»Unserem Heiland nacheifern«

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Jimmy Carter – der Evangelikale, der ebenso Präsidenten wie seine eigene Kirche kritisiert

Als Präsident der USA wurde Jimmy Carter viel belächelt und angefeindet. Im »Ruhestand« dagegen verschafft er sich großen Respekt. Er gilt zugleich als Amerikas erster evangelikaler Präsident.

James Earl Carter, seit mehr als drei Jahrzehnten außer Amtes, hat diesen Sommer wieder Menschen bewegt: Im August machte der 90-Jährige, der am 1. Oktober 91 wird, bekannt, er habe Krebs. Ärzte hätten Metastasen in seinem Gehirn gefunden. Carter sagte weiter: Sein Leben liege in Gottes Hand. Er fühle sich überraschend leicht. Wenige Tage nach der Pressekonferenz gab Jimmy Carter eine Bibelstunde in seiner Maranatha Baptistenkirche in Plains im Bundesstaat Georgia. Es ging um die Bergpredigt und »den wichtigsten Aspekt des Christentums«, so Carter: Liebet eure Feinde.

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Der Mann aus Plains war von 1977 bis 1981 US-Präsident. Das waren schwierige Jahre mit Ölkrise und langen Schlangen an den Tankstellen, einer Wirtschaftskrise mit zwölf Prozent Inflation, der gescheiterten Befreiungsaktion für 52 US-amerikanische Geiseln in Teheran und dem Nuklearunfall im Kraftwerk Three Mile Island. Spätestens nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 stand Carters Außenpolitik im Zeichen des Kalten Krieges. Er ließ aufrüsten. Für viele in den USA war der Erdnussfarmer, Sonntagsschullehrer und Ex-Gouverneur gewöhnungsbedürftig. »Ich werde euch nie anlügen«, hatte er im Wahlkampf versprochen. In einem viel begrinsten Interview ausgerechnet mit dem »Playboy« gab Carter zu, es habe ihn »im Herzen gelüstet« nach anderen Frauen. Das Wochenmagazin »Newsweek« erläuterte auf der Titelseite, 1976 sei das »Jahr der Evangelikalen«. Zuvor lebte dieser »schlafende Gigant der amerikanischen Politik« nach der Maxime, Politisches tendiere zum Sündhaften; der eigene Auftrag liege in der Bekehrung anderer Menschen.

Nach seiner Niederlage gegen den Strahlemann Ronald Reagan 1980 begann ein neues Leben. »Als ich das Weiße Haus verließ, war ich noch ziemlich jung, und ich hatte vielleicht 25 produktive Jahre in mir«, sagte Carter in einem Fernsehinterview. Zusammen mit seiner Frau Rosalynn gründete er 1982 das Carter Center in Atlanta. Dem Ehepaar und den vielen Mitarbeitern geht es um Menschenrechte, Demokratie und Krankheitsverhinderung in armen Ländern. Dutzende Male war Carter als internationaler Wahlbeobachter tätig. 2002 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Carter hat den amtierenden Präsident Barack Obama wegen des Drohnenkrieges kritisiert und sich für die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo ausgesprochen. Gläubige müssten »unserem Heiland nacheifern und so handeln wie er«, dies sei Carters Botschaft in den Bibelstunden, wie Beobachter berichten. In den letzten Jahren ist er allerdings mehrmals mit seiner Heimatkirche kollidiert, dem Südlichen Baptistenverband. Dass Frauen in dieser größten protestantischen Kirche der USA nicht predigen dürfen, widerspreche der Bibel. Oftmals missbrauchten Religionen ihre Lehre zur Unterdrückung der Frauen. Gegenüber Huffington Post Life äußerte sich Carter auch zur Homo-Ehe: Jesus würde wohl »eine jede Liebe gut heißen, die ehrlich und aufrichtig ist und niemanden verletzt«. Wie er es sehe, »tut die gleichgeschlechtliche Ehe niemandem anderen weh«.

»Ich wünsche, dass der letzte Guineawurm stirbt, bevor ich sterbe«, sagte Jimmy Carter, als er über seine Krebserkrankung sprach. Kryptisch nur für Nicht-Eingeweihte: Zum Programm des Carter Center gehört seit 1986 die Ausrottung der Guineawurm-Krankheit, die sich im verunreinigten Trinkwasser verbreitet. Die Kampagne steht kurz vor ihrem Ziel. Mitte der achtziger Jahre litten rund 3,5 Millionen Menschen in mehr als zwanzig Ländern an dieser extrem schmerzhaften und langwierigen Krankheit. Im Jahr 2014 wurden laut Carter Center weltweit nur mehr 126 Fälle gezählt: in Äthiopien, Mali, Sudan und im Tschad.

Für den Kampf gegen die Krankheit reichen einfache Mittel: Reinigung von Trinkwasser mit Filtertüchern und Abkochen. Carters Wunsch könnte in Erfüllung gehen.

Konrad Ege

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Jetzt ist die Zeit des Heils

27. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar steht ein Zeitgenosse – Luther – unter dem Gekreuzigten

Unter so einem Altar möchte ich nicht beten?« Verblüfft schaue ich mich um. »Warum denn nicht?« – »Na, Luther und Cranach, zwei Menschen neben Christus, die will ich nicht anbeten. Sollen das Heilige sein?« Ich denke kurz nach. Genauso muss das gemeint gewesen sein. Darüber werden sich auch die Leute damals gewundert haben. Denn 1555 waren Luther und Cranach Zeitgenossen, zwei Leute, die man in Weimar öfter gesehen hatte, auch wenn sie bei der Enthüllung des Altarbildes nicht mehr lebten. Die Jetztzeit hat damals offenbar eine viel größere Rolle gespielt. Denn das Jetzt war die Gnadenzeit.

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Der Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird. Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Der Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird. Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Lucas Cranach der Ältere steht unter dem Kreuz und er ist nicht gekleidet wie ein Jünger Jesu, sondern wie ein reicher Bürger seiner Zeit. So sah der Bürgermeister von Wittenberg aus. So war Cranach gekleidet, als er dieses Amt innehatte. Martin Luther trägt seinen Gelehrtenkittel, den er später auch für liturgische Zwecke verwendete. Auch die Zelte rechts oben stammen aus der Zeit der ersten Betrachter. Es sind echte Landsknechtszelte aus dem 16. Jahrhundert.

Cranach war mit seinem Regenten in der Kriegsgefangenschaft gewesen. Er hat solche Zelte gesehen. Und doch sind es hier die Zelte des Volkes Israel, als sie in der Wüste waren und eine Schlangenplage erdulden mussten. Als Mose eine Stange aufstellte, auf der eine Schlange zu sehen war, entstand hier eine Parallelgeschichte zur Kreuzigung. Nur das Aufsehen zum Zeichen Gottes hat die Israeliten in der Wüste geheilt, keine Leibsorge, keine Pharmazie! Nur der Blick in die richtige Richtung konnte ihnen helfen, der Blick zum Heil. Luther nannte diese Szene in der Wüste: »Das Evangelium im Alten Testament«.

Die Kirchen waren bis zum Mittelalter voller Figuren und Bilder, die solche Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herstellten. Das hieß Typos und Antitypos, Vor-und Gegenbild, könnte man übersetzen oder Vorausschau und Erfüllung. In manchen Kirchengebäuden stehen auf der einen Seite zwölf alttestamentliche Propheten und auf der anderen Seite die zwölf Apostel. Unser Cranachaltar ist das erste Bild der Kunstgeschichte, auf dem das neutestamentliche Gegenbild mit einem Zeitgenossen besetzt wird.

Martin Luther wird hier als der neue Mose gezeigt. Im Hintergrund, rechts neben dem Kreuzesstamm, steht Mose mit einigen Israeliten. Er zeigt uns die Gesetzestafeln. Luther hält uns mit der gleichen Geste eine Bibel entgegen. Und er steht auch wie Mose breitbeinig und unverrückbar. »Hier stehe ich und kann nicht anders«, mag schon Mose gesagt haben. Und wie Mose die Worte Gottes vom Berg geholt hat, so hat Luther die Worte Gottes übersetzt und dem Volk gebracht. Und er hat sie durch seine Sicht der Schrift neu verstehbar gemacht. Er hat ihre Mitte hervor gespielt. Allein Christus ist das Heil. Zu ihm blicken wir auf, damit wir gesund werden wie die Menschen in der Wüste.

Denn das Jetzt, das auf dem Altar eine so ungeheure Rolle spielt, ist immer wichtig, wenn wir selbst vom Wort Gottes ergriffen werden. Wenn wir es nicht nur lesen, sondern wenn es bei uns Wirklichkeit wird. Wenn es uns aufhilft, rettet oder heilt, auch körperlich wie bei den Menschen in der Wüste. Und immer wenn das passiert, dann ist es »jetzt«!

