Israel: Erstmals Gedenktag für Juden aus arabischen Ländern

26. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Am Sonntag, den 1. Advent, wird in diesem Jahr erstmals in Israel mit einem offiziellen Gedenktag an den Exodus der Juden aus den arabischen Ländern erinnert. Kurz nach der Gründung des Staats Israel, Anfang der 1950er Jahre, kam es in allen arabischen Staaten von Marokko über Ägypten, Jemen und Syrien bis zum Irak zu einer fast vollständigen »ethnischen Säuberung« von Juden. Jüdische Gemeinden, die 2 600 Jahre existierten, wie im biblischen Babylon, dem heutigen Irak, oder 2 000 Jahre, wie in Nordafrika, wurden ausgelöscht. Über eine Million Menschen mussten ihr Hab und Gut, darunter auch uralte Handschriften und Thorarollen, zurücklassen.

Etwa 850 000 kamen nach Israel, wo sie in Flüchtlingslagern oder in den Häusern geflohener Araber untergebracht wurden. Heute machen Juden aus den arabischen Ländern etwa die Hälfte der Bevölkerung Israels aus. Obgleich diese Juden und ihre Nachfahren noch die verschiedenen arabischen Dialekte sprechen und ihre mitgebrachte arabische Kultur mit Gesang und eigener Küche pflegen: Wegen ihrer traumatischen Erfahrungen bei der Vertreibung bieten ausgerechnet sie keine Brücke zu der mit Israel verfeindeten arabischen Welt.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

In vielen arabischen Ländern wie Libyen lebt heute kein einziger Jude mehr. In Ägypten ist kürzlich die Vorsitzende der nur noch aus zehn Seelen bestehenden Gemeinde in Kairo gestorben. Im Irak, wo einst eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Welt bestand und wo der Talmud, das wichtigste jüdische Gesetzeswerk, verfasst worden ist, sollen noch 13 Juden verblieben sein. Ob es in Syrien noch Juden gibt, ist fraglich, obwohl Damaskus und Aleppo einst wichtige jüdische Zentren waren. Ebenso der Jemen, wo heute angeblich nur noch etwa 100 Juden unter Polizeischutz leben. Um die wenigen in der arabischen Welt zurückgebliebenen Juden nicht zu gefährden, geizt die »Jewish Agency« mit genauen Angaben. Diese Organisation bemüht sich mit Hilfe von Vermittlern anderer Nationen, die letzten arabischen Juden nach Israel zu bringen.

Über das Schicksal dieser Juden aus der arabischen Welt wird in Israel fast nie gesprochen. Eine hebräische Facebook Seite mit dem Titel »Ich bin ein Flüchtling« hat nur etwa 2 000 »Freunde« und wurde 2013 zum letzten Mal aktualisiert. Bei der Friedenskonferenz von Madrid 1991 wurde das Flüchtlingsthema angesprochen, wobei 750 000 arabische Flüchtlinge aus Palästina den 850 000 jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Ländern gegenüberstehen. Während sich über 100 UN-Resolutionen mit den palästinensischen Flüchtlingen befasst haben und sogar eine separate Flüchtlingshilfeorganisation (UNRWA) allein für diese Gruppe geschaffen worden ist, hat die UNO nicht eine einzige Resolution zu den jüdischen Flüchtlingen aus der arabischen Welt verabschiedet.

Neben teilweise erheblichen Geld- und Sachwerten sollen die Juden bei ihrer Flucht Privatland zurückgelassen haben, das etwa der 14-fachen Größe des Staates Israel entspricht. Doch der Umfang des jüdischen Privateigentums in den arabischen Ländern, für das niemals Entschädigung gezahlt wurde, wird bisher von den israelischen Behörden wie ein »Staatsgeheimnis« behandelt.

Ulrich W. Sahm

Gottes Wort wird Gestalt

25. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Musik, Gottesdienste, Natur inspirieren die Bildhauerin Petra Arndt aus Volkenroda

Ihr Weg als Künstlerin ist eng mit der Geschichte des Klosters Volkenroda verbunden. Als das kulturelle und spirituelle Leben im Ort aufblühen, beginnt auch Petra Arndts neuer Weg.

Petra Arndts Galerie in Volkenroda in der Nähe des Klosters. Der Raum ist von Musik erfüllt. »Spiegel im Spiegel« des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Die gleichmäßige Konstruktion der Töne im Tintinnabuli-Stil hat eine starke Wirkung. Groß, schwermütig, hell. Neben den Skulpturen – Figuren und Köpfe – laden gedeckte Tische zum Verweilen ein. Die Künstlerin führt durch die Galerie, vor der einen und anderen Figur bleibt sie stehen. »Teresa von Avila«, aufrecht sitzend, mit erhobenem Kopf, konzen­triert, ruhig, zuversichtlich, auf Empfang eingestellt. »Nur Gott allein genügt.« Diese Aussage inspirierte die Bildhauerin zu der Bronzeplastik. »Nur Gott allein genügt.« – Lange habe sie sich mit diesem Satz aufgehalten, sagt Petra Arndt. Sie steht vor ihrem Werk, streicht mit der Hand über die Figur, mustert sie eingehend. Ebenso eine Figur des Christus. »Mit dieser bin ich sehr zufrieden«, so das Urteil der Schöpferin. In vielen ihrer Arbeiten hat Gottes Wort Gestalt angenommen. »Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.« Ein anderer Spruch, der die Künstlerin zu einer Figur anregte. Ein Mädchenkopf mit keck abstehenden Zöpfen, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet.

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt in ihrer Galerie. Foto: Sabine Kuschel

Petra Arndt wurde 1958 im thüringischen Schlotheim geboren, wird als Kind getauft und konfirmiert. Sie interessiert sich für Kunst, hört viel Musik, fährt zu Konzerten nach Mühlhausen oder Erfurt. »Ich hatte das schon immer in mir«, sagt sie und meint damit das Verlangen nach künstlerischem Ausdruck, es musste jedoch noch die entsprechende Form gefunden werden. Nach der Schule Ausbildung als Wirtschaftskauffrau. Der Glauben liegt in der DDR ad acta.

Ihr Weg als Künstlerin, ihre Auseinandersetzung mit religiösen Themen ist eng verbunden mit der Geschichte des Klosters Volkenroda. Das 1131 gegründete Zisterzienserkloster in der Nähe ihres Geburtsortes führt in der DDR ein erbarmungswürdiges Dasein, die Kirche zerfällt. Volkenroda – ein kleiner langweiliger Ort. Das ändert sich nach der Wende. 1994 erwirbt die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal das Kloster Volkenroda, baut es wieder auf und macht daraus ein geistliches Zentrum. Das spirituelle und das kulturelle Leben blühen auf. Gottesdienst, Gebetszeiten, Lesungen, Konzerte, Begegnungen. Petra Arndt ist offen und dankbar für diese Angebote. Viele Menschen kommen hierher. Kultur und Religion gehen zusammen. Bei keiner Veranstaltung fehlt der spirituelle Impuls. Gottes Wort ist immer dabei. Der Geist, der in Volkenroda weht, sie nennt ihn einen philosophischen, erfasst sie. Das intensive geistliche Leben, das Reden und Nachdenken über Gott und Glauben wirkt. Anfangs fällt es ihr schwer, sich darauf einzulassen. Aber sie fühlt sich in dieser Welt des Glaubens aufgehoben und nähert sich ihr immer mehr an. Ihr neuer Weg beginnt.

»Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott.«

Durch Probieren findet sie ihre Ausdrucksform, bevorzugt die Gestaltung mit Ton. Parallel zu den plastischen Arbeiten schreibt sie Gedichte. Schreiben und gestalten – die kreativen Ausdrucksformen wechseln.

Die Titel ihrer Ausstellungen sprechen für sich: »Seelenlust«, »Der Schöpfer hängt im Weidemond«, »Zwischen Zweifel und Gebet«. Bevor das Motto feststeht, unter dem sie ihre Werke präsentiert, bewegt sie ihre Ideen und Gedanken lange im Herzen. »Man weiß nie, wann das Thema kommt«, sagt sie. Ihre Inspirationsquellen sind Musik, Gespräch, Gottesdienst, Natur. Ein innerer Spannungsbogen will aufgebaut werden. Die Idee muss wachsen und reifen – bis zum Augenblick der Geburt.

»Die Kraft des Ursprungs« (Kontinuum der Zeitlosigkeit«) soll das Thema der nächsten Ausstellung 2015 im Kloster Wieprechtshausen sein, ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert, in der Nähe von Northeim im südlichen Niedersachsen.

Sabine Kuschel

Mein eigenes Begräbnis

23. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christen erzählen, wie sie einmal beerdigt werden möchten

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Wichtiger als die Frage, wie ich selbst beerdigt werden möchte, ist mir die Frage, wie ich sterben möchte. Mit einem Wort geantwortet: getrost. Auf Gottes Liebe trauend zu allem, was lebt, auch über den Tod hinaus. Im Vertrauen darauf, dass mein Leben auch nach dem Tod eine Perspektive in Gottes Zukunft hat. So sterben zu können, das wünsche ich mir.

»Dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist«

Deshalb hoffe ich, dass bei meiner Beerdigung von der Auferstehungshoffnung gesagt und gesungen wird. Wenn von dieser Hoffnung her deutlich würde, was schön, verbunden und froh war in meinem Leben ebenso wie das, was schwer war, was fragmentarisch geblieben ist, wo es neben Gelingendem auch Versagen oder Schuld gab.

Bei einer kirchlichen Bestattung kann vieles in Dankbarkeit gesagt werden. Aber nichts muss geschönt werden. Es ist ja Gott, der uns ihm recht macht. Die Feier des Trauergottesdienstes, Texte und Musik bilden dann einen Raum, der alles fasst und aufnimmt, was an Sagbarem und vielleicht auch Unsagbarem da ist. Mir geben dabei vertraute Worte der Bibel Trost. In ihnen können Trauer, Schmerz und Hoffnung sich bergen. Wenn sie bei einer Beerdigung noch gesagt werden, berühren mich besonders die Geleitworte des »In Paradisum«: »Zum Paradies mögen Engel dich geleiten.« Ein Wunsch zur eigenen Beerdigung ist noch: Ich möchte in einem Sarg in die Erde gelegt werden. Schön, wenn er aus dem Holz des Baumes ist, dessen Früchte ich seit meinen Kindertagen in Großvaters Garten liebe – Kirsche. Und wenn dies alles geschieht in der Hoffnung »dass der Tod hinter einem sein kann, weil vor einem die Liebe ist« (Dorothee Sölle) – ja, das ist eine tröstliche Vorstellung.

Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

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Volker Kreß

Volker Kreß

Es wird wohl mit Rücksicht auf das hohe Amt, das ich in unserer sächsischen Kirche ausüben durfte, nicht so schlicht werden, wie ich es mir wünsche. Und doch: Schön wäre ein im besten Sinn ganz normaler Beerdigungsgottesdienst in der schönen, alten Kirche meiner Heimatkirchgemeinde Dresden-Leubnitz.

Als biblische Lesungen wünsche ich mir den lebensweisen 90. Psalm (»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«) und die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes aus Markus 16, 1-8. Diese Erzählung habe ich immer geliebt, weil die Frauen nicht mit selbstsicherem Jubel, sondern mit tiefem Erschrecken auf die unserem kleinen Menschenverstand unfassbare Nachricht der Auferstehung reagieren. Ganz in diesem Sinne möge der Pfarrer bitte über den tiefen Paulus-Satz aus 1. Korinther 13, 12 predigen: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.«

»Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin«

Vielleicht könnte mein Cello-Enkel danach das seltsam kantige Präludium aus der vierten Cellosuite von Bach spielen, an dem ich mich oft und gern selbst versucht habe.

Unbedingt gesungen werden sollte von der Gemeinde die wunderbare Strophe des Schlusses von Bachs »Johannespassion« »Ach Herr, lass dein lieb’ Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.«
Und dann bitte still und andächtig zum Grab.

Volker Kreß war von 1994 bis 2006 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

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Alexandra Husemeyer

Alexandra Husemeyer

Das Thema »Beerdigung« beschäftigt mich schon seit der Kindheit. Meine Mutter verabschiedete mich im Sommer 1981 in die Ferien mit dem Buch »Tom Sawyers Abenteuer«. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses Buch fortan zu meiner Lieblingslektüre werden sollte. Und meine Lieblingsstelle? Toms Beerdigung. Wie herrlich war es doch, seiner eigenen Beerdigung putzmunter von der Kirchenempore aus beizuwohnen. Tante Polly trauerte und bereute alle über Tom verhängten Strafen. Mein kindliches Herz suhlte sich im Selbstmitleid. Toll, dann würden alle Erwachsenen endlich erkennen, wie unrecht sie mir getan hatten! Ich malte mir meine Beerdigung aus, wählte passende Bibelstellen aus meiner Kinderbibel »Das Wort läuft« aus, ordnete Lieder.

»Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab«

Und heute? Heute ist es immer noch ein wichtiges Thema und ich bin Anhängerin des »guten, alten Stils«. Anonyme Bestattungen sind mir suspekt; am liebsten möchte ich auch nicht verbrannt werden, sondern in einem schlichten, einfachen Holzsarg, ohne umweltbelastenden Lack, in der Erde schlummern dürfen. Rituale am Ende des Lebens sind Ausdruck unserer Kultur und unseres Glaubens. Gebet und Segen empfinde ich stets als Trost am Grab. Auch das gemeinsame Singen, und wenn es noch so brüchig ist, erscheint mir unbedingt wichtig.

Wenn zu meiner eigenen Beerdigung noch Geld übrig ist, wünsche ich mir zur Orgelbegleitung die wundervolle Händel-Arie »I know that my redeemer liveth« (Ich weiß, dass mein Erlöser lebt) aus dem Messias, denn das ist die Botschaft, die unserem Leben Sinn gibt – über den Tod hinaus.

Alexandra Husemeyer führt freiberuflich unter anderem als Katharina von Bora Gäste duch Eisenach

Wenn eine Behinderung als Fluch gilt

18. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Uganda: Auch deutsche Hilfswerke unterstützen den langen Weg zur Inklusion Behinderter

Rechtzeitige Therapie kann Folgen von Behinderungen mildern. Doch noch immer werden in Uganda behinderte Kinder versteckt.

