Wenn Gott im Schlaf zu uns spricht

30. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Bibel spielen Träume eine große Rolle, auch heute können sie Botschaften Gottes übermitteln

Gut geschlafen? Oder wieder einmal nur wirres Zeug geträumt? Träume können widerspiegeln, was uns beschäftigt, Lösungen für Probleme andeuten. Und sie sind eine Sprache Gottes.

Gut, dass Josef und auch die drei Weisen aus dem Morgenland ihren Träumen getraut haben. In der Bibel spielen Träume eine wichtige Rolle. Zum Beispiel bei Jakob und seinem Traum von der Himmelsleiter (1. Mose 28,10-22). Oder bei Josef. Seine eigenen Träume halfen ihm und noch mehr seine Gabe, die Träume anderer zu deuten (1. Mose 37; 40; 41). Petrus und Paulus erfahren durch Träume, dass sie ihre Mission auf die ganze Menschheit ausweiten sollen (Apostelgeschichte 10, 9 ff; 18, 9+10).

Lange Zeit, Jahrhunderte lang, haben Träume keine wichtige Rolle mehr gespielt. Das änderte sich, als die Psychologie vor über 100 Jahren die Träume wieder entdeckt hat. Allen voran der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Er nennt Träume den »königlichen Weg« zum Unbewussten. Seitdem spielen Träume in den verschiedenen psychotherapeutischen Richtungen eine wichtige Rolle. Auch in der Seelsorge gewinnen sie wieder mehr Bedeutung.

Der Benediktinermönch Anselm Grün wie auch der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer sehen in Träumen einen Weg, Gott zu hören. Im Mönchtum werden drei Bereiche genannt, auf die ein Mensch achten sollte, wenn er Gott begegnen will: Gedanken und Gefühle, Leib und Träume.

Nach jüdischem Verständnis ist die Nacht der Raum des Schweigens. Da kann Gott zu den Menschen sprechen, der eigene Wille ist ausgeschaltet. Die moderne Traumforschung bestätigt das. Träume entstehen im Unterbewussten, der Mensch hat keinen Einfluss darauf.

Anselm Grün betont, Träume seien ein Weg, wie Gott sprechen kann. Einer von vielen. Aber doch ein Weg Gottes. »Im Gebet sind wir oft zu aktiv«, so Grün. Im Traum ist diese Aktivität ausgeschaltet. Dann kann Gott auf diese Weise zeigen, was dran ist, welche Schritte weiterführen. Träume sind ein Ort der Orientierung und der Selbsterkenntnis.

»Träume sind Wahrheitsfinder«, drückt es Uwe Böschemeyer aus. Er unterscheidet zwei Gruppen von Traumbildern: Die erste Gruppe beinhaltet Erinnerungen an das gelebte Leben, reale Erinnerungen ebenso wie Empfindungen. Zur zweiten Gruppe gehören »Urbilder« der Seele, die zum Allgemeingut der Menschheit gehören. »Ein Mensch, der seine Träume versteht, versteht mehr von sich selbst«, so Böschemeyer. Träume können zeigen, was ihn an einem gelingenden Leben hindert. Sie können Lösungen für Probleme andeuten. Es gibt viele Argumente dafür, sich mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen und zu versuchen, sie zu verstehen.

Viele Bücher wollen die Traumsymbole deuten. Das Problem dabei: Sie berücksichtigen nie das eigene Erleben des Träumenden. Daher warnen sowohl Grün als auch Böschemeyer vor der Traumauslegung durch Traumsymbole. »Den Traum wirklich deuten kann nur der Träumende selbst«, sagt Anselm Grün. Übrigens: Längst nicht jeder Traum enthält eine Botschaft. Viele Träume dienen der Verarbeitung und sind morgens nur noch verschwommen in Erinnerung, wenn überhaupt. Wenn allerdings Träume immer wiederkommen oder jemanden lange beschäftigen, sollte man sich damit auseinandersetzen. Dabei gibt es die Grundregel, sich zuerst zu fragen: Was sagt der Traum über meinen Alltag aus? Über Menschen, über meine Situation, mein Berufsleben? Außerdem hat alles, was im Traum auftaucht, etwas mit der eigenen Person zu tun. Hilfreiche Fragen können sein: Welcher Eindruck ist mir noch besonders vor Augen? Kommt mir ein Ort darin bekannt vor? Welche Inhalte spiegelt er wider? Welches Grundgefühl hatte ich im Traum? Weist mich der Traum auf etwas hin, was ich schon geahnt habe? Wozu fordert mich der Traum heraus?

Manchmal ist es hilfreich, den Traum jemandem zu erzählen oder ihn sogar auslegen zu lassen. Aber: Es sei empfehlenswert, Träume nur von Menschen auslegen zu lassen, die Gott nahe sind, empfiehlt Anselm Grün. Als Beispiel in der Bibel nennt er Josef, der die Träume des Pharao auslegt. Grün weist außerdem darauf hin, dass es keine schlechten Träume gibt. »Jeder Traum fordert mich auf, genau hinzuschauen, was Gott mir damit sagen will.« Im Gebet können wir Gott darum bitten, dass wir verstehen, was der Traum uns sagen will.

Träume sollte man nicht überbewerten. Dennoch haben sie ihre Bedeutung. Sie sind einer von vielen Wegen, wie Gott spricht.

Karin Ilgenfritz

Grün, Anselm: Träume auf dem geistlichen Weg, Vier-Türme-Verlag, 84 S., ISBN 978-3-87868-383-4, 9,95 Euro
Böschemeyer, Uwe: Die Sprache der Träume, Ellert & Richter Verlag, 56 S., ISBN 978-3-8319-0034-3, 4,95 Euro.

Eine historische Zäsur

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Antje Jackelén erhält die Kirche von Schweden erstmals eine Erzbischöfin

Oberhaupt der Kirche von Schweden ist seit dem vergangenen Sonntag erstmals eine Frau. In einem Festgottesdienst in der Kathedrale von Uppsala wurde die aus Deutschland stammende Antje Jackelén als 70. Erzbischöfin von Uppsala eingeführt. Die 59-jährige Theologin ist damit höchste Repräsentantin der weltweit größten lutherischen Kirche. An dem Gottesdienst nahmen auch die schwedische Königsfamilie und internationale ökumenische Gäste teil. Von den 9,6 Millionen Schweden gehören 6,4 Millionen der lutherischen Kirche an. Jackelén war mit klarer Mehrheit zur Nachfolgerin von Anders Wejryd gewählt worden. Der 65-jährige Wejryd wurde zuvor verabschiedet. Er war das erste direkt von der Kirche gewählte Kirchenoberhaupt in Schweden. Bis 2000 war die Kirche von Schweden Staatskirche, die Bischöfe wurden von der Regierung ernannt.

Mit Antje Jackelén leitet erstmals eine Frau als Erzbischöfin die größte  lutherische Kirche der Welt in Schweden. Foto: Svenska kyrkan

Mit Antje Jackelén leitet erstmals eine Frau als Erzbischöfin die größte lutherische Kirche der Welt in Schweden. Foto: Svenska kyrkan

Seine Nachfolgerin war 2007 zur Bischöfin der Diözese Lund geweiht worden. Die neue Erzbischöfin ist im westfälischen Herdecke geboren. Nach dem Abitur in Wetter an der Ruhr studierte sie Theologie an der Kirchlichen Hochschule Bielefeld-Bethel, in Tübingen und in Uppsala. Zur Pastorin der Schwedischen Kirche wurde sie 1980 ordiniert. Anschließend war Jackelén, die mit einem schwedischen Pastor verheiratet ist und zwei Töchter hat, in der Kirchengemeinde Tyresö (Bistum Stockholm), in Gardstånga (Bistum Lund) und in der Domgemeinde Lund tätig. Im Jahr 2010 wirkte sie an der kirchlichen Trauung der schwedischen Kronprinzessin Victoria mit Daniel Westling im Stockholmer Dom mit. Die promovierte Theologin lehrte von 2001 bis 2003 als Professorin für Systematische Theologie, Religion und Wissenschaft an der Lutherischen Theologischen Hochschule von Chicago. Anschließend war sie Professorin und Direktorin des Zygon-Zentrums für Religion und Wissenschaft in Chicago. In Schweden wurden erstmals 1960 drei Frauen zu Pastorinnen ordiniert. Von den 13 Diözesen werden derzeit zwei von Bischöfinnen geleitet. Die erste lutherische Bischöfin weltweit wurde 1992 Maria Jepsen in Hamburg.

Die Schwedische Kirche ist Teil der sogenannten Porvoo-Gemeinschaft von 13 anglikanischen und lutherischen Kirchen, die sich durch hochkirchliche Tradition und die Anerkennung der historischen apostolischen Sukzession im Bischofsamt auszeichnen. Unter König Gustav Wasa (1496 bis 1560) kam es mit Unterstützung der Brüder Olavus und Laurentius Petri zum Bruch mit Rom und der Gründung einer eigenen schwedischen Kirche, die von Martin Luther und anderen europäischen Reformatoren beeinflusst war. 1531 wurde Laurentius Petri zum ersten evangelischen Erzbischof von Schweden geweiht.

(GKZ/epd)

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Die Sache mit Gott und dem Fußball

23. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Fußball bewegt Menschen, deshalb gehört Kirche ins Stadion – auch ohne »Fußballgott«

Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Emotion pur. Deutschland, bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften immer unter den letzten Vier, greift erneut und womöglich abermals vergeblich nach dem Titel. Nach 24 Jahren wäre es zwar mal wieder an der Zeit. Doch Deutschland scheint in Ungnade gefallen zu sein beim »Fußballgott«.

»Fußballgott«? Gibt’s den denn? Ja, sagt Dirk Schuster, Trainer des SV Darmstadt 98: »Es gibt einen Fußballgott, der uns belohnt hat für den Aufwand, den wir betrieben haben«, erklärte er vor einigen Wochen nach dem kaum mehr für möglich gehaltenen Sieg bei Arminia Bielefeld.

Doch da irrt er wohl. Wenn es denn, wovon wir Christen ausgehen, einen Gott gibt, dann gibt es nur den einen. Und der ist nicht für Fußball zuständig, ebenso wenig wie fürs Wetter. Und selbst wenn: Es wäre ihm vermutlich egal, dass nun in der nächsten Saison statt der Arminen die 98er in der Zweiten Liga spielen.

Nicht nur Trainer Schuster, auch viele Spieler und zahllose Fans beirrt das nicht. Da werden Kreuze geschlagen und Arme gen Himmel gereckt vor Spielbeginn, Tore mit Dankgebeten quittiert und die Hände gefaltet, wenn es Spitz auf Knopf steht. Auf dass der Herr im Himmel das Runde ins richtige Eckige lenke. Alles Quatsch?

