Die Antipoden der Reformation

25. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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»Vom Lärm der Welt oder Offenbarung des Thomas Müntzer« – Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Dualität und die Widersprüche von Thomas Müntzer und Martin Luther sind nicht nur historischer, sondern auch gegenwärtiger Zündstoff. Daran knüpft im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) das Dramaturgenteam von Beate Seidel und Hans-Georg Wegner an. Die Produktion »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« bildet den Auftakt eines Zyklus spartenübergreifender Inszenierungen, der sich unter der Überschrift »Existenz-Resistenz« in den kommenden Spielzeiten mit Eckpunkten deutscher Geschichte in Verbindung zu konkreter Weimarer Stadthistorie beschäftigen wird, erläutert Dramaturgin Beate Seidel. Dramaturg Hans-Georg Wegner fügt an, vor allem das theologische Thema von Luthers »Zwei Reiche Lehre« habe für den Kompositionsauftrag ein zentrale Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein neuartiges Stück, das vor allem mit den Elementen des Theaters spielt. Da mischen sich Oper und Schauspiel, aber auch Popelemente.

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Bei der Probe des Stückes »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« am Deutschen Nationaltheater Weimar. Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Inhaltlich wird gezeigt, wie Martin Luther und Thomas Müntzer die beiden Antipoden der Reformation sind. Sie sind die Protagonisten des eigens für diese Produktion entstandenen Textes des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert. Der eine setzt auf Reformen, ohne dass das soziale Gefüge zerstört würde, der andere will die Zerstörung, um grundsätzlich neu anfangen zu können, so sieht es Dramaturg Hans-Georg Wegner.

Collagenartig folgt das Stück den Spuren der Umwälzbewegungen im 16. Jahrhundert und spiegelt deren weitreichende Folgen bis in die Gegenwart. 1525 fragt ein Junge am Grab seines im Bauernkrieg gefallenen Vaters nach dem Zweck seines Sterbens.

Ein zum Islam konvertierter deutscher Dschihadist fragt, was für Zeichen unsere Welt aus den Angeln heben kann und stellt einen Rucksack in den belebten Bahnhof einer deutschen Großstadt. Und drei Dämonen wandeln durch die Geschichte. Beobachtet wird dies alles von einer jungen Frau, die sich die Frage stellt: Darf Frau in dieser Welt einem Kind das Leben schenken?

Hasko Weber, Intendant des DNT Weimar, übernimmt die Inszenierung. Die Musik stammt aus der Feder des mehrfach mit dem Echo Klassik ausgezeichneten Komponisten und Musikproduzenten Sven Helbig, der sich mit Cross-over-Projekten von Orchester- und elektronischer Musik einen Namen gemacht hat.

Sven Helbig ist aufgewachsen in Eisenhüttenstadt und er entdeckt die klassische Musik als Kind eher zufällig. Nach dem Musikstudium in Dresden zieht Sven Helbig nach New York. Der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule »Carl-Maria von Weber« führt ihn zurück. Hier komponiert er das Chorwerk »Da wird auch dein Herz sein« für 250 000 Stimmen zum Kirchentag 2011.

Das Libretto hat Christian Lehnert getextet. Er studierte Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und an der Humboldt-Universität Berlin und wirkte von 2000 bis 2008 als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Seit 2008 ist Christian Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Wittenberg. Im Juni 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

Es singen und spielen Steffi Lehmann, Birgit Unterweger, Jörn Eichler, Christoph Heckel, Bastian Heidenreich, Robert Huschenbett, Bjørn Waag, Michael Wächter, der Opernchor des DNT Weimar und die Staatskapelle Weimar. Die musikalische Leitung hat Stefan Solyom. Dieses Stück ist ein Beitrag zur Lutherdekade.

Thomas Janda

Das Stück »Vom Lärm der Welt oder die Offenbarung des Thomas Müntzer« wird am 28. März, 19.30 Uhr im Deutschen Na­tionaltheater Weimar uraufgeführt. Weitere Termine: 30. März, 5., 10. und 17. April jeweils 19.30 Uhr.

www.nationaltheater-weimar.de

Neue Kirchen in Maos Land

24. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kommentar: Haben die Christen in Deutschland die Erhörung ihrer Gebete für China verpasst?

Christsein in China – das assoziieren viele immer noch mit grausamer Verfolgung und Umerziehungslagern. Doch die Realität ist
inzwischen glücklicherweise vielschichtiger.

Seit Jahrzehnten wird in Gemeinden und Gebetskreisen in Deutschland treu für die Christen in China gebetet – das ist gut so! Doch was ich in China erlebe und sehe, überzeugt mich davon, dass unsere Gebete erhört worden sind. Leider kommt diese glückliche Information nur spärlich in Deutschland an oder wird misstrauisch abgelehnt.

Wolkenkratzer und Kirchenkreuz: Die Chong-Yi-Kirche in Hangzhou bei Shanghai wurde erst 2005 erbaut. Trotz ihrer rund 5 000 Sitzplätze müssen sonntags drei Gottesdienste hintereinander gefeiert werden.