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Ein Glücksfall in der deutschen Geschichte

25. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Der Opernsänger und Entertainer Gunther Emmerlich blickt auf 25 Jahre deutsche Einheit

»Ich freue mich nach wie vor über die deutsche Einheit«, sagt der Sänger und Moderator Gunther Emmerlich. Mit ihm sprach Willi Wild

Herr Emmerlich, welche Erinnerung haben Sie an den 3. Oktober 1990?
Emmerlich:
Den haben wir gefeiert und zwar in meinem Garten mit Freunden aus Sachsen und Oberfranken. Das war ja ein verhältnismäßig warmer Herbsttag. Es sollten bei dieser Feier auch die dabei sein, mit denen wir uns wiedervereinigen. Gegen Mitternacht sind wir runter in die Stadt gefahren auf den Theaterplatz. Und da waren viele, viele Menschen. Die Blechbläser der Staatskapelle haben auf dem Balkon der Semperoper »Nun danket alle Gott« gespielt. Und wir haben uns an den Händen gehalten und Rotz und Wasser geheult.

Das ist ein Ereignis, das Sie auch nach 25 Jahren emotional berührt?
Emmerlich:
Ja, es gibt ein paar Ereignisse, die durchlebt man immer noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt.

Rückblickend auf 25 Jahre deutsche Einheit, was ist gelungen oder was haben Sie sich damals anders vorgestellt?
Emmerlich:
Es ist kein Bauplan nach dem man sich richten kann und alles geht gut. Das ist etwas komplizierter. Das hatte es auch nirgendwo auf der Welt bislang gegeben. Ich will hoffen, dass eines Tages vielleicht auch Südkorea und Nordkorea vereint sein werden. Und dann könnten die Koreaner von uns lernen, auch aus unseren Fehlern. Es war ein Kraftakt. Und es schien, als wären die Skeptiker fast in der Überzahl. Auch manchen Medien hat es damals große Freude bereitet, diesen Einheitstag durch den Kakao zu ziehen. Es schien gelegentlich so, als ob man von einer Geburtstagsfeier berichtet und die Kamera steht auf der Toilette. Solche Berichte gab es damals. Das entsprach keineswegs meinen Empfindungen. Dass nicht alles glatt laufen würde, war zu befürchten und so war es denn auch. Aber in der Summe aller Dinge war es ein Glückstag, und er hat sich auch in den darauffolgenden Jahren als solcher erwiesen. Wenn ich nur allein unsere alten, maroden Städte hernehme. Das war doch wirklich höchste Eisenbahn. Noch ein paar Jahre, dann wär das alles in sich zusammengebrochen. Viele sagen ja, dass nicht alles schlecht war in der DDR. Ich vollende den Satz gern mit den Worten, es hat nur bissel lange gedauert.

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Gunther Emmerlich: Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn Sie jetzt auf Ihre Geburtsstadt Eisenberg blicken, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit. Was hat sich verändert?
Emmerlich:
2004 bin ich zum Ehrenbürger von Eisenberg ernannt worden. Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. In meiner Dankesrede habe ich auch erwähnt, dass Eisenberg gute Voraussetzungen hat, um sich prosperierend zu entwickeln. Ob da manches hätte wegbrechen müssen, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall gab und gibt es eine ganze Menge Industriebrachen. Es ist aber auch viel Neues entstanden. Und der Aufschwung braucht Zeit, daran muss man arbeiten. Die Reformation ist auch nicht in 25 Jahren vollendet gewesen. Das einiges geschehen ist, kann man nicht übersehen. Ich sage manchmal, zu DDR-Zeiten fiel das eine Haus auf, das gerade mal renoviert war. Jetzt fällt das Haus auf, das noch nicht renoviert ist.

Sie sind im Showgeschäft zu Hause. Erleben Sie da heute noch die Unterschiede zwischen Ost und West?
Emmerlich:
Ich habe mich nicht in die Ostschmollecke zurück gezogen, sondern bin durch die nun offenen Türen gegangen. Mal mit größerem, mal mit weniger Erfolg. Man sagte damals, geh ins Offene und das habe ich getan. Gott sei Dank! Es sind neue Freundschaften entstanden, alte Freundschaften habe ich nicht in Frage gestellt. Es sei denn, die »Freunde« haben der Stasi regelmäßige Berichte über mich geschrieben. Beim Tournee-Theater zum Beispiel ist es weniger interessant, woher einer kommt, sondern ob er seine Sache gut macht. Das nehme ich für mich in Anspruch, sonst hätte ich nicht so viele Auftritte.

Für viele Christen ist die Wende und die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk. Wie sehen Sie das?
Emmerlich:
Der liebe Gott hat sicherlich auch dafür gesorgt, um in dieser Richtung handeln zu können. Aber es musste auch gehandelt werden. Manche sagen: Das dauert seine Zeit, oder Gott wird es schon richten. Gottvertrauen ist gut. Ich denke, der liebe Gott baut auch auf uns, dass wir dann in solchen Situationen das Richtige tun.

Trotz anfänglicher Skepsis haben den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche viele Menschen hilfreich begleitet, im In- und Ausland. Und jetzt steht sie als Symbol für Frieden und Versöhnung.

»Es gibt Ereignisse, die durchlebt man noch einmal, wenn man darüber spricht. Und dann ist man abermals gerührt«

Eines Tages kam ein Arzt aus Lüdenscheid auf mich zu und erzählte mir von einer renovierungsbedürftigen Rokoko-Kirche in Berka vor dem Hainich. Das ist weit weg von Lüdenscheid. Seine Initiative, dort etwas zu machen, hat mich gerührt und aktiviert. Mittlerweile erglänzt diese Rokokokirche in alter Schönheit. Ich könnte noch viele solcher Initiativen hinzufügen. Eine meiner vornehmsten Pflichten, die ich gern übernommen habe, ist die Schirmherrschaft für die Generalsanierung der Stadtkirche in Wittenberg. Und auch da gibt es Hilfe aus allen Himmelsrichtungen. Das ist ja doch vielleicht die wichtigste Kirche für unseren Glauben überhaupt.

Zum Schluss noch eine Bitte. Können Sie den folgenden Satz weiterführen: Die Deutsche Einheit ist für mich …
Emmerlich:
… ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Die Konstellation war günstig und es haben viele das Richtige getan. Es gibt immer noch viele, die sich erfreuen an dem, was nicht klappt. Meine Freude über das, was klappt, ist größer. Ich weiß natürlich auch, dass noch nicht alles funktioniert. Aber das sehe ich gerade als die Herausforderung dieser Tage. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit. Wobei ich keine Vereinheitlichung möchte. Ich sehe auch einen großen Unterschied zwischen Hamburgern und Leuten aus Garmisch-Partenkirchen. Und die waren immer in einem Teil Deutschlands. Und ich sehe auch den großen Unterschied zwischen Dresdnern und Rostockern. Und das stört mich nicht. Ich erfreue mich an der Unterschiedlichkeit der Menschen und Regionen.

Das inszenierte Chaos

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungarn: Das Problem der Flüchtlinge spaltet das Land – Regierung und katholische Kirche zeigen Härte, Lutheraner helfen

Ginge es nach Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und einigen katholischen Klerikern, dürften wohl überhaupt keine muslimischen Flüchtlinge nach Europa einreisen. Doch es gibt auch das andere Ungarn.

Der Herbst ist auch in der ungarischen Hauptstadt angekommen, und am Ostbahnhof spielen sich seit Wochen chaotische Szenen ab. Auf gespendeten Decken schlafen Hunderte, manchmal Tausende Menschen, tagelang müssen sie hier ausharren – und auf eine baldige Weiterreise hoffen. In den Hallen und Unterführungen räumen die ehrenamtlichen Ungarn von der Hilfsinitiative »Migration Aid« zusammen mit den Asylsuchenden jeden Morgen auf und entsorgen den Müll.

Gestrandet: Neben vielen kleinen privaten Hilfsorganisationen kümmern sich vor allem auch Ungarns Lutheraner um die Flüchtlinge – während sich katholische Würdenträger dagegen aussprechen. Fotos: László Mudra

Gestrandet: Neben vielen kleinen privaten Hilfsorganisationen kümmern sich vor allem auch Ungarns Lutheraner um die Flüchtlinge – während sich katholische Würdenträger dagegen aussprechen. Fotos: László Mudra

Mal fahren die Züge in Richtung Westen, mal wird der ganze Verkehr bis auf Weiteres eingestellt. Mal dürfen die Flüchtlinge in die Wagen einsteigen, mal sperrt die Polizei alle Eingänge ab. Die ungarische Regierung gibt Deutschland und der »linken« EU die Schuld für die Krise und möchte selber gar keine Asylsuchenden aufnehmen. Menschenwürdige Bedingungen zu schaffen kommt für Viktor Orbáns »Christdemokraten« nicht in Frage. Stattdessen verschärften sie vor Kurzem die Gesetze so, dass bald alle Angereisten dauerhaft inhaftiert werden können.

