Der Kampf der Kirchen um die Ukraine

25. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Im Zwiespalt: Sie sprechen im Namen des Friedefürsten Jesus von Nazareth, doch ihre Worte gießen oft Öl ins Feuer

Sie saßen beim Treffen jüngst in Minsk nicht mit am Tisch  die führenden Vertreter der Orthodoxen Kirchen aus der Ukraine und Russland. Vielleicht war dies ganz gut so.

Als Beispiel für Versöhnungsbereitschaft und Dialog können die einflussreichen Geistlichen in der Ukraine derzeit nicht dienen. Filaret, Chef der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats (UOC KP), und Kyrill I., Oberhaupt des Moskauer Patriarchats in Russland, halten sich in ihren Worten wenig zurück. Auch die labile derzeitige Waffenruhe wird diese Tendenz kaum stoppen.

Segen für die Krieger: Ein orthodoxer Priester besprengt Angehörige einer ukrainischen Spezialeinheit mit Weihwasser, bevor diese in den umkämpften Osten des Landes, den Donbass ziehen. Foto: picture alliance/Vladimir Sheremet

Segen für die Krieger: Ein orthodoxer Priester besprengt Angehörige einer ukrainischen Spezialeinheit mit Weihwasser, bevor diese in den umkämpften Osten des Landes, den Donbass ziehen. Foto: picture alliance/Vladimir Sheremet

Filaret bezeichnet die Moskauer Kirche, die in der Ukraine geschätzte zehn Millionen Anhänger hat (offizielle Zahlen gibt es nicht) als »unukrainisch«. Kyrill betrachtet demgegenüber die Kiewer Kirche (deren Anhänger in etwa die gleiche Anzahl umfassen dürfte) als »unorthodox«.

Kürzlich zeichnete Filaret zusammen mit Michael Saakashvili, dem ehemaligen georgischen Präsident und Putingegner, 29 Freiwillige der auf Kiewer Seite kämpfenden »Georgischen Legion« aus, die »Blut für die Ukraine vergossen haben«. Auch bei seinem Besuch in den USA Anfang Februar hatte der 86-jährige nicht zur Entspannung beigetragen – er forderte die Vereinigten Staaten unumwunden dazu auf, Waffen an die ukrainische Armee zu liefern und dekorierte Senator John McCain für dessen Unterstützung mit dem »Heiligen-Wladimir-Orden«. »Falken unter sich«, so der Kommentar in den russischen Medien dazu.

Kiewer gegen Moskauer, Moskauer gegen Protestanten

Während sein Kontrahent auf die Atlantiker setzt, beschwört Patriarch Kyrill hingegen den alten Geist der UdSSR: »Wir dürfen niemals die Leistungen der Sowjetunion vergessen und damit meine ich nicht nur das Militärische.« Der Geistliche erinnerte auch an den Gemeinschaftssinn vergangener Tage. In der Jetztzeit beklagt er das Handeln der ukrainischen Kirche unter Filaret, die mehrere Kirchen und Gemeinden gewaltsam übernommen hätte. Die Kirche des Kiewer Patriarchats, die Filaret 1991 aus dem Moskauer abspaltete, wird von anderen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt. Auch in sonst neutral gehaltenen russischen Nachrichtentexten wird Filaret als »Schismatiker« (Kirchenspalter) tituliert.

Beide Seiten berichten von Angriffen Bewaffneter auf ihre Kirchen, angeführt jeweils von einem Geistlichen der anderen Seite. Auch tauschten schon Priester die lithurgischen Gewänder mit der Tarnuniform und kämpften und fielen mit der Waffe. Sogar ein protestantischer Pastor aus Luhansk sei aufseiten der ukrainischen Armee gefallen, meldete RISU, eine Nachrichtenagentur für Religionsgemeinschaften in der Ukraine. Die Vereinigung der evangelischen Glaubensgemeinschaften in der Ukraine beklagte sich bereits im Juli, dass ihre Geistlichen im prorussischen Separatistengebiet verfolgt und getötet werden. Nach einem Bericht des Baptisten und Historikers Mikhail Tscherenkow vom Februar gehen Übergriffe gegen Pastoren, Verschleppungen, Folter und Mord, weiter. Treu nach dem Postulat aus dem 19. Jahrhundert – »russisch sein heißt orthodox sein«.

Die Fronten verlaufen quer durch die Kirchen

Igor Druz, einer der führenden Rebellen, in dessen Büro eine Fahne mit dem Gesicht Jesu hängt, spricht folgerichtig den Mitgliedern der ukrainischen Armee ab, orthodox zu sein. Die ukra­inische Armee bestehe vielmehr aus »Abspaltern, Unierten (mit Rom unierte griechisch-katholische Gläubige – d. Red.) und Sektierern«.

Doch praktisch kämpfen Mitglieder der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOC MP) ebenso aufseiten der Kiewer Regierung wie aufseiten der prorussischen Separatisten. Ihr Metropolit Onufri muss die unmögliche Balance zwischen den Moskauer Ansprüchen nach Gefolgschaft und den Ansprüchen der Ukrainer nach Glaubwürdigkeit halten.

»Die Kirche gibt nicht eine politische Bewertung der neuesten Entwicklungen in der Ukraine, sondern betet für die Ruhe aller, die gestorben sind«, so sein Statement zu den Kampfhandlungen. Jedoch kritisierte Onufri offen die russische Annexion der Krim.

Sein erstmaliges Fernbleiben auf dem Treffen des »Allukrainischen Rates der Kirchen und der Glaubensgemeinschaften« am 11. Februar in Kiew, bei dem auch der Vatikanbeauftragte Kardinal Christoph Schönborn zugegen war, wird jedoch als Indiz für eine stärkere Gefolgschaft gegenüber Moskau gesehen und als Abkehr von der einzigen Gesprächsmöglichkeit mit anderen Glaubensgemeinschaften.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass viele Geistliche, egal welcher Kirche, angesichts von Krieg, Verfolgung und Flucht großes an Nächstenliebe leisten. So bietet die Heilige Wolodymir Kirche des Moskauer Patriarchats im ostukrainischen Mariupol den Menschen, deren Wohnung beschossen wurde, Unterkunft und Hilfe. Um sie herum sind Zelte aufgebaut, auch im Kirchengebäude kann übernachtet werden. Zivilisten, Verteidiger wie Angreifer gehören zumeist der gleichen Kirche an.

