Land im Ausverkauf

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Tansania: Die Regierung setzt in der Landwirtschaft auf Wachstum in großem Stil und industrielle Landwirtschaft

Erdnüsse so weit man sieht: Tansania will Investoren riesige Ackerflächen überlassen. Durch industrielle Formen der Landwirtschaft soll der Hunger bekämpft werden. Ein Plan mit Schattenseiten.

Aus dem ganzen Dorf haben die Frauen Plastikstühle und Bänke herangeschafft. Eine Riege alter Männer hockt auf einem Brett, das über zwei Steinen liegt. Hundert Leute haben sich um Christian Mapunda versammelt. Der Ortsvorsteher von Lutukira trägt ein grünes Hemd und sitzt an einem Tisch im Schatten eines hohen Baumes. Das Treffen ist den Leuten wichtig, denn es geht um die Zukunft ihres Dorfes im ostafrikanischen Tansania – es geht um alte Versprechen und die Hoffnung auf einen Aufschwung.

Vor vier Jahren hat der britische Konzern Montara Continental 20 000 Hektar Land in der Gegend übernommen, um Erdnüsse anzubauen. Das Dorf im Süden Tansanias sollte im Gegenzug einen Traktor mit 75 PS bekommen. Eine Schule sollte gebaut und Kinder sollten mit Büchern versorgt werden. Bisher ist nichts davon zu sehen. Vor Ortsvorsteher Mapunda liegt nur der Vertrag, den er mit Montara unterzeichnet hat.

Fruchtbares Land: Quer durch Tansania entsteht derzeit ein Wachstumskorridor – doch die Bewohner des Landes werden zunehmend kritisch. Fotos: Pixeltheater/Fotolia, Aquir/Fotolia, Montage: GKZ

Fruchtbares Land: Quer durch Tansania entsteht derzeit ein Wachstumskorridor – doch die Bewohner des Landes werden zunehmend kritisch. Fotos: Pixeltheater/Fotolia, Aquir/Fotolia, Montage: GKZ

Die Stimmung in der Dorfversammlung ist angespannt. In Lutukira, aber auch in anderen Orten Tansanias, sind die Leute kritisch geworden, wenn es um das Thema Landwirtschaft geht. Denn langsam zeichnen sich die Folgen eines Großprojekts ab: Seit 2011 entsteht ein Wachstumskorridor mit Plantagen für industrielle Landwirtschaft. Das Gebiet erstreckt sich von der Hafenstadt Daressalam im Osten bis zur Grenze an Sambia im Westen des Landes. Insgesamt sind es 287 000 Quadratkilometer – eine Fläche so groß wie Italien.

In diesem Gebiet legen Konzerne Plantagen an, um mit industrieller Landwirtschaft die Lebensmittelproduktion zu steigern. Ziel ist, den Hunger zu bekämpfen. Eine Studie des katholischen Hilfswerks Misereor kommt allerdings zu dem Schluss, dass genau das Gegenteil erreicht wird: Die Investition aus dem Ausland führe dazu, dass die einheimischen Familien von ihrem Land vertrieben werden und Einkommen verlieren.

Denn, so die Erfahrung: Nach dem Verkauf ihrer Grundstücke ist das Geld schnell verbraucht und viele Landwirte enden als Tagelöhner auf den Farmen der Großkonzerne. »Weil die Lohnarbeit schlecht bezahlt ist und den Familien jetzt das Land fehlt, um selbst etwas anzubauen, rutschen sie in die Armut«, erklärt Sabine Dorlöchter-Sulser. Sie ist die Expertin für ländliche Entwicklung bei Misereor. So könnte die Steigerung der Produktion dazu führen, dass ausgerechnet Kleinbauern hungerten. Hinzu komme, dass die Dorfbewohner oft nicht ausreichend informiert und Versprechen nicht gehalten würden, sagt Dorlöchter-Sulser.

In Lutukira, dem Dorf im tansanischen Hochland, zieht Ortsvorsteher Mapunda den Vertrag aus seiner Mappe. Darin sind die Versprechen aufgelistet mit der vagen Klausel, das Dorf müsse einen Eigenbeitrag leisten. 200 000 Lehmsteine hätten die Bewohner schon gebrannt, erzählt Mapunda. Doch der Bau der versprochenen Schule scheint ungewiss.

Misereor hat für die Studie Dorfbewohner in vier Orten befragt. Die Ergebnisse bergen Brisanz, weil das Konzept des Wachstumskorridors auf andere Länder in Afrika übertragen werden könnte. Die G-7-Staaten, darunter auch Deutschland, unterstützen das Projekt. Mehr als 80 Investoren, Organisationen und die tansanische Regierung haben sich dafür unter dem Kürzel SAGCOT zusammengeschlossen und eine öffentlich-private Partnerschaft geschaffen.

SAGCOT-Geschäftsführer Geoffrey Kirenga erklärt, die Mitglieder der Initiative müssten sich auf höchste Standards verpflichten: »Die Investitionen in die Landwirtschaft müssen der Ernährungssicherung dienen, sie müssen die Leute einbeziehen und nachhaltig sein.« Kirenga erklärt, dass Investoren mit den Erträgen zuerst lokale Märkte bedienen müssten und nur Überschüsse exportieren dürften. Wer gegen diese Standards verstoße, könne von SAGCOT ausgeschlossen werden.

Der Konzern Montara, der bei Lutukira Erdnüsse anbaut, gehört der Initiative nicht an, deshalb greifen auch die Kontrollmechanismen nicht. Neben den Gesamt-Investitionen der privaten Firmen von insgesamt 2,1 Milliarden US-Dollar will der tansanische Staat 1,3 Milliarden Dollar bereitstellen. Damit sollen bis 2030 zum Beispiel neue Straßen in der Korridor-Region finanziert werden.

Nach der Versammlung führen Bewohner Lutukiras ihre Besucher zu einem Feld außerhalb des Dorfs. Aus dem trockenen Gras ragen meterhoch in langen Reihen die Stapel gebrannter Ziegelsteine, die für die Schule gedacht waren: Wie eine stumme Mahnung für ein gebrochenes Versprechen.

Benjamin Dürr (epd)

Cranach zum Mitmachen

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Pop Up Cranach – die junge Landesausstellung

Dunkle Räume, schummriges Licht, ein Lichtspot auf hunderte Jahre alten Gemälden. Die Präsentation der Landesausstellung über Lucas Cranach den Jüngeren ist so eindrucksvoll, dass man sich fast andächtig durch die ersten beiden Geschosse des Augusteums in der Lutherstadt Wittenberg bewegen möchte.

Ganz anders im Obergeschoss, wo die Besucher den alten Meistern ein Stockwerk tiefer sozusagen auf dem Kopf herum tanzen können. Pop-Up-Cranach, der Ausstellungsteil für Kinder und Jugendliche, ist Cranach zum Mitmachen. Der Name sei angelehnt an Pop-Up-Bücher (Aufklapp-Bilderbücher), erklärt Stephan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten: »Die Besucher sind mitten im Gemälde. Sie schauen es nicht nur an, sie erlaufen und erleben das Bild.«

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

In der Ausstellung »Pop up Cranach« kann jeder mit einer Schablone sein eigenes Luther-Porträt zeichnen. Foto: Alice – Museum für Kinder

Mitten in so einem Bild befinden sich die Besucher zum Beispiel im »Rätselzimmer des Hieronymus«, einer von insgesamt acht Stationen der Ausstellung »Pop Up Cranach«. Das Original-Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren zeigt Kardinal Albrecht von Brandenburg als Heiligen Hieronymus am Schreibtisch, umgeben von diversen Gegenstände und Tieren. Das Pop-Up-Rätselzimmer ist eine dreidimensionale und überlebensgroße Darstellung des Bildes. Die Besucher können sich wie auf einer Bühne bewegen und Gegenstände oder Tiere frei im Bild arrangieren oder nach Vorlage an die richtige Stelle positionieren. Kurze Texte erklären dabei die Symbolik der einzelnen Details.

Die junge Landesausstellung wurde entwickelt vom Berliner »Alice-Museum für Kinder« und war bis zum 12. April mit großem Erfolg in Berlin zu sehen. »Pop Up Cranach ist zwar eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche«, sagt Claudia Lorenz, die Leiterin des Alice-Museums, »aber auch Erwachsene können in der Ausstellung Interessantes über die Cranachs entdecken.« Bei ihrer Entdeckungsreise in die Cranach-Welt schlüpfen die Besucher in die Rolle von Kunstdetektiven. Ein Stadtplan dient zur Orientierung durch die acht Stationen von Wittenberg-City zu Cranachs Zeiten. Groß und Klein erfahren eine Menge über das Leben der Cranachs, über Martin Luther und auch über ganz moderne Aspekte aus der Kunstforschung.

Die Station »Zum Palast« greift das Wirken der Cranachs als Hofmaler der Kurfürsten auf. Kinder können in farbenprächtige Kostüme schlüpfen, um dem Tanzmeister auf der Leinwand zu folgen und die Tänze des 16. Jahrhunderts mitzutanzen.

In Berlin waren sogar die Kleinsten für den alten Meister zu begeistern. So war der KiTa-Freitag für Kindertagesstätten über Monate ausgebucht. Das museumspädagogische Angebot zur jungen Landesausstellung »Pop Up Cranach« in Wittenberg ist gedacht für Schülerinnen und Schüler der 1. bis 12. Klasse, aber auch für jüngere Kinder gibt es besondere Mitmachangebote.

Thorsten Keßler

E-Mail: service@cranach2015.de

Die Choreografie der Blicke

28. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmet sich Frank Hiddemann dem cranachschen Altarbild und seinen Glaubensaussagen.

Drei Männer stehen rechts unter dem Kreuz. Und meist geschieht es zufällig. Wir realisieren, dass eine der Personen uns direkt anblickt. Der Maler, auf dessen Haupt der Blutstrahl landet, fixiert uns mit seinem Blick: »Wo willst du hinschauen?«, scheint uns Lukas Cranach der Ältere zu fragen. Neben ihm steht Johannes der Täufer. Der blickt vom Kreuz weg zu seinen Zeitgenossen. Er weist mit Fingergesten auf den gehenkten Christus, mit der anderen Hand auf das Lamm. Auf diese Weise zeigt er: »Er ist das Lamm, von dem euch der Prophet Jesaja sagt!«

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, hier im Bild der Mittelteil, galt lange als Meisterwerk des alten Cranach. Doch nach neuesten Forschungen ist es das genuine Werk von Lucas Cranach dem Jüngeren, der zu Unrecht lange im Schatten seines Vaters stand. Das Werk wurde im vergangenen Jahr restauriert. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Links neben Cranach steht Martin Luther. Breitbeinig signalisiert er: »Hier stehe ich und kann nicht anders!« Ein offenes Buch hält er so, dass wir Betrachter es lesen können. Es sind biblische Verse, die er selbst aus dem Griechischen übersetzt hat. Sein Blick ist gedankenverloren. In der Art eines Visionärs schaut er unbestimmt in die Ferne. Dazwischen Cranach. Er schaut uns an, die Betrachter. Ein Blick über fast fünfhundert Jahre hinweg. Das ist einmalig in der mittelalterlichen Malerei. Wie kommt er dazu? Schauen wir genauer hin und sortieren wir die Füße der drei Herren rechts unter dem Kreuz. Luthers Füße stehen breit auseinander. So steht jemand, der nicht so leicht aus dem Lot zu bringen ist. Johannes der Täufer steht – frontal zu uns – fast ebenso selbstbewusst. Seine Füße sind nicht so leicht zu finden, weil er als der historisch Älteste am meisten im Hintergrund steht.

Aber sobald wir die Spitzen seiner Zehen gefunden haben – sie sind rechts neben Luthers linkem Fuß zu entdecken – sehen wir auch, wie Cranach steht. Seine Füße befinden sich in Schrittstellung. Er hat gerade noch mit dem Gesicht zum Kreuz gestanden. Vielleicht ist er einen Schritt auf das Kreuz zugegangen und hat hochgesehen.

So wie die Kinder Israels in der Wüste, die im Hintergrund zu sehen sind, schaut er in die Höhe. Und wie die Kinder Israels gesund wurden, als sie zur Schlange hinaufsahen, so wird Cranach erlöst. Der Blutstrahl der Gnade, der auf seinem Kopf endet, zeigt es augenfällig. Und nun verklärt sich Cranachs Blick eben nicht. Er blickt nicht nach innen, um seiner Erlösung nachzuspüren, so wie man etwas genießt, dass man lange begehrt hat. Er blickt nach außen. Er dreht sich in der Hüfte, wendet uns den Oberkörper zu und fragt stumm: »Wohin wollt ihr blicken?« Sein Körper ist noch zum Kreuz gerichtet, sein Gesicht wendet sich uns zu.