Der Fußball und die Begeisterung für das Spiel tragen ganz sicher religiöse Züge. Aber schon die Behauptung, es handele sich dabei um eine Ersatzreligion, ist eine ziemlich steile These. Sie wird vielleicht von Religionssoziologen, aber gewiss von keinem echten Fußball-Fan geteilt.
Blick-25-2014Und ganz gewiss auch nicht von tiefgläubigen Kickern wie dem Stuttgarter Cacau. Der beschriftet zwar gern sein Unterhemd mit frommen Sprüchen und reckt es in die Kameras. Doch auf die Idee, das Gerenne um den Ball und das Gewese drumherum sei Religion, käme er wohl nicht. Fromme Fußballer wie der einstige Wolfsburger Star Grafite oder auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp wissen ganz genau, was sie auf dem Platz bewegt und was sie in die Kirche zieht. Wer also vor dem Spiel für den Sieg betet, ob Spieler, Trainer oder Fan, hat irgendetwas missverstanden.

Die Bitte um ein faires Spiel, dass man von Verletzungen verschont werde, der Wunsch nach einem aufmerksamen und korrekten Schiedsrichter – dafür hat der Herr im Himmel gewiss ein offenes Ohr. Aber dass der FC Bayern den Pokal holen möge oder bitte nicht schon wieder – das ist kein Gegenstand für ein Gebet, sondern nur Anmaßung.

Wenn die deutsche Elf den Kampf um den Titel mal wieder versemmeln sollte, dann nicht wegen göttlichen Liebesentzugs. Im Gastgeberland Brasilien hat Religion ohnehin einen deutlich höheren Stellenwert. Dort bekennen sich die Fußballer reihenweise zum Glauben, in Deutschland hat das religiöse Bekenntnis auf dem Platz hingegen eher exotischen Charakter. Somit wäre, wenn Gebete denn zum Sieg verhülfen, die Rolle des Favoriten schon aufgrund der Masse klar definiert.

Dennoch haben Fußball und Kirche allerhand miteinander zu tun. Denn im Fußball geht es um Momente, die Menschen auch sonst im Leben bewegen: Hoffnung, Niederlagen und Rückschläge und darum, wie man damit umgeht. Es geht um Wettstreit und um Respekt, um die Freude über den Erfolg.

Darum begleitet die Kirche die Leidenschaft vieler Menschen mit Gottesdiensten vor einem Spiel (wie zur Liveübertragung Ghana–Deutschland ins Frankfurter Stadion am 21. Juni), sie lädt zum gemeinsamen Schauen in Gemeindehäuser. Sie schafft gar eine halbe Pfarrstelle zur Betreuung einer Stadionkapelle, wie beispielsweise in der Frankfurter Commerzbank-Arena oder in der Arena Auf Schalke in Gelsenkirchen. Da ist weder Trittbrettfahrerei noch Notfallseelsorge am Platz, sondern ein klares Signal, dass Fußball und Religion einander weder ausschließen noch bedingen. Sie gehören einfach dazu. Für viele Menschen jedenfalls.Wolfgang Weissgerber

Der Autor ist fußballbegeisterter Chefredakteur der Evangelischen Sonntags-Zeitung aus Frankfurt/Main.

Gerechtigkeit und Fürsorge

22. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christliche Werte verhindern Gewalt – Interview mit dem Kriminologen Dieter Hermann

Ob jemand zuschlägt oder nicht, das hängt davon ab, von welchen Werten sich ein Mensch leiten lässt. Dieter Hermann, Professor für Kriminologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, erforscht, wie Werte menschliches Tun beeinflussen. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Hermann, Sie erforschen, wie Werte das Handeln von Menschen beeinflussen. Sie sind dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass Werte auch kriminelles Verhalten beeinflussen?
Hermann:
Theoretisch beeinflussen Werte alle Verhaltensweisen, und somit auch kriminelles Handeln. Allerdings gab es in den letzten 30 Jahren kaum Studien zum Einfluss von Werten auf kriminelles Verhalten. Das Thema ist in Vergessenheit geraten. Ich habe es lediglich neu entdeckt. Man kann mit Werten kriminelles Verhalten sehr gut prognostizieren und sehr gut erklären.

Dann müsste man umgekehrt schließen, dass Werte Gewaltbereitschaft auch zurückdrängen können. Aber so einfach ist es doch nicht?
Hermann:
Nein, Werte sind relativ stabile Merkmale. Sie sind etwas ganz Individuelles und Persönliches, sie machen die Persönlichkeit aus. Werte lassen sich nicht ohne Weiteres beeinflussen. Von daher ist es schwierig, sie zu verändern, hier einzugreifen. Aber sie sind veränderbar, beeinflussbar.

Wie können wir unsere Gesellschaft zum Guten verändern?
Hermann:
Das geht mit Präventionsmaßnahmen. Generell ist es so, dass Werte einen Einfluss auf Gewaltbereitschaft haben, jedoch nicht alle Wertorientierungen, sondern nur bestimmte Werte. Wertorientierungen, die Gewalt verhindern, bezeichne ich als idealistisch nomozentrierte Werte. Idealistisch meint: Hilfsbereitschaft, die Bereitschaft anderen, sozial Schwachen zu helfen. Nomozentriert meint, dass die Orientierung an Normen und Gesetzen wichtig ist. Diese Kombination von Hilfsbereitschaft und der Lebensphilosophie, soziale Normen einzuhalten, charakterisiert idealistisch nomozentrierte Werte. Personen, die diese Werte haben, sind weniger gewaltbereit. Diese Werte sind abhängig von religiösen Werten. Diese werden in erster Linie in der Familie vermittelt, aber auch von der Kirche.

Zur Prävention von Gewalt müsste in der Gesellschaft ein Klima entstehen, das solche idealistisch nomozentrierten Werte als wichtig betrachtet. Gleichzeitig haben Kirchen eine Verantwortung, christliche Werte zu vermitteln. Wenn sie christliche Werte vermitteln, verstärken diese auch die Wichtigkeit idealistisch-nomozentrierter Werte.

Dieter Hermann: »Die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte.« Foto: privat

Dieter Hermann: »Die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte.« Foto: privat

Neben diesen beiden Ansatzpunkten für Prävention gibt es noch einen dritten Aspekt. Die idealistisch-nomozentrierten Werte haben einen Einfluss auf Medienpräferenzen – bei allen Menschen und insbesondere bei Kindern. Personen mit dieser Wertorientierung lehnen gewaltorientierte Medieninhalte stärker ab als andere. Die Präferenz und der Konsum von Gewaltmedien wirken sich auf das Verhalten aus. Man könnte also in einem weiteren Schritt versuchen, schon bei Kindern diese Präferenz für mediale Gewalt zu unterbinden.

Es müsste bereits an Grundschulen ein Unterrichtsfach wie zum Beispiel Medienpädagogik zur Vermittlung von Medienkompetenz eingerichtet werden. Und wenn man das mit der Vermittlung von Werten kombiniert, wäre dies ein vorzügliches Präventionsinstrument.

Eine interessante Überlegung. Die Medien werden seit Langem gerügt, weil sie der Gewalt viel Raum geben. Allerdings orientieren sie sich an der Marktlage. Und es gibt offensichtlich ein großes Interesse an diesen Themen. Ihr Ansatz würde ein komplettes Umdenken bewirken?
Hermann:
Ja, wobei dieses Umdenken beim Konsumenten ansetzen müsste, nicht bei den Medienproduzenten. Es wäre wichtig, den Reiz von medialen Gewaltinhalten zu reduzieren und Medieninhalte besser zu reflektieren, sodass gewaltorientierte Medienfiguren nicht unbedingt als Vorbild gelten. Dies würde auch die Marktlage verändern, sodass sich langfristig das Medienangebot verändern würde.

Wie erklären Sie sich das große Interesse der Konsumenten an diesen Themen?
Hermann:
Es könnte eine anthropologische Konstante sein: Gewalt hat etwas Faszinierendes.

Bei der Vermittlung von Werten hat das Elternhaus eine große Bedeutung?
Hermann:
Ja. Werte entstehen in erster Linie in Sozialisationsprozessen. Eltern sind der primäre Faktor für die Vermittlung von Werten. An zweiter Stelle kommen die Freunde. Wenn die Kinder dann älter sind, kommen auch Institutionen als Vermittler von Werten dazu: Kirche, Schule, Gesellschaft und Arbeitgeber.

Eine Verantwortung für die Kirche, viel wert auf Werte zu legen. Tut sie es in ausreichendem Maße?
Hermann:
Es gelingt den Kirchen oft nicht, ihre Werte nach außen zu tragen. Die Kirchen sind multinationale Unternehmen und haben ein breites Spektrum an Handlungsfeldern. Ich habe den Eindruck, sie sind in der Gefahr, das Zentrum aus den Augen zu verlieren und wichtige Dinge als zweitrangig einzustufen. Ich war lange Zeit in einem Kirchengemeinderat tätig. Dort ist mir aufgefallen, dass Fragen über die Farben von Fliesen oder Gottesdienstzeiten wichtiger waren als die Inhalte.

Natürlich sind Personalfragen und Fragen nach der Organisation und Optimierung, nach Marketingkonzepten wichtig. Aber wenn dabei das Zentrum der Religion in die zweite Reihe rückt, ist das ein Problem.

Welche Werte sind Ihnen besonders wichtig?
Hermann:
Christlich-religiöse Werte sind für mich persönlich besonders wichtig sowie Gerechtigkeit und Fürsorge. Ich denke, die Kombination von Gerechtigkeit und Fürsorge bildet den Kern christlich-religiöser Werte. Und diese Mischung ist wahrscheinlich auch notwendig. Gerechtigkeit ohne Fürsorge, ohne Nächstenliebe, ist kalt und herzlos. Und Nächstenliebe ohne Gerechtigkeit ist wahrscheinlich auch nicht optimal.

Der Mann mit der Sonnenbrille

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: 25 Jahre nach dem Beginn der Demokratisierung erregt der Tod eines Generals die Gemüter im Lande

Verbrecher oder Held? Der General mit der dunklen Brille, Wojciech Jaruzelski, der am 25. Mai im Alter von 90 Jahren verstarb, bewegt
in Polen immer noch die Öffentlichkeit.

Kurz vor seinem Tod ließ sich der letzte kommunistische Regierungschef, der streng katholisch aufwuchs, die Beichte abnehmen. Deshalb wurde am 30. Mai zu seiner Beisetzung auch eine Trauerfeier in der Warschauer »Feldkirche der Polnischen Armee« abgehalten.

Adam Churzuk und Roman Kuklinski, beide Anfang 80 und beide Oberst a.D., stehen danach noch ein wenig vor dem Gotteshaus und sind sich einig: Das war eine würdige Messe für ihren General – wären nur nicht diese Störer. Sie verweisen auf ein Grüppchen, das noch vor der Kirche herumsteht und Transparente hochhält.

Dann gehen sie zum Bus, der zum Begräbnis auf dem Powaski-Friedhof fährt. »Er hat Polen vor dem Einmarsch der Roten Armee gerettet, das ist sein größter Verdienst«, meint Churzuk, während der Stadtbus durch den Norden Warschaus fährt. Immer mehr weißhaarige Männer steigen ein, ehemalige Militärs und andere Staatsbeamte in Rente.

