Kirchenburgen aus der Vogelperspektive

30. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Siebenbürgen: Eine neue Buchreihe widmet sich der einzigartigen europäischen Kulturlandschaft in Rumänien

Ein neues Projekt dokumentiert die europaweit einmalige Kulturlandschaft der evangelischen Kirchenburgen Siebenbürgens. Beeindruckende Luftbilder lassen Vergangenheit und Gegenwart der Wehranlagen lebendig werden.

Mächtig und massiv, wuchtig und wehrhaft erheben sie sich auf ihren Anhöhen. Sie sind der weit sichtbare Mittelpunkt ihrer Dörfer und sogar Städte. Die Kulturlandschaft der Kirchenburgen in Siebenbürgen ist nach zahlenmäßiger Dichte und Bauweise bis heute einmalig in ganz Europa und fasziniert immer mehr Touristen aus dem In- und Ausland. Gleichzeitig zeugen diese Kirchen und ihre Wehranlagen am südosteuropäischsten Siedlungsgebiet der Deutschen vom Selbstbehauptungswillen jener Siedler, die als Katholiken im 13. Jahrhundert kamen und nach der Reformation als Protestanten die Region prägten und in ihren stolzen Trutzburgen manchen Stürmen der Geschichte trotzten.

Roth, Anselm: Über Siebenbürgen – Band 1. Kirchenburgen im Harbachtal, Schiller Verlag, Bonn 2015, 70 Seiten, viele Abbildungen, ISBN 978-3-944529-66-0, 19,90 Euro

Roth, Anselm: Über Siebenbürgen – Band 1. Kirchenburgen im Harbachtal, Schiller Verlag, Bonn 2015, 70 Seiten, viele Abbildungen, ISBN 978-3-944529-66-0, 19,90 Euro

Über 300 solcher Kirchenburgen gab es früher in Siebenbürgen, jenem Gebiet innerhalb des Karpatenbogens im heutigen Rumänien. Durch die Auswanderung seit 1990 hat die Kirche und Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen von über 110 000 Seelen 1988 auf derzeit nur noch 12 000 Gemeindemitglieder abgenommen. Viele Kirchenburgen sind seither verfallen oder wurden abgetragen.

Der deutsch-rumänische Schiller-Verlag hat nun ein publizistisches Großvorhaben gestartet: Im Rahmen einer achtbändigen Reihe sollen sämtliche evangelischen Kirchenburgen aus Siebenbürgen in ihrem jetzigen Zustand fotografisch dokumentiert werden, und das aus dem besonderem Blickwinkel der Vogelperspektive. Die Reihe ist sinnig überschrieben mit dem Titel »Über Siebenbürgen«. Die Bilder stammen von dem rumänischen Topfotografen Ovidiu Sopa.

Die neue Buchreihe leistet damit auch einen wertvollen Beitrag zur deutschen und evangelischen Erinnerungskultur in Siebenbürgen und Rumänien. Die Siebenbürger Sachsen identifizieren sich bis heute mit den Kirchenburgen als ihrer bedeutendsten Kulturleistung – und werden ihrerseits damit identifiziert.

Die Siebenbürger Sachsen haben als Siedler im 13. Jahrhundert Dörfer und Städte in der Region gegründet und dabei Kirchen und Kirchenburgen mit erbaut. Es waren Bürger in den Städten und Bauern auf den Dörfern, die diese europäischen Kulturdenkmäler geschaffen haben. Faszinierende Bauten, die schon in ihrer Architektur und Bauart den wehrhaften Charakter der Frömmigkeit der Deutschen fern des Mutterlandes repräsentieren, vor wie nach der Reformation. Es ist zudem ein Spezifikum der Reformationsgeschichte Siebenbürgens, dass es dort keinen Bildersturm gab. So ist neben den beeindruckenden architektonischen Bauleistungen der Kirchenburgen auch eine nicht weniger imposante Zahl an kunsthistorisch bedeutenden vorreformatorischen Flügelaltären erhalten wie etwa in Mühlbach, Birthälm oder Tartlau.

Der Autor der Begleittexte und Herausgeber Anselm Roth und sein Verlag wollen nun die gesamte Landschaft dieser Kirchenburgen aus der Luft erschließen. Es wirkt charmant, dass hier gerade nicht mit den berühmten Bauwerken wie etwa Birthälm oder Deutsch-Weißkirch begonnen wird, die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Dies entspricht dem Anliegen des Projektes, allen Kirchenburgen gerecht zu werden und nicht wie in manch anderem Band nur die ohnehin prominenten Prestigeobjekte vorzuführen.

Der vorliegende erste Band widmet sich dem Harbachtal nordöstlich von Hermannstadt. Konkret werden die Kirchenburgen zwischen Hermannstadt/Sibiu und der Region Agnetheln gezeigt. Mit der auf acht Bände angelegten Reihe kündigt sich ein großer Wurf an, der eine Kulturlandschaft von europäischer Bedeutung in eindrucksvollen Bildern festhalten wird. Sie sind zeitgeschichtliche Zeugnisse, laden gleichzeitig zur historischen und kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den hier gezeigten Orten und Kirchenburgen ein, vor allem aber ganz konkret zum Reisen und Besuchen.

Jürgen Henkel

Dr. Jürgen Henkel ist Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Er leitete von 2003 bis 2008 die Evangelische Akademie Siebenbürgen/EAS in Hermannstadt.

Roth, Anselm: Über Siebenbürgen – Band 1. Kirchenburgen im Harbachtal, Schiller Verlag, Bonn 2015, 70 Seiten, viele Abbildungen, ISBN 978-3-944529-66-0, 19,90 Euro

Frömmigkeit und Lebenslust

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Mit Prozessionen, Umzügen, Feuerwerk, Spiel und Tanz feiert Portugals Norden das Johannisfest. Mehr als eine Woche ist Braga dem Heiligen zu Ehren im Ausnahmezustand. Und noch ausgelassener geht es in Porto zu, beim Lammfleisch, Sardinen und Feuerwerk.

Ohne Vorwarnung saust das kleine Hämmerchen quietschend auf den Kopf . Ein buntes Plastikteil, wie es fliegende Händler an allen Ecken zum Kauf anbieten. Glück und Segen, erklären die Einheimischen dem verdutzten Festbesucher, soll das bringen. Denn für die Menschen im Norden Portugals ist das Johannisfest der Höhepunkt des Jahres, den die Jugend mit dem Gummihammer markiert. Einem von vielen Ritualen und Bräuchen, mit denen der Heilige heute gefeiert wird.

Natürlich in Tracht: Zum Dankumzug zu Ehren Johannes des Täufers schlüpfen Alt und Jung in tradiitonelle Trachten und Kostüme. Foto: Picture alliance/Robert Mulder

Natürlich in Tracht: Zum Dankumzug zu Ehren Johannes des Täufers schlüpfen Alt und Jung in tradiitonelle Trachten und Kostüme. Foto: Picture alliance/Robert Mulder

Seit Jahrhunderten symbolisiert die Johannisnacht, eine der kürzesten des Jahres, die Herrschaft des Lichtes über die Finsternis, den Kern jeder christlichen Botschaft. Einen Einschnitt im Kalenderjahr, der die Menschen seit je zu Sprüngen durchs Feuer oder rituellen Bädern ermunterte. Und noch heute pilgern Portos Bürger traditionell zum Sonnenaufgang in den Vorort Foz de Douro, um mit einem kurzen Bad im kalten Atlantik dem alten Mythos zu frönen.

Zum Fest sind die Johannes dem Täufer geweihten Altäre geschmückt, krönen Blumen seine Standbilder. In Braga gibt es Johannes zu Ehren am Vortag seines Festes sogar einen großen Dankesumzug, eine Parade mit Folkloregruppen aus der ganzen Region Minho. Männer und Frauen stehen in ihrem Mittelpunkt, allesamt in Tracht. Einige tragen Körbe mit Brot und Wurst auf dem Kopf, Marschverpflegung für die Johannespilger. Andere schleppen große Trommeln mit sich. Bunte Girlanden grüßen S. Joao de Braga und S. Joao de todo o mondo – Johannes in Braga, und aller Welt. Auch im Norden Portugals denkt man heute global. Und dazwischen tanzen die Gigantones und Cabecudos. Kleine und große Pappkameraden, deren Verwandte bei uns am Rosenmontag zur Belustigung unterwegs sind.

Volksfrömmigkeit von ihrer schönsten Seite ist das, ausgelassene Lebenslust. Und wie immer bei großen Festen wird gut gegessen. Kohlsuppe, »Caldo verde«, gehört zu den traditionellen Johannis-Gerichten, vor allem aber Sardinen, die an allen Ecken gegrillt werden. »Früher«, klärt uns ein Volkskundler auf, »hat man in Gedenken an den biblischen Taufakt junge Lämmer verspeist«. Die aber seien den Feiernden eines Tages zu teuer geworden, sodass der im Sommer reichlich vorhandene Fisch zum Ersatz wurde.

»Portugals Rom« nennt sich Braga selbstbewusst. Das Etikett verdankt die Stadt dem Sitz des portugiesischen Erzbischofs, vor allem aber ihren vielen Kirchen. Nirgends im Land auch finden sich so viel Devotionalienläden und religiöse Buchhandlungen. Mehr als eine Woche dauert das Johannisfest hier, wechseln Ausstellungen und Konzerte mit folkloristischen Umzügen und religiösen Prozessionen. Und jeden Abend erinnern illuminierte Bilder an den Grund der Feiern. An die Taufe des Menschensohnes, bei der in Gestalt einer Taube der Heilige Geist auf Jesus herabgekommen ist. Dazu, heißt es in der Bibel, hat Gott Vater aus dem Himmel gesprochen: »Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« (Lukas 3,22). Alle vier Apostel haben diese Szene in ihren Evangelien festgehalten. Ein Ereignis, das viele frühchristliche Künstler inspiriert hat und für die katholischen Portugiesen im Norden des Landes bis heute gewichtiger als Weihnachten ist.

