Eduard lernt schwimmen

31. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.

»Man braucht nicht meine Tränen«

26. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Warum die Evangelischen Frauen in Deutschland ein Versöhnungsprojekt mit Polen beenden


Es ist eines der ältesten deutsch-polnischen Versöhnungsprojekte. Dennoch steht seine Zukunft infrage. Nicht zuletzt, weil junge Menschen inzwischen andere Erwartungen haben.

Zwölf Frauen aus verschiedenen Ecken Deutschlands reisen nach Warschau, um dort gemeinsam Hecken zu stutzen, Unkraut zu jäten oder zu mulchen. Was treibt sie an, bei glühender Julihitze freiwillig im Garten des Warschauer Kindergesundheits- und Gedächtniszentrums zu arbeiten? Die Motive sind so unterschiedlich wie die Frauen. Sie machen begreiflich, warum eines der ältesten deutsch-polnischen Versöhnungsprojekte (siehe Kasten) nun zu Ende geht.

Sławomir Wisniewski vom Kindergesundheits- und Gedächtniszentrum arbeitet gemeinsam mit der pensionierten Pfarrerin Christine Rothe und Uta Bonadt (v. l.) bei der Pflege der Grünanlagen. – Foto: Brigitte Lehnhoff

Sławomir Wisniewski vom Kindergesundheits- und Gedächtniszentrum arbeitet gemeinsam mit der pensionierten Pfarrerin Christine Rothe und Uta Bonadt (v. l.) bei der Pflege der Grünanlagen. – Foto: Brigitte Lehnhoff

Die Arbeit beginnt täglich um 9 Uhr. Dann holt eine Mitarbeiterin des Gartenteams die Frauen vom Frühstück in der Krankenhauskantine ab. Denn durch Anbauten ist das Gelände verwinkelt und unübersichtlich. Wo immer möglich, sind Grünflächen angelegt. Viel Arbeit also für ein fünfköpfiges Gartenteam, das froh über jede Unterstützung ist. Vier Stunden arbeiten die Frauen durch, bis zum Mittagessen um 13 Uhr. Stille Einzelarbeit oder Teamwork: Jede arbeitet so, wie ihr zumute ist. Aber fast immer entwickeln sich Gespräche über Gott und die Welt, auch über die Gründe, bei dem Versöhnungsprojekt mitzumachen.

Christine Rothe, pensionierte Pfarrerin aus Torgau, hat selbst deutsch-polnische Begegnungen organisiert. Sie ist erschrocken über die vielen gegenseitigen Vorurteile, die es noch gibt. Und sie begegnet bis heute Menschen, die erst 70 Jahre nach Kriegsende wagen, über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. »Wir müssen Gelegenheiten zur Versöhnung schaffen«, sagt die Seelsorgerin.

Eva-Maria Hagen geht ganz anders an das Projekt heran. Sie studiert an der Uni in Osnabrück und hat nach einer sinnvollen Möglichkeit gesucht, ihre Semesterferien zu verbringen. »Aber mit fällt nicht zuerst der Zweite Weltkrieg ein, wenn ich an Polen denke«, betont die 21-Jährige. Sie hatte gehofft, mehr jungen Menschen zu begegnen, gemeinsam mit ihnen nach vorne zu schauen, über Alltags- und Zukunftsfragen zu diskutieren, die Jugendliche auf aller Welt bewegen. In diesen nicht erfüllten Erwartungen steckt eine grundsätzliche Anfrage an das Projekt: Kann es für die nachwachsenden Generationen überhaupt noch um Versöhnung gehen? Von ihren polnischen Gesprächspartnern erhalten die Frauen überraschend eindeutige Antworten. Jakub Deka von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung sagt: »Die jungen Generationen brauchen nicht Versöhnung, sondern Kontakte, um sich besser kennenzulernen.«

Ähnlich denkt Alina Dabrowska. Die 92-Jährige erzählt den Frauen, wie sie Auschwitz überlebt hat und dass sie bis heute nach Deutschland fährt, um mit Schulklassen darüber zu sprechen. Nicht um Schuldgefühle zu wecken, sagt die alte Dame, sondern um zu einer verantwortlichen, friedfertigen Haltung zu ermutigen: »Man braucht nicht meine Tränen, man braucht Erzählungen und Begegnungen.«

Malgorzata Syczeswka hat die Zukunft im Blick. Die Krankenhausdirektorin erinnert an die lange Friedensperiode in Europa, die nun aber durch Kriege rundherum bedroht ist. Sie sagt: »Begegnungsprojekte wie diese sind der einzige Weg in eine friedliche Zukunft für uns alle.« Für weitere Zusammenarbeit sei sie offen. Christine Bischatka, bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste verantwortlich für die Sommerlager, reagiert spontan: »Wenn Sie es wollen, sagen wir nicht ›Tschüss‹.«

Brigitte Lehnhoff

Geschichte eines deutsch-polnischen Versöhnungsprojektes

Generalsuperintendent Albrecht Schönherr, Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in DDR, erfuhr 1975 bei einem Besuch in Warschau vom Bau des Kindergesundheits- und Gedächtniszentrums. Die Idee eines lebendigen Denkmals für die im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Kinder überzeugte ihn. Spontan sagte er eine Spende von 500 000 Mark zu. Gemeinden in der DDR sammelten die dreifache Summe. Durch Kontakte zu Landeskirchen im Westen flossen auch von dort Spenden nach Polen. Ab 1976 leisteten Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Ost praktische Hilfe beim Bau des Krankenhauses. Nach der Eröffnung ging das Sühnezeichen-Engagement in sogenannten Sommerlagern weiter. Freiwillige halfen in der Küche des Krankenhauses, auf den Stationen und bei der Gartenarbeit. Verantwortung für die Einsätze trugen bald abwechselnd auch der ökumenische Jugenddienst in der DDR und evangelische Frauen. Sie brachten das Versöhnungsprojekt mit ein, als sich nach der Wende 1993 die Frauenhilfen Ost und West vereinigten. Doch seit der Jahrtausendwende ist das Projekt nicht mehr unumstritten. Unter anderem gelingt es nicht mehr, genügend Teilnehmerinnen zu gewinnen. Kooperationspartner ist daher seit 2012 wieder Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), die ihr Engagement in Warschau 1995 beendet hatte. Möglicherweise führt ASF das Projekt weiter. Die Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) sind Ende Juli als Trägerin ausgestiegen.

Fest der Religionen und Kulturen

24. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum braucht Thüringen noch ein weiteres Festival?


Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt bekommt ein neues Kunst- und Kulturfest. Bei den Achava-Festspielen (Achava, hebräisch: Brüderlichkeit) stehen der interkulturelle und interreligiöse Dialog im Vordergrund.
Künstlerischer Leiter ist Jascha Nemtsov (52), Professor an der Hochschule für Musik in Weimar. Mit ihm sprach Willi Wild.

Thüringen hat bereits viele Kulturfeste im Sommer. Gerade ist in Weimar das Festival Yiddisch Summer zu Ende gegangen. Warum noch ein weiteres jüdisches Kulturfestival?
Nemtsov: Das ist natürlich eine legitime Frage. Die Achava-Festspiele sind aber kein weiteres jüdisches Kulturfestival. Das ist eine ganz neue Form. Die gibt es so weder in Thüringen noch sonst in Deutschland. Das ist ein Festival, in dessen Mittelpunkt der Dialoggedanke steht; es ist also ein interreligiöses und interkulturelles Festival. Es war den Initiatoren außerdem ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir dieses Festival zusammen mit möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus der kulturellen, religiösen und politischen Szene machen. Da sind die katholische und evangelische Kirche dabei, die Jüdische Landesgemeinde, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Reformationsbeauftragte der Landesregierung, die Evangelische Schulstiftung, politische Stiftungen, die Gedenkstätte Buchenwald, der Thüringer Literaturrat, die Weimarer Hochschule für Musik »Franz Liszt«, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Verein »West Östlicher Divan« und andere.

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Auch muslimische Verbände beteiligen sich?
Nemtsov: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Konfessionen vertreten sind. Dieses Jahr sind es die beiden großen christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime. Aber wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch andere Religionsgemeinschaften vertreten sein werden.

