Sünde verstellt den Blick

31. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Bildbetrachtung: Das Felsentor von Karl Friedrich Schinkel

»Sie sind allesamt Sünder … und werden ohne Verdienst gerecht«, heißt es im Römerbrief (Kapitel 3, Vers 23f). Dieser Bibelvers soll mit dem Bild »Das Felsentor« von Karl Friedrich Schinkel ausgelegt werden.

Schinkel als Oberbaumeister Preußens wurde durch den großen Berliner Theologen Friedrich Daniel Schleiermacher 1817 in die »Gesetzlose Gesellschaft«, eine Vereinigung von den damals führenden Professoren Preußens, eingeführt. Gesetzlos meinte in der damaligen Sprache vorurteilsfrei. Schinkel und Schleiermacher haben über theologische Inhalte debattiert, und das Sündenverständnis Luthers und der reformierten Theologie wurde besprochen.

Felsentor, Gemälde von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) – Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Felsentor, Gemälde von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) – Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Im Jahr 1818, ein Jahr nach Schinkels Einführung durch Schleiermacher, malte er das Bild. Kunsthistoriker erklären dieses Bild als Gegenüberstellung von kontemplativem Leben, symbolisiert durch den Mönch an der Glocke am rechten Bildrand, und aktivem Leben, symbolisiert durch den Ritter mit kleinem Gefolge, der den Berg zur Höhle hinaufzieht, wie es am linken Bildrand zu sehen ist. Das hilft uns jedoch nicht weiter.

Ich möchte Ihnen eine Deutung vortragen, die die Wolke vor der Sonne als das lutherische Bild von Sünde darstellt, die das Licht noch verdeckt. Dazu kurz die Erläuterung, was denn die lutherische Sündenlehre ist, nach der alle Menschen ausnahmslos sündig sind: Jedem Menschen eignet eine zum Menschsein gehörende Angst, nicht geliebt zu werden. Zum Beispiel: Wenn jemand einer Person begegnet, die er sexy findet. Viele versuchen dann, sich von ihrer Schokoladenseite zu zeigen, und möchten etwas sein, was sie nicht sind, denn sie lehnen Eigenschaften von sich selbst ab. Dabei ist das, was die Menschen sind, attraktiv und nicht das, was sie sein möchten. Manche Menschen fürchten sich vor Konflikten, weil sie sich mit ihrer Meinung und ihrer Person zeigen müssten und Angst vor Ablehnung haben. So in etwa äußert sich die Angst, nicht geliebt zu sein. Sie gehört zum Menschsein dazu und ist an sich weder gut noch schlecht. Mit dieser Angst umzugehen, dafür gibt es drei Strukturen: Ich nehme meine Angst und verschiebe sie auf jemanden, der scheinbar mächtiger ist als ich. Dann bin ich meine Angst los, denn die Verantwortung hat der scheinbar Mächtigere. Aber dann muss ich mich anpassen, versuche so zu sein, wie ich glaube, dass die anderen mich haben möchten. So mache ich mich klein und versuche, mich aus allem herauszuhalten.

Die andere Struktur ist, ich verschiebe meine Angst auf jemanden, der scheinbar unter mir steht. Dann muss ich mich immer vergleichen, obwohl doch aller Vergleich vom Teufel ist. Das Endstadium sind ständig grinsende Menschen, die ihre Aggression hinter einem Lächeln zu verbergen suchen, das doch nur ein Zähnefletschen ist.

Und die dritte Struktur der Verschiebung der Angst vor dem Nicht-geliebt-sein ist, indem sich die beiden eben genannten Strukturen ineinander verschränken.

Theologisch nennt das Neue Testament die Angst zu verschieben, nicht geliebt zu sein, Sünde. Angst zu haben gehört zum Menschsein dazu. Sie zu verschieben, das ist die Sünde, die sich in den drei genannten Strukturen äußert.

Schinkels Bild der Wolke, auf die der Betrachter aus der Felsenhöhle schaut, deute ich nun als die Sünde. Sie verhindert den unverstellten Blick auf das Licht, das hinter ihr aufscheint. Allerdings geht auf Erden, und das ist die Situation der Lebenden, die Wolke nicht weg. Ginge sie weg, und das wäre der Zeitpunkt unseres Sterbens, sähen wir das Licht unverstellt. Ginge jetzt die Wolke zur Seite, würde uns das Licht erblinden lassen. Wir werden es aber ohne die Wolke sehen. Darauf gehen wir alle getrost zu.

Schinkels Bild beschreibt daher präzise die Situation von uns Lebenden auf Erden. Die Sünde verstellt uns noch den Blick. Sich groß machen, sich klein machen oder eine Verbindung von beiden wird auf Erden nicht aufhören. So interpretiere ich den Satz des Paulus »sie sind allesamt Sünder«. Wichtig dabei ist, dass kein Mensch sich der Sünde zu unterwerfen bräuchte, denn das Evangelium von Jesus Christus lässt sich zusammenfassen als »Du bist geliebt, obwohl du so bist wie du bist«. Das heißt, ich falle aus der Liebe Gottes nicht heraus, obwohl ich mich immer wieder nach den drei genannten Strukturen verhalte. Das nennt Paulus »ohne Verdienst gerecht werden«. Luther hat den Satz geschrieben, wie wir denn mit dieser existenziellen Deutung unseres Menschseins umgehen sollen: »Sündige tapfer, aber glaube tapferer!«

Bertold Höcker

Der Autor ist promovierter Theologe und Superintendent in Berlin.

Bedroht, vertrieben, getötet

28. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Christenverfolgung: »Open Doors« legt neue Statistik vor – Kirchenamt der EKD ruft am 21. Februar zum Gebet


Langsam dringt es ins deutsche Bewusstsein: Christenverfolgung ist keine Episode aus dem Römischen Reich, sondern grausame Realität.

Die Christen sind weiterhin nicht nur die größte, sondern auch die am stärksten verfolgte Religion der Welt. Besonders radikale Islamisten sorgten im vergangenen Jahr dafür, dass es Christen in vielen Teilen der Welt zunehmend schlechter ging: Unter den 50 Ländern, die das christliche Hilfswerk »Open Doors« in seinem jüngst vorgestellten Weltverfolgungsindex auflistete, sind 35 Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung. Auf Platz eins der Liste findet sich allerdings weiterhin das kommunistisch regierte Nordkorea, in dem bereits der Besitz einer Bibel strafbar ist, und wo derzeit mehrere ausländische Pastoren unter dem Verdacht der Missionstätigkeit inhaftiert sind.

Auf Platz zwei folgt dann aber der Irak, auf Platz drei Eritrea und auf den Plätzen vier und fünf Afghanistan und Syrien. Denn es sind vor allem islamistische Gruppen wie Boko Haram, Al Shabaab und nicht zuletzt der »Islamische Staat« (IS), die mit extremer Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten vorgehen, berichtet Markus Rode, der Leiter von »Open Doors Deutschland«. Aber auch in hinduistischen und buddhistischen Ländern wie Indien und Myanmar führt nach Beobachtungen von »Open Doors« ein zunehmend religiös motivierter Nationalismus zur Radikalisierung von Bevölkerungsteilen und einer deutlichen Intensivierung der Christenverfolgung.

»Angesichts eines Exodus von Christen aus dem Nahen Osten und einer Verfolgung im Stil ethnischer Säuberung, die auch auf Afrika übergreift, müssen Politiker und Kirchen ihre Anstrengungen zum Schutz und zur Unterstützung verfolgter Christen deutlich verstärken«, so die klare Forderung von Rode.

Tatsächlich engagierten sich die großen christlichen Kirchen in Deutschland schon in den letzten Jahren deutlich intensiver für verfolgte Christen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beispielsweise hat im Jahr 2010 damit begonnen, den Sonntag »Reminiszere«, der in diesem Jahr auf den 21. Februar fällt, als Gebetstag für verfolgte Christen zu begehen. Im Mittelpunkt steht diesmal das Land Eritrea. In dem nordostafrikanischen Staat sind laut »Open Doors« Tausende Christen wegen ihres Glaubens unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert. Dazu wurde von der EKD eine Materialsammlung für die Gemeinden erarbeitet, die im Internet zur Verfügung steht. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz ruft seit Jahren am 26. Dezember zum Gebet für verfolgte Christen auf, die Deutsche Evangelische Allianz ebenso an einem Sonntag im Herbst, dieses Jahr am 13. November.

In der Bundespolitik ist es indes vor allem die CDU, die das Thema in den Blick genommen hat. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, engagiert sich bereits seit vielen Jahren für die Religionsfreiheit. »Derzeit spüren wir in Deutschland hautnah die Folgen von religiös begründetem Terror«, so Kauder. »Viele Menschen aus Syrien oder dem Irak kommen in unser Land, um Zuflucht zu suchen.« Dazu gehörten Christen, aber auch Jesiden oder Muslime aus dem Irak. »Als Christen und als Fraktion, die sich auf das christliche Menschenbild beruft, müssen wir auch weiter dafür eintreten, Verfolgten Zuflucht zu gewähren«, so Kauder. Zudem müsse die deutsche Außenpolitik alles tun, um der Religionsfreiheit einen noch höheren Stellenwert zu geben.

Vor einer Fortsetzung der Christenverfolgung in Deutschland warnte dagegen der Vorsitzende des speziell mit diesem Thema befassten Stephanus-Kreises in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Abgeordnete Heribert Hirte. »Die derzeitige Flüchtlingssituation in Deutschland zwingt uns zu einem prüfenden Blick in deutsche Asylheime«, so Hirte. »Schließlich müssen wir sicher gehen, dass die religiösen Minderheiten unter den Flüchtlingen ihren Glauben in den Unterkünften ebenso frei leben können wie ihre muslimischen Mitbewohner.«

Benjamin Lassiwe

www.opendoors.de

www.ekd.de/fuerbitte

Zum Beispiel: David

Welt-04-2016David lebt in einem für Christen gefährlichen Gebiet: Die Region Yobe im Norden Nigerias ist immer wieder Schauplatz gewaltsamer Übergriffe der islamistischen Boko Haram gegen Christen. Eines Abends wurde David von Boko-Haram-Kämpfern überfallen. Sie zerrten ihn vor die Tür. »Wir werden dich töten, weil du Christ bist!« Sie begannen, ihm von hinten den Hals aufzuschneiden. Als sie glaubten, er sei tot, ließen sie ihn liegen und verließen das Gelände. Zu Fuß schleppte sich David zu dem islamischen Oberhaupt des Dorfes. Der Mann war völlig schockiert und rief sofort Hilfe. Noch während sie darauf warteten, erklärte der Schwerverletzte, dass er seinen Angreifern vergeben wolle. Inzwischen ist David genesen und bezeugt: »Ich habe keine Angst vor dem Tod oder Boko Haram. Ich möchte, dass alle Muslime Jesus kennenlernen!«

(Quelle: Open Doors)

Entspannung in der Mittagszeit

26. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Reportage: In Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bestimmen Gebete den Arbeitstag


Im Kloster Volkenroda werden täglich drei Gebetszeiten angeboten. Sie bieten die Möglichkeit der Einkehr und der Begegnungen mitten im Alltag.

Tatsächlich! Um 11.55 Uhr geht sie los, die Glocke der alten Klosterkirche von Volkenroda. Die Anziehungskraft ihrer Töne ist erstaunlich. Aus allen Richtungen, Winkeln und Ecken strömen schnellen oder etwas langsameren Schrittes junge und alte Menschen in Jacken und Mänteln, Mützen und Schals heran. Die Gebetszeit ist eine von dreien täglich und gehört zum Alltag in dem wiederaufgebauten ehemaligen Zisterzienserkloster. Wo sonst könnte es sein, dass Menschen ihre Schubkarre oder den Schreibtisch stehen lassen, Telefonate oder Gespräche abrupt beenden, die Jacke überstreifen und sich allein oder in Grüppchen auf den Weg machen. Fünf Minuten später haben sich 30 Menschen im Kirchenraum versammelt und auf den Holzstühlen Platz genommen. In der Hand ein gelbes Blättchen mit dem Ablauf des 15-minütigen Innehaltens. »Es ist aufgeteilt: Einer betet und der andere singt«, sagt Klosterpfarrer Albrecht Schödl. Er ist einer der regelmäßigen »Vorbeter«, wie er sagt. Dafür gibt es einen Zeitplan. Dort steht sehr oft Klosterbruder Markus drauf, der bei fast allen Gebetszeiten dabei ist und diese schon über viele Jahre auch gestaltet.

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

»Wer kann, kommt zur Gebetszeit am Mittag«, erklärt Schödl. Auch Ulrike Köhler, die seit dem Wiederaufbau des Klosters hier lebt und mitgestaltet, kommt so oft sie kann. »Da wird viel gesungen. Das gefällt mir«, sagt Ulrike Köhler.

