Europas Mitte liegt im Baltikum

31. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Ab ersten Januar gehört Litauen zur Euro-Zone – in der Hauptstadt Vilnius treffen die Gegensätze aufeinander


Zum 1. Januar 2015 löst in Litauen der Euro den Litas als offizielles Zahlungsmittel ab. Damit rückt die Balten-Republik noch näher an Europa. Geografisch hat es das Land längst geschafft.

Nur sechs Kilometer von der Landeshauptstadt Vilnius entfernt liegt das geografische Zentrum Europas, wie es französische Wissenschaftler erst 1989 berechnet haben. Mit der Unabhängigkeit des Staates löste 1990 die Marktwirtschaft endgültig die Planwirtschaft ab und seit 2004 gehört das Land zur EU.

Auf der Suche nach einem neuen Job wanderten inzwischen vor allem junge Leute ins Ausland ab, sodass die Einwohnerzahl des Landes auf heute knapp unter drei Millionen schrumpfte. Ein Großteil lebt in der Hauptstadt Vilnius, die ältere Deutsche noch unter dem Namen Wilna kennen und die in Sowjetzeiten Wilnjus hieß. Seit 1994 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe.

Gehört seit 1994 zum Weltkulturerbe: Die zauberhafte Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt der baltischen Republik Litauen. – Foto: Wolfgang Wirt

Gehört seit 1994 zum Weltkulturerbe: Die zauberhafte Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt der baltischen Republik Litauen. – Foto: Wolfgang Wirt

Wolkenkratzer stehen hier neben gotischen Kirchen, Fast-Food-Buden neben Gourmet-Restaurants, Straßenhändler neben modernsten Einkaufszentren, Stripteaseläden neben Beichtstühlen: Vilnius ist eine Stadt der Gegensätze. Tradition und Moderne gehören hier zusammen, manchmal gar neu miteinander verschmolzen wie in Gestalt des neuen Großfürstenpalastes am Kathedralenplatz, wo man einen alten Renaissancebau komplett rekonstruierte.

Oft liegen alte und neue Zeit nur ein paar Schritte auseinander. So wie am »Tor der Morgenröte«, dem weltbekannten Pilgerziel, wo eine alte Frau mit buntem Kopftuch auf Knien die steile Treppe zur wundertätigen Madonna emporrutscht. Eine von vielen Tausend Wallfahrern, die hier Jahr für Jahr Station machen. Nur ein paar Meter weiter aber feiern Jugendliche feucht-fröhliche Party.

Kreuz und quer führen kleine Gassen durch das Häusergewirr der Altstadt. Pilies heißt die älteste, auf der einst Könige, päpstliche und weltliche Diplomaten Richtung Polen und Russland reisten. Mit öffentlichen und privaten Geldern, vor allem aber mit Subventionen aus den Kassen der Europäischen Union, wurde die Altstadt in den letzten Jahren herausgeputzt.

Blickfang der Stadt ist der weithin sichtbare Burgberg, von dem man den schönsten Blick auf die Altstadt hat. Richtung Norden sieht man die neue Stadt mit ihren Hochhäusern, Einkaufszentren und dem gigantischen Rathaus, einem Wolkenkratzer aus Stahl und Glas. Hier ist das Vilnius der Zukunft, in dem die Gelder großer Immobilienfonds stecken. Nur ein paar Schritte weiter aber holt den Besucher wieder die Vergangenheit ein, toben Kinder im Vorstadtdreck, wohnt man in kleinen Holzhäusern statt in schicken Eigentumswohnungen.

Sieben Tage die Woche lädt Vilnius zum Shoppen in kleinen Boutiquen und großen Ladengalerien ein. Einige haben gar rund um die Uhr geöffnet. Vorbei sind die Zeiten, als das Angebot klein und die Einkaufszeiten eingeschränkt waren. Und längst Vergangenheit sind die Zeiten, als sozialistische Einheitskost die Gastronomie bestimmte. Heute geben Köche unterschiedlichster Herkunft den kulinarischen Ton im Land an, findet sich auf den Speisekarten Exotisches aus aller Welt neben litauischer Hausmannskost. Ganz oben auf allen Speiseplänen rangieren dabei Kartoffeln.

Vilnius ist eine stolze Stadt. In gut zwei Jahrzehnten ist aus der einstigen Sowjet-Siedlung eine weltstädtische Metropole geworden. Statistisch machen die Litauer nur gut die Hälfte der Einwohner aus. Polen und Russen haben in Vilnius noch immer einen gewichtigen Anteil an der Bevölkerung. Daneben prägen Weißrussen und Juden das Bild, auch wenn 90 Prozent der einst zahlreichen jüdischen Bevölkerung durch die nationalsozialistischen Eroberer ermordet wurden. Rund 80 Prozent der Litauer bekennen sich heute zur Katholischen Kirche in Litauen. Daneben bezeichnen sich vier Prozent als orthodox und 1,9 Prozent als evangelisch-lutherisch. Auf Besucher wirkt Litauisch, die heute in der Stadt dominierende Sprache, oft seltsam. Sprachprobleme gibt es trotzdem kaum. Denn die Jüngeren sprechen fast alle Englisch, das heute in den Schulen in der Regel erste Fremdsprache ist. Russisch spielt kaum noch eine Rolle.

Waren früher Großfamilien die Regel, in denen mehrere Generationen unter einem Dach lebten, hat sich in Litauen die Kleinfamilie durchgesetzt. Die Struktur einer modernen Großstadt spiegelt sich auch im Einkommen wider. So liegen die Gehälter in der Hauptstadt zu einem guten Teil über denen im übrigen Land. Auf der anderen Seite leben immer mehr Menschen, Statistiker sprechen bereits von jedem Fünften, am Rande des Existenzminimums. Alte vor allem, deren Rente zu klein ist und die zu stolz oder unwissend sind, staatliche Hilfe anzunehmen. In der Großstadt Vilnius fallen sie mehr als in den Dörfern auf, in denen sie mit Hilfe von Verwandten oder einem kleinen, eigenen Gärtchen, das den Sommer über frisches Gemüse liefert, noch einigermaßen über die Runden kommen. In der Landeshauptstadt aber sind die wirklich Armen ständig sichtbar, wenn sie auf der Suche nach Essbarem oder sonst verwertbaren Abfällen die Mülltonnen durchsuchen.

Wolfgang Wirt

Beschenkt

26. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur-51-2014Eine Woche vor Weihnachten. Es regnete. Beinahe unentwegt schütteten dunkle Wolken ihre Nässe herunter. Sicher wollten sie Raum schaffen für »weiße Weihnacht«.

Heute hatte die 47-jährige Renate bis zum Abend Dienst. Die privaten kleinen Pflichten mussten also ausfallen. Sie sprintete zum Briefkasten auf die gegenüberliegende Straßenseite. Neben zwei üblichen Weihnachtskarten entnahm sie einen Schlüssel für die Paketanlage in der Querstraße. Fach Nr. 71. Irgendjemand hatte ihr einen dickeren Gruß zugedacht. Sicher unter der Beschriftung: »Geschenksendung. Keine Handelsware!« (So waren Westpakete im Allgemeinen gekennzeichnet.) Diesen wertvollen Schlüssel steckte sie in die Brieftasche mit den Adressen ihrer Schreibfreunde. Abends würde sie gleich auf das Paketfach zusteuern. Sie war gespannt.

Mit zwei Beuteltaschen am Arm eilte sie in ihre Dienststelle. Die Arbeitsstunden waren – wie fast immer – abwechslungsreich. Heute gab es noch eine zusätzliche Besonderheit. – Vor einigen Monaten hatte sie einer Kundin Geld geliehen – etwa in Höhe ihres damaligen Monatslohns (260 Mark). Es muss ja wohl ein dringender Grund vorgelegen haben. Als die Schuldnerin danach nicht wiederkam, hatte sie dieses Geld in den Wind geschrieben. Doch heute hatte diese Frau sie überrascht – trotz des unliebsamen Wetters. »Weihnachten steht vor der Tür«, hatte sie gesagt, »da werden Sie Ihr Geld brauchen.« Na, und ob – hatte Renate bei sich gedacht. Die Menschen sind doch besser, als man manchmal befürchtet, das hatte sie auch gedacht. Sie war dankbar.

