Ein Geschenk des Himmels für jeden Tag

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit sechs Jahren erscheinen die Herrnhuter Losungen durch eine private Initiative auch auf Koreanisch

Zum dritten Mal kam Professor Ju-Min Hong jüngst nach Herrnhut. Diesmal brachte er allerdings etwas Besonderes mit: Ein Exemplar der Herrnhuter Losungen in seiner Muttersprache Koreanisch. Übersetzt hat er die Texte selbst. Da er in Heidelberg studierte, kann er hervorragend Deutsch. Das Schwierige an der Übersetzung sei besonders der alte Sprachstil, sagt der Theologe, der das Institut für Diakonie in Südkorea leitet. Wenn man das aber routinemäßig mache, werde das immer einfacher. Ansonsten besuchten er und eine Gruppe koreanischer Christen, die zum ersten Mal in Deutschland sind, auch die Herrnhuter Sehenswürdigkeiten.

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Professor Ju-Min Hong mit der von ihm herausgegebenen koreanischen Ausgabe der Herrnhuter Losungen. Foto: Matthias Weber

Wie Hong berichtet, werden die seit 2009 in Koreanisch erscheinenden Losungen in seinem Land sehr gut aufgenommen. Die Startauflage von 1 000 Stück wurde komplett verkauft oder verschenkt. Über 100 christliche Gemeinschaften des Landes nutzen inzwischen das traditionelle Andachtsbuch. Über den Buchhandel selbst werden bisher allerdings nur wenige Exemplare verkauft. Die meisten vertreibt Hong im Eigenverlag persönlich. Nachdem er in Vorträgen und Seminaren auf die Losungen hinwies, betrug die Auflage 2010 bereits 2 000 Stück. Und die Nachfrage wächst.

Die Herrnhuter Losungen seien ganz anders, als die üblichen Andachtsbücher, die man in Südkorea kenne. »Ich glaube, gerade weil sie nur aus Bibelworten bestehen und keine menschliche Auslegung haben, gefallen sie den Leuten in Korea«, sagt er. Schließlich kenne man hier auch andere »Losungen« politischer Natur. »Wort und Tag«, wie das Büchlein in Korea heißt, sei »wie ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk für jeden Tag«, so der Professor.

Die Begleittexte der Losungen, Liedverse oder Gebete mit Bezug auf die jeweiligen Bibelstellen, entsprechen in der koreanischen Ausgabe derzeit noch der deutschen Ausgabe. In Zukunft will Hong aber verstärkt solche von koreanischen Autoren aufnehmen. Denn den meisten Koreanern sind deutsche Liederdichter, wie zum Beispiel Paul Gerhardt, eher unbekannt. Eine Ausnahme bilde da allerdings Dietrich Bonhoeffer, der sich einiger Bekanntheit auch in dem asiatischen Land erfreut.

Die Struktur der christlichen Kirchen in Südkorea ist völlig unterschiedlich zum deutschen System. Was vor allem damit zusammenhängst, dass das Christentum vor etwa 130 Jahren aus den USA nach Korea kam. Damals waren es vor allem konservative und fundamentalistische Bewegungen, welche die jungen koreanischen Kirchen prägten. Ökumene gab es dabei nicht. Heute existieren entsprechend viele einzelne Denominationen und eigenständige Kirchenformen. Seit den 1960er Jahren aber wächst eine ökumenische Bewegung, in der vor allem die Presbyterianische Kirche (PCK) und Ju-Min Hong aktiv sind. Knapp 22 Prozent der reichlich 49 Millionen Südkoreaner sind Christen, in der Mehrzahl Protestanten.

Mit der Verbreitung der Losungen verfolgt Ju-Min Hong zwei ganz praktische Ziele. Einmal möchte er damit die diakonische Arbeit in Korea entwickeln. Das ist sein soziales Hauptanliegen. Gerade hier erlebe man einen Aufschwung und da könnten die Losungen einen wichtigen Beitrag zur täglichen geistlichen Verwurzelung der Mitarbeiter leisten. Gleichzeitig gibt es bekanntlich große politische Spannungen zwischen Nord- und Südkorea. Seine Kirche habe bisher leider kaum Kontakte zu den Christen in Nordkorea aufbauen können, die ihren Glauben illegal leben.

Vielleicht aber, so die Hoffnung von Ju-Min Hong, können die Losungen dazu beitragen, diese Konflikte über das Evangelium von Jesus Christus irgendwann einmal zu versöhnen. Man wolle jedenfalls versuchen, einzelne Losungsexemplare irgendwie nach Nordkorea zu schaffen. Wie ist im Moment allerdings noch offen.

Andreas Herrmann

Nach Angaben der Abteilung Losungsspende der Evangelischen Brüder-Unität können für 18 Euro sechs koreanische Losungen produziert werden.

Spenden: Ev. Bank eG Kassel, IBAN DE605206 0410 0000 4159 28, BIC GENODEF1EK1, Kennwort: Losungsspende Korea

www.herrnhuter-projekte-weltweit.de

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Auf fruchtbaren Boden gefallen

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Präsenz der Bibel im Alltagsdeutsch

Biblische Redewendungen sind das Salz in der Suppe der deutschen Sprache. Ohne die Bibel würde Deutsch keinen Spaß machen, beweist Gerhard Wagner in seiner Zitatesammlung »Von Pontius zu Pilatus«. Der Autor ist im Hauptberuf Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung. »Die Bibel hat Spuren in der Sprache hinterlassen, die man gar nicht überbewerten kann«, stellt er fest. Immerhin 251 entsprechende Redewendungen hat Wagner gefunden, ohne Gewähr auf Vollständigkeit.

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Denn die Bibel war das einzige Buch, in dem sich, mehr oder weniger, das ganze Volk auskannte. Auch der unwilligste Zuhörer bekam ja irgendwann mit, dass alles mit Adam und Eva anfängt und mit dem Jüngsten Gericht aufhört, und sei es, weil er die dazugehörigen Bilder jede Woche beim Betreten der Kirche vor Augen hatte. Auf richtig fruchtbaren Boden fallen konnte die biblische Sprache aber erst, als sie auch in deutscher Sprache vorlag. An dieser Stelle kommt unvermeidlich wieder einmal Martin Luther ins Spiel, der als Erster die sprachlichen Zeichen der Zeit erkannt hatte. Seine Bibelübersetzung wurde zu einem der »wichtigsten Geburtshelfer der neuhochdeutschen Schriftsprache«, so Wagner. Zum einen, weil Luther das Talent zu bildhafter Sprache besaß und den Mut, »dem Volk aufs Maul zu sehen«. Zum anderen weil ihm, lange vor der Zeit der normierten deutschen Hochsprache, das Licht aufgegangen war, seine Texte so zu formulieren, dass sie von allen Deutsch sprechenden Menschen verstanden werden konnten – in der »Meißner Kanzleisprache«, in der nord- und süddeutsche Dialekte miteinander verschmolzen waren.

Manchmal hat Luther auch Wörter neu geschaffen oder unübersetzt übernommen (Beelzebub). Entscheidend für das Einsickern biblischer Bilder in die deutsche Sprache war neben Luthers Übersetzungsleistung die Tatsache, dass die Bibel bis ins 20. Jahrhundert in den meisten Haushalten eifrig gelesen wurde. Wer jemanden von Pontius zu Pilatus schickte, babylonische Sprachverwirrung beklagte oder ein Damaskus-Erlebnis hatte, konnte davon ausgehen, dass seinem Gegenüber die entsprechenden Bibelstellen präsent waren.