Was unterscheidet Achava von anderen Festivals?
Nemtsov: Es ist diese Mischung aus rein kulturellen Veranstaltungen, Konzerten mit hochkarätigen Künstlern und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Dialog steht. Die Musik ist etwas, was alle zusammenbringt. Die diskursiven Veranstaltungen sind dagegen ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können und sollen. Es ist nicht unser Ziel, dass nach so einem Gespräch die Leute rausgehen und sagen, jetzt weiß ich, was richtig ist. Für mich persönlich ist es auf alle Fälle wichtig, die Dialogkultur und Meinungsvielfalt zu fördern.

Wie ist der Untertitel »Ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog« zu verstehen?
Nemtsov: In der Hebräischen Bibel begegnet uns die Idee der Toleranz und des Friedens. Toleranz heißt ja nicht Liebe. Der Prophet Micha meint: »Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« Das erscheint so einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander einen Glauben, eine Meinung oder eine Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.

Was sind für Sie die herausragenden Veranstaltungen bei diesen Festspielen?
Nemtsov: Das kann man so gar nicht sagen. Da sind ja etliche weltbekannte Musiker, die zu uns kommen. Beispielsweise haben wir ein Konzert am 30. August, bei dem der großartige israelische Mandolinist Avi Avital zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani musiziert. Auch eine Begegnung der besonderen Art. Sie werden zusammen klassische Werke spielen und auch Kompositionen aus ihrer Prägung und Tradition.

»Unter dem Feigenbaum«, heißt eine Reihe, bei der es auch um aktuelle Themen geht, zum Beispiel Syrien und Irak, Verfolgung, Flucht und Genozid.
Nemtsov: Wir haben bei dieser Diskussionsrunde Vertreter aus Politik und von Religionsgemeinschaften. Neben Heinz Buschkowski, dem ehemaligen Bürgermeister aus Berlin-Neukölln, sind es auch die jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Selbst die Moderatoren gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an: Martin Kranz ist evangelischer Christ, ich bin Jude.

Das klingt spannend, aber auch nicht ganz spannungsfrei.
Nemtsov: Auf alle Fälle. Ich glaube, wenn man Veranstaltungen organisiert, bei denen nur das gesprochen wird, was man ohnehin überall hört, hat es überhaupt keinen Sinn und Zweck. Wir wollen gerade Punkte ansprechen, die sonst ausgeklammert werden.

Mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland werden zwei Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten.
Nemtsov: Es geht darum, dass sich die jungen Menschen ein Bild über verschiedene Religionen aus erster Hand machen können. Dass sie nicht nur in die Kirche gehen, sondern eben in die Synagoge und in eine Moschee. Und dass dort authentische Eindrücke vermittelt werden.

Mit Abraham geht es dabei auch um den Stammvater der Juden, Christen und Muslime. Das klingt nach der Botschaft: Alle monotheistischen Religionen sind eigentlich eins!
Nemtsov: Ich hoffe nicht. Man muss erklären, woher die Spannungen kommen, die es schon seit vielen Jahrhunderten gibt. Ich glaube, wir verstehen uns eher, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit deutlich machen. Die Religionen sind wirklich sehr verschieden. Da sind ganz unterschiedliche Welten, Denkweisen und philosophische Systeme. Das soll deutlich werden, und darüber wollen wir reden.

Beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom sind der RIAS Kammerchor und drei der weltbesten jüdischen Kantoren zu hören.
Nemtsov: Das ist ein Programm mit Psalmvertonungen in synagogaler Musik. Die Psalmen verbinden Judentum und Christentum, weil sie in beiden Religionen einen hohen Stellenwert haben. Die Werke, die zur Eröffnung erklingen, kommen aus der jüdischen liturgischen Musik, allerdings mit teilweise deutlichen stilistischen Einflüssen der christlichen Musik.

Mit Azi Schwartz ist der bekannteste jüdische Kantor vertreten?
Nemtsov: Er kommt aus Israel und wirkt seit ein paar Jahren als Kantor der Park Avenue Synagoge in New York. Das ist die größte und wichtigste Synagoge des sogenannten konservativen Judentums.

Zu welchen Anlässen werden die Kompositionen gesungen?
Nemtsov: Zu unterschiedlichen liturgischen Anlässen. Neben den Sabbat-Psalmen gibt es auch Psalmen aus dem sogenannten Pessach-Hallel (Psalmen 113 bis 118).

Wer eine Bibel mitbringt, kann also den Inhalt nachlesen?
Nemtsov: Im Prinzip schon. Die Psalmen werden auf Hebräisch gesungen, und man kann die Texte nach der deutschen Übersetzung verfolgen.

www.achava-festspiele.de

Dieser Artikel erschien in Glaube+Heimat Nr. 34

Jeremias Kugelkopf

23. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Manfred Kyber

Jeremias Kugelkopf war ein Seehund. Er war ein friedfertiges Geschöpf. Er war innerlich, wie er äußerlich war: rund, kugelig und ohne Ecken. So war Jeremias Kugelkopf. Er lebte weit draußen im Weltmeer, und die Wellen des Weltmeeres trugen ihn wie in einer Wiege. Er wusste, dass das Weltmeer sehr wild sein konnte, und er wusste, dass es sehr still sein konnte. Er wusste auch, dass das Weltmeer sehr groß war und dass er sehr klein war. Darum war Jeremias Kugelkopf still und bescheiden. Mittags aß er Fische. Aber damit waren seine Interessen nicht erschöpft. Jeremias Kugelkopf hatte auch höhere Interessen. Wenn die Glocken läuteten an der Küste von Feuerland, hob er den Kopf aus dem Wasser, klappte die Ohren weit auf und hörte andächtig zu. Dann kamen Tränen aus seinen Augen, tatsächlich Tränen.

»Eigentlich wäre es doch sehr schön, ganz an der Küste von Feuerland zu leben«, dachte Jeremias Kugelkopf, »dann höre ich die Glocken ganz nah und brauche die Ohren nicht so weit aufzuklappen. Es kommt so leicht was hinein. Mit den Ohren muss man sehr vorsichtig sein.« Jeremias Kugelkopf klappte die Ohren sorgsam zu, bürstete den Schnurrbart mit der Flosse und schwamm an die Küste von Feuerland.

Illustration von Maria Landgraf

Illustration von Maria Landgraf

Das Abendrot legte sich über das Weltmeer. Es wurde kühl in den Wellen. Jeremias Kugelkopf störte das nicht. Er hatte eine Speckschicht. Seine Garderobe war so eingerichtet. Sie war seetüchtig in jeder Beziehung. Am Ufer tat Jeremias Kugelkopf einen gewaltigen Satz und schnellte sich hinauf. Dann rutschte er weiter und sah sich mit den großen Augen um, so wie jemand, der Wohnung sucht und gespannt ist, was er finden wird. Was Jeremias Kugelkopf fand, war sonderbar. Auf dem Ufer saßen Scharen von Pinguinen. Sie wedelten mit den Flügeln, die wie Talare auf weißen Vorhemden aussahen.

»Das sind sehr komische Vögel«, dachte Jeremias Kugelkopf, »solche Vögel habe ich noch nicht gesehn. Es sind auch so viele und sie sprechen alle durcheinander. Es ist so geräuschvoll. Ich glaube, es ist nichts für mich.« Die sonderbaren Vögel kakelten und verbeugten sich dabei unentwegt. Es sah sehr possierlich aus. »Es scheinen höfliche Leute zu sein«, dachte Jeremias Kugelkopf und rutschte näher. Ein Vogel watschelte auf ihn zu. Er war groß und dick, eine kegelförmige Figur.

»Sie wollen wohl unsere Eier besichtigen?«, fragte er verbindlich. »Wir legen sehr viele Eier. Viele Touristen aus dem Weltmeer kommen sie besichtigen. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Aber Sie dürfen sie nicht näher untersuchen. Das erlauben wir nicht.«

»Nein«, sagte Jeremias Kugelkopf kleinlaut, »die Eier, die Sie legen, wollte ich eigentlich nicht sehen. Ich wollte die Glocken von Feuerland läuten hören. Die Glocken läuten hier oben doch jeden Abend? Oder habe ich mich geirrt?« Der dicke Vogel zuckte pikiert mit den verkümmerten Flügeln. »Natürlich läuten die Glocken«, sagte er ärgerlich, »aber die Hauptsache sind doch die Eier, die wir legen!« Jeremias Kugelkopf verstand nicht gleich. Er war ein bisschen tranig.

