»Wir wollen lebendige Steine«

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem: Schwester Maria Grech leitet seit 2004 das Franziskanische Familienzentrum in der Geburtsstadt Christi

Alljährlich besuchen Millionen Pilger und Touristen aus aller Welt Bethlehem, den Geburtsort Christi. Doch die Zahl der einheimischen palästinensischen Christen nimmt immer mehr ab. Eine Ordensschwester kämpft dagegen an.

Die israelische Besatzungspolitik hat Folgen bis in die eigenen vier Wände palästinensischer Familien. Davon erzählt Schwester Maria Grech im Franziskanischen Familienzentrum in Bethlehems Milchgrottengasse. Die aus Malta stammende Ordensfrau lebt seit 25 Jahren in der Geburtsstadt Jesu. Die dortige Not skizziert die Mittsechzigerin so: Aufgrund der israelischen Sperrmauer und Kontrollpunkten samt dem System der Passierscheine können viele Männer ihre früheren Arbeitsstätten in Israel nicht mehr erreichen. In Bethlehem finden sie entweder gar keine Arbeit, nur schlecht bezahlte oder als Tagelöhner.

Die Folgen: Gerade jungvermählte palästinensische Christen können sich oft keine eigene Wohnung leisten und sehen sich gezwungen, ins Elternhaus des Mannes zu ziehen. Dort haben sie lediglich ein eigenes Schlafzimmer; Bad und Küche müssen geteilt werden. Über kurz oder lang kommt es zu Konflikten, vor allem zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, wo­rauf letztere Hilfe bei Schwester Maria sucht. Sie, die ausländische Nonne und ausgebildete Mediatorin, gilt als neutral und vertrauenswürdig.

Neben Eheberatung und Mediation bietet sie dank vieler Spenden aus dem Ausland auch praktische Hilfe an: das »Emergency Job Creation«-Programm, das sie zusammen mit einer Sekretärin und einem Ingenieur umsetzt. Jährlich erhalten etwa 15 bis 20 ausgebildete oder angelernte Handwerker aus armen Familien Arbeit. Sie renovieren beispielsweise unter Feuchtigkeit leidende Altbauten oder erstellen einen Anbau, etwa ein eigenes Bad oder eine eigene Küche für ein neu vermähltes Paar im Haus der Eltern oder Schwiegereltern. »Viele Familien versichern, sie führten jetzt ein wirklich neues Leben«, erzählt Schwester Maria. Und den Handwerkern gäbe die Arbeit ihre »Würde zurück« und ermutige sie, »im Land zu bleiben und nicht auszuwandern«. Was natürlich auch für die gilt, die in den Genuss einer Renovierungsmaßnahme oder eines Anbaus kommen. »Wir wollen lebendige Steine in Bethlehem und nicht nur Steine«, erklärt Schwester Maria im Blick auf die historischen Gebäude und die kleine Christenschar, die in den letzten 25 Jahren spürbar geschrumpft sei.
Doch die emsige, stets zivil gekleidete Ordensfrau hat noch weitere Aufgaben. Ihr Ordenshaus hat sie zu einem Jungeninternat umbauen lassen, in dem von Montag bis Freitag etwa 30 Jungen aus armen oder zerrütteten Familien Bethlehems betreut werden. Zweimal im Jahr bietet Schwester Maria zudem Ehevorbereitungskurse an, die aus elf Sitzungen bestehen.

Voller Energie und Ideen: Schwester Maria Grech stammt aus Malta und lebt seit 25 Jahren in Bethlehem.

Voller Energie und Ideen: Schwester Maria Grech stammt aus Malta und lebt seit 25 Jahren in Bethlehem.

Kürzlich kamen jung verheiratete Frauen zu ihr und meinten: »Schwester, was Sie uns beim Eheseminar erzählt haben, war richtig, aber das wirkliche Leben geht erst nach der Hochzeit los und ist anders, als wir uns das vorgestellt haben.« Seitdem trifft sie sich wöchentlich mit jungen Frauen zum Bibelstudium und Gespräch. Gelegentlich besuchen sie zusammen auch die Heiligen Stätten in Jerusalem oder Galiläa – israelischen Passierschein vorausgesetzt –, was für viele der Frauen absolutes Neuland ist. Die bescheiden wirkende Nonne bekennt am Ende des Gesprächs: »Ich habe Energie und noch viele Ideen.« Man glaubt es ihr.

Johannes Zang

Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Barmherzigkeit – ein Name Gottes

22. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gott will, dass uns das Elend der Menschen an die Nieren geht

Luther übersetzte als Erster die Bibel ins Deutsche«, heißt es oft. Das stimmt nur halb. Denn schon ein gewisser Herr Wulfila vom Volk der Goten – er lebte von 311 bis 383 n. Chr. – übersetzte aus dem Lateinischen diejenigen Bibelteile, die er für »gotentauglich« hielt. Dabei stellte er fest, dass die germanischen Stämme offenbar kein Wort für »Misericordias« hatten. Das Mitgefühl, das Mitleid: Wenn mir das Leid, die »Misere« eines Menschen zu Herzen geht oder – wie wir umgangssprachlich sagen – »an die Nieren geht«.

Wulfila erfand den Begriff des »nackten Herzens«. Noch heute sagen wir »barfüßig« oder »barhäuptig«. Der Gotenapostel sagte »barm-herzig«. Die Frage ist brandaktuell: Lassen wir uns vom Leid anderer so berühren, als wären wir »nackten Herzens«? Sind wir noch zu echter Empathie, zu Mitgefühl und Mitleiden fähig? Oder sind wir bereits von der Inflation der Schreckensbilder in den Nachrichten so abgestumpft, dass uns Hornhaut auf der Seele wächst?

Ich beobachte einen seltsamen Widerspruch in unserer Gesellschaft: Einerseits wird »Gefühle zeigen können« und »emotional authentisch sein« hoch gelobt. »Großes Kino« ist alles, was uns zu Tränen rührt. Bei Spende-Galas und Preisverleihungen, bei »Einsatz in vier Wänden« und »Bauer sucht Frau« auf den Kommerzsendern kann gar nicht genug geholfen, geseufzt und geheult werden. Andererseits wird die biblische »Barmherzigkeit« aber als frömmlerisch, naiv oder als »Gutmenschengesäusel« belächelt. Erst recht, wenn es um »echtes« Leid, um konkrete Hilfsbedürftige und real anwesende »Elende« geht. Wenn praktische Hilfe, zupackende Nächstenliebe und tatsächliche Mitleidenschaft gefragt sind. Diesseits der Kinoleinwände, TV-Bildschirme und Smartphone-Displays, in der physischen Welt, im Alltag der Obdachlosen, Suchtkranken, Schwerstbehinderten und Flüchtlinge, entdeckt dann mancher plötzlich, dass man aber auch »politisch realistisch« bleiben müsse und die christliche Barmherzigkeit ja bitteschön erst mal »leistbar« oder »finanzierbar« sein müsse! Rational mag das richtig sein. Menschlich und christlich jedoch ist es falsch. Eine Ausrede. Dann nämlich hätte der »barmherzige Samariter« im Gleichnis Jesu sagen müssen: »Solange die römische Verwaltung nicht dafür sorgt, dass zwischen Jericho und Jerusalem keiner mehr überfallen wird, kann ich auch nix machen.« Stattdessen erzählt Jesus von dem Samariter, der, als er den Überfallenen sah, Erbarmen mit ihm hatte (Lukas 10,33).

Würde uns die Bibel Barmherzigkeit als eine wünschenswerte Tugend empfehlen, ein hehres Ziel, das wir anstreben sollten – dann wäre sie nur ein moralischer Rippenknuff, ein pädagogisch zweifelhafter Struwwelpeter für Erwachsene. Nein, Barmherzigkeit ist in der Bibel nicht weniger als ein Name Gottes! Es ist der letzte und letztgültige der Namen Gottes, mit denen er sich dem Mose vorstellt: »Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue« (Exodus 34,6).

Das bedeutet: Barmherzigkeit ist Teil der Identität Gottes. Nicht nur ein Merkmal seines Handelns oder ein netter Zug derer, die ihm vertrauen.

Gott ist Barmherzigkeit. Dem entspricht das Empfinden und Verhalten Jesu Christi, von dem wir glauben, dass er die Offenbarung Gottes in menschlicher Gestalt ist: »Und als er das Volk sah, jammerte es ihn.« (Matthäus 9,36). Jesus begründet die Aufforderung, sich das Elend der Bedürftigen an die Nieren gehen zu lassen, nicht mit dem Elend der Bedürftigen, sondern – mit dem Wesen Gottes! »Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.« (Lukas 6,36). Der katholische Pastoraltheologe Paul Zulehner aus Wien hat diese wesensmäßige Barmherzigkeit so auf den Punkt gebracht: »Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf.«

Und als der ebenfalls katholische Kardinal Walter Kasper eins seiner Bücher übertitelte mit »Barmherzigkeit – Grundbegriff des Evangeliums, Schlüssel christlichen Lebens«, da hätte dieser Buchtitel auch von Martin Luther sein können: »Evangelium, das ist Geschrei von der Gnad und Barmherzigkeit Gottes!«

Andreas Malessa

Adventsserie zum Monatsspruch
Der Monatsspruch für Dezember steht bei Jesaja 49, Vers 13: »Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.«

In den Adventsausgaben werden Aspekte dieses Bibeltextes beleuchtet. Nacheinander ging es um die Begriffe »jauchzen«, »freuen« und »trösten«. Zum Abschluss ein Beitrag über Gottes Erbarmen.


Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa – heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Advent to go?

14. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Brauchtum: Rituale in der Advents- und Weihnachtszeit einst und jetzt

Den Tannenbaum, die Geschenke und Zeit mit der Familie, das verbinden die meisten Menschen mit der Advents- und Weihnachtszeit. Der Kirchgang ist dabei nur halb so wichtig wie die heimische Gemütlichkeit.

Den »echten« Nikolaus, jetzt versandkostenfrei bestellen, empfiehlt ein kirchlicher Anbieter. Und weiter heißt es: »Unser Nikolaus ist der kirchliche Heilige im Bischofsgewand, mit Mitra und Bischofsstab.« Der Schokoladenmann wirbt für die Aktion »Weihnachtsmannfreie Zone« zugunsten des chBlick-50-2015ristlichen Kinderhospizdienstes in Halle – und wird dem Heer der Spaß- und Phantasie-Nikoläuse entgegengestellt. Es ist ein einsamer, zahlenmäßig verlorener Kampf. Den Trend konnte ich als Anwohnerin am Jenaer Weihnachtsmarkt seit 1998 beobachten: Stände mit Advents- und Weihnachtswaren, einst im Zentrum um Tannenbaum und Krippe, sind verdrängt von Glühwein und Partystimmung. Man trifft sich am Bistrotisch, im Hintergrund stimmungsvolle Musik. Traditionell Weihnachtliches findet in der Mitte kaum mehr Platz. Angeheiterte Nikoläuse überall. Und immer wieder die Frage von Studierenden: ob es denn stimme, dass CocaCola den Weihnachtsmann erfunden habe.