Als sie ihren Nachhauseweg antrat, war es schon dunkel. Der Regen prasselte auf sie ein. Sie fingerte an ihrem Schirm. Der klemmte mal wieder. Beim Aufspannen hatte sie nicht wahrgenommen, dass ihr der blaue Beutel vom Arm gerutscht war, der mit dem teuren Inhalt und mit dem Westpaketschlüssel. Erst nach mehreren eiligen Schritten entdeckte sie dieses Malheur. Es durchfuhr sie an Leib und Seele. Sofort kehrte sie um. Meter um Meter suchte sie den Gehsteig ab. Nichts. Nichts zu sehen, noch zu finden. Wie war so etwas denn möglich? Sie war sehr erregt. Brieftasche, Ausweis, Portemonnaie, Geld … samt dem Schlüssel Nr. 71. … alles weg …

Dieser Mensch weiß jetzt eine Menge von mir, ging es ihr durch den Kopf; und ich von ihm? … rein gar nichts … Allerdings … an der Paketanlage müsste sie ihn ja abfangen können. Dass ein Dieb ihrem Laufschritt zuvorkommen könnte, konnte sie sich nicht vorstellen. Schon stand sie in der Querstraße vor dem Fach Nr. 71 … Es verschlug ihr die Sprache. Da steckte ihr Schlüssel. Das Fach war leer.

In der darauffolgenden Woche hatte sie viel zu bedenken, viele Wege: Nachforschungen über den Paketabsender, Postbehörden, Polizei. Ohne Ausweis konnte sie den Ort ja gar nicht verlassen … Wie eine ausgeplünderte Kirchenmaus kam sie sich vor. Hätte die Schuldnerin ihr wenigstens das Geld noch nicht zurückgebracht! … Wie sollte sie fertigwerden mit ihrer Aufgeregtheit? Schließlich gelang es ihr, indem sie am laufenden Band sich selbst predigte: »Jesus ist auch für Halunken geboren.«

24. Dezember 1979: Am frühen Nachmittag war ihr das berührende »Holzkistenerlebnis« beschert worden, von dem sie später manchmal erzählt hat. Mitten in der warm geheizten Stube hat ihr schönstes Weihnachtsgeschenk seinen Ehrenplatz gefunden.

Bis 1995 hatte sie noch Ofenheizung. Die Kohlen aber zur Glut zu bringen, das war täglich eine mühsame Aktion. Nun hatte für sie in den vorweihnachtlichen Tagen ein Konfirmand überraschenderweise Holz gehauen. Er hatte die Splitter für sie in eine Kiste geschichtet als Feueranmachhilfe. Da stand der stämmige große Junge in ihrem Türrahmen: »Ich spiele heute im Krippenspiel einen Weisen aus dem Morgenland«, hatte er gesagt. »Die Weisen bringen doch Geschenke mit. Meins kann ich nicht in die Kirche tragen. Darum bringe ich es Ihnen.« Ja, wirklich, das war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk.

Am späten Nachmittag machte sie sich auf in die Kirche zu besagtem Krippenspiel. Die lästigen Regengüsse hatten inzwischen aufgehört. Echter Winter-Weihnachts-Schnee hatte sich auf Häuser und Straßen gelegt. »Weiße Weihnacht!« Renate freute sich auf den stillen Heiligen Abend in ihrer Eremitage. Aber … Es kam wieder einmal alles ganz anders. Auf dem Heimweg kam nämlich ein eifriger Kirchgänger auf sie zu. »Darf ich Sie nach Hause begleiten?«, fragte er. Das war ihr allerdings gar nicht recht. Doch einfach nur Nein sagen, das ging an so einem Abend wohl auch nicht. Darum antwortete sie: »Wenn Sie bis vor meine Haustür mitkommen wollen, können wir uns bis dorthin ja noch ein wenig unterhalten.« Zu zweit bogen sie gerade in die nächste Straße ein, als sich ihnen aus dem Dunkel ein fremder junger Mann näherte. Der fragte sie, ob sie wüssten, wo man hier Zigaretten kaufen könnte. »Die Geschäfte sind heute alle schon geschlossen«, gab sie Auskunft, als ihr einfiel, dass der Familienvater, vor dessen Haus sie sich befanden, vielleicht aushelfen könnte. Sie klingelte an der Haustür. Der Hausherr sah sie zwar recht befremdlich an, doch dann reichte er ihr eine angebrochene Schachtel mit »Westzigaretten«. »Es kostet nichts«, meinte er, »heute ist ja Weihnachten.« Der Weihnachtswunsch des Unbekannten war erfüllt worden.

Da standen sie nun zu dritt auf der Straße im Schnee. Was nun? »Meine Wirtin erlaubt es nicht, dass ich Gäste mitbringe«, sagte der Erste. Der Raucher erklärte: »Na ja, ich gehe in meine Bude, leg mich ins Bett und rauche.«

Alles Mögliche und Unmögliche wirbelte der alleinlebenden Frau durch Herz und Hirn … Die ganze aufregende Woche hindurch hatte sie gesagt: »Jesus ist auch für Halunken geboren.« Wenn sie nun vielleicht wirklich vor ihr stehen? … Sie gab sich einen inneren Ruck. »Wenn Sie mögen, lade ich Sie beide zu einem schlichten Abendessen zu mir ein.« Ja, sie mochten. Ihren Verstand aber hatte sie noch nicht ganz abgegeben. Als sie das Haus betraten, schickte Renate die beiden Geladenen voraus. Sie wolle die Familie im Parterre informieren. Der Vater schüttelte zweifelnd den Kopf. »Sie sind aber auch eine …« Eine was? Das hatte er verschluckt.

Ihre Wohnung lag unter dem Dach. Direkt vom Hausflur aus kam man in die Wohnstube. Der Jüngere stolperte beinahe gleich über die Holzkiste. »Was ist denn das?« So waren sie also bei den orientalischen Weisen und ihren Geschenken angekommen. »Ich bin bestohlen worden«, erzählte Renate, »und ich bin beschenkt worden.« Die Männer schienen etwas betreten zu sein, darum sagte sie jetzt: »Das Wenige, das ich im Kühlschrank habe, teilen wir. Beim ersten Weihnachten in Bethlehem haben sie sicher auch nur das Nötigste gehabt.«

Tee und Zucker kam auf den kleinen Tisch. Brot, Butter, Käse, etwas Wurst, einige Apfelscheiben, saure Gurkenstücke … Fehlt etwas? Ach ja, die Weihnachtskerze. Wie schön. Ihr Schein beleuchtete die Gesichter der drei Beschenkten. Am Hals des jungen Mannes mit den schwarzen Haaren flatterte ein Schmetterling – tätowiert – was damals noch selten so offen zu sehen war. Renate starrte auf dieses eingebrannte Zeichen. »Aus dem Knast … ein Jahr … missglückte DDR-Flucht«, gestand er. Hm, ja, sie wussten, wo sie lebten.

Im Laufe des Tri-Gespräches rückte der eifrige Kirchgänger damit heraus, dass er auch mal ein Jahr im Gefängnis war. Unterschlagung im Betrieb. Dass er sich nicht in seine Unschuld hineingelogen hat, brache ihm Renates Respekt ein. Sie schwiegen miteinander.

Der Schmetterlingsträger fragte, ob er rauchen dürfe. In warmer Zufriedenheit schaute er in den Tabaknebelstreifen. »Wie kommt es nur, dass ich heute hier sitze?« – »Weil heute Weihnachten ist«, sagte Renate. Was sollte sie auch sonst sagen? »Und welchen Wunsch haben Sie für diesen Abend?«, fragte sie den anderen Gast. Er wünschte sich 15 Minuten Fernsehnachrichten. Damals hatte sie noch den Fernseher ihres Vaters, und mit der einfachen Zimmerantenne kriegte sie DDR-II herein. »Mauerblümchenwelt«. Aber immerhin … Schließlich äußerte sie als Dritte ihren Weihnachtswunsch. Der fast abgedankte Plattenspieler funktionierte noch mit einer Auswahl von Weihnachtsliedern. Kruzianer? Thomaner? »O Bethlehem, du kleine Stadt …«

Immer wenn sie dieses Lied hörte, stand ihr die kleine Stadt ihrer Kindheit vor Augen … im Schnee … unterm »Sternenzelt«. Auch das andere Lied, das böhmische – weckte Erinnerungen … »Uns zum Heil erkoren ward er heut geboren …«

Als der Uhrzeiger fast schon auf zehn Uhr vorrückte, stießen die beiden Unbekannten sich an. »Wir müssen wohl gehen …« Renate brachte ihre Gäste hinunter bis an die Haustür. Wie beschenkte Weihnachtskinder verabschiedeten sie sich mit guten Wünschen. »Alles okay«, antwortete sie dem Familienvater im Parterre.

