Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Der Tod im Alltäglichen

24. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation: In Kassel gibt es ein einzigartiges Museum für Sepulkralkultur – Eindrücke eines Besuches

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Museum für  Sepulkralkultur nachdenklich, nach unten blickend, verlassen wird. Denn die letzten Worte, die dem Besucher mitgegeben werden, ganz unten auf die Glastür gedruckt lauten: »Leben Sie wohl«.

Sepulkralkultur, das umfasst alle kulturellen Erscheinungen im Zusammenhang mit Sterben, Tod, Bestatten, Trauern und Erinnern. Alldem widmet sich das Kasseler Museum seit 1992. Auf der unteren Ebene ist die Geschichte von Friedhöfen und Grabmälern dargestellt. Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf den mitteleuropäischen Raum zwischen Mittelalter und Gegenwart.

Der aktuelle Trend der Bestattungskultur bewegt sich zwischen zwei Extremen: Zum einen dominieren standardisierte und anonymisierte Formen der Bestattung, der Särge und Gräber. Zum anderen gibt es individuelle Möglichkeiten, wie See- oder Waldbestattungen, Friedhöfe von Fußballvereinen oder anderen Gruppen. Hier sind die Grabstätten ein Zeichen für Gemeinschaft und Identität über den Tod hinaus. Unweigerlich ist auch der Besucher diesem Konflikt ausgesetzt: Wie und wo will ich einmal meine letzte Ruhe finden?

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Fotos: Mirjam Petermann

Motive des Todes haben in alle Bereiche der Mode Einzug gehalten: Ob schick und stilvoll oder knallig bunt – ganz selbstverständlich ist der Totenkopf dabei. Foto: Mirjam Petermann

Die Ausstellungsobjekte im Gewölbe haben unterschiedliche Bezüge zu Sterben, Tod und Bestattung. Hier werden Dinge gezeigt, die eine wichtige Rolle in der Sterbestunde spielen: Sterbekreuze und Reliquien oder Produkte für die Leichenpflege, Särge, Urnen und Leichenwagen. Historische Volks- und Handwerkskunst trifft auf Produktdesign und zeitgenössische Kunst. Eine sehr klassische Schautafelausstellung über andere Religionen und ihre Bestattungsriten ergänzt die Dauerausstellung im Obergeschoss.

Das Thema des Museums ist kein leichtes. Es ist keine Ausstellung, die man sich einfach so als Tourist anschaut, weil es zu einem Besuch in der documenta-Stadt dazugehört. Anders als in der Gesellschaft, wo Tod und Sterben zumeist ausgelagert und an den Rand verlegt werden, befindet sich das Museum für Sepulkralkultur mitten im Leben: auf einer Anhöhe in einem Wohngebiet, mit Blick über Kassel. Kahle Bäume und dunkle Wolken bieten in diesen Tagen die passende Kulisse zum Besuch. Wie hoch muss der Kontrast sein, wenn die Bäume um das Haus voller Blätter sind, der Garten blüht und auf den Straßen Kinder lachend spielen?
Bunt, laut und schrill kommt die derzeitige Sonderausstellung des Museums daher – das sogenannte Sepulkralkaufhaus. Das Motto: »Buy now, die later!« – kaufe jetzt, stirb später.

An den Wänden prangen auf pinkfarbener Tapete silberne Totenköpfe, die bei näherem Hinsehen aus vielen kleinen Schmetterlingen bestehen. Der Tod im Alltäglichen wird hier gezeigt. Nicht erst in der Gegenwart haben Symbole für Tod und Vergänglichkeit, allen voran der Totenkopf und das Skelett, Einzug in die Modewelt gehalten. Es gibt nichts, was es nicht gibt: Alltagskleidung und Sportartikel, Fahrradhelme und Schmuck, T-Shirts mit Piratenflaggen, Pumps mit Rosen und Totenköpfen. Die Artikel liegen in den Regalen und Vitrinen, hängen auf Kleiderständern. Die imposantesten Stücke werden von Schaufensterpuppen, auch auf einem Laufsteg, präsentiert. Umkleidekabinen mit Sitzgelegenheiten für die wartenden Begleiter und eine an die Wand projizierte Rolltreppe lassen den typischen Museumsstil vergessen und suggerieren das Totenkaufhaus. In den Umkleidekabinen erhält »der Kunde« Einblick in die Geschichte der Mode um die Todesmotive. Totenköpfe auf der Uniform des 2. Preußischen Leib-Husaren-Regiments oder den Kragenspiegeln der Panzertruppen der Wehrmacht zeugen von einem Symbol, das schon immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definierte.

Wissend um die Schwere des Themas des Sepulkralmuseums, sind die Räume offen und hell gestaltet. Viele Glasfronten ermöglichen den Blick nach draußen. So entsteht zum einen eine Trennung zur Realität, aber mit der Aussicht auf die Stadt ist man doch auch mittendrin. Das Sterben ist Teil unseres Lebens und hier erhalten wir viele verschiedene Blickwinkel auf das Unausweichliche.

Mirjam Petermann

Das Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25–27, 34117 Kassel, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Jeden Mittwoch findet um 18 Uhr eine öffentliche Führung statt. Die Sonderausstellung »Das Sepulkralkaufhaus – Buy now, die later!« kann noch bis zum 3. Januar 2016 besucht werden.

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Der Tod vermag nicht zu scheiden

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie das Leben nach dem Tod naher Angehöriger weitergeht

Ein Spaziergang am Ewigkeitssonntag über den Friedhof, vorbei an Gräbern unbekannter Menschen. An dem einen oder anderen Grab verweilen. Ein Grabstein schenkt den Hinterbliebenen Trost. Der Verstorbene ist nicht vergessen. Auf dem Grabstein ist sein Name, Geburts- und Sterbedatum festgeschrieben. Darüber hinaus hoffen Christen, dass ihr Name bei Gott ins Buch des Lebens eingeschrieben ist.

»Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter«, sagt Jutta Adler-Bickhardt (66). Ihr erster Mann, Dietmar Adler, ist vor 26 Jahren, 1989, gestorben. Als dessen Grab voriges Jahr aufgelöst wurde, wollte Sohn Benjamin den Grabstein behalten, erzählt Jutta Adler-Bickhardt. »Er wollte, dass etwas bleibt.« Der in Stein gemeißelte Name seines Vaters. Dieser Wunsch soll ihm erfüllt werden. Benjamin wird später neben dem Grabstein seiner Mutter auch den Namen seines Vaters lesen. Jutta Adler-Bickhardt ist in zweiter Ehe verheiratet. Sie und ihr Mann denken manchmal an die Zeit nach ihrem Tod. Jutta zeigt den Entwurf eines Grabsteines. Darauf stehen die beiden Namen der Eheleute und die ihrer vorherigen Partner. So ist das Leben!

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto:  Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt: »Durch den Glauben wird das Abschiednehmen leichter.« Foto: Sabine Kuschel

Jutta Adler-Bickhardt wählt eine Grabgestaltung, die ihre Lebenswirklichkeit spiegelt, die bleibende, unzertrennliche Verbundenheit mit den Menschen, die zu ihr gehören – auch wenn sie bereits tot sind. Die Verstorbenen – »man ist sie nicht einfach los«, sagt sie. Sie leben in der Erinnerung weiter mit uns, insbesondere, wenn Kinder da sind. »In Benjamins Familie lebt Dietmar weiter.« Und in ihrer neuen Partnerschaft wolle und könne sie ihre Vergangenheit nicht ausblenden. Es sei ihr wichtig, mit ihrem jetzigen Partner über ihre gemeinsame Zeit mit Dietmar reden zu können. Ebenso im Freundes- und Bekanntenkreis. Es sei ein Geschenk, wenn man sich mit Verwandten und Freunden über das frühere Leben austauschen könne. Dabei sind die Toten oft gegenwärtig.

Man ist sie nicht einfach los? Ist diese Formulierung zweideutig zu verstehen? Schwingt in ihr der leise Wunsch mit, vergessen zu können? Es gebe Erinnerungen, die Jutta am liebsten ausblenden würde. Bevor Dietmar unheilbar krank wurde, sei ihre Ehe in einer schweren Krise gewesen. Durch die ernste Krankheit ihres Mannes seien jedoch die Probleme nichtig geworden. Jutta hat ihren Mann bis zu seinem Tode zu Hause gepflegt. »Ich bin dankbar, dass wir uns in den letzten Tagen wiedergefunden haben. Er ist in meinen Armen gestorben.« Dass sie ihrem Mann an seinem Lebensende so nahe sein konnte, sei ein großer Trost für sie. Angehörigen bis zum letzten Atemzug zu Hause nahe sein. »Das würde ich jedem empfehlen. Es tut hinterher gut. Man muss sich keine Vorwürfe machen.«

Allerdings gibt sie zu bedenken: Ohne die Hilfe von Freunden hätte sie die Pflege ihres schwer kranken Mannes nicht bewältigen können. 1989 waren andere Zeiten, Hospizdienst gab es noch nicht. Die Unterstützung, die sie erfahren hat, erfüllt sie mit Dankbarkeit. »Ich hatte mir damals vorgenommen, wenn ich mal mehr Zeit habe, will ich das zurückgeben.« Heute ist Jutta ehrenamtliche Hospizhelferin im Dresdner St.-Joseph-Stift.