Flüchtlinge fühlen sich den Behörden ausgeliefert

In den vergangenen Wochen protestierten viele Asylsuchende, vor allem Flüchtlinge des syrischen Bürgerkrieges am Budapester Ostbahnhof (Keleti), weil sie auch mit gültigen Fahrkarten nach München oder Zürich nicht weiterreisen konnten. Immer wieder machen sich Menschen zu Fuß auf den Weg nach Österreich, nachdem die Polizei versuchte, den Asylsuchenden eine Falle zu stellen: Die angekündigten Züge nach Westen wurden Wochen umgeleitet, die Beamten rissen unter Anwendung von Gewalt Menschen aus den Wagen, um sie ins Aufnahmelager in Bicske zu bringen. Schließlich beschloss das Kabinett nach Absprache mit den österreichischen und deutschen Kollegen, den Flüchtlingen Busse zur Verfügung zu stellen und auf die Registrierung zu verzichten. So erreichten rund 20 000 erst Wien, dann München.

In den an den Bahnhöfen oder nahe der serbischen Grenze eingerichteten »Transitzonen« läuft die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln nur, weil viele kleine Initiativen vor allem junger Ungarn sich auf ehrenamtliche Basis darum kümmern. Ein Hilfsangebot des UN-Kommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) lehnte die Regierung ab. Auch die meisten christlichen Hilfsorganisationen glänzen durch Abwesenheit: Das Flüchtlingsthema spaltet die historischen Kirchen Ungarns. Kardinal Péter Erdö, der katholische Erzbischof von Budapest und Esztergom, erklärte etwa, die Kirchen seien »nicht befugt«, den Flüchtlingen Unterkünfte anzubieten. Man dürfe sich nicht zum Schleuser machen, so der wichtigste Geistliche im Lande.

Ungarns Lutheraner helfen mit Kleidung und Essen

Ganz anders ist die Position der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ungarns (ELKU), die sich seit Wochen zusammen mit den säkularen Hilfsinitiativen aktiv für die Flüchtlinge engagiert. Sie ist eine der Partnerkirchen des Gustav-Adolf-Werkes. Angesichts des Einbruchs der Kälte werden in den Gemeinden Kleider, Schlafsäcke, Matratzen und Decken gesammelt. Für eine bessere Koordination der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer entwickelte die Evangelisch-Lutherische Diakonie auch ein Computerprogramm. Darüber hinaus bringt die ELKU täglich 150 Portionen warmes Essen für die am Ostbahnhof gestrandeten Asylsuchenden. »In Ungarn spüren wir besonders, wie groß die Spannung ist«, sagt der für die Diakonie zuständige Bischof Tamás Fabiny. »Vonseiten unserer Kirche tun wir alles im Interesse der Verwirklichung der gegenseitigen Annahme, der Würde und Liebe anstelle von Vorurteilen und Hass«, versichert Fabiny im Namen der Kirchenleitung.

Verdacht: Das Chaos ist politisch gewollt

Währenddessen verfolgen Viktor Orbán und seine regierende Fidesz-Partei ihren harten Kurs weiter. So muss man sich fragen, ob die teilweise chaotischen Zustände der letzten Tage nur das Ergebnis von Inkompetenz oder Überforderung sind? Wenig spricht dafür. Ungarn verfügt – anders als etwa die Balkanländer – über einen Verwaltungsapparat, der grundsätzlich in der Lage ist, komplexe Aufgaben zu bewältigen. Es muss wohl vielmehr davon ausgegangen werden, dass das chaotische Management der Situation größtenteils beabsichtigt ist.

Das Thema »illegale Einwanderung« erwies sich für Regierungschef Orbán als Chance, seine wegen der schlechten Wirtschaftslage und der zahlreichen Korruptionsskandale sinkende Popularität wieder einmal zu steigern, indem er sich als Retter des Volks präsentiert. Die jüngsten Umfragen bestätigen die Effizienz dieser Taktik.

Silviu Mihai

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Kreuze, Engel, Epitaphien

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der Metallkünstler Thomas Leu geht religiös unvoreingenommen an die Arbeit

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Hallenser Metallbildhauers Thomas Leu.

Eine Christusfigur in der künstlerischen Sprache unserer Zeit. Sie soll »jubelnd, siegreich und triumphierend wirken, Hoffnung machen und Versöhnung ausstrahlen«. Und sie soll eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus sichtbar machen. So konkret formulierte die Kirchengemeinde in Quedlinburg (Kirchenkreis Halberstadt) ihre Wünsche und Erwartungen an ein neues Kreuz für die Stiftskirche St. Servatius, erbaut zwischen 1070 und 1129. Der Entwurf des Metallbildhauers Thomas Leu überzeugte die Gemeinde. Ihre Ansprüche löste er ein, indem er ein Kreuz aus Aluminium gestaltete. Das Kreuz – ein Rahmen, der einen leeren Raum umfasst, ein Hohlraum in der Form des Gekreuzigten, der als Gekreuzigter jedoch nicht mehr da ist. Seit 2006 schwebt diese moderne Christusfigur in der alten ehrwürdigen Kirche.

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Thomas Leu in seinem Atelier in Halle. Foto: Sabine Kuschel

Es war Leus erster kirchlicher Auftrag. Als Christ versteht sich der Hallenser nicht, er wurde zwar als Kind getauft, jedoch nicht religiös erzogen. Er geht religiös unvoreingenommen an seine Arbeit und hofft, dadurch auch für nichtgläubige Menschen einen Zugang zu kirchlichen Räumen eröffnen zu können. Das Gotteshaus in Quedlinburg beispielsweise ist eine vielbesuchte Touristenkirche, in die oft Menschen kommen, die nur kurze Zeit im Kirchenraum verweilen und möglicherweise wenig Bezug zum Christentum haben. Neben dem Anspruch der Gemeinde, eine Verbindung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu zeigen, sei es ihm darum gegangen, eine Synthese von Plastik und Raum herzustellen, beschreibt Leu.

1964 in Halle geboren, weiß er beizeiten, dass er einen künstlerischen Beruf ausüben will. Bildhauer oder Metallgestalter? Bei der Eignungsprüfung an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle war er sich noch nicht sicher, wo er das Kreuz setzen sollte. Er entschied sich schließlich für Metall und bereut diese Entscheidung nicht, »denn Bildhauerei ist das trotzdem«. Zur damaligen Zeit legte die Kunsthochschule Wert darauf, dass die Bewerber ein Handwerk erlernten. Leu absolvierte eine Gürtlerei- und Emaillierausbildung, wurde Kunstschmied. 1990 schloss er in Burg Giebichenstein das Studium als Diplom-Metallbildhauer ab. Dass er auch schmieden und schweißen kann, ist von Vorteil, denn wenn es an künstlerischen Aufträgen mangelt, kann er handwerklich arbeiten. Eine Zeitlang hat er das getan, Treppengeländer und Zäune gebaut.

Im Spektrum seiner Projekte nehmen die kirchlichen Themen inzwischen viel Raum ein. Ebenfalls im Jahr 2006 entstand der Taufengel in der St. Nikolaikirche in Wettin (Kirchenkreis Halle-Saalkreis). Ein Metalldrahtgewebe aus Aluminium, »superleicht, keine zwei Kilo schwer«. Stets ist durch das transparente Gewebe der Raum dahinter sichtbar und sorgt auch hier für eine Verschmelzung von Raum und Skulptur. Diese werde noch verstärkt durch Interferenzen des Gewebes bei leichten Bewegungen der hängenden Figur. Sie sei manchmal in ihrer Konturierung nicht genau fassbar, was der Eigenart des »Erscheinens« von Engeln nahekommt, so der Künstler.

Das Christophorushaus in Tangermünde (Kirchenkreis Stendal) liegt wunderschön an der Elbe. Bei der Gestaltung des Gemeindehauses inspirierte ihn die Lage am Fluss zu einer Reliefwand mit Wasserstruktur.

Einen sehr außergewöhnlichen Auftrag bekam Leu 1997 aus Japan, eine Skulptur für einen buddhistischen Tempel. Da das Händereichen zum zentralen Ritus der Mönche in dem betreffenden Tempel gehört, formte der Künstler aus Aluminiumrohren Hände. Seit 2010 ist Thomas Leu an einem sehr interessanten Projekt beteiligt, dem Epitaph-Projekt im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli in Leipzig. Die geretteten Epitaphien aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche werden nach aufwendiger Restaurierung seit 2014 wieder eingebaut. Sie erinnern an Persönlichkeiten aus der Geschichte der Leipziger Universität.

Die Gedächtnismale aus Stein, Holz und Metall entstanden zwischen 1547 und 1770. Wenige Tage bevor das unter Denkmalschutz stehende Gotteshaus am 30. Mai 1968 gesprengt wurde, versuchte eine Gruppe von Handwerkern der städtischen Denkmalpflege die Epitaphien zu retten. Die jahrzehntelange Lagerung hat den wertvollen Kulturgütern nicht gutgetan. Thomas Leu versteht seine Arbeit nicht als Restaurierung. Am Computer erläutert er seinen Part als Metallbildhauer an diesem Epitaph-Projekt. Ein Foto dokumentiert den Zustand eines Epitaphs nach der Lagerung: Beschädigt. »Der große Engel fehlte«, so Leu. Was tun, wenn die historischen Objekte nur noch fragmentarisch vorhanden sind?