Illustration: Steffi Kaiser

Mut für den Neustart

23. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Begegnung: Weihnachten gilt als Fest der Familie, doch was, wenn die eigene Ehe zum Martyrium wurde? – Vom größten Weihnachtswunsch im Frauenhaus


Ein Weihnachtsbaum wie zu Hause. Doch die Frauen, die ihn schmücken, haben keines mehr. Sie leben im Frauenhaus. Sie hoffen auf Frieden in ihrem Leben und auf einen neuen Anfang.

Wenn es doch so einfach wäre: Den Wunschzettel ins Fenster legen und der Weihnachtsmann beschert zum Fest eine Wohnung. Den Mut und die Kraft für einen Neustart gleich mit.

Ob Melanie* solche Gedanken durch den Kopf gehen? Die junge Frau hat mit ihren Kindern Zuflucht im Magdeburger Frauenhaus gesucht. Ja, Weihnachten möchte sie gern in einer eigenen Wohnung feiern, ohne den gewalttätigen Mann. In Ruhe mit den Kindern zusammensitzen, spielen, kochen, den Neuanfang genießen. Aber die Erinnerungen sind zu frisch. »Ich bleibe lieber noch hier im Frauenhaus«, sagt sie leise.

Gemeinsam den Weihnachtsbaum schmücken, gemeinsam Mut für den Neuanfang finden: im Frauen- und Kinderschutzhaus Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Gemeinsam den Weihnachtsbaum schmücken, gemeinsam Mut für den Neuanfang finden: im Frauen- und Kinderschutzhaus Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Hier findet sie durch die Leidensgenossinnen und die Betreuerinnen Hilfe. »Wir haben alle einiges durchgemacht«, sagt Melanie so vage, dass sich jedes Nachfragen verbietet. Doch wie sie in die Runde blickt, die Blicke der anderen auffängt, wird spürbar: In der Gemeinschaft finden die Frauen Kraft. Sie helfen einander, lernen voneinander. Und sie können sich in ihr Zimmer zurückziehen, wenn sie es wollen.

Frauen wie Melanie gibt es viele in Deutschland. Etwa 700 suchen jährlich allein in Sachsen-Anhalts 20 Frauenhäusern Schutz und Hilfe. Beides erfahren sie, weil das Land, Kommunen und Vereine Hilfsangebote für sie vorhalten. Eine sogenannte freiwillige Aufgabe, deren Finanzierung leicht nach Kassenlage und nicht nach Bedarf erfolgt. Sachsen-Anhalts Justiz- und Gleichstellungsministerin Angela Kolb möchte das ändern und ein bundesweit einheitliches Gesetz zur Finanzierung der Frauenhäuser erreichen. Dafür hat sie eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter ihrer Leitung gegründet. Sachsen-Anhalt jedenfalls plant für die nächsten zwei Jahre eine Aufstockung der Fördermittel für diesen Bereich.

Das Frauen- und Kinderschutzhaus Magdeburg wird seit fast zwei Jahren vom Verein Rückenwind geführt, zuvor hatte die Stadt selbst sich darum gekümmert. Der Trägerwechsel sollte den Haushalt der Stadt entlasten. Die Betreuerin Bianca* kommt trotzdem positiv aufs Geld zu sprechen: »Wir sind in Magdeburg so glücklich, eine ganze Stelle für die Betreuung der Kinder zu haben! Aber es wäre gut, wenn wir noch mehr tun könnten.«

Im Augenblick tummeln sich 14 ausschließlich Kindergartenkinder in den beiden Gemeinschaftswohnzimmern und im Spielzimmer. Mehrere Bäder und vier Küchen stehen den Frauen zur Verfügung. Sie wirtschaften selbst; das gehört zu ihrer Stabilisierung. Vor Weihnachten backen alle gemeinsam mit den Kindern Plätzchen.

»Die Kinder basteln Karten, die wir an Sponsoren und Partner schicken«, erzählt Bianca. Und auch kleine Geschenke entstehen. Die Mädchen und Jungen lassen sich anleiten und basteln Baumschmuck und Weihnachtskarten für ihre Mütter. »Für die Kleinen haben wir Kissen genäht«, zeigt Melanie ihre Gabe.

Es macht Spaß, es gehört zur Vorweihnachtszeit, gemeinsam etwas entstehen zu lassen. »Und es gibt den Kindern ebenso wie den Frauen ein Vorbild, woran sie sich orientieren können«, erläutert Bianca den ernsten Hintergrund der klassischen Adventsbeschäftigungen einschließlich Theaterbesuch und Weihnachtsmarkt. Am 1. Dezember stellten die Frauen ihre Weihnachtsbäume in einem Wohnzimmer und im Eingangsbereich auf. Und wer am großen gemeinsamen Adventskalender wann die Türchen öffnet, das hatten die Kinder bereits am ersten Tag festgelegt. »Wir haben einige ausländische Frauen bei uns, die uns ihre Weihnachtstraditionen miterleben lassen«, erzählt Bianca. Oder die fasziniert erleben, dass und wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird. Gottesdienstbesuche werden allerdings derzeit nicht gewünscht.

Zum Weihnachtsfest wird es ruhig im Familienhaus. Denn auch wenn die eigene Wohnung für die meisten der derzeit zehn Frauen noch ein Traum bleibt, das Fest verleben sie vorwiegend bei Verwandten. »Mit den Frauen, die hierbleiben, haben wir genau besprochen, wie sie sich die Tage gestalten. Denn wir Betreuerinnen sind während der Feiertage bei unseren Familien. Ein Notdienst ist aber natürlich immer verfügbar«, erzählt Bianca. Und die bisherigen Erfahrungen sagen, dass zu Weihnachten auch in Familien mit gewalttätigen Männern ein wenig Frieden einzieht. »Wir haben dann nicht mehr Nachfragen als sonst.«

Mit Liedersingen und Geschichtenerzählen sowie einem zünftigen Weihnachtsessen erleben die Frauenhausbewohner bereits im Advent ihr Fest. »Wir kochen Hühnchen mit Rotkohl und Klößen. Einen Weihnachtsmann haben wir auch – und die Kinder studieren ein Programm ein.« Bianca freut sich auf die Bescherung. »Wir wollen den Frauen und Kindern zeigen, dass es Schönes gibt, nachdem sie – oft jahrelang – vorwiegend Schlimmes erfahren haben. Dafür ist Weihnachten ideal.«

Renate Wähnelt

* Alle Namen geändert

Hoffnungsvoller Advent

20. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gudrun Lindners Erfahrungen mit Türen, mit verschlossenen und sich öffnenden

Türen öffnen und schließen sich, manche bleiben verschlossen. »Ich habe nie Türen selbst öffnen müssen«, sagt die ehemalige Präsidentin der Landessynode der sächsischen Landeskirche Gudrun Lindner (Jahrgang 1955). »Das ist im Rückblick ganz erstaunlich.« Denn auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben steht sie vor einer verschlossenen Tür, die Tür zum Abitur, sie bleibt geschlossen. Möglicherweise hätte sie sie aufstoßen können. Ihr damaliger Schuldirektor reicht ihr die Hand, die sie aber nicht ergreift. Nach ihrer Konfirmation fordert er sie in einem Vier-Augen-Gespräch auf, das kirchliche Fest als eine Formalie abzutun und sich mit ihrer Unterschrift zur marxistisch-leninistischen Weltanschauung zu bekennen. »Ich war sehr aufgeregt«, sagt Gudrun Lindner heute. Allein die Tatsache, dass der Direktor ein Vier-Augen-Gespräch mit einer 14-jährigen Schülerin führt – »heute undenkbar«, so ihr Kommentar. Sie erklärt dem Schulleiter, dass die Konfirmation keine Formalie war. Seine Antwort: »Du wirst schon sehen. Dann wirst du Steine klopfen.« Diese Prophezeiung macht ihr Sorgen, denn sie weiß aus den Schilderungen ihres Vaters, der in russischer Kriegsgefangenschaft war, was es heißt, Steine klopfen zu müssen.