Dominiert in Braga die Volksfrömmigkeit, treibt in Porto die reine Lebenslust die Menschen auf die Straßen. Seit 1911 ist der 24. Juni hier selbst gewählter, offizieller Feiertag. »Damals konnten die Bewohner zwischen diesem Datum, dem ersten Mai und Maria Empfängnis wählen«, erzählt Susana, die Fremdenführerin, im Café Majestic, Portos renommiertestem Kaffeehaus. Johannes machte das Rennen und wenn immer es in Porto Großes zu feiern gibt, ist der 24. Juni gefragt. So wurde der Grundstein für die Stadthalle ebenso an diesem Tag gelegt wie der zur Brücke über den Douro. »Auch Portos Fußballer«, schwärmt Susana, »feierten einen der wichtigsten Auswärtssiege über den Erzrivalen Lissabon am Johannistag.«

Die Altstadt ist Portos Festzentrum. Die Uferpromenade am Douro, wo auf großen und kleinen Grills Tausende von Sardinen brutzeln. Portwein beflügelt die Nachtschwärmer beim traditionelle Mitternachtsfeuerwerk, das wie das Konzert vorher live im Fernsehen übertragen wird. Ganz Portugal soll so an der Johannisnacht teilhaben, die für viele noch immer magische Kräfte hat.

Am eigentlichen Festtag, dem 24. Juni, schläft Porto erst einmal aus. Spät mittags aber, zur traditionellen Regatta der Portwein-Schiffe, sind alle wieder am Douro versammelt, der hier in den Atlantik mündet. Zum großen Wettsegeln der Sherry-Fabrikanten, die auch heute ihre Keller geöffnet haben. Zur Freude vieler Besucher, die sich dort an »Gottes Nektar« laben, wie die Einheimischen den Portwein nennen.

Günter Schenk

Wenn Malen zum Gebet wird

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Signe Kogge studierte sakrale Kunst in Riga und ist heute Ikonenmalerin in Volkenroda

Behutsam wie ein Kleinkind trägt sie es, in eine schützende Decke eingeschlagen, hinüber in die alte Klosterkirche. Dort präsentiert Signe Kogge scheu lächelnd ihr wichtigstes Bild: eine Christusikone. Nach der Passionszeit hat sie wieder ihren Platz im ehrwürdigen Gemäuer, ergänzt gleichnishaft das durch Wurmfraß zerstörte Antlitz Christi auf dem mittelalterlichen Kruzifix.

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Signe Kogge wurde 1983 in der lettischen Hauptstadt Riga geboren, besuchte ein deutsches Gymnasium. Danach eine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands errichtete christliche Akademie für soziale Berufe, Theologie und sakrale Kunst. Letzteres wurde ihr Hauptfach mit der besonderen Ausbildung zur Ikonenmalerin. Im Rahmen einer »Europäischen Sommerschule« kam die zur lutherischen Kirche gehörende junge Frau 2005 nach Volkenroda bei Mühlhausen, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit zwei Kindern lebt und arbeitet das Ehepaar heute in der Klostergemeinschaft mit.

Was für einen flüchtigen Betrachter zunächst wie ein starres Reproduzieren einmal vorgegebener Motive erscheint, ist für die Ikonenmalerin ein spiritueller Prozess. »Fenster zum Himmel« werden die Bilder mit den Porträtdarstellungen von Christus, den Aposteln, den Heiligen und vor allem auch von Szenen aus dem Leben Christi gern genannt. »Ikonen können das Evangelium erklären, Glauben anschaulich und verständlich machen«, erklärt Kogge. Jede Geste der Hände, jede Fußstellung der Dargestellten, jeder abgebildete Gegenstand hat eine symbolische Bedeutung, die der Maler kennen muss. Dazu kommen die sachgerechte Vorbereitung der Holztafeln als Malgrund und die richtigen

Farben: nur Eitempera mit natürlichen Pigmenten. Denn Künstliches, Synthetisches hat auf einem Bild des Heiligen nichts verloren.

Das Wichtigste aber ist die innere Haltung: »Bei einem normalen Bild denke ich mir aus, was ich darstellen will oder ich lasse meinen Emotionen freien Lauf«, sagt Signe Kogge. Doch bei einer Ikone steht die Meditation über einem Bibelwort, steht das Gebet am Anfang.

Einer der wichtigsten Sätze, den sie von ihrer Meisterin in Riga mit auf den Weg bekam: »Die Ikone, die du malen sollst, muss zu dir kommen.« Man kann nicht einfach eine Kopie machen. »Eine Ikone muss zuerst als inneres Bild entstehen. Und das Malen selbst ist ein Gebet«, sagt Kogge. »Meine Hand malt, aber eigentlich malt dann ein anderer das Bild«, beschreibt sie ihre Erfahrung.

Dabei erschrickt sie manchmal sogar über die eigene Linienführung, über eine Farbe, die sie aufträgt. Sie erinnert sich: Auf einem Christusgesicht entstand plötzlich der Eindruck von Tränen. Mehrfach versuchte sie, den »Fehler« zu überarbeiten, ohne Erfolg. Doch gerade diese Ikone hat später einen Gast im »Kloster auf Zeit« in Volkenroda besonders tief im Herzen angerührt. Wie eine Ikone zunächst zu ihr kommen muss, »so muss eine Ikone auch ihren Besitzer finden«, ist sie überzeugt.

Gern würde Signe Kogge irgendwann einmal einen Ikonenmalkurs organisieren. Noch allerdings weis sie nicht wie. Ein anderer Satz ihrer alten Lehrerin ist ihr aber fest in Kopf und Herz: »Die Ikonen zeigen dir, wie du das machen musst.«

Harald Krille

Der Himmel – ein Bild für die Ewigkeit

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

»in Ewigkeit« – Glaubenskurs zum Beschluss des Vaterunser

Das dauert ja ewig! Dort war ich ewig nicht! – Redensarten, die ein Wort als Zeitangabe benutzen, das von mehr redet, als nur von der Zeit. Es weist hin auf eine andere Wirklichkeit, für die unsere Zeitvorstellung nicht passt und in der es nicht um Menge, sondern um den Wert geht. Wenn die Bibel von der Ewigkeit spricht, spüren wir den Hauch einer anderen Dimension (2. Korinther 4,18). Wir ahnen deren Wirklichkeit, erleben sie manchmal in unserem Herzen und in unserer Gemeinde, aber wir können sie nicht gedanklich umfassen oder gar beschreiben. Schon deshalb ruft Ewigkeit bei manchen eine Sehnsucht hervor, die sie selbst kaum erklären können, weil sie mehr fühlen als denken, dass es mehr geben muss als das altvertraute »drei mal drei ist neune« oder die erschlagende Logik der PC-Systeme. Aber viele Zeitgenossen misstrauen ihrem Gefühl und wagen nicht, sich ihrer Sehnsucht bewusst zu werden. Sie fliehen in die Gegenwart und mühen sich, den Himmel auf Erden zu schaffen. So vergeblich diese Mühe ist – kann man denn denken, dass die unendliche Weite des Himmels über uns nur eine »Kurzstrecke« ist gegenüber dem Himmel, von dem die Bibel spricht und der die Ewigkeit ausmacht? Dass der sichtbare Himmel bestenfalls ein schwaches Bild ist für die Ewigkeit mit Gottes neuem Himmel und neuer Erde (Offenbarung 21,1)? Geht etwa einer Generation der Himmel verloren, weil sie noch Sehnsucht, aber keine Geduld und kein Wissen mehr hat für die Ewigkeit und deshalb alles immer sofort, im Heute und Hier erleben muss?
GuA-20-2015-logo

Können wir Christen Antworten geben, Sehnsucht wecken, Geduld schulen? Kommt der Himmel, das ewige Leben in unserem tagtäglichen Leben vor? Sprechen wir über diese Perspektive?

Bei Paulus (Römer 14,8) entdecken wir, dass unser Leben vor Gott ein Ganzes ist: »Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.« Der Satz öffnet die Perspektive Ewigkeit: Das Leben wird ewig in einer Beziehung mit Gott! Indem ein Mensch die Einladung Gottes annimmt und sich in diese Beziehung begibt, gewinnt sein Leben Ewigkeitswert: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.« (Johannes 3,16). – Hier geht es nicht um eine Verlängerung unserer Lebenszeit, sondern um einen Qualitätssprung, der heute und hier erlebbar wird und vor Gott schon erfolgt ist. Doch weil es für uns nicht immer sofort sichtbar wird und wir vom Heute so fasziniert und beansprucht sind, hat unsere Generation vergessen, von der Ewigkeit zu erzählen. Die Freude auf den Himmel ist verloren gegangen. Die Dimension Ewigkeit ist weit weg und hat nichts mit unserem Leben zu tun. Doch wir verlieren die Hoffnung, gehen im Stress unter und haben nicht die Kraft Gutes zu tun, wenn wir den Himmel aus den Augen
verlieren.

Foto: Anna Lurye – Fotolia.com

Foto: Anna Lurye – Fotolia.com

Deshalb sucht uns Gott, der Vater, der vor aller Zeit war und von dem her wir kommen. Er will mit uns Gemeinschaft haben. In Jesus Christus ist er heute mit uns auf dem Wege und gibt uns Stück um Stück den Blick frei für seine Ewigkeit. Auch wenn wir noch zögernd glauben – in der Kraft des Heiligen Geistes nehmen wir wahr: Wir sind hineingenommen in Gottes Welt, seine Ewigkeit.

