Die Auferstehung der Osterreiter von Mikulášovice

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Nordböhmen: Von den Nazis als »katholisch« verboten, dann als »deutsch« geächtet, lebt jetzt ein alter Brauch wieder auf

2011 trauten sie sich erstmals wieder auf die Straße: die Osterreiter im nordböhmischen Mikulášovice. Inzwischen feiern auch junge Tschechen den ehemals deutsch-katholischen Brauch begeistert mit.

So kräftig hat Roman Klinger noch nie gesungen: »Der Heiland ist erstanden vom Tod, aus Grabesbanden.« Da steht er mit einem Häuflein Sänger. Oben, am Ende der Stufen, vor dem Portal der mächtigen Nikolauskirche. Locker 3 000 Menschen fänden darin Platz, viel zu groß für das kleine Städtlein Mikulášovice. Eben zum Hochamt verliefen sich kaum 120 Menschen in den Bänken. Doch vor der Kirche warten 300 auf sie. »Er lebt, der Tröster aller Welt, er hat gesiegt, der Gottesheld. Alleluja!« Klinger wagt kaum in die Runde zu sehen. Nein, keiner beschimpft sie: »Aufhören, verdammte Deutsche!«

Die Menschen scheinen sich sogar zu freuen. Bei ihnen stehen die Pferde. Darauf Reiter in schwarzen Anzügen, einige sogar mit Zylindern – Osterreiter. Aber das ist nicht die Lausitz, wo das Osterreiten eine ununterbrochene sorbische Tradition ist. Dies ist das böhmische Niederland, auch genannt der Schluckenauer Zipfel. Einst, als Mikulášovice noch Nixdorf hieß, eine reiche Region mit Landwirtschaft und Industrie gleichermaßen, heute mit allen Anzeichen der Strukturschwäche ausgestattet: hohe Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund. Hier ist das Osterreiten eine verschüttete deutsche Tradition. Nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 verboten es die Nationalsozialisten, sieben Jahre später wurden die Deutschen mit ihren Bräuchen vertrieben. Bis auf einen kleinen Rest.

Nach über 70 Jahren hat er den alten Brauch wiederbelebt: Roman Klinger führt mit einer Osterstandarte den Zug der Reiter an. Foto: Ivo Šafus

Nach über 70 Jahren hat er den alten Brauch wiederbelebt: Roman Klinger führt mit einer Osterstandarte den Zug der Reiter an. Foto: Ivo Šafus

»Wir hatten alle Angst, mir zitterten die Finger«, erinnert sich Klinger heute an den Ostersonntag 2011. »Wir wussten ja nicht, was passiert.« Klingers Familie gehört zu dem Rest der Deutschen, der 1945 bleiben durfte. Sein Urgroßvater war eine gefragte Fachkraft in dem Messerwerk, für das Nixdorf vor dem Krieg den Beinamen »nordböhmisches Solingen« trug. Doch Behörden und Neubewohner ließen ihn spüren, dass er nur geduldet war. Sein Haus wurde ihm genommen, Deutsch war tabu. Die Familie wurde schikaniert und Bildungschancen verwehrt. Als deutscher Katholik war er doppelt gestraft.

Roman Klinger hat das nicht erlebt, er ist 28 Jahre. Doch er ist der Urenkel des letzten Präsidenten des 1844 gegründeten Nixdorfer Osterreitervereins. Seine Großeltern haben ihm vom Urgroßvater und den alten Bräuchen erzählt. So klingelte eines Tages ein tschechisches Fernsehteam bei ihm. »Sie wollten einen Beitrag über das Osterreiten in der Lausitz drehen und waren auf die alte Tradition bei uns gestoßen«, erzählt er.

»Als ich auf dem Dachboden nach Zeugnissen suchte, stieß ich auf eine Kiste. Darin zweimal festliches Zaumzeug für das Pferd meines Urgroßvaters, dazu Dutzende Pferdedecken und Schärpen für die Reiter, die noch wie neu aussahen«, erzählt Roman Klinger von seinem Fund. In dem Moment keimte in ihm ein Gedanke: »Wenn sich sogar das Fernsehen für das Osterreiten interessiert, warum fangen wir nicht einfach wieder damit an?«

Die Vorbereitungen liefen leichter als gedacht. Nicht nur, dass Klinger die Ausstattung für die Reiter gefunden hatte. In der Kirche standen noch vier alte Fahnen der Osterreiter. Nur Pferde gab es nicht und reiten konnte auch keiner. »Katholische Reiter finden, war wie nach der Nadel im Heuhaufen suchen«, sagt Klinger. »Also nahmen wir den Brauch, wie er war, nämlich ursprünglich heidnisch zur Begrüßung des Frühlings. Und so war es kein Problem, dass nichtgläubige Reiter mitmachten.« Die kommen eher aus der Western-Tradition, weshalb es passieren kann, dass der eine oder andere im Sattel einen Cowboy-Hut statt des Zylinders trägt. Dafür betreiben sie den Brauch inzwischen mit fast katholischer Ausdauer. Anfangs mit Geld gelockt, reicht ihnen nunmehr ein deftiger Gulasch danach. Und ansonsten sind die Menschen, die den Umzug begleiten und jedes Jahr mehr werden, Dank genug.

Die Angst war damals vor fünf Jahren bei Roman Klinger trotzdem noch da. »Wir behielten unser Vorhaben lieber für uns, falls es am Ende doch nichts wird.« Am Morgen des Osterfestes 2011 fasste er aber einen Entschluss: »Egal, was passiert. Wir singen das erste Lied auf Deutsch: ›Der Heiland ist erstanden!‹«

Steffen Neumann

Der »Theaterherzog« und Architekt

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie darauf ein. Diesmal Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1866–1914).

Meiningen ist der Welt durch »die Meininger« bekanntgeworden, hat einst der Schriftsteller Wilhelm Raabe pointiert formuliert und damit auf den Punkt gebracht, was den für »die Meininger« zuständigen Regenten Georg II. zu einem der bedeutendsten unter den Ernestinern gemacht hat: Sein Mäzenaten- und Künstlertum. Der als »Theaterherzog« in die Geschichte eingegangene Monarch war – das belegen die Urteile seiner Lehrer und das bekräftigen die späteren künstlerischen wie politischen Verdienste – ein hochbegabtes Kind. Nach Jugenderziehung, Universität, obligater militärischer Ausbildung und Reisen u. a. nach Norwegen hätte der als charakterfest und prinzipientreu geltende junge, großgewachsene, kräftige Mann sein Geld mit Vielem im intellektuellen Bereich verdienen können.

Der Herrscher ist erster Diener im Staat

Mit diesem Fundament eigener Leistung aber legitimierte er den Anspruch als Erbprinz auf zusätzliche Weise. Erzogen und groß geworden als Einzelkind, ruhten auf diesem Erbprinzen alle Hoffnungen der Familie für den Fortbestand des meiningischen Spe­zialhauses der ernestinischen Sachsen. Georg II. – in seinem langen Leben dreimal verheiratet – enttäuschte die Hoffnungen nicht. Im Folgenden sollen zwei Aspekte des verdienstvollen Wirkens des Regenten im Mittelpunkt stehen, die Arbeit als Chef des Hof-
theaters und als Architekt.

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert an den im klassizistischen Stil errichteten Vorgängerbau, der 1908 abbrannte. Foto: picture-alliance/dpa

Die Fassade des Meininger Theaters erinnert als eines der wenigen Elemente an den Vorgänger-Theaterbau, der 1908 während eines Brandes weitgehend zerstört worden war. Nur zwei Tage nach dem Brand hatte der greise »Theaterherzog« Georg II. den Entschluss gefasst, eine neue Spielstätte zu bauen. Mit dem Hofarchitekten Karl Behlert war er sich einig geworden, dass das Gebäude – obwohl bereits vielerorts im Jugendstil gebaut wurde – im klassizistischen Stil errichtet werden sollte. So wurde die einstige Vorderfassade zur hinteren und jene heutige Hauptfassade möglich, die sechs Säulen, eine Freitreppe und eine doppelläufige Auffahrt prägen und im Giebel die Inschrift trägt »Dem Volke zur Freude und Erhebung«. Die Meininger Bühne – das Schauspiel ist gleichwertig mit der Hofkapelle zu nennen – ist der Geburtsort dessen, was man in der Theater- und Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts über rund drei Jahrzehnte als »Meininger Prinzipien« rühmen sollte und dort erleben konnte, wo »die Meininger« mit Dramen von Shakespeare, Schiller, Goethe und Kleist auftraten oder der Klangkörper mit Werken von Beethoven, Brahms oder Bach brillierte. Getreu friderizianischer Prinzipien, wonach der Herrscher erster Diener im Staat zu sein habe, hatten in der Kunst unter dem Regisseur Georg II. – vom Statisten bis zum Star – alle einem hohen Kunstideal zu folgen, dem Wort des Dichters zu dienen, sich dem Ensemblegeist zu opfern. »Wenn das Stück kein Erfolg wird, ist es nicht Shakespeares oder Schillers Schuld, es ist Ihre oder meine«, hörten die Beteiligten nicht nur einmal. Der Erfolg – abzulesen auch an zahllosen gefeierten Gastspielen in europäischen Kunstmetropolen – gab dem Theaterreformer Georg II. recht. Die ständige Ausstellung im Museum in Schloss Elisabethenburg Meiningen ermöglicht es, dem sich in jener Zeit zwischen Weimar und Bayreuth etablierenden Musenhof Meiningen nachzuspüren.

Veste Heldburg wird Burgenmuseum

Dass der Regent auch im Bereich der Architektur mehr als dilettantische Spuren hinterlassen hat, ist an mehreren Bauwerken in Thüringen ablesbar. Erwähnt sei hier ausschließlich die Veste Heldburg, »wo es so wundervoll still und ruhig ist«, wie Freifrau von Heldburg ihrem Bruder Reinhard im Sommer 1891 mitteilte. Da lag der erste Aufenthalt auf dem märchenhaft wirkenden musenfreundlichen Bergschloss, das ihr Mann Herzog Georg II. zum Refugium und bevorzugten Wohnsitz ausgebaut und eingerichtet hatte, bereits 13 Jahre zurück. Mit den baulichen Maßnahmen begonnen wurde am sogenannten Französischen Bau.

