»Frühling in der Kirche«: 20 Jahre Frauenordination in England

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau auf der Kanzel gehört auch in der anglikanischen Kirche heute zum ganz normalen Bild. Das war jedoch nicht immer so. Im Gegenteil: In der Geschichte der Church of England sind ordinierte Pfarrerinnen noch eine recht neue Erscheinung. Erst 1994, vor genau 20 Jahren also, wurden die ersten Frauen ordiniert. An diesen Jahrestag wird nun Anfang Mai mit einem nationalen Festakt und Gottesdienst in London erinnert.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Die erste Ordination war dabei allerdings nicht in London. Am 12. März 1994 wurden in der Kathedrale von Bristol die ersten 32 Frauen zu Pfarrerinnen der anglikanischen Kirche ordiniert. Die erste dieser Frauen war an diesem Tag Angela Berners-Wilson. Sie erinnert sich: »Der Gottesdienst selbst war wunderbar, berührend und vom Geist erfüllt. Das Gefühl der Erwartung und Freude, das uns von der versammelten Gemeinde entgegenschlug, als wir zum Beginn des Gottesdienstes einzogen, war fast greifbar. (…) Der Frühling war in der Kirche angebrochen.«

Bis dahin war es ein langer Weg gewesen. Bereits 1975 gab es die ersten Vorstöße in diese Richtung. In jenem Jahr stellte die Generalsynode fest, dass es im Grunde nichts gegen eine Frauenordination einzuwenden gäbe. Bis zur tatsächlichen Umsetzung dauerte es jedoch noch fast 20 Jahre.

Als es schließlich 1994 zu den ersten Ordinationen kam, fanden diese nicht völlig ohne Proteste statt. Doch England wäre nicht England, wenn man dabei nicht auch die humorvolle Seite entdecken würde. Im November 1994 wurde die erste Folge der Komödie »The Vicar of Dibley« (Der Pfarrer von Dibley) im Fernsehen ausgestrahlt. Die Serie, die die Erlebnisse einer Pfarrerin in einem kleinen Dorf zum Inhalt hat, war dabei so erfolgreich, dass sie mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet wurde. Als Grundlage für die komischen Alltagsszenen einer Dorfpfarrerin dienten dabei die Erfahrungen von Joy Carroll, einer der ersten ordinierten Pfarrerinnen.

Heute besteht ein Drittel der Geistlichkeit in der anglikanischen Kirche aus Frauen. Zu Protesten kommt es deshalb schon lange nicht mehr, stattdessen wird gefeiert. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Brüder und Schwestern in der englischen Staatskirche durchaus noch nicht die gleichen Möglichkeiten haben. Denn der Aufstieg zur Bischöfin bleibt den Frauen nach wie vor verwehrt. Alle dahin gehenden Bemühungen sind bis dato noch nicht von Erfolg gekrönt. Die bislang letzte Abstimmung erfolgte im November 2012 und verpasste ganz knapp die erforderliche Mehrheit. Nun erhofft man sich ein besseres Ergebnis, wenn es 2015 zur nächsten Abstimmung kommen wird. Denn erst wenn Pfarrerinnen auch Bischöfinnen werden können, wird es »Sommer in der Kirche« sein, wie es Angela Berners-Wilson ausdrückt.

Julia Wohlgemuth

Am Ende der Spielzeit

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Christoph Kuhn

In der Ausgabe Nr. 13 vom 30. März haben wir eine Erzählung von Theodor Weißenborn veröffentlicht. Damit haben wir in unserer Kirchenzeitung eine Reihe eröffnet, die in dieser Ausgabe ihre Fortführung erfährt. Monatlich einmal können Sie nun auf unserer Kulturseite etwas Literarisches lesen. Wir wollen dem vielfach geäußerten Wunsch unserer Leserschaft nach mehr Geschichten nachkommen.

Hier steckst du also«, sagt Tanja und geht auf den Tisch am Fenster zu, wo David sitzt und schreibt. Er sieht nur kurz vom Papier auf und hinaus zum Gewimmel der Straße.

Illustration: Steffi Kaiser

Illustration: Steffi Kaiser

Tanja setzt sich ihm gegenüber. »Dein Lieblingslokal? Bist du öfter hier?«
»Manchmal«, sagt er.
»Du haust nach jeder Probe und nach jeder Vorstellung sofort ab, und niemand weiß wohin …«
»Ist das ein Problem? Ich habe zu tun, wie du siehst.«
»Was schreibst du denn?«
»Darüber spreche ich erst, wenn’s fertig ist …«
»Geheimnisvoll wie immer, Jesus.«
Die Serviererin kommt, Tanja bestellt einen Rotwein. David sagt: »Nenn mich nicht Jesus, ich sag ja auch nicht Maria oder Mutti zu dir.«
Sie prostet ihm zu, trinkt. »Das
ist was andres, ich bin eine Fehlbesetzung, habe meine Mutterrolle nie akzeptiert.«
»Du merkst das zu spät, hättest es mit Gottfried verhandeln sollen. Aber sein Casting war schon okay, einen besseren Regisseur konnten wir nicht finden.«
»Wie man’s nimmt. Der Abend ist lang geworden, an dem wir ihn davon überzeugten, dass die letzte Aufführung mit dem Passahfest enden muss, mit der Auferstehung.«
»Ach, das habt ihr beschlossen, und die Hauptperson weiß noch nichts davon.«
»Wie denn, du bist ja nicht da, hältst dich von uns fern. Deshalb hab ich dich ja gesucht, um es dir zu sagen.«
»Die letzte Aufführung ist morgen. Denkst du, ich lerne bis dahin noch mehr Text?«
»Du hast keinen weiteren Text. Nur wir reden. Reden über deine Auferstehung, über dich …«
»Wie immer, hinter meinem Rücken.«
»Und dann brechen wir auf.«
»Wer wir? Aufbrechen?«
»Wir alle, unsere Gruppe und viele aus dem Publikum, du wirst sehen, wie wir dir alle folgen.«
David lacht auf. »He, sag mal, spinnst du jetzt total! Wohin sollte mir jemand folgen?«
»Der Weg ist das Ziel der Wanderschaft.«
Tanja hat ihr Glas ausgetrunken. David blickt sie entgeistert-belustigt an, wedelt sich mit der Hand vorm Ge-
sicht herum. »Wandern! Querfeldein, durch Wald und Flur, die Autobahn entlang …«
»Wir können auch den Theaterbus nehmen, je nachdem.«

Er antwortet nicht, schreibt weiter. Tanja bestellt sich noch ein Glas. »Weißt du, wie sie alle, wie wir alle, auf dich stehen! Du weißt es nicht, weil du uns meidest, weil du nicht auf die Leute achtest. – Ich will dich dann auch nicht länger stören.«

David wird laut: »Was redest du für ein Zeug! Das Spiel ist morgen aus. Ich hab getan, was ich konnte, und wenn jemand denkt, ich predige weiter, hat er sich getäuscht. Und mir folgt auch niemand nach. Weil ich hierbleibe.«

Tanja sagt ruhig: »Du hast einfach keine Ahnung, wie sehr die Leute auf dich gewartet haben, wie wichtig du bist. Jesus – zwei Millionen Ergebnisse zeigt Google an. Es steht geschrieben, und du sagst es selbst, dass der Sohn Gottes wiederkommt. Ich wusste es schon in Israel, wo wir alle zusammen waren, am See Genezareth, auf dem Ölberg, in Jerusalem, dass du der richtige bist.«

Fassungslos starrt er auf die Zeitung, die Tanja ihm über den Tisch schiebt, mit einem großen Foto von ihm und der Schlagzeile Jesus – wer, wenn
nicht er!

Daneben liegt der Text, an dem er arbeitet: die Geschichte eines Jesus-Darstellers, der das Spiel Wirklichkeit werden lässt. Er merkt, über Heilkraft zu verfügen und fordert die Menschen, denen er geholfen hat auf, ihm zu folgen.

»Du hast keine Wahl, kannst dich nicht verweigern«, sagt Tanja und geht.

»Der Alten Krone sind Kindeskinder«

30. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie die Bibel über Nachkommenschaft und Kinderlosigkeit denkt

Viele Paare leiden darunter, dass ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Das Problem war schon in biblischen Zeiten bekannt.

»Seid fruchtbar und mehret euch«, lautete Gottes erster Auftrag an Mann und Frau nach ihrer Erschaffung. Die Ehe diente nach damaliger Vorstellung vor allem dazu, diesem Auftrag zu entsprechen. Nachkommen galten als Segen, Kinderlosigkeit wurde oft als Abwesenheit des göttlichen Segens gedeutet.

Immer wieder hatte Gott Abraham eine große Nachkommenschaft versprochen. Doch der Kindersegen blieb aus. Verzweifelt riet seine Frau Sara ihm dazu, ein Kind mit ihrer Magd zu zeugen. Hagar brachte Abrahams ersten Sohn Ismael zur Welt, was Saras Unglück aber nicht besserte. Als Sarah und Abraham alt geworden waren, geschah etwas Seltsames: Drei Männer tauchten bei Abraham und Sara auf und behaupteten: In einem Jahr »siehe, dann soll Sara einen Sohn haben«. Sara konnte nicht glauben, was sie da hörte, und »lachte bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen?« Doch kurze Zeit später wurde Sara schwanger. Der Sohn, den sie gebar, hieß Isaak. Womit bewiesen wäre: Bei Gott ist nichts unmöglich. (1. Mose 15,5;18,10ff;21)

Isaaks Sohn Jakob hatte zwei Schwestern geheiratet, von denen er allerdings nur eine wirklich liebte. »Als aber der Herr sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar; Rahel aber war unfruchtbar.« Ununterbrochen bekam Lea Kinder. Doch die wirkliche Liebe Jakobs galt weiterhin Rahel. Als »Rahel sah, dass sie Jakob kein Kind gebar, beneidete sie ihre Schwester und sprach zu Jakob: Schaffe mir Kinder, wenn nicht, so sterbe ich.« Und Jakob schlief mit Rahels Magd, die daraufhin in Rahels Namen Kinder bekam. Schließlich machte Gott Rahel doch noch fruchtbar. Sie gebar einen Sohn »und sprach: Gott hat meine Schmach von mir genommen«. (1. Mose 29,31ff.)

Auch die Mutter des israelitischen Helden Simson war lange unfruchtbar. Bis ihr eines Tages »der Engel des Herrn erschien« und zu ihr sagte: »Siehe, du bist unfruchtbar und hast keine Kinder, aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.« Als sie ihrem Mann Manoach von der Begegnung erzählt, konnte der es nicht glauben. Nur langsam begriff er, dass diese Begegnung das Leben der beiden verändern sollte. Denn seine Frau gebar tatsächlich einen Sohn »und nannte ihn Simson. (Richter 13)

Späte Elternfreude im Neuen Testament: Elisabeth und Zacharias mit ihrem Sohn Johannes, der später den Namenzusatz "der Täufer" erhalten sollte. Eine Darstellung von Louis Jean Francois Lagrenée (1724 bis 1805). Repro: Archiv

Späte Elternfreude im Neuen Testament: Elisabeth und Zacharias mit ihrem Sohn Johannes, der später den Namenzusatz "der Täufer" erhalten sollte. Eine Darstellung von Louis Jean Francois Lagrenée (1724 bis 1805). Repro: Archiv

Hanna, die Mutter Samuels, war so traurig über ihre Kinderlosigkeit, dass sie jedes Mal, wenn ihr Mann zu seiner zweiten Frau ging, weinte und nichts aß. »Elkana aber, ihr Mann, sprach zu ihr: Hanna, warum weinst du, und warum isst du nichts? Und warum ist dein Herz so traurig? Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?« Hanna ließ sich von ihrem Mann nicht über die fehlenden Kinder hinwegtrösten. Sie ging zum Tempel und bat Gott inbrünstig um einen Sohn. Da hatte Gott ein Einsehen, und als Elkana das nächste Mal mit Hanna schlief, wurde sie schwanger. (1. Samuel 1)

Als Jeftah gegen die Ammoniter kämpfte, legte er ein Gelöbnis ab, um sich Gottes Schutz zu versichern. Er sprach: »Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich heil zurückkomme, dem Herrn gehören und ich will’s als Brandopfer darbringen.« Jeftah siegte, doch die Freude währte nicht lange, denn »als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen«. Nicht nur Jeftah war überzeugt, dass er sein Gelübde nicht brechen dürfe. Auch seine Tochter trug die Nachricht mit Fassung. Nur zwei Monate Aufschub erbat sie sich, um mit ihren Freundinnen ihre Jungfrauschaft zu beklagen. Denn ein Leben, in dem man keine Kinder bekommen hatte, galt als äußerst schmachvoll. (Richter 11,30ff.)

