Worte können stark machen

31. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Bibelverse, Gebete, Durchhalteparolen, Weisheiten – Von der Kraft der Überlebensworte

Es gibt Maximen, mit denen sind Krisen und Konflikte leichter zu überstehen. Fünf Autorinnen und Autoren erinnern sich daran, welche »starken Sätze« ihnen Halt oder Trost in schwerer Zeit gegeben haben.


»Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.«

In den 80er Jahren, noch zu DDR-Zeiten, durfte ich meinen Onkel in West-Berlin zum Geburtstag besuchen. Eine Gelegenheit, wenigstens West-Berlin einmal zu sehen! Doch schon beim Eintreffen merkte ich: So recht passte es nicht. Was wollte der Neffe aus dem Osten? Dann kam ein Anruf von unserer Partnergemeinde aus Ludwigshafen. Ein Flugticket läge bereit. Es folgten fünf Tage voller Herzlichkeit, voller schöner, ungewohnter Eindrücke – und eine Sondersitzung des Gemeindevorstands. Zu Beginn meiner kurzen Vorstellung schlug ich das Losungsbuch auf und las den Spruch aus Psalm 18,30 für meinen Abreisetag nach West-Berlin: »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.« Auch darum bin ich damals wieder in die DDR zurückgeflogen: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Immer wieder und überall, in Ost und West, auf der ganzen Welt.

Michael Romahn


»Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

Dieser Spruch aus der Apostelgeschichte 5,29 war Jahreslosung zur »Blüm-Ära«, dem Jahr der Einführung der Pflegemodule. Ich arbeite in der Altenarbeit und bin damals mit auf die Straße gegangen, um einen Akzent gegen die Einführung der Pflegemodule zu setzen, ich muss nicht erläutern, was heutzutage Altenarbeit bedeutet, Pflegenotstand und dergleichen sind tägliche Zeitungsthemen. Aber der Jahresspruch von damals hat mich bis heute derart gestärkt, bestärkt, unterstützt und begleitet, sodass ich mich immer noch mit ganzer Seele motiviert und aktiv für die Altenarbeit einsetze und engagiere.

Reinhild Heydasch


»Wenn ich erst einmal oben auf dem Berg bin, werde ich auch auf ebenen Feldern gehen können.«

Das ist für mich ein rettender Satz, ein Privatsatz. Ich sage ihn mir nicht laut vor, wenn ich das Leben als beschwerlich empfinde. Aber ich vergegenwärtige ihn mir inhaltlich und atmosphärisch. Auf den ersten Blick mag der Satz ein wenig rätselhaft sein, doch letztlich zielt er recht banal in die Richtung gelassener Volksweisheit, die auf vielfältige Weise wissen lässt, dass blutige Erfahrungen langfristig nützlicher sind als ständiges In-Watte-gewickelt-Sein. Das Gehen auf ebenen Feldern ist das Allerschwierigste; davon bin ich tatsächlich überzeugt. Man unterschätzt es.

Arno Geiger


»Geh deinen Weg und lass die Leute reden.«

»Vier Wochen Afrika? Ganz alleine, als Frau? Überfälle, Gewalt, Terrorismus, Malaria, Dengue-Fieber und Sex-Tourismus – das ist doch Wahnsinn! Und außerdem – du kannst doch nicht deine Familie einfach vier Wochen alleine lassen!« Mein ganzes Leben lang war ich ängstlich gewesen, von engen und strengen Vorstellungen geprägt. Viel zu lange hatte ich auf die Meinung der anderen gehört. War davon krank geworden. Und jetzt Afrika, dieser Lockruf der Freiheit. »Geh deinen Weg und lass die Leute reden.« – seit langen Jahren klebt diese uralte Ermunterung, verfasst von Dante Alighieri (1265–1321), als Therapieangebot an meiner Arbeitszimmertür. Diesmal folgte ich ihrem Ruf und hörte auf meine innere Stimme – und siehe da, ich war in Afrika als Volontärin in einer kenianischen Buschschule, habe in leuchtende Kinderaugen geblickt, bezaubernde Menschen und eine fremde Kultur hautnah kennengelernt, bin weder entführt noch infiziert worden, sondern gesund und voller Energie nach Hause zurückgekehrt – dank Dante Alighieri.

Claudia Rapsch


»Yes, I can!«

Er war seit meinem neunten Lebensjahr unbewusst mein Lebensleitsatz, gestellt habe ich mich ihm erst mit Obamas berühmtem Ausspruch. Mein Vater sagte nach seinem letzten Front­urlaub zu mir Neunjährigem: »Wenn ich falle, kümmerst du dich um die Familie, du kannst das!« So stand ich dann – nicht heulend! – meinen viel jüngeren Geschwistern und meiner zusammenbrechenden Mutter bei, »führte« alle erfolgreich durch das brennende Dresden, stützte meine Mutter, als sich ihr Vater, mein Großvater, aufhängte. Der Satz half später in vielen Lebenssituationen, wie der Flucht aus Schlesien. So zum Beispiel auch bei der Rehabilitation nach einem Fahrrad-Autounfall mit Hirnverletzungen, Schädel- und anderen Brüchen: »Yes, I can wieder hochkommen!«

Claus Richter-Haffelder


Weitere Überlebensworte enthält das von Margot Käßmann in der edition chrismon herausgegebene Buch »Starke Sätze«, 176 S., ISBN 978-3-86921-120-6, 16,90 Euro

Steuermann der Reformation

28. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Altenburg erinnert mit einer Sonderausstellung an Georg Spalatin, Freund Luthers

Ohne ihn wäre die Geschichte der Reformation womöglich eine andere. Trotzdem sind sein Name und sein Wirken nahezu in Vergessenheit geraten. Bis heute. Die Stadt Altenburg widmet Georg Spalatin (1484–1545), Gelehrter und Geistlicher, Berater und Chronist, nun eine Sonderausstellung. »Er ist eine faszinierende Gestalt und stand nicht hinter Martin Luther, sondern vielmehr neben ihm«, bemerkte Kurator Hans Joachim Kessler.

Im diesjährigen Themenjahr »Reformation und Politik« innerhalb der Lutherdekade erzählt die Exposition in insgesamt acht thematischen Ausstellungsräumen im Residenzschloss nicht nur vom Leben und dem intensiven Schaffen des im fränkischen Spalt 1484 als Georg Burkhardt geborenen und 1545 in Altenburg verstorbenen Freundes Luthers. Die Schau wirft einen Blick auf die politischen Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich und im Kurfürstentum Sachsen sowie auf die Zustände am kurfürstlich-sächsischen Hofe, an dem Spalatin als Lehrer, Berater und Sekretär beschäftigt war. Sie beschreibt zudem Religiosität und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation.

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Die Reformation beeinflusste die Kunst. Auf diesen Tafeln wird über den Bildschnitzer Franz Geringswalde informiert. – Foto: Nicky Hellfritzsch

Rund 250 Exponate sind hier versammelt, darunter wertvolle Leihgaben aus zahlreichen Museen, Archiven und Sammlungen aus dem In- und dem Ausland. Zu sehen sind unter anderem Schriftzeugnisse, Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände. Zu den bemerkenswertesten Schaustücken zählen der originale Grafikzyklus »Die Apokalypse des Johannes« von Albrecht Dürer sowie die Original-Bände der Chronik der Sachsen und Thüringer, von Spalatin verfasst und von der Cranach-Werkstatt mit kolorierten Federzeichnungen illustriert.

Hörstationen und virtuelle Rekonstruktionen auf Bildschirmen runden den informativen wie erlebnisreichen Besuch ab. Die Themenräume sind vor der Ausstellung teilsaniert und restauriert worden. Aus konservatorischen Gründen dringt kein Tageslicht ein, werden die Objekte mit LED-Beleuchtung ins rechte Licht gerückt. Der Versicherungswert aller Ausstellungsobjekte umfasst eine siebenstellige Summe. Rund 541 000 Euro haben der Freistaat Thüringen und die Stadt Altenburg in die Sonderausstellung investiert. »Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit und Verpflichtung zugleich. Wir wollen diesen Trumpf ausspielen«, erklärte Michael Wolf, Oberbürgermeister der Skatstadt Altenburg, die Wahl des Themas. Nicht nur werde Spalatin in der Geschichtsschreibung nicht richtig und umfassend dargestellt, die Reformation habe die Stadt im Osten Thüringens maßgeblich geprägt.

Ein Exponat hat ob seiner Größe nicht den Weg in das Residenzschloss gefunden und wird auf besondere Art präsentiert: die Stadtkirche St. Bartholomäi. Hier war Spalatin am 5. August 1525 zum evangelischen Pfarrer berufen worden. Mit einer künftigen Dauerausstellung soll über die Sonderschau im Schloss hinaus an den Steuermann der Reformation und deren Geschichte erinnert und an das Thema angeknüpft werden. Pfarrer Reinhard Kwaschik, der gemeinsam mit Koordinatorin Christine Büring und einer Gruppe ehrenamtlicher Helfer aus ganz verschiedenen Fachgebieten an der Ausstellung gearbeitet hat, hofft auf eine breite Wirkung der Exposition, an der in den kommenden Jahren weitergearbeitet werden soll. »Wir wollen weg vom Historismus. Uns ist es wichtig, den Weg in die Gegenwart und Zukunft zu schlagen und zu zeigen, wie lebendig Kirche und Glauben sind und wie die Reformation bis heute wirkt«, sagte Kwaschik. Rund um die Ausstellungen im Schloss und der Stadtkirche ist ein buntes und vielseitiges Veranstaltungsprogramm gestrickt worden, das sowohl Vorträge, Führungen und Schülerangebote als auch Pilgertermine und einen Rundweg zu Spalatins Wirkungsorten umfasst.

Constanze Matthes

Die Sonderausstellung »Georg Spalatin – Steuermann der Reformation« ist bis zum 2. November im Residenzschloss und in der St.-Bartholomäi-Kirche in Altenburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, jeweils von 9.30 bis 17 Uhr. Anlässlich der Exposition erschien ein Begleitband.

www.spalatin-2014.de

Indien: Gemischte Gefühle bei Muslimen und Christen

27. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Stärkste politische Kraft in Indien ist nun die BJP (Baratiya Janata Party) mit ihrem Führer Narendra Damodardas Modi an der Spitze, der bisher als Ministerpräsident den Staat Gujarat führte. Ein gutes Abschneiden seiner Partei wurde erwartet, aber dass Modi in Zukunft mit seiner Partei allein wird regieren können, kam für einige doch überraschend und ist für manche beängstigend. Insgesamt waren 814 Millionen Bürger wahlberechtigt, von denen etwa eine halbe Milliarde (66 Prozent der Wahlberechtigten) zur Wahl gingen. Die meisten von ihnen Hindus.

Hans-Georg Tannhäuser ist stellvertretender Direktor des Leipziger Missionswerkes und leitet das Referat Asien/Pazifik. – Foto: privat www.lmw-mission.de

Hans-Georg Tannhäuser ist stellvertretender Direktor des Leipziger Missionswerkes und leitet das Referat Asien/Pazifik. – Foto: privat

Was sagen Vertreter anderer Religionen zum Ausgang dieser Wahl? Unter den Muslimen erinnert man sich an die Vorgänge vor über zehn Jahren im Bundesstaat Gujarat. Damals mussten nach einem Anschlag auf hinduistische Pilger im Gegenzug 790 Muslime ihr Leben lassen und weitere 254 Hindus wurden umgebracht. Modi hatte damals nicht eingreifen wollen und der Gewalt ihren Lauf gelassen. Auch sonst verfolgt er eine für die muslimische Bevölkerung befremdliche Politik, die den Unterschied zwischen den beiden Religionen betont und damit auch einer Gettoisierung der muslimischen Bevölkerung in den großen Städten Vorschub leistet.