Die Ewigkeit im Blick
Wenn dein Auge auf die Ewigkeit gerichtet ist, wird dein Geist wachsen und deine Meinungen und Handlungen werden eine Schönheit bekommen, mit der keinerlei Bildung und Vorzüge anderer Menschen wetteifern können.

Ralph Waldo Emerson (1803–1882)

Das ist nicht der Himmel auf Erden, aber das Ewige leuchtet in unsere Zeit. So wird es zur Hoffnung und schafft Hoffnungsträger: Wir malen uns kein Paradies auf Erden aus, aber wir vertrauen Gott, dass wir im Leben und im Sterben in seiner liebevollen Vaterhand sind, heute und in Ewigkeit. Wie diese aussieht, weiß ich nicht. Aber die Worte der Bibel und meine Lebenserfahrung mit Gottes Wirklichkeit lässt mich fest vertrauen, dass es gut sein wird, voller Liebe und Frieden, ganz mit ihm (1. Korinther 15,28).

Thomas Günzel, Direktor des Evangelischen Allianzhauses Bad Blankenburg

Ein weiterer Beitrag zur »Ewigkeit« folgt in der nächsten Ausgabe.

Wir warten noch heute auf die Synthese von Seelsorge und Psychotherapie

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Priester, Psychotherapeut, Kirchenrebell – was Eugen Drewermann zum Thema Seelsorge und Beichte zu sagen hat

»Stärkung zur Umkehr« steht über einer Initiative des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesem Jahr. Umkehr, Buße und Beichte sollen dabei neu in den Blick genommen werden. Sabine Kuschel sprach über diese Themen mit dem Psychotherapeuten und früheren Priester Eugen Drewermann.

Herr Drewermann, wie stehen Sie zur Beichte?
Drewermann:
Es ist die Frage, wie man sie versteht. Katholischerseits ist die Beichte eines der sieben Sakramente und kann nur gespendet werden vom Pfarrer unter bestimmten Voraussetzungen. Da ist die priesterliche Amts­tätigkeit, die Vermittlung zwischen Mensch und Gott. Und die Beichte selber wird ausgeübt nach Art eines Richteramtes entsprechend dem Wortlaut: Wem der Priester die Sünden vergibt, dem sind sie vergeben. Da gilt der Priester gewissermaßen an Gottes statt.

Das alles ist von den Reformatoren abgelehnt worden, weil es so nicht in der Bibel steht und vor allem, weil es die Unmittelbarkeit des Vertrauens zwischen der menschlichen Person und der Person Gottes, wie Christus sie ermöglicht hat, einschränkt, stört und schädigt, statt sie zu bestärken und zu vermitteln.

Wie können Ihrer Meinung nach Schuldeinsicht gewonnen und Vergebung erfahren werden?
Drewermann:
Ein ganz anderes ist zu betonen. Nämlich wie wichtig eine Aussprache unter Menschen ist. Und da wäre im Sinn der Vereinigung des konfessionell gespaltenen Standpunkts die katholische Kirche an ihre eigene dogmatische Lehrvoraussetzung zu erinnern. Sie sagt, man kann nur als ein getaufter Christ die Beichte und Absolution empfangen. Wenn die Taufe wiederum nicht lediglich eine ritualisierte Form von Gnadenvermittlung ist, sondern die Wandlung des gesamten Lebens in Christus als Wirklichkeit zur Voraussetzung nimmt, dann allerdings kann man vertrauen, dass begangene Schuld, und sei sie noch so schwer, sich überleben und überreichen und überlieben lässt in Christus. Aber das wiederum ist ein langer Prozess. Und das Beste, was wir davon heute vermitteln können, dürfte sich dem anschließen, was im 20. Jahrhundert in vielfacher Weise als Psychotherapie entwickelt wurde. Das ist ein langsam voranschreitendes geduldiges Bemühen durch Vertrauen: langsam Einsicht in die eigene Biografie gewinnen, sie durcharbeiten und durch gefestigtere Standpunkte der Persönlichkeit nach und nach integrieren. So verstehe ich das Anliegen der Reformatoren.

Also ersetzen Sie die Beichtpraxis durch Psychotherapie?
Drewermann:
Das Vertrauen, dass Gott uns vergibt, lässt sich durch keine äußere Instanz ersetzen. Wir können psychologisch sogar sagen, es ist sehr wichtig, darum zu ringen, dass die Menschen, denen man Schaden zugefügt hat, fähig werden zum Vergeben. Aber das kann man in so vielen Fällen gar nicht selber leisten oder erwirken. Es bleibt am Ende außerordentlich schwer, sich mit der Schuld der eigenen Vergangenheit nach und nach zu versöhnen, sich selbst zu vergeben.

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Eugen Drewermann: Der kritische Theologe, der vor zehn Jahren aus seiner katholischen Kirche austrat, wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt. Fotos: epd-bild/Friedrich Stark

Der Protestantismus hat in meinen Augen vollkommen recht, denn er betont, Glauben hat mit der Überwindung der Angst, mit der Geborgenheit in Christus und der Reifung der Persönlichkeit zu tun. Der Katholizismus müsste an dieser Stelle sich selbst beim Wort nehmen. Man kann nur aus Gnade befähigt werden, Gnade zu empfangen. Ein Mensch ist allein zur Versöhnung, zur Umkehr, zur Wahrheitsfindung, zur reifenden Ehrlichkeit seiner Person imstande, wenn er glauben kann, dass er selber akzeptabel sei. Wenn er all den Verneinungen gegenübertritt, die sein Leben durchzogen haben.

Eine Psychotherapie, bei der kein Sündenregister erstellt wird, sondern der Mensch Geduld, Verständnis und bedingungslose Annahme erfährt?
Drewermann:
Psychotherapie in diesem Sinne ist ein Verfahren, nicht zu verurteilen, gerade nicht ein Bußgericht von außen anzustrengen, wie das in der katholischen Beichtpraxis immer noch geschieht. Sondern ohne zensieren, ohne Wertung, in möglicher Zuwendung und Akzeptanz, im gewissen Sinn voraussetzungslos den anderen so zu sehen, so zu verstehen, so anzunehmen, wie er nun mal ist. Das ist ein Aufgreifen vor allem der therapeutischen Arbeit, die Jesus im Neuen Testament in der Vielzahl der Wunderheilungen den Menschen schenkt. Er überwindet durch seine voraussetzungslose Annahme der Menschen all das, was man an Bösem in ihnen finden mag.

Im Römerbrief heißt es: Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt …
Drewermann:
Martin Luther hat 1520 in seinem Traktat über die Freiheit eines Christenmenschen einmal gemeint: Wenn ihr gute Werke sehen wollt, müsst ihr auf die Person schauen. Und wollte damit sagen: Es geht so vieles in den Menschen vor sich. Wenn ihr schon auf die Hände der Menschen schaut, müsst ihr sehen, wie sie zittern oder sich zu Fäusten ballen. Die Menschen haben eine ganze Biografie hinter sich.

Im Abstand von über 500 Jahren müsste man hinzufügen: Je mehr man begreift, was Menschen tun, wird man verstehen, dass sie Böses gar nicht tun wollen. Was sie tun, mag sehr, sehr böse sein. Aber was in ihnen vor sich geht, ist ein Ringen gegen und mit sich selber. Luther will weiter sagen, es mangelt in aller Regel nicht daran, dass Menschen nicht wüssten, was Gut und Böse ist. Es zerbricht in ihrer eigenen Persönlichkeit die Möglichkeit, das zu tun, was sie selber wirklich wollen. Das ist Römerbrief, Kapitel fünf bis sieben. Das hat Luther als Erfahrung dem Christentum zurückgegeben mit Berufung auf Augustinus und Paulus.

Keine Theologie und Seelsorge ohne Psychologie?
Drewermann:
Die Seelsorge selber müsste psychotherapeutische Qualität annehmen. Den Psychotherapeuten kann man sagen, ihr versucht, in einen Menschen, den ihr noch nicht kennt, ein Vertrauen zu setzen, das sich rein empirisch vielleicht gar nicht rechtfertigt lässt. Insofern hat alles, was ihr tut, ob ihr an Gott glaubt oder nicht, eine religiöse Dimension. Den Seelsorgern müsste man sagen, es hat keinen Sinn, sich in die Position dessen zu setzen, der im Namen Gottes Rat zu erteilen wüsste. Das Wichtigste ist hinzuhören, was Gott in der Seele eines Menschen, der sich an euch wendet, zu sagen hat.

Alles Heil ist konkret. Insofern müssten beide voneinander lernen: die Seelsorger von all dem, was Menschen guttut und was man in psychotherapeutischen Gesprächen methodisch und inhaltlich gelernt hat. Und umgekehrt ist Psychotherapie ohne ein absolutes Vertrauen im Hintergrund kaum durchführbar. Auf diese Synthese aber warten wir.

Warum kommt diese Synthese bisher nicht zustande?
Drewermann:
Sie wird zum einen in der Theologie nicht wirklich angestrebt. Theologischerseits fürchtet man, dass, wenn Gott in der menschlichen Seele gefunden würde, er dann näher erklärt werden könnte. Und auf der anderen Seite: Viele Psychotherapeuten sind heute der Auffassung, dass, wenn von Gott die Rede ist, man einen komplexbelasteten Begriff aus den Kindertagen mit durchs Leben schleppt. Die Therapeuten müsste man heilen von einer Art praktischem Atheismus. Beide Standpunkte sind falsch. Die Menschen frei zu machen, bedeutet auch, sie ein Stück weit auf Gott hinzuführen oder sie sogar als von Gott als begleitet zu betrachten. Und umgekehrt, Gott tiefer zu verstehen in der Seele der Menschen heißt gerade nicht, ihn zu leugnen, sondern wie jetzt gerade zu beobachten: Die Blumen reifen, gerade weil sie die Sonne in sich tragen.

