Tanzmusik und Taizé

30. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: 20 000 junge Menschen und ein kirchliches Angebot am Rande eines Musik-Festivals in der Tagebauarena von Ferropolis


Sie kommen aus aller Welt in die Ferropolis, um ihre Musik zu hören. Mit der Aktion »3DS« wollte die Kirchengemeinde Gräfenhainichen junge Festivalbesucher anlocken. Ein Besuch vor Ort.

Es ist still in Gräfenhainichen – der Stadt, die auf der Landkarte aussieht wie eingeklemmt zwischen zwei Seen, die einmal Tagebaue waren. Die Sonne hat den Platz vor der Kirche aufgeheizt. Über das Pflaster schlendern, Pilotenbrille auf der Nase und Jutebeutel geschultert, kleine Gruppen junger Menschen. Sie sind hip, sie sind schön, sie sind urban. Sie sind in Gräfenhainichen. Unaufgeregt unterhalten sie sich und man hört, dass sie einen weiten Weg hatten bis hierher: Polen, Australien, Niederlande. Dort, wo Schatten ist, werden die Ansammlungen größer: Im Stadtcafé, das voller ist als vermutlich sonst. Oder hinter der Kirche, deren Mauern kurze Schatten werfen.

Musik, Party, Tanzen und ausgelassene Stimmung vor der beeindruckenden Kulisse von Tagebau-Großgeräten bestimmen die Atmosphäre auf dem Melt! Festival in der Ferropolis bei Gräfenhainichen. – Foto: picture alliance

Musik, Party, Tanzen und ausgelassene Stimmung vor der beeindruckenden Kulisse von Tagebau-Großgeräten bestimmen die Atmosphäre auf dem Melt! Festival in der Ferropolis bei Gräfenhainichen. – Foto: picture alliance

Dass nur fünf Kilometer entfernt in Ferropolis, der Stadt aus Eisen, eines der wichtigsten Musikfestfestivals für elek­tronische und alternative Musik tobt, ist hier nicht zu ahnen. Wären da nicht die für die Stadt ungewöhnlich vielen Menschen unter 30 mit den Eintritts-Armbändern des Festivals. Für drei Tage lockt das MELT! mehr als 100 Künstler in die Geburtsstadt Paul Gerhardts und an die Ufer des Sees, an dessen Stelle bis 1982 der Ort Gremmin lag, bis der Tagebau Golpa-Nord ihn schluckte.

Drei Tage, 20 000 Besucher. Party, Tanzen, Alkohol. Die Nacht zum Tag machen. Hedonistisch? Vielleicht. Wen interessiert schon der Morgen, wenn man jetzt, und nur jetzt lebt, liebt und feiert? Berauscht von der Musik, verschwitzt unter alten Kohlebaggern.

Und dann schlendern sie in die St.-Marien-Kirche mitten in der Stadt. Nicht viele, aber 250 bis zum Ende des Festivals. Zufällig die einen, absichtsvoll die anderen. Wie Lukas aus Braunschweig. Von der Kirche habe er sich, nach zehn Jahren als Messdiener, lange schon distanziert. Aber es sei ein vertrauter Ort. Heimat irgendwie. Er brauche den Kontrast zwischen Gotteshaus und Tanzboden, ausflippen und ankommen.

Oder Espen, Anfang 20, aus Amsterdam. Ein hagerer Typ im Unterhemd, die langen Haare zu einem absichtsvoll ungepflegten Knäul gebunden. Die Kirche stand halt da auf seinem Spaziergang durch die Stadt, erzählt er. »Ich mag den Frieden und die Abgeschiedenheit«, sagt er. Das habe er zwar nicht wirklich gesucht, in St. Marien aber gefunden. »Kannst du dir vorstellen, am Abend hier zu einer Taizé-Andacht herzukommen?« »Vorstellen kann ich es mir schon.« Einkehr statt Elektro, Beten statt Beats? Mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und regem Interesse sagt er »Why not? – Warum nicht?« und wippt lässig von der Kirche weg. Irritierend das Schwanken zwischen Neugier und Unentschlossenheit, Offenheit und Distanz, Sehnsucht und Planlosigkeit. St. Marien und MELT!: Keine schlechte Kombination.

Igor, ein Hüne aus Köln, will eigentlich nur entspannen. Das geht zwar auch in der Kirche, aber länger drin bleiben als nötig? Vielleicht auch einmal beten? »Ne, das is nix für mich«, sagt er und schaut so irritiert, als wäre er etwas Ungehöriges gefragt worden. Für manche ist die Schwelle dann doch zu hoch.

Anika Scheinemann-Kohler und eine Gruppe von Kirchenführern hatten die Idee, dass St. Marien an den Festivaltagen nicht nur offen steht, sondern dass denen, die kommen, auch Angebote gemacht werden: Gebet, Gespräch, Stille. Die Internetseite von Ferropolis wirbt mit einem Zitat der Londoner Tageszeitung »The Guardian«: »Die Bagger ragen in den Himmel wie gotische Kirchtürme«. Eine schöne Verbindung zwischen Festivalort und St. Marien, findet Scheinemann-Kohler. Sie ist erstaunt, wie selbstverständlich die MELT!-Jünger durch die Kirchentüre gehen. Und der Reporter fragt sich still, wer heute die größten Berührungsängste hat: Die Jugendlichen gegenüber der Kirche oder vielleicht doch andersherum? St. Marien ist offen. Eine gute Idee.

Zwei große, kräftige, etwas ruppige Männer, Festivalbesucher auch sie, kommen in die Kirche. Mit einer Plastiktüte schlurfen sie durch den Mittelgang, als einer dem anderen zuruft: »Ich zünd’ mal schnell ’ne Kerze an für Oma!« Eine Spende noch in den Opferstock und raus in die Sonne.

Werbung auf dem Festival durfte die Kirchengemeinde nicht machen. Das MELT! sei halt keine religiöse Veranstaltung, ließen die Veranstalter das Kirchen-Team wissen. Schade findet das Anika Scheinemann-Kohler. Aber irgendwie passt es, als sie sagt, sie wollten »nicht viel Lärm um nichts machen«, sondern lieber in aller Stille etwas wachsen lassen.

Während andere noch ihren Rausch ausschlafen, blinzelt Lukas vor dem Portal der Kirche in die Sonne. Vielleicht kommt er zur Abendandacht noch mal vorbei. »Schon wie ein Zuhause, so ein Haus.« Das Partyvolk: Es will nur seine Ruhe.

Stefan Körner

Stichwort: Melt! und Ferropolis
Zum Melt! Festival (Melt! = »Schmilz!«) wird seit 1999, mit einer Unterbrechung 2003, jährlich ins Freiluftmuseum für den Braunkohletagebau Ferropolis bei Gräfenhainichen eingeladen. Mit regelmäßig rund 20 000 Besuchern aus aller Welt und einer Vielzahl unabhängiger Künstler gilt das dreitägige Treffen als eines der wichtigsten internationalen Festivals für die Verbindung von Rockmusik und elektronischer Musik.

Ferropolis, die »Stadt aus Eisen«, entstand 1995 auf einer Halbinsel im inzwischen gefluteten ehemaligen Tagebau Golpa-Nord bei Gräfenhainichen im Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Auf dem Gelände wurden unter anderem fünf Großgeräte aus dem stillgelegten Tagebau aufgestellt. Darunter ein riesiger Eimerkettenschwenkbagger (mit dem Spitznamen »Mad Max«) und ein Schaufelradbagger (»Big Wheel). Sie rahmen eine Veranstaltungsarena, in der regelmäßig zu Großveranstaltungen eingeladen wird. Unter anderem traten hier 2007 rund 5 000 Chorsänger zum Abschluss des »Paul-Gerhardt-Jahres« auf. Der Liederdichter wurde am 12. März 1607 im nahen Gräfenhainichen geboren.

Mönche im Naturpark

29. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gestalten erinnern an das Wirken des Zisterzienserordens vor 800 Jahren

Insgesamt sieben Mönche werden demnächst den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft im Süden von Brandenburg bevölkern. Nachdem bereits am 27. Mai ein Mönch mit einer Schreibfeder und einer Schriftrolle in Gruhno aufgestellt wurde, sind nun auch die restlichen sechs Zisterziensermönche bei Kettensägenkünstler Roland Karl (54) in Dobra fast fertiggestellt. Diese sollen in weiteren sechs Dörfern im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft aufgestellt werden. Die Mönche beschreiben einzelne Stationen der Naturpark-Radtour »Auf den Spuren der Mönche von Dobrilugk«, die vor Jahren auf Initiative des Bürger- und Heimatvereins Doberlug-Kirchhain und Umgebung in Zusammenarbeit mit dem Naturpark entstanden ist. Jeder der Mönche trägt ein Symbol für die Arbeit und das Wirken der Zisterziensermönche des Klosters Dobrilugk beim hochmittelalterlichen Landesausbau in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bei sich.

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Kettensägenkünstler Roland Karl mit seinen Holzfiguren. – Foto: Veit Rösler

Der Mönch mit den Kräutern wird in Oppelhain aufgestellt, in Anlehnung an den Oppelhainer Kräutergarten. Der Mönch, der einen Fisch trägt als Symbol für die von den Mönchen eingeführte Fischzucht, wird in Fischwasser installiert. Der betende Mönch wird vor dem Klosterrefektorium von Doberlug seinen Platz finden. Der Bienenkorbträger geht nach Lugau, wo es die Zeidler bzw. Wildbienenzüchter gab und noch immer gibt. Den Mönch mit der Weinrebe erhält Friedersdorf und Hacke und Spaten als Symbol der landwirtschaftlichen Urbarmachung, gehen mit ihrem Träger nach Lindena.

Der bereits aufgestellte Mönch von Gruhno beschreibt die Einführung der Schriftlichkeit und gleichzeitig die umfangreiche und detailreiche Chronik des Ortes. Vor rund 800 Jahren siedelten an den Ufern der Kleinen Elster bei »dobry lug« (»Gute Wiese«) Mönche des Zisterzienserordens, um ein Kloster aufzubauen und das Leben der Menschen zu erleichtern. Sie machten die Gegend urbar und bewirtschafteten das Land. Dafür rodeten sie Wälder, legten Fischteiche und Weinberge an und sumpfige Niederungen trocken, betrieben Bienenzucht.

Im 13. Jahrhundert gehörten dem Kloster nahezu 60 Orte, Wirtschaftshöfe und andere Besitzungen an. Die Zisterzienser prägten die typische Backsteingotik und hinterließen Baudenkmäler von höchster künstlerischer Vollendung. 1541 wurde das Kloster in Doberlug in Folge der Reformation aufgelöst. Hinterlassen haben die geistlichen Menschen Kirchen, Teiche und alte Flurnamen. Schon jetzt werben Einwohner anderer Ortschaften um weitere Mönche. So gibt es in Hohenleipisch zum Beispiel einen »Klosterberg« und einen »Pfaffenberg«.

Wie vom Naturpark zu erfahren ist, sind die touristisch »attraktiven« Mönche jedoch nur auf den Radwanderweg, der von Doberlug über das ehemalige Vorwerk Schulz und die Klosterdörfer Lugau, Fischwasser, Gorden, Oppelhain, Friedersdorf, Gruhno und Lindena führt, begrenzt. Etwa eine Woche Arbeit hat Kettensägenkünstler Roland Karl in jeden der Mönche aus dem Holz der Stieleiche gesteckt. Roland Karl hat bereits an anderen Stellen Figuren wie Waldgeister, Forstmänner und Symboldarstellungen für den Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft geschaffen. Damit sie lange halten und so auch an Ort und Stelle bleiben, werden die Figuren nach der künstlerischen Fertigstellung noch mit einem Witterungs- und Diebstahlschutz ausgestattet.

Veit Rösler

Helden außer Dienst

28. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kroatien: Im zerfallenden Jugoslawien kam es vor mehr als 20 Jahren zum ersten europäischen Krieg nach 1945


Derzeit gedenkt die Welt des Ersten Weltkrieges, der auf dem Balkan seinen Ausgang nahm. Auch vor 20 Jahren tobte in Kroatien ein blutiger Bürgerkrieg. Bis heute kämpfen manche der »Helden a. D.« mit Behinderungen und traumatischen Erlebnissen.

Der Krieg lässt jeden Tag grüßen, er steckt hier, unter meinem Knie.« Ivica Andrijic lacht, legt seinen Helm ab und schließt die Ladentür auf. Eine Kundin hat sich gemeldet, sie möchte »einen blauen Flügel oder so etwas«. Neben dem gepolsterten Stuhl liegen Nadeln und Farben bereit. »Die eigenen Oberarme kann man schlecht tätowieren, aber vielleicht soll ich es an meinem Plastikbein versuchen.« Vor dem Ladenfenster, auf der anderen Seite der Straße, öffnet sich ein kleiner Hafen. Die See ist still. Ein paar Motorboote glänzen in der Sonne, in der Ferne heben sich die Hügel um Dubrovnik empor.

Ivica Andrijic verlor durch eine Mine ein Bein – Fotos (3): Zoran Marinovic

Ivica Andrijic verlor durch eine Mine ein Bein – Fotos (3): Zoran Marinovic

Vor 22 Jahren tobte auf diesen Hügeln noch der Krieg. Serbische Einheiten belagerten neun Monate lang die Stadt Dubrovnik, über 100 Zivilisten und 200 kroatische Soldaten kamen ums Leben. Für Ivica Andrijic endete der Krieg vorzeitig. Er hatte Glück. »Aus heutiger Sicht jedenfalls. Damals war ich jung, es ging mir weniger um Kroatien und mehr um Adrenalin.« Er trat auf eine Mine und alles war zu Ende. »Es war nicht einmal während eines gefährlichen Einsatzes.« Danach kam das Plastikbein. Und die Frührente.

Seit fast zehn Jahren betreibt Andrijic seinen Tattoo-Laden. Nachdem er fertig mit der Kundin ist, setzt er Helm und Sonnenbrille wieder auf, steigt auf sein Motorrad und fährt fürs Feierabendbier in die Altstadt. »Volle Mobilität«, ruft er dabei noch.

Kroatien ist vor einem Jahr als 28. Mitgliedsstaat der EU beigetreten. Neben den schönen Stränden der Adria und den schicken Fischrestaurants bringt es eine dramatische Geschichte mit. Die militärische Auseinandersetzung, die hier »Vaterlandskrieg« genannt wird, hat in den Köpfen und in den Körpern vieler ihre Spuren hinterlassen. Kroatiens Kriegsveteranen, die »Helden der Unabhängigkeit«, werden heute noch von der nationalistischen Propaganda verehrt, das Thema ist im höchsten Maße politisiert. »Der Staat hat sich um uns gekümmert, da kann ich mich nicht beschweren, und er macht es weiter«, sagt Ivica Andrijic. »Ohne diese Unterstützung hätte ich die Schwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre nicht so gut überstanden.«

Rund 60 000 Kriegsveteranen sind in Kroatien als Menschen mit körperlicher oder seelischer Behinderung registriert, oft geht es um beides. Das Schicksal der meisten hat wenig mit dem wiedergewonnenen Glanz der Adriaperle Dubrovnik zu tun. Sie müssen trotz Friedenszeiten weiter kämpfen – mit dem Stigma und mit den gesellschaftlichen Folgen kriegsbedingter Behinderung.

