»Das zerstört unsere Hoffnung auf Europa«

26. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Die kleine evangelische Kirche setzt sich trotz Wirtschaftskrise für die Flüchtlingshilfe ein

Die Griechische Evangelische  Kirche ist klein: nur  5 000 Gemeindemitglieder in 32 Gemeinden. Doch in der aktuellen Flüchtlingskrise zeigt sie ein bemerkenswertes Engagement. Doreen Just sprach mit dem leitenden Pfarrer Meletis Meletiadis.

Die Griechische Evangelische Kirche ist – misst man sie am Datum ihrer staatlichen Anerkennung – eine erst junge Kirche …
Meletiadis:
Unsere Kirche geht auf griechisch-stämmige Missionare aus den USA zurück. Sie machten den evangelischen Glauben Anfang des 19. Jahrhunderts im damaligen Osmanischen Reich unter der griechischsprachigen Bevölkerung bekannt. Erst im Jahr 2004 haben wir einen Antrag auf Anerkennung beim zuständigen Ministerium eingereicht. Es war ein langer Weg. Aber im Jahr 2014 hat das griechische Parlament dann das neue Religionsgesetz beschlossen, und seit April 2015 ist die Griechisch-Evangelische Kirche offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Was hat sich damit für die Kirche und ihre Gemeinden verändert?
Meletiadis:
Jetzt können die Gemeinden beispielsweise auf ihren Namen Bankkonten eröffnen oder Grundbesitz eintragen lassen. Das war vorher nicht möglich. Da mussten solche Dinge – mit all den Risiken – über private Personen abgewickelt werden. Wir dürfen jetzt auch Radio- oder Fernsehprogramme ausstrahlen, uns an europäischen Programmen beteiligen usw. Unsere Stimme wird in der griechischen Gesellschaft anders wahrgenommen.

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Meletis Meletiadis leitet als Moderator die Griechische Evangelische Kirche. Foto: privat

Wie erleben Sie die derzeitige Flüchtlingskrise?
Meletiadis:
Die Situation der Flüchtlinge überwältigt uns alle. Unsere Gemeinden helfen, wo sie können. Das bekannteste Beispiel ist sicher Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Bedingungen im Camp sind unvorstellbar. Was wir dort sehen und erleben, zerstört unsere Hoffnung auf ein an christlichen Werten orientiertes Europa.

Wie können die Gemeinden einer so kleinen Kirche etwas in einem Camp wie Idomeni bewirken?
Meletiadis:
Seit Februar 2015 helfen unsere Gemeinden in Idomeni. Sie besuchen das Camp drei- bis viermal in der Woche. Anfangs haben wir je 1 000 Sandwiches und Wasserflaschen verteilt, dazu Kleidung sowie Hygiene- und Babyartikel. Nun, wo die Grenzen entlang der Balkanroute geschlossen sind, hat sich die ohnehin angespannte Lage dramatisch verändert. Wenn unsere Gemeinden jetzt nach Idomeni fahren, verteilen sie 6 000 Mahlzeiten. Seit einigen Wochen haben wir unsere Hilfen zudem auch auf drei sogenannte Hot Spots, offizielle staatliche Flüchtlingscamps, ausgedehnt.

Griechenland steckt selbst seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise – wie können da Menschen noch anderen helfen?
Meletiadis:
Die Menschen hier teilen das, was sie haben mit den Flüchtlingen. Ein alter Mann aus unserer Gemeinde in Mylotopos hat vier Tonnen Holz gespendet, die wir nach Idomeni gebracht haben für Lagerfeuer. Es gibt Frauen, die sich treffen, um warme Schals, Mützen und Handschuhe für die Kinder im Camp zu stricken. Viele unserer Gemeindemitglieder helfen, Mahlzeiten zuzubereiten, die Transporte zu organisieren und die Hilfsgüter zu verteilen. Inzwischen haben Gemeindemitglieder damit begonnen, Flüchtlinge mit zu sich nach Hause zu nehmen. Wie könnten wir unberührt bleiben von dem Drama, das sich hier abspielt?

Welt-2-17-2016

Gibt es dabei auch eine ökumenische Zusammenarbeit?
Meletiadis:
Ökumenische Beziehungen gibt es in Griechenland offiziell nicht, zumindest nicht zur orthodoxen Mehrheitskirche. Doch auf Gemeindeebene ist das etwas anderes. Zum Beispiel: Die orthodoxe Gemeinde in Volos betreibt eine sehr gute Suppenküche, die täglich mehr als 2 000 bedürftige Menschen versorgt. Die evangelische Gemeinde in Volos beteiligt sich. Sie liefert derzeit jeden Monat 500 Kilogramm frisches Obst an diese Küche. Ein weiteres Beispiel guter ökumenischer Zusammenarbeit ist die griechische Bibelgesellschaft, in der Orthodoxe, Katholiken und Evangelische im Geiste gegenseitiger Anerkennung und Akzeptanz zusammenarbeiten.

Das Gustav-Adolf-Werk mit Sitz in Leipzig unterstützt die Flüchtlingsarbeit der Griechischen Evangelischen Kirche und leitet zweckgebundene Spenden gern weiter.
Konto: KD-Bank – LKG Sachsen, IBAN:
DE42 3506 0190 0000 4499 11, BIC: GENOD
ED1DKD, Kennwort: Flüchtlingsarbeit Griechenland

www.gustav-adolf-werk.de

Demut gehört zum Handwerk

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfolgsgeschichte: »Klingende Maßanzüge« aus dem Hause Weimann geben in den großen Orchestern der Welt den Ton an

Wenn er redet, ist seine Stimme ruhig; er wählt seine Worte sehr bewusst, überlegt gut, bevor er sie ausspricht: Alexander Weimann ist eher ein Zuhörer. Und das kommt ihm zugute in seinem Beruf, der zugleich Berufung ist. Die Kirchenzeitung besuchte den Instrumentenbauer in seiner Manufaktur.

In diesem wunderbaren Refugium, einem alten Fachwerkhof in Kapellendorf nahe Weimar, fertigt der Metallblasinstrumentenbaumeister gemeinsam mit zwei Mitarbeitern Trompeten und Flügelhörner der Spitzenklasse – gespielt in namhaften nationalen und internationalen Orchestern. Sein Geheimnis: Neugier, sich Zeit nehmen für jeden einzelnen Kunden und dessen individuelle Klangvorlieben erspüren. »Ich höre, was die Musiker fühlen, wenn sie ein Instrument ausprobieren«, so Weimann. Er versteht sich als beratender Partner, nicht als Verkäufer. Sein Ziel: Jedem Musiker das Instrument in die Hand geben, mit dem dieser seine Klangvorstellung in idealer Weise verwirklichen kann.

Das dezente Marken- zeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Das dezente Markenzeichen der Meisterstücke aus dem Hause Weimann ist die kleine rote Schraube.

Die gemütlich anmutende Werkstatt mit Blick auf die Wasserburg ist akkurat. Jedes Ding hat seinen Platz. Und er habe nicht extra für meinen Besuch aufgeräumt, versichert Alexander Weimann auf Nachfrage belustigt. Da gibt es uralte Schränke mit vielen, vielen Schubladen; hier wird achtsam mit allem umgegangen, das spürt man gleich. Bis ins Detail reicht die gefällige Ordnung. Schlampigkeit kann sich ein guter Handwerker nicht leisten. Die Werkstatt ist ein Spiegel seines Wesens: Alexander Weimann ist bei aller Leidenschaft und Kreativität ein sorgfältiger, gewissenhafter und zuverlässiger Mensch. Und das schätzen seine Kunden. Ob nun der Posaunenchor aus dem Dorf nebenan oder der erste Trompeter der Met in New York. Wichtig ist ihm, nicht abzuheben, trotz aller Begeisterung bodenständig zu bleiben: »Ich habe für jeden Kunden die gleiche Zeit.«

Diese Empathie und Authentizität machen die Weimannschen Instrumente so besonders. Denn dank dieser Talente haucht der Meister den handwerklich äußerst präzise gearbeiteten Unikaten Charakter ein; er selbst nennt sie »klingende Maßanzüge«, andere zeichneten sie mit dem überaus schönen Etikett »Werke von Hand – Zeugnisse der Seele« aus.

Als der Metallblasinstrumentenbauer und Restaurator 1993 den Weg in die Selbstständigkeit wagte – »die bis heute schwerste Entscheidung meines Lebens« – konnte er nicht ahnen, dass er eineinhalb Jahrzehnte später die besten Orchester der Welt zu seinen Kunden zählen darf. Begonnen hat er seinerzeit mit dem Handel und einer Reparaturwerkstatt. Schmunzelnd erzählt er von den Anfängen: Einmal sei ein Pfarrer vorgefahren, um die Instrumente des Posaunenchores zur Überholung zu bringen. Nachdem er sie anschließend wieder ins Auto verfrachtet hatte, habe er sich an die Stirn gefasst und ausgerufen: »Ach, jetzt habe ich ja ganz vergessen, dass ich meine eigene Trompete auch dabei habe«, um sie geschwind aus dem Kofferraum zu holen. »Der wollte erst mal sehen, ob ich das auch gut mache, bevor er mir sein Instrument anvertraut – und das ist doch auch verständlich.«

Feuilleton-17-2016

Der Meister bei der Arbeit: Von Hand gefertigte Einzelstücke aus der Manufaktur von Alexander Weimann in Kapellendorf bei Weimar haben einen klangvollen Namen in der großen Musikwelt. Jedem einzelnen Stück gebührt höchste Aufmerksamkeit. Fotos: WEIMANN® Manufaktur

Alexander Weimann weiß, wie Musiker ticken. Bereits von Kindesbeinen an ist der passionierte Waldhornspieler eng mit der Musik verbunden. Der Vater, Gesangssolist am Leipziger Gewandhaus, starb früh. Nach seinem Tod kümmerte sich der große Kurt Masur um die Familie. Er war es auch, der seinem Schützling den Weg in die Lehre beim renommierten Instrumentenbauer Friedbert Syhre und später ins Restauratoren-Studium wies. Vor einigen Jahren schenkte der Schüler von einst dem weltbekannten Dirigenten eine Trompete aus eigener Herstellung – in Anerkennung für dessen großartige väterliche Unterstützung.

»Das Instrument ist ein Heiligtum, das Werkzeug, mit dem der Musiker sich ausdrückt«, so Weimann. Seine Tätigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Ein Instrument sei ein sehr persönliches Handwerkszeug, eines, das man unter vielen auswähle. Wie zum Beispiel James Ross vom Metropolitan Opera Orchestra New York, der ihm schrieb: »Super Ansprache, perfekte Intonation, wunderbarer Klang und feinste Handwerkskunst. Bravo Herr Weimann!«

Für die wichtige »Logistik im Hintergrund« ist seit einigen Jahren Ehefrau Wiebke zuständig. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um die vielen weltweiten Kontakte und die Buchhaltung; Alexander Weimann kann sich so ganz auf seiner Hände Arbeit und die Erfüllung der Wünsche seiner Kunden konzentrieren. Eine perfekte, sich ergänzende Arbeitsteilung, die maßgeblich zur positiven Entwicklung beigetragen hat.

Manchmal habe er das Gefühl, ihm werde ein Weg geebnet, sagt Weimann nachdenklich. Und dass er sich diesen Erfolg nie erträumt hat und sich im Stillen darüber freut: »Mit einem Funken Demut«, wie er lächelnd hinzufügt.