Statements allein helfen nicht

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Als Kofi Annan seine Rede beendet, erhält er donnernden Applaus. Die größte Halle des Stuttgarter Kirchentags, die 10 000 Besucher fassende Hans-Martin-Schleyer-Halle, war restlos überfüllt beim Thema »Die Welt ist aus den Fugen«.

Es ist dringend nötig, dass wir als Kirche endlich wieder begreifen, dass die Sorge um den Frieden nicht eine unter vielen ist, sondern dass sie im Zentrum unseres Glaubens steht«, begrüßt der ARD-Journalist Arnd Henze die Teilnehmer der Veranstaltung. Denn genau darum soll es in den folgenden zwei Stunden gehen. Unter dem Motto »Die Welt ist aus den Fugen« diskutieren der ehemalige UN-Generalsekretär Annan mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und dem anglikanischen Bischof Nick Baines über die Weltlage.

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Gemeinsame Verantwortung für die Welt: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l.) und der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan trafen am vergangenen Sonnabend beim 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart zusammen. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Der Fall des Eisernen Vorhangs habe die alte, in Ost und West getrennte Weltordnung zerstört, sagt Steinmeier. Doch eine neue Weltordnung sei nicht an ihre Stelle getreten. »Wir leben in einer neuen Welt auf der Suche nach einer neuen Ordnung«, so der Außenminister. »Das Aufkommen neuer, nicht staatlicher Akteure, wie IS oder Boko Haram, die Verbindung von mittelalterlicher Barbarei und Internet, entlädt sich in einer Vielzahl von Krisen rund um den Erdball.«

Doch Steinmeier, dessen Vortrag immer wieder von Applaus unterbrochen wird, macht auch deutlich, dass Frieden nicht einfach so entstehe. »Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen«, sagt Steinmeier. Und fügt hinzu: »Er entsteht nicht durch Unterschriftenlisten oder öffentliche Erklärungen.« Nötig sei vielmehr gewachsenes Vertrauen – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Israel und Deutschland entstanden sei. Steinmeier nannte das »ein Wunder«. »Und wer sagt, dass so ein Wunder nicht auch zwischen Israel und Palästina möglich sein könnte?« Aber: Auch die Deutschen müssten bereit sein, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Dagegen erklärt Kofi Annan, er glaube nicht daran, dass die Welt außer Kontrolle geraten sei. »Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine Menge erreicht«, so der aus Ghana stammende Diplomat. So sei die Zahl der Hungernden weltweit in den letzten 25 Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Doch die Welt habe noch kein Konzept, um den globalen Terrorismus zu bekämpfen. »Afghanistan, Libyen und Syrien zeigen die Grenzen militärischer Einsätze«, so Annan. Neben den Herausforderungen des Klimawandels und der Flüchtlingskrise, vor denen die Welt steht, macht der frühere UN-Generalsekretär auf die Vorteile der Globalisierung aufmerksam. »Globalisierung bedeutet, dass Nachrichten und Bilder aus Kriegen und Massakern schnell viral werden«, so Annan. Durch die sozialen Netzwerke werde jeder Smarthphone-Besitzer zu einem Journalisten. »Wir können nicht länger sagen, dass wir nicht wussten.«

Und die Kirchen? »Die Kirchen haben eine Verantwortung für die, die sonst keine Stimme haben – die Migranten, die Armen«, sagt der anglikanische Lordbischof von Leeds, Nick Baines. Man könne aber auch nicht die Welt verändern, »indem man State­ments macht«. Das in den 1980er Jahren noch vielfach geforderte Friedenskonzil sieht er kritisch. »Konferenzen stehen immer in der Gefahr, dass man glaubt, man hat etwas erreicht, weil man mal miteinander gesprochen hat«, so Baines. Kritisch äußert er sich zur Rolle der Kirchen im Ukraine-Konflikt. »Es ist immer ein Problem, wenn die Kirche zu dicht an den Mächtigen steht«, so Baines. Für die Ukraine gelte das ganz besonders.

Benjamin Lassiwe

Persönliche Annäherung

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Klaus Metz gestaltete Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenös­sische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Im Hause Metz in Langenleiten in der Rhön leben drei Bildhauer unter einem Dach. Ihre Arbeiten sind vor allem in Kirchen zu sehen.

Es hatte wohl so kommen müssen. Wer in der Werkstatt zwischen Hobelspänen groß wird, wer mit fünf Jahren das erste Mal eine Figur aus Holz schneidet, der muss später ein Holzbildhauer werden. So wie der Vater einer ist. Also wurde Klaus Metz Bildhauer. Mit achtzehn begibt er sich in die Lehre, natürlich bei seinem Vater, Günter, der noch heute 74-jährig in der Werkstatt steht. Er, der in der bayerischen Rhön weithin bekannt ist für seine Krippenfiguren, wird strenger Meister für den Sohn. Ein so strenger, dass der Sohn als frischer Geselle 1987 bei einer Leistungsprüfung Bundessieger in seinem Handwerk wird.

Vom Vater lernen, ja, das konnte Klaus Metz. Ihm nacheifern aber wollte er nicht. Das Vorbild war zu groß, »ich wäre nicht rangekommen«, sagt er. Also schafft er keine Krippenfiguren für die Kirchen der Rhön. 1990 beginnt er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Im Unterschied zu den Kommilitonen beschränkt er sich ganz auf das kleine Maß. Zehn Zentimeter höchstens, darf eine Figur messen. Meist sind es Tiere, die er formt. Und die er bis heute häufig gestaltet, aus Holz, Bronze, Stein, wenn auch im größeren Maß. Was der Künstler Klaus Metz nachbildet, muss der Mensch Klaus Metz zunächst erblickt haben. Der Schöpfungswille, die Schönheit eines Lebewesens ist ihm Anregung. »Es passiert in bestimmten Momenten, dass ich beim Sehen eines Tieres oder Menschen für Bruchteile von Sekunden eine Figur spüre. Dieses Spüren ist so stark, dass es für mich zum Leitfaden wird«, beschreibt er den Prozess. Was er erspürt, bringt er als Handwerker zur Form. Schön soll die Figur sein und gut. Und wenn sie zu leben beginnt, dann wird Kunst daraus.

An das Studium schließen sich Jahre als Meisterschüler bei Professor Wilhelm Uhlig an. 1996 beginnt für Klaus Metz die freischaffende Arbeit als Bildhauer. Er geht zurück in die Rhön, nach Langenleiten, jenen Ort in der Nähe von Bad Neustadt, wo der Beruf des Holzbildhauers Tradition hat wie nirgendwo anders in der Region. Bitterarm war die Gegend einst gewesen, die Schnitzerei unverzichtbarer Nebenerwerb. Heute geht es um die Kunst.

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Im Hause Metz sind gleich drei Werkstätten beieinander. Sie gehören Günter, Klaus und seiner Frau Heike. Auch bei ihr, der gelernten Erzieherin, hatte es so kommen müssen. Wer all die Jahre in der Werkstatt mithilft, wer selber Freude an Malerei, Grafik, Bildhauerei findet, der kann sich dem irgendwann nicht mehr nur nebenbei widmen. Zerrissen sei sie gewesen, erzählt Heike Metz, bis sie sich 2001 ganz für die Kunst entschied. Breit ist das Spektrum ihrer Arbeit, es reicht von Landschaften in Öl bis zu Stadtmodellen in Bronzeguss. Immer aber sind da auch sakrale Themen. Heiligenfiguren – Katharina, Thekla, Maria Magdalena – und Kreuze in Mischtechnik. Miniaturen von Kirchen im Zinnguss.

Es scheint, als sei es im Haus in der Lindenstraße in Langenleiten gar nicht anders möglich, als zur Kunst und mit ihr zur Kirche zu kommen. Auch Klaus Metz wendet sich, zurück in seinem Heimatort, wieder verstärkt jenen Themen zu, mit denen er groß geworden ist, schafft im Auftrag von Kirchen und Kommunen sakrale Figuren für den öffentlichen Raum vor allem in Thüringen. So viele Hobelspäne er als Kind um sich hatte, so oft war er mit seinem Vater in den Gotteshäusern. »Mich hat schon immer die Präsenz der Figuren dort gefangen genommen«, erzählt er. »Man kann immer wieder etwas Neues finden in ihnen.« Und im besten Falle komme man zur Ruhe, wenn man sie anblickt.

Das sollen auch die Bürger und Besucher von Schmalkalden, wenn sie in diesen Sommermonaten auf der Landesgartenschau oder später vor dem Hessenhof in der Stadt seine jüngste Figurengruppe sehen. Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen als überlebensgroße Figuren in Bronze. Die Annäherung an die historischen Persönlichkeiten sei ihm wichtig gewesen, erklärt er. Zeitlos sollten die Drei werden, von einer klassischen Form und mit einer Ästhetik, die auch in hundert Jahren noch verständlich ist. Und er wollte ihnen keine modischen Zugaben beifügen, kein Smartphone und keinen Minirock.

Er, der einst das Maß von zehn Zentimetern nicht überstieg, ist für diese Figuren an seine Grenzen gegangen. Künstlerisch und körperlich. Viele hundert Kilogramm, die sich nur noch mit einem Kran bewegen ließen. Er ist froh, als am Ende alle an ihrem Platz in Schmalkalden sind. Erleichtert, dass es gut gegangen ist. Auch dieses Mal.

