Die im Wald Geborene

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit 1963 wird der 25. Mai als »Tag der Freiheit Afrikas« gefeiert. Heute sind alle afrikanischen Staaten unabhängig, aber auf dem Kontinent gibt es noch immer Völker, die ausgegrenzt und diskriminiert werden. Zum Beispiel die Batwa.

Alice Nyamihanda stammt aus dem Volk der Batwa. Ihre Vorfahren haben jahrtausendelang im heutigen Grenzgebiet von Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo als Sammler und Jäger im Wald gelebt. Auch Alice wurde noch im Wald geboren, wenige Jahre bevor die ugandische Regierung die Batwa vertrieben hat, um einen Nationalpark einzurichten. Auf einmal mussten die Waldmenschen sesshaft werden, obwohl ihnen die Landwirtschaft genauso fremd war wie das städtische Leben. Trotzdem ist es Alice gelungen, als erste ihres Volkes einen Universitätsabschluss zu machen. »Meine Mama hat mir erzählt, wo ich zur Welt gekommen bin«, sagt die 27-jährige Alice Nyamihanda. »Das war auf dem Weg. Deshalb heiße ich Nyamihanda. Übersetzt bedeutet das: Eine, die auf dem Weg geboren wurde.«

Alice Nyamihanda ist die Erste vom Volke der Batwa, mit einem Universitätsabschluss. Auf einen lukrativen Job in der Wirtschaft verzichtete sie zugusten der Arbeit bei einer Hilfsorganisation für ihr Volk. Foto: Andreas Boueke

Alice Nyamihanda ist die Erste vom Volke der Batwa, mit einem Universitätsabschluss. Auf einen lukrativen Job in der Wirtschaft verzichtete sie zugusten der Arbeit bei einer Hilfsorganisation für ihr Volk. Foto: Andreas Boueke

Die Landschaft im Südwesten Ugandas ist geprägt von grünen Tälern und Hügeln. Immer wieder eröffnen sich spektakuläre Blicke auf riesige Urwaldflächen, in denen Alice ihre ersten Lebensjahre verbracht hat. »Damals lebte ich mit meinen Eltern und meinen Großeltern im Wald, der heute Mgahinga Nationalpark genannt wird.« Ugandas wichtigste Devisenquelle ist der Tourismus. Eine Hauptattraktion sind teure Safaris zu den Berggorillas im Regenwald, aus dem die Batwa im Jahr 1991 von Soldaten der ugandischen Armee vertreiben wurden. Alice meint: »Den Politikern sind die Gorillas wichtiger als die Batwa.«

Heute arbeitet Alice für die Nichtregierungsorganisation UOBDU, die Vereinigte Organisation für die Entwicklung der Batwa in Uganda. Seit der Vertreibung leben die meisten noch immer als heimatlose Flüchtlinge. »Unsere Kinder können nicht einmal zur Schule gehen«, klagt Alice. »Manche wollen lernen, aber sie kriegen nichts zu essen. Es ist schwierig, hungrig in die Schule zu gehen.« Alice hatten Glück. Eine kirchliche Hilfsorganisation bot Unterstützung an. Und Alice bekam ein Schulstipendium.

Die Familie von Alice lebt in der Nähe des Dorfes Gatela, etwa zwei Autostunden von Kisoro entfernt. Es liegt im Dreiländereck. Die Grenze zu Ruanda ist nur wenige Kilometer entfernt. Die Hütten auf der gegenüber liegenden Seite des Tals sind schon in der Demokratischen Republik Kongo. Die Gegend ist so fruchtbar und reich an Flora und Fauna wie nur wenige andere Gebiete des Kontinents. Hier wird deutlich, weshalb viele Touristenführer Uganda als »die Perle Afrikas« preisen. Aber die Batwa bekommen nicht viel ab von dem Reichtum.

Die Mutter von Alice und die Familien ihrer Geschwister leben in einer kleinen Hütte aus Holzwänden und mit Strohdach. Alice übersetzt für ihre Mutter: »Sie sagt, sie vermisse den Wald sehr. Meine Geschwister müssen für fremde Leute arbeiten, damit die ihnen was zu essen geben. Sie sagt, sie habe mich zur Schule geschickt, weil sie wollte, dass ich so werde wie die anderen Leute. Ich sollte etwas lernen, damit ich ihr helfen kann.«

Als nächstes besucht Alice ihre Tanten auf dem nächsten Hügel. Die Frauen haben sich viel zu erzählen. Plötzlich beginnt eine, rhythmisch zu klatschen. Die anderen stimmen ein. »Wir singen und tanzen, weil wir uns daran erinnern, wie das Leben im Wald war«, sagt Alice und schwingt ihre Hüften im Takt der Musik. Die Tanten bewegen sich erst langsam, dann immer schneller. Sie strecken die Arme weit auseinander, stampfen mit den Füßen im Staub, hopsen, lachen und schnipsen mit den Fingern. »Dieses Lied haben sie früher gesungen, wenn sie zusammen im Wald saßen und glücklich waren. Musik ist uns wichtig, weil sie fröhlich macht. Ich fühle mich frei, wenn ich tanze.«

Zwei Kilometer entfernt liegt die Grundschule, die Alice als Kind besucht hat. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich von den anderen Kindern und vielen Lehrern diskriminiert wurde. Sie waren Bahutu und mochten uns Batwa nicht. Es war eine schwere Zeit. Die anderen haben gesagt: ›Neben der wollen wir nicht sitzen.‹ Manchmal haben sie mich geschlagen. Deshalb habe ich oft geweint und bin nach Hause gelaufen. Aber meine Eltern haben gesagt: ›Geh‹ zurück, auch wenn die anderen Kinder gemein zu dir sind. Setz‹ dich in die Klasse und lern‹ so gut du kannst. Les‹ deine Bücher, so kannst du alles erreichen.‹ Mit dieser Ermutigung konnte ich weitermachen.«

Nach ihrer Zeit an der Universität hätte Alice in Kampala bleiben und in einer großen Firma ein gutes Gehalt verdienen können. Aber sie entschied sich, nach Kisoro zurück zu kehren. Mit ihrem Diplom in Entwicklungsstudien will sie dazu beitragen, den Lebensstandard ihres Volkes zu verbessern: »Eines Tages wird es auch Batwa geben, die sich in der Politik engagieren. Dann wird sich die Regierung mehr um uns kümmern.«

Andreas Boueke

Luther und die Fürsten

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Pracht und Selbstverständnis der Fürsten in der Reformationszeit stehen im Mittelpunkt einer Schau in Torgau

Die 1. Nationale Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum nimmt in Torgau die politische Dimension der Reformation in den Blickpunkt.

Martin Luther, der Fürstenknecht? Thomas Müntzer prägte dieses Bild des Reformators. Und bis heute ist es wirkmächtig, eine Schlagwort gewordene Kritik, die komplexe historische Zusammenhänge in einem Begriff bündelt und sie so bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Fest steht: Martin Luther hatte – trotz aller kritischer Distanz – eine enge Beziehung zur weltlichen Macht. Und ohne sie wäre die Reformation nicht das geworden, was sie wurde: Ein kulturerschütterndes, umwälzendes, epochales Ereignis, das bis heute nachwirkt.

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Ein sogenannter Quaternionenadler verbildlicht die Stände im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Er ist Bestandteil der Sonderschau »Luther und die Fürsten« auf Schloss Hartenfels in Torgau. Foto: picture alliance/Peter Endig

Wie diese Beziehung zwischen Reformation und Politik, zwischen reformatorischer Bewegung und Macht aussah, wie sie sich entwickelte und ausformte – das zeigt die 1. Nationale Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, die am 15. Mai eröffnet wurde. Und sie zeigt es mit eindrucksvollen Exponaten.

Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichen der Macht. Eines wiegt gut zwei Kilogramm, ist aus Leinen, Seide, Gold, Silber und Perlen und wurde wohl um 1516 in Halle an der Saale gefertigt: Die Mitra des Erzbischofs Albrecht, dem ersten Gegenspieler Martin Luthers. Die Mitra symbolisiert den Luxus des Klerus und die perfide Gier, mit der der Ablasshandel vorangetrieben wurde, um den Macht- und Repräsentationswillen zu füttern. Gleich gegenüber der Mitra ein großer Zirkel Michelangelos aus der Bauhütte des Vatikans als Hinweis auf den Neubau des Petersdoms im 16. Jahrhundert. Gegen die Pervertierung des Ablasses protestierte Martin Luther mit seinen 95 Thesen und setzte so eine Bewegung in Gang, die wohl auch nur deshalb erfolgreich war, weil weltliche Herrscher immer wieder schützend ihre Hand über den Wittenberger Mönch hielten.

»In einer sehr erlesenen Zusammenstellung zeigt die Ausstellung eine Schatzkammer der Geschichte der Reformation, wie man sie nur in Torgau präsentieren kann. Schloss Hartenfels ist das gebaute Selbstverständnis der lutherischen sächsischen Kurfürsten«, erklärt Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Wahl des Ausstellungsortes, der lange Zeit Sitz der Landesherren Luthers war. Doch Torgau ist noch mehr. Hier starb Luthers Frau Katharina von Bora, hier entstand mit den Torgauer Artikeln eine wesentliche Vorarbeit zum Augsburger Bekenntnis und hier weihte Luther den ersten rein protestantischen Kirchenneubau der Geschichte ein.

Auf 1 500 Quadratmetern und mit mehr als 200 Exponaten an drei Ausstellungsorten – Schloss Hartenfels, Kurfürstliche Kanzlei und Superintendentur – zeigt die Schau den Prozess der Reformation von 1515, dem Jahr des Generalablasses, bis 1591, dem Jahr des Torgauer Bündnisses in chronologischer Reihenfolge. Schnell wird klar, wie sehr die Reformation auch eine politische Bewegung war, wie die Gedanken Luthers das Selbstverständnis der Fürsten prägten und wie umgekehrt die Fürsten die Wege der Reformation mitbestimmten.

