Unberührtes in der einstigen Todeszone

30. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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25 Jahre Grünes Band: Hier wuchs zusammen, was zusammengehört

Grenzen trennen. Im besonderen Maße galt dies für die innerdeutsche. Was für die Menschen zu einer oft unerträglichen Beeinträchtigung ihrer Lebensumstände geworden ist, geriet für die Natur zu einem Vorteil von immenser Bedeutung.

Über 1 393 Kilometer verläuft entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, von der Ostsee bis zum Vogtland und durch 17 ganz unterschiedliche Naturräume, ein grünes Band, das ungeachtet der jahrzentelangen, menschenverachtenden Geschichte ein Eigenleben entfalten konnte. »Es ist Deutschlands mit Abstand größter und längster Biotopverbund«, erklärt Liana Geidezis. Die promovierte Biologin ist Leiterin des Projektbüros »Das Grüne Band«, das sich innerhalb des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) um Erhalt und Sicherung der wertvollen Flächen am früheren Grenzstreifen und den unmittelbar angrenzenden Gebieten kümmert.

Das Grün kann die Geschichte nicht tilgen: Blick auf den Grenzstreifen im Schifflersgrund bei Bad Sooden-Allendorf. An dieser Stelle wurde Heinz-Josef Große 1982 auf der Flucht erschossen. Ein Kreuz erinnert daran. Foto: Ulrich Traub

Das Grün kann die Geschichte nicht tilgen: Blick auf den Grenzstreifen im Schifflersgrund bei Bad Sooden-Allendorf. An dieser Stelle wurde Heinz-Josef Große 1982 auf der Flucht erschossen. Ein Kreuz erinnert daran. Foto: Ulrich Traub

Gleich nach der Öffnung der Grenzen meldeten sich Naturschützer aus West und Ost zu Wort. Bereits im Dezember 1989 gründeten sie die Initiative »Das Grüne Band«. Die Verbindung von Brachflächen und Altgrasfluren über Pionierwälder bis zu Mooren und Gewässern charakterisiert das Grüne Band. »Wo andernorts um jeden Quadratmeter Ackerrandstreifen oder Waldsaum gestritten wird und die Wiederherstellung von Biotopen mit Steuergeld gefördert werden muss, ist am Grünen Band ein riesiger Bestand vorhanden.« Dieses Argument ziehe in der Regel, wenn mit der Politik über konkrete Maßnahmen verhandelt werde, hat Liana Geidezis erfahren.

Nackte Zahlen lassen die Dimensionen deutlich werden. Wo einst Wachtürme, Stacheldraht und Selbstschuss­anlagen den »antiimperialistischen Schutzwall« der DDR bildeten, waren 2012 87 Prozent der 177 Quadratkilometer großen Fläche naturnahe Landschaften. Zwei Drittel der Gesamtfläche stehen unter Naturschutz. Nicht weniger als 150 Naturschutzgebiete liegen am Grünen Band, das zwischen 50 und 200 Meter breit ist, oder schließen direkt dort an. »Als vor 25 Jahren in einer für den Naturschutz nicht gerade vielversprechenden Ausgangslage für den Erhalt des Grenzstreifens in seiner damaligen Form gekämpft wurde, hat das wohl kaum einer für möglich gehalten«, schaut Liana Geidezis zurück. Aber nur so konnte in der Natur zusammenwachsen, was zusammengehört. Mehr als 1 200 seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind am Grünen Band heimisch geworden.

Den ökologisch wertvollen Streifen vor den Bedürfnissen von Politik und Wirtschaft zu retten sei alles andere als einfach gewesen. »Vor allem das 1996 verabschiedete Mauergrundstücksgesetz war ein Schock«, erinnert sich die Leiterin. Es bot Alteigentümern die Gelegenheit, ihre Grundstücke für 25 Prozent des Verkaufswertes zu erwerben. Erst 2003 wurde der Verkauf der bundeseigenen Anteile gestoppt.

Seitdem versuchte der Bund, seine Flächen an die Länder abzugeben. Die griffen erst zögerlich zu, weil mit dem Erwerb auch die Pflicht verbunden ist, die Areale nach den Richtlinien des Naturschutzes zu entwickeln und Personalkosten etwa für Förster zu übernehmen. Doch seit 2011 ist die Flächenübertragung vollzogen. Die Hälfte des gesamten Grünen Bandes bildet nach dieser Übernahme einen Biotopverbund.

Zudem begann der BUND Grundstücke zu kaufen. Denn knapp 30 Prozent der Fläche des Grünen Bandes befinden sich immer noch in Privatbesitz. Liana Geidezis berichtet, dass das Augenmerk vorrangig auf ökologisch besonders wertvolle Flächen gerichtet sei, »in manchen Fällen aber auch auf landwirtschaftlich genutzte, die renaturierbar sind«.

Angewiesen sei der BUND bei seinen Ankaufprojekten aber auf Spenden. Für 65 Euro kann man symbolisch Anteilseigner des Grünen Bandes werden und mit regelmäßigen Beiträgen auch Patenschaften übernehmen. Ein großes Ziel sei es zudem, die durch intensive landwirtschaftliche Nutzung und Straßenbau verursachten Lücken zu schließen, die sich zu einer Länge von 180 Kilometern summierten.

Die unter dem Titel »Erlebnis Grünes Band« zusammengefassten naturtouristischen Angebote machen es möglich, mit dem Grenzstreifen auch Geld zu verdienen. Die Nachfrage sei erstaunlich groß, sagt Liana Geidezis. »Wir wollen keinen Käseglocken-Naturschutz, Neugierige und Interessierte sollen das Grüne Band schon selbst erleben dürfen.«

Die Angebote zielen auf einen naturverträglichen und gelenkten Tourismus, der außergewöhnliche Einblicke und Erlebnisse ermöglichen soll. In drei Modellregionen ist das bislang gegeben: Elbe-Altmark-Wendland, Harz sowie Thüringer und Frankenwald. Touristische Entdeckung und Zeitgeschichte treffen hier aufeinander. Sogenannte Grenzerfahrungstouren, Führungen über den ehemaligen Todesstreifen und der Besuch historischer Stätten, aber auch individuelle (Rad-)Wanderungen mit Audioguides, die dem Reisenden Natur und Geschichte nahebringen, sind buchbar. »Zeitzeugenberichte, die etwa vom Leben im Sperrgebiet berichten, sind bei diesen Angeboten so etwas wie ein roter Faden.« Auch die Kooperation mit Grenzmuseen etwa in Teistungen im Eichsfeld, Point Alpha in der Rhön oder Mödlareuth, dem geteilten Dorf an der bayerisch-thüringischen Grenze, spiele eine wichtige Rolle, führt die Biologin aus.

Auch international wird das Projekt inzwischen wahrgenommen. Seit 2002 arbeitet ein Zusammenschluss von Naturschützern ausgehend von den Erfahrungen in Deutschland an der Vision eines Grünen Bandes Europa, das sich über die gesamte Länge des Eisernen Vorhangs erstrecken soll: Naturschutz als Grenzen überwindende Aufgabe.

Ulrich Traub

www.erlebnisgruenesband.de

Zwerge und Riesen

29. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Mein Schlaf – wenn nicht gerade ein Düsenjäger übers Haus tobt – ist tief und erholsam. Ruhig schlägt mein Herz, ruhig und tief atmet die Seele. Sie lässt ins Vergessen sinken, was sie beschwert, und holt aus der Tiefe die Bilder hervor, die sie tagsüber begleiten und davon sie sich nährt. Sonne und Mond wenden sich mir zu und wenden sich von mir ab, sie kommen und gehen, wie meine Eltern kamen und gingen, und wenn ich sie gleich nicht sehe, so weiß ich doch: sie sind da.

Einmal war’s anders, wurde mein Vertrauen erschüttert, und wenn ich’s auch verwand – es blieb eine Narbe, die manchmal schmerzt.

Auf dem Kölner Hauptbahnhof war’s – ich war drei Jahre alt oder vier –, da, im Menschengetümmel in der Eingangshalle kam meinem Vater, mit dem ich reiste, in den Sinn, sich mir zu entziehn und sich vor mir zu verstecken, nein, hinter meinem Rücken geschah’s, ohne Ankündigung des Spiels, und was als Scherz gedacht war – mich schlug’s mit Entsetzen. Verloren stand ich urplötzlich im Irrgarten fremder Hosenbeine und Röcke, in einer sternlosen Nacht, war ins Chaos gestoßen, allein – dies war das Grauen: das Fehlen des Sterns, der Richtung, des Sinns. Und wenn auch mein Vater, selbst erschrocken ob der Wirkung seiner Untat, des Geschreis, das sie auslöste, sogleich hinter einer Säule hervortrat und mich in die Arme schloss, ich blieb doch lange verstört, und es bedurfte Tage und Wochen, bis die Wunde, die er geschlagen, sich schloss.

Seither weiß ich, was Ohnmacht und Ortlosigkeit sind, und wenn ich mit einem Kind spreche, sehe ich mich selbst mit seinen Augen und knie nieder, um in gleicher Höhe mit ihm zu sein, denn schon meine Körpergröße angesichts seiner Kleinheit verdrießt mich, und ich denke an einen meiner Lehrer in der Volksschule – er hieß Ernst Raabe, war von athletischer Gestalt, und ich habe ihn geliebt –, der immer dann, wenn er zürnte, den Übeltäter mit beiden Armen aus der Bank hob, vor sich hinhielt und ihm, Aug in Auge, seine Schandtat verwies.

So hatte er, darin erkenne ich heute sein pädagogisches Genie, keine Hand frei, um damit zu schlagen.

Faszination der Kathedralen

24. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Deutsch-französische Ausstellung: Die Geschichte der gotischen Bauwerke

Touristenmagnete und Weltkulturerbe: Gotische Kathedralen begeistern bis heute. Dabei galten sie lange Zeit als geschmacklos.

Die Kathedralen sind voll: Der Kölner Dom und die Pariser Kathedrale Notre Dame gelten jeweils als meistbesuchte Monumente ihres Landes. Etwa 20 000 Menschen kommen im Schnitt täglich in den Kölner Dom. Was ist heute noch so faszinierend an den alten Gemäuern, die längst keine Höhenrekorde mehr brechen? Eine deutsch-französische Ausstellung, die erst in Rouen gezeigt wurde und vom 26. September an in Köln zu sehen ist, geht dem Mythos der Kathedralen nach.

Es war keineswegs immer so, dass Menschen von den großen gotischen Bauwerken fasziniert waren, mit deren Bau ab dem 12. Jahrhundert begonnen worden war. Mehrere Jahrhunderte lang schenkte man ihnen erstaunlich wenig Beachtung. Manche der bedeutenden Kathedralen verfielen immer mehr, niemand kümmerte sich um ihre Restaurierung.

»Die beiden Weltkriege sind in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel«

Erst im 18. Jahrhundert wurden sie von Intellektuellen und Künstlern wiederentdeckt. Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) trug maßgeblich dazu bei: Als er nach Straßburg zog, um dort sein Jurastudium zu beenden, zog ihn das Straßburger Münster so sehr in den Bann, dass er die üblichen Vorbehalte gegen die angeblich überladene und barbarische Gotik fallen ließ. Mit seinem Aufsatz »Von Deutscher Baukunst« setzte er dem Baumeister Erwin von Steinbach (gestorben 1318) ein Denkmal.

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

Notre Dame in Paris, Innenansicht. Foto: epd-bild

In Goethes Gefolge widmeten sich auch die Maler der deutschen Romantik im 19. Jahrhundert dem Motiv: Caspar David Friedrich (1774–1840) und auch der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) malten Kathedralen, die sie mit Vorliebe in imaginäre Landschaften stellten.

Auf französischer Seite war es der Schriftsteller Victor Hugo, der 1831 mit seinem Monumentalwerk »Der Glöckner von Notre Dame« – im Original schlicht: »Notre Dame de Paris« – einen wahren Vergangenheits-Boom auslöste. Der Erfolg des Romans gab letztlich den Anstoß, die überfällige Restaurierung des Pariser Gotteshauses in Angriff zu nehmen.

Der Auslöser für Victor Hugos Begeisterung für gotische Kathedralen war ein Erlebnis als junger Mann: Der Schriftsteller hatte 1825 an der Krönung von König Karl X. in der gotischen Kathedrale von Reims teilgenommen. Es war der letzte König, der in Reims gekrönt werden sollte. Künftig wurde Notre Dame von Paris zum Schauplatz bedeutender politischer Ereignisse.

Noch bevor Notre Dame restauriert worden war, ließ Napoleon Bonaparte sich dort 1804 zum Kaiser krönen. Die damals noch schäbigen Wände wurden eigens mit Teppichen verhängt. Nach der Befreiung der Stadt Paris von der Nazibesatzung besuchte Charles de Gaulle die Kathedrale und nahm an einer feierlichen Messe teil. Die Glocken von Notre Dame erklangen erstmals wieder seit Kriegsbeginn weit über die ganze Stadt.

Zu den Prachtstücken der Ausstellung zählen zweifellos die Darstellungen der Impressionisten, die sich vor allem für das Lichtspiel auf den Fassaden begeisterten. Claude Monet schuf Ende des 19. Jahrhunderts allein 33 Gemälde von der Kathedrale von Rouen, von denen die meisten die skulpturenreiche Westfassade zeigen. Monet interessierte jedoch nicht die Wiedergabe von Details, sondern vielmehr der faszinierende Wechsel der Farben je nach Tageszeit und Witterung.

Deutschland und Frankreich, die lange Zeit konkurrierenden Nachbarn, versuchten sich auch beim Kathedralenbau gegenseitig zu übertrumpfen: Als die Kathedrale von Rouen nach einem Brand im 19. Jahrhundert renoviert wurde, erhielt sie einen Dachreiter, der sie mit 151 Metern zum höchsten Gebäude der Welt machte. Doch der Status ließ sich nicht lange halten: Wenige Jahre später, 1880, überragte sie der Kölner Dom um sechs Meter – mehr als 600 Jahre nach Baubeginn. Heute hat das Ulmer Münster mit 161,53 Metern den höchsten Kirchturm der Welt.