Die christliche Bevölkerung des Landes schaut ebenfalls besorgt in die Zukunft, wenn sie an das Thema Religionsfreiheit denkt. Man erinnert sich daran, dass Narendra Modi der Hindutva Bewegung und ihrer radikal-hinduistischen Organisation RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) nahesteht, die den Wechsel von einer Religion zur anderen erschweren, die Rechte der Hindus stärken und die Religionsausübung anderer Glaubensrichtungen einschränken will. Das Ziel ist letztlich die Durchsetzung einer »hinduistischen Leitkultur«, die man mit dem Slogan »Indien den Hindus« beschreiben könnte.

Vertreter der Tamilisch-Evangelischen Kirche (TELC), die Partnerin des Leipziger Missionswerkes ist und etwa 110000 registrierte Kirchenglieder hat, sprechen nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses von einer großen Enttäuschung. Man hatte sich zumindest eine Koalition mit einer anderen, gemäßigteren Partei gewünscht und befürchtet nun, dass die absolute Mehrheit der BJP zu drastischen Einschränkungen der Religionsfreiheit führen könnte. Insgesamt wird der Anteil der Christen an der Bevölkerung Indiens offiziell mit 2,3 Prozent angegeben. Die Zahl der Wahlberechtigten aus dem christlichen Umfeld kann zwischen 10 und 20 Millionen angesetzt werden.

Wirtschaftlich gesehen verspricht man sich von der Modi-Partei allerdings einen Aufschwung, weil sie im Bundesstaat Gujarat demonstrieren konnte, wie Erhöhung des Lebensstandards und Korruptionsbekämpfung durchaus erfolgreich Hand in Hand gehen können. Dies waren wohl auch die sichtbaren Hauptargumente für die Mehrheit der Wähler, die zu diesem erdrutschartigen Wahlsieg der BJP beigetragen haben.

Hans-Georg Tannhäuser

Das Ende ist nahe

26. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Christ und Geld: Warum unser globales Finanzsystem in der Krise steckt und in seinem Zusammenbruch die Chance liegt


Vor zwei Jahren erschien ihr Buch »Der größte Raubzug der Geschichte«. Die Einführung in die unglaublichen Praktiken der weltweiten Finanzwirtschaft wurde schlagartig zum Bestseller. Jetzt legen sie nach und prophezeien den finalen Crash des Systems. Harald Krille sprach mit den Ökonomen und Querdenkern Matthias Weik und Marc Friedrich.

Sie sprechen im Blick auf unser Finanzsystem vom bevorstehenden Crash. Warum sind Sie so pessimistisch? Es gab doch schon öfter Krisen.
Friedrich:
Wir sind keine Pessimisten, wir sind Realisten. Und wir sehen im Crash sogar was Positives. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass ein notwendiger Wandel meistens erzwungen wurde durch ein katastrophales Ereignis. Nehmen Sie die Energiewende – ob man die als gut oder schlecht beurteilt, sei dahingestellt. Aber es musste erst ein AKW explodieren, damit sich was änderte. Und deshalb sagen wir im Blick auf das herrschende Finanzsystem: Der Crash ist die Lösung und eine Chance für die Menschen insgesamt. Denn nach der großen Bankenkrise von 2008 hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, die Bank- und Finanzbranche ist noch größer, noch mächtiger und noch systemrelevanter geworden. Und jetzt haben wir die Staatsschuldenkrise.

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik bezeichnen sich sebst als »bodenständige Ökonomen, Querdenker, Finanzexperten, Redner und Bestsellerautoren«. In Stuttgart betreiben beide eine alternative Vermögensberatung (www.friedrich-weik.de). – Foto: privat

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik bezeichnen sich sebst als »bodenständige Ökonomen, Querdenker, Finanzexperten, Redner und Bestsellerautoren«. In Stuttgart betreiben beide eine alternative Vermögensberatung. – Foto: privat

Immerhin haben die geschnürten Rettungspakete doch offensichtlich geholfen?
Weik:
Aber wem? Uns wird vorgemacht, dass diese Unsummen nach Griechenland, Portugal und Spanien geflossen sind. Wenn das Geld wirklich dort angekommen wäre, dann hätten wir dort keine Jugendarbeitslosigkeit von 55 oder fast 60 Prozent. Das Geld ging eins zu eins an die Banken, weil die die Besitzer der Staatsanleihen sind. Wir retten Banken auf Kosten der Menschen. Da wird eine ganze Generation verbrannt, um die Finanzbranche zu retten und die Gier einiger Weniger zu befriedigen. Gerade wurde bekannt, dass ein einziger der sogenannten Top-Hedgefondsmanager im vergangenen Jahr dreieinhalb Milliarden Dollar verdient hat. Das ist doch abstrus! Wir brauchen ein Finanzsystem, das allen Menschen dient und nicht nur fünf Prozent.

Das Problem liegt für Sie also nicht in der Gier einiger schwarzer Schafe unter den Finanzjongleuren, sondern im System?
Weik:
Genau. Unser Finanz- und Wirtschaftssystem basiert auf Zins und Zinseszins und muss somit exponentiell wachsen. Aber unsere wunderschöne Erde ist limitiert in ihren Rohstoffen. Wir können nicht unendlich wachsen. Deswegen ist es nur eine Frage der Zeit, bis unser Finanzsystem in die Knie geht. Wir stehen ganz oben, wir haben uns alles zum Untertan gemacht. Aber eins können wir nicht, die Mathematik überlisten.

Friedrich: Ein Blick in die Geschichte zeigt auch hier: Alle ungedeckten Papiergeldsysteme, die auf Zins und Zinseszins basieren, sind gescheitert. Und übrigens auch alle Währungsunionen. Die letzte in Europa, die Lateinische Münzunion, wurde 1927 ad acta gelegt. Der Euro ist gerade mal 13 Jahre alt, liegt aber in seinem jungen Teenageralter schon auf der Intensivstation und wird permanent künstlich beatmet mit Notprogrammen der Europäischen Zen­tralbank. Geld, das man retten muss, ist für uns kein Geld.

Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie die Kräfte des Finanzmarktes gezügelt werden können. Warum tut sich die Politik dabei so schwer?
Weik:
Wahrscheinlich, weil die Bankenlobby einen verdammt guten Job macht.

Friedrich: Sie müssen bedenken, wie finanziert sich denn der Staat? Über Steuereinnahmen und über Staatsanleihen. Und wer kauft die Staatsanleihen zu 99 Prozent? Die Finanzbranche. Und derjenige, der die Schulden gibt, also der Gläubiger, der bestimmt immer, wo der Weg hingeht.

Weik: Und noch ein wichtiger Punk: Die Krise entstand aufgrund der viel zu niedrigen Zinsen, somit sehr viel billigem Geld. Bekämpfen tun wir die Krise mit historisch niedrigen Zinsen und unendlich billigem Geld. Das kann nicht funktionieren. Und wir wissen, die größte Blase, die Mutter aller Blasen ist die Staatsanleihenblase. Viele Länder in Europa, auch wir in Zukunft, werden ihre Schulden niemals bezahlen können. Und trotzdem machen wir noch munter weiter. Wir können nicht auf Dauer Schulden mit Schulden bezahlen. Das ist Irrsinn. Wir verschieben unsere Probleme nur in die Zukunft.

Und wann kommt der Crash?
Friedrich:
Das können wir nicht sagen. Wir können lediglich mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass er kommen wird. Wann? Das kann in drei Tagen oder in fünf Jahren sein. Aber der Aufprall wird dieses Mal definitiv tödlich für das System sein.

Was wird das für den normalen Bürger bedeuten?
Friedrich:
In Argentinien, wo ich selbst live bei einem Crash der Staatsfinanzen dabei war, ist man Montagmorgens aufgewacht und die Bankautomaten waren abgeschaltet und die Banken einfach zu für zwei Wochen. Dann wurden sie wieder geöffnet. Aber alle Guthaben auf den Konten waren 70 Prozent weniger wert. Der Staat hat sich mit einer Währungsreform auf Kosten der Bürger ganz einfach entschuldet. So lief und so läuft das immer. Bei allen Währungsreformen und Währungsschnitten verliert der Bürger: Sie, ich, wir alle.

Und was raten Sie den Menschen, was sie tun sollen?
Weik:
Das Allerwichtigste: Bitte keine Schulden machen! Schulden sind nie gut. Aber Schulden in der aktuellen Situation sind grob fahrlässig. Denn bei einem Währungsschnitt wurden in der Vergangenheit Guthaben auf der einen und Schulden auf der anderen Seite immer recht unterschiedlich behandelt.

Und wer Geld hat?
Weik:
Der sollte gut überlegen, in was er investiert. Auch wenn es banal klingt, aber was war denn immer gut? Das waren die Sachwerte, die Dinge, die man anfassen kann und die ihren Wert behalten, auch wenn Aktien und Versicherungen wertlos werden. Sei es ein Stück Wald oder eine Streuobstwiese, ein Gartengrundstück oder eine eigene Immobilie, wenn sie abbezahlt ist.

Friedrich: Oder auch der berühmte Goldbarren.

Da sagen einem sofort alle Finanzberater, das bringe doch keine Rendite, Geld müsse doch arbeiten …
Friedrich:
Haben Sie schon mal einen 50 Euro-Schein gesehen, der Sie bei Starbucks an der Theke bedient hat? Wir müssen uns wieder klarmachen, Geld kann wirken, aber nicht arbeiten. Menschen arbeiten und schaffen Werte!

Weik: Und die Zeit der Rendite ist momentan eh vorbei. Wir haben eine Niedrigzinsphase. Jetzt geht es darum, Kapital im Falle des Crashs zu erhalten.

Friedrich: Und wer investieren will, sollte sich überlegen, ob er das in irgendwelche Aktienfonds macht, die das Geld in dubiose Textilfabriken in Bangladesh stecken, oder lieber hier in Stuttgart oder in Thüringen investiert, wo er lebt. Damit hier die Wirtschaft prosperiert und hier auch der Nutzen dieses Geldes ankommt. Nicht zuletzt gibt es auch alternative Banken.

Was würden Sie denn den Kirchen raten oder sich von ihnen wünschen? Die sind mit ihren Geldern und Altersversorgungen ja auch in das herrschende Zins- und Zinseszinssystem eingebunden.
Weik:
Fakt ist, die Kirchen haben Geld. Und Geld ist auch Macht. Überlegen Sie mal, was das bewirken könnte, wenn da ein Umdenken stattfindet. Wenn die Kirchen sagen, wir spielen nicht mehr mit im System. Wir gehen raus aus den Papierwerten und gehen rein in Sachwerte. In Dinge also, die im Wert steigen oder fallen, aber im Unterschied zu Papierwerten niemals Null werden können.

Friedrich: Und sie könnten dann zum Beispiel die Ländereien und Immobilien kostengünstig an Bauern, an Genossenschaften oder Gewerbetreibende verpachten, die sie bewirtschaften. Es gäbe so viele Möglichkeiten. Da würde ich mir schon wünschen, dass die Kirchen – Entschuldigung für meinen Ausdruck – ein bisschen mehr Pfeffer im Arsch hätten und mehr alternative Wege suchen und unterstützen.

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Weik, Matthias, Friedrich, Marc:
Der Crash ist die Lösung.
Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
Eichborn Verlag, 381 Seiten
ISBN 978-3-8479-0554-7, 19,99 Euro

www.friedrich-weik.de

Muss ich beten?

25. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Sonntag Rogate stellt das Gebet in den Mittelpunkt – doch was ist Gebet und warum ist es wichtig?

»Muss ich beten?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete sie gut evangelisch-lutherisch.

Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz allen Misstrauens. Eine solche Beziehung aber braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

Gott selbst lockt uns zum Gespräch mit ihm
»Gott will uns damit locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus in der Einführung zum Vaterunser, »dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« Gott selbst sucht das Gespräch mit uns.

Die Ordensfrau Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist etwas Großes, das mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Also: Keine Scheu, immer wieder das Gleiche vor Gott zu bringen. Die gewohnte Liturgie hilft, wenn das Beten schwerfällt.

Gebet kann viele Formen haben
Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Da ist nicht eine besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. So als würde ich mit einem vertrauten Menschen sprechen.