Knapp 100 Kilometer nördlich, in Bacina Jezera, steht das alte Haus von Jurica M., den alle Juhi nennen. Hinter dem Garten fangen schon die tiefblauen Seen an, die dem kleinen Ort den Namen geben. Als die Jugoslawische Volksarmee und die serbischen Paramilitärs 1991 diese malerische Landschaft Süddalmatiens einnehmen wollten, hatte der 23-jährige Juhi die Wahl: fliehen oder bleiben. Juhi blieb. »Das hieß: kämpfen. Unser Haus verteidigen.«

Die einzige Alternative: fliehen oder kämpfen

Als die Serben mit den Kriegsschiffen kamen, rüstete sich die Dorfjugend mit Messern und improvisierten Pistolen aus. Es folgte ein Kampf um die Häuser: Juhis erster Einsatz. Dann der nächste, im benachbarten Dorf. Nach einigen Wochen bekamen sie Kalaschnikows. Ein Jahr verging. An einem Nachmittag im Juni 1992 versuchten sie, aus dem Hinterhalt die serbischen Einheiten zu überfallen. Es ging nach hinten los. Im Dorf Ravno gerieten sie unter Maschinengewehrbeschuss. Drei Kugeln aus der ersten Schusssalve landeten in Juhis beiden Beinen.

Juhi M. durchlöcherte ein serbisches Maschinengewehr die Beine und eine eigene kroatische Kugel den Magen

Juhi M. durchlöcherte ein serbisches Maschinengewehr die Beine und eine eigene kroatische Kugel den Magen

Die anderen sechs Jungen aus Bacina-Jezera öffneten das Feuer zur Abwehr. Eine kroatische Kugel traf Juhis Magen. »So etwas kommt vor im Krieg. Ja, ich weiß, wer das war. Wir sind beste Freunde geblieben.« Heute lebt Jurica M. immer noch in dem alten Haus, das er verteidigen wollte. Von seiner Veteranenrente lässt sich »normal leben und ein bisschen reisen«. Er selber sieht mit 45 älter aus. Insgesamt zwei Jahre musste er in einem Krankenhaus und diversen Rehabilitationsstationen verbringen.

Juhi lernte Auto fahren neu – und fuhr erstmal weg, durch ganz Europa. Wie die meisten Kriegsveteranen litt er, lange nachdem die körperliche Rehabilitation abgeschlossen war, unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. »Immer, wenn ich vom Krieg erzähle, habe ich heute noch Angst, dass die Albträume zurückkehren.« In einem chinesischen Schnellrestaurant in München versuchte er, sich mit Händen und Füßen Essen zu bestellen. »Dies tut nicht Not, Sie können hier gerne auf Kroatisch bestellen«, lachte ihn eine Kellnerin an. Er starrte sie verwirrt an. Sie klang ganz klar serbisch. »Es war unfassbar. In meinem Kopf tobte noch der Kampf und plötzlich bekam ich in Deutschland chinesisches Essen von einer Serbin. Ab dem Moment ging auch für mich der Krieg zu Ende.«

Erst später, als sich der neue Staat konsolidierte, fiel es auf, dass die Veteranen nicht nur ein Einkommen und Anerkennung brauchen, sondern auch eine Art Betreuung oder Therapie, die das Kroatien der 1990er Jahre nicht kannte. »Damals ging es um große Sachen, um Unabhängigkeit, um die Nation, um Demokratisierung. Die meisten hatten andere Sorgen als Behinderung und psychische Störungen«, erinnert sich Marica Miric vom Kroatischen Dachverband der Menschen mit Behinderung, SOIH. Um dieser Vernachlässigung ein Ende zu setzen, wurde SOIH gegründet. Er zählt mittlerweile 250 Mitgliedervereine und ist im südosteuropäischen Kontext einzigartig.

Dennoch: Das Land steckt trotz EU-Beitritt seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise, es herrschen wie überall in Europa die Sparprogramme. Investitionen, egal für welchen Zweck, kommen im Moment für die öffentlichen Kassen nicht in Frage. Besonders betroffen sind davon die Veteranen in ärmeren Provinzen wie Slawonien.

»Da diese Gegend stark umkämpft war, gibt es hier auch viele ehemalige Kämpfer mit Behinderung«, erklärt Darko Kralj. Er ist ein starker Mann mit tiefen, blauen Augen und großer Stirn. Bei den Sommer-Paralympics 2008 in Peking hat er im Kugelstoßen die Goldmedaille gewonnen. In der Vierzimmerwohnung, in der er zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern wohnt, hat er die Zeitungsausschnitte und Poster aus seiner langen Sportkarriere an die Wände geklebt. Hinter der Glastür des Schranks hängen alle Medaillen.

Grubišno Polje, eine Kleinstadt mit rund 6 500 Einwohnern, liegt ungefähr auf der halben Strecke zwischen Zagreb und Osijek. Rund herum ist nur Ackerland, die slawonische Ebene. »Das ist nicht Dalmatien, es gibt hier weit und breit keine Touristen. Das ist eben das Problem«, lacht Kralj. Für ihn hat der Krieg in diesem kleinen Ort begonnen. Es war im Sommer 1991, ganz am Anfang der Auseinandersetzungen. Als radikale Gruppen aus der serbischen Minderheit in Slawonien gewalttätig wurden, musste er intervenieren. Kralj war damals Polizist.

Zusammen mit 16 Mann patrouillierte er in einem Polizeiwagenkonvoi. Plötzlich schlug der Gegner zu, sechs Kollegen starben auf der Stelle, Kralj und andere waren schwer verletzt. Mit einem Helikopter wurden sie ins Krankenhaus in Osijek transportiert. Fernsehkameras warteten auf sie, die Bilder machten in den internationalen Medien die Runde. An Details seines ersten »Fernsehauftritts« kann sich Kralj nicht mehr genau erinnern. Sein linkes Bein war ihm damals wichtiger, die Ärzte mussten es schließlich amputieren.

Therapie oft nur in Selbsthilfe möglich

Goldjunge mit Stahlbein: Darko Kralj gewann bei den Paralympics 2008 in Peking die Goldmedialle im Kugelstoßen.

Goldjunge mit Stahlbein: Darko Kralj gewann bei den Paralympics 2008 in Peking die Goldmedialle im Kugelstoßen.

Ähnlich wie für andere Kriegsveteranen spielte der Sport auch für Kralj eine wichtige Rolle – sowohl bei der Wiederherstellung der Mobilität als auch bei der Anpassung an die Friedenszeit. Über 80 Prozent der kroatischen Kriegsveteranen litten oder leiden heute noch unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Diese kann manchmal mit den Jahren von allein zurückgehen und schließlich verschwinden. »Wenn man Glück hat, wie ich«, lacht Kralj. Oft aber muss die Störung therapiert werden, doch dies ist heute nur selten außerhalb der Großstädte möglich.

Neben seiner Sportkarriere engagiert sich Darko Kralj deshalb bei einem lokalen Veteranenverein. »Am Anfang gab es einfach viel Redebedarf, wir wollten unsere Erfahrungen mit den anderen teilen. Später haben wir versucht, hier in Grubišno Polje und anderen Orten der Region ein institutionelles Angebot zu organisieren, das unseren unterschiedlichen Bedürfnissen entspricht.« Seit zwei Jahren gibt es einen Therapeuten, der einmal in der Woche aus Osijek anreist und eine offene Sprechstunde in Kraljs Heimatort hält.

Kralj sagt, dass vor allem die psychologische Beratung oft in Anspruch genommen wird. »Man braucht das halt als Held a. D.«

Silviu Mihai

Bäume für Konfessionslose

26. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Gespräch in den Wipfeln der Bäume mit den der Kirche Fernstehenden

Die Kirchen sind in Bedrängnis geraten. Eine große Zahl von Austritten und die wachsende Fremdheit vieler Menschen gegenüber unserer christlichen Tradition, setzen den Kirchen zu. Diese reagieren mit Reformen und bemühen sich, die Kräfte zu bündeln. Mag sein, dass das manchmal übertrieben ist – im Großen und Ganzen ist das richtig. Denn eine Institution muss auf eine neue Lage mit Veränderungen reagieren. Die Frage ist jedoch: Reicht das? Oder braucht der institutionelle Umbau auch eine geistliche Neuausrichtung? Können wir die Ausgetretenen weiterhin aus der Geburtstagsliste streichen oder sollten wir entschiedener fragen, warum sich so viele Menschen von den Kirchen abwenden? Warum viele Menschen unsere Antworten auf Lebensfragen nicht hören wollen und den christlichen Glauben nicht (mehr) brauchen? Sollten wir nicht gar versuchen, die Ausgetretenen, die sogenannten Konfessionslosen, also die Mehrheit in unserer Gegend, neu zu verstehen?

Zachäus« – ein Aquarell des Malers und Grafikers Walter Habdank (1930–2001) – Copyright: Galerie Habdank, Maxhöhe 34, 82335 Berg am Starnberger See

Zachäus« – ein Aquarell des Malers und Grafikers Walter Habdank (1930–2001) – Copyright: Galerie Habdank, Maxhöhe 34, 82335 Berg am Starnberger See

Ich habe schon viele herablassende Bemerkungen über Konfessionslose gehört. Da heißt es: Ach, die haben ja keine Ahnung von unserer Kultur. Oder auch: Die haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Klar, so kann man sich aufplustern. Man fühlt sich immer gut, wenn alle anderen blöd sind. Ich kenne aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer, die verzweifeln. Die keinen Schlaf mehr finden, weil die Vergeblichkeit ihrer Arbeit sie quält.

Es gibt kein Patentrezept. Doch frage ich mich: Sollten wir nicht vielmehr die Konfessionslosen ernst nehmen? Können wir zugeben, dass auch uns Gott manchmal fremd ist und wir den Eindruck haben, er sei von uns gegangen? Kennen wir Christen denn keine Gottferne in unserem Herzen?

Viele Menschen wenden sich von den Kirchen ab, weil sie keinen Zugang zu unseren Gottesdiensten finden, weil sie Predigten nicht verstehen und weil ihnen unsere Antworten abstrakt und blutleer vorkommen. Ich kann das verstehen. Ich kann nachvollziehen, dass Menschen, die vom Leid in Syrien oder von Bürgerkriegen in Zentralafrika hören, die Stirn runzeln, wenn vom allmächtigen und barmherzigen Gott gepredigt wird. Sicher: Ich denke, sie runzeln ihre Stirn zu schnell. Sie sollten langsamer urteilen und tiefer fragen. Vielleicht sollten auch wir Kirchenleute manchmal langsamer antworten. Ratlosigkeit aushalten.

Wir sollten die Konfessionslosen als Suchende sehen. Sie sind uns nicht so fremd, wie bisweilen getan wird. Sie sind auch keine harten Atheisten. Eher Menschen, die wie der biblische Zachäus außerhalb stehen. Sie würden Jesus schon sehen wollen. Können sie aber nicht. Der biblische Zachäus klettert deshalb auf einen Baum. Und Jesus spricht ihn an.

Haben wir Bäume für unsere Konfessionslosen? Wir brauchen Kletterhilfen für sie. Und wenn wir gut sind, klettern wir mit ihnen gemeinsam. Dann treffen wir uns in den Wipfeln der Bäume und die Ausgetretenen erzählen von ihrer Enttäuschung über die Kirche. Und der Pfarrer erzählt von seinen Glaubenszweifeln. Andere erzählen von ihrer Hoffnung. Oder von Ängsten und vom guten Segen Gottes.

Das wäre was, wenn wir die konfessionslosen Mitbürger nicht mehr als die Fremden sehen könnten, sondern als Mit-Menschen. Wenn wir uns endlich fragen, was Gott uns mit der weltweit höchsten Konfessionslosigkeit sagen will.

Andreas Fincke

Der Autor ist Hochschulpfarrer in Erfurt

Kraftvolle Striche

23. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbige Fenster gaben Anstoß zur Max-Uhlig-Retrospektive in Magdeburg


Die Wucht des Striches und der Farben nimmt gefangen. Die frühen Grafiken sind ein Kontrapunkt. Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg präsentiert das Werk Max Uhligs mit 160 Gemälden und Zeichnungen.

Dass gerade Magdeburg die erste Retrospektive des 77-jährigen Dresdner Künstlers zeigt, hat mit einem Projekt zu tun, das Max Uhlig seit Jahren ganz und gar ausfüllt. Er entwarf farbige Fenster für die Südwand und monochrome für den Chor der Johanniskirche. Diese Kirche der Kaufleute, in der 1524 Martin Luther predigte und damit die Reformation in Magdeburg auf den Weg brachte, wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals zerstört. Nach 1945 stand sie als mahnende Ruine und ist seit 15 Jahren als städtischer Konzert- und Festsaal wieder aufgebaut worden. Das Kuratorium zum Wiederaufbau der Johanniskirche hat sich als Abschluss des Vorhabens die künstlerische Gestaltung der gotischen Fenster vorgenommen und wirbt dafür um Spenden.

Die Einladung, Entwürfe für dieses Projekt beizusteuern, nahm Max Uhlig gern an und war gefangen. Nicht nur, weil es seine erste Arbeit auf Glas ist. Noch auf der Rückfahrt von der Besichtigung entstanden die ersten Skizzen – auf einem Briefumschlag. Er arbeite mit Begeisterung für diesen Raum, gestand er bei einer Präsentation im Dezember vorigen Jahres.

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Überlegungen, mit der Gestaltung Bezug auf die Geschichte der Stadt zu nehmen oder auf die Kirche als Grablege Otto von Guerickes wichen schließlich dem Entwurf einer Landschaft. Ein zerschnittenes und neu zusammengesetztes Landschaftsbild sollen die sechs Fenster der Südwand sein. Doch es gibt auch andere Assoziationen, beispielsweise zu einem Feuersturm.

»Solche Assoziationen kommen. Den Feuersturm gab es«, sagte Max Uhlig am Rande der Ausstellungseröffnung im Magdeburger Kunstmuseum. In der Ausstellung sind die ersten neun Scheiben zu sehen, das untere Drittel eines Fensters. Dass Uhlig hier eine Landschaft darstellt, erschließt sich dem Kenner seines Werkes. Die Ausstellung in Magdeburg zeigt viele Landschaften in Uhligs unverkennbarem Stil, der eben keine Landschaftsbilder im herkömmlichen Sinn entstehen lässt. Kraftvoll wirken die Bilder mit ihren satten Farben, dominiert von den dicken dunklen Strichen. »Vor der Natur gewachsen«, so der Titel der Retrospektive. In ihr sind natürlich auch viele Porträts zu finden, das zweite große Thema Max Uhligs. Sie ebenfalls wie verborgen hinter den kraftvollen Strichen.