Regelmäßige Gebetszeiten gibt es hier seit 20 Jahren. Die Selbitzer Brüder, die zuerst das fast vergessene und zerstörte Kloster belebten, haben damit 1995 angefangen. »An einem Ostermontag«, sagt Köhler. Ab 1997 kamen Sonntagsgottesdienste hinzu. Vorher gab es nur Abendgebete, da haben die Dorfkinder die Bälle fallen gelassen und sind von der Schaukel gesprungen. Hausarbeit wurde aus der Hand gelegt und Telefonate abgebrochen. Aus Häusern, vom Spielplatz, aus dem Büro oder von der Baustelle. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kamen Kindern und Erwachsene. Bruder Michael spielte auf der Gitarre und las eine Geschichte aus der Bibel vor. Er verband diese Erzählungen mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen mit Gott. Ulrike Köhler blickt gern auf die spannenden 90er Jahre zurück. 20 Kinder waren dabei, ab und zu auch deren Eltern. Das ging über Wochen und Monate. Die Dorfkinder sangen die Lieder aus der Kirche auch zu Hause. Deren Eltern wunderten sich über die fremden Melodien. Einzelne Eltern kamen und blieben an der Tür stehen. Entweder sie beobachten nur oder ließen sich mit in den Kreis hineinnehmen.

Der spätere Gebetsrhythmus hat sich am einstigen Mutterkloster im hessischen Gnadenthal orientiert. Also 7.30, 12 und 18 Uhr. Eine vierte Gebetszeit um 21.30 Uhr gab und gibt es nur selten. »Wenn besondere Gäste da sind«, verrät Ulrike Köhler. Das Abendgebet sei wie »Ausruhen. So als Abschluss noch einmal beten und den Tag abgeben«.

Das Morgengebet vereint um 7.30 Uhr viele aus der Klostergemeinschaft, die vor dem Arbeitsbeginn auf Gott treffen wollen. Im Kloster haben die Gebetszeiten natürlich auch etwas mit einem organisierten Miteinander von Beten und Arbeiten zu tun. »Wir sind ein aktives und kein kontemplatives Kloster«, erklärt Ulrike Köhler. Bei den zölibatär lebenden Kommunitätsmitgliedern ist Beten zentraler Bestandteil des gemeinsamen Lebens.

Gebetszeiten haben ihren Platz im Klosteralltag. »Jeder, der ins Kloster auf Zeit kommt, fragt nach den Gebetszeiten«, schildert Ulrike Köhler die gute Resonanz. »Wer verhindert ist, weiß, dass wir für ihn mit beten«, sagt sie. Die »Kloster auf Zeit«-Leute nehmen das Angebot sehr gern an. Christian aus Kassel (42) hat sogar die Glockenschläge gezählt. »200« sagte der gebürtige Thüringer, der im Kloster eine Lebenskrise bewältigen will. »Spätestens nach einer Woche will man das nicht mehr verpassen«, ergänzt der Familienvater. »Arbeiten und Beten hilft«, sagt er. »Du hast was in der Hand, und du tust was für den Geist.« Im Falle von Christian bedeutet das, dass er in der Landwirtschaft hilft und gleichzeitig am geistigen Klosterleben teilnehmen kann. Es sei auch nicht schlimm, wenn man zu spät kommt. »Dafür gibt es eine Hintertür, die nicht so laut ist«, weiß Dominik Pfeiffer (19), der hier ein Freiwilliges soziales Jahr absolviert. »Manchmal höre ich die Glocken nicht«, sagt der Freiburger. »Dann gibt es auch wieder Tage, wo ich öfter auf die Uhr schaue und dann pünktlich hinübergehe.« Von seinem Schreibtisch hat er die Klosterkirche gut im Blick – die Glockenschläge sind laut genug. »Das ist für Entspannung in der Mittagszeit«. Die anderen Gebetszeiten nutze er kaum. »Nur ab und zu gestalten wir Freiwilligen am Donnerstagabend die Gebetszeit mit.«

Da ist dann auch Damaris Bauer aus dem Erzgebirge dabei. Die 18-Jährige, die wie Dominik ein Freiwilligenjahr absolviert, liebt die Gebetszeiten am Mittag. »Das ist eine schöne Auszeit. Das ist Zeit für Gott. Die ist eingeplant«, sagt sie. »Man lässt alles stehen und liegen.« Bei der eher »kleinen Andacht« sehe sie auch die anderen Mitarbeiter und die Gäste auf Zeit. Frühmorgens sei mehr der »innere Kreis« versammelt. Manchmal auch fremde Gesichter. »Jeder, der sich bei uns im Kloster hier aufhält, ist auch zu den Gebetszeiten willkommen«, erklärt Schödl.

»Wenn der Stress mal besonders groß ist, will man am liebsten gleich in der Kirche sitzen bleiben«, verrät die junge Christin Damaris. Doch direkt nach dem Gebet geht es ins neue Refektorium an den Mittagstisch. Das ist auch für den Angestellten Karl-Josef Montag seit vier Jahren die meiste Zeit so. Der Wendehäuser ist auch schon morgens dabei. »Ich finde gut, dass der Tag so losgeht.« Meist erlebt er diesen Tagesauftakt an der Orgel sitzend und begleitet den morgendlichen Abendmahlsgottesdienst musikalisch. »Erst danach beginnt die Arbeitszeit«, betont Montag. Mittags hat er um 11.45 Uhr nichts mehr im Terminplan stehen. Die Gebetszeit soll keine »Belastung sondern Bereicherung« sein. Gemeinsame Pausenzeiten seien auch gut für den Arbeitsalltag. Schon auf dem Fußweg von der Kirche zum Refektorium ließe sich manches klären und eventuell beim Mittagessen und danach vertiefen.

Auch Bruder Helmut Roßkopf ist, so oft er kann, bei den Gebetszeiten dabei.Für den Geschäftsführer einer Firma im nahen Obermehler klappt das zumindest jeden Morgen. »Dann breche ich auf in meine Firma«, sagt der Klosterbruder. Bei den anderen Gebetszeiten ist Bruder Helmut nur selten zugegen.

»Ich bin immer da«, sagt der Heidelberger Theologiestudent Paul Geck. Dass man den Alltag bewusst unterbricht, um in geprägter Form zu beten«, sei das Anliegen. Albrecht Schödl spricht sogar von einem »heilsamen Rhythmus«. Dieser sei im Alltag außerhalb des Klosters kaum durchführbar. »Das gehört aber hierhin«, meint Geck. Der 24-Jährige ist seit November 2015 als Praktikant im Kloster und regelmäßig bei den Gebetszeiten dabei. »Mir ist die Konzentration auf die Fürbitten wichtig«, sagt Geck. Man könne nicht nur bei sich selbst verweilen, sondern muss den Blick auf die Welt und die Einheit der Christen richten. »Das werde ich von hier als Pfarrer mitnehmen.«

Hier im Kloster geht man rücksichtsvoller miteinander um. »Jemand, dem ich am Morgen in der Andacht Frieden gewünscht habe, dem begegne ich viel respektvoller als woanders«, nennt Karl-Josef Montag einen weiteren Effekt.

»Ich fange jeden Tag anders an«, sagt auch Christian, der sich für das »Kloster auf Zeit« entschieden hat. Bei ihm haben die Gebetszeiten schon jetzt Spürbares bewirkt. »Früher habe ich keine Pausen mehr gemacht, einfach immer weiter gearbeitet.« Für die Gebetszeiten werde die Arbeit beiseite gelegt. »Mach die Pause, sortier die Gedanken und konzentrier dich auf Jesus – ein schönes Gefühl«, hat der »Landwirt auf Zeit« dazu gelernt. Auch Damaris weiß, dass sie nach der Rückkehr ins Erzgebirge die Gebetszeiten wieder in den Alltag einplanen muss. »Hier sind sie einfach schon da.«

»Gebetszeiten sind auch für Neulinge einfach«, weiß Albrecht Schödl. »Man versammelt sich und schaut, was die anderen machen.« Für viele sei das eine ganz andere Begegnung mit Gott. Wer die Zeiten verpasst, kann jederzeit eine Kerze in der Gebetsecke der Klosterkirche anzünden und dort beten.

Claudia Götze

Kain und Abel

25. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Auf der Bühne ein grauer Felsblock, eingehüllt in Plastikfolie. Mit ihren langen Haaren bis zu den Knien muten Adam (Bastian Heidenreich) und Eva (Dascha Trautwein) an wie die Nachfahren der Urmenschen. Die Badesachen in grellgrün-orange jedoch wirken modern. Dass sie von Gott aus dem Paradies vertrieben wurden, erwähnen sie ihrem Sohn Kain gegenüber mit keinem Wort. Im Gegenteil, Adam glorifiziert ihr früheres Leben im Garten Eden als das von Herrschenden, die das Sagen hatten.

»Ich bin Kain«, das Theaterstück von Jens Raschke, uraufgeführt am 14. Januar in der Studiobühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar – hat die biblische Geschichte von Kain und Abel zur Vorlage. Mit simplen Effekten verwandeln die Schauspieler die Bühne in eine biblische Szenerie. Die Plastikfolie, die anfangs den Fels umhüllt, wird zur Ziege und simuliert schließlich Evas Schwangerenbauch. Mit Mund und Händen werden Geräusche eines Sandsturmes, von Heuschrecken und anderen Tieren erzeugt. Das aus einer Gießkanne fließende Wasser ahmt das Plätschern eines Brunnens nach.

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Szene mit Kain (Thomas Kramer, li.) und Abel (Julius Kuhn) – Foto: DNT Weimar/Candy Welz

Das Stück erzählt die Geschichte einer Familie mit Vater, Mutter, Kind. Die Eltern sind überfordert. Kain ist wissbegierig, er nervt mit seinem unentwegten Fragen – nach dem Namen der Dinge und deren Bedeutung. Adam und Eva werden als Menschen dargestellt, die zwar Angst vor Gott haben, jedoch seine Existenz vor ihrem Sohn verschweigen. Schließlich besinnen sie sich ihres Auftrages, sich zu vermehren. Abel wird geboren und mit ihm findet die Gottvergessenheit ihr Ende.

Die beiden Brüder entwickeln eine unterschiedliche Weltanschauung. Kain ist derjenige, der auf die eigene Kraft vertraut, den Acker bebaut und die Welt gestaltet. Seine Haltung erinnert an den in der DDR proklamierten atheistischen Slogan »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein«. Abel hingegen pflegt seine Beziehung zu Gott. Er betet, spricht mit Gott, stellt die Nähe zu ihm über alles. Im Gegensatz zu Kain fürchtet Abel auch nicht den Tod. Er will zurück nach Eden. An diesen Gegensätzen zerbricht die Beziehung. Das Stück endet mit der Eskalation, wie sie im 1. Buch Mose beschrieben ist. Die Inszenierung hält sich an die Vorlage der Bibel, für die Eifersucht, Neid und Hass zum ersten Brudermord führen. Darüberhinaus sieht das Stück in dem Aufeinanderprallen gegensätzlicher Positionen zu Gott Konfliktpotenzial. Eine bemerkenswerte Interpretation.

Sabine Kuschel

Weitere Vorstellungen: 28. 1., 10. 2., 24. 2., 19 Uhr; 11. 2., 10 Uhr

Das kreative Universum

24. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview: Der Astrophysiker Harald Lesch über Gott, außerirdisches Leben und die Asymmetrien in der Raumzeit


Er lehrt Astrophysik und Naturphilosophie in München, ist als Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator bekannt und bekennt sich öffentlich zu seinem Glauben an Gott.
Harald Krille sprach mit Professor Harald Lesch.

Herr Professor Lesch, in der Kultserie »Star Trek«, heißt es am Anfang immer: »Der Weltraum, unendliche Weiten, …« Träumt ein Astrophysiker manchmal davon, selber zu fernen Galaxien zu fliegen?
Lesch: Wenn es schnell genug ginge, ja. Mit den Geschwindigkeiten, mit denen wir heute unterwegs sind, würde es zum nächsten Stern 75000 Jahre dauern. Da ich vermutlich nicht älter als 100 werde, würde ich also irgendwo im interstellaren Raum das Zeitliche segnen.

Passionierter Pfeifenraucher: Harald Lesch ist Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, außerdem lehrt der bekennende Protestant als »Quotenketzer« (Lesch) Naturphilosophie an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in der bayerischen Landeshauptstadt. – Foto: Harald Krille

Passionierter Pfeifenraucher: Harald Lesch ist Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, außerdem lehrt der bekennende Protestant als »Quotenketzer« (Lesch) Naturphilosophie an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in der bayerischen Landeshauptstadt. – Foto: Harald Krille

Auf der anderen Seite: Wenn ich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit fliegen könnte, dann ändert sich ja die Sache mit der Zeit. Dann tickt meine Uhr langsamer. Das heißt, ich fliege irgendwo hin, ich kann aber niemand mehr davon erzählen, weil zu Hause möglicherweise schon 10000 Jahre vergangen sind und niemand mehr weiß, dass es mich überhaupt gegeben hat. Insofern wäre die Reise zu den Sternen immer nur gemeinsam mit denjenigen zu machen, die einem besonders am Herzen liegen.