Gudrun Lindner – Foto: Sabine Kuschel

Gudrun Lindner – Foto: Sabine Kuschel

Die Tür zum Abitur bleibt geschlossen, aber eine andere Tür öffnet sich. Mit der Bemerkung des Schulleiters im Kopf, erwägt sie ihre Berufsentscheidung. Sie will einen »ganz einfachen Beruf« ergreifen, jedoch einen, der sie ihrem Wunsch, um die Welt zu fahren, näherbringt. Denn davon träumt sie. Als ein Beruf, der sie diesem Traum näherbringen könnte, erscheint ihr Köchin geeignet. Sie stellt sich vor, als Köchin auf einem Handelsschiff zu arbeiten und die ganze Welt zu bereisen. Beim Vorstellungsgespräch fragt sie jedoch der Hotelchef, ob sie nicht viel lieber an der Rezeption arbeiten wolle. Er ist der Meinung, dass die Arbeit als Hotelkauffrau ihr mehr entspreche, und schlägt ihr vor, statt Köchin diesen Beruf zu erlernen. Obwohl ihr vorausgesagt war, dass sie Steine klopfen müsste, eröffnet sich für sie eine gute berufliche Möglichkeit. Sie arbeitet sehr gern als Hotelkauffrau.

Später öffnet die Wende eine riesengroße Tür in die Freiheit und ihr Wunsch, einmal rund um die Welt zu fahren, erfüllt sich. Von Island bis Südafrika, von Kanada bis Israel durchmisst sie den Planeten Erde.

Heute arbeitet Gudrun Lindner als gerichtlich bestellte Betreuerin und sie ist Geschäftsführende des Betreuungsvereins Region Zwickau.

In der Kirche warten auf sie spannende, verantwortungsvolle Aufgaben, die Türen öffnen sich von selbst. Als sich nach der Wende viele DDR-Bürger beruflich neu orientieren, ist Gudrun Linder 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie wird gefragt, ob sie in der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens mitarbeiten wolle. »Ich muss gestehen, ich wusste damals gar nicht, dass es so etwas wie eine Landessynode gibt«, erzählt sie. Aber junge, engagierte Frauen sind willkommen. Sie sagt zu und landet 1990 in der sächsischen Kirchenleitung. So geht es weiter. Sie wird Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), gehört zum Rat der EKD. 1996 wird sie Präsidentin der sächsischen Landessynode. Ihre Lebensmaxime: »Immer strebe zum Ganzen und kannst du ein Ganzes nicht sein, so füge als ein Teil eines Ganzen in ein Ganzes dich ein.« Mit diesem Selbstbewusstsein, dass sie Teil eines Ganzen ist und das Ganze ohne sie kein Ganzes ist, fasst sie die Aufgaben beherzt ein. »Vieles musste ich lernen«, sagt sie, auch, dass jedes einzelne Amt »seine Schwere und Bitterkeit hatte«. Mit ihrer frischen, frohen und herzlichen Art prägt sie dieses »vornehme Amt« der Präsidentin, wie sie es nach ihrer Wahl selbst bezeichnet. 12 Jahre leitet sie die Landessynode, danach tritt sie nicht wieder als Präsidentin an. Sie schließt Türen, legt Arbeit nieder, die im Rat der EKD und in der EKD-Synode, nach 18 Jahren die in der sächsischen Kirchenleitung. Es sei gut, die Aufgaben nach einer Zeit wieder aus der Hand zu geben, so ihre Meinung.

Aber es schließen sich auch ungewollt Türen. Im Jahr 2000 stirbt ihr Sohn 20-jährig an Leukämie. Sie und ihr Mann erleben das Sterben ihres Kindes als ambivalentes Geschehen. Sie sehen, dass ihr Sohn die letzte Strecke seines jungen Lebens getröstet geht, er seine Eltern sogar tröstet. »Für uns ganz erstaunlich.« Sie verstehe Gott nicht, aber sie vertraue darauf, dass Gott weiß, was er tut. »Wie soll ich Gott verstehen?«, fragt sie rhetorisch, will sagen: Gott, der so groß ist, der das ganze Universum erschaffen hat, den kann man nicht immer verstehen!

Das Leben geht weiter, Türen gehen auf. Sie freut sich über zwei Enkelsöhne. »Ich bin sehr dankbar, dass ich Großmutter bin.«

Ewigkeitshoffnung. Sie liebt die Adventszeit, weil sie Hoffnung vermittle. »Der Advent sagt mir, dass das Leben, mein Leben, das der Gemeinde und der ganzen Welt über die Zeit hinausreichen wird.«

Sabine Kuschel

Das dreimal geöffnete Tor

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine auf den ersten Blick gar nicht adventliche Geschichte – von Ulrich Schacht

Adventskalender, offene Türen: Die Redaktion bat vor etlichen Wochen den Autor Ulrich Schacht um eine kleine Geschichte zum Thema »offene Türen«. Er sandte uns den folgenden Beitrag. Auf den ersten Blick wenig adventlich, oder doch?

Das Foto zeigt zwei Männer im Alter von ungefähr vierzig Jahren. Sie sind dunkel gekleidet und gehen, die Hände am Körper oder auf dem Rücken, fast im Gleichschritt durch ein großes Tor, eingelassen in eine mächtige, braunrote Wand. Das Tor hat keine Flügel. Wenn es geöffnet wird, auf Knopfdruck aus der Torwache, schieben sich dröhnend zwei schwarzgraue Metallwände zur Seite, auf denen rote Warnlampen leuchten. Fast schon eingerastet, sind sie auf dem Foto kaum noch zu sehen. Hinter den Männern aber erhebt sich die Frontseite eines mächtigen Ziegelbaus, dessen Fenster mit Gittern bestückt sind. Eine Inschrift auf hellem Grund sagt unübersehbar, wo sich der Ankömmling befindet. Die beiden Männer scheinen sich, während sie durch das offene Tor schreiten, zu unterhalten; sie lächeln sogar ein wenig, obwohl der Ort nichts ausstrahlt, was einen Menschen lächeln lassen könnte.

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Ulrich Schacht (rechts) mit seinem Freund und früheren Mitgefangenen 1990 beim Verlassen der »Strafvollzugseinrichtung« (STVE) in Brandenburg. Foto: Jürgen Ritter

Das Foto liegt seit einem Vierteljahrhundert in meinem Archiv, manchmal sehe ich es mir an, und wenn es dann vor mir liegt, starre ich auf die beiden Männer, als wären es Fremde. Doch einer der Männer bin ich. Das Tor, das ein Freund und ich auf dem Bild durchschreiten, ist die Schleuse eines großen Gefängnisses, in dem wir beide einmal Gefangene waren, für Jahre, aus politischen Gründen. Als der Staat, der es betrieb, zusammenbrach, schon lange hatten wir ihn da verlassen, wurden wir im Sommer seines Verschwindens eingeladen, es wieder zu besuchen als Begleiter eines hohen Beamten, der es für das Justizministerium des zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz wieder vereinten Landes inspizieren sollte.

Empfangen wurde unsere kleine Delegation vom amtierenden Leiter des Gefängnisses, der schon zum Zeitpunkt unserer Gefangenschaft im Dienst gewesen war. Wir wussten, wer er war, wie wir auch wussten, dass er bald entlassen werden würde. Er wiederum ahnte nicht eine Sekunde, warum wir das eine so genau wussten wie das andere. Beflissen erklärte er nach der Begrüßung dem hohen Beamten und uns, seinen Begleitern, das Gefängnis anhand eines imposanten Modells der Anlage, als wäre es auch für uns etwas Neues. Irgendwann jedoch, wir hatten detailgenau gefragt, auch Namen fielen, begriff er, dass wir mitnichten Gäste waren, denen er etwas erklären musste: »Sie wissen aber gut Bescheid!«, sagte er plötzlich. Lächelnd und ohne ihm etwas abzuverlangen, klärten wir ihn auf.