Eine ganz eigene Perspektive auf Torgau nimmt der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch und das Evangelische Jugendbildungsprojekt Wintergrüne e.V. ein. Unweit der Ausstellungsorte wird in der Wintergrüne 2 eine in Kooperation mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin entstandene interaktive Multimediawand gezeigt, mit der in die regionale Reformationsgeschichte eingetaucht werden kann. Hier ist ein technisch und optisch hochwertiges und innovatives Medium zur spannenden Wissensvermittlung entstanden.

Auf die erste Nationale Sonderausstellung im Rahmen der Reformationsdekade werden noch weitere Ausstellungen in Wittenberg, Eisenach und Berlin folgen. Der Auftakt in Torgau, legt die Messlatte sehr hoch. Kaiser Karl V. sagte nach der Schlacht bei Mühlberg über Hartenfels: »Ein wahrhaft kaiserliches Schloss!« Hätte er die Ausstellung gekannt, er hätte hinzugefügt: »Und eine fürstliche Schau!«

Stefan Körner

Die Sonderausstellung »Luther und die Fürsten« in Torgau, Schloss Hartenfels, ist bis 31. Oktober 2015 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, für Schulklassen bereits ab 9 Uhr. Eintrittspreise: normal 10 Euro, ermäßigt 7,50 Euro, Kinder und Jugendliche unter 17 Jahre frei, Gruppen ab 10 Personen: pro Person 9 Euro

www.luther.skd.museum

Nachfolger für Luthers Katechismus

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Projekt »Yoube« will junge Christen im Internetzeitalter sprachfähig machen

Jungen Leuten die Inhalte des christlichen Glaubens nahebringen – das funktioniert im Web-Zeitalter anders als während der Reformation. Das Projekt »Yoube« versucht es in 27 Kapiteln.

Lange ist’s her, dass in der evangelischen Kirche ein wirkungsvoller Katechismus speziell für junge Menschen entwickelt wurde. Noch heute nehmen Konfirmanden den »Kleinen Katechismus« des Reformators Martin Luther in die Hand und buchstabieren anhand der fast 500 Jahre alten Leitsätze, was christlicher Glaube bedeutet. Das Projekt »Yoube« soll nun die klaffende Lücke füllen. Zu Pfingsten wird der neue Jugendkatechismus in Aidlingen bei Böblingen 10 000 jungen Leuten vorgestellt.

Das 160-seitige »Lehrbuch« widmet sich den Themen Orientierung, Dogmatik und Ethik. Dabei setzt es nicht nur auf das Wort, sondern auch auf eine starke Bebilderung mit Karikaturen und Kollagen. Initiator ist der promovierte Philosoph, gelernte Journalist und Verlagsleiter des Basler fontis-Verlags, Dominik Klenk. Ihm zur Seite stehen der bayerische Lutheraner und Ethikprofessor Bernd Wannenwetsch (Aberdeen/Schottland) und Roland Werner, scheidender Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbands in Deutschland, der einen Doktortitel in Theologie und einen in Afrikanistik hält. Alle drei gehören dem theologisch konservativen Spektrum innerhalb der evangelischen Kirche an. Sie haben eine kleine Gruppe von Theologen aus der Jugendarbeit um sich geschart, um das Buch für junge Leute möglichst wirkungsvoll zu gestalten.

»Yoube«-Erfinder Klenk berichtet von einer Zusammenkunft mit 200 Pfarrern, die er fragte, mit welchen Katechismen sie arbeiteten. Die Reaktion: Ein Einziger verwendete Luthers Kleinen Katechismus; ein weiterer den reformierten Heidelberger Katechismus aus dem Jahr 1563. Für Klenk ein klares Zeichen, dass keiner der Versuche aus den vergangenen Jahrzehnten, etwas Jugendgemäßes zu entwickeln, eine nennenswerte Durchschlagskraft erreicht habe.

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Die größere Wirkung erhofft sich Klenk nun auch vom Internet. Eine Online-Plattform für das Projekt wird derzeit fertiggestellt, sie soll an Pfingsten ans Netz gehen. Finanziert wird sie per »Crowdfunding« – also durch einen Aufruf im Internet, dem 246 Menschen mit einer Gesamtsumme von 25 000 Euro gefolgt sind. Der Auftritt soll es beispielsweise ermöglichen, Entwürfe für Unterrichtsstunden herunterzuladen und über die einzelnen Glaubensartikel zu diskutieren.
Dass es sich bei diesem Jugendkatechismus um eine unabhängige Initiative und keinen offiziellen Auftrag einer evangelischen Kirche handelt, erklärt Klenk mit der komplizierten Struktur des Protestantismus. Es sei sehr zeitraubend, zu einer Textfassung zu kommen, die beispielsweise von den Synoden aller 20 Landeskirchen abgesegnet würde.

Doch habe er bereits von Bischöfen, Kirchenleitungen und Pfarrern »deutliches Interesse« signalisiert bekommen. Das stimme ihn hoffnungsvoll, dass die Texte mit Konfirmanden, im Religionsunterricht und in kirchlichen Jugendgruppen verwendet werden. Die Zeiten für einen neuen Jugendkatechismus könnten ideal sein. Zumindest hat das die katholische Kirche mit dem Projekt »Youcat« erlebt, das 2011 veröffentlicht wurde und bereits in 30 Sprachen vorliegt. Doch während sich »Youcat« eng an den offiziellen Katechismus der katholischen Kirche anlehnt, wählt »Yoube« eine freie Form, um die Grundlagen des evangelischen Glaubens zusammenzufassen. Das gedruckte Buch gibt es übrigens in zwei Fassungen: einer Text- und einer etwas teureren »Designausgabe«. Während die »Designausgabe« sich laut Verlag »bildgewaltig, frech, modern« vor allem an Jugendliche wendet, richtet sich die Textausgabe eher an Erwachsene.

Marcus Mockler (epd)

www.fontis-verlag.com/yoube


Schienen, Züge und die Bibel

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Klein, aber mit Dampf – das Netzwerk der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner

Seit mehr als 100 Jahren gibt es, mit Unterbrechungen – in Deutschland ein Netzwerk christlicher Eisenbahner. Am vergangenen Wochenende kamen sie in Thüringen zusammen.

Himmelfahrtswetter, wie es im Buche steht. Die Straßen sind leer, Wanderwege und Ausflugslokale umso voller. Doch nicht für alle ist Feiertag. Am Gleis 1 des Weimarer Hauptbahnhofs stehen zwei Triebwageneinheiten der Erfurter Bahn (EB), einer Thüringer Privatbahngesellschaft. In wenigen Minuten wird sich die eine Einheit in Richtung Jena ins Saaletal, die andere in Richtung Bad Berka-Kranichfeld ins Ilmtal auf den Weg machen. Die Personale, Lokführer und Zugbegleiter, stehen bei einem Schwätzchen auf dem Bahnsteig.

»Signale der Hoffnung« für die Kollegen in Weimar

Helmut Hosch ist gerade mit dem Regionalexpress aus Erfurt angekommen. Zielgerichtet geht der Eisenbahnkollege aus Hessen auf die Gruppe zu, stellt sich als Vertreter der Christlichen Vereinigung Deutscher Eisenbahner (CVDE) vor. »So was gibt es?« »Ja, so was gibt es«, erklärt Hosch und fragt, ob er den Kollegen etwas schenken darf. Beispielsweise die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift »Zug zum Ziel« mit kurzen geistlichen Impulsen, Erfahrungsberichten von und über Kollegen der Bahn sowie Veranstaltungshinweisen der CVDE in den Regionen.

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

»Darf ich Ihnen etwas zum Lesen mitgeben?« Helmut Hosch aus Hessen im Gespräch mit den Kollegen von der Erfurter Bahn auf dem Weimarer Bahnhof. Fotos: Harald Krille

Das Gespräch geht hin und her, gern wird ein Werbekugelschreiber angenommen. Ein Kollege interessiert sich für das handliche Buch im flexiblen Umschlag mit Eisenbahnmotiven und dem Titel »Signale der Hoffnung«. Dahinter verbirgt sich eine Ausgabe des Neuen Testamentes mit den Psalmen und dem Buch der Sprüche. Ergänzt wird das Ganze durch Berichte von Eisenbahnern, was Glaube ihnen bedeutet. Nach wenigen Minuten ist das freundliche Gespräch beendet. Die Kollegen der EB müssen zu ihren Arbeitsplätzen, während Helmut Hosch mit einem weiteren Mitstreiter das Servicecenter in der Empfangshalle aufsucht.

Eigentlich sind beide auf dem Weg nach Bad Blankenburg, wo vom Himmelfahrtstag bis zum vergangenen Sonntag die Mitglieder des CVDE zu ihrer Jahrestagung zusammenkamen. Doch »uns geht es nicht nur um uns selbst, wir verstehen uns als missionarische Vereinigung und wollen unseren Berufskollegen mit der Frohen Botschaft bekannt machen«, wie Christof Sommer, regionaler Ansprechpartner für Sachsen und Thüringen im CVDE, betont. Deshalb die Verbindung der Anreise mit einem praktischen Einsatz auf Bahnhöfen in Mitteldeutschland.

