Der Würde beraubt

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Westafrika: Die US-Missionarin Nancy Writebol durchlitt und überlebte eine Ebola-Infektion

Sie half den Ärzten und Pflegern, die Todkranke bei Monrovia betreuten. Dann bekam die Amerikanerin selbst Fieber, ausgerechnet an ihrem Geburtstag.

Die Missionarin drängt. Die Ebola-Patienten in Westafrika brauchen dringend mehr Hilfe, findet Nancy Writebol: »Zu wenig und zu spät« reagiert ihrer Meinung nach die Staatengemeinschaft auf die Epidemie. Mehr als 4 000 Menschen sind in Westafrika bereits an dem tödlichen Virus gestorben. Writebol überlebte ihre Infektion.

Schwer krank war die 59-Jährige US-Bürgerin Anfang August aus Liberia ausgeflogen worden. Ihre Behandlung hatte Erfolg. Heute müsse sie viel ruhen, doch von Tag zu Tag gehe es ihr besser, sagt Writebol. Und wie erging es ihr während der Infektion?

Ebola nehme den Erkrankten ihre Würde, sagt Writebol. Sie spricht von Fieber, Übelkeit und Durchfall, und dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Zeitweilig war sie nicht bei Bewusstsein. Ihre Füße schmerzten so sehr, dass schon eine Berührung mit einem Laken wehtat.

»Frieden gefühlt« trotz Erkrankung: Die US-amerikanische Missionarin Nancy Writebol vor Ihrer Ansteckung mit Ebola in Liberia. Foto: picture alliance

»Frieden gefühlt« trotz Erkrankung: Die US-amerikanische Missionarin Nancy Writebol vor Ihrer Ansteckung mit Ebola in Liberia. Foto: picture alliance

Nancy Writebol und ihr gleichaltriger Ehemann David arbeiten seit 20 Jahren als Missionare, darunter acht Jahre in Sambia und fünf in Ecuador. Im August 2013 kamen die beiden mit dem Missionsverband »Serving in Mission« (SIM) nach Liberia. Erklärtes Ziel der Organisation ist es, das Evangelium auf der ganzen Welt zu verkünden, wie auf der Website erläutert wird. Wer nicht zum rechten Glauben finde, sei nach dem Tod verdammt zu »ewiger Strafe und Trennung von Gott«. Zum Selbstverständnis der Organisation gehört allerdings auch der weltweite humanitäre Einsatz. Jesus sei das Vorbild für den Dienst an Menschen, die unter Aids, Armut, Krankheit oder Naturkatastrophen leiden. SIM ist in 65 Ländern tätig, die Mitarbeiter kommen aus 55 Nationen.

Als das Ehepaar aus Charlotte im Bundesstaat North Carolina im August 2013 nach Liberia kamen, war Ebola noch überhaupt kein Thema. Nancy Writebol lernte Missionspersonal an und half im SIM-Krankenhaus ganz in der Nähe der Hauptstadt Monrovia aus. Etwa ein halbes Jahr später tauchten die ersten Nachrichten über Ebola auf. Der erste Patient kam am 11. Juni in das Krankenhaus.

Nancy Writebol sah die Klinik vorbereitet, es gab eine Isolierstation und Schutzanzüge. Die Patienten hätten große Angst gehabt. Es sei »entsetzlich, was Ebola dem Körper antut«, sagt sie. Writebol arbeitete selbst im Hintergrund, half Ärzten und Pflegern mit den Schutzanzügen und desinfizierte sie. Bis 20. Juli, als die Klinik eine zweite und größere Isolierstation eröffnete, wurden 40 Ebola-Patienten behandelt. Nur einer überlebte.

Am 22. Juli, ihrem Geburtstag, bekam Writebol selbst Fieber. Sie dachte an Malaria, was ein Test bestätigte. Doch die Medikamente wirkten nicht. »Und die Ärztin sagte zu mir, machen wir doch den Ebola-Test.« Er war auch positiv. »Rühr mich nicht an«, habe sie sagen müssen, als ihr Mann David sie trösten wollte. Denn Ebola wird über Körperflüssigkeiten übertragen. Es war Krisenzeit im SIM-Krankenhaus: Auch der amerikanische Arzt Kent Brantly hatte sich angesteckt. Auch er wurde ausgeflogen, auch er ist inzwischen wieder gesund.

Writebol sagt, Ebola sei für sie kein Glaubenstest gewesen. Sie habe Frieden gefühlt, und die Frage »warum ich?« habe sie nie gestellt. Sie lasse sich ohnehin nicht beantworten. Writebol und Brantly wurden mit dem experimentellen Medikament ZMapp behandelt. Im Interview mit einem Wissenschaftsmagazin sagte Writebol, sie wisse nicht, was den Ausschlag gegeben habe für ihre Genesung.

Heute vermutet die zweifache Mutter und fünffache Großmutter, die ausführliche Berichterstattung über ihren Fall habe geholfen, die westliche Welt aufzuwecken. Über E-Mails erfährt sie, dass die Zustände in Liberia schlimmer werden. Die Überlebensrate im SIM-Krankenhaus sei allerdings besser. Offenbar kommen die Patienten viel früher zur Behandlung.

Doch auch Menschen, die wieder gesund würden, seien »zutiefst verwundet«, sagt Writebol. Für Liberianer sei ein Trauma nach dem anderen gekommen, bis 2003 der Bürgerkrieg und jetzt Ebola. Writebol hofft inständig, dass nun wenigstens die vielen internationalen Hilfszusagen eingehalten werden.

Konrad Ege (epd)

UN: Weitere Hilfe dringend erforderlich
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat in einem dringenden Appell um mehr Geld für die Ebola-Bekämpfung gebeten. »Ebola ist ein enormes und dringendes globales Problem und verlangt nach einer umfassenden und schnellen globalen Reaktion«, sagte Ban in New York. Dutzende Länder hätten ihre Solidarität gezeigt: »Aber wir müssen Versprechen in Taten umsetzen.« Ban betonte außerdem: »Wir brauchen mehr Ärzte, Pfleger, Ausrüstung, Behandlungszentren und Kapazitäten, um Patienten zu evakuieren.«

Nach den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden bislang knapp 9 000 Ebola-Fälle registriert, etwa die Hälfte der Patienten ist an der Virus-Erkrankung gestorben. Schwerpunktländer sind Liberia, Sierra Leone und Guinea. Die WHO geht davon aus, dass sich im Dezember jede Woche bis zu 10 000 Menschen in den drei Ländern anstecken werden.

Deutsche Arzteverbände haben inzwischen Mediziner aufgerufen, sich als Freiwillige für die westafrikanischen Ebola-Gebiete zu melden. Ärztinnen und Ärzte mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung sollten sich an das Rote Kreuz und andere Hilfswerke wenden, teilten die Organisationen in der vergangenen Woche in Berlin mit.
(GKZ/epd)


Bilder von Gewalt im Namen Gottes

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie steht verloren am Rand des Speicher B im Wissenschaftshafen Magdeburg: Die Installation der Künstlergruppe WUESTend, hinter der sich Gerrit Heber, Uli Wittstock und Henry Mertens verbergen und die im Rahmen des Kunstfestivals »Olo Bianco« ausstellt. Von der Decke hängen drei Objekte, die an Lampions erinnern. Darunter ein Fernseher und eine weiße Tafel, gebettet auf Holz. Unscheinbar und harmlos. Ein Blick auf den Fernseher aber, in dem in Endlosschleife kurze Videosequenzen abgespielt werden, offenbart Schreckliches: Terror, Krieg, Gewalt. Die Schlachtfelder gleichen sich – egal aus welcher Zeit und von welchem Ort die Bilder stammen.

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

Die weiße Tafel klärt auf: Es sind Akte der Gewalt, die im Namen der drei abrahamitischen Religionen verübt wurden. Gezeigt werden die brutalen Schattenseiten von Judentum, Christentum und Islam. Die Installation heißt »Fleischwerdung«. WUESTend wissen um die Zentralstellung des Gedankens der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus. Und sie wissen auch, dass es diese Vorstellung ist, die das Christentum von Islam und Judentum trennt. Sie gehen davon aus, dass alle drei Religionen sich auf einen Gott beziehen und im Namen dieses einen Gottes Waffen segnen und Gewalt verüben. Die Fernsehbilder führen es schmerzhaft und manchmal schwer erträglich vor Augen. Die Endlosschleife, in der sie gezeigt werden, kennt keinen Anfang und kein Ende: Der Kreislauf von Gewalt- und Gegengewalt. Das ist wahr, das tut weh und das wird zu oft verdrängt. Der Titel »Fleischwerdung« suggeriert dabei: So werden Religionen sichtbar, so wird aus religiösen Ideen Fleisch.

Durch die Videos wirken die weißen Objekte über dem Bildschirm plötzlich wie Körper, gehüllt in ein Leichentuch. Aber WUESTend machen es sich zu leicht. In ihrem Begleittext schreiben sie, die Antwort auf diese bedrohliche Lage sei der Atheismus, dem mit der Installation ein Altar erbaut werden soll. Damit bereitet sie einem Vulgäratheismus die Bühne, der alle Religionen auf ihre Schattenseiten reduziert und für alle Übel der Welt verantwortlich macht und dabei so tut, als hätte es nie Verbrechen im Namen des Atheismus gegeben. Die Antwort kann aber nur eine innertheologische sein: die Botschaft der Versöhnung, die alle drei Religionen kennen.

Bei aller Kritik lohnt der Blick auf die Installation, weil sie Fragen provoziert: Ist es die Aufgabe von Kunst, fertige Lösungen für komplexe Probleme anzubieten? Wie repräsentativ ist diese Sicht auf die Religionen, wie weit verbreitet ist sie in der Gesellschaft und wie kann man ihr als Christ begegnen? Und schließlich: Wie bereit sind die Religionen und ihre Anhänger, sich ihren eigenen Schattenseiten auszusetzen, sie auszuhalten. WUESTend machen das Verdrängte sichtbar, wecken damit hohe Erwartungen, an denen sie in der Konsequenz aber scheitern. Eines ist die Installation aber mit Sicherheit: Diskussionswürdig, streitbar und provokant.

Stefan Körner

Bis zum 4. November. Öffnungszeiten: Donnerstag 17.30 bis 23.30 Uhr, Freitag 17.30 bis 5.00 Uhr, Sonnabend 12.00 bis 5.00 Uhr, Sonntag: 12.00 bis 23.30 Uhr


www.kulturanker.de

Luthers Tipp: Sündige tapfer!