Da läuteten die Glocken von Feuerland, und Jeremias Kugelkopf freute sich. In demselben Augenblick aber fuhren die sonderbaren Vögel aufeinander los. Sie verneigten sich nicht mehr. Sie wedelten wütend mit den Talaren, kreischten entsetzlich und zankten sich um die Eier. Man hörte das tiefe Weltmeer nicht mehr ans Ufer branden, und die Glocken von Feuerland erstickten im Geschrei.

Jeremias Kugelkopf klappte voller Schrecken die Ohren zu und sprang mit einem Satz ins tiefe Weltmeer zurück. Er ruderte ganz verstört mit den Flossen und schwamm weit, weit von der Küste fort.

Auf einer kleinen einsamen Insel ruhte er sich aus. Bis hierher drang das Geschrei der sonderbaren Vögel nicht mehr um die Eier, die sie gelegt hatten. Aber durch die klare, reine Luft trug der Wind die Glockentöne von Feuerland über das tiefe Weltmeer. Da war Jeremias Kugelkopf dankbar und froh und blieb immer auf seiner einsamen Insel. Jeden Abend hörte er die Glocken läuten. Dann war Jeremias Kugelkopf gerührt und weinte. Die Tränen fielen ins Weltmeer.

Speise der Seligen

22. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Die Walderdbeeren und die Erlösungsbotanik auf dem Cranachaltar

Jesu, meine Freude! Die letzte Strophe des Liedes nennt Jesus sogar den »Freudenmeister«. Freude ist in der Regel bewegt. Man hüpft vor Freude, tanzt einen Reigen, klatscht in die Hand. Nur auf dem Cranachaltar scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier herrscht der »Stillstand der Erlösung«. Bewegt ist nur der kleine Mensch Adam, der vor Teufel und Tod flüchtet. Bewegt züngeln die Höllenflammen um den Berg. Doch das Erlösungstableau ist unbewegt. Aber wo ist dann die Freude geblieben?

Johannes der Täufer, Lucas Cranach der Ältere und Martin Luther stehen nicht mehr auf dem Wüstenboden der Verdammnis im Bildhintergrund, sondern auf dem grünen Land der Erlösten. Die Blumen und Gewächse sind dabei nicht zufällig verteilt. Sie haben ihre theologische Bedeutung, wie auch die Walderdbeere vor Luthers rechtem Fuß. – Fotos: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer/Candy Welz

Johannes der Täufer, Lucas Cranach der Ältere und Martin Luther stehen nicht mehr auf dem Wüstenboden der Verdammnis im Bildhintergrund, sondern auf dem grünen Land der Erlösten. Die Blumen und Gewächse sind dabei nicht zufällig verteilt. Sie haben ihre theologische Bedeutung, wie auch die Walderdbeere vor Luthers rechtem Fuß. – Fotos: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer/Candy Welz

Sie steckt in den Walderdbeeren. Die kleinen süßen Früchte hängen schwer über dem rechten Fuß Luthers. Mancher wird sich erinnern, wie er als Kind die winzig kleinen, aber sehr süßen Früchte gepflückt und gleich in den Mund geschoben hat. So viele man auch gegessen hat, satt wird man davon nicht. Sind Walderdbeeren nicht ein Zeichen vergeblicher Lust?

Die Erfahrungen, die man mit bestimmten Früchten oder Blumen machen kann, stecken ja immer auch in den symbolischen Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben werden. Und so ist diese Süße ohne Sättigung der Punkt, der den Walderdbeeren ihre geistliche Bedeutung verleiht. Sie sind die Speise der Seligen, die der grob stofflichen Nahrungszufuhr nicht mehr bedürfen. Luther, der acht Jahre vor der Vollendung des Altarbildes starb, wird auf diese Weise zu den Seligen gerechnet.

Überhaupt steckt in der mittelalterlichen Tafelmalerei Freude in der Botanik und eben auch die Erlösungsfreude. Wo Erlösung ist, da breitet sich auf unserem Bild ein Rasenteppich aus, in dem viele kleine Blütenstauden wachsen. Keine von ihnen ist eine Fantasieblume. Alle sind botanisch und theologisch identifizierbar. Ein Stück der wirklichen Welt, und der Spuren Gottes in ihr.

Dass die Erdbeere die Speise der Seligen ist, ist nicht ihre einzige Botschaft. Aus ihren Eigenschaften ergibt sich noch mehr. Die Erdbeere blüht weiß. So ist sie ein Symbol der Unschuld. Das Blatt der Erdbeere ist dreigeteilt. So will sie auf die heilige Trinität verweisen. Und natürlich verweisen die roten Früchte auch auf Jesu Wunden.

Und auch das Gras selbst hat seine Bedeutung. Denn die Erlösten, Johannes, Cranach und Luther stehen nicht nur unter dem Kreuz, sondern auch auf einer Grasinsel. Wo der Auferstandene steht, treibt die Erde allerlei Gewächse ans Licht, sprosst das Gras hervor. Auch Tod und Teufel müssen ins Gras beißen.

Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister,
Jesus tritt herein. Denen, die Gott lieben,
muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn,
dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu meine Freude.

Johann Franck

Mose selbst hat das Gelobte Land nur sehen, aber nicht betreten dürfen. So erstreckt sich vor ihm und Aaron eine Grasinsel, sie selbst stehen aber auf Wüstenboden. Oder anders gesagt im rötlichen Staub, auf Hebräisch »Adamah«, aus dem der erste Mensch Adam einst geformt wurde.

Auch die Hirten, Tod und Teufel und die Schlangenszene in der Wüste spielen auf dem Erdboden, der aus Staub und Sand besteht. Sie warten erst auf das neue Leben, das sich regt, die Frühblüher der Erlösung. Die Welt begann in einem Garten und sie endet glücklich wieder dort. Die Zeitgenossen Luther und Cranach stehen erlöst auf Gras, auch wenn es an einigen Stellen etwas schütter wirkt. Unsere Füße zwischen Walderdbeeren und Adonisröschen. Eia, wär’n wir da!

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren.

Rettung in der Nacht

20. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Tschechien: Ein abenteuerlicher »Kirchenraub« wird jetzt zum Glücksfall für den Wiederaufbau in Peterswald


In den Wirren des Herbstes 1989 bringt Adolf Wagner Inventar der Kirche in Petrovice in Sicherheit. Jetzt kehrt es wieder zurück.

Schon oft war Adolf Wagner in die Nikolaikirche im tschechischen Petrovice (Peterswald) zurückgekehrt. Doch was er an diesem Tag im Herbst 1989 sah, raubte ihm fast den Verstand. »Kirchenbücher lagen zerrissen auf dem Boden und alles war verwüstet«, erinnert er sich. Am schlimmsten war das riesige Loch, das in der Kirche klaffte. Ein Jahr zuvor war das baufällige Dach in sich zusammengefallen. Nur über dem Altarraum hielt es noch einigermaßen.

Als Wagner das Chaos sieht, fasst er einen Entschluss. Er greift nach allem, was ihm gerade in die Hände kommt und nimmt es mit. »Das war eine plötzliche Entscheidung. Mir wäre nie im Traum eingefallen, Dinge aus einer Kirche mitzunehmen, erst recht aus meiner Taufkirche«, sagt Wagner. 1942 in Peterswald an der alten Passstraße zwischen Osterzgebirge und der Sächsisch-Böhmischen Schweiz geboren, gehörte seine Familie vier Jahre später zu den letzten, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Wagner, den alle nur kurz Adi nennen, kehrte regelmäßig zurück. 1969 das erste Mal und dann immer wieder. In die Kirche ging er jedes Mal und musste mit ansehen, wie sie mehr und mehr verfiel.

Im Herbst 1989 tat es Adolf Wagner nur noch leid um all das, was nun unter freiem Himmel dem Wetter ausgesetzt war: Zwei noch fast komplett erhaltene, den heiligen Josef und Maria geweihte Seitenaltäre, Plastiken und Fußbodenfliesen. Anderes, wie die Kirchenbänke, war bereits verschwunden. Als es dunkel wird, fährt er mit seinem Mercedes so nah wie möglich an die Kirche heran. War das Auto voll, fuhr er über die Grenze nach Sachsen, lud alles hinter einem Busch aus und fuhr wieder zurück. Insgesamt dreimal. »Die Grenzer schien das nicht zu wundern«, sagt er. Wie auch, in diesem Herbst passierten ganz andere Dinge zum Wundern.

