Von der Wissenschaft zum Leben

31. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft: Wie angehende Pfarrer und Pfarrerinnen im Vikariat predigen lernen

Was passiert in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Lehrende und Studierende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig, was sie machen und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Vikarinnen und Vikare wissen viel über die Bibel und sollen nun lernen, mit Gemeindemitgliedern über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Dabei entdecken sie die Bibel als Sprachschule, als »Sprachraum« ihres geistlichen Denkens und Redens. Aus jungen Theologen sollen Geistliche werden – und dabei müssen sie noch einmal einen neuen Zugang zur Bibel finden. In ihrem sechsjährigen Studium haben sie sich gute Kenntnisse der Bibel und der Bibelwissenschaften erworben. Sie wissen, was wo steht und wie die Texte gemeint sind – dazu sind die beiden biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch zu lernen. Sie wissen auch, wer wem das wie und wozu geschrieben hat. Sie kennen Antworten auf die sogenannten Einleitungsfragen. Sie sind orientiert im weiten Spektrum der biblischen Aussagen über Gott und Jesus, über den Menschen und sein Leben und über die Welt. Damit können sie theologische Fragen biblisch begründet beantworten. In der Pfarrerausbildung stellen sich den Vikaren besondere Fragen: Was kann die Bibel zur Bildung und Stärkung im Glauben beitragen? Wie können wir uns auf sie beziehen, wenn wir Orientierung für unser kirchliches und persönliches Handeln suchen?

Vikare und Vikarinnen erleben die im Studium erlernte bibelwissenschaftliche Arbeit als eine ganz andere Herangehensweise an einen Bibeltext als den nun einzuübenden kreativen Prozess des Predigtschreibens. Doch wie kommt man von bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen zu einer biblisch orientierten Predigt? Gut biblisch heißt hier nicht bibelwissenschaftlich! Die Predigtarbeit ist ein eigener, mit der Bibelwissenschaft gleichrangiger Zugang. Es ist ein Zugang, der noch einmal dringlicher nach der Wahrheit der biblischen Texte fragt, nach der Bedeutung für unser Leben. Und es ist ein Zugang, der mit dem Wirken des Heiligen Geistes beim Schreiben, beim Vortragen und beim Hören der Predigt rechnet.

Manche Pfarrer ziehen daraus den fatalen Schluss, künftig auf das mühsame Geschäft der Exegese mehr oder minder zu verzichten. Aber die Bibelwissenschaft erschließt den Theologen bisher übersehene, noch nicht gekannte Facetten eines Bibeltextes. Zugleich sichert die Exegese den Bibeltext davor, ganz im Horizont unserer eigenen aktuellen Fragen gelesen zu werden. Bibelwissenschaft erinnert wie alle Theologie daran, dass die Bibel ein fremder Gast in unserem Leben ist, eine hilfreiche Störung in unserem Bemühen, unser Leben, unser Erleben, unser Verhalten, unsere Welt und ihre Akteure zu deuten. Diese Fremdheit nicht zu unterschlagen, ist auch ein geistlicher Dienst an der Gemeinde. Vikare üben, wie sie Begleiter der Bibel auf dem Weg zu den Menschen werden, ihr Dolmetscher – um ein Lutherwort zu benutzen. Sie denken nach über diese unvermeidliche Fremdheitserfahrung.

Theologen unterscheiden sich mit ihrer historisch-kritischen Haltung und mit ihrem angeeigneten Wissen von vielen Gemeindemitgliedern. Keine Unterscheidung aber gibt es im Glauben. Die Lebenserfahrungen der Gemeindemitglieder und der Nachwuchspfarrer können miteinander ins Gespräch gebracht werden. Die künftigen Pfarrer und Pfarrerinnen werden einerseits als Schwestern und Brüder im Glauben angesprochen und andererseits als Experten angefragt. Keine Glaubensfrage sollte einfach mit dem Hinweis auf eine wissenschaftliche These beantwortet werden. Aber Vikare können ihre eigenen Erfahrungen einbringen: Die biblischen Sprachen zu kennen, hilft ihnen im Glauben weiter. Ebenso die Erkenntnis, dass sich die biblischen Schriften wechselseitig verständlich machen, sich aufeinander beziehen, einander auch begrenzen.

Im Predigerseminar denken die Vikare und Vikarin­nen über ihre Erfahrungen mit Bibel und Gemeinde nach. Im kollegialen und geschwisterlichen Gespräch mit anderen sind sie herausgefordert, Grundsatzfragen zu klären. Sie werden ermutigt, zu klaren persönlichen Entscheidungen in Glaubensfragen und zur Suche nach einer eigenen Sprache des Glaubens.

Von Claudia K. Tost und Karl Friedrich Ulrichs


Claudia K. Tost ist Vikarin in Hochkirch, zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Leipzig.
Karl Friedrich Ulrichs ist promovierter Theologe und Studienleiter am Evangelischen Predigerseminar Wittenberg sowie Lehrbeauftragter für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Leipzig.

Es geht weiter, nur anders

30. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wandlungsfähig: Wie aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode die Diakoniegemeinde wird

Haube und Tracht sind aus der Mode. Heute entschließen sich kaum noch junge Frauen, einer Schwesternschaft beizutreten. Da heißt es für die Mutterhäuser: umdenken.

Schwester Luise Kunze und Alt-Oberin Anita Rost gehören zu den 170 Diakonissen, die oberhalb des Harzstädtchens Elbingerode im Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« leben. »Wer hätte zu DDR-Zeiten gedacht, dass wir mal in Moskau Gottes Wort verkünden«, erzählt Schwester Anita bewegt. Bereits 1993 konnte Schwester Luise Kunze nach Moskau ausgesandt werden. Den Anfang beschrieb sie damals als ziemlich abenteuerlich, denn pflegerische, medizinisch-diakonische Arbeit war der dortigen Gemeinde völlig neu. Vor Kurzem las Schwester Luise, dass in Sibirien Hilfe benötigt wird. Ihr Russisch sitzt wie ihre Haube. So ging es Anfang des Jahres für 90 Tage zum Gemeindedienst tief nach Sibirien. Schwester Maren Martens, ihre Nachfolgerin in Moskau ist heute in einer lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga tätig. Sie stehen exemplarisch für den politischen Wandel, den die am 20. Januar 1920 gegründete Schwesternschaft Neuvandsburg seither durchlebte.

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

»Doch die Schwesternschaft befindet sich im Umbruch. Die klassische Form des kommunitären Lebens schwindet wie die Zahl derer, die sich für diese Lebensweise entscheiden«, sagt der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses von Elbingerode, Pastor Reinhard Holmer. »Wir diskutieren intensiv die Frage, was man tun soll. Sollen wir resigniert aufgeben und sagen, alles hat eben seine Zeit. Wenn es keine Hauben mehr gibt, wird es dann die Arbeit nicht mehr geben, der sich die Schwesternschaft verschrieben hat?« Holmer, der mit Oberin Kerstin Malych das Elbingeröder »Führungs-Duo« bildet, weiß, so geht es nicht weiter. »Vielleicht befinden wir uns schon in einer Phase des Übergangs, die Arbeit geht weiter, nur die Form hat sich geändert.«

Das könnte eine spannende Herausforderung werden. Mag sein, es gibt hier eines Tages keine Schwesternschaft mehr: Aber Menschen kümmern sich um Kranke, Ziellose, Migranten oder Bedürftige. Pastor Holmer sieht darin eine gute Lösung. Schwester Anita, die aus Halle stammt, erzählt, wie schrittweise Leitungspositionen, die Schwestern ausführten, an Mitarbeiter übergehen. 50 sind allein im Mutterhaus angestellt. »Die Küchen-Chefin ist noch eine Schwester. Die Aufgaben in unserer Berufsfachschule haben wir Diakonissen vor sieben Jahren abgegeben. Und siehe da, die Arbeit läuft prima weiter. Unser Gästehaus in Binz leitet jetzt auch keine Schwester mehr.« Sie weiß, in jeder Krise steckt die Chance eines Neuanfangs. Nicht umsonst steht unter dem Fenster des Oberinnen-Dienstzimmers seit 1934 der Spruch »Jesus lebt! Jesus siegt«. Die Alt-Oberin weiß um das Vertrauen, das Menschen gerade den Schwestern entgegenbringen. »Patienten oder jetzt Flüchtlinge erzählen uns Lebensgeschichten, da ist ein ganz tiefes Vertrauen.«

Pastor Holmer sieht dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Diakonissen, die zunehmend aus dem öffentlichen Bild verschwinden, ebenso. »Aber da gibt es eine Ambivalenz. Gerade im Berufsleben wirkt die Tracht hinderlich. Dass fromme Frauen auch mit einer hohen fachlichen Bildung gesegnet sind, das wird in Teilen der Gesellschaft nicht so klar gesehen.« Schwester Sonja, hoch in den Achtzigern, arbeitete seit 1960 für 34 Jahre als Missionsschwester in Taiwan, wo sie ein Heim für behinderte Mädchen leitete. Sie erzählte einmal, dass sich vor ihrer Schwesterntracht in Asien die Menschen respektvoll verbeugten, wie sie es auch vor buddhistischen Mönchen taten.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Elbingeröder Schwesternschaft halbiert. Oberin Kerstin feierte gerade ihren 50., Direktor Holmer seinen 60. und Alt-Oberin Rost ihren 70. Geburtstag. »Da zählen wir noch zu den Jüngsten«, meint Anita Rost, die knapp zwei Jahrzehnte an der Spitze der Schwesternschaft stand. »Gerade mal 20 Schwestern sind unter 65 Jahren. Wir haben hier sogar schon ein 82-jähriges Diakonissenjubiläum gefeiert!« So wirkte es im Vorjahr wie ein Segen, dass Janina Meier (29) aus Bad Harzburg begann, auf Probe unter den Schwestern zu leben. Die ausgebildete Altenpflegerin mit dem silbernen Kreuz um den Hals ändert ihr Leben: Arbeit und Gebet, alles in der Gemeinschaft der Schwestern, dafür ein Taschengeld. Doch die Jungdiakonisse Janina lebt seit ein paar Monaten nicht mehr in Elbingerode. Persönliche Gründe gaben den Ausschlag.