Wolkenkratzer und Kirchenkreuz: Die Chong-Yi-Kirche in Hangzhou bei Shanghai wurde erst 2005 erbaut. Trotz ihrer rund 5 000 Sitzplätze müssen sonntags drei Gottesdienste hintereinander gefeiert werden.

Ein paar Tatsachen: Die Zahl der Christen ist seit 1980 von circa fünf Millionen auf schätzungsweise 80 bis 100 Millionen angewachsen. Die offizielle, staatlich registrierte Drei-Selbst-Kirche hat viele neue Freiheiten. Die Gottesdienste sind so gefragt, dass oft drei bis fünf Gottesdienste pro Sonntag angeboten werden müssen.

Glaubenskurse und Bibelstunden werden innerhalb der Woche regelmäßig besucht. Wenn Weihnachten und Ostern Taufgottesdienst gefeiert wird, dann sind es oft Hunderte, die sich nach absolviertem Taufunterricht nun öffentlich zu Jesus und zur Kirche bekennen. Die Christen können ihre Kirchen nicht nur wieder nutzen, sondern auch erstaunlich große Kirchen neu bauen. Pro Tag – so die Aussage des Christenrates – werden fünf neue Gemeinden gegründet und drei Kirchenräume in Betrieb genommen.

Eigentlich ist religiöse Erziehung für Kinder verboten, doch in allen Gottesdiensten in Chinas Kirchen gehören Kinder selbstverständlich dazu. Es gibt Kindergottesdienste sowie Angebote der Jugendarbeit. Fotos: Albrecht Kaul

Eigentlich ist religiöse Erziehung für Kinder verboten, doch in allen Gottesdiensten in Chinas Kirchen gehören Kinder selbstverständlich dazu. Es gibt Kindergottesdienste sowie Angebote der Jugendarbeit. Fotos: Albrecht Kaul

Wenn man quer durch China fährt, entdeckt man auch in modernen Satellitenstädten immer wieder Kirchtürme mit einem weit sichtbaren Kreuz. Obwohl religiöse Erziehung erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt ist, haben die Kirchen eine interessante Jugendarbeit und bieten sonntags Kindergottesdienste mit zum Teil Hunderten von Kindern. In Nanjing steht die Bibeldruckerei der Amity-Stiftung – es ist die größte Bibeldruckerei der Welt – die monatlich eine Million Bibeln druckt.

Aber auch die nicht registrierten Hauskirchen schießen immer noch wie Pilze aus dem Boden. In den Städten sind es eher die Studenten und wirtschaftlich gut gestellten Chinesen, die sich in diesen Gruppen versammeln. Auf dem Land meist die einfache Bevölkerung, die im Glauben an Jesus Christus eine Alternative zu ihren enttäuschten kommunistischen Hoffnungen sieht. Diese Gruppen werden zwar beargwöhnt und beobachtet, aber nicht mehr generell verfolgt. Zwar hört man von einzelnen Inhaftierungen von Hauskreisleitern, aber dies ist nicht mehr die allgemeine Praxis. Auch wenn jede Verhaftung eine zu viel ist!

Der Staat hat erkannt, dass die Christen die Gesellschaft stabilisieren und zur Harmonie – dem großen gesellschaftlichen Thema – im Lande beitragen. Der unabhängige »Christliche Verein Junger Menschen« (YMCA/CVJM) arbeitet in zehn Großstädten und macht wie viele christliche Gemeinden eine erstaunliche soziale Arbeit. Auch dies wird vom Staat sehr positiv gesehen und anerkannt. Die katholischen Christen, die den Anschluss an Rom nicht aufgeben wollen, haben demgegenüber viel größere Schwierigkeiten. Bischöfe und Pastoren, die nicht linientreu sind, müssen mit Hausarrest oder Inhaftierung rechnen.

Albrecht Kaul war Landesjugendwart des sächsischen Jungmännerwerkes und ist derzeit China-Beauftragter des CVJM in Deutschland.

Albrecht Kaul war Landesjugendwart des sächsischen Jungmännerwerkes und ist derzeit China-Beauftragter des CVJM in Deutschland.

Unter dem Strich kann man aber dankbar feststellen, dass die Zeit der brutalen und polizeilich organisierten Verfolgung der Christen in China wirklich vorbei ist. Auch die Hilfsorganisation »Open Doors« stuft in der weltweiten Rankingliste der verfolgten Christen China inzwischen auf Platz 37 ein – hinter Jordanien, Indien und Tansania!

Brauchen wir also nicht mehr für China zu beten? Natürlich sollten wir für China beten – zuerst mit Dank für Gottes wunderbares Handeln. Zugleich sollten wir beten, dass die gewonnenen Freiheiten nicht zurückgenommen werden und dass die Begeisterung am christlichen Glauben überspringt auf ganz Asien und bis zu uns nach Deutschland. Auch sollten wir beten, dass der zunehmende Wohlstand in China den Menschen nicht die Augen verblendet, sondern ihnen nichts wichtiger wird als das Glück, bei Jesus zu sein. Und weil unsere Gebete erhört worden sind, lasst uns umso intensiver für Nord-Korea und die Christen in muslimischen Ländern beten!

