Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Weil wir alle dazu fähig sind

28. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Gut und Böse: Zwei Mächte, die eine erstrebenswert, die andere würden wir gern aus der Welt schaffen

Faszination geht von beidem aus. Das Gute ist faszinierend, aber auch vom Bösen geht eine Anziehungskraft aus. Und überwältigt werden kann der Mensch vom Bösen wie vom Guten. Wo kommt das Böse her und wie ist es zu besiegen? Um diese Fragen geht es auf der einen Seite. Auf der anderen um die Frage nach dem Guten, das getan werden will, und um die Sehnsucht, dem Guten so nahe wie möglich zu kommen, mit ihm eins zu werden.

Gut

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Eigentlich ist es schnell gesagt, meint Siggi: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So einfach. Siggi ist ein Mann der Tat. Von ihm kommt kein Gelaber, er packt an. Er baut die Betten auf für die Geflüchteten, besorgt an einem Abend Handtücher und Zahnbürsten, organisiert Sachen aus der Kleiderkammer, wenn er weiß, dass in wenigen Stunden 134 Syrer kommen. Auf dem Sofa sitzen und lamentieren ist seine Sache nicht. Das Böse ist das Gute, das wir unterlassen.

Aber ganz so schnell gesagt kann es dann doch nicht sein. Er holt tief Luft und lehnt sich zurück. »Das Gute ist weit mehr als das, was ich mit meiner Hände Arbeit herstellen kann. Was ich erfassen kann mit meinem Hirn. Deswegen gehe ich sonntags in die Kirche«, sagt er, »deswegen bin ich Lektor geworden«. Er schaut aus dem Fenster. Manchmal, in den auserwählten Momenten, kann er es fühlen: Das Gute ist eine überwältigende Macht. Und viel faszinierender als das Böse. Beim Singen fällt ihm das auf. Und zu Weihnachten, auch wenn er das nie zugeben würde. Und als er zum ersten Mal seinen Enkel im Arm hatte. Da schossen ihm die Tränen. Das Gute ist universell. Es ist allumfassend. Die Energie aus der alles kommt, was ist.

Und er will zu den Guten gehören. Und zu DEM Guten. Dem einen. Dem Wahren und Vollkommenen. Er will für ihn einstehen und notfalls lauthals streiten, er will dazugehören, wie der Fan in der Südkurve. Mit Leib und Leben. Will eins sein mit diesem Großen und Ganzen, wie das Kind im Bauch der Mutter. Das ist die tief in ihm sitzende Sehnsucht. Sein Ziel.

Der Gute erwartet ihn.

Böse

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Felix Leibrock, Krimiautor, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München

Es gibt nicht den bösen Menschen. Es gibt das Böse im Menschen. Das Böse fasziniert. Das Wort zum Sonntag: Eine Million Zuschauer! Der Mord am Sonntag (Tatort): Zehn Millionen!

Das Böse fasziniert, weil wir alle dazu fähig sind. Die Bibel kennt uns. Sie beginnt, wenn sie vom Menschen berichtet, mit lauter Bösem: Lüge (Paradies), Mord (Kain), Habgier (Babel).

Das Böse ist nicht angeboren. Freuds These vom Aggressionstrieb, geschuldet der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, gilt wissenschaftlich als überholt. Wir sind keine Aggressionsbündel, die sich durch Gewalt entladen. Für jede Form von Gewalt, von Bösesein gibt es eine Ursache. Die Hexe im Häuschen hat etwas Böses. Ursache: Einsamkeit. Aber Hänsel und Gretel sind auch nicht besser: Die alte Frau in den Ofen schieben und beklauen. Ursache: Rache, Habgier. Gehts noch?

Die Kirche muss sich nicht mit dem Guten beschäftigen. Wo das geschieht, kann die Kirche ein Wittenbergisch Bier trinken. Das Reich Gottes geht weiter.

Die Kirche muss sich mit dem Bösen beschäftigen! Krimis lesen zum Beispiel. Und fragen: Woher kommt das Böse? Kann es sein, dass die Kirche das Böse oft verdrängt? Sich zu schnell in Utopien von heiler Welt flüchtet? Vom Reich Gottes spricht, und das Böse mit seinen schlimmen Folgen anderen überlässt? Der Politik? Sich selbst? Nur den Zeigefinger erhebt?

Der IS fördert das Böse im Menschen. Folter, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Kinder, Frauen erleben die Hölle. Und was sagt die Kirche?

Pazifismus als Hängematte, das geht gar nicht. Dem Rad in die Speichen fallen. Wie kann das heute aussehen? Ohne Gewalt?

Der Teufel höchstpersönlich

27. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Er ist klug, kennt die Bibel ganz genau und seine Versprechungen sind verführerisch schön …

Wer oder was ist der Teufel? Ist er eine Witzfigur mit Hörnern? Ist er wie im Kasperletheater mit der Bratpfanne zu besiegen? Oder ist er das Pendant zum Guten, das Böse schlechthin? Das Essay eines streitbaren Theologen.

Immerhin ist der Teufel ebenso zäh wie intelligent. Jesus braucht 40 Tage in der Wüste, um mit ihm fertigzuwerden. Denn der Teufel stapelt eine Bibelstelle auf die andere, jede Stelle kann zum Einwand gegen Jesus werden. Denn wenn er zum Beispiel vom Tempel springt, wird niemand ihn aufhalten, und damit ist aus der Sicht des Teufels Jesu Anspruch auf Gottessohnschaft widerlegt. Und nach Lukas 22 kann Jesus am Ende den Jüngern sogar sagen, sie hätten mit ihm ausgeharrt in allen seinen Versuchungen.

Theologe Klaus Berger

Zur Person Der Theologe Klaus Berger, geboren am 25. November 1940, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Der streitbare Theologe ist für seine provokanten Thesen bekannt, mit denen er immer wieder einen »Dritten Weg« zwischen Liberalismus und Fundamentalismus sucht. Für einen Skandal sorgte 2006 seine Rückkehr in die katholische Kirche, nachdem er 1968 in die evangelische Kirche eingetreten war. Bekannt wurde er auch durch eine Fülle allgemeinverständlicher Veröffentlichungen zu theologischen Themen. Sein 2013 erschienenes Buch »Die Bibelfälscher« ist eine kritische Abrechnung mit der universitären Bibelforschung, die nach Bergers Erfahrungen vor Denkverboten, Ignoranz und philosophischen Moden, die ans Märchenerzählen grenzten, nur so strotzt.

Jesus fasst sein Leben als eine Kette von Fallen auf, die eine intelligente Gegenmacht ihm aufgestellt hat. Und Judas hat den Teufel in sein Herz gelassen, denn sicher hatte Judas kluge Argumente, Jesus an die Obrigkeit auszuliefern. Die Jünger, Paulus und die ältesten Christen erleben den Teufel immer wieder als den, der sagt: War die Zeit vor dem Christwerden nicht bequemer, gemütlicher, friedlicher? Überlegt noch einmal, ob ihr nicht doch lieber austreten sollt. Denn Christentum, so sagt der Teufel, ist anstrengend und zehrt an den Nerven. Christentum ist teuer, weil man zur Nächstenliebe auch Geld braucht, und Christentum ist lebensgefährlich. Der Teufel erinnert immer wieder daran, dass jeder Diktator, kaum dass er an der Macht ist, die Christen als seine persönlichen Feinde entdeckt. Wäre es nicht vorteilhafter, mit dem Diktator seine Geschäfte zu machen? Ein teuflischer Rat. Besonders die frischgebackenen Christen, so sagt Paulus, sind immer wieder in Gefahr, sich nach den alten Zeiten zu sehnen, als es sich noch bequemer lebte. Der Teufel schürt die Sehnsucht nach den alten Zeiten und macht besonders die erste Zeit des Glaubens zu einer heißen Probe. Und manch einer ist, wenn er denn kurz vor dem Martyrium stand, fahnenflüchtig geworden und hat der Versuchung nachgegeben, doch lieber zu leben als zu bekennen.

Von dem Verhältnis des Apostels Judas zum Teufel her wissen wir auch, dass Geld eine Rolle spielte. Dabei kommt es auf die Höhe nicht besonders an. Entscheidend ist der Schnäppchen-Charakter des Verrats an Jesus. Von 30 Silberlingen konnte man drei Tage lang schick essen gehen. Und dann sagen viele Leute, der Teufel sei keine Person. Es gäbe nur »das Böse« und nicht den Bösen. Und das Böse sei zu meiden, das Gute aber zu tun. Auch den Herrgott braucht man ja nicht für »das Gute«. Auch beim Herrgott besteht dieses Problem des Denkens und der Sprache: Geht es nur um »das Gute« und ist es nicht viel zu naiv, Gott sich als eine opahafte Person mit weißem Bart und blauen Augen zu denken? – Auch für den Teufel ist ganz klar: Er ist nicht rot angestrichen, hat nicht Hörner, Schwanz und Pferdefuß. Und dass Martin Luther über ihn spottet und morgens auf der Bettkante sitzend zu ihm sagt: Komm, nimm dir meinen Furz als Stecken und geh damit nach Rom. Auch diese Verspottung des Teufels hat dazu beigetragen, den Teufel lediglich für eine Witzfigur zu halten. Luther ist freilich missverstanden, wenn man seinen Spott über den Teufel so auslegt, als sei der Böse nur lächerlich und witzig. Was Luther wirklich meint ist nicht Abbau der Teufelsvorstellung, sondern dass Ostern der Sieg des Heilands über Sünde, Tod und Teufel ist. Diese Gewissheit des Glaubens gibt den Christen je und je Freiheit und gelassene Heiterkeit gegenüber allen Anfechtungen und Versuchungen des Versuchers.

Nein, der Teufel ist keine Witzfigur und wird auch nicht wie im Kasperletheater mit der Bratpfanne besiegt. Er ist aber auch nicht einfach eine Person wie Sie und ich, wie Tante Frieda und Onkel Fritz. Er ist Person in einem weiteren Sinne wie auch Engel Personen sind und der Heilige Geist und Gott Vater. Das ist ein weiterer Personbegriff, wie er auch aus dem antiken Drama bekannt ist. Denn »Person« ist in erster Linie eine Rolle, jemand, der eine Funktion im Ganzen einnimmt. Und bei dieser Figur im Drama kommt es nicht auf das Innenleben an, sondern in diesem Fall zum Beispiel auf die verlockende, trickreiche, uns nicht loslassende Gegenmacht, geheimnisvoll und uns Menschen gegen allen Anschein feindlich gesonnen. Und dieses trotz verführerisch schöner Versprechungen. Weil der Teufel dies nicht sein lässt, weil er hartnäckig an unseren Nerven zerrt, bis wir schwach werden und nachgeben. Weil er uns vorgaukelt, etwas ganz Falsches wäre doch gerade gesund und heilsam für uns (»Tu was Gutes für dich«), deshalb ist der Teufel so etwas wie eine Person. Nicht eine Person im Sinne der Juristen mit Personalausweis, wohl aber im Sinne geballter perverser und scheinbar kluger, doch tückischer sogenannter Intelligenz.

Klaus Berger

Buchtipp:
Berger, Klaus: Die Bibelfälscher.
Wie wir um die Wahrheit betrogen werden,
Pattloch Verlag 2013, 352 Seiten,
ISBN 978-3-62-902185-4, 22,99 Euro

Kein Puppentheater ohne Krokodil

27. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der Schauspieler Ben Becker von Judas Ischariot, dem Bösen und dem Glauben hält

Judas Ischariot, der große Verräter der Bibel. Der Tübinger Literat Walter Jens schrieb 1975 einen Roman über einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas. Der aus zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen bekannte Schauspieler Ben Becker liest daraus im Berliner Dom. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Herr Becker, was fasziniert Sie an der Figur des Judas?
Becker:
Wer ist Judas? Das weiß ich nicht. Ich habe eine Vorlage von dem genialen Literaten Walter Jens vor mir, der mir eine Figur vorstellt: Judas. Und diese Figur fragt: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum? Und das fasziniert mich, diese Art von Infragestellung seiner selbst auf eine so existenzielle Art und Weise. Ich will fragen: Wen oder was habe ich verraten? Warum habe ich Recht getan oder nicht? Das in den Raum zu stellen, das interessiert mich. Die Antwort darauf kann ich Ihnen aber nicht geben.

Wer kann die Antwort geben?
Becker:
Ich glaube nicht, dass da irgendwer eine Antwort drauf hat. Außer Frau von der Leyen, die der Ansicht ist, dass das neue MG 5 von Heckler und Koch nicht funktioniert. Aber ich fände es nahezu blasphemisch und überheblich, wenn ich mich aus dem Fenster hängen und sagen würde, ich habe die Antwort. Für mich persönlich gibt es nur kleine Antworten: mein Garten, mein Hund, mein Pferd, meine Tochter.