»Verräter, von Putin geehrt - Mörder erwartet ihre Strafe«: Demonstranten machen vor der Warschauer Armeekirche keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des  polnischen Ex-Generals und Staatschefs Jaruzelski.. Foto: picture alliance

»Verräter, von Putin geehrt - Mörder erwartet ihre Strafe«: Demonstranten machen vor der Warschauer Armeekirche keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des polnischen Ex-Generals und Staatschefs Jaruzelski.. Foto: picture alliance

Jaruzelski ließ in der Nacht auf den 13. Dezember 1981 als Chef der kommunistischen Partei und Ministerpräsident der damaligen Volksrepublik Polen den Kriegszustand ausrufen und die freie Gewerkschaft Solidarnosc verbieten. Der einzige Weg sei dies gewesen, eine Intervention Moskaus zu verhindern. Dies beteuerte Jaruzelski, der sich 2005 bei einer öffentlichen Diskussion in Prag zudem für Polens Beteiligung an der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 entschuldigte, nach der Wende immer wieder.

Das Gespräch im Bus nimmt an Fahrt auf. »Wir sind keine Tschechen«, meint Churzuk in Anspielung auf jene Ereignisse im südlichen Nachbarland. »Das hätte in Polen ein Blutbad gegeben.« Der Hauptweg des Friedhofes ist von Demonstranten versperrt. Sie halten Transparente hoch, auf denen Jaruzelski als »Verräter« geschmäht wird, sowie Fotos von Menschen, die damals durch Staatsgewalt zu Tode gekommen sind. Insgesamt 100 polnische Staatsbürger wurden Opfer des Kriegszustandes, der bis Juli 1983 dauerte. »Er hat Blut an den Händen«, so steht es in einem offenen Brief rechter Gruppen, die zu den Protesten aufgerufen haben.

Churzuk und Kuklinski begrüßen alte Kameraden, die den Trauermarsch mit Jaruzelskis Urne abwarten. Als sich der Trauerzug in Bewegung setzt, werden die Rufe und Pfiffe lauter, Plastikflaschen fliegen. Emotionen brechen sich Bahn, einzelne Alte packen sich am Kragen, Schirme werden geschwungen. Ein Mann mit durchgestrichenem Hammer und Sichel will einer betagten Offiziersfrau »auf’s Maul« geben, weil sie ihn mit dem Schirm stupste. »Ganz Polen ist geteilt«, meint Churzuk mit Tränen in den Augen und reiht sich in den Zug ein.

In einer Trauerrede würdigt der ehemalige Staatspräsident Aleksander Kwasniewski den Verstorbenen als »Soldaten, der Polen diente« und als »Mitarchitekten der Transformation«. Polen feierte wenige Tage später, am 4. Juni, das 25-jährige Jubiläum der ersten halbwegs freien Wahlen im Ostblock, aus denen die Solidarnosc als Siegerin hervorging. Jaruzelski machte damals den Weg frei für den Beginn der Demokratie jenseits des Eisernen Vorhangs.

Unter den Menschen, die Blumen in das Grab legen, in das die Urne eingelassen wurde, sind darum auch viele frühere Gegner. Etwa der ehemalige Dissident Adam Michnik, der heute Polens einflussreichste Zeitung Gazeta Wybroca leitet. Bei der Messe erwiesen zudem der derzeitige Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Jaruzelskis Opponent Lech Walesa, der vom Arbeiterführer der Solidarnosc zum Staatspräsidenten von 1990 bis 1995 aufstieg, dem General die letzte Ehre.

Frau Agnieszka, Ende fünfzig, hat dafür freilich kein Verständnis. Sie gehört zu den stillen Protestierern, die den Trauergästen eine Postkarte mit Jaruzelski vor dem Kreml vorhalten. »Er hat nicht nur das Kriegsrecht verschuldet, er hat auch den Arbeiteraufstand 1970 in Danzig blutig niederschlagen lassen, er war von Anfang zum Schaden Polens tätig«, so ihr unerschütterliches Fazit.

Selbst die Kirche scheint geteilt. »Ich bete für alle, dann bete ich eben auch für ihn«, meinte ein Bischof schmallippig. »Die Abrechnung folgt nach der Beerdigung«, so der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz. Die kirchliche Zeitschrift »Der Sonntagsgast« glaubt, dass Jaruzelski nun vor ein Gericht käme, das »ihn auf’s Schärfste verurteilt«.

Jaruzelski hat sich mehrfach für das Leid entschuldigt, das er verursacht hatte. Dennoch stand er zu seinen Entscheidungen, hat somit im strengen Sinn nichts bereut.

Wegen der Verhängung des Kriegsrechts und seiner Rolle während des erwähnten Werftaufstands in Danzig liefen immer wieder Gerichtsprozesse ohne Ergebnis, bis die Verfahren wegen seines Gesundheitszustands eingestellt worden.

»Der Tod von Wojciech Jaruzelski ist eine Zeit der Probe für die Gläubigen«, meinte der Feldbischof Jozef Gudzek während der Trauerfeier. Wie lange diese Probezeit läuft, hat der Geistliche nicht verraten. Sicher ist: Der Mann mit der Sonnenbrille lässt die Polen nicht los.

Jens Mattern

Liebe in dreifacher Weise

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes auf der Spur

Vor einiger Zeit besuchte eine Gruppe von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam die Synagoge, die Moschee und eine der Kirchen am Ort. In der Synagoge wurde ihnen elementar und verständlich die besondere Bedeutung der Thorarollen vor Augen geführt. In der Moschee erklärte ihnen ein Student mit einfachen Worten die fünf Säulen des Islam. In der evangelischen Kirche ging der Pfarrer zu ihrem Erstaunen zunächst auf das Gesangbuch ein, das die Besucher am Eingang erhielten. Er hob die besondere Rolle der Kirchenmusik hervor und ließ dies mit einem ausführlichen Orgelstück unterstreichen. Danach erklärte er Altar, ein wenig die Bibel, ausführlicher Kanzel und Fenster. Wohl aus Rücksicht auf die Besucher fand das Kreuz hinter dem Altar keine Erwähnung. Der Frage einer Muslimin, warum die Christen nicht nur Allah allein verehren, wich er aus. Die Sache mit der Dreieinigkeit Gottes sei ziemlich kompliziert und auch unter Christen nicht ganz unumstritten.

Diese peinliche Situation macht deutlich, welche Unsicherheit und Sprachlosigkeit an den Tag kommt, wenn Christen die Bedeutung der Dreieinigkeit Gottes erklären sollen. Dabei ist sie im Grunde nicht schwer zu verstehen. In einem Gespräch mit Andersgläubigen sollte zunächst einmal klar werden: Christen glauben an den einen und einzigen Gott, nicht weniger als Juden und Muslime. Der christliche Glaube ist eindeutig ein monotheistischer Glaube. Auch für Christen gilt ohne Abstriche das erste Gebot. Der Glaube an den dreieinigen Gott will den Glauben an den Gott Israels nicht ersetzen. Im Licht des Lebens und Sterbens Jesu interpretiert er ihn aber auf neue Weise.

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Lehre von der Dreieinigkeit oder Dreieinheit Gottes ist der Versuch der ersten Christengemeinden, sich selbst und andere Menschen von ihrem Gottesglauben denkend Rechenschaft zu geben. Bereits das Neue Testament wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Jesus eigentlich zu Gott steht. Ist er etwa einer der großen Propheten? Für die Jünger ist er mehr. Petrus bekennt, er sei der »Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (Matthäus 16,16).

Auch an vielen anderen Stellen der Evangelien wird hervorgehoben, dass Jesus nicht nur ein besonderer Mensch war, sondern zugleich ganz auf die Seite Gottes gehört. Wenn dafür der Ausdruck »Gottes Sohn« benutzt wird, meint dies nicht ein biologisches Abstammungsverhältnis, sondern die Wesenseinheit zwischen Gott und Jesus. In ihm begegnet der Mensch also Gott selbst, hat das allgegenwärtige, liebende Wesen Gottes menschliche Gestalt angenommen.

Wie aber kommt ein Mensch zu einer solchen Erkenntnis? Sicher nicht aus sich selbst heraus. Dass Jesus der Messias und »Gottes Sohn« ist, diese Erkenntnis muss ihm vielmehr vom »Vater im Himmel« gegeben werden (Matthäus 16,17). Damit kommt eine dritte Größe ins Spiel: Der »Geist Gottes«, auch »Heiliger Geist« genannt.

Das Konzil von Konstantinopel bringt es im Jahre 381 auf den Punkt: Die Gewissheit des Glaubens wird den Christen durch den Heiligen Geist zuteil, der »aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht« (Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel). Damit ist die Lehre von der Trinität im Kern formuliert, dass es Gott selbst ist, der in Jesus Mensch wurde und wirkte. Dass es dreimal ein und derselbe Gott ist, der sich in seinem dreifachen Sein den Menschen liebevoll zuwendet: als fürsorglicher Schöpfer – Vater mit mütterlichen Zügen – befreiender Erlöser und Mut machende Lebenskraft. Drei Seiten des einen Gottes. Der Gott, an den Christen glauben, ist also nicht der Alleinherrscher, der einsam in seinem Himmel thront, sondern der Gott, der sich in Liebe den Menschen zuwendet, ihnen durch Jesus Christus Vergebung und Befreiung schenkt und sie durch seinen Geist tröstet und ermutigt. Keine drei Götter also, sondern ein Gott, der Liebe ist, Liebe in dreifacher Weise.

Verschiedene Bilder können helfen, diese Dreieinheit Gottes zu veranschaulichen: So findet sich in der Kunst immer wieder das Bild vom gleichseitigen Dreieck, in dessen Mitte ein Auge zu sehen ist, das für die personhafte Wirklichkeit Gottes steht. Im Dreieck sind ebenso wie im dreieinigen Gott drei und eins kein Widerspruch.

Ein anderes Beispiel für die Trinität ist der Dreiklang in der Musik: Grundton, Terz und Quinte sind zwar drei unterschiedliche Töne, bilden aber einen Gesamtklang. In diesem Beispiel werden auch die Unterschiede zwischen den drei Seinsweisen deutlich.

Und auch das Bild vom Wasser in seinen drei Aggregatzuständen kann helfen: als Flüssigkeit, Eis und Wasserdampf. Ganz ähnlich ist es mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist: Die Kraft, die sie so untrennbar miteinander verbindet, dass sie eins sind, ist die Liebe. Aus Liebe schenkte Gott, der Schöpfer, das Leben. Aus Liebe sandte er den Sohn. Aus Liebe verkündigte Jesus die Botschaft der Versöhnung und des Friedens. Aus Liebe ging er für die Menschen den Weg des Leidens bis zum Kreuz. Liebe ist auch das Wesen des Geistes, denn er macht Menschen bereit, einander zu helfen und beizustehen. »Gott ist Liebe«, heißt es im 1. Johannesbrief (4, 8). Das Geheimnis der Dreieinigkeit ist die Liebe. An den Sonntagen, die dem Trinitatisfest folgen, wird es in den biblischen Texten, über die in den Kirchen nachgedacht wird, immer wieder um diese Frage gehen: Wie kann die Liebe des dreieinigen Gottes in unserem Leben Früchte tragen?