Von Juri Gagarin, dem ersten Menschen, der zumindest einen kleinen Sprung in eine erdnahe Umlaufbahn machte, wird die Aussage kolportiert, dass er Gott nicht gesehen habe. Wie geht es Ihnen mit Gott angesichts des Universums?
Lesch: Die amerikanischen Astronauten, die mit Apollo 8 zum Mond geflogen sind, hatten einen ganz anderen Eindruck. Weil sie nämlich die Erde als erste Menschen in Gänze als blauen Planeten vor der Schwärze des Universums gesehen haben. Und dann hat Frank Bormann den biblischen Schöpfungsbericht aus Genesis vorgelesen. Man sieht also, die einen sehen es so, die anderen so. Bei vielen Astronauten, die ihre Eindrücke beschreiben, sind tiefe spirituelle Aussagen dabei. Wenn ich als theoretischer Astrophysiker mit meinen mathematischen Formeln rechne, spielt Gott natürlich keine Rolle. Allerdings in der Art und Weise, wie ich mit den Menschen umgehe, die mit mir zusammenarbeiten, spielt er eine große Rolle. Denn da geht es um Beziehungen und Werte. Messwerte sind das, was die empirische Wissenschaft liefern kann. Aber die Werte, nach denen ich lebe, die muss ich in Relation zu irgendetwas Absolutem, zu irgendetwas Unveränderlichem setzen. Und das nennen wir Gott. Das ist das, wovon wir hoffen, dass es gnädig mit uns ist. Luther hat es ja klar ausgedrückt: Du kannst noch so viel machen, am Ende kommt es auf die Gnade Gottes an. Egal ob Wissenschaftler, Tankwart oder Verkäuferin im Supermarkt, immer wird es eine persönliche Entscheidung für oder gegen Gott sein.

Dem Begründer der Quantenmechanik, Werner Heisenberg, wird der Ausspruch zugeschrieben, der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft mache ungläubig, aber auf dem Grunde des Bechers warte Gott.
Lesch: Was Heisenberg meint, ist, wenn man nicht tief genug in die Wissenschaft einsteigt, wird man nie verstehen, worum es geht. Es ist nämlich die ganze Suche, die in den Naturwissenschaften passiert, in irgendeiner Art und Weise letztlich eine Suche nach etwas Absolutem: Die einen nennen es Gott. Die anderen nennen es irgendwie kosmische Energie.

Warum bleiben dann so viele Naturwissenschaftler beim Atheismus stehen?
Lesch: Zum einen ist Forschung heute sehr ökonomisiert. Und vielen bleibt einfach nicht mehr übrig als das, was Hartmut Rosa, der Soziologe in Jena, mal mit »rasendem Stillstand« bezeichnete. Man muss einfach immer mehr machen, um den Status quo zu halten. Und es ist eben oft nicht mehr dieses Entdecken von etwas Fundamentalem, wie es Heisenberg vergönnt war. Zum anderen: Wer mit der Forschung beginnt, Naturgesetze entdeckt, Formeln entwickelt, hat natürlich zunächst den Eindruck, damit alles erklären zu können. Bis man feststellt, es gibt Prinzipien, es gibt Vorgänge, die sind nicht erklärlich. Etwa die Tendenz im Universum zur Schöpfung, zur Kreativität.

Das Universum hat eine Tendenz zur Kreativität?
Lesch: Wir sehen die Expansion der Raumzeit. Und in dieser expandierten Raumzeit sehen wir, dass Galaxien sich bilden. Und das ist schon merkwürdig, weil sich Materie normalerweise völlig gleichmäßig verteilen müsste. Stellen wir uns vor, wir hätten irgendein Gas, das wir gleichmäßig in einem Raum verteilen. Dann wäre es schwer vorstellbar, dass sich darin spontan kleine Tassen aus Meißner Porzellan bilden. Aber im Universum geschieht das im übertragenen Sinn sehr wohl. Das heißt, es gibt von Anfang an kleine Asymmetrien, wie wir sie nennen, oder Ungleichgewichte, die tendenziös sind. Weil da, wo die Materie ein bisschen dichter ist, auch die Gravitation etwas stärker ist, und auf einmal beginnt sich dort etwas zu bilden: Sterne, Planeten. Auf unserem Planeten gibt es Leben. Das ist noch ein weiterer Übergang: von toter Materie zur lebendiger Materie. Und auch die bleibt nicht beim Einzeller stehen. Was ich damit sagen will: Entgegen der allgemeinen Tendenz, alles auseinanderzutreiben, entstehen im Universum Inseln, in denen die Kreativität der Naturgesetze so hoch ist, das etwas Besonderes, etwas Neues entsteht.

Auch neues Leben außerhalb unserer Erde?
Lesch: Wir haben schon mindestens 2000 extrasolare Planetensysteme entdeckt. Bisher haben wir darauf noch keine Lebenshinweise gefunden. Aber für mich ist das nur eine Frage der Zeit, wann wir zum ersten Mal Hinweise etwa auf Fotosynthese finden.

Und das würde Ihren Glauben an die Schöpfung Gottes, wie in der Bibel beschrieben, nicht zerstören?
Lesch: Da würde ich mit Giordano Bruno argumentieren: Warum sollen wir Gott beschränken? Also, da wäre ich völlig gelassen. Eine spannende Frage wäre natürlich, wenn es irgendwo anders intelligentes Leben gibt, ob dann auch Jesus Christus mehrfach aufgetaucht ist?

Aber wir könnten zu diesen Außerirdischen nur Verbindung aufnehmen, wenn – ich komme auf »Star Trek« zurück – wir oder sie sich mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit bewegen könnten.
Lesch: Das wird vermutlich nicht möglich sein. Aber wie das in der Wissenschaft so ist, diese Aussage gilt bis auf Weiteres. Momentan sieht alles so aus, dass wir die Lichtgeschwindigkeit nicht überschreiten können. Und dass, wenn wir auf Außerirdische träfen, diese wohl von ihrem Planeten wegfliegen mussten, weil sie vielleicht die gleichen Fehler gemacht haben, wie wir sie momentan machen: Nämlich das, was ihnen gegeben wurde, so schlecht zu behandeln, dass sie irgendwann ihren Planeten verlassen mussten. Deshalb sollten wir uns nicht so sehr darauf verlassen, dass mal die Heilsbringer von anderen Sternen kommen, sondern unsere eigene Verantwortung für Gottes Schöpfung übernehmen. Spiritualität ist also geradezu ein Gebot der Vernunft.

»Warum rülpset und furzet ihr nicht«

21. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Geflügelte Worte Martin Luthers

Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt. – Ungeachtet der Urheberschaft Luthers fügt sich die Frage »Warum rülpset …« problemlos in die seinerzeit üblichen Tischsitten ein. So empfahl Caspar Scheidt 1549 in seinem »Grobianus. Von groben Sitten und unhöflichen Gebärden«: »Was du im Mund gehabt hast, leg nicht zurück …, wenn du schneuzen musst, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfasst. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch.« Solche Empfehlungen sind von Luther nicht überliefert, dagegen finden sich zahlreiche Sprüche über das Essen und Trinken. Beidem war er überaus zugetan, wie auch die überlieferten Porträts bezeugen. Schon Brathering und Erbspüree, dazu eine »Pfloschen« von Katharinas selbst gebrautem Bier, konnten sein Herz erfreuen. Luther stand zu seinen Vorlieben, u. a. mit dem unschlagbaren Argument: »Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.« Und seine Käthe ließ er wissen: »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher«. Kritisch bemerkt er aber auch: »Wir sind allzu lang genug deutsche Bestien gewesen, die nicht mehr können, denn kriegen und fressen und saufen«. An anderer Stelle mahnt er: »Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne arebeyt (Mühe)«.

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Sprichwörter flossen auch in Luthers Predigten ein. So unterstreicht er in der Predigt zum 1. Buch Mose seine Auslegung »Angst lehrt beten« mit dem bekannten Sprichwort »Hunger ist der beste Koch«. Zum 23. Psalm interpretiert er »Auf einen vollen Bauch gehört ein fröhliches Haupt« und ergänzt »Ein guter Trunk hält Leib und Seele zusammen«. Der »gute Trunk« konnte für Luther sowohl Wein als auch Bier sein, wobei er dem Wein den Vorzug gab. Ihm sprach er die Kraft zu »fröhlich zu machen« und stellte fest »Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott!« Obgleich nicht bezeugt, gehört der viel zitierte Spruch »Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang« wohl ebenso zu Luther wie sein Einspruch »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: das ist eine Vorschrift für Fische«. Wein aber war nicht für jedermann erschwinglich, so blieb das oft selbst gebraute Bier das allgemein übliche Getränk. Das Ergebnis wird in beiden Fällen gleich gewesen sein; denn Luther wetterte häufig gegen die Trunkenheit. »Das Saufen ist in unseren Landen eine Art von Pest … Unser Herrgott muss uns Deutschen die Trunkenheit als eine tägliche Sünde anrechnen; denn wir können’s wohl nicht lassen.« Dennoch ist der Reformator überzeugt: »Ein Christ kann besser reden, wenn er voll ist, als ein Papist, wenn er nüchtern ist«. Luther wusste, wovon er sprach. Er selber litt wegen seiner ungesunden Lebensweise an Nierensteinen und Gicht, tröstete sich aber: »Ich esse, was mir schmeckt, und leide danach, was ich kann«, oder »Ich esse, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.«

Luthers Feststellung »Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland gewesen« wird heute wohl keine Mehrheit finden. Doch seinem Tipp »Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken«, kann man getrost zustimmen.

Sylvia Weigelt

Baustelle Reformation

20. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Luther 2017: Das kleine Wittenberg ist der zentrale Ort für das nationale Kulturereignis des Jahrzehnts – noch bestimmen Bagger und Kräne die Szenerie


Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt vor 500 Jahren die Reformation. Das Erbe Luthers und der Reformation zu bewahren und zu vermitteln ist Aufgabe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit Vorstand Stefan Rhein sprach Willi Wild.

Luther und das Reformationsjahr sind von vielen Zeitungen im Verlauf der Reformationsdekade heruntergeschrieben worden. Haben Sie noch Lust auf 2017 oder sollte das Großereignis abgesagt werden?
Rhein: (lacht) Nein, im Gegenteil, die Betriebstemperatur steigt. Staat und Kirche haben sich geeinigt, dass Wittenberg der zentrale Ort für 2017 ist: Weltausstellung, Kirchentag, große nationale Ausstellung. Wir haben wirklich Lust darauf. Es ist das nationale Kulturereignis dieses Jahrzehnts. Wir haben uns aus den Olympiaden verabschiedet. Wir machen, wenn überhaupt, nur noch Fußball und dann eben Reformationsjubiläum. Die Lutherstädte sind alle kleine Orte und deswegen ist der große Rummel schon eine enorme He­rausforderung. Ich bin erstaunt, was in der Lutherdekade bislang schon geschafft und geschaffen worden ist. Wittenberg ist heute eine andere Stadt als 2008: Augusteum fast fertig, Stadtkirche nahezu fertig, Stadtmuseum fertig. Das macht Freude, aber ich verhehle nicht: Manchmal muss auch ich tief durchatmen angesichts der großen Aufgabe.

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Was wird denn eigentlich begangen? Worum geht es: um Luther, die Reformation, den Protestantismus oder den Jahrestag des Thesenanschlags?
Rhein: Das wurde von Anfang an kontro­vers diskutiert, bis man sich dann auf »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« geeinigt hat. Marketing und Touristiker sagen: Bitte nur Luther! Kirchenpolitisch und seitens der Forschung hieß es: Bloß nicht Luther, nur Reformation. Der ökumenische Anspruch ist natürlich ein biblischer. Damit feiern wir dann nicht 500 Jahre Reformation, sondern 2000 Jahre Christentum. Christentum, das durch die Etappe Reformation gegangen ist. Also, Sie merken, es ist schwierig, den präzisen Festanlass zu definieren.

Sie sprachen gerade den Luthertourismus an. Die Erwartungen waren von Anfang an sehr hoch, was die internationale Resonanz anbelangt. Halten Sie die Prognosen für realistisch?
Rhein: Es gibt schon erstaunlich hohe Buchungszahlen an vielen Orten in Mitteldeutschland, die mit der Reformation verknüpft sind. Das kleine Hotel gegenüber der Schlosskirche ist bereits seit langem schon für 2017 ausgebucht. Die Erwartungen erfüllen sich bereits für die Reformationsorte, weil viel investiert worden ist. Das wäre alles ohne das Reformationsjubiläum nicht passiert. Die reformatorische Infrastruktur ist komplett neu. Allein dafür war die Dekade wichtig.