Echt, unecht, richtig, falsch – gibt es das, eigene, »urtümliche« Traditionen? Hinter solchen Fragen an die Brauchforschung stecken oft »Schiedsgerichts-Wünsche«: dass es die eine, eindeutig klare, wahre Antwort und damit »das Brauchtum« gäbe: möglichst uralt, germanisch-heidnisch, vorchristlich; die Bilder in den Köpfen und Medien sind nicht zu tilgen. Die Brauchgeschichte liefert jedoch solche Zuschreibungen nicht. Denn Wege und Formen der Bräuche sind komplex und verworren, Brauchschichten und -stränge verschlungen und vermengt, oft überlagert und so dicht miteinander »verbacken«, dass Ursprung und Kern sich von »Beimischungen« kaum mehr trennen lassen. Im Bild ausgedrückt: Bräuche sind stets ein Amalgam, Brauchforschung muss wie bei einer Zwiebel die Häute sanft ablösen.

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Advents- und Weihnachtsbräuche sind dafür bestes Beispiel. Denn die Frage »regionaltypisch – uralt?« ist rasch beantwortet. Definitiv nicht alt sind die »althergebrachten« Brauchelemente Adventskranz und Adventskalender. Erst im 20. Jahrhundert fanden sie – regional, konfessionell, sozial – allgemeine Verbreitung. In den Blick zu nehmen ist freilich immer die »Weihnachtszeit« – das heißt, nach altkirchlichem Kalender, Martini bis Lichtmeß. Die Zeit bis Weihnachten war stille und lärmende Zeit in einem: festlose Fastenzeit, daher an Martini das Schlachten und Feiern; danach die Zeit der vorweihnachtlichen Enthaltsamkeit (»7 Wochen fasten, kein Sex!« stöhnten meine Studierenden). Laut und wild waren hingegen nächtliche Umzüge, jungen Leuten erlaubt an regional unterschiedlichen Terminen: nach Martini oder am Nikolaustag, mit Knecht Ruprecht als wüstem Begleiter des Heiligen; Teufel, Perchten und Kläuse im Alpenraum erinnern heute noch daran. Kinderbräuche, bis in die DDR-Zeit etwa in Jena bekannt, gab es am Andreastag (30. 11.) oder am Thomastag (21. 12.).

Advent und Weihnacht war seit dem 4. Jahrhundert eine kirchliche Festzeit. Erst seit dem 18. Jahrhundert wandelte es sich zum trauten Familienfest der »stillen deutschen Weihnacht«. Das Bild aus dem Jahre 1843 »Luther mit seiner Familie am Christabend 1536 zu Wittenberg« (Luther mit der Laute, Katharina und die Kinder um den Baum gruppiert, Melanchthon als Gast) ist idyllisch, populär und weitverbreitet – aber nicht stimmig. Christbäume gab es in dieser Zeit nur vereinzelt an den Höfen, beim Adel, langsam erst im Bürgertum. Im Volk und auf dem Lande wird berichtet von Bäumchen als »Weihnachtsmaien«, sie hingen von der Decke in engen Stuben, die in Waldgegenden zugleich Heimarbeiterwerkstatt für die ganze Familie waren. Deren Produkte, Holz- und Glaswaren, Krippen, Engel wurden seit dem 19. Jahrhundert – oft als Hilfe aus der Armut, als Beschäftigungsprogramme begonnen – zur »heimischen Volkskunst«, zum Sinnbild kirchlicher, dörflicher und häuslicher Festzeit, die Glanz und Licht in winterlich dunkle und karge Welten brachte.

Foto: eyetronic – Fotolia.com

Foto: eyetronic – Fotolia.com

»Adventsbaum«, Adventskranz und Lichterkrone haben eine spannend-verschränkte Geschichte, die erst jüngst zutage kam. Die Papierforscherin Sigrid Nagy fand im Berliner Volkskundemuseum »in Weinblattform gestanzte Papieranhänger«, darauf Bibelsprüche mit Prophezeiungen. Die Spuren führten zu Johann Hinrich Wichern ins Rauhe Haus, wo seit 1838 täglich im Advent an Kronleuchtern, mit Tannengrün geschmückt, eine Kerze entzündet und ein Bibeltext gelesen wurde; später waren es vier große Kerzen für die Adventssonntage. 1846 ist erstmals die Rede von einem »Adventsbaum« im Rettungshaus für Knaben in Duisburg, geleitet von Theodor Fliedner. Diakonissenmutterhäuser, Brüderhäuser der Inneren Mission und ihre Netzwerke verbreiteten den neuen Brauch in Mittel- und Norddeutschland, auch in wechselnden Brauchformen: Adventsbrücken, -kronen und -pforten sind belegt. Krippen, Papier- und hinterleuchtete Transparentkrippen finden sich vor 1900 schon auf evangelischen Altären, ein erster Krippenverein ist 1879 im Erzgebirge belegt. Solch neue Blicke auf Brauchwanderungen und auf »Fund und Erfindung« korrigieren alte Thesen wie »Krippe = katholisch, Adventskranz und Christbaum = evangelisch«. Zwischen den Weltkriegen vermittelten »Kunstdienste« der Landeskirchen in Thüringen, Sachsen und Berlin-Brandenburg Künstlerkrippen an die Gemeinden, schufen neue Orte und Rituale.

Heute kommen Innovationen, auch die Brauch-Neuerungen, aus dem Internet. Adventskalender und Losungen sind abrufbar, global, handlich, mobil der Begleitengel für unterwegs, »Weihnachtsbaum für die Hosentasche«, Adventsleuchter im Futteral, »Minikrippe in der Streichholzschachtel«. Mein neuer Adventsbrauch, ein Geschenk, passt gut zum »SMS-Adventskalender«. Er steckt in einem grünen Blechbüchschen und heißt »Advent to go. Der Adventskranz für unterwegs«. Ähnlich das Geschenk, das mir dieselbe Geberin machte: »Bibelpillen. Himmlische Medizin. Gute-Laune-Pillen, täglich 1 bis 2 zu nehmen«. Es sind 50 grüne runde Bibelspruchblättchen. Man könnte sie gut an den vergessenen Adventsbaum hängen.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

Jeden Morgen kostenlos Freude tanken

9. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Christen unabhängig werden von den äußeren und materiellen Gegebenheiten

Adventskalender sind etwas Wunderbares: Nicht nur Kinder lieben sie, auch für Erwachsene gibt es welche. Sie haben nur einen Fehler: Sie sind zu schnell alle! Nach reichlichen drei Wochen ist schon das letzte Türchen geöffnet. Worauf freue ich mich dann morgens, wenn ich aufstehe? Muss ich jetzt ein Jahr warten, bevor ich mich wieder freuen kann? Wer soll das aushalten, so lange auf Freude zu warten? Ist nicht schon ein Tag ohne Freude furchtbar anstrengend? Wie schrecklich ist dann erst ein Jahr?

Ohne Freude geht der Mensch ein wie eine Blume ohne Wasser. Zuerst wird er griesgrämig, dann bitter – verbittert und damit ungenießbar. Aber wo soll denn die Freude herkommen? So manche Werbung verspricht uns zwar, dass mit dem Kauf eines Artikels auch Freude kommt, aber wenn überhaupt – wie lange hält sie an? Bei all dem, was gerade um die Weihnachtszeit gekauft wird, müsste es viele glückliche Menschen geben.

Die französische Nonne Thérèse von Lisieux (1873–1897) sagt: »Freude steckt nicht in den Dingen, sondern in der Seele.« So erlebe ich das in meiner Beratungspraxis. Rolf Merkle, ein bekannter Psychotherapeut, beschreibt etwas Ähnliches: »Wenn wir erkennen und akzeptieren, dass es unser Denken ist, das über unser Wohlbefinden entscheidet, dann haben wir den ersten Schritt getan, um mehr Lebensfreude und Zufriedenheit in unser Leben zu bringen.«

Wie es uns geht, hängt also maßgeblich von unserem Denken und Fühlen ab. Aber wie beeinflussen und verändern wir unser Denken und Fühlen? In der Bibel lesen wir ja: »Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn.« (Epheser 4,23) Wie ich denke, hängt in erster Linie davon ab, mit welchen Augen ich die Welt sehe. Ist mein Blickwinkel der eines Pessimisten, der immer und überall Schwierigkeiten entdecken kann, der genau weiß, was nicht geht oder noch nicht gut genug ist und immer und überall mit Gefahr und Versagen rechnet? Oder schaue ich optimistisch mit den Augen eines Schatzsuchers, der begeistert neue Chancen entdeckt, Gründe, um dankbar und zufrieden zu sein. Der sich freuen kann, über die vermeintlich kleinen Dinge des Alltags.

Wenn Sie es bisher noch nicht sind: Werden Sie doch so ein Entdecker! Besorgen Sie sich einen Ganzjahreskalender, in den Sie jeden Tag einschreiben können, wofür Sie dankbar sind. Am besten, Sie hängen den Kalender an die Schlafzimmertür, sodass Sie jeden Morgen, noch bevor Sie in den Tag starten, sich etwas überlegen, worüber Sie sich freuen, etwas, das Ihr Herz mit Dankbarkeit erfüllt. Sie werden schnell feststellen, dass eine Zeile nicht ausreicht. Vielleicht möchten Sie auch andere einladen, an diesem Kalender mitzuwirken. Dann kleben Sie die Rückseite eines Tapetenrestes an eine gute einsehbare Stelle, und jeder darf mit seiner Farbe aufschreiben, was ihm dazu einfällt. Einer dankt vielleicht für sein Federbett, ein anderer für die Heizung oder wärmende Kleidung. Für sauberes Wasser, Strom zu jeder Tageszeit oder unlimitiert Obst einkaufen zu können. Wer genau hinschaut, der weiß, dass es nur wenigen Menschen auf der Welt so gut geht, wie uns hier in Deutschland.

Können Sie sich noch darüber freuen? Oder haben Sie das über dem Streben nach stetiger Verbesserung bereits vergessen?

Natürlich wäre es sehr kurz gegriffen, unsere Freude nur von materiellen Dingen abhängig zu machen. Denn diese können andere Menschen uns komplett nehmen. Was dann? Ich schlage Ihnen vor, sich in dieser Hinsicht abzusichern: Sorgen Sie für einen Zugang zur Freude, der außerhalb der Reichweite anderer Menschen liegt!