Trauern braucht nicht nur Zeit, sondern auch einen entsprechenden Rahmen. Der habe ihr gefehlt, bedauert Jutta. Die Bedingungen nach Dietmars Tod seien für sie schwierig gewesen. Politisch war das Jahr 1989 eine Zeit des Umbruchs. Existenzielle Sorgen drängten die Trauer in den Hintergrund. »Ich hatte Angst unter der Brücke zu landen.« Es fehlte an Geld, denn Dietmar war der Hauptverdiener. Das neunjährige Kind hatte seinen Vater verloren. Sie war nun alleinerziehende Mutter.

Das Leben ging weiter. Jutta fand eine Arbeit als Pharmareferentin, später ihren zweiten Mann.

Die Verstorbenen – sie treten nicht aus unserem Leben, weil sie körperlich nicht mehr anwesend sind. Sie bleiben gegenwärtig, begleiten uns.

Der Gedanke an die Auferstehung sei ihr früher fremd gewesen, erinnert sich Jutta. Als Dietmar jedoch krank wurde, ohne Aussicht auf Genesung, habe sie sich dem Thema genähert. Ohne zu wissen, wie sich ein Wiedersehen gestalten könnte, habe sie allmählich in dem Glauben an die Auferstehung Hoffnung und Trost gefunden.

Sabine Kuschel

Wo Kirchen wachsen

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kuba: Die Weltgebetstagsordnung 2016 kommt aus dem Inselstaat in der Karibik

Frauen aus Kuba haben die Ordnung für den Weltgebetstag 2016 erarbeitet, der alljährlich am ersten Freitag im März gefeiert wird.

Der Bus schaukelt eine unbefestigte Straße entlang, biegt scharf links ab. Der aufsteigende Weg scheint für das Fahrzeug unbefahrbar. Tiefe Rinnen, vom Regen ausgewaschen, queren diese Straße. Der Bus fährt ein Stück weiter, stoppt schließlich. Wir sind angekommen und stehen vor einem Blechtor, auf dem eine rote, handgemalte Schrift verkündet: Finca Revelación. Die Finca in der Provinz Santiago de Cuba ist eines der zahlreichen Projekte im Land, die vom »Centró Cristiano« unterstützt werden. Das ökumenische Zentrum, gehört zu den großen, vom Weltgebetstag geförderten Initiativen. Man erwartet die deutsche Frauengruppe bereits.

Ein Schild »Permacultura« weist darauf hin, dass hier ökologisch gewirtschaftet wird. Elmer Lavastida-Alfonso und Ehefrau Gisela Pérez, beide Pfarrer in der presbyterianischen Kirche Kubas und Leiter des »Centró Cristiano«, haben uns begleitet und erläutern die Arbeit der Finca. Neben der nachhaltigen Landwirtschaft soll zukünftig eine Biogasanlage entstehen. Zudem wird Bildungs- und Sozialarbeit geleistet. Geplant ist ein Projekt mit Straffälligen aus einem nahe gelegenen Gefängnis. Die Häftlinge sollen vor ihrer Entlassung wieder in die Arbeit eingegliedert werden.

2012 hatte der Wirbelsturm »Sandy«, der auch große Schäden in Santiago de Cuba anrichtete, alle Gebäude zerstört. Die Unterstützung aus dem Fonds des Christlichen Zentrums ist für den Wiederaufbau unverzichtbar. Die Dankbarkeit über die Hilfen ist groß. »Wir haben selbst empfangen und wollen das an die Gemeinden zurückgeben«, sagt einer der Mitarbeiter. Dank Gott könnten sie jetzt wieder ausstrahlen. Viele der Mitarbeiter auf dem drei Hektar großen Gelände, das einst eine indianische Siedlung war, sind Christen. Neben der materiellen Hilfe, so betonen sie immer wieder, ist ihnen das Gebet wichtig. Die Gelder kommen von internationalen Hilfswerken wie Brot für die Welt, dem Berliner Missionswerk, der Diakonie Schwedens u. a. wie eben aus Kollekten des Weltgebetstags.

Das Haus in Santiago de Cuba konnte das »Centró Cristiano« vom Staat kaufen und mit internationalen Mitteln und viel ehrenamtlicher Arbeit renovieren. Das ökumenische Zentrum ist eines der vom Weltgebetstag geförderten Projekte. Foto: Dietlind Steinhöfel

Das Haus in Santiago de Cuba konnte das »Centró Cristiano« vom Staat kaufen und mit internationalen Mitteln und viel ehrenamtlicher Arbeit renovieren. Das ökumenische Zentrum ist eines der vom Weltgebetstag geförderten Projekte. Foto: Dietlind Steinhöfel

Der Aufbruch in eine neue Zeit ist überall im Land zu spüren, auch wenn die Armut der Bevölkerung offensichtlich ist. Die Menschen sind hoffnungsvoll und schauen nach vorn. Wie Nilda aus Canney, Mathematikdozentin im Haupt- und Landwirtin im Nebenberuf. Auch ihre Familie hatte durch »Sandy« alles verloren und Hilfe vom »Centró Cristiano« erhalten. Sie konnte ihr Haus wieder aufbauen, bekam vom Staat noch einen halben Hektar Land und bewirtschaftet dies nun mit der ganzen Familie. »Ich bin unabhängig und muss nur Zucker und Reis kaufen«, sagt sie stolz. Denn von den staatlichen Gehältern in Kuba kann niemand eine Familie ernähren. Etwa dreiviertel der Bevölkerung arbeitet in Staatsbetrieben. Die staatlichen Gehälter bewegen sich zwischen 20 Euro und weniger sowie 50 Euro im Monat für Ärzte zum Beispiel.

Die sozial-diakonische Arbeit kirchlicher Initiativen ist da willkommen. Doch das war nicht immer so. Nach der Revolution 1959 wurden den Kirchen nur gottesdienstliche Handlungen gestattet. Bekennende Christen wurden diskriminiert und beruflich benachteiligt. Fast 80 Prozent der Gläubigen verließen das Land. Andere zogen sich zurück. Einige Gruppen unterstützten den Staat dort, wo dessen Prinzipien mit den christlichen Werten übereinstimmten.

Mit der großen Krise in den 1990er-Jahren änderte sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen. Der Zerfall des sozialistischen Wirtschaftssystems und der Sowjetunion ließen den kubanischen Export zusammenbrechen. Das Inlandsprodukt sank um 34 Prozent. Das führte zu einer Verarmung der gesamten Bevölkerung und zu großer Hoffnungslosigkeit. Ohne die Kirchen, so ist bei vielen Begegnungen zu hören, hätte Kuba die Krise kaum in dieser Weise überstanden. Die Kirche organisiert Bildungsangebote, Aufklärung zu Ernährung und gegen häusliche Gewalt, man kümmert sich um Alte und Kinder, unterstützt materiell. Das neue diakonische Engagement war jedoch auch unter Christen nicht unumstritten. Es gab nicht wenige, die meinten, das sei keine Aufgabe der Kirche.

Daniel Izquierdo vom Theologischen Seminar in Matanzas benennt ein aktuelles Problem: »Aus Amerika kommen Gruppen mit extremen Ausrichtungen, die zum Beispiel die Frauen nicht gleichberechtigt sehen, und offensiv missionieren.« Viele seien auf die Propaganda hereingefallen, es gäbe in Kuba keine Christen. Doch es kämen wieder mehr Menschen in die Kirche. Über 90 Prozent hätten vorher noch keinen Kontakt zur Kirche gehabt. »Betet für uns!«, wiederholt er immer wieder. »Die neue Zeit birgt viele Möglichkeiten, aber auch Gefahren.« Tatsächlich bringt die Öffnung für Privatbesitz und -wirtschaft, vor allem im Tourismus, mehr Wohlstand. Auf der anderen Seite geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander.