Albrecht Kaul

Wo Glauben ist, ist Hoffnung und Mut

24. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Gespräch über neue Aspekte von Glauben, Krankheit und Heilung

Welche Bedeutung kann christliche Spiritualität im Heilen und Begleiten von Menschen spielen? Über diese und andere Fragen sprach Harald Mallas mit dem Psychologen Dr. Michael Utsch.

Herr Utsch, hat die Kirche das Thema Glauben und Gesundheit zu sehr vernachlässigt?
Utsch:
Eindeutig Ja. Wie ist Jesus in Erscheinung getreten? Als Geschichtenerzähler und als jemand, der Kranke gesund gemacht hat. Im Missionsbefehl trägt er seinen Jüngerinnen und Jüngern auf: Bringt das Evangelium und macht Kranke gesund. Die Kirche hat also einen klaren Heilungsauftrag. Das hat sich in der Geschichte niedergeschlagen: Die ersten Krankenhäuser sind innerhalb von Klostermauern entstanden. Die ersten Krankenschwestern waren religiös motivierte Frauen.

Michael Utsch. Foto: privat

Michael Utsch. Foto: privat

Aber irgendwann wurde das Thema Gesundheit der christlichen Gemeinde aus der Hand genommen …
Utsch:
Das hat sicher etwas mit der Aufklärung zu tun und dem wissenschaftlichen Fortschritt. Der kranke Mensch als ganzheitliche Person geriet aus dem Blick. Doch die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit ist geblieben. In der ganzen alternativen Medizin spielen Zuwendung, Aufmerksamkeit und das Soziale eine große Rolle. Die Alternativmedizin arbeitet viel mit Ritualen, Symbolen, mit Gemeinschaft. Das sind ureigenste Schätze christlichen Glaubens, die durch erfahrungsarme und kopflastige Gottesdienste verloren gegangen sind.

Entdeckt die Medizin den Zusammenhang von Körper und Seele neu?
Utsch:
Ja, denn es ist wissenschaftlich erwiesen: Wenn liebevolle Zuwendung, wenn seelische Bedürfnisse mit in einen Behandlungsprozess einbezogen werden, erzielt das bessere Gesundungs- und Heilungsergebnisse. Die geistlich-spirituellen Bedürfnisse von Kranken wurden lange in einer naturwissenschaftlich verengten Medizin vernachlässigt. Doch da ist ein Wandel zu beobachten.

Welche Auswirkungen kann der Glaube auf die Gesundheit eines Menschen haben?
Utsch:
Der Glaube kann Hoffnung stiften und Zuversicht und Mut. Er darf nicht verstanden werden als eine Wunderdroge, die alle bestehenden Medikamente toppen könnte. Der Glaube kann zu einer Einstellungsveränderung helfen, einer inneren Gelassenheit auch angesichts eines Schicksals, dass wir ja nicht beeinflussen können.

Ein Freund/eine Freundin ist schwer erkrankt. Soll ich für ihn/sie beten? Und was kann ich beten?
Utsch:
Ja, ich sollte auf jeden Fall für ihn/für sie beten und sein/ihr Schicksal in Gottes Hand legen. Und Gott auch darum bitten, dass er Heilung schenken möge oder Verbesserung. Wir sollen es wie der betende Jesus machen. Er lässt seinen Gefühlen freien Lauf und richtet seine Wünsche deutlich an Gott. Aber dann auch sagen: Herr, dein Wille geschehe. Also am Ende dem Schöpfer überlassen, die Zeit zu bestimmen, wann dieser Lebensabschnitt eines Menschen zu Ende ist und ein anderer Abschnitt beginnt.

Der christliche Gesundheitskongress ist wesentlich angeschoben von Christen aus dem charismatischen Raum. Warum tun sich die Kirchen mit der charismatischen Sicht von Krankheit und Heilung schwer?
Utsch:
Es gab und gibt immer noch theologische Irrtümer, die in der Szene grassieren. Etwa die Haltung, dass Heilung für alle der Wunsch Gottes ist, und deshalb jeder der krank ist, im Verdacht steht nicht richtig zu beten. Es wurden Heilsversprechen gemacht, mit der richtigen Gebetstechnik, mit der Intensität des Betens könne man Heilung erzwingen. Da ist die evangelikal-charismatische Szene aber deutlich selbstkritischer geworden, durchaus auch aus einer Anerkennung der medizinischen und wissenschaftlichen Leistungen heraus, aber auch einer durchdachteren Theologie.

Wo sehen Sie Entwicklungen in den Kirchen?
Utsch:
Segensangebote, Segnungsgottesdienste oder Angebote sich salben oder für sich beten zu lassen, nehmen zu. Auch das Angebot der Beichte wird wieder häufiger und selbstbewusster angeboten. Gerade in solchen Zeichenhandlungen und dem Beichtgespräch wird der Heilungszuspruch auch konkret. Man bekommt eine spürbare Erfahrung mit auf denWeg, durch die sich häufig im Erleben und Verhalten etwas verändert. Oder Kirchengemeinden überlegen: Was gibt es für Pflegeeinrichtungen in unserem Umfeld? Können wir den Menschen dort als Gemeinde etwas Gutes tun? Wir haben den Auftrag, uns um Kranke zu kümmern.

