Das Schweinebad

30. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Margret Holthaus

Das Leben auf dem Bauernhof war früher wesentlich vielseitiger als heute. Die Unterschiede kenne ich noch aus meiner Kinderzeit. Spezielle Mastställe gab es damals noch nicht. Deshalb tummelten sich viele Tiere – Kühe, Schweine, Schafe oder auch Gänse und Enten – auf dem Hof. Wir hatten viele Hühner und eine Glucke, die ihre Küken noch selbst ausgebrütet hat. Menschen und Tiere lebten unter einem Dach. Nur ein langer Flur trennte Wohnbereich und Stallungen voneinander.

Bei den Tieren traten, genau wie bei den Menschen, auch Krankheiten auf, die von den Bauern meistens mit einfachen Hausmitteln auskuriert wurden. Einmal, so erinnere ich mich, hatte sich unter den Ferkeln eine Schuppenflechte ausgebreitet. Nun war guter Rat teuer. Den hatte der Tierarzt zwar parat, aber er hatte damals kaum Medikamente zur Verfügung. Also mussten wir mit dem Fahrrad viele Kilometer bis zur nächsten Stadt zurücklegen, um die verordnete Seife für die Tiere zu bekommen. Als wir sie besorgt hatten, erwies sich das Baden der Ferkel als eine schwierige Prozedur. Das Wasser wurde in unserem großen Wasserkessel erhitzt, auf Badetemperatur gebracht und in eine Zinkwanne gefüllt, worin mein Bruder die Ferkel badete. Das gefiel den Ferkeln überhaupt nicht. Sie wehrten sich so sehr, dass auch wir dabei pitschnass wurden.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Plötzlich standen zwei junge Mädchen in der Tür – und staunten! Sie kamen aus Berlin und waren zu Besuch bei ihrem Onkel, der in unserer Nachbarschaft ein Textilgeschäft führte. In Berlin hatten sie keine Gelegenheit, sich auf einem Bauernhof umzusehen. Natürlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass sich auf unserem Hof sogar Schweine in der Wanne tummelten, wo doch damals selbst für Menschen selten eine Badegelegenheit bestand. Interessiert schauten sie deshalb dem Treiben bei uns zu und fanden den Anblick der eingeseiften Kerlchen spannend wie im Tierfilm.

Die Sau im Stall war wohl vom Quieken ihrer Ferkel beunruhigt. In ihrer Aufregung hatte sie hektisch den Mist mit der Schnauze aufgewühlt und sah entsprechend aus. Nun wollten die Mädchen wissen, ob denn auch die Mutter der Ferkel ein Bad bekäme. Es sähe ja ganz danach aus, dass sie es nötig hätte. Als wir mit dem Kopf nickten, wollten sie auch gleich wissen, wie man denn so eine dicke Sau in die Wanne befördere. Mein Bruder Matthias hatte gleich eine Erklärung parat. Nach dem Ferkelbaden brauche er nur die Wanne in den Stall zu stellen, die Sau würde sich dann von allein hineinsetzen. Sie müsse dann nur noch eingeseift werden. Die beiden Mädchen waren von der Sache so sehr angetan, dass sie gleich ihrem Onkel davon erzählten. Dem verschlug es fast die Sprache, als er sich davon überzeugen konnte, dass bei uns die Ferkel tatsächlich gebadet wurden!

Aus: Wir Kinder vom Lande. Unvergessene Dorfgeschichten. Band 6/1916–1976. Zeitzeugen-Erinnerungen, Zeitgut Verlag, 256 S., ISBN 978-3-86614-227-5, 11,90 Euro

Schwimmendes Auge

29. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Initiative: Ein privater Kutter soll zwischen Malta und Libyen patrouillieren und Flüchtlingen in Seenot helfen


Den Mauerfall 1989 in Berlin bejubeln und gleichzeitig Mauern an den EU-Außengrenzen hochziehen und den Tod von Flüchtlingen in Kauf nehmen – das ging für vier Familien aus Brandenburg nicht länger zusammen. Mit einem Kutter wollen sie nun selbst helfen.

Bei den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November dachte Harald Höppner plötzlich: »Das ist doch verkehrte Welt.« Zu feiern, dass die deutsche Grenze weg ist und gleichzeitig eine Mauer um Europa zu bauen. Die Menschen, die aus dem Osten in den Westen abgehauen waren, als Helden zu würdigen, und Mittelmeerflüchtlinge aus Afrika als illegal abzulehnen. Das brachte den 41-Jährigen aus dem brandenburgischen Landkreis Barnim, der selbst in der DDR aufgewachsen ist, zum Grübeln: »Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen.«

Mit Freunden diskutierte Höppner am Küchentisch darüber, wie sie helfen könnten, damit nicht weiter Tausende Mittelmeerflüchtlinge ertrinken würden. Rasch war die Idee geboren: »Wir brauchen ein Schiff, um dorthin zu fahren.« Schon wenige Wochen später gab es dieses private Schiff, das auf die Initiative von vier brandenburgischen Familien zurückgeht, tatsächlich.

»Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen«, sagt der in der DDR aufgewachsene Harald Höppner. Mit seinem Kutter »See Watch« will er nun im Mittelmeer helfen, Flüchtlinge zu retten. – Foto: epd-bild

»Wenn ich älter gewesen wäre, wäre ich vielleicht auch durch die Ostsee geschwommen«, sagt der in der DDR aufgewachsene Harald Höppner. Mit seinem Kutter »See Watch« will er nun im Mittelmeer helfen, Flüchtlinge zu retten. – Foto: epd-bild

Die 21 Meter lange und fünf Meter breite »Sea Watch« ist ein fast 100 Jahre alter Fischkutter, der im Januar aus den Niederlanden nach Hamburg-Harburg gebracht wurde und dort hochseetüchtig gemacht wurde. Am 19. April, einen Tag nach der jüngsten Flüchtlingskatastrophe ist das Schiff in Hamburg ausgelaufen, ab Mai wird es im Mittelmeer zwischen Malta und der Küste Libyens kreuzen. Dort liegen die Hauptrouten der Bootsflüchtlinge.

Die »Sea Watch« kostete »so viel wie ein Oberklassewagen«, sagt Projektleiter Höppner. Ähnlich viel Geld wurde in den Umbau gesteckt, ausgerüstet wurde der Kutter zum Beispiel mit Satellitentechnik für stabiles Internet und Funk. Aus dem Mehrfamilienprojekt wurde inzwischen eine Bewegung mit rund 100 Unterstützern. Seit den ersten Presseberichten hängt Höppner nur noch am Handy. Seine kleine Firma muss seitdem vor allem seine Frau führen.

Flüchtlinge aufnehmen will das Schiff indes nicht. Die Organisatoren sehen den Kutter als »schwimmendes Auge auf See«: Sie wollen Patrouille fahren, und wenn sie Menschen im Wasser entdecken, einen Notruf absetzen. Dann sind die offiziellen Rettungsbehörden verpflichtet, zu kommen.

Das Engagement der »Sea Watch« ist Aus Sicht der Initiatoren legal: »Es gibt mehrere Tausend Jachten im Mittelmeer, die von A nach B fahren. Genau das machen wir auch«, sagt Höppner. Eine enge Zusammenarbeit mit der Initiative »Watch the Med« ist vereinbart, um die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Alle Aktionen wird die »Sea Watch«-Crew dokumentieren, zudem soll es fortlaufend mediale Berichterstattung geben. Ferner kann die »Sea Watch« Ersthilfe leisten: An Bord sind Rettungsinseln und Schwimmwesten für 300 bis 400 Menschen, Wasser und Lebensmittel. Das Projekt ist mit Blick auf die privaten und freiwilligen Ressourcen zunächst auf drei Monate angelegt, Höppner selbst wird einen Monat lang Teil der Crew sein.

Ende Oktober war die großräumige Operation »Mare Nostrum« der italienischen Marine und Küstenwache, die mehr als 100 000 Flüchtlinge rettete, beendet worden. Seit November gibt es stattdessen den wesentlich kleineren »Triton«-Einsatz der EU-Grenzschutzbehörde Frontex. Der Fokus der Operation Triton liegt jedoch nicht auf der Rettung von Flüchtlingen, sondern der Sicherung der EU-Außengrenze vor illegaler Einwanderung. Hilfsorganisationen kritisierten wiederholt, dass dadurch die Zahl der Mittelmeertoten wieder steigen werde.

Wenn sie es beim Erfolg der Mission nach drei Monaten nicht schafften, »Leute zu motivieren, das weiterlaufen zu lassen, dann verliere ich mein Vertrauen in die Gesellschaft«, sagt Höppner. Ein größeres Ziel sei die Wiedereinführung einer Operation wie »Mare Nostrum«, auf jeden Fall aber »eine bessere Flüchtlingspolitik«. Der Beitrag der »Sea Watch« könne nur ein kleiner sein, um vielleicht die Zahl der Opfer leicht zu reduzieren.

Angst hat der dreifache Familienvater nicht. Und einschätzen kann er auch, was ihn auf hoher See Dramatisches erwarten könnte: »Wir alle kennen die Bilder ja aus dem Fernsehen.«

Nadine Emmerich (epd)

www.sea-watch.org

Neue Gäste in der Erfurter Michaeliskirche

28. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökumene: Die junge Rumänisch Orthodoxe Gemeinde Erfurt feiert ihre Gottesdienste in einem protestantischen Gotteshaus


Rund 300000 Rumänen orthodoxen Glaubens leben in Mittel- und Nordeuropa. Auch in Erfurt gibt es seit Kurzem eine eigene Gemeinde.

Die Erfurter Michaeliskirche ist festlich geschmückt. Überall leuchten Kerzen. Auf dem Altar liegt eine Bibel mit goldverziertem Einband und an der Seite steht ein silbernes Taufbecken. Ein kleiner Chor aus sechs jungen Menschen erfüllt das Gotteshaus mit alten liturgischen Gesängen. Vorne stehen drei Geistliche in langen, weißen Gewändern mit prächtigen Goldornamenten. In der evangelischen Kirche wird ein orthodoxer Taufgottesdienst gefeiert – von der noch jungen Rumänisch Orthodoxen Gemeinde »Der Schutzmantel Mariä« in Erfurt.

Die Gemeinde gibt es seit Ende 2014. »Damals ging alles ganz schnell«, erinnert sich Gertraud Hecker von der Evangelischen Stadtmission. Sie erhielt im November eine Anfrage von rumänisch orthodoxen Christen, ob sie die Michaeliskirche nutzen könnten. Nach Absprache mit dem Kirchenkreis wurde schon im Dezember der erste Gottesdienst gefeiert.

Weihrauch und Kerzen, Gewänder und Liturgie – orthodoxe Gottesdienste beziehen alle Sinne ein. Den Ostergottesdienst mit mehreren Taufen in Erfurt zelebrierten Metropolit Serafim (r.) und Ortspriester Bogdan Florin Buta (Mitte). – Foto: Markus Wetterauer

Weihrauch und Kerzen, Gewänder und Liturgie – orthodoxe Gottesdienste beziehen alle Sinne ein. Den Ostergottesdienst mit mehreren Taufen in Erfurt zelebrierten Metropolit Serafim (r.) und Ortspriester Bogdan Florin Buta (Mitte). – Foto: Markus Wetterauer

Zur Gemeinde gehören Christen aus ganz Thüringen. »In Erfurt selbst wohnen nur wenige von uns«, sagt Anisoara Dämmrich, die mit ihrem Mann Peter in Großbreitenbach im Ilm-Kreis lebt. Bevor es die Erfurter Gemeinde gab, fuhren sie immer nach Nürnberg zum Gottesdienst. Sie freuen sich, dass der Weg deutlich kürzer wurde.