Susann Winkel

»Meine liebste alte Dame«

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Eine Liebeserklärung von Fulbert Steffensky an die Bibel

Auf dem Kirchentag in Stuttgart sprach der Theologe, Professor Fulbert Steffensky, über seine Lebensbegleiterin, die Bibel, und was er an ihr besonders schätzt. Sein Vortrag in Auszügen.

Ich nenne zunächst, was ich von meiner liebsten alten Dame, der Bibel, nicht behaupten will. Meine alte Dame ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist unter Menschen geboren und hat eine Menschengeschichte. Meine alte Dame irrt sich gelegentlich, aber sie ist so charmant, dass ich ihr fast alle Irrtümer verzeihe. Meine alte Dame ist nicht streitsüchtig und behauptet nicht, neben ihr gäbe es keine anderen schönen alten Damen.

Fulbert Steffensky. Foto: Archiv

Fulbert Steffensky. Foto: Archiv

Warum liebe ich die Bibel, warum brauche ich sie? Ich nenne zunächst einen Grund, den ich bei jedem Buch anführen könnte, das ich liebe: Es ist schön, Texte zu haben, denen man vorrangig seine Aufmerksamkeit widmet. Solche Texte zu haben, sie zu lesen und sich auf sie zu verlassen ist in sich ein Glaubensakt. Nun kann man nicht alles in gleicher Weise lieben. Die Bibel habe ich zu meinem vorrangigen Buch erklärt. Ich bin aufmerksamer, wenn ich dieses Buch lese. Ich erwarte von ihr mehr, als ich von anderen Büchern erwarte, und so finde ich in ihr mehr Wahrheit und Schönheit, als ich in anderen Büchern entdecke. Die Bibel ist meine Lehrerin. Einer Lehrerin gibt man einen Vorschuss an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Nicht ich allein gebe ihr einen Vorschuss und vermute ihre Wahrheit. Ich tue es zusammen mit meinen Toten und lebenden Geschwistern. Wir, die Kirche aller Zeiten, lehren die Bibel uns zu weisen, indem wir auf sie hören, sie lesen und sie zur Lehrerin erwählen. So wird die Bibel zu einem kraftvollen Buch, weil es das Buch von vielen wird. Die Bibel ist das Kirchenbuch. Wenn ich sie lese, höre ich nicht nur auf sie, sondern auf alle, die sie mit mir lesen und vor mir gelesen haben. Die Auslegungen meiner Geschwister werden mir wichtig, nicht nur der Text des Buches. Trotzdem: Die ursprünglichen Worte der alten Lehrerin verliere ich nicht aus dem Ohr. Sie verhelfen mir dazu, dass wir uns nicht in der Wildnis der Auslegungen verlaufen.

Eine Anmerkung: Ich nenne die Menschen, die in einer langen Geschichte vor mir geglaubt und gehofft haben, in einer Kurzformel »Meine Toten«. Es ist für mich ein Ausdruck der Verbundenheit, der Zärtlichkeit und der Bewunderung für Menschen, die ihre Lebenssumme schon gezogen haben und die ich in der Hand Gottes glaube. Die Stimmen meiner Toten sage ich. Damit will ich sagen: in der Bibel finde ich nicht nur Texte, Lehren, Aufforderungen, losgelöst von Menschen. Es sind Stimmen, es sind Gesichter, die ich dort höre und sehe. Stimmen, die loben, wie meine Stimme loben kann. Es sind Gesichter, deren Augen Gott suchen, wie meine ihn suchen und meistens nicht finden. Ich habe es in der Bibel mit Gebeten, Hoffnungen und Liedern zu tun, die mir meine Toten vorgewärmt haben. Jeder Psalm ist der Rollator meines eigenen hinkenden Glaubens. Jede Freiheitsgeschichte facht meinen Freiheitsdurst an.

Und noch eins, es ist mir eigentlich das Wichtigste: Die Bibel ist schön. Schönheit meine ich nicht nur als einen formal-ästhetischen Begriff. Schön nenne ich auch die Würde und die moralische Verantwortung, die den Menschen etwa in der Bergpredigt zugemutet wird. Von den Armen und Leidenden ist die Rede, vom Hunger nach Gerechtigkeit in einer Welt von Unrecht; von Verfolgung und Schmähung. Bergpredigt! Schön ist der Aufruhr der Propheten. Schön ist der Jesus, der die eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten durchbricht, der das Kastendenken zerbricht, das die Frauen von den Männern trennt, die Verlorenen von den Gefundenen, die Frommen von den Sündern und die Einheimischen von den Fremden.

Vielleicht verwundert es, dass ich mit lauter Stimme die Schönheit preise. Wir haben vergessen, dass der Glaube schön ist. Wir waren so versessen darauf, dass er wahr ist; dass seine Sätze korrekt sein sollen. Man kann auf Dauer nur an etwas glauben, dessen Charme man entdeckt hat; also was man schön gefunden hat. Etwas schön zu finden, ist wichtiger als etwas nur für wahr zu halten.

Meine schöne alte Dame will nicht aus der Ferne bewundert werden, sie will besucht werden und sie will mich besuchen, nach Möglichkeit täglich. Sie erträgt es auch, wenn sie nur einmal in der Woche kommen darf. Wenn es weniger als einmal im Monat ist, fängt sie an zu murren und sie verweigert mir ihren Trost und ihre Weisheit. Ein Buch, in dem ich nicht lese, ist nicht mehr mein Buch. So lasse ich sie denn kommen, täglich oder wöchentlich oder wenigstens monatlich. Ich räume ihr eine feste Zeit ein. Ihre Besuche werden Sitte. Nichts geht ohne Sitten. Die Stimme der Bibel wird leise. Sitten und Gepflogenheiten verlieren in unserer Gesellschaft immer mehr ihre Selbstverständlichkeit, weil sie nicht mehr von allen oder mindestens von vielen getragen werden. Außerdem vergöttlichen wir die Spontaneität und die sogenannte Authentizität. Sitten scheinen uns kühl und eher eine Lähmung der Spontaneität. Was man aber regelmäßig und langfristig tun will, braucht die Kühle der Gepflogenheit. Bibellesen ist auch Arbeit und nicht nur eine spirituelle Sauna.

Wer regelmäßig mit der Bibel umgeht, für den ergibt sich so etwas wie die Bibel in der Bibel. Das heißt, besondere Texte, Psalmen, Geschichten der Bibel werden einem besonders wichtig. Ich plädiere dafür, dass wir einige Psalmen oder wenigstens Verse auswendig können. Sie sind ein Mundvorrat für magere Zeiten.

Ich habe am Anfang meines Vortrags etwas dreist gesagt: Die Bibel ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist unter Menschen geboren und hat eine Menschengeschichte. Über diesen Satz muss ich noch Rechenschaft geben. Wir sagen ja, die Bibel sei inspiriert. Wir sagen, sie enthielte das Wort Gottes. Manche sagen sogar, sie sei das Wort Gottes. In der katholischen Kirche hebt der Priester nach dem Evangelium die Bibel empor mit dem Satz: Wort des lebendigen Gottes. Also doch vom Himmel gefallen?
Es ist nicht so einfach. Das Wort Gottes ist entzifferbar in der Bibel. Das ist unser Trost. Aber zunächst ist die Sprache der Bibel durch menschliche Kehle gegangen. Das heißt sie hat Teil an der Wahrheit, aber sie ist Menschensprache; brüchig wie jede Sprache, die durch die Kehle der Menschen gegangen ist. Die Bibel ist nicht das Wort Gottes, sie ist wie alle Theologie eine Auslegung des Wortes Gottes, allerdings unsere vorrangige Auslegung. Sie ist nicht die Wahrheit, sondern die Auslegung der Wahrheit. Und noch eine Schwierigkeit: Uns trennen viele Jahrhunderte von jenen Auslegern. Wir müssen die Distanz akzeptieren, die uns von den Schreibern jener heiligen Worte trennt. Nie werden wir ihren Eigensinn ganz erfassen. Die Bibel zu zitieren, genügt nicht. Wir müssen sie übersetzen. Übersetzen heißt, eine Sache oder einen Menschen von einem Ufer zum anderen bringen. Wir haben eher gelernt, die alten Texte zu zitieren als sie zu übersetzen, d. h. an das Ufer unserer Zeit und der Horizonte unseres Denkens zu bringen. Wir kommen mit unserem Denken aus sehr alten Zeiten, in denen man geglaubt hat, die Wiederholung des Erbes sei schon die Aneignung des Erbes. Den Glauben aber haben wir an keiner Stelle anders als immer schon interpretierten Glauben, so auch in der Bibel.

Protestanten verstehen etwas vom Bilderverbot, vom Geheimnis und der Ungreifbarkeit Gottes. Ein Schimmer von Gottes Wahrheit ist in den Überlieferungen unserer Väter und Mütter, in der Bibel zu begreifen, aber nicht zu greifen. Nirgends gibt es das Wort Gottes pur. Seine Interpretationen im Lauf der Geschichte sind uns fremd und sie sind uns nah. Nirgends aber sind wir vom Schmerz und der Freiheit entbunden, den Glauben vom fremden Ufer an unser eigenes zu bringen. So muss jede Zeit neu lernen, den Namen Gottes zu entziffern.