»Heilen und begleiten – Zukunft gestalten« lautet das Motto des 4. Christlichen Gesundheitskongresses vom 27. bis 29. März in Bielefeld. Michael Utsch, Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, ist Referent auf dem Kongress.

www.christlicher-gesundheitskongress.de

Mit der Bibel gegen die Wölfe

23. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wölfe: Nach theologischer Schützenhilfe zur Ausrottung sorgt sich die Kirche nun um den Artenschutz

Erstmals nach 200 Jahren ist in Thüringen wieder ein Wolf aufgetaucht. Nachdem die Tiere einst auch mit biblischem Beistand ausgerottet wurden, sorgt sich die Kirche nun um ihre Rückkehr und um den Artenschutz.

Ein einzelner Wolf allein macht noch kein Rudel. Und der scheue Vierbeiner, der im Herbst bei Jena als erster nach mehr als 200 Jahren in Thüringen in eine Fotofalle tappte, ist wahrscheinlich längst über alle Berge. Doch nach Einschätzung von Fachleuten sind die ausgedehnten Wälder im Freistaat für Wölfe mehr als nur ein Durchzugsgebiet. Immerhin lebten sie dort über Jahrhunderte, bevor im 17. Jahrhundert die Ausrottung begann.

Ob Rotkäppchen oder die sieben Geißlein: Der Wolf erscheint als Verkörperung alles Bösen. Eine Illustration der US-amerikanischen Illustratorin Jessie Willcox Smith. Repro: ClassicStock/akg-images/Nawrocki

Ob Rotkäppchen oder die sieben Geißlein: Der Wolf erscheint als Verkörperung alles Bösen. Eine Illustration der US-amerikanischen Illustratorin Jessie Willcox Smith. Repro: ClassicStock/akg-images/Nawrocki

Als ausgestorben gelten Wölfe in Thüringen seit 1804. Aber auch Superintendentin Beate Marwede vom Südthüringer Kirchenkreis Meiningen ist überzeugt, dass die Tiere früher oder später in den Thüringer Wald zurückkehren werden: »In unserem Lebenskreis gehört der Wolf dazu.« Deshalb hat die evangelische Theologin ihre Kirche in der Kreisstadt für ein Podium geöffnet, das Ängste und Vorurteile überwinden helfen soll.

Die Gesprächspartner kommen vom Naturschutz, aber auch aus der Jägerschaft. Ihnen allen gehe es vor allem um eine Versachlichung der Diskussion, sagt die Superintendentin. Über Generationen von Märchenerzählern sei immer wieder das Bild vom »bösen Wolf« gezeichnet worden, das überwunden werden müsse. Mythologisch reichen die Ängste zurück bis zum nordischen Fenriswolf, der Ausgeburt des Bösen schlechthin.

Umso nachdrücklicher wurden einst die Wölfe nicht nur mit der Flinte ausgerottet, sondern auch mit der Bibel in der Hand. Der Gothaer Herzog Ernst der Fromme (1601–1675) begründete 1656 systematische Feldzüge gegen den Wolf in seinem protestantischen Musterstaat am Thüringer Wald mit einer Verordnung zur »allgemeinen Verfolgung der schädlichen Raubtiere der Wölfe«. Geistliches Rüstzeug dafür waren einschlägige Bibelverse wie die gängige Metapher vom Wolf im Schafspelz.

Weitere Stichworte boten Nachschlagewerke wie ein dreiteiliger »Neuwer Wunderbarlicher Thiergarten« von 1601, der anhand von Bibelstellen eine »Theologie der Tiere« entwickelte. Danach galt der »Hellische Wolf«, der nachts »und mit großer Behendigkeit um den Schafstall« schleicht, zugleich als Metapher für Gottlose und Verfolger des Glaubens.

Solche und andere Argumente gegen Wölfe seien selbstredend seit langem überholt, sagt Superintendentin Marwede. Längst habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die streng geschützten Tiere hauptsächlich von Rehen, Hirschen und Wildschweinen ernähren. Und dass sie sehr anpassungsfähig sind, aber auch menschenscheu. Deshalb ist ein lebendes Exemplar in freier Wildbahn äußerst selten anzutreffen. Was bleibt, sind Fotos von elektronischen Wildkameras und Spuren in der Landschaft.

Dennoch können Angriffe auf Nutztiere wie Schafe nicht ausgeschlossen werden – besonders wenn kaum geschützte Tiere für Wölfe zur leichten Beute werden. Entsprechend groß sind die Befürchtungen von Schäfern und anderen Tierhaltern. Diese Sorgen müssten erst genommen werden, sagt die Theologin. Für die staatliche Förderung von Schutzmaßnahmen und Entschädigungen im Schadensfall gibt es in Thüringen ähnlich wie in anderen Bundesländern einen Managementplan.