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Was das merkwürdige und missverständliche Lutherwort heute bedeutet

Soll man den vom Islamischen Staat (IS) bedrohten Menschen mit Waffen helfen? Oder verbietet sich ein derartiges Handeln generell? Diese aktuelle politische Frage zeigt beispielhaft: Man macht sich schuldig, ob man handelt oder nicht. Das wusste bereits Martin Luther. Sein Wort »Sündige tapfer!« steht im Zentrum seiner
Theologie.

Luther orientiert sich an Paulus

Sündige tapfer, aber tapferer glaube! Theologen aller Generationen haben versucht, dieses Lutherwort, das in einem Brief an Melanchthon vom 1. August 1521 überliefert ist, abzu­schwächen. Luther wäre überarbeitet gewesen oder habe wieder einmal rhetorisch übertrieben, heißt es. Seine Gegner warfen ihm vor, den Sittenverfall zu befördern, Hurerei und Mord Vorschub zu leisten. All dies hatte Luther nicht im Sinn, er meinte kein »sündige drauf los«. Luther hatte keinen moralischen Begriff von Schuld und Sünde. Ihm geht es nicht primär um die kleinen und größeren Sünden, die wir – bewusst oder unbewusst – täglich begehen. In seinem Verständnis von Sünde orientiert sich der Reformator an Paulus. Für den Apostel ist der Gegensatz zu Sünde Glaube und Vertrauen auf Gott (Römer 14,3). Andersherum nennt Paulus all das Sünde, was nicht aus dem Glauben, das heißt aus der Einheit mit Gott kommt. Die Sünde, das ist theologisch gesprochen der Unglaube. Luther hatte dies erkannt als er die Formel entwarf »pecca fortiter, sed fortius fide«, »sündige tapfer, aber tapferer glaube!«

Für Luther ist der Mensch gänzlich Fleisch, gänzlich Sünde. In seinem Werk »Der geknechtete Wille« (1525) stellt er klar, dass der Mensch da auch nicht von alleine rauskommt. Grundsätzlich gilt: Der menschliche Wille vermag nichts in dem, was das Heil angeht. Mit Paulus sagt Luther: »So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt« (Römer 7,17) und »Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.« (Römer 7,20)

Die Sünde darf nicht verdrängt werden

Einen Ausweg gibt es nur durch den Glauben, dass Gott es richten kann. Das andere bewerkstelligt dann Gott: Luther nennt das »fröhlichen Wechsel«: Die Übertragung der Sünde auf Gott. Luther meinte: Steh dazu, dass du ein Sünder bist und bleibst, und sieh der Sünde unerschrocken ins Gesicht. Mach vor dem Abgrund deines Lebens nicht kehrt, sondern schau mutig hinunter, denn dort findest du den rettenden Christus!

Psychologisch gedeutet kam es Luther darauf an, dass die Sünde nicht nach innen verdrängt wird. Sie muss begangen, bewusst gemacht und bekannt werden, sonst zerfrisst sie das Innere. Luther erkannte: Der Versuch, das Böse zu eliminieren, scheitert im Inneren und Äußeren. In der Welt wird dadurch nur neue Gewalt geboren, im Selbst werden neue Abgründe
geschaffen.

Die Bedeutung für Entscheidungen

Das hat eine Bedeutung für das alltägliche Leben, mit all den kleinen und großen Entscheidungen, die wir treffen müssen. Es gilt aber genauso für weltpolitische Entscheidungen wie die Frage, ob man den kurdischen Peschmerga-Kämpfern Waffen liefern darf. Im Sinne Luthers kann man sich nicht heraushalten, man muss sich damit befassen und sich der Verantwortung und der Schuld bewusst werden.

Es lohnt sich, das Wort »Sündige tapfer, doch tapferer glaube« im geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen. Luther schrieb es seinem Freund und Kollegen Melanchthon. Magister Philip­pus war der kluge Kopf der Reformation, aber er hatte eine Schwäche. Er war ein Grübler und traf höchst ungern Entscheidungen. Im Gegensatz zum vorpreschenden Luther war er nachdenklich, bedächtig, voller Selbstzweifel. So verbrachte er schlaflose Nächte und zögerte Entscheidungen hinaus, wo er nur konnte. Seine Verzagtheit bescherte ihm ein Magengeschwür, er musste sich von Schonkost ernähren. Luthers Botschaft an den Freund war: Du kannst nicht leben, ohne Fehler zu machen. Falsche Entscheidungen gehören dazu. Auch Abwarten kann falsch sein.

Luthers zweiter Rat: Glaube noch tapferer! Der gnädige Gott kann deine Fehler zum Guten wenden. Luther riet Melanchthon, im Vertrauen an Christus zu handeln, im Glauben etwas zu wagen, das zu tun, was er im Glauben vor Christus verantworten konnte. Dabei sollte er nicht so viel an sich und seine Reinheit denken, sondern eben an Christus, der die Sünde wegnimmt und überwunden hat.

Die richtige Entscheidung gibt es manchmal nicht

Das heißt: Der Gegensatz zur Sünde ist nicht die gute, reine, eigene Tat, sondern der Glaube. Es gibt also keine Reihenfolge »erst sündigen, dann glauben«, sondern nur ein »der Sünde glaubend ins Gesicht schauen«. Die richtige Entscheidung gibt es in manchen Situationen eben nicht. Man muss dann abwägen, welche am wenigsten falsch ist.

Helmut Frank

Kulturkampf unter Glaubensbrüdern

22. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: In der Region Dobrudscha leben Christen und Muslime friedlich zusammen – doch längst nicht allen gefällt dies


In Rumänien versuchen derzeit arabische Stiftungen und das türkische Kultusamt Diyanet, den traditionell toleranten Euro-Islam systematisch zu untergraben.

Der Freitag in Konstanza am Schwarzen Meer in Rumänien geht langsam in den Abend über. Aus den Restaurants im historischen Zentrum der Metropole, die unter dem Namen Tomis schon in der Antike eine bedeutende Hafenstadt war, klingt Musik verschiedenster Stilrichtungen. Mitten in dieses Klanggewirr schmettern plötzlich aus Lautsprechern am Turm eines Gebäudes orientalische Klänge: »Allahu akbar!« Einige Minuten dauert der Gebetsruf – und keiner stört sich daran. Die fünftgrößte Stadt Rumäniens in der historischen Region der Dobrudscha ist Sitz eines orthodoxen Erzbistums. Unter den knapp 300000 Einwohnern der Stadt sind aber auch rund sechs Prozent Muslime.

Treue Muslime und loyale Staatsbürger: Für die rumänischen Muslime mit ihrem toleranten Euro-Islam ist dies kein Widerspruch. Doch vom Ausland finanzierte Fundamentalisten kämpfen um Einfluss im Karpatenland. – Foto: Jürgen Henkel

Treue Muslime und loyale Staatsbürger: Für die rumänischen Muslime mit ihrem toleranten Euro-Islam ist dies kein Widerspruch. Doch vom Ausland finanzierte Fundamentalisten kämpfen um Einfluss im Karpatenland. – Foto: Jürgen Henkel

Islam: Seit alters Bestandteil des religiösen Lebens
Für die orthodoxen Rumänen in der Dobrudscha ist der Islam ein selbstverständlicher Bestandteil der religiösen Landschaft. 1878 kam die Region zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer vom Osmanischen Reich zum neuen Fürstentum und späteren Königreich Rumänien. Der neue Staat sicherte den Muslimen, ethnisch meist Krim-Tataren und Türken, volle religiöse Freiheit zu, was diese stets mit Loyalität würdigten. Seit rund 800 Jahren leben Muslime und Christen nun friedlich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien zusammen, seit Seldschuken auf ihren Eroberungszügen im 13. Jahrhundert den Islam in der Dobrudscha verbreitet haben. Heute ist der Islam als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt wie die Kirchen.

Dass das Zusammenleben bisher so reibungslos klappt ist auch den Muslimen zu verdanken, die sich nicht abschotten. Muslime und Christen begegnen sich im Alltag mit höchstem Respekt. Großmufti Yussuf Muurat hat bei der orthodoxen Fakultät Konstanza seine Doktorarbeit eingereicht zum Thema »Islam und Menschenrechte«. Betreuer war der orthodoxe Erzbischof Teodosie von Tomis/Konstanza.

Laut Großmufti Muurat gibt es drei Typen von Muslimen in Rumänien: die seit Jahrhunderten in der Dobrudscha ansässigen Krim-Tataren und Türken, die rumänische Staatsbürger sind, dann die Muslime aus dem Ausland, die seit 1970 in kommunistischer Zeit zum Studieren oder Arbeiten ins Land gekommen und geblieben sind und mittlerweile in zweiter Generation im Lande leben. Der dritte Typ besteht aus Geschäftsleuten, die nach 1990 ins Land gekommen sind, meist Türken und Araber. Allein in Bukarest leben seiner Aussage nach rund 10000 Muslime.

Die rumänischen Muslime sind traditionell sehr tolerant. Mädchen besuchen Gymnasien, junge Frauen studieren, es gibt keine Schleierpflicht in der Öffentlichkeit. Mischehen sind nicht häufig, stellen aber auch kein Problem dar. Die Dobrudscha gilt bisher unter Kennern als leider viel zu wenig beachtetes Modell gelingenden Zusammenlebens zwischen Christen und Muslimen in Europa.

Reich an Geschichte, aber arm an Geld
Das Muftiat ist indes mit Problemen konfrontiert. Arabern und auch der Türkei missfällt der tolerante Euro-Islam. Achtzehn aus dunklen Kanälen gesteuerte arabische Stiftungen wirken heute auf dem Territorium Rumäniens und unterhalten eigene Gemeinden und Hinterhofmoscheen. »Wir arbeiten mit solchen Stiftungen nicht zusammen, die das Muftiat nicht anerkennen. Das Muftiat ist die älteste muslimische Institution im Lande. Diese kommen nach Rumänien und wissen, dass es hier seit den Zeiten des Osmanischen Reiches ein Muftiat als historische Institution gibt«, kritisiert Muurat.

Sein Muftiat ist reich an Geschichte und Tradition, aber arm an Geld. Die finanziell bestens ausgestatteten Stiftungen ziehen ein Parallelprogramm auf, das mit dem traditionell toleranten Euro-Islam in Rumänien nicht vereinbar ist. Ziel ist eine andere Ausrichtung der Muslime in Rumänien, das als EU-Mitglied ein wichtiges strategisches Ziel auf der Suche nach Gotteskriegern in der EU ist.