Alt-Oberin Anita, die 1975 in die Schwesternschaft eintrat, stimmt Pastor Reinhard Holmer zu. »Wir leben in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, wer will sich da noch in eine Gemeinschaft einordnen? Den jungen Leuten steht die Welt offen, aber sie wollen keine langfristigen Bindungen mehr eingehen.« So erlebte sie mit, wie das Krankenhaus der Diakonissen mit der Wende auf der Kippe stand, es an einen Träger übergeben wurde, das Gästehaus in Rathen, die Behinderteneinrichtung in Oranienburg oder das Erholungsheim unter neuen Bedingungen nicht mehr so weiterbestehen konnten wie in der DDR. Das Mutterhaus zog sich aus der Fläche zurück und konzentrierte sich auf Elbingerode. Hier entstand ein modernes Pflegezentrum, vom Mutterhaus finanziert und gebaut, das vom Diakoniekrankenhaus auf der anderen Straßenseite betrieben wird. Holmer spricht von einer engen Zusammenarbeit und einer Investition in die Zukunft. »Wir haben keine Angst, dass auch nur eins der Zimmer leer steht.« Es werde die komplette Palette geboten: ambulante, Kurzzeit- und Tagespflege, betreutes Wohnen, bis hin zur Sterbebegleitung. Ein offenes Angebot für alle Menschen sei so entstanden.

Das gibt es auch für das geistliche Leben. Feierte früher die »Mutterhausgemeinde« ihren Gottesdienst, gründete man zu Pfingsten 2014 die Diakoniegemeinde. Eine Vision, wie es die Elbingeröder nennen. Dass die Früchte trägt, beweist der Besuch des Gottesdienstes in der Mutterhauskapelle, zu Trinitatis waren es wieder über 200, die den Gottesdienst feierten. »Wir spüren, hier finden Menschen ihre geistliche Heimat, Suchtkranke suchen ein Stück Zuhause, weil man hier ihre Situation kennt, hierher kommen Wernigeröder und Leute aus Halle und Nordhausen. Es ist alles etwas anders, da spielt der Chefarzt Klavier und ein Therapeut predigt«, so Holmer, der die Gemeindeleitung innehat.

Und wenn er mit fester Stimme sagt: »Wir können nicht alles so weitermachen wie früher«, meint er wohl mehr als das Mutterhaus und die Gemeindearbeit.

Uwe Kraus

Das Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« in Elbingerode
Vandsburg in Westpreußen, wo sich die Schwesternschaft gegründet hatte, fiel mit den Versailler Verträgen an Polen. 300 Schwestern packten ihre Koffer und gingen auf die Reise in ein ungewisses Land. Sie waren auf der Suche nach ihrem »neuen Vandsburg«. Der Gründer der Gemeinschaft im Mutterhaus Vandsburg, Pfarrer Theophil Krawielitzki, gab ihnen das Wort mit auf den Weg: »Im Herzen Gottes liegt es schon eingezeichnet. Es muss nur noch auf die Landkarte kommen.«

Über Berlin und Rathen (Sachsen) fand die stark angewachsene Schwesternschaft der Neu-Vandsburger ihre Heimat im Wald bei Elbingerode, wo das christliche Erholungsheim Bad Waldheim lag. Die Schwesternschaft, die ab 1922 zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehörte, wuchs nicht nur zahlenmäßig. Auch durch die Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bibelarbeit in rund 60 Orten machten sich die Diakonissen einen Namen. Im Juli 1945 ging ein Riss durch die Schwesternschaft. Elbingerode kam unter russische Besatzung, von den rund 1 200 Diakonissen gingen rund die Hälfte in den Westen, wo in Velbert Neuvandsburg-West entstand.

Neuvandsburg-Ost in Elbingerode galt schnell als eine der gefragtesten medizinischen Einrichtungen. 1976 entstand die Neuropsychiatrische Ambulanz, aus der sich unter großem Engagement von Dr. Klaus-Herbert Richter, der sich besonders für Alkoholabhängige engagierte, ein anerkanntes Zentrum der Suchtarbeit entwickelte. 1997 wurde die Rehaklinik für Suchtkranke gegenüber dem Mutterhaus errichtet, Akut-Krankenhaus, Tagesklinik und der Umzug anderer Bereiche folgten. Unterdessen ist das Krankenhaus eine GmbH, die zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehört.

Afrikaner, die deutsch sprechen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia gehört zu den Gastgebern der LWB-Vollversammlung

Zum Erbe der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia gehört auch die Existenz einer deutschen lutherischen Kirche im Gastgeberland der nächsten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes.

Wer die namibianische Nationalstraße B 2 von Windhoek zur Atlantikküste nimmt, wird 300 Kilometer lang Zeuge verschwindenden Lebens. Aus Bäumen werden Sträucher, dann Gräser und Flechten, am Ende bleiben Steine und Sand. Bis am Horizont erste Palmen und Häuser erscheinen, goldene Dünen und ein Streifen blaues Meer: Swakopmund.

Nach der Stille der Wüste zuerst auf Martin Luther zu stoßen – das hat schon surrealen Erlebniswert. Er hat 1897 die Arbeit eingestellt, steht seither hier »und kann nicht anders«. »Martin Luther« ist Opfer des Versuches, ein Dampflokomobil als Transportfahrzeug in der Namib-Wüste einzusetzen. In feuchtfröhlicher Runde kam dem Bevollmächtigten der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, Max Rhode, nach dem technischen Debakel Luthers berühmtester Satz in den Sinn. Geboren war ein Denkmal, das mittlerweile den Schutz eines kleinen Museums genießt.

Freilich hat der Reformator im südwestlichen Afrika nicht nur diese Spuren hinterlassen. Finnische und rheinische Missionare brachten Ende des 19. Jahrhunderts den evangelischen Glauben nach Namibia, das ab 1884 deutsches Schutzgebiet war und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine deutsche Kolonie. Jahrzehnte unter südafrikanischer Besatzung folgten, bis 1990 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Heute gibt es hier über eine Million Lutheraner in drei lutherischen Kirchen. Die kleinste von ihnen hat rund 5 000 Mitglieder und feiert bis heute in 14 Gemeinden überwiegend deutschsprachige Gottesdienste. Die Kirchen, in denen sie stattfinden, könnten auch in Deutschland stehen. Und doch sind die Menschen, die sie besuchen, tief im trockenen namibischen Boden verwurzelt.

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

»Wir sprechen deutsch, aber wir sind Afrikaner«, sagt Burgert Brand, seit gut einem Jahr Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK). Gerade in Deutschland werde das immer wieder verkannt, aber auch in Namibia selbst. »Meine Familie lebt väterlicherseits seit dem 17. Jahrhundert in Afrika. Wenn Landsleute mich vor allem als Deutschen sehen, frage ich dann: Wie lange soll ich noch hier leben, um ein richtiger Afrikaner zu sein?« Das klingt verzweifelt, ist es aber nicht. Burgert Brand ist die Ruhe selbst, ein Mann Gottes und ein Mann der Tat, herzlich und zäh. Noch seine Eltern waren Farmer.

Heute lebt er nach einer langen Zeit in Südafrika mit seiner Frau Ute in der namibischen Hauptstadt Windhoek, wie viele Menschen hier hinter einer hohen Mauer mit Elektrozaun – notgedrungen. Es passt nicht zu ihm. »Wir müssen uns als evangelische Kirche öffnen, wir müssen zu den Menschen gehen«, sagt Brand. Im Armenviertel Katutura unterhält die lutherische Kirche ein kleines Heim für geistig behinderte Menschen. Ein entscheidender Punkt ist auch die sprachliche Vielfalt. Deutsch überwiegt als Muttersprache bei den Gemeindegliedern, doch englische und afrikaanse Gottesdienste werden zunehmend attraktiv und passen auch gut zu einem multikulturellen Land.
Welt-2-21-2016Gerade in Windhoek ist die deutsche Tradition und Vergangenheit aber mehr als deutlich präsent. Auf einem Hügel mitten in der Stadt thront die 1910 erbaute Christuskirche, die zentrale Kirche der deutschsprachigen Gemeinde. Gleich daneben erhebt sich monumental das Nationalmuseum, das viele Windhoeker freundlich als »Kaffeemaschine« bezeichnen. Ein »Reiterdenkmal« zur Erinnerung an die Deutsche Schutztruppe wurde 2013 in einen Innenhof verbannt, denn noch sind die Wunden der Vergangenheit nicht geschlossen: Die Aneignung weiter Flächen durch Deutsche und der Mord an rund 100 000 Angehörigen der Herero und Nama durch deutsche Soldaten zwischen 1904 und 1908.

Gerade in den letzten Jahren gab es mehrere Zeichen der Versöhnung, bilaterale Besuche von Politikern etwa und die Rückgabe von Totenschädeln, die in die Berliner Charité gebracht worden waren. Die Verhandlungen, gerade um den Begriff »Völkermord«, sind jedoch nicht abgeschlossen.