Seine Arbeit beginnt damit, dass er sich in die Sprache der Bildhauer, die die Kunstwerke geschaffen haben, hineindenkt. Ebenso in den Schadensstand der Epitaphien. Er schaut, wie viel vom Original erhalten ist und was davon fehlt. Die spannende Herausforderung des Metallkünstlers besteht darin, nicht das Fehlende nach dem historischen Vorbild des Originals nachzubilden, sondern durch moderne Konstruktionen zu ergänzen. Am Ende muss ein Zusammenhang entstehen, Altes und Neues sollen ein Ganzes bilden. Bis Ende 2015 wird der größte Teil der wertvollen Kunstwerke im Paulinum eingebaut sein.

Sabine Kuschel

Dem Ideal ganz nahe

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar ist der Deuter Johannes Christus ähnlich

Johannes steht gleich neben dem Gekreuzigten. Er ist ihm der Nächste. Seine Beine sind nackt, seine Füße stehen direkt im Gras. Sein Untergewand ist aus groben Kamelhaaren. Wie grob sein Unterhemd ist, sehen wir im Vergleich mit dem feinen Pelz des reichen Malers Cranach neben ihm. Über dieser Wüstenkleidung aber liegt ein rotes Tuch. Diese Bekleidung teilt er mit dem Auferstandenen. Und auch die Physiognomie ähnelt stark den Gesichtszügen und der Barttracht Christi. Seine Kopfhaltung und Blickrichtung gleicht dem Gekreuzigten.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes versteht viel von Jesus. Er hat ihn einst erkannt, als er noch im Leib seiner Mutter war. Das Kind hüpfte, als sich Maria mit dem kleinen Jesus im Bauch nahte. Später wiederholte sich die Szene. Beide waren erwachsen geworden. Johannes taufte die Bußwilligen am Jordan. Jesus kam zu ihm. Da erkannte ihn Johannes und rief aus: »Da ist das Lamm Gottes!«

Johannes starb, bevor Jesus starb. Deswegen ist dieser Johannes unter dem Kreuz genauso wenig eine historisch korrekte Darstellung wie der Maler Cranach oder Martin Luther, die neben ihm stehen. Aber Johannes steht hier, um den theologischen Sinn des Kreuzestodes auszusprechen oder besser, zu zeigen.

Die erhobene Hand mit einem herausgestreckten Zeigefinger weist auf das Kreuz; die andere Hand zeigt mit zwei ausgestreckten Zeigefingern auf das Lamm. Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. So steht es auch auf der transparenten Fahne, die das Lamm zierlich in seiner Beuge hält, nur eben in Latein: »Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi.« Johannes ist der Deuter, der den Heiland persönlich gekannt hat und der als privilegierter Zeuge die Tiefendimension des Geschehens am Kreuz versteht.

Er erkennt in Jesus den Gottesknecht aus dem Buch des Propheten Jesaja. Da heißt es: »Er trug unsere Krankheit, und um unserer Sünden willen wurde er geschlagen.« Und dort wird über ihn, den erwarteten Messias gesagt: »Wie ein Lamm auf der Schlachtbank tat er seinen Mund nicht auf.«

Auf anderen Altären stehen an dieser Stelle rechts neben dem Kreuz Maria und Johannes. Die Mutter und der liebste Jünger. Am nächsten stehen ihm also gewöhnlich Verwandte und Freunde. Dadurch wird betont: Alle sind gegangen, nur die engsten Angehörigen sind geblieben. Hier bei Cranach stehen drei Männer unter dem Kreuz. Der Deuter Johannes, der Maler selbst und Luther. Sie standen nicht unter dem historischen Kreuz. Sie haben eine Botschaft für uns Betrachter. Sie zeigen, wie man sich mit Jesus verbinden kann. Der erste ist der Augenzeuge, Johannes. Der zweite ist der Mensch, der das Geschehen aus der Schrift erkennt und auf die richtigen Stellen der Bibel zeigt, Luther. Und dann der dritte, der getroffen wird und uns ansieht, Cranach. Wie im biblischen Leben ist Johannes der Vorläufer. Er tut etwas Wichtiges, verzichtet aber auf die Lorbeeren. Seine Jünger laufen zu Jesus über. Unter dem Kreuz ist er ein Diener. Neben ihm endet der Blutstrahl der Gnade auf dem Haupt eines Zeitgenossen. Dieser macht eine direkte Gotteserfahrung, er wird direkt berührt, während Johannes und Luther mit Zeigegesten beschäftigt sind. Cranachs Hände ruhen im Gebet. Er atmet die Ruhe der Erlösung.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Ein altes Ideal hat er erreicht: Christus ähnlich werden.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille

Zweideutigkeit auf dem Altar

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Bild von Lukas Cranach ist der ängstliche Zug, alles eindeutig zu machen, überwunden

Es ist eine Frühlingswiese. Es ist die Jahreszeit des Aufbruchs, der Veränderung, des kommenden Lebens. In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ wachsen lauter Frühblüher. Eine dieser Blumen wird von fast allen Betrachtern zunächst für ein Tier gehalten. Fast alle Betrachter sagen nach dem ersten intensiveren Blick auf den Altar: »Da! – Vor dem gelben Stiefel Cranachs ist ja ein dicker Käfer zu sehen.« Schaut man noch genauer hin, ist es eine Blume. Aber – schon wendet sich das Blatt wieder – diese Blume symbolisiert ein Tier. Die Akelei hat ein längliches Honigblatt, das aus der Blüte hervor lugt. Wer will, kann darin eine Taube sehen.

In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ blühen Mohn und Akelei. Die Akelei ist doppeldeutig. Sie ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes und der heimlichen Liebe. Der Mohn gilt als Teufelsblume und er steht in Zusammenhang mit Schlaf, Tod und Vergessen. Auf dem Erlösungsbild dürfen auch zweideutige Blumen blühen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

In der Blumenwiese zu Füßen Luthers, Cranachs und Johannes’ blühen Mohn und Akelei. Die Akelei ist doppeldeutig. Sie ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes und der heimlichen Liebe. Der Mohn gilt als Teufelsblume und er steht in Zusammenhang mit Schlaf, Tod und Vergessen. Auf dem Erlösungsbild dürfen auch zweideutige Blumen blühen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Ist man böswillig, kann man auch ein phallisches Objekt sehen, denn in der Spitze des Blattes, steckt der Nektar, auf den die Insekten scharf sind. Deswegen hat auf vielen mittelalterlichen Gemälden eine leicht bekleidete Frau eine Akeleiblüte in der Hand. Sie ist das Zeichen der heimlichen Liebe, der gleichsam als Blume getarnten Liebesabsicht. Diese Blume ist zweideutig. Im Volksmund heißt sie auch Venuswagen oder Elfenhandschuh, in Südmähren aber Tauberln, und im Englischen sagt man Columbine.

Die Akelei ist doppeldeutig. Und es ist nicht einmal richtig zu sagen, auf mittelalterlichen Tafelbildern bedeute sie immer den Heiligen Geist, denn manche liebeslustige Dame hält sie auch dort in der Hand. Ich unterstreiche diese Unbotmäßigkeit der Blume, weil ich an der reformatorischen Souveränität meine Freude habe. Noch auf den Vorgängerbildern zu Gesetz und Evangelium, auf denen sich das protestantische Bildprogramm entwickelte, prägen ein dicker Schriftbalken und viele andere Schriftzüge das Bild. Alles, was irgendwie missverständlich sein könnte, wird mit einem Bibelspruch eindeutig gemacht.

Unser Reformationsaltar ist das letzte, reife und souveräne Bild des Meisters Cranach. Schrift ist in der Bibel Luthers zu sehen. Er hält sie so, dass wir darin lesen können und sollen. Schrift ist auf den Schrifttafeln, die Mose uns entgegenhält und die unser Besitz sind. Aber die Blumen dürfen unbeschriftet blühen, obwohl sie auch Bedeutung haben. Der ängstliche Zug, alles eindeutig zu machen, also die Vieldeutigkeit der Bilder zu vermeiden oder einzuschränken, ist überwunden. Ein stilles Tableau, ein Bild der Erlösung, ein freies Spiel der Bedeutungen. Der Mohn als Teufelsblume, die Akelei als Liebesblume sind da und dürfen frei ausgelegt werden.

Der Mohn wächst auf der linken Seite des Altars, direkt vor dem Arm des Teufels. Diese Blume begleitet ihn, und auch sein Gewand ist auf den Bühnen Europas stets mohnrot gewesen. Der Mohn war die teuflische Gegenblume zur himmlischen Rose. Er wird auch Klatschrose genannt. Und wegen der Wirkung der Opiate, die besonders aus einer Unterart der Papaver somniferum gewonnen wird, ist der Mohn mit Schlaf, Tod und Vergessen assoziiert. Aber der Mohn ist auch so rot wie das Gewand des Auferstandenen, rot wie das Rettungsblut Christi, und so könnte die rote Mohnblume dem Teufel auch in den Arm fallen.