Die Mehrheit der von Wagner zusammengestellten Formulierungen hat allerdings keinen ganz unmittelbaren Bezug zu bestimmten Orten oder Personen der Bibel. Es bedarf einer gesunden Portion Bibelfestigkeit, um solche Redewendungen zu erkennen. Wenn Börsenmakler und Banker ob der Kapriolen Griechenlands Blut und Wasser schwitzen, geht dies auf eine Formulierung in der Passionsgeschichte des Lukas-Evangeliums zurück, die mit der Todesangst Jesu zu tun hat (»Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen«). Das himmelschreiende Unrecht wiederum, das ihrerseits die Griechen beklagen, hat seinen Ursprung im 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 10, als Gott zu Kain spricht: »Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.«

Und wer hätte gedacht, dass sich sogar der Autobauer Toyota im Bibel-Baukasten bediente, als man in den 1990ern den Kunden versprach: Nichts ist unmöglich! Das Jesus-Wort stammt aus dem Markusevangelium 9, 23 und lautet genau: »Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt«, wird aber gern in der griffigeren Umkehrung zitiert: »Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt.«

Thomas Greif

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Bauern und Priester sagen Chevron den Kampf an

18. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Ein US-Konzern bohrt nach Schiefergas, die Regierung ist begeistert, Gegner werden gewaltsam unterdrückt

Während Deutschland noch über das umstrittene Fracking nachdenkt, ist es in Rumänien so weit. Doch es regt sich Widerstand. An vorderster Front stehen diesmal auch Priester.

Elisabeta Preda ist außer sich. Als die 56-jährige Bäuerin eines Tages Feuerholz für den Winter holte, merkte sie, dass jemand auf ihrem Grundstück kleine Löcher gebohrt hatte. »Plötzlich lag jede Menge Kabel rum, vom Waldrand über den Hügel und quer durch meinen Hinterhof«, erzählt die dreifache Großmutter sichtlich irritiert. Die Löcher waren gekennzeichnet mit roten, blauen oder weißen Fähnchen, und in jedem Loch steckte ein dünnes, verkabeltes Rohr.

Foto: George Popescu

Foto: George Popescu

Als Preda gleich nach dem Vorfall zum Rathaus eilte, um dort ein paar Fragen zu stellen, war der Bürgermeister von Bacesti nicht zu sprechen. Auch in den nächsten Tagen und Wochen konnte niemand im ostrumänischen Dorf etwas über die merkwürdigen, aber immer häufigeren Funde erfahren. Das Arbeiterteam, das mehrmals von den Dorfbewohnern gesichtet wurde, konnte nur sagen, dass die Kabelverlegungen und Lochbohrungen im Auftrag der rumänischen Aktiengesellschaft Prospectiuni SA ordnungsgemäß und mit der Genehmigung des Bürgermeisters durchgeführt worden seien.

Ähnlich wie viele ihrer Nachbarn entschied Elisabeta Preda, die unbefugte Nutzung ihres Grundstücks nicht länger zu dulden. Sie schnitt die Kabel ab, entfernte die Fähnchen und Rohre und drohte den Arbeitern mit der Mistgabel. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst erklärte der orthodoxe Priester Vasile Laiu den Menschen im Dorf, was er auf seiner Reise in die benachbarte Stadt Barlad erfahren konnte. Ihr Dorf Bacesti sei nämlich nicht der einzige Ort in der Umgebung, in dem Löcher und Kabel auftauchten. Und es handele sich um ein groß angelegtes Bohrprojekt des US-amerikanischen Konzerns Chevron, der nach Schiefergas sucht. Die neuartigen Bohrarbeiten seien aber sehr gefährlich, es bestehe Gefahr für das in der Gegend ohnehin knappe Grundwasser.

Der Priester in Bacesti hatte recht. Die beunruhigenden Nachrichten, die er von seinem Dekan in Barlad erfuhr, bestätigten sich schnell und lösten in der ganzen Region eine Aufregung aus, mit der niemand gerechnet hatte. Nach mehreren Diskussionsrunden gründete Laiu eine lokale Initiativgruppe aus Ingenieuren, Rechtsanwälten und Geistlichen, die ein Ende der illegalen Bohraktionen und Klarheit in der Sache forderten. Viele Menschen in den Dörfern, die sich mit dem gleichen Problem konfrontiert sahen, schlossen sich der neuen Bewegung an.

Als sich die Landkreis- und Kommunalverwaltungen weiterhin weigerten, Akten öffentlich zu machen, rief Laiu und seine Initiativgruppe zu Protesten auf. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Chevron bereits seit 2011 die Lizenz für mögliche Aufschlussbohrungen im ganzen Nordosten Rumäniens besitzt, und das für die nächsten 30 Jahre. Andere rumänische und ausländische Öl- und Gasunternehmen, wie etwa das österreichische OMV, bekamen unter den früheren wirtschaftsliberalen Regierungen für andere rumänische Regionen ähnliche Lizenzen, die ursprünglich als geheim eingestuft wurden. In Rumänien gibt es womöglich, tief unter dem Boden, interessante Erdgasvorkommen, die nur durch das sogenannte Fracking, also durch hydraulisches Aufbrechen des Gesteins gefördert werden können.

In vier kleinen Dörfern des Landkreises Vaslui, darunter auch in Bacesti, gaben die Bürgermeister bereits das grüne Licht für die ersten Aufschlussbohrungen. So kam es schon im Herbst 2013 in Pungesti zu einer Auseinandersetzung zwischen Chevrons Sicherheitspersonal und den Dorfbewohnern. Als der Konzern mit seinen Baggern und LKWs vorpreschte, blockierten die Demonstranten, darunter auch viele orthodoxe Geistliche, die Straße. Die ungewöhnlichen Bilder mit den Gendarmen, die Gewalt gegen Bauern und Priester anwenden, machten die Runde und bewegten die Regierung dazu, einen Schritt zurück zu machen. Schließlich verkündete Chevron, dass die Bohrarbeiten in Pungesti bis auf Weiteres eingestellt würden.

Doch dann kam die Krise in der benachbarten Ukraine. Das Thema der Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen kochte wieder hoch, diesmal nicht nur in Rumänien, sondern europaweit. Und die Politik in Bukarest nutzte die Gelegenheit, um alte Ängste wiederzuerwecken und die Debatte für beendet zu erklären. Doch die Argumentation sei unsinnig, empört sich der Publizist und Blogger Costi Rogozanu. »Das Schiefergas soll von Chevron gefördert und an uns zu den üblichen Marktpreisen verkauft werden. Rumänien bleibt also energetisch abhängig von einem Lieferanten, der jetzt nicht mehr Gazprom, sondern Chevron heißen wird. Das vermeintliche Problem wird durch den vorgeschlagenen Plan mitnichten gelöst, man schürt einfach nur alte anti-russische Ressentiments.«

Hinzu kommt, dass sich die angebliche Abhängigkeit Rumäniens von dem kremlnahen Unternehmen in sehr engen Grenzen hält. Die Schließung vieler energieintensiver Industrieanlagen seit den 1990er Jahren hat den Gas- und Strombedarf stark reduziert. Heute muss der Staat, anders als Polen oder die baltischen Ländern, nur rund 20 Prozent des Verbrauchs durch Importe decken. Gleichzeitig boomten in den letzten Jahren die erneuerbaren Energien. Rumänien hat bereits heute seine mit der EU-Kommission vereinbarten Klimaziele für 2020 erreicht.

Willy Schuster aus dem siebenbürgisch-sächsischen Dorf Mosna, zu Deutsch Meschen, war der erste Biobauer im Lande und ist mittlerweile ein bekannter grüner Aktivist. »Meine Familie und ich wollen weiterhin Biogemüse anbauen. Doch dafür ist es jetzt offensichtlich nötig, zunächst Chevron-Kabel zu ernten«, sagt er und meint damit, dass die Technik von Chevron, die ohne die Genehmigung der Eigentümer auf die Grundstücke verlegt wird, einfach entfernt werden solle. »Viele Bauern sind jetzt verunsichert, weil das Vorgehen des Konzerns einerseits gesetzwidrig ist, andererseits aber den Segen der Behörden hat. Wie geht man damit um, wenn der Staat illegale und rücksichtslose Aktionen eines Privatunternehmens toleriert?«, fragt Schuster.