Der Gott der Bibel bietet uns nicht nur an, sich über und an ihm zu freuen, sondern er verknüpft sein Angebot mit einer Kraftversicherung. Er weiß, dass es uns guttut, wenn wir uns freuen. In Nehemia 8, Vers 10 heißt es dazu: »Die Freude am Herrn sei eure Stärke.« Und im Philipperbrief 4, Vers 4 steht die nachdrückliche Aufforderung: »Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!«

Unabhängig davon, wie es mir äußerlich geht, habe ich immer einen Grund, mich zu freuen: Gott hat mir seinen Sohn geschickt, weil er mich liebt. Er will, dass es mir gut geht, dass ich gerettet werde, dass ich mich freuen kann. Diese Freude ist wie ein Lebenselixier: der Kraftstoff für die Bewältigung meines Alltags. Deshalb lese ich jeden Morgen in der Bibel, um aufzutanken. Dabei gibt Gott diese Freude nicht wohldosiert. Er gibt nicht nur so viel, wie gerade in mich hineinpasst. Nein, Gott gibt so viel Freude, dass sie überfließt und ich genügend habe, um andere damit zu beschenken. Als Christ habe ich immer ein Geschenk für andere und es kostet mich nur ein Lächeln!

Elisabeth H. Knoth


Adventsserie zum Monatsspruch
Der Monatsspruch für Dezember steht bei Jesaja 49, Vers 13: »Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.«
In den Adventsausgaben werden wir einige Aspekte dieses Bibeltextes beleuchten. Nacheinander wird es um die darin vorkommenden Begriffe »jauchzen«, »freuen«, »trösten« und »erbarmen« gehen.

Der Plan des Pastors

9. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erlebt: Ein Tag mit Pastor Kleopa – Alltag in einer lutherischen Gemeinde in Tansania

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania ist mit 5,5 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes. Der Alltag eines Pastors unterscheidet sich deutlich von dem eines deutschen geistlichen Kollegen.

Lautes Hupen vor dem Gästehaus der Tumaini Universität von Makumira, einer Kleinstadt am Rande Arushas, im Norden Tansanias. Es ist acht Uhr 30. Pastor Kleopa Akyoo, der den Beinamen Petri trägt, seit er als Siebenjähriger getauft wurde, lässt den Motor laufen. Als ich in sein Auto steige, lege ich als erstes das Tuch ab, das ich mir vorher für den kurzen Weg vom Haus zum Auto um die Hose gewickelt habe. Auf dem Campus sind Hosen für Frauen strengstens verboten. Pastor Kleopa hingegen hat mich zu Beginn meines Gemeindepraktikums gebeten, welche zu tragen. Er ist ein Befürworter der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, besonders dort, wo Traditionen der Bildung und finanziellen Absicherung von Frauen im Wege stehen.

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Kinder – die Zukunft Afrikas – stehen nicht nur beim Gemeindefest im Pfarrgarten im Mittelpunkt. Foto: Jette Förster

Wir fahren zur naheliegenden Kirche, wo gerade Kindergartenkinder zum Unterricht eintreffen und Jugendliche auf den Schlüssel für den Computerraum warten. Beide Einrichtungen werden von der Gemeinde und Einzelpersonen getragen: Fast 500 Kinder und Jugendliche aus mittellosen Familien erhalten dort eine Mahlzeit am Tag und eine Bildungschance. Auch wir warten eine Weile auf einen Schlüssel, dann laden wir einen Generator in den Kofferraum zu unseren anderen Materialien, die wir für heute benötigen, und sind wieder auf dem Weg.

Drei Mal halten wir links, rechts und wieder links am Straßenrand. Jedes Mal hupt der Pastor jemanden herbei, tauscht Grüße und anderes aus, wofür meine Sprachkenntnisse in Kisuaheli noch nicht ausreichen, zückt ein großes Bündel Geldscheine, zählt mal 50 000, mal 100 000 Schilling (knapp 44 Euro) ab und hält sie aus dem Fenster. Auf diese Weise passieren wir eine Ziegelbrennerei, einen Neubau mit Zimmern für Studierende und die Gemeindefarm. Diese machen nur einen Bruchteil der vielen Nebengeschäfte aus, die fast immer zwischendurch – eben nebenher – versorgt werden. Ziel ist stets die Weiterfinanzierung: Der Ertrag der Farm fließt zu 30 Prozent in das Gehalt der Angestellten des Pfarrbezirks, das Wohnheim wird zu den Ausbildungskosten von Pastor Kleopas leiblichen und aufgenommenen Kindern beitragen, andere Projekte sichern ihm und seiner Frau eine Rente. Oder bezahlen den neuen Gebrauchtwagen, den wir letzten Sonntag eine dreiviertel Stunde lang mit Gebeten und unter Handauflegen eingeweiht haben und bei dem seither nicht mehr einfach die Beifahrertür aufgeht, wenn man sich aus Versehen dagegenlehnt.

Auch die Imbaseny Friedensschule, eine von Pastor Kleopa gegründete christliche Privatgrundschule, wird auf diese Weise unterhalten. Im ganzen Landkreis hat sie den besten Ruf. Der Direktor bespricht mit den Kindern eine Sitzordnung, damit beim Skypen später keine Zeit verloren geht, wenn sich die Schülerinnen vor der Webcam am Bildschirm hinknien, um gut gesehen zu werden. Eine Stunde lang unterhalten sich die Kinder mit der Hortgruppe einer katholischen Grundschule in Deutschland, stellen Fragen und beantworten welche, singen sich gegenseitig ein Lied vor und bringen sich ein Spiel bei.

Die tansanischen Kinder wundern sich, dass die deutschen erst mit sechs Jahren in die Schule kommen und in der vierten Klasse noch nicht fließend Englisch sprechen. Sie amüsieren sich prächtig, als auf ihre Nachfrage, ob im Religionsunterricht die Zehn Gebote gelehrt werden, mit: »Ja, aber ich kann jetzt keines aufsagen«, geantwortet wird. Als wir am frühen Nachmittag das Schulgelände wieder verlassen, um zum nächsten Termin zu fahren, werden gerade frische Ziegel für ein neues Gebäude angeliefert, welches ab nächstem Schuljahr den Klassen fünf bis sieben bereitstehen soll.

Pastor Kleopas Handy klingelt, kurz darauf erklärt er: Planänderung. Eine halbe Stunde später, bepackt mit frischem Hühnchen und Colaflaschen, kommen wir bei ihm zu Hause an. Dort deckt seine Frau Anna, die in einem Waisenhaus arbeitet, fünf große Töpfe ab, die mit Gemüse, Reis, frittierten Kartoffeln und Rindfleisch gefüllt sind. Erick, einer der Ziehsöhne der Familie, hat, noch bevor er seinen offiziellen Mastertitel in den Händen hält, seinen ersten Job als Bankangestellter gelandet: Das muss gefeiert werden.

Mittlerweile lasse ich mich ganz ohne schlechtes Gewissen einladen. Geld zum Essen beizusteuern wäre unhöflich. Traditionsgemäß – Gleichberechtigung hin oder her – ist des Pastors Adoptivtochter Neema (Gnade), die Lehramt studiert, den Abend über für die Küche zuständig und kommt erst zu Tisch, wenn alle anderen bereits für Kaffee und Tee auf den Sofas Platz genommen haben. Anna spricht ein Abendgebet, in dem sie dafür dankt, dass all ihre Kinder zu Hause sind; auch mein Name ist unter den Genannten. In der Dämmerung fährt mich Pastor Kleopa zurück zum Gästehaus.

Kurz nach 22 Uhr kommt noch eine SMS von ihm: Planänderung für morgen.

Jette Förster

Die Autorin, Jahrgang 1988, stammt aus Halle und studiert Theologie in Jena. Vor Beginn des Winter-Auslandssemesters an der Tumaini Universität in Makumira absolvierte Jette Förster ein Gemeindepraktikum bei Pastor Kleoba von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania. Unterstützung für die Arbeit von Pastor Kleopa ist über das Leipziger Missionswerk möglich.

www.lmw-mission.de

Der Wort-Hirte

7. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Michael Trowitzsch zum Tod von Klaus-Peter Hertzsch

So sitzt er am Feuer und erzählt, der zerbrechliche Hirte, dieser so mündliche Mensch, Klaus-Peter Hertzsch, der Wort-Hirte. Es ist dunkel. Neben ihm seine Sigrid. Er erzählt, wie er das meisterhaft kann, anschaulich und bildkräftig: von Jona und dem Fisch, von Bileam und dem Esel, von Daniel und den Löwen und von vielen, vielen anderen biblischen Szenen, ihrem Trost und ihrer Ermutigung, ihrer visionären Kraft, ihren Zielvorstellungen, ihrer Wanderung durch die Zeit, von ihrer Behütung der Armen und Elenden, von der Barmherzigkeit, auf die wir alle doch so angewiesen sind, er, der Erzähler, auch.

Mitteldeutscher Kirchentag 2013 in Jena: Klaus-Peter Hertzsch und seine Frau Sigrid beim Abendmahl. Foto: Jürgen Scheere

Mitteldeutscher Kirchentag 2013 in Jena: Klaus-Peter Hertzsch und seine Frau Sigrid beim Abendmahl. Foto: Jürgen Scheere

Unverwechselbar der Ton, den er anschlägt: beharrlich, tapfer, im Aufruf, den neuen Wegen zu vertrauen, und selbst aus diesem Vertrauen lebend. Ganz bewusst den Tag vor dem Abend lobend. Mit einem Untergrund tiefer Stille. Mit großer Sehnsucht. Er erzählt. Dem Erklären stellt er das kluge Erzählen gegenüber. Erzählend kann man vielleicht umso besser denken. Selber durchaus theoriestark, hält er am Vorrang des Praktischen fest. Er ergreift Partei: »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit!« Er ist einer von denen.
Und dann berichtet er ein wenig auch von seinem eigenen Leben. Von der Kindheit mit den Brüdern in der Pfarrer- und Professorenfamilie in Eisenach. Von der für ihn so wichtigen Musik Johann Sebastian Bachs. Von den Operationen und der lebenslangen Seh-Behinderung. Von seiner Zeit als Studentenpfarrer und dann als Professor für Praktische Theologie als Nachfolger seines Vaters ab 1969 in Jena. Von seinen inzwischen legendären Literatur-Vorlesungen. Von den Synoden auf den verschiedenen Ebenen, den unendlich vielen Andachten, Bibelarbeiten, Predigten, Vorträgen, Zeitungsartikeln, Gedichten. »Gebrauchstexte« nennt er das, es ist aber immer viel mehr. Die Ehrenbürgerschaft in Jena, die Verleihung der »Luther-Medaille«? Er erwähnt es von sich aus nicht. Stattdessen berichtet er ein wenig auch vom Ruhestand, der schweren Zeit der letzten Jahre in Pflegeheimen. Sigrid, Gott sei Dank, an seiner Seite.