Noch ist es kalt auf dem Parkplatz der Gesundheitsorganisation OURS in Mbarara, einer Kleinstadt im Südwesten von Uganda. Das Ärzteteam steigt in einen Geländewagen. Ein Augenarzt, ein Kinderarzt und eine Sozialarbeiterin nehmen an einem sogenannten Outreach-Tag teil. Auch der Neurotherapeut Ambrose Ganshanga ist dabei. »Heute fahren wir in ein Dorf, um betroffene Kinder zu identifizieren«, sagt er. »Von sich aus würden die Eltern unsere Dienste nicht in Anspruch nehmen.«

Die Arbeit von OURS wird von dem internationalen christlichen Friedens- und Entwicklungsdienst »Eirene« unterstützt. Projektreferent Martin Lohnecke erklärt zur Situation in Uganda: »Eine angeborene körperliche Beeinträchtigung gilt als Fluch oder Verwünschung. Nicht selten verstecken Familien ihre Kinder mit Behinderungen oder sperren sie sogar weg. In ganz schlimmen Fällen werden sie in ein kleines Lehmhaus gesteckt, ohne Tageslicht, ohne körperliche Pflege, ohne Förderung und ohne elterliche Fürsorge.«

Aufklärung und Suche nach betroffenen Kindern

In Kamuenge haben sich rund hundert Menschen vor dem baufälligen Schulgebäude des Dorfes versammelt. Viele sind stundenlang zu Fuß gegangen. Mütter tragen Kleinkinder in Bündeln auf dem Rücken, Jugendliche stützen sich auf rostige Krücken. Nach einigen Begrüßungsreden und einem Gebet werden die Patienten verschiedenen Gruppen zugeordnet: Blinde, Körperbehinderte, kranke Babys.

Wenn das Team von OURS in ein Dorf kommt, dann geht es neben der Suche nach behinderten Kindern immer auch um Aufklärung über Krankheit und Behinderung, um Vorurteile abzubauen. Fotos: Andreas Boueke

Wenn das Team von OURS in ein Dorf kommt, dann geht es neben der Suche nach behinderten Kindern immer auch um Aufklärung über Krankheit und Behinderung, um Vorurteile abzubauen. Fotos: Andreas Boueke

Der zuständige Koordinator vor Ort ist ein hagerer Mann mit viel Enthusiasmus. Asunto Sawe ist während der vergangenen Wochen von Hütte zu Hütte gegangen, um mit Dutzenden Familien zu sprechen, immer auf der Suche nach Kindern, die vor den Nachbarn versteckt werden: »Wenn ein behindertes Kind geboren wird, sagen die Leute, irgendetwas stimme nicht mit der Mutter. Sie habe etwas falsch gemacht. Manchmal werden solche Frauen sogar ausgestoßen, aus ihren Hütten vertrieben. Ihnen wird vorgeworfen, sie seien schuld an dem Fluch, der angeblich auf der Familie laste.«

Wenige Meter entfernt steht ein Mädchen in einer lila Schuluniform. Asunto Sawe winkt sie herbei. Die zwölfjährige Joann wurde mit einem Klumpfuß geboren. Wäre sie nicht schon als Kind behandelt worden, hätte sie womöglich nie laufen gelernt. Vor fünf Jahren hat die Organisation OURS sie an ein Krankenhaus in der Hauptstadt Kampala vermittelt. Seither hat sich Joanns Leben völlig verändert: »Früher waren ihre Beine verbogen«, erinnert sich Asunto Sawe. »Aber jetzt kann sie sich gut bewegen. Sie kann sogar Wasser holen. Die Leute sehen das und freuen sich. Das ist sehr ermutigend, denn alle erkennen, dass eine deutliche Verbesserung möglich ist.«

Asunto Sawe will unbedingt eine Hütte besuchen, weil Joanns Mutter gesagt hat, dass dort ein Kind in einem Hinterzimmer versteckt wird. Eine kleine Frau begrüßt den Gast. Auch ihr Mann ist zu Hause. Er liegt auf zwei Brettern, eingehüllt in ein schmutziges Betttuch. Sein Körper ist dürr. Schweiß tropft von seiner Stirn. Asunto Sawe spricht eine Weile mit ihm. Dann erklärt er: »Der Mann ist krank, wahrscheinlich Malaria. Auch er hat eine Tochter mit Klumpfuß.«

Viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern nötig

In einem Raum liegt ein etwa vierjähriges Mädchen auf dem blanken Erdboden. Sie trägt ein T-Shirt, das ihr viel zu groß ist. Sonst nichts. Das Kind bewegt sich nicht und gibt auch keinen Laut von sich. Asunto Sawe glaubt nicht, dass der Mann seine Tochter behandeln lassen will: »Dafür braucht es noch viel Überzeugungsarbeit, denn abgesehen von den finanziellen Problemen hat die Familie auch noch viele Zweifel.«

Der Neurotherapeut Ambrose Ganshanga im Gespräch mit einer Mutter.

Der Neurotherapeut Ambrose Ganshanga im Gespräch mit einer Mutter.

Der Vater sagt, er habe seine Tochter schon mal in ein Krankenhaus gebracht, aber er könne sich die Operation nicht leisten. In solchen Notfällen kann die Organisation OURS für alle Kosten des Kindes aufkommen. Die Ausgaben werden dann von der Christoffel-Blindenmission übernommen. Aber die erwachsene Begleitperson muss selbst für ihre Verpflegung sorgen. Der Vater ist sich nicht sicher, ob es sich lohnt, dieses Geld aufzubringen. Er glaubt, der Zustand seiner Tochter sei Gottes Wille. »Gott weiß, was er tut«, sagt er.

Der Vertreter der Christoffel-Blindenmission (CBM), Jan Thilo Klimisch, meint, das langfristige Ziel der Arbeit in Uganda müsse eine gesellschaftliche Inklusion der Menschen mit Beeinträchtigung sein: »Wir wollen den Betroffenen mehr Überlebensmöglichkeiten eröffnen. Dabei muss die gesamte Gemeinde einbezogen werden, um das Gemeindeleben inklusiver zu gestalten. Oftmals geht es auch darum, den Menschen mit Behinderungen eine Stimme zu geben, ihnen Gehör zu verschaffen, damit sie ihre eigenen Interessen vertreten können.«

Andreas Boueke

www.eirene.org
www.cbm.de

Wie aus der Zeit gefallen

18. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Christophorus Klimke malt in altmeisterlicher Manier

Christophorus Klimkes Bilder muten im ersten Augenblick ebenso fremd an wie manche seiner Worte. Und berühren doch in einzigartiger Weise die Seele des Betrachters.

Schon der erste Blick auf die Bilder lässt stutzen: Ist hier ein Maler der Renaissance wiedergekehrt, der mit feinstem Pinselstrich, weichen Farbübergängen und großer Detailverliebtheit Landschaften, Architekturen und Figuren in Szene setzt? Anderes in den Werken erinnert wiederum an Caspar David Friedrich und die deutschen Romantiker. Und dann ist da diese warme und aus der Tiefe strahlende Farbigkeit der Bilder …

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

Christophorus Klimke hat sich vor allem der Malerei mit Eigelbtemperafarbe verschrieben. Eine Technik, die sich besonders zum lasierenden Farbauftrag eignet. Fotos: Harald Krille

In einer Zeit, in der Kunst oft vor allem auf Krawall und Provokation gebürstet und Gegenständlichkeit verpönt ist, scheinen die Werke des Weimarer Malers Christophorus Klimke geradezu wie aus der Zeit gefallen. Auch seine Worte klingen für einen zeitgenössischen Künstler zumindest ungewöhnlich: Kunst habe eine dienende Funktion. Sie soll »Hilfe für Menschen« sein, »nicht Ideologien vermitteln«. Er spricht von der »sittlichen Aufgabe« eines Künstlers und ermahnt sich und seine Berufsgenossen: »Achtet auf eure Schritte und Hände, was diese in der Kunst und diese in der Schöpfung hervorrufen.«

»Heilwerden von Mensch und Schöpfung«

Er selbst, der Maler wie Michelangelo, Rembrandt und Caspar David Friedrich als Vorbilder nennt, will »Schönheit zeigen« und zum »Heilwerden von Mensch und Schöpfung« beitragen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, was zu diesem Heilwerden notwendig ist: »Es geht um Umkehr. Wir müssen zurück zu Gott.«

Klimke, 1970 als Sohn eines Kunstmalers in Weimar geboren, übersiedelt 1984 mit seinen Eltern nach Österreich, später nach Crailsheim in Baden-Württemberg. Dort besucht Christophorus Klimke das Gymnasium, will eigentlich Arzt werden und am liebsten später nach Lambaréné in das von Albert Schweitzer gegründete Hospital gehen. Doch eine schwere Krankheit wirft alle Pläne über den Haufen.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Ihre unwiderstehliche Strahlkraft erhalten viele von Christophorus Klimkes Bilder durch die Verwendung von Halbedelsteinen wie dem blauen Lapislazuli oder dem grünen Malachit als Farbpigmente. Zum Beispiel in dem Bild der »Madonna nach Raffael«.