Bis vor Kurzem war Naturschutz kaum ein Thema in Rumänien. Zu sehr fehlte der Bewegung eine Tradition, die in Deutschland schon in den 1970er Jahren angefangen hat. Zu wichtig schienen andere Anliegen, wie etwa der EU-Beitritt oder die Armut weiter Teile der Bevölkerung. Es galt, Wirtschaftswachstum mit allen Mitteln zu erzielen.

Auch die Kirchenvertreter waren kaum an der Umwelt interessiert. Bis heute betrachten die meisten orthodoxen Geistlichen das Thema als zu weltlich oder als Importgut aus dem säkularisierten Westen, wo die Kirchen leer seien. Als 2013 Zehntausende Menschen in den Straßen Bukarests gegen ein umstrittenes Goldbergbauprojekt protestierten, fiel die Reaktion der orthodoxen Kirche eher schwach aus. Insofern ist die aktive Beteiligung der Priester an der neuen grünen Bewegung eine Premiere in Rumänien.

Vater Laiu erklärt seine Initiative zunächst als einfaches Engagement für den Erhalt der Lebensgrundlage seiner Gemeinde. Außerdem als Kritik an einer Staatsmacht, die immer weiter in den »Korruptionssumpf« sinke und immer öfter die Bedürfnisse der Menschen ignoriere. Das sei alles andere als kompatibel mit den christlichen Werten. Und irgendwann reiche es eben auch weniger aufgeklärten Leuten aus der Provinz. »Wir haben gezeigt, dass sich auch kleinere, einfache Menschen in den Dörfern sensibilisieren und mobilisieren lassen«, sagt Laiu. »Jetzt müssen wir eben unsere Dörfer verteidigen. Der Kampf geht weiter.«

Silviu Mihai

Hofjagd vor Schloss Hartenfels

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Torgau stattete Cranach mit Gehilfen ein spektakuläres Hochzeitsfest aus


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Torgau.

Im November 1513 erlebte die Stadt an der Elbe ein Familien-Spektakel von einzigartigem Ausmaß: Die Hochzeit des späteren Kurfürsten Herzog Johann mit Margarete von Anhalt. Dass von den Gastgebern in jenen Tagen allein 3 265 fremde Pferde versorgt werden mussten, lässt die Dimension des Zeremoniells erkennen. Und natürlich wurde der Hauptort des Geschehens, das Torgauer Schloss Hartenfels, für diesen Anlass besonders ausstaffiert. Hauptauftragnehmer für diese Leistungen war Hofmaler Lucas Cranach mit seiner Wittenberger Werkstatt. Rechnungen und andere Belege gewähren Einblicke in das aufwendige, aber auch besonders einträgliche Geschäft. Um das »furstlich eheliche Beilager zu Torgaw« und dessen Rahmenprogramm, wie wir heute sagen würden, in punkto Zeit und Qualität realisieren zu können, hatte sich Werkstattchef Lucas sieben Gesellen und einige Lehrlinge zur Verstärkung geholt. In das im engeren Sinne Künstlerische reichten vermutlich die in Rechnungen als »tebicht« bezeichneten Werke.

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Anstelle von raumschmückenden gewirkten Teppichen waren dies auf Tuch gemalte Bilder für die Wände der »stuben do die fursten an der Hochzceyt gesessen«. In Rechnung stellte er auch »gemelde … in den gemachen und kirchen«, die nicht näher bezeichnet werden. Überkommen ist von alledem nichts. Auch nicht das von Cranach bemalte Brautbett, von dem in dem offiziellen Hochzeitslied zu hören war.

Aufstieg Torgaus zur bevorzugten Residenz

Mit der zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht auf dem Landtag zu Leipzig am 17. Juni 1485 verabredeten Trennung des Hauses Wettin in die Linien der Ernestiner und der Albertiner waren auf der Landkarte des Deutschen Reiches zwei neue Territorialstaaten einzuzeichnen. Torgau, die kursächsische Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, erlebte eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Hoch-Zeit. Die Stadt wurde zum wohl wichtigsten politischen Zentrum der evangelischen Bewegung.

Eine erneute grundlegende Änderung der Machtkonstellation im Reich brachte der mit der Schlacht von Mühlberg an der Elbe (bei Torgau) im April 1547 beendete Schmalkaldische Krieg. Einen Monat danach besiegelte die Wittenberger Kapitulation, dass der vom Kaiser gefangen genommene Johann Friedrich, Kurkreis und Kurwürde an seinen Vetter Moritz von Sachsen abgeben musste, der sich in der Schlacht mit den Kaiserlichen verbündet hatte.

Der Aufstieg Torgaus zu einer bevorzugten Residenz spiegelt sich in der großzügigen, bis in die Gegenwart fast vollständig erhaltenen Renaissancebebauung der Altstadt wider. Einen der interessantesten Blicke auf die Stadt gewährt ein Standort von Norden über die Elbe. Die von hier zu betrachtende Silhouette war so schon im 16. Jahrhundert erlebbar: Wie auf einer Perlenschnur reihen sich zwischen Marienkirche und Schloss zahlreiche repräsentative Bauwerke aneinander. Das hat offenbar auch den alten Lucas Cranach beeindruckt. Ganz im Sinne fürstlichen Repräsentationsbedürfnisses wird das von ihm 1544 geschaffene Gemälde »Hofjagd zu Ehren Kaiser Karls V. vor Schloss Hartenfels« im Bildhorizont vom Schloss Hartenfels gekrönt.

Heinz Stade

»Erlöse uns von dem Bösen«

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur siebenten Bitte des Vaterunsers

Es ist wohl kein Zufall, dass diese Bitte die Nummer sieben ist – bedeutet doch in der Bibel diese Zahl Fülle, Vollständigkeit, besondere Wichtigkeit. Nur in der Fassung bei Matthäus kommt sie vor, im Lukasevangelium gibt es nur fünf. Da endet das Gebet abrupt mit der negativ formulierten Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung.

Foto: picture-alliance/dpa

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In den wenigen Worten dieser Bitte spiegelt sich die ganze Theologie des Neuen Testamentes. Denn worum geht es Jesus in seiner Lebenszeit auf Erden vor allem? Zusammengefasst kann man so sagen: Das Leben in allen Facetten zu teilen. Wirklich einer von uns zu sein. Er ist dem Bösen entgegengetreten, hat die Übel dieser Welt zu spüren bekommen und gleichzeitig gezeigt, wie Leben in der engen Verbindung zu Gott gelingen kann; freilich, ohne selbst in Schuld und Böses verstrickt zu sein. Und natürlich: Wir kennen ihn nur aus der nachösterlichen Perspektive.

Erlöse uns von dem Bösen stellt zunächst eindeutig fest, dass das Böse da ist und seinen Machtbereich in unserer Welt hat. Wir können das Böse wohl verfluchen oder besser inständig bitten um Zurückdrängung, Einschränkung, aber wir können das Böse nicht wegdiskutieren. Es ist da. Leider.

Die Formulierung legt sich nicht genau fest, was das Böse ist: Ist es all das, was einem Schlechtes widerfährt oder anderen gegenüber anrichtet? Oder ist es der Böse, der sein Unwesen treibt, der Teufel, der Diabolos, der die gut geordnete Schöpfung Gottes durcheinanderbringt?

Zu meiner Konfirmation habe ich noch die alte Formulierung gelernt: Erlöse uns von dem Übel. Erst 1971 wurde die neue ökumenische Fassung eingeführt. Der Begriff Übel erscheint mir anschaulicher. Eine heftige Übelkeit mit den dazugehörigen Folgen geht durch Mark und Bein, schwächt den ganzen Körper bis endlich alles »raus« ist und man sich langsam davon erholen kann. Das dauert seine Zeit. Trotzdem ist der Begriff des Bösen umfassender: Die Übel sehe ich eher als Erscheinungsformen des Bösen.

