Dem Ideal ganz nahe

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar ist der Deuter Johannes Christus ähnlich

Johannes steht gleich neben dem Gekreuzigten. Er ist ihm der Nächste. Seine Beine sind nackt, seine Füße stehen direkt im Gras. Sein Untergewand ist aus groben Kamelhaaren. Wie grob sein Unterhemd ist, sehen wir im Vergleich mit dem feinen Pelz des reichen Malers Cranach neben ihm. Über dieser Wüstenkleidung aber liegt ein rotes Tuch. Diese Bekleidung teilt er mit dem Auferstandenen. Und auch die Physiognomie ähnelt stark den Gesichtszügen und der Barttracht Christi. Seine Kopfhaltung und Blickrichtung gleicht dem Gekreuzigten.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes versteht viel von Jesus. Er hat ihn einst erkannt, als er noch im Leib seiner Mutter war. Das Kind hüpfte, als sich Maria mit dem kleinen Jesus im Bauch nahte. Später wiederholte sich die Szene. Beide waren erwachsen geworden. Johannes taufte die Bußwilligen am Jordan. Jesus kam zu ihm. Da erkannte ihn Johannes und rief aus: »Da ist das Lamm Gottes!«

Johannes starb, bevor Jesus starb. Deswegen ist dieser Johannes unter dem Kreuz genauso wenig eine historisch korrekte Darstellung wie der Maler Cranach oder Martin Luther, die neben ihm stehen. Aber Johannes steht hier, um den theologischen Sinn des Kreuzestodes auszusprechen oder besser, zu zeigen.

Die erhobene Hand mit einem herausgestreckten Zeigefinger weist auf das Kreuz; die andere Hand zeigt mit zwei ausgestreckten Zeigefingern auf das Lamm. Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. So steht es auch auf der transparenten Fahne, die das Lamm zierlich in seiner Beuge hält, nur eben in Latein: »Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi.« Johannes ist der Deuter, der den Heiland persönlich gekannt hat und der als privilegierter Zeuge die Tiefendimension des Geschehens am Kreuz versteht.

Er erkennt in Jesus den Gottesknecht aus dem Buch des Propheten Jesaja. Da heißt es: »Er trug unsere Krankheit, und um unserer Sünden willen wurde er geschlagen.« Und dort wird über ihn, den erwarteten Messias gesagt: »Wie ein Lamm auf der Schlachtbank tat er seinen Mund nicht auf.«

Auf anderen Altären stehen an dieser Stelle rechts neben dem Kreuz Maria und Johannes. Die Mutter und der liebste Jünger. Am nächsten stehen ihm also gewöhnlich Verwandte und Freunde. Dadurch wird betont: Alle sind gegangen, nur die engsten Angehörigen sind geblieben. Hier bei Cranach stehen drei Männer unter dem Kreuz. Der Deuter Johannes, der Maler selbst und Luther. Sie standen nicht unter dem historischen Kreuz. Sie haben eine Botschaft für uns Betrachter. Sie zeigen, wie man sich mit Jesus verbinden kann. Der erste ist der Augenzeuge, Johannes. Der zweite ist der Mensch, der das Geschehen aus der Schrift erkennt und auf die richtigen Stellen der Bibel zeigt, Luther. Und dann der dritte, der getroffen wird und uns ansieht, Cranach. Wie im biblischen Leben ist Johannes der Vorläufer. Er tut etwas Wichtiges, verzichtet aber auf die Lorbeeren. Seine Jünger laufen zu Jesus über. Unter dem Kreuz ist er ein Diener. Neben ihm endet der Blutstrahl der Gnade auf dem Haupt eines Zeitgenossen. Dieser macht eine direkte Gotteserfahrung, er wird direkt berührt, während Johannes und Luther mit Zeigegesten beschäftigt sind. Cranachs Hände ruhen im Gebet. Er atmet die Ruhe der Erlösung.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Ein altes Ideal hat er erreicht: Christus ähnlich werden.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.