Trost findet der 19-Jährige in der Bibel, im Glauben an Gott – und in einer neuen Berufsorientierung, ja Berufung, wie er es nennt: Er macht bei seinem Vater eine Ausbildung zum Kunstmaler. Malen, so sagt er, ist für ihn zugleich eine Form der Therapie. Ende 2007 siedelt die Familie nach Ostsachsen, doch 2010 stirbt der Vater. Christophorus Klimke zieht zurück nach Weimar, wird Mitglied im »Kunstverein Hofatelier« im Ortsteil Niedergrunstedt.

Von seinem Vater hat Klimke die heute nur noch selten angewandte Technik des Malens mit Eigelbtemperafarben übernommen. Eine Technik »von innerer Schönheit«, wie er schwärmt. Dazu trägt nicht zuletzt die Verwendung natürlicher Farbpigmente bis hin zu Halbedelsteinen bei, wie sie schon die Meister des Mittelalters benutzen. Während chemisch hergestellt Pigmente immer genau identisch sind, erklärt Klimke, variieren diese natürlichen Mineralstoffe je nach Herkunft im Farbton. Was zugleich »zauberhafte Zwischentöne« ermögliche.

Klimkes derzeitiges Hauptprojekt ist ein dreiteiliges Altarbild. Erste Studien sind fertig, am Ende sollen drei »türgroße Bildtafeln« entstehen. Sein Wunsch ist es, seine religiösen Bilder auch in sakralen Räumen präsentieren zu können. In der Kirche von Oberweimar war kürzlich eine kleine Auswahl zu sehen – und schlug überraschend viele Betrachter in ihren Bann.

Harald Krille

Stumme Kommunikation mit Gott

16. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der 15-jährige Buchautor Raphael Müller ist mehrfach behindert und zugleich hochbegabt

Die einzige Verbindung zu seiner Umwelt liegt auf dem Tisch vor ihm. Ohne den Tablet-Computer, in den Raphael Müller seine Gedanken eintippt, verschwände er wieder hinter der Nebelwand, die ihn sieben Jahre lang umgab. Sieben Jahre, in denen der hochbegabte 15-Jährige aus dem schwäbischen Aichach keine Möglichkeit hatte, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren und die vielen kreativen Ideen in seinem Kopf auszudrücken.

Eigentlich war Raphaels Schicksal schon vor seiner Geburt besiegelt. Wegen eines vorgeburtlichen Schlaganfalls ist er Autist, Epileptiker und lebenslang auf einen Rollstuhl angewiesen. Er kann weder sprechen noch gestikulieren. Hoffnung, dass Raphael jemals mit anderen Menschen kommunizieren würde, gab es kaum.

Lange wusste niemand, dass er bereits im Vorschulalter lesen und rechnen konnte. Erst mit sieben Jahren fand er mit dem sogenannten gestützten Schreiben eine Möglichkeit, sich mitzuteilen. Dabei hilft ihm eine zweite Person, die Tasten zu bedienen, sodass er schreiben kann. Inzwischen geht Raphael aufs Gymnasium und hat ein Buch mit seiner bewegenden Geschichte geschrieben.

Der 15-jährige Raphael Müller kann weder sprechen noch gestikulieren. Dennoch versteht der hochintelligente junge Mann acht Sprachen und besucht Vorlesungen an der Universität. Foto: epd-bild

Der 15-jährige Raphael Müller kann weder sprechen noch gestikulieren. Dennoch versteht der hochintelligente junge Mann acht Sprachen und besucht Vorlesungen an der Universität. Foto: epd-bild

Seine Situation in Kindheitstagen vergleicht er darin mit einem defekten Computer-Bildschirm. Dadurch komme es allzu häufig zur Diagnose »komplett kaputt«, obwohl die Hard- und Software des PC noch voll intakt seien, schreibt er. »Wir haben schon immer vermutet, dass er viel von dem, was wir sagen, versteht«, sagt seine Mutter Ulrike Müller. Als sie entdeckte, wie viel tatsächlich in ihrem Sohn steckt, sei sie unendlich erleichtert und glücklich gewesen. Seitdem hat sich Raphaels Leben grundlegend gewandelt. Statt einer Schule für geistig Behinderte besucht er inzwischen regelmäßig Autorenzirkel und Veranstaltungen an der Augsburger Universität. Dort tauscht er sich mit Dozenten und Studenten über das Thema Inklusion aus. »Ich will nicht in einem Ghetto leben«, betont er. In Deutschland werde aber genau das praktiziert – Alte und Behinderte würden ausgesondert. »Jegliche Form der Ausgrenzung Behinderter beraubt die Gesellschaft, schmälert die soziale Kompetenz und reduziert Schule auf das Minimum der Leistungserbringung«, kritisiert Raphael in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Schreiben ist für den 15-Jährigen weit mehr als bloße Kommunikation. Mit seinem Buch »Ich fliege mit zerrissenen Flügeln« wolle er anderen Betroffenen Mut machen, erklärt er. Seine Lebensgeschichte ergänzt er darin durch Lyrik, die sich mit den jeweiligen Situationen befasst. Die Gedichte über seine Ohnmacht, weil er nicht verstanden wurde, den Kampf mit dem widerspenstigen eigenen Körper und unzählige Therapien und Operationen gewähren einen tiefen Einblick in das Seelenleben des hochbegabten Autisten.

Nach der »Reallive-Version«, wie Raphael das Buch bezeichnet, arbeitet er nun an einer abgewandelten Form. Verpackt in mehrere Zwergen-Geschichten, in denen ein Autist eine zentrale Rolle spielt, will er Kindern und Jugendlichen seine Situation verständlich machen und Freude an ungewöhnlichen Freundschaften vermitteln. Auch für Zeitungen möchte er künftig schreiben.

Neben dem Schreiben nennt Raphael seinen Glauben als zweite wichtige Stütze. Vor allem an schlechten Tagen, an denen epileptische Anfälle und Schmerzen das gestützte Schreiben unmöglich machen, fühlt er sich auch heute noch häufig unverstanden. Wie zu der Zeit, als er sich noch nicht ausdrücken konnte, gebe ihm der Gedanke an Gott dann großen Halt, erklärt er: »Gut, dass man mit Gott auch stumm kommunizieren kann.«

Daniel Wenisch (epd)

Müller, Raphael: Ich fliege mit zerissenen Flügeln. Fontis-Verlag, 176 S., ISBN 978-3-03848-008-2, 10,99 Euro

Bange Zeiten für Indiens Christen

13. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie waren bewaffnet mit Schwertern, Äxten und Stöcken und stürzten sich ohne Vorwarnung auf uns.« So beschreibt ein junger Christ, wie er den Überfall von Hindu-Extremisten auf eine Gruppe von 40 Christen in einem Dorf im Bundesstaat Chhattisgarh im Zentrum Indiens am vorletzten Wochenende erlebte. Die Christen waren zu einem Versöhnungsgespräch in das Dorf gekommen, um Probleme mit Hindu-Nachbarn zu besprechen. Doch statt der Hindu-Nachbarn rückte der schwer bewaffnete Schlägertrupp an, der zwölf Christen verletzte.