Großen Einfluss übt seit der Wende von 1989 auch die Kultusbehörde Diyanet der türkischen Regierung aus. Sie finanziert mit Millionen von Euros Projekte in Rumänien. Und das Kultusamt entsendet im Rahmen einer gezielten Strategie fundamentalistische Prediger, die sich als »Zweitimame« in den Gemeinden breitmachen.

Der Imam von Tulcea am Donaudelta, Nuredin Amdi, spricht Klartext. »Die türkische Regierung schickt uns diese Imame, um unsere Gläubigen zu beeinflussen. Sie wenden sich vor allem an Türken und Roma und können meist kein Wort Rumänisch oder tun zumindest so. Sie bieten den Gläubigen einen Islam als Wunschkonzert bis hin zu Wunderheilungsgebeten, was wir, die Hodschas aus Rumänien, ablehnen. Wenn du Zahnschmerzen hast, geh zum Zahnarzt, nicht zum Pfarrer«, betont er schmunzelnd. Die türkischen Staatsimame sind finanziell bestens ausgestattet und verdienen ein Vielfaches des Gehalts der hiesigen Imame.

Ausländer bringen den Religionsfrieden in Gefahr
Die Gastimame und Stiftungen versuchen derzeit, systematisch unter den friedlichen Muslimen Rumäniens gegen Christen und den Westen Stimmung zu machen. Sie kritisieren das friedliche religiöse Klima und den Euro-Islam als Leisetreterei und Nachgiebigkeit.

Der Mufti und die Imame aus Rumänien hingegen wollen ihren friedfertigen und traditionsreichen Euro-Islam verteidigen. 2015 sind turnusgemäß Neuwahlen der Führung des Muftiats. Aus dem Ausland wird versucht, das seit 2005 amtierende dialogfreundliche Oberhaupt Yussuf Muurat durch einen fundamentalistischen Mufti zu ersetzen. Es tobt ein Kulturkampf unter Glaubensbrüdern mit ungewissem Ausgang.

Jürgen Henkel

Hip-Hop im Knast

21. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Auf der Welt gibt es keine Gerechtigkeit.« Im Rap, im harten, aggressivem Rhythmus kommt der Frust, die Wut, die Enttäuschung darüber zum Ausdruck. Maximilian »Magma« Debuch beherrscht die Stilelemente der Hip-Hop-Musik, den rhythmischen Sprechgesang und die sparsamen Gesten. Seit 2011 teilt er dieses Wissen mit den Insassen der Jugendstrafanstalt, die seit Juni von Ichtershausen nach Arnstadt-Rudisleben umgezogen ist. Bei einem Diskussionsabend in der Oberkirche in Arnstadt gab Debuch mit einem Video Clip und seinem eigenen Auftritt einen Einblick in die Welt der rhythmischen Text-Musik.

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Maximilian Debuch rappt selbst unter dem Künstlernamen »Magma«. – Foto: Ines Rein-Brandenburg

Im Berufsleben Lehrer für Englisch und Sport an der Evangelischen Gemeinschaftsschule in Erfurt, betreut Debuch in seiner Freizeit seit acht Jahren in der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen Hip-Hop-Projekte. »Die Gefangenen schreiben ihre Gedanken auf, verarbeiten ihr Leben und auch ihre Taten, geben auch viel von sich selbst preis«, beschrieb er. »Letzte Woche hatten wir den 100. Workshop.« Er hat »einen guten Draht« zu den Jugendlichen. Natürlich nimmt er »eine Sonderrolle« ein: Einer, der von draußen kommt. Einer, dem die Jungs im Knast nicht egal sind. Gemeinsam bearbeiten sie die Texte, müssen sich mit ihrer Aggression auseinandersetzen und darüber diskutieren, welche verbalen Angriffe oder Schimpftiraden sie nicht öffentlich vortragen können.

Anstaltsseelsorger Hosea Heckert ist der Vermittler für solche Außenkontakte. Über ihn kam auch der Arnstädter Künstler Christoph Hodgson dazu: Mit einigen interessierten Insassen praktiziert er an vier Sonnabenden verschiedene künstlerische Methoden: malen, sprayen, Nagelbilder gestalten. Die Gefangenen seien froh über jede Abwechslung. Hodgson war »sehr erstaunt, wie viel Kreativität da rüberkam.

Ines Rein-Brandenburg

Illusionen im Auftrag des Herrn

20. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Matthias Drechsel – ein Zauberkünstler, der seine Tricks mit der Botschaft von Gott verbindet

Drei Karten hält Matthias Drechsel in den Händen, lässt sie hin- und her gleiten. Nacheinander zeigt er, dass sie alle rot sind – um schließlich doch drei schwarze Karten in der Hand zu halten. »Gott liebt dich«, steht auf einer von ihnen – selbstverständlich in schwarzer Schrift. Matthias Drechsel ist Illusionist und Zauberkünstler. Das Wort Zauberer schätzt er nicht. Wer versuche, übernatürliche Fähigkeiten zu suggerieren, sei ein Scharlatan, sagt er. Er erzeuge Illusionen, und das gelinge ihm mit Technik, Fingerfertigkeit und Ablenkung.

»Unheimlich viel Spaß« mache ihm das, sagt der 44-Jährige, der sein Hobby am liebsten mit dem Glauben verbindet. Drechsel ist Mitglied der Gemeinschaft christlicher Zauberkünstler Deutschland mit Sitz in Gießen. Sie gehört dem internationalen Verband »Fellowship of Christian Magicians« an, die 1953 in den USA gegründet wurde. Die Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe von Zaubertricks »die froh machende Botschaft von Jesus« weiterzugeben.

Matthias Drechsel in einem Familiengottesdienst. – Foto: epd-bild

Matthias Drechsel in einem Familiengottesdienst. – Foto: epd-bild

Bei der Gemeinschaft christlicher Zauberkünstler sind Amateure ebenso engagiert wie zaubernde Pfarrer und Berufskünstler. »Gospelmagic« nennen sie die christliche Zauberkunst. Matthias Drechsel hat etwa 20 Auftritte pro Jahr: in Familiengottesdiensten, bei Gemeinde- und Kinderfesten, auf Messen und bei privaten Feiern.

Bei manchen Auftritten hat der Illusionist ein Seil dabei, das er mit einer Beziehung vergleicht. Ist das Seil intakt, ist es belastbar. Risse und Knoten dagegen machen es instabil. Drechsel zerschneidet das Seil, verknotet es wieder und der Zuschauer weiß, das kann nicht halten. Es sei denn »die kaputte Beziehung wird mit Gottes Hilfe wieder heil«. Kaum hat Drechsel den Satz gesprochen, ist der Knoten verschwunden und die symbolisierte Beziehung wieder intakt.

Für Drechsel, im Hauptberuf Mediengestalter, ist der Glaube eine wesentliche Grundlage seines Lebens. Damit in Berührung gekommen ist er in seiner Kindheit in der DDR. »Die halbe Verwandtschaft war Pfarrer«, erzählt er. Er selbst hat zeitweise einen christlichen Jugendchor geleitet und mit der Idee geliebäugelt, Theologie zu studieren. Nach dem Fall der Mauer hat er das nicht weiter verfolgt und sich dann selbstständig gemacht.

Das Fundament für seine Liebe zur Zauberei wurde ebenfalls in der Kindheit gelegt. In seine Heimatstadt Reichenbach im Vogtland kam in den Ferien regelmäßig ein Jugenddiakon der sächsischen Landeskirche. Der habe vormittags den kleinen Kindern etwas vorgezaubert, nachmittags den großen. »Ich habe mich immer in beide Veranstaltungen gemogelt«, sagt Drechsel. Mit kindlichem Eifer hat er versucht, die Tricks zu verstehen, und schließlich bei Verwandtschaftsbesuchen auch gezaubert.

Requisiten für seine kleinen Vorführungen hat Matthias Drechsel selbst gefertigt. »Was du nicht selbst gebaut hast, hattest du nicht«, erinnert er sich. Läden für Zauber-Utensilien habe es nur in Berlin und Dresden gegeben, zu weit weg für den jungen Künstler.

In der Zeit des Erwachsenwerdens trat das Hobby in den Hintergrund. Erst als Drechsel vor neun Jahren ins hessische Trebur kam, wo er dem Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde angehört, fing er wieder an mit dem Zaubern und knüpfte Kontakt zu den christlichen Zauberkünstlern. Seitdem illustrieren seine Tricks kurze Glaubensgeschichten.

In der Rolle des heiligen Nikolaus erzählt er etwa die Geschichte eines Mannes, der sein lebendiges Herz gegen eines aus Stein tauscht und dafür immer größere Reichtümer anhäufen kann. Schließlich merkt er, dass ihn niemand mehr liebt und er fragt den Nikolaus um Rat. Der sagt ihm, dass er all seinen Besitz loslassen muss. Zur Illustration verbrennt Drechsel Papiergeldscheine – und lässt aus der Asche ein neues Herz auftauchen.

Mit der Verbindung von Glaubensgeschichten und Tricks könne man die Menschen sehr gut erreichen, auch diejenigen, die nicht regelmäßig in den Gottesdienst gehen, ist Drechsel überzeugt: »Die Geschichten prägen sich besser ein, wenn man dabei etwas erlebt.

Renate Haller (epd)

In Klein-Berlin steht die Mauer noch

14. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Die innerdeutsche Grenze zerschnitt ein Dorf in Ost und West und trennte Familien


Im Sommer musste die Autorin aus Berlin unfreiwillig wegen einer Autopanne in der Nähe von Mödlareuth Station machen. Dabei lernte sie die Geschichte des Ortes kennen.

»Fahren Sie nach Klein-Berlin«, sagt Klaus Pluskiewitz. Ihm gehört der Autohof Berg nahe der A9 unweit der »Brücke der Einheit« an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Klein-Berlin? Nie gehört! »Die Mauer hat ein ganzes Dorf geteilt. Die Kinder der thüringischen Seite gehen in Schleiz zur Schule, die der bayerischen Seite in Hof.« Ob das stimmt? Wir erfahren es auch später nicht. Aber hin müssen wir, schließlich feiern wir 2014 zum 25. Mal eine Mauer, die es nicht mehr gibt.

In wenigen Minuten sind wir in »Klein-Berlin«. In Oberfranken. Nicht ganz. Das Auto passiert das Ortsschild: »Mödlareuth«. Ein zweites Schild begrüßt uns im Saale-Orla-Kreis. Im Osten. Ein Ende der Straße verlief noch im Westen. Die andere Hälfte der 50-Seelen-Gemeinde auch. Dazwischen liegt der Tannbach, der einst drei Mühlen im Dorf mit Wasser versorgte. 1810 wurden entlang seiner Ufer Grenzmarkierungen gesetzt. Auch später, als das Königreich Bayern und das Fürstentum Reuß Grenzsteine einließen, plätscherte er als Grenzfluss dahin. Unüberwindlich war er nicht: Noch gingen die Familien gemeinsam zur Schule, aufs Feld, in die Kirche und zum Dorffest.