Jens Mattern

Kirchner macht den Auftakt

25. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Chemnitzer Kunstsammlungen wollen das kreative Potenzial der Stadt erlebbar machen

Das Chemnitzer Museum Gunzenhauser zeigt mit einer neuen Sonderausstellung einen repräsentativen Querschnitt durch alle Schaffensphasen des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Und es muss dazu nicht einmal auf Exponate anderer Museen zurückgreifen. Denn Dank großzügiger Leihgaben und Schenkungen verfügen die Chemnitzer über einen Bestand von 73 Werken, darunter Ölgemälde, Aquarelle und Druckgrafiken des Künstlers.

1880 in Aschaffenburg geboren, kam Kirchner mit seinen Eltern 1890 in die sächsische Industriestadt. Hier wurde nicht zuletzt am Realgymnasium seine künstlerische Begabung erkannt und gezielt gefördert. Am gleichen Gymnasium, an dem auch seine späteren Malerfreunde Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff ihre Schulzeit verbrachten. Die drei Chemnitzer gründeten dann zusammen mit dem Zwickauer Fritz Bleyl 1905 in Dresden die heute weltbekannte Künstlergemeinschaft Brücke.

Das Doppelbildnis des Hamburger Landgerichtsrats Dr. Gustav Schiefler und seiner Frau Luise entstand 1923 in den Schweizer Bergen rund um Davos, in denen Ernst Ludwig Kirchner eine neue Heimat gefunden hatte. Das Ehepaar gehörte von Anfang an zu den Unterstützern der Künstlervereinigung Brücke. Foto: Museum Gunzenhausen

Das Doppelbildnis des Hamburger Landgerichtsrats Dr. Gustav Schiefler und seiner Frau Luise entstand 1923 in den Schweizer Bergen rund um Davos, in denen Ernst Ludwig Kirchner eine neue Heimat gefunden hatte. Das Ehepaar gehörte von Anfang an zu den Unterstützern der Künstlervereinigung Brücke. Foto: Museum Gunzenhausen

Es ärgere sie, dass im Zusammenhang mit der Brücke immer nur von Dresden die Rede sei, betont Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz. Ziel der aktuellen Schau sei es deshalb nicht zuletzt, »das kreative Potenzial, das Chemnitz seit Jahrhunderten besessen hat«, zu verdeutlichen. Konsequenterweise sollen auf die aktuelle Kirchner-Ausstellung dann zwei weitere folgen, die ebenfalls Expressionisten mit Chemnitzer Wurzeln gewidmet sind: Von November 2015 bis April 2016 werden im Museum am Theaterplatz ca. 500 Werke von Karl Schmidt-Rottluff gezeigt und von Dezember 2015 bis April 2016 im Museum Gunzenhauser ca. 120 Werke von Erich Heckel.

Gemeinsam sind den drei Expressionisten nicht nur ihre prägenden Jahre in Chemnitz, sondern auch die Erfahrung von Diffamierung und Verfolgung im Nationalsozialismus. Ein großer Teil der einst umfangreichen Expressionisten-Sammlung des Städtischen Kunstmuseums Chemnitz fiel nach 1933 dem Zwangsverkauf und der Beschlagnahme zum Opfer.

Harald Krille

Ernst Ludwig Kirchner in den Kunstsammlungen Chemnitz, bis 10. Mai 2015, dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro

Liebe macht in Wahrheit sehend

24. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Dem Motto der Fastenaktion in der Bibel auf der Spur

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, heißt das diesjährige Motto der Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. Das Motto ist biblisch. Schönheit kommt öfter in der Bibel vor als man denkt.

Zum einen gibt es die verführerische Schönheit: »Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß« (1. Mose 3,6). Schönheit weckt Neid und Bosheit. Da sind die Geschichten von Waschti und Esther am Hofe des Perserkönigs. Abram gibt Sarai sicherheitshalber als Schwester aus. Das Muster wiederholt sich bei Abrahams Sohn Isaak. Auch er gibt Rebekka, die ebenfalls sehr schön ist, als seine Schwester aus. Isaak hat Angst, sie könnten ihn umbringen, weil seine Frau so schön ist. Josef ist ein ausnehmend schöner Mann. So kommt es, dass Potifars Frau ein Auge auf ihn wirft. Saul, später der erste König Israels, fällt als jung und stattlich auf, schöner und einen Kopf größer als alle anderen jungen Männer in Israel. David »ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der Herr ist mit ihm« (1. Samuel 16,18). Er ist musikalisch, tapfer, sportlich, kämpferisch und klug. Und David sieht nicht nur gut aus. Gott steht ihm bei.

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Im Buch Judit (Kapitel 10) wird Judiths Schönheit beschrieben. Judith gegen Holofernes ist das weibliche Pendant zu David gegen Goliath: Schwach überwindet stark mit Gottes Hilfe! Was wäre äußerliche Schönheit ohne Charakter? Sie bedeutet nichts. Lieblich und schön sein ist nichts; eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll man loben (Sprüche 31,30). Anmut und Schönheit sind vergänglich und kein Grund, eine Frau zu rühmen; aber wenn sie den Herrn ernst nimmt, dann verdient sie Lob. »Ein goldener Ring im Rüssel einer Wildsau? So ist eine schöne Frau ohne Benehmen!« (Sprüche 11,22)

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, so lautet das diesjährige Motto der Evangelischen Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. »Du bist schön!« Was oberflächlich betrachtet wie der Werbeslogan einer Kosmetikserie aussehen mag, ist in Wirklichkeit ein fast unbekanntes Bibelzitat. Der Satz »Du bist schön!« kommt sechsmal im Hohelied vor. Das Hohelied, dem König Salomo gewidmet, beginnt mit dem Motiv des Kusses. Das Hohelied ist erotische Lyrik in der Bibel. Es gehört zu den schönsten Liebesgedichten der Weltliteratur. Wieso steht es in der Bibel? Es war vor allem Rabbi Akiba (um 100), der es zu den Heiligen Schriften rechnete. Zwei Liebende preisen gegenseitig die Schönheit des anderen. Um es biblisch zu sagen: Sie genießen, dass »Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau«. Wo Menschen sich lieben, bilden sie Gottes Wesen ab. Das Hohelied lässt sich auch in einem tieferen Sinn lesen: als Dokument der Liebe zwischen Gott und seinem Volk Israel. Der Bund, das Einswerden mit Gott, liebt Hochzeitsbilder. Rabbi Akibas Argumente überzeugten. Später haben Kirchenväter diese kollektive Interpretation des Hoheliedes individualisiert verstanden und übertragen auf das Liebesverhältnis zwischen dem Bräutigam Christus und der Anima, der Seele eines oder einer einzelnen Gläubigen. Und wieder eine gemeinschaftliche Interpretation: Kirche als Braut Christi. Seit dem Mittelalter beflügelte so das Hohelied Schmuck in Kirchen und Kathedralen, Malerei und Musik.