Angeregt von der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts, setzte Georg II. wenige, aber dominante Veränderungen am äußeren Erscheinungsbild durch: Der Jungfernbau verlor sein Fachwerkgeschoss und wurde damit wieder mittelalterlich, Türme wurden aufgestockt, und der zinnbewehrte Bergfried bekam sein weit in die Landschaft sichtbares Kegeldach. Mehr noch als um das Äußere kümmerte sich der Meininger Herzog um die Umgestaltung des Inneren.

Ein Großbrand im April 1982 verwüstete das Innere erheblich. Unmittelbar nach der Wende jedoch wurde mit dem Wiederaufbau und der Sanierung begonnen. Im Herbst dieses Jahres wird hier das Deutsche Burgenmuseum seine Pforten öffnen. Aufs Schönste erfüllt sich damit gewissermaßen der testamentarische Wunsch von Georg II., wonach »diese Feste in ihrem Zustand auch in der fernen Zukunft erhalten bleibe und zum Besten der Stadt Heldburg und der Umgebung einen Anziehungspunkt für fremde Besucher bilde …«.

Heinz Stade

Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für Fernsehmoderator Peter Hahne heißt an die Auferstehung zu glauben, den Verstand einzuschalten

Der Fernsehjournalist Peter Hahne ist der bestplatzierte christliche Autor auf der Jahresbestsellerliste 2015 für religiöse Bücher. Sein Buch »Niemals aufgeben« rangiert auf Platz vier. Darüber und über Ostern sprach mit ihm Sabine Kuschel.

Herr Hahne, was würden Sie predigen, wenn Sie Ostern auf der Kanzel stünden?
Hahne:
Hoffnung, Hoffnung und nochmal: Hoffnung. Und keine politischen Ratschläge zu Flüchtlingen oder Parteien! Weil das Grab Jesu leer ist, sind seine Verheißungen keine leeren Versprechungen. Bei ihm gibt es Leben angesichts des Todes, denn er hat den Tod besiegt. Allein daraus resultiert sein Anspruch, die Hoffnung der Welt zu sein. Deshalb gibt es für Christen keine hoffnungslosen Fälle.

Was heißt es für Sie, an die Auferstehung Christi zu glauben?
Hahne:
Meinen Verstand einzuschalten – denn der Bericht von der Auferstehung ist die bestbezeugte Tatsache der Antike. Als Paulus das aufschrieb (1. Korintherbrief, Kapitel 15), lebten ja die Zeugen noch. Lüge wäre sofort entlarvt worden! Und für Lug und Trug hätte ein Bonhoeffer oder die heute (bis in die Flüchtlingslager!) verfolgten Christen ihr Leben wohl kaum geopfert. Glauben heißt: Wissen, was trägt.

Angesichts des Glaubensnotstandes ist Ihr Buch »Niemals aufgeben« ein Appell, sich der lebensnotwendigen christlichen Wurzeln zu besinnen. Woran kranken Gesellschaft und Kirche?
Hahne:
An Oberflächlichkeit und Beliebigkeit. Interessant ist nur, was uns konkurrenzlos wichtig ist und macht. Wir haben die freiheitlichste Verfassung der Welt, weil das Grundgesetz aus den Quellen der Bibel gewachsen ist: »In Verantwortung vor Gott und den Menschen.« Zurück zu den Wurzeln! Offensiv unseren Glauben bekennen und leben! Deshalb fürchte ich mich nicht vor der Stärke des Islams, sondern vor der Schwäche des Christentums.

Was hilft Christen in ausweglos erscheinenden Situationen, nicht aufzugeben?
Hahne:
Nicht der Appell: »Steh auf, reiß dich zusammen!«, sondern sich helfen lassen. Das schlüssele ich in dem Buch auf: Glaube, Gottes Wort, Gebet und vor allem Gemeinschaft schenken Motivation in Resignation. Allein geht man ein.

Peter Hahne. Foto: privat

Peter Hahne. Foto: privat

Das Leid in der Welt ist groß – wie lautet Ihrer Meinung nach die Antwort des Glaubens?
Hahne:
Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes, das ist unser Trost. Christen werden ja nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern aus dem Jenseits getröstet. Glaube ist ein Vertrauen, das einen auch mit unbeantworteten Fragen leben lässt. Viele bezeugen: Erst das Leid brachte mich zu Gott und damit zu sinnvollem Leben.

Osterfreude – hat Sie Raum im Alltag eines Fernsehmoderators?
Hahne:
O ja! Ich bin ein Sonntagskind, am 9. November geboren. Dass ich mit Ihnen jetzt reden kann, ist dem schönsten Geburtstagsgeschenk vor 26 Jahren zu verdanken. Schon Luther sagte: »Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.« Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Christen mit einem Gesicht herumlaufen, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt …

Es ging das Gerücht, Sie wollten zur katholischen Kirche konvertieren?
Hahne:
Ich halte es mit Martin Luther, der ist auch nicht konvertiert, sondern hat reformiert. Bis er merkte, dass politische Predigt und volle Kassen seiner Kirche wichtiger waren als Jesus Christus und sein Wort von Gericht und Gnade, Gesetz und Evangelium, Himmel und Hölle. Eine Kirche, die sich nach dem Evangelium und nach Luther nennt, sollte radikal werden, das heißt (lateinisch: radix = Wurzel) zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren. Sonst ist alles Etikettenschwindel, den die Leute durchschauen.

Ich bin froh und dankbar über jeden Pfarrer, der sich der Theologie der leeren Kirchenbänke widersetzt! Es gibt lebendige Gemeinde, Gott sei Dank!

Am 15. April erscheint ein weiteres Buch von Peter Hahne:
Hahne, Peter: Finger weg von unserem Bargeld! Wie wir immer weiter entmündigt werden, Bastei Lübbe, 128 S., ISBN 978-3-8699-5085-3, 10 Euro

Polen: Vielleicht Lettland: Nein

22. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen im geistlichen Amt: Mit der Entscheidung für Pfarrerinnen tun sich die Lutheraner Osteuropas noch schwer

In vielen Kirchen der Reformation in Europa sind Frauen im Pfarramt inzwischen selbstverständlich. Doch die Lutheraner im Osten des Kontinents tun sich damit generell noch schwer. Zwei Synoden werden dazu in den nächsten Monaten die Weichen stellen – in Polen und in Lettland.

Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen will am 2. April über die Einführung der Frauen-Ordination entscheiden. Ausgebildeten Theologinnen, die es in der Kirche gibt, ist es bislang nicht erlaubt, das heilige Abendmahl auszuteilen. Sie arbeiten als sogenannte Diakoninnen.

Seit 1984 wird das Thema in der Diaspora-Kirche mit ihren rund 75 000 Mitgliedern in dem ansonsten betont katholischen Land diskutiert. In der Kirchenleitung wird die Ordination nicht unbedingt offen abgelehnt, die Entscheidung jedoch eher verschleppt. Frauen im Amt werden als »nicht notwendig« angesehen. Auch gibt es besonders in ländlichen Regionen Vorbehalte. Nicht zuletzt wird die Frage gestellt, wer denn die Pfarrerin ersetze, sollte sie schwanger werden.

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Zudem stehen die Lutheraner in dem durch und durch katholischen Land immer unter dem latenten Verdacht, keine richtigen Polen zu sein. Weibliche Geistliche würden die Lutheraner noch weiter von den Katholiken entfernen, hört man oft als Bedenken. Immerhin wurde Polen 1997 bis 2001 von Jerzy Buzek, einem lutherischen Premier, regiert. Dessen Verwandter, Janusz Buzek, ein Politiker der konservativen Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit«, gilt derzeit als der engagierteste Gegner der Ordination von Frauen. Er begründet dies mit der Unterordnung des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen in der Bibel. Auch fürchtet er die auf die Einführung der Frauenordination folgende Einführung von Homo-Ehen.

Doch da der derzeit leitende Bischof Jerzy Samiec selbst den Antrag auf Zulassung der Ordination stellt und sich vor allem in Warschau die Stimmung dafür öffnet, kann es gut sein, dass sich die 50-köpfige Synode für die Frauenordination entscheidet. Dazu ist allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig.

Ganz anders sieht es in Lettland aus. Dort soll auf der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, die Latvijas Evangeliski Luteriska Baznica (LELB), wie sie auf Lettisch heißt, im Juni darüber abgestimmt werden, ob als Bedingung für die Ordinierung in das Pfarramt das Wort »männlich« eingeführt wird. Die Zustimmung zu diesem Passus gilt als recht sicher.

Frauen sind zu einer vorbereitenden Konferenz im Oktober erst gar nicht eingeladen worden. Dabei gibt es in Lettland seit 1975 Pfarrerinnen. Die Frauenordination begann also zu einer Zeit, als das Land noch eine Sowjetrepublik war. Die Lutheraner machen in Lettland, anders als in dem katholischen Polen und in dem ebenfalls katholischen Litauen, wo die Frauenordination auch nicht durchgesetzt ist, die größte Religionsgemeinschaft des Landes aus. Von den knapp zwei Millionen Letten gehören immerhin 580 000 offiziell der LELB an.

Doch der derzeitige Erzbischof Janis Vanags ordiniert seit seinem Amtsantritt im Jahr 1993 keine Frauen mehr. Er argumentiert mit dem Korintherbrief, nach dem die Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben. Sollte man eine Stelle in der Bibel infrage stellen, so könnte man auch gleich die ganze Bibel infrage stellen, so sein Argument. Vanags ist geprägt durch seine Erfahrungen in der Sowjetunion. Er ist davon überzeugt, dass die liberale Theologie dem Druck eines autoritären Systems generell nicht gewachsen ist.