Logo-Credo

Schon im 1. Mose 8, Vers 21 heißt es: »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.« Ist Gott da nicht also ein Schöpfungsfehler unterlaufen? Nun, mit der Symbolgeschichte des Sündenfalls tritt das Böse unter uns, weil wir die Fähigkeit der Erkenntnis wissen zu wollen, was Gut und Böse ist, gegen Gottes Willen erzwungen haben. Also müssen wir nun damit leben lernen. Es ist zu unserer Herausforderung geworden, Böses in Schranken zu weisen und Gutes zu tun. Aber schon Paulus hat sich damit gequält. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
(Römer 7,19)

Das Böse gibt es in allen Steigerungsformen: Gemeinheit, Sadismus, Vergehen an Kindern, IS-Terror …

Erlöse uns von dem Bösen meint nicht nur, dass Böses um uns herum gemindert wird, sondern zugleich in uns: Das, womit wir anderen das Leben schwer machen und wo wir wieder einmal gottvergessen gelebt haben. Das alles erkennen, bekennen und beichten geht in heilsame Richtung.

Erst wer seine eigenen Anteile mitdenkt, kann die Tiefe dieser Vaterunser-Bitte erfassen. Hier kommt der sehnliche Wunsch zum Ausdruck – individuell, aber auch global – befreit zu werden von allem Unheil. Jesus hat am Kreuz alle Vorleistung erbracht. Martin Luther fasst es trefflich zusammen: Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehmen in den Himmel. Bis dahin haben wir hier unsere Aufgaben. Wenn jeder so lebt, wie er es selbst an sich erfahren möchte, dürfte es doch nicht mehr so viel Böses geben (Matthäus 7,12). Lassen wir Gottes Reich seine Schatten schon mal voraus werfen!

Angela-Beate Petzold, Pfarrerin in der Justizvollzugsanstalt Bautzen

Einzigartiges Freilichtmuseum

12. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstadt Wittenberg – langjährige Wirkungsstätte der Malerfamilie Cranach

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Heute: Lutherstadt Wittenberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Leben und Wirken der Malerfamilie Cranach verbunden wie die Lutherstadt Wittenberg. Die hier 1502 gegründete erste landesfürstliche Universität Deutschlands durch Kurfürst Friedrich III., der Weise, war ein vorausschauender, angesichts der Konkurrenz ringsum (Leipzig, Frankfurt/Oder) auch mutiger Schritt. Dass die »Leucorea« 1517 mit der Reformation zum Ausgangspunkt eines Ereignisses von weltgeschichtlicher Bedeutung werden würde, war freilich nicht vorhersehbar. Friedrich investierte, um die bis dato eher unscheinbare Stadt an der Elbe dem Status einer Residenzstadt gemäß aufzupolieren. Ein Freund Bildender Kunst, erteilte er den Besten dieser Sparte reichlich Aufträge. 1505 berief er den damals in Wien lebenden Lucas Cranach der Ältere zum Kurfürstlichen Hofmaler. Mit Martin Luther, der 1511 für immer nach Wittenberg kam, verband den elf Jahre älteren Lucas Cranach alsbald eine immerwährende enge Freundschaft.

Für Lucas Cranach sollte Wittenberg 45 Jahre lang der Hauptort seines künstlerischen Wirkens werden. Als Hofmaler im Dienst von nacheinander drei Kurfürsten schuf er mit seinem Team ein außerordentlich umfangreiches Werk, das Routinearbeiten ebenso wie Hochleistungen der Bildenden Kunst umfasst. Das damit erworbene Geld legte er äußerst geschickt in Grundstücken und Häusern an. Vom fähigen Geschäftsmann in ihm sprechen weitere Unternehmungen. So erhielt er – obwohl selbst in dem Fach nicht zu Hause – das Apothekenprivileg der Stadt, betrieb eine der erfolgreichsten Weinschenken der Stadt, engagierte sich im Gewerbe der Bierbrauer und betrieb zeitweilig eine Buchdruckerei. Bald engagierte er sich auch in der Kommunalpolitik.

Unterwegs in der Wittenberger Altstadt, bewegt sich der Gast in einem einzigartigen Freilichtmuseum. Auf der »Kulturmeile« Collegienstraße, aber auch wenige Schritte abseits von dieser, begegnen dem Besucher auf Schritt und Tritt steinerne Zeugen der Zeit, da die Familien der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, als auch die des Hofmalers Cranach hier lebten und wirkten. An den Bürgermeister und zeitweilig obersten Gerichtsherrn Cranach erinnert das zwischen 1523 und 1535 erbaute Rathaus am Markt.

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

In seiner Werkstatt (Cranach-Hof) erfuhren auch die beiden Söhne Hans und Lucas der Jüngere ihre Ausbildung. Nach dem frühen Tod von Hans Cranach rückte dessen jüngerer Bruder in der Hierarchie der Werkstatt in eine Führungsposition auf. Um alle Aufträge erledigen zu können, zeichnete sich die Werkstatt durch eine bis dahin nicht gekannte Variantenpraxis der Kunstproduktion aus.

Unser Bild von Martin Luther und seiner Zeit verdankt sich vor allem künstlerischer Arbeiten der Cranach-Werkstatt. Luther mit Doktorhut, Luther als »Junker Jörg« auf der Wartburg, Luther auf der Kanzel, Luther beim Abendmahl oder als Familienvater – die Vorstellung von Luther wird hier plastisch wie sonst nicht.

Vermutlich gab es, abgesehen von den Repräsentanten der zentralen Gewalt, von keinem anderen Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert mehr Bildnisse als von Martin Luther.

Heinz Stade

Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Cranach der Jüngere 2015« in Lutherstadt Wittenberg vom 26. Juni bis 1. November. Ausstellungsorte sind die Stadtkirche St. Marien, das Augusteum und das Cranach-Haus.

www.cranach2015.de

Österreich: Neues Islamgesetz verabschiedet

11. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreich hat ein neues Islamgesetz. Es wurde am 25. Februar vom Nationalrat als Novellierung des Textes von 1912 beschlossen. Damit gibt es eine neue Gesetzesgrundlage für die über 500 000 muslimischen Gläubigen (rund 5,9 Prozent der Bevölkerung) in Österreich. Islamische Religionsgesellschaften genießen nun den Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts. Um in Zukunft den Titel einer Rechtspersönlichkeit erwerben zu können, muss neben anderem »eine positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat bestehen«. Die Finanzierung ihrer Arbeit müssen die islamischen Religionsgesellschaften und Kultusgemeinden nun ausschließlich im Inland aufbringen. Klar geregelt sind jetzt auch die seelsorgerliche Betreuung muslimischer Gläubiger beim Bundesheer, in Justizanstalten, Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie die Rücksichtnahme an diesen Orten und in öffentlichen Schulen auf muslimische Speisegebote. Für die theologische Ausbildung, Forschung und Lehre sichert der österreichische Staat ab 2016 ein islamisch-theologisches Studium an der Universität Wien zu.

Elisabeth Kluge berichtet für unsere Zeitung aus Österreich.

Elisabeth Kluge berichtet für unsere Zeitung aus Österreich.

Trotz vieler Vorteile durch das neue Gesetz riss schon während des Begutachtungsverfahrens die Kritik am Gesetzesentwurf nicht ab. Bis kurz vor der Verabschiedung lehnte der Schura-Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) das Gesetz ab. Die Gründe lagen dafür u.a. in dem Verbot der Auslandsfinanzierung – im Moment sind etwa 60 der rund 300 Imame in Österreich über den Verein ATIB aus der Türkei entsandt. Auch die Möglichkeit des Staates, zukünftig Vereine auflösen zu können, die dem Gesetz nicht entsprechen, stieß auf Widerstand.