Adolf Wagner zeigt einen Teil der wertvollen Bodenfliesen und andere Teile aus der Nikolauskirche in Petrovice (Peterswald). Er hatte sie auf abenteuerliche Weise im Herbst 1989 aus der maroden Kirche gerettet. Nun, da die Kirche saniert wird, kehren sie wieder zurück. Foto: Steffen Neumann

Adolf Wagner zeigt einen Teil der wertvollen Bodenfliesen und andere Teile aus der Nikolauskirche in Petrovice (Peterswald). Er hatte sie auf abenteuerliche Weise im Herbst 1989 aus der maroden Kirche gerettet. Nun, da die Kirche saniert wird, kehren sie wieder zurück. – Foto: Steffen Neumann

Auf diese Weise schaffte Wagner sage und schreibe 340 Kilogramm Einzelteile weg. Darunter waren schwere Tabernakel, aber auch eine stattliche Zahl von Bodenfliesen. Alles zusammen brachte er in sein Haus nach Berlin. Gleich am nächsten Wochenende wollte er noch einmal nach Petrovice. Er packte eine Leiter ein, um die Heiligenstatuen auf dem Hauptaltar zu erreichen.Doch als er ankam, erwartete ihn eine Überraschung. »Nicht nur alle Statuen waren weg, sondern auch die Seitenaltäre«, erzählt Wagner. Sie sind bis heute verschwunden.
Nicht aber die Dinge, die Wagner mitgenommen hat. In seiner Datsche in Buckow bei Berlin lagerte er alles ein. Die Holzteile behandelte er gegen Holzwurmbefall. Für die Fliesen wurde ihm mehrfach ein schönes Sümmchen Geld geboten, aber Wagner gab nichts her. Als ob er geahnt hat, dass sie noch einmal gebraucht werden.

In Petrovice gingen allerdings bis vor Kurzem noch alle davon aus, dass die Dinge wie so viele andere verschwunden sind. Ein Nachbar in Buckow sorgte dafür, dass sich das änderte. »Er ist Historiker und weiß viel über Petrovice.« Das hat Wagner angestachelt. Er fand die Webseite der aus der Heimat vertriebenen Peterswalder. Kaum war der Kontakt aufgebaut, ging alles schnell. »Für uns war das eine kleine Sensation«, ist Renate von Babka, die die Webseite der Heimatvertriebenen betreut, immer noch erfreut. Sie lud Adi Wagner zum alle zwei Jahre stattfindenden Heimattreffen nach Bad Gottleuba ein. Er kam, obwohl ihm nicht ganz wohl war. Hatte er doch streng genommen Kirchenraub begangen.

Doch diese Befürchtung erwies sich als unbegründet. Auch Bürgermeister Zdenek Kutina war positiv überrascht. Zumal die Gemeinde gerade begonnen hat, das Dach neu aufzubauen. »Wir haben lange erfolglos um Fördermittel gekämpft, jetzt machen wir es aus eigener Kraft«, sagt Kutina. »Das ist es uns wert. Zwar wohnen nur noch wenige Gläubige im Dorf, aber die Kirche ist trotzdem unser Mittelpunkt«, erklärt er. Bisher wurde schon die Turmuhr erneuert und ein automatisches Glockenspiel installiert. Im Presbyterium befindet sich ein kleines Heimatmuseum. Und die Bleiglasfenster wurden restauriert. Das neue, teils verglaste Dach wird bis Ende September fertig.

Wie es weitergeht, ist offen. Die Kirche wird aber sicher nicht nur Raum für Gottesdienste, sondern vor allem für Kulturveranstaltungen sein. »Aber das Dach ist die Voraussetzung für alles andere«, sagt Kutina. Sobald das gedeckt ist, können auch die von Adolf Wagner geretteten Fliesen wieder an ihren eigentlichen Platz zurückkehren. Einen Teil hat er schon mitgebracht und zum Heimattreffen gezeigt. Um den Rest, der immer noch in Buckow lagert, wird sich diesmal die Gemeinde Petrovice selbst kümmern.

Steffen Neumann

Der Glanz der Vergangenheit

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Merseburg war einst die bedeutendste Königspfalz im Osten des Kaiserreiches

Eine Stadt mit großer Tradition feiert: Vor 1 000 Jahren legte Bischof Thietmar den Grundstein für den Kaiserdom in Merseburg. Am 9. August wurde die Ausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom eröffnet.

Wer heute nach Merseburg kommt, ahnt wenig von der einstigen Bedeutung der Stadt für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im frühen 11. Jahrhundert. In der Chemieregion der DDR gelegen, fiel ein Großteil der Altstadt dem »sozialistischen Umbau« zum Opfer. Die Kirche spielte in der Bevölkerung kaum eine Rolle. Auch heute gehört der Kirchenkreis Merseburg zu denen mit sehr wenigen Christen, laut Statistik waren es 2013 gerade mal 11,5 Prozent evangelische Gemeindemitglieder.

Dabei gehört Merseburg zu den ältesten deutschen Städten, älter und einstmals bedeutender als das nahe gelegene Leipzig. Unter dem frommen König Heinrich II. aus dem Adelsgeschlecht der Ottonen und 1014 zum Kaiser gekrönt entwickelte sich die Stadt zur bedeutendsten Königspfalz im Osten des Reiches. Für vier Monate wollen die Vereinigten Domstifter, das Land Sachsen-Anhalt, die Stadt und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwas vom einstigen Glanz zeigen. Die Sonderausstellung »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg«, die am 9. August von Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh eröffnet wurde, soll die Bedeutung Merseburgs in der Geschichte der Königspfalzen wieder ins Licht rücken, erläuterte Kurator Markus Cottin, Leiter des Merseburger Domstiftarchivs, das Konzept. Im Mittelpunkt der Präsentation stehe deshalb vor allem die politische Bedeutung der einstigen Königspfalz. So seien wichtige politische Entscheidungen in der Pfalz getroffen worden. Unter anderem reiste 979 der Kalif von Cordoba zu diplomatischen Verhandlungen in die Saalestadt, eine wichtige Begegnung zwischen christlicher und islamischer Kultur.

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Das Ensemble Dom und Schloss in Merseburg beherbergt mit »1 000 Jahre Kaiserdom Merseburg« eine vor allem geschichtlich interessante Ausstellung. Fotos: Burkhard Dube

Heinrich II. betrieb 1004 die Neubildung des Bistums Merseburg, das 968 dem heiligen Laurentius geweiht und 981 wieder aufgelöst worden war. Mit der Neugründung waren umfangreiche Schenkungen verbunden. Am 18. Mai 1015 legte Bischof Thietmar von Merseburg schließlich den Grundstein zum Dom. Heinrich der II. soll insgesamt 29 Mal in Merseburg geweilt haben. Ein Grund war die gute Versorgung des Hofstaates. Die Bauern in der ländlichen Umgebung der Stadt mit ihren fruchtbaren Böden konnten eine Weile genügend Nahrung für das Herrschergefolge liefern.

Zu den wichtigsten Quellen dieser Zeit gehört die Chronik Thietmars von Merseburg, der dem hochverehrten Kaiser damit ein Denkmal setzte. Heute erinnert die König-Heinrich-Straße in Merseburg an den mittelalterlichen Herrscher. Heinrich wurde 1146 heiliggesprochen, seine Frau Kunigunde 1200. Die Gewänder des Paares, die Merseburg als Schenkung besaß, galten fortan als Reliquien. Thietmar machte sich auch Gedanken über die Herkunft des Städtenamens und führte ihn auf den römischen Gott Mars zurück. Thietmar gefiel der Gedanke, dass Cäsar zu Ehren des Gottes hier eine Burg gegründet hätte. Doch der Name Merseburg ist germanischen Ursprungs. Die Römer sind nie hier gewesen, aber germanische und slawische Stämme siedelten sich an.

Insgesamt erwarten die Besucher 130 Exponate, davon 90 Leihgaben, die mit interessanten Begebenheiten der Geschichte verbunden sind. Zu den besonderen Stücken gehören die Nachbildung der Krone Heinrichs – das Original ist in München – sowie das Adelheidkreuz. Es war das Reichskreuz Rudolfs von Rheinfelden (1025–1080), der sich im Zuge des Investiturstreits zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. zum König wählen ließ. Sein Grab im Merseburger Dom war einst mit Gold und Edelsteinen verziert. Und seine mumifizierte Hand, im Kampf abgetrennt, ist in einer Vitrine ausgestellt.