Zur Versöhnung in Namibia selbst gehört nicht zuletzt der Austausch zwischen den lutherischen Schwesterkirchen mit einer großen Mehrheit von schwarzen Mitgliedern. »Jede Versöhnung beginnt mit Begegnung«, sagt Burgert Brand. Ganz im Zentrum der Begegnung werden die Lutheraner in Namibia nächstes Jahr stehen, wenn vom 10. bis 17. Mai 2017 die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes zu Gast ist.

Johannes Killyen

www.elcin-gelc.org/

Die Bibel zum Sprechen bringen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft: Wie Theologiestudenten historisch-kritische Exege betreiben

Was passiert eigentlich in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Lehrende und Studierende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig, was sie machen, und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« So beginnt das Seminar »Einführung in die neutestamentliche Exegese«. Große Erwartungen werden geweckt. Viele Wochen werden wir uns Gedanken zum »Reichen Jüngling« im Matthäusevangelium machen. Am Anfang steht eine Übersetzung dieser neutestamentlichen Passage. Es folgt die Textkritik, das heißt, wir nehmen eine Vielzahl der gefundenen Papyri und Pergamente mit neutestamentlichen Texten in den Blick – und staunen über die umfangreiche Arbeit der Kopisten, Philologen und Archäologen, die ihre Ergebnisse in Wörterbücher und wissenschaftliche Aufsätze einfließen ließen. Die sprachliche Analyse nimmt den Text als strukturiertes Ganzes oder auch als fragmentarisch zusammengesetzte Gestalt wahr. Der Text weist mehrere Brüche auf, was sich beispielsweise durch den Wechsel der beteiligten Personen ergibt. Es lässt sich auch nicht eindeutig feststellen, wo dieser Abschnitt endet. Wir untersuchen die Bedeutung der Worte »Himmelreich«, »Wiedergeburt« und »Reichtum«. Der Verkauf des Reichtums trifft nicht nur den Jüngling selbst, sondern da Reichtum im antiken Palästina in der Regel Landbesitz war, auch seine ganze Familie. Das verstärkt die Radikalität der Forderung Jesu.

Das Gleichnis vom reichen Jüngling ordnen wir der Gattung Chrie zu, eine beliebte Gattung der Antike, um Aussprüche und Begebenheiten berühmter Personen festzuhalten und auswendig zu lernen. Anschließend vergleichen wir unseren Text mit seinen Paralleltexten im Markus- und Lukasevangelium, um sein typisches Profil herauszuarbeiten. Matthäus weist sich in seinem reichen Jüngling als jüdischer Gesetzesgelehrter aus, indem er das Streben nach Vollkommenheit in den Text einbringt, die Reihenfolge der Gebote nach dem hebräischen Alten Testament, die Formulierung davon aber nach dem griechischen Alten Testament, der Septuaginta, zitiert, das Nächstenliebegebot und das Wort von den zwölf Thronen hinzufügt.

Durch die Literarkritik gilt es herausfinden, welche schriftlichen Vorlagen unser Text hatte. Nach der Zweiquellentheorie integrierte Matthäus das ältere Markusevangelium. Also gehen wir auf den Markustext zurück und lassen die bisherigen Ergebnisse einfließen. Der ursprüngliche Text bestand aus dem Gespräch mit dem Reichen. Er wurde um Szenen mit den Jüngern und Petrus erweitert. Scheinbar gab es bei der Entstehung der Texte bereits unterschiedliche Auslegungen hinsichtlich der Beurteilung von Reichtum, die im Kontext einer sesshaften Gemeinde anders ausfiel, als im unstetigen Leben der ersten Jünger. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Literarkritik nicht mit einer Bewertung verschiedener Wachstumsstufen verbunden. Vielmehr sind die Brüche damit zu erklären, dass die Stoffe über Jesus aus verschiedenen Quellen stammten und von verschiedenen Personen zu Texten geformt wurden, die dann zu den Evangelien wurden. Die Wahrnehmung, dass die Texte gewachsen sind, hilft bei der Interpretation. Warum nicht einmal darüber predigen, dass die Radikalität der Jesusbotschaft schon bei den frühesten Christen für Probleme sorgte, weil sich die Lebensbedingungen veränderten?

Gibt es mündliche Vorstufen des Textes? Diese Frage beschäftigt die Überlieferungsgeschichte. Der Spruch »Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein«, ist bei Matthäus an zwei Stellen überliefert, im Lukasevangelium in einem anderen Kontext. Das spricht für eine mündliche Überlieferung. Danach folgt die Traditionsgeschichte, bei der die Hintergründe und Entwicklungen zentraler Begriffe eines Textes durch den Vergleich mit anderen Texten erleuchtet werden sollen. Der Begriff »vollkommen« bei Matthäus hat eine Verbindung zur Forderung nach Vollkommenheit in der Bergpredigt. Parallelen finden wir im Alten Testament, zum Beispiel 5. Mose 18,13. Die Forderung nach Vollkommenheit für das Volk Israel ist also ein zentrales Motiv in der Tora, gleichzeitig scheint es für den einzelnen Menschen fast unerreichbar. Wenn Matthäus die Forderung nach dem Verkauf des Besitzes mit der Formulierung: »Wenn du vollkommen sein willst«, versieht, meint er: Jesu radikale Forderung ist nicht für jeden durchführbar, sondern für besondere Auserwählte, für die besseren Gerechten. Genau das sollen die Christen nach Matthäus anstreben.

Die Redaktionskritik schaut, warum der Autor den Stoff für seinen Text so auswählte und einordnete. Dabei stellen wir erneut die jüdische Prägung von Matthäus fest. Außerdem wurde das folgende Gleichnis von den »Arbeitern im Weinberg« von Matthäus als Erläuterung des »Reichen Jünglings« angefügt.

Die Ergebnisse der intensiven Beschäftigung mit dem Text fließen in eine kreative Interpretation, eine Andacht, eine Erzählung, ein Bild, eine Predigt.

Einige Arbeitsschritte waren sehr komplex und eher für Spezialisten und Kommentatoren, die man zu Rate ziehen musste. Die Erkenntnisse aus der Überlieferung des Textes halfen uns, in die Geschichte Israels und der Völker Vorderasiens tiefer einzutauchen, ein Verständnis für die Kulturen, das Weltbild und die Religionen zu entwickeln. Mein Glauben ist während der Exegese nicht stärker oder schwächer geworden. Er wurde mehr oder weniger verdeckt durch die vielen Informationen. Die Spannung zwischen Glauben und Verstehen waren gut auszuhalten. Ich konnte entscheiden, in welcher Form ich mich von dem biblischen Text ansprechen ließ. Tatsächlich sprach er am Ende des Semesters wirklich in seinem ganzen Facettenreichtum zu mir.

»Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« Das ist es, was ich als Dozentin vermitteln will: die Freude an der Arbeit mit biblischen Texten – an dem, was ich mit den Methoden historisch-kritischer Exegese an neuen Einsichten gewinnen kann, wenn ich die traditionellen westeuropäisch geprägten Interpretationsweisen zunächst zur Seite schiebe und mich der ursprünglichen Intention der Texte annähere. Dann beginnen die Texte tatsächlich neu zu sprechen durch ihre Fremdheit, ihre Struktur, ihre Vokabeln, die Personen und vieles mehr. Dazu gehört auch, die biblischen Texte nicht als einmalig niedergeschriebene Größe zu betrachten, sondern vielmehr als Diskussion der frühen Christen über das, was über Jesus als Gottes Sohn erzählt werden muss.

Pepe Milkau ist Theologiestudentin, Nicole Oesterreich Diplom-Theologin

Immer im Standby-Modus

23. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wenn einer, der mit Leib und Seele Landpfarrer ist, am Ende seiner Kräfte steht und Zwischenbilanz zieht

In allen Kirchenkreisen das Gleiche: sinkende Mitgliederzahlen, Zusammenlegung von Kirchengemeinden, immer größere Pfarrbereiche. Doch was bedeutet das konkret für die Gemeinden und die Pfarrer? Ein Besuch vor Ort.

In zartem Rosa prangt der Blumenschmuck von Taufstein und Altartisch, dahinter der Marienaltar von 1499 aus der Saalfelder Schnitzwerkstatt. Wunderschön saniert ist die Kirche von Kirchremda. Claudia und Gerhard Wöllner kümmern sich um dieses Kleinod. »Für mich ist es ein zweites Zuhause«, sagt die Kirchenälteste liebevoll.

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Immer in Eile, immer getrieben vom nächsten Termin: Allein im vergangenen Jahr legte Pfarrer Markus Tschirschnitz 27 000 Fahrkilometer zwischen seinen elf betreuten Gemeinden zurück. Foto: Thomas Schäfer

Es ist Taufgottesdienst am Sonntag, 8. Mai, zu dem sich eine festlich gestimmte Gemeinde versammelt, mittendrin Pfarrer Markus Tschirschnitz. Er begrüßt mit Handschlag und hat für jeden ein persönliches Wort. Fröhlich und herzlich geht es zu, bevor dann das Glockengeläut den Beginn des Gottesdienstes anzeigt. Das kleine Mädchen, das getauft wird, lebt mit seinen Eltern in Baden-Württemberg. Der Arbeit wegen zogen sie aus dem Thüringer Dorf nahe Rudolstadt weg. Doch für ein solches Fest kam man lieber nach Hause, wo die Eltern leben und Kirche und Pfarrer vertraut sind. Im rund 50 Einwohner zählenden Dorf gehören mehr als die Hälfte zur evangelischen Kirchengemeinde.