Cranach in Erfurt

9. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Gemälde aus der Cranach-Werkstatt im Dom und Angermuseum

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt unterschied sich, seit sie vor rund 1 275 Jahren belegbar die Bühne der Geschichte betrat, in vielerlei Hinsicht von vergleichbaren Orten. Blicke vom Aussichtsturm an der Krämerbrücke oder von der einstigen Festung Petersberg lassen nachvollziehen, warum die Stadt im Mittelalter als »Erfordia turrita« (türmereiches Erfurt), als »thüringisches Rom« gepriesen wurde. Wegen seiner vorteilhaften Lage an der Hohen Königsstraße (Via Regia), aber auch wegen des für

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Landwirtschaft und erwerbsmäßigen Gartenbau günstigen Klimas, gelangte Erfurt zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand.
Über sieben Generationen ist Erfurt mit dem Namen der musikalischen Familie Bach verbunden. Von Weimar kamen auch Goethe und Schiller regelmäßig in das beiden »liebe Erfurt«. Im Gebäude der heutigen Thüringer Staatskanzlei fand 1808 die Begegnung zwischen Napoleon I. und Goethe statt. Innerhalb Thüringens war Erfurt seit dem späten 13. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum der Buchherstellung. In der Druckerei von Matthes Maler entstand beispielsweise das von Martin Luther redigierte erste evangelische Gesangbuch.

Doch welcher Platz gebührt in diesem kulturgeschichtlich so interessanten Umfeld der Malerfamilie Cranach? Es ist zum einen die enge Freundschaft, die Lucas Cranach den Älteren mit Martin Luther verband. Dieser hatte seit dem Jahr 1501 an der Universität Erfurt studiert und wurde im Juli 1505 Mönch im hiesigen Augustinerkloster. Auch als er schon lange in Wittenberg lebte, kam Luther immer wieder nach Erfurt. In der Stadt seiner Jugend, darin ist sich die Forschung einig, liegen wichtige Wurzeln von Martin Luthers Theologie und damit zugleich der Reformation. Doch neben dieser indirekten Verbindung gibt es in der Stadt auch zwei direkte Cranach-Anlaufpunkte: den Dom St. Marien und das Angermuseum. Im Dom ist es ein Altar, in den man – erst 1948 – das aus der Cranach-Werkstatt stammende Gemälde »Die Verlobung der heiligen Katharina« eingesetzt hat. Wie das Bild nach Erfurt kam, ist nicht nachzuvollziehen. In den Unterlagen des Doms taucht es erstmals im 19. Jahrhundert auf. Außerdem sind im Dom ab 1506 entstandene sogenannte »Pfeilerbilder« zu sehen. Sie zeigen überwiegend Themen, die in der katholischen Tradition Bedeutung haben.

Im Kunstmuseum am Anger haben zwölf aus der Cranach-Werkstatt stammende, beziehungsweise deren Umfeld zugeschriebene Gemälde ihren ständigen Platz gefunden. Highlights wie das signierte Cranach-Bild »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, befinden sich in der Ständigen Ausstellung des Angermuseums. Hierhergekommen sind sie zumeist durch Ankauf oder Tausch im beginnenden 20. Jahrhundert.

Heinz Stade

Ausstellung »Kontroverse und Kompromiss – Der Pfeilerbildzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhundert« vom 27. Juni bis 20. September im Angermuseum Erfurt und katholischen Dom St. Marien

Im Alltag mit Gott leben

5. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Nora Steen predigt im Abschlussgottesdienst des Kirchentages in Stuttgart – ein Interview

Nimmt sie im Fernsehstudio das »Wort zum Sonntag« auf, ist Nora Steen alleine. Beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages in Stuttgart wird die Hildesheimer Pastorin vor 100 000 Menschen predigen. Dass der Glaube die Menschen auch im Alltag erreicht, ist ihr ein Herzensanliegen. Davon handelt auch ihr Buch: »Das Wort zum Alltag.« Johanna Friese sprach mit ihr.

Frau Steen, »damit wir klug werden« ist das Motto des Kirchentages. Worüber werden Sie predigen?
Steen:
Der Predigttext für den Abschlussgottesdienst steht im 1. Königebuch. Darin geht es um den jungen König Salomo, der sich von Gott nicht Reichtum, Klugheit oder ein langes Leben wünscht, sondern ein hörendes Herz. Ich werde fragen: Was wäre heute ein hörendes Herz, etwa in der Flüchtlingsfrage? Was brauchen wir, damit unsere Welt eine andere werden kann?

Wie aufgeregt sind Sie, wenn Sie vor 100 000 Christinnen und Christen stehen?
Steen:
Ich freue mich sehr über diese besondere Aufgabe! Natürlich werde ich auch aufgeregt sein. Ich bin zugleich auch mit meinen Schülern da und werde mit ihnen zumindest in den ersten Tagen im Gemeinschaftsquartier übernachten. Beides freut mich und gehört für mich zusammen.

Nora Steen. Foto: privat

Nora Steen. Foto: privat

Das wird Ihr Abschied sein, danach gehen Sie für ein paar Jahre mit Ihrer Familie nach Lissabon, warum?

Steen: Ich habe schon in Indien und in der Schweiz gelebt und es war klar, dass ich noch einmal im Ausland leben möchte. In Lissabon werden mein Mann und ich die deutschsprachige Auslandsgemeinde leiten, eine kleine Gemeinde mit 350 Gemeindemitgliedern. Es ist eine Freiwilligkeitskirche – wir müssen unser Gehalt durch Schulunterricht und natürlich gute Gemeindearbeit selbst erarbeiten. Das finde ich spannend auszuprobieren.

Wie kamen Sie vor fünf Jahren zum »Wort zum Sonntag«?
Steen:
Ich bin seit 2009 Sprecherin von Morgenandachten im Radio und wurde dann gefragt, ob ich an einem Casting teilnehmen möchte. Ich hatte das Wort zum Sonntag nie zuvor geschaut und war erst unsicher, ob das Format mir entspricht. Es ist ein schweres Format, vier Minuten ohne Schnitte. Ich bin ständig auf der Suche, wie es besser gehen kann. Auf der anderen Seite ist es eine große Chance Menschen zu erreichen, die nicht mehr zu uns in die Kirchen kommen.

Jetzt haben Sie auch ein Buch geschrieben, das helfen möchte, Gott im Alltag zu entdecken. Wie kann ich Gott beim Wäschewaschen, Schuhe kaufen oder im ICE finden?
Steen:
Ich glaube, dass es möglich ist in den Banalitäten des Alltags immer mal wieder den Horizont aufzumachen. Im Buch handelt nicht jede Episode von Gott, aber trotzdem glaube ich, dass ein bestimmtes Bewusstsein, den Alltag zu leben, etwas öffnen kann – ob das nun immer auch gleich eine Gotteserfahrung wird, sei dahingestellt.

Sind Sie mit dem Herzen eher Medienpastorin oder bei den Menschen vor Ort?
Steen:
Beides. Medial präsent zu sein ist nichts, was mich erfüllt. Es ist natürlich schön, wenn es positive Rückmeldungen gibt, aber in erster Linie bin ich in den Medien Projektionsfläche. Mit mir als Person hat das wenig zu tun. In der Gemeinde vor Ort spüre ich gleich, ob ich im Kontakt zu den Menschen bin oder nicht und ob es uns gelingt, einen Raum für Gott zu öffnen. Deshalb bin ich Pastorin geworden, dort schlägt mein Herz.

Sie sind 38 Jahre alt und bieten geistliche Wegbegleitung auf Ihrer Homepage an. Wie sind die Reaktionen?
Steen:
Es gibt einige Menschen, die ich seit Längerem begleite. Wir treffen uns alle paar Wochen zu einem Gespräch. Aber die Ausbildung zur geistlichen Begleiterin heißt ja nicht automatisch, dass ich das auch kann. Ich lerne ständig dazu, vor allem von denen, die sich mir anvertrauen. Rückmeldungen zeigen mir, dass ich ihnen neue Perspektiven vermitteln konnte. Das ermutigt und freut mich.

Was heißt für Sie glauben?
Steen:
Immer damit rechnen, dass mehr möglich ist, als ich selbst erwarten würde.

Fernseh-Tipp
Sonntag, 7. 6., 10 Uhr, ZDF: Übertragung des Schlussgottesdienstes vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag.
Lese-Tipp
Steen, Nora. Das Wort zum Alltag. Meine Woche mit Gott, Camino-Verlag, 192 S., ISBN 978-3-46050-005-1, 12,95 Euro

Wie werden wir satt?

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Welternährung: Ein neuer Film von Valentin Thurn geht zwei unterschiedlichen Strategien zur Nahrungsproduktion nach

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung vermutlich auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. Wo soll die Nahrung für sie herkommen?

Bereits 2011 hatte der Kölner Regisseur und Bestsellerautor mit seinem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm »Taste the waste« über das verstörend hohe Ausmaß von Lebensmittelvernichtung in den Industriegesellschaften berichtet. In seinem neuen Film sucht Valentin Thurn nun nach Wegen zur sicheren Welternährung. Er spricht mit Machern aus der industriellen und der bäuerlichen Landwirtschaft, trifft Biobauern und Farmer mit Sojamonokulturen zur Tierfutterproduktion, befragt Nahrungsmittelspekulanten, besucht Forscher, Düngerproduzenten, Laborgärten sowie Fleisch- und Fischproduzenden.

Sehr schnell wird deutlich: Es gibt zwei miteinander unvereinbare Strategien, mit denen die Ernährungssicherheit gewährleistet werden soll. Die industrielle globale Landwirtschaft setzt auf Masse sowie auf einen kapital- und energieintensiven Einsatz von Maschinen, Treibstoff, Kunstdünger und Pestiziden, auf gentechnisch verändertes Saatgut und flächendeckende Monokulturen.

Dass dabei auch Geschäftsinteressen der Saatgut- und Düngerindustrie eine große Rolle spielen, liegt für Thurn auf der Hand: »Das Schreckensszenario zehn Milliarden wird auch deshalb gerne an die Wand gemalt, um Geschäftsinteressen durchzusetzen. Es geht darum zu sagen: Wir müssen mehr produzieren, um mehr Chemie oder mehr Dünger verkaufen zu können.« Dass gegen Ende des Jahrhunderts die Vorräte der unentbehrlichen Düngerrohstoffe Kali und Phosphor erschöpft sein werden, blenden deren Befürworter bislang aus.