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Die stehengebliebene Mauer im Freigelände des Museums. – Fotos: Sibylle Sterzik

Bis sich die Alliierten Deutschland teilten. Durch das Londoner Protokoll von 1944 wurde der im Sommer harmlos wirkende Tannbach zur Demarkationslinie zwischen sowjetischer und amerikanischer Besatzungszone. Nachdem die Amerikaner Mödlareuth und den Tannenbach kampflos eingenommen hatten, zogen sie sich in die Grenzen des protokollarisch Verabredeten zurück. Im Juli 1945 marschierten die Sowjets ein und blieben ein Jahr, bis die Amerikaner sie westwärts des Tannbachs zum Abzug drängten. Als 1949 DDR und Bundesrepublik gegründet wurden, schwoll der Bach zur Staatsgrenze an. Noch konnten sich die Dorfbewohnerinnen Lena Zehl und Helga Seidel unbehelligt auf einen Plausch am Bach treffen, aber ab 1952 begann die totale Abriegelung der Dorfhälften.

Erst trennte ein Holzzaun das Dorf, ab 1966 hinderte die Mauer selbst Geschwister wie die Goller-Brüder Kurt (Ost) und Max (West) daran, sich zu sehen. In der DDR war es nicht erlaubt, nach drüben zu grüßen, winken verbot die Polizeiordnung. Gaststätten mussten schließen, Versammlungen genehmigt werden. Die Landwirtschaft wurde reglementiert. Eine Fünf-Kilometer-Sperrzone vor der Grünen Grenze riegelte das Grenzgebiet ab. 500 Meter vor der Mauer gab ein Grenzsignal- und Sperrzaun bei Berührung Alarm. Beobachtungstürme und Suchscheinwerfer spürten jeden auf, später auch Hunde an Laufleinen. Niemand kam mehr ohne Sondergenehmigung und Passierschein ins Grenzgebiet. In zwei Wellen siedelte die DDR »politisch unzuverlässige« Bürger aus – insgesamt 12 000. Oft standen ihre Häuser dem Grenzbau im Wege.

Jahre später: Wir reiben uns die Augen. Die Mauer steht noch. Wenigstens ein Teil. 3,30 Meter hohe Betonsegmente und Streckmetallzäune versperren den Weg. Zwei weiß gestrichene Wachtürme erheben sich drohend über der hügeligen Landidylle. Es scheint, als müsste man jederzeit damit rechnen, dass ein Grenzhund am Laufband auf- und abrennt, ein Scheinwerfer aufleuchtet, eine Lautsprecher-Stimme ertönt: »Halt! Stehen bleiben!« Eine Filmkulisse? Nein, ein originales Museum. Aber gedreht wird hier.

Arndt Schaffner setzt »Mödlareuth« in dem gleichnamigen Dokumentarfilm ein Denkmal, das wütend macht, auch nach 25 Jahren. Zwangsaussiedlung unter dem Decknamen »Ungeziefer« von vier Familien im Grenzgebiet. Einer von der Oberen Mühle gelingt in letzter Minute die Flucht. Mutter und Tochter springen aus dem unteren Stallfenster, Vater und Sohn vom Heuboden. Drüben auf westlicher Seite helfen die Bayern. Während sie fliehen, warten im Innenhof sechs Volkspolizisten, zwei Laster sollen Möbel und Koffer fortschaffen. Sie bemerken nichts. Acht Monate zuvor hat Arno Wurziger seine Mühle fertig saniert. Er lässt sie zurück und springt in die Freiheit.

Vielleicht verfilmen in Mödlareuth auch Filmemacher die DDR, ohne zu ahnen, wie es sich wirklich in dem eingezäunten, heute »Neufünfland« geschimpften Landstrich lebte, der nicht mal das Rentenalter schaffte. Warum es einem heute noch die Tränen in die Augen treibt, wie eine Besucherin ins Gästebuch des Museums schreibt, das im Herbst 1990 auf Initiative von Arndt Schaffner entstand. »Nur wer die Vergangenheit kennt, wird die Gegenwart verstehen«, steht auf dem Hinweisschild am Dorfteich. An einem Streckmetallzaunfeld mit Stacheldraht.

Im Freigelände des Museums darf man dicht an die stehen gebliebene Mauer heran. Kein Schuss fällt. Kein Kübelwagen verfolgt die Grenzverletzer auf dem Kolonnenweg, Fußstapfen im umgepflügten Kontrollstreifen vor der Mauer verraten keinen Republikflüchtigen mehr, der KFZ-Graben bleibt leer. Der Besucher darf auf den Wachturm steigen, durch die niedrige Eisentür in der Mauer schlüpfen, auf dem »vorgelagerten DDR-Hoheitsgebiet« Pa­trouille laufen – die Mauer stand einige Meter vor der Staatsgrenze – oder mit einem Sprung über den Tannengraben »nach Drüben machen«.

Im Museum, früher eine Scheune, läuft der Dokumentarfilm »Mödlareuth«, eine Ausstellung erzählt europäische und Mödlareuther Geschichte vom Kalten Krieg. Auch im Depot sind Ost und West getrennt: rechts die Fahrzeuge der Grenzer Ost, links West. Das Museumsarchiv enthält unzählige Objekte zum Ausleihen.

Am 9. November fiel die Mauer in Berlin. In Mödlareuth blieb sie geschlossen. Die Bewohner gelangten nur über Umwege in den Westen. Erst einen Monat später, am 9. Dezember schlugen DDR-Grenztruppen eine fünf Meter breite Öffnung in die Mauer. Ein provisorischer Grenzübergang entstand nach 37 Jahren Abriegelung. Geöffnet nur von 8 bis 22 Uhr. Bundesbürger kamen mit einem Reisepass durch, DDR-Bürger erhielten einen Visum-Stempel in den Ausweis.

Erst am 17. Juni 1990 fiel hier die Mauer. Bayerische Dorfbewohner zogen mit Fackeln und Kerzen zur Mauer, skandierten: »Die Mauer muss weg.« Die Thüringer schlossen sich ihnen nach einer Gedenkveranstaltung zum Volksaufstand an. Das Weitere ging sehr schnell. Ein Bagger riss die Mauer ein, eine Übergangsstelle wurde eingerichtet und ein Grenzer stempelte unter dem Jubel der Anwesenden Mauerteile. Ein ehemaliger DDR Grenzoffizier empörte sich: »Hier wird Volkseigentum der DDR zerstört.« Auch heute ist das Dorf in zwei Bundesländer geteilt, Ost-Mödlareuth gehört zu Thüringen und West-Mödlareuth zu Bayern. Aber alle leben wieder gemeinsam.

»Little Berlin«, wie die Amerikaner es nannten, das Dorf 300 Kilometer von Berlin und von München entfernt, ist ein Symbol der deutschen Teilung wie Berlin. Mitten im Ort stand eine 700 Meter lange Grenzmauer, nur eine Miniatur angesichts der 1 400 Kilometer »Antifaschistischer Schutzwall« an der innerdeutschen Grenze. Angeblich zum Schutz der DDR-Bürger gegen den vermeintlichen Angriff westlicher Feinde. Feinde, die Brüder oder Schwestern aus demselben Dorf waren und die die Geschichte in unversöhnliche Lager zerteilte.

Nur einem gelang die Flucht. Ein aus dem Dienst entlassener Helfer der Grenztruppen, dem der Passierschein noch nicht abgenommen worden war, fuhr 1973 ungehindert mit seinem Barkas an die Mauer, stellte eine selbst gebaute Metallleiter in die Regenrinne seines Autodaches und überwand den Wall. Ein Postenführer, der ihn vom Wachturm aus bemerkte, richtete zwar den Schweinwerfer auf den Flüchtling, schoss aber nicht. Der Name des Postens ist heute in den Unterlagen der ehemaligen DDR-Untersuchungskommission geschwärzt. Warum eigentlich? In großen Lettern sollte man seinen Namen lesen können.

Im Gasthaus »Zum Grenzgänger« unweit des Museums steht eine »Grenzgängerplatte« auf dem Speiseplan. »Für Leute, die sich nicht entscheiden können.« Etwa Bouletten in Form von Splitterminen? Dazu schenkt die Wirtin Original-Thüringer »Rosen-Bier« aus. Gespeist wird mit Blick auf den Wachturm, in aller Ruhe. Bis vor 25 Jahren durfte sich hier niemand entscheiden. Wenn doch, hatten DDR-Grenzer Befehl, auf ihn zu schießen. Nur wenige widersetzten sich.

Ein Panzer richtet auf dem Parkplatz seine Kanone auf parkende Reisebusse und PKW. Ein russischer T-34, mit dem die Sowjets Thüringen befreiten. Schulklassen verlassen das Drehkreuz am Ausgang. Heckenrosen blühen, der Dorfteich liegt still, der Tannbach plätschert friedlich, als habe es die Todeszone nie gegeben.

Sibylle Sterzik

Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, Mödlareuth Nr. 13, 95183 Töpen, OT Mödlareuth, Telefon (09295) 1334, E-Mail: info@museum-moedlareuth.de
www.museum-moedlareuth.de

Nennen Sie Ihre Schwächen!

12. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unvollkommenheit und Schwäche gehören der biblischen Vorstellung nach zum Menschsein


Das menschliche Leben heute wie zu biblischen Zeiten ist ein Hin und Her zwischen Erfahrungen der Stärke und Schwäche. Sogar Jesus hat das in seinem Leben und Sterben selbst erfahren. Im Vertrauen auf Gott kann der Mensch allerdings Stärke finden. Gott verspricht, die Verhältnisse einst umzukehren. Dann werden die Starken schwach und die Schwachen stark sein.

»Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich«, klagt Hiob Gott an. Von Gott verlassen fühlt er sich in seinem Leid. Und er fasst seine Erschöpfung und Schwäche in eindrückliche Worte: »Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine sind verdorrt vor hitzigem Fieber. Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.« Vor einer solchen Gottverlassenheit in Alter und Schwäche fürchtet sich auch ein Psalmbeter und bittet Gott: »Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.« (Hiob 30,20 ff., Psalm 71,9)

Die Statue »Hiob« von Gerhard Marcks (1889–1981) vor der St.-Klara-Kirche in Nürnberg – Foto: Andreas Praefcke

Die Statue »Hiob« von Gerhard Marcks (1889–1981) vor der St.-Klara-Kirche in Nürnberg – Foto: Andreas Praefcke

»Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach«, heißt es in einem anderen Psalm. Es ist Gott, der Menschen mit Problemen und Schwächen unterstützt und stärkt. Das hat auch Hanna erfahren, eine Frau, die lange Zeit keine Kinder bekommen konnte. Verzweifelt betete sie zu Gott und wurde endlich doch schwanger. Als ihr Sohn auf der Welt ist, lobt sie Gott und ist sich sicher: Durch ihn ist »der Bogen der Starken … zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.« (Psalm 6,3, 1. Samuel 2,4)

Jesus wusste um die Schwächen der Menschen. Immer wieder führte er ihnen vor Augen, dass der gute Wille allein nicht reicht. Wenn Durchhaltekraft und Opferbereitschaft gefragt sind, gelte es, nicht gleich aufzugeben. Dass dies selbst seinen Jüngern schwerfiel, erlebte er auch kurz vor seiner Festnahme im Garten Gethsemane. Dorthin hatte er sich mit einigen Jüngern zurückgezogen, um noch einmal zu beten. Doch die Jünger schienen von der drohenden Gefahr nichts zu merken und schliefen immer wieder ein. Scheinbar enttäuscht, dass seine Freunde ihm in dieser schweren Stunde nicht beistanden, ermahnte er sie: »Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.« (Markus 14,38)

Da Jesus als Mensch gelebt hat, hat er auch die menschliche Schwäche am eigenen Leib erfahren. Qualvoll starb er den schändlichen Kreuzestod und wurde auch noch ausgelacht, weil er, den man als König der Juden hinrichtete, sich vermeintlich nicht einmal selbst helfen konnte. Paulus deutete dieses Geschehen später so: »Wenn er auch gekreuzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes. Und wenn wir auch schwach sind in ihm, so werden wir uns doch mit ihm lebendig erweisen … in der Kraft Gottes.« (Matthäus 8,17, 2. Korinther 13,4)

Wer Paulus’ rhetorisch gekonnte Briefe las, vermutete dahinter zu seiner Zeit wohl einen auch im realen Leben imposanten Mann. Doch live scheint Paulus deutlich weniger beeindruckt zu haben. »Seine Briefe«, sagten Zeitgenossen, »wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich.« Doch Paulus, der um diese Wirkung wusste, drehte den Vorwurf um. »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«, habe Christus zu ihm gesagt. Er, Paulus, könne sich also getrost seiner Schwäche rühmen, denn dadurch wohne schließlich »die Kraft Christi« bei ihm. (2. Korinther 10,10)

Paulus spricht noch von einer anderen Schwäche und ruft zur Nachsicht auf. Die »Schwachen im Glauben« sind Christen, die sich in ihrem Glauben noch leicht verunsichern lassen. Paulus meint beispielsweise, wenn man wisse, dass es gar keine Götzen gebe, könne man ruhig Fleisch essen, das aus Götzenopferhandlungen stamme. Er rät aber, es dennoch bleiben zu lassen, wenn man dadurch schwache Glaubensgeschwister in Gewissensnöte bringe: »Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird!« Immer wieder ruft er auch zu Geduld und Nachsicht mit den Schwächeren auf: »Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.« (Römer 14,1, 1. Korinther 8,7 ff)

Am Ende der Zeit werden die Schwachen stark sein, betonen die Propheten. »Zu der Zeit wird der Herr die Bürger Jerusalems beschirmen, und es wird zu dieser Zeit geschehen, dass der Schwache unter ihnen sein wird wie David«, einer der stärksten Könige Israels, sagt der Prophet Sacharja voraus. Und Jesaja meint: »Keiner der Bewohner wird sagen: ›Ich bin schwach‹; denn das Volk wird Vergebung der Sünden haben.« (Jesaja 33,24, Sacharja 12,8)

Uwe Birnstein

Literaturempfehlung
Herzog, Susanne: Stark und schwach wie du und ich. Unterwegs mit Frauen der Bibel in Bildern von Sieger Köder, Schwabenverlag Aktiengesellschaft, 128 S., 978-3-7966-1654-9, 16,99 Euro

Zwischen Furcht und Hoffnung

11. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Türkei: Die Minderheit der orthodoxen Christen blickt sorgenvoll auf die Entwicklung im Nachbarland Syrien


Sollten die Islamisten des IS die Grenze zur Türkei überschreiten, wären sie wohl die ersten Opfer: Rund 3000 syrisch-orthodoxe Christen leben im Südosten der Türkei. Ein Besuch bei einer bedrohten Minderheit.

Einsam strahlt ein Licht in der Dunkelheit der Berge. Zwischen steilen Geröllhängen taucht der beleuchtete Kirchturm des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel unvermittelt hinter einer Bergkuppe auf. Wer den Klosterhof betritt, hört aus dem Keller Gesänge. In einer kleinen Kapelle haben sich Mönche, Nonnen und Klosterschüler zum Abendgebet versammelt. Weihrauchschwaden ziehen durch den Raum. Auf Aramäisch, der Sprache Jesu, beten die Gläubigen Psalmen und das Vaterunser. Schließlich segnet Erzbischof Timotheos Samuel Aktas die Menschen in der Kapelle mit einem kleinen goldenen Kreuz.

Gut 3000 syrisch-orthodoxe Christen leben heute noch im Südosten der Türkei, unweit der syrischen Grenze. Zwischen Midyat und Mardin, im Tur Abdin, einer Region, die sie den »Berg der Knechte Gottes« nennen. Auf kargen Böden bauen die Menschen Wein und Melonen an, an den Hängen weiden Ziegen und Schafe. Einst waren die Christen hier in der Mehrheit, zählten viele Hunderttausend. Doch beim Völkermord an den Armeniern und Aramäern 1915 verloren viele von ihnen das Leben. Und die Kämpfe zwischen Türken und Kurden, bei denen die Christen oft zwischen die Fronten gerieten, sorgten noch vor 20 Jahren für einen wahren Exodus aus der Region.

Leuchtfeuer des Glaubens: Das Kloster Mor Gabriel mit seinen Mönchen und Gottesdiensten ist geistliches Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der Türkei. – Fotos: Benjamin Lassiwe

Leuchtfeuer des Glaubens: Das Kloster Mor Gabriel mit seinen Mönchen und Gottesdiensten ist geistliches Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der Türkei. – Fotos: Benjamin Lassiwe


Hoffnung auf Gott und eine gute Zukunft

In vielen einst vollständig christlichen Dörfern leben heute nur noch einzelne Familien. Und das Kloster Mor Gabriel ist ihr geistliches Zentrum. »Wir hoffen und glauben, dass es für uns eine Zukunft geben wird«, sagt Erzbischof Aktas, als er eine kleine Delegation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und den Siegener Bundestagsabgeordneten Volkmar Klein (CDU) empfängt. »Denn Gott hat der Kirche versprochen: Du bist mein und ich bin dein.«

Während der Erzbischof redet, servieren zwei Jungen Früchte und Tee. Sie sind Klosterschüler: Weil an den staatlichen Schulen der Türkei der Unterricht in aramäischer Sprache verboten ist, leben die Kinder der christlichen Familien des Tur Abdin für einige Zeit im Kloster. Tagsüber besuchen sie die staatliche Schule, nachmittags lernen sie Aramäisch. Offiziell erlaubt ist dies nicht. Doch die Behörden drücken ein Auge zu. Das gilt auch für den an den staatlichen Schulen verpflichtend vorgeschriebenen islamischen Religionsunterricht. »Unsere Schüler sind davon befreit«, sagt Erzbischof Aktas. Doch ihnen fehlen dadurch wertvolle Punkte für das Abitur.

Immer wieder erlebten die Christen, eine Art Staatsbürger zweiter Klasse zu sein: Baugenehmigungen würden nicht erteilt, die Renovierung von Kirchen nicht genehmigt. Selbst der Landbesitz des seit dem 4. Jahrhundert durchgehend bewohnten Klosters ist umstritten: Kurdische Dörfer in der Umgebung verklagten die Mönche wegen »illegaler Ansiedlung«, derzeit sind noch drei Verfahren anhängig. Es geht um Felder, Gärten und die Klostermauer. »Hinter den Klagen steht das Ziel, uns von hier zu vertreiben«, sagt Aktas.

Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich deswegen schon für Mor Gabriel eingesetzt. Auf ihre Intervention hin gab der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dem Kloster einige Hektar Land zurück, die zuvor der Staat beanspruchte. »Die Christen im Tur Abdin brauchen Rechtssicherheit«, sagt der Bundestagsabgeordnete Klein. »Die alten Klöster in dieser Region sind Symbole der verfolgten Christenheit«, ergänzt Edgar Lamm, Vorsitzender der deutschen Sektion der IGFM. »Wir fordern eine offizielle Aufhebung des Verbots zur Erteilung des aramäischen Sprachunterrichts.«

Doch es gibt nicht nur den christlichen Leuchtturm des Klosters Mor Gabriel: In der ganzen Region haben die Christen derzeit kaum einen Grund zur Freude. »Wir hören nachts die Geschütze«, sagt Bülent Alkin. Bis vor einigen Jahren verkaufte der Familienvater Döner Kebap in Hamburg-Bill­stedt. Dann kehrte er zurück in das Dorf seiner Vorfahren, nach Marbobo. Von seiner Terrasse aus sieht man die syrische Grenze. »Natürlich haben wir Angst vor dem IS«, sagt Alkin.

1993 mussten die Christen schon einmal aus Marbobo fliehen: Islamistische Kämpfer der kurdischen Hisbollah vertrieben sie aus ihrer Heimat. Heute haben die Christen ihre Häuser renoviert und die Kirche saniert. Es ist möglich, Gottesdienst zu feiern. Dennoch ist in türkischen Personalausweisen noch immer die Religionszugehörigkeit angegeben, und Christen werden in den seltensten Fällen Staatsbeamte. Das Verhältnis zu den islamischen Nachbardörfern von Mabobo ist wenigstens an der Oberfläche entspannt: Man besucht sich zu hohen Feiertagen gegenseitig, man grüßt sich auf der Straße.

