Verraten und verkauft

27. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« – Pfarrer Matthias Storcks Ringen um Vergebung

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« So leicht, wie dieser Satz über die Lippen geht, ist er nicht umzusetzen. »Vergeben, das ist nicht so einfach«, sagt Matthias Storck (Jahrgang 1956), Pfarrer in Herford (Westfalen). Wer wie er bitteres Unrecht erlitten hat, Demütigung, Bespitzelung, Verrat und Gewalt, weiß, wie es ist, jemandem seine Schuld zu vergeben, verzeihen zu wollen, zu können oder dies nicht zu können. Der Theologe war in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis. In seinem Buch »Karierte Wolken« erzählt er, was ihm während seines 14-monatigen Knastaufenthaltes widerfahren ist.

Seine Geschichte ist ungeheuer­lich. Ins Gefängnis bringt ihn ein Freund, ein vermeintlicher Freund, damals Pfarrer in einem Dorf, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Der Theologe macht dort von sich reden. In seinem Pfarrhaus treffen sich ausgewählte Leute, die unzufrieden mit den Verhältnissen sind und dem Pfarrer gegenüber offen sagen können, was sie denken. Storck studiert zu dieser Zeit – Ende der 1970er Jahre – in Greifswald Theologie. Politisch auffällig, weil er sich gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts wendet, eine entsprechende Eingabe ans Ministerium für Volksbildung verfasst. An einem Tag im September 1979 ruft ihn jener befreundete Pfarrer an, fordert Storck und dessen Verlobte auf, ihn dringend aufzusuchen, weil er ihnen etwas Wichtiges zu sagen habe. Das Paar macht sich umgehend auf den Weg. Als sie ihn treffen, überreicht ihnen der Pfarrer einen Zettel mit einem Fluchtangebot über Polen. Die beiden sagen ihm, dass das für sie nicht in Frage komme, sie zerreißen das Papier und wähnen sich in dem Glauben, die Sache sei damit erledigt. Kurze Zeit später wird Storck von der Straße weg verhaftet. Auch seine Partnerin wird festgenommen. Verurteilt werden beide zu einer Gefängnisstrafe wegen versuchter Republikflucht. Obwohl sie nie die DDR verlassen wollten. Die Realität im Knast ist hart, sehr hart, zum Teil grausam. Die Zeit habe ein riesiges Loch in seiner Seele hinterlassen, sagt Storck.

Matthias Storck

Matthias Storck

Er und seine Partnerin werden die Strafe nicht absitzen, die westdeutsche Regierung kauft die beiden nach einem reichlichen Jahr frei. Warum er durch diese Hölle gehen muss, die Hintergründe für seine Verhaftung, dass ihn ein befreundeter Pfarrer verraten hat, erfährt Storck erst Jahrzehnte später, nach der Wende.

Wie geht er mit diesen Erfahrungen um? Ist es möglich zu verzeihen? Ihn beschäftigt die Frage von Anfang an. Er ringt darum, seinen Schuldigern vergeben zu können. Aus Storcks Schilderungen schimmert durch: Vergebung ist ein komplizierter Weg, mit Höhen, Tiefen, vor und zurück – vielleicht eine Lebensaufgabe. »Vergebung ist ein Prozess, in den man sich einüben kann. Wir müssen üben, vergeben zu können.« So schwer es ist. Auch aus egoistischen Gründen, meint der Theologe, denn solange er nicht vermag, diesem oder jenem Schuldiger zu verzeihen, belasten sie ihn, »werden sie einem auf den Füßen stehen«. Mit dem Pfarrer, dem er seinen Knastaufenthalt zu »verdanken« hat, geht es ihm so. Dabei wäre er bereit, ihm zu vergeben. Aber es bedürfte eines Eingeständnisses der Schuld, der Bitte um Verzeihung. Als Storck erfährt, wer ihn der Stasi ausgeliefert hat, sucht er ihn auf und stellt ihn zur Rede. »Er hätte nur sagen müssen: Es tut mir leid.« Doch dieses Schuldbekenntnis bleibt aus. Vergebung ist schwer, wenn jemand gar nicht darum bittet oder seine Schuld nicht erkennen will. Storck erlebt: nur wenige bitten um Verzeihung, die meisten würden ihre Unschuld beteuern.

Zu Storcks großen Enttäuschungen gehört der Gefängnispfarrer, der ihn im Knast begleitet, der Kontakte zur Familie hält, zu Gottesdiensten einlädt – auch er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi.

In anderen Fällen gelingt es zu verzeihen. Storck erinnert sich an den 19-Jährigen, der ihm nach einer schrecklichen Zeit der Einzelhaft in seiner Zelle Gesellschaft leistet. Er ist aus Westberlin. Gefasst wird er, weil er einem Verwandten für die Flucht aus der DDR seinen Ausweis gibt. Als er mit Storck die Zelle teilt, stehen ihm sieben Jahre Bautzen bevor. Storck ist froh, endlich wieder mit einem Menschen sprechen zu können. Eines Tages wird er plötzlich verlegt. Alles, was Storck diesem jungen Mann anvertraute, gibt dieser zu Protokoll. Enttäuschung und Schmerz sind unermesslich. »Aber so ein Schmerz kann heilen«, sagt Storck heute im Abstand von Jahrzehnten. Er stellt sich vor, was aus dem jungen Mann mit dem Kindergesicht geworden wäre, wenn er sieben Jahre hätte in Bautzen sitzen müssen! Mit seinen Spitzeldiensten kauft er sich frei. Vermutlich sei er unter die anlässlich des 30. Jahrestages der DDR angeordnete Amnestie gefallen. »Gott sei Dank, dass der das gemacht hat. Er hat sich damit gerettet. Er wird gelernt haben, dass man niemanden verrät«, ist der Pfarrer zuversichtlich.

»Zwischen Vater und Vaterunser klafft eine schmerzhafte Wunde.« Mitte der 90er Jahre blickt Storck in einen tiefen Abgrund. Die Akten der Stasi offenbaren ihm: Sein Vater, ebenfalls Pfarrer – er war IM. Der Vater, der ihm immer gesagt habe, wie man in einem totalitären System mit der Wahrheit umzugehen hat. »In mir blieb die Welt stehen, und das Herz drehte sich wie ein Kreisel in der Brust. Ist Christus noch Christus?«, fragt der Theologe in seinem Buch. Für ihn bricht die Welt zusammen. Verraten und verkauft. Von Menschen, denen er sich besonders verbunden fühlte und die von Berufs wegen einen Vertrauensvorschuss genießen. Sein Freund, der Gefängnispfarrer, sein eigener Vater. Der Vater, der mit ihm im Gefängnis das Abendmahl feiert. Mit Kaffee und Kuchen. Ein unvergesslich tröstlicher, stärkender Moment. »Alle, die einen Talar anhaben, scheinen eine Krankheit zu haben«, denkt Storck, als er mit der Wahrheit konfrontiert wird. »Das war noch mal die Hölle.«

Wie bewältigt Storck seine Geschichte? Er hadert mit seinem Vater und er kämpft um dessen Rettung, denn er sagt sich: »Er bleibt der Großvater meiner Kinder.« Entlastend liest sich die Bemerkung in den Akten, der Vater sei ein unwilliger Mitarbeiter, er erzähle Nebensächlichkeiten. Schwer hingegen wiegt, er übergab die Eingabe seines Sohnes gegen den Wehrkundeunterricht der Stasi. Ohne zu bedenken, dass sie diese nicht etwa lesen wollte, denn sie war bereits im Besitz des von Matthias Storck eigenhändig unterschriebenen und abgeschickten Briefes. Storck vermutet, der Stasi ging es um seine Fingerabdrücke.

Der Theologe übt sich in den Prozess der Vergebung ein, indem er lernt, seinen Vater, der inzwischen gestorben ist, zu verstehen. »Das Tragische: Wenn sich mein Vater eingestanden hätte, dass er IM war, wären seine Theologie, sein Wahrheitsbegriff, seine Verdienste – sie wären ihm davongelaufen. Er hätte das nicht ausgehalten.« Irgendwann lässt der Sohn die Geschichte auf sich beruhen, spricht den Vater nicht mehr daraufhin an. Ihm hilft die Erkenntnis: »Sie haben ihn erpresst.« Er könne umso besser mit dem Versagen anderer Menschen umgehen, je genauer er seine eigenen Grenzen und Schwächen kenne. Jeder könne in solch missliche Situationen geraten. Dies hätten ihn die extremen Erfahrungen seines Lebens gelehrt. Wann jemand umkippt, etwa zum Verräter wird, das sei eine Frage von Nuancen. »Gott sei Dank, bin ich nicht in die Versuchung gekommen. Das ist nicht mein Verdienst. Es ist eine große Gnade.«

Sabine Kuschel

Zu teuer für den deutschen Markt?

27. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Fairer Handel: Auch Rosenzüchter in Südamerika profitieren vom fairen Handel – kämpfen aber mit der deutschen Billigmentalität

Der faire Handel ist längst aus seiner Nische und dem anfänglichen Weltladen-Image herausgetreten. Doch der Weg in die Supermärkte bringt auch neue Herausforderungen. Zum Beispiel den internationalen Preiskampf im Schnittblumenhandel.

Esthela Cachipuindo schaut sich jede Rose genau an. Erst wenn die Blüte groß genug ist und sich weit genug geöffnet hat, schneidet sie den Stiel ab. Die 32-Jährige hat Erfahrung und kennt die Unterschiede der 35 verschiedenen Rosenarten, obwohl sie erst zwei Jahre bei Roses & Roses arbeitet. Zuvor war sie bei einer anderen Blumenfarm beschäftigt. »Aber hier muss ich nicht sonntags arbeiten.«

In den Gewächshäusern des Andenhochlands von Ecuador finden Rosen ideale Wachstumsbedingungen – vor allem in den Monaten, in denen in Deutschland der Winter herrscht. Foto: epd-bild

In den Gewächshäusern des Andenhochlands von Ecuador finden Rosen ideale Wachstumsbedingungen – vor allem in den Monaten, in denen in Deutschland der Winter herrscht. Foto: epd-bild

Roses & Roses gehört zu den zehn Blumenfarmen in Ecuador, die nach den Kriterien des fairen Handels produzieren. Ziel ist es, die Arbeits- und Lebensbedingungen von kleinen Produzenten und Plantagenbeschäftigten in Entwicklungsländern zu verbessern. Zudem bekommen die Arbeiter ein Mitspracherecht in den Betrieben. Auch Umwelt- und Gesundheitskriterien werden überprüft. So ist der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden, der in der Blumenindustrie weitverbreitet ist, verboten.

In Deutschland ist der Absatz von fair gehandelten Rosen nach Angaben von Fairtrade Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2013 seien rund 323 Millionen Stiele verkauft worden, das entspreche 25 Prozent der bundesweit verkauften Rosen. Für 2014 liegen bisher noch keine Zahlen vor, doch dürfte dem allgemeinen Trend zufolge der Absatz abermals gestiegen sein. Rosen mit Siegel gibt es hauptsächlich in deutschen Supermärkten. Doch faire Rosen aus Ecuador gehen kaum über die Ladentheke. Mehr als 90 Prozent aller Fair-Trade-Blumen für Deutschland kommen aus Kenia und Äthiopien. Ecuadorianische Rosen machen weniger als ein Prozent aus.

Valentina Roldán von Roses & Roses erklärt, woran das liegt: »Unsere Preise sind deutlich höher als in Kenia. Die Deutschen sind sehr auf den Preis fixiert.« Fairtrade Deutschland bestätigt: In Deutschland sei das Preisniveau für Schnittblumen im europäischen Vergleich sehr niedrig. Zudem hätten die ecuadorianischen Rosen einen weiteren Transportweg – ein logistischer Nachteil.

Eduardo Letort ist Fair-Handels-Pionier in Ecuador. Seine Farm Hoja Verde (Grünes Blatt) ist seit 2002 zertifiziert und gehört mit 18 Hektar und 230 Mitarbeitern zu den größeren. Er hat mehrmals versucht, auf dem Markt für fair gehandelte Blumen in Deutschland Fuß zu fassen – ohne Erfolg. Daher hat er sich entschieden, seine Rosen ohne Siegel anzubieten, »aber nach den gleichen Kriterien produziert«, betont er. Wenn die Fair-Handels-Geschäfte mit der Schweiz nicht so gut laufen würden, würde er ernsthaft überlegen, aus dem Programm auszusteigen, gibt er zu.

Ecuador gehört neben Kenia, Kolumbien und Äthiopien zu den großen Rosenproduzenten weltweit. Die meisten der rund 580 Farmen liegen in der Region Cayambe, nördlich der Hauptstadt Quito, mitten in den Anden. Dort gedeihen die Rosen auf einer Höhe von 2 500 bis 3 000 Meter über dem Meeresspiegel. Nach Angaben des Ecuadorianischen Verbands der Blumenexporteure (Expoflores) beschäftigt die Blumenindustrie etwa 115 000 Menschen.

In den vergangenen sechs Jahren haben sich die allgemeinen Arbeitsbedingungen auf den Farmen nach Angaben des Verbands deutlich verbessert. Das bestätigen Mitarbeiter, die in verschiedenen Betrieben des Verbandes gearbeitet haben. So ist nicht nur der Mindestlohn auf 340 US-Dollar gestiegen. Kinderarbeit sei verboten, ebenso der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden. Schutzkleidung sei Pflicht, ebenso wie medizinische Vorsorge.

Alles Vorschriften, die auch für den fairen Handel gelten.

Wird das Fair-Handels-Siegel in Ecuador in Zukunft also überflüssig? Mitnichten, findet Valentina Roldán. Sie ist vor allem von den Weiterbildungsangeboten für ihre rund 80 Mitarbeiter überzeugt. Roses & Roses bietet zum Beispiel Englisch- und Computerkurse an. Finanziert werden diese Projekte von der Prämie, die Importeure von Fair-Handels-Produkten zusätzlich zum Einkaufspreis zahlen müssen. Dieses Geld kommt in einen Fonds, über den die Arbeiter selbst entscheiden können.

Roses & Roses will dem Fair-Handels-System die Treue halten und weiter den deutschen Markt beliefern – auch wenn nur 120 der 12 000 täglich geernteten Rosen nach Deutschland gehen. Esthela Cachipuindo bettet die geernteten Rosen in einen Wagen, den sie durch die einzelnen Reihen im Gewächshaus schiebt. Danach übernehmen ihre Kollegen, die die Rosen für den Export mit Nährstoffen versorgen und verpacken.

Regine Reibling  (epd)

Der Kampf ums Überleben

27. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Die armenisch-evangelische Gemeinde in der syrischen Stadt Aleppo wird zum Rettungsanker

Seit Sommer 2012 tobt in Aleppo im Norden Syriens der Bürgerkrieg. Weite Teile der einst blühenden Stadt sind zerstört, Hunderttausende Menschen geflohen. Doch eine kleine christliche Gemeinde hält weiter aus.

Haroutune Selimian ist Pfarrer der armenisch-evangelischen Gemeinde in Aleppo. Die nordsyrische Stadt zählte einst zu den ältesten und schönsten Städten im Nahen Osten. Doch der Bürgerkrieg hat das Weltkulturerbe Aleppo in ein Trümmerfeld verwandelt. »Mehr als die Hälfte von Aleppo sind völlig zerstört«, schätzt Selimian. Hunderttausende Menschen sind in den letzten Jahren aus Aleppo geflohen.

Essensausgabe: Rund 500 Familien werden derzeit von der armenisch-evangelischen Gemeinde in Aleppo mit Lebensmittelpaketen unterstützt. Foto: GAW

Essensausgabe: Rund 500 Familien werden derzeit von der armenisch-evangelischen Gemeinde in Aleppo mit Lebensmittelpaketen unterstützt. Foto: GAW

Selimian betreut Menschen, die in Aleppo geblieben sind, Menschen, die inmitten der täglich andauernden Gewalt und Zerstörung ums Überleben kämpfen. »Das Leben dieser Menschen ist hart«, erzählt er, »sie leiden unter unvorstellbar großen psychischen Belastungen, sind traumatisiert.«

Rund 500 Familien profitieren zurzeit von der Hilfe der armenisch-evangelischen Gemeinde: Familien, die zur Gemeinde gehören; Familien, deren Kinder die Schule der Gemeinde besuchen, und Personen, die Hilfe in der Poliklinik finden, die die Gemeinde nach dem Zusammenbruch der medizinischen Versorgung in Aleppo eingerichtet hat. »Die Hilfsangebote unserer Gemeinde sind offen für alle Menschen, egal welcher Religion oder Konfession sie angehören«, betont Selimian.