Als Gegenmodell stellt Thurn Protagonisten der biologischen und bäuerlichen Landwirtschaft aus Deutschland, Asien, Afrika und Amerika vor. Diese produzieren weniger Masse, sind dafür aber an Land, Leute, Klima und Boden angepasst und gehen schonend mit den begrenzten Ressourcen von Wasser und Boden um. Mit verblüffendem Erfolg: Der Film zeigt, dass die angepassten traditionellen Sorten oft widerstandsfähiger und ertragreicher sind als teures Saatgut aus dem Labor.

Auf der einen Seite traditionelle bäuerliche Landwirtschaft, auf der anderen modernste Forschungslabors für Gentechnik und Chemieprodukte: Um die Sicherung der Ernährung konkurrieren zwei unterschiedliche Strategien. Filmszenen aus »10 Milliarden – wie werden wir alle satt?« Fotos: Thurnfilm

Auf der einen Seite traditionelle bäuerliche Landwirtschaft, auf der anderen modernste Forschungslabors für Gentechnik und Chemieprodukte: Um die Sicherung der Ernährung konkurrieren zwei unterschiedliche Strategien. Filmszenen aus »10 Milliarden – wie werden wir alle satt?« Fotos: Thurnfilm

Valentin Thurns »persönliche Heldin« ist die Kleinbäuerin Fanny Nanjiwa aus Malawi. Sie baut auf ihrem kleinen Acker in drei Etagen unterschiedliche Pflanzen an: schattenspendende Straucherbsen verbessern den Boden, darunter wächst Mais und am Boden gedeihen Süßkartoffeln. Dadurch verhindert sie, dass der Boden einseitig belastet wird, und stellt sicher, dass ihre Familie selbst in Dürrezeiten genug zu essen hat. Zudem trägt dieser Mischanbau zu einer gesunden Ernährung bei. Denn viele Menschen in Fanny Nanjiwas Heimat ernähren sich fast nur von Mais. Das macht zwar satt, führt aber zu Fehlernährung.

Für Valentin Thurn macht das Beispiel zweierlei klar: »Es zeigt, dass Kleinbäuerinnen mit manueller Arbeitskraft mehr aus dem Land herausholen als in der industriellen Landwirtschaft mit Maschinen.« Zum anderen verdeutlicht das Beispiel die immense Bedeutung von Frauen für die Zukunft der Welternährung.

Bei Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft von Brot für die Welt, findet Valentin Thurn Zustimmung mit seinen Forderungen nach einer weltweiten Agrarwende. »Er greift Ansätze auf, die wir seit Jahren unterstützen – Bekämpfung des Hungers, Frauenförderung, nachhaltiges Wirtschaften, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung«, sagt Tanzmann. Natürlich seien die Fragen noch weitaus komplexer als im Film dargestellt, aber, so Tanzmann: »Er zeigt erste Schritte und andere Wege auf, die wir gehen müssen, wenn es ›Brot für die Welt‹ geben soll.«

Allerdings müsse deutlicher werden, »dass die Unterstützung der Kleinbäuerinnen durch gezielte Weiterentwicklung ihres traditionellen Wissens unbedingt nötig ist«. Denn ein »Weiter wie bisher« genüge nicht, um dem Hunger zu wehren. Dass dazu ein verändertes Konsum- und Ernährungsverhalten mit weniger Fleisch und mehr lokalen Produkten bei uns dazukommen muss, auch darin ist sich Stig Tanzmann mit dem Kölner Filmemacher einig.

Karin Vorländer

Der Film »10 Milliarden – wie werden wir alle satt?« ist derzeit in ausgewählten Kinos zu sehen. Auf der Internetseite kann dazu kostenlos Material für den Unterricht heruntergeladen werden.

www.10milliarden-derfilm.de

Lesetipp:
Thurn, Valentin; Kreutzberger, Stefan: Harte Kost. Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt, Ludwig Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-45-328063-2, 16,99 Euro

Frühlingsliebe

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Eine Erzählung von Georg Heim, Illustration von Maria Landgraf

Der Tag verlor seine Farben. Die Sonne verschwand, und das Abendrot verflatterte am feurigen Himmel. Es wurde dunkel. Und der Duft der Dämmerung schien sich fern hinter den Wäldern zu verlieren, wie ein Lied, das schweigt, wie ein Kuss, der stirbt. – Der See vor mir bewahrte, wie eine große Blume, noch für eine Weile die Blässe des rosafarbenen Lichtes, den Widerschein einer hohen Wolke, die einsam im Blauen dahinsegelte.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Ich lag oben auf einem Hügel des Parkes unter ein paar Büschen verborgen. Einige Meter darunter, mir zur Hälfte zugewandt, befand sich eine Ruhebank. Und nun wurde ich Zeuge einer seltsamen Szene.

Ein buckliger Mann kam am See entlang, ein entsetzlicher Zwerg. Die Hälfte seines Gesichtes schien ihm außerdem einmal von einem Geschwür zerfressen zu sein. Denn man sah noch überall große Narben, die weißen Häute, die sich über fressenden Wunden bilden. Er ging einige Male vor der Bank hin und her, stand einen Augenblick still, ging wieder einige Schritte, sah nach der Uhr. – Er hatte das Gebaren eines Verliebten, der auf seine Geliebte wartete. Er zog einen Brief aus seiner Tasche und las ihn. Dann drückte er auf den Namen am Schlusse einen langen Kuss. Kein Zweifel, das Wesen da unten liebte, es war ein Verliebter. Aber wer sollte ihn denn lieb haben, gab es denn jemand, der diese Liebe erwiderte? Ich war schon geneigt, an irgendeine Perversität zu glauben, als ich um die Ecke des Weges ein Weib biegen sah, das auf den Zwerg zuging. Er hatte sie schon erkannt, das Entzücken schoss in sein Gesicht, er lief ihr entgegen und begrüßte sie, strahlend vor Freude.

Ich konnte der Frau nun gerade ins Gesicht sehn. Sie war vielleicht fünfzig bis sechzig Jahre alt, eisgrau schon, verwelkt, aber eine dicke Schicht Schminke lag auf ihren unzähligen Runzeln. Es war eine jener schrecklichen Huren, die sich auf keine Straße mehr wagen können, weil sie befürchten müssen, mit Steinen verjagt zu werden. Nun sitzen sie nachts auf den Bänken eines Parks oder lauern in einem dunklen Gange, alten Spinnen gleich, die zwischen den Bäumen ihre Netze ausspannen. – Aber die Szene da unten auf der Bank hatte nichts von Gewerbsmäßigkeit an sich. Die beiden saßen nebeneinander, mit verschlungenen Händen. Sie versenkten die Augen ineinander, sie neigten sich zueinander und küssten sich.

Nun erzählten sie sich etwas mit flüsternder Stimme, sie lachten, sie küssten sich wieder. Und ich hörte, wie die alte Hure sagte: »Du bist ja das einzige auf der Welt, was ich noch liebe. Ach, du kleiner Lilly.« Und er erfasste ihre Hand, während ein Lächeln unsagbarer Zärtlichkeit über seine Narben lief, die in unzähligen kleinen Hautfalten zitterten.

Georg Heym (1887–1912 ) gilt als einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.

Gottes Farbenspiel

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Trinitatis: Die Rede von der Dreieinigkeit bleibt ein Tasten und Suchen

Gott ist golden. Golden wie die Sonne am Himmel. Golden wie die Ähren im Wind. Golden wie der Ehering an meiner Hand. Golden wie Kerzenflammen auf dem Altar.

Jesus ist braun. Braun wie die Erde Galiläas. Braun wie seine Gewänder. Die waren wohl nicht so weiß wie auf den schönen Jesusbildern. Das Leinen, das Maria webte, war bräunlich. Das Holz des Kreuzes war auch braun. Und braun war auch der Stein vor dem Grab.

Der Heilige Geist ist rot. Rot wie die Liebe. Rot wie Blut. Rot wie ein guter Bordeaux. Rot wie die Behänge am Altar bei der Konfirmation. Und natürlich zu Pfingsten.

»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Meine ersten Worte im Gottesdienst. Meine Worte bei der Taufe. Ich sage sie und weiß doch nicht wirklich, was ich da tue. »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Ich sage den Namen. Und ich spüre das Geheimnis. Was ich da sage, ist größer als ich. Ich habe es nicht in der Hand. Wie das Wasser bei der Taufe. Ich tauche die Hand in die Schale. Ich spüre wie frisch und lebendig es ist. Und doch »habe« ich es nicht. Es gleitet mir über die Hand, rinnt durch die Finger, benetzt den Kopf des Kindes. Ganz nah ist es, und dann fließt es davon und nimmt das Geheimnis mit.

Vater, Sohn und Heiliger Geist: So spricht das Neue Testament von Gott.Es spricht vom Vater, der das Leben gibt. Vom Sohn, der für die Menschen da ist vom Anfang bis zum Ende. Er stirbt unsern Tod. Und weil er auferstanden ist, haben wir das ewige Leben. Es spricht vom Heiligen Geist. Durch ihn sind alle Glaubenden mit Gott und miteinander verbunden.

Foto: epic – Fotolia

Foto: epic – Fotolia

Das Neue Testament liefert allerdings keine »Lehre« von der Dreieinigkeit Gottes. Das haben dann die Konzilien der ersten sechs Jahrhunderte versucht. Auf höchstem geistigen Niveau haben sie beraten und diskutiert, sie haben gefragt, wie Vater, Sohn und Geist zueinanderstehen. Das Ergebnis sind die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse, die bis heute gelten (siehe Kasten).