Pfarrer Tschirschnitz ist an diesem Morgen aus Teichel gekommen. Dort hat er seinen Dienstsitz und die gleichnamige Pfarrstelle inne, zu der auch Eschdorf, Geitersdorf, Milbitz und Teichröda gehören. Kirchremda ist der Pfarrstelle Remda zugeordnet, genauso wie Altremda, Heilsberg, Breitenheerda und Sundremda. Seit fast vier Jahren ist diese Pfarrstelle vakant und wurde bislang von ihm mit betreut. Praktisch bedeutet dies: elf Gemeinden mit eigenen Kirchen, drei Pfarrhäuser und sieben kirchliche Friedhöfe, dazu Kirchenchor und Kindergarten. Ein enormes, vielschichtiges Arbeitspensum, bei dem der Pfarrer im vergangenen Jahr 27 000 Kilometer per Auto zurücklegte.

»Ich bin mit Leib und Seele Land­pfarrer und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Wenn ich mit den Menschen im Alltag bin, Freud und Leid mit ihnen teile, stärke ich auch die Bindung zur Kirche.« Natürlich hätte er gestern Vormittag nicht zu einem ehemaligen Gemeindeglied an dessen 85. Geburtstag ins Seniorenheim nach Rudolstadt fahren müssen – das nicht zu seinem Pfarrbereich gehört. »Aber kann ich Menschen so enttäuschen?«, fragt Tschirschnitz. Danach war 14 Uhr Taufgottesdienst in Teichel, anschließend ein 70. Geburtstag in Geitersdorf, und am Abend wartete die Taufgesellschaft und ein weiteres Geburtstagskind. »Das ist auf dem Dorf noch so üblich und ich nehme diese Gelegenheiten gern wahr. Hier treffe ich meine Gemeindeglieder, ihre Familien und die Kirchenferneren in gelöster Atmosphäre. Und es werden Termine gemacht, unter anderem für sieben weitere Taufen, nur in Teichel.«

Nach dem Taufgottesdienst in Kirchremda wird der 52-Jährige heute kurz nach Hause fahren, mit seiner Frau etwas essen und dann gemeinsam weiter nach Milbitz eilen. Hier ist um 14 Uhr Konfirmation. Frau Tschirschnitz wird auf der Orgelbank Platz nehmen und den Gemeindegesang begleiten. »Im vergangenen Jahr habe ich vier Konfirmationsgottesdienste gehalten, weil den Gemeinden diese Verankerung der jungen Leute wichtig ist. Und da haben sie recht.«

Die Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld beschloss am 20. April, die Pfarrstellen Teichel und Remda auf jeweils 50-Prozent-Stellen zu senken. Landeskirchliche Zwänge würden dies verlangen, war einen Tag später auf der Internetseite des Kirchenkreises zu lesen. Parallel dazu soll die Pfarrstelle Teichel durch eine zehnprozentige Beauftragung für Gehörlosenseelsorge im Kirchenkreis aufgewertet werden, verbunden mit einer 25-prozentigen Beauftragung für Schwerhörigenseelsorge in der Landeskirche.

Sicher, Pfarrer Tschirschnitz hat auch auf diesem Gebiet langjährige Erfahrungen, »aber, sind solche Strukturveränderungen auch zielführend?«, fragt er. Er spüre, dass mehr Angst als Hoffnung die Kirche in immer neue Strukturdebatten treibe. Das hemme Kreativität und beeinträchtige die Glaubwürdigkeit. Es werde mit Prozenten hin- und herjongliert, die Überalterung ins Feld geführt und über zu wenig Geld geklagt, obwohl die wirtschaftliche Situation noch nie so gut war. Er vermisse das Abrufen von Kompetenz und ein offenes Suchen nach Lösungsansätzen, um im ländlichen Raum Kirche zu stärken. Die Gemeinden seien willig, aufeinander zuzugehen, doch man dürfe ihnen nicht die Beheimatung in der eigenen Kirche und den Ansprechpartner vor Ort nehmen, sonst verlassen sie die Kirche. Kirchliches Leben sei keine Eventkultur, sondern ein Standby-Modus.

Pfarrer Markus Tschirschnitz machte auf die entstandenen Defizite und die fehlende Zeit aufmerksam. Jetzt zog er die Reißleine und gab die Vakanzvertretung für das Kirchspiel Remda offiziell zurück. Erleichtert fühle er sich nicht, eher wie ein Fahnenflüchtiger, der mit seinen Kräften am Ende ist. »Die Menschen hier sind mir doch ans Herz gewachsen.«

Uta Schäfer


Kirchliche Prozentrechnung
Pfarrer Markus Tschirschnitz übergab der Kreissynode Rudolstadt-Saalfeld einen Erfahrungsbericht der vergangenen Jahre und bezog sich dabei auf die für ihn geltende Dienstvereinbarung für Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagogen. Dort werde zwischen Gottesdiensten, Andachten, Kasualien, Seelsorge, Gemeindeveranstaltungen und Begleitung Ehrenamtlicher, Leitung, Konvente, Verwaltung und Weiterbildung unterschieden und diese Tätigkeiten jeweils mit einem Zeitbudget unterlegt. Ein erhöhter Verwaltungs- und Koordinierungsaufwand in Zeiten von Baumaßnahmen, für die Friedhofsverwaltung oder für vermietete Pfarrhäuser werde nicht berücksichtigt. Ebenso wenig seien Gemeindefahrten, Chorstunden, Gemeindefeste oder Jubiläen darin vorgesehen. Auch Fahrzeiten würden nicht erfasst.
Dazu ein Rechenbeispiel von Pfarrer Tschirschnitz zum Thema Besuche:
Von 1200 Gemeindegliedern sind mehr als ein Viertel in einem Alter, bei dem der Besuch des Pfarrers zum Geburtstag erwartet wird. Das ergibt 300 Besuche im Jahr bzw. 25 pro Monat und sieben bis acht pro Woche. Die Dienstvereinbarung gibt eine Stunde je Besuch vor, ohne Fahrzeiten anzurechnen, die bei elf Dörfern aber anfallen.


Jude, Christ und Songpoet

22. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Bob Dylan, der amerikanische Folk- und Rockmusiker, feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag

Bob Dylan ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen.

Kein Mensch ist frei. Selbst die Vögel sind an den Himmel gekettet.« Dieser Spruch des epochemachenden Musikers, Songschreibers und Protestlers Bob Dylan lässt sich als eine Einsicht für Grenzen deuten, die uns Menschen bei aller Kreativität und Schaffenskraft gesetzt sind. Es ist nur die Frage, was man aus dieser Erkenntnis macht.

Bob Dylan feiert am 24. Mai seinen 75. Geburtstag. Er ist jüdischer Abstammung und als Robert Allen Zimmerman in einem kleinbürgerlichen Nest namens Hibbing im US-Staat Minnesota aufgewachsen. Die Gegend ist alles andere als schön. Ein Eisenerzabbaugebiet. Dylan: »Eine große rote Wunde im Erdboden.« Die Eltern unmusikalisch, vermitteln ihm aber alttestamentliche Tradition. Er spielt aus eigenem Antrieb Gitarre und Mundharmonika. Gesang ist nicht seine Stärke.

Aber er ist kreativ und kann mit Worten umgehen. Da greift wohl ein Stück traditionelle Erziehung, auch wenn er sich gegen Kleinbürgertum und Provinz auflehnt. Der Baum rüttelt an seinen Wurzeln, nährt sich aber weiterhin durch sie. Als Jugendlicher spielt er auf einer billigen Versandhausgitarre alles Mögliche nach. Später flechtet er in eigene Texte viele alttestamentliche Bilder ein. Seine Lyrik und seine Interpretationsgabe machen ihn zum Star. Er füllt Stadien mit mehr als 100 000 Menschen, kifft, wirkt zeitweise arrogant und eigensinnig, provoziert. Er erfindet den Folkrock, indem er die Sünde begeht, seine Gitarre an einen Verstärker anzuschließen, kreiert unzählige Hits und singt seine bekannten Melodien zum Ärger seiner Konzertpilgerschar in ständig neuen Nuancen; ja entstellt sie zuweilen bis hin zur Unkenntlichkeit. Das ist Gegenkultur für die, die Gegenkultur zu ihrer Marke gemacht
und sich darin eingerichtet haben.

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Matthias Gehler, der Autor des Beitrags, ist Chefredakteur von MDR Thüringen, war selbst freischaffender Liedermacher. Als Fan von Bob Dylan hat er alle dessen CDs und Platten. Foto: privat

Privat erlebt er etliche Brüche in seinem Leben wie einen schweren Motorradunfall, Scheidung und Sinnkrisen. Er reagiert darauf – auch in seinen Liedern. All das trägt das Publikum irgendwie mit. Schließlich hat Bob Dylan Kredit. Sein »Blowin’ in the Wind« und »Like a Rolling Stone« haben ihn zum Idol der Protestler werden lassen mit einem festen Platz in den Geschichtsbüchern dieser Welt. Dann aber der Schock: Ende der 70’er konvertiert Bob Dylan zum Christentum. Der Wandel vom durchaus idealisierten Protestsänger zum bekehrten Christen war für seine Jünger schwer verkraftbar. Nach wie vor steht – nicht ganz unberechtigt – der Verdacht im Raum, dass der Künstler mit seinen Fans nur spielt und es sich um eine Maskerade, um einen PR-Gag handelt. Entsprechend sarkastisch fielen auch die Kommentare in der Presse und den Musikzeitschriften aus, als seine Sinnesänderung bekannt wird. »Sounds« schrieb 1979: »Also kommt doch noch ein Reicher ins Himmelreich.« Der »New Musical Express« verwies spottend auf seine angekündigten Konzerte mit der Bemerkung: »Also mach’s gut Bobby, wir sehen uns bei der Speisung der 5 000.«

Sein erstes durchweg christliches Album hieß »Slow Train Coming«. Zwei weitere ausgesprochen christliche Alben waren »Saved« (1980) und »Shot of Love« (1981). Ein viertes rundum christliches Album sollte Anfang der 80er Jahre noch folgen, wurde aber nicht produziert. So entstand das Gerücht, Dylan hätte nur eine kurze christliche Phase durchlebt. Al Kasha, ein Weggefährte, in dessen Wohnung »Slow Train Coming« geschrieben wurde, bleibt dabei, dass Dylan immer noch Christ ist und verweist insbesondere auf sein Album »Tempest«, welches voller christlicher Texte ist.