Wobei es gar nicht so leicht ist, an einem Feiertag Kollegen zu treffen. »Die meisten Bahnhöfe in Mitteldeutschland werden inzwischen von Leipzig aus ferngesteuert«, berichtet Sommer, der selbst in der Messestadt als Fahrlagenplaner der DB die Vorarbeiten zur Fahrplangestaltung in ganz Mitteldeutschland macht. Zudem ist der einstige »Familienbetrieb« Bahn inzwischen in verschiedene selbstständige Geschäftsbereiche aufgespalten. Und neben den klassischen roten Zügen der DB rollen vermehrt die Fahrzeuge der Privatbahngesellschaften über die Gleise.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Christof Sommer: Der 48-jährige Eisenbahner aus Wurzen ist regionaler CVDE-Ansprechparter für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Darauf hat auch der CVDE reagiert: »Wir sind offen für die Mitarbeit aller, die ein Herz für die Eisenbahnermission haben, unsere Zielgruppe sind alle, die irgendwie mit der Schiene zu tun haben«, so Sommer. Das reicht von der Fahrzeugherstellung über den Gleisbau bis zum traditionellen Betriebseisenbahner, ganz gleich ob bei DB oder Privatgesellschaften. Und, darauf legen die Mitglieder Wert: »Wir sind überkonfessionell.«

Seine Wurzeln hat der CVDE im Anfang des 19. Jahrhunderts. Eisenbahner klagten darüber, dass sie so oft wegen des Schichtdienstes nicht zu den Gottesdiensten kommen konnten. So gründeten sie eine eigenen Verbindung zur Vernetzung derer, denen ihr Christsein auch im Alltag wichtig war. 1902 erschien eine erste Zeitschrift, kaum 25 Jahre später zählte man 2 000 Mitglieder. Mehrere Reisesekretäre betreuten die regionalen Gruppen, die Zentrale befand sich ein einem eigenen Haus in Eisenach. Bald entstanden Kontakte zu ausländischen Kollegen und die Internationale Eisenbahnermission wurde ins Leben gerufen.

In Deutschland endete die Arbeit abrupt im Nationalsozialismus: Haus und Finanzen wurden beschlagnahmt. Während sich die CVDE im Westen Deutschlands 1948 neu gründete, hatten in der Deutschen Reichsbahn der DDR Christen keine Organisationsmöglichkeit.

Als Säleute auf den Bahnhöfen des Landes

Sommer wusste allerdings durch seine Gemeindezugehörigkeit schon als junger Reichsbahner, dass es »im Westen« so ein Netzwerk missionarischer Eisenbahner gab. Ein Kalender, den er von Westkollegen unmittelbar nach der Wende geschenkt bekam, weckte in ihm das Interesse, so etwas auch im Osten anzufangen. In der Aufbruchstimmung kamen etliche heimliche Christen »aus der Deckung«, wie Sommer sagt und gründeten einen eigenen Verband. Der sich dann aber sehr bald mit dem CVDE zusammenschloss.

Heute gehören etwa 250 Menschen zur CVDE. Der nur aus Spenden bestrittene Jahreshaushalt umfasst ca. 60 000 Euro. Umso beachtlicher, was diese kleine Truppe mit viel Herzblut und unter großen Freizeitopfern auf die Beine stellt. Allein für 2015 wurden 13 000 der unter Eisenbahnern beliebten Wandkalender mit Eisenbahnmotiven und Bibelsprüchen gedruckt, weitere 8 000 für die Schweizer Kollegen. Dazu kamen 3 000 Tischkalender sowie 2 000 missionarische Verteilblättchen in insgesamt acht Sprachen. Verteilt werden sie etwa an Infoständen in größeren Bahnhöfen, von Kollege zu Kollege oder eben bei Einsätzen wie zum Himmelfahrtstag. »Wir sind eine Art Säleute«, beschreibt es Sommer.

Zur »International Railway Mission« (IRM) gehören nationale Verbände aus zwölf Ländern. Mit ihrem nächsten Konferenz- und Freizeitwochenende ist die IRM im kommenden Jahr in Goslar zu Gast. »Denkt daran, das ist ein Heimspiel für euch«, gibt Ueli Bergner, IRM-Präsident aus der Schweiz, seinen Kollegen in Bad Blankenburg mit auf den Weg. »Ihr seid schließlich Fußballweltmeister.« Kein Zweifel, die engagierten Eisenbahner der CVDE werden dafür sorgen, dass für Goslar alle Signale auf »Hp 1« stehen: »Fahrt frei.«

Harald Krille

www.cvde.de

www.railwaymission.eu

Kochen gegen Diskriminierung

21. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungarn: In einem improvisierten Restaurant in einer Budapester Wohnung kochen Roma-Frauen traditionelle Gerichte


Angehörige der Roma und Sinti haben überall in Europa mit Vorurteilen zu kämpfen. In Budapest eröffneten arme, ältere Roma-Frauen ein Restaurant – die Idee erwies sich als großer Erfolg.

»Heute gibt es eine Sauerkraut-Speck-Suppe als Vorspeise, dann geht es weiter mit geräuchertem Hähnchen in Paprika-Tomaten-Soße«, verkündet feierlich Malvin Német, nachdem sie sich allen unbekannten Gästen als »Tante Malvin« vorstellt. Die kleine, permanent gut gelaunte 70-Jährige spricht laut und hat eine tiefe, fast männliche Stimme. Nicht selten singt und tanzt sie Volkslieder vor den Kochtöpfen. »Als Nachtisch backen wir gleich einen Zsurmó, also eine Art Nudelauflauf mit Pflaumenmousse, och wie lecker!«, verspricht sie, ständig in Bewegung, Holzlöffel in der Hand.

Mit traditioneller Roma-Küche gegen ebenso traditionelle Vorurteile: Die Köchinnen von Romani Platni erhalten nur eine Aufwandsentschädigung. Wichtiger als Geld ist vielen das neue Selbstvertrauen. – Foto: László Mudra

Mit traditioneller Roma-Küche gegen ebenso traditionelle Vorurteile: Die Köchinnen von Romani Platni erhalten nur eine Aufwandsentschädigung. Wichtiger als Geld ist vielen das neue Selbstvertrauen. – Foto: László Mudra

Tante Malvin ist das Herz eines besonderen Budapester Restaurants, das seit drei Jahren immer mehr Einheimische und sogar ausländische Besucher anzieht. Mindestens zweimal im Monat gehen die Türen der kleinen Wohnung im neunten Bezirk auf, die deftigen Gerichte landen bald auf den Tellern, und die Gäste werden neugierig. »Hier kochen wir ausschließlich nach traditionellen Roma-Rezepten, die den meisten Ungarn noch nicht so bekannt sind«, erzählt die Rentnerin. Romani Platni, so der Name des Restaurants, ist das erste Roma-Restaurant in Budapest und es hat vor allem das Ziel, die Mehrheitsbevölkerung mit einer anderen Geschmackswelt vertraut zu machen.

Rund 20 Gäste, die meisten aus der gut gebildeten Mittelschicht, sind an diesem Donnerstagabend gekommen, um die Leckereien zu probieren. »Es ist bestimmt kein Magerquark und nichts für Vegetarier«, sagt Kata, eine junge Jurastudentin, nachdem sie mit dem Hauptgericht fertig wird. »Dennoch kann ich den Ort nur empfehlen, alles schmeckt prima und das Konzept ist super. Es ist eigentlich viel mehr als ein Restaurant.« In der Tat geht es in der Erdgeschosswohnung nicht nur um Kulinarik, sondern um soziales Unternehmertum. Denn in Ungarn sieht der Alltag der Roma düster aus. Armut, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit prägen seit eh und je ihre kleinen Dörfer. Und auch diejenigen, die in der Hauptstadt wohnen, sind oft arbeitslos und haben kaum Chancen auf sozialen Aufstieg.

Doch die Initiative namens Romani Platni gibt jetzt älteren Roma-Frauen aus dem Budapester neunten Bezirk die Möglichkeit, ihre Kochkunst zu zeigen, einen wichtigen Teil der Roma-Kultur bekannt zu machen und damit gegen Diskriminierung und Stereotypen zu kämpfen. Das Projekt wurde 2012 ins Leben gerufen: Ferencvárosi Tanoda, ein Verein aus der Nachbarschaft, der sich bis dato hauptsächlich auf die Verbesserung der Schulleistung von Roma-Kindern konzentriert hatte, beschloss damals, seine Programme zu erweitern. »Weil viele ältere Roma-Frauen kaum Arbeitserfahrung und damit auch keinerlei Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten, haben wir uns die Frage gestellt: Was können die denn machen? Und natürlich können viele besonders leckere traditionelle Gerichte kochen«, erinnert sich Projektmanagerin Krisztina Nagy.

Das vom ungarischstämmigen Milliardär George Soros gegründete Budapester Institut für eine Offene Gesellschaft (OSI) fand die Idee ebenfalls sehr gut – und stellte dafür gleich rund 10 000 Euro zur Verfügung. »Davon konnten wir eine kleine Wohnung im Erdgeschoss entsprechend einrichten und eine günstige Werbekampagne organisieren, die sich hauptsächlich auf die neuen sozialen Medien konzentrierte«, erzählt die Projektmanagerin weiter. »Alles andere hätte dieses Minibudget natürlich überschritten, aber der Großteil unserer Gäste sind sowieso jüngere Leute, die sich hauptsächlich im Internet informieren.«

Die Rechnung ging auf: Über die sozialen Netzwerke werden seitdem fast immer sämtliche verfügbaren Plätze, manchmal mehrere Wochen im Voraus, reserviert. Seit das kleine Restaurant von einigen internationalen Reiseportalen empfohlen wurde, tauchten die ersten ausländischen Touristen auf. Seitdem bietet die Webseite des Projekts auch Informationen in englischer Sprache an. Kurz nach der offiziellen Eröffnung meldete sich sogar die Führung der ungarischen Polizei mit der Anfrage, ob die Damen anlässlich eines internen Events für eine Gruppe von 400 Beamten vielleicht kochen könnten. »Klar können wir«, kam Tante Malvins Antwort.