Wolfgang Riewe

Im Wettstreit um die Macht

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation:  Brandenburgs erste Landesausstellung stellt 200 Jahre preußisch-sächsischer Geschichte vor

Die Schau in Doberlug-Kirchhain erzählt von der schwierigen Nachbarschaft zwischen Preußen und Sachsen. Sie soll Gelegenheit bieten, auf ein wichtiges Stück Geschichte zurückzublicken – mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Wallende Lockenperücken, prächtige Rüstungen, rechts Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, links Johann Georg II. von Sachsen – Hand in Hand malte Johann Fink in einem großen Ölbild die beiden Nachbarn um 1660. Auch die Hofkünstler beider Herrscher arbeiteten mitunter Hand in Hand. Das zeigt ein Prunkgefäß aus vergoldetem Silber und Perlmutt, ein Nautiluspokal, entworfen von dem Dresdner Balthasar Permoser, den der Berliner Goldschmied Bernhard Quippe 1707 ausführte.

Doch das Band zwischen Preußen und Sachsen war keine reine Liebesbeziehung, sondern bedeutete immer auch Rivalität. Unter dem Titel »Preußen und Sachsen – Szenen einer Nachbarschaft« erzählt die erste Brandenburgische Landesausstellung auf 800 Quadratmetern Fläche von Höhen und Tiefen dieser Nachbarschaft. »Uns ging es darum, eine Beziehungsgeschichte zu zeigen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne-Katrin Ziesak. In sieben Kapiteln, »Szenen« genannt, beleuchtet die Ausstellung das Verhältnis zueinander.

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Den Auftakt macht ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert im Prolog. Erst ab 1635, mit dem Zugewinn der Lausitz, kommt Sachsen über eine längere Grenze mit Brandenburg in Berührung. In dieser Zeit wird auch Doberlug sächsisch. Die erste Szene »Partner und Rivalen« thematisiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarn um diese Zeit. Die reiche Messe- und Handelsstadt Leipzig etwa belegt die Vormachtstellung Sachsens gegenüber dem armen Nachbarn im Norden. Beide Herrscher eint jedoch ihr Streben nach der Königskrone.

Zu sehen ist die prunkvolle Krone des sächsischen Kurfürsten, der König von Polen wird, die preußische Krone, die sich der Brandenburger Friedrich III. 1701 in Königsberg aufs Haupt setzte, ist nur als Replik des verlorenen Originals ausgestellt. Die konfessionellen Folgen und den Umgang mit Minderheiten in den Urländern der Reformation beleuchtet das Kapitel »Glaubenssache«: Während die Untertanen lutherisch blieben, gehörte der brandenburgische Herrscher ab 1613 den Reformierten an, der sächsische Kurfürst musste mit Erhalt der polnischen Krone zum katholischen Glauben konvertieren.

Unter dem Titel »Glanz und Gloria« räumt die Ausstellung zugleich mit gängigen Klischees auf: Beide Herrscher bauten zur Sicherung ihrer Macht starke Armeen auf und verfolgten parallele Repräsentationsstrategien, etwa indem sie wertvolle Kunstsammlungen anlegten. Dabei konnte Sachsen auch von Preußen profitieren, wie eine ostasiatische Deckelvase von 1700 zeigt: Friedrich Wilhelm I., der wertvolle ostasiatische Porzellane sammelte, hatte sie seinem Kollegen nach Sachsen geschickt im Austausch für Soldaten. Sie erhielten fortan den Spitznamen »Porzellandragoner«. Das Bild des von den Preußen eroberten brennenden Dresden im Siebenjährigen Krieg markiert den Tiefpunkt der Nachbarschaft, der Stamm einer Jägereiche mit eingeschnitztem Wappen und den Namen der Teilnehmer einer letzten Jagd 1763 den Untergang der augusteischen Epoche in Sachsen, an der sich Preußen lange orientiert hatte.

Zu den außergewöhnlichen Exponaten zählen restaurierte Bahnen einer im Rokokostil reichbemalten Wandtapete aus dem nahegelegenen Schloss Ahlsdorf, die erstmals ausgestellt sind. Sie verweisen auf den künstlerischen Reichtum der Grenzregion um 1770. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Austausch zwischen Gelehrten und Künstlern in der Zeit der Aufklärung. So verbündete sich der Berliner Verleger Friedrich Nicolai mit seinem Leipziger Kollegen Philipp Erasmus Reich im Kampf gegen die Konkurrenz durch Raubdrucke.

Der Ausstellungsrundgang endet mit dem Untergang Napoleons und dem Wiener Kongress. Sachsen als Bündnispartner der Franzosen gehörte zu den Verlierern und musste große Gebiete wie die Niederlausitz an Preußen abtreten. Ein Prunkstück im letzten Kapitel stammt aus dem Besitz des französischen Chefunterhändlers Tallyrand: der Verhandlungstisch, an dem die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.

Brandenburgs erste Landesausstellung im restaurierten Schloss Doberlug zeigt abwechslungsreich und pointiert, wie Macht und Politik, aber auch Kunst und Wissenschaften die nachbarschaftlichen Verbindungen zwischen Sachsen und Preußen über 200 Jahre prägten.

Sigrid Hoff  (epd)

Die Ausstellung ist bis 2. November dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr im Schloss Doberlug zu sehen.

www.brandenburgische-landesausstellung.de

www.hbpg.de

Organspende: Das große Dilemma

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik: Einst wurde die Organtransplantation begeistert begrüßt – heute mehren sich die kritischen Anfragen

Die Zahl der Organspender sinkt dramatisch. Nicht nur wegen der aufgedeckten Unstimmigkeiten bei der Vergabepraxis. Auch das Kriterium des Hirntodes steht in der Kritik. Befürworter wie Kritiker der Organtransplantation haben dabei gute Argumente.

Knapp 11 000 schwer kranke Menschen in Deutschland warten auf einen Anruf, in denen ihnen mitgeteilt wird: »Wir haben ein Organ für Sie.« Sie hoffen, dass die Einpflanzung eines fremden Herzens, einer Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse, Leber oder eines Dünndarmabschnitts ihr Leben verlängert.

Seit Christiaan Barnard 1967 erstmals in Südafrika ein Herz erfolgreich transplantierte, ist die Chance, durch eine Organtransplantation Leben zu verlängern, deutlich gestiegen. Barnards Patient überlebte damals nur 18 Tage. Heute beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung nach einer Herz-Transplantation zehn Jahre, so der Münchner Herzchirurg Ingo Kaczmarek. Es gibt sogar Patienten, die 30 Jahre mit dem Herzen eines anderen Menschen leben. Gesund sind sie deshalb dennoch nicht. Denn Transplantierte müssen lebenslang Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen nehmen. Sie verhindern, dass ihr Körper das Organ abstößt, das immer ein »Fremdkörper« bleibt.

Historisch niedrige Spenderzahl in Deutschland

Doch die Bereitschaft zur Organspende sinkt. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) schlägt angesichts historisch niedriger Spenderzahlen Alarm: Im vergangenen Jahr brach die Zahl der Spender im Vergleich zum Vorjahr um rund 16 Prozent auf 876 ein – das ist der niedrigste Wert seit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes. In Deutschland sterben jeden Tag vier Menschen, weil für sie kein passendes Organ verfügbar ist.

Wann ist ein Mensch tot? Die Frage, ob das Fehlen von messbaren Hirnströmen als Kriterium ausreicht, wird mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt der Diskussion um die Organspende.. Foto: picture alliance

Wann ist ein Mensch tot? Die Frage, ob das Fehlen von messbaren Hirnströmen als Kriterium ausreicht, wird mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt der Diskussion um die Organspende.. Foto: picture alliance

Mit Aufforderungen wie »Nehmt eure Organe nicht mit in den Himmel. Sie werden auf Erden noch gebraucht« wird deshalb um mehr Spender geworben. Auch die Kirche zählt eher zu den Befürwortern der Organspende. So hält Friedrich Weber, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, die Organspende für einen »Ausdruck christlicher Nächstenliebe und Solidarität«. Und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider erklärte: »Eine Entnahme von Organen verletzt nicht die Würde des Menschen und stört nicht die Ruhe der Toten.« Eine christliche Verpflichtung zur Organspende allerdings mochte er nicht postulieren.

Dass die Deutschen mit ihren Organen geizen, hat sicher auch mit den unlängst aufgedeckten Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen zu tun. Aber das ist nicht der einzige Grund. Denn die Antwort auf die Frage, ob ein hirntoter Mensch wirklich tot ist, ist nach wie vor umstritten. Zur Transplantation benötigt man lebende Organe von Menschen, deren Herz noch schlägt. Wenn sie im herkömmlichen Sinne »tot« wären, wären ihre Organe medizinisch nicht verwendbar. Wer hirntot ist, bei dem gilt die eigene Identität als unumkehrbar erloschen, eine Rückkehr ins Leben unmöglich. Der von zwei unabhängigen Ärzten festgestellte Hirntot ist die Voraussetzung zur Organentnahme.

Sind hirntote Menschen Tote oder Sterbende?

Der Stuttgarter Kardiologe und Internist Paolo Bavastro forderte bereits im März 2012 in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten den Abschied vom sogenannten Hirntod–Kriterium, das 1968 im Zusammenhang mit der Entwicklung der Intensiv- und Transplantationsmedizin eingeführt wurde. »Der amerikanische Ethikrat hat die Hirntod-Definition fallen lassen, weil die empirischen Prämissen, die früher galten, nicht mehr vorhanden sind. Deshalb spricht er auch von ›justified killing‹, einer gerechtfertigten Tötung. Das ist redlich. Es ist allerdings eine Lüge, einen Sterbenden für tot zu erklären, damit man leichter an seine Organe kommt. Und warum tut man das? Wenn der Hirntod nicht der endgültige Tod ist, hieße das, der Mensch würde durch die Organentnahme getötet. Aber genau das geschieht.«

Ein Fall wie der des 19-jährigen Forstarbeiters Benni J., der 2002 nach einem Motorradunfall für hirntot erklärt wurde, weckt zudem Zweifel: Bennis Mutter lehnte die Bitte ab, ihren als hirntot diagnostizierten Sohn zur Organentnahme freizugeben. Sie brachte ihn zum Bergneustädter Verein »Patienten im Wachkoma«, der auf eine bestmögliche Versorgung und Rehabilitation von Patienten im Wachkoma spezialisiert ist. Als Benni dort nach einem Jahre gegen alles Erwarten aufwachte, machte seine Geschichte bundesweit Schlagzeilen. Heute ist Benjamin J. wieder arbeitsfähig. Der Wachkomaspezialist Hrachya Shaljyan, der Zeuge von Bennis Rückkehr ins Leben ist, hat weitere ähnliche Fälle erlebt. Namen will er aber auf Wunsch der Betroffenen nicht nennen.