Kinder zu bekommen war keine Selbstverständlichkeit. Nachkommen­schaft galt als Segen, denn nur so konnte die Erinnerung an die Vorfahren weiterleben. In den Sprüchen Salomos heißt es daher auch: »Der Alten Krone sind Kindeskinder, und der Kinder Ehre sind ihre Väter.« Und ein Psalmbeter lobt Gott dafür, dass er Fruchtbarkeit schenkt. (Psalm 113,5, Sprüche 17,6)

Auch das Neue Testament erzählt von einem Paar, das lange warten musste, bis sich der Kinderwunsch doch noch erfüllte. Elisabeth und Zacharias »hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren hochbetagt«. Doch als Zacharias eines Tages den Dienst im Tempel versah, erschien ihm ein Engel und versprach: »Dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollt ihm den Namen Johannes geben.« Als Zacharias aus dem Tempel kam, war er stumm, und die Menschen »merkten, dass er eine Erscheinung gehabt hatte im Tempel.« Tatsächlich wurde Elisabeth kurz darauf schwanger. (Lukas 1,5ff.)

Uwe Birnstein

Kompromiss und Familienfeier

29. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Konfirmation: Vor 475 Jahren wurde sie in Hessen erfunden – Luther war anfangs gar nicht von dem Ritual begeistert

Die Reformation stellte alle alten Gewissheiten und Traditionen der Kirche infrage. Und es entstand Neues: Vor 475 Jahren wurde in einem kleinen hessischen Städtchen die Konfirmation erfunden.

Der Einführung des neuen Rituals der Konfirmation vorausgegangen war ein heftiger Streit verschiedener reformatorischer Strömungen um die Taufe. Die Bewegung der Täufer nämlich war der Auffassung, dass nur getauft werden kann, wer zuvor auch glaubt. Ein Säugling sei zu einer Glaubensentscheidung aber nicht in der Lage, argumentierten sie. Folglich sei die Praxis der Säuglingstaufe – die auch die führenden Reformatoren nicht infrage stellten – grundfalsch. Diese und andere Forderungen der Täufer führten in vielen Regionen zu Unruhen und Verfolgungen. Denn sie meinten, sich aus Glaubensgründen der Obrigkeit widersetzen zu dürfen.

Landgraf Philipp von Hessen (1504 bis 1567) jedoch, ein bedeutender politischer Kopf der Reformation, schreckte vor einem gewaltsamen Vorgehen zurück. Er rief den elsässischen Reformator Martin Bucer (1491–1551) zu Hilfe, der auch in Täuferkreisen Anerkennung genoss.

Bucer versuchte, in der Frage der Säuglingstaufe zu vermitteln. Heraus kam folgender Kompromiss: Die Kindertaufe wurde zwar beibehalten. Die Heranwachsenden aber sollten zu einem Katechismusunterricht geschickt werden, der in einer symbolischen Handlung vor der Gemeinde gipfelte. Dadurch könnten sie nachträglich ein »Ja« zu ihrer Taufe sagen, so der Gedanke. Somit entsprach Bucer dem Anliegen der Täufer, ohne die Säuglingstaufe aufzugeben: Die Konfirmation war geboren.

In dem hessischen Städtchen Ziegenhain, heute ein Stadtteil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, entstand unter der Federführung Bucers die sogenannte »Ziegenhainer Zuchtordnung«. In ihr wurde unter anderem der verbindliche Unterricht in Glaubensfragen für alle Kinder angeordnet. Positiver Nebeneffekt der neuen Ordnung: Viele lernten dadurch auch lesen und schreiben.

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) allerdings war zunächst wenig begeistert von der Konfirmation. Denn er sah in ihr eine gewisse Nähe zum katholischen Sakrament der Firmung, das er vehement ablehnte. Erst mit der Glaubensströmung des Pietismus, der die persönliche Frömmigkeit betonte, wurde die Konfirmation Allgemeingut in allen protestantischen Regionen Deutschlands. Das war ab dem späten 17. und dem frühen 18. Jahrhundert.

Nach wie vor hat die Konfirmation, in dem die meist 14-Jährigen ihren Glauben öffentlich bejahen, eine hohe Bedeutung im kirchlichen Leben. Und sie gehört zu den wichtigsten Familienfesten unter Protestanten. In den Wochen um Ostern lassen sich in Deutschland jedes Jahr rund 250 000 Mädchen und Jungen konfirmieren. In feierlichen Gottesdiensten werden sie durch Handauflegen gesegnet und erhalten einen biblischen Konfirmationsspruch, der sie ein Leben lang begleiten soll.

Der Begriff »Konfirmation« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »Befestigung« oder »Stärkung«. Je nach Landeskirche dauert der Konfirmandenunterricht heute knapp ein bis zwei Jahre. Er sieht eine Unterweisung in den wichtigsten Grundlagen des Glaubens vor.

Voraussetzung für die Konfirmation ist die Taufe. Inzwischen kommt es auch immer häufiger vor, dass noch ungetaufte Jugendliche am Unterricht teilnehmen und sich erst unmittelbar vor ihrer Konfirmation taufen lassen. Während früher mit der Konfirmation auch der erste Gang zum Abendmahl verbunden war, ist diese Bestimmung inzwischen gelockert worden. Vielfach nehmen heute auch schon Kinder an Abendmahlfeiern teil.

Nach der Konfirmation hat der Konfirmand das Recht, ein Patenamt zu übernehmen. In einigen Landeskirchen bekommt er auch das aktive Wahlrecht bei Kirchenvorstandswahlen zugesprochen. In der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau haben Jugendliche, die das 14. Lebensjahr vollendet haben und konfirmiert sind, seit Kurzem sogar das passive Wahlrecht: Sie können als Jugenddelegierte in einen Kirchenvorstand gewählt werden, wo sie allerdings nur eine beratende Stimme haben.

Christian Prüfer (epd)

Rund um die Konfirmation

Müssen die Eltern der Konfirmanden Mitglieder einer christlichen Kirche sein?
Nein. Die Eltern müssen keiner christlichen Kirche angehören.

Müssen die Jugendlichen vor der Konfirmation getauft sein?
Ja. Die Taufe ist eine wichtige Voraussetzung für die Konfirmation. Mit ihrem «Ja» bei der Konfirmation bestätigen die jungen Menschen die Taufe. Die Taufe kann auch während der Unterrichtszeit oder im Konfirmationsgottesdienst nachgeholt werden.

Können auch Erwachsene konfirmiert werden?
Ja. Getaufte Mitglieder der Kirche können nach einer entsprechenden Vorbereitungszeit konfirmiert werden. Bei der Taufe eines Erwachsenen ist die Konfirmation allerdings nicht mehr notwendig, weil der Akt der Taufe und das mit der Konfirmation verbundene Glaubensbekenntnis zusammenfallen.

Müssen Konfirmanden regelmäßig in die Kirche gehen?
Es wird erwartet, dass die Jugendlichen den Gottesdienst am Sonntagvormittag regelmäßig besuchen. Je nach Angebot können das Jugend- oder Kindergottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen sein.

Welche Kleidung sollten die Konfirmanden tragen?
Die Kleidung sollte den festlichen Charakter des Tages unterstreichen. Es gibt allerdings örtlich und traditionell gebundene Unterschiede. Die Kleiderfrage sollten Eltern und Kinder gemeinsam mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin besprechen.

Was schenkt man den Jugendlichen am besten zur Konfirmation?
Eine alte Tradition ist es, Konfirmanden eine Bibel oder ein Gesangbuch zu überreichen. Vielfach wird heute Bargeld verschenkt.


Sorgenvoller Blick nach Norden

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Georgien: Im kleinen Land zwischen Großem und Kleinem Kaukasus wecken die Vorgänge in der Ukraine alte Ängste

Mit Sorge beobachten derzeit die Menschen in Georgien die Vorgänge in der Ukraine. Bei vielen herrscht die Angst, das nächste Ziel russischer Eroberung zu werden.

Vom Norden her blinken die noch immer schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus in der Morgensonne. Doch viele Menschen in der Republik Georgien schauen in diesen Tagen nur mit Sorgen in diese Richtung – verläuft doch auf dem Kamm des Gebirges die Grenze zur Russischen Föderation. Seit der Unabhängigkeitserklärung von 1991 hat das kleine Land mit seinen rund vier Millionen Einwohnern ein mehr als gespanntes Verhältnis zum großen Nachbarn. Mit Russlands Unterstützung erklärte sich die eigentlich mehrheitlich von Georgiern bewohnte autonome Republik Abchasien für unabhängig, ebenso das Gebiet Südossetien. Beide Regionen, rund 20 Prozent Georgiens, sind von russischen Truppen besetzt.

Immer im Blick: Die schneebedeckten Hänge des Großen Kaukasus sind im kleinen Georgien praktisch von überall am Horizont zu sehen – wie hier von der Stadt Telawi im Osten des Landes. Auf dem Kamm des Gebirges verläuft die Grenze zu Russland. Foto: Harald Krille

Immer im Blick: Die schneebedeckten Hänge des Großen Kaukasus sind im kleinen Georgien praktisch von überall am Horizont zu sehen – wie hier von der Stadt Telawi im Osten des Landes. Auf dem Kamm des Gebirges verläuft die Grenze zu Russland. Foto: Harald Krille

Etwa 250 000 Flüchtlinge strömten in den 90er Jahren aus den besetzten Gebieten in das Kernland. Noch einmal rund 30 000 kamen nach dem gescheiterten Versuch der Rückgewinnung der Hoheit über Südossetien im Jahr 2008 hinzu.

Die meisten der jüngsten Flüchtlinge leben bis heute in mit Hilfe von EU-Staaten errichteten Notunterkünften. Zum Beispiel am Rande der Stadt Gori, südlich des besetzten Südossetien. Gebaut wurde die Siedlung von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. In 300 kleinen Häusern, je 52 Quadratmeter groß, wohnen insgesamt 1 100 Menschen.

»Fast in jeder Familie hat wenigstens eine Person inzwischen Arbeit gefunden«, berichtet stolz Tamaz Gwidmradze, Vertreter des für Flüchtlingsfragen zuständigen Ministeriums in Gori. Die Kinder besuchen die normalen Schulen der Stadt, ein eigener Kindergarten ist gerade im Entstehen. Die Wohnsiedlung steht wie die anderen sechs in der Umgebung unter Selbstverwaltung. Inklusive einer in Eigenleistung errichteten Kirche und eines eigenen Priesters, der mit seiner Gemeinde aus Südossetien fliehen musste.

Nach Auskunft von Tamaz Gwidmradze steht es allen Flüchtlingen offen, sich auch in anderen Landesteilen oder bei Verwandten niederzulassen. In diesem Fall seien sie frei, die zugewiesenen Häuser zu verkaufen. Doch nur die wenigsten machen davon Gebrauch. Auch wenn die kleinen Gärtchen mustergültig angelegt sind, etliche Familien in diesem Jahr gerade mit der Imkerei beginnen und sich die Politik für die volle Integration der Flüchtlinge einsetzt – »die Leute wollen auf jeden Fall zurück«, so Gwidmradze.

Doch die Hoffnung, in die seit Jahrhunderten angestammten Städte und Dörfer zurückkehren zu können, hat durch die aktuellen Ereignisse auf der Krim und in der Ukraine einen deutlichen Dämpfer bekommen. Wie ein Schock wirkte dazu kürzlich die Erklärung von US-Präsident Obama, dass weder die Ukraine noch Georgien in absehbarer Zeit Mitglied der NATO werden könnten. Denn viele fürchten, dass Georgien und Armenien die nächsten Ziele in der strategischen Planung von Russlands Präsident Putin sein werden. »Ja, wir haben Angst vor Russland«, bekannte erst vor wenigen Tagen Georgiens Außenministerin Maja Panjikidze in Berlin. Um so mehr Hoffnung setzt man nun auf das vor dem Abschluss stehende Assoziierungsabkommen mit der EU.

Auch wenn angesichts der derzeitigen Lage kaum eine Chance auf baldige Rückkehr der Flüchtlinge besteht – Joseph Bubuzidze, sechsfacher Familienvater, spricht wohl vielen seiner Mitbewohner aus dem Herzen: »Jeden Tag hoffe ich auf die Rückkehr. Es geht um die Heimat. Die kann man doch nicht aufgeben.«

Harald Krille

Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Mutig Neues ausprobieren

22. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland setzt auf mehr Verantwortung an der Basis

In ihrem Bischofsbericht vor zwei Jahren stellte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau in der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) in den Fokus. Dietlind Steinhöfel und Jürgen Reifarth sprachen mit der Landesbischöfin und dem Gemeindedezernenten, Oberkirchenrat Christian Fuhrmann.

Die demografische Entwicklung hat zum Zusammenschluss von Kirchengemeinden geführt. Oft hören wir, dass dies dem neuen Finanzsystem geschuldet sei. Ist das so richtig?
Fuhrmann:
Es ist für mich ein Phänomen, wie schwer es uns gelingt zu vermitteln, dass hier eben kein Zusammenhang besteht. Es geht ja nicht ums Sparen. Wir haben keine Sparbüchse, sondern stellen fest: Wir können nicht alles finanzieren, was wir wollen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent  Foto: Matthias Schmidt

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent Foto: Matthias Schmidt

Junkermann: Es ist nicht mehr Geld da. Insofern ist es kein Sparen, sondern es sind Kürzungen. Weniger Menschen bedeutet weniger Geld.

Wie sollen Gemeinden reagieren?
Fuhrmann:
Es kommt doch nicht allein aufs Geld an! Wozu inspiriert uns diese Situation? Vielleicht hilft ein Blick in die Reformationszeit. Da staunt man, wie satt wir heute sind. Arm oder reich sind immer relativ. Wir müssen uns auch auf andere Quellen besinnen!