Ja, eine Aura umgibt ihn. Im Alter noch mehr als früher. Eine anrührende, große Menschlichkeit, eine schwer zu beschreibende Vollmacht, etwas Charismatisches. Inzwischen eine Vertrauensperson und väterliche Gestalt, war er schon immer ein zutiefst versöhnlicher Mensch. Gerne spricht er vom »fleißigen« Kompromiss – der ihm in den verschiedenen Kontroversen dann auch häufig gelingt. Unfassbar viel verdankt die Thüringer Kirche seiner geistlichen, spirituellen Kraft – nicht zuletzt dem Seelsorger vieler Menschen aus den Gemeinden, aber auch dem Seelsorger vieler Seelsorger, Pfarrer und Pastorinnen, Oberkirchenräten, Bischöfen. In großer Dankbarkeit denken viele Generationen mitteldeutscher Theologen, viele Christen in Deutschland, Wissenschaftler, Politiker, Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen, Katechetinnen, Religionslehrer und -lehrerinnen, Menschen aus den verschiedensten Lebensbereichen an Klaus-Peter Hertzsch!

Aber dann erhebt er noch einmal die kräftige Stimme und sagt, was ihm nun, dem Ende zu, wichtig ist: »Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn!« Dass sie mutig weiterziehn: geradewegs auf den zu, der ihnen entgegenkommt, den Herrn. Und dann erreicht ihn, den Pastor, den erzählenden Hirten auf dem Felde der Zeit, der geheimnisvolle Ruf nach Bethlehem – um dort nun endgültig zu sehen. Endlich. Zu sehen, ganz und gar, mit unverschatteten, hellen Augen, mit endlich freigewordenem Blick – dem lichterlohen Augenblick. Und er macht sich auf den Weg, mit seinem bunten Schal, jetzt, im Advent. Das Land ist hell und weit.

Das ist unsere Zuversicht: Der, von Geburt an fast blind, seinerseits so viel zu sehen gab, der die Schönheiten und die Kraft der Geschichten so vieler biblischer Texte und der immer wieder ihre Hoffnungsbilder vor Augen gemalt hat – er wird schauen »die Geschichte, die da geschehen ist«. Gebe Gott es! Wie er erkannt worden ist vom göttlichen Guten Hirten, so wird er menschlich erkennen von Angesicht zu Angesicht, mit wunderbar aufgetanen Augen. Diese Sehnsucht wird erfüllt: »Ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde!«

Klaus-Peter Hertzsch, Pastor, Professor, Prediger, Seelsorger, Autor, Liederdichter, geboren 1930 in Jena, gestorben am 25. November in seiner Geburtsstadt.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Erinnerungen

Klaus-Peter Hertzsch predigen zu hören, war für ganz verschiedene Menschen eindrucksvoll, weil unser Leben durch das Licht der Barmherzigkeit Gottes erhellt wurde. Unser Lehrer hat in eindrucksvoller Weise die wissenschaftliche Auslegung der Heiligen Schrift und die kirchliche Lehre in die praktische Theologie einbezogen. Wir haben als seine Schüler begreifen können, dass gute Theologie solche Predigten ermöglicht.

Christoph Kähler, Altbischof und Weggefährte

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Als Vertreter der Jenaer Universität war Professor Hertzsch Mitglied der Thüringer Landessynode. Dort habe ich ihn nahezu 20 Jahre erlebt und seine sachlichen, auf Ausgleich zielenden Redebeiträge sowie seine Formulierungen in Beschlussvorlagen sehr geschätzt. Dankbar bin ich ihm auch für seine Andachten bei den Tagungen, die er nicht als Professor, sondern als Pfarrer und Seelsorger gehalten hat.

Karl-Heinz Jagusch, ehemaliger Präses der Thüringer Landessynode

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Mit seinem homiletischen Seminar war Prof Hertzsch auch in unserer Superintendentur. Dabei hielt er uns auch im Konvent eine Morgenandacht., natürlich auswendig. Nie habe ich vorher den 139. Psalm so eindringlich gehört, schlicht und betont zugleich, einfach und deshalb so tief eindrücklich. Und wenn ich heute eines seiner Bücher lese, höre ich immer seine unverkennbare Stimme. Was er sagte war stimmig und er selbst identisch. So hat er viele unserer Pfarrerinnen und Pfarrer geprägt.

Roland Hoffmann, Altbischof

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Ich bin dankbar, Klaus-Peter Hertzsch gekannt zu haben: Durch manche persönliche Begegnung und durch seine Veröffentlichungen. Er war ein aufmerksamer Zuhörer und ein begnadeter Erzähler. Besonders leuchtet für mich seine Liebe zur Heiligen Schrift: Im Hören auf die biblischen Texte und im Weitererzählen ihres unerschöpflichen Reichtums hat Klaus-Peter Hertzsch gelebt. Generationen von Pfarrern und Pastorinnen und unsere gesamte Kirche verdanken ihm sehr viel!

Ilse Junkermann, Landesbischöfin

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Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir 1990 als Erstsemester-Studenten zu Professor Hertzsch nach Hause eingeladen worden sind. Er konnte gut zuhören und Fragen stellen, die wirkliches Interesse zeigten. Später beim „politischen Salon“ in Jena war ich immer wieder beeindruckt, wie er bis zuletzt innerkirchliche, landes- und weltpolitische Themen durchdachte und akzentuiert in unseren Kreis einbrachte. Darüber hinaus verlor er nie den Blick für die Herausforderungen unseres Alltags.

Ulrich Matthias Spengler, Pfarrer in Bad Berka

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Der erste Tag an der theologischen Fakultät in Jena. Wir Studenten wurden von Professor Hertzsch empfangen. Die ersten Worte die er an uns richtete: Er zitierte aus dem Kopf 1. Korinther 13. Von den legendären Literaturvorlesungen zehre ich noch heute. Der Hörsaal platzte aus allen Nähten. Heinrich Böll, Christa Wolf, Johannes Bobrowski oder Max Frisch habe ich durch ihn kennen und schätzen gelernt.

Ralf-Uwe Beck, Kirchenrat

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Manuskripte können durch redaktionelle Bearbeitung durchaus gewinnen. Bei Klaus-Peter Hertzsch verbot sich jeder Eingriff. Dabei handelte es sich in der Regel um mündliche Rede, die später verschriftlicht worden war. Es war seine besondere Begabung, druckreif reden zu können mit Worten, die genau passten, die Gewicht hatten und die seine Zuhörer und Leser denken ließen: Genauso ist es! Klaus-Peter Hertzsch hat seinerseits die Predigten und Meditationen, Gedichte und Lieder, Balladen und das Krippenspiel nur als Gebrauchstexte für konkrete Anlässe und nicht als Literatur für die Nachwelt gesehen. Die widerspricht ihm entschieden und singt mit wachsender Begeisterung „Vertraut den neuen Wegen“, liest mit immer neuem Vergnügen die gereimten Geschichten aus dem Alten Testament und kann die Rollen aus dem Thüringer Krippenspiel auswendig. Solch eine Erfolgsgeschichte würde sich mancher Literat wünschen.

Christine Lässig

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“November 1989: erste große Demonstration in Jena. Am Eichplatz Halt, auf der Ebene vor der damaligen Mensa sind die Mikrofone aufgebaut. Wir, Vertreter der Bürgerbewegungen “Demokratie jetzt”, “Neues Forum”, “Demokratischer Aufbruch” und andere stehen mit Klaus-Peter Hertzsch vor den versammelten Demonstranten und sprechen über die Forderungen nach Freiheit, Demokratie und die neuen Hoffnungen eines Weges, der sich so langsam auftut. Klaus-Peter Hertzsch redet von der inneren Freiheit und warnt vor der Sehnsucht nach schneller und damit auch gefährlicher Übernahme wirtschaftlicher Strukturen im Blick auf die Bundesrepublik. Er spricht von den Ketten und Fesseln der Vergangenheit, die wir nicht gegen die neuen Ketten und Fesseln eintauschen sollen. Anfangs bekommt er viel Beifall von Tausenden, die auf dem Platz zuhören. Dann ein Satz, den Stille begleitet: “Auch Ladenketten können fesseln”, warnt er. Der Beifall kommt nur noch von einigen Wenigen. Ernüchterung. Weitsicht. Mitunter gilt der Prophet im eigenen Land am wenigsten…

Friederike Spengler (damals stud. theol. und stellvertr. Sprecherin für “Demokratie jetzt!” in Thüringen)

*

Kirche leiten durch Freundesrat

Zweimal hat Prof Dr. Klaus-Peter Hertzsch zu Entscheidungen geholfen, die das Leben meiner Familie und mein eigenes tief veränderten:

Zum ersten Mal, als der Visitator und Leiter des Aufsichtsbezirkes Süd unser Landeskirche OKR Ernst Köhler, mich dringlich bat, die Leitung der Grenzsuperintendentur Saalfeld mit 32 Pfarrstellen und 34 Gemeinden im grenznahen Sperrgebiert zu übernehmen.

Dort lebten die Menschen in einer belastenden Isolierung: Verwandte und Freunde konnten nur mit Sonderpassierschein zu Besuch kommen; – diese Scheine wurden oft verweigert.

Ein Studienfreund, Hans-Joachim Schoeps, jahrzehntelang Grenzpfarrer in Lichtentanne, bemerkte zu diesem Angebot: das würde nicht leicht für dich werden, ich würde mich freuen und viele andere auch:

Dazu Klaus-Peter: dort wird jemand gebraucht, der gerade in Konflikten mit staatlichen Stellen vorbehaltlos für seine Leute eintritt. Wärst Du dazu bereit ?

Ausweichend antwortete ich: vor Zeiten war das viel einfacher. Da kam ein Prophet des Weges, warf seinen Mantel über den Umworbenen und sachte schlicht „Du bist der Mann“!

Da legte Klaus- Peter des Kopf schief, sah mich lächelnd von der Seite an und stellte trocken fest – nicht immer sehen Propheten wie Propheten aus!

Wer wollte da noch diskutieren? Das zweite Mal griff er ein, als für das Ausbildungsdezernat im Landeskirchenrat jemand gesucht wurde. Er schrieb mir aus Erfahrungen, das die Auszubildenden jemand brauchten der mit Ihnen so lebt, dass sie sich begleitet fühlen könnten.