Liebe macht blind, wird immer wieder gesagt. Jeder weiß, dass man vor lauter Ego eine eingeschränkte Wahrnehmung bekommen kann. Solch ein Ego hat mit Liebe nichts zu tun. Liebe macht in Wahrheit sehend, für die Schönheit, die Gott in einen anderen Menschen gelegt hat. Liebe macht sehend und Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Wenn es überhaupt so etwas wie ein christliches Schönheitsideal gäbe, dann wäre es dieser Blick von Verliebten, von liebenden Menschen. Darum: »Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen.« Den anderen nicht. Und sich selbst genauso nicht.

Roland Spur

Englands erste anglikanische Bischöfin geweiht

18. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Libby Lane ist eine freundliche Frau in ihren Endvierzigern, der man nicht auf den ersten Blick ansieht, dass sie kürzlich Geschichte geschrieben hat. Anglikanische Kirchengeschichte um genau zu sein. Denn Elizabeth Jane Holden »Libby« Lane ist die erste Frau in der anglikanischen Kirche, die ein Bischofsamt in England innehat. Ende Januar dieses Jahres wurde sie im nordenglischen York zur Bischöfin von Stockport geweiht.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Ihrer Amtseinführung gingen jahrzehntelange Anstrengungen voraus. Denn mit der Rolle der Frau tun sich Teile der anglikanische Kirche schwer. Erst seit reichlich 20 Jahren werden Frauen als Pfarrerinnen ordiniert. Seitdem wurden auch in England die Rufe nach einer Bischöfin immer lauter – zunächst jedoch ohne Erfolg. 2012 scheiterte eine Abstimmung, die eine Änderung der Kirchengesetze durchsetzen wollte, an einigen wenigen Stimmen. Im vergangenen Jahr schließlich konnte eine Mehrheit gewonnen werden und der Ernennung einer Bischöfin stand nun nichts mehr im Weg.

Gegner gab und gibt es aber natürlich auch heute noch. Dessen ist sich die Kirchenführung durchaus bewusst und deshalb wird es in nächster Zeit sicherlich zu keiner Massenernennung von Bischöfinnen kommen. Schließlich will man die traditionelleren Kirchenmitglieder nicht vor den Kopf stoßen. Vor wenigen Jahren erst waren einige Geistliche im Streit über die Bischöfinnenfrage zur katholischen Kirche übergewechselt.

Zur Bischofsweihe selbst war es eine einzelne Stimme des Protestes, die sich aus dem Meer der mehr als 1 000 anwesenden Kirchenbesucher heraushob. Auf die Frage des Erzbischofs von York, John Sentamu, ob die Gemeinde der Ernennung zustimme, rief ein Mann »Nein, nicht in meinem Namen. Nicht in der Bibel.« Es handelte sich dabei um den einschlägig bekannten Reverend Paul Williamson, der bereits einen früheren Erzbischof von Canterbury auf Hochverrat verklagt hatte, weil dieser Pfarrerinnen ordinierte. Erzbischof Sentamu wiederholte die Frage daraufhin ein zweites Mal. Die anderen Anwesenden gaben ihre Zustimmung umso lauter und nun ohne Gegenstimme. Libby Lane konnte zur Bischöfin von Stockport geweiht werden.

Bischöfin Lane selbst ist sich selbstverständlich darüber im Klaren, dass ihre Rolle historische Bedeutung hat. Gern wäre sie ein Vorbild für junge Frauen. »Wenn meine Ernennung ein einzelnes junges Mädchen dazu bewegt, ihre Augen zu erheben und zu erkennen, dass (…) die Menschen um sie herum nicht vorschreiben, was möglich ist, dann würde ich mich geehrt fühlen«, so Lane. Doch bei allem Medienrummel um ihre Position und die Geschlechterfrage möchte sie nicht, dass das Wichtigste vergessen wird. Denn wenn Bischöfin Lane in diesen Wochen mit ihrer neuen Arbeit beginnt, dann geht es nicht um Mann oder Frau, sondern um Jesus Christus, der im Zentrum ihres Tuns und Wirkens stehen soll.

Julia Wohlgemuth

»Und führe uns nicht in Versuchung«

18. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Glaubenskurs zur sechsten Bitte des Vaterunsers

Nach der Taufe folgt die Versuchung. In drei Versuchungen wird Jesus geführt: Steine zu Brot zu machen, seine Gottessohnschaft mit einem Zeichen zu erweisen und alle Macht der Welt zu erhalten. Jesus weist die caritative, die missionarische und die machtpolitische Versuchung je mit einem Schriftzitat von sich. Aber auch der Versucher erweist sich als schriftkundig. Die Schrift ist nicht nur in der Versuchung mehrdeutig.

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

In der Nachfolge Jesu, auf dem geistlichen Weg gibt es Versuchungen. Was bringt uns von dem Weg ab? Und warum sollen wir beten. »und führe uns nicht in Versuchung«?

Luther erklärt im kleinen Katechismus: »Gott versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.« Auch der Jakobusbrief ist sich sicher: »Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.« (Jak 1,14-15) Die Begierde des Einzelnen als Ursache der Versuchung und Sünde zu verstehen, hat seit Augustin eine lange Tradition. In sieben verschiedenen Charakteren tritt die Begierde auf und führt zu (Tod-)Sünden, so die alte Lehre, als da sind Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Die Begierde wurde dann in christlicher Männertheologie oft zur sexuellen Begierde und da war es nicht mehr weit, die Versuchung mit weiblicher Versuchung gleichzusetzen. Jesus denkt anders. Ihm geht es um die bessere Gerechtigkeit und er schützt Frauen und Männer vor dem gierigen Blick und dem bösen Wort.

Doch geht es hier überhaupt um die Versuchung des Einzelnen? Es fällt auf, das Vaterunser heißt nicht Vatermeiner, wie der Hallenser sagen würde. Hier leuchtet eine gemeinschaftliche Dimension auf. Wenn wir in diesem Jahr 70 Jahre zurückdenken, an das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und an die Versuchung, in die unsere Kirchen geführt wurden, dann bekommt die Bitte: »und führe uns nicht in Versuchung« einen anderen Klang.