Zudem soll bei der kommenden Synode auch die Kirchenleitung generell verändert werden. Ähnlich wie in der anglikanischen Kirche soll es künftig ein Drei-Kammer-System geben. Was die Art der Mitbestimmung weniger synodal und dafür mehr episkopal macht: Von den drei Bischöfen der Kirche können dann zwei (Zweidrittelmehrheit) viele Entscheidungen blockieren.
Welt-Logo-12-2016Für die Pfarrerinnen in Lettland, die bis 1992 ordiniert wurden, soll sich allerdings nichts ändern. Sie dürfen bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Dienst weiterhin tätig sein. Dennoch ist die derzeitige Atmosphäre innerhalb der Kirche belastet. Laut Alesja Lavrinowica, Redakteurin der Webseite der lettischen Theologinnen, findet keine Diskussion zu diesem Thema statt, dafür sei der »Bund der Theologinnen Lettlands« auf seiner Webseite von Seminaristen und Pastoren der Lutherischen Kirche unflätig beschimpft worden. Erzbischof Vanags, so ihr Vorwurf, würde die Kirche auf eine »sowjetische« Art und Weise leiten.

Markus Schoch, Pfarrer der unabhängigen »Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland«, die insgesamt fünf Gemeinden umfasst, stellt zumindest eine resignative Stimmung »unter den aufgeschlosseneren Pfarrern und Gemeindegliedern« der LELB fest. »Auch aufgrund der fest gefügten hierarchischen Strukturen.«

Wenn man sich mit lauten Stellungnahmen auch noch zurückhält: Es rumort ebenso bei den Partnerkirchen von Lettlands Lutheranern in Deutschland sowie bei diversen Hilfswerken.

Jens Mattern

Der rätselhafte Aufkleber auf der Toilette

21. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Jana Huster mit einer Illustration von Maria Landgraf

Literaturcafé Pegasus. Wann immer mir in den letzten Jahren nach auswärtigem Biergenuss war, kehrte ich dort ein. Es laufen Musikvideos auf einer Leinwand, die Gästeschar ist generationenübergreifend, die Stimmung entspannt. Manchmal gibt es Livemusik, wer mag, kann auch aus einem der Regale ein Buch nehmen und lesen.

In der Frauentoilette klebt seit ewiger Zeit ein Aufkleber. Er ist nicht mal so groß wie eine der Normfliesen und hat offenbar einigen Gästen so gut gefallen, dass es mehrere Versuche gab, ihn abzulösen. Die Folge ist, dass er teilweise unleserlich ist, denn die obere Aufkleberschicht ist schon abgepiepelt, wie man hierzulande sagt und hat Fehlstellen am Textanfang verursacht. Oft saß ich auf der Toilette und las das Übriggebliebene:

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

»… mit Engelzungen redete … wäre ich ein tönend Erz oder … wenn ich weissagen könnte … alle Erkenntnis und … also ich Berge versetzte, und … so wäre ich nichts. Und wenn ich Armen gäbe und ließe meinen Leib der Liebe nicht …, so wäre mir’s nichts nütze …ngmütig und freundlich, die Liebe … treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht …«

So sieht das erste Drittel eines Textaufklebers im Geraer Literaturcafé Pegasus aus. Der Rest ist gut erhalten, der nächste Abpiepelversuch hat dann links unten stattgefunden und ist nicht so ausgeprägt wie der obere.

Einmal hatte ich Liebeskummer und las im erhaltenen Teil:

»… Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit …«

»Doch!«, dachte ich damals trotzig im Zorn der Liebeskranken und erwog, künftig heimlich die Herrentoilette zu benutzen, um dem Aufkleber zu entgehen, der genau in Augenhöhe klebt, den man während der Toilettennutzung praktisch lesen muss, wenn man nicht die Klobürste anschauen möchte.

Als ich wieder liebte, las ich: »…sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.«

»Genau«, dachte ich und verließ erfreut die Toilette in dem Vertrauen auf den Aufkleber und trank noch ein Bier mehr, um diese herrlichen Zeilen nochmals lesen zu können.

All die Jahre fragte ich mich bei den Pegasusbesuchen, von wem diese Zeilen sind. Sonst wird ja unter einem Text angegeben, von wem er stammt. Hier fand ich nichts. Kein Verfasser, kein Copyright, keine Überschrift. Heinrich Heine konnte es irgendwie nicht sein, dafür war es zu ernsthaft und aufwühlend. Das Ende fehlte mir auch, denn ab »… Nun aber bleibt Glaube …« ging das Abgepiepelte wieder los.

»Nun aber bleibt Glaube … Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die … unter ihnen.«

Glaube – Liebe – Hoffnung … das war mir vertraut, weil ich als Kind ein Armband mit drei Anhängern besessen hatte, Glaube war ein kleines silbernes Kreuz, Liebe war ein kleines Herz, und die Hoffnung wurde durch einen Anker dargestellt.

Aber was war nun die Liebe unter ihnen? »… Die Liebe ist die … unter ihnen …«

An manchen Kneipenabenden dachte ich, die schmerzlichste. An anderen Abenden die vertrauenswürdigste, verlässlichste. Die unberechenbarste. Was war die Liebe denn nun?

Eines Abends im Pegasus fragte ich meinen Kumpel, ob auf dem Herrenklo eigentlich auch ein Aufkleber klebt. Vielleicht war der ja vollständig und mit Verfasserangabe. Der Begleiter schaute mich verwirrt an: »Weeß ich doch nüsch, ich les doch nich beim Pinkeln.« War es vielleicht ein Zeichen, dass ein solch wundervoller Text auf den Fliesen der Damentoilette klebt? Ich beschloss an dem Abend, einfach einen Auszug aus dem erhaltenen Textteil bei Google einzugeben.

»… Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk …«

Da es auf dem Aufkleber größer und fetter als der Rest gedruckt war, hielt ich es für einen wichtigen Satz, den Google kennen muss. Zumal ›Wissen‹ drin vorkam.

1. Korinther 13, 9: Denn unser Wissen ist Stückwerk, und …
bibeltext.com/1_corinthians/13-9.htm

Bibeltext.com? Erstaunt las ich auf der Seite, dass es sich bei meinem geliebten Pegasus-Klo-Aufkleber um das Hohelied der Liebe handelt und offenbar in der Bibel steht. Ich druckte es sofort aus und las es wieder und wieder, jetzt endlich vollständig, es füllten sich alle Textlücken und Abpiepelstellen und ich freute mich.

Müsste als Verfasser eigentlich Gott angegeben werden? Fraglich, ob das nicht Lesende abgeschreckt hätte, wie wenn man als Nichtchrist eine christlich geprägte Weihnachtskarte bekommt und dann mit den frommen Sprüchen oft gar nichts anzufangen weiß, befangen ist von allem, was über »Frohes Fest« hinausgeht.

Wenn man nicht so gewandt in der Bibel unterwegs ist und hat dann doch einmal mit ihr zu tun, ist das Gelesene meist etwas befremdlich. Immer ist von Leuten die Rede, die man sowieso nicht kennt, immer wird auf alte Geschichten Bezug genommen, von denen man auch nichts weiß, und immer werden Lieder gesungen, die man in der 7. POS Juri Gagarin nicht gelernt hat.

Ich hoffe, dass nicht irgendwann jemand Reinliches der Ansicht ist, dass der schäbige Aufkleber im Literaturcafé Pegasus entfernt werden muss. Er klebt genau da genau so richtig.

Die Chance des Scheiterns

20. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfahrung: Wie ein geplanter Neustart scheinbar zum Desaster geriet und schließlich doch sein Ziel erreichte

Jesu Tod am Kreuz erlebten die Jünger als Scheitern. Aber zu Ostern erweist sich die vermeintliche Niederlage als Sieg. So ist es manchmal auch im Alltag. Dazu ein Beispiel.

Es sollte der Neustart werden! Statt eines Schulanfängergottesdienstes, der in unserem Schwesterkirchverhältnis stets nach der ersten Schulwoche gefeiert wurde, wollten wir das eigentliche Schulanfängerwochenende für einen speziellen Gottesdienst nutzen, zu dem wir vor allem die Schulanfänger, ihre Eltern und Paten, Schulwechsler, Studienanfänger und viele andere mehr einladen wollten.

Für die Erstklässler beginnt die Schule, die Fünftklässler müssen die Schule wechseln, Schulabgänger beginnen mit der Lehre oder dem Studium und, und, und …
Diese »Neustarter« sollten eine Gelegenheit bekommen, das zu feiern und sich dafür persönlich segnen zu lassen. Was schien also besser, als den 31. August, den letzten Sommerferiensonntag des Jahres 2014, zu nutzen, um zum Neustart groß einzuladen?

Die Stunde unseres Scheiterns ist die Stunde der unerhörten Nähe Gottes und gerade nicht der Ferne. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Foto: Sabphoto – Fotolia.com

Die Stunde unseres Scheiterns ist die Stunde der unerhörten Nähe Gottes und gerade nicht der Ferne. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Foto: Sabphoto – Fotolia.com

Wie immer bei solch groß gedachten Veranstaltungen, wurde in unserer wachsenden Gemeinde dieser Tag generalstabsmäßig vorbereitet. Einladungstexte wurden verfasst, Flyer gedruckt und im ganzen Stadtviertel und, für Schulwechsler, lange vorher in den Grundschulen verteilt. Uns bekannte Schulanfänger schrieben wir persönlich an. Give-aways für die Neustarter wurden als kleine »Marschverpflegung« verpackt, die Band probte spezielle Lieder und nicht zuletzt wurde ein Bühnenstück für die Aufführung mit Kumquats-Puppen geschrieben und eine aufwendige Deko gebaut.

Der 31. August 2014 kam. Die Kirche füllte sich mit vielen Menschen – aber wo waren die Kinder? Wo waren die Schulanfänger und die Schulwechsler? Wo steckten die ganzen Studenten, die wir erwartet hatten?

Keine Ahnung – aber sie waren eben nicht da! Stattdessen strömten massenhaft Familien mit »kleinem Gemüse«, also mit Krabbel-, Klein- oder Vorschulkindern, in die Lutherkirche. Ehepaare, die sicher nicht mehr studierten, kamen, Menschen, die so aussahen, als hätten sie in so mancher Hinsicht mal einen Neustart nötig, füllten die Bänke …

Ziel verfehlt! Oder doch nicht?

Ich gestehe, dass die Gesichtszüge bei uns Mitarbeitern ganz schön zwischen Verwunderung und Ratlosigkeit mäanderten – aber Zeit für Enttäuschung hatten wir nicht: Es ging los!