Dylan selbst trat 1997 auf Einladung von Johannes Paul II. bei einem kirchlichen Kongress in Bologna auf, redet zuweilen sogar über sein Christsein, schreibt weiterhin tiefgründige Songs, steht in diesem Frühjahr in Japan und bis zum Sommer in den USA auf der Bühne. Jetzt im Mai erscheint mit »Fallen Angels« sein zweites »Sinatra- Album«. Was er nach seinem 75. Geburtstag noch so auf Lager hat, bleibt abzuwarten. Hoffen wir, dass seine »Never Ending Tour« – auf der er seit 7. Juni 1988 ununterbrochen unterwegs ist – noch lange nicht an der »Himmelstür« endet. Der liebe Gott wird sein undeutliches »Knockin’ On Heaven’s Door« eh nicht verstehen.

Matthias Gehler

Die Rückkehr des Heiligen Geistes

16. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft:  Wie die Bibel zu lesen ist, damit sie zu uns spricht

Was passiert eigentlich in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie werden Lehrende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig kurz vorstellen, was sie machen und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Nach fünfzig Tagen: erinnerte Geschichte für die Gegenwart. Am Anfang der Apostelgeschichte (Kapitel 2) steht die Geschichte von Pfingsten, von der Ausgießung des Heiligen Geistes. Das ist sozusagen die Geburtsstunde der Kirche. Was interessiert einen Bibelwissenschaftler an diesem Text? Zuerst einmal, dass es ein Text ist, der im Rahmen eines literarischen Werkes gelesen werden will. Der Autor der Apostelgeschichte – die alte Kirche nennt ihn Lukas, er selbst sagt das nicht – beschreibt die Anfänge der Kirche als Missionsgeschichte. Er beginnt in Jerusalem, und er endet, als Paulus in Rom predigt. Einen solchen Text verstehen, heißt zuerst einmal sehr schlicht, ihn im Rahmen des Buches zu lesen, aus dem er stammt, und alle Fragen zu stellen, die wir an einen anderen antiken Text auch stellen würden. Lukas schreibt im Abstand von zwei, vielleicht drei Generationen, in denen seine Geschichte nur erzählt wurde. Es ist also nicht einfach Geschichte: es ist erinnerte Geschichte, mit der man der eigenen Gegenwart etwas sagen möchte.

Was haben antike Christen aus einem solchen Text herausgehört? Das fragt die Exegese, um die Bibel nicht zu karikieren, um sie nicht zu schnell zu vereinnahmen für unsere modernen Interessen. Die Apostelgeschichte ist für Menschen des späten ersten Jahrhunderts geschrieben worden, und wir müssen herausbekommen, was ihre Gedanken zu unserem Text gewesen sein können. Das ist durchaus möglich, wenn es auch Grenzen dessen gibt, was wir wissen können. Dann, in einem zweiten Schritt, kann der Text zu uns sprechen, wenn wir akzeptieren, dass wir nicht seine ersten Adressaten sind.

Pfingsten erfüllt sich eine uralte Hoffnung: die Rückkehr des Heiligen Geistes. Das ist keine harmlose Sache, darum das Erdbeben. Es war jüdische Hoffnung: Gott spricht wieder, wie in den Tagen der Propheten. Pfingsten erzählt, wie der Geist wie ein Sturmwind, wie ein Feuer die Jesusbewegung neu in Gang setzt und wie sich darin das Warten auf den Geist Gottes erfüllt. Um das genauer zu verstehen, muss man vor allem das reiche Schrifttum des antiken Judentums lesen. Meinen Studenten sage ich gerne: wir wissen heute vor allem deshalb mehr über die ersten Christen, weil wir mehr über das antike Judentum wissen. Pfingsten ist zudem eine Art Gegengeschichte zum Turmbau von Babel. Dort setzt Gott dem Bösen, dem wahnwitzigen Stolz eine Grenze, indem er die Sprachen der Menschen verwirrt: eine raffiniert-ironische uralte Sage. Aber er führt die Menschen auch wieder zusammen: darum »verstehen« Menschen aus aller Herren Länder, was die Apostel predigen. Nebenbei erfahren wir, was der geographische Horizont unseres Autors war. Germanien nennt er nicht, das war ein kaltes nasses Land im Norden, von dem man nicht viel wusste, und das vermutlich kaum jemanden interessierte. Pfingsten ist für den Autor eine Geschichte von Verheißung und Erfüllung. Im Buch des Propheten Sacharja heißt es: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. Bibelwissenschaft achtet dabei auf Unterschiede: Das Johannesevangelium bindet die Ausgießung des Heiligen Geistes unmittelbar an Ostern (Johannes 20,22). Lukas dagegen erzählt lieber eine lange, symbolträchtige Geschichte. Sicher weist sie auf eine Erfahrung früher Christen zurück. Aber sicher ist sie auch literarisch gestaltet, eben als Text. Wie sich beides zueinander verhält, ist ein Thema der Bibelwissenschaft. Exegese heißt dabei: genau hinsehen, genau lesen. Genau lesen: nicht »zwischen den Zeilen«, aber im Rahmen der ganzen Bibel, im Rahmen der Alten Welt; im Rahmen dessen, was wir über die alten Sprachen wissen usw. Viele in den letzten hundert Jahren neuentdeckte Quellen helfen uns dabei. Dann werden wir in gewisser Hinsicht Zeitgenossen der ersten Hörerinnen und Hörer: und die Bibel wird zu uns sprechen, ohne dass wir sie vor unseren eigenen Karren spannen.

Marco Frenschkowski

Der Autor ist Professor für Neues Testament mit einem Forschungsschwerpunkt auf antiker Religionsgeschichte.

Der Sprung in der Schüssel

16. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine asiatische Anekdote mit einer Illustration von Maria Landgraf

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.

Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende des Weges vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: »Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.« Die alte Frau lächelte. »Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?« »Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus schöner machen.«

Zur Lektüre empfohlen
Diese Anekdote ist dem Buch »Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein« entnommen. Die Publikation enthält berührende und weise Geschichten, Anekdoten und Zitate aus unterschiedlichen Kulturen und Traditionen.

Moesl, Franz Seraph (Hg.): Ich bin, weil wir sind. Geschichten zum Glücklichsein, Druckerei & Verlag Hille, 89 S., ISBN 978-3-939025-54-2, 12,90 Euro

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig

Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


Zwischen zwei Päpsten

11. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: In Krakau bereitet man sich auf den Weltjugendtag und den Besuch von Papst Franziskus vor


Man rechnet mit Millionen Teilnehmern, wenn sich vom 26. bis 31. Juli die katholische Jugend der Welt in Krakau versammelt. Ein Besuch in der alten Königsstadt.

Ein Meer von Kerzen steht auf dem Gehweg vor dem Erzbischöflichen Palast in Krakau. Es herrscht Stille. Einige Hundert Menschen stehen dicht gedrängt beieinander, manche haben Tränen in den Augen. Am Fenster über dem Torbogen im ersten Stock hängt ein erleuchtetes Porträt von Papst Johannes Paul II., dem ehemaligen Erzbischof von Krakau. Es ist der Abend seines elften Todestags, wenige Minuten vor 21.38 Uhr, der offiziellen Todeszeit. Sein früherer Privatsekretär, der heutige Erzbischof, Kardinal Stanislaw Dziwisz, tritt vor das Tor, betet mit den Menschen. Lieder werden gesungen.

In der Menge umarmt der 18-jährige Kamil seine Freundin, die 17-jährige Jagoda, ganz fest. Sie hat Blumen mitgebracht. »Der heilige Johannes Paul II. ist wie ein Vater für mich«, sagt Jagoda. »Er ist ein großes Vorbild.«

Welt-19-2016Die Erinnerung an den vor wenigen Jahren heiliggesprochenen Papst ist in Krakau allgegenwärtig. Vor den Kirchen stehen Statuen, in den Gotteshäusern hängt sein Porträt. In den Souvenirgeschäften gibt es einen kleinen Papst aus Plastik. Ob dieses Schicksal demnächst auch Papst Franziskus blüht? Der Argentinier ist der Ehrengast, wenn vom 26. bis 31. Juli unter dem Motto »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden« katholische Jugendliche aus aller Welt zu dem einst von Johannes Paul II. ins Leben gerufenen »Weltjugendtag« nach Krakau kommen. Millionen Jugendliche werden zu der großen Pilgerfahrt erwartet. Auch Kamil und Jagoda wollen natürlich daran teilnehmen. »Wir freuen uns schon auf den Papst«, sagt Jagoda. Heilige Messen, Glaubensseminare oder sogenannte Katechesen, eine unter freiem Himmel abgehaltene Nachtwache mit Franziskus und natürlich die Erinnerung an Johannes Paul II. stehen auf dem Programm des Treffens. Zudem will Franziskus die KZ-Gedenkstätte von Auschwitz und den Marienwallfahrtsort Czestochowa/Tschenstochau besuchen.