Regelmäßig werden Lebensmittelpakete auf dem Campus der Gemeinde ausgegeben. Noch vor einem Jahr wurden rund 200 Familien auf diese Weise regelmäßig versorgt, heute sind es mehr als doppelt so viele. »Ein Lebensmittelpaket enthält Reis, Öl, Zucker, Erbsen und Bohnen«, berichtet Selimian. »Familien mit kleinen Kindern erhalten auch Milch und Windeln.« Sorge bereitet dem Pfarrer der ständige Anstieg der Preise, der es immer schwieriger macht, Lebensmittel zu beschaffen.

Es gibt Menschen, deren Überleben allein von der evangelisch-armenischen Gemeinde abhängt. Selimian erzählt von der 80-jährigen Azniv: »Sie war Englischlehrerin an unserer Schule, ist alleinstehend. Im Juli 2013 wurde das Viertel, in dem sie lebte, mit Raketen beschossen. Azniv ist seitdem taub. Sie kann sich nicht mehr selbst versorgen. Trotzdem erlaubt ihr Stolz es ihr nicht, um Hilfe zu bitten. Wir gehen regelmäßig zu ihr, um ihr Lebensmittel und Medikamente zu bringen.«

Möglich ist das Engagement der Gemeinde nur aufgrund von Spenden, die sie beispielsweise über die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Nahen Osten (FMEEC) erhält. Rosangela Jarjour, Generalsekretärin der FMEEC: »Es war bedrückend für uns, als die Armenisch-Evangelische Kirche in Syrien erstmals bei uns um Hilfe bat. Armenier arbeiteten in Syrien vor dem Krieg zumeist als Kaufleute, Ärzte, Ingenieure – Menschen also, denen es vergleichsweise gut ging. Wir dachten damals: Wenn nicht einmal mehr diese Menschen ohne Hilfe überleben können …!«

Seit November 2013 ist die Gemeinde in Aleppo mehrmals von dem in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werk (GAW) unterstützt worden. Gemeinsam mit der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Landeskirche Baden hat das GAW bisher insgesamt 45 000 Euro unter anderen für diese Gemeinde zur Verfügung gestellt. Von dem Geld wurden Lebensmittel und Medikamente gekauft – und Heizöl für die Schule. »Die Schule ist wichtig für die Kinder hier. Sie bietet ihnen Struktur im Kriegschaos, Gemeinschaft und Halt«, betont Selimian. Viermal bereits ist sie von Raketen getroffen worden. »Wir haben immer wieder aufgeräumt und die Schäden repariert. Wir geben nicht auf!« Und er fährt fort: »Unsere Kirche spielt inzwischen eine grundlegende Rolle im Leben vieler Menschen. Wir versuchen eine positive Atmosphäre zu schaffen, einen Ort, der ein Leben und Momente der Würde ermöglicht in all der Zerstörung.«

Seinen jüngsten Brief beendete der Pfarrer mit den Worten: »Es ist schwer zu beschreiben, wie die Menschen hier fühlen. Sie brauchen psychologische Hilfe, um das, was ihnen hier gerade widerfährt, verarbeiten zu können. Wir versuchen sie zu positivem Denken zu ermutigen und sind zutiefst dankbar für eure Gebete und alle Unterstützung. Durch eure Solidarität erfahren wir, dass wir weltweit wahrhaftig eins sind in Gott.«

Doreen Just

Die Autorin ist Mitarbeiterin in der Zentrale des Gustav-Adolf-Werkes in Leipzig.

www.gustav-adolf-werk.de

Hilfe konkret
Das Gustav-Adolf-Werk hat einen Hilfsfonds für bedrängte und verfolgte Christen eingerichtet. Über diesen Fonds werden unter anderen die armenisch-evangelische Gemeinde in Aleppo, die arabische evangelisch-reformierte Gemeinde ebenfalls in Aleppo und die evangelische Gemeinde im westsyrischen Homs unterstützt.
Spendenkonto: KD-Bank – LKG Sachsen, IBAN DE42 3506 0190 0000 4499 11, BIC GENODED1DKD, Kennwort: Syrien

Auf Cranachs Spuren

21. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Kronach, die Geburtsstadt von Lucas Cranach dem Älteren

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

An einem Oktobertag des Jahres 1472 kommt in dem damals Crana oder Cranach genannten Ort ein Junge zur Welt. Er ist das Kind von einem ortsansässigen Maler mit Vornamen Hans und dessen Ehefrau Barbara – sechs weitere Brüder und Schwestern werden folgen. Der in Kronach tätige Maler Hans war offenbar selbstbewusst genug, seinem Sohn per Vornamen die berufliche Zukunft vorzugeben, galt Apostel Lukas doch in dieser Zeit schon als Patron der Maler.

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Vom Weg des Kindes und Jugendlichen Lucas berichten die Quellen kaum etwas. Verbindlich ist wohl, dass er in der Werkstatt des Vaters eine Ausbildung zum Maler erhielt. Alsbald hatte sich der Junge statt nach dem damals üblicherweise vom Beruf her abgeleiteten Nachnamen Maler, den seiner Geburtsstadt gegeben. Kronach war eine fürstbischöfliche Stadt und Festung, die wichtigsten Auftraggeber für einen Maler jener Zeit dürften daher vor allem die Landesherren, die Bamberger Bischöfe gewesen sein. So ist es gut möglich, dass manches bis jetzt noch anonyme Altarbild oder Gemälde in dieser Region auch ein echter Cranach ist.
Künstlerisch wahrnehmbar wird der Maler Lucas aus Cranach, den wir heute als Lucas Cranach der Ältere kennen, erstmals 1502 in Wien. Im dortigen Milieu von Humanisten, Gelehrten und Künstlern fasst er offenbar rasch Fuß. Drei Jahre später beruft ihn Kursachsen als Hofmaler nach Wittenberg. Gemessen jedoch an den Zeitgenossen Dürer, Michelangelo oder Raffael, kann Cranach zu dieser Zeit nur ein schmales künstlerisches Oeuvre vorweisen.

Ein Besuch in der von der Festung Rosenberg überragten Drei-Flüsse-Stadt Kronach heute ist beeindruckend und lohnenswert – auch wenn die Suche nach unmittelbaren Spuren der Malerfamilie im Altstadtkern wenig Vorzeigbares ergibt. Lange Zeit nahm man an, dass Lucas Cranach in dem als Gasthaus »Zum scharfen Eck« firmierenden Gebäude zur Welt gekommen sei. Inzwischen weiß man es genauer, kann jedoch nicht das tatsächliche Geburtshaus zeigen. Es stand am Marktplatz und musste im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einem neuen Rathaus weichen. Die Fassadenmalerei an einem Haus am Martinsplatz aber lässt die historische Situation lebendig werden. In der Fränkischen Galerie ist ein großer Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen von Lucas Cranach zu betrachten, faszinierende Gemälde wie »Christus und die Ehebrecherin«, »Lot und seine Töchter«, »Schmerzensmann« sowie »Venus und Amor als Honigdieb«.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst – Ein neuer Weg durch die Sammlung in der Fränkischen Galerie« auf der Festung Rosenberg in Kronach ist vom 1. März bis 31. Oktober zu sehen.

»Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«

21. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Zum zweiten Teil der fünften Bitte des Vaterunser, dem Versprechen, Schuld zu erlassen

Martin Luther hat die fünfte Bitte des Vaterunser in die bekannten auslegenden Worte gefasst: »Wir bitten in diesem Gebet, dass der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben’s auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen. So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.«

Luther legt dar, dass wir als Christen, die von der Vergebung leben, auch vergeben sollen. So wird die Richtung gut, nicht andersherum. Auf den ersten Blick scheint es eine Bedingung zu sein ohne die etwas nicht geschieht. Gott müsse uns dann zwangsläufig die Schuld vergeben, wenn wir anderen vergeben. So dürfen wir Jesu Gebetswort nicht verstehen, das macht uns Luther klar. Gott muss auf nichts reagieren, auch nicht auf unsere guten und frommen Handlungen, hier die Vergebung. Denn Gott kann auch ohne uns sein. Schulderlass, Befreiung setzt nicht meine – noch so guten – Taten voraus, sondern dass ich Gottes Gnade erkenne und meine Differenz zu seiner Liebe, die sich auch im Fehlverhalten gegen andere zeigt, wahrnehme.