Die kleinen Kinder kamen nach vorn, sangen und tanzten die Lieder der Band mit, folgten begeistert dem Schauspiel der Kumquats-Puppen und sogar recht ruhig (zumindest dem ersten Teil) meiner Predigt, die ich für eine ganz andere Zielgruppe vorbereitet hatte!

Mitten im Predigen überkam mich ein Schauer: Was erzählte ich denn da? War nicht das, was wir gerade erlebten, genau das, was Jesus in seinem Gleichnis, seiner Beispielgeschichte vom »vierfachen Acker« in Markus 4 sagen wollte?

Sollten wir denn nicht mit der Aussaat des Evangeliums so verschwenderisch umgehen wie der Bauer, der seinen Samen nicht nur auf das Feld, sondern auch auf den Weg, den Fels oder gar unters Gestrüpp warf?

Sind wir es, die festlegen können, was ein »gutes Feld« ist?

Dass wir einem Gott dienen, der so ganz anders tickt als wir, der ganz genau weiß, was er will, wurde uns dann im zweiten Teil des Gottesdienstes deutlich.

Wir luden zum Segnen ein und hatten für jedes erwartete Kind, jeden Schüler oder Studenten eine kleine »Marschverpflegung« bereit – genau 48 Päckchen.

Was soll ich sagen? – Für alle Leute, die nach vorn kamen, um sich von unseren Mitarbeitern ganz persönlich den Segen Gottes zusprechen zu lassen, reichten die Päckchen nur deshalb, weil wir Ehepaaren und Familien nur jeweils ein Päckchen in die Hand drückten …

Auf den ersten Blick ist unsere Neustart-Idee grandios gescheitert, aber da man bekanntlich mit dem »zweiten« besser sieht, wurde uns klar, dass Gott viel größer und weiter denkt, als wir uns das vorstellen können, und es ist sicher müßig, Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, zu sagen, dass wir seitdem sehr häufig in unseren Gottesdiensten Menschen einladen, sich persönlich segnen zu lassen – und stets geht es dabei so zu wie beim »Neustart«.

Dass zudem die meisten der »Neulinge« seitdem regelmäßig zum Gottesdienst kommen, ist eine weitere unverdiente Gnade!

Gott sei Dank für einen »gescheiterten« Neustart!

Jens Buschbeck

Die Konfizeit hat richtig was gebracht

20. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wie Jugendliche heute mit Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Traditionen konfrontiert werden und was sie davon halten

Immer am ersten Sonntag im Mai ist in der Kirchengemeinde Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) Konfirmation. Derzeit bereiten sich sieben Jugendliche auf die Einsegnung im Gottesdienst vor.

Die Namen purzeln durcheinander an diesem Donnerstagnachmittag im Pfarrhaus von Wasungen. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena – ständig liegt Pfarrer Stefan Kunze daneben. Dabei kennt er die vier schon, seit sie den Kindergarten besucht haben. Er war ihr Religionslehrer in der Schule, nun bereitet er sie auf die Konfirmation vor, die vier Mädchen und mit ihnen Francesco, Jesse-Pascal und Luca.

In dieser Stunde geht es um die Liturgie des Abendmahls. Am Sonntag zuvor waren einige der Konfirmanden im Gottesdienst, sie haben genau aufgepasst, als Pfarrer Kunze mit seinen Gemeindemitgliedern das Abendmahl gefeiert hat. Nun sollen sie ihre Fragen aufschreiben, dumme Fragen gibt es nicht.

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein, den der Gläubige nimmt? – Groß genug für den Geist, aber zu klein für den Bauch. Wein muss aber niemand trinken, in Wasungen wird der Kelch auch mit Traubensaft gereicht. Wie schmecken Hostien? – Das unterscheidet sich je nach Rezept. Neuerdings bestellt Pfarrer Kunze die Hostien in der Hostienbäckerei im Karmelitinnenkloster »Regina Pacis« im unterfränkischen Rödelmaier. Demnächst wird die Gemeinde einen Ausflug dorthin unternehmen.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem den sieben Konfirmanden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie im Gottesdienst am ersten Sonntag im Mai eingesegnet werden. Zwei der Jugendlichen, Elisa und Jesse-Pascal, werden in der Osternacht von Stefan Kunze noch getauft. Jesse-Pascal saß in der Grundschule im Ethikunterricht, mit dem Übergang zur Regelschule wechselte er zum Religionsunterricht. Jugendweihe war nie eine Alternative für ihn, sagt er. Anders ist es bei Elisa, sie ist Ende Mai auch zur Jugendweihe angemeldet. »Die Hälfte meiner Familie ist kirchlich«, erzählt die 14-Jährige, »die andere Hälfte ist es nicht.« Also beides.

Zwei Wochen nach Ostern wird Pfarrer Kunze mit seinen sieben einen Tag wegfahren, auch wenn er das Ziel erst am Ende der Stunde verraten will. Dann ist es auch schon an der Zeit für den Vorstellungsgottesdienst, in Wasungen ein besonders wichtiger Termin. Die Taufpaten werden da sein, die Hochsteckfrisur muss sitzen. Anna-Lenas Probetermin beim Friseur fällt auf den Tag des Ausflugs. Hilft nichts, da muss ein neuer Termin gefunden werden, sagt der Pfarrer.

Er hat eine Aufgabe für seine Konfirmanden vorbereitet: Sie sollen den Text, der hier im Ort zur Abendmahlsfeier gesprochen wird, in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden zusammenlegen. Ein ganzer Stapel weißer Blätter im A 4-Format liegt bereit, auf jeder Seite stehen nur ein paar Wörter. Die sieben kommen schnell voran, fehlerfrei, da staunt sogar Pfarrer Kunze. Seit zehn Jahren hat er die Pfarrstelle in Wasungen – »so gut hat das bisher noch nie geklappt«.

Schwieriger als die richtigen Worte ist die Sache mit der Hostie. Warum kann eine Oblate der Leib Christi sein? Stefan Kunze holt einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Eigentlich auch nur ein Stück bedrucktes Papier, aber es lässt sich bezahlen damit. Dann streift er seinen Ehering vom Finger. Gar kein so teurer, aber er steht für die Liebe. Symbole. Etwas skeptisch schauen die sieben noch drein. Wieder zurück an den Tisch. Jetzt wird gebetet.

Der Unterricht ist kurzweilig. Singen. Spielen. Neues lernen. Pfarrer Kunze achtet auf Abwechslung. Diese Gruppe brauche sehr viel davon. Wie eine Gruppe funktioniert, findet er meist in den ersten drei Monaten des Vorkonfirmandenunterrichts heraus. Bis zum Martinstag kennt er sie gut genug, um ein passendes Martinsspiel für sie schreiben zu können. »Diese Gruppe ist sehr homogen«, beschreibt er. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena, Francesco, Jesse-Pascal und Luca kommen alle aus Wasungen, sie kennen sich von Kindestagen an, alle gehen an die Regelschule des Ortes. Und die Gruppe ist klein. Im kommenden Jahr werden zwölf Jugendliche konfirmiert. Auch die früheren Jahrgänge, deren Bilder an der Wand des Gemeinderaums hängen, waren größer.

»Nach wie vor machen hier relativ viele Konfirmation«, sagt Stefan Kunze. Nicht nur die Schüler aus Wasungen, auch ihre Mitschüler aus den umliegenden Dörfern. Dass auch sie einmal zur Kirchengemeinde gehören würden, stand für die Achtklässler außer Frage. Nur bei Elisa ist die Entscheidung erst später gefallen, im Religionsunterricht bei Pfarrer Kunze. »Schon meine Ururururgroßmutter ist konfirmiert worden«, sagt Luca. Und danach alle Generationen immer so fort. Auch ihre Kinder würden die Wasunger Konfirmanden später einmal taufen lassen. Warum auch nicht?

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Langsam werden Anna-Lena und die anderen ungeduldig. Sie wissen immer noch nicht, wohin der Ausflug nach Ostern geht. Gut: Kloster Veßra. Ein Freitag im Hennebergischen Museum. Morgens Hinfahrt mit dem Zug, abends Rückfahrt mit dem Zug. Filmnacht im Pfarrhaus, dort wird die Gruppe auch übernachten und am folgenden Tag den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die sieben Zeit miteinander verbringen, mit dem Ende des Unterrichts soll nicht alles vorbei sein.

»Wir haben hier ein Ritual: Nach der Konfirmation schlafen die Jugendlichen eine Nacht in der Türmerwohnung«, erzählt Pfarrer Kunze. Nächstes Jahr organisiert er wieder eine Fahrt nach Taizé. Dann werden die Schüler alt genug sein, um mitzukommen. Auch wenn es keine feste Junge Gemeinde in Wasungen gibt, sollen sich die Konfirmanden in ihrer Kirche weiterhin zu Hause fühlen.

Zeit für das Spiel. Alle sitzen wieder um den langen Tisch mit den Lernheften und der Schale voll mit Stiften. »A« – Elisa beginnt stumm das Alphabet aufzusagen. Vanessa ruft »Stopp!«. Elisa ist bis »G« gekommen. Stefan Kunze überlegt kurz, dann fragt er: »Wo werden Glocken hergestellt?« – »Gießerei!« Punkt für Francesco. Aber um Punkte, Sieger oder Preise gehe es gar nicht, sagt Jesse-Pascal. Die sieben sind im Ratefieber. Noch so ein Ritual in den Donnerstagsstunden, die fest hinein in die Woche der Schüler gehören. »Die beiden Jahre haben richtig was gebracht«, sagt Anna-Lena. An Gott hat sie schon davor geglaubt, wie die anderen auch, aber jetzt verstehe sie vieles besser.

Sie sind schon aufgeregt. In sechs Wochen ist bereits 1. Mai. Aber jetzt muss Pfarrer Kunze noch allen eine Unterschrift ins Heft geben, die am Sonntag in seinem Gottesdienst saßen.