Ich werthe mich mit Händen und Füßen. Aus der vielseitigen Gemeindearbeit mit allen Generationen ausscheiden und nach Eisenach ins Amt wechseln. Nein! Ich bleibe in Saalfeld.

Dazu Prof. Dr. Hertzsch: „dann verbinde doch beides miteinander“: „Learning by Doing“ – im Leben mit der Gemeinde ausbilden. Predigen lernen durch Predigten halten und danach mit den Predigthörern darüber sprechen.

So geschah es. Die Jahre die dann kamen, zähle ich zu den reichsten in meinen Leben:

Dienstag für Dienstag in vielen Predigtkreisen „vor Ort“ unterwegs sein mit gründlichen gemeinsamen theologischen Arbeit zu den vorgegeben Predigttexten, danach Gespräche mit den Zuhörern.

Der inzwischen zum Universitätsprofessor berufene Freund blieb an unserer Seite – er kam, wann immer wir ich ihn brauchten zu Kirchenältenstentagen und Jugendkonventen.Nun ist er uns wieder vorausgegangen: „In jene Weiten“ wo sich im Osterlicht die Berge Gottes breiten. Diese Zeilen hat er mir vor kurzen erst geschrieben.

Hab Dank für Deine Treue, lieber Freund! Du bist nun am Ziel. Friede sei mit Dir! – Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Dein Ludwig Große (Oberkirchenrat i.R.) aus Bad Blankenburg

*

1.

Klaus-Peter Hertzsch liebte die weiten Ausblicke. So wenig er wirklich im Detail sehen konnte, was da vor ihm und vor uns lag, so sehr war er gewiss: ‚Das Land ist hell und weit’. Und bei aller Sorge um die Zukunft dieser armen Erde war in ihm die unverwüstliche Zuversicht, dass die Horizonte zuletzt hell sind. Noch in den späten Jahren und Tagen war der Blick in einen leuchtenden Abendhimmel für ihn ungeheuer tröstlich. Wie gern hat er sich auf unseren zahlreichen Spaziergängen auf einer Bank niedergelassen, um für ein paar Augenblicke den hellen Horizont, das freundliche Abendlicht zu genießen.

2.

Die Predigten von Klaus-Peter Hertzsch, vor allem in den späten achtziger und den neunziger Jahren, waren für mich Augenblicke voller Klarheit und Trost. Es war der Eindruck: der Prediger redet von meiner, von unserer Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit erschien vom Evangelium her, wie er es entfaltete und zur Sprache brachte, in einem neuen Licht. Und schließlich gab es selbst geradezu prophetisch mahnenden Worten angesichts himmelschreiender Zustände in dieser Welt immer ein Wort der Zuversicht. Immer ging es um die einfachen und großen Fragen: Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Wofür sind wir verantwortlich? Was trägt? Worauf gehen wir zu? Wer kommt uns entgehen?

3.

Darf man auch an so etwas erinnern? In den achtziger Jahren, als ich Mitarbeiter bei Klaus-Peter Hertzsch war, haben wir in den Dienstbesprechungen unglaublich viel geraucht. Er hat damals sein gesamtes Vorlesungsprogramm in der Praktischen Theologie noch einmal neu konzipiert. Da gab es viel Gesprächsbedarf. Denn er hat seine wichtigen Überlegungen immer aus der Begegnung, aus dem Dialog gewonnen. Und obwohl es seiner Gesundheit sicher nicht zuträglich war, wurde dabei wirklich viel geraucht. Als das Rauchen weniger opportun wurde, zeigte Klaus-Peter sich als großer Kuchenfreund. Noch in den späten Jahren konnten er für ein zweites Stück Kuchen alles andere stehen lassen, um vielleicht beim dritten zu sagen: Ich bin dem nicht gewachsen.

Dr. Matthias Rost, Pfarrer


Pfarrer Dr. Matthias Rost

Predigt zur Beerdigung von Klaus-Peter Hertzsch

am 11. Dezember 2015

in der Stadtkirche St. Michael in Jena

Gnade sei mit Euch, und Frieden von dem, der da war und der da ist und der da kommt!

Das Wort der Bibel für diese Stunde steht im Matthäusevangelium. Christus spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Liebe versammelte Gemeinde, liebe Trauernde! „Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn!“ Ich sage euch heute: Zieht weiter, Schwestern und Brüder! Klaus-Peter Hertzsch ist am Ziel. Zieht weiter „und wandert in die Zeit! Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.“

Ehe wir weiterziehen, halten wir inne, schauen wir zurück, erinnern wir uns dankbar an das gemeinsame Leben, an die gemeinsame Wanderung durch die Zeit. Erzählen wir, was unser Leben reich gemacht hat: Erinnerungen, Erfahrungen – und die Verheißung, die wir geteilt haben, die Verheißung des mitgehenden Christus, des entgegenkommenden Gottes: Ich bin bei euch.

Auch wenn wir viel verlieren: nichts ist verloren. Der Reichtum dieses großen Lebens in diesem fragilen Menschen bleibt uns. Er hat ihn mit uns geteilt, in seinen „Gebrauchstexten“, in den Gedichten und den biblischen Balladen, in Predigten und Vorträgen, – in farbiger Sprache, in nützlicher Lehre, im beharrlichen Gespräch, im hartnäckigen Fragen, im aufmerksamen Zuhören, und im Erzählen.

Im Erzählen war er lebendig: im Erzählen vom Allltag der kleinen Leute, im Erzählen seines eigenen Lebensch – und von unserer Sehnsucht und Hoffnung. Erzählen war die eigentliche Form seines Denkens und Redens. Die Kirche war ihm Erzählgemeinschaft. Von der „Wanderung durch die Zeit“ muss man erzählen. Von den großen Verheißungen und Hoffnungen des Glaubens kann man zuletzt überhaupt nur erzählen. Argumente helfen da wenig. Die dogmatische Tradition der Kirche, die den Glauben erklären will, ist ihm immer ein wenig fremd geblieben. Erzählen, was war. Erzählen, wie es wird.

Im Erzählen wird Vergangenes erinnert, wird Gegenwart verständlich, werden Konturen der Zukunft gewonnen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wie wollen wir leben? Worauf gehen wir zu? Wer kommt uns entgegen?

Erzählen wir also von Klaus-Peter Hertzsch! Erzählgemeinschaft auch wir – heute. Was aber sollen wir erzählen aus diesem selbsterzählten Leben? Es sind doch so viele Erinnerungen präsent unter uns.

Wir sehen ihn vom Ricarda-Huch-Weg hinabeilen in die Stadt, und tappend die Ibrahimstraße hinaufsteigen zur Sektion Theologie. Die braune Schultertasche, in der das Vorlesungsmanuskript und das Pausenbrot Platz haben. Schwer tragen konnte er nicht. Und mehr brauchte er nicht. Wir sehen ihn am Katheder stehen im Großen Hörsaal. Und wir hören ihn, wie er die Vorlesung beginnt, am Semesteranfang mit 1.Kor 13: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht …“ Und dann legt er seine Papiere zurecht, auf die er später nur gelegentlich einen Blick werfen wird; sie bieten ohnehin nur ein paar Stichworte. Er setzt die extrastarke Lesebrille auf, schaltet, etwas mühsam wegen seiner deformierten Hände, ein Diktiergerät ein, und beginnt.

Wir sehen ihn: mit Dir, Sigrid, zusammen am abgeräumten Frühstückstisch sitzen, noch ein Glas Tee vor sich. Du liest ihm vor, er hört Dir zu, mit untergeschlagenem Bein, mit geneigtem Kopf. Aufsätze, auf die er Bezug nehmen will, hast du ihm vorgelesen. Romane, die er in der Literaturvorlesung besprechen wird. Arbeiten von Studenten, die er bewerten muss.

Du, Sigrid, hast dein eigenes berufliches Leben aufgegeben und dich ganz in den Dienst des seinen gestellt. Da er seit seiner Jugend Gedrucktes nur noch mit größter Mühe entziffern konnte, war er auf Dich angewiesen, die Vorleserin und Frau seines Lebens.

Er war darum viel mehr ein Mensch des Hörens und des Redens als des Schreibens. Kurz vor seiner Emeritierung hat er mir gesagt: Wenn ich mich heute noch einmal um meine Professur bewerben müsste – mit meiner schmalen Veröffentlichungsliste hätte ich keine Chance.

Wir sehen ihn mit Dir, Martin, dem kleinen Jungen unterwegs durch Berlin, und selbst noch einmal neben dir in kindlicher, staunender Entdeckerfreude unterwegs in die Welt, in Berlin Mitte, auf dem Dorotheestädtischen Friedhof an Brechts Grab oder im Tierpark.

Und wir sehen dich neben ihm am Computer, wo er selbst spät noch gelernt hat, seine Stichworte in der ganz eigenen Kurzschrift endlich groß aufzuschreiben. Wie Du ihm den Text rettest, den er wieder einmal zum Absturz gebracht hat.

Sie, die Brüder, sehen ihn, den älteren Bruder in Eisenach, im Pfarrhaus am Ehrensteig. Den Schuljungen, den Chorsänger. Er musste vorsichtig sein wegen seines bedrohten Augenlichtes. Er sollte jede körperliche Anstrengung vermeiden. Er ging darum handfesten Konflikten schon damals und auch später lieber aus dem Wege.

Wir sehen ihn im Pfarrhaus Tautenburg, damals Wochenendquartier der Jenaer Studentengemeinde, oben am Giebelfenster stehen mit einem Blick ins freundliche Tal.

Da hat er die Danielballade gerade

in einer Nacht vollendet.

„Ein schöner Morgen kam in Sicht,

der Beter stand im Morgenlicht.

Die ganze Schöpfung war erhellt

und lobte Gott, den Herrn der Welt.“

Wir sehen ihn, eine Zigarette mehr paffend als rauchend, in einer Gruppe von Studenten stehen. Da ist er zwar eine Generation älter, aber fast so jung wie sie. Alles Leben ist Begegnung. Und gute Theologie entsteht im Gespräch. Am Ende kluger Debatten stand für ihn nie das Urteil: Das ist richtig oder falsch. Sondern: Das leuchtet mir ein – oder nicht.

Wir sehen ihn auf einer Synodaltagung sich mit seiner unverwechselbaren Geste zu Wort melden. Und er trägt eine Erklärung vor, die der kluge Arbeiter an „fleißigen“ Kompromissen mit ein paar Mitstreitern in späten Nachtstunden erarbeitet hat. Mit verhaltenem Stolz hielt er sich zugute: er habe sein Lebtag nie eine Unterschrift unter einen Text gesetzt, den er nicht selbst mit verfasst hatte.