Die Grablege Sigismunds von Lindenau befindet sich im Chorraum. Er war der letzte katholische Bischof Merseburgs und hatte den Heinrichsaltar bei Lucas Cranach bestellt, der bis heute den Dom schmückt und von Luther vor der Vernichtung im Zuge der Bilderstürmerei gerettet worden sein soll.

Interessant sind zudem die Eindrücke, die durch Illusionspanoramen erzeugt werden. In der Vorhalle des Domes wird der Betrachter in die Zeit der Romanik geführt. Eine andere Kulisse gibt den Blick frei ins Kirchenschiff, der sonst von der Rückwand der Ladegastorgel verdeckt ist. Auch den Lettner haben die Aussteller wieder sichtbar gemacht.

Elf Räume erzählen von vergangenen Zeiten, von Prunk und Frömmigkeit, von Krieg und Machtkampf. Merseburg ist eine Reise wert.

Dietlind Steinhöfel

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag, 9 bis 18 Uhr
Gottesdienst sonntags und an kirchlichen Feiertagen von 10 bis 12 Uhr
Bitte beachten Sie Einschränkungen des Ausstellungsrundganges im Dom aufgrund von Gottesdiensten, Konzerten und Trauungen.

www.merseburg2015.de

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Wenn Kirchen aufblühen

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Zur Halbzeit der Bundesgartenschau ziehen die Kirchen eine positivere Bilanz als die Veranstalter

In der Brandenburger Johanniskirche blühen gerade die Fuchsien. Große Töpfe mit prämierten Züchtungen bestimmen das Bild des Gotteshauses in der Havelstadt. Wo einst die Brandenburger zum Gottesdienst gingen, prägen nun die Besucher der Bundesgartenschau das Bild: Das Selfie mit der Fuchsie ist in diesen Tagen ein gefragtes Souvenir.

Rund 750 000 Menschen haben die Bundesgartenschau in Brandenburg (Havel), Rathenow, Havelberg, Premnitz und Stölln bereits besucht. Zum ersten Mal wird die Blumenschau an fünf verschiedenen Orten entlang des gemächlich dahinströmenden Flusses ausgetragen – und zum ersten Mal werden zwei Kirchengebäude als Blumenhalle genutzt.

»Im Großen und Ganzen gefällt das den Besuchern«, sagt der Koordinator der Kirchenangebote auf der Gartenschau, Pfarrer Thomas Zastrow. Kritische Nachfragen, warum denn aus der Kirche eine Ausstellungshalle geworden sei, gebe es kaum. Nur im sachsen-anhaltischen Havelberg, wo die Stadtkirche St. Laurentius ebenfalls zur Blumenhalle wurde, habe es einmal Probleme gegeben, als im Rahmen einer japanischen Blumenschau ein Buddha in der Kirche aufgestellt wurde. Was auch aus Sicht der zuständigen Berlin-Brandenburgischen Landeskirche nicht möglich war. »Aber es wird immer einzelne Besucher geben, denen irgendetwas nicht gefällt«, sagt Zastrow.

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Im Unterschied zu den Veranstaltern der Bundesgartenschau, die mit den 750 000 bisher im Havelland angekommenen Besuchern hinter den Erwartungen zurückliegen, sind die Organisatoren der kirchlichen Programme auf der Gartenschau froh über den Stand der Dinge. Genaue Teilnehmerzahlen allerdings habe man nicht erhoben, sagt Zastrow. »Das ist schon vom Aufwand her für uns nicht möglich.« Doch an allen fünf Standorten der Gartenschau fänden regelmäßige Mittagsandachten statt, für die etwa in Premnitz oder Rathenow sogar eigene Kirchenpavillons auf dem Gelände errichtet wurden.

»Wir freuen uns auch darüber, dass die Veranstalter der Gartenschau an den Eingängen auf unsere Angebote hinweisen«, sagt Zastrow. Und es gebe auch immer wieder Reisegruppen, die ihren Buga-Besuch speziell auf die Angebote der Kirchen abstimmen würden, sodass die Besucher am Mittag tatsächlich an der Andacht teilnehmen könnten.

Doch von Katastrophen blieb auch die Buga im Havelland nicht verschont: Bei einem Unwetter im Juni wurde auf dem Gelände in Rathenow ein Besucher der Gartenschau von einem Ast erschlagen. Eine gute Woche lang war der dortige Park daraufhin für Gäste gesperrt. »Da ruhte auch bei uns alles«, sagt Zastrow. Eigene Gedenkveranstaltungen der Kirche habe es auf der Gartenschau anschließend trotzdem nicht gegeben. »Die Besucher der Gartenschau kommen ja oft aus der Ferne«, sagt Zastrow. »Viele von ihnen haben gar nicht mitbekommen, dass das Unglück geschehen ist.« Allerdings sei in mancher Kurzandacht unmittelbar nach dem Zwischenfall des Toten gedacht worden.

»Insgesamt jedenfalls sind wir mit der Resonanz auf unsere Angebote sehr zufrieden«, so der Koordinator. So werde der Dom von Havelberg mit seinem weit über das Land sichtbaren romanischen Westwerk an manchen Tagen von bis zu 1 000 Menschen besucht. Und auch der Brandenburger Dom, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über zahlreiche Gäste – zu denen auch schon Bundespräsident Joachim Gauck zählte. Er gratulierte dem Dom und der Domgemeinde im Juni bei einem Festgottesdienst zum Jubiläum.

Benjamin Lassiwe

Hinweise zum kirchlichen Buga-Programm finden sich im Internet. Zu den besonderen Höhepunkten der nächsten Wochen gehören etwa zwei Gottesdienste im Havelberger Dom mit Landesbischöfin Ilse Junkermann aus Magdeburg am 23. August sowie mit Margot Käßmann am 6. September. Beginn ist jeweils 10 Uhr.


www.kirche-buga-2015.de

Ein Land findet zur Normalität

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Vor vier Jahren tötete ein rechtsradikaler Terrorist 77 Menschen

Es war ein Schock für das als friedlich bekannte Norwegen: Ein rechtsgerichteter Fanatiker ließ in Oslo eine Autobombe detonieren, wenig später verübte er auf der Ferieninsel Utøya ein Massaker unter Jugendlichen. Auch vier Jahre später gibt es noch offene Wunden.

Gerade habe ich von meinem Flugzeugfenster aus die Insel Utøya gesehen. Die grüne Insel im Blau des Sees Tyrifjorden bietet ein friedliches Bild. Vor vier Jahren sah dies anders aus. Nach seinem Bombenschlag in Oslo am 22. Juli 2011 ermordete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik dort 69 Jugendliche während ihres jährlichen Sommertreffens der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten.

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Manches ist seitdem geschehen, anderes nicht. Ein geplantes Monument zur Erinnerung an den Terror, das in einer nahe gelegenen Bucht errichtet werden sollte, wurde bis heute nicht begonnen, da sich die Anwohner dagegen wehren. Es ist ihnen zu viel Verkehr und zu viel Aufmerksamkeit. Manche von ihnen haben damals selbst unter Einsatz ihres Lebens Überlebende gerettet und sind noch immer traumatisiert.

An die damals Getöteten wird allerdings trotzdem erinnert. In den Heimatorten der Opfer stehen Gedächtnisstelen. Auch auf Utøya selbst gibt es einen Ort des Gedenkens: Ein Stahlring wurde an der höchsten Stelle der Insel installiert. Er hat einen Durchmesser von vier Metern und trägt eingraviert die Namen aller Opfer.

Am 22. Juli waren die Gedenkfeierlichkeiten auf Utøya. Doch im August wollen die jungen Sozialdemokraten die Insel wieder in Besitz nehmen. Es wird ein Rekord von fast 1 000 Teilnehmern erwartet. Eskil Pedersen, der damalige Vorsitzende der Jugendpartei, wird dabei sein, auch wenn er sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen hat. Ebenfalls wird als Gast die ehemalige Ministerpräsidentin und WHO-Vorsitzende Gro Harlem Brundtland erwartet. Sie wollte der Terrorist auf Utøya eigentlich auch töten. Nur weil sie kurz vorher die Insel verlies, blieb sie unversehrt.