Die Journalistin Mechthild Müser weist auf einen weiteren spektakulären Fall aus dem Jahr 2012 hin. »Nach einem schweren Verkehrsunfall lag der junge Brite Steven Thorpe angeblich hirntot auf der Intensivstation. Die Ärzte fragten seinen Vater, ob sie ihm Organe entnehmen könnten. Der Vater lehnte ab, Steven Thorpe erholte sich und studiert«, berichtet sie.

Angehörige stehen vor einer schwere Entscheidung

»Wer als Angehöriger über die Freigabe zur Organentnahme entscheiden soll, ist in einer schwierigen Lage«, befindet Hrachya Shaljyan. Auch die Tatsache, dass auf der einen Seite Ärzte um das Leben eines Menschen kämpfen, und dass andererseits der Hirntot eines Menschen die Voraussetzung dafür ist, dass andere Ärzte versuchen können, einem Menschen mittels der Organspende ein zweites Leben zu »schenken«, macht für Shaljyan die Komplexität der Situation deutlich. »Die Möglichkeiten der modernen Medizintechnik stellen uns vor neue Fragen«, befindet der Mediziner. Für sich selbst hat er entschieden, weder Organe zu spenden, noch sich im Krankheitsfall transplantieren zu lassen. »Aber«, so meint er: »Jeder muss selbst eine Entscheidung treffen – ich bin nicht grundsätzlich gegen die Organspende.«

Der Buchautor Rudolph Fuchs kritisiert, dass bei der Werbung für die Organspende wichtige Fakten verschwiegen werden. »Menschen, denen Organe entnommen werden, sind nicht tot, sie sind allenfalls Sterbende«, sagt er. Beatmete Hirntote weisen alle Zeichen von Lebenden auf. Sie schwitzen, verdauen, ihre Wunden heilen, manchmal bewegen sie sich sogar. Dass sie nicht tot, sondern lediglich hirntot sind, wird aber im Organspendeausweis verschwiegen. Denn dort soll der Inhaber einer Spende seiner Organe zustimmen, und zwar »nach meinem Tod …« Dass Organe weithin ohne Narkose entnommen werden, auch das hält Fuchs für einen Skandal.

Spenderausweis: Auch Ablehnung ist möglich

In Deutschland gilt seit November 2012 die Entscheidungslösung. Sie schreibt vor, dass jeder regelmäßig in die Lage versetzt werden soll, sich mit der Frage nach einer Organ- oder Gewebespende ernsthaft zu befassen und seine Entscheidung zu dokumentieren. Seither versenden die Krankenkassen Organspendeausweise an ihre Mitglieder, auf denen eine Spende allerdings auch abgelehnt werden kann. Das seit 1997 geltende deutsche Transplantationsgesetz legt außerdem fest, dass die Angehörigen eine Entscheidung nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen treffen müssen, wenn keine andere Willensbekundung vorliegt. Inmitten einer seelischen Ausnahmesituation werden Angehörige etwa mit Fragen wie »War Ihr Angehöriger ein sozialer Mensch?« konfrontiert, die auf die Zustimmung zur Organentnahme zielen. Wer seinen Angehörigen solche Entscheidungen nicht zumuten will, tut gut daran, seinen Willen in gesunden Tagen deutlich zu machen.

Dankbarkeit für ein »angeknüpftes Leben«

Bei Menschen wie Susanne Krahe (Jahrgang 1959), denen dank einer gelungenen Organtransplantation eine Lebensverlängerung geschenkt wurde, überwiegt allerdings die Dankbarkeit. Die Theologin und Schriftstellerin, die sich selbst als frühere Gegnerin der Organtransplantation bezeichnete, »willigte als dreißigjährige Diabetikerin, der das Trinken untersagt worden war … in die Ausräumung des künstlich beatmeten Restes eines Fremden mit meiner Blutgruppe und meinem Rhesusfaktor ein«. Ihr Lebenshunger war stärker als die Kraft, aus Glauben in den Tod einzuwilligen. »Ich musste lernen, dass in die Schwäche des Leibes seine Weigerung zu sterben eingeschlossen war«, schreibt sie in der Diskussion mit dem Theologen Eberhard Finke, der eine Transplantation für sich ablehnt, obwohl er Dialysepatient ist.

Seit mehr als zwanzig Jahren lebt Susanne Krahe jetzt bewusst »mit den Lebensresten« ihres Spenders und führt, wie sie es nennt, »ein angeknüpftes Leben in Gemeinschaft mit dem geschenkten Organ und seinem Spender«. Dabei weiß sie, dass durch ein Spenderorgan lediglich ein Aufschub des Sterbens erreicht wird. Nach über zwanzig Jahren hat sie jetzt das Gefühl, »mein Spender sei mir nur einen winzigen Schritt vorausgegangen und habe mir den Weg ins Jenseits bereits geebnet«. Zugleich sieht sie die Notwendigkeit, die Paradoxien und das Dilemma, das die medizinische Möglichkeit der Organtransplantation mit sich bringt, auch theologisch zu durchdenken. Mit Sicherheit ist dieser Weg noch weit.

Karin Vorländer

Zementstaub auf Blumenfeldern

10. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Guatemala: Ein Mayamädchen kämpft um die Zukunft ihres Dorfes und um die Möglichkeit Blumen anzubauen

Seit Jahrhunderten werden den Maya in Mittelamerika die Rechte beschnitten. Jetzt wehren sie sich gegen den Bau einer Zementfabrik.

Ihren Namen möchte sie nicht sagen. Nennen wir sie »Valeria«, das passt: die Starke, die Mutige. Auch mutige Menschen können Angst haben, aber sie handeln trotzdem. »Wir werden verfolgt und angefeindet«, sagt Valeria. »Das passiert nicht nur in der Guatemala-Stadt, sondern auch in unseren Dörfern. Wenn sie deinen Namen kennen, beginnen die Einschüchterungen. Du wirst bezichtigt, irgendein Vergehen begangen zu haben.« Die siebzehnjährige Valeria stammt aus dem Mayavolk der Kakchiquel. Sie lebt nahe der Ortschaft San Juan Sacatepequez, keine zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt. Der Weg führt über eine Schotterpiste entlang einer Hügelkette, auf der vor Kurzem der Bau einer Zementfabrik begonnen hat. Zwei Kilometer entfernt liegt das Dorf Santa Fe Ocaña. Es ist umgeben von Wald und steilen Fußwegen.

Die meisten der älteren Einwohner des Dorfes sind Analphabeten. Die junge Generation hat mehr Bildungschancen. Valeria hat gerade die Sekundarschule in San Juan abgeschlossen. Sie würde gerne Jura studieren. Als Rechtsanwältin möchte sie ihre Gemeinde gegen Übergriffe und Rassismus verteidigen. Das Vertrauen ihrer Nachbarin Olinda Katok hat sie schon. Die alte Frau sitzt in ihrer kleinen Küche, einem Raum mit verrußten Wänden aus Lehmziegeln. Als eine der ersten Frauen hat sich Olinda Katok der Protestbewegung gegen den Bau der Zementfabrik angeschlossen. »Wir dürfen keine Angst haben. Wir müssen sprechen, denn nur so können wir uns verteidigen und unser Recht durchsetzen«, sagt sie. Es geht um den Bau der größten Zementfabrik Mittelamerikas. Ab 2017 sollen dort jährlich 2,4 Millionen Tonnen Zement produziert werden. Der Konzern Cementos Progreso hat schon vor sieben Jahren mit den Bauvorbereitungen begonnen. Die Anwohner fürchten, dass durch die Zementproduktion bald Luft, Wasser und Äcker verschmutzt werden.

Valerias Familie lebt von der Landwirtschaft wie die meisten Menschen der Gegend. »Mein Vater ist Landwirt«, sagt Valeria. »Er baut Rosen an, Nelken, Chrysanthemen und auch Gemüse. Damit verdienen wir das Geld, das die Familie braucht. Doch in letzter Zeit haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir immer weniger produzieren können, weil das Wasser knapp wird.«

Auf die Unruhen in der Umgebung der geplanten Zementfabrik hat die guatemaltekische Regierung mit der Einrichtung einer Militärbasis reagiert, was zu weiteren Protesten der Bevölkerung führte. Foto: Andreas Boueke

Auf die Unruhen in der Umgebung der geplanten Zementfabrik hat die guatemaltekische Regierung mit der Einrichtung einer Militärbasis reagiert, was zu weiteren Protesten der Bevölkerung führte. Foto: Andreas Boueke

Anfangs haben die Dorfbewohner den Dialog mit der Konzernführung gesucht. Ein runder Tisch wurde eingerichtet. Der hat es der Firma leichtgemacht, die Wortführer der Gemeinden zu identifizieren. Wenige Tage später wurden mehrere Männer festgenommen. Einige blieben über ein Jahr lang im Gefängnis, ohne formale Anklage. Daraufhin reagierten viele Dorfbewohner mit Wut. Sie haben Protestmärsche organisiert und Straßensperren gebaut, um die Fortsetzung der Bauarbeiten zu verhindern. Der Konflikt eskalierte. »Ich habe mich an einem 14. Dezember dem Kampf angeschlossen,« erinnert sich Valeria. »Das war der Tag, als die Polizei das erste Mal unsere Dörfer überfallen hat.« Heute koordiniert Valeria die Öffentlichkeitsarbeit des örtlichen Entwicklungskomitees. Dabei sieht sie sich in der Tradition des Widerstands ihrer Vorfahren. Seit der Invasion der Spanier vor 500 Jahren leidet die indigene Bevölkerung Mittelamerikas unter Ausbeutung und Unterdrückung.

Cementos Progreso ist eines der ältesten Industrieunternehmen Lateinamerikas. Über 100 Jahre lang hat der Konzern den Zementhandel in Guatemala monopolisiert. Die Besitzerfamilie Novella gehört zu den mächtigsten und reichsten des Landes.