Was reizt Sie so sehr an solchen Themen?
Becker:
Als Künstler, als theatralischer Mensch, finde ich, dass es das Schönste an unserem Beruf ist, die Art und Weise, wie wir Menschen leben, zu hinterfragen. Es geht darum, wie wir mit diesem uns gegebenen Planeten, unserem Stern, umgehen. Das ist die wichtigste Aufgabe der Kunst, wenn man sie ernst nimmt. Wenn man sie nicht so ernst nimmt, kann man sein Bild auch gerne in der Vorhalle der Commerzbank aufhängen, dann ist es Musik, die beim Bügeln nicht stört. Aber das interessiert mich nicht. Mich interessiert Till Eulenspiegel, der über das Drahtseil tanzt.

Sie treten in einer Kirche auf. Was bedeutet dieser Ort für Sie?
Becker:
Es ist eine ganz andere Aufgabe. Die Auseinandersetzung mit einer biblischen Figur im Haus Gottes – wobei für mich ein Theater durchaus auch etwas Kathedralisches hat – hat einen besonderen Reiz. Sich im Hause des Herrn mit biblischen Themen auseinanderzusetzen, mit biblischen Figuren macht alles vielleicht etwas provokant und größer. Hätte man mir eine Inszenierung im Deutschen Theater angeboten, wäre diese Inszenierung vielleicht anders ausgefallen.

Worauf nehmen Sie in einer Kirche Rücksicht?
Becker:
Man darf eine Kirche meiner Meinung nach nicht verlogen und nicht schlechten Herzens betreten. Man darf in einer Kirche alles machen. Man darf auch »Scheiße« sagen, solange man reinen Herzens ist. Ich habe mir in einer Kirche ein einziges Mal blasphemischerweise eine Zigarette angesteckt und mich hinterher dafür vielfach und oftmals entschuldigt, weil man das nicht macht. Wenn man eine Kirche betritt, hat man ehrlich und unverlogen zu sein – und dann darf man aber in diesem Haus jede Frage der Welt stellen.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Becker:
Ja. Ich bin ein gläubiger Mensch. Aber meine Definition von »Wer oder was ist Gott« bleibt bei mir. Über diese Definitionsfrage haben sich die Menschen über Jahrtausende den Schädel eingeschlagen. Da werde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen und Stellung beziehen.

Was fasziniert Sie am Bösen?
Becker:
Uns alle fasziniert das Böse. Als kleine Kinder haben wir doch schon im Puppentheater auf das Krokodil gewartet. Ohne Krokodil kein Kasper und keine Oma. Dann wäre doch die ganze Show langweilig. Deswegen warten beim Jedermann alle auf den Tod.

Und Judas?
Becker:
Er ist eigentlich eine traurige Figur und wurde in Mitleidenschaft gezogen. Er wurde zum Täter, ohne eigentlich Täter sein zu wollen. Der Prophet Jona weigerte sich und sagte: Nein, ich verkünde nicht, weil er Angst hatte vor dem, was kommt, wenn er verkündet. Judas hingegen konnte sich nicht drücken. Er hatte ein Gebot – von oben.

Was heißt das?
Becker:
Ich habe einen Freund, den man mit 19 in den Kosovo geschickt hat, der hat ein Trauma. Der ist zum Mittäter gemacht worden. Dafür hat er meinen Respekt, meine Sympathie und mein Mitgefühl.

Und jetzt versuche ich, Judas in den Arm zu nehmen und das den Menschen zu vermitteln und darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich davon die Finger lassen sollten, Menschen zu Mittätern zu machen.

»Einer unter euch wird mich verraten!«
18., 19., 22. November, jeweils 20 Uhr im Berliner Dom
Regie/Inszenierung: Ben Becker
Dramaturgie: John von Düffel
Sauerorgel: Domorganist Andreas Sieling
Das Hörbuch »Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot«, gelesen von Ben Becker, erschienen im Herder Verlag, 19,99 Euro, ISBN 978-3451350962.

Pfarrer Abraham

21. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Kurz vor unserem Auftritt saß ich in der Kirchenbank, hatte die Perücke schon auf, schraubte das Mundstück ans Saxophon, als eine Frau auf mich zukam, mit ausgestrecktem Arm. Herr Pfarrer Abraham!«, rief sie laut. – Ich hatte das Saxophonblatt zwischen den Lippen, um es feucht zu halten, und konnte nur »Guten Tag« nuscheln. Eine Hand löste ich vom Instrument und reichte sie ihr. Sie drückte sie mit beiden Händen fest und lange. Lieber Herr Pfarrer Abraham, wie schön, Sie wiederzusehen nach so langer, langer Zeit!« – Die Frau strahlte mich an. Sie trug einen langen grünen Rock und einen langen grauen Zopf, und an ihrer olivfarbenen Strickjacke Sticker mit rot durchgestrichenen Hakenkreuzen und Atommailern.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Sie ist eine typische Kirchentagsbesucherin, dachte ich wohlwollend, eine, die – wie auch ich – schon auf zahlreichen Kirchentagen unterwegs gewesen ist, eine, für die Kirchentage Höhepunkte im Leben sind.

Neben ihr stand eine jüngere Frau mit knallroten raspelkurzen Haaren, die mich auch innig anblickte. Vom Altarplatz her rief mich Jan zum Soundcheck. Ich warf den Frauen noch über die Schulter einen entschuldigenden Blick zu und eilte nach vorn.

Wir hatten uns nur wenig vorbereiten können, waren aber in bester Spiel­laune und kriegten viel Beifall. Karl am Schlagzeug, Jan am Bass und ich mit Sax – wir sind keine Profis, und wir haben alle drei denselben Tick, nur in Verkleidung vor Publikum auftreten zu können: Jan in einer alten Armeeuniform, Karl genügt eine Clownsnase, ich trage eine Langhaarperücke.

In der ersten Reihe saßen die beiden Damen, die ältere klatschte besonders frenetisch.

Unser Repertoire ist bescheiden, aber wir sind unübertroffen im Arrangieren, Improvisieren und Variieren. So überlassen wir uns regelmäßig gegenseitig die Soli, singen abwechselnd und in allen möglichen Kombinationen mehrstimmig, auch a cappella.

Jan und Karl mussten nach dem Konzert eilig zur nächsten Mucke in einer anderen Band ans andere Ende der Stadt. Ich wollte noch etwas von der Nacht der Möglichkeiten erleben, setzte mich aber erst einmal vor ein Café ins Freie, gleich neben der Kirche. Ich bestellte einen Latte macchiato und beobachtete die Leute. Backstage hatte ich mich sofort der Perücke entledigt und genoss es nun, wie mir der frische Wind über die Glatze wehte.

Die beiden Damen traten aus der Kirche. – Dass der Pfarrer Abraham so toll Saxophon spielt, hätte ich nie im Leben gedacht!« sagte die ältere. »Litt er nicht ständig darunter, unmusikalisch zu sein?«

Sie nahmen am Nachbartisch Platz. »Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sein Haar so voll ist«, fuhr die Frau fort. Und ihre Begleiterin antwortete: »Mich darfst du das alles nicht fragen, ich habe diesen Pfarrer Abraham nie gesehen, kenne ihn nur von deinen Erzählungen.« – »Ach so«, sagte die ältere etwas verdrießlich und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht sollte er sie sich nicht zu lang wachsen lassen. Was meinst du? – Schade nur, dass er keine Zeit hatte und nach dem Konzert so schnell weg war …«

Sie blickten gelegentlich gleichmütig desinteressiert in meine Richtung, ohne stutzig zu werden, und ich sah keine Veranlassung, mich an sie zu wenden und die ältere Dame auf ihren Irrtum hinzuweisen.

Die Welt ist kleiner geworden

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wolfgang Bauer machte sich getarnt als Englischlehrer aus dem Kaukasus mit Syrern auf den Weg übers Meer

Das Buch »Über das Meer« beschreibt die Flucht von Syrern nach Europa. Der ZEIT-Reporter Wolfgang Bauer hat die fliehenden Menschen im September 2014 begleitet. Ein Jahr später ist die damals schon große Flutwelle riesig geworden und seine Reportage aktueller denn je. Claudia Götze sprach mit dem Autor.

Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, syrische Flüchtlinge bei ihrer Flucht über das Meer nach Europa zu begleiten?
Bauer:
Ich fahre seit 1990 regelmäßig in diese Region. Ich bin mit ihr mittlerweile sehr verwachsen und habe dort viele Kontakte. So habe ich mitverfolgt, wie immer mehr meiner Bekannten und Freunde aus Syrien flohen. Einer meiner Bekannten, ein Arzt aus Syrien, hatte bei der Flucht seine Frau und seine drei Kinder im Mittelmeer verloren. Ich habe kurz darauf mit ihm telefoniert. Und er erzählte mir, wie er im untergehenden Boot seine Frau festhielt, sie aber loslassen musste, weil ihm selber die Luft ausging. Er überlebte, sie starb. Durch die Auseinandersetzung mit ihm ist in mir die Idee entstanden, die Flucht über das Meer zu dokumentieren. Die Menschen dabei zu begleiten. Wir konnten aber nicht als Journalisten reisen, das wäre zu gefährlich gewesen. Der Fotograf und ich haben uns eine Geschichte von Englischlehrern aus dem Kaukasus zurechtgelegt, die nach Europa wollten. Unsere Tarnung war ein russischer Bibliotheksausweis. Ein widerliches Theaterspielen. Wichtig war, immer in der Rolle zu bleiben. Aus der Rolle zu fallen, hätte unser Leben gekostet.

Hatten Sie Angst?
Bauer:
Welche Angst meinen Sie? Wir hatten vor so vielen Dingen Angst. Bei so einer Flucht gibt es viele Unwägbarkeiten: Seenot, Ertrinken, Gefangennahme. Ich hatte vorher Kontakt zur italienischen Seite aufgenommen, damit die im Falle einer Festnahme meinen Namen kannten. Wir beschafften uns Neopren-Unterwäsche, Satelliten-Telefone. Ich hatte einen Seglerausstatter wegen der Ausrüstung befragt.

Würden Sie es noch einmal machen?
Bauer:
Nein!

Was haben Sie sich von dieser riskanten Recherche versprochen?
Bauer:
Ich wollte klarmachen, dass die Bürgerkriegsflüchtlinge nicht des Geldes wegen zu uns kommen. Die fliehen vor den Bomben, die suchen hier Sicherheit. Viele, die mit mir flohen, hatten früher Fabriken besessen, das sind Akademiker und Ärzte. Die Armen bleiben in Syrien oder schaffen es nur bis in die Nachbarregion.

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Wolfgang Bauer: »Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht.« Foto: picture alliance

Was bleibt als wichtige Erfahrung?
Bauer:
Wie wichtig es auf der Welt ist, den richtigen Pass in die Wiege gelegt zu bekommen. Mit dem deutschen Pass liegt ihnen die Welt zu Füßen. Die meisten Menschen haben dieses Privileg nicht. Ich habe auf der Reise großartige Menschen kennengelernt, die sich gegenseitig stützen. Wir haben aber auch schlechte Menschen getroffen, die Freunde verraten, nur um selber einen kleinen Vorteil davon zu bekommen. Nie vergessen werde ich sicher auch die Entführung. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen wurden wir gekidnappt und vier Tage als Geiseln gehalten.

Warum ist Deutschland bei den Flüchtlingen so beliebt, wie erklären Sie das positive Deutschland-Bild?
Bauer:
Wir sind das Idol im mittleren Osten. Fußball, Wertarbeit, teure Autos. Hitler wird dort noch sehr verehrt, etwas, was mich immer sehr beschämt.

Die arabischen Golf-Staaten schauen dem Drama nur zu?
Bauer:
Sie schauen nicht zu, sie liefern Waffen, liefern sehr viel Lebensmittel an die im Land verbliebende Bevölkerung, aber sie nehmen keine Flüchtlinge auf. Das ist ein Skandal.

Wie kann die Fluchtwelle gestoppt werden ?
Bauer:
Wichtig wäre eine Flugverbotszone. Die meisten Menschen fliehen vor den Bomben. Wenn es gelingt, die Gefahr aus der Luft zu beseitigen, werden auch weniger Menschen fliehen. Assads Flugzeuge dürfen nicht mehr aufsteigen. Das hat der Westen in den letzten fünf Kriegsjahren versäumt. Jetzt haben die Russen ihre Jets in der Luft und bombardieren vor allem die gemäßigten Rebellen. Eine Katastrophe, die dem »IS« noch viel mehr junge Leute zuführen dürfte.

Welche Rolle spielt Russland?
Bauer:
Eine schlechte. Es verlängert den Krieg durch seine Waffen und jetzt auch direkt mit seinen Truppen um viele Jahre.

Warum haben hierzulande Menschen ein Problem mit den vielen Flüchtlingen?
Bauer:
Weil sie überfordert sind. Weil sie zu satt sind. Weil sie nicht begreifen, dass wir uns von der Welt nicht abkehren können. Die Welt ist kleiner geworden. Wir können aber die Flüchtlinge nicht aufhalten. Ihre Verzweiflung ist so enorm, dass sie kommen werden, egal wie. Die einzige Möglichkeit sie aufzuhalten ist: sie zu erschießen. Die Grenze mit Selbstschussanlagen auszustatten. Aber das wollen wir hoffentlich nicht. Deswegen, weil wir sie nicht stoppen können, müssen wir alles Mögliche tun, um den Vorgang so erträglich wie möglich für beide Seiten zu machen. Schnell Deutschkurse, schnell kulturelle Unterrichtungen, damit Missverständnisse vermieden werden können. Ich glaube, schon mittelfristig werden wir als Wirtschaft in Deutschland von den Bürgerkriegsflüchtlingen sehr profitieren.