Die beiden Weltkriege sind auch in der Geschichte der großen Kathedralen düstere Kapitel: Im Ersten Weltkrieg beschossen die Deutschen die Kathedrale von Reims und lösten damit ein Trauma aus, von dem Frankreich sich nur langsam wieder erholte. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fielen Bomben auf die Kathedrale von Rouen, auch der Kölner Dom wurde durch Bombenangriffe beschädigt.

Die Ausstellung zeigt schließlich noch ein Kuriosum, einen steinernen Königskopf von der Fassade von Notre Dame. Während der Französischen Revolution hatten die Aufständischen die Königsfiguren an der Fassade enthauptet, weil sie davon ausgingen, dass sie die Könige Frankreichs darstellten. Tatsächlich waren es jedoch Bildnisse der biblischen Könige. Teile der abgeschlagenen Köpfe waren in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts überraschend bei Bauarbeiten wiedergefunden worden.

Ulrike Koltermann (epd)

Die Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ist bis 18. Januar 2015 zu sehen.

Vollbeschäftigung per Dekret

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungarn: Zivilgesellschaft kritisiert die neuartigen Beschäftigungsprogramme der rechtspopulistischen Regierung

In Ungarn prahlt der rechtskonservative Ministerpräsident Viktor Orbán mit einer sinkenden Arbeitslosenzahl. Doch die Statistik trügt.

András Csonka sieht angeschlagen aus. Er kommt trotzdem mehrmals in der Woche hierher, in dieses einfach eingerichtete Büro, um »die Situation zu besprechen«. Seine unruhigen Hände erzählen seine Geschichte mit. »Morgens um sechs geht es schon los, jeden Tag, montags bis freitags. Wir müssen sehr pünktlich sein und einsatzbereit, sonst gibt es Ärger und das Geld wird gekürzt. Jeder von uns ist für zwei, drei, vier Straßen zuständig, je nachdem, wie lang die sind. Erst müssen die Grünanlagen gereinigt werden und der Müll entsorgt, dann kehren wir gründlich den Fahrbahnrand, wo die Fahrzeuge der Stadtverwaltung nicht rankommen. Eigentlich ist der 52-jährige Csonka seit 2009 arbeitslos. Das Bauunternehmen, bei dem er als Hausmaler eine Stelle hatte, ist mit der Wirtschaftskrise in Insolvenz geraten. Bis Anfang 2012 versuchte er vergeblich, eine neue Arbeit zu finden. Dann bekam er einen Brief von der Kommunalverwaltung des 9. Budapester Bezirks, in dem er eingeladen wurde, sich für ein neues Beschäftigungsprogramm anzumelden. Sonst stehe ihm gemäß den Bestimmungen des neuen Arbeitsgesetzbuches der Anspruch auf Arbeitslosengeld nicht mehr zu, drohten die Behörden.

András Csonka erzählt seine Geschichte. Foto: László Mudra

András Csonka erzählt seine Geschichte. Foto: László Mudra

Csonka hatte keine andere Wahl, als der Anweisung zu folgen. Er wurde in einem Büro der Bezirksverwaltung vorstellig und die Funktionärin teilte ihm mit, dass es sich um eine »staatlich unterstützte« Ersatzbeschäftigung als Straßenreinigungskraft handle. Acht Stunden täglich, fünf Tage wöchentlich. Monatslohn: Umgerechnet rund 150 Euro. Am nächsten Tag wurde ihm die Arbeitskleidung übergeben und ein »Sektor« zugeteilt. Es ging nicht gut. Immer wieder wurden Csonka und seine Kollegen für die kleinsten Fehler mit drastischen Kürzungen des Arbeitslosengeldes bestraft. Mal sei eine Zigarettenkippe am Straßenrand geblieben, mal zeige er nicht genug Motivation, mal sei er fünf Minuten zu spät erschienen.

Am Anfang protestierte Csonka, zusammen mit anderen, gegen die Behandlung und gegen die Arbeitsbedingungen. Doch als Antwort der Kommunalverwaltung kam eine kaum versteckte Drohung mit der Entlassung aus dem Beschäftigungsprogramm. Daraufhin beschloss die kleine Gruppe, einen Verein zu gründen, der sich für die Rechte der gemeinnützigen Arbeiter engagiert. Der Schritt stieß bei den Kollegen auf breite Unterstützung, doch niemand weiß genau, wie sich dieses Anliegen gegen die nahezu allmächtige ungarische Regierung verteidigen lässt. »Wir versuchen, uns über die Situation auszutauschen, viel mehr können wir im Moment nicht machen«, gibt Csonka zu. Kurz nach der letzten Parlamentswahl im April endete für ihn das Beschäftigungsprogramm.

Rund 200 000 Menschen verschwanden aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik, weil sie in die gemeinnützige Arbeit gezwungen wurden und dadurch nicht mehr als Langzeitarbeitslose auftauchen. Das Programm wurde von vielen Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften sowie von einigen Kirchenvertretern heftig kritisiert, weil die Regierung den Teilnehmern nicht einmal den Mindestlohn (rund 320 Euro) zahlt, den »Arbeitsunwilligen« aber mit der Streichung sämtlicher Sozialleistungen droht.

»Wir in Ungarn haben erkannt, dass das westeuropäische Modell des Wohlfahrtsstaates nicht mehr zeitgemäß ist. Stattdessen haben wir angefangen, den Staat auf eine neue Grundlage, auf die Grundlage der Arbeit, umzubauen«, erklärte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán auf einer Konferenz in Berlin. »Ob das ungarische Modell auch von anderen Ländern Europas übernommen werden kann, muss jeder für sich entscheiden«, führte er bescheiden fort. Zuhause in Budapest schlägt der Premier noch mutigere Töne an und prophezeit, dass der ungarische Weg die einzige richtige Antwort auf die Wirtschaftskrise ist und bald nachgeahmt wird.

Die Parlamentswahlen Anfang April brachten einen neuen Sieg für Fidesz, die ähnlich wie vor vier Jahren eine Zweidrittelmehrheit der Sitze in der ungarischen Nationalversammlung bekam. Rund 45 Prozent aller Wahlbeteiligten stimmten dafür, dass Ministerpräsident Viktor Orbán weitere vier Jahre im Amt bleibt. Das linksliberale Oppositionsbündnis »Regierungswechsel« bekam hingegen nur 26 Prozent der Stimmen. Auf dem dritten Platz landete, ähnlich wie 2010, die rechtsextreme Partei Jobbik, deren autoritäre, rassistische, antisemitische und homophobe Rhetorik offenbar eine große und treue Stammwählerschaft überzeugte. Mit 20 Prozent der Stimmen erreicht Jobbik sogar ein leicht besseres Ergebnis als noch vor vier Jahren. Damals zogen die Rechtsextremisten mit 16,67 Prozent zum ersten Mal ins Parlament. »Das Ergebnis zeigt, dass Jobbik kein Zufall in der ungarischen Politik, keine Erscheinung einer einmaligen schlechten Laune bei den Wählern ist. Die Dauerpopularität des Rechtsextremismus deutet viel mehr darauf hin, dass ein wichtiger Teil der Gesellschaft ein Gefühl der Ungerechtigkeit spürt«, erklärt der Budapester Soziologe János Ladányi.

Zwar bezweifeln die meisten internen und internationalen Beobachter, dass die Wahl als fair bezeichnet werden kann. Doch niemand bestreitet, dass Orbán seine Vertrauensquote in der Bevölkerung und auch seine Machtbasis ausgebaut hat. Ein Sieg des linken Bündnisses wäre selbst unter viel günstigeren Rahmenbedingungen unwahrscheinlich. Zu unerbittlich funktioniert die konservative politische Maschinerie, vor allem in der Provinz, wo die Vergabe von Aufträgen ein nahezu perfektes Abhängigkeitssystem kreiert hat. »Und das wahrlich Skandalöse ist, dass die EU mit ihren Geldern diese Räder schmiert«, kritisiert Soziologe Ladányi.

Orbáns oberstes Wahlkampfthema, der »Freiheitskampf der ungarischen Nation«, schließt zwar den »Kampf gegen die Multis und Banken«, samt einigen antisemitischen Akzenten, mit ein. Doch die Einführung einer Sondersteuer für Banken, Telekom-Unternehmen und Supermarktketten, die einzige konkrete Maßnahme bisher, hat das Problem nur komplizierter gemacht. Die Unternehmen haben schnell die Abgaben auf die Endpreise umgewälzt, mit der Konsequenz, dass noch mehr Ungarn als bisher in die Armut sanken.

»Die Zukunft gehört den starken Nationen und wir haben in den letzten Jahren gezeigt, dass Ungarn dazugehört«, rief der Ministerpräsident kurz nach den Wahlen staatstragend ins Mikrofon. Mehrere Tausende Anhänger applaudierten, immer wieder geben sie mit »Viktor«-Rufen ihre Unterstützung bekannt. Familien mit Kindern, Rentner, Jurastudenten in Anzügen und Jugendliche in Volkstracht, Vertreter der »bürgerlichen Mitte« sammelten sich, um ihren Premier zu hören. Die ungarische Hymne ertönte von der Bühne unter Beteiligung der ganzen Versammlung.

Silviu Mihai

Vertrauen auf Gott macht stark

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kraft und Stärke – Was die Bibel zu diesen wünschenswerten Eigenschaften sagt

»Sei stark!« Muss ich wirklich? Das menschliche Leben heute wie zu biblischen Zeiten ist ein Hin und Her zwischen Erfahrungen der Stärke und der Schwäche.

Jahrelang hatte das Volk Israel in Ägypten Fronarbeit geleistet. Erst als Gott grausame Plagen schickte, ließ der Pharao die Israeliten ziehen. Schnell jedoch bereute er dies und versuchte, die billigen Arbeitskräfte zurückzuholen. Mit Ross und Wagen verfolgte er die Fliehenden, denen der Weg durch das Schilfmeer abgeschnitten zu sein schien. Doch Mose, der Anführer des Volkes Israel, konnte sich auf Gottes Hilfe verlassen. Vor den Verfolgten teilte sich das Wasser, und sie konnten »auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen«. Die ägyptischen Verfolger jedoch sollten bald merken, dass man sich mit Gott besser nicht anlegt. (2. Mose 14)

Simson war ein Mann Gottes. Seine besondere Verbindung zu Gott zeigte sich in seinen langen Haaren, die er nie schneiden ließ. Denn solange seine Haare unangetastet blieben, war ihm seine übermenschliche Stärke sicher. Die Feinde brannten darauf, hinter das Geheimnis seiner Stärke zu kommen. Also stifteten sie Simsons Geliebte Delila an, ihm das Geheimnis zu entlocken. »Sage mir doch, worin deine große Kraft liegt und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen«, bat sie ihn immer wieder. Schließlich wurde Simson schwach. Er verriet ihr das Geheimnis seines Haares und schlief in Delilas Schoß ein. Sie winkte die Feinde herbei, die ihm sein Haar abschnitten, den nun Wehrlosen blendeten und ihn ins Gefängnis warfen. »Da war seine Kraft von ihm gewichen.« (Richter 13-16)

Als Holofernes den Menschen in der Stadt Betulia schon so lange den Weg zu Wasser und Nahrung versperrt hatte, dass sie völlig ausgehungert und verzweifelt waren, fasste Judit einen Entschluss. Die schöne Frau bat ihre Leute, auf die Hilfe Gottes zu vertrauen. Sie kleidete sich besonders hübsch, ging zu Holofernes und verdrehte ihm den Kopf, bis er sie sogar an einem Festmahl teilnehmen ließ. In der Nacht ließ man sie mit Holofernes alleine. Doch der war so betrunken, dass er sofort einschlief. »Und Judit trat vor das Bett und betete im Stillen unter Tränen: Herr, Gott Israels, stärke mich; blick in dieser Stunde gnädig auf das Tun meiner Hände.« Dann hieb sie Holofernes mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. (Judit 13,1 ff.)

Als der Heerführer Joab sich von Feinden umzingelt sah, tat er sich mit seinem Bruder Abischai zusammen und vereinbarte mit ihm: »Wenn mir die Aramäer zu stark werden, so komm mir zu Hilfe; wenn aber die Ammoniter dir zu stark werden, will ich dir helfen.« Gemeinsam gegen die Stärke gegnerischer Heere anzukämpfen kann nützlich sein. Doch nur dann, wenn man auch Gott auf seiner Seite hat: »Die Israeliten taten wiederum, was dem Herrn missfiel«, heißt es an anderer Stelle. Das brachte Gott dazu, nicht das eigene Volk, sondern die feindlichen Moabiter zu stärken. (1. Chronik 19,12, Richter 3,12)

»Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist«, wissen die Sprüche Salomos. Aber »ein weiser Mann ist stark und ein vernünftiger Mann voller Kraft«. Außerdem ist es nicht immer die äußere Erscheinung, die die Stärke von Menschen und Völkern ausmacht. Der Prophet Jesaja betont: »Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.« Innere Stärke aus Christus und der Liebe heraus wünscht der Verfasser des Epheserbriefs den Gemeindegliedern: dass Gott »euch Kraft gebe, … stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.« (2. Mose 14, Sprüche 24,5; 10; Jesaja 30,15, Epheser 3,16 f.