Der Übergriff ist kein Einzelfall. In einem Dorf im Bundesstaat Madhya Pradesh wurde Ende September 2014 eine Kirche von mutmaßlichen Hindu-Extremisten in Brand gesetzt und weitgehend zerstört. Die Angreifer brachen die Tür auf, setzten eine Bibel, Musikinstrumente und liturgische Gegenstände in Brand. Drei Kreuze, die auf dem Außengelände der Kirche errichtet waren, zerstörten sie mutwillig. Der Pastor der Gemeinde, Rajesh Parthe, der im Bundesstaat Kerala in Süd-Indien ansässigen evangelikalen »Believers Church« zeigte sich erschüttert vom mangelnden Respekt der Angreifer gegenüber Andersgläubigen. »Seit zehn Jahren bin ich in dieser Region, aber noch nie habe ich so viel Gewalt erlebt«, erklärte der Pastor entsetzt.

Doch in Madhya Pradesh häuften sich in den letzten zehn Jahren Übergriffe auf Christen. Christliche Nichtregierungsorganisationen haben mindestens 200 schwerere Übergriffe auf die religiöse Minderheit in dem überwiegend hinduistisch geprägten Bundesstaat registriert. Christen machen für das immer intolerantere Klima gegenüber Andersgläubigen die hindu-nationalistische Partei Bhaaratiya Janata Party (BJP) verantwortlich, die den Bundesstaat seit zehn Jahren regiert. »Der gegen Christen gerichtete Kreislauf der Gewalt in Madhya Pradesh ist nicht akzeptabel«, erklärt Sajan K. George, der Präsident des Weltweiten Rates der Christen Indiens. George fordert von der Bundesregierung Indiens, dass sie die Umtriebe der Hindu-Nationalisten in Madhya Pradesh stoppt und die regionalen Behörden stärker kontrolliert.

Aber es ist zweifelhaft, ob dieser Hilferuf von der Bundesregierung in New Delhi erhört wird. Denn seit der Ernennung des hindu-nationalistischen Premierministers Narendra Modi von der BJP im Mai 2014 nimmt die Zahl der Übergriffe auf Andersgläubige landesweit massiv zu. Der christliche Bürgerrechtler John Dayal, der als Mitglied des Nationalen Integrations-Rates die Ausgrenzung von Minderheiten anprangert, warnt angesichts Hunderter neuer Angriffe auf Andersgläubige vor einer Welle der Gewalt von Hindu-Nationalisten.

Zwar vermeidet es Modi bislang, die Übergriffe mit hindu-nationalistischer Propaganda anzuheizen. Denn der Premierminister ist auch international umstritten, weil ihm als damaliger Chefminister des Bundesstaates Gujarat eine Mitverantwortung für blutige Pogrome gegen Muslime im Jahr 2002 gegeben wird. Doch hindu-nationalistische Organisationen wie die Vishwa Hindu Parishad (VHP) und die paramilitärische Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) sehen sich offensichtlich durch Modis Wahlerfolg ermutigt, massiv gegen Andersgläubige vorzugehen. Indiens Christen drohen daher sehr unruhige Zeiten, denn Modi scheint nicht bereit zu sein, die Extremisten in ihre Schranken zu weisen.

Ulrich Delius

Der Autor ist Asien-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen.

www.gfbv.de

Mit Farben verständigen

12. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfurt: »Brückenmaler« knüpfen Kontakte zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten

Fließend soll die Form werden, das gelbe Rund in roter Umgebung, sagt Lehrer Günter Steffenhagen. Er führt den Strich vor, dann übernimmt Beate Wiegand den Pinsel. Es ist gar nicht so einfach. Wo genau geht’s entlang? Noch sind ihre Pinselstriche unsicher. Unter der Anleitung des Lehrers kommt die junge behinderte Frau voran, lernt Schritt für Schritt, die kleine Leinwand zu bearbeiten.

Ausstellungen an mehreren Orten sind geplant

Die Malschule im Christlichen Jugenddorf Erfurt ist ein kleiner spitzwinkliger Raum an der Ecke eines der Gebäude. An den Wänden hängen farbenfrohe Bilder, Abstraktes, Menschengruppen, Häuser, Tiere – bis hinauf zur Decke. Licht strömt durch das hohe Fenster. Die Plätze sind begehrt. Rund 20 Schülerinnen und Schüler leitet Günter Steffenhagen einzeln an drei Tagen in der Woche an.

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Günter Steffenhagen leitet seine Schülerin Beate Wiegand an. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Die Maler sollen und wollen nicht unter sich bleiben. Unter dem Motto »Brückenmaler« werden sie nach draußen gehen, Kontakte knüpfen, ihre Fähigkeiten zeigen. Malen als Kommunikationsmittel. Das Projekt startete Ende September mit einer umfangreichen Bilderausstellung bei den Stadtwerken Arnstadt. Geplant ist weiter, bei und auf Brücken in und um Erfurt zu malen und dabei zu erkunden, welche Hindernisse diese Brücken überwinden, was sie verbinden, welche Orte sie sich erschließen: das Rathaus, eine Schule, einer Gärtnerei oder einen Handwerksbetrieb. Dann wird Gelegenheit sein, mit den Menschen dort Kontakt aufzunehmen, sie einzubeziehen, den Dialog zwischen Nicht-Behinderten und Behinderten anzuregen.

Schließlich haben die Künstlerinnen und Künstler der Malschule den absoluten Laien einige Kenntnisse voraus: Maltechniken, Einsatz von Farben und Materialien, Erfahrung mit Perspektiven und Darstellungsweisen.

Das Bild weckt Interesse, bietet einen Anlass zum Gespräch und lässt Nicht-Behinderte ihre Scheu überwinden, sich auf die andersartigen Menschen einzulassen.

»Sie sind anders, weder besser noch schlechter.« Steffenhagen wird auch Brücken ins Ausland schlagen, eine Zusammenarbeit mit einem niederländischen Künstler wird vorbereitet. Kirchengemeinden bieten Arbeits- und Ausstellungsorte.

Etwas Ähnliches hat die Malschule bereits in der Vergangenheit mit Erfolg erprobt. 2012 bezogen die Maler Besucher des Erfurter ega-Parks ein.

Aus dem vergangenen Jahr, als die Aktion unter dem Titel »Meine Stadt – mein Bild« stand, blieb einem der Beteiligten eine besondere Überraschung im Gedächtnis: Als sie einst vor der Staatskanzlei ihre Staffeleien aufgebaut hatten, spendierte ein Restaurantchef Pizza für alle. Und als das Rathaus in den Fokus der Stadtmaler kam, organisierte Günter Steffenhagen einen Besuch bei Erfurts Oberbürgermeister.

Freude und Optimismus in die Welt bringen

Steffenhagen hatte bis 2006 das CJD Erfurt geleitet, eine Einrichtung, die rund 350 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut und nach ihren Fähigkeiten eine berufliche Bildung vermittelt. Ergänzende Angebote im Sport, in der Bildung und Kreatives gehören auch laut gesetzlichem Rahmen zum Förderungsprogramm. In seinem Ruhestand will er »die verbleibenden Lebensjahre in die Malschule investieren«.