Eine Leserin aus dem Altenburger Land schreibt, der Mitgliederschwund sei der Vernachlässigung der Kirchengemeinden auf dem Lande geschuldet. Ihre Pfarrerin sei für vier Gemeinden mit fünf Kirchen, drei Pfarrhäusern und einem Viertel der Stadt zuständig – 26 Dörfer, zwei Pflegeheime, zwei Förderschulen, zwei kirchliche Friedhöfe. Ist das zu bewältigen?
Junkermann:
Die Leserin stellt genau die richtige Frage. Ich sage: Ja, es ist zu bewältigen, wenn wir von der Gemeinde und ihren Gaben her denken. Und nein, es ist nicht zu bewältigen, wenn wir in den alten Rollenverständnissen verharren. Wir müssen gemeinsam suchen, was wir benötigen. Wir sind seit dem 19. Jahrhundert in einem Säkularisierungsprozess und haben lange nicht darauf reagiert.

Fuhrmann: Es ist wichtig, dass wir die Trauer über Verlorenes wahrnehmen und gleichzeitig sagen: Du kannst es mit anderem anders gestalten. Auch die Kirchenleitung hat keine Rezepte. Jede Gemeinde muss ihre Lösung im Gespräch mit den Nachbarn selbst finden.

Gibt es weitere Strukturreformen?
Junkermann:
Die brauchen wir nur, wenn man sich die Illusion macht, man könnte dasselbe erhalten mit weniger. Deswegen heißt Umbau, die Perspektive auf Gemeinde muss sich ändern. Gemeinde ist nicht dort, wo soundso viele hauptberufliche Stellenanteile sind, sondern eine Gemeinschaft von Getauften – das ist ganz reformatorisch-biblisch.

Fuhrmann: Wir haben eine Struktur aus einer Zeit, in der noch 85 bis 90 Prozent ganz selbstverständlich der Kirche angehörten. Jetzt sind wir an die 20 oder gar zehn Prozent. Da trägt die bisherige Struktur nicht mehr oder wird sogar zur Belastung. Wir sind als Kirche unterwegs, ein wanderndes Gottesvolk. Das ist ein biblisches Bild, das uns in unserer Situation heute ganz neu tragen kann. Abraham zieht einfach los, kann nicht genau sagen, wohin …

Junkermann: … weil er auf Gott hört und weil er vertraut, dass Gott sagt: Ich bin mit dir. Umbau heißt, alte Gleise verlassen und losziehen.

Bewegung macht aber auch unsicher.
Junkermann:
Ja, deshalb ist Jesu Ruf wichtig, und damit möchte ich Mut machen: Kehrt um und ändert euren Sinn, vertraut dem Evangelium und nicht dem, wie es immer war. Jesus fordert Vertrauen, auf den einen Hirten zu hören und ihm zu folgen und nicht im Pferch zu bleiben. In der Reformationszeit wurde neu entdeckt, dass Glaube ein Prozess, eine Bewegung ist. Natürlich brauchen Menschen vertraute Räume, diese dürfen allerdings nicht unbeweglich machen.

»Wir brauchen weniger Kirchenbürokratie, dafür mehr Mut zur Mission«, schreibt die Leserin weiter.
Fuhrmann:
Mehr Mut zur Mission heißt: mehr Mut zur Veränderung. Auf dem Weg der Gemeindeveränderung und der Gemeindeerweiterung werde ich entweder abgehängt oder selbst verändert. Diese beiden Alternativen gibt es. Was mir echt Sorge macht, ist die totale Fixierung auf Zahlen und Selbstverständlichkeiten. Die Zahlen: Wir haben weniger Geld. Die Selbstverständlichkeiten: In jedem Ort muss ein Pfarrer sein. Das macht uns absolut unfrei.

Junkermann: Umbau kann zugleich verunsichern und stärken. Verunsichern, weil es kein festes Zielbild gibt; stärken, weil er in Bewegung setzt. Je nachdem, welche Menschen da sind, ändert die Gemeinde ihr Gesicht. Sind gerade viele Kinder in der Gemeinde, kann man eine Krabbelgruppe machen. Gibt es viele Ältere, wäre ein Erzählcafé das Richtige oder Biografieschreiben – was auch immer. Wir dürfen auch Fehler machen und feststellen: Das war der falsche Weg oder wir sind zu schnell gegangen. Das geht uns ja auf der landeskirchlichen Ebene genauso. Als Christen können wir getrost aus Fehlern lernen. Wir vertrauen auf Vergebung. Das befreit uns von Perfektionsdruck.

Stichwort Ehrenamtliche. Werden sie in dieser Umbauphase überfordert?
Fuhrmann:
Ja, wenn wir zu wissen meinen, wo wir Ehrenamtliche brauchen und nicht fragen: Was willst du hier einbringen? Da sind wir wieder bei den alten Strukturen. Wenn diese mit Ehrenamtlichen erhalten werden sollen, überfordern wir sie. Das ist der falsche Weg. Gemeinde soll nach gut paulinischem Verständnis nach den Gaben gebaut werden und nicht nach dem Bild, das wir von ihr haben.

Junkermann: Wenn jeder seine Fragen in die Kirche einbringen kann, dann bewegt sich was. Es geht nicht darum, dass andere so werden wie wir oder mitbringen, was wir brauchen, sondern die Frage muss heißen: Was brauchen die Menschen von uns, was entspricht ihnen?

Wie flexibel sind Gemeindepfarrer?
Junkermann:
Pfarrer sind so verschieden wie andere Menschen, manche gehen fröhlich neue Wege, andere fürchten sich davor. Ich denke an die Pfarrerin, die zum Karfreitagsgottesdienst einen Kreuzweg durch die Orte organisiert. Menschen können dazukommen, Christen und Nichtchristen. Doch auch Pfarrer und Pfarrerinnen müssen selbst ermutigt sein. Ich möchte dabei helfen und sage zum Beispiel jedem Neuordinierten: Wenn ihr Ideen habt, probiert sie aus! Auch wenn’s schiefgeht; wenn ihr Ärger bekommt, schreibt mir eine E-Mail!

Gibt es eine Hoffnung auf Mission, auf Wachsen?
Junkermann:
Ja. Ich nehme das ganz stark wahr: Alles im Bildungsbereich ist so hoffnungsvoll. Wie viele Eltern vertrauen der Kirche und kirchlichen Schulen und haben Hoffnung, dass ihr Kind dort als Individuum gewürdigt wird, dass es nicht einem Anpassungsprozess unterworfen wird. Kinder werden in den Schulen selbstverständlich im Glaubensleben groß mit Andacht und Tischgebet. Genauso gibt es in der Kirchenmusik engagierte Nichtchristen, bei Kirchbauvereinen, in der Telefonseelsorge … Das ist ein großes Geschenk. Wir werden uns als Landeskirche hier umstellen und bewegen müssen. Zum Beispiel nachdenken über unser Mitgliedschaftsverständnis. Gehört nur zu uns, wer getauft ist und Kirchensteuer oder seinen Gemeindebeitrag zahlt? Könnte es nicht auch eine gestufte Mitgliedschaft und Zugehörigkeit geben? Wir diskutieren das gerade im Rahmen des Kinder- und Jugendgesetzes.

Fuhrmann: Wenn die Frage bedeutet: Haben wir Hoffnung, dass wir in zehn Jahren zehn Prozent mehr Christen haben, dann ist sie falsch verstanden. Wachstum der Gemeinde heißt eben auch: Wir sind präsent für Menschen mit ihren Nöten. Ob wir mehr Mitglieder haben, ist erstmal sekundär. Unsere Verfassung ist sehr offen; sie lädt auch Nichtgetaufte und nicht Konfessionsgebundene ein, bei uns mitzutun. Die Frohe Botschaft soll ins Land gehen. Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde! Da verflüchtigt man sich als Salz sogar, wenn man wirksam wird. Das ist ein Umdenken von der Quantität zur Qualität.

Wir berichten von vielen guten Ideen in unserer Zeitung. Warum sehen das Gemeinden oft nicht?
Fuhrmann:
Genau! Wir dürfen nicht immer alles kleinreden und sagen: Ach, das war ja früher ganz anders und besser. Wir dürfen auch sagen: Hier ist uns tatsächlich was gelungen. Ich sehe viel Positives, was als selbstverständlich abgetan wird. Das ist ein ungeistlicher Umgang mit den Gaben, die wir haben.

Junkermann: Vor dem Gemeindekongress 2012 ermunterte ich Gemeinden, ihre Projekte in Halle vorzustellen. Da kamen Einwände: Ach, das ist doch viel zu unbedeutend. Dabei waren so tolle Sachen dabei, aber die Selbstwahrnehmung war anders. Deshalb setze ich sehr stark auf ein neues Visitationsverständnis. Dass nicht gesagt wird: Das müsst ihr noch machen, das fehlt euch, sondern dass vor allem das Vorhandene und seine Chancen gewürdigt werden.

Fuhrmann: Wann hatte Kirche so eine wunderbare Chance, einfach auch mal genötigt zu sein, ihre eigenen Wege und Strukturen zu erfinden? Die Botschaft müssen wir nicht erfinden. Die ist klar.

Junkermann: Es ist eine Stärke der EKM, ganz in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung zu stehen. Wir sind im Sinne Bonhoeffers Kirche für andere und mit anderen. Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern darum, dass wir in Wort und Tat dort präsent sind, wo Menschen uns brauchen. Das bedeutet auch Zusammenarbeit mit Kommunen, Vereinen und Initiativen.

Was kann die Landeskirche zum Prozess beitragen?
Junkermann:
Wir hatten genau hierzu erste Gesprächsrunden in der Kirchenleitung. Wir wollen Erprobungsräume schaffen und unterstützen. Der Landeskirchenrat hat das Dezernat Gemeinde beauftragt, bis zum Herbst Vorschläge auszuarbeiten.

Fuhrmann: Erprobungsräume sollen ein Versuch werden, sich mal neben alteingefahrene Gleise zu stellen. Dazu werden wir auch Gesetze und Regelungen infrage stellen, die uns daran hindern. Wir sind sehr gespannt, wie die Reaktionen sind!

Den lebendigen Christus erleben

20. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biblische und systematische Aspekte zur Auferstehung – Sie war und ist Gegenstand des Zweifels

Die Auferstehung Jesu ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wer die Auferstehung Jesu leugnet, muss sich vom Christentum verabschieden. Dies gilt für die Leser des ersten Korintherbriefes genauso wie für uns heute: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 15,14).

Auferstehung? Was ist damit gemeint?

Genau genommen ist die Rede von der Auferstehung Jesu der sprachlich kürzeste Ausdruck für die grundlegende Überzeugung des Christentums: Gott lässt Jesus von Nazareth nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu einer neuen Existenz. Weil Tod und Auferstehung aber jenseits dessen sind, was der Mensch im irdischen Leben erfährt, muss sich der Glaube mit einer metaphorischen Redeweise behelfen.

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Um die Texte zu verstehen, die von der Auferstehung Jesu erzählen, hat die Theologie viele Versuche unternommen: Rudolf Bultmann (1884 bis 1976) will die Auferstehung als Wirklichkeit verkündigen, die eine existenzielle Bedeutung hat. Der Osterglaube ist für ihn das Zeichen, dass die christliche Verkündigung von Kreuz und Auferstehung den Menschen zur Entscheidung für den Glauben ruft.

Karl Barth (1886 bis 1968) sieht in der Auferstehung Jesu Gott selbst am Werk. Die Auferstehung wird als wirkliche und neue, als einzigartige Tat Gottes verstanden. Sie muss als die exklusive Tat Gottes dem Menschen durch Christus im Heiligen Geist offenbart und vom Menschen im Glauben angenommen werden.

Verkürzt diskutiert Gerd Lüdemann (*1946) die Frage der Auferstehung. Er glaubt, dass sie nicht stattgefunden hat und Jesus demnach im Grab – so er denn eins hatte – einfach verwest ist. Die Jünger Jesu hätten lediglich den Schock des Kreuzes für sich selbst mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu kompensiert. Das Christentum sei demnach auf Projektionen, Wünschen und Visionen aufgebaut.

Peter Lampe (*1954) widerspricht dieser Konstruktion und verweist darauf, dass die Wirklichkeit immer ein Konstrukt aus verschiedenen Komponenten ist. Diesem Hinweis gilt es in systematischer Perspektive nachzugehen, da dies ein entscheidendes Element zum Verstehen der Auferstehung ist. Denn das, was die Frage für uns heute so schwierig macht, ist unser oft verengtes Verständnis von Realität. Unser Weltbild ist von popularisierten Naturwissenschaften geprägt, unser Verständnis von Wirklichkeit damit aber unterbestimmt. Deshalb stellen wir uns unter Auferstehung in erster Linie die Wiederbelebung eines Leichnams vor. Dass die Auferstehung Jesu aber gerade einen solchen Vorgang nicht meint, wird durch die vielfältigen Bezeugungen im Neuen Testament deutlich.