Gott stärkt vor allem diejenigen, die sich an ihn halten. Ein Psalmbeter lobt ihn: »Mich machst du stark wie den Wildstier«, und ein anderer: »Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben.« Auch König David dankt Gott für die Kraft, die er verleiht: »Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen.« (Psalm 18,40; 92,11,1. Chronik 29,12)

Die Bibel hält noch weitere Verse bereit, aus denen Menschen Kraft schöpfen. »Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit«, verspricht Gott den Gläubigen beispielsweise. Ein Psalmbeter ist überzeugt: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil; … Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?« Und Paulus betont im Brief an die Philipper: »Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.« (Jesaja 41,10, Psalm 27,1, Philipper 4,13)

Uwe Birnstein

Ohne Pass nach Ost-Berlin

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Vor 50 Jahren predigte der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in Ost-Berlin

Spontan und ohne Pass reiste US-Bürgerrechtler Martin Luther King 1964 nach Ost-Berlin. Ziel des späteren Friedensnobelpreisträgers waren zwei bekannte Kirchen. Das DDR-Regime war von dem Besuch offensichtlich überrascht.

Berlin, Checkpoint Charlie, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr: Ein Auto mit amerikanischem Kennzeichen nähert sich der Schranke. Die DDR-Grenzer staunen: Im Wagen sitzt ein dunkelhäutiger Mann; er will unangekündigt in die Hauptstadt der DDR reisen. Nicht mal seinen Pass hat der US-Amerikaner für seine Einreise ins sozialistische Ost-Berlin dabei. Diese Szene hat sich vor 50 Jahren an der Berliner Mauer zugetragen. Heute lässt sie sich in zahlreichen Dokumenten – von Stasi-Akten bis zu Zeitzeugenberichten – nachlesen.

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Der Baptistenprediger Martin Luther King besichtigt während seines Besuchs in West-Berlin, am 12. September 1964, mit dem Direktor des Berliner Informations­zentrums, Werner Steltzer, die Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: epd-bild/akg-images

Weiter ist bekannt, dass den DDR-Grenzern schnell klar wurde: Vor ihnen sitzt der US-Bürgerrechtler Martin Luther King, Ikone von Millionen von Afroamerikanern. Beim »Marsch auf Washington« gegen die Rassentrennung hatte sich der schwarze Baptistenprediger mit seiner berühmten Rede »I have a dream« (Ich habe einen Traum) im August 1963 ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Das US-Magazin »Time« kürte ihn danach zum »Mann des Jahres 1964«.

Auch das DDR-Regime sympathisierte mit dem Pfarrer, solange er sich als »Kämpfer gegen den Kapitalismus« vor den eigenen Karren spannen ließ. Mitten im Kalten Krieg – vom 12. bis 14. September 1964 – besuchte King auf Einladung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt (SPD) den Westteil der geteilten Stadt. Nach US-Präsident John F. Kennedy galt King seinerzeit als berühmtester Berlin-Besucher.

Doch trotz dieser Popularität erklärten die DDR-Grenzer King, dass er sich irgendwie ausweisen müsse. Der damals 35-Jährige reichte seine American-Express-Card hinüber. Den Soldaten genügte die Kreditkarte, sie ließen ihn passieren. Der US-Bürgerrechtler fuhr nach dem Grenzübertritt direkt zur Marienkirche am Alexanderplatz und später weiter in die Sophienkirche in Berlin-Mitte. In beiden komplett überfüllten evangelischen Gotteshäusern predigte er vor rund 3 000 Menschen über Freiheit und Menschenrechte. Danach traf er im kleinen Kreis DDR-Kirchenvertreter. In den Stunden zuvor hatte sich unter Ost-Berliner Christen lediglich über Mund-zu-Mund-Propaganda die Information verbreitet, dass King möglicherweise kommt.

Die SED-Führung dagegen wusste von der Stippvisite bis zuletzt offenbar nichts. Das zumindest legen Recherchen des Theologischen Referenten der Marienkirche, Roland Stolte, nahe. Stolte trägt noch immer neue Informationen über den Besuch Martin Luther Kings in Ost-Berlin zusammen, befragt Zeitzeugen in Deutschland und den USA und wertet Dokumente aus.

Auch über die Hintergründe des spektakulären Besuchs kennt er zahlreiche Details. Lange war etwa von Historikern gemutmaßt worden, Kings Ausflug in den Osten sei eine Reaktion auf einen Zwischenfall an der Berliner Mauer gewesen. Am Morgen des 13. September 1964 war ein 21-Jähriger bei einem Fluchtversuch durch fünf Schüsse von DDR-Grenzsoldaten schwer verletzt worden. Als King von dem Vorfall erfuhr, eilte er sofort an den Ort des Geschehens und bezeichnete die Schüsse als »unfassbar«.

Doch der vermeintliche Spontan-Ausflug hatte eine längere Vorgeschichte, sagt Stolte. Der frühere Propst der Marienkirche, Heinrich Grüber, hatte demnach King zur Predigt in Ost-Berlin eingeladen. Grüber und der US-Bürgerrechtler standen seit 1963 in Briefkontakt miteinander. Der Propst, der während der NS-Zeit in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau interniert war, nahm intensiv Anteil an den Aktivitäten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Nach dem Mauerbau 1961 lebte Grüber in West-Berlin, Besuche des Ostteils blieben ihm untersagt. Dennoch hat der Theologe die Drähte zwischen King und der Marienkirche geknüpft. »Informationen, er könnte wirklich kommen, wurden schon in den Tagen vor seinem Besuch unter der Hand verbreitet«, erinnert sich auch Irmtraud Streit. Die damals 21-Jährige war Tochter des Präsidenten der Baptisten in der DDR. Ihr Vater, Herbert Weist, saß an der direkten Quelle, denn auch King war Baptist.

In den beiden Ost-Berliner Gotteshäusern predigte der US-Bürgerrechtler jeweils eine knappe halbe Stunde. Er kritisierte unter anderem trennende Mauern zwischen den Menschen. Vor allem aber griff er auch hier die Rassentrennung an. Viele Zuhörer waren des Englischen nicht ausreichend mächtig, um der Predigt folgen zu können. »Aber dass Martin Luther King, der soviel durchgemacht hat, zu uns unbedeutenden Ost-Berlinern kam, das beflügelte uns, in unserer Kritik an den herrschenden Zuständen nicht nachzulassen«, erzählt Augenzeugin Streit.

Der Ost-Berlin-Ausflug blieb der einzige Besuch Martin Luther Kings hinter dem Eisernen Vorhang. Genau einen Monat später bekam er den Friedensnobelpreis zuerkannt. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King im Alter von 39 Jahren in Memphis, Tennessee, von einem weißen Rassisten erschossen.

Christine Xuân Müller (epd)

In der Welt für den Frieden werben

17. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Munib Younan, dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes

Im Nahen Osten gibt es einen Exodus der Christen. Hunderttausende fliehen vor dem Terror der IS-Milizen in Nachbarländer, wollen nach Europa. Und hiesige Politiker streiten darüber, wie viele Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen werden sollen. Am besten keine, sagt Munib Younan. Der Palästinenser ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und seit 2010 Präsident des Lutherischen Weltbundes. Mit ihm sprach Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Younan, wie sehen Sie die Situation der Christen im Nahen Osten?
Younan:
Der Vormarsch der IS kommt nicht aus einem Vakuum. Die ganzen letzten Jahre ist der islamische Fundamentalismus gewachsen, vor allem in den politischen Vakuums des Iraks und Syriens. Und die Kalifatsbewegung ist nicht nur für Christen gefährlich: Sie bedroht auch moderate Muslime, die sich den Plänen eines Kalifats entgegenstellen. Christen, Sunniten, Schiiten und Jesiden werden in den Blick genommen. Und wenn Sie sich Boko Haram in Nigeria ansehen, dann sehen Sie, dass wir hier von einer globalen Gefahr eines ultimativen Extremismus reden, der bekämpft werden muss. Es muss betont werden, dass der Radikalismus nicht nur in Syrien, dem Irak und in anderen arabischen bzw. islamischen Ländern gewachsen ist, sondern auch in Israel und im Gazastreifen.

Was kann der Westen tun?
Younan:
Der Westen muss in Bildung investieren. Wir müssen die moderaten Muslime stärken und die Regierungen, die auf Demokratie setzen.

Munib Younan. Foto: epd-bild

Munib Younan. Foto: epd-bild

Wenn Sie in Bildung investieren, werden Sie die Resultate trotzdem erst in einigen Jahren sehen …
Younan: Wir werden den IS-Terror nicht sofort stoppen können. Es wird seine Zeit dauern. Aber wenn wir die moderaten Muslime nicht stärken und den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht lösen, wird die Eskalation unbegrenzt weitergehen.

Was hat der Westen aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren falsch gemacht?
Younan:
Es war kein einzelner Fehler. Nehmen Sie zum Beispiel die Amerikaner. Sie haben nicht nur den Irak zu früh verlassen. Sie haben auch das ganze dortige Regierungssystem zerstört, angeblich um Sicherheit und Demokratie zu bringen. Aber heute gibt es im Irak weder Sicherheit noch Demokratie.

Wie sehen Sie die Situation der christlichen Flüchtlinge?
Younan:
Aus meiner Sicht sollten alle, die Mossul verlassen haben, dorthin zurückkehren. Ihnen muss internationaler Schutz gewährleistet werden, bis der Staat die Möglichkeit hat, sie selbst zu beschützen. Wenn diese Menschen nach Europa oder in die USA auswandern, wird es im Irak kein Christentum mehr geben. Dann hätte die IS endgültig gewonnen.

Wie nehmen Sie den aktuellen Konflikt zwischen der Hamas und Israel wahr?
Younan:
Dass es wieder eskaliert, war zu erwarten. Die Belagerung des Gaza-Streifens hat dazu geführt, dass sich Menschen radikalisierten. Und in der Westbank gab es permanente Provokationen von beiden Seiten. Aber am Ende des Tages: So lange es die israelische Besetzung gibt, werden die Dinge nicht befriedet. Solange es keine Gerechtigkeit für die Palästinenser gibt, wird es keinen Frieden geben.

Denken Sie, dass die Hamas in der Lage ist, mit den Israelis Frieden zu schließen?
Younan:
Ich kann nicht für die Hamas sprechen. Aber was ich höre, ist, dass es einen dauerhaften Frieden geben kann, wenn es eine Zwei-Staaten-Lösung gibt und die Frage Jerusalems geklärt ist. Bis dahin müssen wir in der ganzen Welt für den Frieden werben.

Wolken in Orange am blauen Himmel

17. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Farbe:  Die künstlerische Umgestaltung der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg

Der diesjährige Tag des offenen Denkmals steht unter dem Motto »Farbe«. Ein Projekt, das Mut zur Farbe beweist, ist die Erneuerung der Schlosskirche in Bernburg.

So schnell wir uns darüber einig werden, dass evangelische Kirche eine »bunte Vielfalt« ist, so wenig selbstverständlich gehört Farbe zu unseren unabdingbaren Vorstellungen eines Kirchenraums. Das hat zweifellos etwas mit der kritischen Haltung einiger Reformatoren zu Bildern in der Kirche zu tun. Das hat sicher auch mit der Nüchternheit evangelischer Liturgie zu tun, die erst in jüngerer Zeit mehr sinnliche Elemente als die Musik akzeptiert. »Farbe« im wörtlichen Sinn, so könnte man zugespitzt sagen, steht eigentlich für »katholisch«.

Violett, weiß, grün und rot können die Behänge für Altar und Kanzel sein. Aber in vielen Gemeinden »geht es auch ohne …« Auf die Spitze getrieben wurde solche Art protestantischer Askese in der Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg in den 1960er Jahren. Damals wurde der Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch gestaltete Raum nicht nur sämtlicher Ausstattungsstücke und Ausmalung beraubt, sondern sogar die Ostapsis zugemauert. Die ehemalige Hofkirche des Fürstenhauses Anhalt-Bernburg, im 18. Jahrhundert mit Fürstenstuhl und Wappen barock gestaltet, hatte nun noch den Charme eines etwas groß geratenen Gemeindesaals. Die folgenden Jahrzehnte waren davon bestimmt, diese freiwillige »Selbstentblößung«, die bei Gästen Fassungslosigkeit bewirkte und von den damals Beteiligten als eine Art »Jugendsünde« gedeutet wurde, irgendwie zu verdecken.

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Erste Szene aus dem Bilderzyklus von Moritz Götze. Fotos: Sven Baier

Mit kleinen Eingriffen war dies nicht zu beheben. Ein Umbau zum Gemeindezentrum wurde erwogen, blieb aber eine interessante Idee. Kontakte zu Künstlern wurden gesucht. Der hallesche Maler, Grafiker und Email- und Objektkünstler Moritz Götze lehnte zunächst dankend ab. Etwa 2007 fuhren 20 Kirchenälteste und interessierte Bernburger in Moritz Götzes Atelier, um Emaille-Arbeiten, die gerade für eine große Ausstellung verpackt wurden, anzusehen. Der Künstler hatte eine erste Skizze vorbereitet: Sehr viel Grün, verteilt über den gesamten Kirchenraum, Vögel, Insekten, Schornsteine – und: einen blauen Sternenhimmel. Die fertigen Emailleplatten waren beeindruckend. Die ungewohnte Farbigkeit, Kunst, die man berühren durfte, die nicht unabänderlich mit der Wand verbunden sein würde und die doch unverwüstlich gegenüber allen klimatischen Unbilden ist.

Zeitgleich plante die Stadt Bernburg einen Schulneubau rings um das Kirchengelände: »Kirche auf dem Schulhof«. Mit der Skizze, einem Modell sowie einem biblischen »Bildprogramm« konnten Förderer gewonnen werden. Schnell zeigte sich, dass die Arbeit im realen Raum Fragen aufwarf, die das Ergebnis dramatisch beeinflussten. So war ursprünglich nur die Ausmalung der Gewölbetonne vorgesehen. Was sollte jedoch mit den waagerechten Flächen zwischen den beziehungslos im Raum stehenden Deckenstützen geschehen? Wenn der Raum eine neue Gestalt bekommen sollte, mussten sie einbezogen werden. Auf Grund alter Fotos entwickelte Moritz Götze die Idee mit den Wolkenflächen. Doch welche Farbe hat ein Sternenhimmel und welche die dazu passenden Wolken? Computersimulationen entstanden und wurden diskutiert. Wolken in Orange übten die stärkste Wirkung aus. Doch gab es so etwas? Tatsächlich, auf vielen barocken Deckenausmalungen waren sie zu finden.