Superintendentin Marwede indes sieht in ihrem Engagement ein Stück kirchlicher Verantwortung: »Die Wölfe sind ein Teil der Schöpfung, und es gehört zu unserem Auftrag, sie zu bewahren.«

Thomas Bickelhaupt (epd)

Hurra, der Wolf kommt?

Liest man die Veröffentlichungen von Naturschutzverbänden oder auch manche kirchliche Äußerung zum Thema Wolf, dann scheint allenthalben eitel Freude über die Wiederansiedlung des Wildtieres in Deutschland zu herrschen. Dennoch gibt es Menschen, welche seine Wiederkehr in unsere Landschaft, die ja schon lange keine Natur- sondern eine Kulturlandschaft ist, zumindest mit Skepsis sehen.

Zu ihnen gehört Arno Rudolph, seines Zeichens Zuchtleiter im Landesverband Thüringer Schafzüchter. Er hat in den vergangenen Jahren aktiv die Ausarbeitung des Managementplanes mit seinen Entschädigungsregeln für Thüringen betrieben. Denn kommt es zur dauerhaften Wolfsansiedlung im Freistaat, werden wie in anderen Bundesländern Tierverluste nicht ausbleiben. Bei sechs- bis siebentausend Euro Wert eines Schafes ist das kein Pappenstiel für betroffene Schafhalter und Züchter.

Völlig offen aber ist nach Rudolphs Aussage die Regulierung aller weiteren Schäden. Denn reißt ein Wolf ein Schaf, kommt es schnell zu einer Panikreaktion der gesamten Herde. Die Folge kann eine »Verlammung«, also eine Fehl- bzw. Totgeburt bei Mutterschafen sein. Gleiches betreffe auch Pferde oder Rinderherden. »Oder«, fragt der Zuchtleiter, »was ist, wenn eine Herde ausbricht und in Panik auf eine Straße, einen Bahndamm oder gar wie vor einigen Jahren in Hessen in den Tunnel einer ICE-Strecke rennt?« Diese Schäden sind derzeit unversicherbar. Auf ihnen, so die Befürchtung, bleiben die Tierhalter sitzen.

Und auch Herdenschutzhunde, deren Anschaffung und Ausbildung die Tierhalter tragen müssen, sind nicht immer der Weisheit letzter Schluss. In der Schweiz häufen sich inzwischen die Fälle, in denen diese ihre Herden nicht nur gegen Wölfe, sondern auch gegen Wanderer und besonders deren mitgeführte Hunde verteidigen. Für ein Land, dass sich den sanften Tourismus auf die Fahnen geschrieben hat, ein durchaus ernstes Problem.

Harald Krille

Hoffnung auf die Mittelschicht

18. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Seit Jahren herrscht der ANC unangefochten im Land – und zugleich wachsen seit Jahren die Probleme

Am Kap der Guten Hoffnung sieht längst nicht alles hoffnungsvoll aus. Der frühere thüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid lebten ein halbes Jahr in Südafrika. Harald Krille sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen.


Frau Mikosch, Herr Mikosch, was ist Ihr Eindruck – hat der Versöhnungsprozess nach dem Ende der Apartheid zu einer Aussöhnung der Gesellschaft Südafrikas geführt?
Hans Mikosch:
Ja und nein zugleich. Ja, weil es in Südafrika zu keinem Bürgerkrieg gekommen ist, obwohl die Zeichen auf Rache standen. Durch die Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen zur Aufarbeitung politischer Verbrechen während der Apartheid standen sich Menschen Auge in Auge gegenüber. Und da war es möglich, in Einzelfällen Vergebung zu gewähren. In der Gesamtgesellschaft scheint es mir noch ein weiter Weg zu sein. Weil im Augenblick der Weg umgekehrt gegangen wird: Schwarze haben überall Vortritt, vor allem auch schwarze Frauen. Von daher herrscht die große Sorge, dass dann junge Weiße ins Ausland abwandern.

Manche sprechen im Blick auf Südafrika ja sogar schon von einer umgekehrten Apartheid …
Adelheid Mikosch:
Das würde ich auch so sehen. In der lutherischen Gemeinde beispielsweise, in der wir lebten und arbeiteten, gab es drei Gottesdienste: Einen für die Deutschsprachigen, die zumeist auch deutschstämmig sind, einen für die aus holländischem Hintergrund stammende Gruppe, die Afrikaans spricht und sich als die eigentlichen Südafrikaner versteht, und einen englischsprachigen Gottesdienst, zu dem vor allem die schwarzen Gemeindemitglieder kommen. Ein gelegentlicher gemeinsamer Gottesdienst, an dem dann aus jeder Gruppe wenigstens ein kleiner Teil teilnimmt, ist schon ein großer Erfolg der Integration. Ich habe gespürt, dass die Verletzungen auf beiden Seiten so stark sind, dass es wohl mehrere Generationen dauern wird, bis man sich vorurteilsfrei gegenübertreten kann.

Hans Mikosch: Allerdings ist der Begriff Apartheid dafür zu scharf. Denn dabei ging es ja um die leider auch von manchen weißen Theologinnen und Theologen genährte Überzeugung, wonach die Schwarzen minderwertige Menschen seien. Heute haben alle Menschen in Südafrika gleiche Rechte.