Für andere Menschen erbitte ich Gottes Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß selbst am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Die Psalmen der Bibel wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Unentbehrlich sind sie, wenn mir eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll. Dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie sind wie eine große Schale, in die ich mein Anliegen hineinlegen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird dadurch zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen mir traditionelle Gebete, die Menschen vor mir schon gebetet haben, allen voran das Vaterunser. Andere sind im Anhang des Gesangbuches abgedruckt. Ähnlich wie die Psalmen leihen sie mir ihre Sprache. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen.

Beten braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem das eine: dass ich innehalte und aufmerksam werde für Gottes Nähe. »Gott, ich danke dir, dass du da bist. Was hast du mir heute zu sagen?« Oder auch: »Gott, wo bist du? Wenn du überall bist, wie kommt es, dass ich sooft woanders bin?« Je mehr wir uns üben, auf Gott zu achten, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Beten braucht nicht immer Worte
Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so gut ich kann. Um still zu werden, hilft es, auf den eigenen Atmen zu achten. Dann kann ich kurze Gebetsworte damit verbinden. »Du in mir«, denke ich etwa beim Einatmen, »ich in dir«, beim Ausatmen – immer wieder, zehn Minuten lang oder auch länger. Diese Form des Betens nennt man Herzensgebet. Häufig wird es verbunden mit den Worten »Herr Jesus Christus – erbarme dich meiner/unser«. So nehme ich seine Liebe in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.

Brigitte Seifert


Was mir am Beten wesentlich scheint

An der Bewegung der Liebe teilnehmen: Beten lebt davon, dass Gott zu uns kommt mit seiner Hilfe und Liebe. Diese Liebe öffnet unser Herz für Menschen, die uns brauchen. Das Beten bleibt dann nicht in eigenen Interessen gefangen. Beten und Liebe gehören zusammen.

Gute Gewohnheiten pflegen: Unser Beten braucht angemessene Formen und Rituale. Dazu kann auch ein besonderer Ort oder eine besondere Zeit am Tag gehören. Es lohnt sich, nach Formen für unser Beten zu suchen, die uns entsprechen und sich zwanglos in unseren Tages- und Wochenrhythmus einfügen lassen. Formen, die auch unseren Sinnen und unserem Gefühl Hilfestellung geben.

Mit der Gemeinschaft der Glaubenden verbunden bleiben: Das persönliche Gebet nährt sich aus der Lebensverbindung mit der Gemeinschaft anderer Christinnen und Christen. Wer beispielsweise das Evangelische Gesangbuch oder das katholische Gotteslob für das eigene Beten fruchtbar macht, stellt sich in die Weite der christlichen Gemeinde hinein. Das Gebet des Einzelnen wird getragen und befruchtet vom Gebet der Kirche und umgekehrt.

Dem Bösen widerstehen: Wer betet, nimmt teil an Gottes Kampf gegen die Leben zerstörenden Kräfte dieser Welt. Wir sind vielfach bedrängt durch Ereignisse und Mächte, die uns ängstigen und das Leben bedrohen. Die Bibel spricht hier von »Feinden«. Als Betende stellen wir uns an die Seite Jesu Christi, der diesen Feinden entgegentritt, bis sie endgültig überwunden sind.

Zum Kommen des Reiches Gottes beitragen: Der »Erfolg« unseres Betens lässt sich nicht einfach aufweisen. Denn Gott handelt überraschend. Sein Wirken bleibt für uns unverfügbar. Auch wenn manche Bitte nicht erfüllt wird, erfahren Beter dennoch immer wieder Gottes rettendes Eingreifen. Unser Beten trägt dazu bei, dass Gottes Heilskräfte in dieser Welt wachsen.

Brigitte Seifert

Dr. Brigitte Seifert gehört der Schwesternschaft des Missionshauses Malche in Bad Freienwalde/Oder an, wo sie zwischen 1991 und 2005 als Oberin, Dozentin und Seelsorgerin das gemeinsame geistliche Leben wesentlich mitgestaltete. Seit 2007 leitet sie das Haus der Stille der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Kloster Drübeck bei Wernigerode.

Nigerias unheiliger Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Warum Armee und Polizei in Nigeria dem Terror keinen Einhalt gebieten können

Die Islamisten von Boko Haram wüten immer unverfrorener im Nordosten Nigerias. Militärische Reaktionen ändern daran nichts. Im Gegenteil, sie treiben immer mehr junge Männer zu den Extremisten.

Über die Lage seines Landes könnte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan in den sozialen Netzwerken vermutlich noch einiges lernen. Dort läuft die internationale Online-Kampagne »#BringBackOurGirls« auf Hochtouren, für die selbst die US-amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama ein Foto von sich postete. Es geht um das Schicksal der mehr als 240 Schülerinnen, die Mitte April in der Ortschaft Chibok im Nordosten Nigerias von Mitgliedern der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurden. Wie viele noch in der Hand ihrer Kidnapper sind und wo sich die Gruppe befindet, ist unklar.

Dennoch erklärte Jonathan vor einer Woche im Fernsehen, er sei glücklich darüber, dass die entführten Schülerinnen unversehrt seien. Weil es für diese Behauptung keine Grundlage gibt, war die Empörung groß. Bekannt ist nur, was der mutmaßliche Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, in einem Bekennervideo behauptete: »Ich werde sie als Sklavinnen auf dem Markt verkaufen.«

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Grenzenloser Schmerz: Ein Frau weint während einer Demonstration für die Befreiung der entführten Schulmädchen. Foto: picture alliance/AP Phote/Sunday Alamba

Schon davor war die Informationspolitik der Regierung in dem Fall katastrophal. Und das nicht nur aus bösem Willen, meint der Nigeria-Experte Heinrich Bergstresser. Der aus dem prosperierenden Süden stammende Jonathan habe keine Vorstellung vom rückständigen und verarmten Norden, sagte Bergstresser. Der Norden sei für ihn eine andere Welt, mit der er nichts zu tun haben wolle. Stattdessen delegierte er das Problem an seine Berater und das Militär. Weil offensichtlich ist, dass die Regierung die Mädchen nicht befreien kann, haben die USA, Großbritannien und Frankreich Terrorspezialisten nach Nigeria entsandt.

Vor rund einem Jahr verhängte die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes, das Kerngebiet von Boko Haram. Trotzdem nimmt die Gewalt weiter zu. Unter den verarmten jungen Menschen im Norden Nigerias hat die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörende Gruppe durchaus Zulauf. Der Name der Gruppe heißt übersetzt etwa »Westliche Bildung ist verboten«. Die Miliz macht seit 2009 mit blutigen Anschlägen auf Regierungseinrichtungen, Kirchen und Moscheen von sich reden. Sie hat seitdem Tausende Menschen getötet, allein in diesem Jahr sollen es bisher schon etwa 1 500 sein.

Dass die Regierung den Norden Nigerias seit Jahren vernachlässigt, gehört zu den Hintergründen der Gewalt. Während der Süden Nigerias immerhin etwas von den Erdöl-Einnahmen profitiert, ist die Lage im Norden trist. Teile gehören schon zur trockenen Sahelzone am Rand der Sahara. Wer dort geboren ist, weiß, dass er praktisch keine Zukunft hat. Mehr als die Hälfte der jungen Leute hat nach offiziellen Zahlen keine Arbeit.

Nigeria stand jahrzehntelang unter Militärdiktatur. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1999 unterstützten viele Nordnigerianer muslimische Politiker. Sie hofften, dass diese einer islamischen Gerechtigkeit verpflichtet seien und die verzweifelte Lage der Bevölkerung verbessern würden. Doch die Hoffnung trog. In zwölf Bundesstaaten im Norden führten zwar Gouverneure das islamische Recht, die Scharia, ein – aber sie bereicherten sich genauso wie ihre Vorgänger. An der Armut änderte sich nichts. In diesem hochgradig korrupten System klingt es für viele wie ein Heilsversprechen, wenn Boko Haram die Rückkehr zum »wahren Islam« fordert. Die Anhänger träumen von einem transparenten und gerechten Staat, der in ihren Augen nach dem Scheitern des säkularen Systems nur islamisch begründet sein kann.

Dabei werde Boko Haram unter der Hand von lokalen und regionalen Politikern unterstützt, meint Nigeria-Kenner Bergstresser. Die steigende Präzision der Anschläge und Angriffe, zu denen sich die Miliz zuletzt bekannte, gilt außerdem als Indiz für die Kontakte der Gruppe zum Geheimdienst und anderen staatlichen Stellen. Wie sonst, fragt die Bevölkerung, konnte die Gruppe praktisch unter den Augen des Militärs 276 Mädchen aus einer Schule entführen?

Während die Armee offensichtlich unfähig ist, die Bürger im Norden des Landes vor Angriffen der Terrorsekte zu schützen, berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder auch von Übergriffen der nigerianischen Armee und anderer Sicherheitskräfte auf die Bevölkerung. Seit die Regierung den Ausnahmezustand über den Nordosten des Landes verhängte, haben unabhängige Beobachter kaum noch Zugang. Wer genau welche Verbrechen an den unbewaffneten Menschen verübt, kann fast niemand überprüfen.

Bettina Rühl (epd)

Grausam ist der Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesdienst begleitet internationales Theaterprojekt in Gera

Eine blutverschmierte Folienlandschaft und eine völlig neue Sichtweise auf den Theaterraum erwarten die Besucher der aktuellen Inszenierung »Die Frauen von Troja« der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Die Besucher sitzen auf der Bühne mit Blick in den Theatersaal. Es wurde eine schockierende Kulisse geschaffen, die mit dem Inhalt des Stückes korrespondiert. Diese Produktion ist außergewöhnlich für die Theaterlandschaft. Schauspieldirektor Bernhard Stengele bringt reiche Erfahrungen bei der Umsetzung antiken Materials aus seiner Wirkungszeit in Würzburg mit und kann auf eine gute Zusammenarbeit mit Ulrich Sinn aufbauen. Er ist Altphilologe und hatte über zehn Jahre einen Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Universität Würzburg inne. Für das Theater hat Sinn einen antiken Zyklus des Euripides ausgewählt, »Die Troerinnen« übersetzt und ist als wissenschaftlicher Berater zugleich der Projektleiter der aktuellen Inszenierung.

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

»Die Frauen von Troja« sind eine internationale Kooperation von Theater & Philharmonie Thüringen mit dem Tiyatro Medresesi S¸irince (Türkei) und dem Samos Young Artists Festival (Griechenland). Neben Gera und Altenburg wird die Inszenierung in der Türkei und auf Samos (Griechenland) gezeigt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Türkei, Griechenland, Deutschland, Bulgarien und Burkina Faso gehören zum Ensemble und unternahmen gemeinsam eine Recherchereise an historische Orte des Euripides. »Während dieser Exkursion wurde allen Beteiligten unmissverständlich klar, wie aktuell das Stück in unsere Zeit passt«, sagt Sinn. »Wir erlebten Flüchtlinge aus Syrien und vom Krieg traumatisierte Frauen. Es gibt noch heute so viel Trennendes zwischen den Völkern. Erstaunt haben die Frauen aus der Türkei und aus Griechenland bei den Proben die gemeinsamen Wurzeln ihrer beiden Kulturen wiederentdeckt. Die Schrecken des Krieges sind nach dem Untergang Trojas allgegenwärtig. Euripides zeichnet die Situation und das Leid aus der Perspektive der Frauen, die zurückbleiben und ihrer Versklavung oder dem Tod ins Auge schauen. Stengele lässt die Wut der Frauen noch intensiver erscheinen, indem er den deutschsprachigen Text mit griechisch und türkisch gesprochenen Passagen verbindet. In einer Zeit, wo Kriege mit der Maßgabe, diese zu gewinnen, ausgelöst werden, stehen die Worte Euripides als Mahnung und Anklage: »Der Krieg kennt keine Sieger, denn jeder Krieg bringt nur Verlierer, vernünftig ist, wer keinen Krieg beginnt.«

Ein Theatergottesdienst in der Geraer Salvatorkirche gehört zum Begleitprogramm der Inszenierung. Die Kantorei St. Salvator unter Leitung von Mike Nych und Chorszenen aus »Die Frauen von Troja« werden im Gottesdienst zum Sonntag Kantate eine ganz besondere und spannungsvolle Verbindung eingehen. Pfarrer Frank Hiddemann wird in seiner Predigt die jüdisch-christliche Auffassung eines Gottes, der sich an Gerechtigkeit bindet, mit dem tragischen Geschichtsverständnis der Antike konfrontieren. Bernhard Stengele rückt in seiner Inszenierung die beiden Welten eher zusammen: »Wir haben relativ oft das Wort Götter durch Gott ersetzt, um den Namen ›Gott‹ auf der Seite der Gewinner anzuprangern. Alle sogenannten gerechten oder heiligen Kriege, ob nun von Muslimen oder Christen geführt, berufen sich bis heute auf Gott und da kommt bei mir das Gefühl auf: Hier stimmt etwas nicht.« Wolfgang Hesse

Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, 24. 5., 19.30 Uhr, 25. 5., 18.00 Uhr, 31. 5., 19.30 Uhr Kirche St. Salvator Gera

Ich bin dann mal im Kloster …

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Lebensart: Immer mehr Klöster und Kommunitäten bieten ein Mitleben auf Zeit an – wie beispielsweise in Volkenroda

Wie das Pilgern erfreut sich auch das »Kloster auf Zeit« zunehmender Beliebtheit. Was motiviert Menschen, für einige Tage oder Wochen aus Alltag, Familie und Beruf auszusteigen und in ein Kloster zu gehen?