Breivik sitzt inzwischen als Hochsicherheitsgefangener im Gefängnis in Skien und klagt über seine Haftverhältnisse. Ein Fernstudium der Politikwissenschaften an der Universität Oslo wurde ihm genehmigt, auch wenn er es wohl nicht vollenden können wird. Für einige Prüfungen ist nämlich persönliches Erscheinen unabdingbar, und dies wird für den Massenmörder auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Doch es fehlt ihm auch so nicht an Grund zu klagen: Er hat nur minimalen Kontakt zu Mitgefangenen, und eine »rechte Gefängnisakademie« wird wohl nicht möglich sein. Auch seine unzähligen Briefe an verschiedene Medien, Organisationen und Privatpersonen werden entweder zensiert oder gänzlich zurückgehalten. Er fühle sich »lebendig begraben«, sagt Breivik.

Sein neuer Anwalt Øystein Storrvik hat deswegen in Breiviks Namen gegen das Gefängnis und den norwegischen Staat wegen »Verletzung der Menschenrechte« geklagt. Sein alter Verteidiger Geir Lippestad war dazu nicht bereit gewesen. Er wurde aus diesem Grund von Breivik entlassen. Wirklich undankbar war Lippestad dafür nicht, zumal er inzwischen als sozialdemokratischer Kandidat für das Amt des Bürgermeisters in Oslo bei den Kommunalwahlen im Herbst im Gespräch war.

Beim Jugendtreffen auf Utøya, das vor vier Jahren durch einen falschen Polizisten zum Massaker wurde, wird es diesmal echte Polizeikontrollen geben. Und die Polizei wird dabei im Gegensatz zu früher bewaffnet sein. Denn obwohl das norwegische Parlament erst im Juni erneut beschlossen hat, dass die Polizei des Landes auch in Zukunft grundsätzlich unbewaffnet sein soll, hat der Justizminister die Ausnahmegenehmigung zur allgemeinen Bewaffnung, die schon fast ein Jahr gilt, erst vor Kurzem bis zum 21. August verlängert. Sicherer fühlen sich die Menschen deswegen allerdings nicht. Sorgen machen ihnen weniger der Terror als beispielsweise Diebesbanden, die in der Ferienzeit generalstabsmäßig Winterräder aus unverschlossenen Garagen stehlen. Während früher fast alle norwegischen Häuser unverschlossen waren, schließt man heute meist hinter sich ab.

Wenn ich am 9. August von einem Jugendaustausch mit gehörlosen Jugendlichen in Deutschland zurückkehre, werde ich sicher am Flughafen in Oslo auf Jugendliche stoßen, die vom Treffen auf Utøya wieder nach Hause reisen. Ich werde mich freuen, denn wieder ist nach dem Schock vom 22. Juli 2011 ein Stück norwegische Normalität zurückgekehrt.

Michael Hoffmann

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Gehörlosenpfarrer in Norwegen.

Der Cranach unter dem Cranach

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Im Sommer 1512 kam der bis heute am selben Platz stehende Cranach-Altar nach Neustadt/Orla

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach d. J. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Am Montag, dem 14. Juni 1512, trafen von Wittenberg kommend, in Neustadt an der Orla drei Fuhrwerke mit einer kostbaren Fracht ein. Die Neustädter Bürger Nicolaus Clingenstein und Hans Dornberg hatten in Begleitung von zwei Knechten die »nawe taffeln« aus der Werkstatt von Lucas Cranach abgeholt. In einem weiteren Wagen saßen Matthes, der Bruder von Lucas Cranach d. Ä., ein Geselle und dessen Frau. Gut eine Woche später war das von den Neustädtern während einer Messe in Leipzig in Auftrag gegebene Werk vollbracht, der neue Altar wurde geweiht. In den Kirchenbüchern zu findende Rechnungen lassen nicht nur den Weg des Altars vom Auftrag bis zur Weihe durch den Bischof verfolgen, sondern auch die Kosten. So wurden zum Beispiel »105 alt Schock dem Maler Meister Lucas Bruder gegeben Als er die taffel gesatzt hat am Abend Johannis Baptiste.« Fünf Schock Fuhrlohn erhielt demnach Clingenstein, über neun Schock »hat vertzert Hans Dornberg mit 2 Knechten, mit 4 der stat pferden … mit den malern vff 6 person vnd 6 pferden«.

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Von den Sehenswürdigkeiten der ostthüringischen Kleinstadt sind drei auch mit mehrmaligen Aufenthalten Martin Luthers als Visitator des Augustiner-Konvents und als Prediger im thüringischen Umfeld des »Schwärmers« Karlstadt verbunden: das nur in Resten erhaltene ehemalige Augustinerkloster, das direkt am Markt stehende viergeschossige »Lutherhaus« und die Stadtkirche St. Johannis. In der Hallenkirche predigte Martin Luther während seiner Reise in das Gebiet der thüringischen Aufständischen im August 1524.

Absoluter Höhepunkt der Ausstattung des Gotteshauses ist der seit 500 Jahren an ein und derselben Stelle stehende Cranach-Altar. Die sich aufeinander beziehenden Teile zeigen Szenen aus der Bibel und aus mittelalterlichen Legenden. Das Werk hat eine Spannweite von fünf und eine Höhe von sieben Metern. Dank dem Eingreifen Martin Luthers ist der Altar vor der Zerstörung durch die Bilderstürmer bewahrt worden, mehrfach beschädigt wurde er jedoch im Dreißigjährigen Krieg. Erstmals restauriert wurde er in den Jahren 1948–51 in Weimar.

In den Jahren 2010 bis 2013 hat das in Erfurt lebende Wissenschaftler-Ehepaar Sabine und Rüdiger Maier den Altar mit dem sogenannten Bildwandlungsverfahren MIRR untersucht. Die Abkürzung MIRR steht für Macro-Infrarot-Reflektographie – ein seit den 1980er-Jahren bekanntes Verfahren der Bildwandlung. Eine spezielle Kameratechnik entdeckt dabei auf dem Bildträger eines Gemäldes Unterzeichnungen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Die Bildtafeln des Neustädter Cranach-Altars hat das Ehepaar Maier mittels Kamera in zirka 10 000 Fotos der Größe vier mal fünf Zentimeter »aufgelöst«, montiert und dann ausgewertet. Sichtbar wurde so – salopp gesagt – der Cranach unter dem Cranach. Die Untersuchung zeigte nicht nur die – vielfach vom Meister – mit graphischen Mitteln vorgegebene Bildkomposition auf dem Malgrund. Dank der sichtbar gewordenen Unterzeichnung wurden auch Abweichungen im weiteren Malprozess nachweisbar, die aus kunsthistorischer und restauratorischer Sicht von besonderem Interesse sind. Ablesbar wird, dass das Bild nicht »in einem Zug« entstand, sondern Resultat eines Arbeitsprozesses ist. Identifizierbar sind rezeptionsgeschichtliche Eingriffe, Bildveränderungen oder -korrekturen, die von der Anpassung an veränderte künstlerische Darstellungsformen der Renaissance zeugen.

Die Untersuchungsmethode ermöglichte zugleich neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise in der frühen Cranach-Werkstatt. Der schon zu Lebzeiten als »Schnellmaler« bezeichnete Lucas Cranach d. Ä. hat also mit Schablonen gearbeitet. Sabine Meier nennt derlei Vorlagen etwa für die später in den Bildern fixierte Haltung von Armen oder Beinen gern »Detailkartons«, die Italiener nutzen dafür das klangvolle »Cartocino« (kleine Kartons).