Erst Buße, Selbsterkenntnis ebnet den Weg zur Vergebung. Sonst würde das alles eine Farce, wenn wir uns ständig zuriefen: Ich vergebe dir! Ich kann und darf einem Menschen erst seine Schuld nachlassen, wenn er sie bekannt hat. Wenn es anders wäre, dann könnte ich zum Ordnungsamt laufen und den Leuten dort sagen: Ich vergebe Ihnen, dass sie mich geblitzt haben!

Nein, andersherum muss es sein: Ich habe etwas falsch gemacht, der Allgemeinheit und mir selbst geschadet. Also muss ich es erst einsehen. Wie etliche schon erfahren haben, setzt eine Wiederholung der Sturheit nur Schlimmeres in Gang. Das ist eine mit den Jahren in seelsorgerlicher Erfahrung sich steigernde Erkenntnis: Helfen kannst du einem Menschen nur, wenn er bereit ist, sich seiner Situation zu stellen.

Nun kommt aber das bei Jesus Einzigartige, neue, das »Christliche« hinzu: Schulderkenntnis ist nicht mehr eine Vernichtung, sondern ein Neuanfang; eben ein Geschenk der Gnade, die ich nicht erworben, aber sehen gelernt habe. Nicht meine guten Handlungen, sondern auf Grund von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi ist der Abgrund der Schuld als Folge der Abkehr von Gott überbrückt. Die Brücke ist das Kreuz. Weil Gott sich uns – als liebender Vater in Christus radikal zugewandt hat, brauchen wir keinen Absturz bei der Erfahrung der Wirklichkeit über uns mehr zu fürchten. Unter uns ist das Netz der Liebe gespannt. Ich verliere nur meine Höhe – aber gewinne meine Würde, weil sich Gott mir als Person, als Wesen das Liebe braucht, zuwendet.

In der Auslegung zum Vaterunser wird von etlichen Kommentatoren immer wieder betont, dass Jesus hier das erste Gebot in ein Gebet umformt. Wer Gott Gott sein lässt, gewinnt sein Menschsein, sein Maß.

Alttestamentlich brauchte das Nachlassen von Schuld immer ein Opfer; eine Wiedergutmachung. Die hat nun Gott im Opfer Jesu Christi zu Karfreitag selbst vollzogen – und wir werden frei, die zu sein, die wir vor Gott sind. So werden wir nun zur Vergebung an anderen frei, die mit ihrer Last zu uns kommen. Entlastete haben jetzt so viel Kraft, anderen ihre Lasten abzunehmen. Und darin wird der Wille des Herrn erfüllt.

Frank Meinel

Der Autor ist Pfarrer in Schneeberg (Sachsen)

Paris: Protestantische Antwort auf die Angst – »Ich bin getauft«

20. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Je suis baptisé« (Ich bin getauft) lautete das Leitwort von Pfarrer Martin Beck von der Deutschen Evangelischen Christuskirche in Paris beim Gottesdienst am vergangenen Sonntag. Denn die Frage, wie man mit dem Schock der Terroranschläge und mit der Angst vor weiterer Gewalt umgeht, beschäftigt auch die Mitglieder der Deutschen Gemeinde. »Nur die Gewissheit, ohne Bedingung und Vorleistung geliebt zu sein, lässt uns weiterleben in dieser manchmal so irren Welt und lässt uns trotz allem Schritte der Gerechtigkeit und des Friedens gehen«, betont Beck, der seit 2011 die Auslandsgemeinde betreut. Etliche der rund 80 Gottesdienstbesucher seien am Sonntag im Anschluss an den Gottesdienst zum Trauermarsch gegangen.

Pfarrer Martin Beck von der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Paris. Foto: privat

Pfarrer Martin Beck von der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Paris. Foto: privat

Die Anschläge hätten ihn und viele Gemeindeglieder schockiert, aber nicht völlig überrascht. Bereits seit Monaten sei von den Sicherheitsbehörden vor möglichen Anschlägen gewarnt worden. Was auch Konsequenzen für die Gemeindearbeit hat: Schon während des traditionellen Adventsbasars wurden Posten an den Türen des Kirchengebäudes aufgestellt, die auch einzelne Taschen und Rucksäcke von Besuchern kontrollierten. »Sicher werden wir in den nächsten Wochen die Türen unserer Kirche öfters geschlossen halten«, sagt Beck bedauernd, aber wegen der unübersichtlichen Eingangssituation sei es besser, etwa bei Konzerten die Tür nach Beginn zu verschließen und Nachzügler durch einen Türposten einzulassen. Dennoch, »hundertprozentigen Schutz kann es nicht geben«, weiß der aus Bayern stammende Pfarrer. Aber schon vor Wochen hätten ihm besonders ältere Gemeindeglieder gesagt: »Was soll’s, wir können uns doch jetzt nicht verrückt machen.« Paris sei immer schon ein Ziel für Anschläge gewesen, damit müsse man leben.

Zugleich hofft Beck, dass die Herausforderung des islamistischen Terrors auch die Religionsgemeinschaften näher zusammenrücken lässt. Die Verurteilung der Attentate durch muslimische Verbände in Frankreich sei ein gutes Zeichen dafür. Denn auch die moderaten Muslime profitierten letztlich von den Freiheiten und den Werten der Demokratie. »Gerade wir Protestanten hier in Frankreich wissen das, denn der Protestantismus in Frankreich ist jahrhundertelang verfolgt worden«, erinnert Beck. Erst die Werte, die im Zuge der Französischen Revolution zum Tragen gekommen sind, hätten letztendlich dazu geführt, dass auch für Protestanten die Religionsfreiheit hergestellt wurde. Andererseits sieht Beck im Laizismus Frankreichs auch eine verpasste Chance zur Aufklärung über Religion. Da es an den staatlichen Schulen keinerlei Religionsunterricht gibt, fehle die gesellschaftliche Verankerung der notwendigen Information über und der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Religionen.

Harald Krille

»Satire darf alles, nur nicht sterben«

20. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Gesellschaft, Politik, Terrorismus, Religion – wie weit darf ein Karikaturist gehen?

Ioan Cozaku – alias NEL – ist seit Jahren der Hauskarikaturist von Glaube + Heimat. Andreas Roth sprach mit dem preis­gekrönten Zeichner über den Terroranschlag auf die Pariser Satirezeitung »Charlie Hebdo« in der vergangenen Woche.

Für seine Karikatur »Tag ein, Tag aus« erhielt Ioan Cozacu 2011 den Deutschen Karikaturenpreis. Foto: Agentur neuwerk/M. Schmid

Für seine Karikatur »Tag ein, Tag aus« erhielt Ioan Cozacu 2011 den Deutschen Karikaturenpreis. Foto: Agentur neuwerk/M. Schmid

Herr Cozacu, fällt einem Karikaturisten Angesichts der Bilder aus Paris noch etwas ein?
Cozacu:
Wenn es so nah ist, ist man für kurze Zeit gelähmt, sprachlos. Trauer ist ein Moment, der nicht gerade zum Zeichnen animiert. Trauer ist Stille, keine Bewegung, wie eine Kerze. Aber dann beginnt die Wut. Und die kann man schon besser darstellen. Die Terroristen haben eine Stelle getroffen, wo man es nicht erwartet und wo es am heftigsten schmerzt: Die Presse ist ein Weichteil der Gesellschaft.

Erschrickt ein Karikaturist davor, welche Wirkung Zeichnungen haben können?
Cozacu:
Sicherlich, ich habe mir diese gewaltige Reaktion so nicht vorstellen können. Wir leben schließlich in Europa im Jahr 2015!

Unterschätzt ein mitteleuropäischer Intellektueller vielleicht die Wucht der Religion?
Cozacu:
Ich weiß nicht, ob es hier um Religion geht. Islamistische Jugendliche haben zu ihrer Religion eine ganz andere Haltung als ihre Väter und Mütter. Wie sie den Islam interpretieren, ist das Problem – nicht die Religion als solche. Das ist ein Missbrauch. Das ist die Gotteslästerung, im Namen Gottes so zu handeln. Es sind Verbrecher.