Kommt das Reformationsgedenken überhaupt bei den Menschen in den Stammländern der Reformation an?
Rhein: Ich finde, da ist Erstaunliches passiert. Die Denkwege zu Luther von den Evangelischen Akademien in Thüringen und Sachsen-Anhalt haben viel bewirkt. Ich denke an Geschichtswettbewerbe oder das Dekaden-Thema Musik. Wie viel Schulbands haben sich mit eigenen Kompositionen oder Fassungen zu Luther-Chorälen beworben? Reformation als Bildungsbewegung in die Luther-Dekade einzupflanzen, kulturelles Wissen weiterzugeben, das ist mir ganz wichtig. Da wurden Materialien angeboten, Spiele entwickelt. Sie finden heute im Netz eine Fülle an Internet-Seiten. Für mich stand von Anfang an die Frage im Vordergrund, wie kann ich die Zivilgesellschaft für dieses Jubiläum begeistern? Als ich nach Wittenberg kam, gab es hauptsächlich Stadtbilderklärer. Heute haben wir leidenschaftliche Reformationsbotschafter auch in Eisleben oder in Mansfeld. Ich glaube, dieses Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung geworden. Nicht immer spektakulär. Doch andererseits haben wir wöchentlich einen Pressespiegel mit bis zu 300 Zeitungsartikeln über Reformation, allein in Deutschland.

Worin unterscheidet sich dieses Reformationsjubiläum von vorangegangenen?
Rhein: Es wird viel mehr als früher ein Kulturereignis werden. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Und, nicht nur Luther rückt in den Fokus. Diesmal soll ein Blick auf die Reformationsbewegung gerichtet werden. Als wir 2008 begonnen haben, formulierten wir es so: Es soll international sein, es soll ökumenisch sein und es soll nicht nur retrospektiv, sondern prospektiv sein. Wir wollten aber auch den Versuch unternehmen, Luther von den Wurzeln zu begreifen. Wir stellen ihn heute vielfach als den Held des Fortschritts dar und Teil unserer Geschichte. Aber es ist wichtig, ihn auch, wie das der Jenaer Theologieprofessor Volker Leppin tut, aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeit heraus zu verstehen.

2017 geht es um 500 Jahre Thesenanschlag. Seit Jahren wird die Frage diskutiert: Hat er nun oder hat er nicht.
Rhein: Ich bin sogar sicher, dass es den Thesenanschlag gegeben hat. Das Zitat von Georg Rörer, Privatsekretär zu Lebzeiten Luthers, ist für mich ein starkes Argument. Er schreibt, dass die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirchen angeheftet worden sind. Letztlich kommt es natürlich auf den Inhalt der Thesen an. Der Glaube an den Thesenanschlag ist im Übrigen keine Einstellungsvoraussetzung bei uns (lacht). Ein Argument dafür ist die Tatsache, dass er erst sehr viel später inszeniert und monumentalisiert wurde. Ich will jedenfalls dafür werben, 2017 an den Thesenanschlag zu glauben. Egal, ob das Thesenpapier mit einem Nagel oder mit Wachs an der Schlosskirche angebracht worden ist.

Das offizielle Reformationsjahr beginnt in knapp 10 Monaten. Wie weit sind die inhaltlichen und realen Baustellen fortgeschritten?
Rhein: Da hat jeder sein Päckchen zu tragen. Wir als Stiftung Luthergedenkstätten müssen erst mal das Augusteum fertig bauen, den Ort für die nationale Sonderausstellung. Wir werden in diesem Jahr in den USA präsent sein. Mit »Here I stand!« wollen wir in New York, Minneapolis und Atlanta für Luthers Land in Mitteldeutschland werben. Zum ersten Mal werden dabei wertvolle Exponate der Reformationszeit ins Ausland gehen.

Die Vorbereitungen hier müssen natürlich auch weiter gehen. Wir wollen zum einen den jungen Luther darstellen, wie er existenziell um die reformatorische Botschaft gerungen hat. Und wir machen ja noch einen zweiten Teil, in dem wir 95 Menschen vorstellen, die auch in ihrer eigenen Existenz davon angesprochen worden sind. Wir zeigen Menschen, die sich vom 16. bis ins 21. Jahrhundert von Luther inspirieren ließen. Thomas Mann oder Wilhelm der II. und andere. Damit sind wir im Moment befasst.

Darüber hinaus müssen in Wittenberg ganz praktische Fragen geklärt werden: Parkplätze, Ausschilderungen, wie können Mitarbeiter von Gastronomie und Hotellerie geschult werden? Diese kleine Stadt bereitet sich immerhin auf die Welt­ausstellung der Reformation vor. Ich habe gestern einen Anruf aus Südkorea bekommen. Der Bischof will mit allen Pastoren nach Wittenberg kommen. 20 Prozent der Südkoreaner gehören einer protestantischen Kirche an.

Es ist auf jeden Fall ein kirchliches Ereignis. Aber es wird auch ein stark kulturelles Ereignis werden. Darauf kann man sich, glaube ich, auch freuen.

Besucher im Überblick
Insgesamt konnte die Stiftung 154417 Gäste in ihren fünf Museen begrüßen, eine Steigerung zum Vorjahr:
Luthers Geburtshaus, Eisleben 24505; Luthers Sterbehaus, Eisleben 18021; Luthers Elternhaus, Mansfeld 6545; Lutherhaus, Wittenberg 85670; Melanchthonhaus, Wittenberg 19676.
Die Landesausstellung »Cranach der Jüngere 2015« lockte über 150000 Besucher nach Wittenberg, Dessau und Wörlitz.

www.martinluther.de

Tansania: Hoffnungsvoller Aufbruch ins neue Jahr

19. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Innerhalb weniger Wochen seiner Amtszeit hat es der erst im Oktober vergangenen Jahres gewählte neue Präsident Tansanias, John Magufuli, bereits bis auf die Seite der deutschen Tagesschau geschafft. Unter dem Hashtag #WhatWouldMagufuliDo (Was würde Magufuli tun?) werden auf Twitter Ideen und Bilder gepostet, wie man sich ohne Ausgaben in verschiedensten Situationen aushelfen kann. Auch wenn manche diese Beiträge voller Ironie sind, ist man John Magufuli gegenüber positiv gesinnt.

Vor allem ist man von seinen ersten Maßnahmen überrascht. So sagte er die prunkvollen Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag am 9. Dezember ab, da das Geld besser zur Bekämpfung der Cholera verwendet werden könne. Dafür rief er seine Landsleute auf, an dem Feiertag die Straßen zu reinigen und legte selbst Hand an. Auch die Erste-Klasse-Tickets für reisende Regierungsmitarbeiter wurden gestrichen; ein Prinzip, das der Präsident Ghanas bald darauf übernommen hat. Magufuli sorgt also inzwischen weltweit für Inspiration und viele Tansanier wünschen sich, dass dieser frische Wind auch im neuen Jahr weiter wehen möge.

Jette Förster berichtet für unsere Zeitung aus Tansania.

Jette Förster berichtet für unsere Zeitung aus Tansania.

Das Zauberwort aller Gespräche über die Zukunft in Tansania lautet derzeit Opportunity. Gemeint sind günstige Gelegenheiten, Chancen. Die Ansichten zu deren Verfügbarkeit gehen weit auseinander: Viele junge Leute in der Provinz klingen resigniert und blicken sehnsüchtig nach Daressalam, der größten Stadt des Landes oder ins Nachbarland Kenia.

Ältere Leute, besonders aus der Mittelschicht, sind überzeugt, dass es mit Cleverness jeder überall zu etwas bringen kann. In Makumira im Norden des Landes hat vor einigen Jahren der lutherische Pfarrer Kleopa Akyoo eine Fallstudie durchgeführt, um in Erfahrung zu bringen, warum sich seine Heimatstadt seit Jahrzehnten nicht weiterentwickelt. Das eindeutige Ergebnis: Ursache ist die schlechte Schulausbildung. Obwohl er selbst keine Ersparnisse hatte, stellte Kleopa Akyoo in kürzester Zeit mehrere erfolgreiche Schulprojekte auf die Beine. »Abwarten ist die schlechteste Strategie«, sagt er.

Trotzdem gehen weiterhin nicht alle Kinder zur Schule, da sie in der heimischen Landwirtschaft helfen müssen und besonders in der Erntezeit von vielen Familien nur schwer zu entbehren sind. Dass sich die Ausbildung einmal auszahlen könnte, erscheint den Eltern ungewiss und zu weit entfernt im Hinblick auf die stets drängende Feldarbeit. Doch genau das erhofft sich Pastor Kleopa: Dass in 25 Jahren Ärztinnen, Lehrer und Polizistinnen in Makumira wohnen werden, die nicht mehr auf ihre Felder angewiesen sind. Die Kinder in seinen Schulen glauben auch daran. 2016 rücken sie gemeinsam mit ihrem Präsidenten diesem Ziel wieder einen Schritt näher.

Jette Förster

Gottes guter Bodyguard

17. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der Kampfsportler und frühere Leibwächter Michael Stahl will Menschen zeigen, wie wertvoll sie sind

Michael Stahl war Leibwächter für Nena und Dieter Bohlen, Karl-Heinz Böhm und Papst-Bruder Georg Ratzinger, für Cassius Clay (Muhammad Ali) und den Basketballstar Dirk Nowitzki.

»Nowitzki ist 2,13 Meter groß – da habe ich mich gefragt, wer beschützt hier eigentlich wen?«, erinnert sich Stahl. Den Job als Bodyguard hat Stahl 2007 an den Nagel gehängt. Seitdem konzentriert er sich darauf, Menschen an Leib und Seele erfahren zu lassen, wie wertvoll sie sind.

Michael Stahl: Die vielleicht wichtigste Lebenserfahrung war für den Kampfsportler 2007 die Versöhnung mit seinem Vater. – Foto: privat

Michael Stahl: Die vielleicht wichtigste Lebenserfahrung war für den Kampfsportler 2007 die Versöhnung mit seinem Vater. – Foto: privat

Dazu hat er in seiner württembergischen Heimatstadt Bopfingen zwischen Aalen und dem bayerischen Nördlingen eine Sportschule aufgebaut, die einer ungewöhnlichen Philosophie folgt: Nicht der Sieg über den Gegner steht im Mittelpunkt, sondern eine Selbstverteidigung, die vor allem auf die Entschärfung von Situationen abzielt.

Die Botschaft des 45-Jährigen, dass alle Menschen wertvoll sind, aber nur wenige ihren Wert kennen, ist die Folge seiner schwierigen Kindheit. Der Vater Alkoholiker, die Familie praktisch mittellos, musste er bis zum Alter von 14 im Schlafzimmer der Eltern nächtigen. Er empfand die Auseinandersetzungen mit seinem Vater als so hart, dass er sich gegen Ende seiner Grundschulzeit vor einen Zug werfen wollte, sagt er.

In diesem Schlafzimmer war aber auch eine Jesusfigur. »Wer ist der Mann mit den Löchern in den Händen, der mich so liebevoll anblickt?«, wollte er wissen. Von Hause aus evangelisch, besuchte er oft die katholische Kirche, weil sie nur wenige Meter entfernt vom elterlichen Haus stand.

Der christliche Glaube begleitete den Heranwachsenden, löste aber nicht alle seine Probleme. Mit 18 lebte er für ein paar Wochen auf der Straße, beruflich ging es von einer Lehre als Verkäufer über die Mitarbeit in einer Lederfabrik schließlich zum Türsteherdienst und Personenschutz. Für Judo, Taekwondo und Kung-Fu hatte er sich immer begeistert und bei den Trainings einige Erfolge erzielt.

Michael Stahl wurde in der Schule gemobbt. Der Onkel, ein Ex-Polizist, sagte ihm: »Wenn du einmal wegläufst, läufst du immer weg« – und zeigte ihm Tricks, wie man sich deeskalierend gegen Angriffe verteidigen kann. Diese Grundidee hat Stahl weiterentwickelt. Herausgekommen ist das Programm »Moderne Selbstverteidigungs-Erziehung«, das er an seiner Bopfinger Schule und deren Ablegern in Aalen und Nürnberg Menschen aller Altersklassen anbietet. Dabei verzichtet der Protestant bewusst auf fernöstliche Meditationstechniken, wie sie oft etwa in Karateschulen praktiziert werden. Auch gibt es keine Prüfungen für einen schwarzen oder roten Gürtel. Wer sein Bestes gibt, bekommt Anerkennung – egal ob Topathlet oder Behinderter. Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen lässt Stahl auch kostenlos mittrainieren.