Fortan übersah er den hohen Beamten fast, versuchte stattdessen, uns jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Einer unserer Wünsche war, noch einmal den Arrestblock halb unter der Erde zu sehen, in dem wir während unserer Zeit in seinem Gefängnis isoliert worden waren. Als wir in die düsteren Zellen starrten, starrte er tief bewegt mit uns in die düsteren Zellen, als sähe er sie zum ersten Mal. Ich glaube, er hat sie tatsächlich zum ersten Mal gesehen: so, mit unseren Augen.

Als wir das Gefängnis wieder verließen, bat ich ihn, das große Tor, hinter dem wir einst für Jahre verschwunden waren, für uns zu schließen und wieder zu öffnen, damit der uns begleitende Fotograf ein Erinnerungsfoto von uns machen könne, wie wir durch dieses Tor in die Freiheit gingen. Aber gerne, sagte der Leiter, das kann ich gut verstehen. Zuvor hatte ich dem Fotografen zugeflüstert, er solle dem Gefängnischef zweimal bedeuten, dass es nichts geworden sei, damit er das Tor dreimal für uns öffnen müsse.

So ist es geschehen, und deshalb sieht man auf dem Foto, das ich seit fünfundzwanzig Jahren in meinem Archiv weiß, die beiden dunkel gekleideten Männern im Alter von ungefähr vierzig Jahren versteckt lächelnd einen Ort verlassen, an dem ihnen einmal das Lächeln ausgetrieben werden sollte. Oder das, was man die Hoffnung nennen könnte.

Ulrich Schacht studierte in Rostock und Erfurt evangelische Theologie, wurde 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er lebt heute in Schweden.

Kam Jesus als Frühchen zur Welt?

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem nimmt Gott eine scheinbar unendliche Zahl an menschlichen Schicksalsschlägen an

Die Bibel verleiht gerne große Zahlen an Lebensjahren, wenn es darum geht, besondere Menschen zu würdigen: 930, 777, 600. (1. Mose 5) Die poetische Überzahl an Jahren will zum Ausdruck bringen: Hier war ein besonderer Mensch, der Großes bewirkt hat und dessen Leben immer noch weite Kreise zieht.

Nur all zu gerne würde ich des kleinen Jungen, der allzu früh zur Welt kam, mit einer solchen hohen Zahl an Jahren gedenken. Um sein Leben zu würdigen, um die weiten Kreise, die er im Kreise seiner Familie und des Krankenhauspersonals zog, zu markieren. Denn es war ein besonderes Leben, wenn auch nur ein sehr kurzes. Mit nur zehn Wochen hörte das winzige Herz auf zu schlagen.

Foto: Herjua/Fotolia

Foto: Herjua/Fotolia

Unsere Kinder – vor allem die, deren Zeit auf der Erde so schmerzhaft kurz ist – lehren uns, die Zeit anders wahrzunehmen. Wenn wir die Zeit von der Ewigkeit her betrachten könnten, dann würde sich die Länge eines Lebens auf Erden vielleicht etwas relativieren. Die Stunden, die Minuten, ja die Momente, würden wir anders betrachten und schätzen, und die Bedeutung und der Einfluss eines auch so kleinen menschlichen Lebens würden wir anders begreifen. Ganz anders. Freilich das längste Leben ist kurz, und das kürzeste Leben ist ein Wunder.

Und so diente die Nottaufe auf der Neonatal-Intensivstation als ein Glaubensbekenntnis in der Kürze der Zeit: Dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus. Weder Leben noch Tod. Weder in Zeit noch in Ewigkeit. Der Brutkasten mit den allgegenwärtigen Schläuchen und Sonden machte die Taufe nicht einfacher. Eine Schulter statt eines Köpfchens musste herhalten. Doch dadurch kam das Wesentliche in den Blick. Kein elegantes Taufkleid oder ausgelassenes Familienfest, keine Blitzlichter oder anschließende Gartenparty. Nur ein Baby, das mutig um das Leben kämpfte, und die bedingungslose Liebe und das Vertrauen seiner Eltern.

Auch König David wusste aus erster Hand von der Trauer, ein Kind kurz nach der Geburt zu verlieren. Seine erste Reaktion nach dem Tod seines Sohnes – erst sieben Tage alt – war, Gott zu suchen und sein Vertrauen erneut auf ihn zu setzen. David versuchte, den Verlust zu akzeptieren: »Kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.« (2. Samuel 12,23) Mit der Zeit kehrt David dann selbst wieder ins Leben zurück. Er bekommt noch einen Sohn, Salomo, der eines Tages auch König werden soll. Freilich wird die Erinnerung an und die Liebe für seinen ersten Sohn das ganze Leben Davids unermesslich prägen.

Zu Weihnachten erinnert man sich daran, dass Gott sich in Bethlehem mit jeder menschlichen Situation und Lage, mit der tiefsten Freude und dem größten Schmerz verbindet. Und er ist da – gerade dann, wenn Kinder zu einem Zeitpunkt ankommen, wenn wir sie am wenigsten erwartet haben. Oder wenn sie sich so kurz nach ihrer Ankunft wieder verabschieden.

Wäre es vorstellbar, gar denkbar, dass der Gott, der durch seine Menschwerdung in Jesus Christus eine scheinbar unendliche Zahl menschlicher Schicksalsschläge annimmt, auch als Frühchen zur Welt kam? Als geschähe es zu jenem Zeitpunkt fast unerwartet, gebar Maria ihren ersten Sohn unterwegs, fern der Heimat, anscheinend überrascht und nach der Ankunft in Bethlehem wohl mit der Erledigung ganz anderer Dinge beschäftigt. Aber alles, was in Bethlehem und auf Erden geschah und geschieht, findet zu einer Zeit statt, die in Gott beschlossen ist. »Fürchtet euch nicht!«, heißt die Engelbotschaft. (Lukas 2,10)

Gott sorgt für die Seinen, auch in den schwierigsten Situationen. Die erste Tochter von Martin Luther und Katharina von Bora starb vor ihrem ersten Geburtstag. Nach dem Tod der gerade acht Monaten alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.« Wo aber ist Halt? Was hat Bestand? Ein feste Burg ist unser Gott.

Der englische Schriftsteller G. K. Chesterton beschreibt poetisch das anrührende Paradox des Wunders in Bethlehem, worauf sich unser Glaube gründet: »Die Hände, die die Sonne und die Sterne schufen, waren nun zu klein, um die Köpfe der Rinder zu umfassen.« Doch in den winzigen Händen des Kindes in der Krippe streckt Gott seine eigene Hand zu den Seinen aus: die Hand, die uns in jeder Lage im Leben halten und trösten, weiterbringen und segnen will. Nicht nur zu Weihnachten.

Jeffrey Myers

Dr. Jeffrey Myers leitet das Pfarramt für Stadtkirchenarbeit in Wiesbaden.

So viele Tränen wie Worte

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungewisse Zukunft: Irakische Christen auf der Flucht vor der Terrorgruppe »IS«

Amar Al-Katib zeigt Fotos auf seinem Smartphone, um verständlich zu machen, warum er und seine Familie geflohen sind: Blut an Häuserwänden, zwei Jugendliche, die niedergeschossen wurden. Einer nur hat überlebt. Amar Al-Katib sitzt im Jugendraum unter der Herz-Jesu-Kirche in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Die Kirche gehört zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem der römisch-katholischen Kirche.

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Hier leben seit August dieses Jahres zehn christliche Familien. Die mehr als 60 Menschen kommen aus der Region um Mossul im Norden Iraks. Darunter das Ehepaar Al-Katib, beide etwa 30 Jahre alt, mit ihren Kindern Rama und Joel. Im Juni dieses Jahres hatte die Terrorgruppe »IS« diese zweitgrößte Stadt des Irak eingenommen. Die Christen wurden vor die Alternative gestellt, zu konvertieren und Schutzgeld zu zahlen, zu fliehen oder ermordet zu werden. »Sie haben ein arabisches ›N‹ an die Häuser gemalt und daneben geschrieben ›Eigentum des IS‹«, schildert einer der Flüchtlinge. Das »N« steht für die Anhänger des Mannes aus Nazareth. 25 000 Christen sind daraufhin geflohen. Wer noch Geld hatte oder sich von Verwandten im Ausland helfen lassen konnte, hat ein Flugticket gekauft. So sind bisher rund 6 000 Flüchtlinge allein in Amman gelandet – zu all den Hunderttausenden, die aus Syrien in das kleine Königreich geflohen sind. In acht Kirchen der Stadt sind insgesamt 600 irakische Christen untergekommen. Sie leben in nur notdürftig hergerichteten Gemeinderäumen. Aus Hartfaserplatten sind Trennwände mit einer kleinen Falttür eingebaut. So hat jede Familie eine eigene Kammer. Es ist eng und laut. Aber sie sind sicher und haben ein Dach über dem Kopf.