Doch schon seit 40 Jahren klagen die Leute von Marbobo dagegen, dass ihre fruchtbaren Baumwollfelder im Kataster ihrem islamischen Nachbardorf zugesprochen wurden. Ein Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht. Und während Bülent Alkin unter den Olivenbäumen seines Gartens von seinem Dorf erzählt, ziehen am Horizont Gewitterwolken auf. »Die Menschen, die uns damals vertrieben haben, würden uns heute genauso vertreiben, wenn sich die Gelegenheit böte«, fürchtet der Heimkehrer, der zur Sicherheit seinen deutschen Pass behalten hat. »Aber wir sind nach Mabobo zurückgekommen, um zu bleiben.«

Anzeichen für wachsende Toleranz der Religionen
Das will auch Pater Joachim. Hoch oben über Marbobo baut der orthodoxe Mönch das im Jahr 367 in die Felsen des Tur Abdin gehauene Kloster Mor Augin wieder auf. Mit Hilfe einer abenteuerlichen Krankonstruktion befördern Arbeiter den Zement zur Kirche, es wird gehämmert, gemeißelt und gebohrt. »Die Unterdrückung der 70er, 80er und 90er Jahre ist gottlob vorbei«, sagt der Mönch, der wie alle syrisch-orthodoxen Geistlichen eine schlichte schwarze Kutte und ein mit goldenen Kreuzen besticktes Kopftuch trägt.

Schon werden in Mor Augin wieder die Stundengebete gefeiert. Und die ersten beiden Jugendlichen sind in das Kloster gekommen, um von dem Pater die Sprache der Ahnen zu lernen. »Mit Gottes Hilfe bringen wir neues Leben ins Tur Abdin zurück.«

Einige Kilometer weiter westlich, beim Kloster Zaffaran, ganz in der Nähe der Provinzhauptstadt Mardin, ist das schon geschafft. Ein moderner Souvenirshop begrüßt die Besucher, eine mit EU-Mitteln sanierte Fassade strahlt weit über die Landschaft hinaus. Auch in Zaffaran haben die Christen Landprobleme, auch in Zaffaran wird der Aramäisch-Unterricht für Kinder nur geduldet. »Aber wir bemühen uns um gute Beziehungen zu unseren Nachbarn«, sagt Bischof Philoxenos Saliba Özmen.

Mit dem vorigen Provinzgouverneur sei er persönlich befreundet gewesen, mit dem Nachfolger gebe es eine funktionierende Arbeitsbeziehung. Und auch zum muslimischen Mufti halte er Kontakt. »Wir brauchen Arbeitsplätze, damit sich die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak hier niederlassen, und nicht nach Europa ziehen«, sagt der Bischof. »Wenn wir friedlich mit unseren Nachbarn zusammenleben können, können wir viel schaffen.«

Die Straße von Zaffaran und Mardin zurück in die Gebirgsstadt Midyat ist steil und kurvenreich. Statt des beleuchteten Kirchturms von Mor Gabriel empfängt den Reisenden am Ziel ein Uhrenturm. Auf ihm findet sich ein Relief, dass nebeneinander eine Moschee, den Hahn als Zeichen der Jesiden und eine Kirche zeigt. Das Minarett ist deutlich größer als der Turm der Christen dargestellt. Doch in den letzten Jahren haben die Christen aufgeholt.

Benjamin Lassiwe

Wann sagt man Guten Morgen?

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Um Vorurteile abzubauen, muss man sich unterhalten können – ein Chemnitzer Projekt hilft dabei

Viel wird in Deutschland davon gesprochen, dass mehr für Flüchtlinge getan werden muss. In Chemnitz macht eine kirchliche Initiative damit ernst.

Reza aus Afghanistan betritt an diesem Vormittag als erster den Raum, sein Heft mit sauber eingetragenen Vokalen in der Hand. Dann erscheint Geork, ein älterer Mann mit Goldbrille aus Georgien, die junge Asmait aus Eritrea mit dickem Kreuz an einer Holzperlenkette um den Hals und zuletzt Blazo, ein 25-Jähriger aus Serbien. Im Chemnitzer Vorort Siegmar bringt die Stadt rund 30 Asylbewerber in einer früheren Villa aus dem Jahr 1888 unter. Im Untergeschoss des Nebengebäudes ist das Sprachlernzimmer eingerichtet.

Als erstes werden heute die Begrüßungen wiederholt. Wann sagt man Hallo, wann Guten Morgen? Der Unterschied zwischen freundschaftlichen und höflichen Grußformeln wird intensiv geübt. Wer ist dran? Ein kleiner Ball wandert von Hand zu Hand. Auf dem Arbeitsblatt ist ein Mann in weißem Kittel gezeichnet, unten die Uhrzeit 10.00 Uhr. »Ein Doktor, man sagt Guten Tag!«, weiß Geork. Eine junge Frau im Sozialamt oder die Verkäuferin im Laden, wie verabschiedet man sich von ihr? Höflich: »Auf Wiedersehen.« Blazo, der auf Englisch nachfragt, erfährt, dass da das Alter keine Rolle spielt.

Dann verteilt Sprachlehrerin Coretta Storz Bögen mit Bildern von Gegenständen aus dem Raum – Tisch, Stuhl, Schere … Jetzt sollen die richtigen Artikel »der«, »die« oder »das« dazu eingetragen werden.

Storz studiert Germanistik mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache. Währenddessen widmet sich ihr Kommilitone Christian Meyer Asmait. Die junge Frau muss erst die lateinischen Buchstaben lesen und schreiben lernen. Zwei Bögen mit »MAMA« und »PAPA« brachte sie als Hausaufgabe mit. Nun lernt sie das »a« in Banane, Salat und anderen Worten erkennen. »Und das ist schwierig, denn ein Buchstabe steht für verschiedene Laute wie zum Beispiel das kurze und das lange ›a‹ in Salat«, weiß Christian, der Sprachwissenschaft als Schwerpunkt gewählt hat.

Inzwischen verteilen die anderen mit Coretta Storz aus Pappe ausgeschnittene Einrichtungsgegenstände in ein auf Papier gemaltes Haus. Das WC ins Bad, der Kühlschrank in die Küche, die Mülltonne vor das Haus … Lebhaft und konzentriert arbeiten die Schüler mit und schreiben anschließend die neu gelernten Vokabeln auf.

Mit Spaß und Eifer dabei: Coretta Storz (r.) und ihr Kommilitone Christian Meyer bieten seit März einmal in der Woche einen Sprachkurs für Asylsuchende an. Foto: Andreas Seidel

Mit Spaß und Eifer dabei: Coretta Storz (r.) und ihr Kommilitone Christian Meyer bieten seit März einmal in der Woche einen Sprachkurs für Asylsuchende an. Foto: Andreas Seidel

In seiner vergangenen Weihnachts­predigt hatte der Chemnitzer Superintendent Andreas Conzendorf angeregt, konkret für Flüchtlinge aktiv zu werden. Pfarrerin Astrid Kühme von der Gemeinde St. Nikolai-Thomas sprach Coretta Storz an. Die 28-jährige Mutter von drei Kindern war neben ihrem Studium auch Mitglied im Kirchenvorstand und sagte sofort zu.

»Organisation ist alles«, meint sie heute und berichtet begeistert von der Bereicherung durch dieses Ehrenamt für ihr Studium und für sich persönlich: »Wenn andere fragen, was wollen die Ausländer hier, da kann ich nur Gutes berichten.«

Im März wurden die wöchentlichen Kurse gestartet. Der Kirchenbezirk bezahlte Flipchart, Wörterbücher und was sonst noch nötig ist. Ihr Kommilitone Christian ließ sich nicht lange bitten. Er sei nicht kirchlich engagiert, sagt er, aber lobt, dass die Kirche da der Stadt ein paar Meilen voraus sei: »Über die Situation der Flüchtlinge brauchen wir nicht lange zu reden. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wenn wir es nicht machen, macht es keiner.«

Etwa 600 Flüchtlinge warten in Chemnitz auf ihren Asylbescheid, weitere 400 werden in diesem Jahr noch erwartet. Noch kann Reza auf Deutsch zu seinem Fluchtgrund nicht viel erklären, nur: »Afghanistan groß Problem.« Chemnitz findet er gut. Frauen wie Asmait müssen in Eritrea jahrelang Militärdienst leisten. Diese Diktatur wird auch »das Nordkorea Afrikas« genannt. Nach der Stunde Unterricht wirkt sie fröhlicher als vorher. Und als sie kurz darauf von einem kleinen Einkauf wiederkommt, übt sie gleich das Wort für das, was sie im Netz trägt: »Zwiebeln.«

Solche Kurse anzubieten empfiehlt auch die sächsische Landeskirche den Gemeinden in einer Broschüren, welche der Ausländerbeauftragte Albrecht Engelmann herausgegeben hat. In Radebeul gründete sich unter seiner Beratung vor einem Jahr sogar ein eigener Verein, der inzwischen mit etwa zehn Ehrenamtlichen jeden Tag Sprachkurse im Asylbewerberheim anbietet. Martin Oehmichen vom Vorstand »Buntes Radebeul«: »Wir wollten Vorurteile abbauen, dazu muss man sich unterhalten können.« Neuen Engagierten gibt er eine Erfahrung weiter, die Coretta Storz bestätigt: »Am Anfang kann es dauern, bis die Flüchtlinge regelmäßig kommen, bis sie Vertrauen gefasst haben.«

In Chemnitz kann jetzt der Unterricht auf ein zweites Wohnheim ausgedehnt werden. Acht Freiwilligen aus ihrer Gemeinde hat Coretta Storz in einem Sprachhelfer-Workshop die wichtigsten Grundlagen beigebracht. Dennoch ist ihr wichtig, dass alle Flüchtlinge auch an professionellen Sprachkursen teilnehmen können: »Wir wollen den Staat nicht aus seiner Pflicht entlassen.«

Katharina Weyandt

Die Geschichte einer jungen jüdischen Frau

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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1966 erhielt der israelische Schriftsteller Samuel Joseph Agnon gemeinsam mit Nelly Sachs den Literaturnobelpreis. Wenig bekannt ist, dass er von 1912 bis 1924 in Deutschland lebte, erst in Berlin, dann in Bad Homburg in der Nähe von Frankfurt/Main.

In Bad Homburg schrieb er die Erzählung »In der Mitte ihres Lebens«, die jetzt erstmalig auf Deutsch erscheint. Es ist die Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die trotz aller Bildung, trotz aller selbstbewussten Entscheidungen letztlich doch in den Zwängen ihrer Gesellschaft eingebunden bleibt. Eindrücklich stellt Agnon die Widersprüche dar, zwischen denen das Leben von Tirzia und ihrem Mann Masal abläuft: die Enge und damit zugleich die Wärme des Schtetls, die religiöse Tradition des Judentums und die säkulare, aufgeklärte Welt der Moderne, der nach religiösen Vorschriften geordnete öffentliche Alltag neben dem durch die Aufklärung bis in dieses Schtetl gedrungenen Zweifel. Als Agnon die Erzählung schrieb, war es in der jüdischen Literatur ungewöhnlich, ein Buch konsequent aus der Sicht einer Frau erzählen zu lassen. Was uns heute noch beeindruckt, ist der klare, schnörkellose Stil, der voller Assoziationen vor allem zu biblischen Schriften steckt, ohne dass er damit überfrachtet wäre. Akribische Angaben des Übersetzers und Herausgebers Gerold Necker weisen alle diese Bezüge nach und machen damit die Besonderheit von Agnons Erzählstil deutlich.