Susann Winkel

Glückliche Landung in Brasilien

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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So habe ich Gottes Wirken erlebt: Von fremden Menschen aufgenommen wie eine Tochter

Es war eine schreckliche Zeit. Erst die Trennung von meinem langjährigen Freund, dann der neue Chef. Täglich mit Magenschmerzen ins Büro. Ich war mir selbst nicht mehr gut und wusste: Es muss etwas geschehen, wenn ich nicht als verbitterte Schrulle enden will. Das habe ich Gott in meinen Gebeten immer wieder gesagt und mich gleichzeitig auf die Suche nach einer Stelle gemacht. Es hat relativ schnell geklappt mit der neuen Stelle. Zwar nicht in der Gegend, wo ich gerne geblieben wäre. Aber es war die Arbeit, die ich gerne machen wollte. Also beschloss ich, einen Umzug und eine ganz neue Stadt in Kauf zu nehmen.

Dazu kam noch etwas: Ich hatte vor dem Umzug die Chance auf ein Vierteljahr im Ausland. Endlich! Schon immer hatte ich davon geträumt. Die alte Stelle hatte ich zum Ende des Jahres gekündigt, die neue im September zugesagt, anzutreten brauchte ich sie erst im April.

So machte ich mich auf die Suche nach einer Möglichkeit für den Auslandsaufenthalt. Mir schwebte vor, irgendwo gegen Kost und Logis mitzuarbeiten. Verdienen wollte ich nichts. Ich erkundigte mich bei Missionsgesellschaften, sozialen Organisationen, Einzelpersonen. Ich erhielt viele freundliche Worte, oft die Bitte, ich möge eine E-Mail schreiben, man würde sich dann bei mir melden. Es wurde Oktober. November. Ein Vierteljahr ist für viele Einrichtungen zu kurz. Ich hatte noch nichts.

Mir fiel ein Pfarrer ein. Ein Deutscher, der vor 40 Jahren nach Brasilien ausgewandert war. Mit ihm hatte ich vor einigen Monaten dienstlich zu tun. Dem schrieb ich eine E-Mail und schilderte mein Anliegen. Am nächsten Tag war die Antwort da: »Sie können gerne kommen. Wohnen könnten Sie bei uns, alles Weitere sehen wir dann. Rufen Sie mich am besten mal an.«Da war ich baff. Ich rief an, und kurz darauf war klar: Ich fliege für ein Vierteljahr in den Süden Brasiliens. In den wenigen Wochen bis zu meinem Abflug gab es viel zu tun, viel vorzubereiten.

In Brasilien holte mich der Pfarrer mit seiner Frau mitten in der Nacht am drei Stunden entfernten Flughafen ab. Mein Flug hatte mehr als zwei Stunden Verspätung. Ich war müde, aber auch aufgeregt. Ich kannte den Mann nur vom Telefon und ein paar E-Mails, seine Frau gar nicht. Was, wenn die Chemie so gar nicht stimmt? Wie sehen wohl meine ersten Tage aus? Wo werde ich wohnen? Und, und, und …

Die beiden nahmen mich herzlich in Empfang. Wir fuhren erst einmal nicht zu ihnen nach Hause, sondern auf halber Strecke an einen Ort am Strand. Dort hatte die Familie eine kleine Ferienwohnung. Die nächsten Tage verbrachten wir also am Meer. Baden, schlafen und essen. So leckeres Essen! Und viel geredet haben wir. Die beiden nahmen mich auf, als wäre ich ihre Tochter. Ich war so dankbar und glücklich. Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, besser hätte ich es nicht erwischen können.

Nach den Strandtagen ging es zu den beiden nach Hause. Dort zeigten sie mir die Stadt und die Umgebung. Ich lernte die Tochter und den Enkel kennen. Wir verbrachten viel Zeit auf der Veranda mit Karten spielen, lesen und reden. Immer noch hatte ich ein großes Schlafbedürfnis. Abends ging ich früh ins Bett, jeden Mittag gab es ein Mittagsschläfchen.

Mit der Zeit bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich fragte die beiden, ob ich jetzt nicht doch endlich mal was tun sollte – zum Beispiel im Altenheim mithelfen. Sie meinten, ich tue doch schon einiges: helfe im Haushalt und im Garten, beschäftige den kleinen Enkel. »Alles zu seiner Zeit«, sagten sie. »Schau dich doch an, du scheinst die Ruhe und den Schlaf zu brauchen.«

Später dann, nach mehreren Wochen, kam ich mit dem Pfarrer darauf zu sprechen, wie das alles gelaufen war und ich bei ihnen gelandet bin. Er sagte, er habe meine E-Mail damals bekommen und eine Nacht darüber geschlafen. Am nächsten Morgen sei er aufgewacht und wusste, dass er mich einladen will. »Es war, als hätte mir Gott im Traum gesagt, dass wir dich aufnehmen sollen. Ich hatte auch keine klare Vorstellung davon, was du hier machen könntest.
Ich wusste nur – die laden wir ein.«

Dieses Vierteljahr war eine der reichsten Zeiten in meinem Leben. Bis heute bin ich mit dem Ehepaar in tiefer Freundschaft verbunden. Es war für mich ein Wunder, dass sie mich – eine völlig fremde Frau – aufgenommen haben wie ihre eigene Tochter. Sie waren so gut zu mir. Ich hoffe, dass ich diese Erfahrung in meinem Leben weitergeben kann.

Caren Thomas

Alle Wege führen nach Rom – doch wo ist der Lutherplatz?

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Er fand Rom widerlich. Luther hatte bei seinem Rombesuch an vieles gedacht, sicher nicht, dass nach ihm in der Ewigen Stadt einmal ein Platz benannt werden würde. Vermutlich hätte er sich das verbeten. Rom war für ihn »eine Bestie«. Jetzt ist es doch geschehen, im Herbst des vergangenen Jahres, 507 Jahre nach der Rom-Reise des Reformators! Die Anregung kam von der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der Stadtrat hat »Ja« gesagt. Für den Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom, Jens-Martin Kruse, »ein Ausdruck gelebter Ökumene«. Er hätte sich auch eine Treppe an der Augustinerkirche Santa Maria dell’popolo, wo Luther möglicherweise übernachtet hat, vorstellen können. Aber so sei es auch gut.

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Ich mache mich also auf die Suche. Kruse gibt mir noch den Tipp, Richtung Kolosseum, am Colle Oppio (dt. Opium-Hügel). Der Taxifahrer schaut mich ratlos an. Nach mehrmaliger Wiederholung schreibe ich ihm die Adresse auf: Piazza Martin Lutero. Auf der Straßenkarte ist der Ort nicht verzeichnet. Plötzlich hat er etwas gefunden, allerdings handelt es sich um eine Piazza Martin Lutero in Gubbio, oberhalb von Perugia. Rom: Fehlanzeige. Der freundliche Taxifahrer steigt aus und fragt seine ortskundigen Kollegen am Fuße des Petersplatzes. Achselzucken und Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz bitte ich ihn, mich Richtung Kolosseum zu fahren. Er lässt mich raus, an der Via Luigi Cremona, in Sichtweite des Kolosseums. Zu meiner Freude treffe ich gleich zwei hilfsbereite Polizisten, die gerade dabei sind, die Ausweise einer kleinen Menschenansammlung am Opium-Hügel zu kontrollieren. Piazza Martin Lutero geben sie in ihr Dienst-Smartphone ein und deuten auf die Spitze des Colle Oppio.

Ich bedanke mich und laufe schnellen Schrittes nach oben, denn es dämmert bereits. Die Kamera im Anschlag, um den Moment festzuhalten. Vorbei an der Via deli Orte di Mecenate, über die Via Carlo Saviotti. An einem Spielplatz erklären mir zwei junge Frauen gestenreich, dass der Platz nicht hier, sondern außerhalb des Parks am Osteingang zu finden sei. Wer Martin Luther war, wussten sie nicht. Sie nicken aber anerkennend, als ich ihnen erkläre, dass sich heute eine weltweite Kirche nach ihm benennt. Die Sonne geht unter und im Laternenschein erreiche ich den besagten Eingang. Von Luther keine Spur. Drei »mittelalterliche« Römer mit einem ausgewachsenen Golden Retriever kreuzen meinen Weg. Ja, Martin Lutero ist ihnen ein Begriff, aber von dem Platz im Colle-Oppio-Park haben sie noch nichts gehört. Ich wünschte mir, der Hund könnte eine Fährte aufnehmen. Ich bin kurz davor aufzugeben. Auf der Viale della Domus Aurea springen mich zwei Straßenköter an. Ich nehme die Beine in die Hand. Als sie von mir ablassen, bleibe ich stehen. Mein Blick geht nach oben. Ich traue meinen Augen kaum. Da stehe ich und kann nicht anders, ich bin ergriffen: »Piazza Martin Lutero« steht auf dem Schild und darunter »Teologo Tedesco della Riforma (1483–1546)«.

Etwa sieben Kilometer vom Petersdom entfernt versteckt sich der kleine Platz des großen Reformators. Außer dem Schild erinnert nichts an Martin Lutero. In der Mitte ein Springbrunnen: Ein Plätzchen zum Ausruhen und Luftholen in der hektischen Metropole. Vielleicht hätte dieser Ort mit Volksnähe dem Signor Lutero doch gefallen.

Willi Wild

»Am Ende wird alles gut«

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Zur Leipziger Buchmesse präsentiert Felix Leibrock mit »Eisesgrün« seinen zweiten Band der Weimar-Krimireihe

Man kann das Böse auf verschiedene Art und Weise ergründen. Der gebürtige Saarländer, Wahlmünchner und inzwischen Wochenend-Weimarer Felix Leibrock tut es auf seine Weise: Er schreibt Krimis. Nicht nur, aber immer öfter.

Wir tun immer so ›heile Welt‹ in der Kirche – aber damit erreichst du nur noch fünf Prozent, 95 Prozent sagen, ›die sind von gestern‹«, ist Felix Leibrock überzeugt. »Die Kirche muss sich viel mehr dem Bösen als dem Guten zuwenden. Sie muss die Heimstatt der Emotionen sein.« Auch deswegen schreibe er Krimis, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Vorpremiere: Krimi-Pfarrer Felix Leibrock mit einem druckfrischen Exemplar. Fotos: Maik Schuck

Leibrock hat schon vieles ausprobiert in seinem Leben. Als Spätberufener studierte er nach Germanistik und Geschichte sowie Stationen als Antiquariatsbuchhändler mit 30 noch einmal »ganz effizient« evangelische Theologie in Erlangen. Und weil nach der Wende im Osten die Sorge herrschte, dass alle Pfarrer in die Politik gehen oder sonst wie den Beruf wechseln und niemand mehr Theologie studieren will, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und siedelte nach Thüringen über. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Es folgten Anstellungen als Pfarrer in Weimar und Apolda sowie als Stadtkulturdirektor in der Goethestadt. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München, nebenher Seelsorger bei der bayerischen Bereitschaftspolizei und ehrenamtlicher Teeausfahrer bei einer katholischen Obdachloseninitiative in der weiß-blauen Landeshauptstadt. Außerdem gehört er zur evangelischen Redaktion bei Antenne Bayern.