Was sind die Versuchungen, in die wir heute und morgen als Gemeinschaft geführt werden können? Ist es zuerst die Versuchung des Gottes Mammon? Ist es die Versuchung des Richtens über andere, die Überhöhung des Eigenen? Ist es die Bereitschaft, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten und Böses mit Bösem zu vergelten? Ist es die Versuchung, unseren Lebensstil nicht zu ändern? Ist es die Furcht vor den Fremden und die Herzlosigkeit gegenüber Flüchtlingen? Vielleicht ist es auch die Versuchung, sich mit einer Welt abzufinden, die in den Sünden der Moderne gefangen ist, so wie Mahatma Gandhi sie beschrieben hat: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien.

Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallt. So fordert Jesus seine Jünger auf. Bonhoeffer hat von Beten und Tun des Gerechten gesprochen, als einziger Möglichkeit in der Gegenwart zu bestehen.

Wie können wir mit Jesus der caritativen, der missionarischen und der machtpolitischen Versuchung widerstehen? Lasst uns gemeinsam wachen und achtsam sein und mit dem Vaterunser beten, dass wir nicht in Versuchung geführt werden.

Friedrich Kramer

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Der Karneval befreit

16. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Nachgefragt: Warum ein katholischer Pfarrer den Karneval für so wichtig hält, dass er ihn sogar in die Kirche holt

Markus Könen ist seit 2011 Schulpfarrer an der katholischen Bergschule St. Elisabeth im Heilbad Heiligenstadt und Seelsorger der Propsteigemeinde St. Marien. Der gebürtige Rheinländer lädt jährlich zur sogenannten Karnevalsmesse. Mit ihm sprach Regina Englert, eine ebenfalls gebürtige Rheinländerin.

Der Karneval ist im Rheinland die fröhliche »fünfte Jahreszeit« vor der Fastenzeit. Braucht der Mensch das Ausgelassene vor diesen nach innen gekehrten Wochen?
Könen:
Unser christlicher Auferstehungsglaube sagt, dass das Traurige nie das letzte Wort hat. Also haben wir immer einen Grund zum Lachen. Lachen befreit, so sagt man, es ist ein Ventil. Und so ist der Karneval eine gute Gelegenheit über all das Traurige und Schreckliche in der Welt hinauszuführen. Der Psychotherapeut und katholische Theologe Manfred Lütz hat einmal gesagt: »Wenn es ihn nicht gäbe, dann müsse er erfunden werden.« Der Karneval macht uns quasi frei für die Aufgaben, die uns bevorstehen. Vor dem großen Fasten kommt die Fastnacht. Bevor es ernst wird, darf ich noch einmal über die Stränge schlagen.

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Im Karneval wird mit viel Humor »über die Stränge geschlagen«. Die Büttenreden, die Mottowagen beim Umzug nehmen alles und jeden aufs Korn …
Könen:
Der Karneval ist quasi die Umkehrung der Verhältnisse. Erinnern wir uns an das Magnifikat – »erhöht die Niederen, … stürzt die Mächtigen vom Thron«. Der kleine Mann kann dem Großen eins auf den Deckel geben. Auch der Kirche! Man muss schon Humor haben, um diese Verdrehung zu ertragen. Aber Humor kommt zum einen von Humus, dem Mutterboden. Der Mensch muss sich selbst relativieren können. Wenn ich über mich lachen kann, dann ist mein Humus noch tragfähig.

Zum anderen kommt Humor von Humanitas, der Menschlichkeit. Wer anderen einen Spiegel vorhält, muss ihn auch selbst ertragen. Humanitas zeigt sich auch in den Karnevalsvereinen – es geht nur in der Gruppe. Karneval steht für Lebensfreude, für das Miteinander der Menschen, für Offenheit und Toleranz. Die Vereine engagieren sich im sozialen Bereich im guten christlichen Sinne, auch über die Karnevalszeit hinaus.

Nach der ausgelassenen Fröhlichkeit beginnt am Aschermittwoch das Fasten. Was bedeutet die Fastenzeit für Sie?
Könen:
Ich nenne diese Zeit lieber die österliche Bußzeit. Eine aktive Zeit, in der ich meine eigenen Baustellen ausfindig machen kann und sie dann auch angehe. Wenn unsere Schüler sieben Wochen auf Schokolade verzichten und sich trotzdem auf dem Schulhof prügeln, ist das sinnlos. Dann sollen sie lieber Schokolade essen. Der Verzicht auf Handy, Computer oder TV schenkt mir freie Zeit für einen Blick in mein Innerstes: Was will ich, wer bin ich, was mache ich eigentlich?Das große Ziel des Fastens ist es, sich mit Gott und der Welt zu versöhnen, Zeit für Gespräche und Begegnungen zu haben. Aus Zerbrochenem wird Heiles. Denn am Ende steht das große Osterfest. Und wenn dann zur Versöhnung ein Versöhnungsbierchen kommt, dann ist das auch in der Fastenzeit in Ordnung.

In Ihrer Messe für die Karnevalisten sprachen Sie auch die Morde an den Pariser Karikaturisten an. Satire ist eine scharfe Form des Humors, darf sie alles?
Könen:
Ich weiß es nicht. In der Demokratie ist die Meinungs- und Pressefreiheit ein hoher Wert. Aber die Freiheit funktioniert nur in der eigenen Verantwortung. Das Gewissen ist hier gefragt. Das Gleiche gilt für mich in der Predigt. Ich trage die Verantwortung für das, was ich sage. Aber wir als Kirche setzen nicht die Grenzen für Satire.

Humor ist für mich der Lackmustest, ob die Gesellschaft funktioniert, auch zwischen den Religionen. Ich denke schon, dass ich Witze über Türken, Juden oder Behinderte machen kann, solange ich bereit bin, in gleicher Weise über mich selbst zu lachen. Witze sind für mich ein positives Zeichen, dass diese Gruppen in der Bevölkerung angekommen sind.

Ärgern Sie sich über Karikaturen, die die Kirche betreffen?
Könen:
Ja, ich ärgere mich manchmal darüber. Aber in der Demokratie habe ich ja im Zweifel auch die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Ich empfehle aber allen: Atmet mal kräftig durch. Gelassenheit gehört zum Humor. Und diese Gelassenheit fehlt übrigens den Fundamentalisten.