Einige Jahre Erfahrung als Berufsschullehrer im Kunsthandwerk hatten hierfür die Basis gelegt. Auf diese Weise bringt er Freude und Optimismus in die Welt – für Behinderte und Nicht-Behinderte.

Ines Rein-Brandenburg

»Unser tägliches Brot gib uns heute«

9. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Gott möge uns nur so viel Brot geben, wie wir brauchen, nicht mehr und nicht weniger

Über die Brotbitte im Vaterunser haben sich bereits Generationen von Exegeten den Kopf zerbrochen, denn das vertraute »Unser tägliches Brot gib uns heute« ist nicht so eindeutig übersetzbar. Im Griechischen steht sowohl bei Matthäus (6,11) als auch bei Lukas (11,3) das Wort epiousion im Zusammenhang mit dem Wort artos (Brot). Wörtlich übersetzt werden könnte dies auch mit »das nötige Brot« oder »das kommende Brot«, im Sinne von »für den kommenden Tag«. Diese Bitte könnte auch mit »Gib uns heute das für morgen nötige Brot!« übertragen werden.

Foto: Quade – Fotolia.com

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Jesus empfiehlt seinen Jüngern, so zu beten und sich nicht mehr als nötig um ihre Nahrung zu sorgen. Die Gewissheit, von Gott mit dem Nötigen versorgt zu werden, knüpft an Erfahrungen des Volkes Israel an, wie sie in der Hebräischen Bibel überliefert sind. »Brot« steht dabei immer symbolisch für allumfassendes Sattwerden. Schon Jakob ist sich sicher, dass Gott ihn mit Brot versorgen wird (Genesis 28,20), die Israeliten werden auf ihrem Weg durch die Wüste mit dem Himmelsbrot, dem Manna, ernährt (Exodus 16) und Elia wird von Raben mit Brot versorgt (1. Könige 17). Auf diese Glaubenserfahrungen gegründet, beten Juden seit jeher vor jedem Essen: »Gepriesen seist du Ewiger […], der du Brot aus der Erde hervorbringen lässt.« Dieses oder ein ähnliches Dankgebet sprach sicher auch Jesus, als er das letzte Mal mit seinen Jünger aß und das Brot brach. Brot meint dabei neben der leiblichen Nahrung auch geistige Speise. Wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern erinnern wir daran und werden ebenfalls »satt«, indem wir die Hostie als geistige Stärkung empfangen dürfen.

Schon zu Jesu Zeiten gab es Arme und Reiche, wie in der Geschichte der Menschheit jeher und bis heute. Arme und Hungrige beten die Brotbitte ganz anders als Reiche. Es verbietet sich, die Brotbitte im Sinne einer Vertröstung auszulegen. Aber sie kann auch als Ermahnung an die Gesättigten verstanden werden. Als Ermahnung, das Brot als von Gott geschenkte Gabe zu achten und das Maß zu halten. Wie oft häufen wir übermäßig viel an Nahrungsmitteln an, ob in unseren Kühlschränken, Supermärkten oder Lagerhallen. Eine zum Himmel schreiende Menge an noch genießbarem Brot und andere Nahrungsmitteln wird weggeworfen und vernichtet. Dies geschieht wegen unserer eigenen übertriebenen Bedürfnisse: weil wir bis kurz vor Ladenschluss noch volle Regale wünschen, weil alles wie gemalt und perfekt aussehen soll oder weil wir nur die »Filetstücke« wertschätzen. Deshalb ist es heute geboten, die Übersetzung der Brotbitte aus dem Griechischen neu zu bedenken.

»Was brauchen wir wirklich? Wie viel ›Brot‹ haben wir pro Tag nötig? Wodurch werden wir im reichen Deutschland wirklich satt?« Angesichts dieser Fragen sollte die Brotbitte so formuliert werden: »Gott gib uns heute so viel Brot, wie wir (wirklich) brauchen! Nicht weniger, aber auch nicht mehr!« Beim Einkaufen und bevor wir etwas wegwerfen, sollten wir uns diese Formulierung ins Gedächtnis rufen. Dann können wir wie die Jünger Jesu freier werden von der Sorge um die materiellen Güter. Die dadurch frei gewordenen Kapazitäten könnten wir investieren, um uns für eine gerechtere Verteilung des Brotes und anderer Güter einzusetzen. Denn Gott hat das nötige Brot allen Menschen zugesagt, nur leider haben wir in das natürliche Verteilungssystem so eingegriffen, dass es zur ungerechten »Brotverteilung« gekommen ist. Eigentlich ist genug für alle da.

Tobias Funke

Der Autor ist Vikar in Dresden und Mitgründer des Initiativkreises »anders wachsen – Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum«

www.anders-wachsen.de

Asyl für Prager Protestanten

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Im Zuge der Gegenreformation flüchteten einst rund 30 000 böhmische Protestanten nach Sachsen

Die Reformation verbindet Tschechen und Deutsche bis heute. Das zeigt die 400 Jahre alte Salvatorkirche.

Keine Prag-Besichtigung ohne Jan Hus. Stets ist der tschechische Reformator dicht umlagert von Touristengruppen. Noch ist das expressive Bronzemonument, 1915 von Ladislav Šaloun (1870–1946) auf dem Altstädter Ring errichtet, halb eingerüstet. Es wird einer Schönheitskur unterzogen, denn 2015 steht ein für das Nachbarland bedeutsamer Gedenktag an: 600 Jahre Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Das Ereignis verbindet Tschechen und Deutsche. Hingerichtet wurde der um 1369 in Südböhmen geborene Kirchenerneuerer 1415 in Konstanz. Der Tag seiner Verbrennung, der 6. Juli, ist seit 1925 tschechischer Staatsfeiertag.

Dargestellt sind auf dem Denkmal auch seine Anhänger, die zur Zeit der katholischen Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 flüchten mussten. Um die 30 000 insgesamt. Asyl fanden viele von ihnen im benachbarten Sachsen, in Dresden. Dort wird die Tradition jener böhmischen Exulanten bis heute wachge­halten.

Abgerissen sind die Beziehungen nach Prag nie. Jetzt wurden sie erneuert. Als die Salvatorkirche, Hauptgebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), jüngst ihr 400. Jubiläum beging, feierten auch Gäste aus Dresden mit.

Sie kamen aus der im Jahr 2000 aus einer Fusion hervorgegangenen Johanneskirchgemeinde – der Name der ersten Kirche, welche die Glaubensflüchtlinge 1650 erhielten. 1880 bauten sie sich eine neue. Die nannten sie, an ihre Prager Herkunft erinnernd, Erlöserkirche – die deutsche Übersetzung des lateinischen »Salvator«. 1945 wurde sie zerstört. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde entstand, heute Teil der Dresdener Johanneskirchgemeinde.

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Die bewahrt noch immer wertvolle Dokumente auf, darunter das »Pirnaer Wappenbuch«, gestiftet 1628 vom evangelischen Rektor der Prager Universität. Es verzeichnet Namen der Glaubensmigranten. An hohen Feiertagen bekommen Gottesdienstbesucher Wein aus Abendmahlskelchen, die noch aus Prag stammen sollen. Historiker Frank Metasch vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde hält das für eine Legende. Doch gleichviel: »Das materielle und ideelle Erbe der Prager Salvator-Gemeinde hatte enormen identitätsstiftenden Wert«, sagt er. Etliche der rund 800 Mitglieder der Prager Salvator-Gemeinde wiederum zeigten beim Jubiläum lebhaftes Interesse an diesen historischen Verbindungen.