Die vielleicht wichtigste Lebenserfahrung war für den Kampfsportler 2007 die Versöhnung mit seinem Vater. Stahl wurde in dieser Zeit bewusst, dass er dem Mann, dessen Anerkennung er nie bekommen konnte und von dem er kaum Liebe erfahren hatte, vergeben musste – auch um sich selbst von der Last seiner Familiengeschichte zu befreien. Das Gespräch endete damit, dass sich die beiden in den Armen lagen. »Wir hatten noch eine wunderschöne Zeit, bis mein Vater dann 2010 starb«, sagt der Sohn.

Mit der Botschaft der Liebe und der Versöhnung geht der Kampfsportler nun in die Öffentlichkeit. Bücher mit Titeln wie »Vater-Sehnsucht«, »Verbranntes Männerherz« und »Kein Herz aus Stahl« hat er dazu geschrieben, über 100 Vorträge pro Jahr hält er in Kirchen, Schulen, Gefängnissen und Firmen.

Marcus Mockler (epd)

www.security-stahl.de

Das leise Sterben in Parc Cadeau

13. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Haiti: In den Flüchtlingslagern an der Grenze zur Dominikanischen Republik grassiert die Cholera


Flucht und Migration sind ein globales Thema. Doch nicht überall spricht man darüber so wie zurzeit in Deutschland. Kaum jemand nimmt das Elend in den Lagern an der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik wahr.

Eliezer Catraballo lässt seinen Blick über die wackligen Hütten des Lagers Parc Cadeau streifen. Er selbst lebt in dem Städtchen Pedernales im Süden der Dominikanischen Republik. Ab und zu überquert er die Grenze zum Nachbarland Haiti, um ein paar Nahrungsmittel in eines der Migrantencamps zu bringen. Diese Menschen sind vor einem halben Jahr aus der Dominikanischen Republik vor einer zunehmend aggressiven Stimmung gegenüber Personen haitianischer Abstammung geflüchtet.

Von Weltöffentlichkeit und Hilfsorganisationen bisher kaum wahrgenommen: Parc Cadeau ist eines von vier inoffiziellen Flüchtlingslagern im Grenzgebiet von Haiti zur benachbarten Dominikanischen Republik. – Foto: Andreas Boueke

Von Weltöffentlichkeit und Hilfsorganisationen bisher kaum wahrgenommen: Parc Cadeau ist eines von vier inoffiziellen Flüchtlingslagern im Grenzgebiet von Haiti zur benachbarten Dominikanischen Republik. – Foto: Andreas Boueke

Viel ist es nicht, was Eliezer bringen kann, er selbst verdient gerade mal genug, um seine Familie zu ernähren. Aber: »Ich sehe, wie Menschen an Cholera erkranken und schließlich sterben«, sagt er. »Das ist furchtbar«, fährt Eliezer fort. »Aber zu sehen, wie sie Baumwurzeln aus der Erde graben, ist das Schlimmste. Es ist wie ein Symbol, dass ihre Situation hoffnungslos ist.«

Er steht auf einem Stück Land, auf dem ehemals Bäume wuchsen. Davon zeugen alte Wurzeln, die noch immer aus dem Boden ragen. Doch auch die werden jetzt von einigen hungrigen Männern mit dürren Körpern, schwachen Armen und mit Hilfe roher Steine aus der Erde gegraben, um sie zu Holzkohle zu verarbeiten. Ab und zu kommt ein Zwischenhändler mit einem klapprigen Lastwagen vorbei und kauft das schwarze Feuermaterial, um es zwei Tage später auf einem Markt in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince zu verkaufen.

Umweltorganisationen schätzen, dass 98 Prozent des ursprünglichen Waldbestands Haitis zerstört sind. Die Männer mit rußverschmierten Gesichtern wissen, dass ihre Arbeit dem geschundenen Ökosystem einen weiteren Todesstoß versetzt. »Aber was sollen wir machen?«, fragt François, ein Mann, der nicht so alt ist, wie er aussieht. »Wir haben Hunger. Es gibt hier keine andere Einkommensquelle.« Parc Cadeau ist nur eines von vier informellen Camps im Süden Haitis, in denen ein paar Tausend Migranten leben und sterben. Gezählt hat sie bisher niemand.

Entwurzelt: Mit Steinen roden Männer die letzten Wurzeln von Bäumen, um auch sie zu Holzkohle zu verarbeiten. – Foto: Andreas Boueke

Entwurzelt: Mit Steinen roden Männer die letzten Wurzeln von Bäumen, um auch sie zu Holzkohle zu verarbeiten. – Foto: Andreas Boueke

Anfang Dezember hat das Gesundheitsamt auf der dominikanischen Seite einen sanitären Notstand ausgerufen. Die Choleraepidemie im Grenzgebiet hat Ausmaße angenommen, die nicht mehr zu kontrollieren sind. Zentren der Krankheit sind die Flüchtlingslager. Pierre-Fils Lamartine, Repräsentant des haitianischen Gesundheitsministeriums in der Gegend und Direktor des Krankenhauses in dem Grenzort Anse-á-Pitres, versichert, dass er sich der Notlage bewusst sei. »Wir kümmern uns um alle Kranken, die Hilfe brauchen.«

Doch das 14-jährige Mädchen Emmelie aus dem Lager Parc Cadeau erzählt in breiten Kreyòl, der zweiten offiziellen Sprache Haitis, wie sie mit ihrem kranken Vater Hilfe suchend in die Notaufnahme kam: »Wir haben kein Geld. Die Ärzte haben uns eine Flasche Wasser und zwei Tabletten gegeben. Für eine Behandlung hätten wir 1600 dominikanische Pesos zahlen müssen. Das sind über 30 Euro. Woher sollen wir so viel Geld bekommen?« Zwei Tage später starb Emmelies Vater in dem Camp Parc Cadeau.

Im gleichen Lager lebt auch Danilo. Er spricht Spanisch, versteht nur wenig Kreyòl und überhaupt kein Französisch. Geboren wurde er in der Dominikanischen Republik, genauso wie sein Vater. Es war sein Großvater, der vor Jahrzehnten aus Haiti ins Nachbarland gezogen ist, um dort auf Zuckerplantagen zu arbeiten. Bis vor einem halben Jahr ist Danilo nie in Haiti gewesen. Er kennt und versteht die Kultur des Landes nicht. Die Rituale des weitverbreiteten Voodoo-Kultes machen ihm Angst. Er hat keine Papiere haitianischer Behörden und glaubt auch nicht, dass er in diesem Land willkommen ist. Aber in die Dominikanische Republik traut er sich auch nicht zurück. »Wir wollten dortbleiben, aber dann haben unsere dominikanischen Nachbarn begonnen, uns als schmutzige Haitianer zu beschimpfen. Manche waren Leute, für deren Eltern schon mein Großvater gearbeitet hat. Sie wollen uns dort nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir alle sterben. Aber wen interessiert das schon?«

Andreas Boueke

Das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit

12. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Apokalypse: Gefährlicher als alle Weltuntergangsprophezeiungen ist ein Endzeit-Glaube, der den Antichrist schon unter uns wähnt


Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Über den Zeitpunkt wird von jeher kräftig spekuliert.

Das alte Jahr geht, das neue kommt, aber im Grunde ändert sich kaum etwas. Die Welt bleibt so unvollkommen, wie sie immer war, Gerechtigkeit ist ein seltenes Gut, und überall auf der Welt toben kleinere und größere Kriege. Wird es da nicht irgendwann Zeit für die ganz große Umwälzung, für die Schaffung einer vollkommen gerechten und friedlichen Welt?

Diese Frage treibt die Menschen schon seit der Antike um. Römer und Griechen erwarteten nicht viel von Göttern, zu sehr glichen sie den Menschen. Aber schon mehr als 600 Jahre vor Christus lehrte der persische Religionsgründer Zarathustra, dass die Seelen der guten Menschen nach ihrem Tod in ein Paradies eingehen, böse Seelen aber in die Hölle geworfen werden. Ein Endgericht wird irgendwann über Lebende und Tote abgehalten, und die Hölle wird mit flüssigem Metall ausgebrannt. Dann beginnt das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit. Menschen leben ewig, bleiben jung und werden nie mehr krank.

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Die Juden entwickelten solche Ideen erst viel später. Der Seleukidenkönig Antiochos IV. verbot 167 v. Chr. zeitweise den jüdischen Tempeldienst, womit er unter den Juden einen ungeheuren Aufruhr auslöste. Gläubige Juden holten alte Prophezeiungen hervor, nach denen Gott einen König aus dem Hause Davids senden werde, um das jüdische Königreich wieder herzustellen. Der Messias, also der Gesalbte, wurde er genannt. Außerdem wolle Gott ein wunderbares neues Jerusalem schaffen. »Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, aus Beryll deine Tore und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen«, hatte der Prophet Jesaja einst angekündigt. Der Messias werde gerecht und in Frieden herrschen, und zwar über alle Völker der Erde. »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzenspitzen zu Winzermessern.« (Micha 4,3)

Zur Zeit Jesu traten in Israel diverse selbsternannte Messiasse auf, die der Historiker Flavius Josephus als »Verführer und Betrüger« bezeichnete. Sie wollten nur Aufruhr und Umwälzungen herbeiführen, wetterte er. Die Römer hatten inzwischen die Herrschaft übernommen und das Land unterjocht. Von Jesus erwarteten viele Anhänger, dass er im Sinne der Prophezeiungen ein neues Zeitalter einleitete und die Römer aus dem Land warf. Als er gekreuzigt wurde, erlosch diese Hoffnung. Auch der christliche Glauben, dass Jesus wieder auferstanden und in den Himmel aufgefahren war, änderte nichts daran, dass die sehnlichst erhoffte Zeit der Gerechtigkeit und des Friedens nicht kommen wollte.

Das Matthäus-Evangelium enthält einen Passus, in dem Jesus seine Wiederkehr ankündigt. Eine Zeit des Leidens und der Bedrückung stehe bevor. Auf ihrem Tiefpunkt werde die Sonne sich verfinstern, der Mond erlöschen und die Sterne vom Himmel fallen. Das Zeichen des Menschensohns werde am Himmel erscheinen und das Gericht werde beginnen.

Während im Judentum zunächst nur ein gerechter König den Weltfrieden bringen sollte, erwarteten die Christen ein individuelles Gericht über alle Menschen. Die Guten erwartet ewige Freude im Himmel, die Bösen endlose Qualen in den Feuern der Hölle. Nicht nur das Volk soll von Bedrückung und Ungerechtigkeit erlöst werden, sondern jeder einzelne Mensch. Diese Vorstellung teilt das Christentum mit dem Islam. Auch die Moslems erwarten ein Weltgericht, angekündigt von einer Reihe von »großen Zeichen«. Es findet am Ende der Zeit statt, und weil Gott sowohl gerecht als auch gnädig ist, wird er jeden, der auch nur einen Funken Glauben in sich trägt, ins Paradies aufnehmen. Nur die Ungläubigen erwartet das ewige Höllenfeuer.

Bis heute haben immer wieder Gelehrte und Hobby-Forscher versucht, das Datum des Weltendes zu berechnen. Isaac Newton kam nach komplexen Berechnungen auf das Jahr 2060 als frühesten Termin. Erst vor wenigen Jahren erregte die »Maya-Prophezeiung« die Gemüter. Danach endete der Maya-Kalender angeblich (aber nicht wirklich) am 21. 12. 2012, was einige Esoteriker als Zeichen für das bevorstehende Ende der Welt deuteten. Seitdem sind schon mehr als ein halbes Dutzend weiterer Daten für das Weltende ereignislos verstrichen.

Die Position der großen Kirchen zu jeglicher Untergangs-Arithmetik ist eindeutig: Eine Berechnung göttlicher Ratschlüsse ist unmöglich. Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., schrieb dazu sehr pointiert: »Ein geplantes Heil ist das Heil der Konzentrationslager und damit das Ende der Humanität.« Auch ein Paradies auf Erden werde es nicht geben, das Gottesreich sei nicht irdisch.

Karl Marx sah das ganz anders. Sobald der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben wird, entfallen alle Kriegsgründe, meinte er. Zunächst solle alles Eigentum dem Staat gehören, dann werde der Staat absterben, und der so entstehende Kommunismus führe zu einer idealen Gesellschaft. Die eigentlich religionsfeindliche marxistische Ideologie trägt also bei genauer Betrachtung alle Züge eines Erlösungsglaubens.

Woher wissen wir eigentlich, wann das Weltende naht? Fast alle Propheten nennen zwei Anzeichen: Zum einen geht es den Menschen so schlecht wie nie zuvor. Zum anderen beginnt die Natur verrückt zu spielen. In der Offenbarung des Johannes treten allerlei Plagen auf, Sonne, Mond und Sterne erlöschen und Vulkanausbrüche töten einen Großteil der Menschen. Vier apokalyptische Reiter (Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod) ziehen über eine untergehende Welt. Die Heerscharen der Guten und der Bösen treffen sich zu einer letzten gewaltigen Schlacht, bei der die Guten unter Aufbietung aller Kräfte den Sieg davon tragen. Auch die moslemische Tradition prophezeit einen solchen Endkampf.