Eric Zepeta ist leitender Angestellter von Cementos Progreso. Sein Schreibtisch ist im sechsten Stock der Konzernzentrale in Guatemala-Stadt. Von dort aus kann er auf ein exklusives Stadtviertel blicken. Eric Zepeta und die anderen Mitglieder der Firmenleitung sind es nicht gewohnt, dass ihre Entscheidungen infrage gestellt werden, schon gar nicht von den Bewohnern eines armen Mayadorfes in den Bergen. Den Umweltschutz bezeichnet er als eine der Prioritäten seines Unternehmens. »Wir wollen eine Anlage mit der modernsten Technologie bauen.«

Erst seit wenigen Jahren steht der Naturschutz auf der Agenda der guatemaltekischen Politik. Noch gibt es nur wenige Gesetze, und deren Einhaltung wird sehr lax überprüft. Zepeta hat keine Vorbehalte: »Unsere Pläne sind sehr positiv für die Entwicklung der Region. Es geht uns um Wiederaufforstung. Dann kommt auch das Wasser zurück. Wir haben nie wirklich verstanden, warum die Leute so viel Angst haben.«

Valeria bezweifelt, dass sich die Leute von Cementos Progreso für den Umweltschutz und die Lebensbedingungen in den Maydörfern interessieren: »Sie reden von einem Modell, dass ihrem Denken entspricht und das wir übernehmen sollen. Uns geht es um die Einheit der Gemeinde, um Harmonie und die Möglichkeit, unsere Blumen zu produzieren, unser Gemüse.«

Während einer Autofahrt zu dem Baugelände kauert sich Valeria tief in ihren Sitz und legt ein Tuch über ihr Haar. Sie möchte vermeiden, dass das bewaffnete Sicherheitspersonal der Firma sie erkennt. »Wir fahren jetzt durch das Gebiet der Zementfabrik«, sagt sie. »Von hier bis dort drüben war vor sechs Jahren noch alles voller Bäume. Sie haben den Wald abgeholzt, um die Zementfabrik bauen zu können.« Doch trotz der offensichtlichen Waldzerstörung findet sie nicht, dass der Kampf der zwölf Dörfer gegen den mächtigen Konzern völlig erfolglos war. »Wir haben es geschafft, dass die Bauarbeiten aufgehalten wurden.«

Andreas Boueke

Das Evangelium – geistreich und lässig

10. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Predigt: Theologen stritten im Wettbewerb um pointierte Sprache

Das Zentrum für evangelische Predigtkultur veranstaltete am 27. Mai seinen dritten Predigt-Slam in Wittenberg.
Die Aufregung ist einigen der jungen Slammer auf der Bühne des Clack-Theaters in Wittenberg anzusehen; und ihren Texten ist die zweitägige Arbeit anzuhören. 18 Teilnehmer hatten sich zum Predigt-Slam angemeldet, den das Zentrum für evangelische Predigtkultur am 27. Mai zum dritten Mal veranstaltete. Von der Universität Rostock war ein homiletisches Seminar angereist, Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem ganzen Bundesgebiet, zudem eine pensionierte Pfarrerin aus Dortmund. Sie alle hatten kurze, temporeiche Texte geschrieben, mit dem bekannten Poetry-Slammer Bo Wimmer aus Marburg daran gefeilt und ihren Auftritt geübt.

Anspielungen in poetischer Sprache

Nichts eingefallen sei ihr, begann die Studentin Jana-Lena, philosophierte bald anhand von Bileam und Jona über das Nichts als Unnennbares, um schließlich bei »meinem Nichts, das doch alles ist« zu landen und damit Gott unversehens ins Spiel zu bringen. Pfarrer Steffen Poos deklinierte das Pauluswort »Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade« (2. Korinther 6,2) durch und fand ein Bild für Gnade, das hier im Bericht weniger witzig und plausibel scheinen mag als auf der Bühne: Gnade kann erzählt werden an einer Mutter, die ihrem sich an Eis überessenden Kind ihren Eisbecher hinhält, als es sich erbricht. Die Berliner Vikarin Alina Erdem spürte dem Hohelied der Liebe in 1. Korinther 13 seine Rap-Qualitäten ab. Die Nürtinger Pfarrerin Birgit Mattausch forderte in ihren »drei kleinen Abrechnungen mit Wittenberg« das Publikum mit ihrer anspielungsreichen und poetischen Sprache. Und dass sich auch der Predigtlehrer Professor Thomas Klie in die Höhle des Löwen und auf die Bühne traute und als sogenannter »feature poet«, außer Konkurrenz als erster und zum »warming up« auftretend, eine sprachmeisterliche Selbstbesinnung über seine Funktion zum Besten gab – Chapeau!

Vorbild kommt aus der Popkultur

Hohes Tempo zeichnete alle Beiträge aus; der Rhythmus der Sprache, das Drängen der Emotionen wurde bis zur Atemlosigkeit gestaltet. Die Poetenprediger bedienten sich auch konventioneller poetischer Formen wie End- und Stabreim – und des Englischen, da der Slam der Popkultur angehört. Die Sprachbilder für Glaubensgedanken sind einmal anderen Bereichen, Milieus und Lebensformen entnommen und nicht wie sonst bei Predigten oft dem Leben in Familie und Gemeinde, bestenfalls noch der Natur. Sprachlicher Unfug legt sich nahe, weil sich auch im Leben vieles nicht fügt. Mit zwei Worten: sprachmächtige Kleinkunst.

Er überzeugte mit seinem frechen Predigt-Slam: Holger Pyka aus Köln. Foto: Achim Kuhn

Er überzeugte mit seinem frechen Predigt-Slam: Holger Pyka aus Köln. Foto: Achim Kuhn

Von der Bühne auf die Kanzel? Soll die Predigt neu erfunden werden? So wie die evangelische Predigt sich nach dem Vorbild antiker Reden entwickelte, könnte sich heutige und künftige Predigt ein Vorbild an aktueller Sprache und Sprachform nehmen. Wer so weit nicht gehen will, wird doch sehen, dass vom Poetry-Slam Impulse für das Verständnis und die Gestaltung von Predigt ausgehen können. Die Vikare und Vikarinnen des Wittenberger Predigerseminars haben jedenfalls intensiv diskutiert.

Nicht nur Poetry-Slammer und Prediger kann man vergleichen, sondern auch Slam-Publikum und Gemeinde. Der Bühnendichter, der sein Publikum unterschätzt und unterfordert, es unbeteiligt sein lässt, hat schon verloren. Wie ist das mit unseren Predigten? Wird nicht allzu oft die Gemeinde unterschätzt und unterfordert? Ist die geistliche Bedeutung des Hörens geringer zu veranschlagen als die des Sprechens? Die Gemeinde sitzt nicht passiv »unter der Kanzel«; sie fügt der Predigt mit ihrem Hören, ihren Gedanken, ihren Gefühlen etwas hinzu, ohne dass die Predigt gar keine Predigt wäre. Wie das beim Poetry-Slam direkt angesprochene und beteiligte Publikum könnte die Gemeinde stärker in den Blick der Predigenden kommen. Und dann die Sprache: Wie interessant, schön, sinnerschließend sind Wortverdrehungen und -neuschöpfungen: Das Publikum zu langweilen ist beim Poetry-Slam eine »Todsünde« – wie es auf der Kanzel mindestens unschön ist, wenn jedes Wort erwartbar ist. Und was die Darbietung betrifft: Ein Poetry-Slammer spricht ganz in seiner Rolle, er ist fast sein Text, den er mit Leidenschaft weitersagt. Seine »Botschaft« ist ein Ereignis, kein Satz. Ist das nicht auch auf der Kanzel möglich und nötig?

Die vom Publikum gekürten Sieger

Es waren drei rheinische Predigt-Slammer, die von der Publikumsjury ausgezeichnet wurden. Holger Pyka aus Köln unterhielt und überzeugte mit seiner bissigen, »längst fälligen Entschuldigung eines Berufsstandes an eine Stadt«, in der er mit sichtlicher Lust an Frechheiten die Unbilden aufführte, die die Lutherstadt durch Theologie und Kirche erdulden muss, ergraute Studienreisegruppen etwa und eine sich auf den Allerhöchsten so schön reimende »Margot« – das Publikum quittierte diese lustige Litanei (vergleichbar der Gemeinde beim Fürbittengebet) mit dem Ruf: »Wittenberg, es tut mir leid!«

Der zweitplatzierte Frederik Kossmann, Pfarrer in Duisburg, trug ein Hohelied auf den Whisky vor. Platz drei ging an Rebekka John aus Düsseldorf für ihre poetische Farbenlehre des Menschseins und des Politischen. Neue Formen suchen sich neue Medien: Die Beiträge des Wittenberger Predigtwettbewerbs können auf YouTube angesehen werden.

Karl Friedrich Ulrichs

Der promovierte Theologe Karl Friedrich Ulrichs ist Dozent am Evangelischen Predigerseminar Wittenberg.

Die Slam-Kultur
Der »Poetry-Slam« ist ein seit etwa zwei Jahrzehnten in vielen Universitätsstädten etablierter Gedichtwettbewerb. Die Poeten präsentieren eigene Texte zu selbstgewählten Themen. Mit Sprachwitz, Pointenreichtum, Tempo versuchen sie das Publikum zu überzeugen.

Vor einigen Monaten machte zum Beispiel Julia Engelmann mit ihrem auf You-Tube mehr als sechs Millionen Mal angeklickten Slam-Text »Eines Tages« Furore.

Das Predigtzentrum in Wittenberg
Das »Zentrum für evangelische Predigtkultur« in Wittenberg ist eines von vier Einrichtungen der EKD im Rahmen des Reformprozesses. 2009 gegründet, wird es seit 2012 von Kathrin Oxen geleitet.

Durch Einzelcoaching, Seminare für Pfarrkonvente, Konferenzen für Fachleute sollen der Predigtpraxis Impulse verliehen werden.

www.ekd.de/zentrum-predigtkultur


»Handgepäck an Gebeten«

9. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Margot Käßmann das Gespräch mit Gott sucht

Margot Käßmann ist Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gerade hat sie ein Buch herausgebracht mit dem Titel »Beten mit Luther. Texte für den Alltag«. Andrea Seeger und Martin Vorländer haben mit ihr über das Thema Gebet gesprochen.

Frau Käßmann, wie beten Sie?
Käßmann:
Mir sind vor allem das Morgen- und das Abendgebet wichtig. Martin Luther hat das sehr schön mit dem Morgen- und Abendsegen in Worte gefasst. Mir tut es gut, den Tag zu beginnen mit einem kurzen Innehalten: Ich nehme diesen Tag aus Gottes Hand. Und abends den Tag zurückzugeben in Gottes Hand. Natürlich schaffe ich das nicht jeden Tag. Aber ich finde es einen schönen Rhythmus, und ich bemühe mich darum. Dann spreche ich gern ein Tischgebet, um vor dem Essen innezuhalten und Dankbarkeit Gott gegenüber zu zeigen dafür, dass wir essen können.

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Margot Käßmann – Lutherbotschafterin und Beterin. Foto: ekd

Haben Sie ein Lieblingsgebet?
Käßmann:
Mein Lieblingsgebet ist und bleibt das Vaterunser. Ich bin immer wieder fasziniert, dass alles in so wenigen Worten zusammengefasst ist. Wir kennen ja Gebete, die lang sind und länger werden. Das Vaterunser sagt in sieben Bitten alles. Und es wird durch zwei Jahrtausende hindurch gebetet. Da fühle ich mich verbunden mit Menschen, die beten: mit denen, die zu anderen Zeiten gebetet haben, und denen, die heute an anderen Orten beten. Dieses Gebet geht um die Welt.

Luthers Morgen- und Abendsegen konnte die Generation unserer Großeltern oft noch auswendig …
Käßmann:
Ich wünsche mir, dass jeder Mensch ein paar Gebete auswendig kann. In Situationen, in denen es dir die Sprache verschlägt, brauchst du die Worte anderer. Worte, die manchmal größer sind als die Worte, die wir in so einer Situation finden. Als ich mit Eltern an der Bahre ihres toten Kindes stand, war ich froh, das Vaterunser sprechen zu können. Alles, was ich gesagt hätte, wäre völlig fehl am Platz gewesen. In das Vaterunser konnten die Eltern einstimmen. Ich finde, so ein kleines Handgepäck an drei, vier Gebeten, die der Mensch mit ins Leben nimmt, für Zeiten großer Dankbarkeit und Zeiten großer Not oder großer Angst – das hilft.