Wie geht es weiter?
Bauer:
Wir sollten den Bürgerkriegsflüchtlingen etwas anbieten, was wir schon einmal denen aus Bosnien Anfang der 90er Jahre angeboten haben. Keine Einzelfallprüfung, sondern alle aus dem Kriegsland dürfen kommen, wenn sie sich bei Einreise verpflichten, nach Beendigung der Krise wieder zurückzureisen. Bei Bosnien hat das wunderbar funktioniert. Hunderttausende kamen, Zehntausende blieben, in Freundschaft und ohne Schlepper und ohne Tote an der Grenze.

Buchtipp:
Bauer, Wolfgang: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa, Suhrkamp-Verlag Berlin 2014, 133 Seiten, ISBN 978-3-51-806724-6, 14 Euro

Der Himmel geht über allen auf

19. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Engel, Schafe und Hunde auf dem Cranachaltar

Fast in jedem Gottesdienst singt die christliche Gemeinde das »Gloria«. Nach alter Überlieferung singen wir es gemeinsam mit den Engeln im Himmel. Einer dieser Engel ist auch auf dem Weimarer Cranachaltar zu sehen. Rechts neben Jesu wehendem Lendentuch schwebt er in einem Loch im Himmel, das groß und rot wie eine Orange ist. Er hält ein Spruchband vor sich. An dieser Stelle können wir durch das dunkle Himmelsblau in die Welt sehen, die sich dahinter auftut.

Der Weihnachtsengel reißt ein Loch in den Himmel. Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmelserscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Der Weihnachtsengel reißt ein Loch in den Himmel. Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmelserscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Auf den ersten Blick könnte es auch die Sonne sein, aus der der Engel herabschwebt. Er käme dann aus dem gleißenden Licht, an das sich die Menschenaugen erst gewöhnen müssten. Blau und Orange sind Komplementärfarben, nichts vom Blau ist im Orange, nichts vom Orange ist in dem Blau. Und doch will der blaue Himmel gerade die Farbe wechseln.

Zart an der Horizontlinie dämmert es rosenfingrig. Ein gelb-rosafarbener Streifen deutet sich an. Was man bisher nur im Loch um den Engel herum sehen kann, dämmert als neuer Morgen. Lucas Cranach benutzt keinen Goldgrund, um das ganz andere darzustellen. Wir sehen, was kein Auge je gespürt.

Zu dem Engel gehören die Hirten auf dem Felde. Sie stehen wie angewurzelt direkt unter Jesu wehendem Lendentuch. Sie haben die Himmels­erscheinung gesehen und fürchten sich nicht. Einer kniet. Alle haben die Hände erhoben.

Wo sind die Schafe der Hirten? Sie stehen ein ganzes Stück abseits. Die Hirten scheinen sie ganz vergessen zu haben. Machen sie etwas falsch? Oder ist es richtig, dass sie sich ganz dem Engel zuwenden und sich vom Moment einfangen lassen? Antwort geben die zwei Hirtenhunde. Verschieden reagieren sie auf die himmlische Erscheinung. Der eine duckt sich ängstlich, klemmt den Schwanz ein und wendet sich vom Engel ab. Der andere bleibt an der Seite seines Herren, legt sich nieder, blickt aber zum Himmel hoch. Hunde sind auf mittelalterlichen Tafelbildern oft Zeichen für die Haltung des Glaubens. Die sprichwörtliche Treue der Hunde zu ihren Herrn macht sie zu Sinnbildern des Vertrauens.

Weiße nackte Hunde stehen meist allegorisch für den Glauben, schwarze, zottige für den Unglauben. Ganz ähnlich auf dem Gemälde: Der Hund, der sich duckt und sich vor dem Engel versteckt, liegt im Schatten und hat schwarze Flecken. Offenbar hat Cranach mehr Sympathie für den Hund, der zwar seinen Schwanz einzieht, aber bei seinem Herrn bleibt und zum Himmel schaut. Er hat das Maul auf. Seine rote Zunge ist zu sehen. Hechelt er vor Freude?

Aber was ist mit den Schafen? Die sind ein gutes Stück entfernt und ohne Schutz. Sie gehören zu den Hirten. Gleichzeitig ergeben sie ein eigenes Sinnbild. Wie nennt Jesus die Menge, die zu ihm kommt? »Sie sind wie Schafe ohne einen Hirten.« (Markus 6,34) In der Mitte des Bildes sind drei Szenen, die die Menschen ohne die Erlösung charakterisieren. Der alte Adam wird rechts von Tod und Teufel gejagt, die Israeliten versammeln sich hinter dem Gesetz, und oben sind die Schafe ohne einen Hirten.

Um den Kreuzstamm herum sind die drei verlorenen Existenzformen. Aber über ihnen schwebt der Weihnachtsengel, der ein Loch in den Himmel reißt und unter ihnen der Auferstandene in seinem wehenden roten Gewand. Zwischen Weihnachten und Ostern spielt sich offenbar das ungetröstete Leben ab. Und der Auferstandene schaut uns direkt an.

Nicht als strahlender Held, heroisch. Sein Blick ist sehr mild, als wollte er sagen: »Flieht und fehlt nur kräftig, letztlich verlaufen auch eure Irrwege unter dem Himmel, der sich öffnet.«

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren. Mit diesem Beitrag endet die Serie.

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

»Vielleicht heilt Gott mich still und leise«

14. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Rezension: Samuel Koch vermittelt in seinem Buch »Rolle vorwärts« einen Blick in die Höhen und Tiefen seines Alltags

Ein Buch, das Mut zur Dankbarkeit macht und mit einer gewissen Portion Humor bedrückenden Momenten ihre Schwere nimmt. In »Rolle vorwärts« wagt Samuel Koch fast ohne jegliches Schamgefühl einen ehrlichen Blick auf sich selbst.

Ich glaube, dass ich der denkbar ungeeignetste Kandidat für eine Querschnittslähmung bin«, schreibt Samuel Koch in seinem neuen Buch »Rolle vorwärts«. Den Humor hat er sich trotz seines schweren Unfalls in der Fernsehshow »Wetten, dass …?« und der Lähmung bewahrt. Dieser Humor zieht sich durch das ganze Buch und verhilft dazu, dass trotz des ernsten Themas an der einen oder anderen Stelle auch mal herzlich gelacht werden darf. Zum Beispiel, wenn Koch beschreibt, wie Überfürsorge und unvorsichtige Umarmungen dazu führen, dass sein Rollstuhl sich selbständig macht und die rasante Fahrt nur von einem parkenden Auto aufgehalten werden kann. Auch, wenn er sich als »Wirtschaftsfaktor« beschreibt, weil er Jobs für mehrere Pfleger und Assistenten schafft, ist ein Schmunzeln des Lesers unvermeidlich. Unter anderem der Humor und die positive Lebenseinstellung scheinen dafür zu sorgen, dass Koch mit seiner Situation
fertig wird.

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Samuel Koch: »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«. Foto: picture-alliance/Jürgen Tap

Die trockene Schilderung obskurer Details wiederum sorgt im ersten Moment noch für Erheiterung, im nächsten macht sich beim Leser aber Betroffenheit breit. Zum Beispiel als es heißt: »Wenn ich draußen in der Sonne sitze, kommt es vor, dass eine Spinne zwischen meinen Knöcheln ein Netz zu weben beginnt. Das ist schon demütigend.«

Thematisch befasst sich Koch mit Ähnlichem wie in seinem ersten Buch »Zwei Leben«. Mit dem Unterschied, dass »Rolle vorwärts« nur sein Leben nach dem Unfall bei »Wetten, dass …« behandelt. Der 27-Jährige schildert seinen Alltag, schreibt detailverliebt von Herausforderungen, die alltägliche Situationen mit sich bringen und berichtet von Momenten, in denen er überraschend Erfolge feiern konnte.

Einer davon ist wohl unbestritten der Abschluss seines Schauspielstudiums an der Hochschule Hannover, das er trotz seiner körperlichen Einschränkung mit unermüdlicher Hilfe von Freunden und Dozenten zu Ende bringen konnte. Improvisationstalent, Kreativität und der Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, treten auf diesen Seiten besonders zu Tage. Koch gibt nicht einfach auf, wenn etwas nicht machbar scheint. Er versucht es auf anderem Weg. So meisterte er zum Beispiel auch eine Safari in Afrika – eigentlich unvorstellbar für einen vom Hals abwärts Gelähmten.

Dass er das alles aber nicht aus eigener Kraft schafft, wird ebenfalls deutlich. Neben seinen Freunden und seiner Familie, die ihm ein normales Leben zu ermöglichen versuchen, ist es vor allem sein Glaube, der ihn davon abhält, aufzugeben. Leider kommt dieser Aspekt, der Kochs ganzes Lebensgerüst zu tragen scheint, erst gegen Ende des Buches heraus. Auf den ersten Seiten steigt er mit dem Thema »Kraftquellen« ein, scheint sich aber davor zu drücken, deutlich auszusprechen, was ihm der Glaube wirklich bedeutet. Man ahnt, dass sich hinter Begriffen wie »Erfinder des Rückenmarks« Gott verbirgt und dass er das ewige Leben meint, wenn er sagt: »Das jetzige Leben ist nicht alles.«

Koch nennt Freunde und eine positive Grundeinstellung als »Kraftquelle« und sagt, es komme darauf an, »im Augenblick zu leben«. Die Art und Weise, in der er zu Beginn des Buches beschreibt wie er sein Leben zu meistern schafft, wirkt etwas belehrend. Zwar sagt er, er habe nicht alles im Griff, beim Leser entsteht jedoch der Eindruck, dass er eigentlich gern als Vorbild herangezogen wird. Dazu kommen Einschübe von Freunden und Schauspielkollegen, in deren Statements dieser Eindruck noch verstärkt wird. Die oftmals lobenden Worte scheinen eher in einen Nachruf zu passen, statt in eine Autobiografie.

Nach einer Aufwärmphase wandelt sich mit Kochs Schreibstil dann aber das Empfinden des Lesers. Zunehmend entsteht der Eindruck, einen Blick in seine Seele zu erhaschen. Je weiter man liest, desto aufrichtiger, ehrlicher und sympathischer wirkt der Autor. Die Details aus seinem Alltag und seine Gedanken, die er mit dem Leser teilt, lassen erahnen, wie es tatsächlich sein muss, Tag für Tag an einen Rollstuhl gefesselt zu sein und nicht einmal selbständig essen zu können. Koch nimmt kein Blatt vor den Mund und hat keine Scham, seine Grenzen, Momente des Versagens und die körperlich unangenehmen Dinge zu schildern.

Ernst wird es, wenn er sich Gedanken über das Thema Sterbehilfe und den Wert des Lebens macht. In diesen Momenten schildert er dann auch ganz offen seine persönliche Überzeugung, die auf den christlichen Glauben gegründet ist. Sein Leben nimmt Koch als »von Gott geschenkt« an, seinen Wert misst er nicht an seinen körperlichen Fähigkeiten. Bei der Vorstellung seines Buches in Darmstadt bezeichnete er seinen Glauben als »lebenserhaltende Maßnahme«. Schade, dass er sich im ersten Kapitel damit eher zurückhält.

Der tief in Koch verankerte Wunsch, trotz allem gesund zu sein oder zumindest ein oder zwei Muskeln mehr bewegen zu können, kommt immer wieder zum Ausdruck und treibt dem Leser an der einen oder anderen Stelle die Tränen in die Augen. »Ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass ich eines Tages gesund sein kann«, schreibt er. Und am Ende heißt es: »Vielleicht heilt Gott mich still und leise in der Nacht, wenn es keiner bemerkt. Und am nächsten Morgen rolle ich mich langsam zur Seite, richte meinen Oberkörper auf, schwenke die Beine über die Bettkante und stehe auf. Und Gott und ich lächeln uns verschmitzt an.« Es ist ein Buch, das »verstört, berührt und bewegt«, wie der Schauspieler Til Schweiger im Vorwort schreibt. Es öffnet die Augen für den Wert des Lebens und macht Mut zur Dankbarkeit.