Bei dem Taufgottesdienst in der Michaeliskirche ist zum ersten Mal Metropolit Serafim Joanta zu Gast in Erfurt. Serafim ist Bischof der Rumänisch Orthodoxen Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa mit rund 300000 Mitgliedern. Den Gottesdienst hält er zusammen mit einem Diakon und dem Priester der Erfurter Gemeinde, Bogdan Florin Buta. Die Liturgie ist überwiegend auf Rumänisch. Immer wieder sind aber auch kurze Abschnitte auf Deutsch, denn einige der Teilnehmer sind Deutsche, die mit Rumänen verheiratet sind. Pfarrer Buta spricht bisher nur ganz wenig Deutsch. Er will aber die Sprache lernen, um künftig auch Messen auf Deutsch halten zu können.

Jeden Sonntag um neun Uhr treffen sich zwischen 20 und 40 Rumänisch Orthodoxe zum Gottesdienst. Der dauert schon mal drei oder vier Stunden und damit deutlich länger als in evangelischen Kirchen. Die Osternacht feierten sogar 120 Christen. Darunter gab es viele junge Gesichter.

»Die Michaeliskirche war schon immer eine offene Kirche«, freut sich Gertraud Hecker von der Stadtmission über die neuen Gäste im Gotteshaus. Landeskirchenamt und Universität feiern hier ebenso Gottesdienste wie die Altkatholiken und die Evangelische Studentengemeinde. Deshalb ist es für Hecker nicht immer einfach, alles unter einen Hut zubringen: »Da war es ganz praktisch, dass das orthodoxe Osterfest in diesem Jahr eine Woche später war!«

Weil die Kirche für den orthodoxen Gottesdienst geschmückt und auch einiges »umgebaut« werden muss, sind die ersten Teilnehmer schon lange vor Beginn da. Nach dem Gottesdienst treffen sie sich fast jeden Sonntag zum Essen in der Kirche. Dazu bringt jeder etwas mit, wie Anisoara Dämmrich erzählt. Die Tafel ist immer reich gedeckt. »Das ist wichtig für die Gemeinschaft«, sagt sie. Kontakt hält die junge, verstreute Gemeinde über Telefon und E-Mail – und versucht, auch neue Mitglieder zu erreichen: »Viele Rumänen wissen noch nicht, dass es uns gibt.«

Die Unterschiede zwischen der Rumänisch Orthodoxen Kirche und den anderen orthodoxen Kirchen, zum Beispiel in Griechenland oder Russland, sind gering. Außer der Sprache sind es nur kleine Traditionen, die anders sind. Die theologischen Grundlagen aber seien dieselben, wie Bischof Serafim erläutert. Der Metropolit ist Oberhaupt einer schnell wachsenden Kirche in Deutschland, weil immer mehr Rumänen hierher auswandern. Deshalb werden immer wieder neue Gemeinden gegründet.

Die reine Freude ist das für Serafim aber nicht. Er sieht auch die andere Seite der Medaille. »Es ist eine Tragödie für Rumänien«, sagt er. Denn fünf Millionen Menschen haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen – meist junge, vom Staat gut ausgebildete Ärzte, Ingenieure, Computer-Fachleute oder Musiker. Zurück bleiben die Älteren und oft genug Kinder, deren Eltern ins Ausland gehen.

Markus Wetterauer

»Ihr habt mich besucht«

25. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was die Bibel über Krankenbesuche zu berichten weiß

Kranke zu besuchen gehört zu den selbstverständlichen Akten der Nächstenliebe. Was nicht heißt, dass jeder sich daran hielt und hält. Deshalb mahnt die Bibel, Kranke zu besuchen.

Lass dich’s nicht verdrießen, die Kranken zu besuchen; denn dafür wird man dich lieben«, rät das Buch Sirach. Sicher kann man sich durch solche Aufmerksamkeiten leicht beliebt machen. Dennoch ein merkwürdiger Rat. Schöner wäre es doch für den Kranken, zu wissen: Die Besucher kommen aus Liebe, und nicht um sich beliebt zu machen. (Sirach 7,39)

Zu biblischer Zeit ging man davon aus, dass Krankheiten und Leiden von Gott geschickte Strafen für Fehlverhalten seien. Der körperliche und seelische Qualen leidende Hiob wurde von vier Freunden besucht: Elifas, Bildad, Zofar und Elihu. Obwohl Hiob immer wieder beteuerte, dass er nie Unrecht getan habe, blieben sie bei der überlieferten Überzeugung und rieten Hiob: Gestehe deine Fehltaten ein, nur so hast du eine Chance, wieder gesund zu werden. Solche Ratschläge waren für Hiob in seinem Leid nicht gerade hilfreich. Am Ende hörte er nicht auf seine Besucher, sondern bleibt Gott treu. (Hiob 5, 17)

»Lass dich’s nicht verdrießen, die Kranken zu besuchen;
denn dafür wird man dich lieben«

König Saul wurde immer wieder von Depressionen geplagt. Da überlegten sich seine Leute, einen Musiker zu suchen, der die Stimmung des Königs mit seinen Tönen aufhellen sollte. Und tatsächlich – sie fanden David. Der stattete dem König nun immer, wenn er sich schlecht fühlte, Krankenbesuche ab. Der junge Mann brachte seine Harfe mit, deren Töne heilende Wirkung entfachten. Denn immer wenn David sie spielte, fühlte sich der depressive Saul besser »und der böse Geist wich von ihm«. (1. Samuel 16,14ff.)

Das war gemein: Amnon, ein Sohn Davids, verliebte sich krankhaft in seine Halbschwester Tamar. Um in ihre Nähe zu kommen, ersann er einen Plan: Er stellte sich krank und bat Tamar um Besuch. Tatsächlich brachte sie ihm liebevoll zubereitete Krankenspeise. Als sie allein bei ihm im Zimmer war, forderte er sie zum Sex auf – als sie sich weigerte, vergewaltigte er sie. Dann verstieß er sie. Sein Bruder Absalom verachtete Amnon wegen dieser Tat und brachte ihn zwei Jahre später um. (2. Samuel 13,1-15)

Als die Tochter des Jairus schwer krank war, ging Jairus zu Jesus und bat ihn, seine Tochter zu besuchen und zu heilen. Jesus aber kümmerte sich zunächst um eine ebenfalls kranke Frau. Als sie sich endlich auf den Weg machten, kamen ihnen schon Boten entgegen und riefen: »Deine Tochter ist gestorben.« Jesus trat trotzdem in das Zimmer des Kindes und sagte: »Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.« Jesus nahm die Hand des Kindes, sprach »Talita kum! – das heißt übersetzt Mädchen, ich sage dir, steh auf! Und sogleich stand das Mädchen auf und ging umher.« (Markus 5,21ff.)

Maria und Marta hatten Jesus um einen Krankenbesuch bei Lazarus gebeten. Doch Jesus ließ sich Zeit. Als er kam, war Lazarus offensichtlich schon gestorben und lag seit vier Tagen im Grab. Sein Körper begann sogar schon zu riechen. Doch Jesus holte ihn trotzdem wieder zurück ins Leben. Jesus ging zum Grab. »Es war aber eine Höhle und ein Stein lag davor. Jesus sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein weg.« Jesus betete und rief dann »mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus.« (Johannes 11)

Das Jüngste Gericht wird nicht nur im Buch der Offenbarung geschildert. Viel lebensnaher führt Jesus seinen Zuhörern die Geschehnisse am Ende der Zeiten vor Augen. »Alle Völker« werden demnach bei der Wiederkunft des »Menschensohns« vor ihm versammelt werden. Er wird sie zur Rechten und zur Linken gruppieren: Jene, die Barmherzigkeit gezeigt und gelebt haben, werden das ewige Leben erhalten; wer hingegen Kranke nicht besucht, Hungrige nicht gespeist und Nackte nicht gekleidet hat wird das »ewige Feuer« erleiden müssen. (Matthäus 25,31ff.)

Uwe Birnstein

Gestrandet auf Malta

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: In der Hauptstadt Valletta bietet die deutschsprachige Andreasgemeinde Hilfe

Für Paulus war Malta einst Zufluchtsort. Die evangelische Andreasgemeinde in der Hauptstadt Valletta sieht sich in der Tradition des Apostels stehen und bietet Flüchtlingen Hilfe an. Doch das Warten hat damit für sie kein Ende.

Zu Malta gehört der heilige Paulus als Schutzpatron. In der Apostelgeschichte heißt es, dass Paulus und einige andere Gefangene mit einem Schiff von Palästina nach Rom unterwegs waren. Hinter Kreta gerieten sie in einen schweren Sturm und trieben zwei Wochen lang steuerlos im Wasser, bevor das Schiff in einer kleinen Bucht strandete – der Insel Malta. Drei Monate soll der Apostel nach diesem Schiffbruch im Jahr 60 nach Christus auf der kleinen Mittelmeerinsel verbracht und in dieser Zeit dort den christlichen Glauben verbreitet haben. Die Malteser sind stolz, vom heiligen Paulus selbst christianisiert worden zu sein. Doch heute ist die nur 316 Quadratkilometer große Insel mit beschränkten wirtschaftlichen Ressourcen für die vielen neu ankommenden Flüchtlinge vor allem aus Afrika einfach zu klein geworden. Das schafft Konflikte.

Dieter Paul vor einem Bild mit dem Apostel Paulus. Foto: privat

Dieter Paul vor einem Bild mit dem Apostel Paulus. Foto: privat

Neuankömmlinge waren irgendwann einmal auch die rund 70 Mitglieder der deutschsprachigen evangelischen Andreasgemeinde in der Hauptstadt Valletta. Es sind Frauen, die die Liebe nach Malta verschlug, Firmenleute und Pensionäre, die die Sonne lieben. Auch sie sehen sich dabei in der Tradition von Paulus, für den Malta damals ein Zufluchtsort war. Deshalb engagieren sie sich für Flüchtlinge, die auf abenteuerlichen Schiffswegen von der afrikanischen Küste kommen. Sie finden bei den Gemeindemitgliedern rund um Pfarrer Dieter Paul Unterstützung, denn ihr Wunsch in Europa Freiheit und Arbeit zu finden strandet oft auf Malta, das im Verhältnis zu seiner geringen Einwohnerzahl von rund 400 000 die meisten Flüchtlinge in Europa aufnimmt.

Die Hilfe der Andreasgemeinde kennt dabei viele Beispiele. Als 2011 feststand, dass 150 Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten in Syrien nach Deutschland dürfen, kümmerte sie sich um einen Schnellkurs Deutsch. Einem anerkannten Flüchtling aus Eritrea wurde finanziell ermöglicht, dass seine Familie nachkommen kann und mit der Aktion »Help the Children of Hal Far« werden Transportkosten für Kinder aus einem Flüchtlingslager übernommen, die einige unbeschwerte Urlaubstage auf der zu Malta gehörenden Insel Gozo verbringen können. Die Gemeinde beteiligt sich an einem »microfinance fonds«, der Darlehen für Existenzgründungen und Ausbildung vergibt. Sie tut das in guter ökumenischer Gemeinschaft mit der benachbarten Schottischen Kirche, den Presbyterianern, aber auch mit der deutschsprachigen katholischen Gemeinde St. Barbara und dem Flüchtlingshilfswerk der Jesuiten.