In der Rallye des Lebens ist mein Glauben auf der Strecke geblieben. Leider ging vor zwei Jahren auch meine Partnerschaft in die Brüche, ebenso wie meine Arbeit. Das war der Zeitpunkt, als ich erstmals nach Volkenroda kam, um ›Kloster auf Zeit‹ zu machen«, erinnert sich Stefan Hendel. Der Ingenieur ist mittlerweile zum fünften Mal in den kleinen Ort im Norden Thüringens gekommen, um für einige Wochen Abstand von seinem Alltag zu gewinnen. Am stärksten beeindruckt haben ihn die Menschen, die er dort traf: die Mitglieder der ökumenischen Jesus-Bruderschaft, die das Kloster dauerhaft mit Leben füllen, ebenso wie auch die Menschen, die nur für kurze Zeit am Leben des Klosters teilhaben.

»Es ist ein warmer, herzlicher Ort durch die Menschen, die ich dort traf. So manches Gespräch war mir hilfreich dafür, dass ich wieder glauben kann«, blickt der gebürtige Kölner auf seine bisherigen Aufenthalte zurück.

»Beten und Arbeiten« wie die Mönche

Viele Menschen sehnen sich nach einer Auszeit, nach einer Neuorientierung, nach geistlicher Erfrischung oder schlicht nach tiefer Erholung. Für diese Lebenssituationen bieten viele christliche Gemeinschaften »Kloster auf Zeit« an. Für wenige Tage oder auch mehrere Monate können Menschen im Kloster mitleben, Seelsorge in Anspruch nehmen oder auch praktisch mit anpacken. So auch im Kloster Volkenroda. Hier wird die klösterliche Auszeit unter das alte Motto der Zisterzienser-Mönche »Ora et Labora« (Beten und Arbeiten) gestellt. So gibt es einen strukturierten Tagesablauf mit gemeinsamen Mahl- und Gebetszeiten, mit Arbeitseinsätzen und Freizeit.

»Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gut tut, wenn sie neben der inneren Einkehr auch ihre Hände gebrauchen. Bei der Arbeit in der Landwirtschaft, beim Rasenmähen oder Reparieren werden manche Probleme ganz körperlich verarbeitet«, erklärt Ulrike Köhler, die sich als geistliche Begleiterin um die Menschen kümmert, die sich für »Kloster auf Zeit« anmelden.

Auf der Suche nach Neuorientierung

Die Gründe, aus denen heraus sich Menschen zu einer Auszeit im Kloster entscheiden, sind durchaus verschieden. Sie reichen von grundlegenden Lebenskrisen über Erschöpfungszustände, Eheprobleme, geistliche Leere bis hin zum Wunsch nach beruflicher Neuorientierung oder dem Genießen der ruhigen Umgebung im Urlaub. Dementsprechend unterschiedlich setzen sich die Gruppen zusammen. So kommen sowohl Christen, darunter auch Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter, ebenso wie konfessionslose Menschen.

Auszeit in der ruhigen Umgebung des Klosters Volkenroda: (v.l.) Stefan Hendel (vorn), Jakob Radtke, Christina Rahn, Michael Fischer. Foto: Katharina Freudenberg

Auszeit in der ruhigen Umgebung des Klosters Volkenroda: (v.l.) Stefan Hendel (vorn), Jakob Radtke, Christina Rahn, Michael Fischer. Foto: Katharina Freudenberg

»Es ist eine interessante Mischung von Leuten, die sich zum Kloster auf Zeit einfinden. Es entstehen anregende Kontakte, aus denen manchmal sogar Freundschaften erwachsen. Diejenigen, die keinen Glaubenshintergrund haben, zeigen durchaus Offenheit und stellen viele Fragen«, fasst Christine Rahn aus Brandenburg ihre Erfahrungen mit verschiedenen »Kloster auf Zeit«-Gruppen zusammen, die sie ihm Rahmen ihres Bundesfreiwilligendienstes in Volkenroda gemacht hat.

Neben dem inhaltlichen Hauptzweig, der Gebet und Arbeit vereint, entsteht gegenwärtig mit »Ora et Scribe« (Beten und Schreiben) noch eine weitere Ausrichtung der klösterlichen Auszeit. Studierende, die für das Abfassen einer Abschlussarbeit eine ruhige Umgebung suchen, können statt in die Bibliothek auch ins Kloster Volkenroda gehen. »Seit ich vor anderthalb Wochen hier ankam, läuft das Schreiben meiner Diplomarbeit wesentlich besser. Das liegt nicht nur an dem tollen Blick aus meinem Zimmer, sondern auch am geregelten Tagesrhythmus und an der regelmäßigen Nachfrage nach meinem Arbeitsfortschritt«, resümiert etwa Psychologiestudent Jakob Radtke.

Die steigende Nachfrage nach solchen Auszeiten in Volkenroda veranlasste die Klostergemeinschaft, eigene Räumlichkeiten dafür auszubauen. Am Ostermontag wurden diese mit Konzert und Segnung feierlich eingeweiht. »Wir sind dankbar, dass nun eine eigene Klausur für das Kloster auf Zeit entstanden ist, und sind gespannt auf die neuen Menschen, die ihren Weg in den kommenden Monaten zu uns finden«, blickt Ulrike Köhler hoffnungsvoll in die Zukunft.

Katharina Freudenberg

Kirchenmusik – ein Tor zum Glauben

19. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied! Ein Loblied auf die Kirchenmusik

Wenn eine Musik erklingt, der Chor ein Halleluja anstimmt, kann es sein, dass die Töne uns innerlich anrühren, in Schwingung bringen, die sich bis zu einer Erschütterung steigern kann. Klänge vermögen unaussprechliche Freude in uns zu wecken und sie können Spannungen lösen. In Stunden der Trauer beispielsweise, wenn sich ein Panzer um das Herz gelegt hat, vermag eine Melodie es, die Tränen fließen zu lassen, den Schmerz zu lösen. Die Musik verändert in uns etwas. »Wenn die Sprache nicht ausreicht, sprechen wir zunächst betonter, verlängern oder kürzen die Silben und schließlich wird das Gesprochene zur Melodie«, deutet Kirchenmusikdirektor Wolfgang Kupke, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle an der Saale. »Lässt sich die Sprache nicht mehr steigern, geht sie über in Musik.« Oder wie es der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) genial auf den Punkt bringt: »Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Insbesondere der Glaube ist ein Bereich, in dem die Sprache zuweilen an ihre Grenzen kommt. Unsere Rede von Gott – wie oft sind wir sprachlos, wissen nicht, was wir sagen sollen. Wie gut, dass es die Musik gibt, die tiefere Schichten in uns anspricht als Worte es vermögen. Die Kantoren und Kirchenmusiker wissen um das Potenzial der Klangwelt, sie vertrauen darauf, dass sie es schaffen kann, den Menschen die christliche Botschaft zu vermitteln.

»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.«

Victor Hugo

In der Bachzeit, erklärt Wolfgang Kupke, hatte die Musik die Funktion, Texte zu wiederholen. Wenn nach dem Gesang von Liedern ein Nachspiel folgte, konnten die Zuhörer sich an den Inhalt des zuvor vernommenen Textes erinnern, führt der Professor aus. »Mit der Musik werden Assoziationen an Worte geweckt, obwohl sie nicht gesprochen werden. So bleibe vieles über die Musik hängen – und sei es ein unaussprechliches Gefühl.

Diese Besonderheit verleiht der Musik auch eine Bedeutung für den Glauben. »Kirchenmusik hat die Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Sie wird damit zu einem Tor des Glaubens, weil sie über die emotionale Schiene läuft«, so Matthias Schmeiß, Leitender Posaunenwart in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Schmeiß betrachtet die Kirchenmusik als eine niedrige Schwelle, um mit Kirche und Theologie in Kontakt zu kommen. Einige Menschen, so seine Beobachtung, besuchen regelmäßig mittags die in manchen Gotteshäusern angebotenen Orgelmusiken, obwohl sie sonst keine Beziehung zur Kirche haben. Sie werden über das Konzert mit dem geistlichen Inhalt vertraut gemacht.

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Sänger des Dresdner Kreuzchors. Foto: picture-alliance/dpa

Um junge Leute an die Kirchenmusik heranzuführen, gehe das Posaunenwerk der EKM bewusst in Schulen, um dort seine Arbeit vorzustellen. Eine solche Begegnung sei für etliche Kinder und Jugendliche Impuls, ein Blasinstrument spielen zu lernen. »In manchen Fällen ist das der Kontakt zum Glauben.« Schmeiß erinnert sich an einen Mann, kein Christ, der sich aber jahrelang im Posaunenchor engagierte, regelmäßig im Gottesdienst mitspielte. Eines Tages habe er den Chorleiter gefragt, ob er das Vaterunser mitbeten dürfe. Offensichtlich war mit der Zeit über das Musizieren eine Beziehung zu Gott gewachsen.

Vielen Menschen gehe es in erster Linie um Gemeinschaft, die sie beim Singen erleben. »Manche suchen Anschluss, wenn sie zur richtigen Zeit angesprochen werden, sind sie über Jahrzehnte dabei«, so die Erfahrung des Kirchenmusikers.

Wie groß die Wirkung der Kirchenmusik ist, lässt sich wahrscheinlich nicht mit Statistik erfassen. Gleichwohl können Zahlen Auskunft geben über die Bindungskraft der Musik, ist Martina Hergt, Fachbeauftragte für Chor- und Singearbeit in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, überzeugt. Wie sie sagt, gibt es in Sachsen 570 Kurrenden. »Das ist viel.« Und obwohl die Bevölkerungszahl abnimmt, so die Kantorin, bleiben die Zahlen der Kurrenden konstant, sie steigen sogar leicht. Wegen des Mitgliederschwundes auf Grund des demografischen Wandels beobachte sie vielerorts eine schlechte Stimmung. »Dabei sieht die Lage gut aus.« Kirchenmusik – sie kann Zugang zum Glauben eröffnen, ist auch Martina Hergt zuversichtlich. Sie erinnert sich an ihre Erfahrungen als Kantorin in Leipzig-Sellerhausen, wo sie bis Herbst vorigen Jahres arbeitete, bevor sie ihre neu geschaffene Stelle in Dresden antrat. Indem die Kirche mit musikpädagogischen Angeboten in Kindergärten geht, bringe sie dorthin ihre Lieder nebst Texten und damit ihre Tradition und Werte, schildert sie. »Kirchenmusik hat eine Riesenchance.« Über die Musik ergeben sich Gespräche mit den Eltern. Lieder haben eine große Magie, sie wecken Fragen nach Ritualen und Inhalten. »Die Arbeit ist oft mühevoll und nicht glänzend«, sagt die Kantorin. Aber wenn die Kinder die Lieder einmal gelernt haben, sei eine Beziehung entstanden, die fürs Leben hält. Und sei es nur, wenn sich die Menschen später daran erinnern, dass es eine schöne Zeit war – die Zeit des Singens – im Kindergarten, in der Kurrende.