Zuerst müssen wir erkennen, wie wir Wirklichkeit konstruieren. Wenn wir etwas verstehen, ist das ein produktives Zusammenspiel von Wahrnehmung und Sinngebung. Wenn wir etwas verstehen, dann legen wir ihm einen Sinn bei. Wir interpretieren das, was wir erleben. Und wir interpretieren es mit dem Wissen, das wir vorher erworben haben. Wir bauen das, was wir erleben, in das, was wir kennen ein, und kreieren so Wirklichkeit und Wissen. Verstehen ist also ein Dialog zwischen dem, was auf uns zukommt, was wir mit unseren Sinnen erfassen, und dem, was wir daraus machen. Wirklichkeit ist demnach immer das, was wir daraus machen. Aber wir konstruieren die Wirklichkeit auch nicht beliebig, sie ist keine Erfindung von uns. Sie regt uns zu den Deutungen an, weil wir sie erleben.

In Bezug auf die Auferstehung Jesu heißt das: »Auferstehung Jesu« ist eine sprachliche Interpretation derjenigen, die den gekreuzigten Jesus als Lebenden erlebt haben (Lukas 24,5).

Das Neue Testament beschreibt in vielen Texten, welche Erfahrungen hinter der Rede von der Auferstehung Jesu stehen. Der Apostel Paulus erklärt seinen Lesern, dass die Auferstehung Jesu etwas ganz Neues ist. Im Ersten Korintherbrief benennt Paulus eine ganze Reihe von Zeugen der Auferstehung Jesu, um sie glaubwürdig zu machen. Da dies dem antiken wie dem modernen Leser nicht genug ist, erklärt Paulus die Rede von der Leiblichkeit der Auferstehung näher (1. Korinther 15,35-49) und bricht so das schlichte Verständnis der Wiederbelebung des Körpers Jesu zugunsten einer neuen Existenzform des Auferstandenen auf. Paulus stellt klar, wie man sich Auferstehung denken muss: als neue Existenzform, als geistige Realität.

In Markus 16,1-8 finden die Frauen ein Grab vor, in dem ein junger Mann auf sie wartet. Er sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Die Frauen verstehen nicht und sind darüber entsetzt. Voller Angst fliehen sie. Auferstehung ist also etwas, das Angst macht, das man erst verarbeiten muss.

Der Evangelist Lukas zeigt, wie das geht. Zwei Jünger Jesu gehen nach Emmaus. Lukas nimmt den Leser in die Pädagogik der Erzählung hinein und erklärt, wie es überhaupt möglich ist, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Am Anfang steht das brennende Herz (Lukas 24,32), also das Erleben der Gegenwart Christi. Dies muss aber gedeutet werden. Obwohl die Jünger vom leeren Grab Jesu gehört haben, obwohl sie wissen, dass den Frauen Engel erschienen sind, die von der Auferstehung berichtet haben – trotzdem halten sie Jesus für einen gescheiterten Propheten. Erst mit Hilfe des ihnen unbekannten Wanderers deuten sie dann ihre Erlebnisse in Jerusalem vor dem alttestamentlichen Horizont, in dem sie diese verstehen müssen. Erst im Vollzug der eucharistischen Gemeinschaft erkennen sie für sich, dass der Wanderer Christus selbst ist. Am Anfang steht also das Erleben der Gegenwart Christi, am Ende des Verstehensprozesses steht die Rede von der Auferstehung Jesu.

Die Auferstehung Jesu hängt deshalb nicht von einer historischen Hypothese ab. Selbst wenn das Grab Christi gefunden werden könnte, selbst wenn dort Knochen zu finden wären, die man eindeutig Jesus von Nazareth zuordnen könnte, selbst dann wäre damit die Auferstehung Jesu nicht widerlegt. Denn die Auferstehung Jesu ist eine sprachliche Deutung der Tatsache, dass die damaligen Jünger Jesu genau wie die heutigen Christen den lebendigen Christus erleben.

Paul Metzger

Der Autor ist Referent beim Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.

Lampedusa in der Wüste von Arizona

16. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In den USA beziehen Bischöfe Stellung für Flüchtlinge

Hierzulande schauen wir auf das Mittelmeer und auf Lampedusa, aber Migrantenströme gibt es auch woanders. In den USA haben rund 6 000 Flüchtlinge seit 1998 beim Versuch des Grenzübertritts von Mexiko in die USA ihr Leben verloren.

In der seit Jahren laufenden Diskussion um die Reform der US-Einwanderungsgesetze haben die katholischen Bischöfe ein ungewöhnliches Zeichen gesetzt: Ein Dutzend US-Bischöfe versammelten sich Anfang April zu einer Messfeier direkt an dem zehn Meter hohen Grenzzaun nach Mexiko in der Wüste von Arizona. Zusammen mit mehreren Jugendlichen legte Kardinal Seán O’Malley einen Blumenkranz nieder. Hunderte Menschen aus Mexiko und Mittelamerika sterben jedes Jahr in der Wüste beim Versuch, in die USA zu gelangen. Bei der Gerichtsmedizin des Grenzlandkreises Pima lagen laut dem Jahresbericht des Amtes bei Jahresende 2012 mehr als 700 nicht identifizierte Leichen.

O’Malley betonte in seiner Predigt, die oftmals zu »Illegalen« abgestempelten Migranten seien »unsere Brüder und Schwestern«. Seine Familie komme aus Irland, und die meisten US-Amerikaner seien selber Einwanderer oder Nachfahren von Einwanderern. Die Wüste sei »das Lampedusa der Vereinigten Staaten«, erklärte Weihbischof Eusebio Elizondo, der Vorsitzende des bischöflichen Komitees für Migration. Im Juli 2013 hatte Papst Franziskus auf der Mittelmeerinsel für Migranten gebetet und die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« angeprangert. Elizondo forderte bei einer Pressekonferenz, die US-Regierung müsse »noch in diesem Jahr« eine umfassende Einwanderungsreform beschließen. Immigration sei ein moralisches und ethisches Anliegen, nicht nur ein politisches und wirtschaftliches.

Der Verband der katholischen Bischöfe der USA setzt sich schon seit Jahren für Reform ein. Den mehr als 10 Millionen Migranten in den USA ohne Papiere müsse ein »Pfad zur Staatsbürgerschaft« geöffnet werden. Außerdem müssten die Abschiebepraxis und die Grenzkontrollen menschlicher gestaltet werden. Hauptgrund der illegalen Einwanderung sei »extreme Armut«. Eine dauerhafte Lösung der »undokumentierten Migration« sei nur mit langfristigen Wirtschaftsmaßnahmen für mehr soziale Gerechtigkeit möglich. Kritiker haben jedoch bemängelt, dass sich die Bischöfe beim Thema Einwanderung anscheinend mit weniger Energie und Deutlichkeit einmischten als bei der Kontroverse, ob Krankenversicherungen im Zuge der Gesundheitsreform auch für Empfängnisverhütungsmittel zahlen müssten.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Kardinal O’Malley machte nach der Messfeier den US-Kongress für das gegenwärtige Stocken der Einwanderungsreform verantwortlich. Präsident Barack Obama sei bereit, ein umfassendes Reformgesetz zu unterzeichnen. Im Repräsentantenhaus, einem der beiden Häuser im Kongress, haben jedoch die Republikaner die Mehrheit. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, hat in den letzten Monaten mehrmals signalisiert, seine Partei werde nicht für Reform stimmen. Der vorgeschlagene »Pfad zur Legalisierung« sei eine »Amnestie für Illegale« und belohne den illegalen Grenzübertritt.

In hispanischen Bürgerverbänden kommt in den letzten Monaten freilich auch zunehmend Kritik hoch an Obama. Während seiner Amtszeit seien fast zwei Millionen Menschen abgeschoben worden, viele mit Familienangehörigen in den USA, beklagte der Latino-Verband »National Council of La Raza«. Bei der Messfeier auf der US-amerikanischen Seite des Grenzzaunes versammelten sich auch Hunderte Menschen auf der mexikanischen Seite. Bei der Kommunion wurden die Hostien durch die mehrere Zentimeter breiten Spalten zwischen den Eisenstangen zu den Gläubigen in Mexiko gereicht.

Konrad Ege

Der Schwindel vom eleganten Kreuz

16. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gegen den Zeitgeist, die harte Botschaft von Schmerz und Leid weichzuspülen

Im Katalog eines christlichen Verlages findet sich folgendes Angebot: »Elegantes Wandkreuz«. Dazu die Erläuterung: »Aus der massiven Kreuzform« kann »die zarte Christusfigur herausgelöst« werden; so werde »auf geschmackvolle Weise« der christliche Glaube dargestellt.

Solch einem Angebot muss entschieden widersprochen werden. Es ist oberflächlich, sinnentstellend. Ist es überhaupt christlich? Kann ein Kreuz, kann das Kreuz elegant sein? Elegant – dabei denke ich an den Dresdener Semperopernball, an die Garderobe bei einem Pferderennen oder an Max Raabe mit seinem Palastorchester. Und bei Kreuz muss ich an Karfreitag denken – es geht gar nicht anders. Können Kreuz und Karfreitag elegant, zart, geschmackvoll sein und so dargestellt werden? Oder sind Kreuz und Karfreitag zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben? Schon die Frage ist unerträglich! Kreuz und Karfreitag gehören zusammen. »Es darf vor allem niemals die Identität von crux und crucifixus übersehen werden«, heißt es bei dem namhaften Theologen Hans Georg Fritzsche (1926–1986). Das Kreuz ist das markante Symbol des christlichen Glaubens.

Altarkreuz in der Dorfkirche in Möhra. Foto: epd-bild

Altarkreuz in der Dorfkirche in Möhra. Foto: epd-bild

Ein elegantes Kreuz – daraus spricht ein Zeitgeist, der alles, auch die härteste christliche Botschaft, weich spülen möchte. Schmerz und Leid sollen ausgeblendet werden. Lackiert, light und bequem möchte es bitte sein. So kommt es dann zu einer gepflegten, aber verlogenen Wellness-Religiosität. Nein, so ein elegantes, geschmackvolles Kreuz ist weiter nichts als stilisierter Kitsch.

Dennoch – eins ist gut an der Werbung: Sie spricht von einer massiven Kreuzform. Das Kreuz ist etwas Massives. Und die Kreuzigung erst recht. In einem Lexikon heißt es trocken und gefühllos: »Die Kreuzigung galt als eine besonders diskriminierende römische Strafe bei Aufruhr und Hochverrat. Der Tod trat bei Gekreuzigten durch Durst, Erschöpfung und Kreislaufkollaps ein.«

Wo ist da etwas Elegantes, Zartes, Geschmackvolles? Aber das Kreuz ist stark genug, um auch blasphemische Hohlheit zu ertragen.

Es ist notwendig, zu erinnern an Rembrandt, El Greco, Matthias Grünewald (Isenheimer Altar!), Josef Hegenbarth, die dem Kreuzesleiden schonungslos Ausdruck verliehen haben. Und es ist zu erinnern an Otto Dix. Er war getauft. Er war aus der Kirche ausgetreten. Vor der Bibel hatte er aber einen gewaltigen Respekt. Er hat über Jesus gesagt: »Da hängt man ihn dann, als Balletttänzer hängt er am Kreuz, nicht wahr, schön und poliert, wunderbar gewaschen und schön … Also, es ist alles Schwindel. Alles Schwindel. Ich lehne das ab … Er ist derart gepeinigt worden, er ist zusammengebrochen und ohnmächtig geworden … Nein, da musste man ihn als Schönling dranhängen …« Zu erinnern ist auch an den selten aufgeführten »Passionsbericht des Evangelisten Matthäus« von dem Komponisten Ernst Pepping (1901 bis 1981), der das Leiden Christi gewiss nicht so »schön« wie Johann Sebastian Bach in seinen Passionsmusiken erklingen lässt, aber sicherlich ebenso tiefgründig und ausdrucksstark.

Es ist Zeit, daran zu erinnern, dass eins von den letzten Worten, die Jesus am Kreuz gesagt hat, war: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Nur – Jesus hat diese Worte nicht »gesagt«, sondern »laut geschrien« hat er sie, wie der Evangelist Matthäus (Kapitel 24) berichtet. Hierher gehört auch, was Jahrhunderte zuvor Jesaja (Kapitel 53) prophezeit hatte: »Da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit … Darum haben wir ihn für nichts geachtet …« Paulus, der große Missionar und Theologe, sah seine Aufgabe so: »Wir aber predigen den gekreuzigten Christus – Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.« (1. Korinther 1,23) Der Apostel hat rigoros unterschieden zwischen zwei Menschheitsgruppen: Den einen ist die Predigt vom Kreuz ein »Ärgernis«, den anderen eine »Torheit« (1. Korinther 1,23). Mit anderen Worten: Skandal oder Unsinn. Paulus hielt dagegen: »Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten« (1. Korinther 2,2).

Also: Das Kreuz und die Botschaft vom Kreuz sind nicht elegant, nicht zart und nicht geschmackvoll. Sie sind schmerzhaft, unbequem, störend. Und – sie sind »massiv«!

Und wo sie es nicht sind, müssen sie es wieder werden. Billiger geht es nicht.

Hans-Peter Steinhäuser

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Einer wie nur wenige

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biografie: Der evangelische Pfarrer Christoph Wonneberger hat maßgeblich den Boden für die friedliche Revolution 1989 bereitet

Die Revolution vergisst oft ihre Väter, nicht alle, aber einen auf jeden Fall – Christoph Wonneberger, Jahrgang 1944. Seine Biografie hat Thomas Mayer geschrieben.