Wie wichtig hier Ökumene ist, sei besonders nach der Katastrophe im Oktober 2013 vor der benachbarten Insel Lampedusa deutlich geworden, wo rund 400 Menschen starben, sagt Dieter Paul. Damals gab es einen Gottesdienst mit Vertretern aller Religionen. »Wir sind wie der Fisch im Wasser, zwar klein, aber sehr rege«, vergleicht der Pfarrer im Ruhestand, der seit 2013 der Andreasgemeinde vorsteht. Man versuche, soziale Lücken zu füllen. Dem ehemaligen Mitglied der Berliner Härtefallkommission für Flüchtlinge war dabei die Migrationsproblematik schon vor seinem Dienst in Malta gut vertraut.

Hier muss sich Dieter Paul allerdings auch damit auseinandersetzen, dass Flüchtlinge bei der Bevölkerung wenig willkommen sind. Einfach zu klein sei ihre Insel, sagen die Leute. Das spiegelt sich in der offiziellen Regierungspolitik wider. Bis zu 18 Monate müssen Asylsuchende in Spezialgefängnissen verbringen. Dann werden sie in sogenannte offene Zentren verlegt, wo sie in der Regel zwei weitere Jahre warten bis über ihren Aufenthaltsstatus in der Europäischen Union entschieden wird. Die Praxis der Unterbringung in Spezialgefängnissen soll sich nach massiven Interventionen auch der Kirchen zwar demnächst ändern, aber die Hoffnungslosigkeit der rund 8000 Flüchtlinge auf Malta wird das nicht wesentlich beeinflussen. Viele bekommen nach Prüfung ihres Antrages lediglich eine Duldung, weil die Abschiebung zum Beispiel in ein Bürgerkriegsland nicht erfolgen kann. Dann geht das Warten weiter, denn weiterreisen wie einst Paulus dürfen sie nicht.

Andreas Herrmann

Musik heilt manche Wunden

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen, sein Leben begann, verlassen von der Mutter, in einem Hotelbett

Auf Kirchentagen füllt der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen die größten Hallen, seit drei Jahrzehnten gibt er in ganz Europa Konzerte. Doch hinter seiner musikalischen Leidenschaft steckt eine verstörende Geschichte.

Dunkel. Ganz viel Dunkel. Und dann Licht. Und eine Tür.« Fragt man Hans-Jürgen Hufeisen nach seinen frühesten Erinnerungen, fällt ihm das ein: Dunkel und Licht. Die menschliche Erinnerung reicht frühstens bis ins dritte Lebensjahr hinein, sagen Hirnforscher. Doch die Seele empfindet weiter zurück.

Die Empfindung aber reicht nicht, um die Ereignisse jenes 10. Februar 1954 verlässlich zu rekonstruieren. Da war die Frau aus dem Allgäu mit dem Glück versprechenden Namen Hufeisen, Eveline Hufeisen. Beruflich ständig unterwegs, war die 33-Jährige Hotelbetten in einfachen Gasthäusern gewöhnt. Das Bett in Anrath bei Krefeld wird wie all die anderen gewesen sein: einfach, durchgelegen, halbwegs sauber. Und doch wurde es ein besonderes Bett. Es wurde zur Geburtsstätte. Irgendwann nach Mitternacht brachte Eveline Hufeisen hier ihren Sohn zur Welt. Sie ruft um Hilfe. Der Gastwirt kommt und erkennt die Situation: die erschöpfte Mutter, das Bett voller Blut, mittendrin das Neugeborene. Er holt eine Hebamme, sie tut, was getan werden muss.

Das Dunkel der ersten Lebenstage

Und dann? So könnte es gewesen sein: Die Mutter will dieses Kind nicht, das so viel Unruhe in ihre Familie gebracht hat. Der Vater? An ihn mag sie gar nicht denken, sie weiß ja nicht mal genau, wer es war – drei Männer stehen zur Auswahl. Ein wildes Panoptikum verstörender Bilder und Gefühle. Angst schnürt ihr die Kehle zu. Erschreckende Gedanken, tausendmal im Kopf durchgespielt, doch jetzt, wo dieses hilflose Kind vor ihr liegt, schwer umzusetzen: Was, wenn sie nun einfach geht? Es gibt Zeiten, in denen Fragen sinnlos sind, weil die Situation keine vernünftige Antwort erlaubt. Diese beiden Tage nach dem 10. Februar 1954 gehören dazu.

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Der Flötist Hans-Jürgen Hufeisen. Foto: privat

Zwei Tage später betritt der Hotelwirt das geräumte Zimmer. Die fremde Frau war abgereist. Das Federbett fällt ihm auf, liegt da etwas drunter? Er lüftet das Bett und sieht das Neugeborene. »Dunkel, ganz viel Dunkel. Und dann Licht.« Dieser Moment ist es, der sich in Hans-Jürgen Hufeisens Seele eingebrannt hat.

Wenn das Leben so holprig beginnt – wie kann es gelingen? In Hans-Jürgen Hufeisens Geschichte spielen die Menschen, die sich um ihn gekümmert haben, eine große Rolle. Da sind erst die Erzieherinnen im Caritas-Heim. Dann eine Pflegemutter. Als er drei Jahre ist, wird er ins »Haus Sonneck« gebracht, ein Kinderheim des evangelischen Neukirchener Erziehungsvereins. Als »sensibles, zartes, hübsches Bürschchen« hat ihn seine damalige Erzieherin Olga in Erinnerung. Sie wurde Hufeisens Vertraute; ihr lauschte er, als sie sang und Blockflöte spielte.

An jedem Abend dasselbe Ritual: Die Kinder kommen zusammen, dürfen sich ihren Platz frei im Raum wählen. Liegend, hockend, stehend. Hans-Jürgen sitzt meist ganz nah bei Olga, beobachtet sie aufmerksam – und hört zu. Was für wunderschöne Töne Olga aus diesem einfachen hölzernen Instrument zaubert! »Der Mond ist aufgegangen«, »Weißt du, wieviel Sternlein stehen«. Das möchte Hans-Jürgen auch lernen.

Als er sechs Jahre alt ist, wünscht er sich eine Flöte vom Weihnachtsmann. Sein Wunsch wird erfüllt. Erzieherin Olga erkennt sein Talent. Die Flöte wächst ihm ans Herz. Hans-Jürgen entdeckt eine ganz neue Art, seine Gefühle auszudrücken. Leidenschaftlich zaubert er Töne, spielt die alten frommen Lieder aus »Haus Sonneck« nach.

Das Treffen mit der Mutter in einem Hotel

Bald hat er Unterricht an der Moerser Musikschule. Erste Preise bei »Jugend musiziert« folgen. Nach der Schulzeit bewirbt er sich zum Studium an der renommierten Essener Folkwang-Hochschule für Musik, Theater und Tanz. Er weitet seinen Horizont, legt das Examen ab. Die evangelische Kirche Württembergs wird auf den Ausnahmemusiker aufmerksam; als Referent für musisch-kulturelle Bildung bringt er frischen Wind in die etablierte Kirchenmusikszene. Gleichzeitig perfektioniert er sein eigenes Flötenspiel. Hufeisen wird zum Geheimtipp der neuen christlichen Musikszene. Studierter Musiker, geprüfter Konzertflötist, fromm, aber nicht im engen Sinne missionarisch, jung und gutaussehend, leichtfüßig und tiefsinnig – viele Menschen irritiert dieser Troubadour aus Württemberg. Seine Konzerte und Auftritte lassen die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Musik verblassen.

Als seine erste Langspielplatte erscheint, fasst sich der 25-Jährige ein Herz und schickt sie seiner Mutter. Zum ersten Mal nimmt er Kontakt mit ihr auf. Sieben Wochen wartet er auf Antwort. Am 26. April 1979 endlich der ersehnte Brief. Absender: »E. Schaper«. Abgestempelt in Iserlohn. Die Worte treffen ihn ins Herz. Dass niemand von ihm wisse, steht da. Dass er eine Halbschwester habe. Und dass seine Mutter sich über ein Treffen freuen würde. »Herzliche Grüße. Deine Mutter.«

Einige Wochen später treffen sie sich in einem Hotel – ausgerechnet. Als er in den Gastraum kommt, sieht er sie: Mitte vierzig, dunkle Haare, eine Zigarette in der Hand. Hans-Jürgen spürt sein Herz schlagen. Als er näherkommt, sieht er ihr Cognacglas. Sie blicken sich an. »Hallo Mutter«, sagt er, sie antwortet: »Hans-Jürgen.« Dann setzt er sich ihr gegenüber. Sie blicken sich an, lange. Das Wiedersehen macht sie sprachlos. Hans-Jürgen registriert alles an ihr, es ist, als sauge seine Seele alles auf: Die Haare sind dunkelbraun, rot changierend. Ihre Augen wirken abwesend. Die Lippen zittern. Ja, er findet sie sympathisch. »Sie hatte eine besondere Aura, eine Persönlichkeit. Ich merkte, dass sie ungeheuer nervös war«, erinnert er sich heute. Plötzlich brach sie das Schweigen: »Dein Hemd sieht aus wie Frühling.« Einige Male lädt er sie in Konzerte ein, manchmal kommt sie. Doch die Mutter bleibt reserviert. Einmal verlässt sie sogar den Saal – Hufeisen hatte die Geburtsszene Jesu mit Musik und roten Tüchern nachempfunden. Das versetzte ihre Mutterseele offensichtlich in Aufruhr. Als Hufeisen heiratet und zwei Kinder bekommt, wirkt sie irgendwie begeistert – doch der Kontakt bleibt kühl und selten.

Schlichte, ergreifende Lieder bei der Trauerfeier

Währenddessen feiert Hans-Jürgen Hufeisen mit seinem ganz eigenen Musikstil Erfolge. Er füllt die großen Hallen Deutschlands mit Musik und aufwendigen Inszenierungen. Hans-Jürgen Hufeisens Hingabe gehört der Musik – sie wird für ihn zum Mittel, das Dunkel der ersten beiden Tage seines Lebens zu ertragen. Als seine Mutter im Jahr 2007 stirbt, spielt er bei der Trauerfeier schlichte ergreifende Lieder. Denkt er an sie zurück, sagt er: »Dass niemand einen sucht, keiner nach einem fragt, dass da kein Erinnern bei einem anderen Menschen ist – das bleibt eine Wunde, die wohl nie verheilt.« Rückmeldungen seiner Hörer zeigen: Mit der Musik gelingt es ihm, viele Wunden zu heilen. Bei sich und anderen.

Uwe Birnstein

Lese-Tipp

Birnstein, Uwe: Das unglaubliche Leben des Flötenspielers Hans-Jürgen Hufeisen. Ein Porträt, Herder-Verlag, 223 S., ISBN 978-3-451311925, 22 Euro

Gott auf die Spur kommen

22. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Katharina und Thomas Schönfuß über Spiritualität in der Partnerschaft

Lassen sich in einer Partnerschaft Spuren Gottes entdecken? Ja, meint das Ehepaar Schönfuß. Katharina Schönfuß, Ehe- und Lebensberaterin, und Thomas Schönfuß, Pfarrer und Leiter des Hauses der Stille in Grumbach, leiten Seminare zu diesem Thema. Mit ihnen sprach Sabine Kuschel.