Allerdings, so die allgemeine Sorge der Kirchenmusiker, habe der Musikunterricht in den Schulen einen schlechten Stand und wecke bei den Kindern nicht die Freude am Singen. »In manchen Bundesländern wird ab der 7. Klasse nicht mehr aktiv gesungen«, sagt Martina Hergt. Sie bedauert, dass die Menschen zwar reichlich Musik konsumieren, sie allüberall und zu jeder Zeit von ihr umgeben sind, das eigene aktive Singen jedoch auf der Strecke bleibe.

Das ist auch Wolfgang Kupkes Erfahrung. Wie er beobachtet, nimmt die Musikalität in unserer Gesellschaft generell ab. Dafür macht der Professor die mangelhafte musikalische Bildung an den Schulen verantwortlich.

Einen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung setzt der vierte Sonntag nach Ostern: Kantate – der Ehrentag der Kirchenmusik. Das Singen und Musizieren hat an diesem Sonntag im Kirchenjahr seinen festen Platz.

Doch – bei aller Hochachtung der Musik, der Bewunderung für ihre Kunst, Menschen verzaubern zu können, wäre es falsch, sie gegen die Sprache auszuspielen. Auf diese mögliche Fehleinschätzung weist Kupke hin und betont stattdessen: »Es gibt keinen Gegensatz zwischen Musik und Wort. Sie durchdringen sich.« Zum Lobe Gottes!

Sabine Kuschel

»Mama, ich freue mich, dich kennenzulernen«

14. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Umstrittene Auslandsadoptionen – wie eine Mutter in Guatemala ihre leibliche Tochter wiederfindet

In vielen Ländern wird an diesem Wochenende der Muttertag begangen. Für manche Frau in armen Regionen verbindet sich damit die schmerzliche Erinnerung, ein Kind aus wirtschaftlicher Not heraus zur Adoption freigegeben zu haben. Ein Beispiel aus Guatemala.

Auslandsadoptionen – ein heikles Thema. Befürworter preisen die neuen Lebenschancen, die sich den Kindern eröffnen. Kritiker warnen vor Risiken des Missbrauchs. Die biologischen Eltern hingegen kommen nahezu nie zu Wort, obwohl die Erfahrung gerade für viele junge Mütter eine emotionale Last ist.

Die Ortschaft Santa Lucia Cotzumalguapa liegt in der heißen Küstenregion im Süden des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Eine Schotterstraße voller Schlaglöcher führt bis zu einer Stelle, an der es mit dem Auto nicht mehr weitergeht. Von dort aus schlängelt sich ein schmaler Pfad steil bergab, vorbei an ärmlichen Hütten und kläffenden Hunden. Nach über hundert Metern Abstieg erreicht man eine Hütte, deren Tor aus ein paar rostigen Wellblechplatten besteht. In der Hütte wohnt die kleine, stämmige Frau Teresa Apen zusammen mit ihrem Mann, ihren vier Kindern und zwei Nichten.

Adoptionsfreigabe aus Hoffnungslosigkeit

Vor siebzehn Jahren hat sie noch eine Tochter zur Welt gebracht. Dieses Mädchen sah sie zum letzten Mal, als es noch keine zwei Wochen alt war. Teresa war damals schon Mutter von zwei Jungen und musste sich außerdem um die beiden Waisenkinder ihrer kurz zuvor verstorbenen Schwester kümmern. In dieser Situation konnte sie es sich nicht vorstellen, ein weiteres Kind aufzuziehen. »Ich habe mich so entschieden, weil mein Leben mit meinem Mann schlecht war«, erinnert sich Teresa Apen. »Auch heute lebe ich kein gutes Leben mit ihm. Er trinkt viel und wenn er trinkt, behandelt er mich schlecht.«

Am Tag der Geburt gab Teresa Apen ihrer Tochter den Namen Sofia. Heute heißt das Mädchen Michal und lebt in Israel. Dort steht sie kurz vor ihrem Sekundarschulabschluss. Ihre ganze Jugend über hat sie immer wieder über ihre Herkunft nachgedacht: »Ich möchte wissen, woher ich komme. Ich möchte Menschen sehen, die so aussehen wie ich. In Israel sehe ich immer anders aus, sehr anders.«

Vorfreude auf die erste Begegnung: Teresa Apen hat vor 17 Jahren eine Tochter zur Adoption freigegebene. In Erwartung ihres ersten Besuches schaut sie sich mit ihrer Familie Fotos aus Michals neuer Heimat Israel an. Fotos: Andreas Boueke

Vorfreude auf die erste Begegnung: Teresa Apen hat vor 17 Jahren eine Tochter zur Adoption freigegebene. In Erwartung ihres ersten Besuches schaut sie sich mit ihrer Familie Fotos aus Michals neuer Heimat Israel an. Fotos: Andreas Boueke

Michal lebt heute mit ihren Adop­tiveltern zwölftausend Kilometer von Guatemala entfernt in Jerusalem. Dvora und Ehud Levy sind sechs Monate nach der Geburt nach Guatemala gereist, um ihre Adoptivtochter in Empfang zu nehmen. Den Levys wurde eine Kopie der Geburtsurkunde übergeben und eine Kopie des Personalausweises der biologischen Mutter. Diese Dokumente wurden der Ausgangspunkt einer erfolgreichen Suche nach der biologischen Mutter.

Deshalb ist Teresa Apen heute eine der wenigen Mütter in Guatemala, die ihr Kind in Adoption gegeben haben und trotzdem wissen, was aus ihrer Tochter geworden ist. Siebzehn Jahre nach der Geburt hat sie am Telefon erfahren, dass das Mädchen noch lebt und nach ihr sucht. »Für mich war dieser Anruf, als hätte jemand heißes oder kaltes Wasser über mich geschüttet. Ich saß mit meinem Mobiltelefon in einem Bus und weinte. Ich hatte große Angst. Aber dann war da auch ein Gefühl des Glücks.«

Michal hat in Guatemala vier biologische Geschwister, drei Brüder und eine Schwester. Keines der Kinder wusste, dass ihre Mutter vor siebzehn Jahren ein Kind in Adoption gegeben hat. Als die Familie Levy in Israel erfährt, dass nicht nur die biologische Mutter von Michal, sondern auch der Vater und mehrere Geschwister gefunden wurden, können sie es kaum glauben. Sie sind begeistert und wollen bald nach Guatemala kommen.

Das erste Wiedersehen nach 17 Jahren

Anderthalb Tage nach dem Abflug der Levys aus Tel Aviv landet ihre Maschine auf dem Flughafen von Guatemala-Stadt. Eine Nacht lang bleibt die Familie in der Hauptstadt. Michals Adoptivvater, Ehud Levy, kann nicht einschlafen. Er sitzt in einem Garten unter dem guatemaltekischen Sternenhimmel. »Ein Mensch, der adoptiert wurde, kann das nicht ignorieren. Im Laufe des Lebens taucht das in Wellen auf. Da ist die Frage des Warum. Deshalb haben wir uns entschieden, dass Michal das erste Kapitel ihrer Geschichte kennenlernen soll, wenn sie möchte.«

Am nächsten Tag oberhalb des steilen Pfads, der zu der Hütte der Familie Apen hinunterführt. Die Zäune am Wegrand sind mit Ballons geschmückt. Alle Nachbarn wissen, dass Teresas verlorene Tochter zu Besuch kommen wird. Über hundert Menschen haben sich versammelt. Sie beobachten, wie Michal langsam den Pfad hinuntergeht, während Teresa unten wartet. »Meine Tochter ist zu uns hinuntergekommen und hat mich in den Arm genommen. Sie hat gesagt: ›Mama, ich freue mich, dich kennenzulernen.‹ Dafür danke ich Gott. Damit hat sie mir neuen Lebensmut geschenkt«, berichtet Teresa anschließend.

Ein junger Mann in Jeans und einem blitzsauberen, weißen Hemd nähert sich mit kleinen Schritten und schüchternem Blick. Es ist Neri, Michals ältester Bruder: »Hallo Schwesterchen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich sehr freue, noch eine Schwester zu haben. Und ich hoffe sehr, dass du meiner Mutter nicht böse bist, denn wir dürfen über niemanden richten. Und ich will dir sagen, dass ich dich sehr lieb habe.«

Michal antwortet sofort: »Ich bin überhaupt nicht böse. Ich hatte nie ein Problem damit, dass sie mir ermöglicht hat, in einer anderen Familie aufzuwachsen.«

Andreas Boueke

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Ermutigung zum Fliegen

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Würdigung: Mann des Wortes und Vordenker – der ostdeutsche Theologe Heino Falcke wird 85 Jahre

Falken nisten gerne auf Kirchtürmen. Sie haben schon aufgrund der Augenstellung einen extrem weiten Rundblick; ihre Anatomie ist auf den aktiven Flug hin ausgerichtet. Vielleicht gilt dies auch für Heino Falcke, der vielen Christen in der DDR zum Ermutiger wurde.

Heino Falcke erinnert sich: »Als uns 1980 Roger Schutz aus Taizé besuchte, kam es auf dem Domberg in Erfurt zu folgender Szene: Wir standen als Leiter des Gottesdienstes oben vor dem Dom, da löste sich aus der Gemeinde zu Füßen der Domstufen ein kleiner Junge und stieg ganz alleine vor allen die Treppen hinauf. Wir hielten den Atem an. Das war ein wunderbares Symbol für uns Christen in der DDR – sich zu wagen, alleine aus der Menge heraus seinen Weg zu gehen.«

Nicht zufällig ist dem ökumenisch weitblickenden Heino Falcke die Spiritualität von Taizé nahe. Und nicht zufällig ist das Kind auf der Treppe auch ein gutes Bild für Falckes Lebensleistung: die Ermutigung zu eigenen Schritten. Der Mann mit der prägnanten viereckigen Brille und dem weißen Haarkranz wird am 12. Mai 85 Jahre alt. »Ich bin ein Mann des Wortes«, meint Falcke von sich, »nicht so sehr begabt in Aktionen.« Seine Worte boten vielen jedoch Auftrieb für den aktiven Flug. »Prediger des Protestes« wurde der ostdeutsche Theologe genannt, »Mahner«, »Vordenker« der friedlichen Revolution.

Ja, Heino Falcke besitzt die Gabe des messerscharfen Wortes, doch seine Stimme ist leise und reibt angenehm, wenn er berichtet, was ihn prägte. Im ehemaligen Westpreußen geboren und in Königsberg aufgewachsen, erlebte er in seinem bildungsbürgerlichen Elternhaus Nationalgefühl und preußisches Soldatenethos und als Flakhelfer die Luftangriffe der britischen Flieger auf die Stadt. Im Januar 1945 floh die Familie über die Ostsee. In einer »Jungen Gemeinde« wurde Falcke, der sich bis dahin als distanzierten Christen beschreibt, durch einen Jugendpfarrer für den Glauben begeistert: »Er war stark durch Bonhoeffer geprägt; seine Art Christ zu sein, das war authentisch, aus einem Guss.«

Aufruf zum Christsein im Hier und Jetzt

Darauf folgte das Theologiestudium in Berlin, Göttingen und in Basel bei Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche, Promotion und Habilitation in Rostock, später eine Pfarrstelle in Wegeleben am Harz. Von 1973 bis 1994 war Falcke Propst der Kirchenprovinz Sachsen in Erfurt. Diese Stelle als »kirchenleitender Libero« sei ihm auf den Leib geschneidert, »Propst Falcke« wurde zur Instanz.