Jürgen Israel

Agnon, Samuel Joseph: In der Mitte ihres Lebens, Jüdischer Verlag. 132 S., ISBN 978-3-633-54266-6, 19,95 Euro

»Dein Wille geschehe …«

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Ehe wir den Willen Gottes bei anderen einklagen, sind wir selbst gefragt

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.« Wie oft haben Sie diese Bitte des Vaterunsers schon gesprochen? Sie steht als letzte der drei Bitten, die sich auf Gott den Vater beziehen: …dein Name, dein Reich, dein Wille, und ihr folgen die Bitten die das Wort »unser« enthalten. So bildet sie gewissermaßen den Übergang von ihm zu uns. Folgerichtig enthält sie den Nachsatz: »…wie im Himmel, so auf Erden.« Natürlich wirft dieses Thema Fragen auf: Was will Gott der Vater wirklich? Müssen wir uns dafür einsetzen, dass sein Wille geschieht – kann er das nicht selbst?

Foto: ferkelraggae – fotolia.com

Foto: ferkelraggae – fotolia.com

Die zweite Frage hat Martin Luther im Kleinen Katechismus, den jeder Hausvater seinen Mitbewohnern lehren sollte, so beantwortet: »Gottes guter, gnädiger Wille geschieht wohl ohne unser Gebet, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.«

Es geht zuerst um uns. Ehe wir den Willen Gottes bei anderen einklagen, sind wir gefragt: Willst du, dass Gottes Wille durch dich, in deinem Leben geschieht? Wenn wir in 1. Timotheus 2,4 lesen: »Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«, muss ich mich fragen: Lasse ich mir von ihm helfen? Bin ich bereit, mir von ihm die Wahrheit zeigen zu lassen? Sind wir nicht oft in der Gefahr, alles selbst regeln zu wollen, weil wir Bescheid zu wissen meinen? Es geht letztlich um die Frage: Darf Gott meine Sicht auf Dinge verändern und mir helfen, sie anzugehen? Plane ich ihn überhaupt bei der Gestaltung meines Lebens ein?

Wenn ich Gott in meinem Leben haben möchte, werde ich mein Handeln an Seinen Geboten ausrichten. Das bedeutet zu lassen, was er verbietet – in den Geboten, die mit »Du sollst nicht« beginnen. Aber oft übersehen wir die vorderen Gebote mit dem »Du sollst« am Anfang: dass er für uns die oberste Instanz – Gott ist; dass wir seinen Namen und seinen Tag heilighalten. Wenn ich mit jemandem zusammen lebe, den ich mag, versuche ich, ihm Freude zu machen. Ich werde unterlassen, was ihn stört, aber auch tun, was ihm Freude macht. Im Leben mit Gott lerne ich Seinen Willen kennen.

Manchmal müssen wir Entscheidungen treffen und sind uns über Gottes Willen nicht klar. Dann können wir darum bitten, dass er Dinge und Wege nach seinem Willen ordnet. »Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll«, betet der 143. Psalm. Auch können erfahrene Christen uns raten, mit denen wir unser Anliegen im gemeinsamen Gebet vor Gott bringen.

Und wenn wir einmal eine Entscheidung treffen müssen, ohne zu wissen, ob sie richtig ist, können wir darum beten, dass Gott der Herr sie korrigiert, wenn sie falsch war.
Was aber, wenn in unserem Leben Dinge geschehen, die wir uns nicht gewünscht haben, die uns Schmerzen und Leiden bereiten? Sind sie immer Gottes Wille? Wir müssen nicht alles als Schicksal hinnehmen. Wer Gott vertraut, darf ihm auch sagen, was ihm schwerfällt. Die Gebete der Bibel sind voll von Fragen und Klagen an Gott. So dürfen auch wir vor ihm fragen und klagen mit der Bitte: Herr, du kannst diese Situation ändern – bitte tu es! Aber wenn du es nicht willst, dann hilf mir, sie zu ertragen, und mach etwas Gutes draus.

Ähnlich hat Jesus vor seinem Leiden in Gethsemane gebetet: »Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!« (Markus 14,36) – Und Gott der Vater hat aus diesem Ja das Beste für die Welt gemacht.

Manchmal merken wir im Nachhinein, dass unsere Pläne durchkreuzt wurden, aber dass das Ergebnis für uns gut war. Wir dürfen im Vertrauen darauf leben, dass er als der Schöpfer und Erlöser Gutes für uns und durch uns tun will – wenn wir nach seinem Willen fragen. Und bei unseren Planungen können wir mit Jakobus 4,15 sagen: So der Herr will und wir leben, werden wir es tun!

Tobias Eichenberg

Der Autor ist Pfarrer in Stendal.

Wo Altertum und Neuzeit sich begegnen

8. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kykladen: Die »Inseln des Lichts« haben trotz Tourismus bis heute ihren eigenen Lebensrhytmus bewahrt

Athen, Delphi und Olympia, die Königsgräber von Vergina und die schwebenden Klöster von Meteora – wer meint, damit Griechenland zu kennen, der irrt. In der Ägäis gibt es noch ein ganz anderes Griechenland: Die Inselgruppe der Kykladen.

Auf der Stirn von Ioannis stehen Schweißperlen. Mit freundlichen, aber bestimmten Worten mahnt er die Gruppe zur Eile, schleppt selbst die schweren Koffer. Ihn treibt der Albtraum eines Kykladen-Reiseführers: dass jemand das Aussteigen von der Fähre verpasst. Denn diese haben einen engen Fahrplan und werfen, kaum dass die Heckklappen sich geöffnet haben, die Leinen auch schon wieder los.

Doch damit hat es sich mit Eile und Hektik dann schon. Egal auf welcher der durchaus unterschiedlich geprägten Kykladeninseln man auch ist: Man spürt schnell, hier herrscht eine andere Gangart. Nicht nur die Sonne scheint noch intensiver und öfter, weswegen sie auch »Inseln des Lichts« genannt werden. Nicht nur die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Griechen ist noch ausgeprägter spürbar. Es ist diese unvergleichliche Mischung aus Frömmigkeit und Gelassenheit auf der einen sowie unaufgeregter Flexibilität der Menschen auf der anderen Seite, die den Besucher schnell und angenehm gefangen nimmt.

Den alten Griechen galt Délos als heilige Insel, heute ist sie als »Lichtheiligtum« sogar Anziehungspunkt für Hindu-Pilger: Vom 112 Meter hohen Kynthos, der höchsten Erhebung auf Délos, kommt bei gutem Wetter der ganze Inselkreis der Kykladen ins Blickfeld – hier die Nachbarinsel Mýkonos. Foto: Harald Krille

Den alten Griechen galt Délos als heilige Insel, heute ist sie als »Lichtheiligtum« sogar Anziehungspunkt für Hindu-Pilger: Vom 112 Meter hohen Kynthos, der höchsten Erhebung auf Délos, kommt bei gutem Wetter der ganze Inselkreis der Kykladen ins Blickfeld – hier die Nachbarinsel Mýkonos. Foto: Harald Krille

Ioannis Giannourakos, der selbst auf einer der Ägäisinseln geborene Fotograf, Kunsthistoriker und Reiseleiter, hat eine Erklärung für diese Lebensart. Wie auch für die selbst für griechische Verhältnisse unzählig vielen Kirchen und Kapellen. Nicht nur, dass sich die Inselbewohner in vergangenen Jahrhunderten immer wieder mit wechselnden Herrschaften, wie Osmanen oder Venezianern, arrangieren mussten. Es ist vor allem das Meer, das oft so schöne, azurblaue Meer, das aber auch innerhalb weniger Stunden Schauplatz tobender Stürme werden kann. Ihm und seinen Launen waren und sind die Seefahrer, Händler und Fischer des Inselkreises ausgeliefert.
Bis heute.

»Wenn Poseidon wieder einmal auf der Suche nach einer Frau ist, dann müssen wir eben warten«, sagt Ioannis schmunzelnd. Dann müssen Programme geändert, Hotels umgebucht, Busse zu anderen Orten bestellt, Mahlzeiten um Stunden verschoben werden. Und das geht ebenso unaufgeregt wie freundlich. So wie hier auch Katholiken, die es als Folge venezianischer Vergangenheit in relativ großer Zahl gibt, und Griechisch-Orthodoxe, sonst nicht immer einander grün, einträchtig zusammenleben. Und sogar, trotz offiziell getrennter liturgischer Kalender, die großen Feste des Kirchenjahres gemeinsam begehen.

Natürlich haben die Kykladen nicht nur »Immaterielles« zu bieten. Da ist die typisch kykladische Bauweise, gern als »Archetyp minimalistisch-ländlicher Architektur« bezeichnet. Da sind die Zeugnisse bronzezeitlicher Hochkultur von ca. 3 000 bis 1 100 vor Christus, die als »Kykladenkunst« nachhaltig die europäische Moderne beeinflussten. Da ist die klassische hellenistische Zeit, in der die Insel Délos die bedeutendste Kultstätte neben Delphi und Olympia war. Da ist der weiße Marmor von Páros, der wegen seiner perfekten Kristallstruktur durchscheinender als sein Vetter aus dem italienischen Carrara ist und für die Venus von Milo ebenso Verwendung fand wie für das Grab Napoleons. Und da sind christliche Baudenkmäler, deren Fresken in die Zeit zurückreichen, da sich die frühe Christenheit um die »wahre Natur« des Gottessohnes stritt. Eine G+H-Leserreise im kommenden Jahr lädt ein, diese einzigartige Welt zum orthodoxen Osterfest zu entdecken.

Harald Krille

Interessenten sind herzlich zu einem Informationsabend mit dem Reiseleiter Ioannis eingeladen: Mittwoch, 26. November, 19 Uhr im Saal des Kreiskirchenamts Halle, Mittelstraße 14. Telefonische Anmeldung unter (0 36 43) 24 61-20 erbeten.


