Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen

7. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Interview: Auf der Suche nach spiritueller Heimat greifen zeitgenössische Künstler auf die christliche Ikonografie zurück


Am 10. Januar wird im Kunsthaus Apolda die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin« eröffnet. Anliegen und Schwerpunkt dieser Schau erläutert Kurator Tom Beege. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel dieser Präsentation »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« weckt viele Assoziationen. Was erwartet die Besucher?
Beege: In dieser Ausstellung geht es um religiöse Motive. Es sind Bilder aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dr. Thomas Rusche ist ein Sammler, der im Münsterland lebt und über einen sehr großen Bestand an Gemälden, Bildern und Objekten verfügt. Seine Sammlung setzt sich zusammen aus Gemälden des niederländischen Barocks des 16., 17. und auch 18. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken. Sie umfasst bestimmt um die 4000 bis 5000 Werke.

Aus diesem Fundus haben Sie auf Vorschlag des Sammlers Werke ausgesucht, die wir in Apolda sehen können?
Beege: Ja, wir haben über 100 Werke ausgesucht, die religiöse Motive zeigen. Das Interessante ist die Zusammenstellung von niederländischem Barock und Zeitgenossen. Wir bringen zwei gegensätzliche Epochen zusammen. Nicht in einem Kontrast, sondern in einem Dialog, eher ergänzend. Wir zeigen zum Beispiel das Motiv der Heiligen Familie in einer Fassung als barockes Gemälde von Gerardus Wigmana und ein korrespondierendes Motiv des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo.

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Es geht aber weniger darum, christliche Lehren zu verbreiten, als vielmehr darum, Motive zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie wurden Kreuzigungen im Barock aufgefasst? Worauf beziehen sich zeitgenössische Maler? Wie greifen sie die tradierte Bildsprache der christlichen Kunst auf? Dabei hat sich herausgestellt, dass auch die Holländer nicht aus dem Nichts heraus religiöse Motive benutzt haben, sondern auf Traditionen zurückgegriffen haben. Diese Traditionen ziehen sich ungefähr seit dem Mittelalter bis heute durch. Das heißt, man erkennt bestimmte Motive. Also wenn ein Künstler nur den Ausschnitt eines Holzkreuzes mit einem Dornenzweig malt, suggeriert dieses Bild die Kreuzigung.

Sie untersuchen diese religiösen Motive nach ihrem Ursprung?
Beege: Wir fragen danach, woher diese Urbilder stammen, dieses Bild Christi? Denn es gibt bestimmte Vorbilder auch in der ägyptischen und griechischen Mythologie, die in dieses Bild Christi, wie es sich seit etwa 2000 Jahren geformt hat, mit eingeflossen sind. Diese Traditionen versuchen wir herauszukehren und in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in zwei Teile geteilt. In dem einen Teil geht es um die Suche nach diesen altmythischen Traditionen, im anderen um die innerchristlichen Traditionen. In der Ausstellung ist auch ein Entwurf des Porträts von Papst Benedikt XVI. von Michael Triegel zu sehen. Daneben ein sehr satirisches Papstbild eines alten holländischen Malers, auf dem ein Esel verspottet wird. Dieser Esel ist im protestantischen Holland die Figur des katholischen Papstes gewesen. Der holländische Barock war eine große Zeit des Umbruchs. Die Reformation trat ein. In Holland ist dieser Prozess gespalten verlaufen. Holland hat sich im Zuge der protestantischen Idee zunächst von der spanischen katholischen Herrschaft abgewandt. Es gab Bilderstürme. Aber es gab dann auch die Gegenreformation. Dieser Konflikt bestand zwischen den südlichen und den nördlichen Niederlanden. Die nördlichen Niederlande waren protestantisch am Ende des 17. Jahrhunderts, die südlichen Niederlande waren noch katholisch. Es herrschten ganz bestimmte Bedingungen. In den protestantischen Gebieten im Norden waren religiöse Darstellungen verpönt. Die Maler mussten irgendwie einen anderen Weg finden, um religiöse Motive auf die Leinwand zu bringen. Während im Süden immer noch sehr stark diese christlichen Allegorien präsent waren. Auch das wird man in der Ausstellung sehen können.