Sich selbst und andere schätzen

11. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Fastenaktion stellt Einzigartigkeit jedes Menschen in den Mittelpunkt

Bevor Mose die Zehn Gebote erhält, fastet er 40 Tage allein auf dem Berg Sinai (2. Mose 34,28). Jesus fastet 40 Tage in der Wüste, bevor er das nahe Reich Gottes verkündet (Matthäus 4,2). Die Bibel kennt viele Fastengeschichten. Nicht alle, die in den Wochen vor Ostern auf etwas verzichten, tun das mit Bezug auf die Bibel. Fasten steht heute für eine Auszeit, die sich jeder und jede individuell nehmen kann. Eine Auszeit von Gewohnheiten, Sehnsüchten und kleinen Süchten, vom Trott des Alltags, von lästigen oder lieb gewordenen Angewohnheiten. Sie bietet die Chance, eine neue Perspektive einzunehmen, verdrängte Gedanken in den Vordergrund treten zu lassen, sich selbst besser kennenzulernen. Materialien dazu bieten Interessierten unter anderem die Aktion »7 Wochen ohne« und der ökumenische Verein »Andere
Zeiten«.

Eine Uhr am Handgelenk zählt die Schritte, die pro Tag gelaufen werden müssen, um optimal bewegt zu sein. Pillen helfen, fit zu sein für das, was der Tag verlangt. Dem Älterwerden begegnen wir mit Diäten, jugendlicher Mode, mit Cremes und ausgefeilten Sportprogrammen. Aber der Optimierungswahn setzt schon lange nicht mehr nur Erwachsene unter Druck. Junge Menschen ordnen sich einem als allmächtig empfundenem Modediktat unter. Vor allem junge Frauen spielen immer früher mit dem Gedanken, sich die Brust vergrößern, die Schamlippen verkleinern oder die Nase begradigen zu lassen.

An diesem Streben nach Optimierung setzt die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen ohne« an: »Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen« ist sie überschrieben und meint damit, gleichermaßen sich selbst zu schätzen als auch die Mitmenschen.

In diesem Jahr beginnt die Fastenzeit am 18. Februar, Aschermittwoch, und dauert bis 5. April, Ostersonntag. Begleitet wird sie von einem Kalender, der fröhliche und nachdenklich stimmende Bilder bereithält. Im Mittelpunkt steht die Einzigartigkeit, die jedem Menschen gegeben ist. Einer lachenden älteren Dame scheint ein Geweih aus dem Kopf zu wachsen, eine junge Frau präsentiert fröhlich einen selbst gestrickten bunten Schal, ein Kind schaut ernst aus der Geborgenheit heraus, die ihm seine Schmusetiere geben. Zu den Bildern gibt es Texte aus Kirche, Kultur und Alltag. »Mich hat der liebe Gott aus allen Widersprüchen geschaffen, die er hatte, das ist sicher«, wird die Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow zitiert. »Du aber liebe mich, auch wenn ich schmutzig bin; denn wenn ich weiß gewaschen wäre, liebten mich ja alle«, hat Fjodor M. Dostojewski aufgeschrieben.

Jede der Fastenwochen hat ein Thema: »Du bist fair«, »Du bist ein Talent« oder einfach »Du bist schön«. Jedem der Themen ist ein Bibelwort zugeordnet.

Geschichten von Menschen, die mit Problemen zu kämpfen haben, die nicht vordergründig perfekt sind, sind im Begleitheft der Aktion versammelt. Es sind Mut machende Geschichten. Weiter gibt es zu jeder Themenwoche einen Impuls für eine Andacht, die das Bibelwort aufgreift und ein Gebet dazu. Auch ein Gottesdienstentwurf findet sich in den Materialien.

Fastenaktion

Fastenaktion

Ein gemeinsames Motto gibt der Hamburger Verein »Andere Zeiten« für seine Fastenaktion »7 Wochen anders leben« nicht vor. Jeder überlegt sich selbst, was er in seinem Leben verändern möchte: Sieben Wochen kein Fleisch oder keine Süßigkeiten, sieben Wochen täglich einen Psalm lesen, Sport treiben oder besser zuhören. Ziel ist es zu »entdecken, was einen selbst ausmacht«, sagt Chefredakteur Frank Hofmann. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person komme im Alltag oft zu kurz. Im besten Fall gelange jemand beim Fasten zu der Einsicht, was einem wirklich wichtig ist. »Verzicht muss gar nicht sein, auch wenn der Verzicht bei etwa 90 Prozent der Fastenden eine Rolle spielt«, sagt Hofmann. Vielmehr gehe es um eine Verhaltensänderung. Er nennt das Beispiel einer Frau, die sich vorgenommen hatte, sieben Wochen herumliegenden Müll einzusammeln. Sie habe das beibehalten und sei heute glücklich mit der Haltung, Dreck nicht einfach liegen zu lassen. Ein anderes Ziel könne sein, sich abends zu überlegen, wofür es am Tag Anlass zum Danken gab.

Wer sich für die Fastenaktion von »Andere Zeiten« anmeldet, bekommt zunächst eine Broschüre mit Informationen, Geschichten und Tipps rund um das Fasten. Während der Fastenzeit selbst erhalten die Teilnehmer jede Woche einen Brief mit Erfahrungsberichten, Anregungen, einer biblischen Geschichte und Gedichten. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Briefempfänger jährlich bei gut 20 000 eingependelt, so Hofmann.

Neu in diesem Jahr ist der Fastenwegweiser »wandeln«, den der Verein Andere Zeiten herausgibt. Jede Woche steht unter einem anderen Motto, für jeden Tag gibt es einen Impuls. Einen kurzen Text über Veränderungen, Atemübungen, Tipps zum Austausch und zum Rückzug. Dieser Wegweiser, so die Redaktion, richtet sich nicht nur an gläubige Christen, sondern auch an experimentierfreudige Zweifler.

Renate Haller

Weitere Informationen, Materialbestellung oder Anmeldung zur Fastenaktion im Internet unter www.7-wochen-ohne.de
oder unter www.anderezeiten.de.

Gemüse statt Cadillac

11. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Detroit: Wo einst Henry Ford das erste Fließband für Autos installierte sucht man heute nach Wegen aus der Krise

Farmen und Gemüsegärten hauchen der brachliegenden US-Industriemetropole Detroit wieder Leben ein. Eine der ersten städtischen Farmen war die eines Kapuzinerklosters.

Es herrscht Hochbetrieb auf der Earth Works Farm der Kapuzinermönche des St.-Joseph-Klosters. Studenten, Ex-Musiker, pensionierte Lehrer, Hausfrauen oder arbeitslose Nachbarn wuseln über den ehemaligen Gewerbehof. Einige tragen Spaten oder Harken, andere Säcke mit Kompost oder Kisten mit frisch geerntetem Gemüse. Die Earth Works Farm in East Side Detroit baut mithilfe freiwilliger Helfer Obst und Gemüse für die hauseigene Suppenküche an. Jeden Tag gibt die Küche 2 000 Essen für Obdachlose, sogenannte Working Poors oder Arbeitslose aus.