Silviu Mihai

http://romaniplatni.blogspot.de/p/english.html

»Das Evangelium von Sergej«

19. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Jenaer Künstler Sergej Uchatsch beschäftigt sich mit alt- und neutestamentarischen Geschichten


Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Grafikers Sergej Uchatsch.

Um einen Tisch sitzen die Jünger – über dunkle Köpfe auf der einen Seite blickt der Betrachter auf helle menschliche Gestalten ohne individuelle Wesenszüge. Am linken Ende steht Sergej Uchatsch in andächtiger Haltung Jesus gegenüber, während Judas gerade den Raum verlässt. Der Künstler ist Zeuge des Verrates. Schwarz-Weiß-Kontraste dominieren das Bild, nur im Kelch ist rotes Blut. Auf einem anderen Blatt versucht Kain ungesehen aus dem Blickfeld Gottes zu verschwinden. Die Tat, der Brudermord, ist nicht dargestellt. Aber die rechte Hand verrät, was geschehen ist.

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Sergej Uchatsch will »gute Nachrichten« als Bilder schaffen. – Foto: Doris Weilandt

Die Bibel spielt schon seit Beginn der 1990er Jahre eine große Rolle im Leben von Sergej Uchatsch. Über zwei Jahrzehnte übersetzt er immer wieder Geschichten in Grafiken. Die Blätter bleiben bei ihm, er verkauft sie nicht. Aber er druckt davon Bücher: »Das Alte Test(amen)t«, »Meine Bibel« und »Das Evangelium von Sergej«. Der letzte Titel ist keine Anmaßung, vielmehr sind es »gute Nachrichten«, die er als Bilder in die Welt bringt. »Wenn jemand über meine Arbeiten zu Gott findet, ist das eine schöne Sache. Ich bin ein gläubiger Mensch«, sagt der Künstler.

In seinem Jenaer Atelier hängen viele Grafiken an den Wänden. Neben einigen Bibelbildern umgeben ihn bei der täglichen Arbeit Stillleben und Selbstporträts. Sergej Uchatsch beginnt jedes Jahr mit einem analytischen Blick auf sich selbst, befragt sich nach der eigenen Befindlichkeit. Im jüngsten Porträt zeigt er sich als kritischen Beobachter, der eine Fellmütze auf dem Kopf trägt. Eine der beiden Ohrklappen ist hochgeschlagen. Das Ohr ist aber – im Gegensatz zu dem van Gogh-Selbstporträt – noch dran. Der Bezug auf das berühmte Vorbild lässt Rückschlüsse auf die Situation zu, in der sich der Maler verortet. Auf dem großen Tisch arbeitet er am liebsten in einer Technik, die heute fast vergessen ist: die Monotypie. Im 17. Jahrhundert erfand Giovanni Benedetto Castiglione dieses Druckverfahren, das – wie der Name sagt – nur einen Abzug zulässt. Das Bild wird auf eine Glas- oder Metallplatte gemalt und im feuchten Zustand auf Papier abgerieben oder gedruckt. Sergej Uchatsch hat damit seine ganz eigene Ausdrucksform gefunden, die ihm stimmungsvolle Bilder erlaubt. Seine Blätter sind beseelt und von großer emotionaler Tiefe.

Der Grafiker hat an der Hochschule für Kunst und Design in Charkow (Ukraine) studiert. 1992 kam er mit seiner Familie aus Lugansk nach Jena. Im Umkreis der Künstlerischen Abendschule, zu dem Axel Bertram, Frank Steenbeck und Einhard Hopfe gehören, fand er Kollegen und Freunde. Die erste Ausstellung für ihn organisierte die Bürgeler Keramikerin Christine Freigang im dortigen Gemeindezentrum. Seine Arbeiten, vor allem die Monotypien, begeisterten das Publikum. Damals hatte er bereits begonnen, sich künstlerisch mit der Bibel auseinanderzusetzen. »Die Arche Noah« und »Der Erbauer« – gemeint ist der Turmbau zu Babel – gehören zu den frühen Blättern. Dabei zeigt sich schon die Eigenwilligkeit, die Sergej Uchatsch bei der Gestaltung des Themas reizt. Er greift nicht auf ikonografisch tradierte Bildfindungen mit Erkennungseffekt zurück. Beim Turmbau sitzt ein schockstarrer verletzter Mensch auf der Erde, vor ihm der Turm im Moment des Zerfalls. Die Hybris, die ein ganzes Volk erfasste, konzentriert sich auf eine Person, die durch das Streben nach Ruhm auf die nackte Haut zurück verwiesen wird. Die Taufe im Jordan konzentriert er auf die beiden Häupter – Jesus voll Andacht, Johannes im Moment der Handlung. Darüber erscheint die Taube des Heiligen Geistes.

Für den Künstler ist die intensive Beschäftigung mit biblischen Themen auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verfasstheit. »Es geht um das Leben – wie verhalte ich mich andern gegenüber«, befragt Sergej Uchatsch sich selbst. »Wenn jeder versucht, an sich selbst zu arbeiten, ist das der richtige Weg«, sagt er. Bescheidenheit ist für ihn Lebensmaxime.

In den Geschichten der Bibel werden die Grundfragen nach dem Menschsein gestellt. Das versucht er, in seinen Monotypien zu zeigen. Darunter zitiert er in Deutsch und Russisch aus dem Alten und Neuen Testament die Stellen, die für seine Darstellung entscheidend sind.

Doris Weilandt

www.uchatsch.de

Aufruf zum Boykott

17. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Desmond Tutus offener Brief an den Kirchentag

Aufrufe zum Boykott Israels bzw. israelischer Waren gibt es immer wieder. Ein besonderes Gewicht erhalten sie jedoch, wenn prominente Menschen dahinterstehen. Wie aktuell Desmond Tutu, 83-jähriger ehemaliger anglikanischer Erzbischof von Kapstadt und Ikone des Kampfes gegen die Apartheidpolitik. In einem offenen Brief an den Deutschen Evangelischen Kirchentag ruft er die Christen Deutschlands zu konkreten Schritten der Solidarität mit dem Volk von Palästina auf – wozu auch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Judenstaat geboten seien.

Prominenter Israel-Kritiker: Erzbischof Desmond Tutu – Foto: Reuters/Paul Hackett

Prominenter Israel-Kritiker: Erzbischof Desmond Tutu – Foto: Reuters/Paul Hackett

Tutu erinnert daran, »wie ihr in den 80er Jahren mit eurem Gewissen gerungen habt, eine klare Haltung gegen Apartheid einzunehmen, und schließlich eurem Impuls gefolgt seid, das Richtige zu tun, nämlich die Konten bei der Deutschen Bank wegen ihrer Geschäfte mit Südafrika zu kündigen.« Im Blick auf die Situation im Nahen Osten schreibt Tutu weiter: »Natürlich verurteilen wir diejenigen, die von Palästina aus Raketen auf zivile Ziele in Israel abfeuern, aber Israels militärischer Angriff auf Gaza im letzten Jahr war nicht nur auf grausame Weise unverhältnismäßig, sondern auch eine brutale Demonstration der Verachtung, die Israel gegenüber dem palästinensischen Volk an den Tag legt.« Tutu erinnert an das Kairos-Palästina-Dokument palästinensischer Christen vom September 2009. Darin werden die Kirchen aufgerufen, »sich an die Seite der Unterdrückten zu stellen«. Neutralität dürfe dabei laut Tutu keine Option sein, »denn sie begünstigt immer die Unterdrücker. Immer.«

Im vergangenen Jahr habe der Ökumenische Rat der Kirchen seine Mitglieder aufgefordert, den Kairos-Aufruf bezüglich der Forderung nach »Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen als angemessene gewaltfreie Mittel kreativen Widerstands« zur Überwindung der israelischen Besatzung aufzugreifen. Das habe, so Tutu, nichts mit Antisemitismus zu tun: »Macht Geschäfte mit Juden, organisiert etwas mit ihnen, liebt sie. Aber unterstützt nicht die – militärische, wirtschaftliche oder politische – Maschinerie eines Apartheidstaates.« Man könne keine normalen Geschäfte machen, »denn die Bedingungen im Heiligen Land sind völlig unnormal«.

Ausgewogene Synodenerklärungen, die »in gleicher Weise Sympathie mit dem Unterdrücker und den Unterdrückten zum Ausdruck bringen«, seien keine Hilfe für die Geschwister in Palästina, so der Friedensnobelpreisträger. Deshalb endet sein Brief mit dem Aufruf: »Bitte schließt euch der ökumenischen Kairos-Bewegung an und fordert öffentlich und solidarisch Freiheit für Palästina, damit auch Israel frei sein kann.«

(GKZ)

Lesen Sie hierzu auch: Israel ist an allem schuld

www.kairoseuropa.de

»… und die Kraft und die Herrlichkeit«

16. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Gebet ist ein Fünf-Finger-Reim – Glaubenskurs zum Beschluss des Vaterunsers

Beim Rückblick vom Ende her auf alle Bitten des Vaterunsers können wir etwas entdecken: Dieses Gebet ist ein Fünf-Finger-Reim. Die Idee stammt von dem Theologen Eberhard Fincke. Ein Reim deshalb, weil Menschen sich das Wichtige und Behaltenswerte immer wieder an ihren fünf Fingern an der Hand abgezählt haben. Die Fingerzeige, die ein Mensch dabei erhält, sind ihm in einzigartiger Weise auf den Leib geschrieben. Der Beter des Vaterunsers geht an den fünf Fingern entlang und wieder zurück. Und das ganze Gebet mit allen fünf Fingern wird überwölbt durch den Lobpreis: »Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.« Was ist die Kraft? Was ist die Herrlichkeit? Meiner Meinung nach interpretiert das Vaterunser selber diese beiden Eigenschaften Gottes:

Gottes Kraft ist die Freiheit, sich als unser Vater dem Bösen in der Welt entgegenzustellen. In der Herrlichkeit des auferstandenen Christus setzt er dem Bösen eine endgültige Grenze. Durch ihn verheißt er uns den neuen Himmel und die neue Erde, in welchen es das Böse nicht mehr geben wird.