Wenn wir uns bewusst machen, was sonst auf der Mitteltafel eines Triptychons geschieht, wird dieser Blick noch verblüffender. Der Blick auf die Mitte eines Flügelaltars sollte uns zeigen, worauf wir uns verlassen können. Das Heil, das durch Christus für uns erwirkt wurde. Es geschah ohne uns, aber für uns. Manchmal durften die Stifter des Altars bei der Kreuzigung zuschauen. Etwas abseits standen sie und freuten sich über ihren Platz in der ersten Reihe. Aber keiner von ihnen würde je aus dem Bild herausblicken, denn sie hatten für ihre privilegierte Position bezahlt.

Cranach nimmt sich nicht einmal die Zeit, sich zu uns umzuwenden. Die Bewegung in der Hüfte reicht. Die betenden Hände sind noch auf dem Weg, seine Augen haben uns bereits gefunden. Das ist der protestantische Blick der Erlösung. »Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!«, sagte Jesus einmal.

Und wenn wir zurücksehen, animiert von diesem Blick, sehen wir noch eine weitere Figur, die uns ansieht, den auferstandenen Christus. Sein rotes Gewand weht, eine durchsichtige Lanze hält er beinahe spielerisch in den Händen. Seine Füße stehen auf den beiden Wesen, die im Hintergrund den alten Adam verfolgten: Tod und Teufel. Sie sind besiegt. Wir sind bewegt. Durch Blicke.

Fehlt ein Aufschrei?

27. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturwandel: Früher waren Rüstzeitheime Selbstläufer – heute müssen sie um ihre Existenz kämpfen

So manches christliche Gästehaus wurde in den vergangenen Jahren geschlossen. Darunter selbst renommierte Einrichtungen. Wo liegen die Ursachen? Der Versuch einer Umschau.

Es war ein richtiger kleiner Bauboom, der da in den letzten drei Jahrzehnten der DDR ausbrach. Hin und her im Lande wurden ungenutzte Pfarrhäuser oder Pfarrscheunen zu Begegnungsstätten und Übernachtungsherbergen ausgebaut. In ihnen traf man sich nicht wie heute zu Freizeiten, denn über die organisierte Freizeitgestaltung beanspruchten Staat, Schule und gesellschaftliche Gruppen die Hoheit. Christen trafen sich zur Zurüstung im Glauben, zu »Rüstzeiten«. Besonders für Jugendgruppen war der Bedarf enorm.

Ob Großhettstedt bei Stadtilm, Bad Berka, Großbreitenbach, Gotha-Siebleben oder Zethlingen in der Altmark: In beachtlicher Eigenleistung – und oft mit Hilfe der Patengemeinden im »Westen« – entstanden Schlafräume, eine kleine Küche, ein Gruppenraum. Der Standard war zumeist bescheiden. Getrennte Waschräume mit Waschbecken, vielleicht sogar mit einem Gasdurchlauferhitzer für warmes Wasser, waren schon schierer Luxus. Eine Tischtennisplatte und zwei feste Pfosten im Pfarrgarten, an denen der Jugendwart das selbst mitgebrachte Volleyballnetz spannen konnte, markierten gehobene Ausstattung. Betten und Bettzeug stammten oft von »Dachbodenspenden«. Wachte man nachts auf, hatten sich die Bettfedern links und rechts zu einem festen Wall verklumpt, während man oben in der Mitte fror …

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Ein Symbol: Nicht nur viele der in DDR-Zeiten errichteten Rüstzeitheime in ehemaligen Pfarrhäusern und Pfarrscheunen sind verschwunden, auch so manches traditionelle Gäste- und Tagungshaus von Landeskirchen und Verbänden ist inzwischen geschlossen oder steht auf der Kippe. Foto: Marco2811 – Fotolia.com

Freilich gab es auch bessere Häuser. Die Wartezeiten betrugen dann aber, besonders in den Ferienzeiten oder zu Ostern, Pfingsten und Silvester oft Jahre. Und für eine Rüstzeit einen Termin in einem Haus mitten auf der Insel Rügen zu bekommen, war trotz kilometerweiter Wege bis zum Strand wie ein Fünfer im Lotto.

Dennoch – für Tausende Jugendliche wurden die Tage in den Rüstzeitheimen zu prägenden Erlebnissen, zu Zeiten der Glaubensstärkung, zur bescheidenen Freiheitserfahrung im gegängelten Lebensrhythmus. »Noch heute kommen manchmal Leute vorbei und berichten begeistert davon, dass sie in unserer ausgebauten Pfarrscheune bei Rüstzeiten dabei waren, berichtet etwa Pfarrer Ulrich Matthias Spengler aus Bad Berka.

Das dortige Haus wurde, wie viele andere, schon bald nach der Wende geschlossen. Zu hoch wären die Investitionskosten für eine zeitgemäße Sanitäranlage oder für eine energetische Sanierung, für die Erfüllung von Hygieneauflagen gewesen.

Doch das Sterben der inzwischen in Freizeit- und Tagungshäuser »umgelabelten« Etablissements geht weiter. Auch bekannte Häuser innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mussten in den vergangenen Jahren schließen. Erinnert sei an den Lutherpark in Erfurt oder das in Toplage Weimars untergebrachte Hedwig-Pfeiffer-Haus. Um manches weitere Heim schwirren Alarmmeldungen, sei es das Freizeit- und Tagungsheim Schönburg bei Naumburg oder die Evangelische Jugendbildungsstätte Neulandhaus in Eisenach.

»Wo bleibt der Aufschrei unserer Gemeinden?«, fragt angesichts der Lage Gerhard Bemm vom Förderverein Evangelische Tagungs- und Freizeithäuser in Magdeburg. Für ihn ergibt sich derzeit der Eindruck, dass sich die Träger der Häuser und die Landeskirche insgesamt langsam aus der »langjährig praktizierten gesamtkirchlichen Gastfreundschaft« und »der Ermöglichung der Einübung in christliche Lebensgemeinschaft bei Rüst- und Freizeiten« verabschieden.

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote  bereits staatliche  Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Ein Haus, das für seine erlebnispädagogischen Angebote bereits staatliche Auszeichnungen erhielt: das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen. Foto: privat

Wer sich im Lande umhört, stößt freilich zumeist auf ähnliche Probleme: Neben ins Haus stehenden teuren Umbau- und Sanierungsarbeiten, etwa wegen Brandschutzauflagen, ist es vor allem die zu niedrige Auslastung, die zu geringe Nachfrage, die den Häusern Probleme bereitet. Selbst eine gehobene und behindertengerecht ausgestattete Einrichtung wie das Evangelische Allianzhaus in Bad Blankenburg verweist auf Belegungszahlen von rund 50 Prozent bei den Zimmern und 40 Prozent bei den Betten. Bei Touristikfachleuten rangiert es damit schon in der Spitzengruppe Thüringer Beherbergungsstätten in ländlichen Regionen. Den Betreibern stehen dennoch Sorgenfalten im Gesicht.

Die Zeiten haben sich geändert, die Welt steht offen. Entsprechend hat sich auch das Freizeitverhalten angepasst. »Wer für Jugendliche ein Beach-Camp anbietet, kann schon kaum noch mit dem Ostseestrand locken«, weiß etwa Christiane Hildebrandt zu berichten, die beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Sachsen-Anhalt das Freizeitenprogramm betreut.

Auch bei Erwachsenen sind die Ansprüche an den Standard eines Gästehauses heute deutlich höher, sagt Martina Klein. Sie ist als Oberkirchenrätin für die Bildungsarbeit in der EKM zuständig und beklagt unter anderem auch, dass etwa die Fortbildungen kirchlicher Träger deutlich weniger geworden sind, und zugleich bei entsprechenden Angeboten die Verweildauer in den Tagungshäusern kürzer ausfällt. Nach ihren Beobachtungen müssen die Freizeit- und Gästehäuser deutlich professioneller in der Leitung und vor allem in der Vermarktung auftreten: »Es kommt niemand mehr von allein in ein Haus, nur weil es in kirchlicher Trägerschaft ist.«

Weshalb die Fragen des Marketings einer der Schwerpunkte des Gesamtkonzeptes ist, das derzeit für die fünf Häuser in direkter Trägerschaft der EKM erstellt wird: für das Neulandhaus in Eisenach, das Zinzendorfhaus in Neudietendorf, das Augustinerkloster in Erfurt, Burg Bodenstein im Eichsfeld und Kloster Drübeck im Harz.

In Vorbereitung ist außerdem eine Kooperation zwischen dem Neulandhaus als Jugendbildungsstätte und der Evangelischen Akademie in Neudietendorf: Während die hauswirtschaftliche Leitung des Neulandhauses künftig vom Zinzendorfhaus aus erfolgt, sollen die bisher oft mangelhaft nachgefragten Bildungsangebote des Eisenacher Hauses auch über die Akademieschiene vermarktet werden. Und die Akademie will für eigene Jugendangebote künftig das Neulandhaus nutzen, statt in andere Häuser auszuweichen.

Dass es auch positive Zeichen gibt, zeigt beispielhaft das »Erlebnishaus Altmark« in Zethlingen zwischen Stendal und Salzwedel. Dort haben sich die Synoden beider Kirchenkreise 2004 dafür dafür entschieden, das 1965 eingerichtete Rüstzeitheim zu erweitern und ein erlebnispädagogisches Konzept zu erstellen sowie die Finanzierung einer entsprechenden Fachkraft zu übernehmen. »Ein mutiger Schritt«, wie Martina Klein es nennt. Doch mit Erfolg: Für viele kirchliche Kindergruppen, aber auch für immer mehr Grundschulen ist das Haus Anlaufstelle. So gut wie alle Wochenenden seien ausgebucht, sagt Birgit Moll, Hausleiterin und Bildungsreferentin des Hauses. Ohne laufenden festen Zuschuss der Kirchenkreise geht es freilich nicht.

»Wir danken unsere Existenz der Einsicht der Synodalen in den Bildungsauftrag der Kirche«, bringt es die ordienierte Gemeindepädagogin Birgit Moll auf den Punkt.

Harald Krille

www.evangelische-freizeithaeuser.de

www.evangelische-haeuser.de

Tschechien: Neue Qualität der Erinnerungskultur

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eigentlich hatte ich damit abgeschlossen«, sagt Liane Jung, als sie über die 70 Jahre zurückliegenden Ereignisse in ihrem Geburtsort Peterswald, dem heutigen Petrovice, spricht. Als Neunjährige wurde sie im Mai 1945 mit ihrer Mutter aus dem Dorf direkt an der Grenze zu Sachsen als eine der ersten Deutschböhmen vertrieben. Doch nun ist sie wieder von der Erinnerung überwältigt, Tränen stehen ihr in den Augen. Die berüchtigten tschechischen Revolutionsgarden hatten sie morgens vier Uhr aus dem Haus geholt und zusammen mit anderen Dorfbewohnern einfach hinter der Landesgrenze im sächsischen Hellendorf (heute ein Ortsteil von Bad Gottleuba-Berggießhübel), abgesetzt.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Erst kurz zuvor hatte Präsident Edvard Benes wieder die Macht übernommen und die Trennung von der deutschen Minderheit als Reaktion auf die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis formuliert. Liane Jung gehört zu den Letzten, die das Grauen der Vertreibung noch selbst erlebt haben. Das macht dieses Jubiläum so bedeutungsvoll als Zeitenwende in der Geschichtsschreibung. Gleichzeitig haben einige Ereignisse in diesem Jahr deutlich gemacht, wie viel sich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Längst ist die Vertreibung der Deutschen, aber auch die Suche nach den eigenen, deutschen Wurzeln ein wesentliches Thema der tschechischen Zivilgesellschaft.

So verabschiedete die zweitgrößte Stadt des Landes, Brno/Brünn, in diesem Jahr eine Erklärung, in der die Opfer des berüchtigten Brünner Todesmarschs bedauert werden. Und die Stadt organisierte einen symbolischen Marsch der Versöhnung in umgekehrter Richtung. Brno steht dabei stellvertretend für viele andere Städte, in denen in der Vergangenheit in ähnlicher Weise die Geschichte aktiv aufgearbeitet wurde. Auch die tschechischen Medien widmeten sich ausführlich und in aller Breite der Vertreibung.