Swanhild Zacharias

(Christliches Medienmagazin pro)

Koch, Samuel: »Rolle vorwärts«. Das Leben geht weiter als man denkt, adeo, ISBN 978-3-86334-071-1, 17,99 Euro,

Gottesnähe – ein Erlebnis voller Glanz

14. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar sind Moses Hörner transparent, sie könnten auch Lichtstrahlen sein

Unter der Kanzel der Schloss- und Dorfkirche St. Justinus und St. Laurentius in Ettersburg bei Weimar hockt ein gehörnter Mann. Es ist Mose. Auf seinen zehn Geboten ruht die ganze Verkündigung. Deshalb trägt er gleichsam den Kanzelkorb. Und doch hörte ich dort schon den Satz: »Da unter der Kanzel hockt der Teufel!«

Woher hat Mose seine Hörner? Sie sind ein Übersetzungsfehler. Oder sagen wir vorsichtig, ein Missverständnis eines geschriebenen hebräischen Wortes. In der hebräischen Schrift wurden zunächst nur die Konsonanten notiert. Die Schrift war lediglich die Erinnerungsspur des Gedankens. So war der Leser gezwungen, sich zu erinnern, wenn er einzelne Buchstaben zu Worten formte, und dabei die Vokale selbst hinzufügte. So kam es, dass der Glanz, den Moses Gesicht abstrahlte, als er Gott getroffen hatte, von manchen anders übersetzt wurde, nämlich als »Hörner«. Vor allem tat das die erste lateinische Bibelübersetzung. Die gesamte mittelalterliche Kunst bezog sich auf diese Ausgabe, die »Vulgata« genannt wurde. Also wurde Mose mit Hörnern dargestellt. Die berühmteste ist Michelangelos Skulptur des gehörnten Moses in Rom.

Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die Bibel berichtet von diesem glanzvollen Moment: »Während Mose vom Berg herunterstieg, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit dem Herrn geredet hatte. Als Aaron und alle Israeliten Mose sahen, strahlte die Haut seines Gesichtes Licht aus, und sie fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen.« (2. Mose 34,29 f.) Als Mose ausgeredet hat, wird ihm vorsichtshalber ein Schleier über das Gesicht gelegt.

Dieser Schleier wird gebraucht, um die Spuren Gottes auf Moses Antlitz so zu vermindern, dass sein Licht für die anderen erträglich wird. Glanz ist für uns etwas, das wir gern mit der Größe Gottes verbinden. Aber auch die Hörner haben etwas für sich. Denn der Gott Israels war zu Anbeginn seiner Entdeckung durch Abraham mit den Eigenschaften eines Fruchtbarkeitsgottes verknüpft. Darum bauen die Israeliten zunächst ein goldenes Kalb, um ihn darzustellen und zu verehren.

Dieses Kalb ist ein Jungstier, der ungestüme Kraft und Fruchtbarkeit symbolisiert. Und es ist gut denkbar, dass Mose zu Beginn seiner Priesterschaft Hörner trug, um seine Nähe zu Gott darzustellen. Cranach scheint diese Dimension im Blick zu haben. Wie die Reformation selbst, steht unser Altar auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. So trägt der Mose noch die lateinischen Hörner. Aber sie sind transparent, wie die Siegeszeichen des Christus. Sie könnten auch Lichtstrahlen sein. Mit den zwei Tafeln des Dekalogs vor seiner Brust steht Mose fast im Zentrum des Bildes. Links neben ihm verläuft der zeigende Unterarm des Johannes, rechts die linke Wade des Gekreuzigten. Dort steht die kleine Gruppe der Israeliten. Fünf zusammengedrängte Gestalten mit Mose und Aaron in der vorderen Reihe und drei Sippenhäupter Israels in der hinteren. Aus Moses Stirn ragen die beiden Hörner. Sie sind fast durchsichtig, als seien sie verwandt mit der Lanze des Auferstandenen und der Siegesfahne des Lammes, die beide von göttlicher oder besser gesagt, überirdischer Materialität sind und deshalb eben transparent.

Und Mose ist ein gedrungener, eher bäurischer Mann, der gekleidet ist wie ein Handwerker. Ganz anders Aaron neben ihm, der eine Art Königsmantel trägt. Aaron sammelte das Gold des Volkes ein und buk daraus ein goldenes Kalb. Mose ist der Gehörnte, aber auch der, der die Schrift trägt. Er hatte die besseren Antennen für Gott.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Taxifahrt durch die Geschichte

13. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nordirland: Die Mauer zwischen Katholiken und Protestanten in Belfast steht schon länger als die Berliner Mauer

Seit fast einem halben Jahrhundert trennt im nordirischen Belfast eine Mauer die Wohngebiete der Katholiken und Protestanten. Der bis zu sieben Meter hohe »Peace Wall« hat Tore, die tagsüber eine Durchfahrt erlauben. Zum Beispiel für eine »Black Taxi Tour«.

Brandons Hände halten nicht still. Dabei sollte er sie als Taxifahrer eigentlich am Lenkrad lassen. Stattdessen zeigt der 51-Jährige ständig etwas, gestikuliert in der Luft, macht weit ausholende Bewegungen. Und zu erklären hat er viel. Denn Brandon chauffiert seine Fahrgäste nicht mit irgendeinem Taxi in irgendeiner Stadt herum. Als »Black Taxi«-Fahrer bietet er geführte Touren durch die Problemviertel seiner Heimatstadt. Die Rede ist von normalen katholischen und protestantischen Wohngebieten. Ganz normal – ginge es hier nicht um Belfast und seine besondere, blutige Geschichte. Auf den Spuren dieser Geschichte führt die »Black Taxi Tour« auf beide Seiten des immer noch schwelenden Konflikts.

Brandon, selbst Katholik, fährt zunächst in die protestantische Hochburg um die Shankill Road, ein Arbeiterviertel in West-Belfast. Das gehört zum Konzept der »Black Taxi Tour« und auch, dass er dort neben weiteren Fahrgästen auf seinen Kollegen Allister trifft: ein Protestant, der die Führung hier übernimmt. Denn dass ein Katholik an diesem Ort über die Geschichte des Konflikts spricht, ginge denn wohl doch zu weit, auch wenn sich die beiden Taxifahrer als Fotomotiv für ihre Fahrgäste demonstrativ den Arm um die Schulter legen.

Allister weist auf die gleichförmigen, zweistöckigen Backsteinbauten, an deren Stirnseite riesige Wandbilder prangen. Einige von ihnen sollen an »Märtyrer« der protestantischen Seite erinnern – Mörder für viele Menschen auf der anderen Seite. Eine Giebelwand schmückt die Abbildung von Martin Luther mit seinem berühmten Zitat »Hier steh ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.« Während Brandon das übergroße Bild des Reformators betrachtet, erzählt er: »Noch vor 20 Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, einmal mitsamt protestantischen Kollegen Touristen zu beiden Seiten der Mauer zu fahren!«

Seit 1969 trennt die sieben Meter hohe Mauer die Wohngebiete der verfeindeten Protestanten und Katholiken in Nordirlands Hauptstadt Belfast (links). Der Katholik Brandon (rechts) konnte sich vor 20 Jahren noch nicht vorstellen, einmal mit protestantischen Taxikollegen beiderseits der Mauer zu fahren. Fotos: Peter Beyer

Seit 1969 trennt die sieben Meter hohe Mauer die Wohngebiete der verfeindeten Protestanten und Katholiken in Nordirlands Hauptstadt Belfast (links). Der Katholik Brandon (rechts) konnte sich vor 20 Jahren noch nicht vorstellen, einmal mit protestantischen Taxikollegen beiderseits der Mauer zu fahren. Fotos: Peter Beyer

Das »Black Taxi«-Projekt ist ein Erfolg. Die Taxifahrer verdienen sich damit ein Zubrot, die Touristen bekommen aus erster Hand eine Ahnung von der blutigen Geschichte der Stadt. Ein Schritt in Richtung Stabilität, vielleicht. Jedenfalls ein Hoffnungsschimmer. Immerhin wird seit Jahren in Belfast nicht mehr geschossen. Doch die Mauer, das fügt Brandon rasch hinzu, sei zwar ein Gräuel, hielte aber den Frieden aufrecht. Er erzählt, Bewohner beider Seiten hätten 2010 eine Initiative gestartet, um die Mauer abreißen zu lassen. Doch bei den Gesprächen stellte sich heraus, dass es immer noch eine radikale, wenn auch winzige Minderheit gibt, die nicht bereit ist für Versöhnung und Frieden. Und so hat die Peace Wall weiter Bestand, werden die großen, eisernen Tore der Mauer bei Unruhen und nachts geschlossen.

»Heute haben die militanten Kämpfer auf beiden Seiten nicht mehr den Einfluss wie früher. Trotzdem gewinnen sie nach wie vor Jugendliche für ihre Ziele«, berichtet Brandons Taxifahrerkollege Allister. »Aber die meisten jungen Menschen wollen ein ganz normales Leben führen«, fügt er hinzu. Dann berichtet er mit einer Spur von Optimismus in der Stimme von Austauschprogrammen, bei denen junge Menschen Gleichaltrige auf der anderen Seite der Mauer besuchen. Banal, aber hier ein Fortschritt. An einen baldigen Mauerfall glaubt auch Allister nicht. Die Mauer erfüllt auch für ihn nach wie vor eine Schutzfunktion.

Nachdem Brandon seine Fahrgäste wieder aufgenommen hat, geht es weiter entlang der über sieben Meter hohen Betonabsperrung. Eigentlich sollte sie nur ein Provisorium sein, berichtet der Nordire am Steuer. Nach schweren Zusammenstößen im August 1969 errichtet, müsse sie nur ein oder anderthalb Jahre stehen, versicherten die Behörden den Anwohnern seinerzeit. Fast 50 Jahre später steht die Mauer aus Stahl, Beton und Stacheldraht auf der Krone immer noch an Ort und Stelle.

Auf der anderen, der katholisch geprägten Seite geht es entlang der Falls Road zu einer Gedenkstätte. Wandmalereien bekunden Solidarität mit anderen Befreiungsorganisationen, etwa denen der Kurden, Palästinenser, Katalanen und Basken. Auch hier sind viele Häuserfassaden mit überdimensionalen Wandbildern bemalt, die an »Helden« der katholischen Seite erinnern, Märtyrer für viele Menschen auf dieser Seite der Mauer, Mörder für viele auf der anderen. Eines erinnert an den 15. August 1969, als Gerald McAuley, selbst fast noch ein Kind, von einem Scharfschützen erschossen wurde. Brandon liefert seinen Fahrgästen sogar die genaue Uhrzeit und braucht nicht näher an die Gedenktafeln heranzutreten, um Zahlen und Fakten zu den Opfern dieser Seite vorzutragen.

Wann der blutige Konflikt ein Ende hat, wann die Mauer fallen kann? »Nachdem wir bei den Gesprächen 2010 die Realität erkannt hatten, baten wir die Regierung, die Mauer weitere
20 Jahre stehen zu lassen«, sagt Taxifahrer Brandon sichtlich enttäuscht. Die Berliner Mauer stand 25 Jahre. Wenn kein Wunder geschieht, wird die Mauer in Belfast mindestens doppelt so lange Bestand haben.

Peter Beyer (Text und Fotos)

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Gott, ein Turm, eine Burg

6. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Der Cranachaltar zeigt Gott als Zuflucht und Retter in der Not

Jerusalem, du hoch gebaute Stadt,
wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnend Herz
so groß Verlangen hat
und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg und Tale,
weit über Flur und Feld
schwingt es sich über alle
und eilt aus dieser Welt.
Choral von Johann Matthäus Meyfart aus dem Jahr 1626

Ein Herz macht sich auf und fliegt schon mal vor. Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, ist sein Ziel. Johann Matthäus Meyfart besingt in seinem lutherischen Choral »Jerusalem, du hoch gebaute Stadt« die Sehnsucht nach Jerusalem, die zugleich eine Got­tessehnsucht ist.

Jerusalem ist auf vielen protestantischen Gemälden, auch auf einigen Vorgängern des Weimarer Altarbildes, im Hintergrund zu sehen. Das himmlische Jerusalem ist die Braut Gottes und der Fluchtpunkt unseres Lebens. Wenn diese Welt vergeht, wird diese Stadt aus dem Himmel herab schweben und eine unzählbare Schar von Frommen aufnehmen.

Auf unserem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel, steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem. Ich vermute an dieser Stelle ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg.

»Denn du bist meine Zuversicht, ein starker Turm vor meinen Feinden«, heißt es in der Bibel (Psalm 61, 4). Und an anderer Stelle: »Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.« (Psalm 31, 4).

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Hier, wo der Berg steht, thront auf vielen mittelalterlichen Altären Gott selbst. Freundlich blickt er aus dem Himmel wie ältere Damen aus dem Fenster. Vor sich die Hände auf einem Wolkenkissen gekreuzt, ein weißer Bart, ein milder Blick.

Gott als alter untätiger Mann. Das ist ein Gottesbild aus der Zeit der Patriarchen. Für uns ist das eher schwer nachvollziehbar. Aber ist es nicht so? Ein Patriarch, der nicht angegriffen wird, betrachtet die Welt mit großzügiger Gelassenheit. Wenn er ruht, und solange er ruht, ist die Welt in Ordnung. Er nimmt die Arme erst vom Kissen, wenn Gefahr droht.