Für diese Ausstellung haben Sie sich wahrscheinlich viel mit Theologie und Kunstgeschichte beschäftigt?
Beege: Mit Theologie nicht unbedingt, aber kunst- und kulturhistorisches Wissen spielte eine Rolle. Es war sehr viel Recherche nötig. Wir haben uns auch mit Kirchengeschichte beschäftigt, vor allem mit christlicher Ikonografie. Wir haben untersucht, wie sehr sich das Bild Christi verändert hat? Es gibt große Veränderungen. Nur als Beispiel: Im 3. Jahrhundert nach Christus war Jesus Christus noch ein blond gelockter Jüngling mit kurzen Haaren oder er wurde überhaupt nur symbolisch dargestellt, klassischerweise in Fischform oder als Lamm. Dieses Bild Christi hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert. Das, was uns heute so vertraut ist am Bild Christi und den religiösen Motiven, entstand vorrangig im Mittelalter. Vorher gab es eine große Spannweite an Darstellungen: Christus als Herrscher, als Majestät, bis dann im Mittelalter diese Leidensfigur im Vordergrund stand, mit Bärtchen, längeren gelockten Haaren, hagere Gestalt. Uns fiel auch auf, dass gerade dieses Christusbild mit dem Bärtchen und den längeren lockigen Haaren mittlerweile in die Popkultur eingegangen ist.

Oft taucht die Frage auf, ob ein Künstler, der religiöse Motive darstellt, religiös sein muss. Was ist Ihre Erfahrung? Entspringt ein religiöses Bild einem religiösen Impetus?
Beege: Das ist in vielen Fällen heutzutage nicht mehr so. Oft wird die christliche Ikonografie benutzt, um sich mit den Grundsätzlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. Einerseits auch mit Kirche. Andererseits aber eben geht es auch um eine gewisse Suche nach Spiritualität. Das wird im Laufe der Ausstellung immer deutlicher. Das rein Rationale kann den Menschen nicht befriedigen. Unabhängig davon, ob jemand Katholik oder Protestant ist oder einer anderen Religion angehört, dieses Bedürfnis nach einem spirituellen Zuhause ist immer vorhanden. Wir haben festgestellt, dieses Bedürfnis bildet den Kern der religiösen Malerei.

Auf der anderen Seite entsteht diese christliche Ikonografie auf der Grundlage eines gewissen kulturellen Fundus’, auf den sich Künstler berufen können. Sie malen ein Kreuz oder eine Christusfigur. Sie nehmen die christliche Vorstellung eines Gottes und eines Erlösers zu Hilfe, um etwas auszudrücken. Eben diese seelische Suche nach einer mentalen Heimat.

Sehr interessant …
Beege: Oh ja sehr. Es war spannend, einerseits, weil wir uns als Kuratoren mit der Tradition dieser Bildlichkeiten auseinandergesetzt haben, dabei auf Erzählungen, auf historische Entwicklungen gestoßen sind, die uns vorher nicht so vertraut waren. Andererseits, weil wir bei der Betrachtung zeitgenössischer Maler festgestellt haben, wie flexibel dieses Thema geworden ist, wie vielseitig verwendbar es ist.

Es gibt auch Fälle, in denen die Benutzung von religiösen Motiven zur Kritik an der Kirche dient. Wobei uns aufgefallen ist, dass die Kritik an der Kirche nicht gleichzusetzen ist mit Unglauben. Insofern war das schon hochinteressant.

Die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema führt einen manchmal zu neuen Erkenntnissen. Gibt es solch ein Aha-Erlebnis?
Beege: Das Aha-Erlebnis bestand darin zu sehen, wie massiv sich auch die zeitgenössischen Künstler an dieser christlichen Ikonografie orientieren. Wie sehr diese noch lebt. Also dass die Geschichte Christi von der Geburt über die Passion bis hin zu Himmelfahrt, die Menschen immer noch sehr berührt und auch die Skeptiker immer noch sehr berührt. Und dass viele zeitgenössische Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese tradierte christliche Ikonografie nutzen, um ihre eigenen Aussagen damit zu transportieren. Das finden wir sehr spannend. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen«
im Kunsthaus Apolda Avantgarde
ist vom 10. Januar bis 28. März 2016
dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet.

www.kunsthausapolda.de

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen”

Trackbacks

Das sagen andere über diesen Artikel