Eine völlig neue und drastische Form der Auseinandersetzung wählte der Abiturient Dominik Feri aus Teplice/Teplitz. Auf seiner im sozialen Netzwerk Facebook gegründeten satirischen Seite »Sudeten – der schönste Ort in der Hölle« bekommt jeder sein Fett weg. Damit macht er sich nicht beliebt, trotzdem zählt seine Seite nach wenigen Wochen bereits über 4 200 Abonnenten. Die größte Reaktion erzielte übrigens seine Aufforderung, jeder möge seinen Wohnort nennen, aber mit dem historischen deutschen Namen. »Das Thema braucht einen neuen Impuls«, begründete Feri seine Entscheidung, sich der Vertreibung und ihren Folgen satirisch zu nähern.

Für Liane Jung ist es ein großer Trost, erleben zu können, wie an die Stelle des Hasses und der Verbitterung aufrichtiges Interesse getreten ist. Dass in ihrem Heimatdorf nun sogar die Kirche wieder aufgebaut wird, macht sie glücklich. Für die 79-jährige ist ihre Flucht aber noch auf eine andere Weise aktuell geworden. In ihrem Haus in Bayern hat sie selbst eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.

Steffen Neumann

Porträts, Ikonen, Kirchen

22. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel:  Mariana Lepadus studierte in ihrer Heimat in Rumänien Kirchen- und Ikonenmalerei

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier der Eislebener Künstlerin Mariana Lepadus.

Die Kirche in Landgrafroda (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) ist ein Schmuckstück – außen und innen. Den Innenraum der Jugendstilkirche restaurierte Mariana Lepadus. Als die Kirchenmalerin das Gotteshaus vor der Restaurierung sah, fiel zwar der Renovierungsbedarf ins Auge, aber die einst schönen Farben, die geometrischen Formen, die reiche Symbolik waren noch zu erkennen. Zur 100-Jahr-Feier 2008 sollte die Kirche in altem neuen Glanz erscheinen. Doch das Geld war knapp. Die Kirche verdankt ihr Schicksal einer lapidaren – oder vielleicht doch cleveren (?) Bemerkung. Gerald Hermann, Kirchenältester und sehr engagiert für »seine« Kirche, erinnert sich. Als Mariana Lepadus zögerte, gab er ihr gegenüber zu verstehen, falls sie sich nicht dazu entschließen könnte, die Kirche zu restaurieren, würde er die Wände einfach weiß überstreichen. Frevel in den Augen der Künstlerin. Das wollte sie nicht zulassen. Auch wenn ihr die Gemeinde keine üppige Bezahlung anbieten konnte, nahm sie den Auftrag an. Jede Woche kam sie für zwei bis drei Tage aus der Lutherstadt Eisleben, wo sie wohnt, nach Landgrafroda, um der Kirche ihr ursprüngliches Aussehen wiederzugeben.

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mariana Lepadus in ihrem Atelier. Fotos: Sabine Kuschel

Mit Akribie und Perfektionismus ging sie ans Werk. Alle Linien und Formen habe sie ohne Lineal und Schablonen gemalt, bewundert Hermann ihr Können. Auch wie akkurat alles geworden sei. Lepadus betrachtet diese Kirche als ihr Lebenswerk. »Ich bin stolz.«
Ihr Kunsthandwerk, die Kirchen- und Ikonenmalerei, hat sie von Rumänien mit nach Deutschland gebracht. 1961 in Maglavit, einem Dorf im Donautal, geboren, besuchte sie während der Ceausescu-Ära eine Kunsthochschule für Kirchenmalerei. Unterstützt wurde das Studium von der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Es bot zwar die Chance einer ideologiefreien Auseinandersetzung mit Kunst, Glauben und kirchlicher Tradition. Aber als Frau musste sie sich in einer Männerdomäne bewähren. Schwere Arbeit auf der Baustelle, von früh bis spät restaurierte sie nach Vorlagen Fresken und Ikonen. Unterkunft und Essen waren frei, ansonsten erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld. »Das war Ausbeutung«, sagt Mariana Lepadus heute zu ihrer Ausbildung in Rumänien. »Ich möchte ein Buch darüber schreiben.« Sechs Jahre dauerte das Studium.

1988 kam sie in die DDR, 1989 wurde ihr erstes, einige Jahre später ihr zweites Kind geboren. 15 Jahre arbeitete sie als Theatermalerin an der Landesbühne Sachsen-Anhalt. Seitdem ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel, ist sie freischaffend.

Sie malt Bilder mit sakralen Themen, Ikonen, Porträts und Stadtansichten. Daneben leitet die Künstlerin Kurse und Workshops in verschiedenen Bildungseinrichtungen und unterrichtet an der Musikschule Querfurt. Sie wirkt mit an dem Projekt der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland »Frauen der Reformation in der Region«. In der künstlerischen Auseinandersetzung finde sie Antwort auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb sagt sie zu ihrer und ihres Mannes Berufsentscheidung – er ist Musiker: »Wir leben unseren Traum.«

Ihr großes Vorbild ist Lucas Cranach. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Rekonstruktion eines Altarbildes von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Marienkirche in Kemberg (Kirchenkreis Wittenberg). Ein Auftrag, der für die Künstlerin allerdings nicht nur helle Freude bereithält. Unglücklich ist sie über die Entscheidung der Kemberger Kirchengemeinde. In deren Marienkirche wurde 1994 bei einem Brand der 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren erschaffene Altar fast vollständig zerstört. »Die Kirchengemeinde hat sehr getrauert«, sagt Dr. Bettina Seyderhelm, Kunsthistorikerin in Magdeburg. Lange Zeit war unklar, wie der Altarraum künftig gestaltet werden sollte. Über verschiedene Modelle wurde nachgedacht und in vielen Veranstaltungen darüber beraten. Die Angebote von Künstlern, den Altar nachzumalen, überzeugten die Gemeinde nicht. Sie war der Auffassung, »ein kopierter Altar ist immer eine Kopie«, so Seyderhelm. Ein internationaler Künstlerwettbewerb wurde ausgeschrieben, sechs namhafte Künstler reichten ihre Entwürfe ein. Die Gemeinde entschied sich für ein Kreuz des Österreicher Künstlers Arnulf Ralf. Und damit gegen eine Rekonstruktion des Altars.

Daraufhin bildete sich eine private Initiative, die sich für eine Nachahmung des Cranachschen Altarbildes engagiert und Mariana Lepadus damit beauftragte. Mit der ihr eigenen Sorgfalt und Leidenschaft widmet sie sich dieser Aufgabe. Und bedauert, dass ihr Werk nicht in der Kirche, sondern an einem anderen Ort seinen Platz finden wird.

Überhaupt würde sie sich ein viel größeres Interesse an sakraler Kunst wünschen. Am liebsten würde sie noch weitere Kirchen wie die in Landgrafroda ausmalen, denn renovierungsbedürftige Gotteshäuser gebe es genug.

Sabine Kuschel

Ja, so soll es geschehen

21. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Amen« – Abschluss des Glaubenskurses zum Vaterunser

Das Vaterunser endet mit dem kleinen Wörtchen »Amen«. Es kommt aus der hebräischen Sprache und bedeutet soviel wie: »Es steht fest und es gilt«, oder: »Das ist gewiss und wahr«. Im Alten Testament kommt es 25 mal vor und wird dort bei feierlichen Gelegenheiten gebraucht, bei denen der Sprechende mit seinem »Amen« Worte von anderen bestätigt.

Im Neuen Testament begegnet das kleine Wörtchen »Amen« 126 mal, lautgerecht in die griechische Sprache übertragen. Luther hat es im Deutschen ebenfalls unübersetzt wiedergegeben. In den Evangelien begegnet uns »Amen« nur im Munde Jesu, meist in der Wendung: »Amen, ich sage euch(dir) …«. Er hat das hebräische »Amen« gebraucht, um seine aramäisch gesprochenen Worte zu bekräftigen. Sie sind Ausdruck seiner Hoheit und göttlichen Vollmacht.

Mit ausgebreiteten, erhobenen Armen beten – in evangelischen Gottesdiensten eher eine seltene Geste, in freikirchlichen Gemeinden hingegen üblicher. Foto: epd-bild

Mit ausgebreiteten, erhobenen Armen beten – in evangelischen Gottesdiensten eher eine seltene Geste, in freikirchlichen Gemeinden hingegen üblicher. Foto: epd-bild

In der Offenbarung des Johannes (3,14) bezeichnet sich Jesus als der, der »Amen« heißt, als der treue und wahrhaftige Zeuge. In den übrigen Schriften des Neuen Testamentes erscheint »Amen« als bekräftigender und bestätigender Abschluss von Gebeten und Lobsprüchen durch die versammelte Gemeinde. Es hatte damals und es hat noch heute seinen festen Platz im Gottesdienst. Das trifft auch auf das Vaterunser mit dem abschließenden »Amen« zu.

Als Jesus seine Jünger das Vaterunser lehrte (Matthäus 6,9-13/Lukas 11,2-4), hat er diesen Lobpreis mit Amen wahrscheinlich nicht gesprochen. In den ältesten griechischen Handschriften des Neuen Testamentes fehlt beides. Es ist wohl erst durch den liturgischen Gebrauch des Vaterunsers zunächst im Gottesdienst der christlichen Gemeinde dazugekommen und von dort in den Bibeltext.

In unseren Gottesdiensten ist das »Amen« leider weithin zu einer starren liturgischen Formel geworden, die oft gedankenlos mitgesprochen wird. Deshalb sollten wir als Gemeinde uns neu darauf besinnen, das gemeinsam gesprochene »Amen« am Schluss von Gebet und Lobpreis bewusst als Zustimmung und verbindliche Antwort zu verstehen: »Ja, so ist es.« Darüber hinaus sollte jedes im Gottesdienst von uns mitgesprochene »Amen« unsere Antwort sein auf Gottes Botschaft. Diese Antwort sollten wir dann auch im Alltag praktizieren: in Wort und Tat, im Bekenntnis vor anderen und im Lebensvollzug. So werden wir eine missionarische Gemeinde und Kirche.

Und was passiert mit mir selbst, wenn ich bete? Der Philosoph Immanuel Kant sagt, dass Beten »keine andere Wirkung hat als die, dass es das Gemüt des Beters erhebt«. Das vertrauensvolle Gebet bewirkt aber weit mehr. Es verändert den Beter selbst: Das Dankgebet und der Lobpreis Gottes führen in die Freude und zur Erneuerung der Lebenskraft. Das Gebet hilft mir auch, in eine persönliche Verbindung mit Gott zu treten. Ich komme innerlich zur Ruhe, fühle mich geborgen, finde Abstand zu den bedrängenden Problemen. Dadurch bekomme ich einen klaren Blick für die Wirklichkeit. Ich erkenne, was zu tun und zu lassen ist. Auch werde ich fit und fröhlich zum mutigen Handeln.

Schon der Beter David bezeugt das in Psalm 138,3 mit den Worten: »Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.« In diesem Sinne hat Goethe das Gebet einmal als das Atemholen der Seele bezeichnet. Überdies hilft mir das regelmäßige Gebet am frühen Morgen, meinen Tag und meine Gedanken zu strukturieren, und das Gebet am Abend, beides abzulegen.

Beten in einer Krise kann in mir einen Stimmungsumschwung bewirken, Schmerz, Angst und Trauer in Trost, Frieden und stille Freude verwandeln. Die Klage wird zum Danklied.
Im vertrauensvollen Gebet zu Gott werde ich meine Sorgen los. Das will eingeübt werden. Deshalb ermutigt uns der Apostel in 1. Petrus 5,7: »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.« Wenn ich Gott meine Schuld bekenne und ihn um Vergebung bitte, wird mein Gewissen wieder leicht.

Durch das fürbittende Gebet für die Anliegen und Probleme meiner Mitmenschen werde ich frei von dem Kreisen um mich selber und um meine Probleme. Es entsteht zunächst eine innere Beziehung zu diesen Menschen, oft dann auch eine äußere bis hin zur tatkräftigen Hilfe.

Reinhold Nürnberger, Pfarrer i. R., Vertrauensmann im sächsischen Pfarrerinnen- und Pfarrergebetsbund

Der harte Lauf zurück ins Leben

21. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Barmann Frank Renner brauchte selbst zwei Flaschen Wodka am Abend – bis er sich Hilfe suchte

Alles oder nichts. Frank Renner macht keine halben Sachen. Das galt in der Zeit seiner Alkoholsucht, das gilt auch für sein jetziges Leben ohne Alkohol.

Irgendwie hat es ihn im Dezember 2010 nach Österreich verschlagen. Ins Salzburger Land, nach Bad Hofgastein. Im »Down Town«, einer Diskothek arbeitet er als Barmixer. Es wird seine vorerst letzte berufliche Station sein. Im Oktober 2011 hört er im »Down Town«, dort in den Bergen, auf zu arbeiten. Er ist ganz unten angekommen. Aber es dauert noch fast zwei Jahre, bis zum 26. November 2013, als er, widerwillig zunächst, dem Drängen seines Vaters nachgibt und zum ersten Mal in die Suchtberatung der Stadtmission Halle kommt.