Dieses Gottesbild stammt aus Zeiten, die Gott unbedingt souverän sehen wollten. Allein und unberührt musste er sein. Ein Gott, der sich nicht selbst im Weltgebäude aufhält, sondern höchstens zum Fenster hineinschaute, um zu sehen, ob auch alles ruhig lief.

Cranach hatte – anders als wir – noch kein echtes Problem mit dem milden Patriarchen-Gott. Und dennoch ist bei ihm Gott kein alter Mann, sondern eben ein Turm oder eine Burg. Das liegt daran, dass er das Gottesverhältnis existenziell versteht.

Wir sehen Gott, wie wir ihn in unserer Not oder in unserer Sehnsucht sehen. Im Choral von Johann Matthäus Meyfart sah die Sehnsucht die hoch gebaute Stadt Jerusalem, das Ziel der Sehnsucht. In unserem Altar geht es um Blicke in der Situation der Angst, die retten können, wenn die Richtung des Blickes die richtige ist.

Die Israeliten rechts oben im Zeltlager blicken zur Schlange hoch. Cranach der Ältere, der weißbärtige Mann, auf dessen Haupt der Blutstrahl endet, hat gerade zum Kreuz hoch geblickt. Selbst der alte Adam, der verzweifelt vor Tod und Teufel flieht, sieht verzweifelt zum Kreuz hoch. Wir sehen Gott so, wie wir ihn brauchen.

Der Reformationsaltar zeigt den Kampf der menschlichen Seele um Erlösung. Luther suchte den gnädigen Gott, der ihm helfen konnte. Und so ist das Gottesbild unseres Altars ein Turm, Zuflucht und Rettung aus Gefahr in der Situation großer Not.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

»Danke für diesen guten Morgen«

6. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor über 50 Jahren wurde das Kirchenlied populär und ist heute noch ein Hit

Als Abschaum, Negermusik und Gotteslästerung wurde es damals bezeichnet. Das Kirchenlied »Danke für diesen guten Morgen« provozierte bei seinem Erscheinen vor über 50 Jahren einen Proteststurm. Heute ist es längst ein Klassiker und eine einfache Möglichkeit, vom Glauben zu singen.

Poesie für Gartenzwerge? Das »Danke«-Lied. Foto: Gerd Gropp – fotolia.com
Poesie für Gartenzwerge? Das »Danke«-Lied. Foto: Gerd Gropp – fotolia.com

»Da hat jetzt ein Pfarrer einen Dreh gefunden, wie er die Jugend in die Kirche kriegt: mit Jazz!« schrieb die Illustrierte »Kristall«. »Ich klage den scheinbar musikalischen Pfarrer Günter Hegele zweier Sünden an: eine gegen die Musik und eine gegen die Religion!«, schrieb das Wochenblatt »Die Zeit«. »Poesie für religiöse Gartenzwerge«, »Abschaum christlicher Werbemethoden«, »deutsche Negermusik am Altar«, »Gotteslästerung«, hieß es in Kirchenzeitungen.

Was war geschehen? Pfarrer Günter Hegele ist 31, gibt aber schon seit fünf Jahren ein schlicht hektografiertes Blatt namens »Der Plattenteller« heraus, das aktuelle Schlagertexte theologisch kommentiert. Die Abonnenten treffen sich zu einer Tagung, die Tagung beschließt ein Preisausschreiben, eingesandt werden 996 »neue geistliche Lieder«. Den mit 1 000 D-Mark dotierten ersten Platz gewinnt ein Dank- und Morgenlied des Freiburger Kirchenmusikers Martin Gotthard Schneider. Der Komponist macht später beim gleichen Wettbewerb noch einen dritten Platz mit dem Lied: »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt«

»Danke« ist zunächst nur ein Notenblatt. Günter Hegele geht Klinken putzen bei den Plattenfirmen, wird als »Schnulzenpfarrer« belächelt, und nur die Electrola in Köln bittet Werner Last, den Bruder von James Last, es zu arrangieren. Mit Spinett und Orgel bitte, wegen der Kirchennähe. Produzent Botho Lucas nimmt das Lied mit einer einzigen Sängerin im Playbackverfahren auf. Ein »Botho Lucas Chor«, wie es auf der Plattenhülle heißt, »wäre zu teuer gewesen, man wollte ja nur erst mal diesen Hegele ruhigstellen«, erinnerte sich der Produzent später.

Erst der Proteststurm in der Presse treibt die Verkaufszahlen der Single auf 700 000 Stück hoch. Sechs Wochen hält sich »Danke« in den Charts der deutschen Hitparade. Der WDR verspottet »Danke« in einem eigenen Fernsehbeitrag: »Danke auch für das kleine Helle« bei gleichzeitiger Abbildung eines Bierglases; zur Zeile »Danke, dein Heil kennt keine Schranken« klettert ein Lebensmüder über Bahnschranken auf die Schienen. Aber: Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund 1963 singt es der damalige Popstar Ralf Bendix, moderiert von Peter Frankenfeld, vor 16 000 Zuhörern.

»Danke« ist das erste deutschsprachige Kirchenlied, zu dem man im Swing die Finger schnippen kann und das sich leichter mit der Gitarre als mit der Orgel begleiten lässt. »Wir wollten mal wissen, ob das geht«, erinnerte sich Akademiepfarrer Hegele später, »auch mit den einfachen Stilmitteln der Unterhaltungsmusik außerhalb des Gottesdienstes vom Glauben zu singen.« Es geht, kann man auch heute noch sagen. »Danke« kennt irgendwie jeder.

Andreas Malessa

Suppenküchen statt Prunk

5. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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Griechenland: Die orthodoxe Kirche arbeitet an einem Imagewandel – soziale Aufgaben rücken in den Blick

Reich, konservativ, staatsnah und nur an religiösen Fragen interessiert: Dieses Bild der orthodoxen Kirche von Griechenland hat sich in der Krise verändert.

Als Andreas Müller vor 20 Jahren in Thessaloniki im Norden Griechenlands Theologie studierte, interessierten sich die Priester fast nur für das Geistliche. Heute gebe es allein in Thessaloniki zwölf Suppenküchen, für die die Kirche Geld einsetze und um Ehrenamtliche werbe, sagt der Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Das sei ein »deutlicher Gesinnungswandel«, sagt Müller, der auch im Arbeitskreis Orthodoxie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sitzt.

Auch Martin Illert, Orthodoxie-Referent der EKD, beobachtet: Die griechisch-orthodoxe Kirche versuche, »ihre karitativen Strukturen zu stärken«. Bisher sei die karitative Arbeit dort nicht so selbstverständlich wie in der katholischen und der protestantischen Kirche.
Tatsächlich wurde die kirchliche Hilfsorganisation »Apostoli« erst im Jahr 2010 vom Oberhaupt der Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymus von Athen, gegründet. Seitdem ist die junge Hilfsorganisation gewachsen und arbeitet mit ausländischen Partnern zusammen, zum Beispiel auch mit der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe.

Nach eigenen Angaben half »Apostoli« im Jahr 2014 rund 2,3 Millionen Menschen. Der allergrößte Teil davon, 1,8 Millionen Menschen, kamen in die Suppenküchen der orthodoxen Gemeinden – wobei »Apostoli« jeden Tag neu zählt. Daneben bietet die Organisation Lebensmittelpakete, Kinderbetreuung, Hilfe für alte Menschen. In sieben Sozialkliniken arbeiten Ärzte ehrenamtlich.

Georgia Kolia verteilt als Helferin Brot an Bedürftige – in der Kirche des heiligen Zoni in Athen wird seit Beginn der Krise in Griechenland durch die orthodoxe Kirche eine Suppenküche betrieben. Foto: REUTERS/John Kolesidis

Georgia Kolia verteilt als Helferin Brot an Bedürftige – in der Kirche des heiligen Zoni in Athen wird seit Beginn der Krise in Griechenland durch die orthodoxe Kirche eine Suppenküche betrieben. Foto: REUTERS/John Kolesidis

Während sich die Kirche von Griechenland also auf karitativem Gebiet in die Gesellschaft vorwagt, ist zur politischen und gesellschaftlichen Krise kaum etwas zu hören. Im Allgemeinen seien »Verlautbarungen zu politischen Fragen nicht üblich«, sagt Miltiadis Vantsos. Der Professor für christliche Ethik an der Universität in Thessaloniki erforscht die Kirche in Krisenzeiten zwar nicht wissenschaftlich, beobachtet aber genau. Auch Illert spricht von einer »gewissen Zurückhaltung«.

Eine Ausnahme habe die Kirche allerdings vor dem Referendum Anfang Juli gemacht, sagt Vantsos. In Bezug auf die europäische Perspektive habe sie zwar nicht ausdrücklich zum »Ja« zu Europa aufgerufen, doch zwischen den Zeilen sei es klar zu erkennen gewesen. Sehr deutlich sei laut Medienberichten der Bischof von Thessaloniki, Anthimos, geworden: Im Gottesdienst habe er die Gemeinde dazu aufgefordert, mit »Ja« und somit für Europa zu votieren. Doch es gab auch vereinzelte antieuropäische Stimmen. So habe der Bischof von Kalavrita im Süden des Landes Ende Juli »einen Hilferuf nach Russland gesandt und um Unterstützung gebeten«.

Viele dachten, dass sich die Syriza-Regierung mit der quasi »Staatskirche« anlegen und Besteuerung und sogar Enteignungen ins Spiel bringen werde. Denn der Reichtum der Kirche ist legendär, ein Drittel des griechischen Grundbesitzes soll in ihren Händen sein, Steuern fallen kaum an, die Gehälter zahlt der Staat. Zudem schreibt die griechische Verfassung von 1975 »die Religion der östlichen orthodoxen Kirche Christi« als Mehrheits­religion fest. Bisher waren Gottesdienste mit Erzbischof und Eid zur Einführung der Regierung üblich. Alexis Tsipras hat als Erster den religiösen Eid verweigert. Doch derzeit werde über die Finanzierung der Staatskirche und über ihren Landbesitz kaum diskutiert, zumindest nicht öffentlich, fassen Illert, Müller und Vantsos ihre Beobachtungen zusammen. Die Kirche bilde keinen Block gegen die Regierung« und es sei in ihrem Interesse, Finanzfragen ruhen zu lassen und sich auf die karitative Arbeit zu konzentrieren, sagt Illert.

Auch Vantsos sieht in der sozialen Arbeit einen Grund für die Zurückhaltung der linken Regierung. »In der Krise leistet die Kirche wichtige soziale Arbeit, die geschätzt wird, da sie die Arbeit des Staates erleichtert«, sagt er. Diskutiert werde derzeit nur über den verpflichtenden Religionsunterricht. Bei Syriza gebe es Bestrebungen, diesen freiwilliger zu gestalten, während die Kirche Einschränkungen befürchtet.

Wiebke Rannenberg (epd)

Glaube braucht Heimat

1. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Thema: Glaube und Heimat – Reflexionen über eine denkwürdige und facettenreiche Beziehung


Die ARD widmet sich vom 4. bis 10. Oktober dem Thema »Heimat«. Unsere mitteldeutsche Kirchenzeitung trägt in ihrem Titel neben dem Begriff »Heimat« den des Glaubens. Über das Verhältnis von Glaube und Heimat geht es in diesem Beitrag.

Von Siegfried T. Kasparick

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ich gratuliere herzlich zum 90. Geburtstag von „Glaube + Heimat“. Aus vielen kleinen Zeitungen, mehrfach unter dem Namen „Heimatglocke“ war 1924 Glaube und Heimat, das Thüringer Monatsblatt für das evangelische Haus geworden. Und dann lebte diese Kirchenzeitung zwischen mehr oder weniger sorglosen Zeiten und Papier- und Geldmangel, zwischen kritischer Information und Huldigung der jeweiligen Heimat, zwischen großer Leserschaft und zeitweiliger Schließung. Inzwischen sind es nach einer wechselvollen Geschichte nun zwei Zeitungen unter einem Dach oder in einem Mante – “Die Kirche” und “Glaube + Heimat”.

Also noch einmal:

Herzliche Glückwünsche zum Neunzigsten!

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Der Autor, Propst Siegfried T. Kasparick, Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene hielt den Festvortrag anlässlich des 90. Jubiläums von »Glaube + Heimat« 2014. – Foto: Maik Schuck

Wer neunzig geworden ist, der hat viele Erfahrungen gemacht, sagt man, der kann viel erzählen. Dass 90-Jährige viel erzählen, das ist ja oft so, aber ob sie wirklich viele Erfahrungen gemacht haben, das ist damit noch nicht erwiesen. Denn Erfahrungen hängen ab von den Kategorien, unter denen ich die Wirklichkeit erfasse.

Kant hat gesagt: „Erfahrung als empirische Erkenntnis der Gegenstände ist nur möglich, wenn gegebene Vorstellungen durch Kategorien auf ein Objekt bezogen werden können. Allein durch die Kategorien ist Erfahrung möglich.“ Man kann auch sagen: Man sieht nur, was man weiß, und man weiß nur, was man glaubt.

Das heißt, ich brauche Instrumente, um die Wirklichkeit wahrzunehmen. Ich brauche Kategorien, um die Wirklichkeit zu verstehen. Das gilt für jeden Menschen.