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Gottes Kraft ist die Bewährung des Versprechens, das seinem Namen innewohnt: JHWH –, das heißt: »Ich bin doch da! Ich bin für Euch da!« Dieses herrliche Versprechen des Namens schließt es aus, dass er auch nur ein einziges Menschenkind willentlich »in Versuchung« führt. Gott ist nicht der Urheber des Leids, des Elends und des Todes seiner Menschen. Er steht in der Kraft seines Namens dem allem entgegen.

Gottes Kraft ist die Stärke seiner Gerechtigkeit: In ihr stellt er sich auf die Seite der Unschuldigen. In ihr schafft er Rechtschaffenheit unter Menschen. Und mit ihr schenkt er sein herrliches Heil denen, die er von Ewigkeit her erwählt hat und die es so im Glauben wahrnehmen dürfen.

GuA-20-2015-logoGottes Kraft ist die Liebe zum Menschen und die Liebe des Menschen zu Gott, die er selber ermöglicht. Jesus hat für das herrliche und ewige Reich Gottes bedingungslose Liebe gefordert (Lukas 10, 28–37) und selbst in seinem Leben und Sterben Gottes Liebe zur Geltung gebracht. In der Kraft seiner Liebe werden auch wir befähigt, uns in der Liebe zu bewähren gegenüber denen, die uns verletzt haben.

Gottes Kraft schafft Brot für eine neue Wirklichkeit. Es ist »Lebensbrot« für die Teilhabe am neuen und herrlichen Leben des dreieinigen Gottes. Dieses Brot gibt Jesus als das wahre Brot »vom Himmel her«. Das Brot vom Himmel aber ruft nach dem Brot auf Erden, das Millionen Menschen nicht haben. Und die Bitte um das tägliche Brot kann nicht ausgesprochen werden ohne die Bereitschaft, das Brot zu teilen. So stehen die Bitte um das tägliche Brot und der Ruf nach Solidarität mit den Hungernden in der Mitte des Vaterunsers. Wir dürfen es nicht vergessen.

Rolf Wischnath

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Wir müssen die Menschen retten

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Beim Flüchtlingsdrama im Mittelmeer geht es um Seenotrettung und um Veränderungen in der Entwicklungshilfe

Allein am vergangenen Wochenende retten Küstenwachen, Marine und Handelsschiffe erneut mehr als 6 000 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Harald Krille sprach darüber mit Rupert Neudeck, Chef der Organisation »Grünhelme e.V.« und Gründer von »Cap Anamur«.

Rupert Neudeck, 1939 in Danzig geboren, erlebte als Kind selbst die Flucht vor der Roten Armee und entging dabei nur um Haaresbreite der Katastrophe des Flüchtlingsschiffes »Wilhelm Gustloff«. Foto: Harald Krille

Rupert Neudeck, 1939 in Danzig geboren, erlebte als Kind selbst die Flucht vor der Roten Armee und entging dabei nur um Haaresbreite der Katastrophe des Flüchtlingsschiffes »Wilhelm Gustloff«. Foto: Harald Krille

Herr Neudeck, Ihr Name steht bis heute für die Rettung vietnamesischer Bootsflüchtlinge 1979 und die daraus folgende Gründung der Hilfsorganisation Cap Anamur. Was sagen Sie angesichts der Bilder aus dem Mittelmeer?
Neudeck:
Zunächst gilt: Ganz unabhängig davon, aus welchen Gründen Menschen auf der Flucht sind und dabei in Seenot geraten, ist es die Aufgabe des humanitären Völkerrechts, sie daraus zu retten. Das ist ein Erbteil Europas. Und wenn Europa sich nicht selbst verraten will, muss die Seenotrettung unter allen Umständen durchgeführt werden.

Ein anderes Problem ist, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen. Bei den Bürgerkriegsflüchtlingen ist es keine Frage, die müssen wir auf jeden Fall aufnehmen. Anders ist die Situation mit den afrikanischen Migranten, die in Hunderttausenden- und sogar Millionenzahlen auf uns zukommen. Dabei handelt es sich um ein langfristiges Problem und wir müssen uns zusätzlich zur aktuellen Rettung überlegen, was gleichzeitig passieren muss, damit diese unglaubliche Millionenwanderung kanalisiert wird. Auch wenn es dabei um langfristige Entwicklungen geht, müssen wir sofort damit beginnen!

Und was ist aus Ihrer Sicht nötig?
Neudeck:
Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, für diese jungen afrikanischen Gesellschaften, die demografisch in einer unglaublichen Weise explodieren, genügend Berufsausbildungsmöglichkeiten zu schaffen und die Wirtschaft so zu entwickeln, dass dann auch Arbeitsplätze da sind. Diese jungen Menschen, die oft zu den Besten der Besten der Gesellschaft gehören, machen sich doch nicht aus Jux und Tollerei auf den Weg nach Europa. Sie suchen nach einer Perspektive für ihr Leben und ihre Familien, die sie gründen möchten. Deshalb wäre es gut, man würde anfangen, in wenigen Ländern an der Mittelmeerküste und in Westafrika große Berufsausbildungszentren mit einheimischen, aber auch europäischen Lehrern zu bauen.

Viele Staaten Afrikas sind aber selbst höchst instabil …
Neudeck:
Das stimmt, aber man könnte es sehr gut in Tunesien, in Marokko, in Mauretanien und im Senegal machen und wahrscheinlich auch in Ghana und Tansania. Dort könnten Leuchttürme entstehen, die anziehend auf Menschen wirken.

Und Sie meinen, damit ließen sich die Flüchtlingsströme umlenken?
Neudeck:
Ich habe in Mauretanien ein Schlüsselerlebnis gehabt. Dort haben wir ein solches Ausbildungsprojekt aufgebaut und den jungen Menschen von einem schon funktionierenden Modellprojekt in Ruanda, also mitten im Kontinent, erzählt. Die spontane Reaktion der jungen Leute war: Können wir nicht nach Ruanda? Das heißt doch, diese jungen Menschen wollen nicht unbedingt nur nach Europa. Wenn es Alternativen auf dem Kontinent gäbe, würde sich zumindeste ein großer Teil sicher dafür entscheiden.

»Vielleicht gelingt es ja auch noch, dass Caritas und Diakonie, »Brot für die Welt« und Misereor gemeinsam ein Schiff für die akute Seenotrettung organisieren!«

Schätzungen gehen davon aus, dass in den vergangenen 50 Jahren zwischen 500 Milliarden und zwei Billionen Dollar an Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen sind. Was ist eigentlich aus diesem Geld und den vielen Projekten geworden?
Neudeck:
Gerechterweise muss man daran erinnern, dass in der Zeit des Kalten Krieges die Entwicklungshilfe vor allem benutzt wurde, um den Kontinent für den Westen oder den Osten zu gewinnen. So wurde beispielsweise im Kongo vom Westen über 30 Jahre das Regime von Mobutu Sese Seko unterstützt, der eine der längsten und korruptesten Diktaturen auf dem Kontinent errichtete. Es sind Milliarden aus der Entwicklungshilfe in Paläste, Flugzeuge und Flughäfen für wenige Reiche geflossen, statt in Schul- und Berufsausbildung.

Dazu kommt bis heute das, was ich auch im Blick auf die bundesdeutsche Entwicklungshilfe »fehlende Bescheidenheit« nenne: Man versucht allen 54 Staaten irgendwie zu helfen, statt sich auf zwei bis drei zu konzentrieren und mit diesen Staaten eine echte Partnerschaft auf allen Ebenen zu entwickeln.

Dennoch wird nichts darum herumführen, dass wir weiter Geld nach Afrika pumpen?
Neudeck:
Ja, aber es geht nicht nur um Geld. Wir müssen vor allem weg von einer paternalistischen Entwicklungshilfe zu neuen Formen der Zusammenarbeit und der Partnerschaft. Die europäische Kommission sollte die Kontrolle und Koordination solcher langfristiger Zusammenarbeit mit wenigen Ländern übernehmen, auch damit die oft sinnlose Konkurrenz der Geberländer und Hilfsorganisationen vor Ort aufhört. Und warum sollte beispielsweise dann das Bundeskabinett nicht einmal im Jahr gemeinsam mit dem von Ghana tagen? Mit den Kabinetten von Frankreich oder Polen machen wir das doch auch. So könnte Verständnis füreinander wachsen und eine Sogkraft entstehen, die dann private Investitionen nach sich zieht.

Welche Rolle messen Sie den Kirchen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise und der Entwicklung solcher »Leuchtturmstaaten« bei?
Neudeck:
Die Kirchen in Afrika haben eine ganz wichtige Rolle. Zum Beispiel zeigt sich immer wieder, dass neben der Regierung die Kirchen und die Bischöfe wichtige Ansprechpartner sind. Sie sind oft viel näher an den Menschen und ihren wirklichen Bedürfnissen als Regierungsbeamte.

In Deutschland freue ich mich, dass die Kirchen sich sehr für die Aufnahme von Flüchtlingen und für deren Integration engagieren. Daneben sollten sie bei Entwicklungsprojekten den Fokus noch mehr auf Schul- und Berufsausbildung legen. Und vielleicht gelingt es ja auch noch, dass Caritas und Diakonie, »Brot für die Welt« und Misereor gemeinsam ein Schiff für die akute Seenotrettung organisieren!

Mit Glas und Geduld

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Er ist ein wenig Alchemist, ein wenig Handwerker: der Glaskünstler Wolfgang Nickel

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Wolfgang Nickel sorgt sich als Glaskünstler um geschundene Kirchen.