Schneller als die Sucht: Frank Renner beim Hallenser Heidelauf. Der ehemalige Barkeeper ist seit fast eineinhalb Jahren trocken. Foto: Ricarda Braun

Schneller als die Sucht: Frank Renner beim Hallenser Heidelauf. Der ehemalige Barkeeper ist seit fast eineinhalb Jahren trocken. Foto: Ricarda Braun

Nach noch einmal fast drei Monaten, am 10. Februar 2014, meldet er sich im Diakonie-Krankenhaus in Elbingerode zur Entgiftung an, zwei Tage danach ist er da und beginnt sein neues Leben. Am Neujahrstag 2015 schreibt er auf Facebook: »Silvester geht auch ohne Zigaretten und Alk. Cool, wusste ich gar nicht. Kann ich nur empfehlen.«

Die Daten seines Ausstiegs aus der Welt des Alkohols hat Frank Renner aus Halle auf einen Zettel geschrieben, auf die Rückseite seines Lebenslaufs. Zurück ins Leben in zehn Stichpunkten. Der letzte Eintrag: »5. 11. 2014: Sportgruppe. 100 Prozent Teilnahme.« Einhundert Prozent, entweder – oder, alles oder nichts. Frank Renner kennt keine halben Sachen.

Die Alkoholsucht verlangt Präzision, genaue Planung, Weitblick. Alkohol muss vorrätig sein, Zigaretten auch. Nichts ist schlimmer als ein angefangener Suff und die Flasche ist leer. Denn Frank Renner ist kein Spiegeltrinker, der einen gewissen Pegel braucht, um lebensfähig zu sein. Frank Renner schießt sich ab. Komplett, bis zum Filmriss. Keine halben Sachen. Am Ende seines Trinkerweges braucht er dafür mindestens zwei Flaschen Wodka am Abend. Da nehmen ihn seine Freunde schon nicht mehr mit auf Partys, weil er immer übertreibt. Das ist lustig, anfangs. Später nervt es. Die Freunde wechseln, mit den neuen verbindet ihn der Schnaps.

Er gibt acht auf sich. Ordentlich will er sein, gepflegt. Und ist es auch. Es erleichtert seine Sucht, dass er fast bis zuletzt arbeiten geht. Nur ist die Arbeit fatal. Frank Renner ist Barmixer, später Barchef. Erst im Harz, dann in der Nähe von Frankfurt am Main. Bei ihm ist immer Party.

Jeden Tag kommen die Leute zu ihm, um zu feiern. Er steckt in einer Endlosparty fest. Was für die Gäste die Ausnahme ist, wird für ihn zur Regel. Frank Renner ist beliebt, kommt an. Später wird ihm einer seiner Chefs eine Flasche Wodka zur Verfügung stellen. Pro Abend, als eine Art Arbeitsmaterial. Viele sehen es und sehen dennoch weg. Auch die eigenen Eltern. Das kann ja gar nicht sein, er, der Sohn aus gutem Haus.

Ganz unten dank »Kartoffelwasser«:  Barkeeper Frank Renner auf dem Höhepunkt seiner Alkoholsucht in den österreichischen Alpen. Foto: privat

Ganz unten dank »Kartoffelwasser«: Barkeeper Frank Renner auf dem Höhepunkt seiner Alkoholsucht in den österreichischen Alpen. Foto: privat

An der Bar ist er wer, ein Held, ein geiler Typ. Wenn er sich nüchtern im Spiegel ansieht, ekelt er sich. Es gibt ein Bild auf Frank Renners Facebook-Seite aus seiner Zeit in Bad Hofgastein. Verschwitzt steht er da, den linken Arm um einen Freund gelegt, in der rechten Hand eine Zigarette, dem Fotografen entgegengestreckt. Das Hemd mit dem Logo seines Arbeitgebers ist weit offen. Es scheint, als würde er gleich etwas erzählen wollen. Die Stimmung scheint gut. Wäre da nicht diese seltsame Leere und Traurigkeit in seinen Augen. Er hat das Foto kommentiert: »Kartoffelwasser« hat er darunter geschrieben. Es ist schwer, das Foto von damals mit dem drahtigen, einnehmend lächelnden Frank Renner von heute in Verbindung zu bringen.

Manchmal, wenn er von Frankfurt nach Halle gefahren ist, hatte er schon Alkohol im Blut. Doch das reichte nicht. Sein Reiseproviant für die gut 400 Kilometer lange Autofahrt: Eine Flasche Whisky. Jetzt, wo er trocken ist, will er seinen Führerschein zurück. Einmal mit dem Leiter der Suchtberatung Motorrad fahren. Der Weg dorthin ist lang. Dass er die Langzeittherapie abgebrochen hat, weil ihm, dem Einzelkämpfer, die Gruppensitzungen zu viel wurden, wird ihm negativ ausgelegt. Aber Frank Renner macht keine halben
Sachen.

Das ist sein Problem und seine Chance. Er weiß: Wenn er rückfällig wird, dann ist das sein Todesurteil. Eine weitere Entgiftung wird er nicht machen. In eine Disko geht er nicht, er traut es sich nicht zu. Die Allgegenwart von Alkohol und die Selbstverständlichkeit, mit der er konsumiert und angepriesen wird, macht es nicht gerade leichter.

Aber Frank Renner weiß, was er nicht will. In Elbingerode sah er alkoholsüchtige Männer, so alt wie er, die sich nur noch mit einem Rollator bewegen konnten. Er sah eine mögliche Zukunft. Heute läuft er die zehn Kilometer in gut 43 Minuten, den Heidelauf in Halle konnte er in seiner Altersklasse schon gewinnen. Er läuft schneller als seine Sucht. Sie wird ihn nicht einholen. Jetzt muss nur noch die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt klappen, er einen neuen Beruf finden. Der Weg in den alten wäre ein Weg zurück in den Abgrund.

Aber wie fing alles an? Wann begann der Weg in die Sucht und warum? Frank Renner tastet und tappt. Vielleicht weil er zu DDR-Zeiten zur Armee wollte, um Offizier zu werden, sein Vater, ein überzeugter Katholik, es ihm aber verbot. Und weil dann nach der Wende sein Bruder Berufssoldat wurde und vom Vater gelobt. Nein, das hat er ihm nie verziehen, und vielleicht ist das auch ein Grund für die Sucht und den Rausch. Den Ort, an dem er jemand war. Den Ort, den er konsequent aufsuchte. Entweder, oder. Alles oder nichts.

Am 13. Juli ist Frank Renner seit 515 Tagen trocken.

Stefan Körner

»Herkommen und die Menschen lieb gewinnen«

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wie die deutschsprachige Gemeinde von Thessaloniki die Krise Griechenlands erlebt

Seit knapp einem Jahr ist Ulrike Weber Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde im nordgriechischen Thessaloniki. Harald Krille sprach mit ihr über ihre Erfahrungen in einer Gemeinde mitten in der Krise.

Frau Weber, schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben und nicht in einer der Schlangen vor den Bankautomaten stehen, die man in den Medien immer wieder sieht …
Weber:
Also ich selbst habe noch keine Schlangen gesehen, wohl aber mein Mann. Der Hintergrund ist, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr hier noch lange nicht so verbreitet ist wie etwa in Deutschland. Deshalb brauchen die Menschen unbedingt Bargeld.

Und wie nehmen Sie sonst die aktuelle Situation wahr?
Weber:
Wir sind seit 1. September vergangenen Jahres hier in Thessaloniki, kamen also schon in das Land der Krise. Aber ich habe durchaus den Eindruck, dass die Probleme seither deutlich größer geworden sind. Bei den Frauen unserer Gemeinde, zumeist Deutsche die mit griechischen Männern verheiratet sind, sehe ich viele sorgenvolle Gesichter. Niemand weiß, wie sich die Lage weiterentwickelt, was noch auf die Menschen zukommt und vor allem ist kein Ende abzusehen. Viele gehörten früher auch eher zu den gut situierten Familien, aber durch die Krise sind sie inzwischen alle betroffen. Unter ihnen erlebe ich aber auch Solidarität. Man macht sich gegenseitig Mut, organisiert Flohmärkte und Kleiderbörsen, wo man sich gegenseitig mit Dingen aushilft.

Auf der Internetseite Ihrer Gemeinde finden sich auch etliche sozialdiakonische Angebote.
Weber:
Schon seit 2010, also vom Beginn der Krise an, hat die Gemeinde ihre sozialdiakonische Arbeit verstärkt. Und unsere Hilfsangebote werden zunehmend in Anspruch genommen. Nicht nur von Menschen, die zur Gemeinde gehören.

Welche konkreten Hilfen bietet die deutsche Gemeinde an?
Weber:
Weihnachten und Ostern haben wir beispielsweise Lebensmittelpakete zusammengestellt und an Bedürftige abgegeben. Oder: Wir haben Kontakt zu einem griechischen Sozialarbeiter im Gefängnis. Von dort kam im Winter die Anfrage nach Wolldecken, weil die Gefängnisinsassen frieren. Wir hatten einen Vorrat und konnten helfen. Es sind aber oft auch die kleinen Dinge für den Alltag der Menschen. Aktuell etwa Hygieneartikel, Duschbad und Ähnliches, was einfach gebraucht wird. Diese Artikel sind hier in Griechenland teurer als in Deutschland und manche Menschen können sie sich einfach nicht mehr leisten.

Woher nehmen Sie das Geld für solche Hilfen?
Weber:
Wir haben gute Kontakte zum Diakonischen Werk in Baden-Württemberg und zum Gustav-Adolf-Werk. Und wir werden natürlich auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt. Aber das ist gemessen am Bedarf alles ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen zusehen, dass wir Spenden bekommen. Und da brauchen wir ganz viel Fantasie. Ich biete beispielsweise Hochzeiten für Brautpaare aus Deutschland hier in Thessaloniki an – mit Trauung am Strand oder auf der Hotelterrasse. Dafür nehmen wir eine Gebühr, die vollständig der diakonischen Arbeit zugutekommt. Und die jungen Paare sind nach meiner Erfahrung gern bereit die Gebühr zu zahlen, weil sie wissen, dass sie damit konkret helfen können.

Die orthodoxe Kirche in Griechenland gilt auch nicht gerade als arm. Was geschieht von dieser Seite an Hilfe?
Weber:
Es ist unterschiedlich: Die eine oder andere griechisch-orthodoxe Kirche nimmt sich auch sehr der Armen an. Das ist nicht zuletzt vom jeweiligen Metropoliten abhängig, ob er ein Herz dafür hat. Wir haben guten Kontakt zu dem Metropoliten Barnabas, der hier in Thessaloniki eine große Armenspeisung organisiert. Da gehen täglich Tausende von Essen an die arme Bevölkerung. Wir haben auch Kontakt zur evangelisch-griechischen Kirche, die sich ebenfalls sehr um die Menschen bemüht. Die ökumenische Landschaft hier in und um Thessaloniki ist sehr bunt und lebendig. Da wird nicht zuerst gefragt, was der andere glaubt, sondern was gemeinsam getan werden muss.

Was würden Sie den Lesern der Kirchenzeitung in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gern ans Herz legen?
Weber:
Wir stellen immer wieder fest, dass die offizielle Berichterstattung nicht ganz das widerspiegelt, was die Menschen hier in ihrem Herzen bewegt. Die wünschen sich vor allem Solidarität. Deshalb wäre es eine Katastrophe, wenn in Deutschland jetzt alle denken würden, es sei schwierig oder gar gefährlich nach Griechenland zu reisen. Um Gottes Willen! Also bitte: Herkommen, sich das Land besehen, Urlaub machen und die Menschen lieb gewinnen. Das ist es, was dieses Land natürlich auch neben Investitionen von Firmen braucht.

Wenn jemand Ihre Gemeinde konkret unterstützen will, wie kann er das tun?
Weber:
Mit mir Kontakt aufnehmen über E-Mail oder Telefon. Wir haben auch eine Internetseite, dort findet man einen Flyer zum Herunterladen, mit allen Informationen über uns und auch unsere Bankverbindung. Ich freue mich herzlich über jeden Kontakt, der zustandekommt.

Kontaktdaten:
Evangelische Kirche deutscher Sprache Thessaloniki, P. Patron Germanou 13, GR-54622 Thessaloniki, Telefon (+30) 23 10 27 44 72

E-Mail <evkithes@otonet.gr>

www.evkithes.net

Nicht wiederzuerkennen

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Ein Porträt Cranachs zeigt, wie Luther als »Junker Jörg« aussah

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Eisenach.