Stühlerücken im Vatikan mit offenem Ausgang

1. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eineinhalb Jahre nach der Wahl des Erzbischofs vom »Ende der Welt« zum Papst hat der von diesem eingesetzte Kardinalsrat einen ersten Entwurf für eine Kurienreform vorgelegt. Seit neun Kardinäle aus aller Welt darüber beraten, wie die Kurie verschlankt und ihre Arbeit effektiver gestaltet werden könnte, fürchten in Rom viele um ihren Posten. Nach dem sechsten Treffen der K9-Kommission überraschte der Vatikan mit der Nachricht, die Pläne nähmen Form an. Wie im Vatikan üblich, werden bislang keine Details bekannt gegeben. Umso mehr bemühen sich Experten darum, Äußerungen ihrer Gesprächspartner im Vatikan zu entschlüsseln.

Bettina Gabbe berichtet für unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für unsere Zeitung aus Italien.

Im Mittelpunkt der jüngsten K9-Versammlung hatten die beiden Themenbereiche Laien und Familie einerseits sowie Gerechtigkeit und Frieden, Migranten, Flüchtlinge, Lebensschutz und Ökologie andererseits gestanden. Beobachter gehen davon aus, dass die päpstlichen Räte für Gerechtigkeit und Frieden, Migranten und Wohlfahrt fusioniert werden könnten. Überdies ist die Rede von einer Vatikanbehörde, die die bislang getrennten Themen Laien und Familie zusammenführt. Dabei soll stärkeres Gewicht auf die Rolle der Frauen gelegt werden. Im Zuge der geplanten Reformen berät auch erstmals die Kommission für die Neuordnung der vatikanischen Medien über das künftige Vorgehen.

Vor allem wegen der möglichen Zusammenlegung von Kurienbehörden sollen im Vatikan einige Kuriale Furcht vor Veränderungen und Angst um den eigenen Arbeitsplatz und die eigene Bedeutung hegen. Vor diesem Hintergrund wies Papst Franziskus jüngst auf die Bedeutung weltoffener Bischöfe für Neuerungen in der katholischen Kirche hin. »Jede authentische Reform der Kirche beginnt mit der Gegenwart Christi und des Hirten, der in seinem Namen regiert«, sagte er bei einer Begegnung mit neu ernannten Bischöfen. »Lasst euch nicht dazu verleiten, das Volk ändern zu wollen«, mahnte er, ohne angeblichen Widerstand in der Kurie gegen seine Reformbestrebungen ausdrücklich zu erwähnen. Bischöfe müssten die Gläubigen lieben, auch wenn diese große Sünder seien. Aufgabe der Oberhirten sei es, sich »unermüdlich um Vergebung und Neuanfang zu bemühen, auch wenn dabei viele falsche Bilder zerstört werden, die ihr euch von Gott gemacht habt«. Dabei könnten sich auch Vorstellungen über die beste Methode, die Gläubigen an Gott anzunähern, als »Phantasien« erweisen, sagte der Papst. Ziel der Kirche müsse Offenheit für alle sein. Überdies warnte Franziskus die Bischöfe vor der »Versuchung, eure Freiheit zu opfern, indem ihr euch mit Höflingen, Seilschaften oder Chören von Zustimmung umgebt«.

Bettina Gabbe

Die Zahl Sieben – Verbindung zu einer anderen Welt

1. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Die Primzahlen weisen in die Unendlichkeit

Sechs Tage hat Gott gebraucht, um die Welt zu erschaffen, so überliefert es der Schöpfungsbericht in 1. Mose 2. Der Mythos, dass Gott die Welt in sechs Tagen entstehen ließ, entspreche menschlicher Vorstellung, meint Albrecht Beutelspacher, Professor für Mathematik an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Gründer und Direktor des Museums »Mathematikum« in Gießen. »Damit sage ich nicht, dass die Welt tatsächlich in sechs Tagen erschaffen wurde. Die Sechs ist eine Macherzahl, sie passt zu uns. Wir würden Dinge sicher im Sechserrhythmus und im Zwölferrhythmus arrangieren und dann wieder von vorn anfangen.« Also haben die Menschen von sich auf Gott geschlossen und den Mythos von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen begründet.

Albrecht Beutelspacher. Foto: Wikipedia

Albrecht Beutelspacher. Foto: Wikipedia

Aber die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt weiter, dass Gott sich, nachdem er sechs Tage aktiv mit der Welt beschäftigt war, am siebenten Tag Ruhe gönnte. Er nahm sich Zeit, um sein Werk zu betrachten und zu sehen, wie gut alles geraten war. Und damit, so Beutelspacher, stellt die Sieben eine Verbindung zu einer anderen Welt her. Es gibt nicht nur das Machen, sondern auch die Ruhe. »Ich glaube, dass die Sieben nicht nur ein Tag nach dem sechsten ist und dann geht es wieder von vorne los. Sondern die Siebenheit beleuchtet die ganze Woche.«

In der Bibel spielt die Zahl eine wichtige Rolle. Mose wird aufgefordert, von allen reinen Tieren je sieben mit in die Arche zu nehmen, ebenso von den Vögeln je sieben Männchen und Weibchen (1. Mose 7,2f).

Weiter geht es mit Jakob, der sieben Jahre diente, um Rahel zu bekommen (1. Mose 29,18) und dann noch einmal sieben Jahre (Vers 30) diente. Die Kühe, die schönen fetten wie die häßlichen mageren, die in den Träumen des Pharaos auftauchen, deutet Joseph als Hinweis auf sieben Jahre des Wohlstands, denen sieben Jahre des Mangels folgen. Auch im Neuen Testament begegnet die Zahl in verschiedenen Zusammenhängen. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung beispielsweise, berichtet von sieben Sendschreiben aus der Feder des Johannes.

»Die Zahl ist etwas ganz besonderes. Sie ist nicht von dieser Welt, sie zeigt uns eine andere Welt«, sagt der Mathematiker. »Zum einen fällt auf, dass diese Zahl in der Welt nicht vorkommt, in der realen Welt gibt es keine Kristalle mit siebenfältiger Symmetrie, keine Blüten mit genau sieben Blütenblättern.« Dass die Woche sieben Tage zählt, sei nicht von der Natur vorgegeben, wie das beim Tag und beim Jahr der Fall ist. Astronomisch festgelegt: An einem Tag dreht sich die Erde einmal um sich selbst. In einem Jahr dreht sie sich einmal um die Sonne. Nach 24 Stunden ist ein Tag um, nach 365 das Jahr zu Ende. Die Woche hingegen könnte ebenso fünf, acht oder 10 Tage dauern, meint Beutelspacher. »Aber weltweit hat sich die Sieben-Tages-Woche durchgesetzt.«

Um von solchen zunächst oberflächlichen Beobachtungen in die andere Dimension zu kommen, bietet der Mathematiker einen Vergleich der Zahlen Sechs und Sieben an. Sieben ist nicht einfach sechs plus eins. »Es sind zwei Zahlen, die einen völlig unterschiedlichen Charakter haben.« Deutlich zu sehen, sei dies an den Zahlen Zwölf, der großen Schwester der Sechs, und der Dreizehn. »Zwölf ist eine Zahl, die in sich stimmig ist. Ein Dutzend, die zwölf Jünger, zwölf Stämme Jakobs, die Monate, die Stunden am Tag. Die Zwölf ist durch viele Zahlen teilbar. Sie ist in zwei, drei, vier, sechs Teile aufzuteilen«, erläutert der Professor. Die Dreizehn sprenge diesen Zwölferrahmen. »Der 13. Jünger – man spricht auch von einem Teufelsdutzend. Wenn es 13 Dinge sind, die man irgendwie unterbringen muss, klappt das überhaupt nicht.« Ähnlich wie mit Zwölf und Dreizehn sei es mit der Sechs und Sieben. Die Sechs ist gut aufzuteilen, die Sieben nicht. Sie ist eine Primzahl. »Wenn der Mathematiker Primzahlen hört, öffnet sich ihm eine riesige Welt von Abenteuern.« Die Welt der Unendlichkeiten. Und das hängt damit zusammen, dass die Primzahlen niemals aufhören.

Aber kommt nicht nach jeder x-beliebigen Zahl eine weitere? Beutelspacher verneint. »Wir denken, das geht immer weiter, aber in der Realität hören die Zahlen auf.« Wie die menschliche Existenz. Der Wissenschaftler zieht die Parallele zum persönlichen Leben. »Bisher war es immer so, wenn ich mich abends ins Bett gelegt habe, bin ich am nächsten Tag aufgewacht. Es waren viele, viele, viele Tage. Oder: Mein Herz hat in meinem Alter schon zwei Milliarden Mal geschlagen. Immer ganz regelmäßig, sehr verlässlich, aber irgendwann wird es aufhören.« Alles, was es auf der Welt gibt, ist endlich. Die Anzahl der Elementarteilchen der Atome im Universum – eine riesige Zahl, aber eine endliche. Wenn wir Menschen anfangen würden zu zählen, gelangten wir nicht an das Ende, weil die Zahlen viel zu groß sind, aber sie seien irgendwann zu Ende.

Nicht so die Primzahlen. Es sei zwar schwer bei den dreistelligen Zahlen real große Primzahlen zu finden, so der Professor. »Aber es gibt sie.« – Und so weisen sie in die Unendlichkeit. Ein Blick in die Ewigkeit.

Albrecht Beutelspacher ist Christ. Seit seiner frühen Jugend spielt er in seiner Kirchengemeinde Orgel – bis heute. Zwischen Musik und Mathematik sieht er sehr enge Beziehungen. Für ihn ist die Kirchenmusik ein Ausgleich zum Berufsalltag als Mathematiker, Quelle der Inspiration und des inneren Friedens.

Das Wissen um die Primzahlen sagt dem Wissenschaftler: Es gibt diese andere Welt. »Das ist kein Beweis für Gott.« Dennoch, wer genau nachdenkt, wisse, es gibt etwas anderes, Bereiche, die grundsätzlich für uns Menschen unzugänglich sind. »In Glücksmomenten können wir sie wie in einem Lichtstrahl erkennen und in diese Welt hineinsehen. Aber eben nur für Momente.«

Ist es mit solchen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen leichter an Gott zu glauben?

»Das weiß ich nicht genau«, antwortet der Mathematiker. Aber: Je mehr man wisse, wie alles funktioniert, wie eine Pflanze wächst, wie die Planeten kreisen, desto mehr komme man in den Zustand des Staunens. Zwar ist das naive Staunen auch schön. Aber wer genauer hinschaue, wie das geht, könne mathematisch oder biologisch beschreiben, dass eine Sonnenblume von innen nach außen wächst. Die Einsicht, wie das Leben, das Wachsen und Werden funktioniert, macht das Staunen viel, viel größer.

Sabine Kuschel