Spannend die Begegnung mit frühen Arbeiten. Sie sind gegenständlicher, zeugen jedoch schon von der Handschrift des Künstlers.

Max Uhlig, 1937 in Dresden geboren, blieb lange der große Erfolg im eigenen Land versagt, während er international anerkannt war. Nach einer Lehre als Schriftmaler und dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden war er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin bei Hans-Theo Richter. Seine Art zu malen fand im Ausland mehr Beachtung als daheim, trotz etlicher Ausstellungen. 1979 wurde er bei der 6. British International Print Biennale Bradford ausgezeichnet. 1987 folgte der Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin, danach viele weitere Ehrungen. Max Uhlig schuf das Porträt des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

In den Fenstern für die Johanniskirche kulminiert Max Uhligs Lebenswerk, inhaltlich und auch zeitlich, denn daneben ist keine Tafelmalerei entstanden. Er wünscht sich, dass der Betrachter seiner Intention folgen kann: Von der Landschaft der Farbfenster zu den schwarz-weiß gehaltenen Weinstöcken in den Chorfenstern, die Lebenskraft und Wachstum symbolisieren sollen, zugleich einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagend. »Zeitgenössische Kunst ist eine Herausforderung«, sagt der Maler.

Renate Wähnelt

Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober zu sehen. Ein Katalog erscheint im Juli.

www.kunstmuseum-magdeburg.de
www.kuratoriumjohanniskirche.wordpress.com

Kinder zwischen Hass und Versöhnung

21. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Wie palästinensische Christen die neue Gewalteskalation erleben


Zehn Kilometer südlich von Jerusalem, im palästinensischen Beit Jala bei Bethlehem, betreiben Christen in Verbindung mit der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) das Begegnungszentrum Beit Al Liqa’. Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Leiterehepaares.

Schon mehr als zwei Wochen schallen die fröhlichen Stimmen von rund 170 Kindern durch unser Beit Al Liqa’ (Haus der Begegnung) in Beit Jala. Es sind die Teilnehmer unseres christlichen Sommercamps. In allen Aktivitäten geht es um Brasilien, die Fußballweltmeisterschaft, und darum, als Team eins zu sein – ganz nach dem Motto: »Einer für alle und alle für einen!« Doch während wir hier den Kindern auf fröhliche Weise die Botschaft der Bibel nahebringen, wie wir miteinander umgehen sollen und in Frieden leben können, eskalieren in unserem Land erneut Hass und Gewalt.

Ganz im Zeichen der Fußball-WM: Die palästinensischen Kinder beim Sommercamp im Begegnungszentrum Beit Al Liqa’ in Beit Jala bei Bethlehem. Die eigentlich geplanten Ausflüge in andere Landesteile mussten wegen der Sicherheitslage abgesagt werden. – Foto: DMG/Beit Al Liqua’

Ganz im Zeichen der Fußball-WM: Die palästinensischen Kinder beim Sommercamp im Begegnungszentrum Beit Al Liqa’ in Beit Jala bei Bethlehem. Die eigentlich geplanten Ausflüge in andere Landesteile mussten wegen der Sicherheitslage abgesagt werden. – Foto: DMG/Beit Al Liqua’

Wir waren erschüttert, als wir hörten, dass die entführten israelischen Jugendlichen getötet worden waren. Doch sofort mischte sich die Trauer mit Sorge vor den Gegenreaktionen. Tatsächlich hören wir seitdem fast jeden Tag eine neue schreckliche Geschichte. Letzten Sonntag ist Pastor Atallah, ein Vorstandsmitglied unseres Zentrums, auf dem Weg zu einem Dienst von Siedlern angegriffen worden. Er konnte gerade noch entkommen, doch sein Fahrzeug wurde schwer beschädigt. Am nächsten Camptag erzählte er uns in der Mitarbeiterandacht davon.

Auf beiden Seiten herrscht Angst: Die Palästinenser – Christen wie Muslime – trauen sich nicht mehr, ihre Gebiete zu verlassen. So verbringen wir unseren dritten Ausflugstag mit den Campkindern wieder nur hier in Bethlehem. Die Gefahr, dass bei der Fahrt durch israelische Gebiete etwas passieren könnte, ist einfach zu groß. Und die Israelis haben Angst vor Raketen aus Gaza. Sobald es Alarm gibt, rennen Tausende panisch in die Schutzräume. Als ich gestern Abend noch spät im Büro saß, hörte ich draußen Sirenen heulen. Kurz darauf in der Ferne die dumpfen Einschläge einiger Raketen. Eine israelische Siedlung ganz in unserer Nähe ist getroffen worden. Es ist unfassbar, wohin Hass und Vergeltung beide Völker führen.

Johnny und Marlene Shahwan sind als Mitarbeiter von »DMG interpersonal« in Beit Jala tätig. Die DMG ist ein christliches Hilfs- und Missionswerk mit Sitz in Sinsheim bei Heidelberg mit mehr als 350 Mitarbeitern in 80 Ländern. Sie arbeiten in Projekten von 107 partnerschaftlich verbundenen gemeinnützigen Organisationen und Kirchen in den Einsatzländern. – Foto: DMG/Beit Al Liqua’

Johnny und Marlene Shahwan sind als Mitarbeiter von »DMG interpersonal« in Beit Jala tätig. Die DMG ist ein christliches Hilfs- und Missionswerk mit Sitz in Sinsheim bei Heidelberg mit mehr als 350 Mitarbeitern in 80 Ländern. Sie arbeiten in Projekten von 107 partnerschaftlich verbundenen gemeinnützigen Organisationen und Kirchen in den Einsatzländern. – Foto: DMG/Beit Al Liqua’

Am nächsten Morgen bei der Andacht erzählten uns Mitarbeiter, wie sie den Luftangriff erlebt haben. Danach im geistlichen Programm ging es um das Thema Vergebung. Der Knecht, dem alle Schulden erlassen wurden, lässt seinen Mitknecht wegen einer kleinen Summe ins Gefängnis werfen. »Gott möchte nicht, dass wir so handeln«, erklärt Rana den Kindern. »Er möchte, dass wir einander vergeben, so wie er uns durch seinen Sohn vergeben hat!« Im Stillen bete ich, dass diese Kinder wirklich verstehen, was Versöhnung bedeutet. Dass ihre Herzen nicht vergiftet werden durch den Hass, der sich um uns her wieder ausbreitet.

»Wir müssen gemeinsam für die Situation beten«, schlägt einer der Pastoren bei unserem monatlichen Treffen am Sonnabend vor. Natürlich stimmen alle Anwesenden zu. Zur selben Zeit treffen sich in Be’er Sheva im Süden Israels einige Pastoren messianischer Gemeinden (Juden, die an Christus glauben). Auch ihnen legt der Herr das gemeinsame Gebet mit ihren arabischen Glaubensgeschwistern ans Herz. Als unser dortiger Freund uns einen Tag später anruft und davon erzählt, sind wir begeistert von Gottes Timing. Am Sonntag trafen sich nun arabische und messianische Christen zum ersten gemeinsamen Friedensgebet an einem neutralen Ort zwischen den Gebieten. Was für ein Zeichen!

In unserem diesjährigen selbst geschriebenen Camplied heißt es: »Als Team gewinnen wir. Jesus ist das Geheimnis unseres Erfolges, denn er macht uns zur Einheit!« Genau das ist unsere Stärke. Als Kinder Gottes sind wir eins in Christus, und wir stehen auf der Seite des Siegers. Danke, wenn Sie durch Ihre Gebete mit uns um den Frieden in unserem Land ringen.

Johnny und Marlene Shahwan

www.dmgint.de
www.beitliqa.org


Medienstar im Mönchsgewand

19. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Benediktinermönch Anselm Grün ist der meistgelesene christliche Autor der Gegenwart und medial sehr präsent

Die Unterhaltungsindustrie ist wie ein Tier mit eingeschränktem Speiseplan: Es lebt nur von Quoten. Wie was und warum auf Bildschirme, Zeitungsseiten oder ins Radio geworfen wird, ist oft egal. Wichtig ist, dass es funktioniert. Das Tier ist unersättlich. Und es gaukelt vor, nur eine Nachfrage zu bedienen, die immer schon vorhanden war. Doch der mediale Erfolg eines bärtigen Benediktinermönches sagt weniger etwas über die Programmmacher als über die aus, die an Anselm Grüns Worten, gesprochen oder gedruckt, hängen wie an einem Guru.

Anselm Grün – Foto: picture-alliance/dpa

Anselm Grün – Foto: picture-alliance/dpa

Fragt man Anselm Grün nach seinem Erfolg, dann winkt er ab. Es sei nicht seine Art, sich selbst zu loben. Er spreche nur die Sehnsüchte vieler an, finde Worte für sie und versuche behutsam, einen Weg in der Orientierungslosigkeit aufzuzeigen. Ist er, Anselm Grün, aber nicht eine Marke, die sich, warum auch immer, gut verkauft? Auch hier winkt er ab. Er habe keine Strategie oder Berater hinter sich und – man glaubt es ihm – auch kein Kalkül. Er werbe nicht für sich, sondern spreche und schreibe einfach. Und er wird gehört und gelesen. Doch das, was er äußert, ist untrennbar mit ihm verbunden. Schwer vorstellbar, dass seine Worte von den Wurzeln des Menschen, von Spiritualität, Glaube, Glück und Engeln funktionieren würden, wären sie nicht durch seine Persönlichkeit gedeckt.

»Ich versuche authentisch zu sein und den Menschen zu helfen«, sagt er. Sei authentisch. Was ebenso ein Werbeslogan für Jugendmode sein könnte, klingt bei Grün nie hohl. »Die Menschen spüren, dass ich es ernst meine.«

Seit 50 Jahren ist der 1945 als Wilhelm Grün geborene Anselm Mönch im Kloster Münsterschwarzach. Bis zum Oktober vergangenen Jahres war er dort Cellerar und damit verantwortlich für dessen wirtschaftliche Leitung. Dass er in dieser Funktion rund drei Millionen Euro durch Fehlspekulationen am Finanzmarkt im schwarzen Loch der Börse versenkte, ist kein Geheimnis. Anselm Grün, ein Zocker? Er wisse um die Gier und ihre Gefahren, sagt er. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum seine Seminare für Manager so erfolgreich sind.

Mehr als 200 Bücher habe er geschrieben, so genau wisse er das nicht, und es scheint, als wäre es nicht wichtig. Wäre er kein Mönch, der das Armutsgelübde abgelegt hat, er wäre Multimillionär und könnte Sportwagen fahren. Stattdessen fährt er gebrauchte Autos und hat nur so viel Geld, wie er tatsächlich braucht. Wie sehr man auch nachfragt nach den Versuchungen des Materiellen, man trifft ins Leere. Er wolle doch nur für die Menschen da sein, und Konsum sei ihm ohnehin nicht wichtig. Für sich genommen nur ein dahergesagter Satz. Bei ihm aber scheint er Lebensmotto zu sein, der Antrieb hinter seiner Umtriebigkeit. Es gibt kaum einen Grund, daran zu zweifeln.

Damit hebt er sich im medialen Konzert ab und schillert in seinem Mönchsgewand heller, als es die Stars und Sternchen im TV je könnten. Während diese auf schnellen Ruhm aus sind und nur mit viel Zufall auch einmal Inhalte produzieren, produziert Grün Inhalte und hat, eher nebenbei, auch Erfolg. Ein Erfolg, auf den nicht jeder gut zu sprechen ist. Kritiker werfen dem Benediktiner Schmalspurtheologie vor, eine kaum erträgliche Seichtigkeit und Inhaltsleere. Und tatsächlich sind seine Botschaften eingängig und kantenlos, sie tun gut, aber nicht weh. Über seine Kritiker scheint Anselm Grün nur zu lächeln. Er, der über Karl Rahner promoviert hat. Wichtiger als theologische Fachsprache sei ihm die Verständlichkeit. Eine solche Kritik, so Grün, sage mehr über die Kritiker als über seine Bücher. Da sei auch Neid im Spiel, vermutet er.

Tatsächlich ist Grün mit seinen Worten keine große Herausforderung. Aber sie sind die sichtbare Seite einer Sehnsucht nach Ruhe, Klarheit und Einfachheit, deren ganzes Ausmaß kaum auszumachen ist. Sie ist so groß, dass sie ein Kloster reich und einen Mönch weltbekannt gemacht hat. Das Paradoxe ist: Der Mönch, der Spiritualität und innere Freiheit von materiellen Gütern und Konsum predigt, ist unbeabsichtigt selbst zum Konsumgut geworden. Denn auch den Rat aus dem Kloster gibt es, zumindest in Buch- und Vortragsform, nicht geschenkt.

Stefan Körner

Quo vadis »Palästina«?

19. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Rakete um Rakete – die neue Eskalation der Gewalt im Heiligen Land


Beobachter rätseln über die Gründe der jüngsten Eskalation der Gewalt im Nahen Osten und über die Ziele, die die Hamas im Gazastreifen mit ihrem Raketenbeschuss Israels verfolgt – der Versuch einer Einschätzung.

Was ist die Ursache für die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und dem Gazastreifen? – Gewiss waren da die grässlichen Morde an drei israelischen und kurz darauf an einem arabischen Jugendlichen. Die Entführung der Israelis war die Umsetzung einer Forderung der Hamas-Führung. Die Gräueltat der jüdischen Jugendlichen wird von der israelischen Gesellschaft verurteilt. Siedlerrabbis fordern gar die Todesstrafe für die jüdischen Täter. Einen direkten Kausalzusammenhang zwischen dem jüngsten Raketenkrieg und diesen Taten gibt es nicht.

Sieht aus wie festliches Feuerwerk, ist aber tödliche Bedrohung für Israels Zivilisten: sechs Raketen, abgefeuert am vergangenen Sonntag aus Wohngebieten im Gazastreifen. – Foto: picture alliance

Sieht aus wie festliches Feuerwerk, ist aber tödliche Bedrohung für Israels Zivilisten: sechs Raketen, abgefeuert am vergangenen Sonntag aus Wohngebieten im Gazastreifen. – Foto: picture alliance

Will die Hamas durch die Eskalation ihre Isolation durchbrechen? In Syrien, Ägypten, Saudi Arabien und Jordanien wird sie mittlerweile als Staatsfeind verfolgt. Oder musste sie angesichts des Erfolgs noch radikalerer Islamisten in Syrien und dem Irak beweisen, dass sie nicht abgewirtschaftet hat? Immerhin beweist der Arabische Frühling: Die Zukunft gehört den Radikalen, auch in der Palästinensischen Autonomie. Als Erklärung des momentanen Raketenkonflikts käme noch infrage, dass der militärische Arm der Hamas seiner politischen Führung aus der Kandare gelaufen ist.