Noch wirkt in Krakau vieles provisorisch, vieles ist nicht im Detail geplant. Und es scheint schwer vorstellbar, dass die Infrastruktur der rund 750000 Einwohner zählenden Stadt auf einmal das drei- oder vierfache an Gästen bewältigen könnte. Doch die Organisatoren sind hoffnungsvoll, dass der logistische Kraftakt gelingen wird. »Der Papst möchte durch die Jugendlichen zu den Menschen in der Welt kommen«, sagt Kardinal Dziwisz in seinem Empfangszimmer, das natürlich von einem monumentalen Ölgemälde Johannes Paul II. geschmückt wird. Er hoffe, dass die Jugendlichen durch das Treffen stärker motiviert werden, sich für ihren Glauben zu engagieren. Vom Weltjugendtag solle ein Signal des Friedens und der Barmherzigkeit in die Welt gehen – denn Krakau ist nicht nur die Stadt Johannes Paul II., hier lebte auch die ebenfalls heiliggesprochene Ordensschwester Maria Faustyna Kowalska (1905–1938). Ihr ist angeblich Jesus Christus erschienen, um ihr aufzutragen, die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes in alle Welt zu verbreiten. »Jesus sagte zu Schwester Faustyna, die Welt werde keinen Frieden haben, wenn die Menschen nicht um Barmherzigkeit bitten werden«, sagt Dziwisz. »Und gerade heute braucht die Welt Sicherheit und Frieden.«

Doch wie politisch kann ein solches Treffen im heutigen Polen eigentlich werden? Auf die explizit gestellte Frage, was »Barmherzigkeit« denn in der aktuellen Flüchtlingskrise bedeute, schlägt sich der Kardinal ganz auf die Linie der neuen, konservativen polnischen Regierung. »Als Christen sollten wir den Flüchtlingen helfen, aber aufpassen, wo diese Hilfe geleistet wird«, sagt der Kardinal. Polen habe gut eine Million Menschen aus der Ukraine aufgenommen. »Sie können sich gut integrieren, weil sie Christen sind.«

Und auch den Umgang der neuen Regierung mit der Verfassung und den Grundrechten mag er nicht kritisieren. »In einer Demokratie ist es so: Wenn eine Partei gewinnt, dann regiert sie«, sagt Dziwisz stattdessen. »Man muss auch verlieren können und in der Opposition arbeiten.«

Benjamin Lassiwe

»Glaube + Heimat« jetzt digital

10. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jahrgänge 1924 bis 1941 wurden erschlossen

Die Mitteldeutsche Kirchenzeitung »Glaube und Heimat« steht jetzt von ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1924 bis zu ihrer kriegsbedingten Einstellung im Jahr 1941 digitalisiert im Internet zur Verfügung. Möglich wurde dies durch ein Gemeinschaftsprojekt der Thüringer Landes- und Universitätsbibliothek (ThULB) und dem Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Jena unter Leitung von Michael Wermke. Fast zehn Jahre beschäftigten sie sich mit dem großen Digitalisierungsprojekt »Kirchliches und schulisches Zeitschriftenwesen für den Bereich der Thüringer Landeskirchentümer vom Ende des 18. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts«. Nutzer aus aller Welt haben nun Zugang zu den Ausgaben von »Glaube und Heimat« aus den Jahren 1924 bis 1941, zum »Magazin für Prediger«, der »Zeitschrift für den evangelischen Religionsunterricht« oder den umfangreichen Beständen an Gemeindeblättern. »Wir sind deutschlandweit das einzige Archiv, wo man sich die Gemeindeblätter anschauen kann. Thüringen ist dabei ein Spiegel für das gesamte Deutsche Reich, weil sich hier alle Strömungen finden«, erklärt Wermke. Diese Gemeindeblätter tragen oft den Titel »Heimatglocken«. Das lässt zahlreiche Rückschlüsse auf die Situation der Landeskirche in ihrer Gründungszeit zu. Was 1920 in den Gemeinden passierte, interessiert nicht nur die Wissenschaftler.

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

Die Wartburg im Titel von »Glaube und Heimat« (Ausgabe Januar 1927) – Foto: Doris Weilandt

»Glaube und Heimat« ist auch eine Antwort auf diese Zentralisierung nach Auflösung der Fürstentümer. Schon der Titel macht deutlich, dass die Zeitung heimatstiftend wirken wollte. Für die Forschung ist es auch interessant, zu verfolgen, wie die enge Verwobenheit der Landeskirchenführung mit dem Dritten Reich ab 1933 ihren Niederschlag in der nationalsozialistischen Orientierung von »Glaube und Heimat« fand. Kriegsbedingt wird ihr Erscheinen dann 1941 eingestellt.

Die digitale Bibliothek, die eine ganze Reihe von regionalen Kirchenzeitungen enthält, lässt sich einfach handhaben. Das Portal ist benutzerfreundlich nach Ausgaben und Jahrgängen sortiert. Gesucht werden kann nach einzelnen Artikeln oder nach Autoren. Unter der Rubrik »Galerie« sind Bilder und einzelne Kopfzeilen eingestellt. Die technischen und personellen Voraussetzungen, um so ein umfangreiches Projekt zu stemmen, lieferte die ThULB. »Die Digitalisierung ist ein großes Glück. Wir können damit unsere Bestände der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen«, sagt Thomas Mutschler, Fachreferent in der Jenaer Bibliothek.

Sieben Millionen Digitalisate sind bereits veröffentlicht. Der Quellenerhalt ist die Voraussetzung für die wissenschaftliche Arbeit zu grundlegenden Fragen, die immer wieder gestellt werden. Zum Thema Heimat findet gerade ein überregionaler Diskurs statt, an dem sich ganz unterschiedliche Bereiche beteiligen. Das Zentrum für Religionspädagogische Bildungsforschung unter Leitung von Wermke hat zu dieser Begrifflichkeit »als bewusste mediale Strategie« bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Projektantrag gestellt. Sowohl die digital aufbereiteten Ausgaben von »Glaube + Heimat« der ersten beiden Erscheinungsjahrzehnte als auch die Gemeindeblätter der gleichen Zeit bilden dafür eine wichtige Grundlage.

Doris Weilandt

Die digitalisierten Druckerzeugnisse sind jetzt unter dieser Internetadresse zu finden: http://projekte.thulb.uni-jena.de/zeitschriftenwesen/projekt.html
Für die weitere Digitalisierung werden in den Kirchengemeinden noch Bestände von Gemeindeblättern gesucht. Anfragen unter Telefon (03691) 6580470 oder <archiv.eisenach@ekmd.de> beim Landeskirchenarchiv Eisenach.

Gotteswahn, Mord und Totschlag

8. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Kain und Abel – Die Spur des Blutes zieht sich durch Geschichte und Gegenwart


Warum wird Kains Opfer verworfen, das von Abel aber nicht? Hat nicht Gott selbst mit seiner Ungleichbehandlung der beiden Brüder die böse Tat provoziert? Sind Gotteswahn, Mord und Totschlag das hässliche Gesicht des Monotheismus?

Kain und Abel, das ist ein klarer Fall! Das Opfer ist bekannt. Der Täter kommt – wie so oft – aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld. Die Anklage lautet Brudermord. Das Urteil ist gesprochen.

Ist der Fall von Kain und Abel ein klarer Fall? Bei jedem Verbrechen bleibt die Frage: Warum? Warum wurde Kain zum Brudermörder? Weil Gott auf die Opfergaben Abels schaute, sie angenommen hat, die des Kain aber nicht? Zurücksetzung, Ungleichbehandlung schmerzen. Wenn schon nicht alle vor dem Gesetz gleich sind, dann – so unsere Hoffnung – doch wenigstens vor Gott. Sind sie das? Warum wird Kains Opfer verworfen, das von Abel aber nicht? Die Ausleger aller Zeiten sind mit kriminalistischem Scharfsinn dieser Frage nachgegangen: Weil Kains Opfergaben vom verfluchten Acker stammten (1. Mose 3,17-19)? Weil Kain im Unterschied zu Abel nicht uneigennützig allein »durch Glauben« opferte (Hebräer 11,4)? Weil der Brudermord das Resultat eines gnadenlosen Kultur- und Konkurrenzkampfes zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern war?

GuA-19-2016Der Erzähler selbst gibt auf die Frage nach dem Warum keine Antwort. Er stellt nur nüchtern fest: So ist es, so war es! Der Anlass zur blutigen Tat lag weder in der Kultur noch in der Ökonomie verborgen, sondern in der Religion, noch präziser: in Gott selbst! Und Gott ist dir, Mensch, keine Rechenschaft schuldig für das, was er tut oder lässt. Gott ist der Skandal in unserer Geschichte! Ist er das? Hat er denn nicht mit seiner Ungleichbehandlung der beiden Brüder die böse Tat provoziert? Ist die Religion ein Aggressionsbeschleuniger? Sind Gotteswahn, Mord und Totschlag das hässliche Gesicht des Monotheismus? Die Spur des Blutes, die sich infolge von Religionskonflikten durch Geschichte und Gegenwart zieht, kann nicht geleugnet werden. Eines können ihre Verursacher aber nicht, sich dabei auf die Geschichte von Kain und Abel berufen und ihren Gott dafür verantwortlich machen.

Denn Gott will das nicht! Ungleichbehandlung und Zurücksetzung sind kein Freibrief für Gewalt. Menschen müssen lernen, mit unaufhebbaren Ungleichheiten zu leben; müssen lernen, das Gelingen Anderer und das eigene Misslingen auszuhalten, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Annahme oder Verwerfung der Opfergaben, die Kain und Abel darbringen, ist ja nicht gleichbedeutend mit der Annahme oder der Verwerfung ihrer Personen. Denn wenn eines in der Erzählung von Kain und Abel deutlich wird, dann dies, dass sich Gott Kains, des Brudermörders, angenommen hat. Er warnt ihn: Die Sünde lauert vor deiner Tür, »du aber herrsche über sie!« Er fragt: »Wo ist Abel, dein Bruder?« Er lässt ihm seine freche Lüge – »Ich weiß es nicht.« – nicht durchgehen. Er deckt die böse Tat auf: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.« Die Wahrheit kommt ans Licht. Er spricht ihm das Urteil.