Versorgt werden sie von der katholischen Caritas. Die Trennwände hat der Lutherische Weltbund finanziert, dazu Toiletten, kleine Küchen. »Wir leben hier wie eine Großfamilie«, redet Amar Al-Katib die Situation schön und sich selbst Mut zu. Doch das Gespräch hat so viele Tränen wie Worte. Sie haben alles verloren, haben Freunde sterben sehen und werden wohl nie in ihre Heimat zurückkehren. »Wir haben wie Brüder zusammengelebt, Christen und Muslime. Aber das ist vorbei«, sagt er.

Wohin sie gehen wollen? Das entscheide das UN-Flüchtlingshilfswerk. Ihnen sei das egal, einfach nur dorthin, wo sie sicher leben können. Ein Foto zeigt Amar Al-Katib zum Abschied noch. Zu sehen ist ein Taufbecken. Jemand hält den kleinen Joel darüber, gerade 15 Tage alt. Er ist in Amman geboren. Sie sind hinuntergefahren zum Jordan und haben ihn taufen lassen, dort, wo Johannes der Täufer einst Jesus getauft hat.

Ralf-Uwe Beck

Der Lutherische Weltbund (LWB) will noch zwei weitere Kirchen in Amman für Flüchtlinge herrichten, benötigt dafür aber dringend weitere Spenden:
Deutsches Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, IBAN DE21 5206 0410 0000 4195 40, BIC GENODEF1EK1, Stichwort: Jordanien

www.dnk-lwb.de/spenden

Flüchtling, Freund und Fremder, Lichtliebe DU

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Gertrud Hanefeld nach Lukas 2 mit 1.Korinther. 13, Vers 13

Grafik von Matthias Klemm; Reproduktion: Christoph Sandig

Grafik von Matthias Klemm; Reproduktion: Christoph Sandig

»Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern«
Jochen Klepper

Es begab sich zur Zeit der vielen Bildschirme, dass eine Nachricht gesandt wurde, eine Wortschätzung zu organisieren.
Die Wortschätzung geschah zur Zeit der leeren Worte, vollen Straßen, der vergifteten Herzen und Meere, der Überflutungen und Selbstmordanschläge.
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

Und viele Worte machten sich auf: Spaßgesellschaft, Arbeitslosigkeit, Billigangebote, Abschiebehaft …
Auch das alte Wort GLAUBE machte sich auf mit seiner Schwester HOFFNUNG nach Bethlehem zu Palästinensern und Israelis. – Sie sahen Terroranschläge, kamen durch Minenfelder, zerstörte Dörfer, Flüchtlingslager, und verwüstetes Land.
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison

HOFFNUNG aber erwartete ihr erstes Kind.
Als sie in Bethlehem waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie gebar LIEBE.

»Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht«
Jochen Klepper

Und es waren Ausgegrenzte vor der Stadt. Sie hüten ihre Namen und Plätze. Viele fürchten um ihr Leben.
Plötzlich wird ihre Nacht zum Tag, denn ein Engel steht neben ihnen, und Klarheit umflutet sie alle.
Große Furcht befällt sie, doch der Engel spricht zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Ich verkünde Euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird. Denn euch ist heute die LIEBE geboren in Bethlehem.
Findet sie – bei HOFFNUNG und GLAUBE

»Sei mir willkommen edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast und kommst ins Elend her zu mir; wie soll ich immer danken dir?«
Martin Luther

Du Kind bist geboren im Hungerzelt Angst, wohl zu der halben Nacht, ein Flüchtling, Freund und Fremder, ohne festen Wohnsitz Du.
Doch dein Licht leuchtet weit in alle Zeiten. Es durchströmt auch unsere Nacht.
Lichtliebe DU

»Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein’gen Sohn. Des freuet sich der Engel Schar und singet uns solch neues Jahr.«

Martin Luther

Gottes Wort – klar und einfach

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Türen öffnen: Mit leichter Sprache Menschen mit Lernschwierigkeiten die Frohe Botschaft vermitteln

Dass sich für alle Menschen eine Tür zum Glauben öffnet, ist Anliegen des Erfurter Büros für Leichte Sprache.

Um Gottes Wort hören, lesen und erfassen zu können, dazu bedarf es der Sprache. Sie ist eine Tür für den Glauben. Doch es gibt Menschen, die haben Mühe, die Bibel, Andachten, Predigten, die theologische Rede über Gott zu verstehen: Zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit Seh- und Hörschwächen, alte Menschen, Demenzkranke oder Migranten. Durch komplizierte Texte bleiben ihnen Informationen verschlossen, woraus Benachteiligungen entstehen können. Auch die Entscheidung für Gott, für den Glauben ist von der Sprache abhängig. Wer die Geschichten der Bibel oder Pfarrer nicht versteht, dem kann der Zugang zum Glauben fehlen.

Das Büro für Leichte Sprache in Erfurt, ein Angebot des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD), will für Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen: mittels »Leichter Sprache«. Das heißt komplizierte, also für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwer verständliche Texte werden in die Leichte Sprache übersetzt. Kein leichtes Vorhaben, im Gegenteil, teilweise schwere Arbeit, so Nancy Brack, Jahrgang 1980, die Leiterin des Büros. Sie studierte Erziehungs- und Rechtswissenschaften, promovierte zum Thema »Wirklichkeitskonstruktion von Menschen, die von ihrer Umwelt als ›geistig behindert‹ bezeichnet werden«. Im 13-köpfigen Team des Erfurter Büros arbeiten zehn Menschen mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten als Prüferinnen und Prüfer. Sie sind die Experten für Leichte Sprache, sie prüfen, ob Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verstehen sind.

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Heiko Schneider, Sabine Juppe, Ute Koch (v. li.). Foto: Sabine Kuschel

Sabine Juppe, Jahrgang 1968. Wenn sie Nachrichten hört oder liest, erfasst sie oft nicht den Inhalt der Worte, entweder weil zu schnell gesprochen wird oder die Sätze zu kompliziert sind. Als Kind sei ihre linke Gehirnhälfte ausgefallen, sie litt unter schweren Anfällen. »Ich kann zwar gut logisch denken«, sagt sie. Aber Lesen fällt ihr schwer.

Heiko Schneider, Jahrgang 1967. Wenige Tage nach der Geburt bekam er epileptische Anfälle, in deren Folge sein Sehnerv abgestorben ist. Lesen bereitet ihm Probleme, zusätzlich erschwert durch die eingeschränkte Sehkraft.

Ute Koch, Jahrgang 1966. Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt wurde ihr Gehirn geschädigt, sie kann lesen und schreiben, jedoch nicht rechnen.

Die drei arbeiten in den Erfurter Werkstätten des CJD, betraut etwa mit Aufgaben wie Verbandsmaterial in Schachteln zu verpacken. Und sie sind Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache. Wöchentlich kommen sie für zwei Stunden in das Erfurter Büro, um Texte auf Verständlichkeit zu testen. Ein Ergebnis ihrer Bemühungen liegt nun als Buch vor: »Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache«. Es soll Menschen mit Lernschwierigkeiten Türen öffnen für Gottes Wort.