Logisch erklärbar ist jedenfalls nicht, was die Hamas gewinnt, wenn sie Raketen auf zivile Zentren schießt. Oder hofft sie doch, durch tote Palästinenser die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zurückzugewinnen?

Was Israel auf der anderen Seite will, ist gut nachvollziehbar: dass der Raketenhagel endlich aufhört! Israels Bürger fordern, der radikal-islamischen Hamas die Fähigkeit zu nehmen, Raketen zu schießen. Waffenstillstände bringen höchstens ein bis drei Jahre Ruhe, bevor es zu neuen Eskalationen kommt. Das zeigen die vergangenen Jahre.

Das Rezept »Land für Frieden« hat sich als wertlos erwiesen. Aus allen Gebieten, die Israel um eines Friedens willen abgegeben hat, wurde es in jüngster Zeit mit Raketen beschossen. Von Eilat am Roten Meer bis Naharija an der Nordgrenze zum Libanon trieb Raketenalarm die Bewohner der Städte und Dörfer in die Bunker.

Israel tut alles, um seine Zivilbevölkerung zu schützen, und ist dabei erstaunlich erfolgreich. Die Disziplin der Israelis, die Voraussicht ihrer Politiker und der technische Fortschritt haben dazu geführt, dass Zigtausende Raketen erstaunlich wenigen Israelis an Leib und Leben Schaden zufügen konnten.

Gleichzeitig scheint die Rechnung der Hamas, die palästinensische Zivilbevölkerung als Schutzschild und tote Palästinenser als Propagandamittel einzusetzen, immer weniger aufzugehen. So makaber das klingt, aber die Totenzahlen spiegeln bei näherem Hinsehen die unterschiedliche Zielsetzung der Konfliktgegner wider. Israels Premier Netanjahu hat nicht ganz Unrecht, wenn er erklärt: »Wir schützen unsere Zivilisten durch Raketen. Die Hamas schützt ihre Raketen durch Zivilisten.«

Der amerikanische Beobachter Jeffrey Goldberg stellt die Frage: Was wäre, wenn den Palästinensern das Wohl des eigenen Volkes wichtiger wäre als die Zerstörung des jüdischen Staates? Wenn sie heute ihren Beschuss Israels einstellten, würde morgen die letzte israelische Rakete auf Gaza fallen. Wenn die Palästinenser mit ihrer antisemitischen Hetze aufhörten, ihr nach allen Maßstäben illegales Raketenarsenal vernichteten und sich dem Aufbau eines eigenen Staatswesens widmeten, hätte Israel keinen Grund mehr, den Gazastreifen abzuriegeln.

Historisch gesehen ist die Blockade des Gazastreifens tatsächlich eine Reaktion auf palästinensische Aggression und nicht umgekehrt der palästinensische Terror eine Antwort auf die Abriegelung. Jede Rakete, die in den Gazastreifen geschmuggelt wurde und jetzt in Israel einschlägt, beweist das.

Anstatt sich ihre arabischen und jüdischen Nachbarn zu Feinden zu machen, könnten die Palästinenser eine Brückenfunktion zwischen Orient und Okzident wahrnehmen. Dass der Aufbau eines Staatswesens unter schwierigen Bedingungen möglich ist, machen ihnen nicht nur aktuell die Kurden vor. Das hätten sie schon von den Juden lernen können.

Johannes Gerloff

Der Autor ist Korrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP in Jerusalem.

Gemeinschaft in bunter Vielfalt

16. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Berichtet: Christen aus Ost- und Mitteleuropa kamen in Wroclaw zu einem grenzübergreifenden Treffen zusammen

Protestanten aus sieben Nationen diskutierten bei den Christlichen Begegnungstagen am vergangenen Wochenende in Wroclaw/Breslau über ihre Verantwortung für Europa.

Holzengel gibt es am Stand der polnischen Diakonie, belegte Schnittchen bei den ungarischen Lutheranern, beim sächsischen Landesjugendpfarramt coole T-Shirts mit Luther-Porträt in Che-Guevara-Art und der Aufschrift »Viva la Reformation«. Bunt ist der »Markt der Möglichkeiten« in der Jahrhunderthalle. Tschechisch, Polnisch, Ungarisch, Deutsch und Ukrainisch ist zu hören. Bei den Kirchenliedern im Gottesdienst vermischen sich die Sprachen zu einem Gesang.

Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops, Konzerte, Kinderprogramme – alles spielt sich in der 1913 errichteten Kongresshalle im grünen Osten von Wroclaw/Breslau ab. Da laufen sich die Generationen ständig über den Weg. Etwa 4 000 Protestanten aus sieben Nationen Mittel- und Osteuropas sind zu den Christlichen Begegnungstagen vom 4. bis 6. Juli in die polnische Stadt gekommen.

»Ein Ort der Erfahrungen und des christlichen Meinungsaustausches über unterschiedliche lokale Tradition« sind sie, wie Ryszard Bogusz sagt, der Breslauer Bischof der gastgebenden Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Die ist mit ihren rund 70 000 Mitgliedern eine Minderheitenkirche in dem katholisch geprägten Land. Ebenso wie in fast allen Nationen, aus denen die Teilnehmer gekommen sind. »In der Diaspora ist es ganz wichtig zu sehen, dass man einer größeren Familie angehört«, meint Bischof Tamás Fabiny aus Ungarn.

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hat den Eindruck, dass die Begegnungstage, die es seit 1991 gibt, von Mal zu Mal intensiver geworden sind. Nicht zuletzt die rund 500 Teilnehmer aus Sachsen sprechen für ein lebhaftes Interesse.

In den Podien kann vieles oft nur angetippt werden: Ethik in der Wirtschaft, Konziliarer Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Arbeitnehmerfreizügigkeit als Aufgabe für die Diakonie. Doch kaum anderswo werden reformatorische Tradition und Gegenwart als europä­isches Projekt so greifbar wie hier.

Begegnung mit allen Sinnen: Am Stand der ungarischen Diakonie gab es Gespräche bei Weißbrotschnittchen mit scharfer Salami – auf Podien und in Arbeitsgruppen ging es um aktuelle politische Herausforderungen. Fotos: Tomas Gärtner

Begegnung mit allen Sinnen: Am Stand der ungarischen Diakonie gab es Gespräche bei Weißbrotschnittchen mit scharfer Salami – auf Podien und in Arbeitsgruppen ging es um aktuelle politische Herausforderungen. Fotos: Tomas Gärtner

»Frei sein in Christus!«, ist das Leitwort des Treffens. Doch hat die Freiheitsgeschichte der Reformation auch Pluralisierung gebracht, wie Peter Meis sagt, theologischer Dezernent der sächsischen Landeskirche: Aufspaltung in Konfessionen, Gemeinschaften. »Da wird es zum Problem, wie wir beieinander bleiben.«

Eine vergleichbare Tendenz zum Auseinanderdriften bereitet auch Jerzy Buzek Sorgen. Polens Ministerpräsident von 1997 bis 2001, heute Abgeordneter des EU-Parlaments, Schlesier und Protestant, sieht die Zivilgesellschaft in Europa von Verunsicherung und Nationalismus bedroht. Als Basisprojekt mit den Grundprinzipien Frieden, Freiheit und Wohlstand müsse die europäische Gemeinschaft in den Köpfen der Bürger Wurzeln schlagen, betont er im Hauptreferat. Institutionen genügten nicht. Es gebe 28 verschiedene Zivilgesellschaften in der EU. »Aber wir müssen einig in dieser Vielfalt bleiben«, appelliert er. In Zeiten der Diktatur vor 1989 hätten vor allem die Kirchen die Werte der Zivilgesellschaft in Osteuropa überdauern lassen. Dafür stünden sie bis heute – für Verantwortung jedes Einzelnen im Alltag und für Gemeinschaft in Verschiedenheit.

Die Zeit vor und nach dem politischen Umbruch von 1989 wird 25 Jahre danach noch einmal besonders beleuchtet. Große Unterschiede werden deutlich: Protestanten in Polen konnten freier ihren Glauben leben als beispielsweise in der Ukraine. Dort hätten sie 1991 eine regelrechte »Wiedergeburt« erlebt, berichtet Sergiej Maschewski, Bischof der deutschsprachigen Lutheraner in der Ukraine. Heute verstünden sie sich als Brückenbauer zwischen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen. »Wir stehen am Rande eines Bürgerkrieges. Da müssen wir zur Versöhnung aufrufen und Kompromisse finden.«

Beträchtliche theologische Unterschiede werden ebenso deutlich. Während die meisten protestantischen Kirchen inzwischen auch Pfarrerinnen haben, gibt es in der Evangelisch-Augsburgischen Kirche Polens keine Frauenordination. Hingegen bei den polnischen Reformierten. Sich zu reformieren, sei auch heute nötig, meint Marek Izdebski, deren Bischof. »Aber das darf nicht bedeuten, sich um jeden Preis mit der Welt gleichzumachen.«

Der Staffelstab ist symbolisch weitergereicht: Im Juni 2016 wird Budapest Gastgeberstadt der nächsten, dann 10. Christlichen Begegnungstage sein. all die großen Probleme in Kirchen und Gesellschaften lösen könnten Gespräche zwar nicht, resümiert Boguslaw Milerski, Rektor der Christlichen Theologischen Akademie in Warschau. Aber sie lieferten Denkanstöße. »Aus unterschiedlichen Ländern zur Diskussion zusammenzukommen, aber alle als Protestanten, das ist eine einzigartige Gelegenheit.«

Tomas Gärtner

»Rups« will für Jesus singen

16. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Thomas »Rups« Unger will mit seinen Liedern Christus bezeugen

Millionen lieben Volksmusik. Zu den Stars der Szene gehören »De Randfichten«. Seit über 20 Jahren ist Thomas »Rups« Unger ihr Frontmann. Jetzt soll damit Schluss sein.

Die Nachricht schlug bei Volksmusikfans wie eine Bombe ein: Thomas »Rups« Unger verlässt »De Randfichten«. Nur bis Ende 2014 wird der 45-Jährige noch mit seinen beiden Kollegen auf der Bühne stehen. Ein Grund für die Trennung ist sein Glaube an Jesus Christus. »Es war ein langer Prozess. Doch der Glaube hat meinen Horizont erweitert«, erklärt Unger. »Zwei Atheisten und ein Christ in einer Band, wir waren nicht mehr auf einer Wellenlänge«, erläutert er seinen Ausstieg.

Dabei liegen erfolgreiche Jahre hinter den Volksmusikern aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Seit 1992 begeisterte das Trio Tausende Fans. Große Bekanntheit erlangten »De Randfichten« 2004 mit ihrem Lied »Lebt denn dr alte Holzmichl noch …?«, das sogar bis auf Platz drei der Hitparade kletterte.

Doch das Leben von Thomas Unger, den Freunde nur »Rups« nennen, besteht nicht nur aus positiven Erfahrungen. Seit seinem 17. Lebensjahr leidet er unter Panikattacken. In unregelmäßigen Abständen überfallen ihn Angstzustände. Unger griff zur Flasche – und wurde alkoholabhängig. Ein Freund nahm ihn 1993 mit zur christlichen Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz. Anschließend machte er eine Entgiftung. Seit über 20 Jahren ist er jetzt »trocken«. »Es ist ein Geschenk Gottes, dass ich vom Alkoholismus geheilt wurde«, bekennt »Rups« heute. Seit diesem Moment lässt ihn der Glaube nie mehr ganz los. »Ich spürte den Heiligen Geist«

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Der Musiker Thomas Unger. Foto: Randfichten-PR/Marko Lorenz

Großen Anteil am »Hineinwachsen in das Christsein« hat seine heutige Ehefrau Tabea. Unger lernt sie im Jahr 2000 kennen. Tabea nimmt ihn mit in eine evangelisch-methodistische Gemeinde. 2002 heiraten die beiden. Ihnen ist eine kirchliche Trauung wichtig, und so lässt sich Unger taufen. »Doch so richtig war ich damals noch nicht mit dem Herzen dabei«, gesteht »Rups«. Das ändert sich 2009 schlagartig. Damals kehren die Angstzustände zurück – schlimmer als je zuvor. Unger fängt an, regelmäßig zu beten: »Lieber Herr, wenn du mir jetzt hilfst, will ich dir mein Leben anvertrauen«, fleht er. Und tatsächlich legt sich die Panik. Gemeinsam mit Tabea besucht »Rups« im Oktober 2009 im Urlaub einen Gottesdienst in der Freien evangelischen Gemeinde in Burglengenfeld (Bayern). Am Abend sieht er Joyce Meyer im Fernsehen. Sie spricht über Thomas den Zweifler. Plötzlich wird Unger klar, dass er noch Vergebung von Schuld braucht. Er beichtet und lässt sich in der Naab taufen.

»Das Gefühl danach war unbeschreiblich. Ich spürte, wie mich der Heilige Geist überkam«, schildert Unger die Situation. Seitdem kann er nicht mehr ohne eine enge Beziehung zu Christus leben. 2012 nimmt er ein Soloalbum mit bekannten christlichen Liedern und einigen eigenen Titeln auf. Die CD verkauft sich so gut, dass sie viermal neu aufgelegt werden muss. Im Februar 2014 folgt dann ein Rückschlag: Als Unger mit einer Rückenmarksentzündung im Krankenhaus liegt, kehrt die Angst zurück.

Wieder sucht er Hilfe im Gebet, wieder spürt er den Heiligen Geist: »Vor allem der Vers Epheser 6,11 – in dem es um die geistliche Waffenrüstung geht – hat mir geholfen, die Panik wieder loszuwerden. Danach schrieb ich im Krankenhaus ein geistliches Lied nach dem anderen«, so Unger. Das Ergebnis wird man Ende des Jahres hören können. Dann erscheint sein neues Album, und »Rups« singt wieder für Jesus.

Dennis Pfeifer (idea)

www.thomas-rups-unger.de

Es kommt jemand, wenn wir einsam sind

16. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Was zu einer glücklichen Kindheit beiträgt – ein persönlicher Rückblick

Eine glückliche Kindheit erkennt man am klarsten im Rückblick. Wenn ich aus meinen Erwachsenenaugen auf meine eigene Kindheit zurücksehe, kann ich sagen: Es war eine glückliche. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, und sie trägt mich noch heute. Eine glückliche Kindheit ist wie eine gute Saat, von deren Ernte man ein Leben lang zehren kann. Eine glückliche Kindheit ist wie der Boden, der uns trägt, während wir unsere Schritte durchs Leben gehen.