Seitens der evangelischen Kirchen wurde zum Beispiel die Vorgangsweise der Bundesregierung bemängelt. Vor Beginn der Begutachtungsphase sei der Entwurf nicht mit der IGGiÖ abgesprochen worden, was bisherigen Erfahrungen widerspreche. Gewarnt wurde zudem vor der Einmischung des Staates in die inneren Angelegenheiten der Religionsgesellschaften. Zum Verbot der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland äußerte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld: »Ich kann die Empörung der Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich verstehen, die darin eine Diskriminierung sehen.«

Schärfere Worte fand der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Mehmet Görmez. Er sieht die Novelle als Rückschritt und sprach von einem »gewaltigen Fehler«. Seiner Befürchtung nach wird das neue Islamgesetz »Österreich um 100 Jahre zurückwer-
fen …, was die Freiheit der Religionen in dem Land betrifft«.

Fragwürdig sind Görmez’ Äußerungen allerdings vor dem Hintergrund der Schließung der Theologischen Hochschule des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel auf der Insel Halki durch den türkischen Staat im Jahr 1971. Sie durfte bis heute nicht wieder eröffnet werden.

Elisabeth Kluge

Teuflische Macht gegen das Schöne

11. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Meditation zum Thema der Fastenaktion »Du bist schön«

Ich bin in einem Gefängnis. Und mein Körper ist die Mauer. Nein, das stimmt nicht ganz, auch wenn es sich so anfühlt. Die Mauer liegt tiefer. Gebaut ist sie aus Seelenbrocken, die sich auftürmen zu einem undurchdringlichen, uneinnehmbaren Ganzen. Keine Tür, kein Riss, keine Luke. Nur Mauer. Es ist die Mauer der Depression und der Angst. Seit Schulzeiten ist sie da. Es sind wohl schon 15 Jahre.

Durch die Mauer, in das Seelengefängnis, dringt kein Licht. Kein noch so kleiner Funken. Isolationshaft: Isoliert von mir, in mir. Und Gott? Gott schweigt. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ein hässliches Gesicht. Er trägt meine, von der Depression entstellten, Züge.

»Du bist schön.« Die Stimmen von außen werden absorbiert. Nur ein dunkles Murmeln dringt hindurch in das mauerumwehrte Innen. Die Depression ist klug wie eine Schlange. Sie zieht sich die Worte von außen an und verdreht sie in das Gegenteil. Das »Du bist schön« klingt, gemurmelt und gebrochen: »Du bist hässlich. Nicht nur von außen. Alles an und in dir ist hässlich.« Die Depression ist perfide. Sie schafft, dass ich der gemurmelt, gebrochenen, der Schlangenstimme glaube. »Ja«, sage ich ergeben, »ja, du hast recht.«

In den vielen langen Momenten der Klarheit, in denen die Mauer zu einem Mäuerchen zusammengeschrumpft ist, ist die Welt schön. Schlicht schön. Und schön schlicht. Das Grün an meiner Küchenwand, das samtige Abendlicht am Klinker des Hauses auf der anderen Straßenseite, die Fotos mit eingefrorenen Erinnerungen, der vom Fett durchgeweichte Pizzakarton vom Italiener um die Ecke – schön.

Da liegt ein Vaterstolz in der Luft nach den ersten Atemzügen der Welt.

Das Schöne rutscht, bricht, reißt

Vielleicht hat Gott eine Träne verdrückt nach sechs Tagen des Schaffens. Mit seinen Händen hat er eine Ahnung von sich selbst in den Lehm, das Wasser, in Alles eingeschrieben. Als wollte er sagen: »Seht das Schöne, Menschenkinder. Und seht mich.« Schön gemeint. Und schön gemacht. Alles Lebendige atmet Schönheit. Doch nicht lange. Durch die erste Sünde versandet das Schöne, das Hässliche zieht ein und spielt sich auf als mächtiger Gegner des Schönen. Das Schöne Gottes, das die Schöpfung ist, erodiert. Es rutscht, bricht, reißt. Die Schönheit des Anfangs ist eine Schönheit ohne Ideal. Sie ist rein. Reine Schönheit. Die Schönheit nach dem Apfelbiss ist gebrochen. Da ist Scham, Angst, da sind Mauern. Sie verstellen den Blick.

Als Joseph Ratzinger noch Papst Benedikt XVI. war, schrieb er: »Die Wahrheit ist schön, Wahrheit und Schönheit gehören zusammen: Die Schönheit ist das Siegel der Wahrheit.« Schön, wer das sagen kann. Heißt das: Wenn ich mich ganz, und nicht nur meine Hülle, als schön empfinde, ist dann Eden in mir? Ist dann die Tür zum ersten reinen Schönen des Paradieses offen? Ein Stück weit, wenigstens? Meine Gedanken verheddern sich. Gott ist Wahrheit. Wahrheit ist Schönheit. Ich bin Ebenbild. Bin ich wahr? Bin ich schön?

Die Depression glaubt dies nicht. Sie hat ihre eigenen Gesetze. »Das Leben, dein Leben ist Falschheit. Und Falschheit ist hässlich. Beides gehört zusammen und besonders bei dir. Deine innere Hässlichkeit besiegelt deine Falschheit«, sagt sie und ich gebe ihr die Hand und gebe ihr recht. Sie wächst ein bisschen und grinst mich überlegen an.

Benedikt XVI. schreibt weiter: »Und es scheint gleichsam, als wolle der Teufel ständig die Schöpfung beschmutzen, um Gott zu widersprechen und seine Wahrheit und Schönheit unkenntlich zu machen.« Teuflisch ist es, was die Krankheit macht. Als trenne sie mich ab von allem, was Leben, was Schönheit spendet. Alles, was ich von Gott weiß, ist weg. Es wird unglaublich, unglaubbar. ER wird unglaubbar, unglaubwürdig.

Gerne würde ich die Krankheit abschneiden wie faules Fleisch. Und dem, was ich von Gott und mir weiß und glaube, wieder Glauben schenken. Zu mir sagen: »Du bist schön.« Aber ich kann sie nicht abschneiden, ohne zu verbluten. Denn das bin auch ich. Das Finstere, Dunkle ebenso wie das Helle und Leichte.

Die Stimme des vaterstolzen Gottes

Zufällig lese ich einen Satz, den ein guter Freund bei Facebook teilte. Er stammt von dem Komponisten Georg Alexander Albrecht: »Wo Menschen sind, wird geliebt. Wo geliebt wird, gibt es Schönheit.«

Einige Tage später sehe ich wieder auf diesen Text hier. Ich möchte ihn ändern, am liebsten löschen. Und rufen: »Das bin ich nicht.« Lange, lange höre ich in mich. Leise, ganz leise, sage ich: »Doch, das bist du.« Und von irgendwoher, ich weiß nicht woher, klingt ein Echo in meiner Seele. Flüsternd fast. Ich muss mich ausstrecken danach. »Ja, das bist du«, echot es in mir. Die Stimme des vaterstolzen, tränennassen, ahnungschenkenden Gottes. »Und so bist du schön.«

Stefan Körner

Paradies mit Schattenseiten

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Beim Weltgebetstag der Frauen am 6. März stehen in diesem Jahr die Bahamas im Blickpunkt

Klares Wasser, Traumstrände, Korallenriffe: Die Bahamas gelten als Urlaubsparadies. Doch auch Vergewaltigungen, Teenager-Schwangerschaften und Aids prägen den Alltag im karibischen Inselstaat.