Am Anfang standen Fragen: Wie kann man christlichen Menschen mit Förderbedarf ermöglichen, eine Andacht besser zu verstehen? Welche Texte eignen sich? Pfarrer Christoph Victor, tätig im Diakonischen Werk Mitteldeutschland, stellte den Initiatoren die Manuskripte seiner im Rundfunk gehaltenen Andachten zur Verfügung. Diese wurden den Prüferinnen und Prüfern vorgelesen, sie durften auswählen, welche der Andachten ihnen besonders gut gefielen und deshalb in das Buch aufgenommen werden sollten. Zehn Prüfer, Christen und Nichtchristen, waren an der Entscheidung beteiligt. Es sei heftig diskutiert worden, erzählt Nancy Brack. Über Gott und das Leben, darüber, wo Gott war, als dies oder das passierte, wann er half oder wann nicht. Viele Wochen dauerte dieser Prozess. Die nach Meinung der Prüfer schönsten Andachten fanden Eingang in das Buch. Nachdem die Texte ausgewählt worden waren, machte sich Nancy Brack an die Arbeit, die in sogenannter schwerer Sprache verfassten Andachten in Leichte Sprache zu übersetzen. Etwa 40 Regeln habe das Netzwerk für Leichte Sprache aufgestellt. Kriterien für gute Lesbarkeit sind Schriftgröße und Zeilenabstand. Die Sätze sollten kurz sein und keine fremden Worte enthalten. Die allerwichtigste Regel: Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die Experten. Sie prüfen, ob die Texte gut zu verstehen sind. Die von Nancy Brack übersetzten Andachten nahmen die Prüferinnen und Prüfer wieder »unter die Lupe«. Sie strichen an, was ihnen unverständlich war, kritisierten, was ihnen nicht gefiel, suchten hier und dort nach einer anderen Formulierung. Zum Schluss überlegten alle noch, welche Bilder zu den Texten passen könnten. Viele Ideen lagen auf dem Tisch. Die zum Team gehörende Grafikerin Katharina Magerl illustrierte die Geschichten – klar und farbenfroh. Entstanden ist ein ansprechendes Buch mit »schönen Gedanken über Gott«. Welches Anliegen und welche Hoffnung die Macher mit diesem Projekt verbinden, klingt in Leichter Sprache so: »Jeder Mensch soll Texte über Gott verstehen. Deshalb sind Texte über Gott in Leichter Sprache wichtig. Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb brauchen die Menschen verschiedene Türen zu Gott. Mit diesem Buch wollen wir Türen öffnen.«

Sabine Kuschel

www.cjd-erfurt-leichte-sprache.de

Victor, Christoph; Brack, Nancy: Leichtes über Gott. Gedanken über Gott und die Welt in Leichter Sprache, Wartburg Verlag, 72 S., ISBN 978-3-86160-267-5, 14,80 Euro

Die rätselhaften Wege des Herrn

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Ein nüchterner Außenseiter ohne Spaßfaktor wird Präsident – der überraschende Sieg des Klaus Johannis

Entgegen allen Erwartungen gewann ein Siebenbürger Sachse die Stichwahl zum Amt des Staatspräsidenten. Ein neuer Politikstil bahnt sich in Rumänien an.

Ihr seid Helden!«, waren die ersten Worte des sichtlich bewegten Kandidaten, nachdem um 21 Uhr am Abend des 16. Novembers die ersten Hochrechnungen im Fernsehen übertragen wurden. Fast niemand hatte damit gerechnet, niemand hatte es ihm zugetraut. Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hatte er vor zwei Wochen nur 30 Prozent der Stimmen bekommen. Sein Gegner, der sozialdemokratische Premierminister Victor Ponta, galt mit 40 Prozent als klarer Favorit. Doch das Wunder ist geschehen: Der neue Staatspräsident Rumäniens heißt Klaus Johannis, ist Protestant und deutscher Abstammung.

Das Wahlergebnis ist eine historische Premiere

Mit fast 55 Prozent der Stimmen gewann der bisherige Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt) massiv, entgegen allen Erwartungen. Innerhalb von wenigen Minuten machte sich der sanfte Wirtschaftsliberale auf den Weg zum symbolgeladenen Universitätsplatz in Bukarest, wo mehr als 10 000 Menschen mit vielen Flaschen Sekt auf ihn warteten. Es war eine lange Nacht und eine große Feier in der rumänischen Hauptstadt. »Klaus! Klaus!«, riefen immer wieder vor allem junge Rumänen aus der urbanen Mittelschicht, die traditionell liberal wählen. Seinen unerwarteten Sieg hat Johannis in erster Linie der überraschenden Wahlbeteiligung zu verdanken, die mit 62 Prozent weit über der ersten Runde lag.

Lachender Sieger: Klaus Johannis ist neuer Präsident des Balkanlandes. Fotos: George »Poqe« Popescu

Lachender Sieger: Klaus Johannis ist neuer Präsident des Balkanlandes. Fotos: George »Poqe« Popescu

Das Wahlergebnis ist in vielerlei Hinsicht eine historische Premiere: Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Rumänien einen demokratisch gewählten Staatschef, der weder ethnisch rumänisch, noch christlich-orthodoxer Religion ist. Zudem trat Johannis in seinem Wahlkampf explizit für einen anderen, »deutschen« Politikstil ein. Immer wieder betonte er stereotyp deutsche Tugenden wie Effizienz, Sachlichkeit, Arbeit oder Ehrlichkeit, die ihn »als Deutschen« nicht nur von seinem Gegner Victor Ponta, sondern von der gesamten rumänischen politischen Klasse unterscheiden sollen. Mit diesem Diskurs konnte sich Johannis offenbar auch durchsetzen: Allen voran bei den zahlreichen enttäuschten Rumänen, die sich eine grundlegende Reform der politischen Kultur wünschen. So gesehen ist sein Sieg ein neuer Anfang im Bukarester Politbetrieb.

Johannis schlägt nicht so sehr eine grundsätzlich andere Politik vor. In der Wirtschaft spricht er sich für die Beibehaltung der 16-Prozent Flatrate-Einkommensteuer und für die baldige Einführung des Euro aus. Dies sollte vor allem Investoren aus Deutschland und Österreich nach Rumänien locken. In der Außenpolitik für die Vertiefung der EU-Integration.

Neuer Polit-Stil: Weniger reden und versprechen

Vielmehr versuchte er, durch einen ganz anderen Stil zu überzeugen. Im Gegensatz zu seinen Bukarester Kollegen redet der Siebenbürger Sachse weniger, leiser, langsamer. Er wirkt überlegt und eher unspektakulär, was einen starken Kontrast zu den langen, stürmischen, in jeder Hinsicht überspitzten Tiraden der walachischen Politiker bildet.

Beobachter und rumänische Journalisten sind sich uneinig. Die Reden von Johannis seien eben trocken, langweilig und kalt, sagen die einen. Seine Humorlosigkeit zerstöre permanent die gute Laune des Publikums, sein Rumänisch sei zwar stets korrekt, wirke aber oft ungeschickt und holprig.

Andere Kommentatoren glauben wiederum, dass sich der Vorsitzende der Liberalen Partei (PNL) gerade durch diesen Stilbruch profiliert hat. Denn dadurch treffe er einen neuralgischen Punkt bei jedem Rumänen: Die Wähler wüssten nur allzu gut, dass nicht nur ihre Politiker, sondern auch sie selber von einer balkanischen Kultur geprägt seien, die sie selber nicht immer toll fänden. Zu viel reden, zu viel versprechen, immer angeben, oberflächlich und leichtsinnig sein, immer gute Laune behalten, egal wie dramatisch die Situation – all das wird im Volksmund als historische Schwäche, manchmal sogar als Fluch der Rumänen betrachtet.

Die Orthodoxe Kirche, der 85 Prozent der rumänischen Staatsbürger angehören, hat während des Wahlkampfs oft explizit Ponta unterstützt. Viele Bischöfe und Priester forderten ihre Gemeinden auf, »einen der unseren« zu wählen, der »wie wir betet und sich wie wir bekreuzigt«.

Umso größer war die Überraschung, als Patriarch Daniel am späten Sonntagnachmittag, einige Stunden vor Urnenschluss, eine Predigt zur Parabel des barmherzigen Samariters hielt. Die Rettung eines Volkes komme oft unerwartet und sanft, durch Fremde, sagte das Oberhaupt der rumänischen Othodoxie. Man müsse mehr Bescheidenheit und Demut vor den rätselhaften Wegen des Herrn zeigen.