Die siebenblütige Akelei zwischen den Füßen Cranachs und Luthers ist ein Zeichen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes: Sapientia, Intellectus, Consilium, Fortitudo, Sciencia, Pietas und Timor. Oder wie es bei Jesaja heißt: »Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.« Wir glauben gerne, dass diese Gaben den Reformator und seinen Maler leiteten.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

»Es wird alles so sein, wie Gott es will«

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  »Prinzen«-Sänger Jens Sembdner hat auf dem Weg des Haderns Gott gefunden

»Die Prinzen« sind mit ihrer neuen CD »Familienalbum« auf Kirchentour. Jens Sembdner, Gründungsmitglied der Leipziger Popgruppe, erzählt, warum er auch negative Erfahrungen als Bereicherung ansieht und privat keine Musik hört. Mit ihm sprach Martina Schubert.

Herr Sembdner, als ich Sie anrief, waren Sie gerade mit dem Fahrrad unterwegs. In einem Lied der »Prinzen« heißt es: »Nur Genießer fahren Fahrrad.« Womit genießen Sie noch das Leben?
Jens Sembdner:
Ich versuche, es jeden Tag zu genießen, und zwar jede Sekunde. Ich treibe viel Sport, ich lese sehr viel, ich gehe viel in mich, ich bete viel. Das sind Sachen, die mich im Gleichgewicht halten. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass alles, was passiert oder alles, was da ist, eine Bereicherung sein kann. Auch, wenn wir das einmal als negativ empfinden. Aber wenn ich später zurückschaue, stelle ich fest, dass auch das eine Bereicherung war.

Wie sind Sie zu dieser Einstellung gekommen?
Sembdner:
Ich habe einen sehr großen Verlust gehabt vor 14 Jahren, als meine Frau starb. Dann wollte ich ein Buch schreiben und fing damit an, indem ich nur gegen Gott gewettert habe: Warum, wieso, weshalb? Ich habe alles nicht verstanden. Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass ich alles, was passiert, als gegeben hinnehmen muss. Wenn ich das gelernt habe, sehe ich auch, dass neue Dinge, neue Orientierungen daraus entstehen. Ich war vorher nicht sonderlich mit Gott vertraut. Über diesen Weg des Beschimpfens bin ich zu ihm gekommen. Das ist kurios. Manchmal musst du nur abwarten. Es hat alles seinen Sinn, glaube ich. Es wird alles so sein, wie es sein soll oder wie Gott es will.

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Jens Sembdner: Die Gebote, die Gott uns gegeben hat, sollten wir einhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Wie haben Sie nach dem schweren Schicksalsschlag, dem Tod Ihrer Frau, wieder zurück ins Leben gefunden? Welche Rolle hat der Glaube da gespielt?
Sembdner:
Auf alle Fälle spielt der Glaube da eine Rolle. Ich habe mich mit Dingen beschäftigt, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Plötzlich wird das Leben völlig zerrissen. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben. Ich fing dann an zu suchen, dass es etwas geben muss, dass der Mensch noch da ist. Ich habe meine Frau und nach Auswegen gesucht, habe mir alle möglichen Religionen angeschaut, Berichte über Nahtoderfahrungen gelesen. Ich habe mich sehr intensiv damit beschäftigt. Dabei habe ich mich ertappt, dass ich im Bett liege und zu Gott bete. Dann habe ich mir gedacht: Wo suchst du eigentlich? Tagsüber suchst du immer rechts und links und nachts betest du zu Gott. Ich habe gemerkt, dass mir das Ruhe gegeben hat. Ich konnte mit jemandem reden, und ich habe Ruhe empfunden, obwohl es eine sehr hektische Zeit für die Seele war, eine unruhige Zeit, in der ich am liebsten nicht mehr da sein wollte, weil es so bedrückend war. In dieser Phase habe ich Ruhe gefunden. Das fand ich sehr bedeutend und sensationell. Das schafft kein Medikament dieser Welt, aber ein Gebet schafft das nachts. Deswegen habe ich mir gedacht, warum nicht immer so. Es tut gut.

Inwieweit intensivierte sich Ihr Glaube?
Sembdner:
Ich wohnte damals noch auf dem Dorf und habe mich Sonntagmorgen auf mein Fahrrad geschwungen und mich dann das erste Mal seit Jahren wieder in die Kirche gesetzt. Das war eine Dorfkirche. Dort saß bloß noch eine Oma drin und der Pfarrer, der für uns beide predigte. Was er gesagt hat, empfand ich als sehr toll. Ich habe ihn gefragt: Was ist denn, wenn die Oma stirbt und ich wegziehe? Er antwortete: Dann habe ich nichts mehr zu tun. Ich sagte, das muss man doch ändern. Das ist eine so tolle Botschaft und es ist etwas, was viele Menschen hören müssen. Später fragte ich mich: Was könnte ich tun? Ich habe mich hingesetzt und die Psalmen und Choräle, die wir im Kreuzchor gesungen haben – mit Orchester und im klassischen Gewand –, vertont und einen Beat drunter gelegt und versucht, sie in die heutige Zeit rüberzuziehen. Daraus ist das Album »Da wo du bist« entstanden. Junge Gemeinden haben das auch nachgespielt. Damit ist schon etwas erreicht, wenn es auch nur kleine Dinge sind.

Sie sagen, damit die Kirche mehr Leute anlockt, muss sie sich öffnen, aber nicht um jeden Preis. Einige Werte müssen bewahrt werden. Welche?
Sembdner:
Die Gebote, die Gott uns gegeben hat – es sind nicht viele, aber es sind wichtige –, sollten wir einhalten. Wenn wir uns nur an die zehn Punkte halten würden, dann hätten wir gar kein Problem auf dieser Welt.

Welche Musik hören Sie privat?
Sembdner:
Ich höre gar nichts. Dadurch, dass ich selbst viel Musik mache, bin ich gerade auf Entzug – seit einem Jahr. Am Anfang habe ich mich gezwungen, mittlerweile finde ich es ganz toll, Radio und Fernsehen von mir fernzuhalten. 90 Prozent aller Nachrichten, die ich darin höre, sind negativ. Deshalb schalte ich das Radio aus und habe festgestellt, dass Stille eine immense Kraft gibt. Ab und zu unterstütze ich die Stille mit klassischer Musik, ich gebe es ehrlich zu. Auf der anderen Seite: Wir sind mit Cro und mit Xavier Naidoo unterwegs, wir haben ständig die aktuelle Musik um uns herum. In der kurzen Zeit, in der ich zu Hause bin, genieße ich Stille.

Cover der CD »Familienalbum«

Cover der CD »Familienalbum«

Was ist der Zweck, dass Sie die Nachrichten aussperren?
Sembdner:
Es sind für mich zu viele Informationen, die ich negieren kann, die ich für mich nicht brauche. Wichtige Informationen, dass es eine Hungersnot gibt, dass Völker unterdrückt werden, kommen durch, das weiß ich auch. Dass ich Spenden und Hilfsprojekte unterstützen sollte, das steht auch in den Zehn Geboten. Ich brauche dazu nicht noch etwas, was mich niederreißt. Das trifft auch auf die Kirche zu. Aus meiner Sicht sollten mehr positive Nachrichten verbreitet werden, damit die Menschen auch positiver und lächelnder durch das Leben gehen.

Seit 8. September sind Sie mit den »Prinzen« auf Kirchentour zur neuen CD »Familienalbum«. Bereits 2010 und 2012 waren Sie als Band in christlichen Gotteshäusern unterwegs. Warum zieht es die »Prinzen« wiederholt in die Kirche?
Sembdner:
Im Jahr 2008 haben wir mit Margot Käßmann einen live ausgestrahlten Fernsehgottesdienst gemacht – unter der Bedingung, dass wir unsere eigene Musik spielen durften. Danach gab es ein, zwei Konzertanfragen von verschiedenen Gemeinden. Als es dann noch mehr Interessenten gab, ist daraus eine Tour geworden. Mittlerweile ist das eine gute Tradition. Wir fahren im September los, im Oktober kommen wir wieder. Wir treten in den Kirchen nur mit akustischen Instrumenten auf und fangen das Konzert mit einem Choral an. Dann kommen die Lieder, die man kennt: »Mann im Mond«, »Deutschland«, »Alles nur geklaut«, Millionär«. Am Ende steht die Gemeinde, inklusive der Pfarrer, sie tanzen, klatschen und schreien. Bei manchen Gemeinden muss das erst der Gemeinderat entscheiden und es gibt Skeptiker. Umso schöner ist, wenn dann die ganze Gemeinde tanzt und klatscht, inklusive Pfarrer und Skeptiker. Das ist immer toll.