Adrienne Uebbing

www.weimann-brass.de


Klang ist seine Leidenschaft

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Für Geigenbauer Martin Schleske ist die Barmherzigkeit die eigentliche Schöpferkraft

Martin Schleske ist einer der besten Geigenbauer der Welt. Seine Instrumente werden von international namhaften Musikern gespielt. Der Bau einer Geige ist für ihn wie ein Gleichnis für die Weisheit Gottes.

Voriges Jahr ist Martin Schleske mit seiner Werkstatt aus der Nähe von München nach Landsberg am Lech gezogen. Das Haus im Zentrum der historischen Altstadt hat eine etwa 1000-jährige Geschichte, die auf den Karmeliterorden zurückgeht. Dass Anhänger der Karmeliter in diesem Haus lebten, damit erklärt sich Schleske die Ruhe, die von diesem Gebäude ausgeht. Als er es nach umfangreichen Bauarbeiten in Besitz nahm, sei es ihm vorgekommen, als trete er in den Orden der Karmeliten ein, deren Geisteshaltung ihm nahe sei, erzählt Schleske.

Martin Schleske in seiner Werkstatt. Hinter ihm Hölzer, mehr als 120 Jahre alt. Fotos: Sabine Kuschel

Martin Schleske in seiner Werkstatt. Hinter ihm Hölzer, mehr als 120 Jahre alt. Fotos: Sabine Kuschel

In diesem Haus soll – vielleicht in 30, 35 oder 40 Jahren – einmal Schleskes beste Geige entstehen. Martin Schleske, geboren in Stuttgart, ist 51 Jahre alt. Die großen Maschinen, die er für seine Arbeit als Geigenbaumeister braucht, befinden sich im Keller. Sie wurden dort aufgestellt, bevor die Treppe im Haus eingebaut wurde. Dort stehen sie nun. »Ich habe zu meinen Söhnen gesagt, ihr müsst mich vor den Maschinen aus dem Haus tragen.« Denn in dieser Werkstatt möchte der Geigenbauer bis zu seinem Lebensende arbeiten. »Und am liebsten mit 85 Jahren meine beste Geige bauen.« Antonio Stradivari (1644 bis 1737) sei mit 93 Jahren gestorben. Und das Geheimnis seiner unvergleichlichen Instrumente liege in seiner über Jahrzehnte erprobten Meisterschaft. Ein Geigenbauer brauche die über viele Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen, um schließlich ein Instrument mit einem vollkommenen Klang schaffen zu können, sagt Schleske. Dieser Leidenschaft hat sich der Geigenbaumeister verschrieben. Er sei in seinem Beruf angetreten, um eine Violine zu bauen, die entweder eine Stradivari übertrifft oder um zu erforschen, warum dies nicht möglich ist. Viele Faktoren beeinflussen die Resonanzen und den Klang eines Instrumentes. Seine Ausbildung als Geigenbauer reichte ihm nicht aus, deshalb studierte Schleske zusätzlich Physik.

Neben der Suche nach dem optimalen Klang folgt der Geigenbauer noch einer anderen Berufung. Er möchte Menschen inspirieren, Gott zu lieben. Er tut dies, indem er Bücher schreibt. Es sind tiefsinnige Beschreibungen darüber, wie seine Gotteserfahrungen seine Arbeit durchdringen, und wie vieles, was er beim Bau einer Geige erlebt, ein Gleichnis für die Weisheit Gottes ist.

Beim Geigenbau fließen jahrelange Erfahrungen, empirische Erkenntnisse, fachliches Wissen, handwerkliches Können, Intuition und Inspiration zusammen. Will der Meister erahnen, welchen Klang er dem Holz abgewinnen kann, muss er bei seiner Arbeit aufmerksam hören und auf jedes Detail achten. Auf den Faserverlauf des Holzes, seine Geschichte, seine Eigenheiten und Verletzungen. Um das Holz mit seinen unabänderlichen Gegebenheiten zum Klingen zu bringen, »dazu braucht es Barmherzigkeit«, erklärt Schleske. »Sie ist die eigentliche Schöpferkraft, die alles heiligt, was sie berührt. Die krummen Fasern, Drehwuchs, das Reaktionsholz, das sich durch schwierige Umstände gebildet hat – all das, was nicht perfekt ist. Es ist das Geheimnis des Geigenbaus. Nicht das Holz wird dem Meister gerecht, sondern der Meister wird dem Holz gerecht.«

Schleske kennt Situationen, in denen er mit seinem Latein am Ende ist, etwa bei der Klangeinstellung eines Instrumentes. Nach seinen Darstellungen ist das ein sehr sensibler, diffiziler Vorgang. »Danach bin ich manchmal so erschöpft, dass ich tagelang nur mechanische Arbeiten machen kann.«

In seinem Beruf gibt es Stunden höchster Anspannung, Zeiten der Ratlosigkeit. Fragen, die scheinbar nicht zu lösen sind. Schleske spricht von einer inneren Armut, die respektiert werden will, weil sie der Inspiration die Tür öffnet. Der Geigenbauer begegnet einem als einer, der seine leeren Hände Gott entgegenstreckt und darauf vertraut, dass dieser sie füllt. »Inspiration ist die Kapitulation vor Gott.«

Das innere Hören, das Hören mit dem Herzen, ist dem Instrumentenbauer vertraut. »Eine Geige zu bauen«, schreibt er, »ist eine Lebensschule des inneren Hörens.« Dank dieser Fähigkeit ist er zu der tiefen Einsicht vorgedrungen, als Schöpfer eines Instrumentes ist er ein Empfangender, ein Suchender, innerlich getrieben von der Sehnsucht, zu »erhören«, was geschehen soll.
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Martin Schleske hat sich intensiv mit jüdischen Schriften auseinandergesetzt. Er hat die Bhagavad Gita des Hinduismus gelesen und lieben gelernt. Und er hat die Bibel gründlich studiert. Sein Glauben hat sich im frühen Jugendalter bewähren müssen. Er ist in dem geistigen Kampf mit seinem Vater stark und tief geworden. Schleske wurde getauft, jedoch nicht christlich erzogen, wenngleich kirchliche Tradition seinen Eltern nicht fremd war. Als 13-Jähriger focht er fast täglich religiöse Kämpfe mit seinem Vater aus. Jedes Mittagessen sei von Diskussionen über den Glauben geprägt gewesen. Sein Vater, Professor für Geisteswissenschaften, »mir intellektuell überlegen«, sei Nihilist gewesen, dessen Glauben im Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde. »Er hat meinen Glauben zerlegt«, schildert Schleske. In seiner Not zog sich der Heranwachsende in sein Zimmer zurück, nahm seine Bibel zur Hand, zündete eine Kerze an und vertiefte sich in die Heilige Schrift. Dabei erlebte er eine unmittelbare Gottespräsenz und empfand eine große Liebe zu Gott. Im Laufe der Jahre beobachtete er, wie sein Vater nachdenklicher und stiller geworden sei und sich heute wahrscheinlich als gläubig bezeichnen würde.

Der Tag des Instrumentenbauers beginnt mit dem Lesen der Bibel oder anderer religiöser Schriften und dem Aufschreiben seiner Gedanken. Im oberen Stockwerk seiner Werkstatt stehen Notizbücher aneinandergereiht. Seine Bücher, sagt er, entstehen nicht am Schreibtisch, sondern an der Werkbank. Wenn ihm beim selbstvergessenen Arbeiten Ideen kommen, hält er inne, steigt die Treppe nach oben, um die Gedanken schriftlich festzuhalten.

Wer wie dieser Geigenbauer alle Sinne, Fähigkeiten und Kräfte in den Dienst des Klanges stellt, leidenschaftlich, fast besessen sich der Arbeit hingibt, fühlt sich gelegentlich seinem Ideal sehr nahe. Erreicht habe er es noch nicht. »Ich bin dankbar, wie weit ich gekommen bin.« Eine Geige jedoch, mit der er ganz zufrieden sei, habe er noch nicht gebaut. »Das ist nicht schlimm, denn ich empfinde Zufriedenheit als einen hochgradig unkreativen Zustand.« Der nicht anspornt.

Schleske ist überzeugt, der Klang der Violine ist noch nicht der beste, den er ihr als Geigenbauer geben kann. Er will ihr einen Klang schenken, den die Welt noch nicht gehört hat. Das ist sein Ehrgeiz, seine Berufung, seine Passion.

Für Schleske ist Musik in Klang gegossenes Gebet. Er helfe mit, dass ein Instrument entstehen kann. Aber das bedeute viel mehr. »Denn ein Musikinstrument ist eine von den Händen des Himmels geformte Schale, in die sich die Seele eines Menschen ausgießen darf. Wenn das geschieht, dann geschieht etwas Heilsames.« Er möchte einen heilsamen Klang schaffen, einen Klang, der den Musiker, der die Geige spielt, und den Hörenden gleichermaßen berührt und heilt.

Sabine Kuschel

Zur Lektüre empfohlen
Schleske, Martin: Herztöne. Lauschen auf den Klang des Lebens, adeo, 347 S., ISBN 978-3-86334-076-6, 22,99 Euro
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Goldmann Verlag, 448 S., ISBN 978-3-44222-068-7, 12,99 Euro

Das geistige Erbe der Welt

25. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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UNESCO-Welterbe: Deutsche Orgeltradition soll in den Kanon des immateriellen Welterbes aufgenommen werden

Das Schönste, was Mensch und Natur uns hinterlassen haben – das möchte die UNESCO in ihren Welterbe-Listen aufführen. Jüngst nominiert: Orgelbau und Orgelmusik.

Kurz nach Ostern war es geschafft. Die fünfte Stufe in einem sechsstufigen und vieljährigen Verfahren. Jetzt fehlen nur noch ein Schritt und wieder zwei Jahre Geduld, dann könnten Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt werden. Es wäre der zweite deutsche Eintrag in das internationale Verzeichnis. Oder sogar der erste, falls die »Idee und Praxis der Organisation gemeinsamer Interessen in Genossenschaften« nicht überzeugen sollte. Über diesen ersten deutschen Vorschlag entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe Ende November bei seiner Beratung in Äthiopiens Hauptstadt Addis-Abeba.

Orgelbau und Orgelmusik stehen ein Jahr später zur Debatte. 2014 waren sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Dieses zählt derzeit 34 Einträge, darunter auch das Choralsingen, das Sternsingen und die Passionsspiele Oberammergau. Das Choralsingen als eine spezifische Form des Chormusizierens ist seit 2015 Teil des bundesweiten Verzeichnisses. Seit den 1520er Jahren hat es in den protestantischen Kirchengemeinden weite Verbreitung gefunden: Das Singen war nicht länger nur den Priestern vorbehalten, sondern wurde von den Gemeindemitgliedern in der für jeden verständlichen deutschen Muttersprache praktiziert. Die alten musikalischen Formen des Chorals sind dank einer umfangreichen schriftlichen, vor allem aber einer lebendigen mündlichen Tradierung bis heute bekannt und werden weiterhin ausgeübt.