Karikaturen leben von der Zuspitzung, der Provokation und Grenzüberschreitung – wie weit dürfen sie gehen?
Cozacu:
Es muss möglich sein, alles zu veröffentlichen. Ich muss die Zeitung, in der die Karikaturen stehen, ja nicht kaufen. Aber wenn man anfinge, Zeitungen deshalb zu verbieten – wo hört es dann auf? Satire darf alles, nur nicht sterben. Denn Satire lockert alles, sonst werden wir alle ängstlich.

Darf sie auch religiöse Gefühle verletzen?
Cozacu:
Ich weiß nicht, ob bei den Terroristen von Paris wirklich religiöse Gefühle verletzt wurden. Die eigentlichen Ursachen sind eher Verblendung und Brutalität – nicht die Karikaturen. Der tiefste Grund ist, dass die westliche Welt noch kein Mittel dafür gefunden hat, dass der arabische Raum Ruhe und Frieden finden kann.

Aber auch viele Christen fühlen sich durch Karikaturen etwa von Jesus verletzt, wie sie auch »Charlie Hebdo« brachte, ohne deshalb gleich zum Gewehr zu greifen. Darf Satire wirklich, wie Tucholsky sagte, alles?
Cozacu:
Wenn man die religiösen Gefühlen eines Menschen im persönlichen Gegenüber beleidigt, dann ist das verletzend. Aber wenn einer das in einem anderen Raum behauptet, ist das sein gutes Recht. Wenn ich Mohammed zeichne, zeichne ich ihn für Menschen hier in unserer Region und nicht in Saudi-Arabien oder Ägypten. Ich kann nichts dafür, wenn sich dadurch jemand in Pakistan beleidigt fühlt.

Haben Sie schon einmal eine Mohammed-Karikatur gezeichnet?
Cozacu:
Ja, aber die habe ich nicht veröffentlichen können, weil die Redaktion es abgelehnt hat. Da ging es um Selbstmordattentate und den Streit um die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen. Ein Kollege bekam deshalb sogar schon Drohungen, er musste von Zuhause verschwinden.

Haben Sie auch schon Karikaturen von Jesus gezeichnet oder gar von Gott?
Cozacu:
Den lieben Gott habe ich schon gezeichnet und dafür sogar den Deutschen Karikaturenpreis in Dresden bekommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass christliche Karikaturen-Themen von Tageszeitungen nicht gern genommen werden aus einer Unsicherheit heraus. Kirchenzeitungen nehmen sie dagegen gern – und schmunzeln.

Liegt das Problem mit den religionskritischen Karikaturen vielleicht auch darin, dass Zeichner und Journalisten von Berufs wegen kritische Geister sein müssen – und ihnen Religion oft völlig fremd ist?
Cozacu:
Sie sind auch nur ein Spiegel der Gesellschaft. Diese Unsicherheit kommt schon daher, dass es in den Redaktionen nicht so viele praktizierende Christen gibt.

Ich selbst bin in meinen Karikaturen vorsichtig, weil ich allgemein nicht gern verletze – egal welche Gefühle. Ich bin kein aggressiver Zeichner. Zuspitzung nur um der Zuspitzung willen überlege ich mir zweimal.

Haben Sie selbst schon böse Briefe oder Schlimmeres erhalten?
Cozacu:
Nein, aber Abos wurden schon gekündigt. Ich zeichne nur für zivilisierte Menschen.

Haben Sie nach den Anschlägen von Paris Angst oder eine Schere bei religiösen Themen im Kopf – oder sagen Sie: jetzt gerade?
Cozacu:
Wenn eine Sache passiert ist, kann man sie nicht ungeschehen machen. Sie hinterlässt Spuren, ob man es zugeben will oder nicht. Aber wir haben nichts zurückzunehmen.

Pilsen: Eine stolze Stadt zeigt sich Europa

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn am 17. Januar im tschechischen Plzen (Pilsen) die Glocken ertönen, ist es nicht nur 18 Uhr. Dieser Klang ist nämlich das erste Mal zu hören. Die letzten Glocken der St.-Bartholomäus-Kathedrale auf dem zentralen Republikplatz waren dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Nun, fast 70 Jahre später, freuen sich die Pilsener, dass ihre Hauptkirche endlich wieder Glocken hat. Viele von ihnen haben das mit ihrer Spende erst ermöglicht.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Der erste Glockenklang ist noch in anderer Hinsicht besonders. Er läutet das europäische Kulturhauptstadtjahr ein. Plzen darf sich in diesem Jahr mit dem Titel schmücken, der seit 2001 immer an zwei Städte in der Europäischen Union vergeben wird. Diesmal sind die belgische Revierstadt Mons und Plzen an der Reihe.

Nachdem in den Anfangsjahren vor allem Hauptstädte den Titel trugen, konnten ihn zunehmend Orte erringen die kleiner sind, wie zuletzt das schwedische Umeå und das slowakische Košice oder Orte, die auf den ersten Blick nur wenige mit Kultur verbinden, wie vor Jahren das deutsche Essen.

Plzen ist eher wie Essen, wenn auch nicht im Strukturwandel begriffen. Es ist die viertgrößte Stadt Tschechiens und hier brummt die Wirtschaft schon seit 150 Jahren. Von wo aus einst ganz Europa mit Waffen versorgt wurde, werden nun Straßenbahnen, O-Busse und Lokomotiven produziert. Und natürlich Bier.

Doch als Kulturstadt hat Plzen noch aufzuholen. Nicht bei seinen Einwohnern. Die nutzen schon rege die zwei Mehrspartentheater, unzählige Festivals, Galerien und Museen und eine feine Klubszene. Doch wer in Deutschland weiß schon, dass die tschechische Puppenspieltradition von hier stammt? Die beiden berühmtesten Marionetten des Landes, Spejbl und Hurvinek, sind gebürtige Pilsener. Das gilt auch für den Trickfilmregisseur Jiri Trnka, dem gleich zwei Ausstellungen gewidmet sind.

Ein weiterer Höhepunkt ist ebenfalls mit einem unbekannten Pilsener verbunden. Im Mai wird die neben Berlin einzige Ausstellung in Europa mit Bildern von Gottfried Lindauer eröffnet. Lindauer wanderte nach Neuseeland aus und wurde mit Porträts der dortigen Maori-Indianer berühmt. Auf dem Programm stehen außerdem Cirque Nouveau, Smetana-Tage, Tanzfestival, Folklorefestival oder ein Jazzfestival.

Dass die Kultur viele Tausend Besucher lockt, gilt für die Organisatoren als sicher. Ihnen liegt aber noch etwas auf dem Herzen: Die Stadt und ihre Einwohner sollen weltoffener werden. Pilsener gelten nämlich als konservativ, wenn auch stolz. Den Stolz auf ihre Stadt sollen sie nun auf die Besucher übertragen. Deshalb wurden die Nachbarschaftsspaziergänge ins Leben gerufen. Diese von Pilsenern geführten Stadtrundgänge ermöglichen einen ganz privaten Blick auf die Stadt. Und dass die von ihnen gespendeten Glocken ausgerechnet erstmals zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs läuten, macht die Pilsener besonders stolz.

Steffen Neumann

Wenn Gott aber nicht hört …

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Kommunikation zwischen Mensch und Gott ist manchmal gestört: Beide reden aneinander vorbei

Ein schönes Wort: »Der Herr spricht: Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.« (Psalm 91,15) Aber zuweilen erfahre ich das ganz anders. Da habe ich den Eindruck: Gott ist taub. Ich bete und bete, aber er antwortet nicht. Dabei wird es höchste Zeit, dass er eingreift. Wir brauchen seine Hilfe. Dringend! Am liebsten würde ich meinen Schlüsselbund in den Himmel werfen, um ihn aufzuwecken.

Damit befinde ich mich in bester Gesellschaft mit Betern in der Bibel: »Wache auf, Herr! Warum schläfst du?« (Psalm 44,24)

Viele unserer Gebete scheinen ihn nicht zu erreichen. Er schweigt. Und ich verstehe ihn nicht. Mit Gott zu leben bedeutet auch, an ihm zu leiden.

Das gilt freilich umgekehrt ebenso: Auch Gott leidet darunter, dass wir ihn nicht verstehen. Er will uns ansprechen durch sein Wort – wir nehmen uns nicht die Zeit, darauf zu hören. Er überschüttet uns mit Gutem – und wir bemerken’s kaum, sind unzufrieden und missmutig. Er sieht, wie wir uns verrennen, versucht alles Mögliche, uns auf einen guten Weg zu leiten – aber wir sind blind und taub und rennen weiter mit Brett vorm Kopf und Scheuklappen. Jesus weint über Jerusalem, weil die Menschen nicht erkennen, was zum Frieden dient (Lukas 19,41-42). Viel Not auf dieser Erde entsteht daraus, dass Menschen nicht auf Gott hören wollen oder können.