»Die böhmischen Exulanten sind eine der Wurzeln unserer Gemeinde«, sagte Carola Ancot, Pfarrerin der Dresdner Gemeinde, während des Festgottesdienstes in Prag. »Schon zu DDR-Zeiten waren sie ein Vorbild an Glaubenszuversicht und Standhaftigkeit.« Markus Pape, seit 1990 in Prag lebender Deutscher und Mitglied im Leitungsgremium der Salvator-Gemeinde, meint: »Mit diesen historischen Beispielen können wir Kindern weitergeben, was es bedeutet, jemandem auf der Flucht zu helfen und selbst auf der Flucht geholfen zu bekommen.«

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Die evangelische Salvatorkirche ist für Prag-Besucher nicht leicht zu finden. Von Wohnhäusern dicht umbaut, steht sie nördlich des Altstädter Rings an der Kostecˇná, einer kleinen Nebenstraße. Doch nun ist sie zumindest nicht mehr zu überhören. 1916 hatte sie ihre Glocken der Rüstungsindustrie opfern müssen. Zum 400. hat sie vier neue bekommen. Ein Geschenk aus dem Saarland. Zuvor hingen sie in der 1958 errichteten evangelischen Betonkirche in Quierschied. Die aber hatte die kleiner gewordene Gemeinde in Fischbach verkaufen, den Turm abbrechen müssen. Als er sie jetzt in Prag läuten hörte, kamen Pfarrer Hans-Lothar Hölscher und einigen seiner mit ihm angereisten Gemeindemitglieder Freudentränen: »So haben sie bei uns nie geklungen.«

Tomas Gärtner

Das biblische Wort wird Bild

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Künstler Moritz Götze gestaltet die Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg um

Am Reformationstag wird das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« eröffnet. Einer, der das biblische Wort in der Schlosskirche in Bernburg Bild werden lässt, ist der Hallenser Maler und Grafiker Moritz Götze.

Am Anfang steht das Wort. Und wenn es nach manchen Theologen ginge, wäre es dabei geblieben. Doch das Wort ist Fleisch geworden und wir konnten seine Herrlichkeit sehen und es sogar anfassen. Genau das legitimiert christliche Kunst.

Am Anfang der Kunst stehen die leere Leinwand, der leere Raum, die leere Kirchenwand und die Frage, womit diese Leere zu füllen ist. Mit Darstellungen des biblischen Wortes natürlich! Doch so selbstverständlich ist dies schon lange nicht mehr. Was ist wirklich wichtig? Heute! Was lenkt die Gedanken richtig? Was lenkt nur ab? Haben wir überhaupt noch Bilder für unseren Glauben oder flüchten wir lieber ins Abstrakte, inszenieren unsere Bildlosigkeit in Beton, Glas und Stahl – wie in den meisten neueren Gotteshäusern?

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Was muss ein Künstler mitbringen, um einen Kirchenraum zu gestalten? Muss er gläubig sein? Soll er vor allem sein Handwerk verstehen?

Ich glaube, er braucht neben seinem Können vor allem einen ungeahnten Mut. Den Mut nämlich, unsere selbst auferlegte Bildlosigkeit zu überwinden. Denn es ist ein großer Unterschied, ein einzelnes Bild in einen bebilderten Raum einzufügen, ein einzelnes Bild in einen leeren Raum zu stellen oder einen ganzen Raum zu bebildern.

Moritz Götze (Jahrgang 1964) hat diesen Mut – nicht immer, aber im Grunde schon. Nicht um seiner selbst, sondern um der Kunst willen. Er spricht von seinem »Wankelmut« wie von einem gehasst-geliebten Gefährten, der ihn oft plagt und Entscheidungen belastet. Er attestiert sich »bescheidenen Größenwahn« und wer ihn kennt, weiß, dass dies keine bloße Attitude ist.

Moritz liebt Geschichten. Er lebt von Geschichten. Den Geschichten seiner Kindheit. Lebensgeschichten. Gelesenen Geschichten. Erlebten Geschichten. Unglaublichen Geschichten. Guten Geschichten. Moritz sucht Geschichten – und Geschichte. Die Geschichte seiner Stadt: Halle. Und die seiner Landschaft: Mitteldeutschland. Er gibt sogar eine eigene Schriftenreihe heraus, im eigenen Verlag.

Es gibt Geschichten, die sperren sich der Lektüre. Uwe Johnsons »Jahrestage« zum Beispiel – oder die Bibel. Moritz lässt sie sich erzählen. Die Wirkung ist offen. Immer wird man überrascht sein, egal, wie viele seiner Bilder man schon kennt. Alles übersetzt er in »seine Sprache«. Eine verstehbare Sprache. Eine Sprache, die – unerschöpflich – für alles einen Ausdruck findet, selbst für das Nicht-Sagbare.

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz ist ein Sammler, ein Dingsammler. Es gibt kaum ein Ding, das es nicht wert wäre, aufgehoben zu werden. Auch ein Ding hat eine Geschichte, eine Geschichte mit Menschen. Das Aufheben eines Dinges verleiht ihm Würde. Es wird vom Relikt zur Reliquie. Ein Museum wird so zur »Reliquiensammlung«, ist nichts Totes, sondern etwas sehr Lebendiges. Ganz ähnlich der Kirchenraum. Hier werden Dinge inszeniert, Geschichten erinnert, Vergangenes und Gegenwärtiges verbunden, Lebende und Tote. So verbindet der Kirchenraum und das, was hier geschieht, in einzigartiger Weise Sichtbares und Unsichtbares, ist »Bühne« für die Darstellung einer neuen Geschichte. Dies entspricht dem Aufbau seiner Bilder, die er selbst gern als »Bühnenbilder« bezeichnet – und der mitteldeutschen Landschaft: von einer Anhöhe auf einen nur mäßig bewegten Horizont blickend, darüber sehr viel Blau für das Mitgedachte …

Seit vielen Jahren arbeitet Moritz Götze mit Emaille. Er hat diese Technik ständig weiterentwickelt. Emaille ist ein sehr dauerhafter Werkstoff: Auf eine grundierte Stahlplatte wird in mehreren Schichten Farbe aufgetragen, die dann in einem Ofen schmilzt, sich mit dem Stahl verbindet. Sie ist absolut lichtecht und reicht von monochromer Schwere bis zu aquarellhafter Leichtigkeit. Emaille verleiht eine Aura des Kostbaren. Da die einzelnen Platten nur mit dem Untergrund verschraubt werden, bleibt der Baukörper relativ unberührt, die Kirchenwand kann »atmen«. Außerdem kann man es auch einfach wieder »abschrauben, wenn es nicht mehr zeitgemäß ist«, sagt der Künstler mit seinem unvergleichlich freundlichen Au­genaufschlag. Ja, er ist auch ein Menschensammler – beinahe hätte ich »Menschen­fischer« geschrieben.

Sven Baier

Dem Glauben auf die Sprünge helfen

4. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Theologieprofessor Peter Zimmerling über die Alltagstauglichkeit protestantischen Glaubens

Regelmäßiger Gottesdienstbesuch, Tischgebete und andere christliche  Übungen führen im Protestantismus  ein kümmerliches Leben. Dabei sind religiöse Rituale wichtig, damit der Glauben leben und wachsen kann. Wie evangelische Spiritualität wiederbelebt werden kann, erfragte Sabine Kuschel bei Peter Zimmerling, Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Herr Professor Zimmerling, was halten Sie von der These: Der Protestantismus braucht als Korrektiv den Katholizismus?
Zimmerling:
Die kann ich unterstützen, wenn man mit gleichem Atemzug sagt: Der Katholizismus braucht als Korrektiv den Protestantismus. Wir brauchen uns gegenseitig!