Für die meisten Menschen in Deutschland sind diese Vorstellungen nicht realer als die galaktischen Schlachten des »Star Wars«-Universums. Die Führung des Islamischen Staats predigt dagegen ihren Kämpfern, dass die letzte Schlacht vor dem Weltuntergang unmittelbar bevorstehe. Auch etwa 40 Prozent der US-Amerikaner sehen sich heute in der biblischen Endzeit. Diese Haltung ist durchaus gefährlich. Wer glaubt, den letzten Kampf gegen das Böse auszufechten, wird den Gegner unbedingt vernichten wollen. Schließlich hängt von seinem Sieg die Erlösung der Menschheit ab. Damit lässt sich jede Grausamkeit rechtfertigen. Deshalb sind apokalyptische Vorstellungen unter bestimmten Umständen brandgefährlich.

Für mich und für die meisten Menschen beginnt 2016 nur ein neues Jahr, nicht ein neues Zeitalter. Wenn wir Frieden und Gerechtigkeit wollen, werden wir uns selbst darum kümmern müssen.

Thomas Grüter

Der Autor ist Arzt und Sachbuchautor. Er hat unter anderem das Buch »Faszination Apokalypse« geschrieben.

Es gibt unschuldiges Leiden und Sterben

10. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Klassiker der Bibel: Der »Kindermord zu Bethlehem« – eine Geschichte voller Rätsel

Unschuldige Kinder werden getötet. Man gedenkt ihrer in der weihnachtlichen Zeit. Am 28. Dezember ist der »Tag der unschuldigen Kindlein«. Ein unbedachter Gedenktag. Das Evangelische Gottesdienstbuch sieht Texte und Gebete dafür vor. Doch sie schlummern zwischen den Buchdeckeln. Unbedacht. In der katholischen Kirche, bei den Anglikanern und den Orthodoxen hat der »dies puerorum« allerdings seinen festen Ort im liturgischen Jahr. Die Volksfrömmigkeit hat allerlei Brauchtum hervorgebracht. Ein Tag, an dem die Kinder den Erwachsenen Streiche spielen durften und kleine Geschenke bekamen. Heute werden mancherorts in einem besonderen Gottesdienst die Kinder gesegnet.

»Kindermord zu Bethlehem« – »Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: ›In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.‹«

GuA-02-16Die Kirchenväter und die mittelalterlichen Theologen gingen von einer Opferzahl von 1400 bis 144000 aus. Nimmt man an, die Geschichte hat einen historischen Kern, so könnten es 20 bis 40 ermordete Jungen gewesen sein. Doch es ist gleich. Jedes getötete Kind ist eines zu viel. Ob der »Kindermord zu Bethlehem« ein historisches Ereignis ist, ist fraglich. Außerbiblisch gibt es keine Quellen dazu. Allerdings ist die Grausamkeit des Herodes breit bezeugt. Er ließ nicht nur politische Gegner töten. Auch zahlreiche Familienangehörige. Und auch Kinder.

Alles um der Macht willen. Die Kinder von Bethlehem konnten nichts dafür. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Und sie gerieten in die Mühlen der Macht. Da fürchtete einer seine Macht zu verlieren. Jedes Mittel war ihm recht, sie zu behalten.

Unschuldige sterben. Sie können nichts dafür. Erwachsene und Kinder. In Bethlehem. In jedem Krieg der Geschichte. Bei Attentaten. Im Mittelmeer. Man findet sie am Strand. Und der Bürgermeister der Insel Lesbos hat keinen Platz mehr auf dem Inselfriedhof.

In der Bibel findet sich keine Antwort. Keine, die etwas erklären könnte. Es gibt unschuldiges Leid und unschuldiges Sterben. Die Bibel nimmt das ernst. Sie verschweigt nichts. Sie zeichnet die Welt so, wie sie nun einmal leider ist. Ungeschminkte Realität. Ein Despot tötet Kinder. Und Mütter weinen. Untröstlich. Weil es keinen Trost gibt. »Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: ›In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.‹« Die Bibel zeigt nicht nur die Wirklichkeit. Sie nimmt auch das Leid der Opfer ernst.

»Macht brauchst du nur, wenn du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.« Das hat Charlie Chaplin gesagt. Der Satz ist ohne Zweifel plakativ. Und zugespitzt. Ganz ohne Macht geht es nicht auf der Welt. Aber Macht ohne Liebe zerstört. Macht ohne Liebe tötet. Die Unschuldigen zuerst.

»Tag der unschuldigen Kindlein« – Ein unbedachter Gedenktag. Man sollte ihn ins Gedächtnis holen und derer gedenken, die liebloser Macht erliegen. In Bethlehem und anderswo. Damals und heute. Und man sollte eines tun: Die Kinder segnen. An diesem Tag und immer.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Ein neuer Glaubenskurs
Mit dem neuen Jahr startet die Kirchenzeitung unter dem Motto »Credo – woran ich glaube …« eine neue monatliche Glaubenskursreihe. Im Mittelpunkt stehen diesmal »Klassiker der Bibel«: populäre Geschichten aus dem Alten und dem Neuen Testament. In bewährter Weise wird es dazu immer einen theologischen Hintergrundbeitrag geben. Ergänzt wird er jeweils durch praktische Erfahrungen, die Menschen heute mit dem Thema machen.
Zum Auftakt in dieser Ausgabe die Geschichte vom Kindermord des Herodes aus Matthäus 2, Verse 16-18.

Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen

7. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Interview: Auf der Suche nach spiritueller Heimat greifen zeitgenössische Künstler auf die christliche Ikonografie zurück


Am 10. Januar wird im Kunsthaus Apolda die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin« eröffnet. Anliegen und Schwerpunkt dieser Schau erläutert Kurator Tom Beege. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Beege, der Titel dieser Präsentation »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« weckt viele Assoziationen. Was erwartet die Besucher?
Beege: In dieser Ausstellung geht es um religiöse Motive. Es sind Bilder aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dr. Thomas Rusche ist ein Sammler, der im Münsterland lebt und über einen sehr großen Bestand an Gemälden, Bildern und Objekten verfügt. Seine Sammlung setzt sich zusammen aus Gemälden des niederländischen Barocks des 16., 17. und auch 18. Jahrhunderts und zeitgenössischen Werken. Sie umfasst bestimmt um die 4000 bis 5000 Werke.

Aus diesem Fundus haben Sie auf Vorschlag des Sammlers Werke ausgesucht, die wir in Apolda sehen können?
Beege: Ja, wir haben über 100 Werke ausgesucht, die religiöse Motive zeigen. Das Interessante ist die Zusammenstellung von niederländischem Barock und Zeitgenossen. Wir bringen zwei gegensätzliche Epochen zusammen. Nicht in einem Kontrast, sondern in einem Dialog, eher ergänzend. Wir zeigen zum Beispiel das Motiv der Heiligen Familie in einer Fassung als barockes Gemälde von Gerardus Wigmana und ein korrespondierendes Motiv des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo.

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

In der Manier der Alten Meister fotografierte Christopher Thomas Laienschauspieler bei den Bühnenproben zu den Passionsspielen in Oberammergau. – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Es geht aber weniger darum, christliche Lehren zu verbreiten, als vielmehr darum, Motive zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie wurden Kreuzigungen im Barock aufgefasst? Worauf beziehen sich zeitgenössische Maler? Wie greifen sie die tradierte Bildsprache der christlichen Kunst auf? Dabei hat sich herausgestellt, dass auch die Holländer nicht aus dem Nichts heraus religiöse Motive benutzt haben, sondern auf Traditionen zurückgegriffen haben. Diese Traditionen ziehen sich ungefähr seit dem Mittelalter bis heute durch. Das heißt, man erkennt bestimmte Motive. Also wenn ein Künstler nur den Ausschnitt eines Holzkreuzes mit einem Dornenzweig malt, suggeriert dieses Bild die Kreuzigung.

Sie untersuchen diese religiösen Motive nach ihrem Ursprung?
Beege: Wir fragen danach, woher diese Urbilder stammen, dieses Bild Christi? Denn es gibt bestimmte Vorbilder auch in der ägyptischen und griechischen Mythologie, die in dieses Bild Christi, wie es sich seit etwa 2000 Jahren geformt hat, mit eingeflossen sind. Diese Traditionen versuchen wir herauszukehren und in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Grundsätzlich ist die Ausstellung in zwei Teile geteilt. In dem einen Teil geht es um die Suche nach diesen altmythischen Traditionen, im anderen um die innerchristlichen Traditionen. In der Ausstellung ist auch ein Entwurf des Porträts von Papst Benedikt XVI. von Michael Triegel zu sehen. Daneben ein sehr satirisches Papstbild eines alten holländischen Malers, auf dem ein Esel verspottet wird. Dieser Esel ist im protestantischen Holland die Figur des katholischen Papstes gewesen. Der holländische Barock war eine große Zeit des Umbruchs. Die Reformation trat ein. In Holland ist dieser Prozess gespalten verlaufen. Holland hat sich im Zuge der protestantischen Idee zunächst von der spanischen katholischen Herrschaft abgewandt. Es gab Bilderstürme. Aber es gab dann auch die Gegenreformation. Dieser Konflikt bestand zwischen den südlichen und den nördlichen Niederlanden. Die nördlichen Niederlande waren protestantisch am Ende des 17. Jahrhunderts, die südlichen Niederlande waren noch katholisch. Es herrschten ganz bestimmte Bedingungen. In den protestantischen Gebieten im Norden waren religiöse Darstellungen verpönt. Die Maler mussten irgendwie einen anderen Weg finden, um religiöse Motive auf die Leinwand zu bringen. Während im Süden immer noch sehr stark diese christlichen Allegorien präsent waren. Auch das wird man in der Ausstellung sehen können.

Für diese Ausstellung haben Sie sich wahrscheinlich viel mit Theologie und Kunstgeschichte beschäftigt?
Beege: Mit Theologie nicht unbedingt, aber kunst- und kulturhistorisches Wissen spielte eine Rolle. Es war sehr viel Recherche nötig. Wir haben uns auch mit Kirchengeschichte beschäftigt, vor allem mit christlicher Ikonografie. Wir haben untersucht, wie sehr sich das Bild Christi verändert hat? Es gibt große Veränderungen. Nur als Beispiel: Im 3. Jahrhundert nach Christus war Jesus Christus noch ein blond gelockter Jüngling mit kurzen Haaren oder er wurde überhaupt nur symbolisch dargestellt, klassischerweise in Fischform oder als Lamm. Dieses Bild Christi hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert. Das, was uns heute so vertraut ist am Bild Christi und den religiösen Motiven, entstand vorrangig im Mittelalter. Vorher gab es eine große Spannweite an Darstellungen: Christus als Herrscher, als Majestät, bis dann im Mittelalter diese Leidensfigur im Vordergrund stand, mit Bärtchen, längeren gelockten Haaren, hagere Gestalt. Uns fiel auch auf, dass gerade dieses Christusbild mit dem Bärtchen und den längeren lockigen Haaren mittlerweile in die Popkultur eingegangen ist.

Oft taucht die Frage auf, ob ein Künstler, der religiöse Motive darstellt, religiös sein muss. Was ist Ihre Erfahrung? Entspringt ein religiöses Bild einem religiösen Impetus?
Beege: Das ist in vielen Fällen heutzutage nicht mehr so. Oft wird die christliche Ikonografie benutzt, um sich mit den Grundsätzlichkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. Einerseits auch mit Kirche. Andererseits aber eben geht es auch um eine gewisse Suche nach Spiritualität. Das wird im Laufe der Ausstellung immer deutlicher. Das rein Rationale kann den Menschen nicht befriedigen. Unabhängig davon, ob jemand Katholik oder Protestant ist oder einer anderen Religion angehört, dieses Bedürfnis nach einem spirituellen Zuhause ist immer vorhanden. Wir haben festgestellt, dieses Bedürfnis bildet den Kern der religiösen Malerei.

Auf der anderen Seite entsteht diese christliche Ikonografie auf der Grundlage eines gewissen kulturellen Fundus’, auf den sich Künstler berufen können. Sie malen ein Kreuz oder eine Christusfigur. Sie nehmen die christliche Vorstellung eines Gottes und eines Erlösers zu Hilfe, um etwas auszudrücken. Eben diese seelische Suche nach einer mentalen Heimat.

Sehr interessant …
Beege: Oh ja sehr. Es war spannend, einerseits, weil wir uns als Kuratoren mit der Tradition dieser Bildlichkeiten auseinandergesetzt haben, dabei auf Erzählungen, auf historische Entwicklungen gestoßen sind, die uns vorher nicht so vertraut waren. Andererseits, weil wir bei der Betrachtung zeitgenössischer Maler festgestellt haben, wie flexibel dieses Thema geworden ist, wie vielseitig verwendbar es ist.

