die Spuren dieses einst abgeriegelten Stadtteils zu finden. Von den Brückentoren, mit denen das Getto nach Mitternacht abgesperrt wurde, sind nur noch Verankerungen im Mauerwerk zurückgeblieben. Dort hatten christliche Wächter ihren 24-Stunden-Dienst verrichtet. Den Lohn mussten die neuen Bewohner entrichten. Und die Fenster, von denen aus man auf Boote hätte flüchten können, sind längst nicht mehr zugemauert.

Jüdisches Leben ist dagegen noch gegenwärtig – auch wenn nur noch ein paar Dutzend Juden im ehemaligen Getto leben. Es gibt eine Bäckerei und ein Restaurant, beides koscher, eine Bücherei, das jüdische Altenheim sowie das Museo Ebraico. Die fünf Synagogen verstecken sich aber hinter schlichten Fassaden. Die größte von ihnen ist die Scola Spagnola, deren barocke Innenausstattung auf den venezianischen Baumeister Baldassare Longhena zurückgeht, der die Kirche Santa Maria della Salute und Paläste am Canal Grande geschaffen hat. Diese Zusammenarbeit mag verwundern, war jedoch nichts Ungewöhnliches. Der Kontakt zu den Christen war zwar untersagt, nicht verboten war aber, was dem Geschäft nutzte.

An einer Fassade erkennt der aufmerksame Besucher den verblassten Schriftzug ›Banco rosso‹, ein Indiz dafür, dass es im Getto auch Banken gab. Juden durften Kredite an Arme geben. Christen war dies verboten. Aber auch die Mächtigen gehörten zur Kundschaft der Geldverleiher – nicht zuletzt um ihre Kriege zu finanzieren. Auf die Handelsbeziehungen der Ausgegrenzten mochten die Venezianer ebenso wenig verzichten wie auf deren Kenntnisse, die sie etwa als Ärzte oder als Buchdrucker unter Beweis stellten. Die Getto-Bewohner, die sich durch das Tragen gelber Hüte zu erkennen geben mussten, hatten zwar nur wenige Rechte und wurden mit horrenden Abgaben belegt, aber es war ihnen erlaubt, ihren Glauben auszuüben und Schulen zu gründen.

Die vorhandenen Bauten wurden von den Bewohnern mit einfachsten Mitteln erweitert. Es waren – vor allem im 17. Jahrhundert – immer mehr Flüchtlinge ins Getto gezogen. Zeitweilig lebten mehr als 5000 Juden auf engstem Raum – trotz zweier Erweiterungen in nahe gelegenen Gassen.

Das vorläufige Ende kam mit dem Untergang der Republik im Jahr 1797, als die siegreichen Soldaten Napoleons die Tore des Gettos niederrissen. 1866 wurden die Juden im neuen Königreich Italien sogar rechtlich gleichgestellt. Aber der Lauf der Geschichte sollte noch weitere Kapitel schreiben. An einer Hauswand am Campo erinnert eine Arbeit des litauischen Künstlers Arbit Blatas an den Holocaust. Über den Kupferreliefs, die Deportation, Erschießungen und Massengräber zeigen, ist Stacheldraht angebracht.

Heutige Assoziationen, die der Begriff Getto seit der Nazi-Diktatur auslöst, treffen in ihrer Grausamkeit nicht auf die Geschichte dieses Urtyps von Ausgrenzung und Unterdrückung zu. Die Zustände in einem Getto wie dem von Warschau waren weitaus schlimmer. Das Leben dort war meist die letzte Etappe vor der Ermordung – so wie in Venedig, nachdem es von deutschen Truppen erobert worden war. Von den 1943 und 1944 Deportierten kehrten nur wenige in die Lagunenstadt zurück. Der Tod war eben ein Meister aus Deutschland.