Menschen leiden an Gott, Gott leidet an uns. Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, wir reden aneinander vorbei. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander.
Für uns beginnt das damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. »Gott, ich danke dir, dass du da bist.« Oder auch: »Gott, wo bist du? Wenn du überall bist, wie kommt es, dass ich so oft woanders bin?« Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, auf Gottes Nähe zu achten, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen. Dazu dient auch das Hören auf die Worte der Heiligen Schrift. So lernen wir ihn immer besser kennen.

»Menschen leiden an Gott, Gott leidet an uns. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander«

Dann merken wir womöglich: Wie gut, dass Gott auf meine Gebete oft anders reagiert als erhofft! Denn es gehört zu einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Oder: Er hat ja doch geantwortet, nur anders als ich dachte. Wir beginnen etwas zu ahnen von dem, was ihm am Herzen liegt. Unsere Gebete gleichen dann nicht mehr dem Quengeln kleiner Kinder, die nur ihren Willen durchsetzen wollen. Nach und nach werden wir zu erwachsenen Söhnen und Töchtern Gottes.

Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert leitet seit 2007 das Haus der Stille in Drübeck im Harz

Pfarrerin Dr. Brigitte Seifert leitet seit 2007 das Haus der Stille in Drübeck im Harz

Dazu gehört das Wissen um die Begrenztheit unseres Horizontes. Gottes Perspektive ist die Weite der himmlischen Welt. Was uns unerträglich lange erscheint, ist in seinen Augen nur eine winzige Zeitspanne. Trotzdem behält er jedes einzelne seiner Geschöpfe im Blick. Wir haben es ja alle schon erlebt: Manches ausweglos erscheinende Leid hat sich gewendet; in der Rückschau staunen wir über Gottes Güte.

Das hebt die Not der unerhörten Gebete nicht auf. Es kann sie aber einbetten in ein umfassenderes Vertrauen.

Sich üben im Hören aufeinander – das tut auch Gott! Er wurde Mensch wie wir. So weiß er, wie es sich anfühlt, im Stich gelassen zu werden, ohnmächtig zu sein, Schmerzen zu leiden. Nach Ostern hat er uns seinen Geist gesandt. Der wohnt in uns und versteht uns besser als wir uns selbst verstehen. Er weint mit uns, er kämpft mit uns, er freut sich mit uns. Alle unsere Anliegen trägt er in die himmlische Welt.

Paulus schreibt, der Geist vertritt uns bei Gott mit unaussprechlichem Seufzen (Römer 8,26). Unsere Probleme bringt er zum ewigen Gott – und von ihm bringt er uns himmlische Hilfe. Wir merken das vielleicht an einer Idee, die uns plötzlich kommt: »Ja, so könnte es gehen.« Unseren Kummer trägt er zum Herrn der Welt – und bringt himmlischen Trost in unser Herz. Wo wir vorher alles nur düster gesehen haben, ist auf einmal ein Lied oder ein stärkendes Wort in uns. Das schafft der Heilige Geist. Immer wieder. Selbst da, wo wir keine Worte finden. Ein Seufzer genügt. Seufzen ist ja Ausatmen. Ausatmen – zu Gott hin –, was uns beschwert.

Und dann einatmen: Hoffnung einatmen, die der Geist uns schenkt. Trost einatmen, der von Gott kommt. Gewissheit einatmen: Alles wird gut, weil Gott es gut machen wird. »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.« (Römer 8,28) Auch wenn wir längst nicht alles verstehen und wenn es noch viel Grund zum Seufzen gibt.

Brigitte Seifert

Bestellt und nicht bezahlt

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur und Geld: Warum die traditionsreiche Potsdamer Orgelbaufirma Schuke in wirtschaftliche Schieflage geraten ist

Ihre Meisterwerke erklingen auch in vielen Kirchen Mitteldeutschlands. Doch derzeit ist das bekannte Orgelbauunternehmen Schuke in akuten finanziellen Nöten.

Vor fast 200 Jahren wurde der Grundstein für den Orgelbauer Schuke gelegt: 1820 gründete Gottlieb Heise sein Unternehmen in Potsdam, damals Hochburg der Orgelfertigung. 1848 übernahm die Familie Gesell, 1898 Alexander Schuke die Firma. Wer will sagen, wie oft in dieser langen Zeit wirtschaftliche Probleme den Betrieb belasteten? In der DDR wurde er 1972 als »VEB Potsdamer Schuke-Orgelbau« verstaatlicht, bevor Matthias Schuke, seit 1974 dort tätig, das Traditionsunternehmen nach der Wende 1990 reprivatisierte.

Die Geschäfte liefen bald gut. Eine Expansion war auf dem alten Gelände im Potsdamer Holländischen Viertel nicht möglich und so wurden 2004 Fläche und Mitarbeiterstamm im Nachbarort Werder/Havel erweitert. Große Instrumente wie im Königsberger Dom entstanden, Schuke baute in Europa und von Mexiko bis Taiwan. In diese erfolgreiche Entwicklung will es so gar nicht passen, dass momentan der Insolvenzverwalter bei Schuke das Sagen hat. Seit Kurzem ist es Anwalt Christian Graf Brockdorffs Aufgabe, die wirtschaftliche Schieflage der Firma wirksam und schnell zu beseitigen.

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

»Wir hoffen, schon in wenigen Monaten wieder auf eigenen Füßen zu stehen«, sagt Firmeninhaber und Geschäftsführer Matthias Schuke. In die Situation ist sein Unternehmen gekommen, weil zwei ausländische Kunden ihre Ware nicht vollständig bezahlt haben. Die Außenstände sind nicht riesig – 400 000 Euro – doch bei einer Firma dieser Größe rütteln sie an den Grundfesten.

Dass so etwas passierte, war nicht absehbar, obwohl Matthias Schuke die Schuld auch bei sich sucht. Natürlich hat er vor der Vertragsschließung mehrfach mit beiden Kunden – den Vertretern der Philharmonie Charkiw/Charkow in der Ukraine sowie einem privaten Investor für ein Hotel in der Nähe von Moskau – gesprochen. Vertrauen sei die wichtigste Basis in diesem Geschäft, meint Schuke. Und das sei dagewesen, sonst hätte er die Aufträge nicht übernommen.

Wie üblich haben beide Kunden eine Vorauszahlung und später eine erste Anzahlung geleistet. Die 21 Mitarbeiter in Werder, unter ihnen eine Frau und ein Lehrling, haben daraufhin sorgfältig und fleißig gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde die große viermanualige Konzertorgel für die Philharmonie in Charkiw fertig, eine knappe Million Euro waren bis dahin bezahlt. Sie wurde in die Ukraine transportiert und bis zur Restzahlung eingelagert.

Die Königin der Instrumente schläft seitdem ihren Dornröschenschlaf, ein dortiger Orgelsachverständiger kontrolliert regelmäßig vor Ort Temperatur und Luftfeuchte. Sowie die ausstehenden 100 000 Euro überwiesen werden, können die Experten von Schuke die Orgel aufbauen und intonieren. Doch Charkiw ist zurzeit Krisen- und Kriegsgebiet, niemand weiß, wann in der 1,4 Millionen-Einwohner-Stadt wieder Kunst und Kultur wichtig sind.

Bei Schukes zweitem Sorgenkind wurde dem russischen Investor eines großen Hotelneubaus laut dessen Aussage der Kredithahn gesperrt. So ruht nicht nur der Bau, sondern auch die Arbeit an der Orgel dafür. Die befindet sich jedoch noch in Werder. Matthias Schuke sagt, dass sie, lichtgeschützt gelagert, um dem wertvollen Furnier nicht zu schaden, auch demontiert und anderweitig verkauft werden kann, wenn die 300 000 Euro Restzahlung ausbleiben.

In der Orgelbaufirma wird derzeit normal gearbeitet, obwohl die Belegschaft natürlich nervös ist. Nun ist es an ihnen, so viele zusätzliche Aufträge für Neu- und Umbauten, Reinigungen oder Sanierungen von Orgeln zu bekommen, dass das nicht gezahlte Geld kompensiert wird. Der Insolvenzverwalter will den Betrieb 100-prozentig weiterführen. Doch auch er kann keine Schulden im Nicht-EU-Ausland eintreiben, und staatliche Hilfsprogramme greifen erst, wenn eine Firma pleite ist.