Die über 1 000 Jahre alte Wartburg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern. Vor allem aber wurde sie zur »Lutherburg«.

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg.  Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg. Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Lucas Cranach der Ältere, der zur Zeit von Luthers »Gefangenschaft« auf der Burg schon mit diesem befreundet war, erfuhr als Einziger vorab von jenem Ereignis, das schließlich zu Luthers fast 300 Tage währenden Aufenthalt auf der Wartburg führen sollte. »Lieber Gevatter Lukas … ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo…«, heißt es in einem Schreiben, das Luther an den Maler richtete. Wenige Tage später war auch das Versteck klar.

Nach einem vorgetäuschten Überfall im heutigen »Luthergrund« nahe Steinach am Rennsteig, war Luther, der sich auf der Rückreise vom Reichstag in Worms befand, in der Nacht des 4. Mai 1521 in Begleitung mehrerer Reiter auf die sichere Obhut gewährende kurfürstlich-sächsische Wartburg gekommen.

»Mit Mühe habe ich erreicht, diesen Brief zu schicken. So sehr fürchtet man, es könne auf irgendeinem Wege bekannt werden, wo ich bin. Deshalb sorgt auch Ihr dafür, falls Ihr glaubt, dass dies zur Ehre Gottes geschieht, dass zweifelhaft bleibt, ob Freunde oder Feinde mich verwahren und schweigt! Es ist auch nicht nötig, dass außer Dir und Amsdorf jemand weiß, wo ich bin, nur: dass ich noch lebe«, schreibt der »Gefangene« noch in der ersten Woche seiner Ankunft an Melanchthon nach Wittenberg. Und Freund Spalatin erfährt: »Ich lasse mir Haare und Bart wachsen. Du würdest mich schwerlich erkennen, da ich mich selber schon nicht mehr wiedererkenne.«

Es wurde ruhig um den Reformator. Mitten in seiner Hauptarbeit auf der Burg, der Übersetzung des Neuen Testaments, wagte er sich inkognito im Dezember 1521 für wenige Tage nach Wittenberg. Sich ausgebend als »Junker Jörg«, war der mit vollem Haupt- und Barthaar Reisende wohl kaum als Luther zu erkennen. So sah ihn in Wittenberg auch Cranach. Das nach der Begegnung entstandene Bildnis vom »Junker Jörg« erlangte Weltruhm. Zwischen 1520 und 1546 entstanden insgesamt sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen Martin Luthers in der Cranach-Werkstatt. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch-dokumentarischen und somit werbend-lehrhaften Zwecken. Das Porträt Luthers machte so den Botschafter des reformatorischen Programms sichtbar und entwickelte sich quasi nebenher als lückenlose Illustration seines biografischen Werdegangs. In den Kunstsammlungen der Wartburg werden mehrere Cranach-Meisterwerke aufbewahrt, darunter auch beeindruckende Bildnisse der Eltern Martin Luthers. Dieser Schatz verdankt sich mit Hans Lucas von Cranach auch einem direkten Nachkommen der Malerfamilie. Dieser war von 1895 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 Burghauptmann der Wartburg.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Die Lutherporträts der Cranach-Werkstatt« auf der Wartburg in Eisenach ist noch bis 19. Juli zu sehen

Sind wir noch imstande, uns geduldig »behindern zu lassen«?

14. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Behinderung soll verhindert werden – das ist doch ein gutes Ziel, oder? Es spart Leid und Geld. Wenn ich weiß, dass ein Mensch behindert sein wird – dann sollte er doch gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich zu behindern, oder?

Das Unfallopfer mit irreparablen Folgen, egal ob geistig oder körperlich – gleich die Maschinen abschalten? Die Schmerzen, Nerven, das Geld und das Leid – können wir uns sparen, oder?

Der Patient mit bösartigem Tumor – wäre es nicht besser, schnell ein Ende zu machen, bevor eine lange Schmerzenszeit beginnt?

Der älter werdende Mensch – ist es nicht vernünftiger, all dem, was noch kommt, die Fragezeichen zu nehmen und dem Leben rechtzeitig ein Ende zu setzen?

Ist es nicht genial, wenn man das erwachende Leben im Mutterleib diagnostizieren und im Zweifelsfall sicherheitshalber gleich »einschläfern« kann (klingt besser als töten, oder?). Mit einem solchen Eingriff wird doch Leid und Behinderung verhindert, oder?

Und bei einer Behinderung darf es auch ein »später« Schwangerschaftsabbruch sein. Warum nicht auch in den ersten vier oder acht Wochen (oder Monaten?) nach der Geburt? Da könnte man doch noch – oder?

Leben mit Behinderung – das muss heute nicht mehr sein? Da war man in Deutschland doch schon mal »weiter«. Oder?

Wo setzen wir den Punkt? Welche Grenzen gibt es, wenn wir uns erlauben, das Leben vor der Geburt auf seinen Lebenswert zu taxieren – und zu töten? Die Fragen sind komplex, und folglich gibt es keine einfachen Antworten. Doch es gibt auch kein leidfreies Leben.

Mir scheint, dass wir diesen Satz grundlegend wieder in unser gesellschaftliches Bewusstsein bekommen müssen: Es gibt kein leidfreies Leben! Leben und Leiden gehören zusammen wie Essen und Trinken, Ruhe und Arbeit, Glück und Schmerz. Doch bedeutet Behinderung immer Leid?

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Menschen mit Behinderung sind oft Freudenbringer! Sie bereichern unser Leben! Wie oft haben wir mit unserem behinderten Sohn gelacht, sind wir beeindruckt und begeistert von seinen Ideen, seiner Kreativität, seinem Mut, seiner Lebensfreude, seiner Ausdauer und Geduld, seiner Stärke, das Schwere in seinem Leben auszuhalten und seiner Zielstrebigkeit, Neues zu entdecken und uns zu motivieren, das Ungewöhnliche anzugehen. Ist er behindert – oder bereichernd? Sind wir durch ihn behindert – oder mit ihm beschenkt?

Wie reagieren wir, wenn Menschen Behinderung erleben oder von Schmerz und Leid betroffen sind? Beten wir im Stillen und zucken die Achseln? Schauen wir weg und verweisen auf die Spezialisten? Werden wir Aktionisten, die den Betroffenen auf die Nerven gehen? Oder schaffen wir es, die ganz konkrete Situation aufmerksam zu erfassen, bewusst wahrzunehmen, auszuhalten? Können wir behutsam und einfühlsam nachfragen und Hilfe anbieten, ohne sie aufzudrängen? Sind wir imstande, dauerhaft zu begleiten und uns fröhlich und geduldig »behindern zu lassen« – vielleicht weil es uns selbst guttut?

So könnte es gehen, und ich bin überzeugt: Jedes Leben und jede Lebensphase ist Geschenk Gottes, bereichert uns und es bleibt der menschlichen Verfügbarkeit entzogen: »Herr, in deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.« (Eduard Mörike)

Thomas Günzel

Der Autor, Jahrgang 1960, ist Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses und gehört zum Leitungskreis des Fachverbandes Diakonie und geistliches Leben innerhalb der Diakonie Mitteldeutschland. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne, darunter einen mit Behinderung.

Der Garten kann predigen

12. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Was Pflanzenpflege für das Leben und den Glauben lehrt

Gärtnern ist in. Wie sonst ließe sich die bunte Palette der Gartenzeitschriften und neuen Gartenbücher, die Erfolgsgeschichte der Offenen Gärten oder der hartnäckige Traum vom Eigenheim mit Garten erklären? Selbst Schrebergärten sind wieder angesagt, und junge Leute haben das Gärtnern zu einem hippen Großstadttrend gemacht. Die Umsatzzahlen der Gartenmärkte steigen ständig. Ob Topfgärtner oder Landschaftsarchitekt – die Freude am Gestalten, Pflegen und Ernten ist unübersehbar. Und wer keine Gelegenheit dazu hat, schaut über den Gartenzaun.

Foto: privat

Foto: privat

Für Dichter und Maler ist die Natur von jeher ein Lieblingsthema gewesen. Für Theologen auch? Die Zeit der erbaulichen Gartenpredigten wie im 19. Jahrhundert ist zwar vorbei, und die Pfarrgärten sind als Vorzeige­gärten nur noch teilweise geeignet. Aber wenn die ehemalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen ausführlich über Religion und Garten referiert und der hannoversche Bischof Ralf Meister kürzlich in einer Predigt dazu ermuntert, den Glauben zu pflegen wie einen Garten, wenn die christliche Pflanzensymbolik des Mittelalters wieder in den Blick kommt, immer mehr Bibelgärten entstehen und es auf jeder Bundesgartenschau einen Kirchenpavillon gibt, wenn erstaunlich viele prominente Protestanten 2015 nach ihrem Hobby gefragt die Gartenarbeit nennen – dann wird deutlich, wie eng Kirche und Garten verbunden sind. Was Wunder! Das fängt ja schon bei Adam und Eva im Garten Eden an, wo sie Gott begegnen, wo sich Himmel und Erde berühren. Es zieht sich durch das Alte Testament, wo das Lob der Schöpfung gesungen und der Garten zum Synonym für friedliche Zeiten wird, wo Gottvertrauen und Wohltun mit einem bewässerten Garten verglichen werden und Liebende durch die Blume sprechen. Jesus redet häufig von Pflanzen, um die Sache mit Gott sinnfällig zu machen. Das Unkraut unter dem Weizen etwa, das Senfkorn, der Baum mit seinen guten und schlechten Früchten, der viererlei Acker, die Lilie auf dem Felde, Feigenbaum und Weinstock werden zum Gleichnis für das Reich Gottes.

»Ein Garten ist der ideale Ort, sich um seine Seele zu kümmern.« (Cosimo de Medici) Das betrifft nicht nur die meditative Ruhe im Liegestuhl, sondern die Erkenntnisse, die einem Gärtner zuwachsen im Laufe der Zeit, und natürlich auch einer Gärtnerin. Man lernt Geduld. Bis die Pflanze zum Blühen kommt, dauert es seine Zeit. Bis der Baum Früchte trägt erst recht. Gute Pflege kann das nur wenig beeinflussen. Und es bedarf der unverdrossenen Hoffnung, dass im kommenden Jahr manches schöner blüht, besser fruchtet und von Schädlingen verschont bleibt. Demut lernt man, weil nie alles so wird wie geplant. Das Wetter hat man nicht im Griff und das Unkraut meist auch nicht. Fleiß ist gefordert, denn ohne Schweiß kein Preis. Selbst wenn die Gartenarbeit weniger aus reiner Freude, sondern eher aus Einsicht in die Notwendigkeit geschieht, bringt der Erfolg einen Erkenntnisgewinn: Ausdauer wird belohnt. Und Umsicht auch. Die Dahlien, die im Frühjahr nicht gesteckt wurden, blühen jetzt nicht. Man muss Vorsorge treffen für trockene Zeiten und das Vertrauen haben, dass Saat und Ernte nicht aufhören.

Lehrmeister für Geduld, Hoffnung und Demut

Der Garten ist ein Lehrmeister auch für das Leben vor dem Gartenzaun. Geduld, Hoffnung, Demut, Fleiß, Ausdauer, Umsicht und Vertrauen sind Eigenschaften, die in jeder Lebenslage weiterhelfen. Ob sie dort genauso wichtig genommen werden, ist nicht von vornherein gesagt, aber gut wär’s schon. Auch in Glaubensdingen. Den Glauben pflegen wie einen Garten, ist ein schönes Motto. Denn mit der Taufe und einem Weihnachtsgottesdienst ist es kaum getan. Da sind immer wieder christliche Impulse nötig, der Austausch mit anderen Brüdern und Schwestern, die Rückbesinnung auf Geschichten der Bibel. Es braucht das geduldige Warten, dass der Stein im Wasser Kreise zieht, die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass Gott aus Stückwerk ein Ganzes macht, die demütige Erkenntnis, dass wir unser Leben nicht im Griff haben und den Willen, das Nötige mit Umsicht in Angriff zu nehmen. Der Garten kann predigen.

Christine Lässig

Das sonst so papsttreue Polen hadert mit dem »Öko-Papst«

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Als »antipolnisch, ökologisch, links« wurde die Papst-Enzyklika vom sonst so liberalen polnischen Nachrichtensender TVN24 seinen Zuschauern vorgestellt. »Laudato Si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus«, das erste päpstliche Lehrschreiben, dass sich dem Thema Umwelt widmet, hat im Kohle-Land Polen wenig Fans.