Grenzübergreifende Erfahrungen prädestinieren für Grenzen übergreifendes Denken. Falckes Rede »Christus befreit – darum Kirche für andere«, gehalten 1972 vor der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, rief die Christen zum Engagement im Hier und Jetzt auf, für eine verbesserliche Kirche in einem »verbesserlichen Sozialismus«.

Die Rede wurde von Kirchenleuten kontrovers diskutiert, der Staat reagierte wie üblich gekränkt. Falcke aber wurde zum wichtigen Sprecher der Friedensbewegung in der DDR, zu einer der treibenden Kräfte des ökumenischen »Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Der Erfurter Propst beflügelte die sich bildenden Friedens- und Umweltgruppen. Freiheit, Frieden, Umwelt, Ökumene und der Ruf nach christlich-authentischem Leben blieben Falckes Lebensthemen. Als 2011 Papst Benedikt XVI. in die Erfurter Lutherstätte Augustinerkloster einzog, da kamen dem evangelischen Theologen die Tränen. Der Akt selbst erfüllte für einen Moment die ökumenischen Hoffnungen; was der Papst dann zur Ökumene sagte, fand Falcke enttäuschend.

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Wollte immer, dass Kirche sich als Kirche für andere versteht: der Erfurter Theologe Dr. Heino Falcke. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die evangelische Kirche sieht er heute als eine unter vielen Stimmen der Zivilgesellschaft. Hier sollte sie ihre Positionen stärker profiliert ins Gespräch einbringen und sich nicht als Moderator oder Konsens-Sucher gebärden. »Wir stehen vor notwendigen, tiefgreifenden Korrekturen im Kapitalismus; das ist eine enorme Herausforderung für die Kirchen unterhalb des Politischen«, sagt Falcke. »Wir sollten gegen den Mainstream hoffen – und nicht auf die Weltrevolution. Das geht nur, indem wir als Gemeinde exemplarisch leben und die Korrekturen im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen ansetzen lassen und bewirken.«

Verbesserlicher Markt und unverbesserlicher Kapitalismus

»Ich möchte noch etwas präzisieren«, sagt Heino Falcke später am Telefon. »zur Frage nach dem verbesserlichen Kapitalismus. Ich möchte unterscheiden zwischen Kapitalismus und Markt. Der Kapitalismus, mit dem Ziel der Kapitalvermehrung, ist überhaupt nicht verbesserlich, aber der Markt mit freiem Wettbewerb ist verbesserlich. Er bedarf des politischen Rahmens, der ihn in den Dienst des Gemeinwohls zwingt.« Eigene Schritte sind gefragt.

Rechts neben Falckes Hauseingang steht ein relativ neues, rotes Graffiti auf dem Putz: »Wir bleiben alle!«. Jawohl. Heino Falcke lehrt uns Zähigkeit, Genauigkeit und Geduld, die zum Wandel nötig sind. Wir werden sie brauchen.

Jürgen Reifarth

Hinweis:
Am 14. Mai wird anlässlich des 85. Geburtstages von Dr. Heino Falcke zu einem Symposium in das Erfurter Collegium maius (Landeskirchenamt) eingeladen. Beginn der Veranstaltung unter dem Titel »Gemeinde neu denken« ist um 16 Uhr.

Einfach leben und glauben

12. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ohne seelischen und materiellen Ballast wird das Dasein leichter

Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihren Besitz radikal zu reduzieren. Dieser Trend heißt Minimalismus – ein Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Auch Jesus kann als Minimalist gesehen werden. In der Bergpredigt empfahl er seinen Nachfolgern einen Minimalismus an mentaler und materieller Sorge: »Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung? Seht euch die Raben an: Sie säen nicht und sie ernten nicht und sammeln in keine Scheunen, und Gott ernährt sie doch. Seid ihr nicht besser als die Vögel? Und wer von euch kann durch seine Sorge die Spanne seines Lebens verlängern? Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Seht auf die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Ich sage euch: Noch nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen. » (Lukas 12,22-27).

Die Auslegungstradition fokussiert auf den all-sorgenden Vater im Himmel. Eine falsche Fährte. Es geht in diesem Jesuswort nicht um Gott, sondern um das Beispiel der Raben und Lilien. Und es geht um Leben. Die Raben leben einfach; die Lilien leben einfach. Leben ist das Schlüsselwort in der Geschichte. Es geht darum, das Leben anzunehmen und die Sorge sein zu lassen. Jesus hat erkannt, dass es sich besser lebt mit weniger Ballast, seelischem und materiellem. Ihm geht es deswegen nicht um Verzicht, sondern um Freiheit.

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Jesus hatte erkannt, dass auch im Glauben an Gott vieles verkompliziert wurde. Mit seiner Klarheit und Einfachheit entrümpelte er den Glauben. Der christliche Glaube ist einfach. Nicht Dogmen und komplexe Lehrgebäude sind wichtig, sondern der schlichte Glaube, wie ihn Jesus vorgelebt hat. Jesus bringt es in der Bergpredigt als Verheißung auf den Punkt: »Glücklich seid ihr, wenn ihr arm seid, … wenn ihr trauert, wenn ihr nachgebt, wenn ihr hungert und dürstet, wenn ihr barmherzig und gut seid, … wenn ihr Frieden stiftet untereinander.« Jesus fasste das Gesetz und die Propheten in der Goldenen Regel zusammen: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!«

Jesus sagte: »Gib, und dir wird gegeben.« Das ist ein einfaches Gesetz des Lebens. Wir können es jederzeit in unserem Alltag erfahren, indem wir uns fragen, was der andere in diesem Moment am meisten gebrauchen kann. Manche brauchen Aufmerksamkeit, ein nettes Gespräch, ein Lob, ein Lächeln oder eine Umarmung. Wer seinen Mitmenschen etwas gibt, wird es vom Leben schon sehr bald zurückbekommen.

Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Natürlich kann man anderen Menschen gegenüber seine Bewunderung ausdrücken oder ihnen Respekt zollen. Eifersucht und Neid dagegen zerfressen den Geist, rauben Zeit und hinterlassen schlechte Gefühle. Es gibt nichts, weswegen Sie andere beneiden müssen, denn Gott hat Sie selbst reich beschenkt.

Mit Verzeihen und vergeben schaffen Sie sich seelische Belastungen vom Leib. Die urchristliche Tugend der Vergebung ist das, was für eine funktionierende Gesellschaft notwendig ist. In der Politik, in der Familie, in Beziehungen. Fehler macht jeder, doch vielen Menschen fällt es schwer, um Verzeihung zu bitten. Eine nicht ausgesprochene Entschuldigung kann Menschen schwer im Magen liegen. Wer jedoch die Kraft der Vergebung erlebt, weiß wie sich Freiheit anfühlt. Überall, wo Vergebung geschieht, wird das Leben einfacher.

Man kann sich viele Sorgen machen – um die Zukunft, um gestern, um morgen, um Kinder oder Eltern, kleine und große Dinge oder auch unnütze Dinge. Doch Sorgen verändern nichts und rauben Energie. Das Evangelium gibt darauf eine klare Antwort: »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!« In diesem schönen Bibelvers steckt die Lösung. Gott hat die Dinge im Blick. Wir können die Sorgen im Gebet benennen und Gott übergeben. Mit dem Amen können wir gewiss sein, das nun alles in Gottes Hand liegt. Befreit von allen Lasten können wir das tun, was notwendig ist.

Helmut Frank

»Die Nachfolge Jesu hat viel mit Anarchie zu tun«

6. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview:  Rupert Neudeck, der unermüdliche Kämpfer für die Humanität, wird am 14. Mai 75 Jahre alt

Seit mehr als 35 Jahren engagiert sich Rupert Neudeck gemeinsam mit seiner Frau Christel unermüdlich bei humanitären Hilfsaktionen in Kriegs- und Krisengebieten. Karin Vorländer sprach mit dem Journalisten, katholischen Theologen und promovierten Philosophen.

Ihr neuestes Buch heißt »Radikal leben«. Was ist eigentlich der Motor Ihres Denkens und Handelns?
Neudeck:
Mit Sicherheit spielt eine große Rolle, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der das Evangelium, die Bergpredigt, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wichtig war. Das Gleichnis stellt für mich immer wieder eine Herausforderung dar, weil ich mir immer wieder überlege, was Jesus getan hätte. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, dass wir heute, wo wir in einem unglaublichen Wohlstand leben, versuchen müssen, etwas davon abzugeben. Ohne selbst in einer Religion beheimatet zu sein, wäre mir meine Arbeit so wahrscheinlich gar nicht möglich.

Rufer zur Umkehr: Rupert Neudeck setzt sich leidenschaftlich für ein widerständiges Leben gegen Verschwendung und globale Ungerechtigkeit ein. Foto: picture alliance

Rufer zur Umkehr: Rupert Neudeck setzt sich leidenschaftlich für ein widerständiges Leben gegen Verschwendung und globale Ungerechtigkeit ein. Foto: picture alliance

Zweifellos hat mein Einsatz aber auch mit einem dramatischen Kindheitserlebnis zu tun. Am 30. Januar 1945 befand ich mich mit Mutter, Großmutter, Tante und drei Geschwistern auf der Flucht aus meiner Geburtsstadt Danzig nach Gdingen. Das Schiff, die Wilhelm Gustloff, die uns in Sicherheit bringen sollte, verließ bei unserer Ankunft vor unseren Augen den Hafen. Wir kamen auf einem Kohledampfer unter und hörten später, dass die Gustloff torpediert worden war. So etwas »vergisst sich nicht«, wie Immanuel Kant sagen würde.

Jemand hat Sie und Ihre Frau einmal als »Idealisten« beschrieben, »die sich einen Dreck um bestehende Vorschriften kümmern«. Zutreffend?
Neudeck:
(Lacht.) Nein, gar nicht. Das Wort »Idealist« kam von einem »zuständigen Ministerialen«, der sich gar nicht vorstellen konnte, welchen Spaß es macht, so zu leben. Das Wort ist ein typisch preußisches Wort, das uns einreden will, dass man sich furchtbar anstrengen muss, wenn man das tut, was ich für das Selbstverständliche halte. Es passt überhaupt nicht zu dem, was wir tun. Ich kann das mit großer Überzeugung sagen. Wenn man das Glück hat, so eine humanitäre Arbeit zu tun, dann hat man in seinem Leben wahrscheinlich die größte Freude und das schönste Abenteuer für sich selbst erobert.

Dann haben Sie also keinen »Preis« für ihr radikales Leben bezahlt, in dem Sie sich selbst oft in Gefahr begeben haben?
Neudeck:
All die asketischen Worte sind falsch. Es geht nicht um ein Minus oder eine Einbuße oder darum »sich am Riemen zu reißen«. Ich habe die größte Zeit meines Lebens mit Menschen zusammengelebt, die dasselbe getan haben wie ich. Das ist ein großes Glück. Radikal zu leben bedeutet, in der Freude zu leben. Deshalb wünsche ich mir, dass junge Menschen einmal in ihrem Leben die Gelegenheit haben, an so einer Erfahrung wenigstens zu nippen.

Sie warnen davor, bei humanitären Aktionen auf »Zuständige« zu vertrauen. Gehört ein Schuss Anarchismus und Misstrauen gegen die Bürokratie und vermeintliche Experten zur humanitären Arbeit dazu?
Neudeck:
Ja. Das gilt ja auch für das Christentum. Die Nachfolge Jesu hat viel mit Anarchie zu tun. Jedenfalls hat das Johann Baptist Metz, mein theologischer Lehrer in Münster, immer behauptet. Und ich glaube er hat recht. Man muss gegen den Stachel löcken. Man darf sich nicht zufriedengeben mit dem, was normal ist oder was »nicht geht«. Wenn es um Menschenleben geht, muss man energisch opponieren. Jedenfalls muss die humanitäre Aktion immer bereit sein, an den Zuständigen vorbeizugehen und schnurstracks das Ziel der Lebensrettung anzupacken. Was nicht ausschließt, dass es unter den Zuständigen auch ganz fantastische Menschen gibt. Aber sonst ist es das Normale, dass Zuständige eher hinderlich sind bei so einer Arbeit.