Und wir sehen ihn, nein, wir hören ihn, am Heiligabend 22 Uhr drüben in der Friedenskirche – oder in der Silvesternacht hier auf dieser Kanzel predigen. Er legt uns die Jahreslosung des kommenden Jahres aus. Und während die Silvesterböller draußen unsere dumpfe Zukunftsangst hier drinnen untermalen, spricht er von der Klarheit des Herrn und der Freundlichkeit Gottes, die uns zugewandt bleiben wird auch im kommenden Jahr. Zu klein, beschämend ungläubig fand er immer die Hoffnung, dass es in unserer behüteten Welt noch eine Weile so bleiben möge wie es ist – während draußen die geringsten Schwestern und Brüder nichts sehnlicher hoffen, als dass diese Welt endlich anders werde: die Hungernden in Afrika, die in den Trümmerstädten in Syrien, die globalen Arbeitssklavinnen in den Textilfabriken in Bangladesh. Hoffen, dass es anders wird!

Und so hat er immer von neuem die großen Hoffnungsbilder der Bibel proklamiert: vom Shalom zwischen Mensch und Natur, von der großen Festtafel, vom großen Essen, zu der alle eingeladen sind von Norden und Süden, von Ost und West, vom Erdreich, das den Sanftmütigen gehört, von der Stadt, in der Gott bei den Menschen wohnt und alle Tränen abgewischt werden. „Darauf lasst uns hoffen und zuleben! Das lohnt sich.“

Wir haben uns angelehnt bei ihm, der selbst so bedürftig erschien. Bedürftig sich anzulehnen, geleitet und getragen zu werden. Er war eine transparente Existenz. Nicht so, wie die Medienstars, bei denen die Pressescheinwerfer noch in den privatesten Winkel leuchten – es gab manches, das er lieber verborgen hielt. Vielmehr so, wie bei einem alten Weihnachtstransparent: Durch das dahinter stehende Licht treten die Konturen deutlicher hervor – Kein Glaubensheld, sondern ein Mensch, der sich im Menschlichen bewährt.

Im Kloster Drübeck haben wir vor einigen Jahren den Tagungsräumen Namen gegeben, Namen bedeutender Persönlichkeiten unserer Kirche. Fürs Pastoralkolleg stand ein Namen schnell fest: es sollte der von Werner Krusche sein, dem Bischof der Kirchenprovinz in den 70er/80er Jahren. Wir suchten nach einer Persönlichkeit, die für die Thüringer Hälfte unserer neuen Landeskirche ähnlich prägend und orientierend gewirkt hat. Ich schlug Klaus-Peter Hertzsch vor. Kann man einen Lebenden bitten, seinen Namen dafür zur Verfügung zu stellen?

Ich habe ihm unsere Überlegungen geschildert. Und seine Antwort, in seiner unnachahmlich bescheidenen Eitelkeit: Matthias, da fällt mir auch niemand ein, der passender wäre.

Seitdem hat ein Raum in Drübeck seinen Namen. Und wir sind dort gewesen vor zwei Jahren. Da war eine Tagesfahrt schon ein kleines Abenteuer.

Im Übrigen hatten die letzten Jahre wenig Abenteuerliches. Er konnte nur schwer akzeptieren, dass Ihr Euer Zuhause am Ricarda-Huch-Weg vor drei Jahren aufgeben musstet. Er hat darunter gelitten, dass er sich auf sein früher phänomenales Textgedächtnis zuletzt nicht mehr verlassen konnte. Er hat sich durch manchen Morgen mühsam in den Tag gekämpft. Und hatte oft das Gefühl, aus der Mitte des Lebens nun ganz an den Rand geraten zu sein.

So viele Erinnerungen: Geschichten, Begegnungen, Augenblicke. „presente“ – ruft die Gemeinde in Lateinamerika, wenn der Name eines Verstorbenen genannt wird. „presente“, Klaus-Peter Hertzsch. „presente“ sagt Christus: ich bin bei euch.

Christus spricht: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Das hat er uns aufgetragen zu hören in dieser Stunde. Seinen Konfirmationsspruch. Den hat er sich selbst ausgesucht. Schon mit 13 wurde er von Vater Erich konfirmiert. Der war Religiöser Sozialist und SPD-Mitglied gewesen und hatte Juden aus Nazideutschland zur Flucht verholfen. Er hat, wie die Söhne erst später erfuhren, ständig damit gerechnet, dass er irgendwann entdeckt und die Gestapo ihn mitnehmen würde. Und er wollte, dass seine Jungen ihn als den in Erinnerung behalten, der sie in die Gemeinde einführt.

Klaus-Peter hatte schon seine ganze Schulzeit hindurch die Erfahrung gemacht, dass er mit seiner Behinderung nicht zu den Starken, Durchsetzungsfähigen, zu den Beinharten gehörte. Und er hatte die ganz frühe Erfahrung einer abgrundtiefen Verlassenheit gemacht, die ihn lebenslang nicht losgelassen hat: Als Mutter Karen den Fünfjährigen zu einer ersten Augenoperation nach Berlin gebracht hatte, in dieses hohe dunkle Gebäude und ihn dort zurücklassen musste unter lauter fremden Menschen, Schwestern, Pflegern, Ärzten, in einer fremden, bedrohlichen Welt. Und wie er der Mutter nachsah, die das Zimmer verließ und das Haus – und der kleine Junge blieb da völlig allein.

In einem Seminar zum „Predigen im Krankenhaus“ hat er einmal mit uns über seine Erfahrungen nachgedacht, die er in verschiedenen Lebensphasen als Patient gemacht hatte: weitere Augenoperationen in der Kindheit. Tage in völliger Dunkelheit. Die erste Narkose, und wie im Schwinden der Sinne ein grauenvoller Chor von Geisterstimmen ihn umgibt: „Jetzt haben wir dich! Jetzt haben wir dich!“ Die Lungenoperation in Zürich, die der Tuberkulose ein Ende setzen sollte. Die späteren Operationen seiner rheumazerstörten Hände.

Und er hat erzählt: diese Nacht nach der Lungen-OP, dieses Fallen, diese bodenlose Einsamkeit, ohne Zeit und Raum, ohne Vergangenheit und Zukunft, zwischen Leben und Tod, absolut einsame Gegenwart, das war die Hölle. Darum war, wie es früher im Glaubensbekenntnis hieß, Christus sei „niedergefahren zur Hölle“, tröstlich für ihn: zu wissen, in welche Abgründe du auch versinkst: Christus kennt das. Er war auch da. „Ich bin bei euch.“ Auch in der Höllenerfahrung, auch dort.

Und dann hat er dieses abgrundtiefe Alleinsein und die Angst darin als ein Urtrauma der Menschheit erkannt: in dieser Welt völlig allein gelassen zu sein, mit unseren Ängsten, mit unseren Problemen, mit unserer Ratlosigkeit, mit unserer Verantwortung: Bodenlose Einsamkeit, Gottverlassenheit.

Aber in solche Angst und Ratlosigkeit hinein spricht nun der auferstandene Christus: „Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Den Jüngern, zu denen Christus spricht, sitzt noch das Entsetzen des Karfreitags in den Gliedern. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und nun nimmt der Auferstandene Abschied von ihnen, und sie sehen ihm nach, „und sie zweifeln“. Er aber schickt sie weg, in eine fremde Welt, zu unbekannten Menschen. Tauft sie, gebt weiter, was ich euch gelehrt habe: „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Alles was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, tut auch ihr ihnen.“ Das lehrt sie. Geht. Abschied.

Es ist aber ein Abschied, der ganz anders ist. Sonst sagt der, der geht: Behaltet mich in guter Erinnerung! Und haltet euch an das, was ich euch gesagt habe. Von jetzt an müsst ihr ohne mich auskommen.

Hier aber sagt einer, der Abschied nimmt: Geht, aber ich bin bei euch.

Als der Evangelist dieses Wort aufschrieb, da war freilich schon ein ganzes Lebensalter ins Land gegangen seit diesem merkwürdigen Abschied. Da hatten die Jünger nicht nur die überraschende Zusage und Verheißung. Da hatten sie längst auch die überzeugende Erfahrung: Es ist wahr, er ist bei uns gewesen, all die Zeit: im einsamen Boot auf nächtlicher stürmischer See, und auf der Wanderung durch das weite Land. In Trümmerstädten, und als wir unsere Hoffnung streitbar verteidigen mussten vor den Großen der Welt. Als wir in großer Gemeinde versammelt waren, aber auch als wir völlig einsam waren in einem lichtlosen Kerker. Er ist bei uns gewesen. Nicht nur an besonderen Tagen, an Tagen einer starken Erinnerung oder einer freundlichen Fügung oder in Glücksmomenten. Sondern alle Tage, eingeschlossen die mühsamen, die tristen, die dunklen Tage, von Montag bis zum Wochenende, von Neujahr bis zum Jahresende, von der Taufe bis zum Lebensende. Alle Tage. Sollte das nun nicht auch gelten von heute an, bis ans Ende der Welt? „Ich bin bei euch.“

Und nicht zufällig steht wohl nun unmittelbar vor diesem Christuswort erstmals in der Heiligen Schrift der Name des dreieinigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, in den hinein sie taufen sollen. Denn hier zeigt sich bereits die Erfahrung der frühen Christinnen und Christen: „der Herr, mit dem wir redeten und handelten“, „und der so vielgestaltig uns begegnet“ – der ist bei uns auf eine geheimnisvoll vielfältige Weise, und doch immer ein und derselbe.

Als Schöpfer, der sich zeigt in Morgenlicht, wie in den Farben des Herbstes, im Neugeborenen und als einer der uns trägt bis ins Alter.

Als Heiliger Geist, in Kraft, in Liebe und Besonnenheit, in Klarheit, in Freundschaft und in großer Gemeinde. Und zuletzt doch als einer von uns: mit menschlichem Antlitz, gezeichnet vom Lieben und Leiden auf dieser Erde und zugleich mit leuchtendem Angesicht. Geheimnis des Glaubens: Ich bin bei euch. „Er blieb sich immer gleich, doch wir sind die Verwandelten.“

Am Abend, bevor er gestorben ist, war ich bei Klaus-Peter. Wir haben den Psalm gebetet: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe.“ Und mit Sigrid zusammen haben wir das Abendlied gesungen, das er sich oft gewünscht hat: „Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod.“ Dann habe ich seine Aufmerksamkeit noch einmal auf das Bild gelenkt, das Sie jetzt vorn auf dem Blatt haben. Jahrzehntelang hing es in seinem Zimmer, über seiner Schlafstatt. Und wer jemals am Richarda-Huch-Weg bei ihm zu Besuch war, hat es dort gesehen. Auch an seinem letzten Lebensort, im Gertrud-Schäfer-Haus hing es über seinem Bett. Und nun habe ich ihm noch einmal gesagt, was er ja inwendig kannte: wie die drei Könige unter der Decke liegen, einer schon wach, denn der Engel hat ihn angerührt – und der weist auf den Morgenstern. Weist den Weg ins Kommende, dorthin wo Gott und Mensch zusammen sind für immer.