Sie schwärmt von der wunderschönen Natur, den unzähligen Sonnenstunden und der Herzlichkeit ihrer Landsleute. Dass ihre Heimat, die Bahamas, sechs Millionen Touristen im Jahr anlocken, wundert die quirlige Ordensschwester Annie Thompson deshalb nicht. Obwohl die Bahamaer sich das diesjährige Motto «Begreift ihr meineLiebe?» nicht aussuchen konnten, findet die Benediktinerin es sehr passend: »Gott hat es mit den Menschen aus den Bahamas sehr gut gemeint. Wir sind ein kleines, aber gesegnetes Land. Und oft vergessen wir das.«

Die Bahamas sind das reichste karibische Land. Auf Bildung wird sehr viel Wert gelegt: 95 Prozent aller Inselbewohner können lesen und schreiben.Doch es gibt auch Schattenseiten, von denen das Mitglied des Bahamaischen Weltgebetstagkomitees erzählt: Die Bahamas sind wirtschaftlich extrem abhängig vom Ausland und vom Tourismus. Nicht nur für die schönen Strände, auch für illegale Finanz-Transaktionen und Drogenhandel ist das Land bekannt. Immer mehr Flüchtlinge aus Haiti kommen mit Schleusern übers Meer auf die Bahamas, wo sie oft alles andere als willkommen sind.

Teenager als Mütter: In kaum einem anderen Land der Welt haben junge Mädchen so früh Sex wie auf den Bahamas. Jede vierte Mutter ist jünger als 18 Jahre. Vielfach werden junge Mädchen auch Opfer von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt. Foto: Weltgebetstag/F. Marquardt

Teenager als Mütter: In kaum einem anderen Land der Welt haben junge Mädchen so früh Sex wie auf den Bahamas. Jede vierte Mutter ist jünger als 18 Jahre. Vielfach werden junge Mädchen auch Opfer von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt. Foto: Weltgebetstag/F. Marquardt

Außerdem ist HIV und Aids ein großes Problem, geschätzte drei Prozent der 15- bis 49-Jährigen seien mit dem Virus infiziert. In der Hauptstadt der Bahamas, in Nassau, setzte sich die 73-Jährige Ordenschwester viele Jahre beruflich als Lehrerin und Schulleiterin für benachteiligte Kinder ein. Besonders am Herzen liegen ihr die schwangeren, minderjährigen Mädchen. »Etwa jede vierte Mutter auf den Bahamas ist jünger als 18 Jahre, viele wurden wegen Vergewaltigung, Inzest, oder einer sehr frühen sexuellen Beziehung schwanger.« Die Bahamas weisen eine der höchsten Vergewaltigungsraten weltweit auf, häusliche Gewalt ist an der Tagesordnung.

In Nassau steht die Benediktinerin einem Konvent von elf Nonnen vor. Thompson schätzt am Weltgebetstag, dass er eine überkonfessionelle Bewegung ist. »Viele Menschen auf den Bahamas sind sehr gläubig, es gibt viele verschiedene Kirchen«, sagt die Ordensschwester. Über 90 Prozent der Bevölkerung auf dem karibischen Inselstaat gehören einer Kirche an, die größten Kirchen sind die protestantische, römisch-katholische und anglikanische.

»Auch ich wuchs in einer ökumenischen Atmosphäre auf«, erinnert sich Schwester Annie mit einem versonnenen Lächeln. »Ich selbst war Methodistin, aber wir wohnten als Familie direkt neben einer Baptistenkirche. Deshalb kenne ich die Hymnen der Baptisten von Kindheit auf und liebe sie bis heute. Als ich neun Jahre alt war, konvertierte mein Vater und damit unsere ganze Familie zum Katholizismus.« Doch egal, welche Konfession: Gospelmusik ist bei der schwarzen Bevölkerung der Bahamas sehr beliebt, sagt
Thompson.

Auf den Bahamas selbst ist der Weltgebetstag hauptsächlich in der Hauptstadt Nassau und Umgebung bekannt, aber die bahamaischen Frauen des Komitees versuchen ihn auch auf den anderen Inseln bekannt zu machen. Doch das ist nicht so einfach und auch nicht billig, wenn man nur mit dem Flugzeug oder einem Schiff zu den anderen Inseln kommt.

Judith Kubitscheck (epd)

www.weltgebetstag.de

Das Stichwort: Bahamas
Die Bahamas bestehen aus rund 700 Inseln, von denen 30 bewohnt sind. Der Inselstaat, zu dem rund 2 400 Korallenriffe gehören, liegt im Atlantik und ist Teil der Westindischen Inseln in der Karibik. Die Hauptinseln sind New Providence und Grand Bahama, in denen rund 250 000 der insgesamt etwa 370 000 Einwohner leben. Etwa ein Drittel der Bevölkerung gehört den Baptisten an, 20 Prozent der Anglikanischen Kirche und 19 Prozent sind Katholiken. Ebenfalls vertreten sind die Methodisten und die Church of God mit etwa sechs Prozent sowie weitere protestantische Kirchen.

Die ehemalige britische Kolonie ist seit 1973 unabhängig als Parlamentarische Monarchie innerhalb des Commonwealth. An der Spitze steht die britische Königin Elizabeth II.

Dieser Streifen am Tier

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Katrin Marie Merten

Den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, mag ich am liebsten. Sie ist immer kühl, diese Bahn, ich streiche mit dem Zeigefinger von der Nasenwurzel an aufwärts oder berühre das Tier kurz mit den Lippen zwischen den Augen wenn ich ihm begegne, wie man im Vorübergehen den Arm hinstreckt, seine Fingerspitzen gleiten lässt über die raue Oberfläche einer Mauer, an der man entlanggeht, um ihre Unebenheit zu spüren, sie auf Wahrhaftigkeit hin zu prüfen.

Natürlich habe ich meine Lieblingsstelle an diesem Tier, wie ich sie an jedem Menschen finde: Sei es eine besonders dunkle Sommersprosse oberhalb seines linken Mundwinkels, die wie ein Erkennungszeichen aus anderer Zeit Schönheit behauptet; ein Grübchen, das sich erst beim Lachen zu erkennen gibt oder die Art eine Augenbraue über Gebühr in die Höhe zu ziehen als Zeichen für Skepsis, und Skepsis gefällt mir immer.

Illustration: Maria Landgraf

Illustration: Maria Landgraf

Bei dem Tier aber ist es anders. Jeden Tag gehe ich meinen Weg und es folgt. Es folgt mir ungefragt zu jedem Ziel und wieder zurück nach Haus, zu einem zu Hause, das ich selbst nur durch die Begleitung des Tieres als mein zu Hause erkenne. Jeden Abend kurz vor Mitternacht trage ich es hinunter, all die Stufen, all die Etagen. Ich trage schwer daran, das Tier hat ein hohes Gewicht.

Jede Nacht schlafe ich halb nur, denn das Tier dreht sich in seinem Korb – rechtsherum, linksherum, wieder und wieder zurück und die Weidenäste rund um seinen Körper biegen sich quietschend. Jeden Morgen stehe ich auf, bin müde. Ich dusche und trockne mich ab, kleide mich an, schaue für Sekunden nur in den Spiegel, bestreiche mein Brot mit Butter, Pflaumenmus, nehme es auf die Hand und gehe hinunter, das Tier muss auf die Erde. Es hat keine Scheu vor Boden jeder Art, es braucht ihn, immer.

Das Tier schmiegt sich an Graswiesen, Asphalt, Beton, als wäre es weicher Stoff. Bleibe ich länger an einem Ort, etwa auf Arbeit, in Cafés und U-Bahnen, auch an Bahngleisen, in Warteschlangen, in Einkaufscentern oder in fremden Wohnzimmern, beginnt das Tier seinen Schlaf: Es überdehnt seinen Körper, sodass es von oben gesehen zum Halbmond sich fügt.

Häufig liegt das Tier bald rücklings und streckt seine Bauchkuhle der Welt entgegen. Es hat keine Scheu vor dem Abgleiten, nicht vor dem Übertreten in eine andere Welt, nicht vor der Schwelle dazwischen und auch nicht vor Verletzung.