Mönche betreiben eigene Gewächshäuser

»40 Prozent der Zutaten für unsere Mahlzeiten stammen aus eigener Produktion«, erklärt Jerry Smith, einer der 15 Mönche des Kapuzinerklosters. Die Suppenküche des Ordens gibt es seit über 80 Jahren. Immer schon hatten die Mönche einen kleinen Gemüsegarten. In den letzten Jahren aber hat sich dieser zu einer regelrechten Farm ausgewachsen, mit einer Anbaufläche von über einem Hektar und vier Gewächshäusern, verteilt über drei Blocks in der Nachbarschaft. Und das mitten in Detroit, Motor City Detroit, dort wo Henry Ford einst das Fließband erfand.

Cadillac Garden: Einst parkten hier die Mitarbeiter von General Motors ihre Autos, heute bauen Anwohner gemeinsam ihr Gemüse an. Foto: Martin Egbert

Cadillac Garden: Einst parkten hier die Mitarbeiter von General Motors ihre Autos, heute bauen Anwohner gemeinsam ihr Gemüse an. Foto: Martin Egbert

Detroit galt damals als Stadt der Zukunft. Tausende Migranten aus dem ländlichen Süden der USA sowie aus Europa oder Südamerika kamen für gut bezahlte Jobs in der Autoindustrie. Die Stadtplaner bauten breite Straßen, Art Deco-Skyscraper und großzügig angelegte Siedlungen für zwei Millionen Menschen. Heute leben hier keine 700 000 mehr. In einigen Vierteln ist jeder zweite ohne Job. Das Durchschnittseinkommen liegt weit unter der Armutsgrenze.

Der lange Niedergang setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein und fand seinen Höhepunkt in der Bankrotterklärung der Stadtverwaltung 2013. Abgesehen von einigen wenigen Hauptverkehrsadern sind Detroits breite Straßen heute leer. Schwarze Eichhörnchen laufen über den löchrigen Asphalt, selten gestört von anderen Verkehrsteilnehmern.

»Unsere Farm produziert nicht nur frische Lebensmittel, wir beleben die ganze Nachbarschaft«, sagt Kapuziner Jerry Smith. Das ist bitter nötig in einem Quartier, in dem die Straßenbeleuchtung nicht mehr funktioniert, keine Schulen und Arztpraxen mehr geöffnet sind und Polizei sowie Feuerwehr erst Stunden später erscheinen, nachdem sie gerufen wurden.

Viele der leer stehenden Häuser in East Side Detroit sind ausgebrannt, die Grundstücke von Rankpflanzen und Schilf überwuchert, wie auch die zahllosen Gewerbebrachen. Kojoten, Rehe und Waschbären sind keine Seltenheit in dem Stadtgebiet voller ungeplanter Biotope. Künstler, Musiker, Studenten oder junge Unternehmer finden in Detroit ihren Abenteuerspielplatz.

Das öffnet Räume für Experimente, weit über die individuelle Lebensgestaltung hinaus. Wo lässt sich besser ausprobieren, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte? Schließlich sind schrumpfende Städte ein Problem vieler Industrienationen.

In dem Zukunftslabor von heute spielen Gemüsegärten und Farmen eine zentrale Rolle. Warum aus der Stadt nicht wieder Land machen? Oder zumindest aus Teilen von ihr? Gärten und Farmen sind in der ehemaligen Motorcity häufiger zu sehen als funktionierende Autosalons, Motels, Shopping Malls oder Tankstellen. Auf fast 2 000 wird ihre Zahl geschätzt.

Farmen könnten dreiviertel der Stadt selbst versorgen

Nach einer Studie der Michigan State University könnte Detroit mit Stadtfarmen, Nachbarschaftsgärten und Gewächshäusern dreiviertel seines Gemüse- und 40 Prozent seines Obstbedarfs selbst produzieren. Doch der Weg dorthin kann steinig sein. »Wir haben riesige Mengen Kompost gebraucht, um die Böden fruchtbar zu machen«, erklärt Greg Willerer. Der ehemalige Lehrer ist einer von rund 90 sogenannten Marketgardenern in Detroit. Das sind Stadtfarmer, die nicht nur für den persönlichen Bedarf oder den einer sozialen Organisation, sondern für den freien Markt produzieren.

Aber selbst ein so erfolgreicher wie Greg Willerer, der als »Brother Nature« stadtbekannt ist, muss im Winter zusätzlich Geld mit Schneeräumen verdienen. Aber es geht Willerer und den vielen anderen um mehr als den Lebensunterhalt: »Wir müssen uns von der industriellen Nahrungsmittelproduktion befreien, von dem staatlich geförderten Anbau von Monokulturen und dem ungesunden Essen.«

Greg Willerer stellt seinen Kompost selbst her, unter anderem mit Dung aus dem Detroiter Zoo. Chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmittel lehnt er ab. Regelmäßig muss er zudem die Schadstoffbelastung der Böden überprüfen lassen, die sich in den Wohnquartieren Detroits aber in Grenzen hält. »Unser Gemüse hat Bioqualität, eine Zertifizierung allerdings ist für uns zu aufwendig.« Dafür ist der Weg zu den Verbrauchern kurz. Zum Eastern Market im Stadtzentrum, einem der größten Bauernmärkte in den USA, braucht Willerer nur wenige Minuten in seinem verbeulten Pick Up.

Gemeinschaftsgarten auf einem ehemaligen Parkplatz

Der Cadillac Garden, im Südwesten der Stadt, am Rande einer hispanischen Nachbarschaft, ist ein sogenannter Gemeinschaftsgarten, der von Anwohnern betreut wird. Er befindet sich auf einem ehemaligen Parkplatz für GM-Mitarbeiter, eingezäunt von hohem Maschendraht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Lagerhallen, hinter denen eine Wüste aus Industriebrachen beginnt. In großen Boxen, einst für den Transport von Autoteilen gebaut, wachsen im Cadillac Garden Bohnen, Chillies, Rosenkohl oder Tomaten.