Was reizt diesen Tausendsassa am Krimischreiben? »Selbst die schlimmsten Terroristen sind erst böse geworden, sie sind nicht böse geboren. Und das ist etwas, was mich fasziniert und das ich versuche, in meinen Krimis ein Stück weit zu ergründen.« Leibrock glaubt, die Menschen positiv beeinflussen zu können. »Das klingt jetzt ein bisschen überhöht, aber das ist schon ein Motiv, zu schreiben.« Er wolle nicht nur unterhalten – Spannung bescheren –, sondern habe auch einen Bildungsanspruch. »Der Krimi ist neben dem historischen Roman ein Genre, das sehr gut geeignet ist, um Bildungsinhalte unterhaltsam zu transportieren« – so seine Überzeugung.

Einer von Leibrocks Wahlsprüchen lautet: »Ich glaube, am Ende wird alles gut!« Spielt das für ihn auch eine Rolle beim Schreiben? Übt die Tatsache, dass er das Ende als Autor faktisch in der Hand hat, einen besonderen Reiz aus? »Wahrscheinlich ja, man erschafft eine eigene Welt, man ist Schöpfer. Es ist eine Welt, die sich zunächst nur im eigenen Kopf abspielt, aber man kre­iert Personen, man stellt Menschen her, gibt ihnen ein Profil – optisch, aber auch charakterlich – man bringt sie in Beziehung zueinander«, so der umtriebige Pfarrer.

Zwischen Tür und Angel schreiben kommt für ihn nicht infrage. Er macht das immer blockweise: »Ich nehme dann drei Wochen Urlaub und schreibe von morgens bis abends; dann bin ich komplett abgetaucht in diese Parallelwelt und nur schwer ansprechbar.« Ein Zustand, den die weltbekannte Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview mal als »Flow« bezeichnet habe: Man taucht ein in die eigene Welt, die man erschaffen hat, man redet mit seinen Figuren – das ist es, was er am Schreiben so wunderbar findet, begeistert er sich.
Felix Leibrock hat viele Vorbilder. Er liest sehr viel, macht halbjährlich Literaturabende mit jeweils zwölf Neuvorstellungen. Und er hat auch historische Vorbilder. Sein Lieblingsbuch ist »Moby Dick« von Herman Melville: »Ich kann mich kaputtlachen, wenn er den Pfarrer auf der Kanzel beschreibt, da gibt es so herrliche Szenen.«

Wichtig sei, dass »immer so ein bisserl« Humor mit dabei ist, denn ganz ernst kann laut Leibrock auch ein Krimi nicht sein. Und der Erfolg gibt ihm recht. Der erste Band des Weimar-Krimis »Todesblau«, erschienen im renommierten Droemer-Knaur Verlag, kommt jetzt in zweiter Auflage heraus. Und auch wenn die Krimireihe mit den beiden Ermittlern Sascha Woltmann und Mandy Hoppe in der Goethestadt angesiedelt ist – die Weimar-Krimireihe reiht sich nicht ein in die inflationär erscheinenden Regional-, Provinz- und Mundartkrimis.

Für die Erstvorstellung von »Eisesgrün« hat Leibrock einen besonderen Coup gelandet. Er wird eine »original Mandy Hoppe« als Gast aufbieten. »Laut Facebook gibt es 17 Frauen mit diesem Namen in Deutschland. Ich habe eine angeschrieben und gefragt, ob sie nicht bei meiner Buchpräsentation mit dabei sein möchte. Und kurioserweise kommt sie aus Apolda«, freut sich der Krimi-Pfarrer über ihre Zusage.

Dabei offenbart er auch seine Entertainer-Qualitäten. Wenn Felix Leibrock mit seinen Krimis auf Tour geht, bietet er dem Publikum nicht die klassische Autorenlesung – »weil ich das selber schon mehrfach als einschläfernd erlebt habe«: Er hat einen Musiker, der eigens für die Lesungen Lieder komponiert und spielt, und er selbst plaudert dazu aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über seine Recherchen zum Buch: »Ich musste jetzt eine Leiche tiefgefrieren. Da hab ich mir im Weimarer Land einen Techniker gesucht, der so was kann und es mir erklärt, damit es im Buch auch realistisch beschrieben ist – und das erzähl ich dann.« Und auch vom Marketing versteht er etwas: Zur Buchmesse gewährt ihm der Bayerische Rundfunk eine Stunde Sendezeit, und eine bekannte Illustrierte widmet ihm zwei Seiten.

Zu »Eisesgrün«: In Felix Leibrocks zweitem Weimar-Krimi entdecken zwei Landschaftspfleger merkwürdige Hügelgräber. Das erste, kaum größer als ein Maulwurfshügel, enthält eine Holzkiste mit einer Puppe. Das zweite einen Golden Retriever. Das dritte schließlich zwingt die beiden, die Polizei zu verständigen …

Adrienne Uebbing

Leibrock, Felix: Eisesgrün, Knaur Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-426-51617-1, 9,99 Euro

Sammeln will gelernt sein

14. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Fundraisingtag: Es geht um viel mehr als Geld – nämlich um die Kunst, Gunst zu gewinnen

Auf einer dramatischen Flucht von Syrien in Richtung Europa das eigene Kind zu verlieren, ist etwas, das für Eltern ein kaum vorstellbares Grauen ist. Einer kurdischen Flüchtlingsfamilie, die im Juni vergangenen Jahres in den Saale-Orla-Kreis kam, ist genau dies passiert.

Über soziale Medien konnten sie das Mädchen ausfindig machen. Doch wie das Kind zu den Eltern zurückholen? Dabei erwies sich Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz als Retter in der Not. Unterstützt durch viele Mitstreiter in seiner Gemeinde und im ganzen Umkreis und gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, dem DRK-Suchdienst, dem Bundesamt für Migration, dem türkischen Generalkonsulat und der Deutschen Botschaft sowie vielen anderen Behörden, fand er das Mädchen, flog mit den Eltern in die Türkei und konnte die Familie wieder zusammenzuführen und nach Deutschland bringen. Dafür erhielt Groh im Rahmen des Mitteldeutschen Fundraisingtages am 8. März in Jena den Mitteldeutschen Fundraisingpreis 2016.

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

Preisträger 2016: Pfarrer Fabian Groh

»Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und freue mich, dass mein Handeln in dieser Sache von anderen als hervorhebenswert angesehen wird. Ich will mit dem, was ich tue, Menschen dafür gewinnen, ähnliche Dinge zu tun«, erklärt Fabian Groh. »Doch unendlich mehr als der Preis bedeuten mir die Menschen und die Momente, die ich in dieser Geschichte erleben durfte: in die Augen der Menschen zu sehen, die sich wieder haben und wissen, was ich an ihnen getan habe. Das ist mein Glück«, betont der 38-Jährige. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, auch mit Geld, hätte die Geschichte der Familie kein so gutes Ende nehmen können.

Ein Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist »Fundraising« – »Schätze heben« könnte man den englischen Begriff übersetzen, der heute in aller Munde ist. »Beim Fundraising geht es darum, Menschen für eine gute Sache zu gewinnen, für eine Idee, einen gemeinsamen Wert«, erläutert Doris Voll, Organisatorin des Fundraisingtages in Jena. »Wir alle haben eine Verantwortung, die Welt ein Stück besser zu machen und Fundraising gibt dazu das Handwerkszeug«, so Voll.

Fundraising – die sanfte Kunst, die Freude am Spenden zu lehren? Geht es also nur ums Geld? Fabian Groh hält diese Sichtweise für falsch. Natürlich sei Geld zur Verwirklichung von Zielen wichtig und auch die finanzielle Unterstützung durch andere, aber: »Für mich ist etwas anderes wichtig beim Fundraising: Es ist für mich das Gewinnen von Menschen für ein Ziel. Ich will die Herzen der Menschen gewinnen. Gespendete Lebenszeit und Lebenskraft, das Engagement für andere ist viel mehr wert als totes Gold«, betont Fabian Groh.

Der Fundraisingtag gilt als größtes Treffen von Vereinen, Verbänden, Kirchgemeinden und gemeinnützigen Unternehmungen in Mitteldeutschland. Organisatorin Doris Voll freute sich auf den Austausch und viele Kontakte. Auch Volker Maibaum nahm an der Veranstaltung teil. Der Gemeindepfarrer von Gotha-Sundhausen ist einer von mehreren ausgebildeten Fundraisern in der EKM. Für ihn steht der Beziehungsaufbau an erster Stelle in Sachen Fundraising. »Eine Beziehung aufzubauen braucht immer Zeit. Das ist bei allen Beziehungen so, ob privat, beruflich oder eben für soziale und karitative Projekte. Um ein gutes Vorhaben voranzubringen, muss man eine gute Beziehung aufbauen: zum Spendenprojekt und zu den Spendern. Man muss aufeinander hören, die Beziehung festigen und man darf sich nicht scheuen, nach Unterstützung und eben auch nach Geld zu fragen«, so Volker Maibaum. Lokale Projekte seien gut geeignet, damit Menschen sich für sie engagieren. So zum Beispiel die Erneuerung des Glockenturms einer Gemeinde oder die Anschaffung einer neuen Orgel. Ebenso können aber auch Projekte mit Gruppen, in der Jugendarbeit oder mit Kindern gefördert werden. »Die Menschen wollen sehen, dass das für sie einen Mehrwert hat und dann sind sie auch bereit, dieses zu unterstützen«, weiß Maibaum. Er glaubt, dass die Gemeinden schon vieles in dieser Richtung richtig machen. Ein Fundraising-Workshop kann sie dabei unterstützen und ihnen professionelle Möglichkeiten und Wege aufzeigen. Dafür bietet der Gemeindedienst der EKM Unterstützung an.