Bleibe ich einem Menschen fern, sitzt das Tier unter meinem Stuhl und wartet auf Frieden. Grüße ich einen Freund, springt es ihm quer über die Straße oder durch jeden anderen Raum freudig entgegen. Manchmal im Traum bewegt das Tier seine Pfoten als würde es laufen. Ich wünsche es dann noch mehr als sonst auf eine Wiese mit Gänseblumen oder getreidehohem Gewächs. Ist aber niemand im Raum, wird es zum Halbmond. Dann sitze ich Stunden und schaue ihm zu, als würde es ein Kunststück vollführen.

Wenn das Tier dann ganz still bleibt, warte ich weiter. Ich warte auf einen, der kommt und mich und das Tier noch über das nächste Taglicht hinaus begleitet. Ich warte auf einen, der, wie von selbst, den spärlich behaarten Streifen zwischen der immer feuchten Nase und der Stelle, an der die Kugelförmigkeit des Schädels ihren Anlauf nimmt, nach oben streicht.

Aus: Merten, Katrin Marie: Rückwärtslaufen. Erzählungen, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-335-1, 11 Euro

Ein Treffen ohne Partymotto

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Was können wir vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart erwarten? Im Gespräch mit Ellen Ueberschär

2015 ist wieder ein Kirchentagsjahr: Vom 3. bis 7. Juni werden mehr als 100 000 Besucher zum Protestantentreffen in Stuttgart erwartet. Was wird angesichts der aktuellen Diskussionen den Kirchentag prägen, welche Impulse von ihm ausgehen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit der Generalsekretärin des Laientreffens, Ellen Ueberschär.

Frau Ueberschär, der Kirchentag in Stuttgart soll das Motto »Damit wir klug werden« tragen. Warum?
Ueberschär:
Dem Präsidium lag daran, das Wort »klug« im Mittelpunkt des Kirchentags zu stellen. Denn es fordert dazu auf, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Und über die Frage: Wie gestalte ich mein Leben, sodass ich am Ende sagen kann, das war sinnvoll? Denn vor der Losung steht ja in der Bibel der Vers »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen …« (Psalm 90,12) Viele Menschen, die eine evangelische Sozialisation haben, hören das sofort mit, wenn sie die Losung hören.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit der Losung?
Ueberschär:
Menschen, die die Losung zum ersten Mal hören, sind nicht sofort begeistert. Das ist kein Partymotto. Im Gegenteil, nach ganz kurzer Zeit stellt sich Nachdenklichkeit ein. Die ganz große Chance dieser Losung ist, dass wir damit Themen ansprechen können, die ansonsten als Tabus gelten. Und das werden wir in Stuttgart nutzen.

In der Gesellschaft läuft derzeit die Debatte über Suizidbeihilfe. Welche Rolle wird das auf dem Kirchentag spielen?
Ueberschär:
Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit allen Phasen des Lebens einschließlich der letzten Phase, wird auf dem Stuttgarter Kirchentag eine Rolle spielen. Es wird dazu eine große Podiumsdiskussion und eine Veranstaltungsreihe auf einer Open-Air-Bühne geben.

Wird sich die Behandlung des Themas dabei von der aktuellen gesellschaftlichen Debatte unterscheiden?
Ueberschär:
Der Kirchentag ist in der Tiefe, in der er Themen angeht, nicht unbedingt abhängig von der aktuellen Debatte. Die aktuelle Situation kann dazu beitragen, dass bestimmte Themen des Kirchentags stärker wahrgenommen werden. Wir bieten Themen grundsätzlich einen Raum und ein Forum. Was die Teilnehmenden dann daraus machen, ob sie zum Beispiel eine Resolution zur Sterbehilfe oder zur Flüchtlingsproblematik verabschieden, ist Sache der Teilnehmenden.

Was heißt das für die Sterbehilfe-Debatte?
Ueberschär:
Da bin ich sehr gespannt darauf, wie die Teilnehmenden des Kirchentags reagieren. Umfragen sagen ja, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass assistierter Suizid in Deutschland möglich ist. Ob das auch für Kirchentagsteilnehmende repräsentativ ist, wird sich zeigen. Die in dieser politischen Debatte Verantwortung tragen, werden in Kontakt kommen mit den Menschen von der Basis. Ich rechne damit, dass auch der Ruf nach einer Verbesserung der palliativen Versorgung auf dem Kirchentag Verstärkung findet.

Sie sprachen bereits die Umfrageergebnisse an. Was würden Sie machen, wenn beim Kirchentag eine Resolution für den assistierten Suizid beschlossen wird?
Ueberschär:
Die Resolutionen sind ja Äußerungen der Kirchentags-Teilnehmenden. Das ist ein basis-demokratisches Element. Die Resolutionen richten sich dann an bestimmte Institutionen. Und unsere Aufgabe ist, das zu makeln und an die Öffentlichkeit zu bringen. Und wenn das der Wunsch und die Meinung der Teilnehmenden ist, und eine Mehrheit im Saal stimmt dazu ab, dann geht das durch.

Welche anderen Themen will der Kirchentag in Stuttgart setzen?
Ueberschär:
Wichtig ist uns das Thema »Gesellschaft verantwortet Wirtschaft«. Unser Kirchentagspräsident Andreas Barner, der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Böhringer Ingelheim, steht ja an der Spitze eines wichtigen Unternehmens. Damit bleiben wir auch in der Kontinuität zum Kirchentag in Hamburg, wo wir uns auch schon mit der Wirtschaftsethik beschäftigt haben. In Stuttgart wird es auch Satellitenveranstaltungen in Stuttgarter Unternehmen geben.

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Und das andere Thema, das im Moment präsent ist und wichtig bleiben wird, ist die Flüchtlingskrise. Die Vermeidung von Krieg ist heute eine mehrdimensionale Aufgabe, die auch Klimaschutz oder Waffenkontrolle umfasst. Es genügt nicht, nur die Kriegsfolgen zu bearbeiten. Wenn dieser Kirchentag gut wird, wenn er gelingt, dann werden die Themen des Friedens in ihrer multiplen Verknüpfung wahrgenommen. Dazu gehört auch, dass das Präsidium sich entschlossen hat, alle Kollekten des Kirchentags in Flüchtlingsprojekte zu geben – Projekte in Syrien und im Libanon ebenso wie in Deutschland und an den Grenzen der EU.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele, die bei den Pegida-Demonstrationen auf die Straße gehen. Wie wird der Kirchentag darauf reagieren?
Ueberschär:
Der Kirchentag wird mit einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber Schutzbedürftigen reagieren und zu den demokratischen Institutionen, deren Wert von den Pegida-Demonstranten ganz offensichtlich bestritten wird.

Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung in Deutschland?
Ueberschär:
Nein, das sehe ich nicht. Mir gibt allerdings zu denken, dass die Demonstrationen gerade in Sachsen so viele Anhänger finden. Auf dem Kirchentag 2011 in Dresden zeigten sich die Sachsen weltoffen und verantwortungsbewusst. Ich hoffe sehr, dass alle, die vor vier Jahren fröhlich beim Kirchentag mitgemacht haben, ob als Gastgeber, Mitwirkende oder als begeisterte Teilnehmende, im Alltag ihre Verantwortung wahrnehmen und die Zweifler vom Wert der Nächstenliebe und der Demokratie überzeugen können.

Kann der Kirchentag dazu beitragen, dass Menschen, die den Medien und der Politik nicht glauben, am Ende anders über Flüchtlinge und Zuwanderung denken?
Ueberschär:
Auf dem Kirchentag versammeln sich Menschen, die nicht einfach irgendetwas glauben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, in dem sie kritische Fragen stellen, nicht zuletzt an die politisch Verantwortlichen. Meine Befürchtung ist, dass viele, die Überfremdungsängste haben, sich dieser Debatte gar nicht erst aussetzen. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen, auch solche, die gegenüber einer offenen Asylpolitik kritisch eingestellt sind, am Kirchentag teilnehmen und das einzigartige Diskussionsforum nutzen.