Es gibt auch Fälle, in denen die Benutzung von religiösen Motiven zur Kritik an der Kirche dient. Wobei uns aufgefallen ist, dass die Kritik an der Kirche nicht gleichzusetzen ist mit Unglauben. Insofern war das schon hochinteressant.

Die intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema führt einen manchmal zu neuen Erkenntnissen. Gibt es solch ein Aha-Erlebnis?
Beege: Das Aha-Erlebnis bestand darin zu sehen, wie massiv sich auch die zeitgenössischen Künstler an dieser christlichen Ikonografie orientieren. Wie sehr diese noch lebt. Also dass die Geschichte Christi von der Geburt über die Passion bis hin zu Himmelfahrt, die Menschen immer noch sehr berührt und auch die Skeptiker immer noch sehr berührt. Und dass viele zeitgenössische Künstler zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese tradierte christliche Ikonografie nutzen, um ihre eigenen Aussagen damit zu transportieren. Das finden wir sehr spannend. Das hat uns am meisten beeindruckt.

Die Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen«
im Kunsthaus Apolda Avantgarde
ist vom 10. Januar bis 28. März 2016
dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr geöffnet.

www.kunsthausapolda.de

Große Träume kleiner Fußballer

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Bulgarien: Eine verfallene Kleinstadt mit hohem Roma-Anteil, zwei Sportklubs und ein erfolgreicher Weg zur Integration

Die Stadt Lom im Nordwesten  Bulgariens gilt als die ärmste Stadt in der ärmsten Region der gesamten EU.  Ausgerechnet Fußball gibt jungen Leuten hier eine neue Perspektive.

Eines Tages, als Todor Atanasow mit Freuden auf der Straße kickt, wird er von zwei Männern angesprochen, die ihn fragen, ob er nicht in einem richtigen Stadion spielen wolle? Über die Antwort brauchte Todor nicht lange nachzudenken. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, in denen sich sein Leben komplett verändert hat. Die beiden Männer kamen vom FC Almus, einem der beiden lokalen Fußballvereine in Lom, einer kleinen Stadt im Nordwesten Bulgariens. Der Verein machte aus Todor einen besseren Fußballer; doch nicht nur das, er schenkte ihm auch einen Traum: den des Fußballprofis.

Für Todor allerdings ist es keine Träumerei. Denn wer in Bulgarien ein guter Fußballspieler ist, der kann nicht nur Profi werden, sondern auch an einer der Sporthochschulen im Land studieren und dann als Sportlehrer, Trainer oder Manager arbeiten. Wer also ein guter Fußballspieler ist, kann der Armut und Hoffnungslosigkeit des Nordwestens Bulgariens entkommen.

Auch wenn es mit der ganz großen Fußballkarriere vielleicht nichts wird: Todor Atanasows Leben und seine Zukunftschancen haben sich mit seinem Eintritt in einen der beiden Fußballklubs von Lom bereits deutlich zum Positiven verändert. Foto: Dagmar Gester/Dirk van Harten

Auch wenn es mit der ganz großen Fußballkarriere vielleicht nichts wird: Todor Atanasows Leben und seine Zukunftschancen haben sich mit seinem Eintritt in einen der beiden Fußballklubs von Lom bereits deutlich zum Positiven verändert. Foto: Dagmar Gester/Dirk van Harten

Auf den ersten Blick sieht Lom mit seinen nur mehr knapp 22 000 Einwohnern nicht anders aus als andere Kleinstädte in der bulgarischen Provinz auch. Wer jedoch von der Hauptstraße abkommt, befindet sich sogleich auf unbefestigten Wegen mit Löchern so tief, dass man in ihnen die Geschichte der Stadt ablesen kann.

Vom Zusammenbruch der Wirtschaft nie erholt

Die Industrie, die es hier früher gab, produzierte hauptsächlich für die Sowjetunion. Der Lomer Hafen lebte von der Zufuhr von Rohstoffen aus der UdSSR für das bulgarische Stahlwerk in Kremikovtzi, das wiederum mit seinen Produkten den sowjetischen Markt beliefert hat. Dem Zusammenbruch des osteuropäischen Wirtschaftsraums folgte der Zusammenbruch der bulgarischen Wirtschaft. Die Fabriken und der Hafen in Lom haben sich davon nie wieder erholt. Der Nordwesten Bulgariens ist die ärmste Region in der Europäischen Union. Das Durchschnittseinkommen liegt bei nur 26 Prozent des europaweiten Mittelwerts und die offizielle Arbeitslosenrate beträgt über 30 Prozent, ist damit beinahe dreimal so hoch wie der Landesdurchschnitt.

Auch Todors Vater Iwailo Petrow (41) erzählt, dass er nie eine richtige Arbeit gehabt habe. Die Familie wohnt in einem der armen Roma-Viertel Loms und ist finanziell abhängig von der Mutter, die als Pflegekraft in Italien lebt und von dort Geld schickt. So liegen die Hoffnungen des Vaters auf dem Sohn.

»Es ist sehr wichtig, dass es für die Kinder den Sport gibt. Dass sie nicht den ganzen Tag auf der Straße herumlungern«, sagt Taxifahrer Ewgeni Jordanow. Zusammen mit einigen Freunden gründete er vor drei Jahren den FC Polomie, den anderen Fußballklub in Lom. Ein Jahr später erschien auch der FC Almus auf der Bühne, sodass es heute zwei miteinander konkurrierende Klubs gibt.

Die Klubs teilen sich die städtischen Sportanlagen: einen Sportplatz, ein verfallenes Stadion, in dem es beißend nach Urin riecht und auf dessen angrenzendem Grün Schafe, Ziegen und Pferde den Spielen zuschauen, sowie eine 50 Jahre alte Sporthalle, wo es durch das Dach tropft und wo es im Winter drinnen kälter ist als draußen.

Doch aus solch schwierigen Umständen werden Meister geboren. Zwei Jungen spielen inzwischen in Fußballvereinen in Deutschland und einer in England. Und jeder Einwohner von Lom kennt die Geschichte von Marijan Ognjanow, einem Lomer Roma, der beim PFC Levski Sofia im Match gegen Chelsea das erste bulgarische Tor in der Champions League-Geschichte schoss.

Erfolgreiche Integration ist wichtiger als Siege

Mitko Filipow, einer der Initiatoren vom FC Almus, freut sich über diese Erfolge, doch es gehe um mehr als den Sport selbst: »Wenn die Kinder Sport treiben, lernen sie Disziplin und Ausdauer, und sie machen das alles miteinander. Bei uns gibt es keine Outsider. Wir lehren die Kinder, dass jeder seinen Platz hat – im Team und in der Gesellschaft.«

In einer Stadt wie Lom ist das eine wichtige Lehre, denn mehr als 40 Prozent der Einwohner sind Roma. Nirgendwo in Europa ist der Prozentsatz so hoch. »Die bulgarischen Kinder spielen hier mit den Romakindern in einem Team, das war niemals ein Problem«, sagt Filipow. »Bei uns entstehen Freundschaften die nie entzweigehen werden. Auch das macht der Sport.«

Von Dirk van Harten und Dagmar Gester

Aus dem Hause Wettin

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Thüringer Landesausstellung 2016: »Die Ernestiner – Eine Dynastie prägt Europa«

Über 400 Jahre regierten Ernestiner in bis zu zwölf Linien und Residenzen weite Teile des heutigen Thüringen und darüber hinaus. Diese einzigartige Entwicklung nimmt der Freistaat zum Anlass für seine nächste Landesausstellung. »Glaube + Heimat« stimmt mit einer sechsteiligen Serie auf die Ausstellung ein.

Auf dem hochgelegenen thüringischen Schloss Altenburg ereignete sich in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 etwas Ungeheuerliches. Der »Sächsische Bruderkrieg«, in dem auch Ritter Kunz von Kaufungen treu an der Seite des Kurfürsten gekämpft hatte, war bereits einige Jahre vorbei. Der Ritter allerdings hatte aus dieser Zeit dem Landesherrn gegenüber noch eine Rechnung offen. Dieser jedoch zahlte nicht, sondern vertröstete den Vasallen ein ums andere Mal. Da griff der sich betrogen fühlende Mann in besagter Nacht zum letzten Mittel. Der Zeitpunkt war trefflich gewählt: Der Hausherr war in Leipzig und die meisten seiner da gebliebenen Hofleute waren beim Feiern. Von einem unzufriedenen Mann aus der Hofküche ins Schloss eingelassen, entführte der Ritter die schlafenden Söhne des Kurfürsten, die Prinzen Ernst und Albrecht. Doch das Kidnapping flog auf, schon eine Woche später starb der Ritter unter dem Schwert des Henkers. Drei Jahrzehnte später sind die entführten Knaben von einst Regenten im Haus Wettin. Die Wettiner sind wohl das älteste Adelsgeschlecht in Deutschland, aus dem bis in die Neuzeit hohe Monarchen stammen, wie Königin Elisabeth II. von Großbritannien und Nordirland und König Philippe von Belgien. Sein Territorium erstreckt sich, grob umrissen, über jene Landesteile, die heute als Mitteldeutschland bezeichnet werden. Der Kurfürst Ernst, der ältere der beiden Wettiner-Brüder, setzt alsbald auf eine »Gebietsreform«. Eine aus zwölf Blättern bestehende, in Pergament gebundene Urkunde besiegelt diese »Leipziger Teilung von 1485«. Der Vertrag hält fest, welcher der beiden Brüder welchen Landstrich bekommt. Seitdem sprechen die Geschichtsschreiber von den Ernestinern, die zunächst in Wittenberg und später in Weimar residieren und von der albertinischen Linie der Wettiner mit der Residenz Dresden. Weitere Landesteilungen folgen. So entstand über die Jahrhunderte jener »bunte Fleckenteppich« von Landkarte, der als »Kleinstaaterei« ins Gerede kam. Tatsächlich existierten auf dem Gebiet, das in etwa mit dem heutigen Thüringen gleichzusetzen ist, mehr oder weniger lang bis zu zwölf ernestinische Nebenlinien samt Residenzen. Dass diese Ländchen politisch bedeutungslos waren, ist wahr. Ebenso wahr ist, dass der Wettbewerb der Höfe untereinander eine Vielfalt und Fülle geistigen, künstlerischen und architektonischen Reichtums hervorbrachte. Zu den Folgen der »Kleinstaaterei« gehört, was Touristen aus aller Welt begeistert, aber dem Land auch manches finanzielle Problem beschert: Schlösser und Parks, Kunstsammlungen, eine einzigartige Musik-, Kunst-, Literatur- und Theaterlandschaft.

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Kürzlich heiratete ein Nachfahre der Wettiner aus der ernestinischen Linie in Weimar: Prinz Georg-Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach und seine Frau Olivia Rachelle Page. Foto: Maik Schuck

Diesen Fundus nimmt der Freistaat Thüringen zum Anlass für seine nächste Landesausstellung im Jahr 2016. Unter dem Titel »Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa« werden die Ernestiner als das protestantische Fürstenhaus, das Thüringen zwischen Reformation und Revolution über Jahrhunderte prägte, präsentiert. Ausstellungsorte sind die beiden einstigen Residenzstädte Gotha und Weimar, in denen die Häuser Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg und Gotha ihren Haupt- und Regierungssitz hatten – mehr Authentizität geht nicht.

Wer aber waren die Ernestiner? Wann und wo regierte das über 400 Jahre existierende Adelsgeschlecht? Was schufen deren Angehörige Bleibendes, wie lebten ihre Untertanen? Drei außergewöhnlich handelnde Persönlichkeiten der Dynastie mögen in den kommenden Beiträgen dieser Serie fürs Ganze stehen: der in Gotha residierende, für sein Engagement in der Bildung europaweit berühmt gewordene Herzog Ernst I.(1601-1675); der in Weimar residierende Großherzog Carl Alexander (1818-1901), zu dessen überragenden Leistungen der Wiederaufbau der Wartburg gehörte, und der in Meiningen residierende Herzog Georg II. (1826-1914), der europäische Theatergeschichte schrieb. Außerdem beleuchten wir die berühmte Hochzeitspolitik der Ernestiner und schauen schließlich den Machern der Ausstellung über die Schulter. Soviel lässt sich jetzt schon sicher sagen: Die Ernestiner sind Geschichte. Die Geschichte der Ernestiner verspricht eine spannende Landesausstellung.

Heinz Stade

»Die neuen Tage öffnen ihre Türen«

4. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

In Gottes Begleitung wird es ein guter Weg – Gedanken zum neuen Jahr

Die neuen Tage öffnen ihre Türen. Sie können, was die alten nicht gekonnt. Vor uns die Wege, die ins Weite führen: Den ersten Schritt. Ins Land. Zum Horizont.« Genauso ist es, verehrter Klaus-Peter Hertzsch. Dieser Reim beschreibt mein Neujahrsgefühl. Ich spüre Freude.