Foto: Martina Lorbach – fotolia.com

Foto: Martina Lorbach – fotolia.com

Eine glückliche Kindheit ist die Erfahrung, dass jemand kommt: Weinend stehe ich in meinem Gitterbettchen, als mein Papa nach meinem Mittagsschlaf zu mir hereinkommt, schluchze ich ihm entgegen: »Niemand kommt!« – »Jemand kommt«, sagt er, und sofort leuchtet ein Strahlen über mein Gesicht. In der mir damals zur Verfügung stehenden Sprache sage ich: »Nicht niemand kommt.« Es gibt jemanden, der uns nicht ungehört weinen lässt, jemanden, der sich unserer Einsamkeit und Verzweiflung annimmt, uns in den Arm nimmt und tröstet: Daraus ist glückliche Kindheit gemacht.

Eine glückliche Kindheit steckt in der Haut, von der wir sagen: »Ich fühle mich wohl in meiner Haut.« Denn anders als Insekten oder Reptilien streifen wir Menschen beim Wachsen und Reifen nicht immer wieder eine alte Haut ab, weil sie uns zu klein geworden wäre: Unsere Haut wächst mit. Eine glückliche Kindheit ist eine Glückshaut. Das Lieblingsmärchen meiner Kindheit, das mir die Erwachsenen wieder und wieder vorlesen mussten, handelte von einem Kind, das mit einer Glückshaut geboren wird. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich mir eine Glückshaut vorgestellt habe damals als Kind. Vielleicht weich und flauschig; vielleicht unsichtbar, sodass von außen niemand sieht, dass es eine Glückshaut ist, aber von innen, wenn man darin wohnt, weiß man es. Eine Glückshaut, glaube ich, ist gewoben aus der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein, aus Zuneigung und Urvertrauen. Glückshäute sind beim Anfassen wie Seide, aber stählern wie eine Ritter­rüstung, wenn es gilt, verletzende Worte an uns abprallen zu lassen.

Eine glückliche Kindheit wird uns geschenkt von den Menschen, die uns umgeben, seien es Eltern, Verwandte, Nachbarn oder Freunde. Eine glückliche Kindheit ist nahe verwandt mit unerschütterlichem Gottvertrauen: Was wir als kleine Geschöpfe erleben, kann uns vertraut machen mit Gott. Mein Zutrauen zu Gott war als Kind so selbstverständlich, dass ich ihn in meinen Kinderalltag einbezogen habe wie einen Freund. »Haben alle Menschen einen Nabel?«, fragte ich meine Mutter. Und auf ihr »Ja« fragte ich weiter: »Hat der liebe Gott dann auch einen?« – Meine Fragen sind andere, jetzt da ich erwachsen bin; die Vertrautheit mit Gott ist geblieben. Eine glückliche Kindheit schenkt unbeirrtes Urvertrauen.

Eine glückliche Kindheit heißt nicht, jeden Wunsch sofort erfüllt zu bekommen.

Ein Mädchen aus meiner Nachbarschaft wünschte sich eine Hängematte – schon fuhr die Mutter mit ihr in die Stadt und kaufte sie ihr. Natürlich hätte ich mir das damals als Acht– oder Neunjährige auch gerne gefallen lassen. Dass meine Eltern es anders hielten, hat mir die Erfahrung geschenkt, wie gut ich selbst für mich sorgen kann: Was ich mir gewünscht habe, habe ich mir häufig gebastelt. Außerdem: Sehnsucht zu haben, ist ein tiefes und schönes Gefühl, manchmal ist das Wünschen schöner als die Erfüllung.

Eine glückliche Kindheit balanciert im Gleichgewicht zwischen Gehaltensein und Losgelassenwerden. Meine Eltern beherrschten zu meinem Glück die Kunst, die Balance zwischen beidem zu halten. Oft, wenn ich etwas ausprobieren wollte, was ihnen kritisch erschien, äußerten sie ihre Bedenken und ließen es mich meistens dennoch tun. Wenn es gelang, stärkte mich das doppelt, weil es trotz ihrer Bedenken gelang; wenn ich scheiterte, konnte ich trostsuchend zu ihnen kommen und fand dort keine besserwisserischen Worte, sondern offene Arme.

Eine glückliche Kindheit hat wenig mit Geld und viel mit anderen Menschen zu tun. Die Kindheit meiner im Krieg geborenen Mutter war von ständigen finanziellen Sorgen der Familie geprägt und war doch »eine sehr reiche Kindheit«, wie die heute 69-Jährige sagt: weil in der Dorfgemeinschaft jeder den anderen kannte, weil ihr die im Elternhaus einquartierte Flüchtlingsfrau stundenlang Märchen vorlas, weil ihre Eltern »sicher zusammen waren, so sicher, wie es Abend und Morgen wird«, weil sie unbeaufsichtigt draußen herumrennen und die Welt des Dorfs erkunden konnte, und weil ein selbstverständlicher Glaube an Gott mit zu dieser Welt gehörte.

Franziska Feinäugle

»Wir müssen aufeinander achtgeben«

15. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Kirchentrennung seit fast 500 Jahren tut vielen Christen weh – doch es gibt auch Wege aufeinander zu

Entzweit das bevorstehende Reformationsjubiläum evangelische und katholische Christen oder kann es eine Wiederannäherung befördern? Dortohee Wanzek (»Tag des Herrn«) und Harald Krille (»Glaube + Heimat«) sprachen darüber mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Heiner Koch.

Wie empfinden Sie jeweils die Haltung der anderen Kirche im Blick auf 2017?
Junkermann:
Hoffentlich können wir im Reformationsjubiläum und -gedenken deutlich machen, was uns die letzten 500 Jahre auseinandergetrieben hat und wie wir uns, vor allem in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, neu nahegekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut, als Bischof Dr. Feige vor anderthalb Jahren sagte: »Im Zweiten Vatikanum haben wir die Reformation mit vollzogen.« Und wenn ich nach Magdeburg zum Pastoralen Zukunftsgespräch eingeladen bin und dort als erstes sehe, ein wie wichtiges Anliegen es ist, das Priestertum aller Gläubigen zu leben, dann berührt mich das sehr.

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Wenn ich sehe, was im Bistum Hildesheim gelebt und gedacht wird darüber, wie Gemeinde in extremer Diasporasituation das Priestertum aller leben kann, denke ich, dass uns römisch-katholische Gemeinden längst überholt haben, indem sie sich gelöst haben von der Vorstellung, dass das Amt in jeder Beziehung eine Rolle spielen muss.

Koch: Ich habe einen eigenen Zugang zum Reformationsjubiläum erhalten, als ich gefragt wurde, ob der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfinden könne. Mir war dieser Zeitpunkt so kurz nach meinem Amtsantritt eigentlich zu früh. Ich konnte aber verstehen, dass viel dafür sprach, mit dem 100. Deutschen Katholikentag gerade nach Leipzig zu gehen. Nachdem ich mit Verantwortlichen im Bistum gesprochen hatte, war es für mich selbstverständlich, den Dresdner Landesbischof und die Leipziger Superintendenten zu fragen, wie sie einen Katholikentag in Leipzig ein Jahr vor dem Gedenkjahr an die Reformation 2017 einschätzten. Würden Sie ihn mittragen?

Schon bei höflich vorgetragenen Bedenken hätte ich sofort alles abgeblasen, geschweige denn bei einer klaren Ablehnung. Superintendent Henker aber sagte den bemerkenswerten Satz: »Ich glaube, dass der Katholikentag 2016 gerade im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 eine große Chance ist.« Das Wichtige sei doch, gemeinsam wahrzunehmen, dass uns die Geschichte vor 1517 verbindet und der Wille, nach 2017 miteinander anders weiterzugehen als in den 500 Jahren der Trennung – wie auch immer Gott uns diesen Weg führt. Dieses Zeichen sollten wir setzen!

Mich hat es auch sehr bewegt, als Landesbischof Bohl kürzlich bei der Gedenkfeier zur Einführung der Reformation in Leipzig vor 475 Jahren den Katholikentag erwähnt hat. Die Kollekte dort wurde für den Neubau der katholischen Propsteikirche in Leipzig bestimmt. Das sind Zeichen, die schwer zu überbieten sind. Sie geben mir Freiheit und Freude, auf 2017 zuzugehen.

Junkermann: Ich bin dankbar für Bischof Feiges dreimalige Thesen zum Reformationstag. Die haben mich neu sensibilisiert für die ökumenische Herausforderung im Blick auf 2017. Ich bin sehr froh, dass wir Bischöfe auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) uns zum mitteldeutschen Konfessionsgespräch treffen. Da können wir uns einmal nicht nur den Themen widmen, die gerade auf der Tagesordnung obenauf liegen, sondern grundlegenden Themen, die dem tieferen gegenseitigen Verständnis dienen.

Zuletzt haben wir uns mit Professoren unserer theologischen Fakultäten über das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das besondere Amt ausgetauscht. Froh bin ich auch über das Konzept, wie wir als EKM das Reformationsjubiläum begehen wollen, nämlich regional differenziert.

Was heißt das konkret?
Junkermann:
Das Wesentliche soll nicht bei einem großen Luther-Festival, sondern vor Ort passieren. Wir wollen die regionale Reformationsgeschichte erforschen, und zwar mit den Christen aller Konfessionen sowie mit Menschen anderer Religion und ohne Religion: Wie ist die Reformation in unserer Region verlaufen? Welche wechselseitigen Verletzungen gab es? Was hat die Menschen damals überhaupt bewegt? … Ich hoffe, wir kommen dabei über Glaubensfragen ins Gespräch.

Auch unter Gemeindegliedern gibt es da oft eine Scheu. Wenn wir erstmal über die Glaubensfragen von vor 500 Jahren sprechen, kommen wir vielleicht auch auf die heutigen: Was von den damaligen Themen bewegt uns noch? Was hat sich geändert? Mir ist es ein Anliegen, dass wir zu diesem Jubiläum nicht die alten Feindbilder reproduzieren und auch nicht die Schwarz-Weiß-Bilder: Dort ist das finstere Mittelalter, hier die leuchtende Reformation. Da sehe ich evangelischerseits durchaus Gefahr. Auch dem Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum wurde Entsprechendes vorgeworfen, und es ist gut, dass darüber diskutiert wird. An sechs Orten Mitteldeutschlands wollen wir einen »Kirchentag auf dem Weg« feiern.

Auf dem EKM-Gebiet sind dabei von Anfang an Vertreter der katholischen Bistümer mit im Planungsteam. Wir haben hier gemeinsame Verantwortung. Was uns trennt, darf nicht so bestimmend sein, dass es uns hindert, das Gedenken miteinander zu gestalten. Das schützt uns auch wechselseitig davor, mehr über- als miteinander zu sprechen.

Evangelischerseits ist die Suchbewegung noch nicht abgeschlossen, wie wir einerseits die Freude über die Reformation ausdrücken können, über die Wiederentdeckung des Evangeliums zum Beispiel oder des Priestertums aller Gläubigen, andererseits aber auch innehalten und darauf schauen, wo wir Fehlwege gegangen sind und wo es Fragen zu überdenken gilt, etwa die Frage nach unserem Kirchenverständnis, das erst seit 100 Jahren ohne äußere Anlehnung an die staatliche Ordnung auskommt.

Ich hoffe, es gelingt uns, differenziert zu feiern, auch bei den großen Events.

Manchmal scheint es, dass evangelischerseits, auch wenn noch ein paar Wünsche offen sind, die Zufriedenheit mit dem Status quo überwiegt. Von Katholiken ist dagegen der Wunsch nach einer sichtbaren Einheit lauter hörbar …
Koch:
Eine Kirchentrennung, die nicht mehr wehtut, wäre kastastrophal. In der Apostelgeschichte und im Korintherbrief können wir lesen, wie sehr Paulus unter den kirchlichen Trennungen gelitten hat in einer Zeit zahlreicher Kirchenspaltungen. Es gibt das Gebot der Einheit, und dem müssen wir zumindest dadurch folgen, dass wir um Einheit ringen, gerade auch in theologische Differenzen.

Junkermann: Auch ich denke, wir dürfen uns nicht mit dem Status quo abfinden. An vielen Orten läuft Ökumene selbstverständlich und gut, es gibt aber auch Punkte, wo das Trennende wirklich schmerzt. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass Bischof Dr. Feige bei unserer Ordinationsfeier nicht am Abendmahl teilnehmen kann; und es schmerzt, wenn ich sehe, dass Ministerpräsident Kretzschmann bei der Einführung des badischen Landesbischofs neben seinem Erzbischof sitzt und dann zum Abendmahl geht. Da spüre ich den Schmerz, der in der katholischen Kirche besteht: Wie kann vermittelt werden, was uns trennt?

Zum 85. Geburtstag von Altbischof Nowak bin ich zur Eucharistieausteilung gegangen und habe um einen Segen gebeten. Auf solche Weise können wir die mögliche Gemeinschaft auch liturgisch miteinander leben. Mich schmerzt auch die Nicht-Zulassung der Frau zum Amt in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Schmerz, der jetzt gerade gelindert wird, ist die alte Kränkung durch Papst Benedikt XVI, seine Aussage über die Kirchen der Reformation, sie seien »nicht Kirche im eigentlichen Sinne«. Das sitzt tief, deshalb ist es mir wichtig, die Signale von Papst Franziskus zu hören und auch seinen seelsorgerlichen Ansatz in manchen moralisch-ethischen Fragen zu erleben.

Wir dürfen uns nicht abfinden mit den Trennungen und auch nicht flach darüber hinweggehen nach dem Motto »Wir machen jetzt einfach mal …«

Koch: Dabei sollten wir zu verstehen versuchen, wie unsere Worte auf den anderen wirken.

Ich weiß, wie manche evangelische Christen die Worte Papst Benedikts über das Kirchenverständnis empfunden haben. Er wollte das katholische sakramentale Kirchenverständnis verdeutlichen und zum Ausdruck bringen, dass dieses Verständnis von der evangelischen Kirche nicht geteilt wird. Seine aufklärerisch gemeinten Worte aber haben manche als Abweisung empfunden.

Wir müssen aufeinander achtgeben, wobei mir allerdings am meisten Sorge eine theologische Flachheit auch der Verantwortlichen in theologischen Differenzfragen macht.

Ich finde es manchmal erschreckend, dass viele gar nicht benennen können, worin die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen bestehen und was sie bedeuten. Wenn ich sie aber nicht kenne, kenne ich weder den Reichtum des anderen noch den Weg, der vielleicht zu einem Miteinander führt.

Es ist eine gemeinsame ökumenische Aufgabe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dies gilt vor allem auch in spiritueller Hinsicht.

Besteht nicht aber Gefahr, dass Papiere von hoher geistlicher Tiefe im Volk nicht ankommen?
Koch:
Ja. Aber Papiere haben unterschiedliche Adressaten. Pfarrer, Theologen, sind dafür ausgebildet, differenzierte Papiere zu verstehen und sie qualifiziert ins Gespräch zu bringen, auch in die Predigt, in Religionsunterricht und Katechese.

