Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

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