Jahre sind nicht wichtig. Tage schon gar nicht. Die Zeit misst sich anders hier in der kleinen Glaswerkstatt, einer umgebauten Garage, unter der wunderbaren Anschrift Unlust 10. Hier, im Örtchen Georgenzell nahe Schmalkalden, schafft der Glaskünstler Wolfgang Nickel, was noch in hundert und viel mehr Jahren in Kirchen zu sehen sein wird. Hier zählt kein Kalender, sondern nur Geduld, Beharrlichkeit und ein genaues Augenmerk.

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Wolfgang Nickel in seiner Glaswerkstatt. Fotos: Susan Winkel

Dass sein Bestreben einmal vor allem dem Glas gelten würde – gefärbt, geprägt oder verschmolzen, in schlichte Rahmen oder Bleiglas gefasst –, war nicht vorausbestimmt. Es fügte sich. Wolfgang Nickel, ausgebildet in den 1980er Jahren an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle, ist von der Profession her Kunstmaler. Als er, bereits drei Jahre freischaffend tätig, 1990 in seine alte Heimat in Thüringen zurückzieht, wartet dort aber andere Arbeit auf ihn. Kirchen auf dem Land, denen Wind und Steinwürfe übel mitgespielt hatten. Deren Glasschäden – die mutwilligen wie die altersbedingten – in den DDR-Jahrzehnten kaum zu beheben waren. Zu rar waren Bleiruten und Farbglas.

Einige Jahre lang sorgt sich Wolfgang Nickel um den Bestand. In Roßdorf, Tabarz und anderen Orten repariert er die Kirchenfenster, ergänzt ihre Bleiverglasung nach der alten Handwerkstechnik, die sich seit dem Mittelalter nicht mehr verändert hat. Dann plötzlich die Befreiung. Die Glasindustrie entwickelt in der Mitte der 1990er Jahre neue Verfahren, die es erlauben, Farbgläser selber herzustellen. Gleichzeitig verbessert sie die Qualität, die Brillanz der Glasmalfarben. Wolfgang Nickel beginnt, Farben in einem Glas zu mischen, statt wie bisher Farbfeld um Farbfeld gleich einem Mosaik zu einem Bild zusammenzufügen. Er wendet sich hin zu einer moderneren, malerischen Gestaltung.

Mit der Befreiung beginnt die Zeit der Wettbewerbe. Neuverglasungen für Kirchenfenster werden ausgeschrieben, die Künstler zeigen nun, was sich alles mit Glas machen lässt. Was entsteht, wenn sich Talent und Kunstverständnis mit der richtigen Technik und vor allem Erfahrung verbinden. 2002 erhält Wolfgang Nickel einen Auftrag für ein Fenster in der Erfurter Michaeliskirche, dem durch einen nachträglich ergänzten Treppenaufgang das Tageslicht genommen worden war. Er experimentiert, verlässt die glatte Fläche und geht erstmals ins Relief, um dem Glas trotz Lichtmangels eine größere Lebendigkeit zu verleihen.

Der künstlerische Aufbruch ist verbunden mit einer Schicksalsbegegnung. Die in Stuttgart lebende Stifterin des Fensters, Monika Wiegandt, findet Gefallen an den detailversessenen, nie um Beachtung gierenden Arbeiten Wolfgang Nickels. Sie gibt von ihrem Privatvermögen, er schafft davon Fenster für verschiedene Gotteshäuser. Ihr größtes Sorgenkind wird die Eisenacher Nikolaikirche. Eine Seltenheit aus romanischer Bauzeit, welche in jüngerer Vergangenheit unscheinbar verglast wurde. Ein kompletter Satz neue Fenster, 19 Stück an der Zahl, wird über die Jahre in der kleinen Glaswerkstatt in Georgenzell entstehen.

Es ist der größte Auftrag für Wolfgang Nickel, aber nur einer von vielen. In der Erfurter Severikirche ist seine Gestaltung erstmals für einen gesamten Kirchenraum gefordert: Drei Fenster, davon eines mit integriertem Tabernakel, Altar, Kerzenständer und ein Figurensockel, lautet die Aufgabe. Längst wird der Künstler nicht mehr nur für Glas gerufen, er übernimmt Farbausmalungen, zum Beispiel in der Elisabethkirche in Eisenach, für den Dom in Nordhausen fertigt er Andachtsbänke.

Etwa achtzig Prozent seiner Aufträge bekommt er mittlerweile von der Kirche. Ein Bereich, der unbeeindruckt bleibt von den schnellen Moden des Kunstbetriebs. Mit seiner Arbeit hat sich Wolfgang Nickel in Thüringen einen Namen gemacht, mit seiner Arbeitsweise hat er sich Vertrauen erworben. Er drängt nicht, er lässt sich und den Gemeinden Zeit, über Vorgespräche und Arbeitsproben zu einem gemeinsamen künstlerischen Thema zu finden. Zu einem Werk, das nicht konkurrieren will gegen die Ausstattung eines Gebäudes, sondern dem über die Jahrhunderte Entstandenen etwas Neues hinzufügt. Das zwar den Stil der heutigen Zeit auszudrücken vermag, dennoch eine gewisse Zeitlosigkeit besitzt.

Viele Jahre der Annäherung können bei diesem Prozess vergehen. Aber was ist das schon gegen die Jahrhunderte, in denen die Kunst von Wolfgang Nickel immer noch in den Kirchen zu sehen sein wird. In Rosa, Schmalkalden, Bad Salzungen und an vielen Orten mehr. Wo die Betrachter staunen werden über das Zusammenspiel von Licht und Glas. Wo sie vielleicht sogar ein wenig das Göttliche spüren.

Susann Winkel

Beten beginnt mit dem Staunen

12. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie soll, wie kann ich beten? Gedanken zum Gebet am Sonntag Rogate

Fast alle Menschen beten. Dieser Satz überrascht vielleicht, trifft aber zu. Die Zahl der Gläubigen, die weltweit regelmäßig beten, übersteigt weit die Zahl derer, die nicht beten. Trotzdem wird bei uns, im christlichen Abendland, das Gebet mehr und mehr zur Frage – auch unter Christen. Kürzlich las ich einen Beitrag mit dem Titel: Beten? Wenn ich nur wüsste wie!

Nach meiner Erfahrung beginnt das Beten mit dem Staunen. Vielleicht fällt es heute vielen schwer, weil wir mehr und mehr das Staunen verlernen. Was wir brauchen, können wir selbst besorgen – worüber sollten wir staunen? Wir können uns freilich längst nicht alles selber geben. Die wesentlichen Dinge fallen uns doch zu. Das Leben wurde uns geschenkt. Dass uns jemand mag und anlächelt, dass unser Herz schlägt und der Atem fließt – können wir das machen oder kaufen? Es sind die alltäglichen Dinge, die uns ins Staunen führen. Aus dem Staunen erwächst Dankbarkeit gegenüber Gott.

Paulus schreibt im Römerbrief (Römer 1,21): »Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.« Ist vielleicht auch deshalb so viel Finsternis in der Welt, weil wir es verlernen, Gott zu danken? Von Meister Eckhart ist der Satz überliefert: »Wäre das einzige Gebet, das du in deinem Leben sprichst, ein Danke!, es würde genügen.«

Für uns Christen gibt es ein Grundgebet, eines, das uns alle miteinander verbindet – das Vaterunser. Christus sagt, wir sollen nicht so viel plappern (Matthäus 6,7). Es kommt nicht auf die vielen Worte an. Stattdessen gibt er uns ein klares, überschaubares Gebet.

Dennoch dürfen wir Gott mehr sagen und konkrete Dinge benennen, wofür wir dankbar sind. Wir können ihn loben und preisen mit Worten und Liedern, alten und neuen. Und wir dürfen ihn bitten für bestimmte Anliegen und für bestimmte Menschen. Das hat Jesus vor seiner Verhaftung auch getan. Freilich mit dem Zusatz: »doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!« (Matthäus 26,39). Dieser Nachsatz taugt als Kriterium für das eigene Beten, nämlich all meine Anliegen letztlich in Gottes Hände zu legen. Aber beten muss man nicht mit Worten. Selbst im Gottesdienst gibt es das stille Gebet, etwa vor der Predigt.

»Beten heißt still sein und warten, bis der Betende Gott hört«

Der Philosoph Sören Kierkegaard schrieb: »Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern hören … Beten heißt, still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.« Im Haus der Stille Grumbach üben wir das Gebet mit dem Atem. Wir folgen mit unserer inneren Aufmerksamkeit dem eigenen Atemrhythmus und öffnen uns beim Einatmen der göttlichen Lebenskraft. Er hat ja einst nach 1. Mose 2,7 Adam seinen Odem eingehaucht. So erst ist der Mensch zu einem lebendigen Wesen geworden. Und diese göttliche Initiative lebt in meinem Atem fort. Gottes Kraft durchströmt mich – immer schon. Aber ich kann mich im Gebet bewusst darauf einstellen und sie dankbar empfangen. Und ich kann beim Ausatmen das abgeben, was mich daran hindert, mich von ihm und seinem Wort ergreifen zu lassen. Auf diese Weise kann man ganz innig im Gebet sein ohne Worte, ganz in der Stille.

Manche praktizieren eine solche Gebetsform früh auf dem Weg zur Arbeit – etwa im Bus oder in der Bahn. Es geht überall dort, wo ich für eine Zeit mich ganz auf mich und meinen Atem konzentrieren kann und ihn so zum Gebet forme.

Christus sagt, wir sollen uns mit unserem Gebet nicht darstellen (Matthäus 6,5). Das stille Gebet bietet sich auch in der Öffentlichkeit an. In einer Gaststätte etwa kann ich vor dem Essen in Stille innehalten und Gott danken für das, was ich aus seiner Güte empfange. Freilich kann man auch im Restaurant ein Gebet sprechen. Wenn das zur Situation passt, kann das auch die Dankbarkeit für die Tischgemeinschaft ausdrücken.