Ich wünsche mir, dass wir 2017 in den Gemeinden und im religiösen Gespräch miteinander eine neue Tiefe erreichen.

Junkermann: Auch die neuen Medien können da dienlich sein. Die Homepage »www.2017gemeinsam.de« zum Papier von Lutherischem Weltbund und katholischer Glaubenskongregation »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« halte ich für ein gutes Beispiel, dem ich noch mehr Verbreitung wünsche. Da laufen fundierte Diskussionen, an denen sich auch Laien beteiligen.

Bedrohte Landschaft

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Tschechien: An der Moldau südlich von Prag plant eine Firma den Goldabbau mit hochgiftiger Cyanidlauge

Chotilsko, etwa 50 Kilometer von Prag entfernt, ist eines der größten ungenutzten Goldvorkommen in Mitteleuropa. Ein kanadischer Bergbaukonzern will das Edelmetall abbauen, doch es regt sich Widerstand gegen das Vorhaben.

Wenn die Prager am Wochenende aus der Hauptstadt fliehen, zieht es viele von ihnen nach Süden an die Moldau-Talsperre Slapy. Die Umgebung des langgestreckten Stausees keine 50 Kilometer von Prag entfernt säumen unzählige Wochenendhäuser und vor allem dichter Wald. Wer den Blick auf diese Idylle genießen will, dem rät Jiri Stastka, auf den Aussichts­turm des 480 Meter hohen Vesely vrch zu steigen. »Von hier aus ist der Blick am schönsten«, ist der Bürgermeister des nahen Chotilsko überzeugt.

Geht es allerdings nach Plänen der kanadischen Firma Astur Gold, wird es die Erhebung, die auf Deutsch »Fröhlicher Hügel« heißt, nicht mehr lange geben. Denn unter dem Berg und dem nahen Ort Mokrsko liegt Gold. Nicht in der praktischen Form von Nuggets, sondern als kleine Teile im Gestein, weshalb eine Untertageförderung nicht möglich ist.

Unter den sanften Hügeln in Böhmen lagert Gold. Foto: epd-bild

Unter den sanften Hügeln in Böhmen lagert Gold. Foto: epd-bild

Um das Gold aus dem Gestein herauszulösen, wollen die Kanadier das Verfahren der Cyanidlaugung anwenden. Zwar betont Olga Bubnikova, Sprecherin von Astur Gold in Tschechien, dass die Cyanidlaugung in geschlossenen Kreisläufen erfolgt. Aber die Erinnerungen an die Katastrophe im rumänischen Baia Mare, als vor 14 Jahren ein Absetzbecken barst und sich mehrere Hunderttausend Kubikmeter der hochgiftigen Chemikalie in Theiß und Donau ergossen, sind auch hier wach. »Die Moldau würde direkt neben dem Tagebau liegen, und über die Moldau würden die Gifte weiter in die Elbe und so nach Deutschland gelangen«, warnt Stastka. Er hofft deshalb auf Hilfe aus Sachsen, wohin er bereits Verbindung zu sächsischen Umweltschützern aufgenommen hat.

Doch nicht nur eine mögliche Cyanid-Katastrophe schreckt die Einwohner des Erholungsgebiets. Die Goldförderung würde aus ihrer Heimat eine Mondlandschaft mit Hunderten Tonnen Abraum machen, die zudem als Sondermüll gelagert werden müssten. Die Ausbeute ist dabei mit einem Goldgehalt von nur zwei Gramm je Tonne denkbar gering.

Dass unter Mokrsko Gold liegt, ist nicht neu. In den 1980er Jahren wurden in Tschechien 15 Standorte identifiziert, an denen insgesamt 300 Tonnen des Edelmetalls lagern sollen. Damals trieb der Staat die Vorbereitungen voran. Doch die Pläne wurden durch die Samtene Revolution durchkreuzt. Bürgerinitiativen wehrten sich erfolgreich, sodass zunächst ein Moratorium und im Jahr 2000 ein Abbauverbot auf Cyanidbasis durchgesetzt wurde.
Mit dem Anstieg des Goldpreises wird ein Abbau aber auch in Tschechien lukrativ, wie Pavel Kavina, Referatsleiter für Rohstoffsicherheit im tschechischen Industrieministerium, bestätigt. In einer neuen Rohstoffstrategie sollte der Goldabbau wieder aufgenommen werden. Zu einer Verabschiedung kam es jedoch nicht mehr. Vor einem Jahr stürzte die damalige Mitte-Rechts-Regierung und die Strategie liegt seitdem auf Eis.

Doch der wirtschaftliche Druck nimmt zu. Der Preis für die Feinunze Gold ist immer noch hoch. Derzeit pendelt er um die Marke 1 300 US-Dollar. Und Mokrsko ist nicht nur der Standort in Tschechien mit den größten Goldvorkommen, sondern auch am weitesten vorbereitet. Gehen die Pläne von Astur Gold auf, könnte das Land zumindest in Europa zum größten Goldproduzenten aufsteigen. Astur will allein in Mokrsko innerhalb von 15 Jahren 140 Tonnen fördern.

Astur Gold hat bereits beim Umweltministerium die Erlaubnis für Erkundungsbohrungen beantragt. Allein, dass sich das Umweltministerium damit befasst, ist für Bürgermeister Jiri Stastka ein Alarmsignal, stellt es doch das erwähnte Abbauverbot infrage. Außerdem haben sich nacheinander die regionale Selbstverwaltung, Spitzenpolitiker mehrerer Parteien sowie zuletzt auch die tschechische Regierung gegen den Goldabbau ausgesprochen. »Und trotzdem läuft dieses Verfahren«, rätselt Bürgermeister Stastka. Er befürchtet, dass eine Erkundungslizenz das Einfallstor für den Goldabbau ist. Und das käme für ihn einer ökologischen, aber auch wirtschaftlichen Tragödie gleich.

Derzeit laufen noch weitere 14 Genehmigungsverfahren zu insgesamt zwölf Lagerstätten im Umweltministerium, bestätigt eine Sprecherin. »Im Fall von Astur ruht das Verfahren auf Bitte des Antragstellers. Außerdem muss die Firma noch fehlende Unterlagen einreichen«, so die Sprecherin. Eine Entscheidung sei bisher in keinem der Verfahren gefallen.

Jiri Stastka will sich aber nicht mehr auf das Umweltministerium verlassen und drängt auf ein Verbot. »Ich bin nicht gegen den Goldabbau, aber nicht jetzt. Wenn es in Zukunft eine neue Technologie gibt, die die Umwelt nicht zerstört, bitte gern«, sagt der 56-Jährige. »Aber jetzt würde ich meinen Kindern und Enkeln nur eine tickende Zeitbombe hinterlassen.« Eine erste Hoffnung hat Stastka nun aber, dass das nicht passiert. Das tschechische Abgeordnetenhaus hat inzwischen die Regierung aufgefordert, eine neue Rohstoffstrategie und ein neues Bergbaugesetz zu verabschieden, in denen der Goldabbau verboten wird.

Steffen Neumann

Himmel und Erde küssen sich

9. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Popkultur: Siegerin einer Gesangsshow ist eine sizilianische Nonne

Ob sich da für einen Moment Himmel und Erde berührt haben? Was sonst kann es gewesen sein, das die italienischen Zuschauerinnen und Zuschauer der jüngsten Staffel der Gesangsshow »Voice of Italy« im Juni bewogen hat, die sizilianische Nonne Cristina Scuccia zur Siegerin zu küren? Und zwar mit deutlichen 62 Prozent der Stimmen.

Es ist unzweifelhaft: Die 25-Jährige ist begabt – mit einer starken Stimme und tänzerischem Talent. Das und ihr christlicher Glaube führten sie zur Musicalschule des Ursulinerinnen-Ordens nach Rom. Aber reicht das als Erklärung? Auch bei »Voice of Italiy« treten schließlich eine ganze Reihe von Talenten auf.

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Auftritt der sizilianischen Nonne Cristina Scuccia. Foto: picture-alliance/dpa

Darum hat bei der Entscheidung für Schwester Cristina vermutlich noch etwas anderes mitgespielt, das mehr gewesen sein dürfte als der Paul-Potts- oder Susan-Boyle-Effekt. Deren Auftritte hatten das Publikum einer britischen Castingshow vor wenigen Jahren millionenfach zu Tränen gerührt und aus zwei unbekannten Hobby-Sängern quasi über Nacht Weltstars gemacht.

Wenn jedoch eine Nonne in schwarzer Tracht mit Kruzifix um den Hals über die Bühne wirbelt und mit ebenso starker Stimme wie Ausstrahlung übrigens durchaus weltliche Popsongs zum Klingen bringt, dann hat das wohl doch noch eine andere Qualität: Schwester Cristina vereint zwei Welten – Showbusiness und Klosterleben, Popkultur und »Ora et Labora«, weltliche Eitelkeiten und christliche Demut.

Gerade das scheint das Publikum im Innersten berührt zu haben, ebenso wie die Jurymitglieder, auf deren Gesichtern sich ungläubiges Staunen breitmachte, als sie wie üblich die Sängerin erst nach dem Ende ihres ersten Auftritts zu sehen bekamen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht im wahren Leben. Eine Nonne als Showstar. Das kannte man nur aus Hollywood: aus dem Musical »Sister Act«, das von einer als Ordensschwester verkleideten eher zweitklassigen Barsängerin erzählt, von ihrem Unterschlupf im Kloster und von der Macht der Musik.

Aber diese Nonne, die da im italienischen Fernsehen zu sehen war, war nicht verkleidet. Sie war echt. Authentisch. Glaubwürdig. Nicht nur in ihrem Gesang, auch in ihrer Botschaft. Weil sie die Aufforderung ihres Papstes ernst genommen hat, die Kirche solle mitten hineingehen in die Welt. Mitten hinein in die Welt: So hat es Schwester Cristina sogar geschafft, während einer Fernsehsendung mit dem Publikum das »Vaterunser« zu beten und dieses Gebet in Millionen von Wohnstuben hineinzutragen. Das war für die junge Sizilianerin wahrscheinlich der größte Erfolg.

Die singende Nonne verkörpert offenbar etwas, das hinausweist über unser irdisches Leben. Sie und ihr Erfolg lassen ahnen, dass viele Menschen die Sehnsucht teilen, für Momente die Banalität ihres Alltags hinter sich zu lassen, an etwas Höherem teilzuhaben. Auch die, denen ein personaler Gott und traditionelle Formen christlichen Lebens fremd geworden sind.

Schwester Cristina hat diesen Menschen etwas geschenkt, sie hat in ihnen etwas zum Klingen gebracht, dem man nur wünschen kann, dass es bleibt: das Gespür dafür, wie es ist, wenn sich Himmel und Erde berühren.

Annemarie Heibrock

Liebe überwindet Distanz

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vater unser im Himmel – Der große, ferne Gott kommt uns nahe

Immer wieder waren die Jünger beeindruckt davon, wie vertraut Jesus mit Gott sprach und sie sehnten sich danach, Gott auch so nahe zu erfahren. Deshalb baten sie ihn: »Herr, lehre uns beten« (Lk. 11,1). Und eine der ersten Fragen bei unserem Beten ist vielleicht: »Wie rede ich Gott denn richtig an? Sage ich »Gott« oder »Herr« oder »Allmächtiger«? Doch Jesus ermutigte die Jünger in dem wohl bekanntesten Gebet: »Wenn ihr betet, so sprecht: »Vater!« Und ich kann mir vorstellen, wie erstaunt sie auf diesen Vorschlag waren. Vor Jesus gab es keinen, der je so mit Gott gesprochen hätte. Ein halbwegs frommer Jude wäre damals nie auf die Idee gekommen, den »Herrn der Heerscharen«, den »Heiligen« mit » Vater« anzusprechen. Die Menschen damals vermieden sogar den Namen Gottes (JHWE), um ihn nicht zu entehren. Oft schien er so fern und nun sollten sie ihn Vater nennen?

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Doch Jesus machte deutlich, mit seinem Sterben und Auferstehen wird wieder etwas hergestellt, was uns verloren gegangen war. Der große, ferne Gott wird zum Vater im Himmel. Das gilt, auch wenn wir das nicht immer so spüren. Wir dürfen wie Kinder zu ihm kommen und vertraut mit ihm reden. Mit dieser Anrede wird Gott nicht unheiliger, sondern sie zeigt, wie sehr er uns liebt. Jesus ermutigte seine Jünger sogar zum Kosenamen »Abba, lieber Vater«.

Und von dieser großen Liebe Gottes zu uns, erzählte Jesus in dem bekannten Gleichnis »Vom verlorenen Sohn«. Wir könnten es auch »das Gleichnis von den verlorenen Söhnen« oder auch »das Gleichnis vom Vaterherzen Gottes« nennen (Lukas 15,11 ff).

In Lukas 15,20 bekommen wir einen Einblick in das Vaterherz Gottes, als der jüngere Sohn, der sich in seinen eigenen Wegen verrannt hatte, weil er meinte bei seinem Vater zu kurz zu kommen, doch wieder zu diesem sich aufmachte.

»Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen und er lief, und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.« Mit diesem Empfang hatte der Sohn sicher nicht gerechnet.

Doch mit diesem Gleichnis zeigt Jesus uns die Liebe des Vaters für alle, die aufrichtig zu ihm kommen. Diese Vaterliebe galt auch seinem älteren Sohn. Der ging seiner Pflicht nach und arbeitete wie gewohnt auf dem Feld.

Als er abends nach Hause kam, das große Fest sah und von den Ereignissen des Tages hörte, stieg die blanke Wut in ihm hoch. Zornig weigerte er sich, an dem Fest teilzunehmen. Und wieder überrascht die Reaktion des Vaters. Er ging zum älteren Sohn hinaus, redete ihm zu und lud ihn persönlich zum Fest ein. Er wollte ihn genauso beim Fest haben wie den jüngeren. Für ihn war sein Herz in gleicherweise geöffnet. Obwohl der Sohn voller Anklage und Bitterkeit gegenüber dem Vater war, sprach dieser ihn liebevoll mit »Sohn« an. Wahrscheinlich hätte er ihn gerne ebenso in die Arme geschlossen.

Doch der ältere Sohn ließ nun den Frust und die Bitterkeit raus, der sich in den ganzen letzten Jahren in seinem Herzen angestaut hatte und sagte im Prinzip: »Ich habe jahrelang für dich gearbeitet und habe dabei nie Freude erlebt.« Damit benannte er das Grundproblem seines Lebens. Im tiefsten seines Herzens war er nicht Sohn, er war Knecht. Er hatte keine innere Beziehung zu dem Vater, sondern er bemühte sich, es dem Vater durch Leistung und Pflichterfüllung recht zu machen. Er war zwar im Hause des Vaters, aber er war nicht zu Hause bei ihm.