Fundraiser: Volker Maibaum

Fundraiser: Volker Maibaum

Für den Fundraising-Preisträger Fabian Groh steht ebenso wie für Volker Maibaum die Beziehung zwischen Menschen beim Fundraising an erster Stelle. »Durch konkretes Engagement für Menschen wachsen Beziehungen«, ist sich der Pfarrer sicher. »Das ist etwas anderes als wenn ich anonym etwas spende.« Wer Menschen kennenlerne, dem wachsen diese quasi ans Herz, man mache echte Erfahrungen und erlebe gemeinsam etwas mit anderen. »Mir hilft das sehr, mich in dieser bewegten Welt zu verorten. Durch persönliches Engagement bekommt mein Leben in dieser Welt eine ganz neue Qualität als wenn ich die Welt nur am Bildschirm wahrnehme«, so Groh.

Mehr noch als alle anderen Einrichtungen, Träger und Wohlfahrtsverbände, die beim Mitteldeutschen Fundraisingtag teilnehmen, sind es vor allem die Kirchen, die von jeher im Besonderen vom Engagement ihrer Mitglieder leben. Und dennoch: Viele Kirchenmitglieder verweisen auf die Einnahmen der Kirchensteuer und wollen sich nicht an Projekten beteiligen. Ebenso im säkularisierten Bereich – der Staat möge doch mehr regeln. »Das ist eine fatale Sichtweise«, sagt Doris Voll. »Sowohl der Staat als auch die Kirche als Institution kann und soll auch nicht alles regeln. Ich glaube, dass das bürgerschaftliche, das christliche Engagement sozusagen das Salz in der Suppe ist, etwas, das zusammenschweißt, neue Energie gibt und Identität stiftet.« Alles Dinge, die beim Fundraising nicht nur das Projekt, sondern die Gemeinschaft an sich weiterbringen können. Die Frage, warum es wichtig ist, sich als einzelner zu engagieren und nicht alles den Institutionen zu überlassen, ist eine Frage, die sich Pfarrer Fabian Groh so noch gar nicht gestellt hat. »Ich suche in meiner Biografie vergeblich nach Anknüpfungspunkten, wo ich andere verantwortlich gesehen hätte, wenn meine Angehörigen, Klassenkameraden oder Freunde in Not waren. Jesus sagt: Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. Dass ich mich als einzelner Bürger engagiere, ist wichtig, weil ich Mensch, weil ich Gottes Geschöpf bin.«

Diana Steinbauer

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Mit Hilfe des Fundraisings werden Unterstützer für gemeinnützige Projekte gewonnen. Es geht nicht nur um die Einwerbung von Spendengeldern, sondern auch darum, Begeisterung und Gemeinsinn zu wecken sowie am Leben zu erhalten. Fundraising versteht sich als »Kunst, Gunst zu gewinnen«.

Fundraising in den Gemeinden:
Der Gemeindedienst der EKM berät Gemeinden und vermittelt, wie Fundraising funktioniert: Wie entwickeln wir ein Projekt weiter? Wie erreichen wir Unterstützer und Spender? Wie dokumentieren und begleiten wir die Unterstützer?
Informationen unter www.gemeindedienst-ekm.de/themenfelder

Service rund ums kirchliche Fundraising:

Unter www.fundraising-evangelisch.info finden Sie auf der Internetseite der Fundraising­akademie Material, Anleitungen und Beispielprojekte.

Fundraisingtage:

Diese sind eine gute Anlaufstelle. Vorträge und Workshops führen ein in die Welt des Fundraising.

Die Malediven: Sonnenparadies mit Schattenseiten

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Fläche von 298 Quadratkilometern verteilt sich auf 20 Atolle mit 1 196 Inseln, von denen 220 bewohnt sind. Nur für Touristen sind weitere 87 Inseln mit Hotelanlagen ausgebaut. Diese oft nur winzigen Eilande gelten freilich als Traumziel bei allen Liebhabern kristallklaren Wassers, rauschender Palmenstrände und Tauchgängen zu bunten Korallenriffen.

Die Malediven, langgezogene Inselgruppe im indischen Ozean, sind Partnerland der Internationalen Tourismusbörse (ITB) vom 9. bis 13. März in Berlin. Denn der Tourismus ist wichtigste Einnahmequelle des kleinen Inselstaates. 2014 besuchten rund 1,2 Millionen Gäste das Land. 100 000 davon kamen aus Deutschland, das damit auf Platz zwei hinter China im Besucherranking landete.

Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung sind bei Urlaubsreisen kaum zu erwarten. Der streng islamische Staat achtet darauf, dass sich die Gäste auf Touristeninseln wohlfühlen – und auch nur dort aufhalten. Bedient und verwöhnt werden sie dabei zumeist von Gastarbeitern aus dem asiatischen Raum. Wer abseits der Gästeanlagen hinter die Kulissen des Landes schauen und sich dem Alltag der rund 400 000 Einwohner nähern will, dem geht es schnell wie jüngst ARD-Korrespondent Markus Spieker: Trotz vorliegender Genehmigungen wurden er und sein Kamerateam festgenommen und des Landes verwiesen.

Menschenrechtler blicken seit Langem mit Sorgen auf die Schattenseiten des Urlaubsparadieses. Der 2013 als »Retter des Islam« angetretene Staats­präsident Abdulla Yameem führte im April 2014 die islamische Scharia-Gesetzgebung mit ihren drakonischen körperlichen Strafen ein. Damit wurde zugleich die seit 1953 ausgesetzte Todesstrafe wieder relevant.

Volle Strafmündigkeit besteht dabei schon für Zehnjährige. Bei Delikten wie Diebstahl, Unzucht, Alkoholkonsum oder Abfall vom Islam gilt die Strafmündigkeit sogar bereits für siebenjährige Kinder, denen damit im schlimmsten Fall die Todesstrafe droht, wie die katholische Nachrichtenagentur Asianews berichtete. Allerdings darf eine Exekution erst mit Erreichen des 18. Lebensjahres durchgeführt werden.

Auf dem Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerkes Open Doors belegen die Malediven den Platz 11. Einheimischen ist ein Christensein praktisch nur in absoluter Geheimhaltung und bei völliger äußerer Anpassung an die Lebensgewohnheiten des streng sunnitisch orientierten Landes möglich. Offiziell kann kein Bürger einer anderen als der Staatsreligion angehören: Die »Republik Malediven«, so die amtliche Bezeichnung, ist der einzige Staat, der jedem bekennenden Nichtmuslim sofort die Staatsbürgerschaft entzieht.

Doch auch gegen innerislamische Kritik geht die Staatsmacht rigoros vor. Open Doors beschreibt die politische Situation im Lande deshalb als geprägt vom »islamischen Extremismus, vermischt mit diktatorischer Paranoia«.

Immer wieder riefen in den vergangenen Jahren maledivische Exilpolitiker und Menschenrechtsorganisationen zum Boykott des Reiselandes auf. Doch die Sehnsucht nach dem Paradies blieb stärker. Auch wenn es eines mit Schattenseiten ist.

Harald Krille

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Er wusch seine Hände in Unschuld

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Klassiker der Bibel: Wer war Pilatus? Philosoph, Feigling, Judenhasser?

Jesus vor Pilatus. In etwa sechs Stunden wird er sterben. Pilatus will wissen, was das für ein Mensch ist: »So bist du dennoch ein König?« Und Jesus sagt: »Ja. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.« – Wahrheit? »Was ist Wahrheit?«, fragt Pilatus. Damit endet das Gespräch. So der Evangelist Johannes. Bei ihm ist Pilatus ein Denker. Skeptiker. Fast ein Philosoph. Er will Jesus nicht verurteilen. Er verhört ihn. Aber es ist kaum ein Verhör. Fast ein Disput unter Denkern. Am Ende bleibt die Frage nach der Wahrheit offen. Und Jesus stirbt daran.

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Was ist Wahrheit?

Matthäus, Markus und Lukas erzählen es anders. Da gibt es keinen Disput. Nur die Frage: »Bist du der König der Juden?« Und Jesus darauf: »Du sagst es.« Ansonsten schweigt er.

Was ist Wahrheit?

Matthäus erzählt noch eine besondere Geschichte: Die Frau des Pilatus setzt sich für Jesus ein: »Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute seinetwegen im Traum viel erlitten«. Darauf wäscht Pilatus die Hände vor dem Volk: »Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten.« Ich war es nicht – es waren die anderen … die Umstände … die Sachzwänge. Lieber die Hände in Unschuld waschen als Verantwortung übernehmen?

Was ist Wahrheit?

In einem sind sich alle vier Evangelisten einig: Pilatus wollte den Tod Jesu nicht. Und so steht er in einem merkwürdig positiven Licht. War er wirklich so? Philosoph bei Johannes, Feigling bei Matthäus, eingeknickt vor dem Druck der Straße – in jedem Falle Jesus wohlgesonnen?

Es gibt andere Quellen. Flavius Josephus, der jüdische Historiker, beschreibt Pilatus als einen ausgesprochen skrupellosen Machtpolitiker. Und als Judenhasser. Er ließ keine Gelegenheit aus, das jüdische Volk zu demütigen und zu provozieren. Und er war grausam. Trotzdem – oder gerade deshalb – konnte er sich in der Unruheprovinz Judäa erstaunlich lange an der Macht halten: Von 26 bis 36 nach Christus. Erst ein Massaker an samaritischen Gläubigen wurde ihm zum Verhängnis. Der Legende nach wurde er dafür vom Kaiser nach Gallien verbannt.

Warum erzählen die Evangelisten so positiv? Wollten sie Pilatus entlasten und dafür den Juden eine größere Schuld am Tod Jesu geben? Oder wollten sie »römerfreundlich« schreiben, damit die christlichen Gemeinden weniger Probleme mit der Staatsmacht haben? Auch Evangelisten sind schließlich nur Menschen mit ihrenInteressen.

Was ist Wahrheit?