Ulli Traub

Fast wie ein Familientreffen

6. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Posaunenchor Thale: Die Liebe zur Musik und der christliche Glaube verbinden seit über 50 Jahren

Zur Ehre Gottes erklingen am Wochenende beim zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag in Dresden die Instrumente unter dem Motto »Luft nach oben«. Mit dabei ist auch der Posaunenchor der Harzer Kirchengemeinde Thale.

Sie sei die Dienstälteste im Posaunenchor, erzählt Ursula Meckel, Pastorin im Kirchenkreis Halberstadt. »Gleich, als ich vor 40 Jahren hierher kam, habe ich mitgemacht.« Doch die Geschichte reicht viel weiter zurück. Der aus Oschersleben zugezogene Heinz Ehrhardt entschloss sich 1961, in Thale einen Posaunenchor zu gründen und begann mit zwei ganz alten Instrumenten, bei denen er fehlende Schrauben durch Streichhölzer ersetzte. Zunächst mit zwei interessierten Jugendlichen; wenig später kam seine Ehefrau Doris dazu. Die beiden sind zwar nicht mehr aktiv, doch noch heute tragen vier Mitglieder des Posaunenchores den Namen Ehrhardt: Sohn Stefan ist unterdessen der organisatorische Leiter, dazu Schwiegertochter und zwei Enkelsöhne. Während Doris und Heinz als Ehrengäste beim Posaunentreffen in Dresden dabei sind, gehört ihr Sohn zu den »Strippenziehern«, die im Stadion dafür sorgen, dass das Zusammenspiel von rund 22 400 angemeldeten Musikern klappt.

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

Generationsübergreifendes Miteinander: Der Posaunenchor Thale unter Leitung von Kirchenmusikerin Christine Bick. An diesem Wochenende geht es gemeinsam zum zweiten Deutschen Evangelischen Posaunentag. Foto: Uwe Kraus

An Freitagabenden wird das Gemeindehaus St. Andreas in Thale zum »klingenden Haus«; dann treffen sich dort zwölf Menschen zwischen 14 und 66 Jahren zur gemeinsamen Probe. »Das gleicht einem Familientreffen: Zwei Paare mit jeweils zwei Kindern, Vater und Sohn, ein Ehepaar. Irgendwie fühlen wir uns als Bläser-Familie, viele sind freundschaftlich und durch Patenschaften miteinander verbunden«, erläutert Ursula Meckel. »Wir waren schon 2008 beim ersten deutschlandweiten Posaunentag in Leipzig im Stadion dabei, dieses Jahr werden wir als Thalenser wieder komplett anreisen. Uns verbindet die gemeinsame Liebe zur Musik ebenso wie der christliche Glaube.«

Seit 1965 ist der Chor »spielfähig«, etwa 80 Bläser zählten über das halbe Jahrhundert dazu, an die 60 von ihnen hat Heinz Ehrhardt ausgebildet. Mal übernahmen hauptamtliche Kantoren den Chor, mal gab es Hilfe vom Posaunenwerk der Landeskirche, mal dirigierte der Gründer selbst. Seit dem 40. Chorjubiläum gibt die Quedlinburger Kantorin Christine Bick den Takt vor. »Wir wollen das Evangelium laut in die Welt hinausposaunen«, sagte Stephan Eichner beim ersten Kreisposaunentag des Kirchenkreises Halberstadt. Er ist Pfarrer in Osterwieck und als Obmann des Posaunenwerks der EKM einer der Macher des Dresdner Posaunentags.

Ob ihre Mitglieder zehn oder über 70 Jahre alt sind, die Posaunenchöre des Kirchenkreises Halberstadt verfügen über etwa 100 Mitglieder, jeder vierte Ton kommt dabei von einer Frau. In vielen Gemeinden werde die Jugendbläserarbeit ehrenamtlich betreut oder in Zusammenarbeit mit Musikschulen betrieben und zeige gute Ergebnisse. »Wir gehören gerade zum ländlichen Raum einfach dazu. Das ist schön und eine Anerkennung für uns«, so Ursula Meckel, die als Vertretungspfarrerin unterdessen 47 Gemeinden im Kirchenkreis kennengelernt hat.