Das gilt umso mehr für eine Zeitung, die ja zu Aufgabe hat, „Jüngstes Gegenwartsgeschehen in kürzester regelmäßiger Folge der breitesten Öffentlichkeit zu vermitteln“ – so heißt es in einer Zeitungslehre. Vermittlung aber braucht Deutung. Das galt schon zu Zeiten, als Zeitung einfach Nachricht bedeutete. Wenn Sie so wollen, war das Evangelium immer eine gute Zeitung.

Wie in so einer Zeitung Deutung und Situation aufeinander bezogen werden können, sehen wir in einem Text von Hans Sachs aus dem Jahr 1546. Die Evangelischen hatten den Schmalkaldischen Krieg gegen die Kaiserlichen verloren. Bayern, die Pfalz und ein Teil von Sachsen hatten sich mit dem Kaiser verbündet. Die Evangelischen sind bestürzt: Die Reformation ist in Gefahr. Christus ist verraten worden. Darüber schreibt Hans Sachs „Wünderlicher dialogus und neue Zeitung“ Und was war die neue Zeitung?

Der Herrgott hat vor, wegen der unhaltbaren Zustände in Deutschland nach Ägypten zu fliehen, wie damals die Heilige Familie. Information und Deutung, darum ging es schon damals. Wichtig sind die Kategorien, unter denen die Texte und Bilder der Zeitung entstehen, sind die Kategorien, mit denen das Geschehen gedeutet wird.

Nun hat die Zeitung, die wir heute feiern, sich einen programmatischen Namen gegeben, der gleich zwei Kategorien enthält: Glaube und Heimat. Diese beiden Kategorien oder Leitlinien für das Selbstverständnis der Jubilarin haben mich gereizt, an dem heutigen Festtag einmal dem Verhältnis von Glaube und Heimat nachzugehen.

Glaube und Heimat, eine denkwürdige Beziehung

Zunächst:

1. Glaube und Heimat – eine vielfältige Geschichte

Meine Damen und Herren, der 90. Geburtstag fällt in ein Jahr vielfältiger Erinnerungen. Vielfältige Erinnerungen gehören nun mal zu so einem Geburtstag. Und immer wieder klingen bei den Erinnerungen dieses

Jahres die Themen Glaube und Heimat auf:

Die Zeitung “Glaube und Heimat” wurde in einer Zeit der Kriegserinnerung gegründet. 10 Jahre vorher hatte der schreckliche erste Weltkrieg begonnen. Alle hatten damals ihre Heimat beschworen, Deutschland und Österreich–Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien auf der einen Seite. Frankreich, Großbritannien, Serbien Russland, Japan, die USA auf der anderen Seite. Und keiner verstand sich als Angreifer, alle wollten nur die Heimat verteidigen, und dem wurde alles untergeordnet. Auch die Kunst – es waren nur wenige wie die Frauen Käthe Kollwitz und die erste Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, die sich von Anfang an gegen diesen Krieg wandten. Berta von Suttner sprach angesichts erster Militärflugzeuge vehement gegen die Einbeziehung des Himmels in den Krieg. Es lohnt sich, bei der Debatte um die Drohnen an sie zu erinnern. Selbst Ernst Barlach hatte noch sehr angriffslustige Zeichnungen angefertigt.

Und der Glaube wurde vereinnahmt – von allen Seiten. In Deutschland landete ein Ausschnitt aus der berühmten Rede Bismarcks vom Februar 1888 auf den Feldpostkarten: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Vergessen war, dass Bismarck vorher gesagt hatte, dass das deutsche Reich es vermeiden müsse, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden. Und im Anschluss sagte er: „Die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Bismarck hatte offensichtlich noch ein wenig mehr von der Zuordnung von Glauben und Heimat verstanden als die, die nach ihm kamen. Im ersten Weltkrieg aber konnten oder wollten sich die Gegner dem inneren, propagandistischen und dann äußeren Kampf nicht entziehen. Geschützt sollte die Heimat sein und rein von Fremden und Fremdem. Und so starben nicht nur die Soldaten, sondern viele Zivilisten wurden zu Opfern. Im nächsten Jahr erinnern wir an den Musa Dagh und den Völkermord an den Armeniern. Über eine Million Armenier wurden im Aghet, in der Katastrophe, wie sie es nennen, vertrieben und getötet.

Und am Ende des furchtbaren Weltkrieges war niemand einfach Sieger. Für viele ging die Heimat verloren und der Glaube an die Zukunft. Über 17 Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren.

Und dann kam der Zweite Weltkrieg. Wir erinnern an den Beginn vor 75 Jahren. Erst kam der Überfall auf Polen, später wurde die Sowjetunion angegriffen. In der Folge verloren die Wolgadeutschen ihre Heimat, weil sie als Kollaborateure galten. Genau wie die Kalmücken und die Krimtataren und viele mehr. Die Wolgadeutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Viele kamen auf den Wegen dahin und in den Arbeitslagern ums Leben. Als sie in Stalingrad auf die Wolga-Schiffe verladen wurden, sangen sie: „Jesu geh voran auf der Lebensbahn.“ Die Heimat war verloren, der Glaube war ihnen geblieben. Ich habe bewegende Berichte von Menschen gehört, die alles daran gesetzt haben, auf den Transporten, in den Lagern, unter schwierigsten Umständen die Familienbibel zu bewahren. Es war ihr größter Schatz. Der Glaube war zur Heimat geworden. Und diese Heimat nahmen sie mit.

Vor 80 Jahren dann, die Zeitung “Glaube und Heimat” war gerade 10 Jahre alt, sagte Dietrich Bonhoeffer bei einer Andacht während einer ökumenischen Konferenz im dänischen Fanö: „Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss.“ Bonhoeffer hatte die Hoffnung, dass der gemeinsame weltweite Glaube so stark sein könnte, dass eben nicht mehr Nation gegen Nation, Heimat gegen Heimat stehen müssen.

Diese Idee wurde 1983 bei der Vollversammlung des ökumenischen Rates in Vancouver wieder aufgenommen. Die DDR Delegation hatte zu einem Friedenskonzil aufgerufen. Der konziliare Prozess für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wurde geboren und gewann mit den ökumenischen Versammlungen in Dresden, Magdeburg und wieder Dresden eine große Dynamik und veränderte unsere Heimat. „Eine Hoffnung lernt gehen“ war das Motto des Aufrufes an die Gemeinden. So lernten die Menschen mit aufrechtem Gang gehen, mit Kerzen in den Händen, mit Hoffnung, dass es gut werde mit der Heimat. Dass dann für viele so viel Heimat verloren ging, war nicht abzusehen. Es sind lange Gespräche notwendig, nach wie vor: Was war Heimat in der DDR? Was war eher ungeliebtes zu Hause? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Wo war er Heimat? Wo war er gerade kritisches Gegenüber zur erlebten Heimat.

Ich selbst bin mit zwei Sprüchen meiner Eltern aufgewachsen: „Wer glaubt, flieht nicht.“ Und: „Blühe, wo du gesät bist.“ Doch das war für viele nicht so einfach. Für die einen war der Glaube so wichtig, dass sie blieben. Heimat war ja auch Aufgabe und Verantwortung. Für andere war die Heimat, die Familie, das vertraute Leben so stark, dass sie sich, soweit es für sie nötig war, anpassten, um die Heimat nicht verlassen zu müssen. Andere wiederum fanden die Heimat unerträglich und gingen fort. Manche konnten sich gut vorstellen, mit ihrem Glauben woanders Heimat zu finden, ohne sich ständig verbiegen zu müssen, und andere wiederum wurden gar nicht gefragt, sondern inhaftiert und abgeschoben.

Vielen Christen, die blieben, half der Glaube, den überall geltenden Regeln der Anpassung, des Achsenzuckens, der Maulkörbe zu widerstehen. Der Glaube half, den begrenzten Horizont der kleinen DDR zu durchbrechen.

Erinnern sie sich noch? Wenn dieser weitere Horizont des Glaubens den Mächtigen zu weit ging, dann konnten sie schon mal ganze Zeitungen „verbieten”. Einmal entschied die Redaktion von “Die Kirche”, in einer Ausgabe die unerwünschten Absätze frei zu lassen. Zeichen eben eines weiteren Horizonts.

Mit der Wende dann veränderte sich die Heimat, die Infrastruktur, die Wirtschaft, die politische Landschaft. Es kamen Strukturveränderungen, neue Kirchen- und Landkreise, neue Bundesländer und neue Kirchen.

Vor 10 Jahren startete das gemeinsame Kirchenamt und konstituierte sich das Kollegium. Kurz danach kamen Föderationssynode und Föderationskirchenleitung zum ersten Mal zusammen. Was war aus der Heimat in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen geworden? Und welche Rolle spielte der Glaube?

Über den Glauben einigte man sich verhältnismäßig schnell. Die Sache mit der Heimat war etwas schwieriger. Manche Beiträge aus dem Norden oder aus dem Süden klangen so, als ginge es darum, sich mit Menschen aus anderen Religionen und fernen Ländern zusammenzuschließen.

Das ist ja inzwischen etwas besser geworden.

Die Frage aber bleibt, wie wichtig ist uns unsere jeweilige Heimat, die jeweilige Tradition und Geschichte, das, was wir gewohnt sind und was uns geprägt hat und wie wichtig ist uns der verbindende Glaube.

Und wie steht es um Glaube und Heimat heute 2014?

In unserer Nachbarschaft, in dem Land “U Kraina”, also in dem Land am Rande, wie es übersetzt heißt, stehen wieder einmal Heimat gegen Heimat. Das Land ist geprägt durch die Regionen mit ihrer unterschiedlichen Geschichte, mit unterschiedlicher Heimat, wenn Sie so wollen: Als Teil des Zarenreiches, des Kaisertums Österreich, des polnisch litauischen Reiches, des Khanates Kasan und immer wieder auch unabhängig. Und wie im Zweiten Weltkrieg, Westukrainische Verbände auf Seiten der Deutschen Wehrmacht kämpften und ostukrainische Partisanen auf Seiten der roten Armee, alles im Namen der Heimat, so berufen sich heute wieder die verschiedenen Gruppen auf die Geschichte ihrer jeweiligen Heimat und beklagen die Dominanz der anderen Seite.

Und dazwischen der Glaube. Es ist eines der eindrücklichsten Bilder aus dem Konflikt: Eine junge Frau steht zwischen Schwerbewaffneten, mitten zwischen starken Barrikaden und sie hat eine weiße Fahne in der einen Hand und in der anderen eine Ikone.

Mitten in den Kämpfen um die Heimat der Glaube an den Frieden und an die Nähe Gottes. Und mitten drin die Kirchen. Auf Grund ihrer Geschichte gehören auch sie zu verschiedenen Seiten.

Vier verschiedene Kirchen mit orthodoxem Ritus, wobei die größte von ihnen zum Moskauer Patriarchat gehört und eine andere zur Römisch Katholischen Welt, eine Römisch-Katholische Kirche und verschiedene Kirchen aus der protestantischen Familie. Immer wieder stehen diese Kirchen auf Grund ihrer Geschichte gegeneinander, oft aber auch zusammen gegen Gewalt, für friedliche Lösungen, für eine vereinigte Ukraine, in der alle ihren Platz haben. Schon 1997 formulierten sie gemeinsam: „Nicht zulassen werden wir, besonders nicht in den Massenmedien, irgendwelche Äußerungen im Geist der Feindschaft nationaler und konfessioneller Unverträglichkeit. Wir werden uns aller Ausflüchte und ehrabschneidenden Erklärungen enthalten.

Noch im März diesen Jahres hieß es in einer gemeinsamen Erklärungen verschiedener Religionen und Konfessionen: In der jetzigen politischen und gesellschaftlichen Lage müssen wir Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie alle Regierungsorgane alles in unserer Macht stehende tun, um den religiösen Frieden in der Ukraine zu bewahren. Wir dürfen auf keinen Fall Ausbrüche von Gewalt auf religiöser Basis zulassen. Unsere große ukrainische Familie muss einheitlich in der Vielfalt sein.

Der gemeinsame Glaube hatte sich als stärker als die jeweilige Heimat erwiesen. Daneben gibt es aber auch die andere Erfahrung, dass die Kirchen anfangen, die Feindbilder zu teilen. Es hat eben Opfer gegeben und Schmerz und Trauer auf allen Seiten. Augenblicklich sind einzelne Friedensgebete das, was für die Heilung der zerrissenen Heimat geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir mit unseren Gebeten nicht nachlassen und jeder Polarisierung widerstehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man sich allein diesen kleinen Ausschnitt aus den letzten 100 Jahren vor Augen führt, merkt man, es handelt sich bei Glaube und Heimat wirklich um ein denkwürdiges Verhältnis. Lassen Sie mich darum dieses Verhältnis noch ein wenig weiter differenzieren.