Doch dazu soll es nicht kommen. Vielmehr akquiriert er Banken und Leasingfirmen, die Zwischenfinanzierungen für mögliche Kunden übernehmen, seien es Kirchengemeinden oder andere Träger. Solidarität erfährt die Firma auch aus der eigenen Heimatregion. »Die Pfingstgemeinde in Potsdam und der Fürstenwalder Dom haben Bauabschnitte vorzeitig bei uns beauftragt«, sagt Matthias Schuke sichtlich bewegt.

Was ihn in diesen Tagen nachdenklich macht, ist die Sache mit der Menschenkenntnis. Auf seine hat er sich bei seinen Vertragspartnern immer verlassen und ist gut gefahren. »In Zukunft werden wir mehr Sicherheiten verlangen müssen«, sagt er fast bedauernd. Er ist ein Fachmann, Christ, Vater dreier Kinder, dessen Sohn Michael sich zurzeit beim Meisterstudium auf eine Betriebsübernahme vorbereitet. Aber er muss auch Geschäftsmann sein. Manchmal, so scheint es, mehr als ihm lieb ist. Er und seine Belegschaft jedenfalls wollen um jeden Auftrag kämpfen, um so schnell wie möglich die finanziellen Probleme zu überwinden.

Andrea von Fournier

Versöhnung auf Sansibarisch

7. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Sansibar: Auf der alten Sklavenhalterinsel im Indischen Ozean sind Herrnhuter Christen aktiv


Christen sind auf der Gewürzinsel Sansibar eine Minderheit. 90 Prozent der Bevölkerung ist muslimisch.

Irgendjemand baut hier etwas an. Süßkartoffeln, Mangos und Bananen gedeihen gut auf dem fruchtbaren Acker. Doch um wen es sich bei dem fleißigen Bodenbesteller handelt, wissen die Mitglieder der kleinen Gemeinde der Moravian Church, wie die Herrnhuter Brüdergemeine in Tansania genannt wird, nicht genau. Den Flecken Erde von rund 12000 Quadratmetern auf der Insel Sansibar haben die frischgebackenen Landbesitzer zwar bezahlt und auch die dazugehörigen Grundstücksunterlagen erhalten, doch machen können sie hier noch nichts. Außerdem ist der wichtigste Zeuge für den Verkauf – der vorherige Besitzer – verschwunden, weil er wahrscheinlich Angst vor einigen muslimischen Landsleuten hat, die nicht möchten, dass sich hier Christen ansiedeln. Die Frage, welche Kräfte hier fleißig hacken und pflanzen, lässt sich so einfach beantworten. Grund dafür ist auch, dass die Herrnhuter Christen auf dem Feld demnächst eine Kirche bauen wollen. Das haben die Muslime mitbekommen und pflanzen Nahrungsmittel an, um den Bau zu verhindern.

Gemeindemitglieder vor der Ruine der anglikanischen Kirche, die die Moravians auf Sansibar jetzt nutzen. – Foto: Andreas Herrmann

Gemeindemitglieder vor der Ruine der anglikanischen Kirche, die die Moravians auf Sansibar jetzt nutzen. – Foto: Andreas Herrmann

Entschieden werden soll der Fall demnächst vor dem Gerichtshof in Sansibar. Der Anwalt für diesen Prozess wird rund 1000 Euro kosten. Für die kleine sansibarische Gemeinde eine riesige Summe und der Ausgang des Prozesses könnte ungewiss sein. In der sansibarischen Verwaltung dominieren Muslime. Doch eine kleine und einfache Kirche möchte die Gemeinde schon, denn bisher finden Gottesdienste in der Ruine eines aufgegebenen anglikanischen Gotteshauses statt, dessen Rekonstruierung die Möglichkeiten der Gemeinde übersteigt und anderes Land haben sie nicht.

Auf der Gewürzinsel Sansibar mit ihrer fruchtbaren Natur gibt es wenig Grund und Boden, den man erwerben kann. Er ist teuer und Christen haben Schwierigkeiten überhaupt etwas zu bekommen, sagt Pfarrer Osiah Siwelwe von den Moravians, der auch einige Mitglieder auf der Nachbarinsel Pemba mit ausgedehnten Nelkenplantagen betreut.

Bei 90 Prozent muslimischer Bevölkerung wird den Christen auf der Insel, zu denen Anglikaner, Katholiken und Pfingstler gehören, auch kaum die Möglichkeit eingeräumt, Regierungsland zu erwerben. Solche Diskriminierung hat auch historische Ursachen, denn Sansibar war bis zum Verbot im Jahr 1875 eine Drehscheibe des arabischen Sklavenhandels in Ostafrika, der illegal bis in das 20. Jahrhundert weiterging. Die Haltung von Sklaven, insbesondere in privaten Haushalten, wurde im britischen Protektorat Sansibar erst 1897 abgeschafft. Die afrikanische Bevölkerung Sansibars besteht überwiegend aus Nachfahren ehemaliger Sklaven. Ein Teil davon wandte sich wegen der bitteren Erfahrungen mit den arabischen Sklavenhändlern dann dem Christentum zu.

Diesem Schatten der Vergangenheit möchten die rund 150 Herrnhuter Christen auf Sansibar neben ihrer Kirche noch etwas anderes entgegensetzen. Sie unterhalten hier seit 2013 einen Kindergarten für Mädchen und Jungen aus christlichen und muslimischen Familien. Er liegt etwas außerhalb, knapp 30 Minuten vom arabisch geprägten Stonetown – wohin es auch die Touristen aus aller Welt zieht – entfernt. Man fährt bis zu einer Polizeistation im Ort Kijito Upele und von dem dort abbiegenden Pfad sind es nur wenige hundert Meter bis zu den von einer hohen, orange gestrichenen Mauer umgebenen Gebäuden mit zwei Räumen für die Kinder. Damit daraus vielleicht später einmal eine Schule wird, bräuchte es vier bis fünf Klassenzimmer, um eine Anerkennung vom Bildungsministerium zu bekommen. Doch das ist noch Zukunftsmusik für die Herrnhuter Sansibaris, ebenso wie ein kleines Gästehaus vielleicht für Lehreraustausch oder Besucher aus Europa mit nicht ganz so dickem Geldbeutel.

Die Eltern müssen für den Besuch pro Kind und Jahr etwa 60 Euro entrichten. Das ist viel Geld. Ein Fahrer bringt in einem Kleinbus einen Teil der Kinder für umgerechnet 18 Euro pro Kind und Monat zum Kindergarten. Doch der komplette Betrag kann nicht aufgebracht werden und es fehlt an ausreichendem Unterrichtsmaterial für alle. Das sei ein Problem, das aufgeklärte Muslime und Christen hier gemeinsam haben.

Deshalb stehen für sie Soziales und religiöse Gleichberechtigung gleichermaßen auf der Tagesordnung, sagt Ruth Loice, die aus Kenia stammende und perfekt Englisch sprechende Leiterin der Einrichtung. Sie ist Christin, ihre Kollegin Asya Hassan Ali hat ein muslimisches Lehrerkolleg besucht und meint, dass dies bei den Kindern aber keinen Unterschied mache.

Wichtig sei gute Nachbarschaft und auch ihre Familie akzeptiere die Tätigkeit in dem interreligiösen Kindergarten, der auch von Deutschland aus über Mittel der Herrnhuter Missionshilfe mitfinanziert wird.

Andreas Herrmann

Festhalten für die Ewigkeit

6. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Historische Chorbücher werden digitalisiert

Gegen diese Giganten wirken selbst dickleibige Romane wie Zwerge. Rund 40 Kilogramm sind sie schwer und rund 70 mal 50 Zentimeter groß – acht Chorbücher aus dem 15. Jahrhundert der Vereinigten Domstifter zu Naumburg und Merseburg und des Kollegiatstifts Zeitz. Selbst Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig, flössen die Schwergewichte Respekt ein: »Solche liturgischen Handschriften gibt es nur noch an ganz wenigen Orten. Und es ist sehr selten, dass an einer Stelle so viele erhalten geblieben sind.« Im Handschriftenzentrum werden die Prachtbände derzeit digitalisiert.