In der 200 Seiten starken Schrift, wirft Papst Franziskus den Ländern mit einer vornehmlichen Kohlenutzung vor, sie würden die Umwelt zerstören. Kohle solle durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Für Polen ein Dilemma – dort gehören über 90 Prozent der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche an, in kaum einem Land hat der Klerus so viel Einfluss. Die Einführung der Homo-Ehe wie im ebenfalls katholischen Irland wäre hier nicht denkbar. Auf der anderen Seite rauchen an der Weichsel viele Schlote, gestreift in den Nationalfarben weiß-rot: Über 90 Prozent des Strombedarfs wird durch Kohle erzeugt.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Polen hat sich darum stets als Gegner von CO2-Schutzbestimmungen der EU in Stellung gebracht. Mit der päpstlichen Mahnung wird dies nun schwieriger. »Sollte die Zerstörung der Umwelt eine Sünde sein, so müssen die Gläubigen darüber nachdenken«, so Krzysztof Kilian, der ehemalige Chef des staatlichen Energieversorgers PGE, vorsichtig zu den Medien.

Ansonsten will man sich aus der polnischen Energie-Branche zu den Umwelt-Tipps des Heiligen Stuhls lieber nicht äußern. Die Vertreter der Kohle-Industrie, sowohl die Kombinate als auch die stets streikbereiten Bergarbeiter, haben großen Einfluss auf die Politik. Premierministerin Ewa Kopacz, die sonst am Image als energisch-durchgreifende Powerfrau baut, knickte Anfang des Jahres nach Streiks und Demonstrationsankündigungen in Warschau vor den Arbeitern ein und erfüllte das Gros ihrer Forderungen.

Ungelegen kommt derzeit ein solcher Vorstoß aus dem Vatikan auch der nationalkonservativen Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS). Für die kommenden Parlamentswahlen im Herbst steht sie in Umfragen an erster Stelle. Kommt sie in Regierungsverantwortung, wird sie sich noch weniger nach EU-Vorgaben richten, was die Nutzung des fossilen Brennstoffs angeht.

Die polnischen Bischöfe sind dagegen grundsätzlich mehr mit Themen wie dem weltlichen Einfluss auf die Gläubigen befasst als mit Umwelt und Klima. Aber die bislang in Polen schwach aufgestellten Umweltverbände können sich nun auf einen starken Verbündeten im Vatikan berufen. Zudem beruft sich Papst Franziskus zu Beginn seiner Enzyklika mehrfach auf die Lehrschriften des in Polen verehrten Johannes Paul II, in diesen dieser zur Bewahrung der Schöpfung aufrief: Bereits zum Weltfriedenstag 1990 sprach der polnische Papst von einer »Umweltkrise«.

Jens Mattern

Aus dem Schatten des Vaters

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Wittenberg öffnete die weltweit erste Schau zu Lucas Cranach dem Jüngeren

Ernst schauen die braunen Augen des Knaben in die Ferne. Die dunklen Haare sind sorgfältig gekämmt, Wangen und Lippen rosig. Die Kleidung ist mit wenigen Strichen angedeutet. Das gezeichnete Porträt des etwa zehnjährigen Fürstensohnes ist eines von insgesamt 13. Aus dem Musée des Beaux-arts in Reims sind die Blätter nach Wittenberg gekommen und in der Ausstellung »Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« im Augusteum zu sehen.

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie« ist auf dem Epitaph für Leonhard Badehorn abgebildet. Das Cranachgemälde gehört zum Bestand des Museums der bildenden Künste Leipzig. Fotos: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Dargestellten wirken so lebensecht, als würden sie gleich hinter dem Schutzglas, das sie umgibt, hervortreten. Die um 1540 beziehungsweise 1545/50 datierten Zeichnungen zeigen Angehörige fürstlicher Familien. Die Cranach-Werkstatt verfügte über das Bildnis-Monopol und konnte jederzeit auf Bestellung die gewünschten Porträts liefern. Einige Zeichnungen hat Cranach der Jüngere handschriftlich bezeichnet. Bei den anderen weist die technische Umsetzung darauf hin, dass sie von seiner Hand stammen. Und schließlich sind nach den Zeichnungen drei Gemälde entstanden, die allesamt als Arbeiten von Lucas Cranach dem Jüngeren anerkannt sind.

Eintritt in die Werkstatt des Vaters

In der Schau im Rang einer Landesausstellung (Kuratorin: Katja Schneider) stehen zum ersten Mal überhaupt Werk und Leben von Lucas Cranach dem Jüngeren im Mittelpunkt. Anlass ist der 500. Geburtstag des Künstlers, der über Jahrhunderte im Schatten seines Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472-1553), stand. Auf knapp 850 Quadratmetern Fläche präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 120 Werke Cranachs des Jüngeren, die aus Museen und Sammlungen in Deutschland und dem Ausland zusammengetragen wurden. Sie lenkt den Blick auf eine Persönlichkeit, deren malerisches Können dem des älteren Cranach kaum nachstand. Als etwa Zwölfjähriger trat er in die Werkstatt des Vaters, die dieser zwischen 1504 und 1520 in Wittenberg zu einer erfolgreichen Bildmanufaktur aufgebaut hatte. Der Sohn führte diese ab 1550 in unverminderter Qualität fort. In der Folgezeit entwickelte er sie zu einer der größten und erfolgreichsten Kunstwerkstätten in Europa, aus der nicht nur Gemälde hervorgingen, sondern auch Raumdekorationen oder die Ausstattung höfischer Feste und Turniere. Der jüngere Cranach war zwar von Beginn seiner Laufbahn an in den Werkstattbetrieb eingebunden, doch gelang es ihm, sich in dem vorgegebenen Rahmen individuell zu entfalten. Zu sehen ist dies nicht nur an den (Fürsten-)Porträts, sondern an so eindrucksvollen Gemälden wie »Auferstehung Christi mit Stifterfamilie (Epitaph für Leonhard Badehorn)« von 1554 oder »Christus als Überwinder von Tod und Teufel« von 1542. Zeitgenossen schätzen den »jungen Herrn Cranach« als Künstler wie als Ratsherrn, Geschäftsmann und frommen Christen hoch.

Künstler, Ratsherr, frommer Christ

Doch nachdem die Cranach-Werkstatt nach seinem Tod 1586 gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben wurde, gerieten beide Maler in Vergessenheit. Später wurden die Werke nur dem älteren Cranach zugeschrieben. Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gelang es der kunsthistorischen Forschung, die Bilder dem Vater oder dem Sohn oder beiden gemeinsam oder der Werkstatt zuzuordnen und negative Urteile zu revidieren.

Nicht nur die Kunstwerke, auch die Ausstellungsorte verdienen Aufmerksamkeit. Auf dem Gelände des Augustinerklosters wurde 1586 ein Gebäude für die Wittenberger Universität fertiggestellt. Nach seinem Bauherren, dem sächsischen Kurfürsten August, bekam es den Namen Augusteum. Als die Universitäten Halle und Wittenberg 1817 vereinigt wurden, nutzte das Evangelische Predigerseminar die frei gewordenen Räume bis zum Auszug wegen des Beginns der Gebäuderestaurierung. An der östlichen Hofmauer entstand ein neues Eingangsgebäude mit Kasse, Garderobe, Museumsshop und Toiletten, das zudem den barrierefreien Zugang zum Augusteum ermöglicht.

Einblick in das Leben der Familie

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Das Motiv »Herkules bei Omphale« nach einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen ist ein erfolgreiches Serienmotiv aus der Cranach-Werkstatt. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1535 und zeigt auch das Wappen Albrechts von Brandenburg, der es wohl in Auftrag gab. Aufbewahrt wird es im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Ob es der ältere oder der jüngere Cranach malte, ist nicht eindeutig.

Ein weiterer Ausstellungsort ist die Stadtkirche Sankt Marien, die nicht nur zahlreiche Originalgemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren beherbergt. Sie bezeugt zudem das Leben des Malers vom Anfang bis Ende: Hier wurde er getauft und getraut und hörte die Reformatoren predigen. Hier befinden sich sein Grab und das Grabmal. Am bekannten Reformationsaltar der Kirche arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Im Geburtshaus Lucas Cranachs des Jüngeren am Markt zeigt die Cranach-Stiftung die Ausstellung »Cranachs Welt«. Sie gibt Einblick in das Leben der Familie und den künstlerischen Schaffensprozess.

Nach jahrelanger Vorarbeit hat sich die Lutherstadt Wittenberg für vier Monate in »CranachCity« verwandelt. Dieses Ereignis sollte sich keiner entgehen lassen!

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist der Katalog »Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters« erschienen. Herausgeber: Roland Enke, Katja Schneider, Jutta Strehle. Hirmer-Verlag München 2015. 432 Seiten. ISBN: 978-3-7774-2349-4. Verkaufspreis im Museumsshop: 29,95 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Die Ausstellung im Augusteum kann bis 1. November montags bis sonntags, 9 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Die Stadtkirche St. Marien ist montags bis sonnabends, 10 bis 18 Uhr, sonntags, 12 bis 18 Uhr geöffnet; das Cranach-Haus am Markt montags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

www.cranach2015.de

»Unverantwortliche Sabotage«

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Der evangelische Pfarrer Paul Gerhard Braune machte vor 75 Jahren den NS-Massenmord an Behinderten öffentlich

Die Nationalsozialisten ermordeten mindestens 200 000 behinderte Menschen. Deckname der Geheimaktion: T4. Die Kirchen kamen den Verbrechen zwar früh auf die Spur, schwiegen aber lange. Dann deckte Paul Gerhard Braune das systematische Töten auf.

Die Aktion T4 war streng geheim. Zunächst. Doch dann schickte Pfarrer Paul Gerhard Braune am 9. Juli 1940 seine »Denkschrift gegen die Krankenmorde« an die Reichskanzlei. Er machte das Euthanasieprogramm öffentlich. Die Folge: Braune kam in »Schutzhaft«: Er habe »staatliche Maßnahmen in unverantwortlicher Weise sabotiert«.

Die beiden christlichen Kirchen hatten innenpolitisch ganz überwiegend ihren Frieden mit dem NS-Regime gemacht, äußerten sich auch lange nicht zur Euthanasie. »Kein einziger kirchlicher Funktionsträger ist öffentlich gegen den Massenmord aufgetreten. Einzelne Predigten in Kirchen oder Gemeindekreisen stellten keine Öffentlichkeit her«, urteilt der ehemalige Professor für kirchliche Zeitgeschichte, Jochen-Christoph Kaiser.

Nur wenige versuchten, das Schweigen zu durchbrechen

Wenige wagemutige Personen wie Braune versuchten dennoch, das Schweigen zu durchbrechen. »Die Krankenmordaktionen in ihrer konkreten Durchführung blieben immer im Dunkel der offiziellen NS-Politik, wenngleich manches durchsickerte, aber nur ›hinter vorgehaltener Hand‹ weitergesagt wurde«, betont Kaiser.

Beispiel für Zivilcourage: Pfarrer Paul Gerhard Braune (1887–1954). Foto: Hoffnungstaler Stiftung Lobetal

Beispiel für Zivilcourage: Pfarrer Paul Gerhard Braune (1887–1954). Foto: Hoffnungstaler Stiftung Lobetal

Braune wurde am 16. Dezember 1887 in Tornow im heutigen Polen in eine lutherische Pfarrersfamilien hineingeboren. Nach Theologiestudium und Pfarrdienst übernahm der nationalkonservative Preuße 1922 die Leitung der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Zuerst eine Wohnstätte für obdachlose und arbeitslose Menschen, wandelte sich die Einrichtung zu einem Schutzraum für geistig Behinderte und Anfallkranke. Braune, anfangs durchaus offen für den neuen Geist des NS-Systems, stand bis zu seinem Tod am 19. September 1954 an deren Spitze.

Lobetal gehörte zu der wesentlich größeren Anstalt Bethel in Westfalen, die von Friedrich von Bodelschwingh jun. geleitet wurde, einem weiteren exponierten Euthanasiegegner, wie auch der evangelische württembergische Landesbischof Theophil Wurm.

Persönlich konfrontiert wurde Braune mit der T4-Aktion im Mai 1940: Aus dem Mädchenheim »Gottesschutz« in Erkner, das zu seiner Einrichtung gehörte, sollten 25 »schwachsinnige« Kinder und »anfallkranke« junge Frauen abgeholt werden. Begründet wurde der Transport mit militärischen Planungen. Ein grauer Bus wartete bereits vor dem Haus. Doch Braune und die leitende Diakonisse Elisabeth Schwarzkopf gaben die Menschen nicht heraus.