Gut erinnere ich mich an eine Hochzeit. Vielleicht 30 Personen kamen zum Mittagessen in den großen Saal einer Gaststätte. Es waren mindestens noch zwei weitere Familienfeiern beim Essen, als der Vater der Braut nach einer kurzen Ansage ein gesungenes Tischgebet anstimmte. Alle sangen fröhlich und laut mit und gaben ein völlig unverkrampftes Beispiel ihres Glaubens. Die Gäste an den anderen Tischen staunten über den öffentlichen Gebetsgesang und hatten sicher zusätzlichen Stoff für die Tischgespräche. Es kommt wohl entscheidend darauf an, wie vertraut einem selbst das Gebet ist.

Thomas Schönfuß, Pfarrer und Leiter des Hauses der Stille Grumbach

Gebt Behinderten eine Chance!

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der britische Politiker David Blunkett war der erste blinde Minister seines Landes

Seit 45 Jahren ist David Blunkett in der britischen Politik aktiv. Von 2001 bis 2004 war der blinde Labour-Politiker sogar Innenminister. Zu den Unterhauswahlen am 7. Mai tritt der inzwischen 68-Jährige nicht mehr an. Mit ihm sprach Aljoscha Kertesz.

Weshalb haben Sie sich entschlossen, nicht wieder für das Unterhaus zu kandidieren?
Blunkett:
Wir haben jetzt feste Legislaturperioden von fünf Jahren und da habe ich mich gefragt, ob ich den Job in den nächsten Jahren noch genauso gut ausführen könnte wie heute. Ich kam zu dem Entschluss, dass dem wahrscheinlich so nicht wäre. Daher habe ich mich dazu entschlossen, jetzt aufzuhören, wo mich meine Partei und die Mehrheit der Wähler meines Wahlkreises noch wollen.

Der Sozialdemokrat David Blunkett war als Behinderter 45 Jahre in der britischen Politik aktiv – immer dabei: sein Blindenhund. Foto: Aljoscha Kertesz

Der Sozialdemokrat David Blunkett war als Behinderter 45 Jahre in der britischen Politik aktiv – immer dabei: sein Blindenhund. Foto: Aljoscha Kertesz

Es gibt einen zweiten Grund: Ich kann ja nichts sehen, aber ich hatte ein erstklassiges Unterstützernetzwerk. Wenn ich jetzt wie jeder andere die in Anführungszeichen »alltäglichen Dinge« selber machen muss, dann fange ich doch lieber damit an, solange ich bei bester Gesundheit bin und die Kraft hierzu habe.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz zurückblicken?
Blunkett:
Ich hoffe, dass es mir in meinen 45 Jahren in der Politik gelungen ist, in der Bevölkerung einen Bewusstseinswechsel und eine Einstellungsänderung gegenüber Menschen mit Behinderungen erreicht zu haben. Weiterhin hoffe ich, Vorbild zu sein. Nicht unbedingt in der Politik, aber bei Themen wie Behinderungen und den daraus entstehenden Herausforderungen.

Welche Botschaften haben Sie?
Blunkett:
Ich habe vier wichtige Botschaften. Jungen Menschen mit körperlichen Herausforderungen sage ich: Ihr könnt das meistern. Den Eltern sage ich: Verzweifelt nicht. An die Adresse der Arbeitgeber: Gebt den Menschen mit Behinderungen die Chance zu einem Vorstellungsgespräch. Letztlich mein Appell an die Gesellschaft im Allgemeinen: Überdenkt eure Einstellung gegenüber den Menschen, die anders sind als ihr. Jeder von uns braucht irgendwann im Leben einmal eine helfende Hand.

Hat man Sie eigentlich wegen der Behinderung anders behandelt?
Blunkett:
Nur am Anfang. Das hat sich aber schnell geändert. Zu Beginn meiner Karriere war man sehr paternalistisch zu mir, ich glaube das beschreibt es ganz gut. Man dachte sich: Da ist ein junger Mann, der nicht sehen kann – sind wir mal nett zu ihm. Aber so funktioniert Politik nicht. Politik ist ein hartes und schwieriges Geschäft. Politiker nehmen keine Gefangenen. Ich musste früh zeigen, dass ich meine Arbeit genauso gut ausüben konnte wie sie oder sogar besser als sie. Wenn man eine körperliche Herausforderung hat muss man zeigen, dass man gewillt ist die Extrameile zu gehen. Man muss zeigen, dass man es einfach drauf hat und niemand irgendwann sagen kann, dass man nur deswegen gescheitert ist, weil man nicht sehen konnte.

Im Parlament konnten Sie gut austeilen.
Blunkett:
Ich habe sie gleichwertig behandelt und das bedeutet, wenn ich hart sein musste, war ich hart. Die haben schnell kapiert, dass ich genauso gut austeilen konnte, wie einstecken; somit haben wir alle gut ausgeteilt und gleichermaßen auch eingesteckt.

Als Innenminister hatten Sie einmal gesagt, dass Ihr Vorgänger und Parteifreund Jack Straw im Vergleich zu Ihnen liberal aussehen wird?
Blunkett:
Das stimmt. Das war wohl nicht sehr liberal und auch nicht sehr klug von mir. Ich wollte damals verdeutlichen, dass wir bei einigen Themen wie beispielsweise der internationalen Sicherheit, Kriminalität oder bei der Zuwanderung vor großen Herausforderungen standen. Wir sind die Themen damals sehr hart und sehr nüchtern angegangen. Hierfür gab es zwei Gründe: Zunächst mal ist es die Hauptaufgabe des Innenministers, das Land und seine Menschen zu beschützen. Zweitens mussten wir den Menschen zeigen, dass wir ihre Ängste und Sorgen ernst nahmen. Wir haben die unterbewussten Ängste vor dem schnellen Wandel aufgegriffen. So gelang es uns, keinen Nährboden für die Rechtsextremen entstehen zu lassen. Daher wollte ich diese Botschaft rüberbringen, die im Nachhinein wohl etwas überzogen war.

Ihre Blindenhunde sind zu einer Institution in Westminster geworden.
Blunkett:
Das stimmt. Ich glaube, dass man sie mehr vermissen wird als mich. Sie waren immer Eisbrecher: Die Menschen waren immer freundlich zu ihnen, auch wenn sie mich nicht mochten. Mein Hund wird im Parlament und in Westminster vermisst werden. Ich glaube allerdings nicht, dass der Hund das Parlament vermissen wird. Gerade während der traditionellen Fragestunde habe ich ihn oft vor dem Sitzungssaal warten lassen, da es drinnen einfach zu laut war. Er wird die Fragestunde nicht vermissen, und ich ehrlich gesagt auch nicht.

Ihre Hunde waren immer mal wieder auch Anlass für Erheiterung …
Blunkett:
Ach, da gab es viele lustige Anekdoten, auch hier im Parlament. Während der Rede eines konservativen Abgeordneten im Rahmen der jährlichen Haushaltsdebatte hat sich mein Hund fürchterlich übergeben. Es war damals nicht klar, ob der Hund krank war oder ob er starke Vorbehalte gegenüber einigen der angekündigten Kürzungen hatte.

Erlebnisort für Assoziationen

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle zu wundersamen Welten

Überall in der Welt wartet das Wunderbare und Unerklärliche«, sagte Dieter Hofmann, Professor für Produkt- und Systemdesign und Rektor der Burg Giebichenstein. »Die Kunst kann bekannte Dinge in neue Zusammenhänge bringen und damit Wunderbares herstellen.« Die Ausstellung »Assoziationsraum Wunderkammer« in den Franckeschen Stiftungen zeigt Objekte und Installationen von Künstlern und Gestaltern der dortigen Kunsthochschule. Zu sehen sind Alltagsfundstücke mit individuellen Geschichten, aber auch vertraute Gegenstände in neuen Konstellationen. Dabei geht es darum, mithilfe dieser kuriosen Ungewöhnlichkeiten frei zu assoziieren.

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

»Wir leben in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft viel in unserem Leben erklären kann, sodass wir uns nicht mehr wundern müssen«, erläutert Hofmann den Ansatzpunkt. »Doch die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit bilden einen Schutzraum des Wunderns.« Als Menschen stünden wir so am Ende immer dem Unerklärlichen gegenüber.

Bereits August Hermann Francke gründete im Jahr 1698 eine historische Wunderkammer. Dort sammelte er Artefakte und Naturalien aus aller Welt: Muscheln, seltene Steine, ein Krokodil. Die Exponate brachten die Besucher damals zum Staunen, da ihnen diese Dinge im Europa der Frühaufklärung unbekannt waren. Mit dieser Sammlung von Wundersamkeiten wollte Francke ein Abbild der Schöpfung Gottes in ihrem ganzen Reichtum schaffen. Da in der Aufklärung ein Bedürfnis nach Ordnung aufkam, wurden die Gegenstände auch thematisch geordnet.

In der zeitgenössischen Ausstellung wird dieses Ordnungsprinzip aufgenommen und mit dem Konzept der Wunderkammer gespielt: Internationale Künstler bringen Ideen aus der ganzen Welt mit und zeigen ihre ungewöhnlichen Objekte in den Franckeschen Stiftungen. Diese versetzen auch heutige Besucher in Staunen: »Die Ausstellungsobjekte wirken fremd, sie werfen Fragen auf«, sagte Lutz Nitsche, Referent der Kulturstiftung des Bundes. Die Wunderkammer sei damit auch heute aktuell: »In der digitalen Welt haben wir eine Sehnsucht nach musealer Abgeschiedenheit.« Dabei gehe es nicht um das Feiern des Modernen, sondern um künstlerische Verknüpfungen. Denn die zeitgenössische Ausstellung ist in die historische Wunderkammer integriert, beide können parallel besichtigt werden.