Herr und Frau Schönfuß: Es ist nach Ihrer Erfahrung also möglich, dass Mann und Frau in ihrer Partnerschaft Gottes Spuren entdecken können?

Thomas Schönfuß: Ja, das kann man so sagen. Wir versuchen zumindest, Menschen dazu anzuregen, über Spuren Gottes in ihrer Paarbeziehung nachzudenken und dann zu schauen, ob sich etwas entdecken lässt. Ein Wochenende, bei dem sich Paare mit diesem Thema beschäftigen, kann die Aufmerksamkeit dafür stärken. Sie sehen eventuell dann auch etwas, was sie – nicht sensibilisiert – übersehen würden.

Katharina Schönfuß: Wir bieten den Rahmen dafür an. Die Partner sollen sich Zeit nehmen, aufmerksam werden. Was Gott mit mir oder mit meiner Partnerschaft vorhat – das ist immer unverfügbar. Man kann das nicht machen.

Thomas Schönfuß      Katharina Schönfuß. 	Fotos: privat

Thomas Schönfuß (links) und Katharina Schönfuß (rechts). Fotos: privat

Wie kommen Menschen Gott auf die Spur? Wie geschieht das?

Thomas Schönfuß: Hier im Haus der Stille gibt es drei Gebetszeiten, morgens, mittags und abends. Morgens wird betont: Wir empfangen diesen Tag aus Gottes Hand. Jeder Tag ist ein Geschenk an uns. Das ist ein wichtiger Impuls. Das Mittagsgebet ist ein Anhalten mitten im Tagwerk. Das Abendgebet ist verbunden mit dem Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. Das ist eine Form des Tagesrückblicks: Wir schauen auf diesen Tag zurück – in dem Bewusstsein, dass Gott mit liebevollem Blick auf uns schaut. Ebenso dürfen wir mit ehrfurchtsvollem, liebevollem Blick auf den Tag zurückschauen. Was hat dieser Tag für uns bedeutet, was hat er gebracht? Was hat uns gefreut? Was hat uns belastet? Darüber können wir uns austauschen, um dann beides, sowohl die Freude als auch die Last an Gott zurückzugeben. Die Freude in Form des Dankes, das Belastende in Form der Klage. Manchmal wird den Menschen bei einem solchen Rückblick klar, dass Gott in ihrem Leben wirkt.

Dass und wie sie einander gefunden haben – darin erkennen Paare möglicherweise Spuren Gottes?

Thomas Schönfuß: Ja, zum Beispiel in der Art und Weise, wie sie sich gefunden haben, an den Zufällen, die es gab, bevor sie sich fanden und lieben lernten. Manche sind sich wiederbegegnet. Welche winzigen Details manchmal dazu führten, dass der Faden geknüpft wurde – da kommt man ins Staunen. Das Staunen ist immer der erste Schritt, um aufmerksam für Gottes Spuren zu werden. Oder wie Krisen bewältigt wurden. Ehepaare staunen mitunter auch darüber, dass sie bestimmte Zeiten durchgestanden haben, zusammengeblieben, nicht aneinander verzweifelt sind. Wie war das eigentlich, kam das nur durch uns oder ist uns da Kraft zugewachsen? Das kann eine Entdeckung sein.

Katharina Schönfuß: Wir regen dazu an, in der eigenen Biografie und der des Paares nach Gott zu suchen. Danach zu fragen, ob sich die Paare Gott näher oder ferner fühlten, wenn es ihnen gut ging.

Thomas Schönfuß: Ein Diagramm kann zeigen, wie im Laufe meines Lebens die Intensität der Gottesbeziehung war? Im Kindesalter, als Jugendlicher, als junger Erwachsener. Daraus ergibt sich eine interessante Kurve, über die der Einzelne ins Staunen kommt. In dieses Diagramm wird weiterhin eingetragen, wie es in der Partnerschaft war. Wann sich die Partner besonders nahe und wann sie einander fern oder fremd waren? Diese beiden Kurven zeigen Berührungspunkte, sie zeigen Nähe und Distanz zwischen Mann und Frau – und auch im Blick auf die Gottesbeziehung. Und es ist gut, wenn die Ehepartner – jedes Paar für sich – darüber ins Gespräch kommen. Manchmal fallen ihnen dazu bestimmte Details ein, die sie auf eine Spur bringen, zu einer Erkenntnis.

Es kommen wahrscheinlich kaum Paare, die sich trennen wollen?

Thomas Schönfuß: Ja, das schon, aber es sind nicht nur Paare, die ganz besonders gut miteinander auskommen. Konfliktpunkte und Unterschiedlichkeiten kommen sehr wohl zur Sprache.

Katharina Schönfuß: Die Partner schauen nicht immer wohlwollend aufeinander. Das ist in keiner Partnerschaft so. Aber Gott schaut wohlwollend auf uns.

Die Paare kommen mit der Sehnsucht, unter dem liebevollen Blick Gottes, der beiden gilt, jeweils von dem eigenen nicht-wohlwollenden Blick befreit zu werden?

Katharina Schönfuß: Genau.



Was geben Sie den Paaren für ihren Alltag mit nach Hause?

Thomas Schönfuß: Sie nehmen den Segen mit. Es ist so: Wir feiern am Sonntag in der Gruppe – nur mit den Seminarteilnehmern Gottesdienst. In diesem gibt es die Möglichkeit, sich als Paar segnen zu lassen. Bevor ich den Paaren den Segen zuspreche, frage ich sie, wofür sie den Segen speziell erbitten. Der Segen ist für viele ein Höhepunkt.



»Spiritualität in der Partnerschaft« ist das Thema eines Kurses vom 8. bis 10. Mai im Haus der Stille Grumbach. Das Seminar lädt dazu ein, Spuren Gottes in der Paarbeziehung zu entdecken.

www.haus-der-stille.net

Heimat unter »Luthers Dach«

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Saratow: Vom Kirchengebäude steht zum großen Teil erst der Rohbau – um so lebendiger gestaltet sich schon das Innenleben

Von wegen nur Russen oder Russlanddeutsche: Die lutherische Gemeinde in Saratow an der Wolga vereint inzwischen viele Nationalitäten. Auch wenn ihr Kirchengebäude noch lange nicht fertig ist.

Um das Jahr 2003 begann sich das Gesicht der lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga zu verändern. Eine Tages betrat eine dunkelhäutige junge Frau den Gottesdienstraum. Alle Blicke wandten sich ihr zu. Sie war die erste schwarze Besucherin, die die Gemeinde erlebte. »Wir dachten zunächst, dass sie sich vielleicht in der Tür geirrt hat«, bekennt Pfarrer Andrej Dzhamgarow heute.

Die junge Frau hieß Leila. Sie stammte aus Namibia und war nach Saratow gekommen, um hier Medizin zu studieren und später in Namibia Ärztin zu werden. Sie war schon lange auf der Suche nach einer lutherischen Gemeinde in der Stadt gewesen. Kein Wunder: Damals versammelte sich die Gemeinde in einem Kellerraum. Ihre alte Kirche, ein repräsentatives Gebäude im Zentrum der 840 000-Einwohner-Stadt, war von den Kommunisten 1968 gesprengt worden.

In den nächsten sechs Jahren versäumte Leila keinen einzigen Gottesdienst und nahm aktiv am Gemeindeleben teil. Nach Beendigung ihres Studiums mit Bestnoten kehrte Leila in ihre Heimat zurück. Dennoch blieb sie mit der Gemeinde in Saratow in Kontakt und wurde quasi »Mitarbeiterin im Außendienst«. Wenn andere Studierende aus Namibia sich nach Saratow aufmachten, gab Leila ihnen die Adresse der evangelisch-lutherischen Gemeinde mit.

Ihr Turm soll einst von der Wolga aus zu sehen sein: 2006 legte die Gemeinde in Saratow den Grundstein für ihre neue Marienkirche. Vor zwei Jahren wurden die Fenster in das Kirchenschiff eingesetzt. Bis 2017 hofft man den Bau fertigstellen zu können. Fotos: Nikolai Zarew

Ihr Turm soll einst von der Wolga aus zu sehen sein: 2006 legte die Gemeinde in Saratow den Grundstein für ihre neue Marienkirche. Vor zwei Jahren wurden die Fenster in das Kirchenschiff eingesetzt. Bis 2017 hofft man den Bau fertigstellen zu können. Fotos: Nikolai Zarew

Heute prägen namibische Medizinstudierende das Gesicht der Gemeinde mit. Sie kommen oft zu den Gemeindeveranstaltungen, bereichern die Gottesdienste mit ihren Liedern auf Oshivambo und helfen aktiv beim Bau der neuen Kirche. Der Bau der neuen Marienkirche wächst von Jahr zu Jahr. Ihr Turm soll später von der Wolga aus schon von Weitem erkennbar sein.

Besonders aktiv ist der Namibier Sakeus Josef, der seit 2009 in der Gemeinde dabei ist. Er erzählt, dass sein erster Besuch in der Gemeinde ein richtiger Festtag war. Er stellte fest, dass die Gottesdienste in der lutherischen Kirche in Russland sich gar nicht so sehr von denen in Namibia unterschieden. Sie boten ihm Heimat in der Fremde.

»Die Saratower, die die Marienkirche besuchen, sind anders als die meisten anderen Menschen in der Stadt. Sie halten zusammen und sind einander eng verbunden«, hat Sakeus Josef beobachtet.

»Besonders gefällt mir der Chor, der die Kirchgänger am Sonntag oft mit Gesängen erfreut. Ich bin überzeugt, dass die lutherische Gemeinde in Saratow eine gesegnete Kirche ist, besonders weil sie Menschen vieler Nationalitäten vereint.«

Letzteres ist offensichtlich: Im Gottesdienstsaal – dem umfunktionierten Foyer, da der Kirchsaal selbst noch eine Baustelle ist – kann man viele Sprachen hören: Russisch, Deutsch, Armenisch, Oshivambo, Englisch.

Und auch, dass in der Gemeinde ein echtes Miteinander besteht und nicht ein Nebeneinander, fällt auf. Zur Ordination von Andrej Dzhamgarow am ersten Advent 2014 war auch eine Delegation aus der Gemeinde im wolgaaufwärts liegenden Uljanowsk eingeladen. Hinterher erzählten die Gäste, dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Gemeinde in Saratow ausstrahlt, zu ihren tiefsten Eindrücken zählte. Und den Chor der namibischen Studierenden luden sie gleich zu sich ein.

Pfarrer Andrej Dzhamgarow selbst steht für die Vielfalt in der Gemeinde: Er ist ein Armenier. Sakeus Josef ist stolz, dass seine Landsleute aus Namibia Teil der Vielfalt in der Gemeinde sind: »Das ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass verschiedene Völker, die durch viele Kilometer und Grenzen voneinander getrennt sind, sich vereinen können, um Gott zu preisen.«

Nikolai Zarew

Die Fertigstellung der neuen Marienkirche in Saratow gehört zu den Projekten, die in diesem Jahr vom Gustav-Adolf-Werk in Leipzig, dem Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, unterstützt werden.

Spendenkonto: KD-Bank, IBAN: DE42 3506 0190 0000 449911, Stichwort: Marienkirche Saratow

www.gustav-adolf-werk.de

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Gaunerjagd mit Gottes Hilfe

14. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Drei neue Folgen von Abenteuergeschichten als Hörspiel

Wer ein bisschen Spürsinn besitzt, den dürften diese Vornamen stutzig machen: Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander. So heißen heute keine Jugendlichen mehr. So hießen Jugendliche vor mehr als dreißig Jahren.