Blick-9-2015

Ihr Weg nach Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag lädt unter dem Motto »damit wir klug werden« vom 3. bis 7. Juni 2015 nach Stuttgart ein. Zu dem Großereignis werden ähnlich wie
zu den vergangenen Treffen wieder mehr als 100 000 Menschen erwartet.

Anmeldungen und Kosten:

Anmeldungen sind schriftlich aber auch über das Internet möglich. Eine Dauerkarte kostet regulär 98 Euro und ermäßigt 54 Euro, Familien zahlen 158 Euro. Die Ermäßigung gilt zum Beispiel für Jugend­liche bis 25 Jahre, Rentner sowie Menschen mit Behinderung. Eine Förderkarte zum Preis von 28 Euro wird beim Bezug von Grundsicherung und ALG II angeboten.

Bei der Online-Anmeldung können Besucher ihre Karten und Quartierwünsche auswählen, zwischenspeichern und selbst nach dem ersten Absenden noch ändern oder ergänzen. Auf einem Faltblatt finden sich alle wichtigen Informationen.

Es wurde in einer Auflage von 460 000 Exemplaren gedruckt und kann unter der Servicenummer (07 11) 6 99 49-100 oder per E-Mail <service@kirchentag.de> bestellt werden. Das Faltblatt enthält auch eine Antwortkarte und ein Formular, mit denen sich Einzelpersonen und Familien anmelden können.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit 1949 und wird alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet. In Stuttgart war der Kirchentag bereits dreimal zu Gast: 1952 kamen unter dem Motto »Wählt das Leben« rund 40 000 Gäste in die baden-württembergische Landeshauptstadt, 1969 folgten 17 500 dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« und 1999 trafen sich rund 98 000 Teilnehmer unter dem Motto »Ihr seid das Salz der Erde«.

www.kirchentag.de

Logo gegen die Wellness-Religion

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich das Kreuz aus der Menschheitsgeschichte nicht herausdrängen lässt

Aus globalem und welthistorischem Blickwinkel war es völlig unwichtig, was da an einem Freitag vor fast zweitausend Jahren auf dem Hügel Golgota in einem aufgelassenen Steinbruch vor der Stadt Jerusalem geschah. Nach verhältnismäßig kurzem Todeskampf starb dort am Verbrechergalgen ein Wanderrabbi namens Jeschua aus Nazareth, ein Prediger der Umkehr und Prophet einer gerechteren Welt wie viele damals. Außerhalb der galiläischen Landschaft um den See Gennesaret kannte ihn noch kaum jemand. Die Jerusalemer Führungsclique hatte er dennoch in Angst versetzt, als er ihr in seinen Predigten Heuchelei und dogmatischen Starrsinn vorwarf und als er die irdischen Machtzentren in Jerusalem, Cäsarea, Rom unbefangen relativierte; Gott allein sei der Herr über die Menschen.

Lebensbaum und Mitte des Kosmos

In einem Schauprozess vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum verurteilten ihn die Priester und Ältesten als religiösen Aufrührer und brachten den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, ihn kreuzigen zu lassen.

Warum hat man diesen einen Gekreuzigten nicht vergessen – und mit ihm das Kreuz, das nicht nur einen Höhepunkt grausamer Strafjustiz markiert, sondern zu den Ursymbolen der Menschheitskultur gehört?

Seit undenklichen Zeiten markiert es kosmische Ordnung, Mitte und Kraftzentrum allen Lebens. Zwei Linien schneiden sich, und schon hat der unendliche Raum einen Mittelpunkt, sind zwei Achsen da zwischen Morgen und Abend, Himmel und Erde, vier Himmelsrichtungen. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen bildet ein Kreuz, er greift nach der Welt, übt Macht aus, umarmt und segnet. Der aufrecht in der Welt stehende Mensch ähnelt einem Baum, und tatsächlich stellen altorientalische und mittelamerikanische Kulturen den Kosmos im Bild des Lebensbaumes dar. Die Christen werden das Kreuz als erlösenden Lebensbaum jenem Baum im Paradies gegenüberstellen, von dem das erste Menschenpaar die verbotene Frucht aß.

Anfangs sprachen die Christen freilich gar nicht so gern über das Heil bringende Holz des Kreuzes und über die maßlos erniedrigende Art des Todes, den ihr Erlöser auf Golgota gefunden hatte.

Im vierten Jahrhundert, als Konstantin die Sklavenreligion der Christen zum Reichskult machte und die Kirche die Auffindung des »wahren Kreuzes« durch die Kaiserinmutter Helena mit einem eigenen Fest zu feiern begann, schlug die Stimmung um. Plötzlich redete alle Welt vom Kreuz, die Christenfrauen verwendeten goldene Kreuze als Halsschmuck, man entschloss sich, den Kreuzestod des Mensch gewordenen Gottes nicht mehr als erniedrigendes Scheitern zu interpretieren, sondern als schönstes Zeichen der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen und als Wiederherstellung der verlorenen Menschenwürde. So war das zwar lange schon in den Schriften des Neuen Testaments zu lesen, aber erst jetzt setzte sich die neue Wertschätzung des Kreuzes auf breiter Front durch, an der Basis sozusagen. Paulus, der schriftkundige jüdische Theologe, war es, der den Fluch entschlossen zur Erlösung uminterpretierte. Das Verbrecherkreuz sah er als Signal der Versöhnung Gottes mit der Welt, als Symbol einer Kraft, die in der scheinbaren Ohnmacht und Schwäche wirkt und am Ende stärker ist als alle Gewalt irdischer Machthaber. Eine Umwertung aller Werte, die immer etwas von Mystik an sich hat.

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

In den Basiliken und Dorfkirchen hing Christus noch jahrhundertelang wie ein Monarch am Kreuz, in strahlende Prunkgewänder gehüllt, auf dem Kopf eine goldene Krone statt der Dornen. Erst im 13. Jahrhundert wurde aus dem triumphierenden Himmelskönig der geschundene Menschensohn. Sinnfälligstes Beispiel dieser neuen, realistischen Passionsfrömmigkeit: die Pietá, die Darstellung der Schmerzensmutter mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß.

Triumphierende Inschrift auf Goldgrund

Im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich die Passionskunst noch einmal: Der Schmerzensmann wird zum Stellvertreter. Der gequälte Messias bündelt in sich alles Leid, was Menschen einander antun. Lovis Corinth, Marc Chagall, Salvador Dalí, Alfred Hrdlicka, Francis Bacon malen Gekreuzigte, welche die Gewalttätigkeit der Welt schmerzhaft deutlich, ohne jede Vergeistigung, abbilden. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum viele Menschen heute die Darstellung des zu Tode gefolterten Christus ablehnen, bis hin zu Prozessen gegen Kreuze in Gerichtssälen und Schulzimmern. Sie argumentieren, der Tote am Kreuz traumatisiere die Kinder und verstoße gegen das religiöse Toleranzgebot.
Ein angenehmes, ästhetisches Logo wird das Kreuz jedenfalls niemals sein. Es streicht alle menschlichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben radikal durch, es verstört, es irritiert. Das blutige Kreuz auf Golgota ist das genaue Gegenteil einer weich gespülten Wellness-Religion, die keine Entscheidung fordert und keine Konsequenzen hat.

Nicht einmal hundert Meter von der Golgota-Kapelle entfernt soll sich in derselben Jerusalemer Kirche die Grabkammer befinden, in der Jesu Leichnam bestattet wurde und wo die Auferstehung stattgefunden hat. Non est hic, »er ist nicht hier«, meldet eine triumphierende Inschrift auf Goldgrund mit den Worten der Engel, die den Frauen am Ostermorgen am leeren Grab begegneten. Drei schlichte kleine Worte. Pilatus hatte nur das vorletzte Wort. Der Mensch, den er ans Kreuz nageln ließ, lebt. Bis heute.

Christian Feldmann