Inwieweit finden Sie sich mit Ihrem Glauben in den »Prinzen«-Texten wieder?
Sembdner:
Prinzipiell kann ich mich in fast allen Texten wiederfinden, weil wir Dinge ansprechen, die passieren, selbst wenn es manchmal hart klingt. »Die Prinzen« sind dafür bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen und dass sie alles aussprechen, so wie es ist. Nicht auf eine plumpe Art, sondern auf eine intelligente Art. Der Mensch versteht ein Thema meist nur, wenn du es direkt ansprichst. Wenn wir unsere Lieder sogar in Kirchen spielen dürfen, kann es so schlimm nicht sein, auch wenn das Wort F*cken einmal vorkommt. Es ist ja trotzdem eine Botschaft dahinter. Die ist – so kennt das Publikum die »Prinzen« – meist positiv.

Haben Sie sich schon mal wegen Ihres Glaubens gegen einen Text gestellt?
Sembdner:
Ich persönlich nicht, aber es gibt manchmal schon heftige Diskussionen. Mein Bandkollege Wolfgang Lenk ist auch in der Gemeinde und wir diskutieren manchmal darüber, ob wir gewisse Punkte so oder so sagen. Das betrifft eher die Phase des Liederschreibens. Aber meistens einigen wir uns darauf, dass im Prinzip alles machbar ist, solange wir das intelligent verpacken.

Wie viel von Ihrem Glauben steckt in dem Lied »Backstagepass ins Himmelreich«?
Sembdner:
Das hat mein Bandkollege Wolfgang Lenk mit reingebracht. Er geht regelmäßig in die Gemeinde. Bei den »Prinzen« singen meistens nur Tobias und Sebastian solo. Aber wir wollten, dass jeder mal die Leadstimme übernimmt, und da haben wir für Wolfgang ein Lied geschrieben, was er wirklich ist. So entstand »Backstagepass ins Himmelreich«. Wenn wir Kirchen-Konzerte geben, ist dieses Lied immer dabei, und Wolfgang singt es. Das ist wirklich er. Das Lied passt wunderbar zu den Prinzen, es passt sich ein. Es ist alles intelligent verpackt, sodass es auch ernst genommen und respektiert wird.
Christliches Medienmagazin pro

www.pro-medienmagazin.de

Die »Prinzen« auf Kirchentour: Termine in Mitteldeutschland

19. 9.: Arnstadt, Sebastian-Bach-Kirche;

22. 9., 20 Uhr: Nordhausen, St. Blasii Kirche;

30. 9., 20 Uhr: Zella-Mehlis, Pfarrkirche St. Magdalena;

3. 10.: Osterwieck, Stephaniekirche


Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Überleben nach dem Überleben

8. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Hilfsaktion: Lange galten sie als Kollaborateure, heute leben sie zumeist in Armut – ehemalige KZ-Häftlinge in der Ukraine

Noch immer leben in den Ländern der früheren Sowjetunion ehemalige KZ-Häftlinge. Zum Beispiel in Saporischja in der Ostukraine. Sie plagt nicht nur ihre Vergangenheit –, sondern auch die Gegenwart des Bürgerkriegs.

Deutsche waren schon mal hier, 1942. Damals besetzte die Wehrmacht die Stadt Saporischja, russisch Saporoschje, am Dnjepr. Pjotr Suprun nahmen sie mit, weil er sich im Widerstand gegen die Besatzer engagierte. Erst kam er ins nahe Dnetropetrowsk, von dort aus sollte er als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich gebracht werden. Er konnte auf der Fahrt entkommen – allerdings nicht für lange. Der 17-Jährige wurde aufgegriffen, kam nach Auschwitz und später in die Konzentrationslager Buchenwald, Mittelbau-Dora und ins Außenlager Ellrich-Juliushütte.

Überlebte insgesamt vier deutsche Konzentrationslager: der 88-jährige Pjotr Suprun. Heute leben noch etwa 80 ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Gebiet um Saporischja. Foto: Thomas Arzner

Überlebte insgesamt vier deutsche Konzentrationslager: der 88-jährige Pjotr Suprun. Heute leben noch etwa 80 ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Gebiet um Saporischja. Foto: Thomas Arzner

Deutsche sind jetzt wieder da, im Sommer 2015. Dieses Mal haben sie Pjotr Suprun zum Essen eingeladen. Dabei findet er Zeit, den Leuten vom Maximilian-Kolbe-Werk seine Geschichte weiterzugeben. Langsam kommen die Worte aus dem Mund des 88-Jährigen. Von all der Gewalt, die er ertragen haben muss, sagt er nichts.

Pjotr Suprun ist einer von etwa 80 KZ-Überlebenden, die es noch in der Region gibt. Als die Vertreter des Hilfswerkes, das KZ- und Ghettoüberlebende in Osteuropa unterstützt, vor acht Jahren in Saporischja waren, konnten sie noch um die 300 Menschen einladen und ihnen, wie jetzt auch, jeweils 300 Euro übergeben, erzählt Danuta Konieczny, eine Mitarbeiterin.

Die meisten verwenden das Geld, um Arztbesuche und Medikamente zu finanzieren. »Ich bekomme 1 780 Griwna Rente«, erzählt Jewgenija Bojko. »Das sind nicht mal 100 Dollar«, rechnet die Vorsitzende des Häftlingsvereins in Saporischja vor. Das Geld reiche gerade so, um die Miete und den Lebensunterhalt zu finanzieren – wenn überhaupt. »Ich selbst sollte mich eigentlich an den Augen operieren lassen, kann es mir aber nicht leisten«, erzählt die frühere Grundschullehrerin. Außerdem seien ihre beiden Söhne arbeitslos, einer davon wohne mit seiner Frau und seiner Tochter bei ihr, sagt die 71-Jährige, die 1944 im Frauen-KZ Ravensbrück geboren wurde. Die Krise im Land macht ihr Leben nicht besser: Die gewaltsamen Auseinandersetzungen knapp 200 Kilometer von ihnen entfernt betreffen auch die ehemaligen KZ-Häftlinge: Sie, die selbst die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebten, sehen ihre Kinder und Enkel in den Kampf in die Ostukraine ziehen und manchmal nicht zurückkommen. Dazu kommt, dass die Krise alles teurer gemacht habe, während die Renten nicht gestiegen seien.

Viele der Überlebenden haben bei den drei Treffen ihre Verwandten mit einer Vollmacht geschickt – sie selbst sind zu schwach dazu oder bettlägerig. Die, die noch gekommen sind, haben einen Verwandten dabei, als Stütze und Hilfe. Pjotr Suprun hat seinen Sohn Walerij mitgebracht. Als er aus dem KZ kam, wurde Suprun in die Rote Armee eingezogen. Später ging er als Arbeiter in eine Waggon-Fabrik zurück nach Saporischja. Seinen Leidensweg hat er fast keinem erzählt – in der Sowjetunion galten die Überlebenden lange als Kollaborateure, die dem Feind geholfen haben.

Die Wunden sind bei vielen geblieben. Auch bei dem Mann, der auf die Organisatoren vom Häftlingsverein einredet. Es sei ungerecht, dass allen auf die gleiche Weise geholfen werde, beschwert er sich. Die KZ-Überlebenden haben viel stärker gelitten als die, die »nur« als Zwangsarbeiter Dienst tun mussten. Danuta Konieczny und die anderen brauchen eine Weile, bis sie ihn beruhigt haben.

Dann winkt Leonid Gruntenko von einem der Tische. Er will mit einem Deutschen sprechen. Gruntenko ist 90 Jahre alt. Auch er war in mehreren Konzentrationslagern und musste als Zwangsarbeiter schuften. Seine Hände zittern, »Parkinson«, erklärt er. Dem Deutschen aber will er etwas schenken. Mühsam kramt er eine weiße Plastiktüte hervor. Drin ist Schokolade.

Thomas Arzner

Hintergrund
Das Maximilian-Kolbe-Werk entstand aus der Begegnung einer Gruppe von Christen der deutschen Sektion von Pax Christi mit ehemaligen Häftlingen in Auschwitz.

Es wurde 1973 gegründet mit dem Ziel, KZ-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter in den östlichen Ländern zu unterstützen. Seinen Namen hat es von dem polnischen Priester Maximilian Maria Kolbe, der 1941 als KZ-Häftling in Auschwitz für einen anderen Mitgefangenen freiwillig in den Hungerbunker ging.

www.maximilian-kolbe-werk.de

Die gelben Stiefel des reichen Mannes

8. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Wie ein Diener des Mammon doch noch die Kurve kriegen kann

Sie sind ein Blickfang. Irgendwie landen die Augen des Betrachters recht bald auf Cranachs gelben Stiefeln. Sie sind aus feinem Leder, umschließen den Fuß, mehr noch die Waden und auch das Knie, fest wie eine zweite Haut.