Mit der Digitalisierung soll der Zauber der Buchkunst verewigt werden. – Foto: Torsten Biel

Mit der Digitalisierung soll der Zauber der Buchkunst verewigt werden. – Foto: Torsten Biel

Die Vorarbeit leisteten Experten der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, die ein spezielles Verfahren und eine entsprechende Konstruktion entwickelt haben, um zu Beginn anderthalb Bände für die Ewigkeit festzuhalten. Die Technik wurde nachfolgend von Thüringen nach Sachsen gereicht. Mit Hilfe einer Kamera werden nun in Leipzig Zeile für Zeile und Seite um Seite die lateinischen Texte und prachtvollen Illustrationen der restlichen Bände aufgenommen. Die erreichte Auflösung betrage rund 350 dpi, eine Seite benötige rund 100 MB Speicherplatz, erläutert Mackert. Mit der Digitalisierung gehe der Zauber mittelalterlicher Buchkunst indes nicht verloren, meint der Leiter des Handschriftenzentrums: »Das virtuelle Objekt folgt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.« Neben der Digitalisierung steht in Leipzig zudem die Erschließung der monumentalen Werke im Mittelpunkt. Beides war Thema eines fächerübergreifenden Kolloquiums in Naumburg. Die Wissenschaftler gehen auf Spurensuche, ermitteln unter anderem, wie viele Schreiber und Maler einst an den Werken gearbeitet haben. »Wir betreiben Grundlagenforschung. Die Bände sind einzigartig und ein Zeitfenster in das Mittelalter«, so Mackert.

Das Projekt geht einher mit einer weiteren Initiative der Domstifter in Kooperation mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Derzeit wird der Bestand der Stiftung aus den Bibliotheken und Archiven der drei Standorte Naumburg, Merseburg und Zeitz in die Online-Datenbank Korax eingepflegt. Ein kleiner Teil des Bestandes ist dort bereits einsehbar. »In den kommenden Jahren werden wir weiter daran arbeiten«, sagt Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Domstiftsarchivs in Naumburg.

Der Mammutbestand umfasst rund 100000 Bände und 100000 weitere Archivalien. Künftiges Ziel soll es sein, die vollständigen historischen sowie neuzeitlichen Buch- und Archivbestände sowie die Kunstsammlungen der Domstifter zugänglich zu machen. Das Online-Archiv geht dabei über die Angabe wichtiger Daten wie das Jahr der Entstehung, den Ort der Aufbewahrung oder die Signatur hinaus.

In einigen Bänden können Leser wie von Zauberhand blättern, so bereits in einem jener spätmittelalterlichen Chorbücher.

Constanze Matthes

»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«

3. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das neue Jahr beginnt mit einem Feuerwerk, die Bibel mit der Schöpfung – Anfänge in der Heiligen Schrift

Was für ein grandioser Einstieg in das Buch der Bücher! Nicht ein märchenhaft eingeleiteter Rückblick à la »Es war einmal«, sondern ein fulminantes Bekenntnis dazu, dass niemand anderes als Gott Schöpfer der Welt ist. Am Anfang erschafft er »Himmel und Erde«, dann geht’s Tag auf Tag. Gott erschafft in den ersten sieben Tagen alles, was auf der Erde ist, und »sah, dass es gut war«. Mit der Zeit entpuppte sich die Schöpfung jedoch als ziemlich störanfällig, denn die Letztgeschaffenen – die Menschen – verhielten sich nicht wie gewünscht. Zur Strafe müssen sie einen neuen Anfang machen, außerhalb des Gartens Eden. Der weise Jesus Sirach erzählt die Schöpfungsgeschichte nach und behauptet, Gott habe seinen Geschöpfen von ihrem »Ursprung an ihre Bestimmung« gegeben und »für immer geordnet, was sie tun« (1. Mose 1, Sirach 16,25).

Der Anfang vor dem Anfang

Eigentlich gibt’s vor einem Anfang nichts, oder? Wer so fragt, unterschätzt die Spitzfindigkeit von Theologen. Sie fragen zu Recht: Wenn Gott die Welt erschaffen hat, gab es ihn vor dem Anfang der Welt. Aber wann war dann der Anfang Gottes? Wieso gibt es ihn, wie ist er entstanden? Er kann nicht entstanden sein, antworten die Gelehrten, denn er ist ja der Schöpfer, er war vor allen Zeiten und Anfängen da. Die christliche Theologie erweitert den Gedanken: Wenn Christus nicht nur Mensch, sondern auch wahrer Gott ist – dann muss er vor dem Anfang der Welt schon existiert haben. »Präexistenz« lautet das Fachwort für diese Unglaublichkeit. Am Beginn des Johannesevangeliums wird diese Theorie beschrieben: »Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort«, heißt es da. Wobei der Begriff »Wort« (griechisch: »logos«) ein Synonym für Christus ist (Johannes 1,1-18, Sirach 24,12-14).

Winterland – Ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat und die Augen des Herrn, deines Gottes, immerdar sehen vom Anfang des Jahres bis an sein Ende. (5. Mose 11,12) – Foto: Petair/fotolia.com

Winterland – Ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat und die Augen des Herrn, deines Gottes, immerdar sehen vom Anfang des Jahres bis an sein Ende. (5. Mose 11,12) – Foto: Petair/fotolia.com

Der Anfang von Multikulti

Warum gibt es verschiedene Völker und Sprachen? Im ersten Buch der Bibel findet sich auch dafür eine erklärende Geschichte. Die Menschen von Babel wollten eine neue Stadt bauen, dazu einen gigantischen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht. Gott schaute sich das Treiben auf der Baustelle an und dachte nach: Würde den Menschen dieses Vorhaben gelingen, wäre das der Anfang vom Ende: Die Menschen könnten übermütig, gar größenwahnsinnig werden. Was tun? Statt den Bau zu zerstören, »verwirrte« Gott die Sprache der Menschen, sodass sie sich nicht mehr verstanden, und zerstreute sie in viele Länder, »dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen«. Auf diese Weise entstanden die Kulturen dieser Welt (1. Mose 11,1-9, Sprüche 16,18).

Auch die Weisheit nimmt für sich in Anspruch, schon vor dem Anfang der Welt existiert zu haben. »Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her«, sagt sie, »ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war«. Die Weisheit bezeichnet sich sogar als »Liebling« Gottes, »ich war seine Lust täglich«. Für Menschen gibt es eine unerlässliche Voraussetzung, um in den Genuss der Weisheit zu kommen: Sie müssen Gott fürchten (Psalm 111,?10, Sprüche 1,7).

Was steht am Anfang aller Laster? Müßiggang, sagt der Volksmund. Der »Sündenfall«, sagt die Bibel: jene Situation, in der eine Schlange Eva erfolgreich dazu aufforderte, gegen Gottes Gebot zu verstoßen. »Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau«, erklärt Sirach, »und um ihretwillen müssen wir alle sterben.« Aus diesen Gedanken hat sich eine Jahrtausende währende unselige Skepsis gegenüber der weiblichen Urteilsfähigkeit entwickelt, an deren Ende Eva zur »Mutter der Sünde« stilisiert wurde. In der restlichen Bibel spielt diese theologische Abwertung der Frau keine große Rolle. Da wird eher der Glaube an falsche Götter zur Wurzel des Verderbens: »Den namenlosen Götzen zu dienen, das ist Anfang, Ursache und Ende alles Bösen« (1. Mose 3, Sirach 25,32, Weisheit 14,12).

Einmal erklärt Jesus seinen Jüngern, welche Zeichen das Ende der Welt einläuten. »Es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere«, sagt er und prophezeit Erdbeben und Hungersnöte, Ungerechtigkeit und »falsche Propheten«. Genug Stoff für heutige Untergangsprediger, um Naturkatastrophen und Kriege als Zeichen der Endzeit zu deuten (Markus 13).

Der Anfang vom Ende der Welt

Das Neue Testament ist in griechischer Sprache verfasst – und in dieser beginnt das Alphabet mit A(lpha) und endet mit O(mega). Dem Seher Johannes nach bezeichnet Gott selbst sich so, um zu zeigen: Er umfasst Anfang bis zum Ende der Schöpfung, das Erste bis zum Letzten – einfach alles! Nicht nur das: Gott »sieht alles vom Anfang der Welt bis ans Ende der Welt« (Sirach 39,25, Offenbarung 21,6).

Uwe Birnstein