Adäquate Listen führen auch andere Mitgliedsstaaten der UNESCO. So weist beispielsweise Österreich das 1818 komponierte »Stille Nacht, heilige Nacht« als immaterielles Kulturerbe aus. Bei diesen nationalen Listen – die ausdrücklich keine UNESCO-Verzeichnisse sind – handelt es sich um Bestandsaufnahmen der kulturellen Traditionen der Länder. In Deutschland wächst das Verzeichnis seit Dezember 2014, unabhängig davon pflegen Bayern und Nordrhein-Westfalen zusätzliche eigene Verzeichnisse.

»O du fröhliche« wäre ein Aspirant. Foto: Maik Schuck

»O du fröhliche«. Foto: Maik Schuck

Mit der Aufnahme einer Tradition in ein Verzeichnis ist weder eine finanzielle noch eine sonstige Unterstützung verbunden. Gewährt wird lediglich die Verwendung eines einheitlichen Logos für nicht kommerzielle Zwecke. Der Vorteil liegt, wie es die UNESCO treffend formuliert, in der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«. Was damit gemeint ist, lässt sich gut am Beispiel von Friedrich Fröbels Kindergarten-Idee zeigen. Dieser Thüringer Vorschlag für die nationale Liste war im Dezember 2014 von der Kultusministerkonferenz in Berlin abgelehnt worden. Dennoch war Fröbel wie lange nicht Thema der Berichterstattung, mögliche touristische Effekte nicht ausgeschlossen.

Der Antrag der »Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands« (VOD) zu Orgelbau und Orgelmusik war 2014 erfolgreich. Seine überzeugende Argumentation: »Deutschland hat mit etwa 50 000 Orgeln, 400 Orgelbaubetrieben mit 1 800 Mitarbeitern und 180 Lehrlingen sowie 3 500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten eine auch im europa- und weltweiten Vergleich herausragende Orgelkultur, die sich in der Vielzahl der Ausbildungsmöglichkeiten an Hochschulen und kirchlichen Einrichtungen ebenso widerspiegelt wie im großen Reichtum an Kompositionen und Aufführungspraktiken.«

Susann Winkel

Das sechsstufige Verfahren in Deutschland
1. Ausschreibung auf Bundesländerebene; die Bewerbungsunterlagen müssen nach einem Kriterienkatalog eingereicht werden. Nach einer Sichtung leitet jedes Bundesland vier Vorschläge an die Kultusministerkonferenz weiter.
2. Der Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz berät über die Vorschläge der Bundesländer (maximal 64). Die ausgewählten Vorschläge werden an das Expertenkomitee der Deutschen UNSECO-Kommission weitergeleitet.
3. Das Expertenkomitee bewertet die Vorschläge nach festgelegten Kriterien und schlägt Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis vor.
4. Diese Vorschläge werden wieder an die Kultusministerkonferenz überwiesen; ebenso an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zur staatlichen Bestätigung.
5. Die deutschen Vorschläge zur Einschreibung in eine der drei Listen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO (»Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit«, die »Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes« und das »Register guter Praxis-Beispiele«) werden immer im März an die UNESCO weitergeleitet.
6. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO entscheidet immer Ende November über Aufnahmen in die internationalen Listen beziehungsweise das Register.

Schweiz: Muslimische Teenager lösen Grundsatzdebatte aus

19. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brennpunkt Sekundarschule Therwil im Kanton Baselland: Hier verweigerten im vergangenen Herbst zwei muslimische Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Klassenlehrerin den Handschlag bei der Begrüßung, angeblich aus religiösen Gründen. Die Lehrerin meldete den Vorfall der Schulleiterin. Diese traf mit den Schülern schließlich eine »Vereinbarung«. Diese besagt, dass sie weiterhin der Lehrerin den Handschlag verweigern dürfen – unter der Bedingung, dass sie auch den Lehrern die Hand nicht geben. Damit die Lehrerin nicht einseitig diskriminiert wird, wie die Schulleiterin den Entscheid begründete.

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Man könnte den Vorfall unter dem Stichwort »Provinzposse« abbuchen, wenn er nicht den Nerv der Zeit treffen würde. Der Vorfall wurde vor zwei Wochen von der Sendung »Arena« des Schweizer Fernsehens zum Thema »Angst vor dem Islam?« erwähnt und führte sofort zu schweizweiten Schlagzeilen. Die Brisanz des Vorfalls liegt offenkundig darin, dass er eine unbewältigte Wertedebatte tangiert. Hier die nicht ausdiskutierten Fragen um die minimalen Standards einer Integration von Menschen aus anderen Kulturen, namentlich den Muslimen. Dort die anhaltende Genderdiskussion, die immer wieder aufbricht, wenn Frauen angeblich oder offensichtlich diskri­miniert werden.

In der Schweiz wird die Frage einerseits von Rechtspopulisten aus der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen – mit Volksinitiativen wie jene für ein Minarettverbot, die 2009 in der Volksabstimmung angenommen wurde, oder neulich mit der Lancierung einer Burkaverbots-Initiative. Zum andern versuchen gut meinende Pädagoginnen, mit einem Verzicht auf Weihnachtsfeiern die muslimischen Kinder nicht zu brüskieren. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein europäisches Land eine Leitkultur postulieren und durchsetzen soll, an der sich Migranten orientieren können. Dies hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt und ist auch in der Schweiz ein Tabu-Thema.

Die muslimischen Verbände in der Schweiz sind sich typischerweise nicht einig, wie weit sich Muslime anpassen sollen. Konservative Vertreter wie Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), zeigt ein gewisses Verständnis, findet die Vereinbarung von Therwil aber auch nicht glücklich. Er sieht das Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt, wenn der Handschlag verweigert wird.

Eigentlich wäre jetzt der Anlass gegeben für eine Grundsatzdiskussion über unaufgebbare Werte in einer europäischen Gesellschaft, die für viele (muslimische) Migranten so attraktiv ist. Aber damit scheinen europäische Gesellschaften überfordert zu sein.

Fritz Imhof

»Jesus wäre Schlagzeile gewesen«

18. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: BILD-Journalist Daniel Böcking erzählt, warum er seinen Glauben öffentlich gemacht hat

Vor einem Jahr erregte er Aufsehen: Daniel Böcking, stellvertretender Chefredakteur von »Bild.de«, bekannte sich in einem Beitrag öffentlich zu seinem christlichen Glauben. Anlässlich seines Auftritts in der Reihe der »Weimarer Bibellesungen« sprach Harald Krille darüber mit dem Vollblutjournalisten.

Herr Böcking, Ihre Weimarer Bibel-Lesung stand unter dem Motto »Der beste Schritt meines Lebens«. Was war denn der beste Schritt in Ihrem bisherigen Leben?
Böcking:
Mein bester Schritt war, zu erkennen, dass es »ein bisschen« Glauben nicht geben kann. Und dass ich als jemand, der, solange er denken kann, schon an Gott glaubt, dann vor einiger Zeit gesagt habe, dass dieser Gott auch Zentrum meines Lebens sein soll. Und dass ich es zu meiner ersten Aufgabe machen möchte, Jesus nachzufolgen.

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Viele sehen den Glauben als etwas Privates. Vor einem Jahr schlug Ihr öffentliches Bekenntnis in »Bild« hohe Wellen. Was hat Sie dazu gebracht?
Böcking:
Ich glaube, es war der liebe Gott, der mich dazu gebracht hat. Rein szenisch muss man es sich so vorstellen, dass wir, meine Frau und ich, auf dem Sofa saßen und Fernsehen schauten. Es war eine Nachrichtensendung, in der wieder von einer Hinrichtung durch ISIS berichtet wurde. Und dann ist mir tatsächlich der Kragen geplatzt und ich habe mir gesagt: Es kann doch nicht sein, dass wir als Christen stummer und stummer werden, je mehr dort gemordet wird – angeblich im Namen eines Gottes. Für mich steht das Christentum für Barmherzigkeit, für Nächstenliebe, für Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Zudem rollte damals die Flüchtlingswelle gerade so richtig an. Das war für mich das Signal zu sagen: Ich darf nicht länger den Mund halten, mein Glaube verpflichtet mich, jetzt aktiv zu werden. Und das war genau der Punkt, wo ich sagte, jetzt fängst du mal an, darüber zu schreiben.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Böcking:
Da gab es natürlich zuerst einmal Kollegen, die irritiert waren, und andere, von denen ich es auch nicht geahnt hatte, sagten mir, dass sie genauso denken. Aber besonders beeindruckend war, dass im Laufe der Tage und Wochen danach immer mehr Reaktionen von Lesern kamen. Ganz oft mit so netten Sätzen wie: »Das hat mir Mut gemacht« oder »Schön, dass das mal einer aufschreibt«. Also hätten Sie mich vorher gefragt, hätte ich gesagt, dass mir da wohl einiges um die Ohren fliegen wird, aber ich bereit sei, das auszuhalten. Doch im Nachhinein hat wirklich das Positive massiv überwogen.

Gab es auch negative Kritik?
Böcking:
Die gab es natürlich auch. Auch eine Menge ganz unsachlicher Kritik, die nicht nur gegen meine Person, sondern generell gegen »Bild« ging. Aber wie gesagt, unterm Strich haben die positiven Reaktionen deutlich überwogen.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch für manche Christen verwunderlich war, wenn der stellvertretende Chefredakteur von »Bild.de« sich plötzlich als Christ outet.
Böcking:
Ich glaube, dass jeder, den es überrascht hat, dass das Christentum auch in und für »Bild« eine Rolle spielt, ganz offensichtlich kein »Bild«-Leser ist, sonst hätte er schon mal an irgendeiner Stelle mitbekommen, dass wir unter anderem die Volksbibel gemacht haben und dass immer wieder prominente Christen bei uns feste Kolumnen haben. Der christliche Glaube ist bei »Bild« in keiner Weise Tabu. Eine Frage wurde mir allerdings oft gestellt: »Wie kannst du als Christ bei ›Bild‹ arbeiten?« Meine erste Gegenfrage lautete meist: Wieso nicht? Ich habe nie ein Problem darin gesehen, im Gegenteil. Bei »Bild« habe ich die Möglichkeit, mit ganz vielen Menschen unmittelbar in Kontakt zu treten. Ich hab eine Stimme. Wie wunderschön ist es, dort zu arbeiten und einen Chef zu haben, der einfach sagt, okay, mach doch, wenn ich sage, ich möchte jetzt mal über das Christentum schreiben.

Die wohl unvermeidliche Frage: Hätte Jesus Christus auch »Bild« gelesen?
Böcking:
Ich weiß nicht, was Jesus Christus gelesen hätte oder was er gelesen hat. Damals war die Presselandschaft ja noch nicht so ausgeprägt … Aber ich bin sicher, »Bild« hätte über Jesus Christus geschrieben; er wäre Schlagzeile gewesen. Und ich glaube, Jesus Christus hätte sich darüber gefreut, dass sein Wort so viele Menschen erreicht. Dass es nicht nur in elitären Hinterstübchen zelebriert wird, sondern tatsächlich über den Boulevard viele Menschen erreicht.