Vergessen ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn ein gar nicht so kleiner Kreis von Freunden und Weggefährten vermag sich kaum vorzustellen, dass irgendjemand ihn – »Wonni« – nicht kennt. Wo er doch an so vielen Aktionen beteiligt war und manche erst angeregt und praktisch durchgesetzt hatte. Die Forderung nach einem Wehrersatzdienst als »Sozialen Friedensdienst« (SoFd) war weit mehr als eine die Armee betreffende freche Idee, stellte sie doch die Ermächtigungsgewalt des Staates über seine Bürger an einem brisanten Punkt infrage. Eine neue Biografie von Thomas Mayer erzählt das spannende Leben – zum Beispiel wie Christoph Wonneberger bei der Diskussion über den Wortlaut der Erklärung zum SoFd noch den Satz hineinschreiben wollte, dass die DDR nicht verteidigungswürdig sei. Sein Anteil an den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen wird im Buch ausführlich beschrieben. Seine ideenreiche Handlungsfrechheit zeigt sich immer wieder im Detail: So stieg er beispielsweise einmal ausgerechnet bei den sowjetischen Truppen über den Zaun, um sich ein Stück Stacheldraht zu besorgen, das er dem Gekreuzigten in der Kirche zu Ostern um den Hals legen wollte. Symbolisches und praktisch aufklärerisches Handeln finden bei ihm in ungewöhnlicher Symbiose zusammen.

Wie kommt Geschichte in die Köpfe?

Dennoch fehlt den meisten ehemaligen DDR-Bürgern (und der jüngeren Generation sowieso) jede Erinnerung an Christoph Wonneberger. Wie kommen Geschichten in die Köpfe von Menschen, und wie werden sie dort zu erinnerter Geschichte? Zum Beispiel durch eine nah am Menschen erzählte Ereigniskette wie in diesem Buch. Geschichte wird ja nie als Gesamtheit wahrgenommen, sondern in lauter einzelnen Partikeln, Ereignisstücken, die sich mit dem schon Gekannten zum Verstehbaren, Nachfühlbaren verknüpfen. Dazu helfen eigentlich nur Biografien: als Knotenpunkte, in denen die Großkonflikte sich mit dem menschlichen Handeln Einzelner berühren.

Diese Biografie macht neugierig auf den Menschen Christoph Wonneberger, der durch sein Handeln den Geschichtsverlauf aktiv mitgestaltete. Der hier Porträtierte suchte vielfältige Kontakte, die nicht jeder DDR-Bürger zu den seinen zählen konnte – vor allem nach Polen und der Tschechoslowakei. Zum Beispiel fotografierte er 1968 in Prag sowjetische Panzer und schmuggelte Flugblätter über die Grenze. Das Strafmaß für Wonnebergers politische Aktionen in seinem DDR-Leben hätte nach den politischen Paragrafen des Staates wohl mehr als lebenslänglich ergeben, wäre er gefasst worden. Seine Kühnheit verwandelte sich manchmal zur Tollkühnheit: Als Student in Rostock stahl er zum Beispiel eine Antenne vom Dach einer staatlichen Einrichtung, um besser Westrundfunk hören zu können.

Diese Art der »Kleinkriminalität« berührt durchaus politisches Protesthandeln. Für Wonneberger hatte der Antennenklau Folgen: Die Staatssicherheit baute aufwendig und perfide ein Druckszenario gegen ihn auf, um ihn anzuwerben. Und Wonneberger unterschreibt – die kurze IM-Geschichte wird im Buch genau beschrieben, und es zeigt sich, dass wir es eigentlich mit der Geschichte einer verweigerten Kooperation zu tun haben. Wonnebergers Ausstieg aus der erpressten Zusammenarbeit ist offensiv und tollkühn – er lehnt nicht nur weitere Gespräche für sich, sondern solche zwischen SED-Staat und Kirche generell ab. Und beruft sich auf den Westberliner Bischof Kurt Scharf. An dieser Stelle waren die Rostocker Genossen offenbar nicht genau informiert, sie hätten das als Ankündigung staatsfeindlicher Tätigkeit mit mehr als der künftigen Überwachung Christoph Wonnebergers ahnden können.

Natürlich war die DDR auch ein Überwachungsstaat, aber noch mehr einer, in dem die Stasi jedes staatliche Organ für seine Zersetzungsmaßnahmen nutzen, jede gesellschaftliche Informationsquelle anzapfen und damit missbrauchen konnte. So wurde Wonneberger in die Universität eingeladen – und die Stasi saß da. Zahlreiche Informanten werden später auf ihn angesetzt – mit teilweise perfiden Plänen, sich in das Vertrauen der Familie einzuschleichen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, solche MfS-Akten zusammenhängend auswerten zu können, um nicht auf isoliert dargebotene Seiten hereinzufallen.

Als Bürgerrechtler im Spätherbst 1989 in den Stasi-Objekten Akten sichern wollten, sollen Seiten der Wonneberger-Akte schon bereitgelegen haben, mehrfach kopiert. Eigens hingelegt für die Besetzer? Damit sich die Zersetzungsmaßnahmen auch nach dem absehbaren Ende der Stasi durch bruchstückhafte Informationsübermittlung fortsetzen? Lücken lassen Raum für Zweifel.

Egal, was man tut, Gewalt verändert den Menschen

Als Wonneberger seine Geschichte vor einer größeren Öffentlichkeit hätte reflektieren können, traf ihn seine tragische Erkrankung. Er hatte wortwörtlich seine Sprache verloren. Und jeder schämt sich wohl auch der eigenen Angst, selbst dann, wenn er sie überwinden konnte. Das ist Wonneberger sehr schnell nach seiner fatalen Unterschrift gelungen: die Angst zu überwinden.

Sein rascher und konsequenter Ausstieg zeigt über die einzelne Lebensgeschichte hinaus, was in der DDR an Widerstand möglich war. Wonnebergers Weggefährte, wie er evangelischer Pfarrer und heutiger Landesbeauftragter in Thüringen, Christian Dietrich, wies mich noch auf einen besonderen Zusammenhang hin: Aus dem Bewusstsein, im Vorhof möglicher Schuld gestanden zu haben, kann eine Quelle größerer Radikalitätsbereitschaft werden. Ein Zitat von Dietrich scheint mir sehr erhellend: »In meinen Erinnerungen an Christoph Wonneberger vor seinem Schlaganfall ist er risikofreudig – Bedenkenträger belächelnd und ignorierend – als hätte er gerade bei ihnen eine Rechnung offen und zugleich mit einer fast mystischen Weisheit, um die eigenen Grenzen wissend […] Für mich ist der Anfang seiner Rede im Friedensgebet am 25. 9. 89 dafür ein Schlüsseltext: Egal was man tut, Gewalt verändert den Menschen. Offenbar kannte er die Verletzung der eigenen Integrität, ja, des Ich-Verlustes durch Gewalt. Wie kommt man in der allgemeinen Finsternis ans Licht? Für Christoph Wonneberger waren es kleine, aber außergewöhnlich bewegende Gesten, gepaart mit Ironie, manchmal aber auch Beharrlichkeit und Über-Mut.«

Die jahrelange Vorarbeit wird kaum beachtet

Die Geschichte erscheint vielen als ein Netz, das über ihnen gestrickt wird – zu hoch, um es zu erreichen. Am 25. September 1989 geschah der Sprung nach oben – in die Öffentlichkeit außerhalb von Kirchen- oder Wohnungsmauern. Das Netz zerriss: Tausende gingen nach einer furiosen Predigt Christoph Wonnebergers auf die Straße und sahen sich plötzlich als Akteure. Vielleicht war das die schönste Zeit, nicht mehr einzeln zu sein und doch noch nicht in der Masse aufzugehen – die Zeit der entstehenden Großdemonstrationen wie auch am 7. Oktober 1989 in Plauen, als sich auf einmal ohne jahrelange Vorarbeit eine Massendemonstration mit über 10 000 Menschen selbstbewusst dem Rathaus näherte.

Christoph Wonneberger hat nicht nur diese furiose Rede gehalten. Er hat mit und neben anderen Bürgerrechtlern und Menschen, die erst in jenen Tagen zu solchen wurden, eine praktische, protestorganisierende Arbeit geleistet. Bei allem Befeiern der friedlichen Revolution gerät diese jahrelange Vorarbeit zu kurz. Aber ohne die Friedensgebete wäre die spezifische Protestkultur Leipziger Art schwer möglich gewesen.

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Noch vor dem entscheidenden 9. Oktober 1989 verfasste er mit anderen Vertretern der unabhängigen Gruppen einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit, der als Flugblatt bei der Demonstration tausendfach verteilt worden ist. Und nicht nur das – der Aufruf erschien am 9. Oktober in der Westberliner »taz«.

Und nicht erst hier kamen westdeutsche Medien ins Spiel, die oft in West-Berlin ansässig waren und manchmal mit Redakteuren arbeiteten, die selbst aus der Bürgerrechtszene stammten. Wie oft wurde die taz-Meldung am 9. Oktober 1989 zitiert? Ich kann mich erinnern, sie im Rundfunk gehört zu haben. Wie viele Leipziger haben sie im RIAS oder im Deutschlandfunk vernommen?

Am 9. Oktober 1989 schmuggelten zwei Berliner Bürgerrechtler die Filmaufnahmen von der wichtigsten Demonstration in der Geschichte der DDR zu den Westmedien – ein spannender und riskanter Vorgang, der so erfolgreich endete wie die Montagsdemo: mit der Ausstrahlung der historischen Aufnahmen in den Tagesthemen.

Ein Telefoninterview als kleine Sensation

Und Christoph Wonneberger gab live ein Telefoninterview, mehr war technisch noch nicht drin. Er gab an jenem Abend den Demonstranten von Leipzig eine Stimme und ein Gesicht, wenn es auch nur per Foto eingeblendet werden konnte. Er hat nichts Sensationelles gesagt, aber diese Nachrichten selbst waren eine Sensation. Jeder wusste nun: Nichts im Staate DDR würde mehr sein wie vorher – auch wenn die meisten damals noch nicht zu glauben wagten, dass nur ein Jahr später gar kein DDR-Staat mehr existieren würde.

Lutz Rathenow
Thomas Mayer: Der nicht aufgibt, Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für Staatsicherheit der DDR, Evangelische Verlagsanstalt, 2014, 176 Seiten, ISBN 978-3-374-03733-9, Preis 9,90 Euro

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

Zerreißprobe für die Orthodoxie

7. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ukraine: Die Krimbesetzung entfremdet die orthodoxen Kirchen des Landes noch weiter von ihren Moskauer Brüdern

Zwei orthodoxe Kirchen streiten in der Ukraine schon länger um die Rolle der Staatskirche – jetzt hat sich die Situation noch verschärft.

Kann eine Kirche, deren Oberhaupt, Patriarch Kyrill, in Moskau sitzt und ein treuer Anhänger des russischen Präsidenten Putin ist, noch eine ukrainische Kirche sein? Auch wenn es die Ukrainische Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat in der Ukraine sein will – der Ukrainer Filaret, Oberhaupt der Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, verneint dies in einem Fernsehinterview: »Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist unukrainisch«, erklärt er mit strenger Mine. Und den russischen Präsidenten hält Filaret gar für einen Faschisten.

Der Riss geht durch die Kirchen: Teilnehmer einer Prozession in Kiew tragen ein Transparent mit der Aufschrift »Ukraine, Russland, Weißrussland – gemeinsam das Heilige Russland!«. Erst im vergangenen Jahr hatte man in Kiew gemeinsam der »Taufe Russlands« vor 1 025 Jahren gedacht. Foto: picture alliance

Der Riss geht durch die Kirchen: Teilnehmer einer Prozession in Kiew tragen ein Transparent mit der Aufschrift »Ukraine, Russland, Weißrussland – gemeinsam das Heilige Russland!«. Erst im vergangenen Jahr hatte man in Kiew gemeinsam der »Taufe Russlands« vor 1 025 Jahren gedacht. Foto: picture alliance

Das Kiewer Patriarchat hat sich im Rahmen der Unabhängigkeitsbewegung seines Landes 1991 von der Moskauer Kirche getrennt und für unabhängig erklärt. Seitdem streiten beide Kirchen um die Position, die wahre Staatskirche zu sein. Und natürlich um Immobilien. Rund 10 Millionen Anhänger gehören derzeit jeweils einer der beiden Kirchen an. Doch diese Konstellation wird sich wohl bald ändern.

Denn seit der Annexion der Krim durch die Russische Föderation haben sich die Spannungen verschärft. Die Geistlichen, die dem Kiewer Patriarchat angehören (internationales Kürzel UOC-KP), werden auf der Krim von bewaffneten Gruppen unter Druck gesetzt, die Klöster aufzugeben. Anscheinend werden die Soldaten dabei von Geistlichen des Moskauer Patriarchats (internationales Kürzel UOC-MP) begleitet, was die Pressestelle jener Kirche allerdings vehement bestreitet.