Die Programmhöhepunkte der nächsten Monate stehen: »Am 10. Juni gestalten wir den ökumenischen Gottesdienst zum 1 050. Ortsjubiläum im Burghof von Hessen (Harz), im benachbarten Zilly blasen wir im September zum großen Erntedankgottesdienst des Dorfes.«

Uwe Kraus

Bedroht Wissen den Glauben?

5. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Glaube und Wissenschaft: Wie ein Pfarrer auf die Vorbehalte gegen die historisch-kritische Bibelauslegung reagiert

Was passiert in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Theologen, was sie machen und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Vor etwa drei Monaten krempelte sich mein Leben um, denn seitdem bin ich Pfarrer. Es ist meine erste Pfarrstelle. Vorher habe ich an der Universität Leipzig Theologie studiert. Ich habe gern studiert, weil ich Wissen nie als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfinde. Als frischgebackener Pfarrer bin ich freundlich in der Gemeinde aufgenommen worden. Leugnen lässt sich aber auch nicht, dass mir eine gewisse Skepsis gegen das im Studium angeeignete Wissen begegnet. Wissen wird manchmal als Bedrohung für den Glauben wahrgenommen. So äußerten einige Gemeindeglieder auf die Frage, ob sich angehende Pfarrer und Pfarrerinnen wissenschaftlich mit der Bibel beschäftigen sollten?: »Nein! Dies würde Gottes Wort und Wahrheit infrage stellen.« Oder: »Je tiefer die Theologie versucht, wissenschaftliche Erkenntnisse zu finden, umso weiter entfernen sich Theologen von der Wahrheit.« Wer die Bibel infrage stelle, müsse sich fragen, ob er Christ ist.

Für manchen Christen stellt Wissen und Wissenschaft eine ungeheure Bedrohung für den Glauben dar. »Wenn du Theologie studierst, so pass auf, dass du den Glauben nicht verlierst!« Ignoriert wird, dass Veränderung und Entwicklung zum Glauben faktisch dazugehören. Dabei haben die meisten in ihrer ganz persönlichen Geschichte die Erfahrung gemacht, dass sich Glaubensanschauungen ändern. Erfahrungen geben Fragen auf, die zum Antworten herausfordern. Dabei wird der Glaube nicht abgelegt, sondern er wächst und verändert sich. Trotz solcher Erfahrung stehen manche der Aneignung von Wissen in der theologischen Ausbildung skeptisch gegenüber. Besonders schwer hat es die sogenannte historisch-kritische Methode, das heißt die Suche nach dem Sinn der Bibelworte in ihrer geschichtlichen Verortung. Historische Betrachtung – muss das sein? In den Gesprächen kommt die Angst zum Ausdruck, dass die Bibel durch die Wissenschaft ihren Wert als Gotteswort verlieren und das Label »Lüge« bekommen könnte. Niemand möchte sein Leben und seinen Glauben auf einer Lüge aufbauen.

Aber gerade das ist ein wichtiger Grund, warum die Bibel historisch untersucht werden sollte. Denn die Worte der Bibel sind einem geschichtlichen Kontext zuzuordnen. Paulus schreibt als Autor des 1. Jahrhunderts an konkrete Gemeinden z. B. in Rom. Der Römerbrief ist ein historisches Dokument, welches mit geschichtswissenschaftlicher Methodik gelesen werden kann – und muss, sonst kann man seine Bedeutung nicht verstehen. Der wissenschaftliche Umgang fördert das Verstehen. Dies kann spannend, lustvoll und inspirierend sein. Noch wichtiger ist: Durch das Nachfragen werde ich vor allzu schnellen Schlüssen bewahrt. Der Respekt vor dem Wort Gottes nötigt geradezu, immer wieder den Glauben zu hinterfragen und auf der Suche zu bleiben. Sicher gibt es Situationen, in denen man sich einfach einhüllen darf in biblische Worte. Wenn die Bibel bestimmt ist von historischen Gegebenheiten, wie kann sie dann für mich Wort Gottes sein? Als Antwort auf diese Frage würde ich von Erfahrungen der Gottesbegegnung vor allem beim Lesen und Entdecken der Bibel erzählen. Manchmal packen mich biblische Worte und lassen mich nicht mehr los. Dabei merke ich: Hier ergeht Gottes Wort an mich. Mitunter geschieht dies, nachdem und gerade weil ich mich mit dem Bibelwort unter historischen Gesichtspunkten beschäftigt habe.