Dietlind Steinhöfel

Eine chinesische Parabel

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: »Der kluge Kaiser« von Werner A. Wolf mit einer Illustration von Maria Landgraf

Vorzeiten herrschte im alten China ein mächtiger Kaiser, der wollte, als er alt geworden war und sein Ende nahen fühlte, wissen, was den Menschen nach seinem Tod im Jenseits erwarte.

Er rief deshalb alle Gelehrten und Weisen seines riesigen Reiches in seinen Palast und befahl ihnen, bei allem Volk, ob arm oder reich, hoch oder nieder, klug oder dumm, nachzuforschen, ob einer von ihnen aus eigener Erfahrung über das Leben nach dem Tode etwas berichten könne. Bei dem riesigen Volk müsse es doch den einen oder anderen geben, der von drüben zurückgekehrt sei. Meinte der Kaiser.

Nach einem Jahr sollten sich die Versammelten zur gleichen Zeit im Palast erneut einfinden und vom Ergebnis ihrer Nachforschung berichten. Wer aber keinen Erfolg gehabt hatte und nichts zu sagen habe, der solle des Todes sterben, denn dann könne er am eigenen Leibe erfahren, wie es dort drüben zugehe.

Da erschraken die Gelehrten und Weisen sehr. Sie machten sich aber auf den Weg und schwärmten aus. Pünktlich nach einem Jahr traten sie erneut vor den Kaiser. Keiner hatte Erfolg gehabt, keiner konnte etwas berichten – und keiner wollte sterben!

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Aber ein Jeder hatte sich eine Geschichte ausgedacht und zurechtgelegt. Einige berichteten, ein Zurückgekehrter habe drüben erfahren, dass der Mensch nach dem Tode in eine wunderbare überirdische lichte Welt eingehe, wo es weder Streit noch Neid gebe und ewiger Friede herrsche. Andere wieder wollten gehört haben, jeder Mensch werde nach seinem Ableben von allen seinen Angehörigen und Freunden freudig empfangen und in diese Gemeinschaft wie im irdischen Leben wieder aufgenommen. Eine dritte Gruppe meinte, jeder Verstorbene kehre nach einer Zeit der Läuterung und Meditation auf die Erde zurück. So gab es noch viele Meinungen, und bald brach zwischen den Gelehrten und Weisen ein lautes Gezänk und Geschrei darüber aus, wer wohl die Wahrheit gefunden habe, sie nannten sich gegenseitig Lügner und Betrüger und bald herrschte im Kaiserpalast ein wildes Chaos. Der alte Kaiser aber war des schrillen Gezeters bald überdrüssig und befahl, die ganze Gesellschaft in den Kerker zu werfen.

Da trat ein alter weißhaariger Mann vor und bat um Gehör. Der Kaiser hob seine Rechte und alles verstummte. Es war ganz still. »Herr,« sagte der Alte, »ich lebe schon viele Jahre auf dieser Erde, ich bin ein alter Mann und der Tod schreckt mich nicht. Mir ist es gleich, ob ihr mich richten lasst, wenn ich euch die Wahrheit sage. Alles, was ihr bisher gehört habt, dient den Erzählern nur dazu, ihr Leben zu retten, denn kein Irdischer wird jemals wissen, was uns Menschen nach unserem Tod bevorsteht. Und wer darüber berichtet, lügt. Hört diese Fabel: Auf dem Grund eines Teiches leben hässliche und bösartige Larven. Wenn ihre Zeit gekommen ist, steigt jede einzelne Larve aus dem Wasser, um niemals zurückzukehren. Jede Larve verspricht aber den Zurückbleibenden darüber zu berichten, was nach dem Verlassen des Teiches geschehen ist. Denn die Frösche hatten das Gerücht verbreitet, dass sich jede Larve auf der anderen Seite der Welt nach einer Zeit der Verpuppung in eine wunderschöne Libelle mit grazilem Leib und bunt schillernden Flügeln verwandeln wird. Aber keiner Libelle wird es je möglich sein, wieder auf den Grund des Teiches zurückzukehren, um den Zurückgebliebenen Kunde zu bringen. Und so wissen die Libellenlarven bis zum heutigen Tag ebenso wenig wie wir Menschen, was nach dem Übertritt in die andere Welt geschehen wird, denn der Tod ist das größte Geheimnis des Lebens.

Nach der Rede des alten Mannes war der Kaiser sehr nachdenklich geworden, er saß in sich gekehrt auf seinem goldenen Thron und bewegte die Parabel in seinem Herzen. Und weil er nicht nur ein gestrenger, sondern auch ein kluger Kaiser war, ließ er den Greis nicht richten, vielmehr lobte er ihn und machte ihn wegen seiner Weisheit zu einem seiner Ratgeber. Die scheinheilige Gesellschaft der Gelehrten und Weisen aber jagte er mit Schimpf und Schande aus seinem Palast.

Die Paradoxie des Glaubens

17. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen der Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Luther ist ein geistlicher Lehrer und Begleiter, der gerne in Gegensätzen spricht. So lehrt er mich, Gott und die Welt als Geheimnis wahrzunehmen. Der Katechismus verkündigt uns Gottes Gegenwart. Die fordernde Gegenwart seines Gesetzes. Und die schenkende Gegenwart seines Evangeliums und der Sakramente.

Luther braucht oft Begriffe, die spannungsvoll nebeneinanderstehen und sich zu widersprechen scheinen. Etwa wenn er sagt, Gott offenbare sich in Christus, aber seine Gegenwart bleibe doch auch immer ein Geheimnis.

Die Auslegung der Gebote beginnt im Kleinen Katechismus meist mit den Worten »Wir sollen Gott fürchten und lieben …« Ist das nicht ein Gegensatz? Wirklich begreifen, wie Furcht und Liebe zusammengehören, können wir nur durch geistliche Erfahrung, die erschreckend und beglückend zugleich ist.

Luthers Rede in Gegensätzen

In der Auslegung des Glaubensbekenntnisses wird Christus uns vor Augen gestellt. Das Ergebnis der Lehrstreitigkeiten der Alten Kirche aufnehmend bekennt Luther – und mit ihm unsere lutherische Kirche – Christus als »wahrhaftigen Gott … und auch wahrhaftigen Mensch.« Die Formulierung entspricht der Wirklichkeit des Glaubens, ja sie ist das zentrale Bekenntnis der Christenheit in allen Konfessionen. Aber sie geht doch über die menschliche Vernunft hinaus. Man kann auch vom Mysterium Jesu Christi nur in Gegensätzen sprechen.

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gab der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU) in einer dreiteiligen Reihe Antwort. Sie endet mit diesem Beitrag.

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gab der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU) in einer dreiteiligen Reihe Antwort. Sie endet mit diesem Beitrag.

In seiner berühmten Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hat Martin Luther das Wesen der christlichen Existenz ebenfalls widersprüchlich formuliert. Er schreibt hier, der Christ sei eigentlich ein freier Mensch – im Glauben an Gott. Aber er sei gleichzeitig auch immer gebunden – nämlich in der Liebe zum Nächsten.

Auch die Wirkung der Taufe wird von Luther aufregend beschrieben. Er fragt im Kleinen Katechismus: »Was gibt oder nützt die Taufe?« Und antwortet: »Sie wirkt Vergebung der Sünden, erlöst vom Tod und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen …«

Die Taufgnade ist also ein Geschenk und nichts als ein Geschenk. Der letzte Satz geht bei ihm freilich noch weiter: Ja, die Taufe schenkt das alles – »allen, die es glauben, wie die Worte und Verheißung Gottes lauten«.

Die Gnade Gottes und der Glaube des Menschen gehören also zusammen. So zeigt sich der Reformator als ein Schüler des Apostels Paulus, der ähnlich paradox an die Philipper schrieb: »Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.« (Philipper 2,12 f.).

Und ähnlich paradox spricht Luther von der Eucharistie. Von der Mitte der Abendmahlsfeier bekennt er: »Es ist der wahre Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.« Umkämpft und missverstanden war diese Aussage in der Reformationszeit. Aber sie hat Menschen auch immer wieder getröstet und vielen zu einem gewissen Glauben geholfen. »In, mit und unter« Brot und Wein kommt der gekreuzigte und auferstandene Christus zu uns. Das bleibt ein Geheimnis, das wir nur schwer in Worte zu fassen vermögen.