Viele sehen Glaube und Religion kritisch, weil er zu Fanatismus und Ex­tremismus führe, siehe »ISIS«.
Böcking:
Ich glaube, dass Christentum nur etwas Positives sein kann: radikal warmherzig, radikal nächstenliebend, radikal hilfsbereit. Mit solcher Radikalität kann ich gut leben. Das war auch für mich tatsächlich eine Entdeckung, weil ich selber 35 Jahre lang das Gefühl hatte, die Bibel ist etwas Abschreckendes. Und wenn ich mit dem Alten Testament anfange, dann wird es tatsächlich auch schon mal schwierig. Insofern war ich sehr dankbar für den Tipp eines Freundes, der sagte, fang mal mit dem Neuen Testament an. Und da las ich dann Sachen, und ich dachte, Manometer, das sind doch wunderbare Botschaften, wunderbare Aufträge von Jesus. Das kann doch nicht schädlich für die Gesellschaft sein. Im Gegenteil.

Sie sprachen davon, dass Ihr öffentliches Bekenntnis auch durch den Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise ausgelöst wurde. Welche Herausforderungen sehen Sie heute in dieser Krise?
Böcking:
Für mich ganz privat und persönlich hat diese Krise banal die Botschaft: Da gibt es Leute, denen geht es sehr viel schlechter als mir. Und ich habe die Möglichkeit zu helfen, also helfe ich. Genau das ist es, was ich gerade als Auftrag, auch als eine Verpflichtung sehe. Dazu gehört auch ganz klar die Abgrenzung zu dieser Angstmacherei, die von einigen betrieben wird. Ich glaube, jetzt gerade ist eine wichtige Zeit, in der man sein Christsein aktiv leben kann, indem man es auch zeigt.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihre liebste Bibelstelle?
Böcking:
Matthäus 6, Vers 33: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.« Das setzt mir eine klare Priorität für mein Leben. Deshalb ist dieser Vers sehr präsent in meinem Alltag und spielt bei vielen Entscheidungen eine Rolle.

Wenn wir dann noch leben …

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Großmutter denkt nach – Eine Erzählung von Kathrin van Booth mit einer Illustration von Maria Landgraf

Da sitz ich nun wieder, den kleinen Benjamin zu Füßen. Eben hat ihn meine Tochter vorbeigebracht, wie jeden Nachmittag zwischen zwei und sechs. Dazu die üblichen Ermahnungen: »Denk daran, keine Süßigkeiten, und wenn er noch so bettelt. Und verfall nicht in die Kindersprache, die wird er sonst niemals los. Und …« –

Das Übliche eben. Ich beklag mich ja nicht.

Bevor Benjamin in diesem Jahr eingeschult wurde, war er auch vormittags von neun bis zwölf Uhr regelmäßig bei mir. Es war etwas anstrengend, vor allem als er ins Fragealter kam: »Oma, sag mal …« Von meinen eigenen vier Kindern kannte ich das ja schon. Aber damals durfte ich – etwa bei der Mutter von Benjamin, die eine besonders hartnäckig Fragende war – schon mal sagen: »Still Kind, ich habe zu tun!« Entscheidende frühkindliche Schäden hat sie, glaube ich, davon nicht zurückbehalten – auch wenn sie mir bis heute vorwirft, dass ich früher nicht genügend Zeit für sie gehabt hätte. Diesen Vorwurf wird Benjamin seiner Mutter später einmal nicht machen müssen. Seine Großmutter hatte ja immer Zeit.

Hat sie das wirklich? Dank meiner Tochter, ja. Die hat nämlich damals bei meiner Pensionierung festgestellt, dass ich eine sinnvolle Beschäftigung brauche, damit ich mich weiterentwickeln kann, und nicht dem – wie sie es so liebenswürdig ausdrückte – »galoppierenden Altersschwachsinn« zum Opfer falle. Und sie half nicht nur mit Rat, sondern gleich mit Tat. Indem sie mir den kleinen Benjamin zweimal am Tag vorbeibrachte.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Ach, nun habe ich den Benjamin mit seinen großen treuen Augen und dem Lockenkopf, mit seinem unerschütterlichen Vertrauen und seiner gewinnenden Herzlichkeit wirklich lieb. Aber gerne hätte ich mich auch vor ein paar Jahren ausgeschlafen – anstatt mit ihm Bauklötze aufzutürmen. Und nachmittags würde ich gerne mit meiner Freundin Johanna einen Kaffee trinken. Aber da muss ich ja nun Lernübungen mit Benjamin machen.

Manchmal wäre mir da ein Gespräch mit Johanna lieber, als mit meinem Enkel seine Probleme zu wälzen: »Du magst den Frieder nicht, weil er dich kneift? Na, dann kneif doch zurück.« – »Aber Frieder ist größer als ich.« – »Na, dann ist es vielleicht wirklich besser, dich zurückzuhalten, bis du aufgeholt hast.«

Mit Johanna könnte ich mal andere Themen besprechen. Sie ist eine ehemalige Chemikerin, hat keine Kinder, keine Enkel – und 24 Stunden am Tag Zeit. Sie liest viel und kann interessant darüber erzählen. Und ich würde ihr gern zuhören. Aber den Morgen möchte ich jetzt endlich für mich allein haben, nachmittags kommt Benjamin – und danach bin ich müde. Viel zu müde, um noch bei Susanne vorbeizufahren, die in einer anderen Stadt wohnt. Und jeden Abend habe ich ja auch nicht frei. Manchmal wollen meine Tochter und ihr Mann ausgehen. Da laden sie mich dann zu sich ein: zu einem Wein und Käsegebäck vor den Fernseher. Falls Benjamin sich meldet, ist dann jemand da. Und beide sind sich ganz sicher, mir einen großen Gefallen zu tun: Was gibt es denn auch Schöneres für Großmütter, als gebraucht zu werden und sich Gedanken machen zu dürfen?

Ach, so eine Großmutter bin ich nicht! Ich führe meine Gedanken ganz gern spazieren. Und flöge auch mal ganz weit weg. Nach Israel beispielsweise. Stattdessen fahre ich wieder mit Benjamin nach St. Peter-Ording. Und statt neuer Welten sehe ich verendete Fische und lasse mich von Benjamin befragen: »Großmutter, warum liegen die Tiere so stille da?« Und am liebsten würde ich antworten: »Sei du still, Benjamin, ich brauche mal Zeit für meine Gedanken.« – Das darf ich nicht. Schließlich hat meine Tochter mir für alle erdenklichen Fälle genaue Erziehungsanweisungen gegeben. Etwa: »Das Kind braucht Wärme, Aufmerksamkeit und genaue Antworten auf seine Fragen.« Ja, Gott, hoffentlich gebe ich die richtigen.
Mag sein, dass ich meine Tochter als Kind nicht immer verstanden habe. Aber sicher ist das: Heute sieht sie mich als altes Kind, das sie lenken will und führen und das sie auch nicht versteht! Ach ja, jetzt irgendwo einen Kaffee mit Johanna trinken. Das wär schon was. Mag sein, dass unsere Zeit kommt, wenn Benjamin groß ist. Vielleicht habe ich dann endlich Zeit für Reisen und Gespräche mit Johanna. Wenn wir beide dann noch leben.

Gottes Rote Karte für Grüne Gentechnik?

17. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Kontroverse: Pro und Kontra Gentechnik – Kirche sollte differenzieren

Mit »Plaste und Elaste«, Düsenjets, Kernkraft und industrieller Landwirtschaft blickten wir in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in eine verheißungsvolle Zukunft. Mit Forschung und Technik waren Heilserwartungen verbunden, die sich am Ende nicht erfüllten.

Offensichtlich ist die in der jüngeren Vergangenheit entwickelte Vision einer durch Wissenschaft und Technik zügig genesenden Welt falsch. Zum einen gelangten wir zu der Erkenntnis, dass Technik insbesondere durch nicht kalkulierte Fernwirkungen nur unzureichend beherrschbar ist. Zum anderen entwickelte sich Widerstand gegen eine zum Allgemeingut gewordene Erwartung an das menschliche Leben, die sich mit der Erfüllung materieller Wünsche erschöpfte. Der Philosoph Hans Jonas sprach in seinem Buch »Das Prinzip Verantwortung« von der Notwendigkeit, Ehrfurcht, Staunen und Bescheidenheit wieder zu erlernen. Insbesondere im kirchlichen Raum wurde und wird ein alternativ einfacher Lebensstil kommuniziert und praktiziert. Damit begann auch eine Debatte über Chancen und Risiken moderner Wissenschaft und Technik. Die im Kontext einer Agrargesellschaft niedergeschriebene Bibel kann uns allerdings nur begrenzt bei einer ethischen Bewertung moderner Technologien zur Seite stehen. Sie mutet uns vielmehr ein abstraktes Spannungsfeld zwischen Unterwerfung der Schöpfung einerseits und deren Bewahrung andererseits zu.

Insbesondere bei der Bewertung der Gentechnik erweist sich dieser duale Verhaltenskodex als schwierig. Die Gentechnik umfasst verschiedene Verfahren, mit denen in das Erbgut von Organismen gezielt eingegriffen wird. Bei der Weißen Gentechnik werden gentechnisch optimierte Enzyme und Mikroorganismen zur Herstellung von Bioethanol, Hormonen, Waschmitteln usw. eingesetzt. Die Rote Gentechnik ermöglicht Anwendungen in der Medizin, Tiermedizin und Pharmazie. Mehr als 130 verschiedene Medikamente einschließlich Insulin werden heute so hergestellt.

Insbesondere die Grüne Gentechnik, bei der gezielt einzelne Gene in das pflanzliche Erbgut eingebaut werden, ist als Protagonistin eines naiven Fortschrittsglaubens und eines sich humanistisch tarnenden Profitstrebens grundsätzlich stigmatisiert. Auch die evangelische Kirche hat sich entschieden: Die Grüne Gentechnik sei nicht notwendig, birgt angeblich unkalkulierbare Risiken für die menschliche Gesundheit in sich, zerstöre das ökologische Gleichgewicht und vernichte kleinbäuerliche Existenzen in den Entwicklungsländern. Diesen pauschalen Annahmen widersprechen nahezu alle Pflanzengenetiker. Viele Molekularbiologen, die sich als Christen bekennen, stehen für eine Revision der ethischen Bewertung der Gentechnik. Sie sehen keine Legitimation ihrer Kirche für eine behauptete »Rote Karte« Gottes für die Grüne Gentechnik, verleugnen aber auch nicht die jeder Technik innewohnende Ambivalenz. So, wie jeder Hammer ein äußerst nützliches Werkzeug ist, kann dieser auch als Mordwaffe verwendet werden. In diesem Sinn ist es falsch, die Grüne Gentechnik per se als »gut« zu bezeichnen, genauso jedoch, sie generell zu dämonisieren.

Schäden für Mensch und Tier?

Der kirchliche Einwand ist richtig, dass Risiken für Mensch und Tier bei Anbau und Nutzung von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen nicht ausgeschlossen werden können. Doch dieses gilt für jede andere Kulturpflanze auch. So mussten in der Vergangenheit einige, durch herkömmliche Züchtung entwickelte Sorten aus dem Verkehr gezogen werden, da diese toxische Wirkung zeigten.

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Um ein hohes Maß an Verbraucherschutz zu gewährleisten, investierte die Europäische Union seit 1982 über 300 Millionen Euro in Forschungsprojekte, um mögliche Risiken besser abschätzen zu können. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass gv-Pflanzen keine »größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen«. Dagegen kommunizieren NGO (Nichtregierungsorganisation) nahe Einrichtungen konträre Ergebnisse: So erkrankten angeblich Ratten nach der Fütterung mit gv-Lektin-Kartoffeln, erlitten Mäuse durch gv-Erbsen einen Defekt ihres Immunsystems und wurden Kühe, Marienkäfer und Florfliegen durch gv-Mais vergiftet. Auch das Bienensterben soll eine direkte Folge des Anbaus von gv-Pflanzen sein. Diese und ähnliche schwerwiegende Behauptungen hielten einer kritischen Überprüfung durch Dritte nicht stand.