Und Ihr Handgepäck wäre das Vaterunser, das Morgen- und Abendgebet?
Käßmann:
Ja, das ist mein Handgepäck. Und der Psalm 23 wäre noch schön.

Moderne trifft auf Mittelalter

8. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die »Glanzlichter« im Naumburger Dom vereinen Architektur und die Kunst der Glasmalerei

Die Architektur des Naumburger Doms bekommt Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei.

Nach der Landesausstellung »Der Naumburger Meister« 2011 bekommt die mächtige wie filigrane Architektur des Naumburger Doms Zerbrechliches und reichlich Farbe an ihre Seite. Die neue Sonderausstellung »Glanzlichter« rückt eine besondere Kunstform in den Mittelpunkt: die Glasmalerei. In Naumburg und an insgesamt vier weiteren Korrespondenzorten – dazu zählen die beiden Klosterkirchen in Schulpforte und Memleben, die Freyburger Stadtkirche St. Marien sowie der Merseburger Dom – werden 120 Stücke von 35 zeitgenössischen Künstlern gezeigt; darunter namhafte Vertreter wie Neo Rauch, Gerhard Richter, Markus Lüpertz oder Sigmar Polke.

Für Deutschland sei diese Ansammlung von Kunstwerken dieser Art bisher einmalig, meint Dr. Holger Kunde, Direktor der Vereinigten Domstifter und gemeinsam mit dem Franzosen Jean–Francois Lagier Kurator der Exposition. »Den Ursprung der Idee bildet eine Ausstellung in Chartres, wo 2012 ein Querschnitt der Glasmalerei der vergangenen 20 bis 30 Jahre gezeigt worden war«, erzählt Kunde. So unter anderem auch Werke des norddeutschen Künstlers Thomas Kuzio, der bereits Fenster für die Taufkapelle und die Krypta des Naumburger Doms angefertigt hatte. Und nicht nur Kuzio ist das Bindeglied zur zeitgenössischen Glasmalerei. Seit 2007 wird die Elisabeth-Kapelle mit Fenstern geschmückt, die nach Entwürfen des bekanntesten Vertreters der Neuen Leipziger Schule, Neo Rauch, gestaltet worden waren.

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

David Schnell, ohneTitel, freies Glasbild. Foto: Uwe Walter

Im Gegensatz zu Chartres wolle man indes neue Wege gehen, meint der Stiftskustos. Während in Frankreich die Glasmalerei in einem einzigen großen Raum präsentiert worden war, werden nun die Fenster, Probefelder oder freien Glasbilder an zahlreichen exponierten Stellen im Dom-Areal, so auch im Kreuzgang und in der nahestehenden Marienkirche, in die Nähe zur Architektur gerückt. »Wir wollen den Stücken nicht nur mehr Platz geben, damit sie sich richtig entfalten können. Besonders spannend ist das Verhältnis zwischen der bereits bestehenden traditionellen Glasmalerei und den Werken der neueren Zeit. Es ist für uns ein interessantes Experiment«, bemerkt Kunde. Doch nicht nur dieser Gegensatz zwischen Alt und Neu macht jene Ausstellung unter der künstlerischen Leitung von Dr. Holger Brülls reizvoll. Schon zwischen den neuen Werken entstehen Kontraste – dank verschiedener Stile, Farben und Formen. Einige Glasmalereien erscheinen realistisch, andere wiederum abstrakt. Einige spielen bewusst mit Perspektive und Raum. Die Ausstellung sei mit großem Aufwand vorbereitet worden, so Kunde, nicht nur mit der Unterstützung der Glasateliers, sondern auch mit der finanziellen Förderung der Bundeskulturstiftung, der Kunststiftung Sachsen-Anhalts und Lotto-Toto.

Die Vereinigten Domstifter hoffen dabei nicht nur auf neue Besuchergruppen sowie angeregte Diskussionen – auch mit Blick auf die zeitgleich präsentierte Ausstellung »Welterbe? Welterbe!« im Naumburger Schlösschen zur Bewerbung der Region für den Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Für die Kunstform Glasmalerei wünscht Kunde sich mehr Aufmerksamkeit: »Sie steht oft im Schatten der Architektur. Die Konzentration der Besucher liegt mehr auf den Stifterfiguren.« Perspektivisch gesehen sollen nach den Fenstern von Rauch und Kuzio künftig weitere moderne Glasmalereien unter anderem im Ostchor des Domes dauerhaft Einzug halten. Die Sonderausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, Führungen und museumspädagogischen Angeboten umrahmt. Zudem ist ein Begleitband zur Schau erschienen.

Constanze Matthes

Die Ausstellung »Glanzlichter« im Naumburger Dom ist bis zum 2. November zu sehen. Der Dom hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. In der Klosterkirche Schulpforte beginnt die Ausstellung am 14. Juni und in der Klosterkirche Memleben am 21. Juni.

www.glanzlichter2014.de

Als Totschießen zur Nächstenliebe wurde

4. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Kirche hat 1914 die Kriegseuphorie der Massen mit befördert – der Kirchenhistoriker Christoph Markschies sieht Bedarf an Aufarbeitung


Was heute als Gotteslästerung gilt, war 1914 selbstverständlich: Die evangelische Kirche zog begeistert mit in den Ersten Weltkrieg. Der Berliner Theologe Christoph Markschies blickt kritisch zurück und sieht auch nach 100 Jahren noch Aufarbeitungsbedarf. Thomas Schiller sprach mit ihm.

Herr Markschies, nach dem Beschluss zur Mobilmachung am 1. August 1914 stimmten Tausende, die vor das Berliner Schloss geströmt waren, »Nun danket alle Gott« an. War damals noch Protestantismus gleichzusetzen mit Patriotismus?
Markschies:
Religion ist ja nie so einfach zu trennen von anderen Dimensionen menschlichen Lebens. Zur Religion gehörten auch damals nicht nur der Sonntagsgottesdienst und die Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung. Sie umfasste die Gesamtwirklichkeit des Lebens – und damit auch das patriotische Leben vieler Deutscher. Insofern implizierte Protestantismus auch ganz selbstverständlich Patriotismus.

Der Theologe und Kirchenhistoriker Christoph Markschies lehrt als Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. – Foto: epd-bild

Der Theologe und Kirchenhistoriker Christoph Markschies lehrt als Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. – Foto: epd-bild

Die Masseneuphorie der ersten Kriegstage ist als »Augusterlebnis« in die Geschichte eingegangen. Welche Rolle spielte dabei die Kirche?
Markschies:
Die Kirche war in vorderster Front bei der Erweckung des Nationalbewusstseins mit dabei – wie andere gesellschaftliche Kreise auch. Sie war zugleich ein selbstverständlicher Teil der euphorisierten Massen und hat mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln diese Euphorisierung noch befördert – mit Predigten beispielsweise. So wurde etwa die Neutralität Belgiens zur »quantité négligeable«, zur vernachlässigbaren Größe, erklärt. Der renommierte Berliner Theologe Reinhold Seeberg hat bis 1918 die These vertreten: Wenn man im Zuge der »Verteidigung des Vaterlandes« einen belgischen Soldaten erschießt, vollstreckt man das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm.

Der deutsche Kaiser war als preußischer König »von Gottes Gnaden« zugleich Oberhaupt der evangelischen Landeskirche. Was bedeutete das für ihn?
Markschies:
Kaiser Wilhelm II. hat im Unterschied zu vielen Politikern in seiner Umgebung das Gottesgnadentum sehr ernst genommen. Das bedeutete umgekehrt auch: Er glaubte, seine Macht nicht aus eigener Vollkommenheit zu besitzen, sondern weil sie ihm von Gott als Mandat übertragen wurde. Kaiser Wilhelm II. war ein erwecklich geprägter Protestant. Er wollte, dass fromm die Hände gefaltet wurden, aber wandelte auch auf den Spuren eines sehr stark als Helden modellierten Christus.

In der Julikrise 1914 waren Vermittlungsversuche und Friedensbemühungen von Papst Benedikt XV. ohne Erfolg geblieben. Warum fand er beim deutschen Kaiser kein Gehör?
Markschies:
Der Papst war für den Kaiser in diesen Tagen keine wichtige Figur. Wilhelm II. war eher interessiert an den deutschen Katholiken. Er hatte aber wohl nie wirklich begriffen, dass Katholizismus eine globalisierte Religion war – ganz im Gegensatz zum Protestantismus.

Hofprediger Ernst von Dryander sagte am 4. August zur Eröffnung einer Reichstagssitzung: »In unerhörtem Frevelmut ist Deutschland ein Krieg aufgezwungen worden.« War das die einhellige Meinung der evangelischen Christen?
Markschies:
Wir kommen auf relativ kleine Mengen kritischer Stimmen, weil viele den Krieg auch als große Gelegenheit zur Neuevangelisierung des Reiches sahen. Eine kritische Stimme war die von Karl Barth, der freilich Schweizer und nicht Preuße war. Ein anderes Beispiel war der Berliner Neutestamentler Gustav Adolf Deißmann, der sich nach anfänglich sehr nationalistischen Äußerungen im späteren Verlauf des Krieges sehr stark um Frieden und Versöhnung bemüht hat.

Wie konnte sich die Kirche so irren?
Markschies:
Die evangelische Kirche verfügte ja nicht über bessere politische Diagnosemöglichkeiten als jeder andere Zeitgenosse auch. Und sie war so blind, wie es die gesamte Bevölkerung war. Das ist für Nachgeborene schmerzlich nachzuvollziehen. Aber Protestanten wie dem Hofprediger Dryander und vielen anderen war die himmlische Weisheit nicht in einer Direktoffenbarung eingefüttert worden. Sie haben sich so schrecklich geirrt wie ihre Mitbürger auch.

Auf dem Koppelschloss der deutschen Soldaten standen die Worte »Gott mit uns«. War er nicht bei den Gegnern?
Markschies:
Der Satz auf den Koppelschlössern ist ein kleines Zeichen der betonten »Christlichkeit« eines Staates, für die es spätestens seit der Weimarer Reichsverfassung auch aus theologischer Sicht keine Rechtfertigung mehr geben kann. Was damals mehrheitsfähig und selbstverständlich war, empfinden viele heute als schlimme Gotteslästerung und als eine sehr bittere Funktionalisierung von Religion für gesellschaftliche Zwecke. Wir haben die Erfahrung von zwei Weltkriegen in den Knochen und können mit dieser Frage anders umgehen als die Menschen damals. Wir müssen aber gerade deswegen selbstkritisch die Frage stellen: Hätten wir damals 1914 auch vor dem Berliner Schloss »Hurra« geschrien, oder hätten wir gesagt: Hier geschieht Ungeheuerliches?