Der im Ruhestand befindliche frühere ostthüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid arbeiteten im Rahmen eines EKD-Studienprojektes ein halbes Jahr gemeinsam auf einer Pfarrstelle in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Foto: Harald Krille

Der im Ruhestand befindliche frühere ostthüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid arbeiteten im Rahmen eines EKD-Studienprojektes ein halbes Jahr gemeinsam auf einer Pfarrstelle in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Foto: Harald Krille

Südafrika galt ja lange als der Motor für wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Wie sieht es aktuell aus?
Hans Mikosch:
Südafrika gehört dem Zusammenschluss aufsteigender Volkswirtschaften, den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), an. Praktisch orientiert man sich am chinesischen Weg: Die Wirtschaft funktioniert auf absolut kapitalistische Weise. Was dazu führt, dass es eine immer größere Schere zwischen Arm und Reich unter Schwarzen wie Weißen gibt. Und es existiert eine führende Partei, der ANC, in dem man Mitglied sein muss, um Karriere im Lande zu machen. Zudem spielt die Korruption eine große Rolle und schädigt massiv die Wirtschaft. Ich denke, die Zukunft liegt bei der schwarzen Mittelschicht. Sie muss darauf hinwirken, dass innerhalb des ANC Kräfte an die Macht kommen, die nicht nur rückwärtsgewandt auf die Befreiung von der Apartheid verweisen, sondern dafür sorgen, dass alle Menschen Arbeit und Zukunftsperspektiven finden.

Mittelschicht hat viel mit Bildung zu tun. Südafrika investiert seit Jahren mehr als ein Drittel seines Haushaltes in diesen Bereich und steht damit an erster Stelle aller afrikanischen Länder. Doch im praktischen Ergebnis liegt es nur auf dem 49. Platz.
Adelheid Mikosch:
Es herrscht eine unglaubliche Misswirtschaft. Da werden neue Schulen in abgelegenen Gebieten gebaut. Die Kinder laufen dann stundenlang, um dorthin zu kommen. Und haben sie den weiten Weg in die Schule endlich geschafft, finden sie oft Unterrichtsmittel und Bücher in einer anderen Stammessprache vor, weil die Verteilung falschgelaufen ist. Alle Arbeitsmittel sind vorhanden, aber sie kommen erst, wenn ein halbes Schuljahr vergangen ist.

Hans Mikosch: Dazu kommt, dass Kinder häufig durch die Lehrerinnen und Lehrer sexuell missbraucht werden. Auf der anderen Seite werden Lehrer schlecht bezahlt und streiken im Jahresschnitt an etwa 22 Tagen. Viele haben ein zweites Arbeitsverhältnis. Sie geben den Schülern dann keine Hausarbeiten auf, weil sie keine Zeit zur Korrektur haben.

Adelheid Mikosch: Allerdings gibt es viele Privatschulen, in Pretoria etwa auch die Deutsche Schule. An der sind mittlerweile rund 70 Prozent der Schüler und Schülerinnen schwarz. Das ist die wachsende Mittelschicht.

Welche Rolle spielen die Kirchen in der gesellschaftlichen Situation?
Hans Mikosch:
Wir mussten feststellen, dass es allein in den Großräumen Durban und Johannesburg ca. 2 000 verschiedene selbstständige Kirchen und Gemeinschaften gibt. Eine Kirchengemeinschaft wie bei uns etwa auf der Basis der Leuenberger Konkordie ist ein völliges Fremdwort, selbst unter protestantischen Kirchen. Man sieht die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die noch lange nicht erreichte Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß, aber man ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Können die deutschen Kirchen in dieser Situation helfen?
Hans Mikosch:
Ganz praktisch könnten wir »Amtshilfe« in einigen Bereichen leisten. Aber wir sollten uns davor hüten, unsere Kirchen- und Gemeindevorstellungen zu übertragen. Man ist dankbar für die Hilfe aus Deutschland, aber man möchte nicht bevormundet sein.

Adelheid Mikosch: Vor allem sollten wir auf Urteile aus der Ferne verzichten. Wir können stattdessen das Land und seine Kirchen besuchen und die Meinungen der Menschen dort hören. Und dann können wir vielleicht punktuell helfen. Ich denke da besonders an Projekte im diakonischen und sozialen Bereich.

»So hätte es Jesus sagen können«

18. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Prominente erzählen, wann sie sich in Gottes Nähe fühlen

Gott nahekommen – das können ­Menschen auf verschiedene Weise. Evangelisch.de hat namhafte Zeitgenossen zur Jahreslosung 2014 befragt. Diese lautet: »Gott nahe zu sein ist mein Glück.« Prominente erzählen, wann sie sich Gott nahe fühlen und wie man ihrer Meinung nach Gott ­nahekommt.