Heinz Stade

Der Geheimcode auf dem Vorhang

8. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: VDMIAE – ein versteckter Wahlspruch auf dem Cranach-Altar

»Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.« (Jesaja 40,8). Dieser biblische Spruch aus dem Jesajabuch ist auf unserem Altar versteckt. Das Detail, dem wir uns heute zuwenden, ist auf dem linken Seitenflügel des Reformationsaltars zu finden. Dort knien Johann Friedrich der Großmütige und die Frau des Fürsten Sybilla von Cleve. Vor ihnen eine aufgeschlagene Bibel und hinter ihnen ein reich verzierter Vorhang, der wie ein Baldachin über das Paar gespannt ist. Von einer Kordel gehalten hängt das reich gefältelte Endstück zwischen den Häuptern des Fürstenpaares. Kann sein, der Vers ist auf dem Vorhang teilweise ausgeschrieben. Wir sehen durch die Fältelung nur die ersten Buchstaben. Sie lauten VDMIAE und sie stehen für: Verbum Dei Manet In Aeternum. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

Johann Friedrich I. von Sachsen, auch »der Großmütige« genannt, trug von 1532 bis 1547 die Kurfürstenwürde. Als Führer des Schmalkaldischen Bundes wurde er in der Schlacht bei Torgau 1547 verwundet und gefangen genommen. Er verlor die Kurwürde und große Teile seiner Länderreien. – Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Johann Friedrich I. von Sachsen, auch »der Großmütige« genannt, trug von 1532 bis 1547 die Kurfürstenwürde. Als Führer des Schmalkaldischen Bundes wurde er in der Schlacht bei Torgau 1547 verwundet und gefangen genommen. Er verlor die Kurwürde und große Teile seiner Länderreien. – Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Der massige Körper des Fürsten, für damalige Verhältnisse Symbol seiner Mächtigkeit, seiner Schwere, seines unerschütterlichen Regententums, wirkt heute eher unbeweglich, kloßartig. Und so fällt uns gleich der erste Teil des Spruches wieder ein: Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Und so war es auch damals gemeint. Es ist eine Erinnerung an die Vergänglichkeit der Körper, zugleich aber auch eine Auferstehungshoffnung. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Und wir in ihm, wenn wir in ihm leben. Und dass der Fürst das tut, beweist die Bibel, in die er gerade noch hinein gesehen hat. Jetzt sieht er uns an.

»Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit«, ist sein Wahlspruch. Er steht auch auf seiner bronzenen Grabtafel in der gleichen Kirche. Und es kann auch als Motto seines Tuns, seines Lebenswerks, verstanden werden: Das Wort Gottes wieder aufzurichten unter den Menschen.

So hätte Luther das genannt, was wir Reformation nennen. Johann Friedrich war einer der Fürsten, die die reformatorische Bewegung unterstützten. Er geriet sogar in Kriegsgefangenschaft nach der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547. Und Kaiser Karl, der Sieger, hielt es für notwendig, ihn als gefangenen Fürsten mit sich zu nehmen, wohin er auch reiste und wo er auch Hof hielt. So hatten es die antiken Kaiser gemacht, die es sehr chic fanden, immer ein paar besiegte Stammesfürsten mitzuführen, als Teil ihres imperialen Auftretens. So zogen Johann Friedrich und sein Hofmaler Cranach mit dem Kaiser durch die Gegend. Die Maler des Kaisers porträtierten ihn als Nabal, einer der fiesesten biblischen Fürsten und Widersacher des Königs David.

Aber Peter Roddelstedt, ein Maler der auf Vorhänge spezialisiert war und vielleicht auch Cranach bei dem unsrigen geholfen hat, malte ihn als Daniel in der Löwengrube. Der Fürst betend wie hier auf dem Altar, die Löwen friedlich eingeschlafen. Ein Bild für jemanden, der überwältigt wurde und bestraft, aber dem die Strafe letztlich nicht schaden konnte.

Auf unserem Bild kniet Johann Friedrich unter einem imperialen Baldachin, der ebenso antiken Kaisern abgeschaut sein könnte. Aber er kniet, über ihm sein Wahlspruch: »Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.« Er hat alles dafür getan, dass das so bleibt. Und es lag auch mit in seiner Hand, dass die Reformation Wirklichkeit blieb.

Und dennoch heißt der vollständige Spruchnach der heutigen Lutherbibel: »Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.« Auch ein Fürst der Reformation steht schließlich vor dem Ende seiner Macht. Und das weiß dieser Mann auf dem Altar, der uns ansieht.

Was würde er sagen, wenn er gleich den Mund auftut? Seid Täter das Wortes, aber dabei vergesst nicht, was nicht in eurer Hand liegt!! »Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt. Nur das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich!«

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Bitte aus Griechenland: Gebt uns eine zweite Chance

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In einem offenen Brief wandte sich in den vergangenen Tagen Meletios Meletiadis, Pfarrer der Griechischen Evangelischen Kirche in der Hafenstadt Volos, an die Gemeinden in Deutschland. Neben dem Dank für die bisher erwiesene Solidarität schreibt er zur Situation im Land: »Wie Sie wissen, ist Griechenland in den letzten fünf Jahren durch eine schwierige Zeit gegangen, aufgrund der riesigen Schulden, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind und die zu Sparmaßnahmen führten. Zurzeit, seitdem die Banken über einer Woche geschlossen sind, wird das Wirtschaftsleben immer schwieriger. Wir können unser Geld nicht von der Bank abheben, es sei denn man wartet in der Schlange eine halbe Stunde bis zu zwei Stunden um 50 Euro pro Tag zu erhalten.«

Meletios Meletiadis ist Pfarrer und Präsident der Griechischen Evangelischen Kirche.

Meletios Meletiadis ist Pfarrer und Präsident der Griechischen Evangelischen Kirche.

Der Mangel an Bargeld behindere nicht nur die Hilfe vonseiten der zuständigen Ministerien für die zahlreichen ins Land strömenden Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Auch die Unterstützung, auf die immer mehr Griechinnen und Griechen selbst angewiesen sind, werde immer schwieriger. »Weitere diakonische Dienste werden wohl eingestellt werden, so auch unsere, da wir keinen Zugang zu Geldern haben. Bereits in den vergangenen Jahren bekamen wir die wirtschaftlichen Einschränkungen zu spüren, da immer mehr von unseren Mitgliedern wegen ihrer Arbeitslosigkeit Griechenland verlassen haben, und das bedeutet auch immer weniger Einnahmen für die Gemeinde«, fährt Pfarrer Meletiadis im Blick auf die nur rund 5 000 Mitglieder umfassende Partnerkirche des Gustav-Adolf-Werkes fort. Auch die pensionierten Pfarrer, die eine Rente in Höhe von bis zu 240 Euro beziehen, könnten selbst diese geringen Beträge nur noch in Raten zu je 120 Euro ausgezahlt bekommen. »Wenn die Situation andauert und Unternehmen zusammenbrechen und die Arbeitslosigkeit drastisch steigen wird, haben wir Befürchtungen, dass Unruhen ausbrechen werden, da die Menschen nicht mehr in der Lage sein werden, ihr Geld zu erhalten«, schreibt Meletiadis weiter. Befürchtet werde zudem eine Nahrungsmittelknappheit sowie ein Engpass bei Medikamenten, da diese weithin importiert würden. Niemand wisse zudem, wie die Regierung im Ernstfall mit einem solchen Szenario umgehen werde.

An die Christen in Deutschland wendet sich der Sprecher seiner Kirche deshalb mit den folgenden Bitten: »Beten Sie, dass Gott Erbarmen mit Griechenland hat, und für Frieden und die Weisheit zu regieren. Dass die Situation nicht außer Kontrolle gerät, unabhängig von den Verhandlungsergebnissen in Brüssel.

Reden Sie mit Europa, damit Griechenland nicht im Stich gelassen wird. Unser Gott ist der Gott der zweiten Chance. Und wir alle benötigen, an dem ein oder anderen Punkt eine zweite Chance.

Beten Sie, dass wir als Kirche in der Lage sind, die verschiedenen diakonischen Dienste, an denen wir beteiligt sind, fortzusetzen.

Beten Sie für die Pfarrer. Wir müssen Vertreter der Stabilität, der Ermutigung, des Glaubens, der Hoffnung und der Vergebung sowohl innerhalb der Kirche als auch in der Gesellschaft sein, und das alles in einer fürchterlichen Krise.«

(GKZ)

Revolutionäre Botschaft

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Diözesanmuseum Paderborn präsentiert die Geschichte der Nächstenliebe

Im antiken Rom sorgte die selbstlose Hilfe für Arme und Kranke zunächst für Argwohn. Bis heute inspiriert die »Erfindung« der frühen Christen die Kunst. In einer ersten umfassenden Gesamtschau wird die Geschichte der Nächstenliebe spannend erzählt.