In den letzten Jahrzehnten wurde in vielen evangelischen Gemeinden die Feier des heiligen Abendmahls aus einem fast verborgenen Winkel wieder herausgeholt. Für Luther war das heilige Mahl Bestandteil der »Deutschen Messe«. Es gehörte also zu jedem Gottesdienst und wurde regelmäßig – zumindest jeden Sonntag – gefeiert. Dies haben wir inzwischen in unserer Kirche neu gelernt. Luthers tiefe Ergriffenheit über die wahrhaftige, geheimnisvolle Gegenwart Christi in den Schöpfungsgaben Brot und Wein will auch uns zu Ehrfurcht und Dank führen. Dieser Glaube macht uns mitverantwortlich für das Wohl der Welt. Und er bestärkt uns in der Hoffnung auf das »große Abendmahl« am Ende der Zeiten, wenn Christus wiederkommt.

Auch sonst drückt Luther immer wieder die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit des Menschen in Gegensatzpaaren aus. Etwa wenn er formuliert: Die Heilige Schrift ist ganz Gottes Wort und doch auch ganz Menschenwort. Oder: Die Kirche ist Gottes Werk und zugleich doch auch Menschenwerk. Und: Der Christ ist Gerechter und Sünder zugleich. Dahinter steht die demütige Einsicht, dass wir Menschen von Gott und den göttlichen Dingen nur in dieser paradoxen Weise angemessen reden können.

Ich liebe auch Luthers radikale Ehrlichkeit und seine ökumenische Weite. Ein Abschnitt in seinem Kleinen Katechismus ist mir in diesem Zusammenhang besonders ans Herz gewachsen. Es ist seine Auslegung zum 3. Glaubensartikel. Nur zwei Beobachtungen will ich mitteilen, die mir zu Erfahrungsschätzen geworden sind. Luther schreibt da: »Ich glaube, dass ich … nicht glauben kann.« Das empfinde ich auch oft so. Aber wie komme ich dann doch wieder zu einem festen, überzeugten Glauben? Luthers Antwort auf diese Frage ist mir immer eine Hilfe gewesen. Er sagt nämlich: »Der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, … erleuchtet, … geheiligt … und im rechten Glauben geheiligt und erhalten«. Und er fährt dann fort: »Gleichwie er die ganze Christenheit beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält.«

Eingebunden in die ganze Christenheit

Ich bin also gemeint – ich persönlich. Aber nicht ich allein. Denn ich bin eingebunden in die ganze Christenheit. Das ist gut zu wissen: Ich bin nicht allein und einsam Christ – weltweit existiert diese eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Ich gehöre zu ihr. Wir gehören zusammen. Wir sind berufen zu Mission und Diakonie. Wir sind berufen zu Glaube, Hoffnung und Liebe. Manche Christen meinen, es gäbe zu große Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen, es seien zu viele Traditionen und Erfahrungen, die uns voneinander trennen. Als lutherischer Christ sehe ich das anders. Das Band des Glaubens, das der Heilige Geist zwischen uns geknüpft hat, ist fest, verbindet uns und hält uns zusammen.

Luthers Schriften und seine Lieder sind ein Schatz der ganzen Christenheit. Wer sich in sie vertieft wird innerlich reich beschenkt. Dabei ist Martin Luther durchaus ein Realist – was die Möglichkeiten des Menschen betrifft – aber ein Realist voller Hoffnung. Dies wird sehr schön deutlich an einem Gedankengang, der mir schon oft in meinem Leben Mut gemacht hat: »Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan, es ist aber im Gang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.«

Georg Güntsch


Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Viel Fingerspitzengefühl

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Stuhlflechterei: Sehen, mit welchem Geschick blinde Handwerker in den Erfurter Werkstätten arbeiten

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) versteht sich als Chancengeber und Mutmacher. In den Erfurter Werkstätten arbeiten zwei blinde Handwerker in der Stuhlflechterei.

Niels Grobb ist glücklich: »Das ist ein cooler Faden, ein echt cooler Faden!« Der junge Mann, der so erfreut über den Stuhlflechtfaden aus Rattan jubelt, den ihm Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder sorgfältig ausgesucht hat, setzt zufrieden seine Arbeit fort. Das komplizierte Wiener Geflecht fordert seine volle Konzentration, denn er ist blind. Von Geburt an. Weil er vor 35 Jahren im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekommen habe, erzählt er. Auch sein Gehör sei nicht gut, deshalb trage er ein Hörgerät.

Direkt neben ihm sitzt Maik Benschig, ebenfalls blind. »Ich war ein Frühchen«, erklärt er kurz und knapp den Grund. Der 36-Jährige und sein Nebenmann kennen sich schon fast drei Jahrzehnte. Beide besuchten als Kinder die Blindenschule in Chemnitz. Danach trennten sich ihre Wege.

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb (Mitte) und Maik Benschig (re.) machen aus ramponierten Sitzgelegenheiten wieder echte Schmuckstücke. Korbmachermeister Hans-Günther Altenfelder (li.) ist zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Fotos: Adrienne Uebbing

Niels Grobb wusste damals nicht, welchen Beruf er erlernen sollte. Wäre es nach dem Wunsch seiner Eltern gegangen, hätte er eine Ausbildung als Bürokraft machen sollen. Aber den ganzen Tag am Computer – das sei ihm einfach zu langweilig gewesen. Beim Probearbeiten in Erfurt hat er dann das Korbflechten für sich entdeckt und es bot sich die Möglichkeit, eine entsprechende Ausbildung in der Landesblindenschule Hannover zu absolvieren – weit weg von zuhause. »Da hat mir ganz schön das Herz gebubbert, als ich die ersten Male allein mit der Bahn dorthin musste«, erzählt er. Aber der Einsatz hat sich gelohnt, er habe neben der Praxis auch viel theoretisches Wissen mit auf den Weg bekommen, erklärt der gelernte Korb- und Rahmenflechter stolz.

Auch Maik Benschig fand bei einem Praktikum in den Erfurter Werkstätten Gefallen an der Flechtkunst. Begonnen hat er zunächst mit Übungsrahmen. Immer wieder hat er das probiert, bis die Spannung stimmte und er das richtige Gefühl für die Muster hatte.

Die Handwerkskunst aus den Erfur­ter Werkstätten wird hoch geschätzt. Auch ohne Werbung ist die Auslastung dank Empfehlungen zufriedener Kunden hoch, so Hans-Günther Altenfelder. Zudem nutzen Restauratoren gerne den Sachverstand und das hohe handwerkliche Niveau der Erfurter Stuhlflechter.

Es ist beeindruckend, mit welchem Geschick die beiden die Rattanfäden verflechten – wobei sie sich nur auf ihren Tastsinn verlassen können. Und natürlich auf Hans-Günther Altenfelder, der sofort zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Wie beim Einarbeiten eines neuen Fadens oder beim Ausrichten des Schergeflechtes. »Als ich hier begonnen habe, mit blinden Kollegen zu arbeiten, habe ich das Flechten erst einmal selbst mit geschlossenen Augen versucht. Ich zolle ihnen größten Respekt für das, was sie leisten!« Mit sicherem Gespür greifen die zwei nach dem benötigten Werkzeug. Als gestandene Handwerker haben sie es ordentlich sortiert neben sich platziert.

Natürlich sei die Arbeit nicht immer einfach, gibt Altenfelder unumwunden zu. Aber er ist sehr zufrieden. »Meine christliche Lebenseinstellung ist der Motor«, bringt er seine persönliche Motivation auf den Punkt. Maik Benschig, größter Fan des Korbmachermeisters, strahlt: »Und wir sind mit Herrn Altenfelder sehr zufrieden!« Momente wie dieser tun gut und lassen Altenfelders Tätigkeit als »Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung« zur Berufung werden.

Dass der blinde Kollege auch ganz besondere Talente als Sänger habe, verrät Hans-Günther Altenfelder noch:

»Maik hat eine sehr sehr schöne Stimme!« Und das sei das Besondere in den Erfurter Werkstätten. Denn nicht nur Arbeit steht auf dem Tagesplan, hinzu kommen auch viele arbeitsbegleitende Angebote, wie eben der Musikkreis. Die ganzheitliche Förderung gehört zum Konzept. Maik Benschig freut sich sehr darüber und hat mit seiner Gruppe unter anderem einen dritten Platz bei einem Musikwettbewerb der Stiftung Finneck vorzuweisen. Im Moment probt er mit seinen Mitstreitern für ein großes Musiktheaterprojekt.

Und Niels Grobb war vor einigen Jahren Deutscher Vizemeister beim Blindenschießen – so etwas gibt es: Anders als im »normalen« Schießsport besitzen die Gewehre einen Lichtsensor, der auf Helligkeit reagiert. Wenn sich der Lauf im hellen Zentrum der Zielscheibe befindet, wird ein akustisches Signal an den Schützen weitergeleitet; entfernt sich der Lauf von der Mitte, wird durch die dunklere Farbe ein anderer Ton erzeugt, der Schütze kann also gewissermaßen mit den Ohren »zielen«. Er habe diesen Sport wieder aufgegeben, weil er ihm wegen seines eingeschränkten Gehörs zu anstrengend geworden sei. Aber Spaß habe es ihm schon gemacht.

Echte Multitalente also, die in den Erfurter Werkstätten aktiv sind – und ganz beeindruckende Handwerker.

Adrienne Uebbing

Kontakt zur Stuhlflechterei: Telefon (03 61) 78 34-428 (Herr Altenfelder)

www.cjd-erfurt.de
www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Gottesdienst – der »Himmel auf Erden«

11. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen der Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Martin Luther feierte Gottesdienst in Ehrfurcht und Dank. Er war kein Ritualist. Aber er war tief in der Tradition der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche verwurzelt. Und er war fasziniert von der wahrhaftigen Gegenwart Christi in den Schöpfungsgaben Brot und Wein, die in der Feier des heiligen Abendmahls zu Gnadengaben werden. In ihrer Grundstruktur entspricht die in der westlichen Kirche gefeierte Messe durchaus der »Göttlichen Liturgie«, wie sie die orthodoxe Kirche feiert. Gehen doch beide Gottesdienstformen auf die Eucharistiefeier aus der Zeit der Alten Kirche zurück.

Verkündigung als Übersetzung und Auslegung

In seiner Vorrede zur »Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes« von 1526 schlägt Luther vor, die bisherige Form der lateinischen Messe nicht abzuschaffen. Die deutsche Gottesdienstordnung ist ihm aber vor allem deshalb wichtig, weil das Evangelium von allen verstanden werden soll und alle Gottesdienstteilnehmer auch die Gebete verstehen sollen. So setzt er sich für den Gottesdienst in der Landessprache ein. Denn der Gottesdienst soll lebendige Christen zu einer Gebets- und Glaubensgemeinschaft versammeln, die in einer Lebensgemeinschaft auch nach dem Gottesdienst ihre Fortsetzung findet.

  Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.

So steht der Gottesdienst mit der Feier des heiligen Abendmahls bis heute im Mittelpunkt des geistlichen Lebens unserer lutherischen Kirche. Gewiss. In Deutschland vernachlässigen viele Christen den Gottesdienstbesuch. Aber bei meinen Besuchen in den lutherischen Gemeinden in der Ukraine war ich oft tief beeindruckt, wie wichtig den Gemeindemitgliedern der Sonntagsgottesdienst ist. Sie nehmen oft weite Wege auf sich, um ihn besuchen zu können. Sie bereiten sich in der Beichte mit großem Ernst auf den Empfang des heiligen Abendmahls vor. Sie stimmen kräftig in die Lieder unserer Kirche ein. Und sie haben gar nichts dagegen, dass der Sonntagsgottesdienst auch mal zwei Stunden dauert.

Wie der Katechismus nichts anderes als Auslegung des Gotteswortes ist, so ist auch unser Gottesdienst nichts anderes als die Vergegenwärtigung biblischer Geschichten. Wenn wir als Gemeinde zusammenkommen, befinden wir uns mitten in einem »heiligen Geschehen«. Es ist ähnlich wie bei unseren orthodoxen Schwestern und Brüdern, für die die »Göttliche Liturgie« der »Himmel auf Erden« ist. Wie der Zöllner im Tempel bitten wir: »Gott sei mir Sünder gnädig.« Wie die Jünger Jesu beten wir in Ehrfurcht und Vertrauen: »Vater unser im Himmel …«

Eines der größten Geschenke Martin Luthers an das deutsche Volk war seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche. An einzelnen Stellen des Katechismus entdecke ich immer wieder, dass es Luther nicht nur um eine Wort-für-Wort-Übersetzung ging. Er wollte die christliche Botschaft in seine Zeit weitersagen. Auch darin ist er uns ein Vorbild. Denn auch wir sind heute herausgefordert, das Evangelium so zu verkündigen, dass es die Menschen verstehen und annehmen können. Verkündiger müssen immer zwei Seiten bedenken. Sie müssen gewissenhaft fragen: Was steht in der Bibel? Und sie müssen liebevoll und einfühlsam fragen: Was bedeutet das in unserer Gegenwart?

Musik vertreibt die Traurigkeit

So sind Übersetzung und Deutung eine große Aufgabe für die Verkündigung. Die sprachliche Brücke in andere Sprachen, andere Kulturen und andere Mentalitäten braucht Weisheit und Liebe. Übrigens: Auch Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, müssen sich aufmerksam bemühen, einander zu verstehen.

Martin Luther war auch ein begnadeter Musiker und Poet. Er verehrte die »Frau Musica« und kennt keine schönere Freude auf dieser Erde als das Musizieren und Singen. Wir wissen, dass Luther mitunter zu Depressionen neigte. Aber die Musik – so hat er oft versichert – vertreibt die Traurigkeit. Sie holt heraus aus den dunklen Stunden. Sie zerstört die Werke
des Teufels.

Besonders wertvoll erscheinen ihm Musik und Melodie in Verbindung mit dem Wort. »Zum göttlichen Wort und zur Wahrheit macht sie das Herz still und bereit.« Luther hat darum eine ganze Reihe von Kirchenliedern gedichtet und zum Teil auch die Melodien dazu komponiert. Die meisten von ihnen befinden sich noch heute in den Gesangbüchern – einige auch im »Gotteslob« der römisch-katholischen Kirche.

Georg Güntsch

Der, der den Mantel teilte

10. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 1700 Jahre Sankt Martin – Feiern in Tours an der Loire

Start ins Martins-Jahr: Die französische Stadt Tours, Grablege des populärsten europäischen Heiligen, rüstet zur 1700. Wiederkehr seines Geburtstages.

In Frankreich, wo 237 Städte und Dörfer und 3 600 Kirchen den Namen Martins tragen, hoffen viele auf einen Besuch von Papst Franziskus am Grab des heiligen Martin. Wie der neue Papst, heißt es in Tours, hätte sich auch Martin ganz den Armen verpflichtet gefühlt, den Ausgestoßenen, Flüchtlingen, Bettlern und Gefangenen, deren Schutzheiliger Martin ebenso ist wie der von Soldaten, Reisenden und Reitern.

»Martin war vergessen, aber wir entdecken ihn jetzt wieder«, sagt Antoine Selosse im Martin gewidmeten europäischen Kulturzentrum. Im Heiligen sieht er einen konsequenten Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit. Sein jüngstes Projekt ist »Das grüne Band des heiligen Martin«, ein mehr als zweitausend Kilometer langer Streifen quer durch Europa, der Ungarn mit Frankreich verbinden soll.

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

An seiner Grabstätte in der Krypta der neobyzantinischen Kirche Saint-Martin de Tours gedenken die Franzosen des populärsten Heiligen Europas. Foto: Günter Schenk

Ein paar Kilometer rechts und links davon sollen in den nächsten Jahren zahlreiche umweltverträgliche, nicht primär kommerzielle Projekte erstehen. »Auf jedem Hektar kreieren wir neue Jobs, vom Biobauern bis zum Kunsthandwerker«, gibt sich der Projektplaner kämpferisch. »Dabei soll vor allem die Grundidee Martins propagiert werden: nämlich zu teilen!« Bekanntlich war dem Heiligen vor den Stadttoren von Amiens als römischer Soldat ein Bettler begegnet, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der Nacht darauf träumte er von Jesus, der genau diesen Mantelteil trug und zu ihm sagte: »Dies ist Martin, der römische Soldat, der nicht getauft ist. Er hat mich gekleidet.« Es war diese Vision, die ihn ermutigte, sich taufen zu lassen und ein neues Leben anzufangen.

Fachmännisch restauriert zeigen sich die Reste der alten Martins-Basilika, die mit über 100 Metern Länge einmal eines der größten Gotteshäuser Europas war. »Auch wenn man nicht gläubig war,« sagt Annick, die heute Touristen in deutscher Sprache auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, »die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt«. Vom um das Jahr 1 000 erbauten Turm Karls des Großen bietet sich dem Besucher heute ein einmaliger Blick über Tours. Im Friseursalon zu seinen Füßen finden sich noch ein paar Gewölbereste der Kirche, die einmal Martins Grablege war.

Schon bald nach seinem Begräbnis setzte der Pilgerstrom nach Tours ein, entwickelte sich »Martinopolis« zur Stadt, die Kaiser und Könige besuchten, die immer wieder aber auch Ziel kriegerischer Angriffe war. Als die Wikinger die Stadt einzunehmen suchten, heißt es in Tours, hätte man die Schädelknochen Martins auf die Stadtmauer gelegt, woraufhin die Angreifer vor Schrecken geflüchtet seien.

Es sind solche Geschichten, Legenden zumeist, welche die Pilgerreisen nach Tours bis heute beleben. Immer neue Erzählungen, die den Mythos um Martin seit Jahrhunderten beflügeln. Eine erzählt von Gänsen, deren Geschnatter ihn angeblich verraten hätte, als er sich vor seiner Wahl zum Bischof versteckt haben soll. Eine andere von seinem Esel, der im Sommer die Blätter von den Weinstöcken gefressen habe, worauf ihn seine Mönchsfreunde beschimpft hätten. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen, werteten sie die Fresssucht des Esels rückblickend als ein Wunder. Und noch heute schwört mancher Winzer der Region darauf, dass es Martin gewesen sei, der den Qualitäts-Weinbau an der Loire so entscheidend beeinflusst hat.

Prächtige Herbergen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeugen in der Altstadt vom mittelalterlichen Pilgerstrom. Eine große Brücke führt über die Loire. Dort, auf der anderen Flussseite und nur ein paar Autominuten weiter, liegt das Kloster Marmoutier. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof anno 371 ein asketischer Mensch blieb und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit 80 Weggefährten soll er hier in kleinen Höhlen gehaust haben.

Am nächsten kommt man Martins Welt in der mächtigen Kathedrale von Tours, die dem ersten Bischof der Stadt, Gatianus, geweiht ist. Saint Gatien heißen ihn die Franzosen. Auf den großen, um 1300 entstandenen Glasfenstern der Kathedrale, die zu den ältesten und sehenswertesten Europas gehören, wird sein Leben lebendig. Sie zeigen Martin unter anderem als Exorzist, bei der Versuchung durch den Teufel, bei der Totenerweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst ermöglicht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen ohne Martin zu verletzen, oder bei einem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Zu den Prunkstücken zählen die Darstellungen seiner Bischofsweihe am 4. Juli, weshalb Tours das Jubiläumsjahr bis zum 4. Juli 2017 ausdehnt. An diesem Tag gedenkt Frankreich heute des Heiligen – ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo der 11. November das Martinsfest markiert. An diesem Tag feiern die Franzosen seit 1918 traditionell den Waffenstillstand nach dem Ersten Weltkrieg. Damals hatten Frankreich und Großbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen im nordfranzösischen Compiegne das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen mit Deutschland besiegelt – ein Friedensschluss, heißt es in Tours, der ebenfalls der Fürsprache des heiligen Martin gedankt sei.

Günter Schenk

Elternzeit im Pfarrhaus

9. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemeindeleben: Dienstliches und Privates lassen sich in Pfarrfamilien schwer trennen

Windeln wechseln statt Gottesdienstvorbereitung – Pfarrerinnen und Pfarrer in Elternzeit

Der Sonntagnachmittag ist eine heilige Zeit für Pfarrerin Stephanie Ladwig. Komme, was wolle – die Zeit reservieren sie und ihr Mann für ihre zwei Töchter. Ohne Absprache wird nichts geplant, Dienste werden nur in absoluten Ausnahmen angenommen. Für die 36-Jährige aus dem ostthüringischen Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) ist der Nachmittag eine wichtige Institution zur Trennung von Privatem und Beruflichem. Denn als Pfarrerin ist sie immer erreichbar, auch in ihrer Elternzeit. Seit Sommer 2014 ist sie mit ihrer zweiten Tochter »zu Hause«, wie es so schön heißt. Aber ist man als Pfarrerin zu Hause nicht trotzdem auch an der Arbeit? Sich während einer Elternzeit gänzlich aus allem rauszuhalten, hält Pfarrerin Ladwig für kaum praktikabel: »Das soziale Miteinander findet ja trotzdem statt, ich bin in Elternzeit nicht außerhalb von Zeit und Raum«, sagt sie: »Wenn ich von Leuten wusste, die lange krank waren, dann habe ich sie natürlich auch besucht.« Ganz bewusst hat sie eine private Telefonnummer hinterlassen. Wenn der Wunsch bestand, Taufen oder Beerdigungen zu übernehmen, hat sie es möglich gemacht, wenn es ihre Kapazitäten zuließen.

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Studierstube im Pfarrhaus in Zoppoten (Kirchenkreis Schleiz) in den 1930er Jahren aus der Wanderausstellung »Leben nach Luther – eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. Foto: Landeskirchenarchiv Eisenach

Andere Pfarrerinnen und Pfarrer handhaben das anders. In ihrer Elternzeit kommunizieren sie mit dem Verweis auf ihre Vertretung klar, dass sie keine Dienste übernehmen und für Anliegen nicht zur Verfügung stehen. Stephanie Ladwig kann diese Einstellung zwar verstehen, sagt aber auch: »Wir haben eine Verantwortung und die Ordination setzt während der Elternzeit nicht einfach aus.« Einzelne Dienste in Ausnahmefällen zu übernehmen, läge im Ermessensspielraum des Pfarrers oder der Pfarrerin, sagt der Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Michael Lehmann. Elternzeit im Pfarrdienst sei immer eine individuelle Angelegenheit. »In erster Linie wird bei der Gestaltung der Elternzeit von den Wünschen der Eltern ausgegangen und nicht von der Gemeindesituation«, so Lehmann. Die konkrete Umsetzung des Vorhabens liegt beim Kirchenkreis, der die Hoheit über den Personaleinsatz hat. Um die Pfarrstelle und den Wohnsitz in der Dienstwohnung zu behalten, soll die erste Phase der Elternzeit nicht länger als 18 Monate dauern. Im Anschluss daran gibt es umfangreiche Möglichkeiten zur Wiedereingliederung. Stephanie Ladwig etwa arbeitet seit diesem Sommer bereits wieder zu 25 Prozent. Zum Januar 2016 wird sie zunächst eine halbe Stelle besetzen, bevor sie im Sommer wieder voll arbeitet.

Derzeit sind in der EKM sechs Pfarrerinnen und fünf Pfarrer in Elternzeit. Väter nehmen in den meisten Fällen zwei Monate in Anspruch. Weitaus häufiger als im Pfarrdienst, wird Elternzeit während des Vikariats beansprucht. »Die Familienplanung ist bei Eintritt in den Pfarrberuf in vielen Familien bereits abgeschlossen«, sagt Personaldezernent Lehmann.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Derzeit kommen auf 65 Vikarinnen und Vikare 61 Kinder – eine Zahl, die die EKM als Ausbilder vor eine große Herausforderung stellt. Die Gestaltung einer familiensensiblen Ausbildung war deshalb eine große Aufgabe in den vergangenen Jahren. Entstanden ist ein flexibles System, das Elternschaft und Vorbereitungsdienst miteinander verknüpft. Neben finanziellen Familienzuschüssen gibt es verschiedene Betreuungsmodelle für die Kinder während der Kurswochen oder spezielle Familienkurse, bei denen etwa die »Zu-Bett-bring-Zeit« in die Tagesstruktur integriert ist.

Um eine Elternzeit zu überbrücken, bestehen aktuell drei Möglichkeiten. »Am häufigsten bewältigt eine Gemeinde die Elternzeiten in einer Art Vakanz«, so Michael Lehmann. Die Vertretungsdienste übernimmt eine benachbarte Pfarrstelle. »Wichtig ist, dass die Gemeindeglieder wissen, wer während der Elternzeit ihr Ansprechpartner ist«, betont er. Kommen zu Elternzeiten auch Ausfälle durch Krankheit und Urlaub hinzu, gerät der Kirchenkreis schnell an den Rand der personellen Gestaltungsmöglichkeiten. Deshalb rät das Personaldezernat vermehrt zur Einrichtung von Kreispfarrstellen, die explizit die Vertretungsdienste im Kreis übernehmen. Eine dritte Möglichkeit bietet der geordnete Einsatz von Pfarrern im Ruhestand.

Aus der Praxis hat Pfarrerin Stephanie Ladwig gelernt, dass es sich lohnt, die Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. »Die Elternzeit ist in dieser Hinsicht ein gutes Lernfeld«, sagt sie. Die Gemeindeveranstaltungen werden in Zoppoten größtenteils von Lektoren und Prädikaten weitergeführt. »Wir haben aber auch für spezielle Aufgaben spezielle Leute gesucht«, sagt Ladwig und ergänzt: »Wir müssen der Gemeinde auch etwas zutrauen und mehr Aufgaben abgeben.«

Mirjam Petermann

Im Banne der Ketzer

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Die religiöse Bewegung der Katharer in Frankreich wurde unbarmherzig verfolgt

Aufruhr gegen Roms Lehre gab es auch schon vor Luther. Der Süden Frankreichs war einst die Bastion der Katharer, oft auch Albigenser genannt. Bis heute sind Schauplätze ihrer Existenz geblieben – und spannende Geschichten.