Begonnen hatte das geheime Morden im Südwesten des Reiches. Nachdem Adolf Hitler T4, benannt nach der Anschrift der Planungszentrale an der Tiergartenstraße 4 in Berlin, angeordnet hatte, wurde das in Württemberg gelegene und von der Samariterstiftung betriebene Heim Grafeneck beschlagnahmt. Es diente fortan wie fünf weitere Anstalten der Ermordung dorthin verlegter Kranker und Behinderter.

Deren Angehörige wurden stets mit gleichlautenden Nachrichten über den Tod ihrer Angehörigen informiert: Die enthielten neben der fingierten Todesursache den Hinweis, wegen Seuchengefahr hätte der Leichnam sogleich eingeäschert werden müssen.

Von diesen merkwürdigen Vorgängen erhielt Braune durch Hinweise aus der Pfarrerschaft Kenntnis – und ging den Dingen seit März 1940 auf den Grund. Dabei nutzte er als Vizepräsident des Zentralausschusses der Evangelischen Inneren Mission, dem Vorgänger der heutigen Diakonie, seine reichsweiten Kontakte. Schnell fand er heraus, dass ein systematisches Tötungsprogramm angelaufen war.

Nach eigenen Angaben entstand seine Denkschrift auf Wunsch der Reichskanzlei und des Justizministeriums. Auf die Übergabe der 12-seitigen Schrift folgten zahlreiche diskrete Gespräche mit Parteigrößen, geführt in der irrigen Annahme, »durch Appelle an Moral und Vernunft der Staatsdiener eine Beendigung der Euthanasie zu erwirken«, schreibt Jan Cantow, Historiker und Archivar der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal.

Braune benannte drei Tötungsanstalten: Grafeneck, Brandenburg a. d. Havel und Hartheim. Und er veröffentlichte die Namen, Adressen und geschätzten Todeszeitpunkte von mehr als 25 Patienten. Braune hatte zudem herausgefunden, dass 125 Patienten aus drei Heimen in Gruppentransporten weggebracht und verschwunden waren. Zwar konnte der Theologe die Zahl der bereits Getöteten nicht exakt benennen, kam aber zu dem Fazit: »Es handelt sich hier also um ein bewusstes, planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung aller derer, die geisteskrank oder sonst gemeinschaftsunfähig sind.«

Das NS-Regime schlug schnell zurück

Das Regime schlug am 12. August 1940 zurück: Gestapo-Beamte durchsuchten Braunes Haus, beschlagnahmten Akten und nahmen ihn mit. Inhaftiert wurde er im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße, Zelle Nr. 6. Offiziell war jedoch nicht die Denkschrift Grund seiner Verhaftung, sondern dessen bekannte Gegnerschaft zur Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und deren Bestreben, die Diakonie zu vereinnahmen.

Zwar wurde Braune hinter Gittern ordentlich behandelt, doch kam der Theologe erst am 31. Oktober 1940 wieder frei. Zuvor musste er eine Erklärung unterzeichnen, »nichts mehr gegen den Staat und die Partei« zu unternehmen. Braunes »Restvertrauen in ein Fünkchen Rechtsstaatlichkeit war dahin. (…) Die Verhaftung macht deutlich, dass das NS-Machtgefüge auch einen solchen nicht in der Öffentlichkeit ausgetragenen schriftlichen Dissens nicht hinnehmen wollte«, schreibt Cantow.

Doch der Mantel des Schweigens war da längst zerrissen: Am 3. August 1941 attackierte der streitbare katholische Bischof in Münster, Clemens August Graf von Galen (1878–1946), in einer Predigt in der Lambertikirche, die hektografiert im Reich kursierte, das Mordprogramm: »Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ›unproduktiven‹ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden. (…) Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.«

Braune zeigte, was man hätte wissen können

Ob die kirchlichen Proteste wirklich zum offiziellen Stopp der Tötungen am 24. August 1941 führten, ist in der Forschung umstritten. »Die zahlreichen vertraulichen Eingaben kirchlicher Würdenträger an die nationalsozialistische Regierung zeugen zwar von persönlicher Integrität, blieben aber völlig wirkungslos«, urteilt der Historiker Hans-Walter Schmuhl.

Dennoch wurden die Tötungseinrichtungen entweder geschlossen oder umfunktioniert. Das Morden geschah fortan dezentral, dauerte aber bis Kriegsende an. Nach Schätzungen
fanden rund 200 000 Menschen den Tod.

LeRoy Walters, Professor für Philosophie an der Georgetown University in Washington D.C., sieht Braunes Handeln als »beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage«. Seine Denkschrift »belegt, was ein entschlossener Gegner der Aktion T4 mit der Unterstützung zahlreicher Informationsquellen fünf Monate nach Beginn des Programms darüber hätte wissen können.«

Dirk Baas (epd)

Wider die abendländische Gottlosigkeit

7. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Dietrich Bonhoeffers »Ethik« enthält erstaunlich moderne Einsichten über die Selbstanbetung des Menschen

Ein provozierender, selten zitierter Text Dietrich Bonhoeffers findet sich in seiner »Ethik« im Abschnitt »Erbe und Verfall«. Die Überlegungen seiner »Ethik« hat der Autor nicht abschließend für den Druck bearbeitet. Es sind unabgeschlossene Fragmente, aber voller überraschender Einsichten, häufig auch voller Trost.

Glaube-Alltag-27-2015

Michael Trowitzsch. Der Autor war bis 2010 an der Jenaer Universität Professor für Systematische Theologie

In »Erbe und Verfall« spricht Bonhoeffer weit ausholend und ärgerlich für die Ohren vieler, damals und heute, von der »abendländischen Gottlosigkeit«. Er schaut nicht auf einzelne Menschen, er schaut auf Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte. Und – er sieht die Notwendigkeit einer großen Buße.

Einige Gedanken aus Bonhoeffers Text. In der Neuzeit kommt es »zu dem unvergleichlichen Aufstieg der Technik. Dabei handelt es sich um etwas in der Weltgeschichte prinzipiell Neues«, also nicht einfach um Weiterentwicklung guten Werkzeuggebrauchs. Von »Dämonie« ist zu sprechen. Etwas schleicht sich in die Welt, wuchert in ihrem Fleisch und Geist, eine neue Variante des Bösen: Die »abendländische Gottlosigkeit« wächst sich ein, sie »ist selbst Religion, und zwar Religion aus Feindschaft gegen Gott«. Sie türmt sich hemmungslos auch einen eigenen Gott auf: »Ihr Gott ist der neue Mensch.« Was tritt ein? Die totalitäre »Vergottung des Menschen«. Der Mensch als solcher ist dann Gott, ist der letzte Maßstab, Sinn und Zweck von allem, der höchste Wert. Der Mensch heiligt seinen eigenen Namen, Wichtigeres als ihn gibt es nicht im Himmel und auf Erden.

Und entsprechend: Die Schöpfung, in der die Geschöpfe ihr eigenes Recht haben, wird zur »Umwelt«, nämlich der des Menschen. Jeder Einzelne ist »sein eigener Herr«, sein eigener Segen, sein eigener Fluch (»Wenn ich nur mich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde!«). »Sinn« setzt jeder sich selbst; die Selbstbejahung und Selbstliebe trägt alles; in Bezug auf ethische Fragen gilt immer und überall und unbedingt: »Das muss jeder selber wissen«; einschränkungslose »Selbstbestimmung« über Leben und Tod tritt an die Stelle des Gebotes Gottes. Gott ist tot, und nun wollen wir, dass der Übermensch lebe (Nietzsche); der sterbliche Mensch will neuerdings Köpfe transplantieren, er giert nach selbst gemachter Unsterblichkeit; der Sünder steigert sich auf zum absoluten Herrn der Welt.

Es kommt »immer«, sagen wir, »auf den Menschen an«? Immer? In sehr vielen Fällen schon, aber – um Gottes willen! – nicht im Letzten. Nein, es kommt zuletzt auf Gott an. »Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!« Jedes Mal – lässt man ihm seine Wucht und Klarheit – ist das erste Gebot von unglaublicher Härte. Auch du selbst bist nicht der Gott deiner selbst. Du gehörst dir nicht. Der Satz ist für moderne Ohren eine fundamentalistische Unverschämtheit. Es kommt nicht zuletzt darauf an, dass du vor dir selbst bestehen kannst. Auch »der Mensch«, die Menschheit, eine Art »Weltregierung«, der große ethische Konsens … ist nicht Gott. Der Teufel führt den modernen Menschen auf einen hohen Berg und sagt nur kurz: »Bete dich selbst an!«

Wenn derjenige, der Sünder ist und bleibt, im Kleinen und auch im Großen – wenn der Sünder »Mensch« sich aber im Fortgang der Neuzeit zu seiner verrückten Selbstanbetung schon einmal langsam hingekniet hat, dann folgen bald die großen Verwerfungen, die großen Ideologien, sie fressen Menschenfleisch, der universale Terror, die totalen Kriege, die mörderischen Waffen, die Vernichtungstechnologie.

Das ist Bonhoeffers Ruf zur Buße, ein Wort von schneidender Schärfe: Der Mensch der Neuzeit »vergottet« sich. Er verhöhnt das erste Gebot. Ein ungeheurer Fundamentalismus, ein Menschen-Fundamentalismus bereitet einen trügerischen Boden für das menschliche Leben auf der Erde.

Mit dem Text »Erbe und Verfall« hat Dietrich Bonhoeffer uns etwas zu sagen, was sonst kaum jemand aussprechen mag. Die Würde des Menschen – sie wird zertreten, wenn der Mensch vergottet wird. Mit »Humanismus« hat solche Sakralisierung des Menschen nichts zu tun. An Melanchthon schreibt Luther wunderbar: »Wir sollen Menschen und nicht

Gott sein, das ist die Summa, es wird doch nicht anders. Oder ewige Unruhe und Herzeleid ist unser Lohn.«

Ist eine große Buße notwendig? Die große Buße der Bürger von Ninive (Jona 3)? Kann man darüber – als Buße ausdrücklich für heute – Näheres sagen? Ja, das kann man. Wie? Sagen wir Näheres über Jesus Christus! Der ernsthafte Glaube an ihn ist die Erfüllung des ersten Gebots, durch ihn wird die Selbstanbetung weggefegt. Die Frage, »wer Christus heute für uns eigentlich ist«, stellt Bonhoeffer im Gefängnis 1944 – es ist seine Lebensfrage. In der Antwort genau auf diese Frage liegen auch heute Unaufhaltsamkeit, Trost und Trotz. Sagen wir Näheres über Jesus Christus!

Michael Trowitzsch

Pflanzenaufstand

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung von Christoph Kuhn mit einer Illustration von Maria Landgraf

Seit Jahren machen Get und Pap Gartenarbeit, als wüchsen die Gewächse nicht von allein, als täten Würmer, Bienen und Vögel nicht das Ihre. Get, der Gärtner, schneidet die Hecke. Pap, der Vater, mäht den Rasen. Dann jäten beide um die Wette. Mup, die Mutter, pflückt, was das Zeug hält, Blumen. Blumen, Kräuter, Unkräuter – Get, Pap und Mup unterscheiden genau. Die Pflanzen kennen keine Ränge. Sie sind untereinander solidarisch: die Distel neben der Rose, die Rose bei der Distel. Und die Blütenblätter vom Pflaumenbaum fallen gleichermaßen auf Tulpen und Klee. Der Flieder duftet für alle.

Rückzug der Flora in den Untergrund

Die Pflanzen aber machen Unterschiede zwischen den Menschen: Get und Pap sind für sie die größten Unmenschen, dann folgt Mup. Darin sind sie sich einig. Sie lieben nur Toti, die Tochter des Hauses. Toti grämt sich über die scharfen Begrenzungen zwischen Beeten und Wegen, auf denen kein Löwenzahn wachsen darf. Grämt sich über das Stutzen, Schneiden und Pflücken, über das Ordnung-muss-sein. Den Zirkel müsst ihr nehmen, das Lineal, damit’s noch genauer wird!, spottet sie. Wie soll denn das sonst aussehen, sagt Pap und balanciert über die Kacheln. Ja wie, flüstert Toti verträumt. Wie schön! Sie kann doch Unkraut nicht von Blumen unterscheiden, sagt Mup. Ich will es gar nicht können!, schreit Toti. Rennt über die rasierte, nie blühende Wiese, verschwindet im Haus, wirft sich aufs Bett, schluchzt in den geblümten Bezug.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Der Garten war Get, Pap und Mup noch nie grün gewesen, obwohl er so ausgesehen hatte. Nun sieht er nicht einmal mehr so aus, sondern grau und braun. Die Flora zieht sich in den Untergrund zurück. Den Blumen ist es zu bunt geworden. Zorn hat sich in den Stauden angestaut. Zurück zu den Wurzeln!, ist die Losung. Der Buschfunk verbreitet es. Die Pflanzen rotten sich unterirdisch zusammen, verbünden sich. Sie planen, ihre Kräfte aufzusparen, um in einem der nächsten Frühjahre wieder hervorzubrechen – so weit, bis sich die Geräteschuppen öffnen, Get und Pap angreifen –, um dann zu wuchern mit der geballten Kraft vieler Sommer.