Unter diesem Bild ist er gestorben. „Noch am Abend brechen wir auf.“ – „Siehe, ich bin bei euch“, spricht Christus, „alle Tage“, bis an euer Ende, „bis an der Welt Ende.“

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher größer ist als all unser Verstehen und Begreifen, bewahren unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Pfarrer Dr. Matthias Rost

Jacob-Michelsen-Str. 5

07749 Jena

Tel 03641-425352

mmrost@googlemail.com

Schatzkammer des Lebens

2. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das indische Projekt »Navdanya« bewahrt altes Saatgut und kämpft gegen Mangelernährung

»Satt ist nicht genug«, sagt das evangelische Hilfswerk »Brot für die Welt«. Die Organisation kämpft für gesunde und bezahlbare Nahrung aus umweltschonendem Anbau. Am Fuß des Himalaja zeigt Kleinbauer Prakash Badomi, wie es gehen kann.

Mit einem großen Schlüssel öffnet Prakash Badomi das Vorhängeschloss, das den Speicher auf seinem Hof schützt. Langsam schiebt der Bauer die Tür aus schwerem Zedernholz auf. Der Blick geht in eine spärlich vom Tageslicht erhellte Schatzkammer, die sein wichtigstes Kapital bewahrt: Saaten für Reis, Hirse, Weizen und Gemüse. Das Lager im kleinen Dorf Kandiyal am Fuß des Himalaja ist auf Stelzen gebaut und so vor Nagern geschützt. »Früher mussten wir das alles kaufen, heute erzeugen wir es selbst«, sagt der 57-Jährige, Oberhaupt einer neunköpfigen Familie. »Und das völlig ohne Kosten.«

Die Region gilt als Wiege des roten Reises und liegt in einem Seitental der Yamuna, die sich mit tosenden Wassern von den Höhen des Himalaja durch ein schroffes Tal wälzt und später Neu-Delhi passiert. Hier, rund zehn Autostunden nördlich der indischen Hauptstadt im Bundesstaat Uttarakhand, wirtschaftet der Öko-Bauer Badomi auf einem Hof, der nur drei Hektar umfasst. »Und doch können wir gut von dem leben, was wir anbauen«, sagt der Mann.

Industrielle Landwirtschaft wird massiv subventioniert

Seit sieben Jahren arbeitet die Familie mit »Navdanya« zusammen, einer Partnerorganisation des evangelischen Hilfswerkes »Brot für die Welt«. Die indische Umwelt-Aktivistin Vandana Shiva (63) hat das Projekt 1991 gegründet. Seither kämpft sie gegen die vom indischen Staat massiv subventionierte industrielle Landwirtschaft, die von multinationalen Konzernen, wie dem US-amerikanischen Saatgut-Riesen Monsanto, kontrolliert wird. »Das Geschäft der Multis stützt sich auf den Einsatz teurer Hybridsaaten in Kombination mit chemischen Düngemitteln und Pestiziden«, sagt Shiva, die für ihre Arbeit 1993 den alternativen Nobelpreis bekommen hat.

Die indische Umwelt-Aktivistin Vandana Shiva in der Saatgutbank der Navdanya-Farm »Bija Vidyapeeth« im Doon Tal bei Dehradun. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, hat die Organisation Navdanya 1991 gegründet. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Die indische Umwelt-Aktivistin Vandana Shiva in der Saatgutbank der Navdanya-Farm »Bija Vidyapeeth« im Doon Tal bei Dehradun. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, hat die Organisation Navdanya 1991 gegründet. Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

»Navdanya« bewahrt lokale Saatgutsorten und verteilt sie kostenlos an Bauern wie Badomi, die später das eineinhalbfache der Menge an die Saatgutbank zurück- oder an andere Höfe weitergeben müssen. Zwar sind Hybrid-Erträge höher, doch industriell gezüchtete Pflanzen haben auch massive Nachteile: Hybride sind gewissermaßen Einwegpflanzen. Die aufwendig herangezüchteten Eigenschaften verlieren sich bereits in der zweiten Generation. Für Nachzüchtungen ist das Hybridsaatgut nicht geeignet. So war Badomi vor der Zusammenarbeit mit »Navdanya« gezwungen, jedes Jahr aufs Neue teures Saatgut einzukaufen.

Bauern werden unabhängig von Saatgutproduzenten »Navdanya« dagegen züchtet auf seiner Versuchsfarm in der Provinz-Hauptstadt Dehradun Saaten, mit denen Bauern problemlos arbeiten können. Mittlerweile lagern hier hinter dicken Lehmwänden kühl und trocken mehr als 2 000 verschiedene Saaten. Darunter finden sich alleine 711 unterschiedliche Reissorten und lange vergessene Feldfrüchte wie die Fingerhirse, die viel Kalzium und Eisen enthält. Oder Amarant, das reichlich Proteine, Kohlenhydrate und ungesättigte Fettsäuren liefert. »Navdanya« schult Bauern auch im Aufbau vielfältiger Küchengärten, zu denen altbewährte Sorten wie diese gehören.

»Wir haben früher nur drei Feldfrüchte angebaut, jetzt sind es mehr als 20«, zählt Badomi auf. Bei ihm wachsen neben Reis und Hirse auch Hülsenfrüchte, Ingwer, Chili und Gurken. »Die Vielfalt hilft uns«, meint Badomi, der von »Navdanya« auch gelernt hat, mit eigenem Kompost zu düngen und selbst einen Sud herzustellen, mit dem er seine Pflanzen vor Schädlingen schützen kann. Dafür werden Walnussblätter mit Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln, Hanf, Blättern vom tropischen Neembaum, Kuh-Urin und Wasser aufgegossen und 20 Tage angesetzt.

»Das Menschenrecht auf Nahrung ist erst dann umgesetzt, wenn Menschen nicht nur die richtige Menge, sondern auch die richtige Vielfalt zu sich nehmen«, sagt die Präsidentin von »Brot für die Welt«, Cornelia Füllkrug-Weitzel. Das Thema Mangelernährung ist deshalb auch Schwerpunkt der 57. Spendenaktion des Hilfswerkes, die unter dem Motto »Satt ist nicht genug« am 29. November, dem ersten Advent, mit einem zentralen Gottesdienst in Hannover eröffnet wird.

Sortenvielfalt schützt vor Mangelernährung

»Mangelernährte Frauen, Kinder und Männer werden schneller Opfer von Krankheiten«, warnt Füllkrug-Weitzel. Fehlende Vitamine, Eiweiße und Mineralien führten zu Wachstumsstörungen, Hirnschäden oder Blutarmut. Durch den Erhalt vielfältigen Saatgutes könne dem wirksam begegnet werden. Doch die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (FAO) geht noch von rund zwei Milliarden Menschen aus, die mangelernährt sind. Darunter sind mehr als 800 Millionen Hungernde.

Im Kampf gegen den Hunger setzt »Brot für die Welt« insbesondere auf die Zusammenarbeit mit Kleinbauern wie Badomi, die sich gut selbst versorgen können und keine Kredite für den Ankauf industrieller Saaten, Dünger und Pestizide brauchen. »Kleinbauern bekommen die Kredite meist nur beim Geldverleiher im Dorf, der dafür Wucherzinsen von zehn Prozent verlangt«, sagt Biraj Patnaik, nationaler Sonderberichterstatter des indischen Verfassungsgerichtes für das Recht auf Nahrung.

Inzwischen mehr als 50 regionale Saatgutbanken

Ein Weg, der nicht selten in die Katastrophe führt: Steigende Kosten, sinkende Erlöse und vor allem Missernten haben in den zurückliegenden Jahren 300 000 indische Bauern erst in die Überschuldung und dann in den Suizid getrieben. Auch deshalb müsse der Einfluss der multinationalen Konzerne in der indischen Landwirtschaft zurückgedrängt werden, fordert Patnaik.

Rund 70 Prozent der etwa 1,2 Milliarden Inder leben auf dem Land. Doch die wenigsten von ihnen, nämlich zwei Prozent, betreiben Öko-Landwirtschaft. Die meisten hantieren noch immer mit krebsauslösenden Pestiziden, vor denen sie sich meist nur ungenügend schützen. Doch langsam wächst das Netzwerk von »Navdanya«, zu dem mittlerweile über 50 regionale Saatgutbanken gehören. Mehr als eine Million Farmer sind im Projekt registriert. »Wir brauchen jetzt nur noch Zucker, Salz, Tee und Gewürze zuzukaufen«, freut sich Prakash Badomi. Für ihn ist klar: »Uns geht es jetzt viel besser als früher. Gesünder können wir uns nicht ernähren.«

Dieter Sell (epd)

Halleluja auf der Leinwand

2. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmrezension: »Wie auf Erden« zeigt die transformierende Kraft der Musik

Der Film »Wie auf Erden« erzählt eine Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht.

Vor uns auf der Bühne steht Lena, eine energievolle Country-Sängerin. Um sie herum eine Dorfkapelle in einem proppenvollen Tanzsaal. Lena gibt ihr Bestes. Gerade in diesem Moment setzen bei der hochschwangeren Frau die Wehen ein. Was nun folgt ist Dramatik pur: Eine Autofahrt zur Klinik durch nächtlichen Schneesturm, eine Alkoholleiche am Wegesrand und eine erfolgreiche Hausgeburt mithilfe des Dorfpfarrers Stig, der reanimierten »Alkoholleiche«. Lena (Frida Hallgren), Mitte dreißig, ist nicht nur die Hauptperson des neuen Filmes von Kay Pollak, sondern zugleich das Bindeglied zu dessen erfolgreichem Musikfilm »Wie im Himmel«. Lange hat man den Regisseur zu dieser Fortsetzung gedrängt; jetzt – elf Jahre später – hat er es fast mit dem gleichen Personal getan. Und so setzt sich die Geschichte fort:

Aus Dankbarkeit für die Hebammendienste von Stig (Niklas Falk), willigt Lena ein, die Leitung des herrenlosen Dorfchores von Ljusåker zu übernehmen und mit ihm nichts Geringeres als Händels »Messias« einzustudieren. Durch ein fantastisches Jubiläumskonzert – live vom Fernsehen übertragen – wäre die Kirche endlich wieder einmal voll, so glaubt der Pfarrer, der kurz vor seiner Absetzung steht, was Lena verhindern möchte.