Unkontrollierte Verbreitung von gv-Pflanzen?

Richtig ist, dass eine ungewollte Verbreitung und auch Auskreuzungen von Kulturpflanzen stattfinden können, egal ob sie nun konventionell gezüchtet oder gentechnisch verändert sind. In geringem Umfang werden solche Vermischungen auch beobachtet und durch Isolationsabstände zwischen benachbarten Feldern minimiert. Die öffentliche Dramatisierung einer ungewollten Verbreitung von gv-Pflanzen beruht allerdings auf der Annahme einer – nicht nachgewiesenen – besonderen Gefährlichkeit der Produkte der Grünen Gentechnik.

Überflüssig für Bekämpfung des Hungers?

Derzeit sind zwei Milliar­den Menschen unter- bzw. mangel­ernährt. Dabei geht es bei der Bekämpfung des Hungers nicht nur um die notwendige Zufuhr an Kalorien durch pflanzliche und tierische Produkte, sondern auch um die Überwindung des »stillen Hungers«, nämlich des erheblichen Mangels an Vitaminen, Spurenelementen und Aminosäuren in den Hauptnahrungsmitteln. Entwicklungen wie die des »Golden Rice«, einer mit Provitamin A angereicherten Reispflanze, können dazu beitragen, dass sich Menschen in den asiatischen Entwicklungsländern vollwertiger ernähren und nicht Hunderttausende von Kindern erblinden. Auch der Welternährungsgipfel 2009 in Rom hat einen spürbaren Beitrag der Grünen Gentechnik zur Welternährung eingefordert. Dazu gehört ein erleichterter Zugang zu patentgeschützten Produkten oder solchen, die sich Entwicklungsländer aus anderen Gründen nicht leisten können. Bestehende Abhängigkeiten von Konzernen – die im übrigen auch für konventionelles landwirtschaftliches Saat- und Pflanzgut bestehen – müssen reduziert werden, um die von den UNO-Staaten proklamierten Ziele zur Welternährung zu erreichen. Züchtungserfolge können selbstverständlich nicht eine gerechtere Weltwirtschaft ersetzen.

Die Flut von Veröffentlichungen mit Pro- und Kontra-Argumenten zur Grünen Gentechnik (siehe unter anderem: Reinhard Szibor – Memorandum zur Verantwortung der Kirchen hinsichtlich des Themenkreises Grüne Gentechniker und Brot für die Welt: Es ist genug für alle da, Aufruf 50) erschwert selbst einem gebildeten Zeitgenossen eine Meinungsbildung.

Differenzierte Sichtweise geboten

Wie sollten sich die Kirchen bei dieser speziellen wissenschaftsethischen Frage positionieren, wenn ihnen die eigene Kompetenz zur Bewertung fehlt? Bislang haben sich die Vertreter unserer Kirchen auf die Befunde NGO–naher Einrichtungen verlassen. Die Bevorzugung von Forschungsergebnissen von »alternativen« Einrichtungen ist nach der Erfahrung einer staatlich gewollten Technikgläubigkeit der zurückliegenden Jahrzehnte nachvollziehbar, aber auf Dauer nicht fortschreibbar. Nur eine unabhängige und seriöse Forschung ist geeignet, die Öffentlichkeit über gv-Pflanzen zu informieren. Erst auf dieser Grundlage ist eine Bewertung möglich. Sollten wissenschaftliche Ergebnisse einander widersprechen, sind diese im Zweifelsfall unter kontrollierten Bedingungen zu verifizieren. Christen dürfen die Grüne Gentechnik als ein Instrument der von Gott empfohlenen Unterwerfung der Erde verstehen. Ob bei ihrer Nutzung die Schöpfung bewahrt wird oder nicht, kann nur im Einzelfall auf der Basis einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung entschieden werden. Dies bedeutet, dass die Grüne Gentechnik nicht per se als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Den Kirchen ist der Mut zu wünschen, sich einer Korrektur der von der EKD formulierten grundsätzlichen Ablehnung der Grünen Gentechnik zu öffnen.

Eberhard Brecht

www.ekd.de/agu/themen/gentechnik.html

Der Autor ist promovierter Physiker und war unter anderem am Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR beschäftigt. Bis 1989 war er parteilos. Im September 1989 trat er in das Neue Forum ein und engagierte sich hier als Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung in Quedlinburg. Im Dezember 1989 trat er in die SPD ein. Der ersten frei gewählten Volkskammer gehörte er vom 18. März bis zum 2. Oktober 1990 an. Bei den Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag konnte er 1990 in den Deutschen Bundestag einziehen, dem er bis zum 30. Juni 2001 angehörte.

2001 wurde Eberhard Brecht zum Oberbürgermeister der Stadt Quedlinburg gewählt und am 2. März 2008 in seinem Amt bestätigt. Am 30. Juni 2015 schied Brecht aus Altersgründen aus und trat daher zur Wahl am 22. März 2015 nicht mehr an.


Hintergrund

Immer dann, wenn mit Hilfe besonderer Verfahren die Erbinformation der Lebewesen analysiert, die Träger einer bestimmten Erbinformation, die Gene, isoliert und auf andere Lebewesen übertragen werden, sprechen wir von Gentechnik. Dabei wird häufig unterschieden zwischen der »Grünen Gentechnik«, der Anwendungen bei Pflanzen und Lebensmitteln, der »Roten Gentechnik«, der Anwendung in der Medizin und der »Weißen Gentechnik«, der Anwendung in der Produktionstechnik. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, direkt in die Erbanlagen von Lebewesen einzugreifen, deren räumlichen Kontext willkürlich zu verändern und sogar einen Austausch von Genen über die natürlichen Artgrenzen hinweg vorzunehmen. Durch die Gentechnik erfolgt eine völlig neue Eingriffstiefe in die Grundlagen des Lebens, wobei die Zeitspannen, in denen Veränderungen erzielt werden, gegenüber der Evolution wesentlich verkürzt sind.

Dies führt zu neuen Herausforderungen in der Wissenschaft, deren ethische Beurteilung auch in den Kirchen als wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen wird.

Die Kampagne »Keine Gentechnik auf Kirchenland« der kirchlichen Umweltbeauftragten führte zu zahlreichen Beschlüssen zum Umgang mit der Gentechnik auf kirchlichem Pachtland.

Islamischer Extremismus in Deutschland

13. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Expertenmeinung: Die Mehrheit der Flüchtlinge ist friedlich – doch ohne Integration wächst die Gefahr der Radikalisierung

Mit der Gefahr des islamistischen Terrors in Deutschland beschäftigte sich der diesjährige jüdische Jugendkongress. Mehr als 400 Teilnehmer diskutierten dabei in Frankfurt am Main mit hochrangigen Terrorismus-Experten.

Es gehe nicht darum, die jungen Menschen zu verunsichern. Aber man dürfe die Augen nicht verschließen, mahnt Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: »Ich glaube, Juden haben ein besseres Feingefühl, eine größere Empfindlichkeit für diese Dinge, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind. Von daher haben wir vieles aus unserer Vergangenheit gelernt und wissen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann wird es uns vielleicht wieder überrennen.«

BKA-Chef: »IS« will vor allem verunsichern

Auffallend viele hochrangige Terror­experten referierten beim Jugend­kongress. Holger Münch etwa, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), sprach über die aktuelle Anschlagsgefahr. Ziel der Dschihadisten sei es vor allem, in Europa Verunsicherung zu verbreiten: »Wir sehen, dass der ›IS‹ das Flüchtlingsthema gezielt nutzt. Zwei der Attentäter, die in Paris eine Rolle gespielt haben, sind über die Balkanroute eingereist. Und wenn man dann seinen Reisepass zum Anschlag mitnimmt, sodass man letztlich eine Visitenkarte für die Polizei hinterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass das auch sehr schnell erkannt werden sollte.«

Das Bundeskriminalamt kenne aktuell 471 Gefährder, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Davon lebte aber etwa die Hälfte nicht in Deutschland, 60 bis 70 seien derzeit in Haft, der Rest aber bewege sich auf freiem Fuß. Das Unterstützer-Potenzial, meist aus der salafistischen Szene, schätzt das BKA aktuell auf rund 43 000 Personen.

Enttäuschte Hoffnungen können radikalisieren

Der dschihadistische Terrorismus sei das eine, das andere seien die Millionen Flüchtlinge, die auch bis nach Deutschland gelangten. Holger Münch sieht nicht, dass von ihnen eine höhere Kriminalität oder gar Terrorgefahr ausgehe. Aber es gebe ein gewisses Potenzial in den Asylbewerberheimen: »Wir sehen, dass salafistische Gruppierungen versuchen, bei den Flüchtlingen zu werben. Wir sehen, dass bislang die Anfälligkeit nicht sehr groß ist. Wir haben aber viele Personen, die Brüche in ihrem Leben erlebt haben, die nach Anschluss, nach Halt suchen. Diese Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Das alles ist auch ein Nährboden für Radikalisierung«, warnt der BKA-Präsident.

Zweite Generation ist anfälliger für Extremismus

Von einer massenweisen Einschleusung von Dschihadisten nach Europa könne derzeit keine Rede sein, meint auch Peter Neumann, Terrorismus­experte am Londoner King’s College. Die Syrien-Flüchtlinge, von denen viele säkular und eben nicht religiös seien, hält er nicht für »IS«-Sympathisanten. Aber er mahnt zur dringenden Inte­gration dieser Flüchtlinge.
»Was wir aus der Geschichte wissen, ist, dass es typischerweise nicht die erste Einwanderergeneration ist, die für extremistische Gruppen ansprechbar wird, sondern deren Kinder.

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Wenn das mit der Integration nicht klappt in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gibt es eine Frustration, die sich in Richtung des Salafismus oder des dschihadistischen Salafismus lenken lassen kann«, warnt Neumann.

So ähnlich schätzen das auch israelische Terrorexperten ein, etwa Anat Hochberg-Marom von der Herzliya-University in Tel Aviv. Zwar befänden sich Israel und Syrien offiziell immer noch im Kriegszustand. Praktisch aber schwiegen schon lange die Waffen. Man könne nicht davon ausgehen, dass nun alle Syrer automatisch gegen Juden und Israel eingestellt seien. Im aktuellen Bürgerkrieg würden viele Syrer Israelis vielmehr als Helfer erleben.

Die meisten Syrer sind keine verbohrten Muslime

»Wir müssen daran erinnern, dass Israelis im Norden von Israel auf den Golanhöhen verletzten Syrern helfen. Sie sind nicht Feinde, sondern es geht um eine humanitäre Krise und wir versuchen zu helfen. Die meisten Flüchtlinge sind säkular und nicht verbohrte Muslime, die einfach nur Juden hassen«, meint Hochberg-Marom.