Die neuen Folgen sind nach dem Vorbild der Originale von Dieter B. Kabus entstanden. Fotograf: Pascal Görtz

Die neuen Folgen sind nach dem Vorbild der Originale von Dieter B. Kabus entstanden. Fotograf: Pascal Görtz

1980 war es, als der evangelische Pfarrer Dieter B. Kabus seine fünf Kinder Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander zu Helden einer beliebten Reihe von Abenteuergeschichten machte: »Die 5 Geschwister«. Die lösten mit Köpfchen, Gottvertrauen und gefestigten Wertvorstellungen insgesamt zehn Fälle – mal in einem Herrenhaus in Südfrankreich, ein andermal in einem verlassenen Palazzo in Venedig. Half ihnen ihr Verstand allein nicht weiter, baten sie Gott im Gebet um seine Begleitung. 1989 und 1990 setzte der Südwestfunk die Folgen als Hörspiel um. Fortsetzungen gab es keine, Dieter B. Kabus verstarb 1993.

Nun sind Marianne, Petra, Hans-Georg, Esther und Alexander zurück – mit Internetrecherche und SMS-Notruf. Ihre neuen Geschichten haben sich die beiden Hörfunkautoren und Produzenten Tobias Schuffenhauer und Tobias Schier ausgedacht. Es geht an die Ostküste Englands, wo es in einem Leuchtturm spukt. Und es geht nach Ägypten, in die Nähe von Luxor, wo die Mitarbeiter einer Ausgrabung von einer seltsamen Krankheit befallen werden. Schließlich geht es auf die Isla Robinsón Crusoe im Pazifik, wo im Dschungellager einer Studentenexkursion merkwürdige Dinge geschehen.

So exotisch die Handlungsorte gewählt sind, so exotisch klingen die Abenteuer dort auch. Da tost die Brandung des Atlantiks, da schwirren Tausende aufgescheuchte Fledermäuse durch die Grabkammer. Schnell wird der Zuhörer durch die Atmosphäre in die Fälle hineingezogen, kombiniert er genauso wie die fünf Pfarrerskinder Beobachtungen und Gespräche, um die Lösung zu erraten. Die ist oft so gut versteckt, dass es wirklich fast die gesamte gut einstündige Hörspielfolge benötigt, um sicher zu sein, wer der Bösewicht ist und wer zu Unrecht verdächtigt wird.

»Neuauflage wendet sich an die Serienfans der ersten Stunde«

Ratespaß und aufwendige Klangkulisse – als Krimi für Kinder funktio­nieren die neuen Folgen der »5 Geschwister« heute so gut wie in den Achtzigerjahren. Dennoch wendet sich die Neuauflage vor allem an die Serienfans der ersten Stunde. An sie gerichtet sind die vielen Querverweise zu früheren Fällen. Und besonders ihrem Ohr dürfte auch der betulich-vertraute Ton der Dialoge schmeicheln.

Susann Winkel

Im mysteriösen Leuchtturm – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 966
Im verbotenen Grab – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 967
Die vergessene Insel – 5 Geschwister, CD, Gerth Medien 939 985, jeweils 9,99 Euro

Gewissheit macht stark

14. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Thomas de Maizière: Erfahrungen des Politikers mit der Vaterunser-Bitte

Glaube, Hoffnung und Liebe – all das umfasst für mich die Antworten des gläubigen Menschen auf die Wirklichkeit Gottes. Sie geben uns Glaubenden die Gewissheit und die Hoffnung, dass für den Menschen mit dem Ende des irdischen Lebens nicht alles vorbei ist und er ein ewiges Leben in Fülle erwarten darf. Das bedeutet vor allem, dass das menschliche Leben zu keinem Zeitpunkt sinnlos ist, auch dann nicht, wenn die irdischen Wünsche und Träume sich nicht realisieren lassen, wenn schwere Schicksalsschläge oder widrige Lebensumstände das erträumte Leben verhindern oder erschweren.

Thomas de Maizière. Foto: picture-alliance/dpa

Thomas de Maizière. Foto: picture-alliance/dpa

Die Gottes- und Nächstenliebe ist die Antwort des Menschen auf Gottes Zusage an die Menschen. Sie sollte das Feuer sein, das die Menschen bewegt.

Das Vaterunser ist das Grundgebet der gesamten Christenheit. Es besteht aus der an Gott gerichteten Bitte, dass Gott sein Reich auch auf Erden Wirklichkeit werden lassen möge, wenn es heißt: »Dein Reich komme.« Vor allem aber verweist dieses wunderbare alte Gedicht auf die Begrenztheit menschlichen Wirkens: »Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.«

Bei Nichtgläubigen mag diese Glaubensgewissheit mitunter Skepsis hervorrufen. Oft suchen sie Glaubenserfahrungen, die diese Gewissheit tragen könnten. Medienberichte aus aller Welt machen es für uns alle schwer, jederzeit an ein Reich Gottes, an das Gute zu glauben, wenn wir Bilder von Krieg, Terror, Gewalt und Leid sehen. Aber »Dein Reich komme« heißt nicht, dass wir die Hände abwartend in den Schoß legen sollten. Die Geschichte der Menschheit ist alt. Warum sollte ausgerechnet in unserer Generation alles gut werden? Unsere Freiheit ist auch die Entscheidung zur Sünde. Wo der Mensch fehl geht, sollte nicht einfach Gott verantwortlich gemacht werden.

Was bedeutet nun »Reich Gottes« für mich als Christ in der Politik?

Mit dem Vaterunser bekräftigen wir Gläubigen, dass wir unserer Hoffnung gewiss sind: Es heißt ja »Denn dein ist das Reich« und nicht »Denn dein könnte möglicherweise das Reich sein«. Diese Gewissheit ist eine kraftvolle Gewissheit. Diese Gewissheit macht uns stark, nimmt Ängste und setzt Energien frei.

Als Christ weiß ich: Ja, es gibt Gottes Reich. Das Reich Gottes ist real, es ist dort, wo Gottes Wille geschieht und dies spürbar wird: In der Natur, der Musik, in der Politik, und vor allem beim Zusammensein mit Menschen, die uns nahestehen. Matthäus 18, Vers 20 hat diese Erfahrung sehr schön beschrieben: »Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«

Das Reich Gottes ist auch das, was wir daraus machen. Wir sind alle Arbeiter in Gottes Weinberg. Das ist für mich ein schönes Bild. Anpacken ist mehr als reden oder predigen. Das kann hart sein. Es ist an uns, die Dinge anzupacken, Verbesserungen anzustreben und selbst aktiv zu werden. Wer an Gott glaubt, der weiß jedoch auch, dass die letzten Dinge nicht in unserer Hand sind. Auch diese Gewissheit spendet uns Kraft. Sie lässt uns in der Niederlage nicht verzweifeln und bewahrt uns vor Übermut im Erfolg.

Glaube, Hoffnung und Liebe bedingen einander und sind für mich als Christ ein wertvoller Schatz in meinem Leben, für den ich sehr dankbar bin.

Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern

Pessach: Der Auszug aus dem Land des Todes

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Selten fallen das jüdische Passah- und das christliche Osterfest terminlich zusammen – so wie in diesem Jahr

Der Auszug aus Ägypten ist das Urgeschehen des Erlösungshandelns Gottes. In der Festwoche vom 15. bis 21. Nissan des jüdischen Kalenders gedenkt das Volk Israel dieses Ereignisses. In diesem Jahr fallen das Passah- und das Osterfest kalendarisch zusammen.

Das Passahfest fällt in diesem Jahr auf den 4. bis 10. April. Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus wurde am Vorabend des Festes ein Lamm für jede Familie geschlachtet, genau nach Vorschrift (2. Mose 12). Sein Blut war in Ägypten an den Türrahmen gestrichen worden und hatte den Würgeengel, der alle Erstgeborenen in Ägypten tötete, veranlasst, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen. Das hebräische Wort für »überspringen«, »übergehen«, »auslassen« ist »passach«. Daher kommt das Wort Pessach, Passah, – oder auch die griechische Bezeichnung Pas’cha für Ostern.

Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, wie in den letzten Jahren des Tempels in Jerusalem an einem Fest noch mehr als eine viertel Million Passahlämmer geopfert wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa bei der Volksgruppe der Samaritaner, die jedes Jahr auf dem Berg Garizim in Samaria ihr Passahopfer darbringt – wird das Tieropfer heute durch Symbole ersetzt, wenn das jüdische Volk am Abend des 14. Nissan den Sederabend feiert.

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

»Seder« ist die »Ordnung«, der zufolge dieser Abend begangen wird. Im Rahmen eines festlichen Mahls werden symbolische Speisen verzehrt. Auf dem Tisch liegen drei ungesäuerte Brote, »Mazzen« genannt. Im Mittelpunkt steht der Sederteller mit einem gekochten Ei, einem Knochen, dem sogenannten »Charoset«, Salat und Petersilie, bitteren Kräutern und Salzwasser.

Das »Charoset«, ein süßes Gemisch aus geriebenen Äpfeln, Nüssen, Wein und Zimt, soll an den Lehm erinnern, mit dem die hebräischen Sklaven in Ägypten Ziegel herstellen mussten. Die bitteren Kräuter, meist Meerrettich, symbolisieren die Härte der Sklaverei. Das Salzwasser erinnert an die Tränen, die bei alledem vergossen wurden. Das Ei steht nach jüdischer Vorstellung für die besonderen Opfer der Festzeit. Der Knochen erinnert an das Lamm, das geschlachtet wurde, dem dabei aber kein Knochen gebrochen werden durfte. Petersilie und Salat stellen die Verbindung zum Frühling her. Während des Mahls werden vier Becher Wein getrunken. Ein fünfter Kelch wartet auf den Propheten Elia, den Vorgänger des Messias.

Zu Beginn des Abends steht die Frage des Jüngsten in der Runde: »Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?« Die Sederliturgie, die »Pessach-Hagaddah« (»«Pessach-Erzählung), beantwortet diese Frage mit Zitaten aus den Heiligen Schriften, spielerischen Gesängen und Texten aus der jüdischen Tradition. Der ganze Abend ist darauf ausgerichtet, allen Anwesenden die Einzelheiten des Heilshandelns Gottes so einzuprägen, als sei jeder selbst aus Ägypten ausgezogen.

Im Andenken an die Eile des Auszugs soll das jüdische Volk eine Woche lang nichts essen, das einen Gärungsprozess durchlaufen hat. Das Gebot, dass »keinerlei Gesäuertes in deinen Häusern zu finden sein« soll (2. Mose 12,19), wird sehr genau genommen und ist Anlass für einen gründlichen und stressreichen Frühjahrsputz. Sorgfältig wird alles Gesäuerte bis auf den letzten Krümel verbrannt.

Der Sabbat, der dem Passahfest vorausgeht, ist bekannt als »Schabbat HaGadol«, »der große Sabbat«. In diesem Jahr war das der 28. März. Im Gottesdienst am »Schabbat HaGadol« wird ein Abschnitt aus dem Propheten Maleachi (3,4-24) verlesen. Nachmittags erklären die Rabbiner die speziellen Gebote für Pessach. Am Sabbat während des Passahfests selbst wird das Hohelied Salomos verlesen.