Also muss man Schleichwege gehen, um an den Zuständigen vorbei zum Ziel zu kommen?
Neudeck:
In unserer Gesellschaft muss man gar keine Schleichwege gehen. Wir haben in unserer offenen Gesellschaft die Chance, Dinge zu tun, die die Regierung manchmal nicht will. Darum beneiden uns Millionen Menschen etwa in Ägypten oder jetzt wieder in Russland. Eine Bürgerinitiative bei uns kann etwas tun, ohne die Regierung zu fragen. Man muss sich auf eigene Füße stellen ohne gleich irgendwo einen Antrag zu stellen. Sonst verliert man seine Unabhängigkeit.

Ihre humanitäre Arbeit ist vom Evangelium geprägt. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine Kirche aus, die Zukunft hat?
Neudeck:
Kleine Gemeinden werden künftig Gottesdienste auch in Wohnhäusern feiern mit Diakonen, mit Priestern, die auch verheiratet sind. Wir werden so Gottesdienst feiern, dass wir anschließend eine Suppenküche für Asylbewerber, Unterricht für Kinder aus einem Obdachlosengebiet anbieten, mit Behinderten auf den Drachenfels gehen oder die nächste Aktion mit einem LKW nach Malta oder Lampedusa starten. Das Entscheidende sind die kleinen Kreise, die wachsen können.

Wenn die Christenheit in all ihren Facetten nicht erkennt, dass man die Welt so nicht lassen kann, dass sie zu großen Ufern aufbrechen muss, dann hat sie verloren. Dann ist sie auch ihrem Auftrag nicht treu. Wir müssen zum Beispiel den alten gewaltlosen Pazifismus wieder erobern. Wir müssen den Stopp der Waffenexporte beginnen. Durch Rat und Tat und Gebet und Anstrengung. Wenn wir uns drauf einlassen, dass die Welt eben ist, wie sie ist, dann haben wir verloren. Die Kirche muss neue Formen finden, in denen sich das Christliche und Solidarische betätigt.

Sie zählen den Wunsch, sich einer großen Sache hinzugeben, zu den legitimen Grundbedürfnissen junger Menschen. Was hindert dennoch so viele an leidenschaftlichen und großen Taten?
Neudeck:
Das Sicherheitsdenken in der Sozialisation sorgt dafür, dass junge Menschen so geprägt sind von Karrieresicherheit und Rückversicherung, dass sie schleichend in eine Haltung hineinkommen, wo man nichts mehr riskiert. Wenn man den radikalen Einsatz für etwas Großes nicht einmal bewusst und aktiv gewollt und erlebt hat, dann fehlt etwas im Leben. Wir sind vom Evangelium aufgerufen, nicht feige zu sein. Das ist uns gesagt. Feige sein ist bequemer als mutig sein. Bequem sollten wir nicht sein.

Sie werden in Kürze 75 – haben Sie noch Träume, die Sie nicht aufgeben wollen?
Neudeck:
Wir haben es auch hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges noch nicht geschafft, die Konsequenzen aus dem Versagen des Pazifismus zu ziehen. Wir müssen wegkommen von Waffen und von stehenden Heeren. Das einzige Heer weltweit, das muss dem UN Generalsekretär unterstehen. So könnten wir eine friedliche Menschheit gewinnen, in der sich die Menschen und Völker anstrengen, für alle in Frieden Wohlstand zu erreichen. Und mein Land, die Bundesrepublik, müsste das erste Land sein, das der UN ein Kontingent ihrer Armee zur Verfügung stellt, damit das gar nicht mehr eine nationale Armee ist. Das ist mein Traum.

Gibt es darüber hinaus auch ein persönliches Nahziel?
Neudeck:
Ja, ich würde gerne mit jungen Leuten eine Eisenbahn im Südsudan bauen. Dort gibt es so gut wie keine Infrastruktur. Ich möchte, dass Kaliningrad in Kantgrad, besser noch Kant umbenannt wird. Und einen Marathon für die Palästinenser müssen wir schon bald veranstalten. Ich habe gestern meine Teststrecke von Bonn nach Köln am Rhein entlang gefunden. Die 29,8 km will ich mit Freunden laufen.

Zur Person:

Neudeck, Rupert: Radikal leben, Gütersloher Verlagshaus, 160 Seiten, ISBN 978-3-579-070, 70-4, 14,99 Euro

Rupert Neudeck wurde 1939 im damals deutschen Danzig geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie, bevor er ab 1971 als Journalist arbeitete. 1979 gründete er zusammen mit seiner Frau Christel das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. und 2003 die Organisation Grünhelme e.V., die sich unter anderem für den Bau von Schulen in Afghanistan einsetzt.

In seiner gerade erschienenen Streitschrift »Radikal leben« macht Neudeck deutlich, wie aktuell und überlebensnotwendig gelebter Widerstand, radikales Umdenken und mutiges Eingreifen sind.

Neudeck, Rupert: Radikal leben, Gütersloher Verlagshaus, 160 Seiten, ISBN 978-3-579-070, 70-4, 14,99 Euro

Gastmahl bei Luthers

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Theaterspiel mit Drei-Gänge-Menü im Erfurter Lutherkeller

Die Ankündigung, Martin Luther und seine Frau Katharina würden anlässlich einer geselligen Tischrunde eheerprobt aus dem Nähkästchen plaudern, lockte am vergangenen Wochenende etliche Neugierige in den Lutherkeller. »Zu Gast an Luthers Tafel«, heißt eine Veranstaltung im Mittelalter-Restaurant unterhalb des ehrwürdigen Kaisersaals in der Erfurter Futter-
straße.

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Katharina (Annette Seibt) und Martin Luther (Reiner Gabriel) heißen ihre Gäste herzlich willkommen. Foto: Michael Voigt

Plauderei und Geschwätz, lutherischer Ehekrach und Anekdoten rund um den großen Reformator stehen im Mittelpunkt des zweistündigen Essens. Zwischen den drei Menü-Gängen servieren Katharina (Annette Seibt) und Martin (Reiner Gabriel) ihre Ansichten über Zeit und Gesellschaft, schwelgen in Erinnerungen oder verteilen deftige Spitzen gegen Papst und Klerus. Das Theaterspiel (Regie: Harald Richter) lebt von der Einbeziehung des Publikums: Jeder Gast bekommt vor Spielbeginn eine Rolle zugeteilt und wird so zum Familienmitglied, Bediensteten, Mitstreiter oder sonstigen Bekannten der Luthers. Als dieser wird er auch zu kleinen Aktivitäten aufgefordert, muss in Anlehnung an den Wittenberger Thesenanschlag einen Nagel im Holz versenken, Kinderverse aufsagen oder bekommt ein Loblied gesungen. Durch die zugeteilten Rollen und das Improvisationstalent aller Beteiligten lebt das Lutherspiel und wird für die Akteure zu einem immer wieder überraschenden Abend.

Die Gäste stehen den Schauspielern in Witz und Spontanreaktionen kaum nach, stellen dem berühmten Paar manch schwierige Frage, kommen miteinander ins Gespräch und reden sich mit ihren Rollennamen an.

Ein Beitrag  zum Lutherjubiläum

Luthers Tischrunden – täglich versam­melte er zwischen 20 und 40 Gäste aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten zum Essen – sind ebenso berühmt wie Luthers schriftlich überlieferte Tischreden. Sie berichten nicht nur über den Theologen Luther, sondern auch über den Alltags- und Familienmenschen, den Grübler, den Liebhaber deutlicher Worte und deftiger Sprüche. Man erfährt zugleich auch Interessantes über Luthers Zeit, die Lebens- und Essgewohnheiten im ausgehenden Mittelalter.

»Der Abend ist unser Beitrag zum Lutherjubiläum«, erläutert der Geschäftsführer des Kaisersaales, Karl-Heinz Kindervater, die Idee zu dem Lutherspiel. »Wissensvermittlung über Luther verknüpfen wir mit Unterhaltung und Essen. Das Ganze richtet sich zwar in erster Linie an Touristen, aber auch Einheimische können von dem Abend viel mitnehmen.«

Gesättigt – nicht nur mit Wissen – wird man allemal. Was da in drei Gängen unter Federführung der tüchtig waltenden Hausfrau Katharina aufgetafelt wird, ist kaum zu schaffen. Auf den Begrüßungsschnaps folgt ein Graupensüppchen, der Hauptgang bietet Gebratenes mit Gemüse und »den letzten Schrei aus Spanien«: Erdäpfel. »Wird sich nicht durchsetzen«, meint Luther dazu, »aber ihr könnt’s ja mal probieren!«

Nach süßem Brei mit Fruchtsoße wird noch ein Kräuterschnäpslein gereicht, auf dass das Gastmahl wohl bekommt. Ein kommunikatives, unterhaltsames Erlebnis mitten im historischen Erfurt.

Katharina Hille

Nächster Termin: 9. Mai, 19 Uhr (Reservierung erforderlich, Telefon 03 61 / 5 68 82 05 oder unter www.lutherkeller.de, eine Buchung ist auch für Gruppen individuell möglich)

»Hirte sein hat nichts mit Romantik zu tun«

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Zum »Hirtensonntag«: Gisela Roßmeier versorgt täglich 300 Schafe, 15 Ziegen und derzeit 140 Lämmer

Christus als der gute Hirte steht traditionell im Zentrum dieses Sonntags, der unter der Überschrift »Miserikordias Domini« die »Barmherzigkeit des Herrn« thematisiert. Wem stehen bei dem Gedanken an den guten Hirten nicht Bilder einer lieblichen Landschaft vor Augen? Abendsonnendurchflutet, rosa Wölkchen am Himmel und auf der Wiese vor dem Waldrand inmitten seiner munter grasenden Schafe steht der Hirte mit Stab und Hut. Ein Bild des Friedens und des Glücks. Geradezu paradiesisch.

»Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.«

Johannes 10,11

»Großer Quatsch«, winkt Gisela Roßmeier energisch ab. »Schäfer sein hat nichts mit Romantik zu tun, es ist harte Arbeit, ein Knochenjob.« Die resolute Frau, Jahrgang 1955, weiß, wovon sie spricht. Auch wenn sie »zur Schafhaltung wie die Jungfrau zum Kinde« kam. Als Anfang der 1990er Jahre die in Agrargenossenschaften gewendeten LPGs die wirtschaftlich wenig effektive Schafhaltung aufgaben, machte sich ihr damaliger Mann als Schäfer mit eigener Herde selbstständig. 1992 wurde der neueerbaute Stall am Ortsrande von Liebenrode bei Nordhausen eingeweiht. Doch als ihr Mann 1995 plötzlich starb, stand die gelernte Wirtschaftskauffrau und spätere Verkaufsstellenleiterin vor der Gretchenfrage in Sachen Schafe. Gemeinsam mit der Familie entschloss sie sich, nun selbst Schäferin zu werden.

Heute versorgt Gisela Roßmeier gemeinsam mit ihrem neuen Lebenspartner ihre Herde mit rund 300 Schafen und derzeit 15 Ziegen. Für die romantischen Bilder vieler Menschen hat sie allerdings Verständnis. »Wann sehen normale Menschen denn überhaupt mal einen Schäfer? Wenn schönes Wetter ist und sie wandern gehen.« Aber dass der Schäfer oder die Schäferin 365 Tage im Jahr, auch bei Wind und Wetter, bei Regen und Sturm sich um die Schafe kümmern muss, »sieht doch niemand«. Ein Acht-Stunden-Tag ist dabei Illusion. »Wenn die Lammzeit kommt, bin ich auch nachts im Stall«, sagt Roßmeier. Schließlich brauchen die lammenden Schafe und natürlich die Lämmer besondere Fürsorge.