In der Gemeinde gibt es neben den kritischen auch die Wissenschaft bejahenden Stimmen: »Die ehrliche Beschäftigung mit den Hintergründen der Bibel öffnet auch historisch bewanderten Personen einen Weg zum Glauben.« Oder: »Man kann sich mit den Hintergründen der Bibel beschäftigen und trotzdem ihre Autorität anerkennen.« Zur historisch-kritischen Methode sagt jemand: »Ja, unbedingt!« Damit reibe man sich an den Texten und frage nach dem, »was Gottes Wille war und ist«.

Sebastian Ziera

Der Autor ist Pfarrer im sächsischen Oberlungwitz, zuvor war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig.
Mit diesem Beitrag endet die Serie.

Der stumme Prediger

3. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der spanische Pantomime Carlos Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen


Schwarz. Weiß. Und ein paar gekonnte Bewegungen. Mehr ist nicht nötig, um Gott und die Welt darzustellen. Jedenfalls wenn man das Talent des Carlos Martínez hat.

Der Spanier ist Pantomime. Ohne Worte, nur mit Gesten seines Körpers und seines Gesichtes, erzählt der 61-Jährige Geschichten, inszeniert Gegenstände und schildert Gefühle. Am Wochenende ist er in der Lutherstadt Wittenberg zu Gast.

Betritt Carlos Martínez die Bühne, überträgt sich die Stille und Spannung sofort auf das Publikum. Sein schwarzgekleideter Körper hebt sich vom Hintergrund nur schemenhaft ab, die weißen Handschuhe umso deutlicher. Mit seinen Bewegungen setzt er das Kopfkino seiner Zuschauer in Gang. Sie deuten seine Mimik und verstehen mehr, als spräche er mit Worten zu ihnen. Martínez ist ein Meister im Erzeugen von Gefühlen, bringt sein Publikum wohldosiert zum Weinen und Lachen, treibt es in Melancholie und Freudentaumel.

Carlos Martínez

Carlos Martínez

Schon im Alter von zwölf Jahren entdeckte der in Spanien gebürtige Martínez sein Schauspieltalent und seine Liebe zum Theater. Er besuchte Schauspiel- und Pantomime-Schulen, entwickelt seitdem eigene Programme. Und feiert internationale Erfolge. Kein Wunder. Seine wortlose Darstellungskunst macht das Verstehen von der Sprache unabhängig. Freude, Ärger und Angst sind universal, das versteht jeder Mensch auf der ganzen Welt. Virtuos jongliert Martínez mit einem großen Repertoire an Emotionen. Was leicht aussieht, ist ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Mit bemerkenswerten Folgen: Die Zuschauer hören die imaginäre Schreibmaschine, auf der er tippt. Sie erkennen die nicht vorhandene Wand, an die er lehnt. Sie sehen das Glas, das er leert. Jede Bewegung sitzt – und für jede hat er unzählige Male geübt, bevor sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Martínez beherrscht die Kunst der Reduktion. Seine stumme Sprache wirkt zart und verspielt wie Poesie. »Die Stille wartet geduldig ab, bis jemand ihr das Wort erteilt«, versucht Martínez die Faszination seiner Mimenkunst zu erklären.