Johannes Gerloff

»Ich freue mich auf das, was kommt«

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Amet Bick wurde am offenen Herzen operiert und hat während ihrer schweren Krankheit Gottes Nähe gespürt

Wenn sich die 45-jährige Amet Bick und die 41-jährige Amet Bick über den Tod unterhalten würden, würde die Jüngere wohl einige Aussagen der Älteren als Spinnerei abtun. Doch die Ältere hat eine einschneidende Erfahrung gemacht: Mit 42 Jahren wurde Amet Bick am Herzen operiert.

Amet Bick. Foto: Heidi Scherm

Amet Bick. Foto: Heidi Scherm

Schon vom reinen Sprechen bekam Bick so wenig Luft, dass sie sich nur noch japsend unterhalten konnte. Joggen gehen war ausgeschlossen. Sie war froh, wenn sie es in die Wohnung im fünften Stock geschafft hatte, um dann völlig erschöpft aufs Bett zu fallen. Die Berlinerin war damals 42 Jahre alt. Ein altersbedingter Zustand konnte das also nicht sein. Immer wieder ging sie zur Ärztin – bis diese ein EKG machte und das Ergebnis recht auffällig aussah. Also schickte die Medizinerin Amet Bick »vorsichtshalber« in ein Krankenhaus. »Hier im rechten Vorhof«, hat der Arzt im Krankenhaus zu ihr gesagt, »… haben Sie einen Tumor.« In ihrem Buch »Mein starkes Herz« schreibt sie eindrücklich, dass sie sofort verstanden hat, dass der Arzt sie mit dieser Diagnose nicht wieder zur Arbeit oder sonst wohin gehen lassen würde: »Das geht nicht. Gleich ist die Arbeitsbesprechung. Ich muss meinen kleinen Sohn vom Hort abholen. Und außerdem beginnt bald das Wochenende, darauf hatte ich mich gefreut. Ich hatte es auch verdient, die Woche war lang und anstrengend gewesen.« Und genau das ist es, was sich Amet Bick in der Zeit nach der Operation abgewöhnt hat: »Ich bin nicht mehr so aufgeregt«, sagt sie heute von sich. »Nicht mehr so aufgeregt, wenn ich vor vielen Menschen sprechen muss und nicht mehr so aufgeregt, wenn es um meine Arbeit geht.«

Bick ist Journalistin. Jetzt steht sie jeden Morgen um 6 Uhr auf und meditiert eine Stunde. Die einstige Skeptikerin besuchte Reiki-Meister, Kinesiologen und war in einem buddhistischen Kloster. Der einstige Dickkopf, der meinte, mit Problemen selbst klarkommen zu müssen, ging zum Psychologen. Und nicht zuletzt: Die einstige Theologiestudentin hat ihren Glauben an Gott vertieft.

»Ich habe zwar immer irgendwie an Gott geglaubt, aber er schien mit meinem Leben nicht viel zu tun zu haben«, ist Bick aufgefallen. »Er war für mich eher ein strenger Vater, der mich aus der Ferne beobachtete. Nach der OP, als es mir am schlechtesten ging, habe ich seine Nähe gespürt, das hat mein Bild von Gott komplett verändert.«

In ihrem Buch beschreibt sie immer wieder ihr Auf und Ab. Frisch ins Krankenhaus eingeliefert, haderte sie mit ihrem Krebs. Sie hatte sich »für einen Menschen gehalten, dem nichts passieren kann, einfach deshalb, weil mir bisher noch nie etwas passiert war.« Deswegen kam sie sich betrogen vor – ohne zu wissen, von wem sie betrogen war, wem sie die Schuld für ihre Krebs­erkrankung geben konnte. Dann kam die Angst vor der Operation und gleichzeitig die Dankbarkeit ihrem Partner gegenüber, ihren beiden Söhnen und ihren Freunden gegenüber. Sie war sogar »auf einmal froh, in einem Land zu leben, das ein so gut funktionierendes Gesundheitssystem hat«, das selbst »einfache« Kassenpatienten wie sie vollkommen kostenlos behandelt.

Nach einer Woche war es soweit: Bick lag narkotisiert mit einem Tubus im Mund in dem autowerkstatt-ähnlichen Operationssaal. Schläuche in ihren Adern führten den Blutkreislauf über eine Herz-Lungen-Maschine und ihr Herz wurde gekühlt, damit es nicht mehr schlug.

Die Ärzte schnitten einen gutartigen Tumor heraus, tackerten ihren Brustkorb wieder zu und schoben Bick in den Aufwachraum. »Ich wachte tatsächlich wieder auf. Es war wie ein Flug in meinen dunklen Körper und dann weiter in etwas, das wie Licht aussah.« Und sie erinnert sich daran, dass sie glaubte, »in Mordsgeschwindigkeit durch enge Tunnel voller roter Flüssigkeit« zu rasen, sobald sie die Augen schloss. »Vielleicht war mein Gehirn doch nicht ganz abgeschaltet gewesen, als die Herz-Lungen-Maschine die Arbeit übernahm.« In der letzten Bemerkung steckt zwar ein Hauch Ironie, dennoch: Das sind solche Erzählungen, die die Amet vor der Operation als »Spinnerei« abgetan hätte, wie die heutige Amet vermutet. »Nahtodbeschreibungen fand ich schon damals faszinierend, habe sie aber trotz meiner theologischen Bildung immer versucht, biologisch zu erklären, als letzte Zuckungen des Gehirns. Das war für mich fassbarer und beweisbarer als die spirituelle Erklärung.«

Allerdings: Selbst eine Nahtoderfahrung gehabt zu haben, verneint sie. »Ich war ja nicht tot«, sagt die Frau, deren Herz über eine Stunde aufhören musste, zu schlagen. Doch sie ist sich nun sicher, dass sie nach dem Tod nicht verschwunden sein wird. »Das ist eine schöne Vorstellung«, versichert sie lächelnd. »Es bleibt die Angst vor Schmerzen und dem Abschied. Aber ansonsten freue ich mich auf das, was danach kommt. Ich habe immer gehofft, dass etwas danach kommt.«

Alexandra Wolff

Zum Weiterlesen
Bick, Amet: Mein starkes Herz. Aufzeichnungen einer unfreiwilligen Glückssucherin. Kailash-Verlag; ISBN 978-3-424-63070-1; 16,99 Euro.

Nicht nach vordergründiger Tröstung suchen

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie man nach Katastrophen angemessen mit Trauer und Betroffenheit umgeht

Wie geht Kirche angesichts von Großkatastrophen angemessen mit der Trauer um? Dazu forscht unter anderen die Katholisch-Theologische Fakultät der Uni Erfurt. Harald Krille sprach darüber mit der Doktorandin Brigitte Benz.

Brigitte Benz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Erfurt. Foto: Uni Erfurt

Brigitte Benz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Erfurt. Foto: Uni Erfurt

Frau Benz, es sterben bei Weitem mehr Menschen im Straßenverkehr als durch Flugzeugabstürze. Trotzdem ist die allgemeine Betroffenheit derzeit riesig. Wie erklärt sich das?
Benz:
Ich denke, in einem Fall wie diesem ist die Betroffenheit deswegen so groß, weil es ein plötzliches Geschehen ist, viele Menschen zugleich betrifft und deshalb natürlich auch die Medien ganz anders berichten. Ein Verkehrsunfall wird kaum noch registriert, außer es ist eine Massenkarambolage. Und als Zweites: Durch dieses plötzliche Ereignis werden wir daran erinnert, dass es jeden von uns betreffen kann. Mit Sachen wie einem Autounfall haben wir uns arrangiert. Da nimmt kaum jemand noch wahr, dass auch da immer eine Gefahr besteht.

Ist das echte Betroffenheit, Trauer oder vielleicht auch Voyeurismus?
Benz:
Ich denke, es ist zum überwiegenden Teil echte Betroffenheit und Trauer. Das kann man sehen, wenn man sich beispielsweise das Online-Kondolenzbuch von Haltern anschaut. Was da steht, schreibt niemand, der nicht wirklich Mitgefühl und Betroffenheit empfindet. Oder schauen Sie auch auf das anonyme Blumenniederlegen, das macht man nur, weil man wirklich eine Betroffenheit und ein Mitgefühl mit den Angehörigen und den Opfern hat.

Was kann man angesichts einer solchen, scheinbar mutwillig herbeigeführten Katastrophe sagen? Mir fällt da höchstens ein Rachepsalm ein …
Benz:
Das Sagen ist sehr schwierig. Die Psalmen sind ein wirklich wunderbarer Schatz, um für so ziemlich jede Situation und Gefühlslage ein Gebet zu finden. Aber nicht für jeden ist ein Gebet das Richtige. Nicht nur in einer säkularen Umwelt, auch in einer religiös geprägten Umgebung kann das Schweigen das wesentlich hilfreichere Moment sein: schweigen, dabeibleiben, die Trauer der Betroffenen aushalten. Die Schwierigkeit in einer öffentlichen Trauerfeier ist, dass man Worte finden muss. Und hier ist es ganz wichtig, keine vordergründige Tröstung zu suchen. Nach dem Motto, die sind jetzt alle bei Gott aufgehoben oder ähnliche Aussagen. Vielmehr sollte man die eigene Hilfslosigkeit zur Sprache bringen. Aber dann auch in vorsichtiger Weise die Hoffnung ansprechen, dass die Angehörigen, die Trauernden getragen, getröstet werden können. Auch die Hoffnung für die Opfer.

Die Bibel redet viel von Trost. Wünschen sich Menschen in einer solchen Situation nicht Trost, Zuspruch, Ermutigung?
Benz:
Ja, Zuspruch und Ermutigung. Aber es ist eben die Frage, wie man den Trost rüberbringt. Sie haben das sicher auch schon erlebt, wenn jemand sagt, das hat eben Gott so gewollt. Und das hat schon alles seinen Sinn. Aber das ist eine Beleidigung der Opfer und letztlich sogar eine Beleidigung Gottes. Trost ist in der momentanen Situation eher, dass man wirklich sagt: Ich bin bei dir, ich trage deine Trauer mit, du bist nicht allein, du bist nicht allein in der Welt! Vielleicht auch: Meine Hoffnung ist, dass du auch darüber hinaus nicht allein bist, also auch nicht allein, wenn kein Mensch bei dir ist. Aber das ist schon schwieriger. Bei einem gläubigen Menschen kann man sicherlich auch andere Bilder, andere Aussagen verwenden.

Beim aktuellen Flugzeugabsturz scheint es einen bewusst handelnden Täter gegeben zu haben. Wie geht man damit um?
Benz:
Genau die Frage hat man sich 2002 nach dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium auch gestellt. Was macht man mit dem Täter, was macht man mit den Hinterbliebenen des Täters, die ja auch einen Menschen verloren haben? In Erfurt hat man nach einer sehr intensiven Diskussion die Entscheidung getroffen, auch eine Kerze für den Täter zu entzünden, ohne diesen allerdings im Gottesdienst namentlich zu nennen. Aber seine Familie in die Fürbitten mit einzubeziehen. Letztlich muss diese Frage immer wieder neu bedacht und entschieden werden. Wichtig für jede Trauerfeier ist aber, die Betroffenen behutsam in alle Überlegungen mit einzubinden.