So entsteht das Kunstwerk Schritt für Schritt. In den zurückliegenden Monaten entstand der vor allem alttestamentlich inspirierte Zyklus für die Südwand. Noch in diesem Jahr wird die Nordwand folgen. 2015, im Themenjahr »Bibel und Bild«, sollen beide durch die Altarwand miteinander verbunden werden. Zuletzt wird ein neuer Altartisch hergestellt werden.

Für manches Gemeindeglied scheiden sich an der Farbe noch immer die Geister. Doch in einer Kleinstadt mit vier evangelischen Kirchen sollte so viel »Buntheit« möglich sein.

Sven Baier

Der Autor ist Pfarrer in Bernburg

Mach dir bloß keine Sorgen

16. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sorgen machen das Leben schwer – Wie damit umgehen? Die Bibel weiß Rat

»Sorge dich nicht, lebe!«, empfiehlt ein Bestseller. Die Formulierung ist gut – bessere Empfehlungen als das Buch gibt allerdings die Bibel.

Ganz existenzielle Sorgen waren zu biblischer Zeit noch verbreiteter als heute hierzulande. Man sorgte sich um Nahrung für den nächsten Tag, um die Sicherheit vor feindlichen Übergriffen, aber auch um ein sündenfreies Leben. Wer reich war, sorgte sich natürlich auch um seinen Besitz, was in der Bibel immer wieder kritisiert wird. Jesus fordert dazu auf, das Sorgen einfach einzustellen – Gott werde sich schon um alles kümmern.

Foto: John Gomez – Fotolia.com

Foto: John Gomez – Fotolia.com

Hungersnöte waren oft eine Bedrohung für das Volk Israel. Als einige überlegten, nach Ägypten zu ziehen, weil sie sich dort ein sorgenfreieres Leben erhofften, drohte Gott durch den Propheten Jeremia: Ich habe euch versprochen, dass ich in diesem Land hier für euch sorge, darauf sollt ihr vertrauen. »Werdet ihr euer Angesicht nach Ägyptenland richten, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen, … so soll der Hunger, vor dem ihr euch sorgt, stets hinter euch her sein in Ägypten, und ihr sollt dort sterben.« Auch feindliche Angriffe waren nicht selten. Ein Psalmbeter fragt: »Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?« (Jeremia 42,15 f., Psalm 13,3)

Sorgen können einen niederdrücken. Jesus Sirach meint sogar: »Sorge macht alt vor der Zeit.« Auch zu Schlafstörungen können Sorgen führen, betont er: »Wenn einer wach liegt und sich sorgt, so kann er nicht einschlafen.« Selbst wer im Leben sonst keinen Grund zur Sorge habe, weil ihm alles zufällt, könne von Sorgen übermannt werden, wenn er an den Tod denke: »Tod, wie bitter bist du, wenn an dich ein Mensch denkt, der gute Tage und genug hat und ohne Sorgen lebt«, seufzt Jesus Sirach. (Sirach 30,26; 41,1)

Sich ständig um alles Mögliche zu sorgen kann dazu führen, dass man den Blick für das Wesentliche verliert. Überflüssig, stellt ein Psalmbeter fest: »Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden« gibt Gott alles, was sie brauchen, »im Schlaf«. Und auch Jesus betont, man solle sich lieber auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Als er eines Tages bei Maria und Marta zu Besuch war, war Marta die ganze Zeit damit beschäftigt, den Gast zu bewirten und für sein Wohl zu sorgen, während Maria ihm einfach zuhörte. Da seufzte Jesus: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Maria hat das gute Teil erwählt.« (Psalm 127,2, Lukas 10,41 f.)

Reichtum ist vor allem deswegen eine Gefahr für die Menschen, weil auch er dazu führen kann, dass man vor lauter Sorge um den Schutz und die Vermehrung seines Besitzes Gott aus den Augen verliert. Jesus mahnt daher auch: »Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel.« (Sirach 31,1, Matthäus 6,19)

Der Prophet Jeremia beschreibt mit einem eindrücklichen Bild, wie glücklich und sorgenfrei sich der schätzen könne, »dessen Zuversicht der Herr ist«. Wer auf Gott vertraue, heißt es da, sei »wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt«. So jemand brauche sich vor nichts fürchten, denn auch wenn die Sonne vom Himmel brenne, verdorre er nicht, »und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.« (Jeremia 17,7 f.)

Auch Jesus fordert dazu auf, sich nicht ständig um morgen zu sorgen. Niemand könne sein Leben dadurch verlängern, dass er sich darum sorge, was er morgen anziehen oder was er essen werde. Man brauche sich nur die Blumen oder die Vögel ansehen, betont er. Sie sehen schön aus und finden auch ohne Sorgen genug Nahrung, schließlich sorge Gott ja für sie. Wer sich Gott zuwende, dem werde »alles zufallen«. (Matthäus 6,25 ff.)

Auch Paulus machte sich Gedanken um das Thema Sorgen. Immer wieder betont er, dass Familien- und Gemeindeglieder füreinander da sein und sich umeinander kümmern sollen. Allerdings dürfe auch diese Sorge für andere nicht den Blick für Gott verstellen. Aus diesem Grund hält er sogar das ehelose Leben für sinnvoll. Denn »wer verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens«. Wer unverheiratet ist, »sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle«. (1. Korinther 7,32 f.)

Uwe Birnstein

Wer die Wahl hat, hat die Qual

13. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Landtagswahl: In Thüringen und Brandenburg wird am Sonntag abgestimmt. Thüringer Spitzenkandidaten stehen Rede und Antwort

Das Bundesbetreuungsgeld wurde 2013 eingeführt. Die Diakonie kritisiert, dass vor allem Kindern aus benachteiligten Familien die frühkindliche Bildung entzogen wird. In Thüringen gibt es seit 2007 Elterngeld. Welche Unterstützung für Familien hat für Ihre Politik Priorität?

Björn Höcke kandidiert für die AfD.

Björn Höcke kandidiert für die AfD.

Höcke (AfD): Die AfD möchte die Familienpolitik so gestalten, dass Familien mit Kindern steuerlich, in den sozialen Sicherungssystemen und durch Zuwendungen so gestellt werden, dass die im Vergleich zu Kinderlosen erforderlichen Mehraufwendungen für ihre Kinder und unvermeidbare Verluste ausgeglichen werden. Die frühkindliche Entwicklung wird durch eine enge Elternbindung positiv beeinflusst. In den meisten Fällen ist die Kinder-Elternbeziehung intakt. Sie verdient staatlichen Schutz und Förderung. Wir fordern daher den Ausbau des Thüringer Landeserziehungsgeldes und anderer familienpolitischer Instrumente.

Astrid Rothe-Beinlich ist für Die Grünen im Landtag.

Astrid Rothe-Beinlich ist für Die Grünen im Landtag.

Rothe-Beinlich (Grüne): Familie ist für uns überall da, wo Menschen unterschiedlicher Generationen Verantwortung für- und miteinander teilen. Wir stehen für eine Familienpolitik, die Jung und Alt zusammen denkt und nicht gegeneinander ausspielt und Familien mit ihren individuellen Bedürfnissen stärkt. Wichtig ist uns echte Wahlfreiheit für Familien und nicht die Subventionierung eines bestimmten Lebensmodells. Wir sind uns sicher: Eine bedarfsdeckende Kindergrundsicherung und Investitionen in qualitativ hochwertige Bildungs- und Betreuungsstrukturen sind die beste Unterstützung für Familien.

Christine Lieberknecht ist Thüringer Ministerpräsidentin.

Christine Lieberknecht ist Thüringer Ministerpräsidentin.

Lieberknecht (CDU): Thüringen ist ein Musterland für Familien. Durch das Thüringer Landeserziehungsgeld können Eltern selbst entscheiden, wie und wo ihre Kinder betreut werden. Gleichzeitig hat unser Land deutschlandweit die besten Bedingungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Betreuungsquote bei den 3- bis 6-Jährigen ist nirgendwo höher. Das Landeserziehungsgeld unterstützt die Leistung von Eltern, die ihre kleinen Kinder zu Hause betreuen. Dies stärkt die Familien ganz im Sinne unseres christlichen Menschenbildes. In Zukunft werden wir das Landeserziehungsgeld mit dem Betreuungsgeld des Bundes so verknüpfen, dass insbesondere Familien mit mehreren Kindern davon profitieren. So wird es zu einer echten finanziellen Anschlussleistung an das Elterngeld.

Bodo Ramelow will an die Spitze des Freistaates.

Bodo Ramelow will an die Spitze des Freistaates.

Ramelow (Linke): DIE LINKE will, dass die Mittel für das Landeserziehungsgeld direkt in die Kitas fließen. Wir haben seit der Einführung des Landeserziehungsgeldes kritisiert, dass damit vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien verstärkt von frühkindlicher Bildung ausgeschlossen werden. Zum anderen gibt es mittlerweile die absurde Situation, dass hierfür die Menschen zweimal »belohnt« werden: Thüringer Erziehungsgeld und Bundesbetreuungsgeld, das ebenfalls dafür bezahlt wird, dass Menschen keinen Anspruch auf eine staatliche Leistung, die Kita-Betreuung, erheben und ihr Kind zu Hause betreuen. Unsere Antwort ist hier eine andere: Wir werden in der kommenden Legislatur den ersten Schritt zur Gebührenfreiheit der frühkindlichen Bildung gehen und ein Kita-Jahr kostenfrei stellen.

Uwe Barth ist Spitzenmann der Freien Demokraten.

Uwe Barth ist Spitzenmann der Freien Demokraten.

Barth (FDP): Im Interesse unserer Kinder hat für uns der Schuldenabbau des Landes einen herausgehobenen Stellenwert. Wir wollen deshalb bei sämtlichen familienpolitischen Leistungen stärker deren tatsächlichen Nutzen für die Familien in Betracht ziehen. Das Landeserziehungsgeld ist in diesem Sinne eine Doppelförderung, für die im Haushalt 2014 18,3 Millionen Euro eingeplant sind. Für die frühkindliche Bildung wären diese Mittel besser angelegt. Im Moment werden besonders Familien mit mittleren Einkommen durch hohe Kita-Beiträge übermäßig belastet. Wir wollen stattdessen perspektivisch auch im vorschulischen Bereich zu einem beitragsfreien System übergehen und mit zusätzlichen Mitteln des Landes in einem ersten Schritt ein kostenloses letztes Kindergartenjahr mit Vorschulcharakter einführen.

Sozialdemokratin Heike Taubert ist Sozialministerin.

Sozialdemokratin Heike Taubert ist Sozialministerin.

Taubert (SPD): Die SPD Thüringen hat sich immer gegen das von der CDU eingeführte Landeserziehungsgeld ausgesprochen. Wir sehen darin einen Anreiz, Kinder von frühkindlicher Bildung im Kindergarten auszuschließen. Mit der Einführung des Bundesbetreuungsgeldes auf Betreiben der CDU gibt es nun sogar eine Doppelförderung. Mehrere Studien haben uns bestätigt, dass ein Betreuungsgeld – egal ob vom Land oder vom Bund – keineswegs förderlich für unsere Kleinsten ist. Kritik kommt auch vom Landesrechnungshof. Wir wollen daher das Thüringer Landeserziehungsgeld abschaffen und stattdessen in unsere Kindertagesstätten investieren. Wir wollen gute, tarifvertraglich geregelte Arbeitsbedingungen und Entlohnung für alle Erzieherinnen und Erzieher und den schrittweisen Einstieg in die Gebührenfreiheit.


Die Schulen in freier Trägerschaft beklagen nach wie vor die Benachteiligung bei der staatlichen Förderung. Wie ist Ihre Position zu dieser Frage?

Höcke (AfD): Wir wenden uns gegen jede Art gleichmacherischer Schulpolitik. Schulen in freier Trägerschaft fördern die Qualität und Vielfalt unserer Bildungslandschaft. Wir wollen die Privatschulfreiheit stärken und setzen uns daher für die weitgehende personelle und finanzielle Gleichstellung mit staatlichen Bildungseinrichtungen ein. Damit wird auch gewährleistet, dass Kinder aus finanzschwachen Familien vom Angebot der privaten Schulen profitieren können.

Rothe-Beinlich (Grüne): Wir haben in einem dreijährigen Verfahren das von CDU und SPD beschlossene Gesetz für freie Schulen vorm Thüringer Verfassungsgericht beklagt und Recht bekommen. Wir wollen gute Schulen für alle von Anfang an, und für uns erfüllen freie Schulen den öffentlichen Bildungsauftrag genauso wie Schulen in staatlicher Trägerschaft. Unsere Ziele sind faire Chancen und Rahmenbedingungen für freie Schulen, eine auskömmliche Finanzierung auf Grundlage der tatsächlichen Schülerkosten, die zudem auch Schulneugründungen zulässt, die Abschaffung der Wartefrist – insbesondere für bewährte Träger, die Absenkung bürokratischer Hürden und bei der Lehrergenehmigung und die Zulässigkeit von Schulentwicklung.

Lieberknecht (CDU): Die Vielfalt in unserem Bildungssystem muss weiter gestärkt werden. Meine Partei wird daher die Schulen in freier Trägerschaft finanziell verlässlich und auskömmlich ausstatten. Besonders die Schulen in der Trägerschaft der Kirchen bereichern durch individuelle und innovative Konzepte unsere Bildungslandschaft. Gemeinsam mit den Trägern werden wir zu Beginn der neuen Wahlperiode die Finanzierung für die Schulen transparent neu regeln. Dabei muss sichergestellt sein, dass die Fehlentwicklungen der letzten Jahre korrigiert werden. Unnötige Bürokratie, zum Beispiel bei der Zulassung von Schulen, werden wir abschaffen. Die Finanzierung werden wir wieder so gestalten, dass die Elternbeiträge angemessen und fair bleiben und mehr Schulen in freier Trägerschaft entstehen können.