Sie sind auch deshalb ein Blickfang, weil zwei Käfer oder dicke Fliegen vor Knöchel und Wade zu sehen sind. Bei näherer Betrachtung stellen sich diese allerdings als Blüten heraus. Es sind die Köpfchen der Akelei, die in Südmähren auch Tauberln genannt werden. Weil das Honigblatt dieser Blüte einer Taube ähnelt, steht die Pflanze, wenn sie sieben Blüten hat, für die Gaben des Heiligen Geistes. Doch dazu später mehr.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Das gelbe Leder ist Saffianleder, erkannten Zeitgenossen. Der Mann ist reich. Und über den Stiefeln endet ein mit feinem Pelz behangener schwarzer Mantel. Ein Mann im Ornat eines Bürgermeisters steht da, breitbeinig und selbstbewusst, nicht nur reich, sondern auch mächtig.

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Cranach war außerordentlich wohlhabend. Bei einer Volkszählung war der langjährige Bürgermeister von Wittenberg der zweitreichste Mann der Stadt. Auch als Apotheker war Cranach in der Stadt zugelassen. Er verkaufte dort neben Heilmitteln Pigmente für die Farbherstellung, die er selbst nutzte. Pictor celerrimus, der aller schnellste Maler, steht auf seinem Grabstein. Bereits damals galt in der Malwerkstatt: Zeit ist Geld.

Der feine Pelz und das edle Leder bilden einen scharfen Kontrast zum Täuferpropheten Johannes. Der steht neben ihm, und seine Füße sind ebenso nackt wie seine Waden und Knie. Bloße Haut ist da, wo Cranach von seinen Lederstiefeln geschützt und geschmückt wird. Auch Johannes trägt ein pelziges Gewand. Im Evangelium steht, es sei aus Kamelhaaren gewesen. Gleich neben der rosigen Nase des Lammes rollt sich das rohe Gewand unordentlich auf. Es hat nicht die edle Form, den gepflegten Schnitt des cranachschen Schmuckpelzes. Sagte Jesus nicht: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel?«

Dennoch spielt Cranach hier die Rolle des neuen Adam. Er steht für die erlöste Menschheit.

Links im Hintergrund unseres Altarbildes wird der alte Adam von Tod und Teufel gehetzt. Auf den Vorgängerbildern unseres Altars steht auf der rechten Seite derselbe Mensch unter dem Kreuz. In schöner Ruhe hat er die Hände gefaltet und wird vom Blut benetzt. Er ist erlöst.

Genau diese Figur ist auf dem Weimarer Altarbild der Maler Cranach. Auf seinem Haupt endet der Blutstrahl der Gnade. Seine Füße stehen noch in Schritthaltung. Eben hat er zum Kreuz emporgeblickt, jetzt hat er den Kopf gedreht und sieht zu uns, der reiche gerettete Mann.

Der reiche Mann ist ein schwerer Fall für die Erlösung. Nachdem die Jünger gehört haben, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel, fragen sie Jesus entsetzt: Aber wie kann er gerettet werden? Und der antwortet, bei den Menschen ist es nicht möglich. Aber alles ist möglich bei Gott.

Dieser Fall steht vor unseren Augen. Wenn ein reicher Mann erlöst werden kann, dann fallen alle Schranken. Wenn der, der dem Mammon diente, die Kurve kriegen kann, dann gilt die Erlösung selbst für uns. Der reiche Cranach blickt uns an. Wer das bemerkt hat, schaut sich in der Regel auch die anderen Figuren an. Wohin blicken die?

Da ist noch einer, der uns ansieht, nämlich der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand, dessen Saum mit goldenem Garn verziert ist. Er hat Tod und Teufel unterworfen. Sie liegen unter seinen Füßen. Sie jagen uns nicht mehr.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die durchaus auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Strand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott in der Bekräftigungsformel gemeint ist? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat ihr persönlicher Glaube auf ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat Christine Lieberknecht mich angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzenden dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Und als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Und dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert wird mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist keine Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seinen.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur bezahlt wurde für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicher Weise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und Ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unserer jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfonds für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

Großzügig und zeitgemäß

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sanierung: Das Eisenacher Lutherhaus wird sich bald als modernes Museum präsentieren

Vier Wochen bleiben noch, um die vielen leeren Vitrinen im umgebauten Lutherhaus in Eisenach zu füllen. Am 26. September öffnet dort die neue Dauerausstellung »Luther und die Bibel«.

Noch liegt eine dicke Schicht Staub in den blauen, roten, violetten Vitrinen. Kein Zustand, um darin jahrhundertealte Bibeln oder das Kirchenbuch mit dem Taufeintrag von Johann Sebastian Bach zu zeigen. Aber es bleiben auch noch gut vier Wochen bis zur Wiedereröffnung des alten, neuen Eisenacher Lutherhauses.

Im Dezember 2013 schloss das Museum für die erste Großsanierung in der 650-jährigen Geschichte des Fachwerkgebäudes. Zweiundzwanzig Monate später soll es sich als ein modernes Ausstellungshaus präsentieren, das dem erwarteten Besucheransturm zum Reformationsjubiläum gerecht werden kann. Und das jenen Eindruck der Enge und des Stickigen verloren hat, der nicht recht passen will zum Bild der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Noch gibt es viel zu rücken und zu räumen, bevor das Museum im September wiedereröffnet wird. Fotos: Michael Reichel (ari)

Etwa 100 000 Gäste, so die vorsichtige Schätzung, könnten dann auch die vielen Treppenstufen des Lutherhauses hinaufsteigen wollen. Wobei kein Besucher mehr Treppenstufen steigen muss. Durch eine Mitnutzung von Teilen des benachbarten Neubaus sind erstmals alle Räume des Museums weitgehend barrierefrei zu erreichen. Zuvor schafften es Rollstuhlfahrer nicht einmal über die Schwelle, beschreibt der wissenschaftliche Leiter und Kurator des Hauses, Jochen Birkenmeier. Museumskasse und -shop, Toiletten, Garderobe – letztere gab es im alten Bauzustand gar nicht – sowie erstmals ein Raum für Sonderausstellungen sind ebenfalls im Nachbarbau untergebracht.

Das Evangelische Pfarrhausarchiv, das sich bisher unter dem Dach des Lutherhauses befand, wurde in das Landeskirchenarchiv Eisenach ausgelagert; das museumseigene »Bibel-Café« wird nicht mehr betrieben. Durch diese Veränderungen und auch durch das Entfernen von Wänden wurde Platz gewonnen. Die ehemals arg verwinkelten Räume wirken großzügiger, die Museumspädagogik wurde auf zwei Zimmer erweitert. Auf rund 500 Quadratmetern – zuvor waren es nur etwa 300 – wird ab dem 26. September auch die neu gestaltete Dauerausstellung »Luther und die Bibel« zur Bibelübersetzung des Reformators gezeigt.

Ausgestellt werden rund 120 Exponate in den derzeit noch mit Staub bedeckten, rechteckigen Vitrinen, die das Berliner Design-Büro »neo.studio« entworfen hat. Sie geben dem alten Haus, in dem jede Wand schief, in dem nichts rechtwinklig ist, wieder Ecken und Kanten.

Für die zeitgemäße Ausstattung des Museums, zu der multimediale Zugaben wie Touchscreens, Hörstatio­nen und Bildschirme gehören, fielen 1,15 Millionen Euro an. Weitere 2,8 Millionen Euro waren für den Bau notwendig.

Die Hälfte des Geldes stammt aus öffentlicher Förderung, 1,4 Millionen Euro sind Eigenmittel der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, 0,56 Millionen Euro steuerten unter anderem Sponsoren und Bürger bei, die Patenschaften für Exponate übernommen haben.

Susann Winkel

Eine Lanze aus Licht

2. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Die geistlichen Waffen gegen Tod und Teufel auf dem Cranachaltar

Wenn ich mit Konfirmanden vor dem Weimarer Cranachaltar stehe, behauptete ich immer: »Jesus hat ein Laserschwert!« Das Wort klingt im Altarraum einer Kirche fremd, aber ich benutze es bewusst. Denn der Laserstrahl ist gebündeltes Licht. Und das Laserschwert aus den »Star Wars«-Filmen ist die Lichtwaffe eines geistlichen Ordens, der Yedi-Ritter.
Wer gegen die Finsternis kämpft, dessen Waffe ist das Licht. Das war immer so in den Religionen. Auch auf unserem Cranachaltar ist dieses Prinzip deutlich zu erkennen. Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels, der seine Zunge herausstreckt, die wie eine Flamme züngelt. Mit beiden Händen umfasst er den Stab und wendet offenbar Kraft auf, um sich zu wehren.

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand hält einen durchsichtigen Stab in seinen Händen. An seiner Spitze steht eine transparente Fahne, die ein rotes Kreuz auf weißem Grund trägt. Die andere Seite der Lanze endet im Mund des Teufels. Mit dieser Lanze aus Licht hält Christus das Böse nieder, sie ist seine Waffe im Kampf gegen das Böse. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Im Gegensatz zu ihm umfasst der Auferstandene die Waffe offenbar, ohne Mühe aufwenden zu müssen. Auf vielen anderen mittelalterlichen Bildern hält der Erzengel Michael eine ähnliche Waffe ebenso mühelos und dazu mit einer Körperbewegung, die oft etwas Tänzerisches hat. Ein Erzengel hat natürlich auf unserem erzprotestantischen Altar nichts zu suchen. Christus ist es selbst, der mit der gleichen Geste der Leichtigkeit das Böse beziehungsweise den Bösen niederhält.