Nach Angaben des Kiewer Patriarchats seien bereits mehrere Geistliche der Halbinsel verwiesen worden. Elf Priester würden noch ausharren, ihre Familien haben sie allerdings schon in die Ukraine geschickt. Derzeit bieten sogar einige Imame der Tataren, einer muslimischen Minderheit auf der Krim, an, dass die Geistlichen des Kiewer Patriarchats ersatzweise in ihren Moscheen Gottesdienste abhalten könnten.

Wettlauf darum, wer »echt« ukrainisch ist

Demgegenüber verweist die UOC-MP auf Überfälle auf ihre Kirchen in der Ukraine, die von der UOC-KP angeleitet worden seien. Und die UOC-MP versucht ihrerseits glaubwürdig zu vermitteln, ganz auf Seiten des bedrängten ukrainischen Volkes zu stehen. In recht martialischer Weise appelliert die Pressestelle der Kirche etwa an die Bereitschaft der ukrainischen Soldaten, das Land zu verteidigen. Sie beruft sich dabei auf Lukas 11,21: »Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden.« Doch wer der Angreifer des »Palastes« sein könnte, wird lieber nicht gesagt.

Da das aktuelle Oberhaupt der Kirche, der Metropolit Wolodimir, schwer krank ist, steht der jüngere Stellvertreter Onufrios der Kirche vor. Vielleicht auch deshalb getrauen sich viele Geistliche, deutlicher Russland als den Adressaten des Lukas-Zitats zu nennen. Andererseits begrüßen aber auch viele Priester die russische Intervention auf der Krim.

In dieser undurchsichtigen Situation muss die UOC-MP auf die UOC-KP zugehen, auch wenn sie diese offiziell nicht als rechtmäßige orthodoxe Kirche anerkennt. Eine erste Verständigung läuft bereits im Rahmen des »Allukrainischen Rates der Kirchen und Religiösen Gemeinschaften«. Dort wurde schon vor Wochen ein gemeinsamer Appell aller Kirchen unterzeichnet, die derzeitigen Probleme auf friedlichem Wege zu lösen. Und sogar mit der kirchenrechtlich ebenfalls umstrittenen etwas kleineren Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche, die sich bereits in den frühen Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts vom Moskauer Patriarchat abgespalten hat, will man sich zusammensetzen.

Nach Meinung des liberalen Theologen des Moskauer Patriarchats, Andrej Kurajew, könnte es bald zu einer Kirchenvereinigung in der Ukraine kommen. Dies hinge sehr vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomeos I., ab. Als »Erster unter den Gleichen« genießt er die größte Autorität innerhalb der Orthodoxie. Anscheinend sei der Geistliche mit Sitz in Istanbul geneigt, eine vereinigte Kirche als »kanonisch«, also dem Kirchenrecht entsprechend, anzuerkennen. Bisher hatte er dies dem Kiewer Patriarchat und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche verwehrt.

Für die Orthodoxie steht viel auf dem Spiel

Dabei geht es für die orthodoxe Welt um sehr viel: Die Gegend um Kiew ist für die russische Orthodoxie von größter Bedeutung. Hier, in der mittelalterlichen »Kiewer Rus«, dem Vorläuferreich des heutigen Russlands, der Ukraine und Weißrusslands, ließ sich der Kiewer Großfürst Wladimir I. am 28. Juli 988 im Dnepr nach byzantinischem Ritus taufen. Diese Taufe wird nicht nur als Beginn des ersten russischen Reiches angesehen, sondern markiert zugleich die Geburt der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ein Kontrollverlust über die Ukraine wäre deshalb für das religiöse Russland eine ungeheuerliche Katastrophe.

Der Moskauer Patriarch Kyrill will darum seit langem die Vereinigung, jedoch unter seiner Regie. Die »Welt der Rus«, die »Brudervölker« der Russen, Ukrainer und Weißrussen, sollen sich in der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats wiederfinden. Auch sein Gegenspieler Filaret in Kiew arbeitet mit einem biblischen »Brüder«-Bild. Er vergleicht die Russen mit Kain, die Ukrainer aber mit Abel, der von seinem Bruder Kain erschlagen wurde …

Jens Mattern

»… ich wollte es nicht wahrhaben«

7. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflegefall: Zwischen Familienpflege, ambulantem Pflegedienst und Heimaufenthalt – wie eine Familie damit umgeht, dass ein geliebter Mensch dement ist

Georg Frahnow war ein bekannter Gemeinschaftsprediger und übersetze viele Kirchenlieder in die wendische Sprache. Es sollte ein beschaulicher Ruhestand in der geliebten Niederlausitz werden. Doch dann die erschütternde Diagnose: Demenz.

Besorgt und ratlos steht Hanni Frahnow in der Tür des großen Wohnzimmers ihrer Tochter. »Opa hat Fieber«, sagt sie. Den ganzen Vormittag schon schläft er, vom Frühstück hat er nur wenig gegessen. Was ihm sonst fehlt, kann ihr Ehemann nicht ausdrücken. Seit Jahren ist er hochgradig dement. Noch am Tag zuvor saß er hier als stiller Beobachter. Im Rollstuhl, denn seit einem Oberschenkelhalsbruch kann er nicht mehr gehen. Zeitweise ist sein Blick leer und ausdruckslos, dann kommt wieder ein Lächeln auf sein Gesicht, als der Urenkel an ihm vorbeihuscht oder er seine Enkel auf der Couch entdeckt.

Was in seinem Kopf vorgeht, was er noch alles mitbekommt – man würde es zu gern wissen wollen. »Sonst sagt man, zu viel Trubel sei nicht gut für Demente, aber das hat ihn noch nie gestört«, erzählt seine Frau. Vielleicht liegt es daran, dass sie jederzeit viel Besuch hatten und der Geräuschpegel im Hause Frahnow immer etwas höher lag – bei vier Kindern, 14 Enkeln und inzwischen zwei Urenkeln auch kein Wunder.

Landwirt, Sanitäter und Prediger des Herrn

Ungewöhnlich schnell schritt bei Georg Frahnow die Krankheit voran. Bereits 2007 konnte er auf einer Familienfeier Gesprächen nur noch schwer folgen. Das andere Extrem waren nicht enden wollende Redeschwalle. Im Mai 2010 kann Hanni Frahnow ihren Mann überzeugen, sich von einem Neurologen untersuchen zu lassen. Der Befund war eindeutig.

Ein Lächeln huscht über Georg Frahnows Gesicht, wenn sein Enkel Silas sich an ihn schmiegt. Doch der Alltag mit dem dementen Großvater bringt auch belastende Momente für die Angehörigen. Foto: Mirjam Petermann

Ein Lächeln huscht über Georg Frahnows Gesicht, wenn sein Enkel Silas sich an ihn schmiegt. Doch der Alltag mit dem dementen Großvater bringt auch belastende Momente für die Angehörigen. Foto: Mirjam Petermann

Als Jüngster von sechs Geschwistern wuchs der heute 76-Jährige in der Brandenburgischen Niederlausitz auf. Er arbeitete in der Landwirtschaft und als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Wegen Personalmangel wurde er 1965 in einem halben Jahr als Prediger ausgebildet, anschließend war er in vier Gemeinden des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes tätig.
Nach dem Mauerfall kehrte er in die Heimat und auf die Schulbank zurück. Er lernte das Wendische, eine slawische Minderheitssprache, lesen und schreiben. Sprechen konnte er sie seit seiner Kindheit, aber das theologische Vokabular fehlte ihm. Das aber brauchte er, um bis zu seinem Ruhestand in mehr als 40 Dörfern für die Wenden als Prediger und Seelsorger da zu sein.

Dort, in der Niederlausitz, wollten Hanni und Georg Frahnow ihren Lebensabend verbringen. 1998 waren sie in ein eigenes Haus gezogen. Das mussten sie eintauschen gegen zwei Zimmer und ein Bad bei der Familie ihrer Tochter. »Im Dezember 2010 wurde uns Kindern bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte«, erinnert sich Evelin Heider. »Wir haben gesagt, ihr könnt sofort zu uns kommen«, erzählt sie. Aber Hanni Frahnow zögert. Nicht im Winter, und sei das überhaupt nötig? Dass es mit ihrem Mann abwärts ginge, wisse sie – aber so rasant? »Das habe ich nicht realisiert«, sagt sie. Und ergänzt: »Oder ich wollte es nicht wahrhaben.« Als ihr Mann am 4. Januar vom Weihnachtsbaum Äste samt Lichterkette und Strohsternen abschnitt, war ihr klar, dass sie es allein nicht mehr schafft.

Seit mehr als drei Jahren pflegt die 73-Jährige ihren Mann. Jeden Morgen stehen Waschen, Rasieren, Anziehen, In-den-Rollstuhl-Setzen, Frühstückzubereiten und Füttern auf dem Programm. Mittag essen alle gemeinsam. Nach Mittagsschlaf und Kaffeetrinken geht es meistens in den Hof, sonntags in den Gottesdienst und einmal im Monat freitags zum Rentnerkreis. Ihren freien Abend hat Hanni Frahnow jeden Mittwoch, da besucht sie die Bibelstunde. Ihre Tochter oder ihr Schwiegersohn bleiben dafür zu Hause.

Schlechte Erfahrungen mit Heimen und Pflegediensten

Immer wieder startete sie den Versuch, verschiedene Pflegeangeboten in Anspruch zu nehmen. Nach dem Umzug besuchte ihr Mann eine Tagespflege. Morgens wurde er als erster abgeholt, weil er so gern Auto fuhr. Doch er wurde zunehmend aggressiver, aß anderen vom Teller und die Mittagsruhe verbrachte er lieber mit Laufen als in den vorgesehen Ruhesesseln. Die zuständige Pflegeberaterin erklärte ihn als nicht mehr tragbar für die Einrichtung. »Entweder müsse Georg in ein Heim oder die Medikamentendosis solle erhöht werden«, erinnert sich Hanni Frahnow an die vorgeschlagenen Auswege. Weil beides für sie keine Alternativen darstellten, behielt sie ihn fortan zu Hause.

Zur Kurzzeitpflege verbrachte er nach seinem Bruch vier Wochen in einem neu eröffneten Pflegeheim. Auf eine Reha wurde verzichtet, weil er schon damals kaum noch gesprochen und auf Anweisungen nicht reagiert hat. In der Einrichtung wurde er nicht ausreichend gewaschen – nach Aussage der Schwestern, weil er sich »wenig kooperativ zeigte«. Einige Körperstellen waren wund gelegen.

Im Anschluss an den Aufenthalt ließ sich Hanni Frahnow bei den regelmäßigen Aufgaben von einem ambulanten Pflegedienst helfen. Viermal täglich kamen zwei Schwestern zum Umbetten und Waschen. Das war ihr eine große Hilfe. Aber: »Es waren feste Zeiten ausgemacht, natürlich inklusive Kulanzzeit. Aber eines Morgens, ich stand gerade unter der Dusche, kamen die Schwestern 50 Minuten früher«, erzählt sie. »Und an anderen Tagen hat man ewig gewartet. Das hat mich kirre gemacht«, erinnert sie sich.

Also bestellt sie den Pflegedienst kurzerhand ab und regelt den Tagesablauf seitdem allein – mithilfe ihrer Tochter, ihres Schwiegersohns und ihrer drei Enkel. Heute, wo sich Georg Frahnow kaum noch bewegen kann, bleibt er auch mal allein im Wohnzimmer. Als er noch agiler war, musste ständig einer von der Familie bei ihm sein. Heute fliegt von Zeit zu Zeit nur mal sein Gebiss umher. Doch als er noch nicht an den Rollstuhl gebunden war, öffnete er schon mal das Fenster, um sich des Meerschweinchens zu entledigen.

Obwohl die Erfahrungen in den Pflegeeinrichtungen nicht immer so waren, wie man es sich vorstellt, wird Hanni Frahnow in diesem Sommer einen neuen Versuch wagen: Die älteste Tochter feiert ihren 50. Geburtstag und einer ihrer Enkel wird heiraten. Um das miterleben zu können, hat sie ihren Mann bereits für die Kurzzeitpflege angemeldet.

Mirjam Petermann

Das neue Angebot, die Taufe

6. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum Johannes der Täufer auf sein gewohntes Leben verzichtete

In der Passionszeit verzichten viele auf das eine oder andere. Nicht zum Selbstzweck, sondern weil Verzicht Gewinn bedeutet. Wie auch das Beispiel des Johannes, des Täufers zeigt.

Johannes der Täufer verliert und gewinnt. Er verliert seine soziale Heimat und gewinnt eine neue Familie. Er verzichtet auf seine religiösen Gewohnheiten und gewinnt ein neues Heil. Er verliert seine traditionellen Riten und schafft einen neuen Ritus. Wer Askese betreibt, will nicht einfach verzichten. Man fastet zum Beispiel, um gesund zu bleiben oder zu werden. Man entsagt der modernen Konsumgesellschaft, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Der Verzicht wird also geübt, um ein höheres Gut zu gewinnen. Der Asket verzichtet auf die Annehmlichkeiten der Welt, um in stiller Abgeschiedenheit sein wahres Glück bei sich selbst und/oder bei Gott zu finden. Der Verzicht dient der gesteigerten Konzentration.