Nele Neuhaus. Foto: Felix Brüggemann

Nele Neuhaus. Foto: Felix Brüggemann

Die Schriftstellerin Nele Neuhaus sagt: »In meinem Leben gab es schon viele Höhen und Tiefen. Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus sind christliche Werte wie Nächstenliebe, Demut und Dankbarkeit das Fundament meines Lebens. Seitdem ich denken kann, spüre ich Gott an meiner Seite – in der Krise wie auch im Glück. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht Zwiesprache mit Gott halte und ihm danke für kleine und große Dinge. Es gibt allerdings Momente, in denen ich die Nähe zu Gott durch seine Schöpfung besonders intensiv empfinde, wie ein tiefes, ruhiges Glücks­gefühl. ›Er erquicket meine Seele‹, (Psalm 23,3), heißt es in meinem Lieblingspsalm. Aber auch in schweren Zeiten ist mein Vertrauen in Gott mein sicheres Geländer. ›Und ob ich schon wanderte im finstren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir‹. (Psalm 23,4) Besser kann ich es nicht ausdrücken.«

Nele Neuhaus, Bestsellerautorin aus dem Vordertaunus, ist vor allem mit ihren Kriminalromanen wie »Eine unbeliebte Frau« und »Schneewittchen muss sterben« bekannt geworden. Mehrere ihrer Bücher wurden verfilmt. Außerdem schreibt sie auch Jugendbücher und hat eine Stiftung, mit der sie Projekte zur Lese-, Schreib- und Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen fördert. Ihr nächstes Buch »Sommer der Wahrheit« – diesmal kein Krimi – veröffentlicht sie im Juni 2014 unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg.

Werner Tiki Küstenmacher. Foto: Wikipedia

Werner Tiki Küstenmacher. Foto: Wikipedia

Der Theologe und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher beschreibt seinen Glauben so: »Gott ist Mensch geworden. Das ist für mich der zentrale Inhalt unseres Glaubens. Deshalb denke ich mir manchmal bei Menschen (und das können natürlich auch Frauen sein): Ja, genau so hätte es Jesus sagen oder tun können. Dann fühle ich mich Gott nahe.«

Werner »Tiki« Küstenmacher ist evangelisch-lu­therischer Pfarrer und seit 1993 freiberuflicher Autor, Karikaturist und Moderator. Sein erfolgreichstes Buch, »Simplify Your Life«, erreichte mit über 40 internationalen Ausgaben eine Auflage von über vier Millionen.

Die irisch-amerikanische Sängerin Maite Kelly berichtet: »Ich glaube, am besten beschreiben kann ich es anhand der Geburt meiner beiden Töchter. Jedes Mal, als ich das Kind zum ersten Mal im Arm hielt und der erste Blickaustausch stattfand, blieb für mich die Zeit stehen. Das sind Momente, die man nie vergisst. Immer, wenn ich besondere zwischenmenschliche Begegnungen erleben kann, merke ich, dass ich mich in dieser Situation Gott nahe fühle. Es sind Augenblicke im Alltag, wenn mir die Bäckereiverkäuferin zuzwinkert und alles Gute wünscht. Eine liebevolle Geste oder ein ermutigender Spruch, das sind Momente, in denen ich mich Gott nah fühle.

Maite Kelly. Foto: Pressefoto

Maite Kelly. Foto: Pressefoto

Ihr Tipp, wie man Gott nahekommen kann: Als ich den Glauben in der katholischen Kirche für mich gefunden habe, habe ich gemerkt, dass Gott nicht viel von mir verlangt. Er erbittet nur eines: dass ich versuche, ein bisschen besser und ein bisschen mehr zu lieben. Ich merke, wenn mir das etwas besser gelingt, dass ich ihm damit nah bin.

Er ist eigentlich immer bei mir und mir immer nah. Die Frage ist meistens, bin ich ihm nah?
Ich glaube, indem man nah an den Mitmenschen ist, ist man nah bei Gott. Das ist der beste Weg, Gott nah zu sein und ihn zu lieben.«

Maite Kelly ist das zweitjüngste Kind der Kelly Family. Seit 2007 ist sie erfolgreich mit Soloprogrammen und als Musical-Sängerin unterwegs. Im letzten Jahr erschien ihr drittes Soloalbum »Wie ich bin«.

www.evangelisch.de

Der Kirche stirbt die Mitte aus

17. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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EKD legt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung liegt vor

Der evangelischen Kirche schmilzt die Mitte weg: Immer mehr Kirchenmitglieder sind entweder hoch engagiert oder völlig desinteressiert. Das ist ein Ergebnis der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die deren Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am Donnerstag der vergangenen Woche in Berlin vorstellte.

»Während Religion im Alltag der Befragten häufig keine oder zumindest keine profilierte Rolle spielt, verhalten sie sich an bestimmten, zum Beispiel biografisch bedeutsamen Punkten der Kirche gegenüber sehr engagiert«, heißt es in der Studie. Will heißen: Kirchliche Amtshandlungen an den Wendepunkten des Lebens stehen durchaus hoch im Kurs. Für die Studie wurden 2016 evangelische Kirchenmitglieder, 565 aus einer evangelischen Landeskirche ausgetretene Konfessionslose und 446 Konfessionslose, die noch nie einer Religion angehört haben, befragt.