Aber es bleibt ein Tasten. Ein Suchen. Vorsichtiges Fragen. Ein behutsamer Blick auf Gott. Er bleibt ein Geheimnis. Trotz aller klugen Gedanken. Und wenn wir »Gott denken« oder einfach sagen: »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, dann entstehen diese Bilder. Von einem Gott, der ist, wie Vater und Mutter. Oder von Sturmesbrausen und Feuerzungen am Pfingsttag. Oder eben von Gottes Farbenspiel.

Gott ist golden, Jesus ist braun, Gottes Geistkraft ist rot wie Feuer und Liebe. Das ist natürlich eigentlich Unsinn. Gott ist nicht golden, Jesus ist nicht braun und der Heilige Geist ist nicht rot.

Goethe hat seine Farbenlehre für sein wichtigstes Werk gehalten. Heute wissen wir, dass sie wissenschaftlich kompletter Unsinn ist. Aber sie hat wunderbare Gedanken und eine tiefe Sprache. Und wir lesen sie noch heute mit Gewinn. Weil sie nach Geheimnissen tastet.
»Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild« (1. Korinther13, Vers 12). Man kann viel von Gottes Wundern erkennen. Auch durch kluges theologisches Fragen und Denken. Aber am Ende ist Gottes Geheimnis immer noch um eines größer.

Und so taste ich, fühle und schaue, wer das sei. Die Heilige Dreifaltigkeit. Und wenn ich sonntags vor der Gemeinde stehe, sie anschaue und dann Gottes Namen sage, dann werde ich das Gefühl nicht los: Gott ist golden wie die Sonne. Jesus braun wie die Erde. Und der Heilige Geist rot wie die Liebe.

Und alles fängt an, sich zu mischen. Auf Jesu braunem Gewand glitzert Goldstaub. Und wenn die Abendsonne strahlt, dann legt sich ein rotes Leuchten über alles. Ich kann es nicht mehr unterscheiden. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dreieinigkeit.

Und einmal sehen wir nicht mehr »durch einen Spiegel ein dunkles Bild«, sondern »von Angesicht zu Angesicht«. Wenn der neue Himmel und die neue Erde kommen, dann ist auch das Geheimnis Gottes gelüftet. Und wir sehen seine Farben. Farben, die es noch nicht gibt und deren Namen wir erst noch erfinden müssen.

Dahin gehen wir. Und bis dahin beten wir. Unsere Glaubensbekenntnisse … »Wir glauben an den einen Gott, den Vater … Und an den einen Herrn Jesus Christus … Gott von Gott, Licht vom Licht«. Und »an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht«.

Und wenn wir das beten, dann fangen Gottes Geheimnisse an zu schimmern. Schon jetzt. Vor unseren Augen und im Herz. Mit nie gekannten Farben.

Michael Greßler
Der Autor ist Pfarrer in Camburg

Glauben hinter der Glaswand

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Juden unter uns: Die meisten heute hier lebenden jüdischen Mitbürger stammen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion

Trotz der ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es heute wieder zaghaftes jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Mitteldeutschland. Ein Besuch in der jüdischen Gemeinde Halle.

Seit sechs Jahren sei sie nicht mehr zur Synagoge gekommen. Warum sie aber gerade heute, am Freitagabend, zur Begrüßung des Sabbats, den Weg hierher eingeschlagen habe, kann sie nicht sagen. Vielleicht Sehnsucht, vielleicht ein unbestimmtes Gefühl. Das Essen nach dem Gottesdienst beschließt ein langes Gebet. In ihren Händen hält sie ein zerlesenes Heftchen mit dessen Texten in kyrillischen und hebräischen Buchstaben. Ihre Augen leuchten, eine sanfte Bewegung erfasst ihren Körper, als sie in die altbekannten Melodien hineinfällt.

Die ehemalige Trauerhalle wurde zum Bethaus

Melodien und Worte, die ihr Schutz zu geben scheinen, die sie bergen. Melodien und Worte, die von weit her kommen. Aus der Weite der Geschichte Israels. Und die bis hierher klingen in die Synagoge in Halle, dem kleinen Gebäude mit den Zwiebeltürmchen am Rand des alten jüdischen Friedhofs. Ein Gebäude, das eigentlich die Trauerhalle war und wie die große Synagoge im Herzen der Stadt von den Nazis zerstört wurde. Zu DDR-Zeiten, als vielleicht ein, zwei Dutzend Juden noch in Halle lebten, wurde die Trauerhalle saniert und zum Bet Knesset – zum Haus der Versammlung, zur Synagoge umgebaut. Heute hat die jüdische Gemeinde in Halle gut 600 Mitglieder.

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

Der Gottesdienst folgt Regeln, die den Außenstehenden verwirren. Die Männer versinken in den Gebeten und Psalmen, singen, wiegen sich betend. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Der Gesang füllt den Raum. Auch von der hinteren Seite des Vorhangs, wo die Frauen sitzen, mischen sich Stimmen in das Lied. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Dann, später, schlagen sich die Männer eine Hand vor die Augen. Gemeinsam und doch jeder für sich, sprechen sie in höchster Konzentration das »Sch’ma Jisrael«: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig.«

»Der jüdische Glauben ist keine Sache des Gefühls, sondern des Wissens«, sagt Rabbiner Alexander Kahanovsky. Das Wissen, dass der Ewige einzig ist. Das jeder Mensch dem Ewigen alles verdanke. Gefühle, so Kahanovsky, führen in die Irre. Sie sind wandelbar, kommen und gehen. Wissen aber, Wissen bleibe. Es ist ein Wissen, das in einen Dialog mit dem Ewigen führe, der nach dem Gottesdienst nicht zu Ende ist. Sondern der mit den Taten, mit dem Halten der Gebote fortgesetzt werde. Der Dialog höre nie auf, sagt der Rabbiner, und wenn er von den 613 Gesetzen, den Mizwot spricht, ist nirgends der Ton einer Klage über eine Bürde oder eine Last zu hören. Nein, das Halten der Mizwot ist eine Antwort des Menschen im Gespräch mit Gott.

Es ist Montag. Der Gottesdienst zum Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, ist gerade zu Ende. Wieder gibt es Essen. Borschtsch, Nudelauflauf, süßen Wein und Wodka. »Jetzt reden sie gerade über Stalin«, übersetzt flüsternd eine Frau, die in Weißrussland geboren wurde und seit zehn Jahren nahe Halle wohnt, das Tischgespräch der Männer. Die jüdische Geschichte unter den grausamen Regimen des 20. Jahrhunderts ist auch hier gegenwärtig, zwischen den vollen Tellern, den vollen Gläsern, den lachenden Gesichtern. Und nach dem Essen erzählt Rabbiner Alexander Kahanovsky eine Geschichte des Neubeginns, der Wiedergeburt.

Viele lernen erst hier, was Jude-Sein bedeutet

Das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland ist jüdisches Leben mit russischen, osteuropäischen Wurzeln. Ein Großteil derer, die heute als Juden hier leben, stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Aus einem Gebiet, so Kahanovsky, wo man Jude nur im Privaten, im Kreis der Familie sein konnte. Wo es jüdische Kultur in den eigenen vier Wänden gab, aber keinen Kultus in der Öffentlichkeit. Drei Generationen seien abgeschnitten gewesen vom lebendigen Strang der Tradition, bis nur noch Fragmente, Bruchstücke da waren. Jetzt, in Deutschland, beginnen sie neu zu lernen, was es heißt, Jude, Jüdin zu sein. »Meine Aufgabe ist es, die Menschen wieder mit ihrem Erbe vertraut zu machen«, erzählt Kahanovsky.

»Wir sehen uns, leben aber aneinander vorbei«

Und er erzählt noch viel mehr mit einer humorvollen Leidenschaft, mit Witz und Verve: vom Vergeben, von der Einheit von Wort und Tat, vom Ewigen, der alles gibt, von den Menschen, die Sinn und Geborgenheit suchen. »Kennen sie den Witz?«, fragt Kahanovsky. »Was ist der Unterschied zwischen einem Psychotherapeuten und einem Rabbi? Das Gehalt!« Und er erzählt vom Leben als Jude in Deutschland. Wenn er allein im ICE sitzen wolle, sagt er augenzwinkernd, lasse er seine Kippa auf. Die Menschen seien unsicher und wüssten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Ein kleiner Schelmenstreich, sicher. Doch fühle er sich auch sonst manchmal wie ein Fremder. »Wir Juden und die anderen Menschen im Land leben wie durch eine Glaswand getrennt. Wir sehen uns, wir nehmen uns wahr. Aber wir leben aneinander vorbei.« Mit seiner Familie lebt er in Berlin, weil es in Halle keinen jüdischen Kindergarten, keinen jüdischen Religionsunterricht gibt. Er kann die verstehen, die ihren jüdischen Glauben nicht hervorkehren. »Wer sagt schon gerne seinem Chef, dass er am Sabbat – von Freitagabend bis Samstagabend – nicht arbeiten dürfe? Da stehen doch schon andere bereit, die seinen Job wollen.«

Am Freitagabend trägt die Frau mit dem Liederheftchen ihren Rucksack heimlich, aber schmunzelnd aus der Synagoge. »Der Rabbi darf das nicht sehen. Am Sabbat darf man doch nichts tragen«, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Wie lebt es sich als Jüdin hier im Land? Hat sie Angst? Nein, sagt sie erst. Doch dann flüstert sie im Hinausgehen: Der neue Antisemitismus komme nicht nur von Deutschen. Der komme anderswoher. Aber das, sagt sie traurig, dürfe man nicht laut sagen.

Stefan Körner

www.jghalle.de