Ramelow (Linke): Das Landesverfassungsgericht hat in seinem Urteil im Mai 2014 die derzeitige Praxis nach den Kürzungen unter CDU und SPD gerügt und eine Änderung angeordnet. Selbstverständlich wird DIE LINKE in Regierungsverantwortung dies umsetzen und die Zuschüsse in angemessener Form und gemäß den Vorgaben des Verfassungsgerichts schnellstmöglich nach der Wahl anpassen.

Barth (FDP): Schulen in freier Trägerschaft sind für mich keine lästige Konkurrenz für die staatlichen Schulen, sondern eine Bereicherung für das Thüringer Schulsystem insgesamt. Die von CDU und SPD durchgeführte Kürzung der staatlichen Förderung hat viele freie Schulen leider an den Rand der Existenz gebracht. Ich setze mich für eine faire öffentliche Finanzierung ein. Diese sollten sich deutlich stärker am echten Aufwand der freien Schulen orientieren, den diese für ein mit den staatlichen Schulen vergleichbares Angebot benötigen. Ich werbe außerdem für die Wiedereinführung des ebenfalls von Schwarz-Rot gestrichenen Prinzips des bewährten Trägers, welches in entsprechenden Fällen einen Verzicht auf die Wartezeit bis zur staatlichen Förderung beinhaltet.

Taubert (SPD): Schulen in freier Trägerschaft ergänzen das Angebot staatlicher Schulen, beide müssen gut ausgestattet sein. Freie Schulen bereichern unsere Schullandschaft. Daher fördert das Land diese Initiativen, ohne sie jedoch den staatlichen Schulen gleichstellen zu müssen. Der Thüringer Verfassungsgerichtshof hat kürzlich geurteilt, dass eine Vollfinanzierung freier Schulen durch den Staat nicht erwartet werden kann. Das Gericht spricht ausdrücklich von drei Säulen der Finanzierung: Eigenanteil, Schulgeld und staatlicher Zuschuss. Derzeit erhalten die Schulen in freier Trägerschaft in Thüringen höhere Zuschüsse als im Schnitt der übrigen Bundesländer. Dennoch werde ich über die Höhe der staatlichen Zuschüsse mit den Trägern, auch der Evangelischen Schulstiftung, das Gespräch suchen – versprochen.


Soll Thüringen mehr Asylsuchende aufnehmen? Welche Bedingungen kann die Politik für eine menschenwürdige Unterbringung schaffen?

Höcke (AfD): 2014 werden voraussichtlich 200 000 Menschen in Deutschland einen Asylantrag stellen. Die Überforderung mit dieser Situation tritt auf allen staatlichen Ebenen immer deutlicher zutage. Die AfD setzt sich für ein bedarfsorientiertes Einwanderungsrecht ein, das klar vom Asylrecht getrennt ist. Wer das Asylrecht zum Einfallstor für Wirtschaftsflüchtlinge macht, gefährdet dieses zentrale Grundrecht, weil eine ressentimentgeladene Stimmungslage in der Bevölkerung genährt wird, die sich gegen wirklich an Leib und Leben bedrohte Flüchtlinge richten könnte. Das gilt es zu verhindern.

Rothe-Beinlich (Grüne): Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Würde. Niemand flieht freiwillig aus seiner Heimat. Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht. Wir nehmen nicht hin, dass Flüchtlinge in Thüringen diskriminiert und ausgegrenzt werden. Für uns gilt: gleiche Rechte für alle Menschen. Und selbstverständlich muss auch Thüringen solidarisch mit den Flüchtlingen sein, die nach Europa kommen, weitaus mehr Menschen aufnehmen und sich für legale Fluchtwege starkmachen, um das Sterben, beispielsweise im Mittelmeer, zu beenden. Wir stehen für die konsequente dezentrale Unterbringung, echte Willkommenskultur, Bargeld statt Gutscheine, Zugang zu Integrations- und Sprachkursen und für umfassende Teilhabe sowie gelebte Willkommenskultur. Und wir sind sicher: Vielfalt tut Thüringen gut!

Lieberknecht (CDU): Die Aufnahme von Flüchtlingen bzw. politisch Verfolgten ist eine christlich-moralische Selbstverständlichkeit, der sich Thüringen auch künftig nicht verschließen darf. Gleichzeitig ist es für uns eine menschliche Verpflichtung, diese Unterbringungen menschenwürdig zu gestalten. Das Land Thüringen investiert daher zurzeit in die Unterkünfte, um dem wachsenden Zustrom gerecht werden zu können. Die große Mehrheit der Thüringer steht der Aufnahme von Flüchtlingen glücklicherweise positiv gegenüber. In vielen Gemeinden, wo Flüchtlinge dezentral untergebracht worden sind, wurden die neuen Nachbarn ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe in die Gemeinschaft aufgenommen. Die Akzeptanz der Menschen wird durch eine frühzeitige Information und vielfältige Begegnungsmöglichkeiten auch weiterhin groß bleiben.

Ramelow (Linke): Deutschland, Europa und Thüringen müssen mehr Flüchtlinge aufnehmen. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit, auch aus meinem christlichen Selbstverständnis. Dabei dürfen wir es nicht belassen, sondern müssen den Ursachen von Flucht aktiv entgegentreten. Ich schäme mich, dass Deutschland Milliarden am Krieg verdient und wir der drittgrößte Waffenexporteur der Welt sind. Wir brauchen ein eindeutiges Rüstungsexportverbot, müssen mehr humanitäre Hilfe leisten und zivile Konfliktlösungen unterstützen. In Thüringen und Deutschland müssen wir diskriminierende Gesetze wie die Residenzpflicht abschaffen und die Bürgerinnen und Bürger mitnehmen durch frühzeitige Information sowie Orte der Begegnung, um Ängste zwischen den Menschen abzubauen.

Barth (FDP): Im Vordergrund unseres Handelns muss immer die Hilfe vor Ort stehen, damit die Menschen ihre Heimat gar nicht erst verlassen müssen. Solange sie dort aber politisch verfolgt werden, haben wir die gesetzliche Pflicht und Verantwortung, das Recht auf Asyl zu gewährleisten. Die Bürger kann man nur durch intensive und frühzeitige Aufklärungsarbeit gewinnen. Das Sozialstaatsprinzip gewährt auch Asylsuchenden das Recht auf menschenwürdige Lebensumstände und Hilfe, wenn sie dafür nicht selbst sorgen können. Gemeinschaftsunterkünfte müssen anständigen Sozialstandards entsprechen und dürfen durch ihre Lage nicht Isolation und Ausgrenzung fördern. Auch dezentrale Unterbringungen sind hilfreich, um Integration zu fördern und das Entstehen von Parallelgesellschaften zu vermeiden.

Taubert (SPD): Menschen, die vor Verfolgung und Vertreibung fliehen, brauchen unsere Solidarität. Alle, die sich rechtmäßig bei uns aufhalten, weil sie Schutz suchen oder arbeiten wollen, sollen sich in Thüringen willkommen fühlen. Wir setzen auf eine stärkere finanzielle Unterstützung der Kommunen zur Gestaltung einer menschenwürdigen Flüchtlingspolitik. So werden wir eine angemessene Unterbringung gewährleisten sowie die Betreuung der Flüchtlinge und ihre medizinische Versorgung verbessern. Unser Ideal ist dabei die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge mit sozialpädagogischer Betreuung, um so den Austausch mit den Thüringerinnen und Thüringern zu befördern. Einkaufsgutscheine für Lebensmittel statt Bargeld wollen wir abschaffen.

Großbritannien: Bye-bye Vereinigtes Königreich?

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Soll sich Schottland in knapp zwei Wochen dafür entscheiden, aus dem Vereinigten Königreich auszutreten und ein unabhängiges Land zu bilden? Es ist eine Frage, die die schottische Nation im Moment spaltet.

Julia Wohlgemuth berichtet  für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Am 18. September nämlich dürfen alle, deren Wohnsitz sich in Schottland befindet und die älter als 16 Jahre sind, in einem historischen Referendum darüber abstimmen, ob Schottland zukünftig aus der Verbundgemeinschaft Großbritannien austritt, um einen unabhängigen Staat zu bilden. Abstimmungsberechtigt sind mehr als vier Millionen Menschen, wozu beispielsweise auch fast eine halbe Million Engländer gehören, die in Schottland wohnen. Leute dagegen, die zwar in Schottland geboren sind, mittlerweile aber in anderen Teilen des Vereinigten Königreiches leben, dürfen an der Wahl nicht teilnehmen. Das wiederum betrifft rund 700 000 Schotten – was diese jedoch nicht davon abhält, ihre Meinung zur Unabhängigkeit kundzutun, je berühmter umso öffentlichkeitswirksamer.

Würden die Schotten nur mit ihrem Herzen entscheiden, wäre ein Sieg der Unabhängigkeitsbestrebungen sicher wahrscheinlicher. Viele Schotten fühlen sich an erster Stelle als Schotten, dann vielleicht als Europäer und erst danach als Briten. Bei Großereignissen wie der Fußball-WM gehört es gerade zum guten Ton, für jedes Land zu jubeln, das England besiegt. Doch was man in Deutschland den Schwaben nachsagt, gilt auch für die Schotten: Beiden wird sparsamer und vorsichtiger Umgang mit Geld zugeschrieben. Und so geht man davon aus, dass es wohl vor allem wirtschaftliche Faktoren sein werden, die das Ergebnis des Referendums beeinflussen werden und die letztendliche Entscheidung für ein »Ja« oder »Nein« der Wähler bestimmen wird.

Bei den Meinungsumfragen der letzten Monate lagen die Befürworter der Union recht konstant bei knapp über 50 Prozent, während rund 35 Prozent der Befragten für ein unabhängiges Schottland stimmen würden. In den letzten Wochen hat sich dies um ein paar Prozentpunkte zugunsten der Teilungswilligen verschoben. Entschieden ist also noch lange nichts.

Uneinigkeit herrscht auch in der Kirche. Während die offizielle Stellungnahme der Church of Scotland neutral ist, haben sich mehrere Geistliche der Bewegung »Christen für Unabhängigkeit« angeschlossen. Im Gegenzug verkündete ein Sprecher der »Besser zusammen«-Initiative, der Seite also, die sich gegen eine Teilung ausspricht, dass Menschen aller Glaubensrichtungen gegen einen Austritt aus dem Vereinigten Königreich sind.

Und wie ist die Meinung in England? Kümmert es die Engländer, dass Großbritannien bald eventuell nicht mehr ganz so groß sein wird? Man gewinnt den Eindruck, dass im Süden des Landes Schottland sehr weit weg ist. Wer nicht gerade persönliche Bindungen nach Schottland hat, steht dem Referendum eher gleichgültig gegenüber.

Julia Wohlgemuth

Das Undarstellbare sichtbar machen

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter dem Motto »Glaube und Erfahrung. Christlicher Glaube ist erfahrbar« ist in der Weimarer Stadtkirche zum vierten Mal ein Förderpreis für Studierende vergeben worden.

Für seine Arbeit »Undarstellbar – Visuelle Gedanken zu Gott« ist Johannes Schöps aus Zwickau am 25. August mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden, den der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Weimar, das Sophien- und Hufelandklinikum Weimar und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein am Geburtstag des einstigen Weimarer Generalsuper­intendenten Johann Gottfried Herder (1744 –1803) auf ihrem Jahresempfang vergeben. Er ist mit 2 000 Euro dotiert und würdigt Beiträge, die in den Bereichen Literatur, Pädagogik, Musik, Architektur, Kunst, Geschichte, Philosophie oder Theologie den Zusammenhang von menschlicher Erfahrung und christlichem Glauben erhellen und originell beleuchten. Der 24-jährige Preisträger belegt derzeit den Master-Studiengang »Visuelle Kommunikation« an der Bauhaus-Universität Weimar.

In seiner Laudatio ging Lorenz Engell, Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität, darauf ein, dass sich der junge Künstler einem Thema zugewandt habe, das mit dem jüdisch-christlichen Bilderverbot im 2. Buch Mose in unmittelbarem Zusammenhang stehe. Um zugleich darauf zu verweisen, dass »ausgerechnet die Hüterin der Gebote, die Kirche, unendlich viele Bildwerke in Auftrag gegeben« habe und sie bis heute stolz in ihren Kathedralen und Museen zeige, »die dieses Gebot in klarer und krasser Weise zu verletzen scheinen«.

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

Für seine »Visuellen Gedanken zu Gott« erhielt Johannes Schöps den Herder-Förderpreis. Foto: Johannes Schöps

In einer der Arbeiten, aus denen der preisgekrönte Gesamtzyklus besteht, werden Vater, Sohn und Heiliger Geist dargestellt (Foto), »und zwar als Lampe – sie steht für den Vater: Es werde Licht, sagt der Schöpfergott; als Waffeleisen – es steht für den Sohn: Er nahm das Brot, dankte, gab ihnen das und sprach: das ist mein Leib; als Ventilator – er steht für den Geist: Ein großes Brausen erhob sich am Pfingsttag«, interpretiert der Hochschullehrer die drei gezeigten Objekte.

Im Gespräch erläuterte der junge Künstler: »Ich möchte niemandem ein bestimmtes Gottesbild vermitteln. Jedes meiner Bilder ist verschieden, weil jeder ein anderes Bild von Gott hat, je nachdem, was man erlebt hat, wie man glaubt und geprägt ist. Meine Motive bilden Gott nicht ab, aber sie erzählen etwas über ihn. Der Betrachter bekommt hier also ein ›Gottesbild‹ vorgesetzt und kann für sich entscheiden, ob das etwas mit dem Bild zu tun hat, das er von Gott hat. Ist Gott für mich wie eine Lampe, die Licht spendet? Gebe ich Jesu Liebe weiter, wenn ich mit anderen gemeinsam Brot aus dem Sandwichmaker esse? Spüre ich den Heiligen Geist wie Wind vom Ventilator?«

Johannes Schöps ist in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. In seinen Teenagerjahren hätten ihn die Junge Gemeinde und der CVJM Zwickau geprägt. Dort begannen auch seine ersten Gestaltungsversuche, als er gefragt wurde, ob er die JG-Seite im Kirchenboten entwerfen könne. Das ist inzwischen 10 Jahre her.

Auf die Frage, ob der Glaube an oder die Nähe zu Gott ein zentrales Thema seines Schaffens bilde, antwortet er: »Nicht jedes Projekt muss etwas mit dem Glauben zu tun haben, aber ich möchte bei dem, was ich gestalte, schon meine Grundsätze behalten. So würde ich zum Beispiel nicht für einen Auftraggeber arbeiten wollen, der seine Angestellten ausbeutet. Oder Werbung für Genmais macht. Das ist sicherlich nicht immer einfach, aber prinzipiell möchte ich meine Fähigkeiten für ›gute‹ Dinge einsetzen, die Menschen helfen oder einfach schön sind. Nähe zu Gott finde ich beim Fotografieren von Natur und Landschaft. Da denke ich oft, wie ausgeklügelt die Schöpfung ist und dass dahinter ein Schöpfer stecken muss.«

Auf der Internetseite des Preisträgers sind weitere Motive zu sehen.

Michael von Hintzenstern

www.undarstellbar.de

Das ist echt nicht von dieser Welt …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Sozialarbeiter lädt ein, das unsichtbare Reich Gottes unter uns zu entdecken

So was ist nicht von dieser Welt …«, singt Xavier Naidoo und meint die Liebe, die ihn – existenziell – am Leben hält. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, bestätigt auch Jesus Christus in einem Dialog mit Pontius Pilatus, einem Vertreter der Weltmacht. Aber den Vertretern der Religionsmacht antwortet Jesus auf die Frage, wann denn Gottes Reich kommt, dass es nicht sichtbar berechnend und doch schon »mitten unter euch« sei. (Lukas 17, 20+21)

»Ich versuche zu verstehn, was andre in dir sehn, warum sie Kriege anfangen und in deinem Namen Morde begehn.« Diese Textzeile Xavier Naidoos klingt bei den »Söhnen Mannheims« sehr heutig: »2 000 Jahre nach dir liegt hier alles in Scherben.« Unsre Erfahrungen im Sommer 2014 mit mehreren Völkerkriegen und Morden an Christen und anderen nicht »Rechtgläubigen« lassen das Reich Gottes weit weg erscheinen und zunehmend gar in Verruf geraten!

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Präzisieren wir doch ebenfalls: Es geht um das Reich des Gottes, der der Vater Jesu Christi ist! Gott ist die Liebe. (1. Johannes 4,16) Und Liebe ist, wie die Wirkmächtigkeit des Gottesreiches, nicht sichtbar berechnend. Daher auch fragen »die Gerechten« beim Weltgericht (Matthäus 25, 37-39), wann sie denn den Sohn Gottes hungrig und durstig gesehen und folglich gespeist und getränkt hätten, wann sie ihm als Fremden Asyl gewährt, ihn bekleidet oder auf dem Krankenlager und im Gefängnis besucht haben sollen.

Mitten in den Reaktionen auf soziale Notlagen in der uns umgebenden Welt gibt es mittelbare Interaktionen mit Christus selbst. So bricht sein Reich an – mitten unter uns. In der Welt und doch aus einer anderen, der zukünftigen Welt. Was noch Vision ist, wird gegenwärtig zur Motivation unseres Handelns. So ist dieses nie vergebens und wächst aufgrund seiner innewohnenden Christusbegegnung über moralisches »Gutmenschentum« hinaus. Es ist ein neu gedachter Humanismus: Die Würde des Menschen ist, dass Jesus Christus uns in diesem entgegentritt.

Und das ist eine – aus eigener Erfahrung – befreiende Erleichterung im oft widerwärtigen sozialen Handeln, weil unser Tun Gott unmittelbar berührt! Erleichterung, nicht Berechnung – geht es doch um den Menschen, den oft fernen Nächsten.

Vor 25 Jahren ging ein Reich zu Ende. Trotz anderslautender Losungen stand darin nie der Mensch im Mittelpunkt. Und er steht auch heute nicht dort, wenn theologisch ausgegrenzt wird. Der Mensch im Mittelpunkt? Gott bewahre! »Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?« Mag ja sein, aber »ich habe euch noch nie gekannt«. (Matthäus 7, 22+23) Denn sie haben ihn nicht erkannt – nicht in einem von den alle vier Sekunden an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterbenden afrikanischen Kindern, nicht in einem der ostdeutschen Langzeitarbeitslosen, nicht in einem an Aids Erkrankten, nicht in einem Gesetzesbrecher – und sei es das Betäubungsmittelgesetz.

Daher nochmals Xavier Naidoo: »Alles, was zählt, ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.« Vielleicht lassen Sie sich in und mit Christus verbinden durch ein Patenkind in Afrika (z. B. über »World Vision«), durch Aktionen für weltweite Gerechtigkeit (z. B. Micha-Initiative) oder für Langzeitarbeitslose in Deutschland (z. B. Initiative PRO Arbeit). Oder Sie fragen die Diakoniebeauftragten in Ihren Kirchenvorständen einmal nach Besuchsdienstmöglichkeiten.

In Sachsen ist beispielsweise diesen Sonntag der »Tag der Diakonie«. Die Kollekte dient dem »Kirchlichen Hilfsfonds für Menschen in Not«. So können unterschiedliche Menschen mit ihren großen Nöten bald für sich in ihrer kleinen Welt die Erfüllung der zweiten Bitte des Vaterunsers erfahren: Gottes Reich kommt zu ihnen. Und zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kommt dann Jesus

Christus.Gerhard Schönherr

Wir zogen mit dem Spaten …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Bilanz: 50 Jahre Bausoldaten in der DDR – was waren die Motivationen und wie sehen ehemalige Spatensoldaten ihre Entscheidung heute?

Nach dem Selbstverständnis der DDR-Genossen waren sie das Äußerste, was den Werktätigen der Republik »zugemutet« werden konnte: Die jungen Männer in der Uniform der Nationalen Volksarmee (NVA) mit den goldenen, später silbergrauen Spaten auf den Schulterstücken. Bausoldaten oder Spatensoldaten, kurz«Spatis«, hießen sie, die aus Gewissensgründen ihren Pflichtwehrdienst in den unbewaffneten Baueinheiten ableisteten. Erst am 7. September 1964, also vor 50 Jahren, wurde dieser Wehrersatzdienst, der freilich nie ein ziviler Ersatzdienst war, nicht zuletzt auf Drängen der Kirchen eingeführt. 15 000 bis 16 000 Menschen entschieden sich trotz Diskriminierung und Schikane im weiteren Lebensweg für die Waffenverweigerung. Die Kirchenzeitung hat einige von ihnen befragt, was ihre Motivation für die damalige Entscheidung war. Und wie sie diese im Rückblick sehen und sie unter heutigen Bedingungen treffen würden.

Heinz Bächer

Heinz Bächer

Was mich motivierte? Erstens, ich wuchs mit einem in Stalingrad schwer verletzten Vater auf. Zweitens Literatur: Gandhi, M. L. King und die Bergpredigt. Und drittens die Gespräche in der Jungen Gemeinde Saalfeld über Zivilcourage und Friedensethik.
Aus heutiger Sicht würde meine Entscheidung ähnlich ausfallen. Es gibt einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen: Zivile Konfliktbearbeitung durch gewaltfreie Aktionen sind erfolgreicher als Kriege. Gewaltfreie Aktionen hatten in den letzten einhundert Jahren nur wenig Menschenleben zu beklagen und langfristige Friedensphasen zur Folge (Indien, Befreiungsbewegung in den USA, friedliche Revolution in der DDR u. a.). Konflikte werden auch heute unter anderem durch Waffenexporte in militärische Bahnen gelenkt, die dann eher zu Eskalationen führen können. Solange es eine Ideologie des Stärkeren gibt, gibt es auch Motivation zu Gewalt und Krieg. Die Selbstverpflichtung der Ökumenischen Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul 1990 halte ich für wegweisend: »Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen und Konflikte durch aktive Gewaltfreiheit zu lösen.«

Heinz Bächer, Jahrgang 1957, Bausoldat von Herbst 1977 bis Frühjahr 1979 in Prora/Rügen, heute Klinikseelsorger am Uni-Klinikum Jena und selbstständiger Supervisor und Familientherapeut


Sebastian Kircheis

Sebastian Kircheis


Ich war 18 Jahre alt. Den Druck und die Unwahrhaftigkeit des DDR-Systems habe ich gespürt. Die Allmacht und Allgegenwärtigkeit des Staates auf allen Ebenen des Lebens erzeugten mal Zorn, mal Ohnmachtsgefühle. Unvorstellbar, diesem System mit der Waffe in der Hand befehlsmäßig ausgeliefert zu sein. Aber auch durch Totalverweigerung in Gefahr zu geraten, jegliche Lebensperspektive zu verlieren, war keine Option. Deshalb erklärte ich zur Einberufungsüberprüfung meine Entscheidung zum »Dienst bei den Baueinheiten der NVA«. Zwei Tage später in der Schule teilte mir der Direktor mit, dass ich aufgrund meiner Entscheidung »nicht würdig« sei, die DDR im Ausland zu repräsentieren. Der Dresdner Kreuzchor plante für September eine dreiwöchige Westreise, zu der ich kurz vorher eingeladen worden war. So reiste ich nicht in den Westen, sondern nach Prora …

Und heute? Eine einmal gewonnene Haltung, wie die, keine Waffe zu nehmen, legt man nicht ab wie ein Kleidungsstück. Sie sitzt tief und wohnt nicht nur im Verstand. Gleichwohl erkenne ich nicht, wie sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid an Völkern oder Volksgruppen, wie wir sie im Bosnienkonflikt erschreckend erlebt haben und wie wir sie momentan im Irak miterleben, anders eindämmen lassen als durch militärische Gewalt. Ich kann nicht sagen, wie ich heute entscheiden würde, zumal eine Antwort auf diese Frage, anders als vor 33 Jahren, sehr theoretisch bliebe.

Sebastian Kircheis, Jahrgang 1963, Bausoldat von November 1982 bis April 1984 in Prora/Rügen, heute Pfarrer an der Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar


Martin Hüfken

Martin Hüfken


Zu NVA-Zeiten Bausoldat zu sein, war in christlichen Kreisen so etwas wie eine Imagefrage. Für mich damals die Gelegenheit zu zeigen, wohin ich hingehöre, mehr noch, wohin ich nicht gehören will. Ich hatte verinnerlicht: Ein wirklicher Christ wird Bausoldat. Im Wehrkreiskommando legte ich meine schriftliche Begründung vor. Nachdem ich lange zu meiner Entscheidung befragt worden war, entließ man mich. Eingezogen wurde ich später nie. Aber den Mut zum Nein-Sagen gehabt zu haben, bewirkte in mir ein solidarisches Gefühl mit allen Andersdenkenden.

Nach der Wende fiel der Wert dieses Nein-Sagens bei mir nicht mehr ins Gewicht. Ich war als Christ auch nicht mehr Verbündeter des »Klassenfeindes«. Der Gedanke, dass ich auch mit dem Spaten in der Hand dem Sozialismus in der DDR und der Partei der Arbeiterklasse gedient hätte, hat mich nie so richtig losgelassen. Den Dienst ganz zu verweigern und dafür nach Schwedt ins Militärgefängnis zu gehen, war ich zu feige. Im Zusammenhang mit der Frage, wer den Frieden, den ich genoss, garantiert, wurde mir die Bundeswehr bewusst. Tun es Gebete, Kerzen, Diskussionen? Wie viel Gewalt ist nötig, um dem Bösen die Stirn zu bieten? War Jesus nicht auch gewalttätig? Wem aber Gewalt gegeben ist, muss ganz besonders wissen, wofür er sie einsetzt. Mich trafen die Worte von Jesus Christus: »Gehet hin in alle Welt …« (Markus 16, 15) Ich wusste, dass ich die Welt derer, die sich auf andere Art für den Frieden einsetzen als ich, nicht deswegen auslassen darf, weil ich eine christlich weiße Weste behalten will. Verantwortung zu übernehmen und zu helfen, Verantwortung zu tragen, wurde für mich zum Liebesdienste, zu dem mein Glaube an Jesus Christus mich berief und befähigte. Seelsorge muss dort sein, wo die Menschen sind, die sie brauchen.

Martin Hüfken, Jahrgang 1956, als Bausoldat gemustert aber nicht eingezogen, seit 2010 Militärpfarrer an der Unteroffiziersschule des Heeres in Delitzsch


Sebastian Kranich

Sebastian Kranich


Für den Bausoldatendienst haben mich christliche Überzeugung und politische Opposition motiviert. In meiner Erklärung für das Wehrkreiskommando bekannte ich mich 1988 zum »Weg der Gewaltlosigkeit von Jesus Christus«. Eine Pfarrhaus-Kindheit, Prägungen im Dresdner Kreuzchor, der 13. Februar 1945 im Familiengedächtnis sowie mit Kerzen vor der Frauenkirche, der Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« an der grünen Kutte, Lieder von Gerhard Schöne, Udo Lindenberg und Stephan Krawczyk, der Beitritt zur Friedensgruppe »Gewaltlos leben« – das alles kann meinen Weg zu den Bausoldaten biografisch erklären. Vor der Einberufung wollte ich dann eigentlich total verweigern. Eine Entscheidung, zu der mir der Kopf von »Gewaltlos leben«, der Thüringer Pfarrer Jo Winter, »nicht mal zu- oder abraten« konnte. »Keiner geht für Dich in’ Kahn. Aber eben auch nicht zur Asche!«, schrieb er in einem Brief.