»Wir sind etwa vierzig Nachbarn, die den Garten pflegen; das Gelände und die Boxen hat uns ein Autozulieferer zur Verfügung gestellt, der noch nicht pleite gegangen ist«, sagt Rosa Gutierrez und stopft ein Bündel Spinatblätter in ihren Jutesack. Viele ihrer Mitgärtner sind wie sie ältere Hispanics, die mit einer Rente von wenigen hundert Dollar auskommen müssen. Kostenlose Lebensmittel, noch dazu frisch geerntet, bereichern ihren Speiseplan und entlasten die Haushaltskasse. »Und die gemeinsame Arbeit macht uns Spaß.«

Rettet also ausgerechnet urbanes Gärtnern die einstige Motorcity? Seit Neuestem investieren Anleger aus Europa und Asien in die preiswerten Immobilien in Detroit. Auch prüfen große Agrarunternehmen, ob sie Land in der Stadt nutzen wollen. Zumindest in Quartieren nahe Downtown sind die Grundstückspreise schon wieder gestiegen. Das besorgt viele der Stadtfarmen. Findet das Experiment Gemüse statt Cadillac also ein Ende, bevor es der gefallenen Industriemetropole auf die Beine helfen konnte? Das wäre schade. Nicht nur für Detroit.

Von Klaus Sieg (Text) und Martin Egbert (Foto)

Coburger Jagdlager

10. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Auf der Veste Coburg arbeitete Lucas Cranach d. Ä.

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Sooft die Fürsten Dich mit zur Jagd nehmen, führst Du eine Tafel mit Dir, auf der Du inmitten der Jagd darstellst, wie Friedrich einen Hirsch aufspürt oder Johann einen Eber verfolgt, was bekanntlich den Fürsten kein geringeres Vergnügen gewährt als die Jagd selbst.« Als Christoph Scheurl, der zeitweilige Rektor der Universität Wittenberg, dies 1509 in einem Brief an Lucas Cranach d. Ä. schrieb, da lag dessen nachweisbar längster Aufenthalt in Coburg drei Jahre zurück. Anfang August 1506 waren Kurfürst Friedrich und Herzog Johannes mit ihrem Hofstaat auf der Veste Coburg zu einem bis Februar des folgenden Jahres dauernden Jagdlager angekommen.

Blick auf die Veste Coburg. Foto: picture-alliance/dpa

Blick auf die Veste Coburg. Foto: picture-alliance/dpa

Im Tross der angereisten Hofbeamten, Räte, Kanzleimitarbeiter, Musiker und Sänger war auch Lucas Cranach d. Ä. Der damals noch keine 40 Jahre alte Hofmaler genoss im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern des Lagers das Privileg, nicht in der Stadt, sondern direkt auf der Veste eingemietet gewesen zu sein. Wenn es zur Jagd in die umliegenden Reviere von Neustadt, Sonneberg, Schalkau, Jüdenbach und Heldburg ging, war der Maler mit seiner »Tafel« zugegen. Von den in jener Zeit entstandenen »Bildreportagen« Cranachs sind nicht alle entschlüsselt und daher mit Blick auf Entstehungsort und -zeit schwer zuzuordnen. Später entstandene Holzschnitte, Gemälde und Altäre zeigen aber mehrfach die Veste Coburg als Hintergrund. Cranachs Hauptwerk im Coburger Jagdlager waren Wandmalereien auf der Veste. Überkommen ist von diesen keine. Eine Rechnung belegt, dass im Februar 1507 zwei Klostergespanne »die maler hinweg furen«, ohne dass ihr Ziel genannt wird. Weil Anfang Mai aber ein Bote Geräte und Briefe »an die maler gein Helpburg« brachte, könnte das nahe Heldburg mit seiner Veste der zeitweilige Arbeitsort Cranachs und seiner Gehilfen gewesen sein. Im sogenannten Jungfernbau der Veste war seinerzeit die Kapelle in Arbeit.

Schon von Weitem grüßt den Besucher der Stadt Coburg die gleichnamige Veste mit ihren gewaltigen Mauern und Türmen. Die an den bis heute wichtigen Handelsstraßen liegende Veste war der wichtigste Brückenkopf wettinischer Macht im Süden, oft besuchter fürstlicher Rastplatz und beliebtes Jagdschloss. Im 19. Jahrhundert richteten die Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha in der einstigen Festung Kunstsammlungen von Weltrang ein. Dazu gehören eine Sammlung mit venezianischen Gläsern und solchen des Barock sowie die historische Waffensammlung. Die Kunstsammlungen besitzen etwa 30 Werke von Cranach und der Cranach-Werkstatt, dazu eine vorzügliche kleine Sammlung weiterer altdeutscher Meister. In der neuen Dauerausstellung werden die besten Cranach-Bilder, darunter auch Porträts, die von einem ehemals für die Kapelle der Veste gemalten Altar stammen, zusammengeführt und im Umfeld von Cranachs Zeitgenossen neu präsentiert. Glanzstück der Kunstsammlungen ist das Kupferstichkabinett, in dem fast das vollständige druckgraphische Werk von Lucas Cranach d. Ä. aufbewahrt wird – darunter das in der hiesigen Fassung seltene Porträt von Martin Luther mit Doktorhut von 1521.

Heinz Stade

Ausstellungen: »Die dunkle Seite der Re­naissance«, Kupferstichkabinett 25. Juni bis 12. September 2015; »Cranachs Graphik.« Veste Coburg 27. März bis 31. Mai 2015; »Kunst – Religion – Politik. Neupräsentation der Coburger Cranach-Bilder im Kontext der Kunst vom späten 15. bis zum frühen 17. Jahrhundert«, ab 27. März 2015.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Frau Halina trägt nur Blusen mit langen Ärmeln. Oder sie klebt sich ein Pflaster auf ihren rechten Arm. Sie will fünf dort eintätowierte Ziffern unsichtbar machen: 77 252. Niemand solle wissen, dass sie ein »Auschwitz-Kind« sei, sagt Frau Halina und bittet darum, ihren Namen nicht zu erwähnen.

Als Frau Halina nach Auschwitz kam, war sie zwei Jahre alt. Die Rote Armee rückte nach Westen vor, und so mussten die Deutschen im Frühjahr 1944 das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin räumen: Tausende Häftlinge wurden in Viehwaggons ins 400 Kilometer südöstlich gelegene Auschwitz geschickt, unter ihnen Frau Halina mit drei Geschwistern und ihrer Mutter.