Das weiße Kleid ist am Boden versengt, der Blick der Frau ruht auf einem der beiden schwarzen Babys an ihrer Brust. In ihrer lebensgroßen Foto-Kunst inszeniert sich die New Yorker Künstlerin Vanessa Beecroft als weiße Madonna. Das angekohlte Kleid verweist auf die zahlreichen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Museumsdirektor Christoph Stiegemann zeigt das Werk, wie prägend die Botschaft der tätigen Nächstenliebe bis heute ist. Unter dem Titel »Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart« bietet das Diözesanmuseum in Paderborn einen Streifzug durch die Geschichte der Nächstenliebe und ihrer künstlerischen Darstellung.

Am Anfang der bis zum 13. Dezember laufenden Ausstellung steht der berühmte Brief des Apostels Paulus über das allumfassende Gebot der Liebe (1. Korinther 13,13). »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei«, heißt es in dem Schriftstück aus dem zweiten Jahrhundert, »aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Der Papyrus aus der Dubliner Chester Beatty Library sei wohl das spektakulärste Stück der Schau, erklärt Stiegemann. Er ist eines der frühesten Original-Dokumente der christlichen Nächstenliebe.

Mitleid galt im alten Rom als Schwäche

Die von Christen gelehrte Zuwendung zu armen und kranken Menschen sei in der Antike etwas revolutionär Neues gewesen, sagt Stiegemann. Bis dahin galt in der römischen und griechischen Welt der strahlende Held als Ideal, Mitleid war etwas für Schwächlinge. Für die Christen sind alle Menschen Kinder Gottes. Was man dem Geringsten tut, tut man gegenüber Gott, erklären sie. Dass sich das Christentum rasch weltweit ausbreitete, liegt nach Stiegemanns Überzeugung auch daran, dass das Christentum die Nächstenliebe praktisch umsetzte.

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Nach den Ursprüngen der Caritas – der lateinische Begriff für Nächstenliebe bei den frühen Christen – folgt die Schau den Spuren ihrer Institutionalisierung in den Herrschaftsgebieten mittelalterlicher Könige und Bischöfe. Beleuchtet werden die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Pest, Krieg und Hungersnöten. Suppenschüsseln für Armenspeisungen illustrieren die städtische oder frühstaatliche Fürsorge, die an die Stelle von Almosenverteilung rückte. Zu den Exponaten gehören daneben unter anderem antike Sarkophage oder mittelalterliche Buchmalerei und Schatzkunst.

Wie die Idee der Nächstenliebe die Kunst beflügelt hat, zeigen frühe Darstellungen des Gleichnisses des barmherzigen Samariters in Altarbildern aus dem 11. Jahrhundert und Darstellungen der Caritas bei Lucas Cranach dem Älteren, Eugène Delacroix sowie Max Liebermann bis hin zu Videoarbeiten von Bill Viola. Der italienische Maler Raffael porträtiert im Jahr 1507 die Caritas als eine ihre Kinder umsorgende Mutter. Die Darstellung der Kardinaltugenden in dem Altarbild gehört zu den seltenen Originalexponaten. Leihgeber der rund 200 Ausstellungsstücke sind unter anderem der Vatikan, der Pariser Louvre oder das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Schau soll aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählen. Dargestellt werden auch die Schattenseiten: Der Erste Weltkrieg etwa, in dem Franziskanerinnen aus Salzkotten das Leiden an der Front durch Lazarettdienste zu mildern versuchten. Oder die sogenannte Euthanasie, als die Nationalsozialisten behinderte und kranke Menschen zur Tötung aussonderten. Dadurch wurden auch Heil- und Pflegeanstalten zu Tötungsanstalten, erklärt Stiegemann. Besucher können Briefe von Nonnen lesen, die das Grauen dieser Erfahrungen ihrem Bischof schildern.

Eine Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger

Am Ende der Ausstellung verweisen Infotafeln auf tätige Nächstenliebe, wie sie heute von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden der Diakonie und der Caritas oder Organisationen wie Amnesty International oder der Welthungerhilfe geleistet werden.

Die Schau wolle nicht mit erhobenem Zeigefinger die richtige Moral verkünden, erklärt Stiegemann. Sie könne anregen, sensibel zu sein gegenüber Flüchtlingen, der Ausbeutung von Entwicklungsländern oder der steigenden Müllproduktion in der heutigen Wegwerfgesellschaft. »Wenn wir dazu motivieren, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht.«

Holger Spierig (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

www.caritas-ausstellung.de

Der Blutstrahl der Gnade

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche (2)

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul stammt nach neusten Forschungen von Lucas Cranach dem Jüngeren. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmen wir uns dem Meisterwerk und seinen Glaubensaussagen.

Einmal führte ich zwei japanische Aikido-Meister durch die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie viele Besucher blieben sie staunend vor dem Cranach-Altar stehen. Ich ließ ihnen Zeit. Dann sagte der ältere, würdigere von ihnen: »Wie der ideale Schwertschlag!« Er meinte den Blutstrahl im Zentrum des Bildes. Wir nennen ihn den Blutstrahl der Gnade.

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

In einem perfekten 90 Grad Winkel verlässt er die Seitenwunde Christi. So saust offenbar ein Aikido-Schwert nieder, wenn es meisterlich geführt wird. So fließt Blut nicht, und so verläuft kein Blutstrahl. Offenbar hat der Maler nicht nach der Natur gemalt. Dieser Blutstrahl hat eine symbolische Bedeutung.

Es gibt Kreuzigungsdarstellungen besonders im Spätmittelalter, da ist der Leib Christi Blut überströmt. Das extreme Leiden Christi spiegelt das extreme Leiden der Christen dieser Zeit. Das ist bei Cranachs Bild nicht der Fall.

Der Körper wirkt nicht gemartert. Die Haut ist glatt. Selbst die Nagelwunden erzeugen nur einen spärlichen Blutstrom. Das fällt dem auf, der vergleichbare Darstellungen gesehen hat, die die Heilswirkung des Blutes zum Thema machen. Oft schweben kleine Engel unter den Wunden und fangen ganze Blutströme von Händen und Füßen mit Kelchen auf. Es sind die Sakramentsgefäße der Kirche, die darin das von Christus erworbene Heil an uns weitergeben. Manchmal fängt auch die Kirche selbst das Blut auf. Sie ist dann als allegorische Gestalt abgebildet, als Frau Kirche, lateinisch »Ecclesia«. Manchmal nimmt auch ein Brunnen diese Mittelstellung ein. Christi Blut füllt ihn, und die Kirche schöpft daraus.

Bei Cranach trifft der Blutstrahl direkt. Deshalb heißt das Bild auch Reformationsaltar. Gnade ist nicht vermittelbar. Das ist eine der zentralen Botschaften Luthers. Niemand besitzt die Gnade und gibt sie an uns weiter. Jeder steht direkt vor Gott. Der Blutstrahl trifft direkt.
Schauen wir in die Bibel, die Martin Luther auf der rechten Bildseite aufgeschlagen uns entgegenhält. Bei einiger Vergrößerung könnten wir es klar lesen: »Das Blut Jesu Christi reinigt uns von allen Sünden« (1. Johannes 1,7) Und ebenso einen zweiten Spruch: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.« (Hebräer 4,16) Cranach ist aufs Kreuz zugetreten und der Blutstrahl zeigt, dass er Gnade gefunden hat.

Und sofort flieht eine Schlange, könnte man meinen. Genau dort, wo das Ende des Blutstrahls sein Haupt berührt, scheint sie sich davonzumachen. Sie gehört eigentlich zur Szene in der Wüste. Aber wenn wir Cranachs Kopf näher betrachten, ist es fast unmöglich, sie nicht mit hinzuzunehmen. Schlange und Kopf bilden eine Sinneinheit

Die geflügelte Schlange ist auch Cranachs Wappen, das ihm einst Kurfürst Friedrich der Weise verlieh. Er hat es mit Stolz verwendet und signierte jedes Bild damit. Die Schlange hatte ursprünglich aufgestellte Flügel. Er legte sie nach dem Tod seines Sohnes Hans in Bologna (1537) nieder. Er gebrauchte von da an die Schlange mit liegenden Flügeln.

Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, hat Luther festgestellt. Und auch diese Wahrheit ist zu Häupten des Malers im Reformationsaltar festgehalten. Er schaut uns an. Erlöst und doch der alte geblieben. Die Schlange flieht und ist doch sein Zeichen, an dem er wiedererkannt wird. Seine Sünde ist offenbar eng mit ihm verknüpft. Darin ist er uns ähnlich.

Frank Hiddemann

Der Autor ist Pfarrer in Gera und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland