Uralt und geheimnisvoll

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Die Religion der vom Völkermord bedrohten Jesiden hat 4 000 Jahre alte Wurzeln

Im Nordirak kämpfen die Jesiden ums Überleben. Fanatische Islamisten bezeichnen die religiöse Minderheit als Teufelsanbeter und verüben an ihnen einen Völkermord. Die Ursprünge der weitgehend unbekannten Religion reichen bis zu 4 000 Jahre zurück.

Jeden Tag gehen neue Schreckensmeldungen über den Völkermord an den Jesiden im Norden des Iraks durch die Medien. Zehntausende Menschen sind nach Angaben des Zentralrats der Jesiden in den Shingal-Bergen eingekesselt und müssen aus der Luft mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden. Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) macht Jagd auf die Jesiden und bezeichnet sie als »Teufelsanbeter«. In ihren Augen müssen Jesiden bekehrt oder getötet werden. Am Samstag haben Tausende Menschen in der hannoverschen Innenstadt Solidarität mit den Jesiden demonstriert.

Die Jesiden gehören einer uralten Religion an, deren Wurzeln bis zu 4 000 Jahre zurückreichen. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen spricht sogar von der »ältesten Religion des Mittleren Ostens« oder gar »der Welt«. Unter den ganz überwiegend muslimischen Kurden bilden sie eine Minderheit. Ihr Siedlungsgebiet ist identisch mit der von den Terrormilizen beanspruchten Region zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei.

Über die Zahl der Jesiden gibt es nur Schätzungen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, der Oldenburger Telim Tolan, schätzt ihre Zahl auf weltweit etwa eine Million. In Deutschland werden Jesiden, die in ihren Herkunftsländern häufig Verfolgungen und Zwangsumsiedlungen ausgesetzt sind, seit Anfang der 1990er Jahre als Gruppenflüchtlinge anerkannt. Nach Einschätzung der Evangelischen Zentralstelle werden die meisten Jesiden nicht in ihr Heimatland zurückkehren, sondern sich in ihren Fluchtländern als Gemeinschaft konsolidieren.

Gegen die Gewalt der Terrormiliz »Islamischer Staat« im Irak haben am 16. August in Hannover Tausende Jesiden, Kurden sowie armenische und syrische Christen friedlich demonstriert. Die Terrormiliz vertreibt und tötet seit Wochen Jesiden, Christen und andere Minderheiten im Nordirak. Etwa eine Million Menschen sind vor ihnen auf der Flucht. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Gegen die Gewalt der Terrormiliz »Islamischer Staat« im Irak haben am 16. August in Hannover Tausende Jesiden, Kurden sowie armenische und syrische Christen friedlich demonstriert. Die Terrormiliz vertreibt und tötet seit Wochen Jesiden, Christen und andere Minderheiten im Nordirak. Etwa eine Million Menschen sind vor ihnen auf der Flucht. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Anders als Juden, Christen und Muslime besitzen die Jesiden kein heiliges Buch, schreibt Tolan in seiner Darstellung »Das Yezidentum – Religion und Leben«. Die Jesiden geben ihren Glauben an die nachfolgenden Generationen in mündlicher Überlieferung weiter. Weil man nur durch Geburt Jeside werden kann und die Religionspraktiken Außenstehenden weitgehend verborgen bleiben, haftet ihnen etwas Geheimnisvolles an.

Im Verlauf von vier Jahrtausenden haben immer wieder andere Religionen, darunter auch Judentum, Christentum und Islam, den Glauben der Jesiden beeinflusst. So gibt es etwa ein an die christliche Taufe erinnerndes Ritual. Doch bis heute blieb den Jesiden die Idee fremd, jemand von außen könne den jesidischen Glauben annehmen und der Religionsgemeinschaft beitreten.

Obwohl sie sich leicht in andere Gesellschaften integrieren, bleiben die Jesiden weitgehend unter sich. Um ihre Religion zu schützen, heiraten sie nur untereinander. Zwar ist Tolan zufolge die Zwangsehe mit jesidischen Vorstellungen nicht vereinbar, doch sind in den vergangenen Jahren immer wieder einzelne Fälle öffentlich geworden. Tolan verweist auf patriarchalische Traditionen der Herkunftsländer, die sich nicht aus dem jesidischen Glauben ableiten ließen. Die Jesiden glauben an Seelenwanderungen und die Wiedergeburt als Jeside. Welchen Zustand das neue Leben nach einer Wiedergeburt annimmt, ist abhängig vom Lebenswandel im vorherigen Leben. Um besonders gut und fromm zu leben, wählen sie sich in jungen Jahren einen »Jenseitsbruder« oder eine »Jenseitsschwester« aus. Diese lebenslangen Wahlgeschwister übernehmen gegenseitig eine moralische Mitverantwortung für ihre Taten.

Doch in erster Linie sei der Mensch selbstverantwortlich für sein Wirken, sagt Tolan: »Aus jesidischer Sicht hat Gott dem Menschen die Möglichkeiten gegeben, um zu sehen, zu hören und zu denken.« Mithilfe seines Verstandes könne sich so jeder für den richtigen Weg entscheiden. Eine zentrale Rolle für die religiöse Minderheit spielt der Engel Melek, der durch einen Pfau symbolisiert wird. Laut der jesidischen Überlieferung weigerte er sich, Adam anzubeten. Denn nur Gott allein dürfe angebetet werden. Dafür habe ihn Gott zum Wächter über die Welt und als Mittler zwischen sich und den Menschen eingesetzt.

Für die radikalen Islamisten ist die Verehrung des Engels Melek eine todeswürdige »Teufelsanbeterei«. Außerdem werfen sie den Jesiden vor, sich über andere Völker und den Islam zu erheben. Ein Vorwurf, den der Zentralrats-Vorsitzende Tolan zurückweist: Nach jesidischem Grundverständnis kann ein Jeside ein guter Mensch sein. Aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Jeside sein. Das Jesidentum respektiere andere Religionen und Völker. In einem traditionellen Gebet heiße es: »Lieber Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns.«

Jörg Nielsen (epd)

www.yeziden.de

»Das Heilige kommt oft zu kurz«

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Sänger Max Raabe sammelte erste musikalische Erfahrungen in einem kirchlichen Kinderchor

Mit Musik im Stil der 1920er und 30er Jahre begeistern Max Raabe und sein Palast-Orchester das Publikum im In- und Ausland. Der 51-jährige Bariton war Messdiener und im Kirchenchor, er besuchte ein katholisches Internat und schätzt Gotteshäuser. Tobias Wilhelm sprach mit ihm über seinen Glauben.

Herr Raabe, in Ihrer Erziehung haben Glaube und Religion eine große Rolle gespielt. Welche christlichen Werte sind Ihnen besonders nahegebracht worden?
Raabe:
Meine Eltern haben auf ganz bestimmte Sachen geachtet. Wenn ich zum Beispiel Kuchen oder Süßigkeiten bekommen habe, hat meine Mutter immer gesagt: Gib den anderen Kinder aber was ab, sonst blutet denen das Herz. Mit dieser Haltung bin ich erzogen worden. Ich glaube, das ist eine grundlegend christliche Haltung, die man aber natürlich auch in anderen Religionen findet.

Sie besuchen auf Reisen gerne die Kirchen vor Ort – was reizt Sie daran?
Raabe:
Die Atmosphäre, das Licht, die Gerüche – all das erinnert mich stark an meine Kindheit! Ich war Messdiener, mein Bruder auch. Wir haben immer am Sonntag gedient – auch unter der Woche oder, wenn es nötig war, bei Beerdigungen. Es war ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Und natürlich wurden auch die Feiertage in der Kirche begangen. Deshalb ist da eine große Vertrautheit: Egal, in welcher Ecke der Welt ich auch bin – die Sinneseindrücke sind immer dieselben. Wenn ich eine Messe besuche, weiß ich, was Sache ist, selbst wenn ich die Sprache nicht verstehe – weil der Ritus eben gleich ist.

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Ein Konzert mit Max Raabe. Foto: picture-alliance/dpa

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Raabe:
Ja, ich bin gläubiger Christ. Wobei ich sagen muss, dass sich der Gottesdienstbesuch auf ein sträfliches Maß reduziert hat. Ich schieb das ein bisschen auf den unsteten Lebenswandel. Aber ich sehe, dass andere, die einen ähnlichen Beruf ausüben, das hinbekommen. Im Grunde bleibt das schlechte Gewissen. In Berlin gibt es aber verschiedene Pfarreien, in die ich gerne gehe. Ich experimentiere mich so von Gemeinde zu Gemeinde, bis ich die richtige gefunden habe, in die ich immer gehen kann.

Sie haben einmal gesagt, Ihr Beruf sei ein Geschenk. Betrachten Sie Ihr Talent als eine Gabe Gottes?
Raabe:
Auf jeden Fall. Deswegen wird man von mir nie Worte wie Stolz hören. Ich bin dankbar, dass ich so beschenkt bin, dass ich mit dem, was mir Freude macht, mein Geld verdienen kann. Natürlich ist das auch anstrengend, man muss was dafür tun – aber es gibt viele Leute, die sehr viel tun und trotzdem nicht weiterkommen. Dieses Quäntchen, dass es doch was wird – das ist das Geschenk, und darauf kann ich mir nichts einbilden.

Nach dem Missbrauchsskandal und anderen Negativschlagzeilen ist es heute schon fast mutig, sich öffentlich zum Katholizismus zu bekennen. Sie haben Ihre sehr katholisch geprägte Kindheit und Jugend ausdrücklich als »behütet« bezeichnet. Schmerzt Sie der schlechte Ruf der Kirche heute?
Raabe:
Ja, ich bin ja auch an katholischen Einrichtungen gewesen und habe da meine Kindheit zugebracht. Dabei habe ich nie negative Erfahrungen gemacht oder bei Freunden mitbekommen. Umso brutaler war es für mich zu sehen, dass es so viel Missbrauch gab. Natürlich ist das in anderen Einrichtungen, in denen man sich um Kinder kümmert, auch passiert. Aber in einer Kirche ist es eben doppelt verwerflich. Dennoch darf man deswegen nicht die positiven Seiten vergessen. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen. Wir hatten sehr gute Geistliche und gute Erzieher. Ich bin ein Beispiel dafür, dass es auch gutgehen kann.

Sie haben bereits im Kinderchor Ihrer Pfarrei gesungen und von klein auf viel geistliche Musik gemacht. Was sind Ihre kirchenmusikalischen Lieblingsstücke?
Raabe:
Ich mag die mittelalterliche Kirchenmusik sehr gern. Das alte Notenbild und die gregorianischen Gesänge fand ich immer sehr beeindruckend – aber vor allem als Ausführender, weil momentan leider zu viel dummes Zeug geliefert wird von Leuten, die herumreisen, sich als Mönche verkleiden oder, wenn es noch schlimmer kommt, sogar welche sind. Ich finde das fremd. Und natürlich führt kein Weg an Bach vorbei – auch wenn er Protestant ist. Die schönsten Kirchenlieder kommen aus der protestantischen Ecke, das muss man sagen. Meine Mutter war übrigens auch evangelisch, gleichwohl sie mich katholisch erzogen hat. Und sie hatte es im katholischen Westfalen damit nicht leicht. In meinem Umfeld waren Frotzeleien weit verbreitet. Uns war aber allen klar, dass man das nicht so ernst nehmen darf.

Stichwort Kirchenmusik: Sie haben einmal gesagt, Sie bedauern, dass klassische Hymnen wie »Großer Gott wir loben dich« nur noch so selten gesungen würden …
Raabe:
Ja, das finde ich sehr schade. Ich bin kein großer Freund der neuen Kirchenlieder, mit wenigen Ausnahmen. Ich finde sie musikalisch oft, naja, schwer nachvollziehbar. Und ich bin auch kein großer Freund von Blockflötenauswüchsen während festlicher Hochämter. Gerade in der Osternacht oder zu Weihnachten sollte man die Gemeinde viel mehr singen lassen – und zwar Lieder, die man kennt.

Sind Ihnen viele Gottesdienste heute nicht mehr feierlich genug?
Raabe:
Ich finde, das Mystische, das Heilige kommt oft zu kurz. Die Stärke der Liturgie liegt vor allem darin, die Mystik des Glaubens zu unterstützen. Der ganze Glauben ist ja Mystik, keine Wissenschaft. Und dann finde ich es komisch, wenn die Messen anfangen, rational zu werden und eine gewisse Beliebigkeit zu bekommen. Gerade in der Mystik liegt doch ein großer Vorteil, eine große Kraft. Wir müssen uns darauf verlassen. Aber vielleicht sehne ich mich auch nur nach diesem Ritus aus meiner Kindheit, der heute überkommen wirkt. Es ist die Sehnsucht, dass sich nichts verändert – aber das tut es eben dann doch.

Im Bezug auf die »Neuen Geistlichen Lieder« haben Sie mal das Wort »Lagerfeuerliedchen« benutzt. Können Sie ihnen so gar nichts abgewinnen?
Raabe:
Ich will kein miesepetriges Pauschalurteil fällen. Es ist jedoch selten, dass sie mir gefallen. Wenn sie aber vielen ein musikalischer Ausdruck sind, haben sie ja ihren Zweck erfüllt. Ich habe übrigens – sozusagen versehentlich – auch ein Kirchenlied komponiert. Auf der aktuellen Platte gibt es das Stück »Mir kann nichts passieren«. Das könnte auch an Kirchentagen gesungen werden.

www.palast-orchester.de

Ein Video, in dem der Sänger vom Glauben und seiner religiösen Sozialisation berichtet, gibt es im Internet unter www.tinyurl.com/raabe-glaube. Ebenfalls sehenswert ist eine Dokumentation unter www.tinyurl.com/raabe-doku.
Am 4. September, 20 Uhr, gibt Max Raabe eine Konzert in der Congress Centrum Neue Weimarhalle Weimar.

Bibelworte zu Herzen nehmen

27. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweizer Pfarrer und Informatikstudent entwickelt Bibel-App

Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel hat eine App zum Auswendiglernen der Bibel entwickelt. Fast eine Million Mal wurde das Programm des Theologen, der Informatik an der FernUniversität Hagen studiert, schon heruntergeladen.

So richtig ernst wurde es im Ski-Urlaub: Tagsüber sauste der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel mit seinen beiden Jungen und seiner Frau die Pisten rund um Morschach im Kanton Schwyz herunter. Abends tüftelte der Informatikstudent der Fern-Universität Hagen an seinem großen Projekt: einer App zum Auswendiglernen von Bibeltexten. »Da habe ich mir im Bett den Kopf zerbrochen, meine Familie war schon lange eingeschlummert.« Den kombinierten Ski- und Erfinderurlaub verbrachte Schafflützel vor mehr als vier Jahren. »Fertig ist die App natürlich noch nicht«, sagt Schafflützel, sein Lachen ist ansteckend. »Da kann man immer etwas verbessern«, erläutert der 41-Jährige.

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Großen Zuspruch findet die Bibel-App des Schweizer Theologen. Foto: epd-bild

Doch ein großer Erfolg ist die App schon jetzt: Inzwischen wurde sie fast eine Million Mal heruntergeladen: in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch, Schwedisch und sogar in Koreanisch. »Die App ist für Jung und Alt, für jeden, der die Bibel besser kennenlernen will«, sagt der reformierte Theologe, der sich in Fischenthal im Zürcher Oberland eine Pfarrerstelle mit seiner Frau teilt. »Doch habe ich mit diesem großen Interesse an der App nicht gerechnet.«
Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg der Bibel-App? Es ist wohl die Benutzerfreundlichkeit.

Das Lernprogramm »Remember Me« basiert auf der Idee des Zettelkastensystems. Nutzer können auf virtuellen Lernkarten Bibelverse lesen und auswendig lernen. Dabei werden die Texte in die Kategorien »Neu«, »Fällig« und »Erinnert« unterteilt. »Eine Vorlesefunktion, Puzzles und andere Spiele sollen zusätzlich helfen, um mit dem Text vertraut zu werden«, sagt Schafflützel.

Wie aber entstand die Idee? »Ich wollte mir Bibelworte durch Auswendiglernen zu Herzen nehmen. Damit Gott auch durch diese Worte zu mir sprechen kann«, so der Pfarrer. Es sei ihm wichtiger, immer wieder mal einen gelernten Vers zu meditieren und dabei auf Gott zu hören. Zuerst lernte er die Bibeltexte mit Karteikarten, ganz altmodisch. Doch da die Informatik eine große irdische Leidenschaft des Geistlichen ist, war die Entwicklung der Bibel-App folgerichtig der nächste Schritt.

Schnell fand er ein Motto für sein Projekt – natürlich aus der Bibel: »Ich behalte dein Wort in meinem Herzen«, Psalm 119, Vers 11. Vor vier Jahren konnte der Pfarrer eine erste Version ins Netz stellen. »Die Reaktionen einiger User waren teilweise vernichtend«, räumt er ohne Umschweife ein. »Andere jedoch wollten helfen und schlugen sehr gute Weiterentwicklungen vor.« Profitiert hat Schafflützel auch von seinem Informatikstudium in Hagen. »Ich habe das Studium zunächst aufgenommen, um von meinem Alltag abzuschalten«, macht der Theologe klar. An einen Abschluss dachte er anfangs nicht. Jetzt aber peilt der Eidgenosse seinen Bachelor an – Anfang nächsten Jahres könnte es soweit sein.

Und wann kommt das nächste religiöse IT-Projekt? »Eigentlich habe ich noch kein neues Projekt in der Pipeline«, meint der Pfarrer. »Eine Idee wäre eine App für Gebete«, sagt er dann, nur um die Idee schnell wieder zu verwerfen. »Eine Gebete-App gibt es ja schon.« Doch der Schweizer kann sich mit seinem Lieblingsbuch selbst zu neuen Taten motivieren: der Bibel.
So heißt es im Matthäusevangelium, Kapitel 7: »Und wer da sucht, der findet.«

Jan Dirk Herbermann (epd)

www.remem.me

Die frühen Apostel des Kirchenschlagers

25. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträtiert:Drei Liedermacher, die Gottes Wort in moderne Rhythmen packten – als das vielen Christen in Ost und West noch als dämonisch galt

Egal ob vor Christen in der DDR oder vor Häftlingen in einem afrikanischen Gefängnis: Manfred Siebald will Gott loben mit Musik, wie sie die Menschen auch im Radio hören.

Auf die Frage nach einem herausragenden Konzert lacht Manfred Siebald sein herzliches, zurückhaltendes Lachen. Es waren fast 3000 bisher. Aber zwei nennt er dann doch. Zum Kirchentag 1983 in Dresden kamen 2000 Zuhörer. Immer, wenn Siebald ein Lied anstimmte, fingen die Menschen an zu singen. Sie kannten seine Texte, seine Melodien. »Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Woher sollte ich wissen, dass ich in der DDR so bekannt bin.«

Dann 2013, Harare in Simbabwe. Manfred Siebald sitzt inmitten von 2000 Gefangenen im Hauptgefängnis der Stadt. Mit ihnen singt er »Peace be with you« – Friede sei mit dir. »Das geht einem so an die Wäsche, das wird man nicht mehr los«, sagt er.

Manfred Siebald

Manfred Siebald

Siebald erinnert sich, wie er, der als Kind eine klassische Ausbildung auf der Bratsche und Geige erhielt, mit der Folkmusik in Berührung kam. Sie sollte ihn, den späteren Liedermacher, prägen. Es war ein amerikanischer Soldat, der im Haus seiner Eltern ein- und ausging. Eines Tages brachte dieser eine Stereotruhe mit. Und eine Plattensammlung. »Da waren Dingen dabei, die hab ich rauf und runter gehört.« Er wird, eher zufällig, christlicher Liedermacher. In der Jugendarbeit wurden neue Lieder gebraucht und Siebald lieferte. In der Frühzeit christlicher Popmusik war der Wind noch rauer, die Kritik an den neuen Liedern heftig. Auch wenn Manfred Siebald nie zwischen die Fronten geriet, weil er nur mit Gitarre seine Konzerte spielte, sprang er für seine Kollegen, die Beat und Rockmusik machten, in die Bresche. »Ich war und bin der Meinung, dass wir Menschen mit der guten Botschaft dort abholen sollen, wo sie gerade stehen. Und in Radio und TV hören sie nun einmal andere Sachen als die, die Kirchenmusiker abliefern.«

Wenn er komponiert und spielt, dann hat er eine Mission. »Ich mach’ Musik nicht wegen des Applauses, sondern weil ich eine Arbeitsanweisung Gottes in der Bibel lese: Ich will den Herrn loben mein Leben lang.«

Manfred Siebald

Sein Leben:

Geboren 26. Oktober 1948 in Alheim-Baumbach (Hessen)

Studium der Germanistik und Anglistik in Marburg

Dissertation über den Schriftsteller Herman Melleville

2002–2012 Professor für Amerikanistik in Mainz

2008 Bundesverdienstkreuz am Bande

Seine bekanntesten Lieder:

»Ins Wasser fällt ein Stein«

»Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin«

»Gut, dass wir einander haben«

»Es geht ohne Gott in die Dunkelheit«

»Geh unter der Gnade«. Foto: Buttgereit und Heidenreich



Siegfried Fietz verband den Glauben mit dem Beat, als das vielen Christen noch als dämonisch galt. Dann suchte er den Pakt mit der Plattenindustrie – doch berühmt wurde er mit Bonhoeffer.

Immer wieder sagt Siegfried Fietz einen Satz: »Ich bin dankbar.« Dankbar ist er vor allem für seinen größten Hit, die Vertonung des Bonhoeffer-Gedichts »Von guten Mächten wunderbar geborgen«.

Dessen weite Verbreitung ist für ihn ein Phänomen. »Das kann man nicht vorhersehen und sich auch nicht mit der besten Werbestrategie ausdenken.« Auch wenn die Kritik auf das Album damals heftig war. Eine katholische Kirchenzeitung schrieb: »Fietz – von guten Mächten verlassen.«

Siegfried Fietz

Siegfried Fietz

Heftig war auch die Kritik auf seine ersten Gehversuche als christlicher Popmusiker mit dem »Fietz-Team«, einer Beat-Combo. »Die Leute mochten zwar Blasmusik, die noch lauter war als das, was wir sonst machten. Aber ein Schlagzeug wurde abgelehnt. Das galt als dämonisch. Dabei wollten wir nur mit ehrlichem und heißem Herzen dem Herrn dienen«, erinnert er sich.

Irgendwann in den 1970er Jahren, Siegfried Fietz hatte sich als Produzent (unter anderem von Manfred Siebald) und Komponist längst einen Namen gemacht, wird aus ihm Manuel Thaler. Er wollte seine christlichen Lieder gerne in die große Öffentlichkeit bringen und ließ sich auf einen Handel mit der internationalen Plattenfirma CBS ein. Die Bosse aber sagten: »So können wir das nicht machen. Wir müssen erst einmal etwas Neutrales bringen.«

Aus Fietz wird Thaler und er singt Lieder wie »Jeder Sonnenstrahl ist ein Versprechen« oder »Ein Rucksack und ein Knotenstock«. Er ließ das Experiment schnell sein und gründete mit seiner Frau Barbara seinen eigenen Plattenverlag: Abakus. Vielleicht hätte es für den säkularen Popmarkt mehr Ellenbogen gebraucht. Aber Ellenbogen und christliche Botschaft passen für Fietz nicht so recht zusammen.

Siegfried Fietz, der schon mit allen Größen der christlichen Szene zusammenarbeitete, mit einem Astronauten der Apollo 15 Mission und dem Royal Philharmonic Orchestra London eine »Space Symphonie« einspielte und gut 3500 Lieder geschrieben hat, ist vor allem ein Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ein Zahnarzt in Hormersdorf im Erzgebirge hatte in den 1970er Jahren sein »Paulus-Oratorium« gehört. Und nach und nach die Noten dazu aufgeschrieben: Chor, Sologesang und Orchester. Nach Gehör. Seitdem wurde das Stück mehr als 150 Mal aufgeführt.

Auch dafür ist er dankbar. »Hör mal«, sagt Siegfried Fietz: »Mir geht’s doch nur darum, mit heißem Herzen dabei zu sein.«

Siegfried Fietz

Sein Leben:

Geboren 25. Mai 1946 in Berleburg (Nordrhein-Westfalen)

Vorreiter christlicher Popmusik im deutschsprachigen Raum

Gründer des christlichen Musikverlages Abakus

1986–1996 Leiter der Sendung »Lieder zwischen Himmel und Erde« beim Hessischen Rundfunk

zuletzt auch aktiv als bildender Künstler

Seine bekanntesten Alben:

»Von guten Mächten wunderbar geborgen«

»Manchmal brauchst du einen Engel«

»Spuren im Sand«

»Paulus-Oratorium«. Foto: Abakus Musik



Jörg Swoboda will den Menschen eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber menschlichen Autoritäten ins Herz singen – das war in der DDR so, und der konservative Liedermacher tut es auch heute.

Ein Hotel am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Ost, 1987. Theo Lehmann, Jörg Swoboda, Ulrich Parzany und andere sitzen zusammen und sprechen über das Christival, einen Jugendkongress in der BRD, der im Folgejahr in Nürnberg stattfinden soll. Parzany ist konsterniert. Ihm fehlt noch eine Festivalhymne. »Ich hab da was«, sagt Jörg Swoboda. »Aber ihr müsst mit in mein Auto.« Die Mannschaft zwängt sich in Swobodas Wagen, eine Kassette wird eingeschoben. Aus den Lautsprechern klingt »Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«. Parzany ist begeistert. Das Lied eines Ostdeutschen wird der Schlager von Nürnberg.

Als Swoboda fast noch ein Kind war, fand er immer wieder Zettel mit Sprüchen auf dem Küchentisch – Sinnsprüche seiner Mutter, die ihr bei der Hausarbeit einfielen. Er vertonte sie. Langsam wächst er hinein in die Existenz eines Liedermachers: Ein künstlerischer Beitrag in der Schule hier, der Wunsch nach neuen Liedern in der Jugendarbeit dort. »Mensch Jörg, mach mal ein Lied.« Und Jörg machte.

Jörg Swoboda

Jörg Swoboda

Dreh- und Angelpunkt wurde die offene Jugendarbeit der Baptisten in Berlin-Köpenick. »Da gab es die Gammler, die Outlaws der DDR. Die haben wir eingeladen und sie kamen. Mit Kippen und Kofferradio. Bald hatten wir einen akustischen Machtkampf: Wer ist hier der Platzhirsch?«, erinnert sich Swoboda. Verstärker mussten her. Die erste große Bewährungsprobe für seine Lieder.

Andere Gemeinden werden auf ihn aufmerksam, seine Melodien landen in Büchern, wehen über die Mauer und werden – dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs – gesungen. Im Westen taucht sein Name unter den Liedern nicht auf. »Aus der DDR« steht dort.

Swoboda spricht Klartext. Damals, als ein klares Wort Repressionen bedeutete. Und heute, wo er, der viele Texte Theo Lehmanns vertonte, mit seiner konservativen Haltung wieder aneckt. »Das Bibelwort muss die Messlatte sein«, sagt er. »Sonst geben wir doch alle Maßstäbe preis.«

Er ist sich sicher, dass auch seine Lieder in der Vorwendezeit ihren Beitrag leisteten. »Eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber jeder menschlichen Autorität ins Herz der Menschen zu singen, ist eine wichtige Aufgabe. Früher wie heute.«

Jörg Swoboda

Sein Leben:

Geboren 5. Januar 1947 in Berlin

Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

1967–1971 Theologische Ausbildung in Buckow

Vikariat in Lichtenstein (Sachsen)

1973–1981 Jugendpastor des Evangelisch-Freikirchlichen Gemeindebundes in der DDR

zusammen mit Theo Lehmann Autor zahlreicher Lieder

Seine bekanntesten Lieder:

»Herzen, die kalt sind wie Hartgeld«

»Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«

»Wer Gott folgt, riskiert seine Träume«. Foto: privat

Stefan Körner


»Die Welt schaut zu«

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Nordirak: Tausende Jesiden warnen vor einem Völkermord – auch humanitäre Organisationen für einen Militärseinsatz

Christen wie Jesiden sind im Nordirak durch das Vorrücken der Terrortruppe »Islamischer Staat« (IS) vom Tod bedroht und auf der Flucht. Am Wochenende gingen in Bielefeld und anderen Orten Jesiden auf die Straße.

Was sind wir? Jesiden sind wir. Was wollen wir? Freiheit wollen wir!« Vom Lautsprecherwagen schallt es in die Menge, von dort kommt die Antwort in einem Chor von Stimmen zurück. Begleitet von einem dichten Polizeiaufgebot trifft der Zug lautstark, aber friedlich auf dem großen Platz ein, auf dem kurz zuvor die Wochenmarkthändler die letzten Obst- und Gemüsekisten verstaut und abtransportiert haben.

6 000 Teilnehmer sind nach Polizeiangaben in Bielefeld zusammengekommen. Die Veranstalter schätzen die Zahl auf mehr als doppelt so viele. Sie sind hier, um vor einem drohenden Völkermord zu warnen. Im nördlichen Irak werden die Jesiden, Anhänger einer rund 4 000 Jahre alten Religion (siehe Kasten) von der sunnitischen IS-Miliz verfolgt. Zigtausende sind ins Sindschar-Gebirge geflohen, wo sie ohne Lebensmittel und Wasser ausharren.

»Hier findet ein Genozid statt, und die Welt schaut zu und tut nichts«, klagt Ali. Der 33-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen, seine Familie stammt aus dem nordirakischen Shingal. Der Region, in der zuerst die Christen vertrieben wurden und jetzt die Jesiden verjagt, ermordet oder zwangskonvertiert werden.

Tausende von jesidischen Glaubensanhängern gingen am vergangenen Wochenende in Deutschland auf die Straße, um gegen Mord und Vertreibung der religiösen Minderheiten im Nordirak zu protestieren. Foto: picture alliance

Tausende von jesidischen Glaubensanhängern gingen am vergangenen Wochenende in Deutschland auf die Straße, um gegen Mord und Vertreibung der religiösen Minderheiten im Nordirak zu protestieren. Foto: picture alliance

»Die, die bisher überlebt haben, sind in die Berge geflüchtet«, berichtet Ali. Die Nachrichtenbilder mit abgeworfenen Hilfsgütern können ihn nicht beruhigen. »Die Kisten mit Wasser und Nahrungsmitteln kommen bei ihnen gar nicht an«, berichtet er von seinen Telefonkontakten, die noch möglich sind.

Faist Mahmud Karow lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Wenn der Jeside erzählt, ist ihm die Erschütterung deutlich anzumerken. Er habe in den letzten Tagen 15 Familienmitglieder in Shingal verloren: »Vater, Brüder, Enkel, sie liegen noch immer irgendwo in den Bergen und konnten nicht einmal beerdigt werden.«

Die Bergregion, die den Geflüchteten zurzeit noch als Schutzraum dient, ist 14 Kilometer breit und 76 Kilometer lang. Nach einer Meldung von »Spiegel-Online« konnten am Wochenende auch infolge der Luftschläge der USA auf IS-Stellungen in der Region 20 000 bis 30 000 Jesiden durch kurdische Einheiten aus dem umstellten Gebirge evakuiert werden. Doch noch immer harrten Zigtausende in den Bergen aus.

Die Menschen in den Bergen brauchen sofort eine sichere Zone, in der Krankenstationen eingerichtet werden müssen, sagt Karow. Nur so könne die menschliche Katastrophe noch abgewendet werden. Viele junge Jesiden fordern ein direktes militärisches Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen Terror der islamistischen Milizen »Islamischer Staat« (IS).

Eine Forderung, der sich auch Hilfsorganisationen anschließen. »Ich sage das besonders als Geschäftsführer einer humanitären Organisation nur ungern. Aber zunächst hilft in dieser Situation nur militärisches Eingreifen«, sagt Thomas von der Osten-Sacken in einem Interview auf »tagesschau.de«. Von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer von Wadi, einem Verband für Krisenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit und seit 20 Jahren im Irak tätig. »Die Feier brutalster Gewalt« mit dem IS vorgeht, ist nach seiner Beobachtung beispiellos, auch in der Geschichte des islamischen Terrors. Auf Videos der Terrorgruppe würde mit Koransuren unterlegt die Hinrichtung von Gefangen, das Steinigen von Frauen wegen Ehebruchs oder das Kreuzigen von Menschen wegen des Abfalls vom »richtigen Glauben« gezeigt. Auch das katholische Missionswerk »missio« appelliert in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, »schnellstmöglich die Bedingungen zur Einrichtung einer multidimensionalen UN-Friedens­truppe zum Schutz der Zivilbevölkerung im Nordirak zu prüfen«.

Uwe Rottkamp und Holger Spierig
(GKZ/epd)

Das Stichwort: Jesiden
Die Jesiden sind eine religiöse Gruppe unter den mehrheitlich muslimischen Kurden. Weltweit zählen etwa 800 000 Menschen zum jesidischen Glauben. Rund eine halbe Million davon lebt im Nordirak. Außerhalb des Irak gibt es Jesiden vor allem in Syrien, Armenien, Georgien, der Türkei und im Iran.

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2000 vor Christus zurückreichen. Sie nahm Glaubenselemente, Riten und Gebräuche westiranischer und altmesopotamischer Religionen sowie von Juden, Christen und Muslimen auf. Jeside wird man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen zur Religion gehören. In vielen ihrer Herkunftsländer werden die Jesiden nach Angaben von Menschenrechtlern verfolgt und diskriminiert. Vielen Muslimen gelten sie als Sekte und »Teufelsanbeter«.


Der Mann hinter der Sage

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Bischof Thilo von Trotha ist eine Sonderausstellung in Merseburg gewidmet

Thilo von Trotha war 48 Jahre Bischof von Merseburg. Eine Ausstellung zu seinem 500. Todestag widmet sich seinem Werk. Ein Blick in Leben und Frömmigkeit im ausgehenden Mittelalter.

Seit Jahrhunderten bestimmt eine Sage das Bild des Thilo von Trotha (1443–1514): Er soll einen Kammerdiener, der des Diebstahls eines kostbaren Ringes verdächtigt wurde, hinrichten lassen haben. Dass der Mann seine Unschuld beteuerte, nützte ihm nichts. Später wurde der Ring in einem vom Merseburger Dom-Dach gefallenen Rabennest aufgefunden. Die Unschuld des Dieners war erwiesen. Der Bischof entschied, dass fortan ein Rabe mit einem Ring im Schnabel sein Wappen zieren sollte. Und es sollte als ständige Mahnung an seinen im Jähzorn gefassten, folgenschweren Entschluss ein Rabe in einem Käfig vor dem Schloss gehalten werden.

Die Rabensage kam zwar erst im 17. Jahrhundert auf. Dennoch ist sie Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die bis 2. November im Dom und Schloss in Merseburg zu sehen ist. Sie trägt den Titel »Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst«. Auf rund 600 Quadratmetern haben die Kuratoren Markus Cottin und Claudia Kunde 150 Exponate zusammengetragen. Sie stammen aus den Beständen der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz sowie zu mehr als einem Drittel aus Leihgaben. Mit dieser Schau wird das Leben eines mitteldeutschen Bischofs aus dem späten Mittelalter ins Zentrum gerückt, der mit 48-jähriger Amtszeit so lange wie kein zweiter regierte. »Spätmittelalterliche Bischöfe haben es im Kernland der Reformation bekanntlich nicht einfach«, so der Direktor der Domstifter, Holger Kunde. Dabei habe Bischof Thilo von Trotha seine Umgebung wie kaum ein anderer geprägt und auch über das Territorium des Bistums hinaus gewirkt.

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Bis heute werden in einer Voliere am Schloss in Merseburg Raben gehalten. Foto: Vereinigte Domstifter

Die Familie von Trotha stammt aus einem Dorf, das heute ein nördlicher Stadtteil von Halle ist. 1427 wurde es zerstört. Thilos Vater verließ den Stammsitz, schloss sich enger an den Magdeburger Erzbischof an und baute sich eine neue Besitzgrundlage auf. Einige seiner Söhne nahmen später wichtige Stellungen ein. »Tilemannus de Trota« studierte in Leipzig und Perugia und wurde danach Dompropst in Magdeburg. 1466 wurde er zum Bischof von Merseburg gewählt, seine Einsetzung und Weihe erfolgte am 8. März 1467. Sein Hochstift Merseburg baute er systematisch aus, wirtschaftete klug und schaffte es – im Gegensatz zu anderen geistlichen und weltlichen Herrschern seiner Zeit –, seinem Nachfolger gefüllte Kassen und ein deutlich vergrößertes Territorium zu hinterlassen. Thilo reiste in jüngeren Jahren öfter – zum Beispiel pilgerte er mit dem wettinischen Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Rom und begleitete 1478 die Tochter eines sächsischen Kurfürstenpaares zu ihrer Hochzeit nach Kopenhagen. Ab den 1470er Jahren konzentrierte er sich auf den Bau seines Residenzschlosses und den Umbau des Domes, zu dem 1015 der Grundstein gelegt worden war. Schon ab 1476 ließ er im Nordquerhaus seine Grabkapelle einrichten, die mit der Tumba aus der Werkstatt des bekannten Nürnberger Gießers Peter Vischer und einem vergoldeten Epitaph zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung zählt.

Diese umfasst insgesamt elf Räume. Drei widmen sich der Biografie Thilos, die anderen setzen thematische Schwerpunkte wie seine Tätigkeit als Bauherr, sein Wirken als Kanzler der Universität Leipzig oder seiner Förderung des Buchdrucks. Ein Raum beschäftigt sich mit der Liturgie und Frömmigkeit im Bistum, die von der Verehrung der Gottesmutter Maria und anderer Heiliger sowie Prozessionen und Wallfahrten geprägt waren. Fast alle der 200 Kirchen im Bistum Merseburg wurden zu Thilos Zeit, finanziert vom Domkapitel, von Stadtgemeinden oder Adligen, baulich erweitert und kostbar ausgestattet. In der Ausstellung zeugen Werke eines unbekannten Malers (vermutlich) aus Leipzig, der als »Meister der byzantinischen Madonna« in die Kunstgeschichte eingegangen ist, von diesem Tun. Zu sehen sind auch kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Was in der Schau fehlt, ist ein verbürgtes Bildnis Thilos. Denn es gibt keines. Auch die gezeigten Kleidungsstücke können nicht ihm direkt zugeordnet werden.

In Thilos Grabinschrift heißt es unter anderem: »… und er mehrte alle Dinge, wie die Erinnerungszeichen erweisen.« Besucher der Ausstellung können dort nicht nur ihr Wissen über das ausgehende Mittelalter mehren. Die Exponate ermöglichen ihnen einen genaueren Blick auf die Persönlichkeit, die hinter dem Bild vom jähzornigen Mann steht, das die Sage zeichnet.

Angela Stoye

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Thilo von Trotha. Merseburgs legendärer Kirchenfürst. Michael Imhof Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7319-0070-2, 39,95 Euro

www.merseburg2014.de

Schlusspunkt für »Annerose« soll dennoch ein Dankfest werden

19. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Aktion Annerose«: Finanzkürzungen, Missverständnisse, Fehler – von den vielschichtigen Ursachen des Endes einer beispielhaften Initiative

Sie war jahrzehntelang ein Musterbeispiel für die Integration von behinderten Menschen und für das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer. Doch nun kommt das Aus. Hintergründe zum Ende der »Aktion Annerose«.

Es begann vor fast 49 Jahren mit der Veröffentlichung des Briefes einer Rollstuhlfahrerin in einer kirchlichen Zeitung. Annerose Händel aus Crimmitschau schrieb darin, wie schön es wäre, wenn auch behinderte Menschen einmal zu schönen Orten reisen und wie andere auch Urlaub machen könnten. Ihr Brief hatte Folgen, unter anderem in Thüringen. 1970 startete die »Aktion Annerose« unter dem Dach der Thüringer Diakonie ihre erste Rüst­zeit für Körperbehinderte. Annerose Händel erlebte dies selbst nicht mehr. Kurze Zeit vorher war sie verstorben.

Doch die »Aktion Annerose« wurde zu einem bahnbrechenden Modell. Das besondere dabei: Ehrenamtliche Helfer begleiteten während der Urlaubstage die Menschen mit Handicap. Sie halfen ebenso bei der Körperpflege wie beim Bummel durch die Stadt und der Überwindung allgegenwärtiger Barrieren. Bibelarbeiten gehörten zum Programm der meist acht bis zehn Tage sowie Wanderungen, Ausflüge und Besichtigungen. Das kirchliche Kurheim »Sophie« in Bad Sulza etwa war eine der Einrichtungen, in denen regelmäßig »Annerose«-Gruppen zu Gast waren.

Intergration: lange, bevor das Wort Mode wurde

Hunderte, oft auch jüngere Menschen, stellten dafür ihre Freizeit, ihren eigenen Urlaub zur Verfügung. Sie lebten die Integration von und mit Behinderten, als dieses Wort noch lange kein Modewort war. Freundschaften entstanden zwischen Behinderten wie Nichtbehinderten, die oft über Jahre hielten.

Lag vor der politischen Wende in der DDR die Organisation in den Händen des Diakonischen Werkes der Thüringer Kirche, so wurde 1991 »Aktion Annerose« zum eigenständigen Verein. Immer noch aber unter dem Dach des Diakonischen Werkes, das weiter die Sachkosten sowie die Stelle eines Geschäftsführers finanzierte. Rüstzeiten wurden nun zu Freizeiten, neue Reiseziele im Ausland bereicherten das Angebot. Was blieb, war das Netzwerk engagierter freiwilliger Helfer. Doch im Frühjahr dieses Jahres kam der Paukenschlag: »Aktion Annerose« kündigte ihren Mitarbeitern. Wenige Wochen später wurde die Auflösung des Vereins beschlossen.

Was war geschehen? Bis 2010 zahlte die Diakonie Mitteldeutschland jährlich 40 000 Euro zur Finanzierung des Büros in Gotha mit einer vollzeitlichen Geschäftsführerstelle sowie einer weiteren geringfügigen Stelle für die Buchhaltung. Hinzu kamen Mitgliedsbeiträge der zuletzt rund 160 Vereinsmitglieder und Spenden. 2010 informierte die Diakonie darüber, dass die Zuweisungen künftig um jährlich 4 000 Euro gekürzt würden, der Verein sich um alternative Finanzquellen bemühen solle. Im vergangenen Jahr kam für den Verein nach eigenen Angaben unerwartet die Mitteilung, dass die Finanzierung ganz gestrichen sei. Ein nach langen Verhandlungen bewilligter letztmaliger Zuschuss von 15 000 Euro rettete die Arbeit zunächst. Doch auch unter einer im vergangenen Jahr neu gewählten Vereinsleitung gelang es nicht, ausreichend alternative Geldgeber zu finden.

Große Enttäuschung über gestrichene Mittel

Die Enttäuschung im Land ist groß, auch das Unverständnis über die Diakonie Mitteldeutschland. Doch deren Sprecher Frieder Weigmann weist darauf hin, dass man aus der Finanzierung letztlich aus grundsätzlichen Erwägungen aussteigen musste. Denn die Diakonie ist ein Dachverband, der die Interessen seiner Mitglieder nach außen vertritt und die Arbeit koordiniert, auch einmal Sondermittel für besondere Projekte zur Verfügung stellt. Aber nicht die Arbeit vor Ort in den selbstständigen diakonischen Vereinen finanziell trägt. Die Finanzierung von »Annerose« sei eine aus der Vergangenheit überkommene Ausnahme gewesen, die aber ein Ende finden musste, schon aus Gründen der »Gerechtigkeit gegenüber anderen Mitgliedsvereinen«, so Weigmann. Zudem sei dies dem Verein schon lange mitgeteilt worden.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel und Nils Scheil aus Gotha können es nicht fassen, dass »Aktion Annerose« für immer aufhören soll. Aus ihrer Feder stammt der untenstehenden »Nachruf«. Foto: Harald Krille

Ein Argument, das der langjährige »Annerose«-Geschäftsführer Mario Willing nicht gelten lassen will: Andere diakonische Einrichtungen leisteten Arbeiten, die durch öffentliche Mittel beziehungsweise Krankenkassen zu großen Teilen refinanziert würden. Freizeit- und Beratungsangebote für Behinderte aber sind freiwillige Leistungen des Landes. Die Zuschüsse, die Thüringen dennoch seit Jahren zu den Personalkosten zahlt, reichten bei Weitem nicht aus, die Arbeit zu tragen.

Strukturelle Probleme verhinderten aus Sicht des Geschäftsführers auch die Idee, durch professionelles Spenden­einwerben, neudeutsch Fundraising genannt, die Eigenfinanzierung dauerhaft zu erhöhen. Die Diakonie bezahlte dem Verein dafür als Hilfe eine vollständige Ausbildung zum Fundraiser, die Willing absolvierte. Doch: »Ich hätte in erster Linie um Geld für mein eigenes Gehalt werben müssen«, sagt Willing. Und genau dies funktioniere nicht, wie er als Erstes bei der Ausbildung lernte.

»Sie können Spenden für konkrete Projekte einwerben, die einen Anfang und ein Ende haben. Aber nicht auf Dauer für die laufenden Personalkosten«, bestätigt Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und ausgewiesener Fundraisingexperte. Diese müssten vom Verein und seinen Mitgliedern erbracht werden.

Doch zu den strukturellen Problemen kamen wohl auch noch hausgemachte. Instrumente wie eine formale Fördermitgliedschaft, über die Unterstützer mehr als die normalen 3,50 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag zahlen, gab es bei »Annerose« nicht.

Zudem sei schon lange klar gewesen, dass die Mittel weniger werden, aber zu einem »großen Schnitt« habe man sich nicht durchringen können, sagt etwa Kathrin Fickardt, die acht Jahre lang im Vorstand tätig war. Sehr unterschiedliche Meinungen und »persönliche Befindlichkeiten« hätten die Arbeit manchmal behindert. Und auch zu Fehlentscheidungen geführt, so Fickardt, die bei »Annerose« jahrelang die integrativen Singwochen für Kinder leitete. Dazu beigetragen habe ebenfalls, dass mit der Eingliederung des Vereins »Eltern helfen Eltern« 2005 und der »Interessenvertretung Stolperstein« 2008 sehr unterschiedliche neue Arbeitsfelder und Interessen hinzugekommen seien.

Hausgemachte Probleme und fehlende Vernetzung

Fragen muss man auch, ob der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand, über die Landesgrenze innerhalb der EKM, genügend entwickelt war, ob es nicht an Vernetzung mit anderen Initiativen fehlte. So gibt es bereits seit etlichen Jahren in der diakonischen Einrichtung Bodelschwingh-Haus in Wolmirstedt bei Magdeburg ein Angebot mit vielen Schnittmengen zur »Aktion Annerose«. Eine »Freizeit- und Reisebörse« vermittelt dort begleitete Urlaubsreisen, Theater- und Ausstellungsbesuche sowie Einkaufshilfen für behinderte Menschen. Ebenfalls gestützt auf ein Netzwerk freiwilliger Helfer. Zunächst entstanden als Angebot für die Bewohner der eigenen Einrichtung, »wird es seit Jahren auch von einem festen Kundenkreis an Behinderten und Senioren außerhalb unserer Einrichtung genutzt«, wie die Leiterin Martina Bauer berichtet. Einen Kontakt von »Annerose« nach Wolmirstedt aber hat es nicht gegeben, die Wolmirstedter Initiative war in Gotha gänzlich unbekannt.

Dennoch: Am Ende soll die Dankbarkeit stehen

Vieles kann und wird also weitergehen. Wenn auch anders und unter anderem Dach. Auch Kathrin Fickardt ist dankbar, dass sie mit ihren integrativen Singwochen beim CVJM in Erfurt eine neue Heimat gefunden hat. »Manchmal hat sich vielleicht auch eine Sache totgelaufen«, sinniert sie. Dann bleibt dennoch der Dank für eine gute Arbeit in der Vergangenheit.

Dies sieht auch der Vorstand des aufgelösten Vereins »Aktion Annerose« so. Zum 6. September lädt er deshalb Mitglieder, Helfer und Freunde zu einem Abschlussfest in das Paul-Schneider-Gemeindezentrum in Weimar ein. Das Fest soll um 10 Uhr mit einem Dankgottesdienst beginnen. Es soll »ein positiver Schlusspunkt« werden. »Kommen Sie, danken und feiern Sie mit uns die vielen Jahre, Begegnungen und Erlebnisse«, heißt es in der Einladung.

Harald Krille

Interessenten werden gebeten, sich bis spätestens 25. August per Postkarte für das Abschiedsfest anzumelden: Aktion Annerose e.V., Reinhardsbrunner Straße 14, 99867 Gotha

»Annerose« ade

Wir glauben im Namen vieler Mitglieder der »Aktion Annerose« zu schreiben. Voller Wehmut denken wir an die vielen schönen Stunden, welche wir in den vergangenen mehr als 40 Jahren gemeinsam erleben konnten. Mit Vorfreude haben wir immer auf den neuen Rundbrief zum Jahresanfang gewartet, in welchem die Urlaubsplätze angeboten wurden. Mit Freude meldeten wir uns an. Es wurden viele Freundschaften mit ebenfalls betroffenen Behinderten wie auch mit Helfern geknüpft. So erlebten wir wunderschöne Tage an der See oder im Gebirge, getragen von unserem Glauben, der in unser Leben hineinwirkte. Soll das alles nun vorbei sein?

Wie schade!

Den vielen ehrenamtlichen Helfern und dem Geschäftsführer gilt unser Dank. Durch ihre aufopferungsvolle Hilfe, die oft an die körperlichen Grenzen ging, wurden uns viele Beschwerden genommen.

Wir hoffen immer noch, dass »Annerose« weiterlebt.

Siegrun Baumbach, Marianne Püschel, Nils Scheil (alle Gotha), langjährige Vereinsmitglieder von »Aktion Annerose«


Die Bibel – einfach erzählt

18. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, der eine Gemeindepfarrer, der andere Professor: Hans-Jörg und Roland Rosenstock. Gemeinsam haben Sie ein Buch geschrieben, eine Anleitung zum Lesen der Bibel. Das Gespräch mit den Brüdern führte Sabine Kuschel

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, was war für Sie der Anlass, gemeinsam ein Buch zu schreiben?
Hans-Jörg Rosenstock:
Wenn ich als Pfarrer von einem Gemeindemitglied nach einer Einführung in die Bibel gefragt wurde, geriet ich in Verlegenheit. Die Bücher, die ich dazu kenne, sind fachtheologisch oder zu umfangreich geschrieben. Ich hatte darum schon länger die Idee zu einem leicht verständlichen kleinen Buch.

Roland Rosenstock: Ich gebe seit einigen Jahren Kurse für Lehrerinnen und Lehrer, die an evangelischen Schulen tätig sind. Dabei treffe ich auf viele, die den christlichen Glauben nicht mehr kennen. Für sie habe ich Module entwickelt, zu denen die Kerntexte der Bibel gehören. Aus dieser Erfahrung in der Weiterbildung sind die Texte erwachsen, die in unserem Buch von meiner Seite eingeflossen sind.

Was sind Ihre Lieblingsgeschichten in der Bibel?
Hans-Jörg: I
ch liebe das Buch Hiob sehr. Das ist ganz große Literatur. Ein Theaterstück von tiefer Weisheit und Auseinandersetzung mit dem Leben. Deswegen war mir auch wichtig, dass wir dem Buch Hiob ein ganzes Kapitel widmen.

Roland: Das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament gehört zu meinen Lieblingstexten in der doppelten existenziellen Form, der Liebe zwischen Mann und Frau und der zwischen Gott und Mensch. Ich finde es schade, dass über das Hohe Lied der Liebe so wenig gepredigt wird. Die große Spannweite der alttestamentlichen Texte wird in den Gottesdiensten heute kaum noch berücksichtigt. Dabei haben die Geschichten des Alten Testaments eine große narrative Kraft. Darum legen wir einen Schwerpunkt auf das Alte Testament.

Es ist schwer, die Bibel wie ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen …
Hans-Jörg:
Auf jeden Fall. Ich habe dafür ein ganzes Jahr gebraucht und bin manchmal verzweifelt. Die Bibel ist kein Buch, das von vorne nach hinten geschrieben wurde, sondern eine Textsammlung entstanden über tausend Jahre. Es sind sehr wertvolle Texte, die Menschen für ihr Leben viel bedeutet haben, ihnen heilig gewesen sind, und darum weitergegeben wurden. Diese Texte wurden für die Bibel nach Formen geordnet. Da sind die Geschichtsbücher, die Psalmen, die Weisheiten, die Prophetenbücher, die Evangelien, die Briefe. Es ist wichtig, diese Formen zu verstehen.

Roland: Die Texte, die in Kinderbibeln vorkommen oder im Kindergottesdienst erzählt werden, stehen häufig so nicht in der Bibel. Das ist ein Problem, denn wer dann anfängt, die Bibel zu lesen, sieht auch die anderen Texte, in denen uns beispielsweise Gewalt begegnet. Gott wird als jemand dargestellt, der zerstören, der zornig sein kann. Es geht auch um ein spezifisches Mann-Frau-Verhältnis. Auf diese Texte bereiten wir in der christlichen Erziehung zu wenig vor.

Eine Herausforderung für Leserinnen und Leser ist es auch, zu verstehen, dass viele biblische Schriften ursprünglich mündlich erzählt wurden. Sie wurden zunächst nicht schriftlich verfasst, sie wurden dann erst aufgeschrieben als die Gefahr bestand, dass sie verloren gehen. Deshalb haben wir Übersetzungen ausgewählt, die diesen erzählenden Charakter betonen, wie die von Walter Jens. Wir müssen den Menschen wieder diese erzählende Sprache nahebringen.

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen und so sprechen auch biblische Texte unterschiedlich in die Situation hinein. Bestimmte Texte werden in einer bestimmten Zeit besser verstanden als zu anderen Zeiten.
Hans-Jörg:
Wir leben in einer Zeit, die von Unsicherheiten und von großen sozialen Gegensätzen geprägt ist, sodass im Moment die prophetischen Texte und die Hoffnungstexte stärker zu den Menschen sprechen. Da ist das große Thema »soziale Gerechtigkeit« in der Bibel, von der wir gerade in Deutschland noch eine Menge lernen können.

Computerspiele und Spielfilme sind von apokalyptischen Motiven durchdrungen; es war eine spannende Herausforderung für uns, auf die Apokalypse in unserem Buch näher einzugehen.

Roland: Nehmen Sie die Aussage: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen« aus Psalm 18. Heute würde dieser Vers keinen Konfirmanden ansprechen, vor der Wende war das anders. Damals war das sozusagen ein sehr aktueller prophetischer Text. Viele Menschen bei uns in Ostdeutschland haben den Eindruck, Religion hat eine Relevanz für ihr Leben, sie wissen nur noch nicht genau welche. Diese Menschen möchten wir hineinnehmen in die Wirklichkeit der Bibel, ohne sie zu überfordern.

Es ist eine Kunst, biblische Geschichten leicht verständlich rüberzubringen. Ihrem Buch gelingt das. Es ist in einer einfachen Sprache geschrieben.
Roland:
Wir verzichten komplett auf Fremdwörter. Daher könnte der Eindruck entstehen, es bliebe weit hinter der Komplexität heutiger Exegese zurück. Aber hinter unserem Buch steht ein konkreter wissenschaftlicher Ansatz, den wir im kommentierten Buchregister erklären. Ich glaube, wir brauchen ein Gefühl dafür, wie Menschen ihre eigene Religiosität entwickeln können. Ich vergleiche das immer mit der Musik. Wenn ich selber kein Instrument spiele, kenne ich mich in dieser Welt nicht aus. Aber wenn mich jemand behutsam heranführt, mich mit in ein Konzert nimmt, mir einiges erklärt, dann komme ich in eine Wirklichkeit hinein, die mich existenziell betrifft und mir etwas eröffnet, was es vorher für mich nicht gab. So ist es auch mit dem Glauben. Dafür ist das Buch ein Erstzugang. Dann braucht es Menschen, die weiter mit den Betreffenden biblische Texte lesen. Dabei ist nicht die Anzahl der Texte oder die intellektuelle Durchdringung das Entscheidende, sondern die Frage, ob eine Geschichte für mein Leben eine Bedeutung hat, sich mein Leben in diesen Geschichten deutet.

Hans-Jörg: Wir wollten das Buch in einer einfachen und klaren Sprache schreiben. Um das zu erreichen haben wir in einem ganz eigenen Arbeitsschritt die Texte sprachlich überarbeitet. Es gab Korrekturleserinnen aus unterschiedlichen Bildungsgruppen. Ihre Vorschläge haben wir gerne aufgenommen.

Wie kommt es, dass Sie beide Theologie studiert haben?
Hans-Jörg:
Der frühe Tod unserer Mutter spielte bestimmt eine wichtige Rolle. Unser Vater, der von Beruf Schriftsetzermeister war, vermittelte uns einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurchträgt. In den Familien unserer Eltern gab es übrigens keine Theologen, wir sind die ersten, die einen akademischen Abschluss erwerben konnten.

Roland: Die evangelische Jugendarbeit hat uns beide lange geprägt. Hier gab es den Freiraum, selbst etwas auszuprobieren und wir trafen auf Menschen, die ihren christlichen Glauben überzeugend gelebt haben. Hier haben wir auch das erste Mal gelernt, biblische Geschichte lebendig zu erzählen.

Rosenstock, Jörg/Rosenstock, Roland: Wie lese ich die Bibel? Neugier genügt, Luther-Verlag, 136 S., ISBN 978-3-7858-0639-5, 10,90 Euro

Von wegen Freiheitsstatue

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: In der Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit kommen Minderjährige aus Mittelamerika illegal über die Grenze

Es sind Kinder und Teenager, die seit Monaten zu Tausenden ohne Papiere von Mexiko in die Vereinigten Staaten kommen. Experten sprechen inzwischen von einer humanitären Katastrophe.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat die US-Grenzbehörde 57 000 »unbegleitete Minderjährige« aus Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko in Gewahrsam genommen. Die jungen Menschen werden meist von Menschenschmugglern, sogenannten »Coyotes«, an die Grenze gebracht. Einmal in den USA, suchen die Teenager und Kinder nach Grenzern, um sich zu stellen – in der Hoffnung, im Land ihrer Hoffnung bleiben zu dürfen.

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Über parteipolitische Grenzen hinweg ist man sich einig: Hier geschieht eine humanitäre Katastrophe. Doch in den USA weht ein kalter Wind. Präsident Barack Obama ist unter Druck: »Illegale Einwanderung« erregt die Gemüter. Man könne nicht alle aufnehmen, heißt es gern. Die Grenze dicht machen und die »Illegalen« postwendend zurückschicken, fordern deshalb viele Politiker. Das sei auch das Beste für die Kinder. Die Migration werde nur aufhören, »wenn Flugzeuge voller Kinder nach Zentralamerika zurückkehren«, tönte jüngst der republikanische Senator John McCain.

Unbegleitete Minderjährige kommen schon seit vielen Jahren. Doch nie war der Andrang so stark. Früher waren es hauptsächlich junge Menschen aus dem Nachbarland Mexiko. Gegenwärtig stammen drei Viertel aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Hilfsverbände machen die dort eskalierende Drogen- und Bandengewalt verantwortlich. Es fliehen Jugendliche wie der 18-jährige Oscar Leonel Turcios Funez aus Honduras. Sein Vater, Eigentümer eines Internet-Cafés, sei ermordet worden, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte, sagte Oscar einem Rechtshilfeverband. Er selber sei bedroht worden und habe sich deshalb auf den Weg nach Norden gemacht.

Die größten Fürsprecher der Kinder sind gegenwärtig die Kirchen. Die biblische Heilige Familie habe auch keine Papiere gehabt bei der Flucht nach Ägypten, sagte die Leitende Bischöfin der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton. Und auch Papst Franziskus fordert, man müsse »die Kinder willkommen heißen und schützen«. Der Empfang müsse begleitet werden von Warnungen vor der Gefahr der Migration und von Maßnahmen, »die Entwicklung in den Heimatländern zu fördern«.

Die gerichtliche Prüfung soll ausgehebelt werden

Nach geltendem Recht dürfen Grenzbeamte junge Mexikaner ohne Papiere zurückschicken. Bei undokumentierten Minderjährigen aus Ländern, die nicht an die USA angrenzen, muss jedoch ein Gericht prüfen, ob Asyl gewährt oder ein Visum erteilt wird. Der Lutherische Einwanderungs- und Flüchtlingsdienst und andere Hilfsorganisationen haben skeptisch reagiert auf Obamas Krisenplan. Sein 3,7 Milliarden-Dollar-Vorhaben, dem der Kongress noch nicht zugestimmt hat, soll die Kinder versorgen helfen und die Grenze weiter befestigen. Zudem will Obama anscheinend das Immigrationsgesetz ändern, so dass alle Minderjährigen so behandelt werden wie die aus Mexiko.

Der Direktor der Hilfsorganisation Raices im texanischen San Antonio erklärte in der »New York Times«, vielen mittelamerikanischen Minderjährigen drohe Lebensgefahr in ihrer Heimat. Das stelle man erst fest, wenn man die Fälle genau prüfe.

Friedensnobelpreisträger Oscar Arias, der frühere Präsident von Costa Rica, schrieb am Wochenende in der »Washington Post«, die »Gewalt und Armut, die das Leben der Kinder unerträglich macht« stamme von den zentralamerikanischen Bürgerkriegen der achtziger Jahre. Nach dem Ende der Kriege seien aus Soldaten und Guerillas Gang-Mitglieder geworden. Statt in mehr Grenzbefestigung müssten die USA in Entwicklungsprogramme investieren. Mit nur 62 Millionen Dollar für ein Ausbildungsprogramm, wie es derzeit bereits in Costa Rica bestehe, könne man die in den letzten Monaten an der Grenze aufgegriffenen Kinder und Jugendlichen ein Jahr lang zur Schule schicken. Doch auch die drastischen Unterschiede zwischen Arm und Reich in Guatemala, El Salvador und Honduras selbst müssten angegangen werden: Es sei unentschuldbar, dass Zentralamerika trotz so viel Armut die niedrigsten Steuersätze der Welt für die Reichen habe.

Konrad Ege

Kunst im Schützengraben

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914«

Eine Ausstellung beleuchtet die Rolle der Stadt der Dichter vor und während des Ersten Weltkrieges. Ein Rundgang.

Was hat die geistige Elite in Weimar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun? Wie in allen unmittelbar beteiligten Ländern auch engagierten sich die Intellektuellen in der Residenzstadt und ihrer Umgebung für die Begründung und die vermeintlich gerechte Sache des Krieges. Dies veranschaulicht die kulturhistorische Ausstellung »Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914« im Neuen Museum Weimar. Eröffnet wurde die Präsentation am 1. August anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Gemälde »Im Schützengraben« von Gert H. Wollheim. Foto: Stefan Arendt, Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf

Die Schau beleuchtet einen bislang wenig beachteten Teil Weimarer Geschichte: die Rolle Weimars im Prozess der intellektuellen Aufrüstung, die sich im Zuge der Nationalisierung im wilhelminischen Kaiserreich vollzog. Wie Kuratorin Gerda Wendermann erläutert, hatte sich die Stadt nach dem Tode Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Symbolort der deutschen Kultur entwickelt. Das sogenannte klassische Erbe sei überhöht, die Stadt und Umgebung als gemütvolles »Herz Deutschlands« mythisiert worden.

Im Foyer des Museum sind acht Porträts ausgewählter Persönlichkeiten aus Weimar und Jena zu sehen, die für den Zeitgeist der damaligen Epoche stehen: Großherzog Wilhelm Ernst, Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, der Agitator Adolf Bartels, der Naturforscher Ernst Haeckel, der Philosoph Rudolf Eucken, der Verleger Eugen Diederichs, der Weltbürger Harry Graf Kessler und die Frauenrechtlerin Selma von Lengenfeld. Sie werden als Modernisierer, Bewahrer, Nationalisten, Pazifisten und Neuidealisten charakterisiert.

Am Beispiel dieser acht Protagonisten werde gezeigt, wie sich in Weimar am Vorabend des Krieges die kulturellen Gegensätze und weltanschaulichen Diskurse verdichteten, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar.

Der Rundgang beginnt mit dem Moment der Mobilmachung. Eine Videoinstallation zeigt den Heeresgottesdienst zur Verabschiedung des Bataillons am 7. August 1914 im Innenhof des Weimarer Schlosses. Die Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte verdeutlichen zahlreiche Zeugnisse der Zeit: Gemälde, Grafiken, Plakate, Fotografien, architektonische und plastische Arbeiten, literarische Propaganda, öffentliche Aufrufe und Feldpostsendungen.

Während es im ersten Teil der Schau um die strategische Ausrichtung der Residenzstadt als nationaler Erinnerungsort geht, sind Kriegseuphorie und die schreckliche Realität der Schlachten aus dem Blickwinkel beteiligter Künstler weitere Themen. Zu Beginn zogen viele in den Krieg, der die deutsche Kultur verteidigen sollte. Zu sehen sind Zeichnungen und Gemälde, die den Krieg heroisieren. Schließlich verfolgt die Präsentation den Wandel in der Kunst von der Überhöhung des Krieges hin zu einer eindeutigen Anklage, wie sie beispielsweise in den Bildern von Gert Wollheim zum Ausdruck kommt. Während Wollheim an der Front kämpfte, entstanden Zeichnungen und Skizzen, die er in eine Mappe einklebte. Im Spätsommer 1917 wurde er durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Auf der Grundlage seiner im Feld entstandenen Zeichnungen begann der Künstler 1918 mit großformatigen Antikriegsbildern. Eines der Hauptwerke dieser Zeit heißt »Im Schützengraben«. Es zeigt zwei Soldaten, die gekrümmt im Schützengraben sitzen. Das Trauma seines eigenen Bauchschusses verarbeitet Wollheim in mehreren Arbeiten. In dem Gemälde »Der Verurteilte« verdichtet er das Motiv eines hingerichteten Menschen, indem er den Verurteilten auf einer Schädelstätte zeigt.
Ein Kapitel widmet sich dem 400. Jahrestag der Reformation 1917, zu dem deutschlandweit Feste geplant waren, die aber kriegsbedingt teilweise ausfallen mussten. Wie die Schau dokumentiert, dienten Jubiläumsfeierlichkeiten auch als Mittel gegen die im Kriegsverlauf zunehmende Demoralisierung der Bevölkerung.

Bereits während des Krieges begannen die Überlegungen für einen zentralen Ort zum Gedenken an die Millionen Opfer des Krieges. Eine breite Debatte entstand aber erst 1924, zehn Jahre nach Kriegsbeginn, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert die Deutschen dazu aufgerufen hatte, den im Krieg Gefallenen ein Denkmal zu setzen. Abschließend wirft die Ausstellung einen Blick auf die Revolution im November 1918, die Abdankung des Adels und die weitere Entwicklung nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Krieg der Geister« ist bis 9. November mittwochs bis montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.


www.klassik-stiftung.de/2014

Einander ähnlich und doch verschieden

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Zwillingsbrüder Hans-Jörg und Roland Rosenstock haben gemeinsam ein Buch geschrieben

Sie sind Zwillingsbrüder, beide Theologen, ihre Biografien ähneln sich, die persönliche Entwicklung verläuft parallel – und doch unterscheiden sie sich.

Hans-Jörg und Roland Rosenstock, die Zwillinge sind 1966 in Bielefeld geboren. An ihre Mutter haben sie keine Erinnerung. Sie stirbt, als die Jungen drei Jahre alt sind. »Der frühe Tod unserer Mutter hat eine zentrale Bedeutung für uns«, sagt Roland. Durch diese Erfahrung werden die Kinder früh mit den existenziellen Fragen nach dem Tod und wie es danach weitergeht konfrontiert. Sie wachsen mit diesen Themen auf.

Der Vater, der von Beruf Schrift­setzermeister war, vermittelte seinen Söhnen einen christlichen Glauben, der auch durch Krisen hindurch trägt. Dieser Glaube habe ihn sehr berührt, schildert Hans-Jörg. Als Geschäftsmann »war der Vater es gewohnt, im Leben zu bestehen«. Daneben gab es für ihn die andere Dimension, die des Glaubens. Wann immer es ihm möglich war, ist er zum Gottesdienst gegangen. Es sei zu spüren gewesen, dass ihm Glaube und Kirche viel bedeuten. Durch den frühen Tod seiner Frau habe sein Leben einen Bruch erlitten, »mit dem er aber dann gelebt hat«. Er habe nicht gefragt, warum Gott das zulässt. »Er hat an seinem Glauben festgehalten. Das hat mich tief beeindruckt.«

»Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit«

»Wir waren in einer Situation, dass wir als Kinder viel bearbeiten mussten«, ergänzt Roland im Blick auf den frühen Verlust der Mutter. »Wir waren beide keine guten Schüler.« Sie lernen auf der Realschule, an Gymnasium ist nicht zu denken. »Wenn Sie mit unserer damaligen Englisch- oder Französischlehrerin sprechen würden, sie hielten es für ausgeschlossen, dass wir mal Griechisch, Latein und Hebräisch lernen.«

Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht, Engagement in kirchlichen Kinder- und Jugendgruppen. Glauben. Es gibt nicht den Moment, an dem er beginnt, er entwickelt sich bei beiden in einem längeren Prozess. »Es war von Anfang an eine Auseinandersetzung mit den schwierigen Erfahrungen«, resümiert Roland. Im Leben des Vaters ist alles anders gekommen als gedacht, durch den frühen Tod seiner Frau ändern sich dessen Pläne. Doch die Kinder nehmen auch wahr, wie ihr Vater diesen Bruch akzeptiert, sie erleben, dass es möglich ist, diese schwierigen Erfahrungen zu bewältigen. »Ich glaube, dass Religion genau diese Kompetenz vermittelt«, sagt Roland. Das Erlebnis von Gemeinschaft sei in der Auseinandersetzung für sie sehr wichtig gewesen.

Roland Rosenstock. Foto: privat

Roland Rosenstock. Foto: privat

Ihr Vater legte Wert darauf, dass die Zwillinge immer gleich angezogen waren. Solange sie klein sind, verlaufen ihre Wege parallel. In der Pubertät ändert sich das. Nachdem die Jungen aufs Gymnasium gewechselt sind, wird der Drang, sich vom anderen zu unterscheiden, der Wunsch, den eigenen Weg zu gehen, stark. »Das ist dann in der Oberstufe auch geschehen.«

Prägend ist für beide die evangelische Jugendarbeit. Sie hilft den Heranwachsenden, mit den schwierigen Erfahrungen fertigzuwerden, ihre eigene Persönlichkeit zu finden, Stärke zu entwickeln. Die Begegnung mit glaubwürdigen Christen, unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer gemeinsam mit anderen Menschen zu beten und zu singen – das sind für die Jugendlichen unvergessliche Eindrücke. Ihre schulischen Leistungen verbessern sich. Dass die Brüder einen solchen Entwicklungssprung machen konnten, führen sie auf die kirchliche Jugendarbeit zurück. »Sie hat uns geholfen, zu uns zu finden, weil sie uns etwas zugetraut hat. Sie hat uns auch zugetraut, Fehler zu machen.«

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Hans-Jörg Rosenstock. Foto: privat

Roland ist der erste, der in Bethel mit dem Theologiestudium beginnt. Hans-Jörg will nach dem Zivildienst die Jugendarbeit zu seinem Beruf machen. Doch beim Einstellungsgespräch für die Diakonenausbildung werden die Weichen anders gestellt. Ihm wird geraten, Theologie zu studieren, weil aus der Unterhaltung zu schließen sei, dass der richtige Beruf für ihn Pfarrer sei. Hans-Jörg befolgt diesen Rat und sagt heute: »Ein wunderbarer Beruf, in dem ich sehr glücklich bin.«

Sie studieren beide Theologie, aber jeder geht seinen eigenen Weg, es gibt während der Studienzeit kaum Berührungspunkte.

An eine Karriere als Theologieprofessor habe er nicht gedacht, sagt Roland. »Ich wollte nicht Professor, also kein Wissenschaftler werden.« Stattdessen kann er sich vorstellen, als Krankenhausseelsorger zu arbeiten, weil ihn die Verbindung zwischen Psychologie und Theologie sehr interessiert. »Professor zu werden, das war nicht im Plan. Das ist erst viel, viel später gekommen – durch Professoren, die mich gefördert haben.«

Während Hans-Jörg sich am wohlsten in den heimatlichen Gefilden fühlt, zieht es Roland ins osteuropäische Ausland: Slowakei, Russland, Ostdeutschland. »Das hat mich mehr interessiert als Amerika oder Frankreich.« Ein Studentenaustausch führt ihn nach Greifswald. Hier erlebt er das Ende der DDR, die Wende bis zur Währungsunion. An diesem Punkt, so Roland, unterscheiden sich die Biografien der Zwillinge wesentlich. Die Erfahrungen als Theologiestudent in Greifswald sind für Roland ausschlaggebend, schließlich hier zu bleiben.

Hans-Jörg ist Gemeindepfarrer in Gütersloh. Roland ist Theologieprofessor. Beide sind verheiratet, Hans-Jörg hat zwei Kinder im Alter von 10 und 16 Jahren, Roland drei im Alter zwischen 11 und 15. Als Theologen haben sie unterschiedliche Schwerpunkte. Roland interessiert sich mehr für das Neue Testament, Hans-Jörg ist dem Alten Testament sehr zugetan. Versöhnung und Vergebung seien für ihn zentrale Gedanken, so Roland. Sein Bruder orientiert sich an der prophetischen Tradition, ihn beschäftigen Themen wie Gerechtigkeit, Kinder-und Jugendarmut. Nachdem sich die Zwillingsbrüder in den zurückliegenden Jahren – beruflich und familiär bedingt – nur selten begegneten, haben sie jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben, einen Leitfaden zum Lesen der Bibel.

Sabine Kuschel

Dazu lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe ein Interview mit den Zwillingsbrüdern.

Gemeinschaft auf dem Campingplatz

11. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Zeltstadt: Zum 14. Mal lebten Christen aus ganz Deutschland und aus allen Konfessionen eine Woche lang zusammen

Aus kleinen Anfängen wurde sie zum geistlichen »Großunternehmen«: »Die Zeltstadt« auf dem Gelände der Familienkommunität Siloah im thüringischen Neufrankenroda zog vom 25. Juli bis 1. August 2 000 Besucher an.

Erfolg kann auch unheimlich werden: »Manchmal heißt es, ihr seid doch Großveranstalter, dann könnt ihr uns auch sagen, wie man dies oder jenes macht«, sagt Detlef Kauper. »Das erschreckt mich und ich antworte, wir sind doch keine Großveranstalter, wir sind ›Die Zeltstadt‹.« Dabei ist der Vergleich gar nicht so weit hergeholt. In diesem Jahr hat die Zeltstadt auf dem Gelände der Familienkommunität Siloah in Neufrankenroda bei Gotha erneut einen Rekord geknackt. Der 2 000. Bewohner auf Zeit konnte begrüßt werden.

Die Zeltstadt: »Ein Geschenk Gottes«

Wie lange vermag die Zeltstadt noch zu wachsen? »Das weiß ich nicht«, gibt Detlef Kauper zu. Man werde in den nächsten Monaten darüber reden müssen. Eines ist jedoch für den Geschäftsführer vom Christusdienst Thüringen klar: »Wenn einem so etwas wie das Treffen auf dem Gelände der Familienkommunität geschenkt wird, darf man es nicht ablehnen. Und wenn man weiß, dass hier die Royal Rangers Zelte für mehr als 18 000 Pfadfinder aufstellen, haben wir wirklich noch Luft nach oben.« Dank der vielen ehrenamtlichen Helfer, in diesem Jahr sind es 270, ist auch das Leben in einer weiter wachsenden Zeltstadt zu bewältigen.

Davon ist auch Christina Reibold felsenfest überzeugt. Die Paar- und Familientherapeutin aus Jena gehörte schon zu den Bewohnern der ersten Zeltstadt. »Da waren wir ein paar Hundert Frauen, Männer und Kinder. Jahr für Jahr sind wir ein bisschen mehr geworden, aber wuchsen nicht zu schnell«, sagt sie. Die Zeit auf dem Siloah-Gelände hat sie fest in ihrem Terminkalender vermerkt. »Mich fasziniert immer wieder aufs Neue, hier Christen mit dem unterschiedlichsten sozialen Hintergrund zu treffen. Manche sind zu Freunden geworden, andere treffe ich nur hier in der Zeltstadt«, erzählt die Frau.

Silke Will ist zum ersten Male hierhergekommen. Die Ärztin aus Schleswig-Holstein begeistert das tägliche Leben zwischen den Zelten. Freunde haben dem Ehepaar so lange von Siloah vorgeschwärmt, dass sie diese Atmosphäre selbst einmal erleben wollte. »Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich eingestehen, so gänzlich habe ich noch nicht Feuer gefangen«, meint sie. Sie hat sich in den ärztlichen Dienst der Zeltstadt eingebracht und – weil jemand, der neu ist, manches anders sieht – gleich etliche Vorschläge für Veränderungen unterbreitet. Um sich tatsächlich für die Zeltstadt zu entflammen, rät ihr Christine Reibold die Predigten und Seminare zu besuchen. »Das funktioniert«, sagt sie und macht sich gleich auf den Weg, einen eigenen Vortrag zu halten.

Ehrenamtliche Mitarbeiter entdecken ihre Talente

Die Zeltstadt-Teilnehmer leben als Selbstversorger in eigenen Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen. Sie sind aufgeteilt in Dörfern zu etwa 80 bis 100 Bewohnern. Betreut werden sie jeweils von »Dorfeltern« – das reicht von der Hilfe beim Zeltaufbau über das Hüten von Kleinkindern bis zum Angebot der Seelsorge. Die Dörfer haben eine gemeinsame Mitte, wo man sich treffen kann, um miteinander zu essen oder zu reden. Verkaufswagen, Hofladen, Bistro und Café bieten Möglichkeiten zum Versorgen.

In diesem Jahr lautete das Motto der Zeltstadt »Provokation Jesus«. Organisation und Programmgestaltung liegen voll in der Hand der ehrenamtlichen Mitarbeiter. »Es gibt hier viele Talente, man muss sie nur entdecken«, sagt Detlef Kauper. Insgesamt 19 Seminare wurden während der Woche angeboten. Dazu zahlreiche weitere Veranstaltungen, besonders für die rund 300 Kinder und etwa 400 Jugendlichen. Am Dienstag der vergangenen Woche etwa wanderten die Bewohner zum Siloah-Kreuz, das weithin sichtbar über der Zeltstadt steht. Dort wurde im Gebet jener Christen gedacht, die wegen ihrer Glaubens­überzeugung Gewalt und Verfolgung ausgesetzt sind.

Urlaub, Gemeinschaft und geistliche Erbauung unter freiem Himmel: Blick auf das Gelände in Neufrankenroda mit einem Teil der Zeltstadt. Foto: Die Zeltstadt

Urlaub, Gemeinschaft und geistliche Erbauung unter freiem Himmel: Blick auf das Gelände in Neufrankenroda mit einem Teil der Zeltstadt. Foto: Die Zeltstadt

Seit vergangenem Jahr ist die Zeltstadt um ein Dorf reicher geworden. In ihm ziehen Alleinreisende ein. Und das sind beileibe nicht nur Singles. »Da gehört auch die Mutter dazu, die mit ihren beiden Kindern nach Neufrankenroda gekommen ist und deren Mann zu Hause bleiben musste, weil er keinen Urlaub auf seiner Arbeitsstelle erhielt.« Samuel Scholz gehört zu den Dorfeltern und kümmert sich um die Alleinreisenden.«Bei uns herrscht prächtige Stimmung«, erzählt er, »gestern haben wir unser Dorffest gefeiert. Da ging es sehr unterhaltsam zu.«

Zuversichtlich: Auch 2015 wird es eine Zeltstadt geben

Auch für Detlef Kauper hat sich in diesem Jahr etwas verändert: Er hat sein Fahrrad mitgebracht. »Wenn ich rasch ans Ende der Zeltstadt gelangen will, bin ich mit dem Rad bestens bedient.« Nicht zuletzt daran zeigt sich, wie sich das Projekt in den vergangenen 14 Jahren entwickelt hat. Allein 500 Quadratmeter neue Fläche für Zelte wurden für dieses Jahr erschlossen. Im nächsten Jahr wird das vermutlich ähnlich sein. »Solange wir uns auf die Mitarbeit so vieler stützen können, werden wir auch das bewältigen«, blickt Kauper zuversichtlich auf 2015. Dann werden vom 31. Juli bis 7. August die Wohnwagen und Leinwandvillen wieder das Gelände besetzen.

Klaus-Dieter Simmen

Christen zwischen den Mühlsteinen

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Irak: Sie nennen sich selbst Assyrer und leben seit Jahrhunderten als christliche Minderheit im Norden des Irak

Iraks Christen gehören zu den ältesten Kirchen der Welt. Doch nun geraten sie zwischen die Mühlsteine der islamistischen und der kurdischen Interessen.

Yakoub Afram ist voller Sorgen. Der Vorsitzende der Assyrischen Föderation in Schweden, der größten Interessenvertretung der Volksgruppe in Europa, beobachtet die derzeitige Situation im Irak sehr genau, telefoniert täglich mit den Betroffenen in seiner Heimat.

Assyrer ist die geläufigste Selbstbezeichnung der Christen im Norden Iraks und Syriens sowie im Südosten der Türkei. Sie gehören verschiedenen Kirchen an, haben jedoch als gemeinsames Idiom das Aramäische, eine altsemitische Sprache.

In Mossul gibt es bereits keine Christen mehr, da dort die Truppen der Gruppe Islamischer Staat (IS), eine Vereinigung radikaler Muslime, die Christen praktisch vertrieben hat. Vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2003 lebten in der zweitgrößten Stadt des Landes 50 000 Christen. Seit dem 22. Juni wurde dort zum ersten Mal seit Jahrhunderten kein christlicher Gottesdienst mehr gehalten.

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

»Die meisten Flüchtenden aus Mossul kommen in die Ninive-Ebene, dort ist die Situation etwas besser«, erläutert Yakoub Afram.Die Region gilt als eine der letzten im Nahen Osten, in der Christen in der Anzahl dominieren. Die fruchtbare Ninive-Ebene gilt als Brotkammer des Irak, worauf freilich die im Norden ansässigen Kurden schon lange öffentlich Ansprüche anmeldeten.

Die Kurden nutzten die Konfliktsituation mit den IS-Truppen aus, um ihre eigene Position in der Ninive-Ebene zu stärken. Demnach hätten am 25. Juni kurdische Einheiten sunnitische Araber nahe der Stadt Al Hamdaniya, rund 30 Kilometer südöstlich von Mossul, angegriffen. Dort gingen bereits Gerüchte um, dass IS-Truppen die Stadt einnehmen würden, was eine Massenpanik unter den vornehmlich assyrischen Einwohnern auslöste.

Ziel der (vornehmlich sunnitischen) Kurden sei es, die Stadt Tigrit als südliche Grenze des autonomen Kurdengebietes zu etablieren. Seit dem 9. Juni, seit die irakischen Streitkräfte nach Süden geflohen sind, weht in allen Gegenden, wo Minderheiten leben und die Kurden militärisch dominieren, die kurdische Fahne. Teils hätten auch die Kurden Assyrer verhaftet und deportiert, so Afram. Afram glaubt, dass den Assyrern die Erlaubnis gegeben werden müsste, sich selbst zu bewaffnen. Es gab seit 2005 Anläufe, für die Bewohner der Region der Ninive-Ebene eine regionale Streitmacht in Bataillonsstärke zu etablieren. Auch das amerikanische »Joint Operation Center« war in den Beschluss mit einbezogen. Aber die Kurdische Regionalregierung sowie Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistans hätten dies verhindert. Es existierten darum heute keine bewaffneten Gruppen auf Seiten der Assyrer, die ernsthaften Widerstand leisten können.

Die kurdische Okkupation würde zudem den Autonomiebestrebungen der Region zuwiderlaufen, die vor Kurzem umgesetzt werden sollten. Der irakische Ministerrat stimmte im Januar dafür, der Ninive-Ebene den Status einer Provinz zuzugestehen, um den Assyrern mehr Autonomie zu ermöglichen und sie zum Bleiben zu bewegen. Denn von den einst etwa 1,5 Millionen Christen im Irak sind seit dem zweiten Golfkrieg 2003 bereits mehr als eine Million geflohen.

Die Föderation in Schweden fordert deshalb eine »Fact-Finding-Mission«, die die Ereignisse um Al Hamdaniya untersucht, sowie eine internationale Unterstützung für mehr politische Selbstständigkeit der Bevölkerung der Ninive-Ebene.

Doch die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben droht aktuell von den IS-Truppen. Viele Assyrer sind deshalb nach Norden, nach Ankawa geflohen, einer vornehmlich von Assyrern bewohnten Vorstadt der kurdischen Metropole Arbil. Dort versucht sie Ignatius Joseph III., Patriarch der syrisch-katholischen Kirche zur Rückkehr zu motivieren. »Unser Überleben steht auf dem Spiel«, sagte der Geistliche kürzlich gegenüber dem schwedischen Staatsfernsehen. »Wir müssen darum mutig sein und uns verteidigen.«

Die Stadt schwillt von christlichen Flüchtlingen immer mehr an, die teilweise ohne Hab und Gut fliehen mussten. Ignatius Joseph III. sieht die Ursache für den militärischen Erfolg der Islamisten in der Finanzierung durch arabische Staaten. Der Westen kritisiere dies nur deshalb nicht so laut, da er das Öl dieser Staaten brauche, so der streitbare Geistliche.

Wer es sich von den verbliebenen Christen im Irak leisten kann, flieht in den Westen. Schweden fährt eine besonders großzügige Flüchtlingspolitik. Von den Assyrern kennt fast jeder die schwedische Stadt Södertälje, in der Mittelstadt sind bereits ein Drittel der Bevölkerung syrischer Herkunft. Das nordische Land wird so bald das Zentrum der orientalischen Christen sein, sollte sich die Regierung in Bagdad nicht behaupten können.

Jens Mattern

Mittag am alten Schafstall

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: Gedanken eines Rekonvaleszenten nach einem Infarkt

Dem Wunsch vieler Leser folgend veröffentlichen wir monatlich einen literarischen Beitrag. Diesmal eine Erzählung von Theodor Weißenborn.

Ich sitze im Gartensessel am Schafstall und blinzle, auf der Schwelle zum mittäglichen Schlaf, aus dem Schatten des Sonnenschirms in die Hitze, die wabernd und sengend den Hang heraufsteigt, über den Dächern des Dörfchens brütet und die Menschen in der dämmrigen Kühle der Häuser hält. Dort riecht’s in Kellern und Küchen nach unbekanntem Gewürz, rumort Madame Ligaut in der Vorratskammer, quengeln die Kinder über ihren Schulaufgaben, verkriechen sich Katze und Hund in die schattigsten Winkel und sind Mensch und Tier geplagt von den immer schwirrenden Scharen der Fliegen, die zum Land gehören wie die Autos zur Stadt.

Dies ist die Südwestecke des hochgelegenen Gartenplateaus, die kleine Bastion aus Granitmauerwerk, das das Gelände zur Straße hin stützt, Restgemäuer aus der Zeit, als an der Stelle der Schule ein Schlösschen stand. Der Lehrer, dessen Wohnung über den Klassenräumen lag und der, irgendwann im vergangenen Jahrhundert, aus den Steintrümmern den Stall für seine Schafe errichtete, hat diesen Ausguckplatz ausgespart, indem er nur einen Teil der Westmauer als Fundament nutzte, sodass in der Mauerecke selbst ein geschützter Terrassenplatz blieb, den nun im Norden die Mauer des Schafstalls begrenzt.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

Am grauen Gestein klettern Efeuranken hinauf bis zur Kante des steingedeckten Daches; dort haben sie keinen Halt mehr gefunden, keine Fläche für ihre sich anklebenden Füßchen, oder der Sturm hat sie losgerissen, nun wehen sie im Wind, pendeln matt in den warmen Mittagslüften oder rudern wild, wenn zerrende Böen bald einsetzenden Regen ankündigen. Bei kurzen Schauern, wenn der Wind durchs Laub fegt, die Sträucher verstört und die Wipfel der Maronen- und der Nussbäume aufregt, aber auch bei Gewitter, wenn Blitzschlag droht und in den Bergen die Donner rollen, stelle ich mich unter im Stall, dessen Tür Gaspards Schafen freien Eintritt und Ausgang gewährt.

Mensch und Hund und Schafe teilen sich dann den Platz inmitten der vom Regen umtosten Dämmerung und blicken, je nach Temperament, mit Gleichmut, Groll oder Behagen hinaus ins strähnende Grau, in vom Boden aufsteigende wallende Nebel und schieben allenfalls einmal eine Nasenspitze hinaus in den Wasserschleier, der vom Dach herabstiebt und sich windet im Wind. Und am wachsenden Brausen in der kleinen Schlucht jenseits der Westmauer ist zu hören, wie die Ouze anschwillt, und kommt gar ein Wolkenbruch oder ein Hagelschlag, so klirrt’s im Bachbett von rutschendem, schiebendem Gestein, und du weißt: nun wird’s eng im Gewölbebogen unter der Straße nach Châtelet, und in den nächsten Tagen haben dort wieder die Bagger zu tun.

Aber jetzt wärmt die Sonne im Übermaß. Das Gemäuer wirft die Hitze zurück, und die schwarzen basaltnen Decksteine der Mauerkrone sind so heiß, dass der Hund seine Pfoten nicht daraufsetzen mag. Er wollte sich aufstemmen, um zu sehn, wer auf der Straße daherkommt und jetzt unten am Fuß der Bastion entlanggeht, denn das muss er wissen, so wie Madame Juillard Wesentliches zu versäumen fürchtet, wenn sie mir, scheu hinter der Gardine stehend, nachschaut, wenn ich durchs Dorf gehe mit Kuno oder gar einen Besucher bei mir habe wie den vollbärtigen Serge.

Also, Kuno, ich sag dir, wer da unten geht: Wanderer, Bergsteiger sind’s, die den Plomb du Cantal erklimmen wollen. Ich sehe sie zwar nicht, aber ihre Stimmen gehen vorüber, und ich höre, wie einer von ihnen sagt: »Das Schlimmste ist die Schleiferei, le bizutage! Das ist grauenhaft! Entwürdigend!« – was mir Anlass gibt, darüber nachzudenken, ob er von der Sorbonne oder von der Fremdenlegion spricht.

Dann sind die Leute vorüber. In der Serpentinenkurve oben bei La Gazelle taucht zehn Minuten später noch einmal ein weißes Hütchen auf, dann verschwindet auch das; und nun herrscht wieder Ruhe im Massiv Central, und nur ein Hahnenschrei ist zu hören aus dem Garten der Ligauts und einmal das triumphierende Gegake einer Henne, die einen riesigen Wurm gefunden oder ein Ei gelegt hat.

Der Hund liegt hechelnd im Schatten der Mauer, eine Fliege summt und wird lästig, aber ich bin schon zu müde, sie zu verjagen. Die Lider fallen mir zu, meine Arme werden schwer, die Linke mit dem Buch sinkt ins Gras, eine wohlige Spanne Zeit verharre ich noch auf der Schwelle, dann gebe ich nach, lasse mich fallen und entgleite in exotische Gefilde, schwebe über tintenfarbigen Seen inmitten moosgrüner Wälder, steige zu Bergwiesen auf und lande auf Inseln, deren Bewohner entzückt sind, mich kennenzulernen, mich zum Rundtanz laden – Sirtaki –, mir Saitenins­trumente bringen, auf denen ich spielen soll, und ein Mann mit Brille, der Lehrer, behauptet, ein Buch über mich geschrieben zu haben, das heißt »Der Zupfgeigenhansel«.

Und dann summt wieder die Fliege und ist lästig, ich erwache und scheuche sie und richte mich auf, gieße mir aus der schon bereitstehenden Thermoskanne meinen Nachmittagskaffee ein und genieße, sehr bewusst und mit Behagen, meine Rekonvaleszenz, das Kurgastgefühl der Senioren, diese milchig-cremige Melange aus Wehmut und Euphorie, schwindender Sorge und wachsender Zuversicht, und lasse mich durchströmen von jener großen Ruhe, die mich auf die Frage, was der Infarkt mir gebracht habe, antworten ließ: »Gelassenheit und Distanz im Umgang mit Dingen und Menschen.«

Gottes Name, er brennt für uns

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Der Schlüssel zur ersten Bitte des Vaterunsers ist in der Dornbuschgeschichte (2. Mose 3) zu finden

Monatlich führen wir unseren Glaubenskurs »Credo« weiter, der die Bitten und Aussagen des Vaterunser beleuchtet. Diesmal geht es um die Bitte »Geheiligt werde dein Name«

Der aus der Sklaverei Ägyptens geflohene Mose sieht in der Wüste seiner Flüchtlingsexistenz einen brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, aus dem heraus »Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!« (V. 5). Er ernennt Mose zum Retter seines Volkes und er offenbart ihm seinen heiligen Namen. Der jüdische Hörer hört hier die alles bestimmende Anfangsgeschichte der Offenbarung Gottes für sein geliebtes Israel. Angesichts dessen Gefangenschaft in Ägypten ist diese Geschichte schon in ihrem Ursprung eine Befreiungs- und Widerstandsgeschichte. Die heiligen Gottesflammen sengen den erschrockenen und widerstrebenden Mose an und belegen ihn für den Befreiungsdienst. In äußerster Strenge nimmt der Heilige den ägyptischen Sklaven Mose in Beschlag. Und im Widerstand gegen Gottes Auftrag fragt Mose nach der Macht seines heiligen Namens. Die Antwort zeigt, wie Gott seinen Namen preisgibt und zugleich verhüllt, wie er sich Mose zu erkennen gibt und doch unverfügbar bleibt: »Ich werde sein, der ich sein werde« (3,14). So wird meist übersetzt. Die jüdischen Theologen Martin Buber und Franz Rosenzweig jedoch haben nachdrücklich darauf verwiesen, dass aus dem erzählerischen Zusammenhang der Dornbuscherzählung nur eine Übersetzung des unaussprechlichen Namens gerechtfertigt ist, die nicht das So- und Ewigsein Gottes in den Vordergrund rückt, »sondern das Gegenwärtigsein, das Für-euch- und Bei-euch-Dasein und -Daseinwerden«. Also, »Ich bin doch da. Ich bin bei euch« – das ist sein heiliger Name. So brennt er für Israel. So aber beansprucht er auch eine Heiligkeit, die sich jeder Form des Zugriffs und der Instrumentalisierung entzieht. Mit diesem Namen lässt sich nicht angeben oder experimentieren, schwören oder zaubern.

Die Heiligung des Gottesnamens erschließt sich nun aber für uns Christen erst in den Schlussworten des Matthäusevangeliums (Matthäus 28, 20) als den letztgültigen irdischen Worten des Auferstandenen auf dem Gottesberg: »Und siehe, ich bin bei euch.« Im Kontext der göttlichen Namensoffenbarung im brennenden Busch aus 2. Mose 3 wird klar, warum die zweifelnden Jünger nicht religiös ergriffen zum Himmel hinaufblicken, sondern vor dem Heiligen im Gottesschrecken erschüttert auf ihr Gesicht fallen (Matthäus 28, 17) – ebenso, wie es von Mose heißt: »Und er verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen« (V. 6).

Und der Engel des Herrn erschien ihm  in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte  und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2  Foto: Burkhard Dube

Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2. Foto: Burkhard Dube

»Ich bin bei euch«: Der Name des Gottes Israels verbindet sich für uns Christen mit dem Namen des Auferstandenen. Und so wie sich Gott mit seinem Namen Israel nicht in die Hand gibt, so bleibt auch der Auferstandene unverfügbar.
Mose muss sich gegen alles Widerstreben auf den Weg machen und dem heiligen Namen trauen. Nur im Aufbruch und im Gehorsam, der den je notwendigen Widerstand gegen Pharao und die Befreiungsaktion für Israel einschließt, wird er die Macht des Namens erfahren. Und so wie Israel dem Gott der Väter nicht vorschreiben konnte, wie er ihnen befreiend und leitend vorausgehen sollte, so kann sich auch die Nähe und Gegenwart des Auferstandenen für uns sehr anders ereignen, als wir uns das wünschen.

Wie kann man in den Schrecken unserer Tage, wie in schweren Niederlagen auch eines persönlichen Lebens noch an den Namen des Auferstanden, der Gott für uns zu sein verspricht, glauben? Wie kann man heute diesen Namen »heiligen«, wo doch so vieles dagegenspricht? Man »kann« es gar nicht. Ganz und gar ist der Glaube darauf angewiesen, dass »Gott treu die Verbindung hält und wir mit ihm treu in Verbindung stehen« – was die ursprüngliche Bedeutung von »heilig« und »heiligen« im Neuen Testament ist. Sein heiliger Name muss uns erscheinen und für uns brennen. Und noch radikaler stellt sich im Angesicht des brennenden Busches und des Kreuzes auch die Frage nach der Macht des Bösen, das täglich über so viele Menschen kommt. Der Glaube hat dafür bis zum Jüngsten Tag keine Antwort parat, die aufgeht. Er kann den Namen nur vom Feuer und vom Kreuz Christi her als mit den Leidenden mitleidend denken. »Ich bin doch da; ich bin bei euch.« Das ist sein Name. Das ist seine Heiligung. Und das ist ein Widerstandswort! Jede weitere Antwort wäre Vermessenheit angesichts der Opfer. Die Klage bleibt offen. Und doch hält der Glaube sich an den Trost, dass Gott in der Kraft seines Namens den Opfern nahe ist und sie in Ewigkeit bewahrt, ja, uns alle heiligt und bewahrt.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Die Mensch-Maschinen

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik: Cyborgs sind Mischwesen zwischen Mensch und Technik – doch was bisher eher Fantasie war, wird zunehmend Realität

Sie tragen Magneten in ihren Fingerkuppen, haben sich Kopfhörer ins Ohr implantieren lassen oder Computerchips unter die Haut. Eine futuristische Vision ist Wirklichkeit geworden: Schon heute leben »Cyborgs« unter uns.

Wer bei Cyborgs zuallererst an willenlose Kampfmaschinen aus US-Filmproduktionen denkt, kennt Enno Park noch nicht. »Ich bin ein Cyborg«, sagt der 40-Jährige. Seit drei Jahren trägt der studierte Wirtschaftsinformatiker, der als Kind infolge einer Masernerkrankung gehörlos wurde, ein Chochlea-Implantat. Die Prothese hat ihm sein Hörvermögen zurückgegeben.
Cyborgs, so die offizielle Definition, sind Mischwesen zwischen Mensch und Technik. Schon Mitte der 80er Jahre hat sich die Feministin Donna Haraway in ihrem Aufsatz »Ein Manifest für Cyborgs« mit den Schnittstellen von Mensch und Technik auseinandergesetzt. »Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion«, schreibt die Biologin.

Es gibt viele Menschen mit technischen Implantaten
Weltweit gibt es inzwischen Männer und Frauen, die sich selbst als Cyborgs verstehen. Der irische Künstler und Komponist Neil Harbisson ist bekannt geworden, weil er als farbenblinder Mann mit Hilfe einer in seinen Schädel implantierten Antenne Farben »hört«. Sein »Eyeborg« kann Farben in hörbare Frequenzen umwandeln. Der US-Amerikaner Rich Lee hat sich Kopfhörer in die Ohren einpflanzen lassen. Der Hacker Tim Cannon aus New York trägt einen Chip unter der Haut, der seine Blutwerte misst. Wieder andere haben Magneten im Zeigefinger, um damit Magnetfelder zu erspüren.

»Wir sind die Borg! Widerstand ist zwecklos, Sie werden assimiliert«: Im Science-Fiction-Universum von Star Trek sind die Borg eine beängstigende, kriegerische Rasse, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Mit Hilfe von Implantaten meint sie ihre biologischen Unzulänglichkeiten überwinden zu müssen – bei gleichzeitiger moralischer Skrupellosigkeit. Szenenfoto aus dem Film »Der erste Kontakt«, der 1996 in die Kinos kam. Foto: picture alliance

»Wir sind die Borg! Widerstand ist zwecklos, Sie werden assimiliert«: Im Science-Fiction-Universum von Star Trek sind die Borg eine beängstigende, kriegerische Rasse, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Mit Hilfe von Implantaten meint sie ihre biologischen Unzulänglichkeiten überwinden zu müssen – bei gleichzeitiger moralischer Skrupellosigkeit. Szenenfoto aus dem Film »Der erste Kontakt«, der 1996 in die Kinos kam. Foto: picture alliance

In Berlin haben sich – nach Vorbildern in Barcelona und Pittsburgh – mehrere Gleichgesinnte inzwischen im Verein Cyborgs e.V. zusammengefunden. Als Ziel haben sich die Mitglieder unter anderem gesetzt, Prothesen zu hacken sowie Funktionsweisen, Nebenwirkungen und Gefahren von Implantaten zu dokumentieren. »Wir wollen das Bild des Cyborg als Terminator mit Laserschwert in der Öffentlichkeit korrigieren«, sagt Enno Park, der Vorsitzender des Vereins ist. »Die Technik ermöglicht Sinneserweiterungen.«

Inzwischen beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dem Phänomen. »Ein Cyborg ist ein Lebewesen, das durch ein technisches Implantat in seiner Leistungsfähigkeit beeinflusst wird«, definiert Christof M. Niemeyer vom Karlsruher Institut für Technologie. Der Forscher fügt hinzu: »Das ist bereits der Fall, wenn man einen Herzschrittmacher implantiert hat.«

Das ist nur ein Beispiel unter vielen: Netzhautimplantate geben fast Blinden das Augenlicht wieder, Gehirnimplantate stimulieren tiefe Hirnregionen und werden bei Epilepsie-Patienten oder in der Schmerztherapie eingesetzt. Wissenschaftler arbeiten zudem an Schnittstellen im Gehirn, über die Arm- oder Beinprotesten gesteuert werden können oder mit deren Hilfe Behinderte ein Auto lenken.

Demgegenüber warnt der Tübinger Medizinethiker Jens Clausen vor einer zu leichtfertigen Anwendung des Cyborg-Begriffs auf den Menschen. »Wenn wir von Cyborgs sprechen, sprechen wir von Mischorganismen«, sagt der Wissenschaftler. Cyborgs, so erklärt er, sind moralisch-defizitäre Wesen, die eine Bedrohung für die Menschen darstellen. »Den Begriff auf Menschen mit Herzschrittmacher anzuwenden, ist hochproblematisch.« Clausen verweist auf die Grenzen der technischen Optimierung des Menschen: »Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der wir 24 Stunden nur Leistung bringen?«, fragt er.

Mensch und Technik: Fließende Grenzen
Andere Wissenschaftler gehen hier weiter. Die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology glaubt, dass bereits Menschen, die intensiv Smartphones oder Tablets nutzen, mit der Technik eins und so zu einer Art Cyborg werden. »Wir sind jetzt alle Cyborgs«, schreibt sie in ihrem Buch »Alone together« (»Allein zusammen«).

Und der »Cyborg« Enno Park? Momentan tüftelt er an einem Zwei-Cent-Stück-großen, vibrierenden Wecker, den er sich in den Arm implantieren lassen will. Nachts sind seine Implantate ausgeschaltet, einen herkömmlichen Wecker hört er nicht. Den gebürtigen Ostfriesen stört aber auch die Abhängigkeit von Ärzten, das Warten in Krankenhausfluren, wenn es um die Nachjustierung seines Implantats geht. Viel lieber würde er das in einem Café selbst tun, gibt er zu. »Es geht darum, die Grenzen des Machbaren auszuloten«, sagt er.

Barbara Schneider (epd)

Verein Cyborgs e.V.:
http://cyborgs.cc
Homepage von Enno Park:
http://ennopark.de/uber-mich