Das Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie bedeuteten auch für die evangelische Kirche einen Umbruch. Gab es in der Weimarer Repu­blik eine selbstkritische Reflexion über die Rolle der Kirche im Krieg?
Markschies:
Nur eine Minderheit der evangelischen Theologen stellte sich auf die Seite der Republik, etwa Adolf von Harnack, einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit. Er galt anderen aber als Verräter und wurde beispielsweise vom Kirchenhistoriker Hans von Campenhausen als »elender Demokrat« bezeichnet. Harnack und seine Mitstreiter wollten die Deutschen mit dem Gedanken vertraut machen, dass sie bezahlen mussten für die deutsche Mitschuld am Ersten Weltkrieg. Zugleich versuchten sie, die Siegermächte von übertriebenen Reparationsforderungen abzubringen. Sie hatten es aber in Kirche und Theologie schwer.

Wie stark wirkte sich das militaristische Erbe der Kaiserzeit noch auf den Kirchenkampf der NS-Zeit und auf die Bekennende Kirche aus?
Markschies:
Natürlich war die Bekennende Kirche von diesem preußischen Erbe geprägt. So hat sie niemals zur Wehrdienstverweigerung aufgerufen. Und Martin Niemöller hat selbst gesagt, dass er bei der Leitung der Kirchenverwaltung der hessen-nassauischen Kirche in Darmstadt nach dem Zweiten Weltkrieg die Organisationsprinzipien eines U-Boots zugrunde legte, wie er es im Ersten Weltkrieg kommandiert hat.

Die evangelische Kirche hat heute zu Militär und Krieg ein kritisches Verhältnis. Wann setzte dieser Wandel ein?
Markschies:
Der Wandel hat ganz vorsichtig schon nach dem Ersten Weltkrieg begonnen, in einer ganz kleinen Minderheit. Er hat sich etwas stärker durchgesetzt in der evangelischen Kirche, als unmittelbar nach 1945 das Entsetzen und die Ablehnung von Militärdienst sehr stark war. Aber auch die Kirchentage der 50er Jahre waren noch geprägt von bekenntnisorientierten Generalstabsoffizieren oder erweckten preußischen Adligen wie Reinhold von Thadden. Der große Kulturbruch kam erst Ende der 60er Jahre, als die Studentenbewegung Männlichkeitskultur und Heldentum infrage stellte. Von diesem Kulturbruch wurde die evangelische Kirche in massiver Gestalt erfasst.

Ist die Rolle, die die evangelische Kirche und auch die wissenschaftliche Theologie im Ersten Weltkrieg gespielt haben, hinreichend erforscht?
Markschies:
Dieses Erbe ist immer noch nicht genügend aufgearbeitet. Gerade die Erforschung der Rolle Reinhold Seebergs ist eine Aufgabe, die sich auch meine Berliner Fakultät stärker auf die Fahnen schreiben muss. Wir sollten noch präziser darüber informieren, dass wir in Berlin nicht nur eine Lichtgeschichte mit Schleiermacher und Harnack, sondern dass wir auch eine sehr dunkle Geschichte mit Reinhold Seeberg haben.

(epd)

Hinterm Kirchturmhorizont geht es weiter

3. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Vordenker der Wende Heino Falcke ist auch mit 85 Jahren kein bisschen leise und zeigt neue Wege für die Kirche

Dieser Mann hat Kirchengeschichte geschrieben: Der ostdeutsche Theologe und frühere Erfurter Propst Heino Falcke. Am 12. Mai ist er 85 Jahre alt geworden. Und wie sein soeben erschienenes Buch »Einmischungen« bezeugt, hat sich der Vordenker der kirchlichen Friedensbewegung und Friedlichen Revolution von 1989 keineswegs zur Ruhe gesetzt.

Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche
Denn nicht nur ist dieses Buch mit Vorträgen und Aufsätzen ein Rückblick auf die bewegte Geschichte der DDR-Kirche, die Falcke entscheidend prägte. Es geht auch um die heutige Friedensfrage und den Auftrag der Kirche im real existierenden Kapitalismus.

Kultur-22-2014Heino Falcke fragt immer wieder nach Grundsätzlichem: Wie muss die Kirche aussehen, um Kirche Jesu Christi zu sein? Und er antwortet: Christsein heißt politisch sein, heißt einzustehen für Schwache und Ausgegrenzte, für friedliche Lösungen von Konflikten und gerechte Modelle des Zusammenlebens. Zu DDR-Zeiten führte das Heino Falcke zur Rede vom »verbesserlichen Sozialismus« und einer »Kirche für andere«. Heute fordert der sprachmächtige Theologe eine »Globalisierung mit menschlichem Antlitz« und die »Überwindung des hegemonialen Denkens«.

Falcke war und ist ein Kirchenmann mit scharfsichtigem Blick. Bis heute trägt er das unbequeme Erbe der Bekennenden Kirche in seine Zeit. Es wird deutlich: Ohne Dietrich Bonhoeffer wäre Falcke wohl nie der geworden, der er ist. Denn es war die Lektüre des Buches »Nachfolge« von Bonhoeffer, die den jungen Mann fesselte und 1946 zum Theologiestudium bewegte. Christlicher Glaube hat für ihn seither immer etwas mit Entscheidung und Entschiedenheit zu tun. Das Leben ebenso wie das Christsein solle der Mensch nicht in der Haltung des Zuschauers erleben, sondern als aktiv Handelnder und Gestaltender.

Minderheitensituation der Kirche annehmen
So entschloss sich Falcke nach dem Studium in Göttingen, in die DDR auszuwandern, um unter den schwierigen Bedingungen des Kommunismus Pfarrer zu sein. Er war sogar bereit, nebenher als Tischler zu arbeiten, als die Finanzlage der DDR-Kirche zunehmend schlechter wurde. Die Unterstützung der West-Kirchen verhinderte dies. Bis heute wirbt Falcke dafür, die Minderheitensituation der Kirche anzunehmen und ohne Privilegien eine vom Staat unabhängige, kritische Kirche zu sein. Immer ging es ihm um das Bonhoeffersche Anliegen, »das kleinkarierte Denken in Kirchturmhorizonten« zu weiten. So trug er in den 1970er und 80er Jahren beharrlich die Anliegen der Ökumenischen Versammlungen in seine Kirche, die immer wieder von einer Wagenburgmentalität bedroht war. Und heute predigt Falcke gegen die angebliche Alternativlosigkeit der Kriege und des kapitalistischen Wirtschaftens. Denn es gilt für ihn immer noch, was er 1987 seiner bedrängten Kirche zurief: »Eine Hoffnung lernt gehen – geht mit!«

Stefan Seidel

Heino Falcke: Einmischungen. Aufsätze, Reden und Vorträge aus 40 Jahren. Evangelische Verlagsanstalt, 352 S., ISBN 978-3-374-03739-1, 32 Euro.

Die Rettung des Bruders kostet zu viel

1. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Asyl: Das deutsche Aufnahmeprogramm für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge wird zum »Lotteriespiel«


Die Bundesregierung rühmt sich damit, im EU-Vergleich die meisten syrischen Flüchtlinge aufzunehmen. Eine Täuschung, sagt Pro Asyl.

Am Ende blieb ihr nur »das verdammte Boot«. Die Syrerin Maya Alkhechen floh auf dem gefährlichsten Weg vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland. Nach Essen zu ihrer Mutter schaffte sie es nur mit Hilfe von Schleppern über das Mittelmeer. Ihr Fall klingt absurd neben den Versprechen aus Deutschland, Verwandte von in Deutschland lebenden Syrern großzügig aufzunehmen. Eine Täuschung sei dieses Versprechen, kritisiert die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Deren Geschäftsführer Günter Burkhardt startete jetzt einen dringenden Appell an Bund und Länder, sich bei der Aufnahme tatsächlich großzügig zu zeigen.

Burkhardt erklärte, für das zweite Bundesprogramm zur Aufnahme von Verwandten in Deutschland lebender Syrer lägen 76 000 Anträge vor. Plätze gibt es aber nur für 5 000. »Letztendlich ist das ein Lotteriespiel«, sagte Burkhardt. Die Länder haben zusätzlich eigene Programm für den Familiennachzug. Auch da reichten die Plätze aber nicht aus. Burkhardt appellierte an Bund und Länder, sich von starren Obergrenzen zu verabschieden. Zumindest die 76 000 Angehörigen sollten einreisen können, forderte er.

Gerettet: Ein Bootsflüchtling, der die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa erreicht hat. – Foto: picture alliance

Gerettet: Ein Bootsflüchtling, der die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa erreicht hat. – Foto: picture alliance

Um das möglich zu machen, müssen Burkhardt zufolge aber auch die hohen Hürden fallen. Die Länder verlangen eine sogenannte Verpflichtungserklärung, mit der die deutschen Verwandten nachweisen, dass sie für ihre Angehörigen aufkommen können. Im Bundesprogramm ist die Erklärung nicht zwingend, laut Burkhardt werden aber Flüchtlinge mit dem Nachweis »vorrangig« aufgenommen. Pro Familienmitglied müssen nach seinen Angaben rund 350 Euro pro Monat aufgebracht werden. Dazu kommen eventuell Wohn- und Behandlungskosten.

Unterm Strich verlangen die Behörden damit oft Summen, die selbst gute Einkommen übersteigen. Adjouri ist deutsche Staatsbürgerin und will ihren in Syrien lebenden Bruder mit Frau und drei Kindern nach Deutschland holen. Ein Einkommen von 3 000 Euro Netto wollen die Behörden dafür sehen. Sie verdient aber nur 900 Euro.

Ihre Tochter, die in Deutschland lebt, durfte nicht bürgen, weil sie nicht deutsche Staatsbürgerin ist. »Alle Türen sind für meinen Bruder zu«, sagt sie sichtlich verzweifelt. »Die deutschen Programme sind nur für die Reichen.«

Dabei kann der Familiennachzug nicht nur am Geld scheitern, sondern auch am »falschen« Aufenthaltsland, erklärt Burkhardt. So ging es Maya Alkhechen. Die Syrerin kam als Sechsjährige nach Deutschland, machte hier Abitur. Mit dem Status der Duldung waren ihr Studium und Ausbildung verwehrt, also suchte sie 2006 eine Perspektive in Syrien. Als der Bürgerkrieg ausbrach, floh die inzwischen verheiratete Frau mit zwei Kindern nach Ägypten – auch in der Hoffnung, von dort aus wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Einen Asylantrag für Deutschland konnte sie dort nicht stellen, also versuchte es ihr Bruder in Deutschland über das Nachzugsprogramm. Er bekam eine Absage, weil Ägypten nicht zu den Ländern gehört, aus denen Deutschland syrische Flüchtlinge aufnimmt. Dazu gehören unter anderem Jordanien und Libanon, Nachbarstaaten Syriens mit besonders vielen Flüchtlingen.

Am Ende wagte sie mit ihren Kindern die lebensgefährliche Fahrt mit dem Boot übers Mittelmeer. Inzwischen versucht sie, ihre Schwestern aus Libyen nachzuholen – wieder solch ein »falsches« Land. Über die Aufnahmeprogramme können sie nicht kommen, sagte Alkhechen. Nun überlege die eine Schwester, ebenfalls ins Boot zu steigen.

Corinna Buschow (epd)