Cranach war ein Meister darin, transparente Gegenstände zu malen. Oft halten die schönen nackten Damen, die er malt – zum Beispiel seine Lucretia –, ein transparentes Gewebe in der Hand. Die Unverhülltheit und die makellose Beschaffenheit der gemalten Haut werden durch den graziös gehaltenen durchsichtigen Schal noch hervorgehoben.

Christus und sein symbolisches Pendant, das Lamm, halten jeweils eine Art durchsichtigen Acrylstab mit einer ebenso durchsichtigen Fahne. Auf unserem Bild ist dies natürlich kein galantes Detail, sondern der Gegensatz zur grobstofflichen Materialität des Bösen.

Hinter dem Auferstandenen jagen Tod und Teufel einen kleinen Menschen, den alten Adam. Der Tod sticht nach ihm mit einer Lanze aus Holz, auf der eine Spitze aus Metall sitzt. Der Teufel holt neben ihm mit einem knorrigen Knüppel aus. Der Tod hält seine Lanze, wie man eben eine Lanze hält. Kraftübertragung ist wichtig, Schnelligkeit auch und die Verletzung der Haut des Opfers. Er hat es fast schon erreicht.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Tod und Teufel bedienen sich der Kräfte des Irdischen. Aber die Kräfte, die gegen Tod und Teufel angehen, brauchen andere Waffen. Solche aus Licht. Und sie liegen eher in der Hand wie eine Feder, mit der man schreibt. Der Sieg über das Böse beruht auf anderen Prinzipien als das Böse selbst.

Deswegen ist der Lichtstab des Auferstandenen am Ende doch kein Laserschwert. Es ist keine Waffe neben anderen Waffen, die gewinnt, weil sie die stärkere ist. Dieser Lichtstab zeigt vor allem, dass das Böse mit den gleichen Waffen bekämpft werden kann. Nicht die dickere Lanze gewinnt, sondern die Lanze, die ganz anders ist. Sie ist eine geistliche Waffe und ihr Sieg ist von der Art des Kreuzes, das neben ihr steht.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Die Gebetserhörung verschlafen

1. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Jahrelang wurde für Chinas Christen gebetet – doch Gottes Antwort haben viele noch nicht wahrgenommen

Er nennt sich »Chinabeauftragter des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Deutschland«. Seit 2004 reiste Albrecht Kaul bisher 16 Mal ins Reich der Mitte. Und korrigierte das gewohnte China-Bild. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Kaul, es gibt »Russland-Versteher« und »Islam-Versteher« – Sie sind der fromme »China-Versteher«?
Kaul:
Das könnte man vielleicht sagen. Weil ich mittlerweile schon sehr oft in China war und natürlich versuche, vor allem die Christen dort ein bisschen besser zu verstehen.

Wie kommt ein CVJM-Mitarbeiter dazu, nach China zu fahren?
Kaul:
Das hängt damit zusammen, dass es in China schon lange den CVJM gibt. Ich stamme ja aus der DDR. Da war es unmöglich, einen CVJM zu gründen, obwohl wir das immer wieder versuchten. Und so wollte ich wissen, wie lebt der CVJM in China? Deshalb bin ich dann 2004 sieben Wochen völlig allein nach China gereist. Und ich habe da erstaunliche Dinge gesehen und erlebt.

Die meisten verbinden China bisher eher mit Christenverfolgung und Repression …
Kaul:
Das stimmte in Zeiten der Kulturrevolution und sogar noch vor 20 Jahren. Doch inzwischen hat sich so vieles in China geändert, dass man eigentlich bloß von einem Wunder Gottes sprechen kann. Es stehen praktisch in allen Städten Kirchen und in denen wird jeden Sonntag zwei-, drei-, vier-, mitunter sogar fünfmal Gottesdienst gefeiert, weil so viele Menschen kommen. Man kann Bibeln kaufen, freie Evangelisten reisen unbehelligt durch das Land. In Nanjing steht übrigens die größte Bibeldruckerei der Welt!

Sie sprechen von offiziellen, staatlichen genehmigten Gemeinden?
Kaul:
Ja, von der protestantischen sogenannten Drei-Selbst-Kirche: Selbstverwaltung, Selbstausbreitung, Selbstfinanzierung. Die ist vom Staat genehmigt, weil die Menschen in diesen Kirchen einen Halt finden und der Staat weiß, wir können uns auf diese Leute verlassen. Die sind ehrlich, die sind gute Arbeiter, die kümmern sich um Benachteiligte. Deshalb fördert der Staat die Kirche in einem gewissen Maße. Das passt zwar mit der Ideologie nicht zusammen. Aber Ideologie und Praxis ist in China ein riesengroßer Unterschied, siehe die kapitalistische Wirtschaftspraxis.

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Albrecht Kaul war 16 Jahre Landesjugendwart im sächsischen Jungmännerwerk und von 1995 bis 2009 stellvertretender Generalsekretär des CVJM in Deutschland. Foto: Harald Krille

Das passt auch nicht zu dem, was man immer wieder einmal zu hören bekommt über die verfolgte Untergrundkirche.
Kaul:
Es gibt die nicht registrierten Hauskirchen. Wörtlich übersetzt heißen sie eigentlich Familienkirchen. Sie selbst lehnen den Begriff Untergrundkirche ab. Denn sie sagen zu Recht: Der Staat weiß um uns Bescheid, er beargwöhnt uns, er kontrolliert uns, wenn er irgendwie kann. Aber er lässt uns zur Zeit in Frieden.

Aber man hört von Verhaftungen?
Kaul:
Es kommt zu einzelnen Verhaftungen. Etwa dort, wo ein Hauskreispastor sich extrem mit dem Staat anlegt oder man illegale Gebäude errichtet. Es gibt aber auch das, was ich vorsichtig als »martyriumssüchtige« Menschen bezeichnen würde. Doch das sind Ausnahmen. Die große Masse der schätzungsweise zwischen 90 und 130 Millionen Christen erlebt organisierte Verfolgung nicht mehr.

Man wirft den Kirchen der DDR manchmal vor, sich politisch zu angepasst verhalten zu haben. Trifft das dann nicht auch für Chinas offizielle Kirche zu?
Kaul:
Das könnte man ihnen sicher vorwerfen. Sie selbst sagen aber, wir haben zurzeit keinen anderen Weg. Wir wollen das Evangelium verkündigen. Wir wollen, dass Menschen Gott erkennen und Werte in ihrem Leben finden. Und da wollen wir nicht den Staat ärgern. Wenn Christen sich dann für Menschenrechte einsetzen oder gegen konkretes Unrecht, das in China ja pausenlos passiert, dann ist das nicht eine Aktion der Kirche, sondern von engagierten Einzelpersonen.

Wir sprachen bisher von der protestantischen Kirche …
Kaul:
… die in China eine nach-konfessionelle Kirche ist, also nicht mehr aufgeteilt in verschiedene Denominationen, sondern nur noch evangelisch. Bei den Katholiken gibt es zum einen die offizielle patriotisch-katholische Kirche, die vom Staat ebenfalls genehmigt ist und die nicht abhängig vom Ausland sein darf, also auch nicht vom Papst. Das macht natürlich Probleme für diejenigen Katholiken, die darauf bestehen, den Papst als ihren Heiligen Vater zu ehren und ihm zu gehorchen. Diese Christen können ihre katholische Praxis nur im Untergrund leben.

Noch vor Jahren gingen Schätzungen von 20 Millionen Christen in China aus. Wie ist diese explosionsartige Zunahme zu erklären? Was fasziniert Chinesen am christlichen Glauben?
Kaul:
Vor allem, dass Menschen im Christentum nicht als Volksmasse, sondern als Individuum wahrgenommen werden. Dass da ein persönlicher Gott ist, der mich, den kleinen Chinesen, einen unter Milliarden, anspricht und liebt, das ist die revolutionäre Botschaft, die ihnen bei jedem Gottesdienst aus dem Gesicht strahlt.

Ein Aufbruch, den wir bisher kaum realisiert haben.
Kaul:
Ja, wir haben jahrelang in unseren Kirchengemeinden für China gebetet, dass es eine Lockerung gibt, dass die Christen Freiheit haben. Und die Erhörung unserer Gebete haben wir regelrecht verschlafen. Dabei kann uns das Beispiel China Mut machen, für unsere christlichen Geschwister in Nordkorea und in den islamischen Ländern zu beten. Gott kann eine Situation wandeln. Er ist stärker als der Kommunismus und auch stärker als der »IS«.

Die sächsische Kirchenzeitung »DER SONNTAG« lädt vom 9. bis 19. Februar 2016 zu einer Leserreise mit Albrecht Kaul nach China ein. Weitere Informationen bei der Redaktion DER SONNTAG, Telefon (03 41)-7 11 41 70, E-Mail: <reisen@sonntag-sachsen.de>