Der Asket Johannes trifft in der Wüste auf die Abgesandten der Pharisäer – ein Bild des Malers Wilhelm Steinhausen (1846–1924). Repro: Museum Giersch

Der Asket Johannes trifft in der Wüste auf die Abgesandten der Pharisäer – ein Bild des Malers Wilhelm Steinhausen (1846–1924). Repro: Museum Giersch

Bei Johannes dem Täufer ist das genauso. Aus den antiken Quellen – vor allem dem Neuen Testament und einem kurzen Text des jüdischen Historikers Flavius Josephus – lässt sich schließen, dass Johannes vielleicht aus einer Priesterfamilie stammt. Die jüdische Religion seiner Zeit findet ihr Zentrum in Jerusalem. Der Tempel und der an ihm stattfindende (Opfer)-Kult sind von großer Bedeutung. Johannes verzichtet aber auf eine Karriere in der Priesterschaft. Er geht einen ganz anderen Weg als ihn die Familiengeschichte vorzugeben scheint.

Nach Lukas 3,1 tritt er erstmal im 15. Jahr der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) öffentlich in Erscheinung, also ca. 28 n. Chr. Laut Flavius Josephus scheint Johannes nach dem Vorbild der antiken Philosophen vor allem Tugenden wie Gerechtigkeit und Frömmigkeit gelehrt zu haben. Das Neue Testament zeichnet ihn aber deutlich als jüdischen Propheten, der im Namen Gottes spricht und handelt.

Nach Markus 1,6 ist er mit einem Gewand aus Kamelhaaren bekleidet, das von einem Ledergürtel gehalten wird. Er isst Heuschrecken und wilden Honig. Diese Beschreibung zeigt den Anspruch des Johannes, der sich nach Art der alttestamentarischen Propheten kleidet und damit seine Position außerhalb der Gesellschaft demonstriert. Er verzichtet auf gewöhnliches gesellschaftliches Ansehen und macht sich den Wüstenbewohnern, den Beduinen, gleich. Damit erinnert er an die Zeit der Wüstenwanderung Israels und zeigt, dass es für Israel an der Zeit ist, einen Neuanfang zu wagen.

Die religiöse Dimension wird durch das Angebot eines neuen Rituals ausgedrückt. Johannes verzichtet auf den Tempelkult und setzt ihm seine Taufe entgegen. Damit entspricht er einem zu seiner Zeit verschärften Schuldbewusstsein seiner Mitmenschen. Johannes predigt vom kommenden Gericht Gottes, das er in Anlehnung an alttestamentliche Traditionen als Feuergericht versteht. Er erwartet dieses Feuergericht unmittelbar und sieht deshalb die Notwendigkeit Israel aufzurütteln.

Vor allem die »Standespredigt« des Lukas (Lukas 3,7-18) zeigt, dass Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit für Johannes wichtiger waren als die Abstammung von Abraham. Er gewichtet demnach die Tat höher als das Sein und widerspricht damit teilweise dem religiösen Standesbewusstsein seiner jüdischen Zeitgenossen. Das, was er anstelle der traditionellen Riten anbietet, soll ein Zeichen der Umkehr sein: die Taufe. Diese ersetzt die für ihn offenbar wirkungslos bleibenden Riten des Tempelkults. Nur durch die Taufe erlangt der Täufling Vergebung seiner Sünden (Markus 1,4) und wird durch das Wasser vor dem Feuer bewahrt. Während also Johannes mit Wasser tauft, wird derjenige, der das Gericht nach ihm vollzieht, mit Feuer taufen (Lukas 3,16). Dem Täufer selbst kommt eine Mittlerfunktion zu. Er vermittelt den letzten Ausweg aus dem Gericht. Insofern hat die Taufe einen heilsstiftenden Charakter und bewirkt eine Neuausrichtung des Lebens (Markus 1,5). So gehören Predigt und Taufe eng zusammen. Johannes tauft im Bewusstsein einer vermittelten Vollmacht. Die Vergebung der Sünden bewirkt demnach zwar Gott selbst, aber Johannes darf sie wirksam spenden.

Entsprechend den meisten Asketen verzichtet Johannes also auf sein bisheriges Leben, seine Gewohnheiten und gewinnt dadurch eine neue Freiheit. Im Verzicht auf religiöse Sicherheit erschafft er in Verbindung mit seiner Predigt eine neue Symbolhandlung, die das wirklich gewinnt, was die traditionellen Riten nicht leisten: das Leben bei Gott.

Paul Metzger

Der Autor ist promovierter Theologe und Mitarbeiter am Konfessionskundlichen Institut Bensheim.

»Wir brauchen eine neue Kultur«

2. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Präsident der brasilianischen Protestanten über die Probleme des Landes und den Fußball

Gewaltsame Proteste gegen Korruption, Geldverschwendung und die Zustände in Schulen, Krankenhäusern und im Straßenverkehr überschatten die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft. Brigitte Vordermayer sprach darüber mit Brasiliens evangelischem Kirchenpräsidenten Nestor Friedrich.

Herr Friedrich, was war Ihr erster Gedanke, als Sie gehört haben: Die Fußball-WM kommt nach Brasilien?
Friedrich:
Ich habe mich sehr gefreut! Wir sind stolz, wir lieben den Fußball. Aber es ist auch eine große Verantwortung, all die Menschen aufzunehmen, die zu den Spielen kommen. Ich frage mich: Ist Brasilien schon so weit, das alles zu schaffen?

Demonstranten protestieren am 13. März im brasilianischen Sao Paulo gegen die Fußball-WM, die am 13. Juni in Brasilien beginnt. Foto: picture alliance

Demonstranten protestieren am 13. März im brasilianischen Sao Paulo gegen die Fußball-WM, die am 13. Juni in Brasilien beginnt. Foto: picture alliance

Nicht alle Brasilianer freuen sich auf die WM. Es gab auch heftige Proteste dagegen. Warum?
Friedrich:
Die Menschen fragen sich natürlich, ob man wirklich so viel Geld ausgeben darf für nur einen Monat Fußball. Und zur gleichen Zeit haben wir lange Schlangen in den Krankenhäusern. Die Menschen hier haben keine gute Krankenversicherung. Und unser Verkehr: Er ist eine Katastrophe. Der Bus ist teuer und er ist schlecht. Es gibt zu wenige Straßen, man steht ewig im Stau. Oder wir schauen auf das Schulsystem: Wenn ich eine gute Schule in Brasilien will, muss ich sie privat bezahlen. Wenn ich gute Gesundheitsversorgung will, muss ich sie privat zahlen. Durch die großen Ausgaben für die WM wurden die Leute plötzlich wach, vor allem die jungen. Und sie sagen: Wir müssen wirklich etwas verändern.

Haben die Proteste schon etwas bewirkt? Gehen sie noch weiter?
Friedrich:
Man kann sagen, dass sie das Bewusstsein über die Grenzen der jetzigen Politik und die Notwendigkeit, neue Wege der politischen Teilnahme zu finden, gestärkt haben. Es hat sich aber auch gezeigt, dass spontane, anarchische Proteste keineswegs die Demokratie stärken und leicht manipuliert werden können.

Wo liegen die Ursachen von Brasiliens Problemen?
Friedrich:
Teilweise liegen die Schwierigkeiten schlicht an der Größe: Wir sind in einem Land, das 24 Mal so groß ist wie Deutschland. Dass man da den Überblick und die Kontrolle behält, wie Gelder verwendet werden, ist nicht einfach. Und unsere Politiker sind eine besondere Gruppe. Viele sind auf ihre Aufgaben nicht vorbereitet, haben keine Ahnung von Management. Auch Korruption spielt eine Rolle. Viele fragen: Warum kostet das so viel Geld? Wird das wirklich alles für Stadien verwendet? Oder wer macht sich noch die Taschen voll? Es wird Zeit, dass wir hier Transparenz bekommen.

Es muss sich also definitiv etwas ändern.
Friedrich:
Ja! Wir brauchen eine neue Kultur, eine Kultur der Verantwortung, der Transparenz, des Respekts. Politiker, Bürgermeister, alle, die im politischen Bereich arbeiten: Sie müssen lernen, dass sie eine Verantwortung haben, dass sie Arbeiter des Volkes sind. Sie müssen professioneller planen, nicht einfach loslegen und dann schauen, was es kostet.

Nestor Friedrich ist seit 2010 Präsident der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). Die IECLB mit 700 000 Mitgliedern ist vor  allem im Süden des mehrheitlich katholischen Landes in den Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Caterina beheimatet. Sie ist eine Partnerkirche des Gustav-Adolf-Werkes in Deutschland. Foto: Brigitte Vordermayer

Nestor Friedrich ist seit 2010 Präsident der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). Die IECLB mit 700 000 Mitgliedern ist vor allem im Süden des mehrheitlich katholischen Landes in den Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Caterina beheimatet. Sie ist eine Partnerkirche des Gustav-Adolf-Werkes in Deutschland. Foto: Brigitte Vordermayer

Brasiliens derzeitige Präsidentin Dilma Rousseff ist Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie sollte sich mit Kalkulation auskennen.
Friedrich:
Ja, sie ist ein Beispiel für die Fortschritte, die unser Land macht. Dilma will Zahlen, und die müssen stimmen. Viele hoffen, dass sie wiedergewählt wird.

Wird die WM dem Land auf seinem Weg helfen oder schaden?
Friedrich:
Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Vielleicht passiert gar nichts: Wir werden feiern, Fußball spielen, und alles bleibt, wie es ist. Aber da wir in diesem Jahr auch Wahlen haben, könnte es schon interessant werden. Auf jeden Fall wird es ein Jahr mit einer vollen und spannenden Agenda.

Wie unterstützt die evangelische Kirche das Land?
Friedrich:
Als evangelisch-lutherische Kirche in Brasilien richten wir immer wieder kritische Worte an die Politik und die Öffentlichkeit. Und wir helfen vor Ort in konkreten Projekten, vor allem mit Bildung. Wir müssen als Kirche immer wieder aufrufen gegen Korruption und für Transparenz, zum Beispiel jetzt vor der Wahl: Wir empfehlen nicht eine Partei. Aber wir ermutigen die Menschen, Fragen zu stellen und genau hinzuschauen.

Welche Aktionen plant die Kirche zur Fußball-WM?
Friedrich:
Wir werden spezielle Gottesdienste und andere Programmpunkte extra zu den Spielen anbieten. Wir machen auch eine Broschüre mit Informationen über Brasilien und soziale Themen und Probleme hier, damit die Menschen auch etwas über das Land lernen. Zusammen mit anderen Kirchen wollen wir Probleme aufzeigen. Vor allem über Sextourismus und Menschenhandel wollen wir aufklären: Sie sind hier ein riesiges Problem.

Wer wird Fußballweltmeister 2014?
Friedrich:
Ich hoffe, dass Brasilien im Endspiel auf Deutschland trifft. Und dass dann natürlich Brasilien gewinnt. Aber ich bin nicht sicher, ob das klappt. Denn wir haben zwar eine junge Mannschaft mit guten Spielern. Aber die Sache ist die: Es nützt nichts, wenn wir elf gute Leute haben, die nicht zusammenspielen. Man braucht ein Team. Das macht den großen Unterschied.

Nachtigallen, Tagtigallen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Er war einer der großen Humoristen unter den deutschen Lyrikern, ein Sprachschöpfer, der eine komisch-surreale Welt erfand. Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb Christian Morgenstern im Alter von 42 Jahren. Sein Vorbild war Wilhelm Busch. Er selbst wurde zum Anreger für Dada-Poeten und Kabarettisten, für Dichter wie Joachim Ringelnatz, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt, für Heinz Erhardt und Loriot.

Morgensterns humoristische Gedichte, gesammelt in »Galgenlieder«, »Palmström«, »Palma Kunkel« und »Der Gingganz« spielen in einer fantastischen Welt, in der es von seltsamen Gestalten nur so wimmelt.

Treffend ist Morgensterns Widmung für die »Galgenlieder«, frei nach Nietzsche: »Dem Kind im Manne«. Gemeint ist die Freiheit der Kinder, der Jungen wie der Mädchen, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem ra­tionalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch der Tod ist in vielen Versen so selbstverständlich wie das Leben.

Es gibt bei ihm aber auch den reinen, intelligenten Sprach-Witz, zum Beispiel im berühmten Gedicht »Das aesthetische Wiesel«: »Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel. / Wißt ihr /weshalb? / Das Mondkalb / verriet es mir / im Stillen: / Das raffinier- / te Tier / tat’s um des Reimes willen.«

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Breslau zog er 1894 nach Berlin und schrieb für Kulturzeitschriften wie »Neue deutsche Rundschau«, »Jugend« oder »Freie Bühne«. Ab 1897 arbeitete er auch als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg, Henrik Ibsen und Knut Hamsun.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern

1903 wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Theater« im Verlag Bruno Cassirer. Parallel zu seiner Brotarbeit hat er schon ab 1895 Gedichtbände herausgebracht. Am bekanntesten und erfolgreichsten wurden die »Galgenlieder«. Insgesamt erschienen 15 Gedichtsammlungen bis zu seinem frühen Tod 1914 in Meran. Er starb an Tuberkulose, an der er lange gelitten hatte und die ihn immer wieder zu Kuraufenthalten zwang.