Glauben braucht Heimat

Zwei Überlegungen dazu:

A. Glaube braucht Heimat,

weil Gott Mensch geworden ist

B. Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

A Glaube braucht Heimat, weil Gott Mensch geworden ist

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes voll Gnade und Wahrheit. Gott hat sich nach jüdisch-christlicher Überzeugung nicht allgemein mit der Menschheit verbunden, sondern ganz konkret mit dem Volk Israel. Gott ist nicht Mensch an sich geworden, sondern ein konkreter Mensch zu einer konkreten Zeit – Jesus von Nazareth, von dem die Leute, die seine Heimat kannten, sagten: Na, was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Abschätzige Beurteilungen einer fremden Heimat. Gott hat es am eigenen Leib erfahren. Er verbindet sich mit konkreten Menschen, mit ihrer Geschichte, mit ihren Erfahrungen, mit ihrer Sprache. Heino Falcke hat in der letzten Woche an das Pfingstfest erinnert, bei dem die Menschen die Botschaft in ihrer Sprache verstehen, das heißt: in ihrer jeweiligen Heimat, in ihrem Hause, auf ihrer Straße wird das Evangelium jeweils anders verständlich.

Doch der Glaube verbindet alle.

Dieser Gedanke brachte die Slawenapostel Kyrill und Method dazu, das kyrillische Alphabet zu entwickeln, um die biblische Botschaft in slawischer Schrift zu schreiben. Dieser Impuls aus dem 9., Jahrhundert hat dazu geführt, dass in der Orthodoxie immer wieder auf einheimische Sprachen gesetzt wurde. Die göttliche Liturgie, das Gotteslob erklingt in den jeweiligen Heimatsprachen, in Finnisch und Englisch, in Französisch und Polnisch, in Rumänisch und Griechisch und Kirchenslawisch. Dass das Altslawische wie übrigens auch das Lutherdeutsch auch zu einer Art heiliger Sprache wurde, ändert daran nichts.

Nicht umsonst werden Kyrill und Method als Vorläufer Luthers bezeichnet. Diese Parallele wird nicht ohne Grund immer wieder in der Evangelischen Kirche der Slowakei betont, gehören doch alle, Kyrill und Method und Luther, zu den prägenden Gestalten der Slowakei. Dass später der Lutherschüler und finnische Nationalheld Mikael Agricola dann die finnische Schriftsprache entwickelt, damit das Evangelium auf Finnisch erscheinen kann, ist nur folgerichtig. So sei noch einmal erinnert an Luthers Impuls an eine Sprache, die die Leute verstehen: „Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel tun; sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.”

So ist schon die Geschichte Jesu Christi nicht eine abstrakte Lehre, sondern eben Geschichte, verbunden mit konkreten Menschen, mit konkreten Landschaften. Da sind die Römer, Samaritaner und Juden, da sind die Reinen und die Unreinen, da sind die Reichen und die Armen, da sind die Vorurteile über die Fremden, da steht Heimat gegen Heimat und mittendrin die Botschaft von der Versöhnung. So ist der Glaube auch bei Luther immer theologisch sorgfältig durchdacht und entwickelt, aber immer auch mit konkreten Situationen verbunden, immer an der Heimat interessiert.

“Ich bin ein Landeskind in der Herrschaft zu Mansfeld, dem es gebühret, sein Vaterland und Landesherrn zu lieben und das Beste zu wünschen, dazu auch ein öffentlicher Prediger, der da schuldig ist zu vermahnen, wo jemand, durch den Teufel verführt, nicht sehen kann, was er für Unrecht tut, schreibt er.”

So kommen bei ihm Glaube und Heimat zusammen. Die alte Erfahrung, dass Gott nicht allgemein in der Welt zu Hause ist, sondern immer ganz konkret Heimat findet, hat Christen aller Zeiten dazu gebracht, sich auf die Länder, in denen sich der Glaube ausbreitete, einzulassen: auf die Kultur, auf die Geschichte vor Ort, auf die Sprache. Dass das nicht unkritisch geschehen darf, zeigt folgender Text Martin Luthers: “Ja, ich weiß leider wohl, dass wir Deutschen immer Bestien und tolle Tiere sein und bleiben müssen, wie uns denn die umliegenden Länder nennen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: Was sollen uns Seide, Wein, Gewürze und die fremde, ausländische Ware, so wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in deutschen Landen die Fülle zur Nahrung haben, dazu auch eine reiche Auswahl zur Ehre und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja größerer Schmuck, Nutzen, Ehre und Frommen sind, sowohl die heilige Schrift zu verstehen wie weltlich Regiment zu führen, wollen wir verachten; und die ausländischen Waren, die uns weder von Nöten noch von Nutzen sind, die wollen wir nicht entbehren. Heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?”

Vom Glauben zu erzählen heißt immer, von Christus zu erzählen. Und von Christus zu erzählen, heißt immer, Geschichte zu erzählen. Sola fide und solus christus gehören zusammen. Oder anders gesagt: Allein der Glaube, als gäbe es die konkrete Heimat nicht, wird zur Ideologie oder zum reinen Machtinstrument, so wie es in der Missionsgeschichte viele Beispiele gab. Beispiele, in denen es eben weniger um Beheimatung von Glauben ging, sondern oft um Macht – und Kulturtransfer.

Glaube braucht Beheimatung: Dazu gehört das Interesse an den Menschen. Dazu gehört, sich auf regionale Unterschiede einzulassen. Dazu gehört aber auch, den Schmerz zu teilen, wenn Heimat verloren geht, wenn Vertrautes, Althergebrachtes nicht mehr da ist, wenn Häuser und Bäume und Menschen und Erinnerungen verletzt werden. Glaube hilft aber auch, das auszuhalten, Erinnerungen an die Heimat nicht abzuwerten, sondern zu bewahren. Das ist der tiefere Sinn, wenn wir in der Reformationsdekade dazu aufrufen, Regionalgeschichte zu erkunden, jeweilige Heimat ans Licht zu bringen, sich gegenseitig auszutauschen über vielfältige Geschichte.

Der Schritt in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland war unverzichtbar, um Verwaltung zu konzentrieren und Kräfte zu bündeln. Die EKM ist aber keine Glaubensgröße. Der Glaube hat in ihr in den verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Kulturen Heimat gefunden. Und er muss sowohl in der ganzen EKM und darüber hinaus, als auch vor Ort an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen immer wieder neu beheimatet werden. Orientierung an der richtigen Botschaft reicht nicht, sondern die Frage heißt, wie kommen die Menschen vor, mit denen ich zu tun habe. Interessiere ich mich wirklich für die Leute, für ihre Heimat, für ihre Lebensumstände, für das, was sie bewegt? In der Sowjetunion, in der DDR und manchmal auch heute hörte und hört man: Die Kirche soll sich um ihre Sache kümmern, aber nicht um Gesellschaft und Politik. Die Reformation hat gezeigt, wo Kirche sich um ihre Sache kümmert, ist sie immer politisch und stößt gesellschaftliche Veränderungen an, weil es ihr um die Menschen geht, um ihre Fragen, um ihre Sprache, um ihre Fähigkeit mitzudenken, mitzureden, mitzugestalten, Heimat zu fördern. Es heißt nicht: Suchet eine gute Ideologie für das Land oder ein abgeschiedenes Inneres, sondern Suchet der Stadt Bestes. Dabei darf ein zweites nicht vergessen werden:

B Glaube braucht die Unterscheidung von Glaube und Heimat

Gott ist Mensch geworden. Er wohnte unter uns. Das ist das Argument für die Heimat. Aber er ist Gott geblieben, wahrer Gott.

Darum ist es notwendig, immer wieder Glaube und Heimat zu unterscheiden. Glaube ist eingebunden in die Heimat vor Ort. Es ist wichtig, regionale Kultur zu entwickeln und ihr dienstbar zu sein.

Aber wir sind im Hören auf Gottes Wort immer auch freie Herren über diese Kultur und nicht ihr unterworfen. Glaube braucht das Wissen um die Mechanismen von Heimat. Es ist nicht gut so zu tun, als gäbe es den reinen Glauben. Wer die Einflüsse von Kultur und Heimat und Tradition auf den Glauben nicht kritisch reflektiert, geht immer wieder in dieselben Fallen. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus zeigt, was passiert, wenn Glaube und Ideologie, Glaube und Heimatgefühl, Glaube und Zeitgeist nicht unterschieden werden. So schreibt der Kirchengeschichtler Preuß über Luther und Hitler:

Beide seien deutsche Führer, beide zur Errettung des Volkes berufen, beiden geht der Schrei nach einem großen Manne der Rettung voraus, beide seien aus dem Bauernstand, sie treten in den 30er Jahren ihres Lebens als gänzlich unbekannte Leute auf, beide lieben ihr Vaterland, die Frauen treten für beide aus der Öffentlichkeit zurück in die Häuslichkeit. Und als leuchtende Schlussparallele: “Luther und Hitler fühlen sich vor ihrem Volke tief mit Gott verbunden.” – “Man hat gesagt, das deutsche Volk habe dreimal geliebt: Karl den Großen, Luther und Friedrich den Großen. Wir dürfen nun getrost unseren Volkskanzler hinzufügen. Und das ist wohl die lieblichste Parallele zwischen Luther und Hitler.”

Es ist gefährlich, sich mit der Heimat zu sehr zu identifizieren und die Distanz des Glaubens zu verlieren. Immer wieder höre ich augenblicklich auch von Kirchenvertretern aus der Ukraine: Wir müssen doch sagen, wer angefangen hat. Wir müssen doch benennen, wer Schuld hat. Die Kirche muss doch Position beziehen. Und dann wurden auf beiden Seiten Ostereier bemalt: auf der einen Seite in den Farben der ukrainischen Staatsflagge, auf der anderen Seite mit Zarenportraits. Gott mit uns auf beiden Seiten, wir damals auf den Koppelschlössern.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, die Kirche muss Position beziehen: Aber nicht für die eine oder andere Seite im Konflikt, sondern für Frieden, gegen Gewalt, für die Opfer, gegen die Schläger, für die Politik, gegen das Militär. Nächstenliebe braucht Klarheit, haben wir in der EKM formuliert. Das ist ein Plädoyer des Glaubens gegen eine unreflektierte Heimatliebe. Glaube braucht Heimat, aber auch die Unterscheidung von Glaube und Heimat. Aber auch das Umgekehrte gilt. Darum

2. Heimat braucht Glauben

Zwei Überlegungen dazu

A Heimat braucht Glauben, um das Danken nicht zu verlernen

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

A Heimat braucht Glauben um das Danken nicht zu verlernen

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat, singen wir an jedem Anfang eines neuen Kirchenjahres. Und im Hintergrund klingt der Psalm: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Heimat braucht Glauben, damit nicht vergessen wird, dass sich Heimat nicht von allein versteht, sondern sich verdankt. Augenblicklich wird viel geschimpft und geklagt, doch was hält die Gesellschaft innerlich zusammen? Was verbindet die Menschen mit ihrer Heimat, wie sie nun mal ist?

Es lohnt sich, alte Bilder anzusehen, Bilder aus der Zeit vor 25 Jahren. Was ist nicht alles geworden! Wofür gilt es nicht alles zu danken! Das Land Sachsen-Anhalt hat die geringste Verbindung der Bevölkerung mit ihrem Land, hat eine der vielen Untersuchungen der letzten Zeit ergeben. Und mancher hat sich gefragt, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen dieser Distanz zur Heimat und der geringsten Zahl von Christen weit und breit. Ich bin nicht sicher, ob man das wirklich so sehen kann. Ich weiß aber, dass der Glaube hilft, das Dankenswerte zu entdecken und auch mit schmerzlichen Entwicklungen in der Heimat umzugehen. Der Glaube erinnert immer wieder daran: Leben wir, geht es uns gut; sind wir geborgen und voller innerer und äußerer Kraft, dann leben wir dem Herrn. Aber sterben wir, verändert sich die Heimat schmerzlich, geht Vertrautes verloren, lassen unsere Kräfte nach, auch dann sterben wir im Herrn. Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Das stärkt Heimat.

Das hilft, vor Ort zu Hause zu sein.

B Heimat braucht Glauben in hilfreicher Distanz

Und zwar:

- Als Ruf zur Umkehr

- Als Weitung des Horizonts

- Als Hoffnung auf die Zukunft

Ja, Luther lässt sich auf die Heimat ein, auf die besonderen Orte mit ihrer Geschichte. Und so weiht er die Torgauer Schlosskapelle. Aber es geht nicht in erster Linie um diesen besonderen Ort, sondern er schreibt: “Ihr sollt auch zugleich mit angreifen, auf daß dieses neue Haus dahin gerichtet werde, daß nichts anderes darin geschehe, als daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.”

Darum geht es und darum sind die Traditionen, die ja Heimat ausmachen, nicht das Wichtigste:

“Aber wir, die wir im Reich unseres Herrn Christus sind, sind nicht an feste Zeiten und Ort gebunden, sondern wir sind alle Priester, daß wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes Wort und Werk verkündigen sollen. Wir haben die Freiheit, wenn uns der Sabbat oder auch der Sonntag nicht gefällt, so können wir den Montag oder einen anderen Tag in der Woche nehmen und einen Sonntag daraus machen. Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist, aber doch so, daß es eine ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf dass man sich dort verstecke.”