Wer Wesentliches so darstellt, öffnet sich auch dem Glauben. »Meine Bibel«, heißt eines der bekanntesten Programme des Pantomimen. Darin wird er zum Prediger ohne Worte. Die Schöpfung der Welt? Kein Problem. Mit Händen formt Martínez als Gott die Erdkugel, knetet einen Menschen; ihm wird langweilig, also zupft er dem Geschöpf eine Rippe heraus und formt einen zweiten. Der 23. Psalm? Berückend. Da steht plötzlich der Tisch »im Angesicht meiner Feinde«, da folgen Gutes und Barmherzigkeit. Souverän und fantasievoll transportiert Martínez biblische Figuren und Geschichten ins Heute. Mit wenigen Kniffs zeigt er, wie aktuell die Schicksale und Verhaltensweisen früherer Menschen sind. Humorvoll, manchmal skurril, immer aber mit großer Tiefe taucht er in die Lebenswelten der Bibel, hält seinen Zuschauern einen Spiegel vor, in dem sie ihre Abgründe und Höhenflüge, ihre Stärken und Schwächen erkennen.

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Mit seiner Mimik knipst er bei seinen Zuschauern das Kopfkino an. – Fotos: Bernd Eidenmüller

Auch den Menschenrechten widmet sich Martínez. Ohne ein einziges Wort bringt er den Inhalt der 30 Artikel auf den Punkt. Sein Spiel über Würde, Rechte und Freiheit jedes Menschen macht nachdenklich und hoffnungsvoll. Gnadenlos und ohne Umschweife steigt der Mime mit einer Triage am Babyfließband ein: Brauchbar – wegwerfen – brauchbar – wegwerfen – … Säuglinge mit Mängeln werden erschlagen. Wer bestimmt den Wert eines Menschen? Und wer ist da, ihn zu verteidigen? In »Human Rights« erlebt das Publikum ein Wechselbad der Gefühle. »Mein Dilemma war: Wie kann man das Publikum mit einem Thema wie den Menschenrechten unterhalten? Wir wollten den Menschen zeigen, dass es immer noch Hoffnung gibt. Und wenn ich sehe, dass mein Publikum lächelt, wenn es mit der Tragödie der Menschheit konfrontiert wird, dann weiß ich, dass Grund zur Hoffnung besteht.«

Mit atemberaubender Dramaturgie und bizarren Szenenwechseln führt Martínez die Diskrepanz zwischen der Menschenrechtserklärung und ihrer Umsetzung vor Augen. Nicht selten bleibt dabei ein aufkommender Lacher im Hals stecken. Etwa wenn der joviale Weltenbummler im eigenen Land um Asyl flehen muss oder wenn auf einer Messe die Weltreligionen um Aufmerksamkeit buhlen. Zum Schluss überwiegt jedoch der Glaube an die Möglichkeit einer besseren Welt. Die so bunt ist, dass sie das Schwarz-Weiß des Pantomimen-Abends vergessen macht.

Uwe Birnstein

Termine:
Sonnabend, 4. Juni, 20 Uhr: »Menschenrechte«. Sonntag, 5. Juni, 18 Uhr: »Meine Bibel«. Phönix-Theaterwelt Lutherstadt Wittenberg, Wichernstraße 11a. Kontakt: (0 34 91) 41 96 41.

Askese mit Käse und Seife

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Im lutherisch geprägten skandinavischen Land entstehen katholische Klöster neu

In alter Zisterzienser-Tradition arbeiten und beten in Norwegen wieder Nonnen und Mönche in neu gegründeten Abteien.

Durch eine große Glaswand fällt der Blick frei auf den Fjord mit seinem dunkelblauen Wasser und den steilen Felswänden. Das kunstvoll gestaltete Holzdach bricht die Sonnenstrahlen in ein Spiel aus Licht und Schatten. Eine Glocke ertönt. Schweigend ziehen zwölf katholische Ordensfrauen in die Kirche ein. Sie singen das Stundengebet. Eine Schwester spielt die Harfe, eine andere an der Orgel. Die hellen Stimmen reißen den Besucher mit, zusammen mit der Landschaft vor dem Fenster entsteht eine ungewöhnlich spirituelle Atmosphäre.
Die Schwestern gehören zum Zisterzienserorden. Die Ordensgemeinschaft, die in Sachsen etwa die Klöster Marienstern und Marienthal betreibt und in Sachsen-Anhalt das Kloster Helfta bei Eisleben neu belebte, ist seit einigen Jahren auch wieder im lutherischen Norwegen ansässig. Auf der Insel Tautra, nahezu direkt gegenüber von Trondheim gelegen, hat sie mithilfe des deutschen katholischen Bonifatiuswerks das mit fünf Architekturpreisen ausgezeichnete Marienkloster errichtet. An einem Ort, wo schon im Mittelalter ein Zisterzienserkloster bestand.