Jean-Louis ist ganz aus dem Häuschen vor Begeisterung, was nicht so ganz korrespondieren will mit seiner eher beklemmenden Ouvertüre: »Es gibt keine Bilder mehr, keine Schriften, keine Kirchen. Die Anarchisten des 12. Jahrhunderts wurden von ihren Gegnern auf Scheiterhaufen verbrannt und mit Stumpf und Stiel ausgerottet.« Doch die Erklärung folgt prompt: »Und trotzdem kommen die Leute aus aller Welt in Scharen, um sich auf die Spuren dieser Menschen und ihres Glaubens zu begeben. Willkommen im Land und in der faszinierenden Welt der Ketzer!«

Über den obersten Mauerumgang von Carcassonne zeigt sein ausgestreckter Arm nach Westen, in Richtung Toulouse, dann nach Norden in Richtung Albi. Im Osten liegt Béziers nicht weit entfernt, und im Süden thronten auf steilen Felsen berühmte Bergbastionen, wie Montségur und Quéribus. Allesamt Hochburgen und Zufluchtsorte des Katharismus, so wie die mittelalterliche Bilderbuch-Burgenstadt Carcassonne mit ihren dicken Mauern und zahlreichen Türmen.

»Fast alles, was wir heute über die Katharer wissen, stammt aus Schriften ihrer Gegner und den Archiven der Inquisition«, fährt Jean-Louis fort und unternimmt in den nächsten anderthalb Stunden eine Zeitreise. Damals, im 12. Jahrhundert, erlebte das südliche Frankreich eine kulturelle Blütezeit. Troubadoure zogen durchs Land, priesen die sittliche Hoheit der Frau als Verkörperung des Göttlichen und besangen die keusche Liebe. Die Katharer übertrugen diese Minnegesänge auf die spirituelle Ebene – für sie war das die vollkommene Welt Gottes. Das Gute also. Im Gegensatz dazu existierte die materielle Welt als Reich des Bösen mit Satan als Schöpfer alles Irdischen.

Mittelalterliche Bilderbuch-Burgenstadt: Carcassonne, heute inmitten von Weinfeldern, war einst eine Hochburg der Katharer. Die Stadt musste sich 1209 im Albigenser-Kreuzzug ergeben. Foto: Ekkehart Eichler

Mittelalterliche Bilderbuch-Burgenstadt: Carcassonne, heute inmitten von Weinfeldern, war einst eine Hochburg der Katharer. Die Stadt musste sich 1209 im Albigenser-Kreuzzug ergeben. Foto: Ekkehart Eichler

In der Absage an diese Welt waren die Katharer rigoros. Die Reinen, wie sie sich nach dem griechischen Wort »katharos« nannten und woraus die Kirche später den Begriff Ketzer ableitete, lebten in extremer Askese, strebten nicht nach Besitz und verurteilten das Geld »als Fäulnis der Seele«. Sie bekämpften jede Form von Sinnlichkeit und Sinneslust als Sünde, lehnten die Fortpflanzung ab und propagierten, wie die Troubadoure, die platonische Liebe und die Tugend der Keuschheit – nur so könne man Gott sehen.

Ihre Haltung zur Kirche war drastisch: Sie lehnten Lehren, Dogmen und Sakramente strikt ab. Sie geißelten die kirchliche Institution als verdorben und verteufelten den Papst als Antichrist. Bilder- und Kreuzverehrung sowie der Bau von Kirchen waren für sie Götzendienst.

»Mit alldem hatten sie riesigen Erfolg«, meldet sich Jean-Louis zu Wort, »denn im Gegensatz zur Kirche lebten sie ihren Glauben wahrhaftig. Damit fanden sie glühende Anhänger nicht nur im Volk, sondern auch bei adligen Männern und Frauen, die sie unterstützten oder selbst zu sogenannten Vollkommenen wurden.«

Die Kirche wurmte all das gewaltig. Als verstärkter Missionseinsatz nicht fruchtete, griff sie schließlich zu Feuer und Schwert. »Tötet sie alle, Gott wird die Seinen schon erkennen!« – mit dieser Parole legitimiert der päpstliche Legat im Juli 1209 die Brandschatzung von Béziers und die Ermordung der 20 000 Einwohner, von denen nur etwa zehn Prozent Katharer waren.

»Nach dem Massaker von Béziers kamen sie hierher«, erzählt Jean-Louis mit so viel Leid in Antlitz und Stimme, als sei er dabei gewesen. Eigentlich galt Carcassonne als uneinnehmbar. Doch der Stadt ging das Trinkwasser aus – sie musste kapitulieren. »Hier richteten die fanatisierten Kreuzritter zwar kein Blutbad an, aber die Einwohner wurden aus der Stadt verbannt und mussten sie im bloßen Hemd und ohne ihr Hab und Gut verlassen.«

Fortan loderten überall im Süden die Scheiterhaufen, auf denen Katharer hingerichtet wurden. Die Überlebenden verschanzten sich im schwer zugänglichen Bergland in den Burgen der ihnen weiterhin wohlgesonnenen Fürsten. Die letzte große Schlacht fand 1244 um den Montségur statt; nach zehnmonatiger Belagerung brach der Widerstand zusammen. 200 Katharer weigerten sich, ihrer Religion abzuschwören, und starben im Feuer.

Noch elf Jahre länger hielt Quéribus durch. Der Aufstieg zu den Ruinen der Felsenbastion ist zwar nicht lang, aber durchaus anstrengend. Kaum vorstellbar, dass und wie sich 1255 die Truppen des Königs in voller Montur und Bewaffnung diesen nackten Felsen hinaufgequält haben, um die letzte Fluchtburg der Katharer zu erobern.

Der angeblich allerletzte Katharer starb 1321 auf dem Scheiterhaufen.

Ekkehart Eichler

Die Bibel wird groß

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Ein Rundgang durch die neue Dauerausstellung im wiedereröffneten Eisenacher Lutherhaus

Nach zweijähriger Sanierung und Erweiterung wurde im September das Eisenacher Lutherhaus wiedereröffnet. In dem historischen Gebäude ist ein modernes Museum entstanden. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Luther und die Bibel«.

Das Museum ist durch einen Glasanbau erweitert worden. Dieser führt in das historische Gebäude, in dem Martin Luther der Überlieferung nach während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 gewohnt haben soll. Das moderne Museum lädt auf drei Etagen zu einem Rundgang durch die Jahrhunderte ein, angefangen von der Reformationsgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Gemälde, kostbare Bibeln und Schriftstücke, mittelalterliche Schnitzplastiken und andere Exponate sowie Videos und Mediastationen präsentieren exemplarisch das Leben des großen Reformators und seine Wirkungsgeschichte bis heute.

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Drei Stapel Bibeln zeigen, wie sich die Zahl von 150 Exemplaren im Jahr 1456 bis 1713 auf 10 000 Exemplare vergrößerte. Fotos: Sabine Kuschel

Das Leben im ausgehenden Mittelalter war von inniger Frömmigkeit geprägt, obwohl nur wenige Christen Zugang zur Bibel hatten. Auch Luther hatte im Alter von 20 Jahren noch keine Bibel gesehen. Ausgestellt werden Exemplare der lateinischen Bibel, die Vulgata, zu Luthers Schulzeit die am häufigsten benutzte Bibel.

Brot und Wein

Nachdem Luther die Bibel entdeckt hatte, gewann er daraus wesentliche Einsichten und Glaubensgewissheit. Ihm wurde deutlich: Jesus Christus ist nicht der zornige Richter, der im Jüngsten Gericht über das Leben der Menschen entscheidet. Fortan sollten Heilige nicht mehr als Vermittler zwischen Mensch und Gott angerufen werden. Als Vorbilder im Glauben galten sie den Reformatoren weiterhin. Diesen Aspekt thematisiert die Ausstellung ebenso wie den Bildersturm und andere Auswirkungen der Reformation. Was sich durch sie änderte, dokumentiert beispielsweise die Gegenüberstellung eines großen und kleinen Abendmahlskelches, denn die Reformatoren forderten die Austeilung des Abendmahls unter »beiderlei Gestalt«. Brot und Wein wurden an die Gemeinde gereicht, wozu ein größerer Kelch erforderlich war. Im Mittelalter erhielt die Gemeinde das Abendmahl unter »einer Gestalt«, also nur Brot. Der kleine Kelch war für den Priester bestimmt.