Aber er verflucht ihn nicht! Wörtlich übersetzt heißt es da: »Du bist verflucht vom Acker her«, durch das Blut, das zu mir schreit. Der Fluch, das ist die Konsequenz der bösen Tat, des Neids auf das gelingende Leben Anderer. Nicht durch Gott, sondern durch den Brudermord hat sich Kains ganze Lebenswirklichkeit in einen Fluch verwandelt. Der Acker, von dem er lebte, trägt und erträgt ihn nicht mehr. Er hat ihn mit dem Blut des Bruders vergiftet. Und daher muss der unstete und flüchtige Mörder fürchten, jetzt selbst zum Opfer von Rache und Gewalt zu werden.

Was aber macht Gott? Er unterbricht den Kreislauf der Rache, die Spirale der Gewalt. »Der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.« Gott wandelt das Kainsmal des Brudermörders in ein Schutz- und Gnadenzeichen. Kein Mensch hat das Recht, zum Mörder des Mörders zu werden. Kain steht unter Gottes Täterschutz! Und wer schützt Abel, das heißt verdolmetscht häbäl – »Hauch«? Wer schützt den, der sein Leben viel zu früh ausgehaucht hat? Du, Mensch, »sollst deines Bruders Hüter sein!«

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Mit Bibel, Bier und Bollerwagen

7. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Männerwallfahrt: Wandern mit Gottes Segen – Seit 60 Jahren ist ein kleiner Hügel im Eichsfeld zu Himmelfahrt Ziel nicht nur für katholische Männer


Diesen Termin haben sich katholische, aber auch evangelische Christen dick im Kalender angestrichen: Himmelfahrt! Zu Fuß, mit dem Auto, Pferdegespann, Fahrrad oder Bus brechen Tausende Männer nach Wachstedt auf. Von dort aus wollen sie das »Klüschen Hagis«, eine kleine Barockkirche mitten im Eichsfelder Westerwald, erreichen.

Traditionell ist die Männerwallfahrt Sache der Männer. Aber Frauen sind längst keine Ausnahme mehr. »Die ›Ihr-habt-hier- nichts-verloren‹-Zeiten sind längst vorbei«, sagt Wallfahrtsleiter Tobias Gremler. Familien, vor allem aber Väter, Söhne und Enkel, zieht es an den idyllischen Ort, vor allem wegen seiner Lebendigkeit bei Wallfahrten und Gottesdiensten. »Das war immer ein Väter-Söhne-Tag für uns«, erinnert sich Gremler an seine Kindheit, als er mit Vater und älterem Bruder zum Klüschen zog.

»Klüschen Hagis«, die kleine Klause des Hagens, erinnert an eine Eremitenklause, die einst neben der heutigen Wallfahrtskirche stand. – Foto: Veranstalter

»Klüschen Hagis«, die kleine Klause des Hagens, erinnert an eine Eremitenklause, die einst neben der heutigen Wallfahrtskirche stand. – Foto: Veranstalter

Zum 60. Mal pilgern hauptsächlich Thüringer Katholiken an den denkwürdigen Ort. Aber auch aus Dortmund und dem Bistum Fulda kommen Gläubige. »Der DDR-Staat musste zähneknirschend zusehen und zuhören, ohne wirklich eingreifen zu können«, erinnert sich der langjährige Wallfahrtsleiter Johann Freitag an frühere Zeiten. In Thüringen hat es damals wohl kaum andere Veranstaltungen als die großen Wallfahrten der katholischen Kirche gegeben, wo vor so vielen Menschen in dieser Offenheit und Klarheit gesprochen wurde. »Sie wollten einfach aus der staatlichen Bedrängnis heraus. Das war das geistliche Element im Jahr«, erklärt Gremler, der seit 2013 die Wallfahrt organisiert. Die diesjährige Wallfahrt steht unter dem Leitwort »Ich teile mit dir«. Wie fast immer wird auch in diesem Jahr der Erfurter Bischof den Wallfahrtsgottesdienst vor der kleinen Barockkirche zelebrieren. Für Ulrich Neymeyr ist es das zweite Mal in seiner Amtszeit. Vorgänger Joachim Wanke bekam hier regelmäßig ein Geburtstagsständchen.

Auch zur Jubiläumswallfahrt werden Pilgerscharen erwartet. Unter ihnen befindet sich einer der bekanntesten geistlichen Autoren unserer Zeit, Pater Anselm Grün aus der Abtei Münsterschwarzach. Bei der Wallfahrt wird diesmal eine fünf Meter hohe Skulptur, die vom Hüpstedter Holzbildhauer Heinz Günther angefertigt wurde, gesegnet. Sie stellt einen Pilger dar und wurde anlässlich des Jubiläums vom Bistum Erfurt in Auftrag gegeben.

»Wann haben Sie das letzte Mal etwas geteilt, das Ihnen wirklich wichtig war und am Herzen lag?«, fragt Tobias Gremler, zugleich Referent im Seelsorgeamt und Organisator der Männerwallfahrt. Angesichts des Wallfahrtsthemas »Ich teile mit dir« denkt Gremler nicht nur an Materielles. »Sind wir bereit, so viel von unserem Hab und Gut zu geben, dass wir uns selber einschränken müssen?« Im Jahr der Barmherzigkeit gelte es auch, das Teilen von Zeit, Schmerz, Trauer, Ohnmacht und Leid in den Blick zu nehmen, sagt Gremler.

Knapp drei Stunden werden mehr als 10000 Männer und einige Frauen auf der großen Wiese ausharren. Viele haben Decken, Kissen, Klappstühle und natürlich Bibel und Gesangbuch dabei. Auch 60 Jahre nach der ersten großen Männerwallfahrt am Fuße des Gleichensteins erhalten sie eine Orientierung, wie der Glaube in einer sich rasant ändernden Welt gelebt werden kann. »Vor allem die Predigten und die große Gemeinschaft werden mit Vorfreude erwartet«, erklärt Klüschenpfarrer Josef Jacobi das Besondere dieser Wallfahrt.

Das Klüschen Hagis ist einer der bekanntesten von mehr als 30 Wallfahrtsorten im katholisch geprägten Eichsfeld. Dass es seit 1957 alljährlich Ziel von Tausenden Pilgern wurde, hat einen Grund: Weil der bis dahin weitaus bekanntere Hülfensberg bei Geismar im thüringisch-hessischen Grenzgebiet für viele Wallfahrer unerreichbar blieb, wichen die Gläubigen auf das »Klüschen« mit mehr als 400 Jahren Wallfahrtstradition aus. Fortan war das spätgotische Bildnis der Schmerzensmutter alljährlich Ziel der Gläubigen. 1967 wurden 23000 Menschen gezählt. »Mit dem Klüschen Hagis fanden Männer einen Ort, an dem sie frei beten, singen und ihre Gottesdienste feiern konnten. Trotz des DDR-Regimes, das den Atheismus zur Staatsreligion erklärt hatte«, sagt Freitag.

Bischöfe, wie Joachim Wanke, nahmen kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, die gesellschaftliche Gegenwart im Licht des Glaubens zu deuten. In guter Erinnerung geblieben ist beispielsweise der Aufruf von Wanke im Jahr 1988, angesichts wachsender Ausreisewünsche »sich als Christen in diesem Land einzubringen«. Nachhaltig war auch eine Predigt, in der er die Männer aufrief, in den Zeiten von »Durchsetzungsvermögen, Karrierebewusstsein und Härte« auf »Gottes- und Nächstenliebe« zu setzen. Wer zum Klüschen pilgert, erwartet klare Worte vom Bischof – sei es zur ehelichen Treue oder zu fehlender Nächstenliebe.

Seit den ersten Klüschenwallfahrten haben sich zahlreiche Veränderungen vollzogen. Beispielsweise wird seit 1966 auf Deutsch zelebriert. Heute selbstverständlich, damals aber eine Sensation. 1971 predigte erstmals ein Laie in der Feierstunde. Nach und nach mischten sich immer mehr Frauen unter die Wallfahrer, konnten auch evangelische Christen begrüßt werden. 1998 war Martin Herche, der damalige Superintendent des Kirchenkreises Eichsfeld, dabei – passend zum Leitwort »Christen sprechen mit einer Stimme«.

Nach der Abschaffung des Himmelfahrtstages als gesetzlicher Feiertag 1968 bis 1990 musste die Wallfahrt sogar sonntags stattfinden. Seit 26 Jahren ziehen die Wallfahrer wieder am Fest Christi Himmelfahrt in den Westerwald und suchen sich ein Plätzchen auf dem Wiesenhang vor der Wallfahrtskirche. Wie viele es genau sind, kann nicht gesagt werden. »Gezählt wird die Anzahl in einem Quadrat und dann hochgerechnet«, sagt Gremler.

Claudia Götze

In alle Himmelsrichtungen

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gibt es für Christen eine vorgeschriebene Gebetsrichtung?

In einem Dönerbistro breitete ein junger Moslem zu seiner festgesetzten Gebetsstunde eine Zeitung auf dem Fußboden aus und kniete sich darauf zum Gebet nieder – in einer ziemlich verquer wirkenden Richtung. Die Vorschrift für Muslime lautet, in Richtung der Kaaba in Mekka zu beten. Die genaue Himmelsrichtung dafür ist im Internet für jeden Ort zu finden.