Wie schnell vergessen auch wir in unserem Alltag, wie sehr uns Gott der Vater liebt und wir meinen, dass wir uns Gottes Liebe erst verdienen
müssen.

Und so ist auch der Satz entscheidend, den der Vater zu dem älteren Sohn sagt (Lukas 15,31): »Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.«

Dem Sohn stand alles zur Verfügung und er hatte die Geborgenheit durch den Vater. Doch das erkannte er nicht. Sein falsches Bild vom Vater hinderte ihn daran, in der Liebe seines Vaters zu leben.

In unserem Glauben bekennen wir, dass die Arme von Jesus am Kreuz weit ausgebreitet waren für alle, die sich nach Wiederherstellung, Versöhnung und einer tiefen Beziehung zu Gott als himmlischen Vater sehnen. Sie erinnern an die einladenden Arme des Vaters. Durch das Kreuz, wo wir alles ablegen dürfen, was uns beschwert, führt Jesus uns zurück zum Vater. Zurück nach Hause und wir dürfen geliebte und angenommene Söhne und Töchter unseres Vaters im Himmel sein. Dafür sind wir geschaffen. Auch für uns sind Gottes Arme weit ausgebreitet, um uns zu empfangen – egal welchem der beiden Söhne wir ähneln. Und je mehr wir uns für die Liebe des Vaters öffnen, desto mehr lernen wir ihn wirklich kennen und seine Liebe beginnt in uns zu wachsen.

Rebekka Mittmann

Die Autorin ist Predigerin im Thüringer Gemeinschaftsbund, zurzeit in Elternzeit

Vertiefende Literatur
Lanz, Manfred: Leben in der Liebe des Vaters. Eine Entdeckungsreise zum Vaterherzen Gottes, SCM R. Brockhaus, 128 S., ISBN 978-3-417-26320-6, 9,95 Euro

Bewusstseinsarbeit in Sachen Geschlecht

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Blickpunkt:  Das Studienzentrum für Genderfragen in Hannover stellt sich vor

Der Begriff »Gender« und seine Inhalte provozieren regelmäßig flammende Debatten. Am 7. April dieses Jahres wurde aus dem 1994 gegründeten Frauenstudienzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das »Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie«. Dessen Eröffnung war von Kritik begleitet, auch auf der Forumseite unserer Zeitung. Simone Mantei, Studienleiterin des Studienzentrums in Hannover, erklärt ihre Arbeit.

Was macht ein Studienzentrum für Genderfragen?
Mantei:
Es wertet Genderforschungsansätze aus verschiedenen Fachgebieten aus und bereitet sie für die Arbeit in der Kirche exemplarisch auf, so heißt es in unserer Ordnung. Konkret: Meine Kollegin Claudia Janssen und ich halten Vorträge und veröffentlichen Beiträge, zum Beispiel über Geschlechterbilder in Bibel und Gesellschaft oder den Wandel im Pfarrberuf. Wir leisten theologische Bildungs- und Bewusstseinsarbeit zu Geschlechterfragen. Unsere Kollegen zwei Stockwerke höher tun dasselbe zu Wirtschaftsfragen.

Wozu braucht die EKD so etwas?
Mantei:
Um den gesellschaftlichen Wandel theologisch zu reflektieren und sich als Kirche zu positionieren. Wie etwa stehen wir zu Patchwork-Familien, gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, der Mütterrente oder Quotenregelungen?

Pfarrerin Simone Mantei arbeitet am Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Die 42-jährige promovierte Theologin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: privat

Pfarrerin Simone Mantei arbeitet am Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Die 42-jährige promovierte Theologin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: privat

Sehen Sie in Sachen Geschlecht dringenden Handlungsbedarf in Kirche und Gesellschaft?
Mantei:
Ja. Zum Beispiel bei der Unternehmens- und Arbeitskultur, unter denen Männer wie Frauen leiden, auch in Kirche und Diakonie. Erwerbsarbeit wird absolut gesetzt, Erziehungs-, Pflege- oder ehrenamtliche Arbeit – die oft von Frauen getan wird – dagegen gering geachtet. Unsere Gesellschaft und auch die Arbeitgeber leben aber von diesen Voraussetzungen. Wir brauchen ein Umdenken, zu dem uns biblische Bilder des Zusammenlebens ermutigen können – weg von der ökonomisierten Gesellschaft, die Mensch und Natur ausbeutet.

Das Genderzentrum wird mit 280 000 Euro von der EKD finanziert?
Mantei:
Das ist der Etat für alle Gehalts- und Sachkosten. Zunächst für dreieinhalb Jahre hat die EKD-Synode drei Stellen genehmigt: zwei Studienleiterinnen, eine »halbe« Sekretärin sowie ab 2015 eine halbe Stelle für Kommunikation.

Wieso arbeiten bei Ihnen keine Männer?
Mantei:
Das weiß die Einstellungskommission allein, aber noch sind nicht alle Stellen besetzt. Ich halte ein gemischtes Team für absolut wünschenswert.

»Nur drei von 20 Landeskirchen werden von einer Frau geleitet«

Aus den Gemeinden kam teils heftige Kritik, dass man hier Geld verschleudere, das dringend für die Arbeit an der Basis benötigt werde. Ein Leser beklagte die Abwicklung eines Behindertenprojekts und fragte bitter: »Wird nun die ›geschlechterbewusste Hermeneutik für die Auslegung der Bibel‹ dem Rollstuhlfahrer einen äquivalenten schönen Urlaub gestalten?«
Mantei:
Die Kirche hat kein Geld mehr zu »verschleudern«, heute wird jeder Cent dreimal umgedreht. Auch unser Zentrum ist befristet, 2017 geht es ihm womöglich wie dem Behindertenprojekt. Das eine gegen das andere auszuspielen, macht aber aus der Spardiskussion eine ungute Neiddebatte.

Überall in der Gesellschaft sind Frauen auf dem Vormarsch, Jungen gelten als Bildungsverlierer, Männer stehen unter Modernisierungsdruck. Ist das in der Kirche anders?
Mantei:
Ich nehme eine deutliche Diskrepanz zwischen Bildungssystem und Arbeitswelt wahr. In der Bildung sind Mädchen in der Tat mindestens gleichberechtigt – auch im Theologiestudium. Der Bruch erfolgt mit dem Übergang ins Berufsleben und mit der Familiengründung. Die gut ausgebildeten jungen Frauen erhalten für dieselbe Arbeit noch immer acht Prozent weniger Lohn. Auch sind Frauen in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. Das ist in unserer Kirche und Diakonie nicht anders, außer dass es hier früher noch christlich verbrämt wurde.

Wie stellen sich die Geschlechterverhältnisse bei den Hauptamtlichen in der EKD dar?
Mantei:
Ein Drittel aller in der evangelischen Kirche tätigen Pfarrpersonen war 2009 weiblich. In der mittleren Leitungsebene (Superintendenturen/Dekanate) beträgt der Frauenanteil 20 Prozent. Nur drei von 20 Landeskirchen werden von einer Frau geleitet: Mitteldeutschland, Westfalen, die Nordkirche. Der Frauenanteil unter den Ehrenamtlichen dagegen beträgt knapp 70 Prozent.

Scharfer Wind bläst vom konservativen Feld her: Wird durch Gendertheorien die Schöpfungsordnung gefährdet oder die biblische Botschaft verzerrt?
Mantei:
Der Begriff der Schöpfungsordnung ist zwiespältig, seitdem Theologen wie Althaus, Hirsch oder Gogarten das »Dritte Reich« als »Gottes gute Ordnung« gegen Kritik verteidigt haben. Geschichtlich gewordene Strukturen werden heute nicht mehr als »natürlich« und von Gott stammend betrachtet. Dazu zählt auch die Rollenverteilung von Mann und Frau. An 1. Korinther 11 – Der Mann ist das Haupt der Frau! – haben sich nicht mal die Korinther gehalten, und unsere Gemeinden folgen Paulus auch nicht im Blick auf Schleier und Haarlänge der Frau. Aber das ist nicht der Kern des Evangeliums, sondern gehört zur jeweiligen Zeit, in die hinein es auszurichten ist. Die Gendertheorie hilft mir dabei, unsere Zeit und Gesellschaft besser zu verstehen.

Jürgen Reifarth

Von Anhalt nach Indien

2. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission: Vor 200 Jahren wurde der Mitbegründer der neueren deutschen Missionswissenschaft, Karl Graul, geboren

Karl Graul gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Missionsgeschichte. Als Direktor stellte er die Weichen für die bis heute andauernde Arbeit des Leipziger Missionswerkes (LMW).

Nicht weit vom Wörlitzer See kam er als Kind einer Leineweberfamilie zur Welt: Karl Graul (6. Februar 1814 bis 10. November 1864) schaffte es, sich dank seines Verstandes und mit Hilfe von Förderern eine höhere Schulbildung zu erwerben, Theologie zu studieren, Sprachen zu lernen und sich als Übersetzer Dantes einen Namen zu machen. 1843 berief ihn die Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft Dresden (später Leipzig) zu ihrem Direktor. Er bereiste von 1849 bis 1853 Südindien, wo er sich intensiv mit der Kultur und der tamilischen Sprache auseinandersetzte. Sein Wirken führte zum Wiedererwachen der lutherischen Mission rund um Tranquebar, die 1706 mit den halleschen Missionaren Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau begonnen hatte. Aus ihrem Wirken ging die Evangelisch-Lutherische Tamilkirche (TELC) hervor. Ab 1861 lebte Graul in Erlangen, wo er sich 1864 für den ersten Lehrstuhl einer deutschen theologischen Fakultät in Missionswissenschaften habilitierte. Wenig später erlag er einer schweren Krankheit.

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Der Erlanger Religions- und Missionswissenschaftler Andreas Nehring zeigte jetzt bei einer Tagung in Wörlitz die Besonderheiten des Wirkens von Karl Graul auf. Er habe von Indien-Missionaren gefordert, sich ein solides Wissen der indischen Literatur- und Religionsgeschichte anzueignen. Derjenige, der die Argumente der »Heiden« kenne, könne die christliche Wahrheit besser vermitteln. Für das LMW habe Graul Texte in Tamil-Literatur gesammelt, übersetzt und herausgegeben. Er sei der Ansicht gewesen, dass die lutherische Theologie das Verhältnis von Evangelium und Kultur beziehungsweise der zwei Reiche so bestimme, dass dazwischen für ein »mittleres natürliches Gebiet« Platz sei. Dort könnte sich die »nationale Eigenthümlichkeit« eines Volkes manifestieren. Aufgabe einer einheimischen Kirche und nicht der europäischen Mission sei es, dieses Gebiet im Sinne einer christlichen Ethik zu gestalten.

Mit dieser Meinung geriet er in Streit mit anderen Missionaren über die Kastenfrage. In seinem Vortrag widmete sich der Direktor des LMW, Volker Dally, Grauls unpopulärer Entscheidung: In Indien gibt es die Schicht der Dalits, Menschen, die so gering geachtet und rechtlos sind, dass sie im Kastensystem des Hinduismus keinen Platz haben. Etwa 220 Millionen Menschen gehören heute zu den »Broken People« (Gebrochene Menschen), wie sie sich selber nennen. Im 19. Jahrhundert forderten englische Missionare von indischen Christen, die Unterscheidung in Kasten aufzugeben. Die Leipziger Missionare waren sich in dieser Frage nicht einig. Einige wollten das Kastensystem abschaffen. Graul und andere, die Kasten nicht nur als religiöses System, sondern als Grundlage der indischen Zivilgesellschaft verstanden, sahen, dass diese schon in die christlichen Gemeinden in Tamil Nadu eingewandert waren. Sie hofften auf allmähliche Veränderungen durch eine neue christliche Ethik.

Zu der seit 1919 selbstständigen TELC gehören heute 110 000 Mitglieder. 60 Prozent davon sind kastenlose Dalits. »Aus heutiger Sicht können wir sagen«, so Volker Dally, »dass weder die Leipziger Mission noch eine andere Missionsgesellschaft erfolgreich war mit ihrer Hoffnung auf eine Überwindung des Kastendenkens und –handelns in der indischen Gesellschaft.«

Der anhaltischen Kirchenpräsident Joachim Liebig zog in seinem Vortrag Parallelen zur heutigen Situation: Mission könne in einer Region wie Anhalt mit sechs bis neun Prozent Kirchenmitgliedern nicht nur eine Frage an das Pfarramt sei. Missionarischer Anspruch erstrecke sich auf alle Gemeindeglieder; Gemeinden seien dabei zu erkennen, was das für ihre Arbeit bedeute. »Mission in unserer Zeit und unserer Region muss es leisten, einen der Kirche immer wieder streitig gemachten öffentlichen und privaten Raum zu besetzen, dabei menschenfreundlich und zugewandt zu bleiben.«

Angela Stoye

Hinweis:
Alle Referate der Wörlitzer Tagung sind in dem Tagungsband »Karl Graul (1814–164)« versammelt, den das Evangelisch-Lutherische Missionswerk Leipzig zusammen mit der Landeskirche Anhalts herausgegeben hat. Preis: 12 Euro. Zu bestellen beim Missionswerk Leipzig, Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig, Telefon (03 41)9 94 06 00 oder E-Mail <info@LMW-Mission.de>

www.lmw-mission.de

Leila

1. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Thomas Perlick

Luigi ist einundachtzig. Täglich läuft er zum Friedhof. Das Grab von Leila gibt es nun schon zwanzig Jahre.

Aber Leila ruht nicht. Leila tanzt. Früher auf Pferden, jetzt auf dem Friedhof. Tänzerinnen sterben erst, wenn keine Musik mehr spielt. Und die Musik spielt, solange Luigi lebt.

Leila tanzt auf dem Friedhof. Das ist mit dem Sterben gekommen. Damals war Nebel und die Zirkuswagen standen auf der dampfenden Wiese. Leila hatte ihr freches Haar noch einmal gekämmt und die Lippen tomatenrot gemalt.

»Schönes Mädchen«, hatte Luigi gesagt und seine Hände auf Leilas heiße Stirn gelegt. Und Leila hatte noch einmal getanzt im Liegen und mit offenem Mund und im Sterben nun. Dann war sie tot gewesen für alle anderen.

Für Luigi nicht.

»Du musst nur deine Musik spielen, Luigi«, hatte Leila gesagt. »Wenn du die Geige singen lässt, dann komme ich, um für dich zu tanzen, Luigi! Auch auf dem Friedhof. Du musst mich nur rufen.«

Seitdem läuft Luigi täglich mit seinem Geigenkasten zum Grab. Er ruft Leila mit seiner Himmelsvioline. Er hat sie ja immer musikalisch geliebt, in Moll, in Dur und auch in all dem Verrückten dazwischen. Trotzdem wurde Leila irgendwann todkrank. Aber sie war dem Sterben nicht bös.