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

»Als wir 1999 kamen und uns hier niederlassen wollten, haben die Nachbarn davon gesprochen, dass die Schwestern nach Hause zurückgekehrt seien«, sagt die Oberin des Klosters, Mutter Gilkrist Lavigne. Heute verdienen die Ordensschwestern ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Cremes und Seifen. Ein kleiner Klosterladen ist für Touristen geöffnet, und wer bereit ist, sich auf den klösterlichen Lebensstil einzulassen, kann auch »Tage der Stille« im Kloster erleben. »Manche Besucher geben uns sogar ihr Handy, damit sie wirklich ungestört sind«, sagt Mutter Gilkrist. Wer als Novizin in den Orden eintritt, muss zwei Jahre ohne jeden Internetzugang aushalten.

»Die Leute sollen wieder ein Buch lesen können – und wieder in Berührung mit Gott kommen«, sagt die Oberin. »Wir leben hier einen völlig anderen Lebensstil.« Die alltäglichen Arbeiten im Kloster werden schweigend verrichtet. Die entstandene Stille nützten die Schwestern zum Gebet. »Unser Leben ist völlig auf Gott und Christus ausgerichtet«, sagt Mutter Gilkrist. »Denn das ist doch der Sinn unseres Lebens.«

»Das asketische Leben der Mönche und Nonnen ist in unserer heutigen Welt etwas völlig Fremdes«, sagt der katholische Bischof von Oslo und apostolische Administrator von Trondheim, Bent Eidsvig. Aber gerade die völlige Hingabe für den Glauben mache katholische Orden im lutherisch geprägten, aber immer säkularer werdenden Norwegen interessant. Denn die Zisterzienserinnen auf Tautra sind nicht die einzige Neugründung eines Klosters, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Am Rande von Trondheim etwa haben sich die Birgittinnen niedergelassen. Sie betreiben in der Stadt ein Gästehaus, das auch Urlaubern offen steht. Oder Pilgern aller Konfessionen, die, wie auf dem berühmten Jakobsweg in Spanien, von Oslo aus zum Nidaros-Dom nach Trondheim wandern, wo der heilige Olav, der Patron Norwegens, begraben ist. Und etwas weiter außerhalb, in Munkeby, ganz in der Nähe der zum Nordkap führenden Europastraße 6, ist ein Kloster des Zisterzienser-Männerordens entstanden.

Mit den berühmten Klöstern in Citeaux, Cluny oder Marienthal ist der Neubau nicht vergleichbar – in Munkeby steht eine Art Einfamilienhaus mit angeschlossener Kapelle. Vier Mönche haben sich dort niedergelassen und produzieren Käse nach dem Vorbild im französischen Citeaux. Und zwar nicht nur zum Verkauf an durchreisende Urlauber in einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz vor dem Kloster. »Unser Käse wird mittlerweile beim Staatsbankett im königlichen Palast serviert«, sagt Bruder Joel, der aus Frankreich nach Norwegen kam.

Die Milch beziehen die Mönche von ihren Nachbarn – dadurch sind sie schnell Teil der lokalen Gesellschaft geworden. »In Norwegen müssen Sie selbst den ersten Schritt gehen«, sagt Bruder Joel. »Wer hier herkommt und auf die Menschen wartet, wird erleben, dass sie nicht kommen.«

Benjamin Lassiwe

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de