Jesus am Kreuz. Über seinem Kopf die Tafel: »Jesus von Nazareth, König der Juden«. Das hat Pilatus schreiben lassen. So war es üblich. Man gab dem Gekreuzigten ein Etikett: »Aufrührer. Räuber.« – Und eben: »König der Juden«. Pilatus wollte Jesus mit dieser Aufschrift ganz sicher nicht ehren. Er wollte das jüdische Volk verhöhnen – da, bitteschön, ich kreuzige euren König. Pilatus höhnt und spottet. Doch ohne es zu wollen, sagt er genau so die Wahrheit. Jesus ist König. Nicht nur der König der Juden. Der König, der die Wahrheit bezeugt. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«

Jeden Sonntag nennen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt den Namen des Pilatus. Im Glaubensbekenntnis. Man sagt, das ist wichtig, denn damit wird deutlich: Jesus ist eine reale Person der Weltgeschichte. Das stimmt auch. Aber noch wichtiger ist: Ungewollt hat Pilatus die Wahrheit gesagt. Sie lässt sich nicht verhindern. Und jedes Mal, wenn Christen ihren Glauben bekennen, bekennen sie auch: Die Wahrheit setzt sich durch.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Juristen unter dem Druck der Öffentlichkeit

7. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Staatsanwalt Jens Wörmann kann sich in die Situation des Pilatus hineinversetzen

Jens Wörmann ist Staatsanwalt im Geraer Justizzentrum. Auf seinem Schreibtisch landen die von der Polizei aufgenommenen oder die bei der Staatsanwaltschaft angezeigten Straftaten. Als Staatsanwalt sammelt Wörmann die Vorgänge, prüft, ob ein Tatverdacht vorliegt, ob dem Beschuldigten die Tat nachgewiesen werden kann, und er entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Wenn ja, obliegt es dem Staatsanwalt, Anklage zu erheben. Ein Urteil fällt er nicht. Die Anklage geht zum Gericht, wo ein Richter die Entscheidung trifft. Wörmann sieht sich in einer anderen Rolle als Pilatus, der nach heutigem Rechtsverständnis eher mit einem Richter als mit einem Staatsanwalt zu vergleichen sei. »Als Präfekt hatte er die Kompetenzen zur Verurteilung, Bestrafung und Vollstreckung«, so Wörmann. Im Unterschied zu einem Richter beschränke sich seine Autorität auf die Anklage. Immerhin könne er mit dieser Einfluss auf einen Prozess nehmen.

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Nun hat Wörmann es nicht mit so unbescholtenen Typen zu tun, wie Jesus es war. Zwar beschäftigt sich der Staatsanwalt im Alltag häufig mit leichteren Delikten wie Ladendiebstahl, Beleidigung und Schwarzfahrten. Doch ebenso fallen Mord und Totschlag, Wirtschaftskriminalität und organisierte Kriminalität in sein Ressort.

Die biblische Szene mit Jesus und Pilatus ins Heute übertragen – eine Horrorvorstellung! Ein Unschuldiger wird vor den Kadi gezerrt und verurteilt? »Ausgeschlossen sind Fehlurteile auch heute nicht.« Allerdings schätzt Wörmann das Risiko gering ein. Es sei selten, dass ein einzelner Richter ein Urteil fällt, wie Pilatus das tat. Bei großen Verfahren seien mehrere Richter beteiligt. Niemand könne in erster Instanz letztgültig verurteilt werden. Bestünden Zweifel an dem richterlichen Spruch, könnten Rechtsmittel eingelegt werden. Und wenn über mehrere Instanzen geklagt wird, seien so viele Richter und Staatsanwälte mit dem Fall beschäftigt, dass ein Fehlurteil schwer vorstellbar sei, so der Jurist.

Jedenfalls kann sich Wörmann in die Situation des römischen Präfekten hineinversetzen. Es sei ein Unterschied, ob außer den Beteiligten niemand Interesse an einem Fall hat oder ob Journalisten und Politiker daran Anteil nehmen. Die große Erwartungshaltung der Öffentlichkeit könne einen Richter und Staatsanwalt beeinflussen. In dieser Situation war Pilatus. Er sah sich als einzelner Richter einer aufgeheizten Menschenmenge gegenüber, die ihm vorgab, wie er über Jesus zu urteilen hatte.

Im Gegensatz zu Pilatus, der Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, wird Wörmann mit den Straftaten auf dem Papier konfrontiert. Der Staatsanwalt liest in den Akten die Personalien, die meist von der Polizei formulierte Aussage des Täters, Zeugenaussagen. »Das ist neutral, objektiv, verschafft Abstand. Bei schriftlichen Aussagen fehlt aber auch das Gespür dafür, ob jemand lügt.«

Pilatus konnte sich von Jesus einen persönlichen Eindruck verschaffen. Er habe keinen juristischen Grund gefunden, um Jesus hinrichten zu lassen, so Wörmann. Dass er Jesus gegen seine innere Überzeugung verurteilte, dafür spreche die Geste des Händewaschens. Pilatus traf seine Entscheidung unter dem Druck der Menschenmasse. Die Macht der Mehrheit!

Sabine Kuschel

Gemeinsam aufstehen

2. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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Weltgebetstag: Kinder und das Zusammenleben der Generationen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Liturgie aus Kuba

Wenn am 4. März zum Weltgebetstag eingeladen wird, schauen Christen weltweit auf einen kleinen Inselstaat in der Karibik: Kuba.

Vengan, vengan to-dos – Steht auf, steht gemeinsam auf: Dieser Kanon aus der kubanischen Weltgebetstagsordnung bringt auf den Punkt, was die Frauen des Inselstaates der Welt zu sagen haben: Steht gemeinsam auf. Träumen wir von der Zukunft. Leben wir unsre Träume. Bauen wir am Reich Gottes. In den Mittelpunkt der Liturgie haben sie die Kinder und das Zusammenleben der Generationen gestellt. Die Kubanerinnen wissen, was damit verbunden ist. Leben doch viele Familien auf engstem Raum zusammen, da der Wohnraum knapp ist. Nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder bewohnen ein Haus mit oft nur ein oder zwei Zimmern, manchmal sind auch Tanten und Onkel mit dabei. Das hat Vorteile, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Aber vor allem Nachteile: Junge Paare, die keine Wohnung bekommen, wollen auch keine Kinder oder höchstens eins. So steigt die Überalterung in Kuba rapide.

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Seit den 1970er Jahren hat der kubanische Staat eine ganztägige Kinderbetreuung aufgebaut. Dennoch verzichten wegen der beengten Wohnverhältnisse viele junge Paare auf Kinder – was zu einer rapide zunehmendenen Überalterung der Gesellschaft führt. Fotos: WGT/HeinerHeine; WGT/Karin Schmauder

Zum kubanischen Weltgebetstagskomitee gehören Baptistinnen, Katholikinnen, Frauen von der Heilsarmee oder der presbyterianischen Kirche. Ormara Nolle Cao ist die Präsidentin des Komitees. Seit 2007 hat man sich bemüht, als Weltgebetstagsland ausgewählt zu werden, berichtet sie. Die Weltgebetstagsversammlung in New York wählte den Inselstaat 2012 aus. Im Jahr darauf begann die Arbeit für die kubanischen Christinnen. »Es war schwierig, aber ein Segen für alle, die daran mitgearbeitet haben«, sagt Ormara. Das Hauptproblem sei die Verständigung mit dem internationalen Komitee gewesen. »Es war nicht leicht, ihnen begreiflich zu machen, was uns beschäftigt.« Da ging es zum Beispiel um den Begriff »Blockade« in den Gebetsbitten. Auf ihn wollten die Kubanerinnen nicht verzichten, in New York kam das Wort dagegen nicht gut an. Ein Ringen auf den verschiedenen Ebenen, das sich letztlich lohnte und zur gegenseitigen Wertschätzung und Verständigung beitrug.
Welt-2-09-2016Die Entspannung zwischen den USA und Kuba und dass Barack Obama im März als erster Präsident der Vereinigten Staaten in das lange verfemte Kuba reisen wird, war am Anfang der Vorbereitungen nicht abzusehen. »Es hat sich seit Dezember 2014 so viel verändert. Wir sind sicher, dass nichts ohne Gottes Führung passiert«, ist Ormara überzeugt.

Wer sich genau umhört im Lande, spürt, dass die Christen lange vom Staat unterdrückt wurden. Sie konnten keine Leitungspositionen bekleiden und waren vom Studium der Geisteswissenschaften ausgeschlossen. Vor allem die älteren Frauen haben das Gemeindeleben aufrechterhalten. Frauen sind die Starken im Land, bis heute. Auch wenn der kubanische Mann als Macho bekannt ist, Frauen zeigen eine große Kreativität im Kampf ums tägliche Leben. Sie sorgen für die Familien, geben christliche Werte und Traditionen weiter, engagieren sich bei kirchlichen Vorhaben. Trotz der Doppelbelastung sind sie heute auch in Wirtschaft und Gesellschaft stark vertreten. Die Politik wird allerdings nach wie vor von dem überalterten und männlich dominierten Politkader aus regiert.

Die Weltgebetstagsbewegung hat die Konfessionen des Inselstaates zusammengebracht. 1981 wurde in Kuba erstmals Weltgebetstag gefeiert. Damals waren nur wenige Glaubensrichtungen vertreten. Inzwischen sind 30 Kirchen an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt. Das habe das Verständnis füreinander befördert und die Solidarität zwischen den Frauen gestärkt, sagt Ormara.

Dietlind Steinhöfel

Die Autorin war im Herbst 2015 zu einer Studienreise auf Kuba, zu der die Erwachsenenbildung und die Evangelischen Frauen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eingeladen hatten.

Weltgebetstag der Frauen
Jedes Jahr am ersten Freitag im März laden Christinnen unterschiedlicher Konfessionen zum gemeinsamen Gebet ein. In mehr als 170 Ländern wird dann der Weltgebetstag der Frauen gefeiert, in diesem Jahr am 4. März. Dabei steht jedes Mal ein anderes Land im Mittelpunkt. 2016 ist es die Karibikinsel Kuba. In Deutschland beteiligen sich jährlich bis zu einer Million Menschen am Weltgebetstag. Die Idee zu der inzwischen weltgrößten ökumenischen Basisbewegung stammt aus den USA, wo sich Christinnen 1887 erstmals zu einem Weltgebetstag versammelten. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Seit 1949 wird dieser Tag auch in Deutschland begangen.