Der israelische Sicherheitsexperte Chaim Tomer weist darauf hin, dass Syrien ein heterogener Vielvölker-Staat ist. 80 Prozent sind Muslime, 20 Prozent gehören anderen religiösen Gruppen und Minderheiten an. Zwar hätten die Kriege gegen Israel einst das Land geeint. Doch die Propaganda gegen Juden greife heute nicht mehr. Die Baath-Partei, die Familie Assad und die Alawiten dominierten die sunnitische Mehrheit. Der Feind sei für viele daher zuallererst das eigene Regime.

Jüdische Gemeinden engagiert für Flüchtlinge

Auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland gebe es eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen, meint Benjamin Fischer. Er ist Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, die rund 160 000 Mitglieder zählt. Man habe Erfahrung damit, eine Vielzahl von Menschen schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren zu müssen, denn ab den 1990er Jahren kamen mit den sogenannten Kontingent-Flüchtlingen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.

»Das geschah vor allem mit der russischen Sprache. Nun ist es so, dass viele der Geflüchteten aus Syrien Russisch sprechen. Und der Erfahrungsschatz lässt sich nun ganz direkt anwenden. Zudem gibt es viele Juden, die Arabisch sprechen aufgrund der Herkunft aus arabischen Ländern«, betont Benjamin Fischer.

Thomas Klatt

Verheiratet nach ganz Europa

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal geht es um die Hochzeitspolitik der Ernestiner.

Der Titel der kommenden Landesausstellung »Eine Dynastie prägt Europa« ist beileibe nicht medientauglich übertrieben. Mit geschickt eingefädelten Vermählungen von ernestinischen Prinzen und Prinzessinnen an die großen Höfe Europas trugen die von progressiver Geisteshaltung geprägten Ernestiner wesentlich zur Entwicklung des heutigen Europas bei. Zwei von vielen Beispielen solcher Eheschließungen:

Ein im April 1894 entstandenes Foto auf dem Coburger Schloss Ehrenburg, das zum Herrschaftsbereich des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha gehörte, zeigt den gesamten europäischen Hochadel in festlicher Pose vereint. Das Bild, auf dem auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der spätere Zar Nikolaus II. zu sehen sind, dokumentiert einen bedeutenden Anlass: die Hochzeit eines Enkels der englischen Königin Victoria. Franken, Thüringen, Deutschland, Großbritannien, Irland, Russland – lief da etwas aus dem familiären Ruder? Nein! Diese Fürstenhochzeit belegte einmal mehr die sehr bewusst gehandhabte Heirats­politik der Ernestiner, dank welcher Verbindungen zu Höfen in ganz Europa entstanden. Initiatorin der wohl bis heute ebenso populären wie spektakulären Verbandelungen war Herzogin Auguste Caroline Sophie. Sie verheiratete ihre Tochter Juliane nach Russland und Victoria nach England. Mehrfach gehörten Deutsche zu den Regenten des Königreiches England. Der Gothaer Prinz Albert – eine riesige Veranstaltungshalle in London ist nach ihm benannt – gehört dazu wie auch zahlreiche Nachkommen aus seiner Ehe mit Königin Victoria. Bis in unsere Zeit ist die prominenteste Repräsentantin der Monarchie, Elisabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, eine Ernestinerin. Zu den »Windsors« wurde der britisch-ernestinische Zweig erst nach der Umbenennung durch den Großvater der heutigen Königin Elisabeth II. im Weltkriegsjahr 1917. So nimmt es denn nicht Wunder, dass das schön anzuschauende Bildnis der aus Gotha stammenden englischen Königin Victoria (1819–1901) den werbenden Hintergrund für den Ausstellungsort Gotha der kommenden Landesausstellung bildet. Und mit eben diesen traditionsreichen Verbindungen zwischen Gotha und der Insel versteht man auch, warum Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch nicht müde wird, die Queen in seine Stadt zu bekommen – eine erste kurze Begegnung der beiden gab es im vorigen Jahr in Berlin …

Eine im europäischen Sinne durchaus spektakuläre Hochzeit wurde im November 1804 in Weimar 20 Tage lang gefeiert. Es war die Ehe zwischen Erbprinz Carl Friedrich und der russischen Zarentochter Maria Pawlowna. »Die Festivitäten sind nun zu Ende, und wir treten wieder allmählich in unser gewöhnliches Philisterleben zurück. Außer einem Katarrh, den ich mir geholt, bin ich ganz leidlich weggekommen, welches ich kaum erwarten konnte, da man sich bei solchen Gelegenheiten niemals schonen kann« , resümierte Schiller in einem Brief an Freund Körner, was am Nachmittag des 9. November 1804, einen Tag vor Friedrich Schillers Geburtstag, begonnen hatte und Weimar kopfstehen ließ: Nach vierwöchiger Reise mit einer ausgesprochen komfortablen Kutsche rollte von St. Petersburg her – vom Volk begeistert empfangen – die Enkelin Katharinas der Großen und Tochter des Zaren Paul und der aus dem Hause Württemberg stammenden Maria Fjodo­rowna, der Schwester der Zaren Ale­xander und Nikolaus, die Großfürstin von Russland, Maria Pawlowna, in das kleine Weimar ein. Neben der gerade Achtzehnjährigen saß der Erbprinz und spätere Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich, ihr frisch vermählter Ehemann. Im Fourierbuch des weimarischen Hofes steht unter diesem Tag u. a.: »Der Empfang geschahe von dem gesammten Hof und sämtl. Wirkl. Räthen u. Assessoren der Landes-Collegien an der untersten Treppe im Schloß.« Verteilt auf 80 Planwagen, war zuvor schon die Aussteuer der jungen Frau samt Ausstattung für ihren Mann eingetroffen. Auf den Einzug folgten zwanzig Tage lang Bälle, Feuerwerk, Illumination, Musik, Komödie und dergleichen mehr. Das Festlichste an allem aber war für Schiller »die aufrichtige, allgemeine Freude über unsre neue Prinzessin, an der wir in der Tat eine unschätzbare Akquisition gemacht haben«.

Schon bald nach dem prächtigen Einzug war allenthalben zu spüren, wie segensreich sich der vom Freiherrn Wilhelm von Wolzogen äußerst diplomatisch eingefädelte Coup auf das Herzogtum auswirkte. Finanziert auch mit stattlichen Summen aus der Privatschatulle, förderte Maria Pawlowna, so wie es vor ihr Anna Amalia getan hatte, die Künste, die Wissenschaft und die Bildung. Die von ihr nach Weimar geholten Musiker und Komponisten Hummel, Liszt und Wagner stehen stellvertretend für viele andere, die das so genannte »Silberne Zeitalter« der Stadt begründeten. Indem sie im Schloss Memorialräume für Goethe, Schiller und andere Dichter aus Weimars »Goldenem Zeitalter« einrichten ließ, legte sie das Fundament für den bis heute wirkenden »Mythos Weimar«. An Maria Pawlowna erinnert auf dem Historischen Friedhof von Weimar die von Zwiebeltürmen gekrönte russisch-orthodoxe Grabkapelle.

Heinz Stade

»Weide meine Schafe!«

12. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Von der spannungsreichen Beziehung zwischen Pfarrer- und Hirtenbild

Nimm den Hirtenstab und geh voran.« Mit diesem Auftrag überreicht mir ein Kirchvorsteher einen Hirtenstab. Ich hole tief Luft. Kann ich diesen Stab annehmen? Hirten brauchen solche Stäbe. Sie haben Schafe und auch Hunde. Ich habe nichts dergleichen. Ich bin doch nur Pfarrer. In der Gemeinde gibt es viele liebe Menschen und die bösen Menschen würden über einen Hirtenstab nur lachen. Ich bin kein Hirte, ich bin Pfarrer, was soll ich mit einem Hirtenstab?

Das Bild vom guten Hirten ist ein Bild für Gott, der die Menschen so liebt, dass er sich selbst hingibt.  Kein Mensch könnte dem Anspruch gerecht werden, der mit dem Guten Hirten verbunden ist. Stefan Günther. Foto: Adrienne Uebbing

Das Bild vom guten Hirten ist ein Bild für Gott, der die Menschen so liebt, dass er sich selbst hingibt. Kein Mensch könnte dem Anspruch gerecht werden, der mit dem Guten Hirten verbunden ist. Stefan Günther. Foto: Adrienne Uebbing

Doch Zögern wäre nicht angebracht. Bei aller Ambivalenz des Symbols wäre die Verweigerung der Annahme als Bruch des entgegengebrachten Vertrauens empfunden worden. Es war schließlich meine Einführung als ständig gewordener Pfarrer in der Gemeinde, in der ich die letzten drei Jahre den Probedienst verbracht hatte. So nahm ich den Hirtenstab in die Hand. Ein schöner, kräftiger Stab, der von Hand bearbeitet und liebevoll mit Schnitzereien und Einbrennungen verziert war – kunstvoll und einzigartig gestaltet. Ein schönes Geschenk. Mehr noch: Ein persönliches Geschenk, mit dem mir nicht nur ein Hirtenstab, vielmehr großes Vertrauen geschenkt wurde. Das lässt mich dann auch zugreifen, kräftig und mit Zuversicht. Es war ungewohnt, so einen Hirtenstab in der Hand zu halten. Sehr schnell wurde mir klar: Dieser Hirtenstab ist kein Zepter, schon gar kein Prügelstab. Vielmehr konnte ich mich an diesem Stab festhalten und Stand gewinnen.

Ein Hirtenstab ist uns heute genauso fremd wie die Vorstellung, Pfarrer seien Hirten. Immer wieder höre ich unter Pfarrern und Vikaren Vorbehalte gegenüber einem Pfarrerbild, das sich am Hirten orientiert. Das hat Gründe. Im Bild von Hirte und Herde steckt ein hierarchisches Gefälle, das einem modernem Menschen- und Gemeindebild nicht entspricht. Unsere Gemeinden bestehen weder aus Menschen, die wie blökende Schafe einem Hirten hinterherliefen, noch aus quasi allwissenden Hirten, die in jeder Lebenslage die richtige Antwort hätten. Leider ist dieses Missverständnis im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder aufgetreten. Zu viele Abhängigkeitsverhältnisse in Gemeinden sind durch solche Bilder gefördert worden. Das Bild vom Hirten ist auf Pfarrer nicht einfach übertragbar.

Im Johannesevangelium im 10. Kapitel lesen wir vom guten Hirten. Der Evangelist Johannes lässt Jesus sagen: »Ich bin der gute Hirte«, um deutlich zu machen, wie Jesus sein Hirte-Sein versteht: »Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.« Das Bild des Hirten steht hier für Hingabe. Hier ist jemand, der ein Stück des Weges mitgeht, der Menschen nachgeht, der andere begleitet, auch auf schweren Wegen. Der sogar sein Leben für andere lässt. Kann ein Mensch diesen Anspruch übernehmen?

Ich bin der gute Hirte: dieser Satz löste schon zu biblischen Zeiten »Zwietracht unter den Juden« aus (Vers 19), weil hier die Gefahr gesehen wurde, dass ein Mensch sich an göttliche Stelle erhebt und andere auffordert, ihm blind nachzufolgen. Im Laufe des Abschnitts entfaltet Johannes das Bild vom guten Hirten und macht immer mehr deutlich, dass Gott selbst hier durch die Person Jesu spricht. Gott selbst ist der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe. Im letzten Satz des Abschnitts sagt Jesus dann auch: »Ich und der Vater sind eins.« Das Bild vom guten Hirten ist ein Bild für Gott, der die Menschen so liebt, dass er sich selbst hingibt. Kein Mensch könnte dem Anspruch gerecht werden, der mit dem Guten Hirten verbunden ist.