Peter Zimmerling bei einem Vortrag. Foto: Harald Krille

Peter Zimmerling bei einem Vortrag. Foto: Harald Krille

Im Katholizismus gehört die religiöse Übung mit Ritual und Symbol unverzichtbar zum Glauben. Im Protestantismus hingegen wurde das lange Zeit infrage gestellt oder zumindest skeptisch gesehen. Protestanten können sich dabei übrigens nicht auf Martin Luther berufen. In dem Büchlein »Eine einfältige Weise zu beten« schreibt er: Es kann zwar sein, dass ich mein Gebet unterbrechen muss, um meinem Nächsten zu helfen. Dann gilt meine Hilfe als Gebet. Luther sagt jedoch im nächsten Satz: Man lasse sich bloß nicht von dem Gedanken verführen, dass es am Ende gar nicht mehr nötig sei, überhaupt zu beten. Das ist die Gratwanderung, auf der man sich als evangelischer Christ bewegt. Die religiöse Übung an sich steht immer in Gefahr zum religiösen Werk zu werden. Aber umgekehrt darf man sich nicht verführen lassen, auf religiöse Übungen überhaupt zu ver-
zichten.

Und wozu brauchen die Katholiken uns?
Zimmerling:
Religiöse Rituale und Übungen sind kein Selbstzweck: Diese Erkenntnis gilt es, den katholischen Mitchristen immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das Religiöse insgesamt darf nicht zum Selbstzweck werden!
Es reicht eben nicht, seine Sonntagspflicht zu erfüllen und die Welt sich selbst zu überlassen.

Damit der Glaube leben und wachsen kann, braucht er Nahrung. Was ist Ihrer Meinung nach der Minimalproviant?
Zimmerling:
Ich stamme aus einer kirchendistanzierten Familie. Dennoch war es selbstverständlich, dass meine Mutter am Abend vor dem Einschlafen das Gebet »Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm« sprach.

Später lehrte mich meine ältere Schwester das Vaterunser. Bis zur Pubertät war das Abendgebet selbstverständlich. Das galt auch für das Tischgebet am Sonntagmittag. Zudem brachte meine Mutter mir als Kind eine Reihe von Klassikern des Gesangbuchs bei. Nicht anders erzählt es Matthias Claudius vor zweihundert Jahren von seiner Mutter. Diese Tradition ist jedoch nach 1968 abgebrochen und müsste dringend wiederbelebt werden. Angesichts der Situation geht es darum, den jungen Müttern und

Vätern Mut zu machen, im Rahmen der Kindererziehung wieder solche kleinen Rituale zu praktizieren. Familiengottesdienste sind Gelegenheiten, davon zu sprechen. Vätern und Müttern könnte am Ende des Gottesdienstes ein schön gedrucktes Kindergebet zum Abend mitgegeben werden.

Regelmäßiger Gottesdienstbesuch, Tischgebete und andere christliche Übungen sind im Protestantismus verkümmert. Es wirkt so, als ob der Glaube keine Einübung brauche.
Zimmerling:
Der Protestantismus zeichnet sich durch eine Begeisterung für das Alltägliche aus. Das kann man an den beiden Gründergestalten des lutherischen Protestantismus ablesen: Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora versuchten zunächst beide, ihren Glauben im Kloster, an einem Ort außerhalb der Welt, außerhalb des Alltags zu leben. Nach ihrem Austritt aus dem jeweiligen Orden haben sie ihren Glauben zwar noch am klösterlichen Ort (im früheren Wittenberger Kloster Luthers), aber fortan als Ehepaar und als Familie inmitten der Welt gelebt. Deswegen sage ich: Das Markenzeichen evangelischen Glaubens ist seine Alltagsverträglichkeit. Noch etwas anderes kommt dazu: Luther und Katharina haben damit gezeigt, Glaube ist nicht bloß Sache einer frommen Elite, sondern kann von jedermann und jederfrau gelebt werden.

Die Kirche ist in einer schwierigen Situation. Christen haben zwar alle Freiheit, ihren Glauben zu leben. Es gibt hier und dort auch Aufbrüche. Aber insgesamt müssen wir fragen: Hat das Christentum in unserem Land seine Kraft verloren?
Zimmerling:
Ich befürchte, viele Menschen unserer Gesellschaft meinen: Das Christentum hatte lang genug Zeit, um zu zeigen, was in ihm steckt. Sie sind skeptisch, ob das alt gewordene Christentum noch die Kraft hat, sich wieder zu erneuern. Ich bin davon überzeugt, dass in ihm eine ewig junge Dynamik steckt. Vielleicht braucht es Ruhezeiten, in denen alles wie tot scheint. Auch dem Acker muss Ruhezeit gegeben werden, bis er wieder Frucht trägt. Das passt nur schlecht zu einer schnelllebigen Gesellschaft. Da will jeder immer sofort Erfolge und Früchte sehen. Geistliche Prozesse sind Wachstumsprozesse und die brauchen Zeit. Deswegen habe ich Hoffnung, dass der Protestantismus in Deutschland keineswegs am Ende ist. Ich würde uns allen ein bisschen mehr Selbstgewissheit und Vertrauen in die Zukunft wünschen.

Kann das Reformationsfest im Blick auf die Erneuerung des Christentums etwas leisten?
Zimmerling:
Das Reformationsfest besitzt viele Bedeutungsfacetten. Dadurch kann es leicht passieren, dass die entscheidende Facette, die Frage nach dem christlichen Glauben und seiner Gestalt, in den Hintergrund tritt. Immerhin: Das Reformationsfest bietet die Chance, sich auf den Ausgangspunkt zu besinnen. Und der bestand letztlich in der Frage nach dem Gottesverständnis.

Im Zentrum stand für Luther die Frage, wie der Glaube an Gott gelebt wird. Noch präziser gesagt: Wie ist mit der Tatsache umzugehen, dass auch ein Christ in seinem Leben immer wieder versagt und schuldig wird.Diese Frage konnte fast 1 500 Jahre lang in der Christenheit nicht gelöst werden. Luther beantwortete sie, als ihm aufging, dass Gott bereit ist – egal wie groß die Schuld ist – sie immer wieder neu zu vergeben und dem Menschen ewiges Leben zu schenken, ohne eine Vorleistung vonseiten des Menschen. Diese Erkenntnis hat das damalige Europa bis in die Grundfesten hinein erschüttert.

Menschen erfuhren, dass das Evangelium wirklich eine befreiende, frohmachende Botschaft ist. Damit verbunden war ein neues Gottesbild. Ein Gottesverständnis, das im Mittelalter offensichtlich nur im Raum der Mystik bekannt war: »Gott ist ein glühender Backofen voll Liebe«, wie Luther sagt, und eben kein rächender Gott, vor dem man sich in Acht nehmen muss.

Modern ausgedrückt, hat die Reformation die Frage nach dem Zerstörerischen im menschlichen Leben gelöst. Luther erkannte, dass sie nicht vom Menschen selber zu lösen ist. Sie kann nur in der Kraft des Glaubens an das Wirken Jesu Christi gelöst werden – eine ungeheuer entlastende Nachricht. Im Laufe ihrer Geschichte ist es den evangelischen Kirchen nicht leicht gefallen, diese befreiende Ursprungserfahrung von Generation zu Generation weiterzugeben.