Als Bausoldat habe ich genug vom Militär. Ich wollte damals nicht zur Armee und würde heute nicht hingehen. Kasernenleben, Marschieren, Befehl- und Gehorsam – so möchte ich nicht (mehr) leben. Ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, auf Menschen zu schießen. Da hat sich für mich nichts geändert. Geändert hat sich aber die Lage in der Welt. In der DDR war die NVA vor allem eine Disziplinierungs- und Unterdrückungsanstalt für junge Männer: ein Gefängnis im Gefängnis. Jeglicher Gedanke an einen Krieg zwischen Ost und West erschien angesichts der nuklearen Hochrüstung als widersinnig. Dann wurden nach der friedlichen Revolution in Ruanda (1994) und in Srebrenica (1995) Tausende – ganz konventionell – ermordet. Heute toben neue Kriege. Immer noch lässt sich Frieden nicht herbeibomben. Aber extreme Gewalt ist manchmal nur mit Gewaltmitteln zu stoppen.

Sebastian Kranich, Jahrgang 1969, Bausoldat von November 1988 bis Dezember 1989 in Merseburg, Wolfen und Welzow, heute promovierter Theologe an der Universität Heidelberg


Matthias Spikermann

Matthias Spikermann


Meine Erstmusterung fand 1987 und meine Einberufungsmusterung Anfang 1989 statt. Ich stamme aus einem christlichen Elternhaus und war fest in der Jungen Gemeinde meines Heimatortes Welzow (Niederlausitz) integriert. Für mich war die lange vor der Wende getroffene Entscheidung zum Bausoldaten damals eine Art Bekenntnis zum Glauben. Ausschlaggebend war für mich der Umstand, dass mein gesellschaftliches Umfeld (insbesondere auch die Schule) mich frühzeitig spüren ließ, dass diese Gesellschaft meine Kirchenzugehörigkeit als Affront zur sozialistischen »Weltanschauung« wahrnahm. Ich wurde so gesehen regelrecht in eine Distanz zum DDR-Staat hineingedrängt. Folgerichtig war dann auch die NVA in meiner Wahrnehmung ein Ort, an dem ich – noch stärker als andernorts – den unterschwelligen ideologischen Repressalien des von mir als bedrohlich wahrgenommenen Systems ausgesetzt sein würde. Diesem wollte ich mich – so weit es ging – entziehen. Bei den Bausoldaten erhoffte ich mir genau diesen größtmöglichen Freiraum.

Rückblickend bin ich immer noch ein wenig stolz auf meine damalige Entscheidung und würde, wenn ich noch einmal in einem ähnlichen System leben müsste, erneut so entscheiden. Die Position eines von jeglichen politischen Gegebenheiten absehenden Pazifismus habe ich weder damals noch heute vertreten. Insofern sehe ich in meiner Entscheidung von damals keinen Widerspruch zu meiner heutigen Tätigkeit als Militärseelsorger in der Bundeswehr.

Matthias Spikermann, Jahrgang 1969, Bausoldat von November 1989 bis September 1990, heute Militärseelsorger in Potsdam


Wolfgang Straß

Wolfgang Straß


Ich hatte als Christ zwei Gründe (die sich beide in der Bergpredigt finden), den Dienst mit der Waffe in der NVA abzulehnen. Zum einen das Gebot Jesu nicht zu schwören. (Matthäus 5,36) Es war mir unmöglich, den Fahneneid in der damals geltenden Fassung und mit Bezug auf das Gesellschaftssystem zu leisten. Zum anderen war es Jesu Gebot der Feindesliebe (Matthäus 5, 43-45), was es mir verwehrte, mit der Waffe zu dienen.

Die Entscheidung unter heutigen Umständen? Interessante Frage, wenn auch (fast) nur theoretischer Natur. Eine wirklich freiheitlich-demokratische Grundordnung ist für mich ein so hohes Rechtsgut, das es unter Umständen verdient, auch mit militärischer Gewalt verteidigt zu werden. Fazit: Heute bin ich dankbar und sogar ein bisschen stolz darauf, zur Truppe der Bausoldaten gehört zu haben.

Wolfgang Straß, Jahrgang 1956, Bausoldat von November 1982 bis April 1984 in Brandenburg-Hohenstücken, Bad Muskau und Burg, heute Heilerziehungspfleger in den Neinstedter Anstalten in Neinstedt im Ostharz


Die Zerreißprobe geht weiter

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ukraine: Der neue Metropolit von Kiew und der gesamten Ukraine gehört zum moskautreuen Flügel der Orthodoxie

Die Wahl Onufris zum neuen Oberhaupt der moskautreuen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche hat Spannungen und Ängste, die derzeit in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine herrschen, anschaulich demonstriert.

Proteste in Kiew, Gebete in Moskau: Während vor dem berühmten Kiewer Höhlenkloster Dutzende Demonstranten ein Verbot der Kirche forderten, erbat Moskaus Patriarch in einer Kirche nahe seiner Sommerdatscha bei Gelendschik den göttlichen Segen für das Bischofskonzil und die Wahl des Kirchenoberhauptes. Am 17. August wurde der neue Metropolit von Kiew und der gesamten Ukraine eingeführt.

Wenn es Kyrill bei den Gebeten um einen moskaufreundlichen Kandidaten auf dem Posten ging, so wurde er erhört: Der 69-jährige Onufri (mit weltlichem Namen Orest Beresowski), bisher Metropolit von Czenowitz und der Bukowina und kommissarischer Leiter der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, für den in der Bischofsversammlung mehr als die Hälfte der 78 Geistlichen gestimmt hatten, gilt als gegenüber Moskau loyaler Kirchenmann.

Der neu gewählte Metropolit Onufri (im Vordergrund links bei seiner Einführungszeremonie) führt seit Mitte August die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Foto: picture allaince

Der neu gewählte Metropolit Onufri (im Vordergrund links bei seiner Einführungszeremonie) führt seit Mitte August die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Foto: picture allaince

Schon bei der ersten Spaltung der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Anfang der 90er Jahre hatte er sich bedingungslos auf die Seite der Einheit mit der Russisch-Orthodoxen Kirche gestellt und wurde dafür zeitweise sogar vom damaligen Kiewer Metropoliten Filaret strafversetzt. Erst nach dessen Kirchenbann und der Spaltung der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche in ein Moskauer und ein Kiewer Patriarchat (unter Filaret), durfte Onufri auf seinen Posten zurückkehren und machte schnell Karriere.

In Moskau wurde die Krönung Onufris daher mit großer Sympathie aufgenommen. Kirchensprecher Wladimir Legoida sagte, seine Wahl stärke die Hoffnung auf Frieden. Bei einer Entscheidung für die vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko bevorzugten, mehr national ausgerichteten Metropoliten Simeon oder Alexander hätte Kyrill wohl ernsthaft befürchten müssen, an Einfluss auf die ukrainische Tochterkirche einzubüßen. Metropolit Alexander hatte sich offen für eine Wiedervereinigung der gespaltenen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche ausgesprochen – wohl unter dem Kiewer Patriarchat.

Das abtrünnige Kiewer Patriarchat reagierte enttäuscht auf die Wahl Onufris. Unter ihm werde ein Dialog über eine Wiedervereinigung der orthodoxen Kirchen in der Ukraine wohl kaum Erfolg haben, kommentierte das Patriarchat.

Doch auch mit Onufri dürfte es für Kyrill nicht einfach werden, seinen Geltungsanspruch in der Ukraine zu behaupten. Für den Patriarchen ist die politische Konfrontation zwischen Moskau und Kiew hochbrisant. Die Zurückhaltung Kyrills bei der russischen Annexion der Krim, die Onufri verurteilt hatte, spricht Bände. Bei der Feier im Kreml zum Krim-Beitritt ließ sich der Moskauer Patriarch vertreten.

Unter den aktuellen Umständen ist die Debatte um eine eigenständige und einheitliche ukrainische Nationalkirche – neben den beiden genannten gibt es auch noch die einflussreiche Autokephale (eigenständige) Orthodoxe Kirche im Land – so kontrovers wie nie zuvor. Kyrill muss sich diesen Tendenzen stellen. Die ihm unterstehende Kirche in Kiew ist gespalten in prorussische und proukrainische Geistliche. Um diese Spannungen nicht zu verschärfen, vermeidet der Patriarch derzeit alles, was den Anschein einer Bevormundung erwecken könnte.

Bestes Indiz dafür: Kyrill hat Onufri zwar herzlich zur Wahl gratuliert, aber zur Einführung seines Stellvertreters im Kiewer Höhlenkloster kam er nicht aus Moskau angereist. Der »Papst der Ostkirche« weiß genau, dass sein Erscheinen zusätzlichen Ärger – auch in den eigenen Reihen – provoziert hätte. Onufri hätte damit als »Agent Moskaus« denunziert werden können. Auch der Beisetzungsfeier des Anfang Juli im Alter von 78 Jahren verstorbenen Metropoliten Wladimir war der Moskauer Patriarch ferngeblieben.

Zumindest eine Zeit lang dürfte diese Zurückhaltung Kyrill formal den Gehorsam seiner ukrainischen Gläubigen sichern. Die weitgehende Autonomie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche wird in Zukunft wohl eher noch größer werden. Denn die orthodoxe Kirche hat sich seit jeher als staatstragend empfunden. Auch in Kiew sucht sie die Annäherung an die neue politische Führung, deren Ziel die Emanzipation von Moskau ist – auch im religiösen Bereich. Die Kircheneinheit dürfte damit dauerhaft auf eine Zerreißprobe gestellt werden.

André Ballin (epd)

Hofkultur August von Sachsens

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Halles Moritzburg als Schatzkammer des 17. Jahrhunderts

Es scheint so, als ob sich das Mädchen auf dem Ölgemälde schon seiner Herkunft bewusst war. Nahezu würdevoll blickt Sophia von Sachsen-Halle (1654–1724) auf den Betrachter. Das Porträt der dritten Tochter von Herzog August gehört zu den besonderen Stücken der Ausstellung »Im Land der Palme«, die bis zum 2. November dieses Jahres in der Moritzburg Halle gezeigt wird. »Durch unsere Recherchen im Internet für die Exposition haben wir das Bild entdeckt«, berichtet Kurator Ulf Dräger. Es gehöre heute zum Bestand der Fundación Yannick y Ben Jakober auf Mallorca.

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Ein besonderes Ausstellungsstück: Prinzessin Sophia von Sachsen-Halle als Kleinkind. Das Bild entstand um 1655/1656. Foto: Lutherthemendienst Sachsen-Anhalt

Knapp 400 Exponate im Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt geben einen Einblick in eine bislang weitgehend kaum beachtete Epoche in der Geschichte der Saalestadt und des Landes Sachsen-Anhalt. Der 400. Geburtstag August von Sachsens (1614 bis 1680), des letzten Administrators des Erzstifts Magdeburg, ist Anlass, sie in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Erzählt wird die Geschichte von Krieg und Frieden im Jahrhundert nach der Reformation. Es war eine Zeit der unerbittlichen konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus. Trotz der gewaltigen Schäden, die der Dreißigjährige Krieg hinterlassen hatte, gelang es Herzog August, in Halle eine blühende barocke Hofkultur zu etablieren. Die Auswirkungen der Reformation prägten diese Epoche, in der August von Sachsen seinen Platz suchte.

Fast symbolhaft für diese Entwicklung steht ein lebensgroßes Gemälde August von Sachsens vor seiner halleschen Residenz. Annähernd 200 Jahre stand es mehr oder weniger unbeachtet im Depot, nachdem die prächtige Darstellung aus dem Weißenfelser Schloss, dem Wohnsitz des Sohnes des Kurfürsten Johann Georg I., nach Potsdam gebracht worden war. Die Wiederentdeckung zahlt sich für Sachsen-Anhalt doppelt aus. Nach einer umfassenden Restaurierung, unter anderem mit Mitteln des Kunstmuseums und der Stadt Weißenfels, stellt es die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten als Dauerleihgabe zur Verfügung. Nach der Ausstellung »Im Land der Palme« soll es in das Schloss Weißenfels zurückkehren.

Die Schau holt eine vergangene Epoche an einen authentischen Ort zurück, der sich einst durchaus mit dem höfischen Leben in Dresden vergleichen konnte. August, der die Künste liebte, ließ beispielsweise in der Oper und in einem speziell errichteten Komödienhaus in Halle mehr als 30 deutsche Opern aufführen. Er prägte letztlich eine eigene kulturelle Ära zwischen Frühbarock und Aufklärung.

Diese spannende Zeit im Umbruch lässt die Ausstellung lebendig werden. Sie will auch Verständnis für das Land Sachsen-Anhalt und dessen Identität wecken.

(mkz)

Öffnungszeiten »Im Land der Palme«: täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr
Der Dom ist täglich von 12 bis 18 Uhr zugänglich.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

Wie kommt Kirchenland in Bauernhand?

2. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Kirchenland: Um die Neuverpachtung von Feldern und Wiesen gibt es in Tryppehna bei Möckern einen handfesten Streit – Kirchenaustritt inklusive

Alle zwölf Jahre gibt es neue Pachtverträge für das begehrte Kirchen- und Pfarrland. Doch die Vergaberichtlinien und die Folgen daraus sorgen für Unmut. Zwei aktuelle Beispiele aus Sachsen-Anhalt.

In der Agrarwirtschaft Möckern im Ortsteil Tryppehna (Kirchenkreis Elbe-Fläming) ist man zurzeit gar nicht gut auf Kirche zu sprechen. Der Grund ist, dass der Betrieb ab 2015 mit 130 Hektar weniger auskommen muss. Der zwölfjährige Pachtvertrag auf Kirchenland läuft zum Jahresende aus und wird nicht verlängert. Der Verlust von nahezu zehn Prozent der Anbaufläche wirkt sich negativ auf den gesamten Betrieb aus.