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Filmszene: Lena (Frida Hallgren) dirigiert das festliche Jubiläumskonzert. Foto: PROKINO Filmverleih GmbH

Obwohl ihr einige Skepsis und offene Feindschaft durch Bruno, einen Rivalen für das Händel-Dirigat, entgegenschlagen, gelingt es Lena mit ihrer fröhlichen Art, nach und nach die Gemeindeglieder von ihrer Idee zu überzeugen; das Kirchenleben soll mehr Freude und Überzeugung ausstrahlen. Also: Kirchenbänke raus, Tanzboden rein und ein Benefizkonzert der besonderen Art, durch das der Kreis ihrer Unterstützer wächst – allerdings auch der Gegner aus dem Gemeindekirchenrat. Aber nicht nur ihre alten Wegbegleiter und jede Menge neue Singbegeisterte stärken ihr den Rücken, auch Axel (Jakob Ofterbo) tritt in Lenas Leben und lässt sich nicht so leicht wieder vertreiben.

Kay Pollak und seine wunderbaren Schauspieler erzählen diese Geschichte, in der es auch um Leben und Tod geht, mit großer Leidenschaft und aus einer Perspektive der Zuversicht. Sie sind überzeugt, dass »es keinen besseren Weg gibt, Menschen zusammenzubringen, als sie gemeinsam singen und tanzen zu lassen«. Und so endet der Film, wie er begann: mit Musik. In einer ungewöhnlichen Version für sehr gemischten Chor und Band kommt es in der überfüllten Kirche zu einer mitreißenden Aufführung von Händels »Messias«. Das berühmte »Halleluja, Halleluja« bringt die Gemeinde zum Jubeln und lässt Stig, der inzwischen dem Alkohol entsagt hat, still und stolz lächeln.

Leider begnügen sich die Filmemacher nicht mit diesem Ende, sondern versuchen außerdem, die sich anbahnende Liebe zwischen Lena und Arne zu problematisieren und den Tod eines geistig behinderten Chormitglieds zu dramatisieren. Das streckt diesen ansonsten vergnüglichen Film, der vor wunderschöner Naturkulisse gedreht wurde, auf 130 Minuten Spieldauer. Schade, weniger wäre mehr gewesen. Musikfreunde sollte das nicht davon abhalten, sich von »Wie auf Erden« begeistern zu lassen. Dazu muss man den ersten Teil nicht gesehen haben.

Matthias Caffier

Kinostart: 3. Dezember 2015

Jauchzet, frohlocket!

1. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Musik und Emotionen: Ein Gespräch mit dem Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach beginnt mit einem grandiosen Eingangschor. Über die Aufforderung zu jauchzen äußert sich der Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Kreile, in diesen Tagen probt der Dresdner Kreuzchor das Weihnachtsoratorium, das mit einem kraftvollen Chor beginnt. Das »Jauchzet, frohlocket« bringt jubelnde Freude zum Ausdruck. Färbt diese Musik auf den Alltag des Kreuzkantors ab?
Kreile:
Im Alltag habe auch ich nicht so oft Gelegenheit zum Jauchzen. Reine, ungefilterte Freude auszudrücken, ist dem Menschen heute nicht mehr so oft möglich. Er geht seinem Beruf nach, ist eingebunden in bestimmten Beziehungsgeflechten. Er ist meistens beschäftigt mit der Bewältigung der Alltagsprobleme und -sorgen. Das Leben hat sich insgesamt beschleunigt. Zum Aufbau einer gefühlsmäßigen Haltung, die dann zum Jauchzen führt, fehlt vielleicht die Zeit und die Gelegenheit. Man muss Dinge auf Abstand halten können, um jauchzen zu können. Man darf nicht belastet sein. Muss sich Themen zuwenden können, die den Rahmen des Alltäglichen sprengen. Niemand würde sagen, wenn er sich diesen oder jenen Gegenstand gekauft hat, ich habe gejauchzt. Nein, man jauchzt, wenn man eine menschlich erfüllende Nachricht bekommt. Etwa wenn jemand, der einem nahesteht, eine Krankheit überwunden hat. Es ist ein Qualitätsniveau ganz besonderer Art, wenn jemand zu jauchzen beginnt.

Wenn man das Jauchzen des Eingangs­chores hört, bekommt man Gänsehaut. Hat Johann Sebastian Bach eine musikalische Ausdrucksform gefunden, die ihresgleichen sucht?
Kreile:
Als der Barockmeister sich dem Text und dem Emotionsgehalt dieser Worte näherte, fand er eine bereits vorhandene, von ihm komponierte musikalische Ausdrucksform, die ihm geeignet erschien: Der Anfang der Kantate »Tönet, ihr Pauken!« Ein romantischer Komponist hätte das Wort »jauchzen« musikalisch anders umgesetzt. Und wenn man als Komponist heute diesen Text vertonen wollte, könnte man sich Ekstatischeres vorstellen als in der Tiefenlage anzufangen. Aber es hat funktioniert. Die Kombination dieser Worte mit dieser Musik wird in der ganzen Welt gern gehört. Das große Reservoir, aus dem das Jauchzen gespeist wird, teilt sich mit, springt auf andere über, entwickelt Kraft.

Obwohl wir sagen müssen: Sowohl das, was Jauchzen ist, als auch das, was es inhaltlich transportiert, wird im Weihnachtsoratorium entwickelt. Die Pracht und Lebendigkeit dieses Eingangschores, die Trompeten, die Tonart D-Dur und das Umfeld, auch die Zeit, das alles spielt eine Rolle, so dass wir das »Jauchzen« hier an seinem richtigen Platz wahrnehmen.

Moderne Musik vermag sicher auch Ekstase auszulösen. Gibt es dort Vergleichbares, das eine ebensolche Kraft und Wirkung entfalten kann wie Bachs »Jauchzen«?
Kreile:
Nein, das wüsste ich jetzt nicht. Es gibt sicher Stücke, die Ekstatisches ausdrücken können – nicht unbedingt verknüpft mit dem Wort »Jauchzet«. Stücke, die starke emotionale Bewegung und Freude ausdrücken. Doch die Wirkung dieser Bach’schen Musik, insbesondere die des Wortes »Jauchzet« muss man auch immer im Zusammenhang mit der gesamten Erfolgsgeschichte und der Prägung unserer abendländischen Kultur betrachten.

Das Wort »jauchzen« wird im Alltag nicht mehr gebraucht, es wirkt altmodisch …
Kreile:
Es gibt Worte in unserem deutschen Sprachschatz, die zwar noch allgemein verstanden, die von vielen auch mit bestimmten Emotionen assoziiert werden, die aber nicht mehr im Alltagsgebrauch vorhanden sind. Der Begriff »jauchzen« gehört unbedingt dazu, ebenso »jubilieren«. Es sind Worte, die ihre Wurzeln in der deutschen Bibelübertragung haben.

Als Leiter des Dresdner Kreuzchores obliegt Roderich Kreile auch die Funktion eines städtischen Intendanten. Foto: Sabine Kuschel

Als Leiter des Dresdner Kreuzchores obliegt Roderich Kreile auch die Funktion eines städtischen Intendanten. Foto: Sabine Kuschel

Mich fasziniert in diesem Zusammenhang, was die Forschung über Ausdrücke, die eine so große emotionale Wirkung haben, herausgefunden hat. Wie sich die Sprache des Menschen entwickelt hat, darüber gibt es Theorien. Eine Zeitlang dachte man, dass es zuerst Vorformen des Sprechens gab und sich danach das Singen entwickelt hat. Aber inzwischen gibt es Hinweise, dass es wahrscheinlich anders war. Es handelt sich um eine Zusammenführung. Aus einer Art melodiösem Summen mit bestimmten Vokalbildungen haben sich dann sowohl die Sprache als auch das Singen entwickelt.

Der Vormensch hat in der Natur nicht nur das wahrgenommen, was seine Artgenossen ausgedrückt haben, sondern auch das, was er in der Tierwelt beobachtet hat: die Kommunikation von Vögeln. Auch Warnrufe, sowohl aus der Vogelwelt als auch von anderen Tiergattungen. Warnrufe, die auch heute noch beim Menschen physische Reaktionen hervorrufen. Zum Beispiel, wenn man das Kreischen eines Stückes Kreide auf einer Schiefertafel hört, zuckt man zusammen, erschrickt. Man vermutet, dass dieses Geräusch mal ein Warnruf war und deshalb so auf den Menschen wirkt.

Ebenso wird der Mensch die Freude der Schöpfung, der Kreatur bemerkt haben im Tirilieren, im Jubilieren. Ich komme immer wieder auf die Vögel zurück, weil die Menschen aus dem, was in der Vogelwelt geschah, sicher viele Informationen gezogen haben.

Wenn es für manche besonderen emotionalen Erlebnisse an Worten fehlt, vermag die Musik dies auszudrücken?
Kreile:
Ein Mensch, der von Emotionen überschwemmt wird, wird nicht sagen: »Freude, Freude, Freude« oder »Zorn, Zorn, Zorn«. Sondern der ganze Körper, die Physis reagiert und er wird Laute ausstoßen, er wird jauchzen, er wird nicht intellektuell argumentieren, kommunizieren, sondern er wird den Vorgängen, die seine Seele bewegen, unmittelbar Ausdruck verleihen. Und eine Glückserfahrung ist dann Auslöser für das Jauchzen. Das direkte, unverfälschte Hervortreten der freudig bewegten Seele. Ja und ich würde dem heutigen Menschen sehr gönnen, dass er diese Erfahrung öfter macht.

Die Weihnachtsmusiken sind eine Gelegenheit dazu. Die Menschen, die scharenweise ins Weihnachtsoratorium strömen, kommen gewiss auch in der Erwartung, durch die Musik in diesen besonderen Gefühlszustand gehoben zu werden.
Kreile:
Ja, wenn die Leute in der Weihnachtszeit in die Konzerte gehen, haben sie eine ganz bestimmte Erwartung an das, was mit ihnen geschehen soll. Ebenso, wenn sie alle am Heiligen Abend in die Kirche gehen. Sie haben bestimmte Vorstellungen, Erwartungen. Und die müssen dann auch befriedigt werden. Das soll nun die Leistung Bachs oder den Gehalt des Wortes »jauchzen« nicht schmälern. Aber die Emotionalität, die empfunden wird, wird auch genährt aus der eigenen Erwartungshaltung.

Adventsserie zum Monatsspruch
Der Monatsspruch für Dezember steht bei Jesaja 49, Vers 13: »Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.«
In den Adventsausgaben werden wir einige Aspekte dieses Bibeltextes beleuchten. Nacheinander wird es um die darin vorkommenden Begriffe »jauchzen«, »freuen«, »trösten« und »erbarmen« gehen.