Zeiten und Orte, regionale und überregionale Traditionen sind wichtig, sind aber nicht die Mitte, die Mitte bleibt, dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.

Heimat braucht Glauben, aber auch, damit die Schatten, die über der Heimat liegen, die Schatten der Vergangenheit und die Schatten der Gegenwart, nicht übersehen, nicht grell ausgeblendet werden. Heimat braucht Glauben, damit die Schatten der Heimat benannt werden können. Darum ist es ja so wichtig, dass wir uns in der Erinnerung an die Reformation immer wieder mit dem Schicksal der Juden, der Täufer und der Bauern und mit der oft allzu engen Verbindung zum Staat befassen. Darum ist es ja so wichtig, dass wir kritisch darauf sehen, welche Denkweisen zur Verfolgung und Tötung Andersglaubender geführt haben.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Sie haben ja dankenswerter Weise in „Glaube + Heimat“ diese dunkle Seite nicht verschwiegen, sondern auch das Wort von Bischof Martin Sasse von 1935 abgedruckt, in dem es unreflektiert heißt: „Gott hat den Friedenswillen und das Friedenwerk unseres Führers gesegnet.“ Gut ist, dass sie daneben auch an die Friedensbotschaft der EKD Synode von 1950 erinnert haben. Die Zeitung ist eben auch selbst Spiegel des komplizierten Verhältnisses von Glaube und Heimat.

Heimat braucht Glauben in kritischer Distanz.

Heimat braucht Glauben als Ruf zur Umkehr.

Aber auch zur Weitung des Horizontes. Es ist die Erfahrung des alten jüdischen Volkes. Jerusalem und der Tempel als der Ort des Glaubens gehen verloren. Die Thora wird zum Tempel, den die Gläubigen mit sich tragen. So wie später viele Vertriebene Christen ihre Bibel bei sich hatten. Die Heimat ging verloren, der Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half, neue Heimat zu entdecken. So haben Gläubige gegen die Fremdenfeindlichkeit in ihrer Heimat immer wieder dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir sind ja gerade wieder dabei, für unsere Schwestern und Brüder aus Syrien, deren Heimat im Chaos und im Tod versinkt, Heimat anzubieten. Glaube in hilfreicher Distanz zur alten Heimat half aber auch immer, neue Heimat zu finden: für die Hugenotten, für die christlichen Gemeinschaften, die nach Amerika ausgewandert sind; für die vielen Flüchtlinge, die nach dem 2. Weltkrieg zu uns kamen. „Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier“, singen wir.

Meine Großmutter, die meinen Glauben sehr geprägt hat, musste in ihrem Leben sehr oft umziehen: immer wieder neue Orte, neue Menschen, eine neue Gemeinde, immer wieder neue Heimat, bis sie 97 wurde. Ihr letzter Umzug war mit 90. Und wieder fand sie sich fröhlich in der neuen Heimat zurecht: „Wo das Evangelium gepredigt wird und Gemeinde sich versammelt, da bin ich zu Hause.“ Hat sie immer gesagt. Das kann man nicht verallgemeinern. Das zeigt aber, wir hilfreich es ist, wenn der Glaube nicht mit der altvertrauten Heimat, mit dem, wie es immer gewesen ist, identisch ist.

Heimat braucht Glauben als Weitung des Horizontes.

Immer wieder sind Christen für eine Erneuerung der Kirche, für die Weite des Glaubens, für Jesus Christus als Mitte des Lebens eingetreten. Das ist Thema der gesamten Geschichte des Christentums. So war die Erneuerung der Kirche schon 100 Jahre vor Luther das große Thema. Verschiedene reformatorische Bewegungen bestimmten Kirche und Gesellschaft. Dass am Ende eine Reihe von Konfessionen gegeneinander stand, zunächst in einem fürchterlichen Krieg, dann in herzlicher Verachtung, kann man in dieser Hinsicht auch als Scheitern der Reformation bezeichnen. Insofern ist es etwas Besonderes, dass wir 500 Jahre Reformation wieder in einem ökumenischen Klima, in einem Geist der Umkehr, der Erneuerung und der Verständigung begehen. Immer mehr wird akzeptiert, dass es vielfältigen Glauben in vielfältiger Heimat gibt. Aber eben auch Glauben, der eine zu starke Beheimatung in Traditionen und Konfessionen infrage stellt. So braucht Heimat den Glauben in horizontweitender Distanz, damit Männer und Frauen, Alte und Junge, Starke und Schwache, Fremde und Einheimische, verschiedene Konfessionen und Religionen einander achten und als Bereicherung erleben.

Mir liegt sehr daran, dass wir im nächsten Themenjahr „Reformation, Bild und Bibel“ eines nicht vergessen, nämlich: Du sollst dir kein Bild machen!! Nicht von denen im Süden der EKM noch von denen im Norden, nicht von denen in den Städten noch von denen auf dem Land, nicht von den Fremden noch von den Andersdenkenden. Es ist schön, dass bei der Eröffnung des Luthergartens in Wittenberg nicht nur die Lutheraner da waren, sondern die christlichen Weltbünde. Der Luthergarten war ein ökumenisches Projekt geworden. Der Glaube hatte den konfessionellen Horizont durchbrochen.

Und schließlich. Heimat braucht Glauben um der Zukunft willen.

Luther schreibt: “Warum die Kirche auf Erden keine Heimat findet. Erstens, damit wir daran erinnert werden, dass wir Elende, Heimatlose und wegen des Falles Adams aus dem Paradies Vertriebene sind. Zweitens, damit wir an den Sohn Gottes denken, der (unser Exil geteilt und) uns in unser Vaterland zurückgebracht hat, aus dem wir vertrieben waren. Drittens, damit uns dieses Exil lehre und daran erinnere, dass unsere Heimat nicht auf dieser Welt ist (Phil. 3, 20), sondern dass uns, die wir hier auf Erden wandeln, noch ein anderes Leben bevorsteht, nämlich das ewige.”

Heimat braucht Glauben, damit die Heimat unter der Zusage Gottes offen für die Zukunft ist und wir nicht in Resignation untergehen. Maria Magdalena starrt in das Grab und kann den Kopf nicht wenden. Mehrfach muss sie angesprochen werden. „Maria“, erst dann merkt sie, dass der verloren Geglaubte ja da ist und ihr vorangeht.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, das war die Jahreslosung im vergangenen Jahr. Die Täufer hatten lange keine Kirchen, keine Häuser, keine Heimat für den Glauben. In die Natur sind sie gezogen und haben auf Bergen und im Wald Gottesdienst gefeiert. Oder wie am Anfang der Christen in den Häusern vermögender Glaubensgeschwister. Gerade die Unbehausten, die Bauern, Handwerker, Leibeigene fanden zu den Täufern. Wir dürfen nie vergessen: Heimat ist immer nur zeitweilige Heimat. Die Zukunft liegt, Gott sei Dank, nicht in unseren Händen. Die Zukunft hängt nicht davon ab, wie wir unsere Kirche zur Heimat machen, nicht davon, wie es uns gelingt, den Glauben vor Ort zu beheimaten.

… daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,

der uns bracht hat zum rechten Vaterland.

Solchen Glauben braucht jede Heimat um der Zukunft willen.

Schluss: Distanz und Nähe: Kirchenzeitung und Kirche

Liebe Schwestern und Brüder, was bedeutet das alles nun für das Verhältnis von Kirchenzeitung und Kirche und die Leserschaft darüber hinaus?

Warum lesen Sie die Zeitung? Weil Ihre Heimat, Ihre Region, darin vorkommt? Weil Themen des Glaubens und der Zeit diskutiert werden? Weil Sie Anregungen wollen von den Bibeltexten der Woche? Weil es manch interessanten und auch merkwürdigen Leserbrief gibt? Weil Ihnen die Horizonterweiterung der letzten Seite unverzichtbar ist?

Aus meinen Erfahrungen, die ich Ihnen ein wenig angedeutet habe, folgt für mich: Die Kirche braucht all diese Aspekte, und all das gehört zu einer Kirchenzeitung.

Und es geht darum, Glaube und Heimat immer wieder neu aufeinander zu beziehen. Da sind wir nie fertig.

Manchmal ist mehr Regionalinformation gefragt, gerade wenn eine neue Kirche zusammenwächst, manchmal gute Kommentare und Hilfen, die Zeit zu verstehen. Gerade die Ukrainekrise hat ja gezeigt, wie schwer es ist, sich einigermaßen solide zu informieren.

Die Zeitung hat sich auf die Heimat zu beziehen, darf aber nicht in ihr aufgehen. „Identitätsstiftend“ wurde “Glaube + Heimat” immer wieder genannt. Das ist richtig. Es ist aber auch ihre Aufgabe, Identitäten, schnelle Beheimatung und Althergebrachtes infrage zu stellen. Sie hat zu fragen, was denn außer der Identität oder der Heimat oder dem Vertrauten noch handlungsleitend ist und sein könnte.

Die Kirche aber braucht das Gegenüber einer Kirchenzeitung. In der letzten Ausgabe der Essener Kirchenzeitung „Ruhrwort“ war in „eigener Sache“ zu lesen: „Unsere Zeitung soll ein Spiegel der Wirklichkeit sein. Auch der Wirklichkeit unserer Kirche. Das verlangt auch von einer Kirchenzeitung, dass sie nicht herausgeberhöriges willfähriges Multiplikationswerkzeug ist, ein Verlautbarungsorgan höherer Kirchen- und Bischofsmeinungen, sondern dass sie als Kommunikationsfeld zwischen Bischof, Gemeinden und Gläubigen agiert.“ Die Kirchenzeitung hat also die kleine Heimat, die Region, auf die große Heimat zu beziehen. Sie muss Gegenüber bleiben zur Kirche und zum Zeitgeist und zu den vielfältigen Erwartungen-

Wenn sich niemand mehr an der Kirchenzeitung ärgert, dann brauchen wir sie auch nicht mehr.

Dazu braucht die Zeitung das Gegenüber der Leserschaft. Denn es geht um die genaue Sicht auf die Heimat. Wenn die Kirchenzeitung ihrer Aufgabe gerecht werden will, dann muss sie bei den Leuten vor Ort zu Hause sein. In ihren Themen, in ihrer Sprache, aber auch bei den Nichtchristen, der gesamten Bevölkerung.

Aber auch uns Leserinnen und Lesern sei gesagt: Die Kirchenzeitung ist nicht nur dazu da, dass wir vorkommen,dass unsere Propstei, unser Kirchenkreis, unser Ort sein besonderes Gewicht bekommt, sondern Heimat zu zeigen und den Horizont zu erweitern, das ist die Aufgabe!

Darum gehört die letzte Seite, die “Eine Welt”, unbedingt dazu.

Meine Damen und Herren,

man darf eine 90jährige nicht überfordern, auch nicht, wenn sie eine immer wieder junge Kirchenzeitung ist. Sie kann nicht alle Erwartungen erfüllen. Mit kleinem Haushalt schon gar nicht. Was sie aber kann:

Sie kann immer wieder auf die Bedeutung von Heimat hinweisen, nicht einer Heimat, sondern vielfältiger Heimat für sehr unterschiedliche Menschen.

Und auf die Bedeutung des Glaubens, der der Heimat Horizonte eröffnet und diese immer wieder über sich hinausführt.

Die entsprechenden Kategorien dazu hat sie ja.

In diesem Sinne:

Gottes Segen für die nächsten 90 Jahre von Glaube und Heimat.

ARD-Themenwoche zur Flüchtlingskrise
Die ARD will in ihrer Themenwoche »Heimat« die aktuelle Flüchtlingskrise berücksichtigen. In der Woche vom 4. bis zum 10. Oktober sollen die unterschiedlichen Aspekte des Begriffs auch vor dem Hintergrund des millionenfachen Verlusts von Heimat diskutiert werden. Den Auftakt der Woche bildet die zwölfstündige multimediale Echtzeitdokumentation »Deutschland.
Dein Tag« am 4. Oktober von 6 bis 18 Uhr im Ersten. Ein Jahr zuvor wurden 99 Menschen an mehr als 80 Orten mit der Kamera begleitet. Dabei wurden »Momentaufnahmen ihres ganz persönlichen Sonntags« eingefangen.
Drei neue Fernsehfilme nähern sich auf jeweils eigene Weise dem Thema. Am 5. Oktober erzählt »Leberkäseland« die Geschichte einer türkischen Akademikerin, die ihrem Mann in den 1960er Jahren von Istanbul ins Ruhrgebiet folgt und sich anfänglich schwer zurechtfindet. »Blütenträume« beleuchtet am 7. Oktober »die Idee von einem Zuhause in uns selbst, das wir am liebsten mit einem Partner teilen wollen«. Die Botschaft des Roadmovies »Heimat ist kein Ort« am 9. Oktober ist, dass ein Gefühl von Heimat durch eine gemeinsam erlebte Geschichte entsteht.