Den Ostertag geschaut: Magdalene

6. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Karl Röttger (1877 bis 1942)

Das blinde Mädchen saß an dem sonnenhellen Ostertag vor der Haustür. Die Hyazinthen dufteten von den Fensterbänken. Sie lauschte den Stimmen im Haus. Sie hörte die Mutter, die Brüder, die Großmutter. Als sie nach draußen kamen, wendete sie den Kopf und sagte mit heller Stimme: »Seid ihr fertig?« – »Ja«, sagte die Mutter, »und du wirst dich nicht verlassen fühlen?« – »Nein«, antwortete sie mit leisem Lächeln, tastete nach der Mutter und schmiegte sich ein wenig an sie. »Wird Großmutter hier draußen bei mir sein?« – »Ja, sie wird neben dir im Liegestuhl sitzen.« Und dann ging sie, die Mutter mit ihren Kindern. Magdalene lauschte den Schritten und den Stimmen nach. Dann war es still. Die Turmglocke schlug; die Schläge verzitterten in der stillen Luft. Die Großmutter sagte: »Nun haben sie doch vergessen, mir das Buch herzulegen, das ich dir vorlese. Ich will aufstehen und es holen.« – »Lass nur«, sagte Magdalene. »Wir können ja ein wenig träumen.« So saßen sie denn, beide in den hellen Ostertag lauschend, die Alte mit einer leisen Müdigkeit in den Augen, das Kind mit einem feierlichen Warten in den Mienen.

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

Dann kam Magdalene aus ihrem tiefen Lauschen wieder herauf. Es war ihr gewesen, als hätte sie etwas gehört: das Atmen eines Mundes, einen leisen Schritt. »Großmutter«, sagte sie, »bist du noch da?« Aber sie blieb ohne Antwort. Da neigte sie sich ein wenig vor und hörte leise, regelmäßige Atemzüge. Die Großmutter war eingeschlafen. – Wieder lauschte sie in den festlichen Tag. Die ganze Welt ist doch jetzt lebendig, dachte sie. Jede Stunde brechen neue Knospen auf – und man hört nichts. Es müsste doch so feine Ohren geben, dass man es einmal hören könnte. Dann wendete sie sich halb zur Seite und fragte leise, doch bestimmt: »Ist jemand da?« Sie blieb ohne Antwort. Nur ein Atem hob sich leise und senkte sich wieder. Ein paar Schritte tasteten und hielten vor ihr an. Sie fühlte einen Schatten. »Es ist jemand da?«, sagte sie noch einmal. Wieder blieb es still. Da sagte sie eindringlich: »So sag doch: Wer ist es?«

Eine Stimme flüsterte ihr entgegen: »Ich bin’s. Darf ich ein wenig hier sein?« Das Mädchen besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Ja. Aber ich kenne deine Stimme nicht. Wer bist du?« – Der Schatten sprach: »Ich bin gekommen. Ich bin auch allein wie du. Ich habe dich manchmal hier sitzen sehen. Steh auf und geh ein wenig mit mir, hier die Wiese entlang bis an den Weiher mit den Birken darum. Ich werde dich führen und dich auch wieder zurückbringen.«

Sie stand auf und nahm seine Hand, und so gingen sie, den Pfad an der Wiese entlang bis unter die Birken. Er setzte sie auf einen Baumstumpf und sprach: »Ich will hinaussehen für dich in die Weite, bis auf den Wald da fern, in den blauen Himmel und manchmal auch auf dein Gesicht.« – »Gut, so erzähl mir davon. Aber dabei musst du mir deine Hand geben, dass ich sie halte.« Er schaute und sprach: »Eine Straße liegt weithin durchs Heideland. Sie ist weiß von der Sonne. Niemand geht auf ihr. Sie führt bis weit in den Horizont. Man denkt, warum auf ihr nicht eine Gestalt hergeschritten kommt, ein König oder ein Ritter, wie im Märchen.« – »Oder Er,« flüsterte das Mädchen. – »Wer? Wen meinst du?« – »Den Auferstandenen, der die Blinden sehend macht«, sagte sie.

»Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?«

Er aber fuhr fort: »Es stehen an der weißen Straße hin in endloser Reihe die Birken, weiß die Stämme, begrünt die Kronen. Die dünnen Zweige schwanken.« – »Sprich weiter; ich sehe es, sprich weiter …«, sagte das Mädchen. – »Hier, nahe bei dir: Die Birken haben Kätzchen, die hängen herunter.« – Der Knabe neigte seinen Kopf zu ihr hin und sprach mit leise bebender Stimme: »Tut es weh?« Sie hob den Kopf: »Was denn?« – Er errötete: »Weil du doch blind bist.« – »Das meinst du?«, sprach sie. »Oh, ich habe es schon lange. Die Welt verblasste mir in den Jahren allmählich, wie es den Sehenden jeden Abend geschieht, wenn die Nacht heraufkommt. Aber erzähle
weiter.«

»Eine Lerche steigt auf. Sie singt sich in den Himmel hinein. Hörst du sie singen?« – Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich fasste sie seine Hand fester: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gekommen bist. Sag es!« – Er errötete und sagte: »Ich weiß es nicht; wenn ich mein Ohr an die jungen Knospen lege und frage: Warum seid ihr gekommen? So werden sie antworten: Wir wissen es nicht, wir sind eben da.«

Sie saßen eine Weile still. Dann sprach sie leise, erregt: »Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?« – »Nein, Magdalene, das bin ich nicht. Lege deine Hand auf meinen Kopf und fühle, dass ich nur ein Knabe bin.« – »Ja«, sagte sie, und es war eine leise Traurigkeit in ihr. Dann schwieg sie lange. Aber auf einmal wurde ihr Gesicht ganz hell, und sie sagte: »Du könntest es ja doch sein!« – »Aber er ist ja längst wieder im Himmel«, sagte der Knabe. Sie schüttelte den Kopf: »Warum sollte er nicht wiedergekommen sein? Es sind noch immer genug Blinde auf der Welt.« – »Du liebst ihn sehr?«, fragte der Knabe. Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern sagte: »Nun muss ich dich heimführen. Die Sonne wird groß und rot.«

Sie gingen heim. Er geleitete sie zu ihrem Stuhl. Die Großmutter schlief noch. Er ging still fort und sagte: »Ich komme wieder.«

Als die Großmutter erwachte, fragte sie: »War jemand hier?« – »Ja«, sagt das Mädchen, »aber ich weiß nicht, wer er war. Er hat mich den Ostertag schauen lassen. Ich fragte ihn, wer er sei, aber er sagte seinen Namen nicht. Dann fragte ich ihn, ob er der Auferstandene sei, aber er sagte kein Wort. Nun will ich nachdenken, wer er war.«

So saß sie weiter in der Dämmerung des Ostertages und lauschte und wartete auf die Wiederkehr des Unbekannten.

Zurück auf dem Boden der Wirklichkeit

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Außenwahrnehmung entspricht oft nicht der wirklichen Situation im Lande – wie der Ausgang der Wahl zeigt

Alle sagten seinen Absturz voraus. Doch am Ende ist Israels umstrittener Regierungschef Benjamin Netanjahu mit seinem Likud-Block der strahlende Sieger der Wahlen zur Knesset.

Netanjahus konservativer Likud-Block erhielt nach Auszählung von 99 Prozent der Wählerstimmen 30 Mandaten, während das sozialistische »Zionistische Lager« nur 24 Mandate bekam. Zusammen mit anderen Parteien des sogenannten rechten Blocks glaubt Netanjahu, »umgehend« eine neue und stabile Rechtsregierung errichten zu können.
14 Mandate erhielt das Bündnis von vier arabischen Miniparteien, das arabische Islamisten, Kommunisten, Pro-Palästinenser und Nationalisten umfast. Sie wollen in der nächsten Knesset, dem israelischen Parlament, »den Ton angeben« zugunsten der Bedürfnisse der großen arabischen Minderheit von etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Doch selbst Aiman Odeh, Führer der »Gemeinsamen Liste«, wagt nicht vorherzusagen, wie das Sammelsurium derart gegensätzlicher Ideologien zusammenhalten kann.

Rechtsnationale und Orthodoxe verloren Sitze

Außenminister Avigdor Lieberman hatte gedroht, unloyalen Arabern »mit der Axt den Kopf abschlagen« zu wollen. Selbst rechtsgerichteten Anhängern Liebermans ging das offensichtlich zu weit. Sie verpassten ihm eine krachende Niederlage. Seine rechtsnationale Partei Israel Beitenu (»Unser Zuhause Israel«) erhielt nur noch sechs Mandate. Einst hatte sie 15.

Einen starken Rückgang verzeichneten auch die orthodoxen Parteien. Von 18 Mandaten sank ihre Macht auf nur noch 13 ab. Ein Grund dafür ist die Spaltung der einst starken Partei frommer orientalischer Juden. Eli Ischai, ehemaliger Innenminister, hatte sich wegen theologischer Differenzen über das Erbe des verstorbenen geistigen Übervaters der Partei, Rabbi Ovadja Josef, mit Arieh Derri zerstritten. Ischais separate Partei scheiterte an der Sperrklausel. Mehrere weitere Parteien sind weit abgeschlagen untergegangen.

Netanjahu: Wahlsieg trotz negativer Presse

Netanjahu hat allen Unkenrufen zum Trotz gesiegt. In den Medien des Auslands, von der New York Times und bis zum Spiegel, wurde eine Wahlkampagne gegen Netanjahu betrieben. Da wurde mit falschen Fakten, Klischees und Emotionen Hass auf Netanjahu geschürt. Er müsse abgeschafft werden, um Israel zu retten. Zum »Bürgerkrieg« gekürte Streitereien mit den Orthodoxen und zur »Überlebensfrage« erhobene Friedensverhandlungen mit den Palästinensern, sowie die als »Panikmache« dargestellte Angst Netanjahus vor einer iranischen Atombombe entfachten im Ausland den Eindruck, als sei Netanjahu ein Unglück für Israel. Allein anhand dieser Beispiele lässt sich darstellen, wie falsch und unrealistisch die Darstellung Israels in den Auslandsmedien war.

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Die Orthodoxen leben in Israel in geschlossenen Ghettos in einer geistigen wie gesellschaftlich verschlossenen Welt. Diese Menschen interessieren sich nur für ihre Heiligen Schriften. Auf die Barrikaden gingen sie, als der ehemalige Finanzminister, Jair Lapid, sie durch Rekrutierung zum Militärdienst in die Gesellschaft und in den Arbeitskreislauf integrieren wollte. Ansonsten sind die Orthodoxen politisch neutral oder desinteressiert, ob bei der Siedlungspolitik oder dem Friedensprozess.

Der »Bürgerkrieg« waren lokale, begrenzte Aufstände, meist innerhalb der frommen Viertel, weil ihnen nach 67 Jahren Privilegien genommen werden sollten. Die Orthodoxen beteiligten sich fast immer an Koalitionen, jedoch ohne Minister zu stellen. Sie forderten lediglich Zuwendungen für ihre Erziehungseinrichtungen und stimmten ansonsten mit der jeweiligen Regierung.

Die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern sind gewiss wichtig. Doch muss man hier wohl die Proportionen wahren. Die Palästinenser haben mehrfach Krieg gegen Israel geführt. Die Al-Aksa-Intifada ab 2000 hat über 1 000 Israelis das Leben gekostet. Dann gab es trotz völligem Rückzug aus dem Gazastreifen (2005) mehrere Kriege der Hamas mit Tausenden Raketen auf Israel, zuletzt im vergangenen Sommer. Seit Zusammenbruch der von US Außenminister John Kerry geführten Friedensgespräche sind es die Palästinenser, die sich weiteren Gesprächen verweigern und sie umgehen, indem sie bei der UNO und internationalen Gremien Anerkennung als »Staat Palästina« einfordern. Was von Israel als Vertragsbruch der Osloer Abkommen gesehen wird. Eine Mehrheit der Israelis scheint zu keinen weiteren Konzessionen an die Palästinenser bereit zu sein.