In diesen von Krankheit bestimmten Jahren fand Morgenstern zur Religion, und er schloss sich der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner an. 1910 heiratete er seine Freundin und Mitarbeiterin Margareta Gosebruch. Sie gab später aus dem Nachlass weitere Lyriksammlungen heraus, darunter auch heute weithin vergessene Liebes- und Naturgedichte.

Morgensterns Nonsens-Verse stecken voller Seitenhiebe gegen Bürokraten, Schwätzer, Ideologen, Politiker. Und sie sind erstaunlich hellsichtig in ihrer Welterklärung.

Christian Morgenstern ist auch ein Vorläufer der konkreten Poesie: »Fisches Nachtgesang« besteht nur aus kleinen Strichen und konkaven Bögen, so angeordnet, dass sie den Umriss eines Fisches ahnen lassen. Stiller kann ein Gedicht nicht sein, Morgenstern selbst nannte es »das tiefste deutsche Gedicht.«

Wilhelm Roth (epd)

»Ich habe Gottes große Gnade erfahren«

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gerhard Günther hat wochenlang im Koma gelegen – Durch Leid ist sein Glauben tiefer und größer geworden

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.« Gerhard Günther kennt diese nüchterne wie kluge Maxime, er stimmt ihr zu. Daran gehalten hat er sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit er ins Berufsleben eingetreten ist, erinnert er sich, habe er immer extrem viel gearbeitet. 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Schule wird er Kraftfahrzeugmechaniker, »in der DDR ein Traumberuf, mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, wirtschaftlichen Wohlstand zu erzielen«. Wie er sagt, verdiente er, der gelernte Kfz-Mechaniker, mehr als sein Freund, ein Diplom-Ingenieur. Nach der Wende führt ihn sein Weg in die Politik. Von 1994 bis 2001 ist er im Stadtrat der Stadt Königsee, dann im Kreisrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt, seit 2004 Mitglied im Thüringer Landtag. »Alles Jobs, bei denen ein Zwölf-Stunden-Tag normal ist und die Arbeitswoche sieben Tage hat.« Es sei ihm finanziell gut gegangen, besser als vielen anderen, sagt er. Aber dieses Leben hat seinen Preis: Es kostet ihn Zeit, wertvolle Lebenszeit. Und wenn er das so sagt, meint er damit, dass man mit der Zeit, diesem »unendlich hohen Gut« auch schlecht umgehen kann. Statt zu viel zu arbeiten, sollte die Familie Priorität haben, so seine Einsicht heute. »Wir haben in früheren Jahren zu wenig miteinander geredet.

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Ich habe gelernt, alle Konflikte sind lösbar, wenn man miteinander spricht«, sagt Günther. Diese simple Erkenntnis ist das Ergebnis eines langen Leidensweges. 2009 wird eine schwere Lungenerkrankung bei ihm festgestellt und ihm eine Lebenserwartung von eineinhalb Jahren prognostiziert. Eine glückliche Fügung will es, dass er an einen Lungenspezialisten in Hannover gerät, der ihm Hoffnung macht. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, sagt ihm der Arzt, aber dank eines neu entwickelten Medikamentes könne der Status quo erhalten werden. Eine Hoffnungsbotschaft. Günther nimmt an Tests teil, alles sieht gut aus. Leistungssport kann er freilich nicht treiben, aber doch eingeschränkt am Leben teilhaben. Bis sich Ende 2011 sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er macht sich auf den Weg nach Hannover in die Klinik. Er steigt ins Auto und fährt selbst – es geht ihm schlecht, er wird schwächer. »Das klingt dramatisch«, sagt er. Mit letzter Kraft sei er in die Notaufnahme gefahren. Kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder. Seine letzte bewusste Wahrnehmung. Er wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die ihn am Leben hält. Seiner Familie erklären die Ärzte, dass nur eine Lungentransplantation sein Leben retten könne.

Glücklicherweise wird nach etwa zehn Tagen ein Spenderorgan gefunden. Neun Stunden dauert die Operation. Doch als sie abgeschlossen ist, wacht Günther nicht auf. Er liegt im Koma, mehrere Wochen. Er habe immer gespürt, dass die Familie, seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin, bei ihm ist.

Gerhard Günther schildert unter Tränen, was damals geschah. »Ich war am Eingang zu einer anderen Welt. Dorthin, glaube ich, wollte ich. Doch dann kam dieser Ruf.« Er hört die eindringliche Bitte seiner Partnerin: »Lass mich nicht allein, ich brauche dich jetzt!« Er erinnert sich an »dieses Gefühl der Nähe und Wärme, an diesen Ruf«. Er ist sich sicher: Jesus hat auf mein Leben geschaut und gesagt: Mit dir kann ich noch etwas anfangen. Du kriegst eine Aufgabe. Du gehst zurück ins Leben.

Mit diesen Gedanken wird er wach. Bis auf die Augen kann er sich überhaupt nicht bewegen. Er kann mit der neuen Lunge wieder atmen, aber nicht mehr sprechen. Seine Stimmbänder sind gelähmt. Als ihm der Arzt sagt, dass er nie wieder wird sprechen können, glaubt er das nicht. Wie der blinde Bartimäus in der Bibel glaubt, dass Jesus an ihm ein Wunder bewirken kann, so vertraut Günther auf Gott. Er ist überzeugt, wenn Jesus ihn mit einer Aufgabe ins Leben zurückschickt, wird er wieder sprechen können. So geschieht es.

Er übt mit Hanteln, trainiert seine Muskeln. Tag für Tag. Er lernt es, einen Finger zu bewegen, dann die ganze Hand. Eines Tages kann er sitzen, das Handy halten. Stehen – der erste Schritt. Alles muss er neu lernen. Gehen, essen. In kleinen Schritten erobert sein Körper das Leben zurück. Ein halbes Jahr später kann er nach Hause. Er nimmt seine Arbeit im Landtag wieder auf, knüpft Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, weil er dafür werben will, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen.

»Ich bin der glücklichste Mensch«, sagt er. »Ich habe Gottes große Gnade erfahren, gesehen, wie mächtig Gott ist.« Ihm seien seither zwei Jahre irdischen Leben geschenkt worden.

Seit Herbst 2013 geht es ihm gesundheitlich wieder schlecht. Die Abstoßungsreaktionen seines Körpers auf das transplantierte Organ machen ihm zu schaffen. Im September wird er aus dem Landtag ausscheiden. Aber er ist dankbar für jeden Tag, für alles, was er erlebt.

»Wenn mein Leben morgen zu Ende ist, gehe ich in Frieden, denn ich weiß, dort, wohin ich gehe, wird es schön sein.«

Sabine Kuschel

Unbegreifliches Vertrauen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Polizeiseelsorge: Für den »gelernten DDR-Bürger« Dutschmann war der Weg in das Amt des Polizeipfarrers wie der Weg in die Höhle des Löwen

Von 1991 bis 1996 war Eberhard Dutschmann Polizeipfarrer in Dessau, als einer der ersten in den neuen Bundesländern. Ein Porträt.

Als Eberhard Dutschmann 1990 in Dessau auszuloten begann, ob die Arbeit eines Polizeiseelsorgers möglich sei, war er auf diese Begegnung nicht gefasst. Der damalige Chef der Polizei, den er traf, war schon zu DDR-Zeiten Polizeioffizier gewesen. »Herr Dutschmann, ich kenne Sie.« Kein Wunder, dachte Eberhard Dutschmann, die wussten ja eh immer alles. »Sie saßen am Krankenbett meiner Mutter. Als Seelsorger.« Ihn schauert noch heute, wenn er an die ersten Schritte im Revier denkt. Doch schnell merkte er: Die Reihen der Uniformierten haben die Fratze der Macht verloren. Und sie waren genauso unsicher wie er selbst.

Die DDR hatte sich ihm gegenüber von ihrer perfiden Seite gezeigt. Seine beiden Töchter wollten weg aus diesem Land. Sie durften es. Die eine Anfang, die andere Ende der achtziger Jahre. Sein Sohn aber blieb. Er war schwer krank. Seine Schwester wollte er besuchen, drüben. Als er spürte, dass es zu Ende geht. »Nein!«, war die kalte staatliche Antwort. Die Schwester sah ihren Bruder, der neunzehnjährig starb, erst am Tag seines Begräbnisses wieder. Für diesen einen Tag nur durfte sie einreisen. Seine Frau, erzählt Eberhard Dutschmann, hat dies schwer verwunden.

Eberhard Dutschmann war einer der ersten Polizeiseelsorger in den damals neuen Bundesländern. Foto: Stefan Körner

Eberhard Dutschmann war einer der ersten Polizeiseelsorger in den damals neuen Bundesländern. Foto: Stefan Körner

Nach dem Ende der DDR erhält Dutschmann einen Ruf nach Potsdam. Doch aus Dessau will er nicht weg, er hat dort geankert. Da schlägt ihm die Kirchenleitung Polizeiseelsorge vor. Kurz nach dem Zusammenbruch der DDR hatte der Vorsitzende der Konferenz Evangelischer Polizeipfarrer an alle Landeskirchen der neuen Bundesländer geschrieben. Er wünschte sich auch dort den Aufbau einer Polizeiseelsorge. Das Schreiben landete in Anhalt in der Ablage. Bis Eberhard Dutschmann nach einer Alternative zu seinem Ruf nach Potsdam fragte.

Er nennt diese Zeit einen »Kairos«. In der Bibel meint dieses Wort die günstige, die rechte Zeit. Den Augenblick, in dem sich Lebensgeschichte verdichtet. Seine Frau ist entsetzt, als er vom Vorschlag der Kirchenleitung erzählt: »Zu diesen Kerlen?« Niemand hätte es ihm verdenken können, wenn er sich geweigert hätte. Alles wäre verständlich. Wieso aber, Herr Dutschmann, haben Sie Ja gesagt? Er schaut zur Decke seines Wohnzimmers, tastet nach Worten, lotet den Grund aus. »Ich habe immer geglaubt, dass Gott jede Situation schon vorbereitet hat.« Pause. Dann aber sagt er bestimmt: »Ich habe schnell gemerkt, dass es eine sinnvolle Arbeit ist. Wo, wenn nicht in Extremsituationen hat die christliche Botschaft Relevanz?« Ein halbes Jahr lässt er sich mit seiner Entscheidung Zeit.

Seine Frau braucht länger. Es waren Menschen aus dem anderen Teil des nun einen Landes, die ihnen halfen. Immer wieder fällt der Name Kurt Briest, Polizeiseelsorger aus Hannover. Er wurde ihnen zum Freund. Briest ermutigte und stärkte ihn und nahm auch seiner Frau die Aversionen gegen den neuen Schritt ihres Mannes. Ob ihr Ja zu seinem Berufsweg für sie auch Aussöhnung mit dem alten Regime war? Eberhard Dutschmann flüstert: »Vielleicht.«
Er fühlte sich trotz aller Fremdheit von Anfang an angenommen. Die Verbundenheit mit den Polizisten nennt er eine »Solidarität der Unsicheren«. Und er lernt, hinter die alten Fronten zu schauen, sieht jetzt auch den Zweifel der Polizisten an und mit dem alten Staat. Und erfährt deren Erleichterung über ein Gegenüber, das nicht zur Hierarchie gehört, das an das Beichtgeheimnis gebunden ist, das vorurteilslos hinhört. Nach einem Gottesdienst Silvester 1991, seit Advent ist Dutschmann offiziell Polizeipfarrer, kommt ein Polizist zu ihm. Umarmt ihn und sagt: »Endlich mal wieder in der Kirche.«

Mit Franz Masser kommt 1991 aus dem Westen ein neuer Polizeipräsident. »Der olle Kommiss-Kopp«, wie Dutschmann ihn in liebevoller Zuneigung nennt. Eines Nachts kommt es zu einem Einsatz: Ein Beamter hat einen Einbrecher erschossen. Franz Masser nimmt Dutschmann mit und stellt ihn dem Schützen vor, bereitet die Bahn: »Mit dem da können Sie reden. Alles, was Sie sagen, bleibt geheim.« Noch heute ruft Masser manchmal in Dessau an: »Na, Dutschmann? War eine gute Zeit damals, was?« Der Nicht-Christ Masser macht es dem Pfarrer leicht, bei der Polizei zu wurzeln.

Zur Nagelprobe kommt es, als er Anfang 1992 in den Personalausschuss berufen wird. Dort muss er mitentscheiden, wer wegen Verflechtungen mit der Stasi untragbar ist. Eine Versuchung der Macht? »Gefährlich war der Gedanke: Jetzt kann ich es den Stasi-Leuten heimzahlen.« Er widersteht, hört hin, spürt die Nuancen. Eines Abends sieht er im Fernsehen eine Dokumentation über den Herbst 1989. Er meint, einen Polizisten aus Dessau zu sehen, wie er auf Demonstranten einprügelt. Er ist sich zu 99 Prozent sicher. Aber er hört auf das zweifelnde eine Prozent, fährt nach Leipzig, recherchiert. Er hatte sich geirrt.

»Wissen Sie«, fragt Eberhard Dutschmann am Ende des Gesprächs, »wie ich den Artikel überschreiben würde? Unbegreifliches Vertrauen.« Wieso das? »Weil es mir noch heute unbegreiflich ist, wie wir, Polizei und Pfarrer, uns gegenseitig vertrauen konnten. Damals.«

Stefan Körner