Ein Bild – Luther mit dem Kurfürsten Johann Friedrich dem Großzügigen und mit Melanchthon – ist Indiz dafür, dass die Reformation nicht stattgefunden hätte ohne Unterstützung durch die weltliche Obrigkeit und die Zusammenarbeit mit vielen Reformatoren.

An einer Station wird der Besucher aufgefordert, das Übersetzen auszuprobieren. Ihm werden verschiedene Worte angeboten, mit denen ein Bibelvers so oder so interpretiert werden kann. Luthers Sendbrief vom Dolmetschen vermittelt einen Eindruck, wie mühselig und zeitaufwendig das Übersetzen ist. Der Sprecher dieses Schreibens schildert, wie lange die Übersetzer nach einem einzigen Wort suchen, ohne es zu finden: 14 Tage, drei bis vier Wochen Arbeit ohne Erfolg. Nach drei Tagen seien mitunter keine drei Zeilen übersetzt worden.

Luthers Vermächtnis

Luther war ein Mann des Wortes. Und er liebte die Musik, er spielte Laute, schrieb und komponierte Kirchenlieder. Sein Anliegen, die frohe Botschaft der Bibel durch eingängige Texte und Melodien zu verbreiten, schlägt sich in einer reichen evangelischen Musiktradition nieder. »Hier gibts was auf die Ohren« heißt es im »Musikzimmer«, einem Raum, in dem sich die Besucher in Nischen niederlassen und ausgewählte Werke der Kirchenmusik hören können.

Als Martin Luther 1546 starb, war das ein Schock. Doch sein Werk hat sich als dauerhaft erwiesen. Seine Bibelübersetzung beeinflusste Sprache, Musik und Literatur. Sie inspirierte Komponisten, Dichter, Philosophen und Theologen, Gläubige und Nichtgläubige zu eigenen Werken.

Der Weg in die Welt

Dass nicht nur Christen, sondern auch Atheisten wie Friedrich Nietzsche von Luthers Sprache geprägt sind, beleuchtet die Schau. Sie stellt sogar einen Bezug zu Walter Ulbricht her. Seine zehn »Grundsätze der sozialistischen Moral« sollten die Zehn Gebote verdrängen. Und atheistische Bräuche wie die Jugendweihe imitierten christliche Traditionen wie die Konfirmation.

Bekanntlich verfasste Luther Schriften, in denen wüste Ausfälle gegen das Judentum vorkommen. Dieses beschämende Kapitel integriert die Ausstellung mit dem antisemitischen »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben«. Das Institut sollte aus der Lutherbibel sowie den Gesangbüchern »alles Jüdische« tilgen.

Schließlich präsentiert die Ausstellung, wie Luthers Bibel den Weg in die Welt fand. 1456 gab es lediglich 150 Exemplare der Gutenberg-Bibel. Das änderte sich 1710 als Carl Hildebrandt von Canstein mit August Hermann Francke in Halle eine Bibelanstalt gründete. Zwei Stapel Bibeln zeigen: 1534 existierten nur 5 000 Exemplare der Lutherbibel, 1713 in der Cansteinschen Bibelanstalt hatte sich diese Zahl auf 10 000 verdoppelt.

An Multimedia-Stationen erzählen Menschen, wie sie zur Bibel stehen. Der ehemalige Thüringer Landesbischof Christoph Kähler stellt die von ihm geleitete Überarbeitung der Luther-Bibel vor. Der Text soll 2016 als Buch vorliegen und zum 500. Reformationsjubiläum für die evangelischen Kirchen verbindlich werden.

Viele Exponate stehen jeweils für bestimmten Abschnitte und Aspekte im Leben Luthers beziehungsweise der Reformationsgeschichte. Um den zeitgeschichtlichen Bezug zu sehen, ist es unerlässlich, die Begleittexte zu lesen. Wer sich dafür Zeit nimmt, erhält eine spannende Lektion in Reformationsgeschichte. Moderne museumspädagogische Elemente erleichtern die Beschäftigung mit zum Teil religionsgeschichtlich komplexen Zusammenhängen. Die Ausstellung vermittelt ein differenziertes Bild von den Geschehnissen zur Zeit Luthers und sie hinterlässt einen tiefgründigen Eindruck von der grandiosen Wirkung der Bibel über die Zeiten hinweg bis heute.

Sabine Kuschel

Das Lutherhaus ist von April bis Oktober Mo. bis So. 10 bis 17 Uhr, von November bis März Di. bis So. 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen

Martin Luther – ein Lehrer der Bibel

3. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist das Kennzeichen des Protestanten? – Eine Einführung in den lutherischen Glauben

Was ist eigentlich lutherisch?« Als ich ein Kind war, wurde diese Frage sehr einfach beantwortet. Evangelisch-lutherisch ist auf keinen Fall etwas, was irgendwie als katholisch verstanden werden könnte. »Wir sind dagegen.« Das ist unser Kennzeichen. »Schließlich sind wir Protestanten!«

Später lernte ich, pro bedeutet, für etwas einzutreten und dass testis eigentlich Zeugnis heißt. Ich will mich nicht nur aus einem Gegensatz verstehen. Ich möchte für etwas einstehen, möchte für die Wahrheit Zeugnis ablegen.

Von Christus und seinen Heiligen

Ich erinnere mich an einen Pfarrer, der uns von der Kanzel herunter erklärte, dass jegliche Heiligenverehrung falsch sei, katholisch eben und orthodox – und damit nicht evangelisch-lutherisch. Er predigte mit Eifer: »Wir haben die richtige Lehre. Die anderen liegen falsch. Es gibt keine Brücke zu den anderen Christen!«

Georg Güntsch

Georg Güntsch

Wieder später las ich in der Confessio Augustana, einer Haupturkunde der Lutherischen Kirche, den 21. Artikel. Da begriff ich ein wenig mehr, wie ökumenische Gesinnung in Nähe und Distanz auszusehen hat. In dieser Bekenntnisschrift unserer Kirche heißt es: »Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.«

So wurde die Kirche für mich schöner und vielgestaltiger. In der Gemeinschaft der Kirche bin ich nicht allein in meinem Suchen und Fragen, in meinem Bemühen und Versagen. Ich habe Begleiter, Vorbilder, Beispiele, Väter und Mütter des Glaubens. Heilige sind nicht unfehlbar. Aber selbst in ihren Schwächen lehren sie mich: Wir leben aus Gottes Gnade.

Das Wichtigste aber ist: Jedes Thema wird in unserem Bekenntnis von der Mitte des Glaubens her begründet. Und diese Mitte ist Jesus Christus. Denn so heißt es in dem zitierten Artikel unserer Bekenntnisschrift weiter: »Aus der Heiligen Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. (1. Timotheus 2,5; Römerbrief 8,34). Christus allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Heiligen Schrift ist das der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft (1. Johannes 2,1).«

Gottes Wort – Glaubensgrundlage

Glaube und Bekenntnis meiner Kirche haben mich zu Christus geführt und in ihm verwurzelt. Christus ist der Mittelpunkt der Kirche. Die Heiligen leben in seiner Nähe. Sie sind meine Freunde.

Im Alter von 13 oder 14 Jahren werden die jungen Menschen in unserer lutherischen Kirche konfirmiert. Sie bestätigen damit ihre Taufe und werden zum heiligen Abendmahl zugelassen. Als Konfirmand lernte ich den Kleinen Katechismus von Martin Luther kennen. Hier erklärt Luther die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, die Sakramente der Taufe und des heiligen Abendmahls sowie das Vaterunser und die Beichte. Wir mussten den Katechismus Wort für Wort auswendig lernen. Das gelang oft nur mit Widerwillen. Denn dieses kleine Glaubensbuch stammte aus einer längst vergangenen Zeit. Ich konnte den Text wiederholen. Der Inhalt aber blieb mir zunächst fremd.

Erst als Erwachsener wurde Martin Luther mein Lehrer – und ich wurde einer seiner vielen Freunde. Martin Luther ist ein Lehrer der Bibel. Gottes Wort war für ihn der feste Grund seines Glaubens. So hat er jedes Hauptstück des Katechismus mit Bibelworten begründet. Damit macht er uns deutlich: Gottes Wort ist das erste und wichtigste Kennzeichen der Kirche. Alles, was in der Christenheit gelehrt und bekannt, gesagt und gelebt wird, hat in der Bibel seine Grundlage.

Georg Güntsch

Was ist lutherisch? Auf diese Frage gibt der Autor, Bischof emeritus der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU), in einer dreiteiligen Reihe Antwort.