Zudem sieht man in Israel ganz andere Gefahren mit Folgen für den jüdischen Staat: In Libanon herrscht eine bis an die Zähne bewaffnete Miliz, die Hisbollah, von Israel und sogar Deutschland als Terrororganisation definiert. Syrien befindet sich in einem Zustand der Auflösung mit grausamem Bürgerkrieg und weit über 200 000 Toten. Der »IS« ist auf dem Vormarsch im Irak und kontrolliert den Jemen. Sogar im benachbarten Sinai, entlang der Grenze zu Israel, hat er Fuß gefasst.

Die Hamas-Miliz im Gazastreifen wurde offenbar beim letzten Krieg im Sommer heftiger geschlagen als angenommen, während die übrigen Palästinenser hinter einer hohen Mauer sitzen und sich mit Terroranschlägen schwertun. Vorläufig, aus eigenem Interesse, kooperieren sie sogar mit Israels Sicherheitskräften. Angesichts der riesigen Gefahren aus der restlichen arabischen Welt, spielen die Palästinenser derzeit nur noch eine untergeordnete Rolle. In Israel gibt es Probleme, die den Menschen und deren Portemonnaie näher stehen und deshalb auch Wahlen entscheiden.

Irans Atombombe: Für viele Israelis das größere Problem

Und die iranische Atombombe? Die täglichen Drohungen des Irans, den Staat Israel auslöschen zu wollen und nicht zuletzt die regelmäßig im Internet präsentierte Produktion von Raketen mit einer Reichweite bis Israel, weckt bei allen Israelis, rechts wie links, sehr ungute Erinnerungen an den Holocaust. Darin sind sich alle einig. Netanjahu werden da bestenfalls »Stilfragen« vorgeworfen. Er habe Israel weiter in die Isolation gedrängt. Aber sowie der Iran eine Atombombe hat und diese über Tel Aviv abwirft – wie in Teheran angekündigt – wäre das dann ziemlich irrelevant.

Ulrich W. Sahm

Cranach in Gotha

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Stadt bewahrt einen alten Bestand an Cranach-Werken auf


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Gotha.

Wie manches im Leben der Malerfamilie Cranach ist selbst ein so wichtiges Ereignis wie die Hochzeit von Lucas Cranach der Ältere nicht eindeutig belegt. Es muss um das Jahr 1512 gewesen sein, als der damals 40-jährige Mann die Gothaerin Barbara Brengebier geheiratet hat. Eine Urkunde aus dem Jahr 1541, dem Sterbejahr von Cranachs Frau, belegt, dass sie zu Weihnachten dem Gothaer Siechenhaus 50 niederländische Gulden für Leinenhemden vermacht hat. Darin wird die Spenderin als »des seligen Gothaischen Bürgers Jobst Brengebiers Tochter« bezeichnet.

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Gotha: Blick von Schloss Friedenstein auf die Altstadt mit dem Hauptmarkt und dem Rathaus. Foto: ddp images

Völlig im Dunkeln liegt, wo sich die Ratsherrentochter und der Maler erstmals kennengelernt haben. So kann man nur spekulieren: Es könnte in Wittenberg passiert sein, wo Verwandte der Brengebiers lebten. Denkbar ist ebenso, dass sich die beiden erstmals in Gotha begegneten. Für letztere Vermutung könnte sprechen, dass Cranach mehrfach den hier lebenden Humanisten Mutianus Rufus und den eng mit Luther befreundeten Reformator Friedrich Myconius besuchte. Hätte der erste Treff in Gotha stattgefunden, dann war vielleicht das Eltern- und Geburtshaus der Brengebiers (heute Hauptmarkt 17) der dafür ausgewählte Ort. Das auf dem schönen Weg zwischen Schloss und Rathaus stehende, heute gemeinhin als »Cranach-Haus« bezeichnete stattliche Bauwerk ist allerdings ein Nachfolgebau jenes Hauses, in welchem der Ratsherr Jobst Brengebier mit seiner Familie hier einst lebte. In dem damaligen Gebäude war später auch Cranachs Tochter Ursula, die 1544 Georg Dasch heiratete, zu Hause.

Hauptwerke der Maler Lucas Cranach der Ältere und seines Sohnes Lucas sind in dem nach aufwendiger Sanierung im Herbst 2013 wiedereröffneten Herzoglichen Museum Gotha hervorragend präsentiert. Die Cranach-Sammlung umfasst heute 23 Gemälde von dem älteren wie dem jüngeren Cranach; 1945 waren es noch 40 Bilder. Sie alle waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die damalige Sowjetunion verbracht worden. Nur ein Teil davon kehrte 1955/56 zurück. Bemerkenswert an den Gothaer Cranach-Gemälden ist für den Direktor der Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein, Professor Martin Eberle, dass es sich um einen ausgesprochen alten Bestand handelt. Fast alle Gemälde lassen sich bereits im ersten Kunstkammer­inventar von 1646 nachweisen.

Die gegenwärtig für das Cranachjahr vorbereitete Ausstellung im Herzoglichen Museum wird den Fokus auf die öffentliche Wirksamkeit der Cranach-Werkstatt im Dienste der Kurfürsten von Sachsen und der Reformation richten. Als Hofmaler oblag es Cranach, repräsentative Werke zu schaffen, die der Ausstattung kurfürstlicher Residenzen dienten oder befreundeten Fürsten geschenkt wurden. Davon werden in der Ausstellung Porträts, mythologische und biblische Historien sowie Jagd- und Turnierdarstellungen zeugen.

Andere hervorragende Kunstwerke werden belegen, dass Cranach sein Können früh in den Dienst der neuen Lehre stellte. So zeigen etwa die Bilder der Kindersegnung oder »Gesetz und Gnade« dass der Mensch, nur durch Gottes Gnade Erlösung findet.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation« im Herzoglichen Museum vom 29. März bis 19. Juli ist Montag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Biblische Grabgeschichten

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bedeutung von Gräbern in der Heiligen Schrift

Der Wunsch, im Grab seiner Eltern bestattet zu werden, war in biblischen Zeiten weitverbreitet. Der 80-jährige Feldherr Barsillai bittet David darum, in seine Heimatstadt zurückzukehren, »dass ich sterbe in meiner Stadt bei meines Vaters und meiner Mutter Grab«.

Hiob beschrieb sarkastisch andere Familienmitglieder im Grab: »Das Grab nenne ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester.«

Wer es ganz besonders arg mit jemandem meinte, sorgte dafür, dass das Begräbnis im Grab der Eltern nicht klappt. Von einem geheimnisvollen »Gottesknecht« berichtet Jesaja, man habe ihm ein Grab »bei Gottlosen und Übeltätern« gegeben. (1. Mose 47,30, 2. Samuel 19,38, 1. Könige 13,22, Hiob 17,14)

»Umso schlimmer ist die Schmach, am Ende ohne Grab bestattet zu werden«

Gräber sind ein »Haus immerdar«, eine »Wohnung für und für«. Umso schlimmer ist die Schmach, am Ende ohne Grab bestattet zu werden. Diese Aussicht gehört zu den bedrohlichsten Prophetenworten: »Du bist hingeworfen ohne Grab wie ein verachteter Zweig, bedeckt von Erschlagenen, die mit dem Schwert erstochen sind, wie eine zertretene Leiche.« Feindlichen Soldaten droht Jesaja an, sie würden »hingeworfen werden, dass der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fließen.« Und Jeremia sagt dem ungehorsamen Jojakim voraus, »wie ein Esel« begraben zu werden, »fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems«. (5. Mose 28,26, Jesaja 14,19, Jeremia 22,19, Psalm 49,12)

»Mein Vater«, platzte es traurig aus Israels König heraus, als er von der lebensbedrohenden Krankheit seines Beraters, des Propheten Elisa, hörte. Nach dessen Tod fallen feindliche Moabiter ins Land ein. Elisa, der schon zu Lebzeiten Wunder vollbracht hatte, verliert diese Fähigkeit auch nach dem Tod nicht. Die Beisetzung eines Mannes wurde durch kriegerische Horden gestört; so wird der Verstorbene in das falsche Grab geworfen. Da geschieht Unglaubliches: »Als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.« Im Nachhinein erweist sich so erneut die große Nähe des Propheten Elisa zu Gott. (2. Könige 13,21)

Ging es gegen die selbstgerechten Pharisäer und Schriftgelehrten, griff der ansonsten sanfte Jesus oft zu harschen Wortattacken. Sein Hauptkritikpunkt: Sie würden den lebendigen Glauben erstarren lassen, sodass er nur noch Hülle sei. Einmal nennt er sie »Heuchler« und klagt sie direkt an: »Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.« Das illustriert er mit einem allgemein bekannten Bild der damaligen Grabkultur. Da Gräber als unrein galten, wurden sie mit weißer Farbe kenntlich gemacht. Die Schriftgelehrten und Pharisäer seien wie »übertünchte Gräber«, »die von außen hübsch aussehen, aber innen voller Totengebeine und lauter Unrat« sind. Wer hört das schon gerne… Im selben Atemzug wirft Jesus seinen Widersachern vor, sie würden den Propheten Gräber bauen und die Grabmäler der Gerechten schmücken – und sich selbst als etwas Besseres sehen. (Matthäus 23,27 f.)

»Drei Tage später ist der Stein wundersamer Weise zur Seite gerollt und das Grab ist leer«

Sämtliche Jünger, die Jesus durch Galiläa bis nach Jerusalem begleitet hatten, waren bei der Gefangennahme geflohen; auch um die Beisetzung seines gemarterten Körpers kümmerten sie sich nicht. Josef aus Arimathäa, ein angesehener jüdischer Ratsherr und heimlicher Anhänger Jesu, springt ein. Er kauft ein Grab, besorgt ein Leinentuch und geht zum Kreuz. Gemeinsam mit dem ebenfalls jesusbegeisterten Nikodemus nimmt er den Leichnam ab und bestattet ihn im Felsengrab, das er mit einem großen Stein verschließt. Drei Tage später ist der Stein wundersamer Weise zur Seite gerollt und das Grab ist leer. (Markus 15,42-47, Johannes 19,38-42)

Das Buch des Propheten Hesekiel diente als Vorlage für unzählige Horrorfilme und wohl auch für Michael Jack­sons »Thriller«-Video. »Ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf«: Was Gott da verheißt, jagt gruselige Schauder über den Rücken. Es ist nicht nur für die Zukunft oder das Jüngste Gericht vorhergesagt, sondern ist einmal bereits wirklich geworden. Gleich nach der Kreuzigung Jesu »taten sich die Gräber auf«, berichtet der Evangelist Matthäus; die »Leiber der entschlafenen Heiligen« seien aufgestanden und aus den Gräbern nach Jerusalem gegangen, wo sie »vielen« erschienen seien. Apostel Paulus lehrt, dass die verstorbenen Christen bei der Wiederkunft Jesu ebenfalls auf diese Weise auferstehen und gemeinsam mit den Lebenden »auf den Wolken« entrückt werden. (Hesekiel 37,12 f., Matthäus 27,52,1. Thessalonicher 4,16 f.)

Uwe Birnstein