Get macht drei Schnitte an der Hecke, da verbiegt sich die Schere. Armstarke Äste umklammern ihn. Gehölz schließt ihn ein. Pap fährt mit dem elektrischen Mäher einmal vor und wieder zurück, da fahren ihm Schlinggewächse zwischen die Beine. Er stürzt zu Boden, gerät beinahe in die rotierenden Messer. Toti kappt im Haus das Kabel.

Über alles andere wächst Gras

Mup denkt vor Angst nicht an Farbenpracht und Blütenduft. Sie ist im Haus gefangen. Gesträuch verschließt die Tür. Nur vor Totis Schritten teilen sich die Kräuter, geben die Zweige nach, bieten die Äste Halt. Der Garten lässt sie ein und aus. Befreit nur sie. Über alles andre wächst Gras.

Aus: Kuhn, Christoph: Im Gegenlicht. Erzählungen mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio SchumacherGebler GmbH, 80 S., ISBN 978-3-941209-29-9, 12,90 Euro

Befreit von Raum und Zeit

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ewigkeit: Interview mit George Alexander Albrecht, dem Musiker und in der Sterbebegleitung tätigen Hospizmitarbeiter

Im vorletzten Teil beschäftigt sich unser Glaubenskurs mit der abschließenden Formulierung des Vaterunser »in Ewigkeit«. Mit dem Dirigenten Professor George Alexander Albrecht sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Albrecht, wir wollen heute über ein großes, geheimnisvolles Thema sprechen: Ewigkeit. Wie stehen Sie zu ihr?
Albrecht:
Es gibt kaum ein größeres Thema. Ewigkeit heißt, ich bin befreit von Raum und Zeit. Es gibt kein Gestern, kein Heute, kein Morgen. Sterbende haben das deutliche, unwiderlegbare Gefühl: Ich bin ewig. Ich bin überzeugt, auch Neugeborene wissen das. Eine Studie von Hirnforschern beschäftigt sich damit, dass das Gehirn ein Wissen mitbringt, von dem ich behaupte, dass dasselbe Gehirn im Alter, in der letzten Lebensminute dieses Wissen wiedererlangt. Das heißt, wir kommen daher, wo wir hingehen. Wir gehen dahin, wo wir herkommen. Neugeborene wissen das noch, und die Sterbenden wissen es wieder, können es aber oft nicht sagen. Denn auch im Nahtoderlebnis geht es um die Befreiung von Raum und Zeit. Man hat die klare Erkenntnis: Ich bin ewig. Das empfinden alle ausnahmslos, egal, ob sie glauben oder nicht.

GuA-20-2015-logoSie begleiten Sterbende, Gläubige und Atheisten. Sterben Menschen, die glauben, leichter als solche, die nicht glauben?
Albrecht:
Leicht ist es nie, aber wer glaubt, stirbt nicht so qualvoll schwer, wie der, der nichts glaubt. Gläubige, ob es Christen, Moslems, Juden oder Buddhisten sind, sterben leichter. Ich begleite seit vielen Jahren Sterbende, die nichts glauben. Etwa zwei Drittel der Sterbenden, die ich begleitet habe, waren Nichtglaubende. Aber im Moment des Todes werden alle gläubig. Das ist ein unglaubliches Phänomen.

Tatsächlich?
Albrecht:
Ich erzähle Ihnen ein, zwei Beispiele. Sehr oft beginnt die Bekanntschaft, indem die Betreffenden sagen: »Ich glaube nichts, mit mir können Sie über Religion nicht reden.« Dann antworte ich immer: »Das will ich überhaupt nicht. Wir wollen uns über das Wetter unterhalten, über die Menschen und vielleicht über Politik. Über Kunst und Musik oder worüber Sie wollen.«

Mission steht nie auf dem Programm. Aber die Menschen merken dann doch irgendetwas. Sei es, dass sie die Grundeinstellung spüren: Da ist einer, der akzeptiert mich, wie ich bin.

Eine Frau habe ich fünf Jahre besucht, ehe sie sterben konnte. Sie war seit Wochen verstummt und gelähmt. Sie konnte sich nicht bewegen und kein Wort kam mehr über ihre Lippen. Im Moment des Sterbens richtete sie sich auf, schaute auf die weiße Wand und sagte: »Ja, was ist denn das?« Und starb. Sie staunte, weil sie etwas gesehen hatte oder sich vor ihr ein Weg auftat. Es geht weiter.

George Alexander Albrecht, Jahrgang 1935, studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent, unter anderem der Berliner und Münchner Philharmonie, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig. Von 1996 bis 2002 war er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar. Der Katholik engagiert sich seit vielen Jahren in der Hospizarbeit.  Foto: Guido Werner

George Alexander Albrecht, Jahrgang 1935, studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent, unter anderem der Berliner und Münchner Philharmonie, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig. Von 1996 bis 2002 war er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar. Der Katholik engagiert sich seit vielen Jahren in der Hospizarbeit. Foto: Guido Werner

Ein Mann sagte mir: »Also ich bin Atheist. Ich glaube nichts und halte das alles für Fantasterei und Quatsch, was die Kirchen sagen.« Und dieser Mann flüsterte im Sterben plötzlich einen wunderbaren Satz: »Die Zivilisation hat Uhren, und die Natur hat Zeit.« Da schimmert schon so etwas wie eine Glaubensnähe durch. Dann sagte er ein paar Tage später und an dem Tag starb er: »Mit mir wird’s nichts mehr.« »So warum?«

»Das steht da oben geschrieben.« Ich antwortete: »Du bist mir ein schöner Atheist.« Kurzer Lacher.

Der dritte schöne Fall, den muss ich noch eben erzählen. Auch Atheist, er konnte überhaupt nicht mehr sprechen. Und ich wurde plötzlich wegberufen zu Konzerten nach Australien. Ich ging an sein Bett und sagte ihm: »Wir müssen uns verabschieden. Ich muss verreisen. Es kann gut sein, dass wir uns nicht wiedersehen.« Ich wusste genau, er stirbt in wenigen Tagen. Als er so traurig guckte, sagte ich: »Wir machen beide eine weite Reise, aber du kommst in das bessere Land.« Er musste lächeln und hat mit dem Kopf genickt. Atheist. Wunderbar. Solche Erlebnisse gibt es viele, und sie tun einem gut.

Sterbebegleitung – eine schwere und zugleich eine schöne Aufgabe?
Albrecht:
Es ist manchmal unendlich traurig. Aber diese Arbeit macht auch Freude. Man glaubt es nicht, aber es ist so. Und wir Christen haben, was sehr oft nicht beachtet wird, eine Religion der Freude. Wir haben Grund, uns nur zu freuen, selbst im Leid, selbst in der sogenannten Hoffnungslosigkeit, die es für uns überhaupt nicht geben darf. Wir könnten uns nur freuen, weil wir diese Zukunft haben, weil wir in das Licht kommen. Und Licht ist dasselbe wie Ewigkeit. Mehr kann man eigentlich nicht dazu sagen.

Der lange Weg ins Pfarramt

1. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologinnen: Für die Pfarrerstochter Henriette Barthels war der Weg in den kirchlichen Dienst vorgezeichnet

Als Henriette Barthels, Jahrgang 1938, den Weg zum Pfarrdienst einschlug, war das für Frauen noch nicht selbstverständlich. Angela Stoye sprach mit der Pfarrerin, die heute als Ruheständlerin in Gommern (Kirchenkreis Elbe-Fläming) lebt.

Henriette Barthels lebt heute in Gommern, wo ihr Vater einst Pfarrer war. Foto: Stephen Zechendorf

Henriette Barthels lebt heute in Gommern, wo ihr Vater einst Pfarrer war. Foto: Stephen Zechendorf

Frau Barthels, wie war Ihr Weg in die Theologie?
Barthels:
Ich bin in einer Pfarrfamilie aufgewachsen. Mein Vater war Pfarrer in Gommern. In meiner Schulzeit gehörte ich nicht zu den Pionieren, war nicht in der FDJ, ging aber selbstverständlich und gern zur Jungen Gemeinde und trug das Kugelkreuz. Den Besuch der Erweiterten Oberschule (EOS) ab 1952 in Magdeburg hat meine Familie schwer erkämpft. Ein Jahr später wurde ich der Schule verwiesen.

Wie das?
Barthels:
Im Frühjahr 1953 wurden die Pfeifferschen Stiftungen enteignet, und es gab eine Hetzkampagne. Auch die Oberschüler sollten sich per Unterschrift an der Hetze beteiligen. Das habe ich abgelehnt. Schwerwiegender war sicher die Teilnahme an den morgendlichen Schülerandachten im Dom und die Zugehörigkeit zur Jungen Gemeinde. Nach dem 17. Juni 1953 wurde der Schulverweis für die meisten Relegierten rückgängig gemacht. Weil mein Vater Superintendent des Kirchenkreises Eckartsberga wurde, lernte ich in Schulpforta weiter. Dort bin ich nach Abschluss der zehnten Klasse wieder geflogen. Zwar wurde dieser Beschluss in den Ferien ebenfalls rückgängig gemacht, doch ich wollte nicht mehr dorthin zurück. Eine Begründung für das Vorgehen der beiden Schulen habe ich nie bekommen.

Wie ging es weiter?
Barthels:
Mein Glück war das in Naumburg eröffnete Kirchliche Proseminar. Das besuchte ich ab Ostern 1955 für zwei Jahre. Ich gehörte zum dritten Jahrgang, der dort das kirchliche Abitur ablegte. Das war eine wunderbare Zeit. Endlich konnte ich ohne Angst lernen. Damit war der Weg in eine weiterführende kirchliche Ausbildung vorgezeichnet. Alle, die das nicht wollten, gingen in die Bundesrepublik. Meinen Kindertraum, Ärztin zu werden, mochte ich mir nicht so teuer erkaufen. 1957 begann ich, in Berlin Theologie zu studieren. 1960 haben mein Mann Berndt, auch Theologiestudent, und ich geheiratet. Dann kamen die Kinder. Mein Erstes Theologisches Examen habe ich in Halle gemacht.

Das Gesetz über die Pfarrvikarinnen der altpreußischen Union von 1952 sah vor, dass Frauen mit der Heirat ihren Dienst beenden mussten. Erst ab 1968 wurden verheiratete Theologinnen ordiniert. Wie war das bei Ihnen?
Barthels:
Es war mein Vater, der mich ermutigte, mein Studium samt Vikariat und zweitem Examen durchzuhalten. Die Zeiten ändern sich, sagte er.

Uns wurden fünf Kinder geboren, mein Mann war Pfarrer. Ich unterstützte ihn bei der Kinder- und Frauenarbeit, dazu kamen Kindererziehung und Haushalt. Da war ich sehr ausgelastet. Zudem wurde damals eine Theologin mit Kind im Predigerseminar nicht aufgenommen. Das war einfach nicht vorgesehen. Aber mein Vater sollte recht behalten.

Und wann war das?
Barthels:
Für mich 1973. Damals wurde ich gefragt, ob ich nicht als Pastorin weiterarbeiten wolle, und ich habe Ja gesagt. Mein Mann verließ damals den Pfarrdienst und wurde Orgelbauer. Ich wurde Pastorin in Altbelgern (Kirchenkreis Bad Liebenwerda). Von 1984 bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand 1998 war ich Pfarrerin in Roitzsch (Kirchenkreis Bitterfeld). Ich hatte gute Kolleginnen und Kollegen, bei denen »Frau auf der Kanzel« kein Thema war. Meiner Tante, der Pfarrvikarin Margarete Anz, Jahrgang 1910, ging das noch ganz anders.

Wie betrachten Sie heute die Jahrzehnte?
Barthels:
Ich finde es schlimm, wenn Kinder für den Beruf ihrer Eltern bestraft werden. Durch unsere Lebensentscheidung wurden leider unsere Kinder getroffen. Bis auf einen Sohn durften sie nicht zur EOS gehen. Ich habe der DDR die Sippenhaft sehr übel genommen. Unsere Kinder haben den zweiten Bildungsweg gewählt, sind ihren Weg gegangen und zufrieden. Ich sehe es inzwischen als Geschenk, dass mein Leben so verlaufen ist. Ich habe es mir zwar so nicht ausgesucht, aber habe Ja dazu sagen können.