»Ich habe Gottes große Gnade erfahren«

Gerhard Günther hat wochenlang im Koma gelegen – Durch Leid ist sein Glauben tiefer und größer geworden

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.« Gerhard Günther kennt diese nüchterne wie kluge Maxime, er stimmt ihr zu. Daran gehalten hat er sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit er ins Berufsleben eingetreten ist, erinnert er sich, habe er immer extrem viel gearbeitet. 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Schule wird er Kraftfahrzeugmechaniker, »in der DDR ein Traumberuf, mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, wirtschaftlichen Wohlstand zu erzielen«. Wie er sagt, verdiente er, der gelernte Kfz-Mechaniker, mehr als sein Freund, ein Diplom-Ingenieur. Nach der Wende führt ihn sein Weg in die Politik. Von 1994 bis 2001 ist er im Stadtrat der Stadt Königsee, dann im Kreisrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt, seit 2004 Mitglied im Thüringer Landtag. »Alles Jobs, bei denen ein Zwölf-Stunden-Tag normal ist und die Arbeitswoche sieben Tage hat.« Es sei ihm finanziell gut gegangen, besser als vielen anderen, sagt er. Aber dieses Leben hat seinen Preis: Es kostet ihn Zeit, wertvolle Lebenszeit. Und wenn er das so sagt, meint er damit, dass man mit der Zeit, diesem »unendlich hohen Gut« auch schlecht umgehen kann. Statt zu viel zu arbeiten, sollte die Familie Priorität haben, so seine Einsicht heute. »Wir haben in früheren Jahren zu wenig miteinander geredet.

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Ich habe gelernt, alle Konflikte sind lösbar, wenn man miteinander spricht«, sagt Günther. Diese simple Erkenntnis ist das Ergebnis eines langen Leidensweges. 2009 wird eine schwere Lungenerkrankung bei ihm festgestellt und ihm eine Lebenserwartung von eineinhalb Jahren prognostiziert. Eine glückliche Fügung will es, dass er an einen Lungenspezialisten in Hannover gerät, der ihm Hoffnung macht. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, sagt ihm der Arzt, aber dank eines neu entwickelten Medikamentes könne der Status quo erhalten werden. Eine Hoffnungsbotschaft. Günther nimmt an Tests teil, alles sieht gut aus. Leistungssport kann er freilich nicht treiben, aber doch eingeschränkt am Leben teilhaben. Bis sich Ende 2011 sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er macht sich auf den Weg nach Hannover in die Klinik. Er steigt ins Auto und fährt selbst – es geht ihm schlecht, er wird schwächer. »Das klingt dramatisch«, sagt er. Mit letzter Kraft sei er in die Notaufnahme gefahren. Kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder. Seine letzte bewusste Wahrnehmung. Er wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die ihn am Leben hält. Seiner Familie erklären die Ärzte, dass nur eine Lungentransplantation sein Leben retten könne.

Glücklicherweise wird nach etwa zehn Tagen ein Spenderorgan gefunden. Neun Stunden dauert die Operation. Doch als sie abgeschlossen ist, wacht Günther nicht auf. Er liegt im Koma, mehrere Wochen. Er habe immer gespürt, dass die Familie, seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin, bei ihm ist.

Gerhard Günther schildert unter Tränen, was damals geschah. »Ich war am Eingang zu einer anderen Welt. Dorthin, glaube ich, wollte ich. Doch dann kam dieser Ruf.« Er hört die eindringliche Bitte seiner Partnerin: »Lass mich nicht allein, ich brauche dich jetzt!« Er erinnert sich an »dieses Gefühl der Nähe und Wärme, an diesen Ruf«. Er ist sich sicher: Jesus hat auf mein Leben geschaut und gesagt: Mit dir kann ich noch etwas anfangen. Du kriegst eine Aufgabe. Du gehst zurück ins Leben.

Mit diesen Gedanken wird er wach. Bis auf die Augen kann er sich überhaupt nicht bewegen. Er kann mit der neuen Lunge wieder atmen, aber nicht mehr sprechen. Seine Stimmbänder sind gelähmt. Als ihm der Arzt sagt, dass er nie wieder wird sprechen können, glaubt er das nicht. Wie der blinde Bartimäus in der Bibel glaubt, dass Jesus an ihm ein Wunder bewirken kann, so vertraut Günther auf Gott. Er ist überzeugt, wenn Jesus ihn mit einer Aufgabe ins Leben zurückschickt, wird er wieder sprechen können. So geschieht es.

Er übt mit Hanteln, trainiert seine Muskeln. Tag für Tag. Er lernt es, einen Finger zu bewegen, dann die ganze Hand. Eines Tages kann er sitzen, das Handy halten. Stehen – der erste Schritt. Alles muss er neu lernen. Gehen, essen. In kleinen Schritten erobert sein Körper das Leben zurück. Ein halbes Jahr später kann er nach Hause. Er nimmt seine Arbeit im Landtag wieder auf, knüpft Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, weil er dafür werben will, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen.

»Ich bin der glücklichste Mensch«, sagt er. »Ich habe Gottes große Gnade erfahren, gesehen, wie mächtig Gott ist.« Ihm seien seither zwei Jahre irdischen Leben geschenkt worden.

Seit Herbst 2013 geht es ihm gesundheitlich wieder schlecht. Die Abstoßungsreaktionen seines Körpers auf das transplantierte Organ machen ihm zu schaffen. Im September wird er aus dem Landtag ausscheiden. Aber er ist dankbar für jeden Tag, für alles, was er erlebt.

»Wenn mein Leben morgen zu Ende ist, gehe ich in Frieden, denn ich weiß, dort, wohin ich gehe, wird es schön sein.«

Sabine Kuschel

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