»Mir reichen neunundvierzig Jahre«, hatte sie gesagt. »Ich habe mich rund gefressen am Leben.« Und dann erzählte Leila alles noch einmal. Nur dichter als sonst. Und dankbarer.

Zeichnung: Martin Max

Zeichnung: Martin Max

»Ach, Luigi! Schau nicht so traurig! Drei Männer hatte ich. Der erste war schön und zornig und hat mir viel angetan. Er hat die Frauen schwanger gemacht. So im Vorübergehen. Auch mich. Als das Kind kam, ist er weitergezogen. Aber ich musste ja noch ein bisschen leben-lieben. Also habe ich die Tür wieder aufgemacht und Johannes ist hereingekommen. Ein feiner, ein stiller und so schlimm verloren. Alles verschwand in seinen Sehnsüchten. Nichts hat er gelebt. Auch mich nicht. Er war nie da, wenn er da war und wenn er etwas sagte, dann schwieg er eigentlich. Sie hatten ihn als Kind zu sehr zu wenig geliebt. Sie haben ihm das Leben genommen vor der Zeit. Er hat es dann einfach nur noch beglaubigt mit einem Strick in der Scheune. Sie haben mich verflucht, weil ich es zugelassen habe.

Aber ich hatte ihm schon alle Wege gezeigt. Er wollte keinen von ihnen gehen. So fiel er zurück in das Nichts, aus dem er gekommen war. Ich konnte ihm kein anderes Leben geben. Er hätte sich auch das wieder selbst genommen. Ach Luigi! Es war gar nicht so einfach, von Johannes ein Kind zu bekommen. Aber ich habe es geschafft. Nun lebt das Kind und Johannes nicht. Und, ja, es ist besser so.

Ach Luigi, Luigi! Dann kamst du. Und du hast mich zur Tänzerin gemacht. Du, deine Geige, deine Hände und deine Stimme. Hast mir nicht gesagt, wie viele Frauen für dich getanzt haben. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Hast nur gesagt: »Jetzt nur noch du, Leila. Immer du!« Damals hast du mir diesen Namen gegeben und einen Platz in deinem Zirkuswagen und eine Landschaft in dem einzigen Bett, das dort steht. Und wenn du Lust hattest, hatte ich sie auch, und wenn wir geschlafen haben, dann haben sich unsere Bäuche in unsere Rücken geschmiegt. Da war ich neununddreißig und du einundfünfzig. Du konntest mit deinen Händen mehr als andere mit ihrer Kraft.

Dann hast du mich gefügig gemacht für den Zirkus. Ich bin in kurzen Röcken in die Manege und die Männer haben schäumende Augen gehabt neben ihren Frauen. Es waren Augen wie vor Saalfenstern draußen, wenn drin der heiße Tango tanzt.

Ich habe meine Beine um die Pferderücken gespreizt und du hast mir den Handstand gezeigt und die Kunst, sicher zu fallen.

Die Männer haben mich gesehen in meinem Glitzerkörper und die Frauen dich mit deinen strammen Schenkeln. Aber du warst mein und ich dein wie im Kino, nur besser. Nur ehrlicher. Du hast mir gezeigt, wie alabastern mein Leib wird, wenn der Mond darauf spielt in deinem Zirkuswagen mit Fenster zum Himmel. Und ich habe dich gelehrt, die Häuser zu lieben, die nicht davon fahren und die sich gutmütig bewohnen lassen.

Mein drittes Kind kam zur Welt, dein erstes. Ach, Luigi!«

Luigi spielt seine Himmelsgeige auf dem Friedhof wie ein Zigeuner. Und er lacht dabei, denn Leila tanzt für ihn den Tanz des Lebens über den Gräbern des Todes.

Und immer sagt sie: »Luigi, ach Luigi! Drei Männer hatte ich. Und du warst der Einzige.«

Kirchen sollen zum Innehalten provozieren

1. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie viel Stellungnahmen zu Politik und Ethik tun den Kirchen gut? – Und vor allem: Werden die Kirchen im Osten überhaupt wahrgenommen?

Christen sind im Osten Deutschlands nur eine kleine Minderheit. Wie viel Gewicht hat die Stimme der Kirchen, wenn sie sich zu ethischen oder moralischen Fragen zu Wort melden? – Harald Krille (»Glaube + Heimat«) und Dorothee Wanzek (»Tag des Herrn«) sprachen da­rüber mit der evangelischen Landesbischöfin Ilse Junkermann (Magdeburg) und dem katholischen Bischof Heiner Koch (Dresden).

Herr Bischof Koch, Sie haben in Ihrem ersten Jahr als Bischof von Dresden-Meißen mehrfach betont, wie wichtig Sie es finden, dass evangelische und katholische Christen in der hiesigen Diasporasituation gerade zu gesellschaftlichen Fragen mit einer Stimme sprechen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Koch:
Wir müssen den Menschen, die danach fragen, ob es Gott gibt oder welchen Sinn das Leid hat, glaubwürdig Antwort geben. Die Minderheitensituation hier ist eine Herausforderung: Entweder treten wir gemeinsam als Christen auf oder wir haben keine Chance.

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Foto: Matthias Holluba

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Foto: Matthias Holluba

Frau Bischöfin Junkermann, was denken Sie über diese Forderung nach mehr Einheitlichkeit?
Junkermann:
Auch ich meine, dass wir in einer multi- und nichtreligiösen Welt gemeinsam sprechen sollen. In der Charta Oecumenica haben wir uns dazu bekannt und hinken doch immer hinterher, weil wir beide zugleich als Minderheiten bemüht sind, an Erkennbarkeit zu gewinnen. Ich stimme also zu, frage mich aber auch, ob in einer pluralen Gesellschaft verschiedene Stimmen, die sich auf das Gleiche beziehen, nicht auch attraktiv sind. Auch im Westen wird der Glaube ja nicht mehr so selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Jeder muss sich entscheiden. Ich kann mir vorstellen, dass unterschiedliche Stimmen auch helfen können, die eigene Position zu finden.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass nach Orientierung suchende Menschen sich eher Gruppierungen zuwenden, die klarere Antworten bereithalten?
Junkermann:
Es stimmt in vielen Regionen der Welt, dass Menschen ganz klare Fundamente haben wollen. Deshalb haben Fundamentalisten ja auch so viel Zulauf. Aber ich denke, in der westlichen Welt fragen die Menschen nach Klarheit nur, wenn es einen öffentlichen Streit gibt und man sich gegenseitig den Respekt vor der Einsicht des anderen abspricht. Wenn ich mich in den Diskurs mit anderen Meinungen stelle und dabei die Möglichkeit einräume, dass neue Einsichten meine Position verändern können, dann hat das, denke ich, auch Anziehungskraft.

Es gab doch aber in den vergangenen Jahren auch erhebliche Irritationen zwischen evangelischer und katholischer Kirche, etwa zum Familienpapier der evangelischen Kirche, zur Abtreibung oder zum Umgang mit Homosexualität. Wie schätzen Sie das ein?
Koch:
Zunächst einmal: Ich finde es wohltuend, wenn wir Unterschiedlichkeit als Bereicherung sehen und nicht immer als Bedrohung. Dann kann ich bei Unterschieden etwa im Sakramenten- oder Kirchenverständnis sagen: Ich teile die Sicht des anderen so nicht, aber ich halte sie für wertvoll. Wichtig ist es mir dann auch, dass wir über die Unterschiede gut ins Gespräch kommen. Ich kann meine Position einbringen und dabei ein nach Wahrheit Suchender bleiben. Das gibt unserem Gespräch eine große Weite und Freiheit.

Heiner Koch ist Bischof des Bistums Dresden-Meißen, das mit dem Dekanat Gera bis nach Thüringen reicht. Foto: Matthias Holluba

Heiner Koch ist Bischof des Bistums Dresden-Meißen, das mit dem Dekanat Gera bis nach Thüringen reicht. Foto: Matthias Holluba

Und nun zu den gesellschaftlichen Fragen: Als Bischof habe ich angesichts der Pluralität von Meinungen, die es auch innerhalb meiner Kirche gibt, nicht das Recht, in allen Fragen zu sagen: das ist jetzt katholisch. Die Mündigkeit des Getauften und Gefirmten ist zunächst wahrzunehmen. Gewiss ist Vielfalt manchmal auch belastend. Und in der Öffentlichkeit sind manche Positionen, die zum Beispiel in unserem katholischen Eheverständnis gründen, nicht oberflächlich-schnell vermittelbar. Aber was sollen wir anderes tun, als auch intellektuell redlich ins Gespräch einzusteigen und zu begründen, warum wir an manchen ethischen Positionen auch gegen den Trend festhalten. Ich finde es zum Beispiel beim Thema Homosexualität wichtig, die katholische Position zu vertreten, aber auch herauszustellen, dass wir Zeichen gegen jegliche Diskriminierung setzen müssen. Da haben wir sicher auch aus den geschwisterlichen Einwänden gelernt.

Junkermann: Ich finde es wichtig, dass wir den Menschen plausibel zu machen versuchen, was der christliche Glaube beiträgt zu einem gelingenden Leben und wie sehr der Glaube einen Grund legt für Verlässlichkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit im Zusammenleben. Wir Evangelischen haben ein anderes Eheverständnis, das ist seit fast 500 Jahren klar, von daher habe ich übrigens die Aufregung über das Familienpapier auch nicht verstanden.

Ich finde die Ökumene in den östlichen Gliedkirchen allerdings sehr belastbar. Sie ist durch ganz andere Bewährungen gewachsen als im Westen. Es gibt ein größeres wechselseitiges Grundvertrauen. Wir teilen das Anliegen, in der Öffentlichkeit als Christen in guter Weise Raum einzunehmen. Wer es jeweils nach vorne schafft, ist zweitrangig. Die Unterschiede, die uns trennen, sind demgegenüber gering.

Koch: Als Bischöfe haben wir uns auch vorgenommen, in ethischen Fragen künftig schon miteinander zu sprechen, bevor die öffentliche Diskussion beginnt. Wünschenswert wäre es, bei der Erarbeitung kirchlicher Papiere von vornherein Vertreter der anderen Kirche einzuladen als Mitdenkende und Fragende. Das muss ja nicht heißen, dass man eigene Positionen minimalisiert.

Ist es überhaupt wünschenswert, dass sich Kirchen zu immer komplexer werdenden Fragen wie Präimplantationsdiagnostik (PID) äußern oder wäre es sinnvoller zu sagen: Wir sind da keine Experten, wir beschränken uns darauf, grobe Orientierungslinien zu zeigen?
Junkermann: Es ist unabdingbar, dass wir uns in Fragen wie PID kundig machen, denn da geht es um sehr wichtige Fragen wie zum Beispiel der, ob der Mensch alles darf, was er kann und was möglich ist. Natürlich ist Irrtum nicht ausgeschlossen, auch in der Vergangenheit lag die Kirche in der Grenzziehung nicht immer richtig, wenn ich zum Beispiel an Galileos Frage des Weltbildes denke.

Koch: Wir dürfen als Christen die politische Diskussion nicht allein den anderen überlassen. Als kirchliche Amtsträger sollten wir aber auch unsere Grenzen sehen. Wir haben nicht in allen Fragen die Antwort und wir brauchen sie nicht zu haben. Wir müssen das Bewusstsein für Maßstäbe wie den Wert und die Größe des Menschen wachhalten. Klar ist, bei dieser Thematik werden Grundfragen des Mensch-Seins angesprochen und schnell Grenzen der Menschenwürde überschritten. An diesen Stellen und gegen schnelle Trends müssen wir unsere Stimme erheben.

Junkermann: Und es ist wichtig, dass wir Fragen stellen, die sonst kaum angesprochen würden. Bei der PID zum Beispiel wird öffentlich oft damit argumentiert, dass Eltern vor Leid bewahrt werden müssen. Ich halte das für ein wichtiges seelsorgerliches Anliegen. Aber man muss auch danach fragen, was mit den befruchteten Eizellen passiert, die für wissenschaftliche Forschungszwecke freigegeben werden. Oder bei der Organtransplantation: Darf man wirklich sagen, das Eigentliche am Menschen ist tot, wenn das Hirn nicht mehr funktioniert?

Koch: Wir Kirchen sollten auch ein Innehalten provozieren. Ja, wir stören manchmal, das ungehemmte Forschen zum Beispiel, aber wir tun das, weil es um die Würde des Menschen geht. Damit leisten wir nicht nur für unsere Mitglieder einen wichtigen Dienst, sondern für alle Menschen.

Die Kirchen werden oft als Spaßverderber wahrgenommen, wenn es um Sonntagsarbeit geht oder um ethische Fragen. Sie erheben Forderungen, die aber nur verständlich werden, wenn man die Welt von Gott her betrachtet. Müsste da öffentlich nicht mehr über die Grundlagen unseres Glaubens geredet werden?
Koch:
Ja. Wer als Christ die Frage nach Gott wachhält, hält auch die Frage nach dem Menschen wach. Wir wollen keine christliche Sonderethik. Ich bin überzeugt: Was von Gott her den Menschen guttut, tut auch dem gut, der nicht an Gott glaubt. Gerade deshalb müssen wir sowohl anthropologisch als auch theologisch tiefer und verständlicher unsere Überzeugung begründen und ins Gespräch bringen.

Junkermann: Wir leben in einer großen Umbruchzeit. Auch Philosophen wie Jürgen Habermas fragen, wohin der Mensch gelangt, wenn er nur selbstbezogen lebt. Wir merken, dass die Welt untergeht, wenn Gott aus ihr vertrieben wird, wenn wir auf unbegrenztes Wachstum setzen. Als Christen haben wir die Verantwortung, deutlich zu machen, dass in Grenzen zu leben der Grundgedanke des Paradieses ist. Das Wort Paradies heißt ja »Das Umgrenzte«. Die Welt ist umgrenzt geschaffen, damit ein Lebensraum entsteht. Das Grenzenlose ist lebensfeindlich.

Mit solchen Bildern der Bibel können wir neu versuchen, die derzeitigen Fragen anzugehen. Es ist offen, in welche Richtung es geht in der geschichtlichen Entwicklung. Wir können eine Richtung aufzeigen, wir haben eine glaubwürdige Stimme und eine verlässliche Tradition. Die Kirchen – und die Feuerwehr vielleicht – hält man für verlässlich.

Wir haben viele Krisen bewältigt, Irrwege eingesehen und konnten immer wieder umkehren. Die Möglichkeit zur Umkehr ist ja eine Grundbestimmung unseres Glaubens. Das ist etwas, was Menschen hier und heute durchaus ansprechen kann.

Ein zweiter Teil dieses Interviews zu Ökumene und Reformationsdekade veröffentlichen wir in 14 Tagen.