Auch Aufregung. Und merke, dass es eine Herausforderung ist, wieder aufzubrechen. Natürlich wirft jeder Anfang Fragen auf. Was wird auf mich zukommen? Kann ich bestehen? Werde ich ein Ja zu meinem Leben haben? Auf diesem Weg. Ins Land. Zum Horizont. Fest steht: Ich werde Neuland bereisen, aber keine »Fahrt ins Blaue« machen. Ich habe da schon meine Vorstellungen. Wünsche sind mit dabei. Und Träume. Aber ich bin nicht allein damit. Gott kennt sich aus in meinem Herzen. Er mit mir, das heißt: Ich werde erleben, was geht und was nicht. Und mir ist klar, dass ich manchmal schwer von Begriff bin. Da werde ich mir wieder blaue Flecke einhandeln. Trotzdem. Jetzt geht’s los. Die Zahl der Doppelpunkte überwiegt die der Fragezeichen. Ich bin gespannt auf …

Nun schreibe ich diese Zeilen als einer, der nicht an einer unheilbaren Krankheit leidet. Der kein Flüchtling ist. Dessen Nöte weder lebensbedrohlich noch die Gottesbeziehung gefährdend sind.

Ich breche auf als ein Mensch, dem Obdach und Brot, Kleidung und Auskommen reichlich zur Verfügung stehen. Auf der »Haben-Seite« lässt sich viel addieren. Dennoch werde ich Gott wieder eine Menge bitten müssen. Um Mut. Besonnenheit. Geduld. Und vor allem um Vergebung. Um Augen, die den Augenblick erkennen und um ein Herz, diesen zu würdigen. Um Liebe, die den Egoismus überwindet und trotzdem auf das Eigene bezogen bleibt. Wie froh bin ich, beten zu können.

Das neue Jahr ist ein Zeit-Geschenk. Was ist die Zeit? Sie kommt in der Antike als Geschwisterpaar daher. »Chronos«, heißt sie zum einen. Sie fließt dahin. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Der Frühling wird die Erde aufblühen lassen. Der Sommer wird ihr Wachstum bescheren, der Herbst die Ernte und der Winter verdiente Ruhe. Mögen Unwetter aufgehalten, Zerstörungen eingedämmt werden. Möge Frieden den Schritt sicher machen und der Regenbogen die Verheißung bestätigen. Neben »Chronos« kommt die Zeit als »Kairos« des Weges. Dieser meint den richtigen Moment. Die günstige Gelegenheit. Die Statue des »Kairos« wird an der Kultstätte des Zeus und der Hera in Olympia als laufender Jüngling dargestellt. Eine Locke fällt ihm in die Stirn. Nur dort kann man ihn greifen. Sein Hinterkopf ist kahl. Wenn er also mit seinen Flügeln an den Füßen vorüberfliegt, kriegt man ihn nicht mehr zu fassen. Wie deute ich das? Gott eröffnet uns mit jedem neuen Tag die Möglichkeit, ihn zu gestalten. Alle Risiken inklusive. Alle Gewissheiten eingeschlossen.

Oder um im Bild des vor mir liegenden Weges zu sprechen: Wie auch immer ich mich entscheide, dies oder jenes zu tun oder zu lassen – ich bin gewiss, dass es weitergeht. Doch damit nicht genug. Die gute Chance besteht, Veränderungen zu schaffen, die mich weiterbringen.

Was will ich dabei haben auf der Wanderung in die kommenden zwölf Monate hinein? Erfahrung. Hoffnung. Vertrauen. Das Vertrauen gibt mir Kraft für den nächsten Schritt. Es mindert die Angst und stärkt im Entscheidungsfall. Die Hoffnung nährt meinen Glauben, dass ich gut ankomme. Und dabei Bewahrung erlebe. Nicht weil ich unversehrt bleibe, sondern weil ich in Gottes Reichweite bin. Schließlich die Erfahrung. Sie steckt im Rucksack meines gelebten Lebens. Woraus habe ich gelernt? Was möchte ich darum neu probieren? Welchen Vorrat besitze ich? Ich besinne mich auf Glücksreserven, Dankbarkeitsrücklagen, Freudendepots. Wenn ich mir dieser bewusst bin, werde ich gelassen dem Unüberschaubaren begegnen können. Darum stimmt für mich, was der Literat der oben zitierten Strophe schlussfolgernd anfügt. Sie spricht von dem, was entlastet. Sie verspricht einen guten Weg. Sie weckt in mir das Amen der Bestätigung, weil ich nur sagen kann: Es stimmt. So habe ich versucht meinen Weg bis hierher zu verstehen.

»Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen. Doch gehn wir los. Doch reiht sich Schritt an Schritt. Und wir verstehn zuletzt: das Ziel ist mitgegangen; denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen, der Herr der Zeit geht alle Tage mit.«

Karsten Loderstädt

»Ich möchte mich einbringen«

3. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Mit Michael Diener sitzt erstmals ein Chef der konservativen Evangelikalen im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener, bekommt Gegenwind aus den eigenen Reihen, weil er von den Pietisten Selbstkritik einfordert. Harald Krille hat mit ihm gesprochen.

Herr Präses Diener, wenn man in die recht chaotische Welt schaut – kann da einem Christen nicht der Frage kommen, ob wir in der Endzeit leben?
Diener:
Wir leben definitiv in der Endzeit. Denn biblisch betrachtet ist die Endzeit die Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft. Aber: Es gab wohl keine Generation von Christen, die nicht gesagt hat, schlimmer kann es nicht mehr kommen, jetzt ist es so weit. Umgekehrt: Die Erwartung, dass unser Herr bald kommen möge, ist natürlich eine Essenz unseres christlichen Glaubens. Dem schließe ich mich auch gerne an. Aber vor zeitlichen Berechnungen warnt uns die Heilige Schrift sehr deutlich.

Christliche Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass noch niemals so viele Christen um ihres Glaubens willen getötet und verfolgt wurden, wie in den vergangenen Jahren.
Diener:
Ich denke, dass diese Beobachtung richtig ist. Doch wird das ganze Ausmaß bisher von der Öffentlichkeit, auch unter uns Christen, nur bedingt wahrgenommen. Dabei kann ich die Bibel gar nicht lesen, ohne fast auf jeder Seite daran erinnert zu werden, dass wir als Christenmenschen für unsere Geschwister einstehen sollen. Das Thema müsste uns alle viel mehr beschäftigen und uns auch zu konkreten Schritten bewegen.

Auch zum militärischen Eingreifen gegen islamistische Gruppen wie den »IS«?
Diener:
Persönlich sehe ich bei dem jetzt beschlossenen Kriegseinsatz noch ganz, ganz viele ungeklärte Fragen. Umgekehrt glaube ich, dass dem, was der »IS« dort treibt, auch mit legitimierter Gewalt Einhalt geboten werden muss. Doch auch unter Christen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Ich bin froh, dass ich das im Bundestag nicht entscheiden musste. Aber: Wäre ich Abgeordneter des Bundestages, hätte ich wahrscheinlich für diesen Militäreinsatz gestimmt.

»IS« und die Christenverfolgung ist die eine Sache, die Flüchtlingsdiskussion bei uns eine andere. Wo ist in dieser Frage der Platz der »Frommen«: bei Pegida und Co. oder bei den Multikulti-Apologeten?
Diener:
Es kann überhaupt gar keine Frage geben, dass der vorrangige Platz der Christenmenschen bei den Verfolgten und bei den Flüchtlingen ist. Und da sind sie nach meiner Beobachtung auch über die Maßen aktiv, sowohl in der Gemeinschaftsbewegung, im Raum der Evangelischen Allianz und im Bereich der Landes- und Freikirchen.

Studien über die NS-Zeit zeigen, wie beschämend nahe Christen den Gedanken des Rassismus standen. Und es gibt zeitgenössische Umfragen, die konservativen Christen auch heute eine latente Nähe zu fremdenfeindlichen Gedanken bescheinigen.
Diener:
Wenn man sich die erwähnten Untersuchungen anschaut, dann fragt es sich, wie belastbar sie sind. Umgekehrt sage ich ganz klar: Ja, es gibt auch in unserem Bereich fremdenfeindliche Äußerungen. Es gibt Menschen, die sich passiv, abwartend, teilweise ablehnend und auch aggressiv feindlich gegenüber Flüchtlingen und Fremden verhalten. Da muss man genau hinschauen, kommt das aus diffusen Ängsten, ist das Widerstand gegen bestimmte Entscheidungen der Politik oder ist es vielleicht so etwas wie eine bräunliche Blut- und Boden-Ideologie. Wo Letzteres zutage tritt, müssen wir als Evangelische Allianz und auch als Gnadauer Verband entschieden widersprechen.

Viele Menschen haben Angst vor einer schleichenden Islamisierung Deutschlands, Sie nicht?
Diener:
Nein, ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. Und wir diffamieren die Menschen, die zu uns kommen, wenn wir pauschal unterstellen, die,
die da geflohen sind, wollen das System, das sie vertrieben hat, bei uns installieren. Ich bin überzeugt, dass unser freiheitliches System Ausstrahlungskraft hat und dass es uns gelingen kann, eine friedliche Kultur des Miteinanders aufzubauen. Deshalb heiße ich von Herzen alle die willkommen, die sich daran beteiligen wollen. Natürlich ist klar, dass Integration von beiden Seiten geleistet werden muss. Und wer am Erhalt und am Ausbau unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht interessiert ist, der hat in unserem Gemeinwesen dann natürlich auch nichts zu suchen.

Und wie sehen sie die umstrittene Frage der Mission unter Muslimen?
Diener:
Für uns als Evangelische Allianz ist diese Frage nicht umstritten. Selbstverständlich gilt die Botschaft von dem Licht, dass mit Christus in die Welt gekommen ist, allen Menschen, auch Muslimen. Natürlich brauchen Menschen, die hier ankommen, erst mal das Notwendige für Leib und Leben. Und selbstverständlich sind entwurzelte Menschen sensibel zu behandeln. Aber daraus darf nicht abgeleitet werden, dass wir unserem Zeugnis gegenüber Muslimen nicht nachkommen sollen.

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Michael Diener ist Pfarrer und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes mit Sitz in Kassel. Die pietistische Dachorganisation hat 37 Mitgliedsverbände und 300 000 Mitglieder. Der Gnadauer Verband steht der Deutschen Evangelischen Allianz nahe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender Diener ebenfalls ist. In Deutschland bekennen sich derzeit 1,3 Millionen Menschen zum evangelikalen Netzwerk aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Zentrum ist das Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen). Der promovierte Theologe ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: Benjamin Lassiwe

Vom 10. bis 17. Januar lädt die Deutsche Evangelische Allianz wieder zu ihrer traditionellen Gebetswoche. Was erhoffen sie sich angesichts der angesprochen Probleme davon?
Diener:
In diesen Umbruchszeiten, in denen wir stehen, ist es einfach eine unheimlich große Chance, dass wir am Anfang des Jahres aus unterschiedlichen Gemeinden zusammenkommen und unseren Dank und unsere Freude, aber auch unsere Sorgen und Bitten vor den Herrn dieser Welt bringen können. Die Zeit ist drängend und verlangt geradezu nach Gebet. Ich hoffe, dass wir eine auch zahlenmäßig gut besuchte Allianz-Gebetswoche in den über 1 000 Orten in Deutschland erleben werden.

Mit Ihnen ist erstmals ein profilierter Vertreter des innerkirchlichen Pietismus in den Rat der EKD gewählt worden. Wie fühlt man sich da – wie Daniel in der Löwengrube?
Diener:
(lacht) Definitiv nicht! Wer so denkt, hat noch nicht verstanden, wie ich evangelische Kirche wahrnehme. Ich bin genauso evangelischer Pfarrer wie ich Pietist bin. Beides lässt sich in meinem Leben nicht auseinanderdividieren. Deshalb verstehe ich den Rat der EKD als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die miteinander wollen, dass wir als Kirche in den kommenden Jahren auf einem verheißungsvollen Weg sind. Da möchte ich mich mit meinem eigenen Glaubensprofil einbringen.

Für welche Bereiche wollen Sie sich besonders stark machen wollen?
Diener:
Als erstes müssen wir uns den missionarischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Da ist noch mehr möglich und nötig. Dann sehe ich die große Notwendigkeit, noch stärker darauf zu achten, dass die Stimmung an der Basis gut ist, dass die Mitarbeiter in den Gemeinden, haupt- wie ehrenamtliche, sich ernst genommen und unterstützt wissen. Das Dritte: Diakonie und verfasste Kirche ergänzen einander und sollen eng zusammenstehen. Und als Viertes: Wir brauchen ein Reformationsjubiläum, das evangelische Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein hat, auch über das Jahr 2017 hinaus.