Bemerkenswert unter den Exponaten ist unter anderem der ausgeklappte Holzkoffer »Place Drift« (»treibender Ort«). In dieser Schatzkiste liegen eine alte Fahrradpumpe, ein Gedichtbuch und ein religiöser Gegenstand. Die Künstlerin Ginan Seidl sammelt darin unterschiedliche Erinnerungsstücke von ihren Forschungsreisen in Deutschland, England und Mexiko. Dabei fragt sie Menschen nach ihren Träumen und den Orten, an denen ihre Träume vorkommen. Mit diesem »Souvenirdepot« hat sie einen »Erinnerungsspeicher« geschaffen, der die Besucher nach ihren eigenen Träumen fragen lässt. »Sich so unvoreingenommen auf das historische Erbe der Wunderkammer einzulassen, ist den Franckeschen Stiftungen als künftiges Welterbe würdig«, lobte Rektor Hofmann bei der Eröffnungsfeier. »Diese Ausstellung ist ein wundervolles Abenteuer des Assoziierens. Was sie alles Wunderbares hervorbringt, lässt mich immer wieder an Wunder glauben.«
Markus Kowalski

Bis 16. August, Di. bis So., 10 bis 17 Uhr,
Historisches Waisenhaus (Franckeplatz 1)

Verkündigung mit Wort und Gesang

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Porträt: Sebastian Kircheis – Wie die Kirchenmusik das Leben des Pfarrers prägt

Wer den Pfarrer im Gottesdienst erlebt, ist zuerst beeindruckt von seinem liturgischen Gesang. »Sie haben schön gesungen«, bekommt er manchmal zu hören. Sebastian Kircheis (Jahrgang 1963) ist aber über dieses Kompliment nicht erfreut. Im Gegenteil: »Mich ärgert das immer«, sagt der ehemalige Kruzianer, denn es sei keine große Leistung, die Liturgie zu singen. Die Predigtvorbereitung hingegen koste ihn mitunter viele Stunden Zeit und Arbeit. Wenn er dann »unter Umständen mit dem Ergebnis sogar zufrieden ist«, stattdessen aber sein Gesang gelobt wird, findet er das unverhältnismäßig. Verständlich, weil der Prediger dem »Musiker« keinesfalls nachsteht. Der Weimarer Pfarrer verkündigt das Evangelium nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern auch mit Musik. Neben die anspruchsvolle Schriftauslegung stellt er ebenbürtig das gesungene Wort.

Sebastian Kircheis. Foto: Sabine Kuschel

Sebastian Kircheis. Foto: Sabine Kuschel

Man fragt sich, ob er seinen Beruf vielleicht etwas traurig empfinden würde, wenn er nur auf das gesprochene Wort angewiesen wäre? Der Theologe lacht. »Ich hab noch nicht drüber nachgedacht.« Worüber er sich aber schon öfter Gedanken gemacht hat, ist die Frage, wie das Gemeindeleben durch Kirchenmusik bereichert werden kann. Wenn es sich an irgendeiner Stelle totgelaufen hat, dann überlegt er, wie es wieder zum Leben erweckt werden kann. Und dabei fällt ihm meistens zuerst die Musik ein. Ein aktuelles Beispiel: Die Vespern am Sonnabendabend in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul mit einer kurzen Andacht waren oft kein Höhepunkt im gottesdienstlichen Geschehen. Etwas kühl, nicht immer gut besucht. Wenn sich jedoch die Kirchenmusik hinzugesellt, beispielsweise durch Mitwirkung der Schüler vom Musikgymnasium Schloss Belvedere wie vorigen Sonnabend, wird die Andacht zu einem spirituellen Erlebnis. Bei den Überlegungen, wie dieses kirchliche Angebot einladender gestaltet werden kann, habe er seine Vorstellungen eingebracht und er sei nun sehr froh, dass gemeinsam mit dem Kantor neue Wege beschritten werden.

Bevor Kircheis vor etwa drei Jahren nach Weimar kam, war er Pfarrer in Gera, wo der Heinrich-Schütz-Chor das kirchenmusikalische Geschehen prägt. Hier arbeitete der Theologe mit einem Kantor zusammen, den er als »hochbegabten Musiker und außergewöhnlichen Improvisator« beschreibt. Konzerte mit hohem Niveau. Dennoch habe er Lücken entdeckt, bemerkt Kircheis. Es gab weder einen Kinderchor noch eine Kurrende, wenig Chormusik im Gottesdienst. Ohne mit dem hochkarätigen Kirchenmusiker aneinanderzugeraten, was sich nicht immer vermeiden ließ, galt es, die gute kirchenmusikalische Tradition weiterhin zu pflegen und zugleich andere Formen anzuregen, um Gemeinde, die Kinder und Jugendlichen stärker einzubinden. Über viele Jahre hätten sie – der hauptamtliche Kirchenmusiker und der Theologe mit musikalischen Fähigkeiten – Projekte verfolgt, die ihnen beiden viel Vergnügen bereiteten, obendrein den Kindern und Jugendlichen der Gemeinde. Ein besonderes Ereignis waren etwa die Besuche eines sehr guten Chores aus Schweden, mit dem gemeinsam ein Workshop am Gymnasium auf die Beine gestellt wurde. Die Art, wie der schwedische Chorleiter die jungen Leute mitnehmen, sie zu einer Lebensäußerung bewegen konnte und sie zugleich an die biblische Botschaft heranführte, habe ihn schwer beeindruckt, erzählt Kircheis.

Seine erste Pfarrstelle war im thüringischen Rudersdorf bei Buttstädt. Hier leitete er den örtlichen Gesangsverein, gründete Kinder- und Posaunenchor und – eine Besonderheit: den 9-Uhr-Chor. Die Probe begann pünktlich 21 Uhr, wenn die jungen Eltern ihre Kinder ins Bett gebracht hatten, und sie endete eine Stunde später, 22 Uhr, damit die Jugendlichen rechtzeitig zur Disco konnten. »Die Kirmes war in den Dörfern kirchlich tot«, erinnert sich der Pfarrer, doch er hatte eine Idee, wie sie wieder zurück in die Kirche geholt werden konnte. Natürlich mit Musik.

Mit Musik lassen sich Kinder und Jugendliche am besten in das Gemeindeleben und in die Auseinandersetzung mit der Bibel einbeziehen. Sebastian Kircheis ist selbst so mit den biblischen Texten vertraut geworden. »Ich habe sie verinnerlicht, indem ich sie gesungen habe.« Als kleiner Junge hat er bei seinem Vater, der auch Pfarrer war und für den genauso die Kirchenmusik eine große Rolle spielte, gesehen, wie das geht: Verkündigung – mit Wort und Musik. Wenn im Gottesdienst eine musikalische Darbietung geplant war, wurde sie im Pfarrhaus einstudiert. Zu Hause wurde immer gesungen und musiziert. So ist es bis heute geblieben. Sebastian Kircheis und seine Frau Cornelia haben fünf Kinder, die alle auch Musik machen. Familientraditionen, deren Wurzeln im Erzgebirge liegen, wo der Großvater ebenfalls Pfarrer war. Und Wert darauf legte, dass jedes Kind singen, ein Blas- und ein Streichinstrument beherrschen, Klavier spielen und – wenn gewollt – noch das Orgelspiel erlernen konnte. Aus der Familie sind zwei Kirchenmusiker und zwei Theologen hervorgegangen. Einer von ihnen ist sein Vater, Gotthard Kircheis, ehemaliger Superintendent in Aue. Ein »verhinderter Kruzianer«. Der ebenfalls aus dem Erzgebirge stammende Kreuzkantor Rudolf Mauersberger hätte den Gotthard gern in seinem Chor gesehen. Aber dessen Vater erlaubte es nicht. Der Junge war schlecht ernährt und dünn – es war Nachkriegszeit und die Eltern hatten Sorge, das Kind könnte die Strapazen eines Kruzianers nicht überstehen. Die Musik integrierte er dennoch fest in sein Leben. Nach dem Theologiestudium, bevor er sich entschied, Pfarrer zu werden, arbeitete er am Theater als Sänger. Und dann im Pfarramt gründete er selbstverständlich Kurrende, Posaunenchor und leitete die Kinder zum Singen und Musizieren an. So lag es für seinen Sohn Sebastian auf der Hand, Kruzianer zu werden.

Dann das Erlebnis des Jungen im Chor in der Dresdner Kreuzkirche: Teil eines großen Orchesters zu sein! »Schwer beeindruckt – das ist nicht der richtige Ausdruck.« – Gedankenpause. – »Da kann man Gänsehaut bekommen«, schildert Sebastian Kircheis. Nicht nur die Konzerte, die ausnahmslos von vielen Menschen besucht werden, sind für die Chorknaben prägende Erlebnisse. Die Kruzianer sind in der Dresdner Kreuzkirche Träger des liturgischen Geschehens. »Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie der evangelische Gottesdienst gemeint ist, der wohl vom Wort lebt, aber gesungen und gesprochen. Das Ineinandergehen von Wort und Gesang – das hat mich nie losgelassen.« Und erfasst die heutigen Gottesdienstbesucher, wenn sie das glückliche Zusammenspiel von Wort und Gesang erleben.

Die Mitte seines Glaubens definiert der Theologe als Christusverbindung. »Dass ich getauft bin, in eine Beziehung gestellt, ein Gegenüber habe, das ist es, was mich in Spannung hält und auch entlastet in dem Sinne, dass ich nicht etwas bringen muss.« Dieses Vertrauen – wie könnte es anders sein – drängt ihn zu singen. Ganz wie der Volksmund sagt: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Im Psalm 89, Vers 2, findet der Pfarrer komprimiert, worum es ihm geht: »Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich.«

Sabine Kuschel