Dennoch kann ich dem Bild vom Hirten in Bezug auf Pfarrer etwas abgewinnen. An anderer Stelle im Johannesevangelium fragt Jesus seinen Jünger Petrus dreimal hintereinander: Hast du mich lieb? (Johannes 21) Petrus antwortet prompt und klar: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Daraufhin antwortet Jesus: »Weide meine Schafe!« Wieder ein Bild aus der Hirtenwelt. Jesus beauftragt Petrus mit der Fürsorge der Gemeinde und gebraucht dafür das Wort »weiden«; man kann auch »grasen« übersetzen. Es geht also um Nahrung, um geistliche Weideplätze, an denen Menschen geistlich satt werden. Der Hirte soll an die Quelle führen. Diese Beauftragung ist nicht nur eine Indienstnahme. Sie ist im Johannesevangelium mit der wichtigsten Frage des Lebens verbunden: »Hast du mich lieb?« Wo diese Frage mit Ja beantwortet wird, erscheint das Weiden eine logische Folge zu sein. Bei dem Bild des Hirten geht es also in erster Linie um Beziehung. Und zwar um die Beziehung zu Gott. Hast du mich lieb? Wo diese Frage mit Ja beantwortet wird, entsteht Vertrauen, wächst Glauben. Wir werden einander zu Hirten, zum Pastor – so das lateinische Wort für Hirt.

Mein Hirtenstab steht übrigens in meinem Arbeitszimmer und erinnert mich an das Vertrauen, das mir von der Gemeinde entgegengebracht wurde. Er erinnert mich auch an den Auftrag Jesu: »Weide meine Schafe!« Und eine Inschrift erinnert mich an das wichtigste: »Der Herr ist mein Hirte.«

Stefan Günther

Der Autor ist Studienleiter am Predigerseminar Wittenberg.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

»Ihr seid das Fest«

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Frankreich: Im April beginnt der Festreigen der »Ostensions Limousines« – der Präsentation der Heiligen

Nur alle sieben Jahre feiert man im Limousin, im Herzen Frankreichs, seine Heiligen – Bischöfe und Märtyrer des Mittelalters zumeist. In diesem Jahr ist es wieder so weit.
Vier Schlüssel haben sie mitgebracht, der Bischof, der Bürgermeister, der Chef der Bruderschaft und der Pfarrer von Saint-Michel-des-Lions. Vier Männer aus Limoges, die alle sieben Jahre für einen Moment ins Rampenlicht rücken. Wie immer am ersten Wochenende nach Ostern, wenn sie gemeinsam den Schrein des heiligen Martialis öffnen. Einen vergoldeten Reliquienkasten aus Eichenholz, mehr als 800 Pfund schwer und gesäumt von Bildern aus dem Leben des Heiligen. Anno 1809 wurde er für eine Bruderschaft gefertigt, die seit 1356 das Erbe des ersten Bischofs der Stadt pflegt. 72 Männer gehören ihr heute an, eine sich jeden Monat einmal treffende Altherren-Riege, die zum Fest rot-weiße Schärpen trägt und sich als Hüter des Martialis-Schreins versteht.

Hüter des Martialis-Schreins: 72 Männer gehören zur Bruderschaft, die in Limoges über die Reliquien des ersten Bischofs der Stadt wacht. Ihre Präsentation eine Woche nach Ostern eröffnet den Festreigen, der sich in verschiedenen Orten des Limousin bis in den Herbst hinzieht. Fotos: Günter Schenk

Hüter des Martialis-Schreins: 72 Männer gehören zur Bruderschaft, die in Limoges über die Reliquien des ersten Bischofs der Stadt wacht. Ihre Präsentation eine Woche nach Ostern eröffnet den Festreigen, der sich in verschiedenen Orten des Limousin bis in den Herbst hinzieht. Fotos: Günter Schenk

Alle sieben Jahre holt man die Reliquien des Bischofs, den der Papst Mitte des 3. Jahrhunderts zur Missionierung der Gallier geschickt hatte, ans Tageslicht und inspiziert sie vor aller Augen auf ihre Unversehrtheit. Dann hebt der heutige Bischof das Schädelreliquiar feierlich empor, um es allen in der Kirche zu zeigen. Ein Akt, dem das Fest seinen Namen verdankt. Denn die Ostensions, verrät der lateinische Wortstamm, sind nichts anderes als eine öffentliche Präsentation von Reliquien.

Die »Ostensions Limousines« rücken fast ein Jahr lang eine Landschaft ins Licht, die zu den ärmsten und am dünnsten besiedelten Frankreichs gehört. Längst vorbei sind die Zeiten, als Limoges zu den Metropolen Europas gehörte. Im Mittelalter zählten seine Emaille-Schmieden zu den ersten Adressen, die alle großen Kathedralen mit liturgischen Geräten bedienten und Kaiser und Könige mit Schmuck belieferten. Ein Handwerk, das kleine und große Werkstätten bis heute in der Region am Leben halten.

Emaille-Arbeiten schmücken auch den Schrein des Heiligen Lupus, der ebenfalls in Saint-Michel-des-Lions begraben liegt. Als ersten Hüter des Martialis-Schreines verehren ihn die Franzosen. Bei Martialis und Lupus suchen sie bis heute Trost und Beistand. Auch 994 war das so, als das »heilige Feuer« in Limoges wütete. Eine Krankheit, die Mediziner später als Blatterrose identifizierten.

Damals trugen die Menschen erstmals die Gebeine ihrer Heiligen durch die Stadt und markierten so den Auftakt zu Frankreichs traditionsreichstem Reliquienumgang. Zu ihrem siebenjährigen Turnus aber fand die Prozession erst 1518, der seitdem fast nie unterbrochen wurde. Nur 1547 zwang die Pest zur Pause und 1799 die Französische Revolution.

»Die Ostensions«, sagt der Bischof am Sonntagmorgen, »sind kein Fest der Religion oder gar der Folklore. Die Ostensions sind die Erhebung des Herzens Richtung Gott, die Fortsetzung der Osterbotschaft.« Auf der Kanzel stehen die Kameras des Regionalfernsehens, um den Altar scharen sich die Abordnungen der Bruderschaften aus dem Limousin. Schweizer Gardisten sind gekommen, Männer mit Helm und in Uniform, die seit Jahrhunderten zum Schutz der Heiligen Dienst tun.

Blickfang aber sind die silbernen und goldenen Büsten, geschnitzte Figuren, Fahnen und Tragekreuze. Mittendrin findet sich die Büste der Jungfrau Valeria. Martialis soll sie einst getauft haben, was zur Auflösung der Verlobung mit dem heidnischen Herzog Stephan führte. Aus Wut, erzählt die Legende, ließ der sie danach enthaupten. Mit dem Kopf unter dem Arm sei Valeria schließlich von einem Engel geführt zur Messe bei Martialis erschienen. Ein Bild, das sich auf vielen Kirchenfenstern und Denkmälern in Limoges wiederfindet.

»Ihr seid das Fest«, schickt der Bischof nach dem Gottesdienst die Festgemeinde auf den Weg durch die Stadt. »Ihr in der Gemeinschaft aller Heiligen.« Mit Fahnen und Musik zieht die Prozession in die Oberstadt. »Wir kommen zu dir, Herr«, singen die Gläubigen, »unser Herz ist voller Freude.« Denn der Umgang mit den Heiligen in Limoges ist erst der Auftakt zu einem bunten Reigen religiöser Feiern rund um die Provinzhauptstadt. Kein Wunder, dass die Unesco den ganzen Festreigen bereits 2013 zum Weltkulturerbe erklärte.

Günter Schenk

www.ostensions-limousines.fr

Glaskunst für den Glauben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Kunsthistoriker Bertram Lucke über zerbrechliche Kostbarkeiten

Zu den wichtigsten, aber auch empfindlichsten Ausstattungselementen von Kirchen gehören Glasmalereien. Mit diesen Kunstwerken beschäftigt sich der promovierte Kunsthistoriker Bertram Lucke vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Erfurt. Mit dem Fachmann sprach Susann Winkel über Stifter, Motive und Gefahren.

Herr Dr. Lucke, Ende 2016 wurde in der Kirche Marisfeld im Landkreis Hildburghausen ein restauriertes Glasgemälde geweiht, das die Kreuzigung Christi zeigt. Dem voran ging ein glücklicher Fund.
Lucke:
Der Kopf und Oberkörper der Christusfigur waren im Original aus dem Jahr 1885 nicht mehr erhalten, eine ältere, qualitativ unbefriedigende Ergänzung sollte jetzt ersetzt werden. Im Archiv der Mayer’schen Hofkunstanstalt GmbH in München stieß ich im vergangenen Sommer auf einen umfangreichen Bestand historischer Fotografien. Diese zeigen Kartons – die Eins-zu-eins-Vorlagen – zu Glasgemälden von C. H. Burckhardt & Sohn, München. Aus deren Werkstatt stammt auch die Marisfelder Kreuzigungsdarstellung. Hiervon existiert ein Kartonfoto, das dankenswerterweise für die Ergänzung zur Verfügung gestellt wurde.

Welche Kirchen in der Region Süd­thüringen wurden noch von der Werkstatt Burckhardt ausgestattet, deren Begründer ursprünglich aus Eisfeld kommen?
Lucke:
Die evangelischen Kirchen in Eisfeld (kriegszerstört), Stepfershausen, Meiningen (kriegszerstört, Fragmente erhalten), Oberstadt, Veilsdorf, Sonneberg und Saalfeld erhielten in sehr unterschiedlichem Umfang Glasmalereien aus der Werkstatt Burckhardt.

Wer stiftete Glasmalereien und aus welchem Anlass?
Lucke:
Die Palette der Stifter ist breit: Landesherrn, Geistliche, Patronatsherrn, Fabrikanten, Bürger verschiedenster Professionen, Familien, Kinder zum Andenken ihrer Eltern und umgekehrt, Vereine und Vereinigungen etc. Die Meininger Stadtkirche beispielsweise erhielt im Zuge ihres 1884 bis 1889 erfolgten Umbaus zwei landesherrliche Stiftungen, weitere Fenster stifteten die »Künstler-Klause«, »Frauen und Jungfrauen der Stadt«, »Bürger der Stadt«, »Freunde der Kirche«, der Gewerbeverein und die »Gesellschaft ›Sängerkranz‹«. Zu den vielen Stiftungsanlässen zählen Neubauten, Umbauten und Renovierungen von Kirchen, Jubiläen von Personen und Ereignissen, das Gedächtnis an Gefallene oder der Dank für die Heimkehr aus dem Krieg.

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Susann Winkel

Das restaurierte Glasfenster in der Marisfelder Kirche. Foto: Kathrin Rahfoth

Werden heute noch neue Glasgemälde in der Art des Marisfelder Fensters eingesetzt oder bleibt es bei der Bewahrung des Bestandes?
Lucke:
Der Begriff »Glasgemälde« ist eng gefasst, die Münchener Kunsthistorikerin und Glasmalereiexpertin Elgin Vaassen spricht hier von der »bildhaften Richtung der Glasmalerei« im Gegensatz zur mosaikartig gefügten. Auf der Grundlage dieser Definition geantwortet: Neue Glasgemälde entstehen heute nur noch wenige, neue, in den verschiedensten Techniken geschaffene Kirchenfenster sind hingegen keine Seltenheit.