Silviu Mihai

Maria in Grisaille

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Maler Michael Triegel entwarf zum ersten Mal Fenster für eine katholische Kirche

Noch fällt das Licht ungefiltert durch die dreigeteilten Bogenfenster oben im Ost- und Westgiebel der katholischen Kirche in Köthen. Doch das wird die längste Zeit so gewesen sein. In knapp einem Jahr sollen die neuen Fenster eingeweiht werden, mit deren Entwürfen die Pfarrei den Maler Michael Triegel beauftragte. Große Beachtung fand er 2010 mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. In den Jahren zuvor hatte der in Leipzig ausgebildete Künstler farbenprächtige Gemälde für Kirchen geschaffen, die sich überwiegend an der italienischen Renaissance und des Manierismus orientierten. Mit den Entwürfen für die Fenster betritt der »Papstmaler« nicht nur mit der künstlerischen Technik Neuland, sondern auch mit der Hinwendung zur Grisaille: Die in Grautönen gehaltenen Figuren agieren vor lichtblauem Hintergrund. Triegel geht damit auf den spätklassizistischen Kirchenbau ein, der 2009 restauriert und dabei auf die ursprüngliche Farbfassung zurückgeführt wurde.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Die Kirche ist ein Auftragswerk des herzoglichen Hofbaumeisters Christian Gottfried Heinrich Bandhauer (1790–1837) für das am 24. Oktober 1825 zum Katholizismus konvertierte Fürstenpaar Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie. Erbaut wurde die Pfarr- und Schlosskirche St. Maria von 1827 bis 1832. Die Schutzpatronin hat nicht nur Einfluss auf das Bildprogramm, sondern auch auf die Farbigkeit: Blau ist in der kirchlichen Überlieferung der Gottesmutter Maria zugeordnet und symbolisiert zudem den Himmel.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà. Maria hält am Fuß des Kreuzes den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß, mit ihrer linken Hand ergreift sie seinen linken Arm und hält ihn in einer zum Himmel weisenden Geste. Dornenkrone und Nägel liegen ihr zu Füßen. Die kleinen Seitenfenster stellen die Verkündigung – Maria mit dem Reinheitssymbol der Lilie – und die Empfängnis dar: Maria hält ein geschlossenes Buch in der Hand, Hinweis des Künstlers darauf, dass mit der Menschwerdung Christi ein neues Testament beginnt. Auf der Westseite, über der Orgel, ist die Aufnahme Marias in den Himmel dargestellt. Gottvater und Sohn, spiegelbildlich dargestellt und nur durch die Wundmale voneinander zu unterscheiden, krönen Maria mit zwölf Sternen zur Himmelskönigin, die als Symbol ihrer Herrschaft einen Granatapfel hält. Über allem schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In den Seitenfenstern sind, als Vertreter der der Erlösung bedürftigen Menschheit, Adam und Eva dargestellt. Adam dreht sich hoffend zum Licht. Eva hat den Apfel, das Symbol der menschlichen Schuld, abgelegt.

Die technische Umsetzung der Entwürfe übernimmt die renommierte Glasmalerei Peters aus Paderborn. Unter anderem stammt von ihr die Glasfassade des neuen Technologiezentrums in Halle und das Fensterprogramm in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. In Köthen wird die bisherige Fensterkonstruktion erhalten bleiben. Die Entwürfe Triegels werden auf je eine große, ungeteilte Scheibe übertragen und gebrannt. Kleine zusammengesetzte Glasscheiben wird es in St. Maria nicht geben.

Die Baubegleitung und Planung liegen in Händen des Köthener Ateliers für Architektur und Denkmalpflege (AADe), das unter anderem die Generalsanierung des Gymnasiums Philanthropinum in Dessau übertragen bekam. Den Hauptteil der Gesamtkosten in Höhe von 200 000 Euro tragen die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Das Glaskunstprojekt hat die Pfarrei mit der Kunstkommission des Bistums Magdeburg abgestimmt. Eingeweiht werden die Fenster am 24. Oktober 2015.

Angela Stoye

»Und vergib uns unsere Schuld«

1. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Wie wir befreit leben können – das Angebot der Beichte

Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen, eine großartige Einrichtung … Ich habe bloß meinen Hund, er schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichle ich ihn.« Max Frisch bringt die Verlegenheit evangelischer Christen mit der Beichte erzählerisch auf den Punkt. Eigentlich eine großartige Einrichtung der Katholiken, aber nicht bei uns Protestanten. Warum eigentlich nicht? Wir haben zwar eine schwache Ahnung, wie entlastend und erlösend das Aussprechen des Verborgenen sein kann. Aber faktisch bleiben wir doch mit unserer Last
allein.

»Ich muss dir was beichten, Schatz!« Die tiefe Sehnsucht, sich etwas von der Seele zu reden, nehme ich auch in Talkshows oder der Boulevardpresse wahr. Hier werden Intimitäten und Versäumnisse öffentlich »gebeichtet«, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Warum fällt es uns so schwer, dem menschlichen Bedürfnis nach Entlastung geeignete geistliche Formen zu geben?

An überzeugenden Vorbildern der evangelischen Ahnengalerie kann es jedenfalls nicht liegen. Für Martin Luther liegt in der praktizierten Beichte sogar eines der entscheidenden Merkmale des Christseins: »Wenn ich daher zur Beichte ermahne, so tue ich nichts anderes, als dass ich ermahne, ein Christ zu sein.« Und immer wieder gab es in der Kirchengeschichte geistliche Aufbrüche, die mit der Wiederentdeckung der Beichte gekoppelt waren, sei es beim älteren Blumhardt oder bei Dietrich Bonhoeffer.

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Möglicherweise sind unsere Schwierigkeiten mit der Beichte darin begründet, dass »Sünde« (ähnlich wie die eng damit zusammenhängende Beichte) im heutigen Sprachgebrauch missverständlich und dunkel geworden ist. Gemeint ist damit ursprünglich nicht die moralische Verfehlung, sondern die Entfremdung von Gott. Sünde bringt die gestörte Beziehung zwischen Gott und Menschen zum Ausdruck. Im Griechischen ist das Wort aus der Sprache der Bogenschützen entnommen: »Zielverfehlung«. Sünde meint damit, dass Menschen das von Gott gesetzte Ziel verfehlen. Folglich setzt die Beichte bei der Beziehung zwischen Gott und Menschen an.

Sehr plastisch wird dies im Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen (Lukas 15). Der jüngere Sohn landet bei seinem Weg schließlich ganz unten bei den Schweinen, beziehungslos und einsam. Aber dieser Tiefpunkt wird zum Wendepunkt: »Da ging er in sich.« Ihm wird deutlich, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. In ihm reift ein Entschluss, der zum Neuanfang wird: »Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden.« Zu Hause dann die große Überraschung: Hier wird nicht der zerknirschte Sünder empfangen. Nein, der Vater wartet längst auf seinen Sohn, läuft ihm entgegen und feiert ein Freudenfest.

Zugänge zur Beichte eröffnen sich, wenn wir neu den biblischen Zusammenhang von Schuld und Vergebung verstehen. Schließlich zielt das Angebot der Beichte auf einen neuen Anfang in unserer Lebensgeschichte, losgelöst aus den Verstrickungen zurückliegender Verfehlungen. »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (1. Johannes 1,9). Weil Gott treu, gerecht und gütig ist, dürfen Christen beichten.

Damit sind die beiden Teile der evangelischen Beichte genannt: das Sündenbekenntnis und der Vergebungszuspruch. Zugleich ist damit markiert, wo das menschliche Bedürfnis nach Entlastung den besten Platz hat – da, wo mit dem Bekenntnis der eigenen Verfehlungen auch die Zusage des Freispruchs verbunden ist.

In der Bergpredigt macht Jesus deutlich, dass wir nicht beten oder spenden sollen, um von den anderen gesehen zu werden (Matthäus 6). Ähnlich ist es mit der Beichte, sie sollte normalerweise im Verborgenen ausgesprochen werden, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Besonders hilfreich kann dabei sein, nicht im stillen Kämmerlein mit möglichen Gewissensbissen oder Selbsttäuschungen allein zu bleiben, sondern sich im geschützten Rahmen aussprechen zu können und die Vergebung persönlich zugesprochen zu bekommen. Albrecht Schödl

Der Autor ist Pfarrer am Christuspavillon im Kloster Volkenroda bei Mühlhausen/Thüringen.