An die neun Monate und zwölf Tage in Auschwitz hat Frau Halina keine Erinnerung. Auch nicht an den 27. Januar 1945, als sie mit wenigen Hundert anderen Kindern von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Über 200 000 Kinder und Jugendliche hatten die deutschen Nationalsozialisten nach Auschwitz verschleppt – an jenen Ort, der heute als Symbol steht für den millionenfachen Mord an Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen und all den anderen Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur »Volksgemeinschaft« gehörten.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Die erste Erinnerung, die sie habe, sei ein warmes und helles Zimmer, sagt Frau Halina. In einem Sanatorium für Kinder. Weil dort niemand wusste, wie sie hieß und woher sie kam, wurde sie getauft und mit einem polnischen Namen versehen. Später wurde sie von einem Ehepaar aus Krakau adoptiert.

Jahre vergingen, als plötzlich im Radio ihre Nummer verlesen wurde: Eine Mutter suche ihre Kinder. Alles wurde nun anders. Frau Halina hebt ein Schwarz-Weiß-Foto in die Höhe, es zeigt fröhliche und lachende Menschen – ihre Mutter, ihren Bruder, viele andere, aufgenommen in einem Dorf in Weißrussland. »Ich bin natürlich sobald wie möglich dorthin gefahren«, sagt sie, schweigt und fügt hinzu: »Und stand plötzlich zwischen zwei Müttern.« Entschieden hat sie sich für ihre Adoptivmutter. Sie kehrte nach Krakau zurück.

1969 Jahre zog Frau Halina nach Österreich, heiratete, bekam Kinder – und stieß auf Ignoranz und Hass der Täter und ihrer Nachfahren. Als sie sich in Wien als Auschwitz-Häftling registrieren lassen wollte, bekam sie von einem Beamten zu hören: »Sie waren doch eh nur ein Kind.« Ein anderer verlangte Beweise – eine Nummer könne sich doch jeder selbst eintätowieren. Eine Ärztin schickte sie zu einem Psychiater – es war Heinrich Gross, der trotz seiner Beteiligung an der Kinder-»Euthanasie« Karriere machen konnte. »Ich habe dann alles getan, damit niemand merkt, dass ich ein Opfer von Auschwitz bin.«

Frau Halina ist auch in diesem Jahr wieder zum Jahrestag der Befreiung gekommen. Sie will diejenigen treffen, mit denen sie »die schwerste Zeit verbracht« hat: die anderen Auschwitz-Kinder. Sie nennt sie »meine Geschwister.«

Uwe von Seltmann

Wenn Gesichter sprechen

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Bild und Bibel: Nader Setareh liebt die uralte erdgebundene Kunst des Keramikreliefs

Im Rahmen des Themenjahres »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Heute ein Besuch bei dem Eisenacher Keramikkünstler Nader Setareh.

Gesichter haben es ihm besonders angetan. Wenn Nader Setareh den feuchten Ton zwischen den Fingern spürt, schließt er die Augen. Nun beginnen seine Hände die Umrisse eines Antlitzes zu formen. Wenn er dann die Augen öffnet, sieht er in ein Gesicht. Ein Gesicht, dass zu ihm spricht, wie er sagt. »Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.« Und wenn zu den Lippen auch noch die Augen geformt sind und das neue Gegenüber ihn nicht nur anspricht, sondern auch anschaut, ist das der schönste Moment in der Arbeit des Keramikkünstlers: »Dann läuft mir oft eine Gänsehaut über den Rücken.«

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

So ging es dem seit 2010 in Eisenach lebenden Setareh etwa bei der Gestaltung des Wandreliefs zur heiligen Elisabeth, oder auch bei seiner Darstellung der »Käthe«, Luthers Frau. Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie. Denn sein Leben verlief alles andere als glatt, so manche traumatische Erfahrung prägt den sensiblen Mann. Geboren 1957 in Kuwait wächst er anschließend in Teheran, der Hauptstadt des Iran, auf. Dort nimmt er ein Kunst- und Designstudium an der Universität auf. Bis nach der sogenannten »islamischen Revolution« die Herrschaft der Ayatollahs beginnt. Nater Setareh emigriert nach Deutschland, vollendet in Köln sein Studium, entwirft später Designermode und Seidenapplikationen für deutsche Versandhäuser, ist auf den großen Modemessen zu Hause.

2003 wird ihm eine Besuchsreise in den Iran zum Verhängnis. Weil er an einer kleinen Demonstration von Studenten teilnimmt, verhaftet ihn die Geheimpolizei. Wenig sagt er über seinen Weg durch die berüchtigten Gefängnisse des islamischen Regimes. Aber man ahnt die Dimension des Terrors, wenn er mit traurigem Blick sagt: »Ich habe so viele junge Menschen sterben gesehen.« Als er psychisch schwer angeschlagen endlich aus dem Gefängnis kommt, aber im Iran festsitzt, helfen ihm Freunde in Teheran zu einer neuen künstlerischen Betätigung – und zum Broterwerb. Setareh beginnt mit der Arbeit als Keramiker, gestaltet große farbige Wandreliefs. »Die Arbeit mit Lehm und Ton und die Gestaltung von Reliefs hat schließlich im Nahen Osten eine jahrtausendelange Tradition«, sagt er stolz.

»Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie«

Gebrochen hat der als Muslim geborene und aufgewachsene Setareh allerdings mit seiner früheren Religion. »Ich habe erkannt, was Islam wirklich bedeutet: so viel Brutalität, so viele unschuldig Hingerichtete …« Für die so gern vertretene These, dass die Islamisten des Nahen Ostens nicht den »wahren Islam« verkörpern, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Jeder könne es selbst überprüfen: Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« könne sich mit all ihrer Brutalität exakt auf den Koran berufen. »Jeder vernünftige Mensch soll einfach einmal das Leben Mohammeds und das Leben Jesu vergleichen.« »Bekenntnis oder Tod«, habe es von Anfang an bei Mohammed geheißen. »Wenn Islam ›Frieden‹ bedeutet, warum dann immer wieder das Schwert?«, fragt Setareh und fügt hinzu: »Es stimmt, auch Christen haben Gewalt angewendet, aber sie haben damit immer den Geboten Jesu entgegengehandelt.«

Was Nader Setareh, der neben seinen plastischen Werken auch lyrische Texte verfasst, heute beschwert, ist die relative Einsamkeit in Eisenach. Er wünschte sich mehr Kontakte zu anderen Künstlern. Und Ausstellungsmöglichkeiten, gern auch in Kirchen. Dort, in der Ruhe bei Gott, fühle er sich mit seinen Werken immer besonders wohl. Denn: »Die Kirche ist für mich die wahre Moschee.«

Harald Krille

Kontakt: Atelier Seta Ceramic, Schmelzer­straße 1, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 6 58 02 54