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

»Das Lamm muss vor allem von seiner Mutter angenommen werden und innerhalb von zwölf Stunden die lebensnotwendige Vormilch, die sogenannte Kolostralmilch, aufnehmen«, erklärt die Schäferin. Diese sei wie ein Lebenselixier und bewirkt eine Initialzündung für Verdauung und Immunsystem des Lammes. Erhält es sie nicht, stirbt es. Die Pflege der Zitzen der Mutter und die Nabelpflege gehören für die Schäferin natürlich auch zur Geburtsbegleitung. 140 Lämmer sind in diesem Jahr bisher geboren, weitere werden in den nächsten Wochen noch folgen. »Der letzte milde Winter kam den Lämmern sehr entgegen, der davor war allerdings hart«, erinnert sich Roßmeier.

Derzeit stehen Schafe und Lämmer auf den Wiesen rund um den Stall hinter einem Netzzaun. Doch bald geht es auf die Wanderschaft. Das »Grüne Band« entlang der ehemaligen DDR-Grenze ist Roßmeiers »Revier«. Als Maßnahme der Landschaftspflege beweidet sie den ehemaligen Grenzstreifen, um die Verbuschung der Landschaft zu verhindern. Keiner kann das so effektiv wie das Schaf.

»Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme.«

Johannes 10,4

Doch stimmt es eigentlich, dass die Schafe die Stimme ihres Hirten kennen und ihm folgen? »Ich brauche nur zu pfeifen, dann sollten Sie mal sehen, wie sie angerannt kommen«, bestätigt die Schäferin. »Allerdings vor allem, wenn sie satt sind«, fügt sie leicht einschränkend hinzu. »Wenn sie Hunger haben und fressen wollen, lassen sie sich eher Zeit … »

»Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie …«

Johannes 10,12

Bis zu 20 Kilometer entfernt vom Stall zieht die Herde im Laufe des Jahres. Jeden Tag bauen Gisela Roßmeier und ihr Mitstreiter Netzzäune um jeweils einen halben bis einen Hektar Fläche und treiben die Schafherde anschließend auf das neue Geviert. Früher habe sie auch mit dem Hund die Herde frei geweidet, aber in den eingezäunten Bereichen fressen die Schafe das Gras und vor allem das aufkommende Buschwerk effektiver ab, erklärt sie. Selbstverständlich gehört auch die tägliche Wasserversorgung zum Hirtendienst – ein großes Wasserfass wird mit dem Trecker zur Herde gebracht.

Vom wiederkommenden Wolf ist derzeit auch in Mitteldeutschland viel die Rede, am Harzrand kommt noch der Luchs als Raubtier hinzu. Gisela Roßmeier hat mit beiden bisher noch keine Erfahrungen gemacht. Wohl aber mit anderen »Feinden« der Schafhaltung. So wurde sie vor einigen Jahren von einem Jagdpächter vor Gericht gezerrt. Der Vorwurf: Ihre Schafe verschmutzen die Flächen mit Kot und vergrämen so das Wild. »Zum Glück stellte das Gericht klar, dass Landwirtschaft vor Jagd geht«, berichtet Roßmeier. Doch an den Nerven zehren solche Erfahrungen. Ebenso wie manche aufgebrachte »Naturfreunde«, die sich aufregen, »nur weil« – Roßmeier nimmt kein Blatt vor den Mund – »Schafscheiße auf ihrem geliebten Wanderweg liegt«.

Überhaupt gebe es immer mehr Menschen, die zwar für das Landleben und die Natur schwärmen, denen aber jeder krähende Hahn zu viel Krach mache und jeder Misthaufen eine unerträgliche Geruchsbelästigung bedeute. Und auch offiziell werde es den Schäfern immer schwerer gemacht: ausufernde Bürokratie, immer mehr einschränkende Vorschriften, immer mehr Kontrollen und Nachweise, immer höhere Kosten für Futter und Kraftstoff oder für die Berufsgenossenschaft. Allein der Beitrag für die Letztgenannte habe sich in den vergangene Jahren verfünffacht. »Da reden wir über etliche Tausend Mark«, sagt die Schäferin.

»Ich bin gekommen, damit sie Leben und volle Genüge haben sollen.«

Johannes 10,10 b

Dennoch wird sie weitermachen. Mindestens bis zur Rente. Schließlich hat sie ja auch Verantwortung für ihre Herde, und ohne Liebe zu den Tieren könne man den Beruf sowieso nicht ausüben. Doch von Tierliebe allein kann ein Schäfer nicht leben – die Nachwuchssituation ist entsprechend schwierig. Denn Schafhaltung lohne sich letztlich kaum noch.

Fünf Monate muss ein Lamm gefüttert werden, bis es sein Schlachtgewicht von rund 40 Kilo hat. »Und dann bekommt man 2,30 Euro für das Kilo Lebendgewicht«, resümiert Gisela Roßmeier. Und fügt hinzu: »Gern würden wir ohne Subventionen und Staatshilfen arbeiten.« Aber dazu müsste wohl auch die Gesellschaft den Wert von gesunder Nahrung wieder schätzen lernen und zu honorieren bereit sein.

Harald Krille

Jesus befreit – das ist das Wunderbare

2. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Vorgestellt: Rüdiger Borchardt – das 85-jährige Urgestein der Thüringer Suchtkrankenarbeit ist bis heute im Einsatz für Alkoholkranke

Das aktuelle »Jahrbuch Sucht« hat es gerade wieder gezeigt: Alkohol ist und bleibt die Droge Nummer 1 in Deutschland (siehe unten). Einer, der seit Jahrzehnten um die Probleme und um Wege der Hilfe weiß, ist Rüdiger Borchardt.

Ende März wurde die kleine Tamina geboren. Sie ist sein sechstes Urenkelchen. Liebevoll betrachtet Rüdiger Borchardt, der in seinem Leben unzählige Alkoholiker betreute, das Foto der neuen Erdenbürgerin. »Wir sind dankbar, dass du uns ein Wegweiser auf unserem Glaubensweg bist«, ist auf einer Osterkarte von Christine und Michael aus Chemnitz zu lesen. »Na – das ist doch schön«, meint der 85-Jährige und zeigt auf seine Schätze: eine deutlich abgegriffene Bibel im Ledereinband, ein Büchlein mit Losungen und Bibelversen und sein Gebetsbuch. »Hier stehen alle drin, für die ich täglich bete.«

Die Hände zu falten ist für ihn ungeheuer wichtig. »Wir denken immer, wir können alles, dabei sind wir arme Sünder«, sagt er. Das Foto eines in Paraguay tätigen Freundes fällt ihm in die Hände. »Für die Mission bete ich auch. Bei uns zu Hause wurde viel gebetet.« Mit sieben Jahren hat er bereits in der heimischen Küche gepredigt. »Ich bin auf eine Fußbank geklettert und los ging es.« Zeit seines bewegten Lebens war ihm das Predigen immer ungeheuer wichtig. »Ich bin dankbar, dass ich mithelfen durfte, die Frohe Botschaft weiterzugeben«, meint er schlicht.

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Sein Lieblingsspruch steht im Römerbrief und lautet: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.« – »Darauf habe ich mich mein ganzes Leben verlassen«, sagt er. »Jedes Mal, wenn ein Alkoholiker zu mir kam, wusste ich vorher nicht, was ich ihm sagen sollte – Gott hat mir immer die rechten Worte geschenkt.«
In der englischen Kriegsgefangenschaft fand der im westpommerschen Treptow an der Rega, heute Trzebiatów, als Sohn eines Bäckermeisters geborene Rüdiger Borchardt zum Glauben. Dort lernte er als 17-Jähriger gläubige Männer kennen, die Andachten hielten. Er schloss sich ihnen an und begann, für seine Mutter zu beten. Gott erhörte ihn – die Mutter war am Leben. Über das Rote Kreuz fand er zu ihr nach Königsee. Es dauerte nicht lange, bis er dort in der Jungen Gemeinde mitarbeitete.

Anfang der 1950er Jahre zog es Rüdiger Borchardt in den Westen. In Heidenheim engagierte er sich in der christlichen Jugendarbeit und leitete seine erste Freizeit. Schon frühzeitig entschloss sich Rüdiger Borchardt, enthaltsam zu leben. Als in Heidenheim ein Blaukreuzverein gegründet wurde, stand für ihn sofort fest, darin mitzuarbeiten.

Wieder zurück im thüringischen Königsee lag der Schritt, Alkoholiker zu Hause zu besuchen, nahe. Das war der Beginn einer lebenslangen Aufgabe. Als Mitglied der in der ehemaligen DDR existierenden Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtkrankheiten (AGAS) setzte er in Jena seine Tätigkeit in der Trinkerrettungsarbeit fort. Dort war er im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen über zehn Jahre Landesbeauftragter für Suchtgefahren. Seine »Klienten« fand er in allen Bevölkerungsgruppen. Ob Ärzte, Parteisekretäre, einfache Arbeiter oder Lehrer – Rüdiger Borchardt schickte nie jemanden weg. »Selbst wenn Honecker gekommen wäre, hätte ich geholfen«, sagt er rückblickend. Dieter Nix fand er in Jena auf einer Müllkippe. Bis heute gehört er jährlich zu den ersten Geburtstagsgratulanten.

Viele Menschen hätten die Mitarbeiter der AGAS darum beneidet, dass gerade in dieser Organisation so viele Trinker dem Alkohol entsagten. »Eine Kur wurde nicht gebraucht – allein der Glaube an Jesus Christus zählte«, so Borchardt. Bei den ersten Gesprächen behaupteten die meisten von sich, nicht abhängig zu sein. Rüdiger Borchardt öffnete ihnen trotzdem die Tür, bat sie mit einem freundlichen »wir werden sehen« herein. Im Laufe des Gespräches begannen den Betroffenen dann die Hände zu zittern. Eine große Tasse mit Kaffee half.

»Viele waren von diesem Angenommensein überwältigt«, erinnert sich Borchardt. Und fügt hinzu: »Es gibt keine hoffnungslosen Alkoholiker – Jesus kann helfen.« Das war zudem die Aufschrift eines Stempels – »unserem Traktat«, wie Borchardt erzählt. Er zierte zu DDR-Zeiten viele Briefe und wurde nicht verboten. »Viele Abhängige haben die Liebe Gottes erfahren, sind zur Beichte gegangen und haben danach ihr Leben geordnet.«

Ein Oberarzt der Jenaer Universitätsklinik hatte in den 70er Jahren einmal zu ihm gesagt: »Alle meine Patienten gehören zu Ihnen, nicht zu mir.« Daran erinnert sich Borchardt immer wieder gern. Alkoholiker sind für ihn Perlen, die ihren Glanz verloren haben. Durch die Liebe Gottes leuchten jetzt viele wieder, sagt er, als wäre es die leichteste Sache der Welt.

Als die Familie im Mai 1989 nach Steinbach-Hallenberg übersiedelte, lagen neun Jahren im mecklenburgischen Linstow hinter ihr. Dort wohnten sie gemeinsam mit zwölf alkoholabhängigen Männern in einem ehemaligen Pfarrhaus. In Steinbach-Hallenberg suchte man seinerzeit einen Mitarbeiter im Suchtbereich. Rüdiger Borchardt war der Richtige. Kaum in der Kleinstadt angekommen, rief er hier eine Blaukreuzgruppe ins Leben.

»Bei Gott gibt es immer einen Ausweg – Jesus befreit, das ist das Wunderbare«, sagt der Mann, dessen Haar längst weiß geworden ist. Trotzdem strahlt er eine große Ruhe und Zufriedenheit aus. »Ich könnte auch Trübsal blasen, das liegt mir aber nicht, weil ich immer wieder neu sehe, wie Gott am Wirken ist«, sagt der tiefgläubige Christ und lächelt. In seinem Leben gebe es keine Zeit, an die er sich nicht gerne erinnere. Besonders froh ist er, erleben zu können, wie die von ihm begonnene Arbeit heute von vielen wertvollen Menschen fortgeführt werde. Seinen Weg mit Jesus gegangen zu sein, hat er nie bereut. Auch auf seine vier Kinder konnte er das übertragen. Und so ist Rüdiger Borchardt dankbar für die zurückliegende Zeit, für seine Familie, seine Kinder, seine Enkel und Urenkel.

Annett Recknagel

Am 4. Mai, Saalfeld, Treffen des Landesverbandes »Blaues Kreuz« Thüringen