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Brauchen das Land und sind auf die Kirche sauer: Elfriede Karbe und Volker Oelze von der Agrarwirtschaft Möckern befürchten massive Auswirkungen auf die Rentabilität ihrer Genossenschaft, wenn das bisher gepachtete Kirchenland entfällt. Foto: Stephen Zechendorf

Die 1991 gegründete Genossenschaft ist Nachfolgerin der LPG, die in DDR-Zeiten rund 4 400 Hektar bewirtschaftete. Nach der Wende waren es noch rund 2 500 Hektar. Sie setzt auf Vielfalt, baut Weizen, Roggen, Gerste, Raps und Rüben, und neben Mais auch Luzerne und Lupinen als Futter für die 340 Milchkühe an. Der Mist, den die Tiere machen, geht als Dünger auf die Felder. 1 500 Hektar bewirtschaftet die Genossenschaft zurzeit.

Kein Hinweis auf die Vergaberichtlinien

»So viel weniger Land bedeutet mindestens eine Arbeitskraft weniger«, benennt die Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, Elfriede Karbe, den Schaden. Insgesamt 18 Frauen und Männer arbeiten in der Genossenschaft. Außerdem werden drei junge Menschen ausgebildet. »Alle sind ganzjährig beschäftigt«, sagt Karbe, die als Diplomagraringenieurin seit 1981 in Wörmlitz, ganz in der Nähe von Tryppehna lebt und seitdem in der Genossenschaft arbeitet. Ihre derzeitige Tätigkeit übt sie seit 2007 aus.

Als das zuständige Kreiskirchenamt (KKA) sie aufforderte, ihr Angebot zur Neuverpachtung vorzulegen, fand sie darin keinen Hinweis auf die 2011 geänderten Vergaberichtlinien mit dem Punkteverfahren. Außerdem hat sie jetzt, wo sie die kennt, einiges daran auszusetzen. »Wie wird seitens des Amtes die ›ordnungsgemäße Bewirtschaftung‹ festgestellt?« Werde kontrolliert, ob einer nachhaltig wirtschafte oder nur Monokulturen anbaue?

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Seit Jahren im Gemeindekirchenrat aktiv – dennoch muss auch Bauer Matthias Nagel mit seinem Familienbetrieb künftig auf Kirchenland verzichten. Foto: Stephen Zechendorf

Der stellvertretende Geschäftsführer Volker Oelze verweist darauf, dass die Flächen der Agrarwirtschaft Möckern mit ausreichend organischer Substanz versorgt werden, um damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu fördern. Es wird auch viel Zeit und Geld in die Pflege und Wartung der vorhandenen Drainagesysteme investiert. Nur so kann langfristig und nachhaltig produziert werden, was sicher auch im Interesse der Kirche ist. »Ich muss gegen Ende eines Pachtvertrages fragen, ob sich der ganze Aufwand noch lohnt«, meint der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt, der ebenfalls seit Jahrzehnten in Tryppehna arbeitet.

Auch die Genossenschaft braucht eine Mindestgröße

Karbe und Oelze vermissen auch, dass nicht darauf hingewiesen wurde, welche Rolle der Mindestpachtpreis bei der Vergabe spielt. Und die Bedeutung der Kirchenmitgliedschaft: Der dreiköpfige Vorstand der Agrargenossenschaft gehört der Kirche an, weitere Mitarbeiter auch. Aber alle? »Das ist schwierig zu erreichen bei jüngeren Mitarbeitern und als Folge des Traditionsabbruchs«, sagen beide.

Im Übrigen verweisen sie darauf, dass ihre Genossenschaft in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Pachtland zugunsten von kleinen Bauern und Wiedereinrichtern abgegeben habe (»Ohne Murren«, wie der zuständige Pfarrer bestätigt). Vor 25 Jahren war die Genossenschaft alleinige Pächterin der Kirchenflächen. Doch irgendwann sei die Untergrenze erreicht. »Wir müssen Gewinn erwirtschaften. Nur dann können wir investieren und sind konkurrenzfähig«, so Elfriede Karbe. »Stillstand gefährdet den Betrieb.«

Auch Bauer Matthias Nagel gehört zu denen, die abschlägig beschieden wurden. Seine Familie ist seit 1430 in Tryppehna ansässig und der Kirche verbunden. Er gehört seit drei Legislaturperioden dem Gemeindekirchenrat an. »In den zurückliegenden Jahren sind Bauer Nagel und seine Familie eine der wichtigen und tragenden Säulen im Gemeindeleben geworden«, sagt Pfarrer Martin Vibrans.

Schwerer Schlag für Wiedereinrichter Nagel

Als im August der Bescheid kam, dass sein Pachtvertrag über sieben Hektar nicht verlängert wird, war Matthias Nagel schwer getroffen. Er und seine Frau haben 1991 den Hof wieder eingerichtet, mit 70 Hektar Acker begonnen, 50 gekauft und weitere gepachtet und sich ihre Existenz aufgebaut. Die Familie lebt vom konventionellen Ackerbau und von der Aufzucht von Ferkeln in Lohnarbeit für einen Bio-Betrieb (mit entsprechender Fütterung und Haltung der Tiere). Wenn die älteste Tochter 2015 ihr Landwirtschaftsstudium beendet hat, will sie im elterlichen Betrieb mit einsteigen. Alle drei Kinder wollen im Dorf bleiben. Arbeit hat die Familie ohne Ende.

Der Gewinn ist von vielen Faktoren abhängig, die Bauern nur wenig beeinflussen können: Die Preisentwicklung für landwirtschaftliche Produkte oder das Wetter sind nur einige davon. Wichtig ist, dass da etwas stabil bleibt. »Es wäre am besten gewesen, wenn alles so geblieben wäre«, sagt Matthias Nagel. Es sei schlimm, dass das Kirchspiel nichts zu sagen hätte. »Wie kann die Kirche fördern, dass manche Bauern größer und größer werden? Was hat das mit vernünftiger Landwirtschaft zu tun?«, fragt der Bauer.

Vorwurf: Kirchengemeinde soll nur abnicken

Pfarrer Vibrans suchte vor der Vergabe das persönliche Gespräch mit der zuständigen Mitarbeiterin im Kreiskirchenamt. Ergebnislos. »Das Land, das Bauer Nagel und der Agrargenossenschaft weggenommen wurde, hat jetzt zum Großteil ein Großbauer, der seine Angestellten jeden Winter in die Arbeitslosigkeit entlässt. Ob er das in sein Pachtangebot geschrieben hat?« Auch Martin Vibrans bemängelt an den Vergaberichtlinien einiges. Die Frage der Monokulturen zum Beispiel. Oder die Frage Kirchenmitgliedschaft/aktives Engagement in der Kirche. Außerdem verweist er darauf, dass die neuen Pachtverträge im Frühjahr hätten abgeschlossen sein müssen, damit die Bauern planen können. »Man beruft sich immer auf den Punktekatalog, ohne sich in der Kirchengemeinde zu vergewissern. Die darf nur noch nicken«, so Vibrans. Er will, dass das Mitspracherecht der Gemeinden erhöht wird und dass Ausnahmen möglich sein sollten.

Wenn am 27. August (nach Redaktionsschluss) der Gemeindekirchenrat Möckern zu seiner nächsten Sitzung zusammentritt, wird das Thema Verpachtung ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Auch an anderer Stelle laufen Gespräche, um nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Unabhängig vom Ausgang ist schon Schaden angerichtet: Der Ruf der Kirche hat gelitten. Und einen ersten Austritt gab es im Zusammenhang mit der Vergabepraxis des Pachtlandes auch schon.

Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Hintergrund: Wie die EKM ihr Land verpachtet

Das Verfahren zur Vergabe kirchlicher Landpachtflächen (PVV) in der EKM ist in einem Beschluss der Landessynode vom 19. November 2011 nachzulesen, der auch im Internet einzusehen ist. Darin heißt es unter anderem zur Pächterauswahl:

Alle eingegangenen Pachtbewerbungen sind mithilfe des vom Landeskirchenamt vorgegebenen Pächter-Punkte-Systems zu bewerten. Dabei gilt es, sechs Kriterien zu bewerten … Die maximal erreichbare Gesamtpunktzahl beträgt 16. Es soll der Bewerber mit den meisten Punkten Pächter werden.

Zuständig für die Durchführung des PVV ist das Kreiskirchenamt (KKA) und zwar unabhängig davon, ob es sich um Kirchenland oder Pfarrland einer Kirchengemeinde oder um Flächen einer Pfarreipfründe handelt, wobei bei Kirchenland das Benehmen mit der Kirchengemeinde herzustellen ist.

Das PVV ist kein öffentliches Ausschreibungsverfahren, sondern ein kirchliches Auswahlverfahren mit begrenztem Teilnehmerkreis. … Es soll im Herbst des Jahres eingeleitet werden, welches der Beendigung des Pachtvertrages vorangeht … Ziel ist der Abschluss eines neuen Pachtvertrages mit Anpassung der Vertragsbedingungen. Abschluss der PVV sollte im darauffolgenden Frühjahr sein …

Gaben mehrere Pachtbewerber die gleiche Punktzahl und ist eine Aufteilung der Pachtflächen nicht möglich oder nicht zweckmäßig, ist nach weiteren wirtschaftlichen, kirchlichen und sozialen Abwägungsgründen ein geeigneter Pächter auszuwählen … Die entsprechenden Entscheidungen trifft der zuständige Kreiskirchenrat: Bisheriger Pächter vor neuem Pächter; Kirchenmitglied vor nicht Kirchenmitglied; evangelisch vor anderer Konfession; näherer Pächter vor fernerem Pächter; höherer Pachtpreis vor niedrigerem Pachtpreis; Haupt­erwerbslandwirt vor Nebenerwerbslandwirt; ökologischer Anbau vor konven­tionellem Anbau.

Stichwort Existenzgefährdung: Es gibt keine definierte Größenordnung im Zusammenhang mit einem Pachtflächenverlust … Verbreitete Auffassung ist eine Verlustquote von mehr als 20 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche. Geringere Verluste können i. d. R. durch ein verändertes Betriebskonzept ausgeglichen werden.

Verlockend und gut zu essen

1. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Früchte in der Bibel: Sie sind Zeichen des Segens, Sinnbild für Schönheit aber auch Objekt der Versuchung

Der Spätsommer ist die Zeit vieler Früchte. Äpfel und Birnen, Himbeeren, Brombeeren und Holunder werden reif. Verlockende Früchte spielten aber auch schon in der Bibel eine wichtige Rolle.

Dem ersten Schöpfungsbericht zufolge schuf Gott die fruchttragenden Bäume am dritten Tag. Da nahm sich Gott vor, Gräser und Kräuter sprießen zu lassen, die sich über Samen vermehren. Auch Bäume lässt Gott entstehen; bei ihnen ist der Same in Früchten verborgen. Am Ende des Tages war Gott zufrieden mit seinem floralen Werk: »Und Gott sah, dass es gut war«.

(1. Mose 1, 12)

Die wohl bekannteste Frucht der Bibel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis: »Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, … und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9) Den Menschen verbot er, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Eines Tages sagte eine Schlange zu Eva: Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, »sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist«. Ein Apfel, wie vielfach angenommen, war die verhängnisvolle Frucht übrigens nicht. In der Erzählung ist lediglich von einer Frucht die Rede: »Und sie nahm von der Frucht und aß …«

(1. Mose 3,6)

Früchte wie Feigen, Datteln und Trauben waren wichtige Nahrungsmittel. Ohne sie würde die Erde zum unfruchtbaren Jammertal. Der Prophet Joel mahnte seine Mitmenschen daher, wachsam und gottesfürchtig zu bleiben. Denn sollte eines Tages eine Zeit kommen, in der »der Weinstock verdorrt ist und der Feigenbaum verwelkt, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde … So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.«

(Joel 1,12)

Im Hohelied werden Früchte zu poetischen Bildern, mit denen sich zwei Liebende gegenseitig beschreiben. Da sprüht es nur so von Vergleichen, die die erotischen Fantasien der Leser und Leserinnen anregen. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß«, dichtet die Frau. (Hoheslied 2,3) Und ihr Freund erwidert: »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel …«

(Hoheslied 7,8-9)

Foto: mythja – Fotolia.com

Foto: mythja – Fotolia.com

Früchte bereiteten nicht nur den Verliebten Freude. Der Prophet Sacharja spricht von einer Zeit, in der Gott den Menschen die Sündenlast abnehmen werde, und betont: »Zu derselben Zeit … wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.« (Sacharja 3,10) Jeder, der es sich leisten konnte, mit seinen Nachbarn gesellig unter Feigenbäumen zusammenzusitzen, konnte sich reich und glücklich schätzen. Denn diese Bäume liefern gleich zweimal im Jahr leckere Früchte.

Obwohl sich Jesus gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und das nur, weil er keine Früchte trug als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.«

(Matthäus 21,19)

Zusammen mit dem Baum der Erkenntnis stand der Baum des Lebens einst mitten im Paradies. Um zu verhindern, dass die Menschen auch von seinen Früchten aßen, versperrte Gott den Weg zurück in den Garten Eden. Im himmlischen Jerusalem aber werden sie von seinen Früchten essen können, dort wird es viele Lebensbäume voller Früchte geben, verspricht das letzte Buch der Bibel. Dort wird ein »Strom lebendigen Wassers« fließen, »klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes«. Die Bäume des Lebens, die dort wachsen, tragen in jedem Monat Früchte. Und wie eine Rücknahme der Verfluchung des Feigenbaums durch Jesus klingt der Zusatz: »Es wird nichts Verfluchtes mehr sein.«

(Offenbarung 22,ff.)

Uwe Birnstein