Welche Rolle spielen Glasmalereien für die Ausstattung von Kirchen?
Lucke:
Die Glasmalerei zählt in den Epochen, in denen die Fenster der Sakralbauten quasi selbstverständlich damit versehen wurden, zu den wesentlichen Ausstattungselementen. Die Art ihrer »Durchlichtung« bestimmt das Maß der Abgrenzung von innen und außen, ihre jeweilige Farbgebung ist von erheblicher Wirkung auf die Raumstimmung, die durch den Wechsel von Art und Intensität des einfallenden Lichtes zudem ständig variiert. Eine weitere wichtige Rolle kommt der Glasmalerei als Bildträger im Rahmen des ikonografischen Programmes des jeweiligen Sakralraumes zu.

Gibt es Unterschiede hinsichtlich der Konfessionen?
Lucke:
Ja. Neben einer Reihe in Gotteshäusern beider Konfessionen anzutreffender Darstellungen, insbesondere sind dies die Hauptereignisse der christlichen Heilsgeschichte, gibt es auch viele bekenntnisbezogene Motive oder Bildprogramme.

Wie ist der Zustand der Glasmalereien in den Thüringer Kirchen?
Lucke:
Der trotz bedeutender Verluste noch sehr umfangreiche Bestand von Glasmalereien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Kirchen, Kapellen und Feierhallen ist im Auftrag des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie von Falko Bornschein und Ulrich Gaßmann inventarisiert, zustandsseitig erfasst und 2006 in Buchform publiziert worden. Der Erhaltungszustand im Einzelnen variiert von bereits konservierten und restau­rierten Fensterbeständen bis zu solchen, für die dies bald geboten ist.

Was sind die großen Gefahren und Chancen für ihre Bewahrung?
Lucke:
Neben Zerstörungen durch Krieg, Vandalismus und Umwelteinflüsse zählt die Nicht-Wertschätzung der Werke der Glasmalerei des Historismus zu deren großen Gefahren. Allerdings kann man hierüber zunehmend in der Vergangenheitsform reden, auch gibt es inzwischen einige Beispiele, wo mit großem Engagement dafür Sorge getragen wird, dass einzelne Fenster oder schrittweise ganze Kirchenverglasungen besagter Entstehungszeit konserviert und restauriert werden. Die gebührende Wertschätzung dieser oft kostbaren Zeugnisse aus einer großen Epoche der Glasmalerei ist eine wesentliche Voraussetzung ihrer Bewahrung für die Gegenwart und Zukunft.

Der Weg ins Leben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Emmausjünger

Ein schlimmer Tag. Der Tag kann mächtig sein. So mächtig, dass alles andere dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch diesen einen Tag. Den schlimmen. Den Tag, an dem die Diagnose kam. Als das Unglück geschah. Den Tag, an dem du das eine falsche Wort gesagt hast. Den Tag, als dein liebster Mensch gestorben ist. Ein Tag wie ein Gefängnis. Einzelzelle. Du bist allein mit diesem schlimmen Tag. Deine Augen sehen nur noch Wände. Wände aus lauter Traurigkeit.

Was da sonst noch ist – du kannst nichts mehr sehen. Stiefmütterchen und Lindenknospen. Die Sonnenflecken auf dem Waldboden. Wenn du Zeitung liest, siehst du die Buchstaben. Aber die Worte erreichen dich nicht. Der schlimme Tag ist mächtiger als alles. Alles verschwindet hinter seinen grauen Wänden. Die Menschen neben dir. Du selbst. Und du fragst dich, ob du dich je im Leben wieder freuen kannst.

»Am selben Tag waren zwei Jünger unterwegs zu dem Dorf Emmaus. … Sie unterhielten sich über alles, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Und während sie noch miteinander redeten und hin und her überlegten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.«

Der Tag kann mächtig sein. Du siehst nur noch diesen einen schlimmen Tag. Für alles andere bist du blind. Sogar für Jesus. Und »… ihre Augen wurden gehalten.«

Der Tod kann mächtig sein. So mächtig, dass alles dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch den Tod.

Kleophas und sein Freund waren gegangen. Es hatte ja keinen Sinn mehr. Jesus war tot. Sie hatten ihn sterben sehen – von Weitem natürlich nur. Näher hatten sie sich nicht herangetraut. Nur ein paar Frauen waren so verrückt gewesen, sich zum Kreuz zu stellen. Und die hatten jetzt behauptet, alles wäre wieder gut. Jesus würde leben. Völlig verrückt. Träumereien.

Glaube-Alltag-14-2016

Nun gingen sie heim. »Aber ihre Augen wurden gehalten.« Augen im Gefängnis. Einzelzelle. Sie sehen nur diesen einen Tod. Jesu Tod. Gottes Tod. Der Tod ist so groß, dass sogar Gott dahinter verschwindet.

»Und während sie noch miteinander redeten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. …

Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.«

Dieser eine Tag. Dieser eine Tod. Mit Macht greift es nach dir. Und nimmt deinen Augen allen Glanz und alle Freude. Aber Jesus ist längst da. Und redet. Und tröstet.

»So kamen sie zu dem Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat so, als wollte er weiterziehen. Da drängten sie ihn: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.«

Der Tag kann mächtig sein. Und der Tod. Aber dann spürst du die anderen Mächte. Die guten. Stiefmütterchen und die Lindenblüten. Sonnenaufgang und Mondlicht in milden Nächten. Einer, der sich zu dir setzt und zuhört. Und tröstet. Es kommt der Morgen, an dem du aufwachst, und die Seele tut nicht mehr so weh. Und der Tag, wo du am Grab stehst und die Tränen zum ersten Mal nach Dankbarkeit schmecken. Auferstehung. Worte, die lebendig machen. Brot und Wein auf dem Tisch. Jesus. Und Gott. Sie waren die ganze Zeit da. »Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?« Jetzt kannst du sie wieder sehen. Endlich. Und du merkst: Sie sind mächtiger als dieser eine schlimme Tag. Und mächtiger als der Tod. »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

»Eingaben sind wie Petitionen im Parlament«

3. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mitsprache: Wie jedes Gemeindemitglied Einfluss auf seine Landeskirche nehmen kann

Sollte die Kirche sich stärker in der Flüchtlingsarbeit engagieren? Einkehrhäuser und Rüstzeitheime für Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung stellen? Und wie steht es mit dem kirchlichen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Die Gemeindemitglieder an der Basis machen sich Gedanken über das, was die Kirche tun und was sie lassen sollte. Sie haben Wünsche und Erwartungen an die Kirche. Die Landessynoden sind als Kirchenparlament das oberste Entscheidungsgremium der evangelischen Landeskirchen und damit Adressaten für die Anliegen in den Gemeinden. Wie kann nun ein einzelnes Gemeindemitglied Einfluss auf die Landessynoden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Evangelischen Landeskirche Anhalts nehmen?

Jedes Gemeindemitglied kann eine Eingabe an die jeweilige Landessynode schicken. Besonders rege wird diese Möglichkeit nicht genutzt. Die Zahl der Eingaben, die pro Tagung die Synode der EKM erreiche, bewege sich im einstelligen Bereich, so Kirchenrat Thomas Brucksch, Leiter des Referates Allgemeines Recht und Verfassungsrecht im Erfurter Landeskirchenamt. In der anhaltischen Landeskirche sieht es nicht viel anders aus. »In dieser Legislatur waren es 15 Eingaben«, sagt Präses Andreas Schindler.

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

Synode ist – vereinfacht gesagt – das Kirchenparlament; als oberstes Entscheidungsgremium der Landeskirche stellt sie die Weichen für die Zukunft. Foto: Olga Pink – fotolia.com/Montage: G+H

»Eingaben von Gemeindemitgliedern sind wie Petitionen beim Parlament«, erklärt Brucksch. In der EKM gehe jede Eingabe an das Präsidium, werde dort bekanntgegeben, eventuell ausgehängt, sodass sie zur Kenntnis genommen werden könne. Das Präsidium gibt dann die Eingabe je nach Thema in einen der zehn Ausschüsse der Landessynode. Das kann beispielsweise der Ausschuss für Diakonie und soziale Fragen, der Haushalts- und Finanz­ausschuss oder der Ausschuss Umwelt, Klima und Landwirtschaft sein. Es könne sein, so Brucksch, dass die Synode nicht zuständig ist. Wenn es sich etwa um eine Eingabe zur Finanzierung der Kirchturmrestaurierung in einer Gemeinde handelt, würde der Ausschuss die Eingabe an die Kreissynode weiterreichen, wo sie am richtigen Platz wäre.

Der Ausschuss versuche, das hinter einer Eingabe liegende Problem zu erkennen, das möglicherweise in der Synode beraten werden sollte, legt Brucksch dar. Im Fall der Kirchturmsanierung könne es also sein, dass der Ausschuss schlussfolgert: Es ist ein Skandal, wenn das Geld für den Kirchturm fehlt. Das muss die Synode ändern.

Wenn aus Sicht des Ausschusses das Thema im Plenum erörtert werden soll, stellt er einen Antrag an die Landessynode, beispielsweise Änderungen am Finanzsystem vorzunehmen. Die Synode könne sich aber nicht zu allen Themen äußern, merkt Brucksch an. Deshalb sei es Aufgabe des Ausschusses, zu fragen, wie mit den Eingaben umzugehen ist. Manchmal könne er zu einer Frage nichts sagen und gibt die Eingabe an das Landeskirchamt. Der Adressat einer Eingabe bekomme immer eine Antwort.

Der Weg der Eingaben läuft in Anhalt etwas anders. Die Eingaben kommen zum Präses. Er teilt sie zu Beginn jeder Tagung der Synode mit. Es gibt einen Eingabenausschuss, an den die Eingabe geht, und der überlegt, wie sie bearbeitet werden soll. Sie werde dann wie in der EKM an einen Ausschuss weitergeleitet. Einige wenige, so Schindler, gehen an den Landeskirchenrat.

Neben der Möglichkeit, eine Eingabe an die Landessynoden zu richten, kann jedes Gemeindemitglied Anliegen über die Kreissynode oder über einen Landessynodalen einbringen.

In Anhalt sind überdies während jeder Synodentagung Gemeindemitglieder zu einer Fragestunde eingeladen, die allerdings keinen großen Zulauf habe, so Schindler.

Zahlenmäßig werden nicht viele Eingaben eingereicht, im Blick auf die Themen ist es ein buntes Potpourri. In der EKM beziehen sich die Eingaben auf Kirchenmusik, die kirchliche Lebensordnung, das Pachtvergabeverfahren und das Reisekostenrecht.

Selbstbestimmtes Sterben, der konziliare Prozess und Wirtschaftswachstum sind einige der Themen in Anhalt. Oder auch die Altersgrenze für Gemeindekirchenräte, die – angestoßen durch eine Eingabe – heraufgesetzt wurde. Mussten nach der alten Regelung Kirchenälteste mit 75 aus dem Gemeindekirchenrat ausscheiden, können sie nun noch mit 75 gewählt werden. Zum Umgang mit den Eingaben in der anhaltischen Landeskirche zieht der Präses ein positives Fazit: »Ich habe noch nie erlebt, dass eine Eingabe versandet ist.«

Sabine Kuschel