Meistens beten Christen im Gottesdienst in Richtung zum Altar, aber wenn Lektoren, Taufpaten oder andere Gemeindemitglieder mitwirken oder mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer Fürbitten halten, orientieren sie sich beim Gebet eher zur Gemeinde hin bzw. zum Mikrofonständer. Ist die Gebetsrichtung vorgeschrieben – oder ist sie belanglos?

Gott ist für Christen allgegenwärtig und nicht ortsgebunden, deshalb können sie Gott überall und ohne festgelegte Richtung anbeten. Das gilt grundsätzlich und speziell bei Tisch, im Bett, auf dem Feld, im Auto und überall, auch im Gottesdienst. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen dem privaten Gebet und dem gottesdienstlichen Gebet der Gemeinde. Im Alten Testament entwickelte sich der Tempel als Ort besonderer Präsenz Gottes, weshalb er in der Diaspora und im Exil für die Juden als Gebetsrichtung an Bedeutung gewann. Daniel betete in der Verbannung dreimal am Tag bei offenen Fenstern in Richtung Jerusalem (Daniel 6,11).

Uralte Gebetsrituale vieler Völker orientieren sich am Aufgang der Sonne als Richtung des Gebets. Die frühe Kirche hat mit der Ostung ihrer Gotteshäuser dieses Prinzip übernommen. Unklar ist allerdings, ob sich diese Ostung auf das Heilige Land bezieht – dann träfe sie nur auf bestimmte Regionen der westlichen Hemisphäre zu – oder auf die Himmelsrichtung des Morgens als Symbol der Auferstehung und der Wiederkunft Christi – oder auf das
Paradies?

Im Neuen Testament spielt die Gebetsrichtung zunächst scheinbar keine Rolle, weil Jesus die Kultpraxis des Tempels kritisch betrachtet. So wird das Vaterunser »im Kämmerlein« empfohlen statt in der Öffentlichkeit (Matthäus 6,6). Und Jesus prophezeit der Samariterin, dass man Gott künftig weder auf dem Garizim noch in Jerusalem anbeten werde, sondern »im Geist und in der Wahrheit« (Johannes 4,21). Bei diesen Aussagen geht es allerdings nicht um Fragen der Gottesdienstgestaltung. In der Offenbarung des Johannes (z. B. 7, 9f), die für die Entwicklung der christlichen Gottesdienstform eine wichtige Rolle spielt, ist dann doch von der Anbetung Gottes vor dem Thron die Rede, mithin von einer bestimmten Gebetsaufstellung.

Wenn aber die Gemeinde im Gottesdienst in einer symbolisch geosteten Kirche betet, dann wird sie diese Gebetsrichtung auch aufnehmen und in Richtung Osten bzw. zum Altar oder zum Kruzifix gewandt beten, damit die Zeichenhaftigkeit glaubwürdig bleibt. Denn das Gebet ist Anrede Gottes, nicht eine Proklamation von Gedanken an die Gemeinde! Der Charakter des gottesdienstlichen Gebetes wird zerbrochen, wenn sich die Betenden an die Gemeinde wenden. Die Fürbitten, die die Vorbeter anstimmen, sind stellvertretend für die Gemeinde formulierte Gebetsanliegen, sodass sich die Vorbeter mit der Gemeinde in der Gebetsrichtung vereinen sollten. Ihre vermeintliche Zuwendung zur Gemeinde ist im Gegenteil eine Abwendung, denn die Vorbeter stellen sich der Gemeinde gegenüber, statt mit ihr vor Gott zu treten!

Die Unsicherheit über die Gebetsrichtung folgt auch aus der nachkonziliaren römisch-katholischen Praxis, die den Volksaltar im Zentrum der Kirche an die Stelle des geosteten Hochaltars gestellt hat und auf diesen Altar hin gerichtet Gott im Gebet anruft. Bei dieser Praxis steht jedoch nicht die Anrufung Gottes im Gebet im Vordergrund, wie es in der evangelischen Kirche üblich ist, sondern die Feier der Eucharistie, bei der die Gläubigen das Geschehen sehen sollen. Wenn wir im evangelischen Gottesdienst dieser Praxis folgen wollten, müssten wir zuerst auch den Altar ins Zentrum verlegen und unsere Abendmahlspraxis noch stärker der katholischen anpassen, denn auch im katholischen Gottesdienst betet der Priester nicht zur Gemeinde, sondern zum Altar!

Also – grundsätzlich und besonders im privaten Gebet gibt es keine vorgeschriebene christliche oder gar evangelische Gebetsrichtung. Aber im symbolträchtigen Gottesdienst erfüllt die Gebetsrichtung zum Altar bzw. zum Kreuz einen tieferen Sinn. Sie bewahrt uns davor, dass der Mensch anstelle Gottes im Mittelpunkt steht. Das ist kein Gebot, an dem die ewige Seligkeit hinge, sondern eine Frage der guten Gestaltung des Gottesdienstes. Eine strenge Regel – wie im Islam – gibt es in keiner Kirche. Selbst in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan steht der Altar im Westen, und der Papst betet dort in diese Richtung. Die meisten Kirchen jedoch kennen und praktizieren die Gebetsrichtung Ost. In einer Zeit, die auf Symbole achtet, ist es besser, mit einer Gebetsrichtung Zeichen zu setzen, als in liturgischem Liberalismus für Unkenntlichkeit zu sorgen. »Richtig« ist es in jedem Fall, nicht gedankenlos irgendwohin oder gar nur »zum Mikrofon«, sondern »zum Herrn« zu beten. Dafür sollte jeder Beter die geeignete Haltung und Stellung für jede Situation ermessen.

Arndt Haubold

Der Autor ist Pfarrer in Markleeberg und Vorsitzender des Gustav-Adolf-Werkes in Sachsen.

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Ecuador: Worauf keine Vorlesung vorbereiten kann

1. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Es ist Sonnabendabend 18.58 Uhr. Das Erdbeben vom 16. April ist nun genau eine Woche her. Es zu verarbeiten wird noch viele Wochen in Anspruch nehmen. Das Beben mit der Stärke 7,8 traf uns völlig unerwartet. Selbst in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, die fast 200 Kilometer entfernt vom Epizentrum entfernt und 2 800 Meter höher gelegen ist, ließ es Gebäude einstürzen. Zur Zeit geht man von 670 Toten aus, Tausende sind schwer verletzt und ohne Obdach.

Zerstörte Häuser, tote Menschen, obdachlose Familien: Das kleine Land Ecuador leidet unter dem Ausmaß der Katastrophe. Foto: Melanie Becker

Zerstörte Häuser, tote Menschen, obdachlose Familien: Das kleine Land Ecuador leidet unter dem Ausmaß der Katastrophe. Foto: Melanie Becker

Seit fünf Wochen bin ich in Ecuador. Ich kam, um im Rahmen meines Medizinstudiums ein Praktikum zu machen, mein Spanisch zu verbessern und möglichst viel über Land und Leute zu erfahren. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass die Tage hier zu den härtesten, aber auch prägendsten meines Lebens werden würden.

Am Tag nach dem Beben packte ich einen großen Teil meiner Kleidung zusammen und brachte sie in einen Gottesdienst, in dem Hilfsgüter gesammelt wurden. Die Losung des Unglückstages spendete mir in den nächsten Tagen immer wieder Kraft: »Ich will des Morgens rühmen deine Güte, denn du bist mir Schutz und Zuflucht in meiner Not.« (Psalm 59,17) Als mir mein Arzt auf Station am Montag mitteilte, dass er und sein Team sich in das Katastrophengebiet begeben, bat ich ohne zu zögern, mitkommen zu dürfen.

Unter Polizeischutz fuhren wir in der Nacht in einem Konvoi Richtung Küste. Vier Uhr morgens kamen wir in die Küstenstadt Pedernales. Ohne Strom, ohne Licht, konnte man nur erahnen, welches Ausmaß an Verwüstung das Beben angerichtet hatte. Man hörte das Rauschen des Pazifiks, roch die salzige Meeresluft, die aber mit jedem Meter, dem man der Stadt näher kam, vom Verwesungsgeruch überlagert wurde. Da es in Pedernales schon Hilfsorganisationen gab, machten wir uns auf den Weg in abgelegenere Orte.

Die Straßen waren von metertiefen Rissen durchzogen, in Teilen komplett weggebrochen oder durch Erdrutsche verlegt. Zu Sonnenaufgang kamen wir in Jama an, wo sich uns ein trauriges Bild offenbarte: Ein Großteil der Häuser existierte nicht mehr, Särge stapelten sich am Straßenrand. Als Erstes versorgten wir akut verletzte Personen, danach verteilten wir Wasser, Medikamente und Lebensmittel. Dabei unterbrachen Nachbeben ständig unsere Arbeit. Viele erhielten durch uns die erste Hilfe überhaupt. Gemeinsam mit einem Hilfsteam aus Mexiko warteten wir vor den Hausruinen, in denen noch Überlebende vermutet wurden. Trotz schwerer Ausrüstung, der hoch im Zenit stehenden Sonne und dem Mangel an Trinkwasser gaben alle Rettungskräfte ihr Letztes – immer in der Hoffnung, doch noch einen Menschen retten zu können. Doch leider konnten die Verschütteten nur noch tot geborgen werden.

Ein großer Zusammenhalt, Opferbereitschaft und Nächstenliebe sind im ganzen Land zu spüren. Dennoch kann das kleine Land im Nordwesten Südamerikas die Katastrophe nicht allein bewältigen. Wir sind auf Hilfe angewiesen.

Melanie Becker

Melanie Becker (22) stammt aus Wurzen und studiert Medizin in Leipzig.

Spendenkonto:
Diakonie Katastrophenhilfe
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: Erdbeben in Ecuador