Der Untersuchung zufolge fühlen sich 15 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Kirche »sehr verbunden«. 1992 waren das noch elf Prozent. »Überhaupt nicht verbunden« fühlten sich dagegen 14 Prozent der Kirchenmitglieder. 1992 waren das noch neun Prozent. »Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt«, sagte Schneider.

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte  Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Zwar bewertete es Schneider als Erfolg, dass 75 Prozent der Kirchenmitglieder einen evangelischen Pfarrer wenigstens dem Namen nach kannten. Doch umgekehrt sagt die Untersuchung eben auch: 25 Prozent der Kirchensteuerzahler wissen nicht einmal, wie ihr Pfarrer heißt. Insgesamt macht die Studie Abschmelzungsprozesse deutlich, die den Verantwortlichen in den Landeskirchen massive Sorgenfalten in die Stirn treiben müssen. So wird ersichtlich, dass die Mitgliedschaft in der Kirche längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Konfessionslosigkeit ist im Westen wie im Osten mittlerweile »mindestens genauso normal wie Kirchenmitgliedschaft, wenn nicht normaler«.

Dazu passt ein weiterer Trend: Der Wechsel der Religion ins Private. Denn über Gott und den Glauben, das Sterben und den Sinn des Lebens reden die meisten Befragten nur mit wenigen Bezugspersonen aus ihrem engen Lebensumfeld: Auf die Frage, mit wem man über religiöse Themen spreche, antworteten 78 Prozent der befragten Kirchenmitglieder »mit dem Ehepartner«, 53 Prozent »mit der Familie« und nur 21 Prozent »mit kirchlichen Mitarbeitenden«. Der Ehepartner und die Familie gehören zur Religion also dazu. Der Pfarrer hingegen eher nicht.

Deutlich wird auch, wo die Stärke der evangelischen Kirche ist: Am meisten verbunden sind die Mitglieder mit ihrer Kirche über Gottesdienste und Kasualien, also Taufen, Trauungen, Bestattungen und ähnliches. Öffentliche Äußerungen der Kirchen werden wahrgenommen, wenn es sich dabei um Themen an der Grenze zwischen Leben und Tod, etwa bei Sterbehilfe oder Bioethik handelt.

Nur wenige Hochverbundene halten es dagegen für wichtig, dass sich die Kirche zu politischen Grundsatzfragen äußert. Menschen, die der Kirche nur wenig verbunden sind, lehnen dies sogar stark ab. Hier wird die Kirche überlegen müssen, ob bischöfliche und synodale Äußerungen zu jedem beliebigen Thema überhaupt dem Willen der Mitglieder entsprechen, in deren Namen man sich schließlich an die Öffentlichkeit wendet.

Ein offenkundiger Fehlschlag scheinen bislang auch alle Versuche gewesen zu sein, die eigenen Mitglieder über das Internet oder die sozialen Netzwerke zu erreichen. Mehrere Millionen Euro investierte die EKD in den letzten Jahren in Portale wie »evangelisch.de« – aber nur drei Prozent der Kirchenmitglieder informieren sich häufig auf diesem Weg über ihre Kirche oder kirchliche Themen; zwölf Prozent tun dies gelegentlich.

Dagegen lesen immerhin neun Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder im Westen des Landes und acht Prozent im Osten regelmäßig eine der wöchentlich erscheinenden Kirchengebietszeitung. 19 Prozent geben an, dies gelegentlich zu tun.

Benjamin Lassiwe

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft »Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis« hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Die Broschüre kann unter <versand@ekd.de> bestellt werden.

Sie steht zudem kostenlos im Internet zum Herunterladen bereit:

www.ekd.de/kmu

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de

Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

Auf halbem Weg

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Nuklearkatastrophe:  Am 11. März vor drei Jahren geschah der Atomkraftwerksunfall in Fukushima

»Fukushima verändert die Welt!«, tönte es im März 2011. Doch bei allen Verlautbarungen zur Energiewende ist diese auf der Strecke geblieben.

In die Kirche strahlt die güldne Sonne voll Freud’ und Wonne. Kümmerlich wirkt dagegen das künstliche Licht. In den Fürbitten geht’s auch um die Bewahrung der Schöpfung, aber keinem Verantwortlichen fällt es ein, die elektrische Beleuchtung auszuschalten. Neuerdings wird nachts sogar das Gotteshaus angestrahlt. Auch später im Café leuchten trotz hellstem Tageslicht die Lampen und (Ende Februar!) Lichterketten und Sterne. Offensichtlich fällt das niemandem auf.

Bei allen Verlautbarungen zur Energiewende, die eigentlich eine Stromerzeugungswende ist, wird das Potenzial der Einsparung von Energie kaum erwähnt. Beleuchtung ist sicher kein erheblicher Faktor gegenüber Produktionen kurzlebiger Güter, dem expansiven Gebrauch des Internets, unnötigen Transporten oder dem Individualverkehr. Doch die Menge macht’s. Lediglich das Stand-by aller Geräte deutscher Haushalte braucht den Strom zweier Kernkraftwerke.

Nach der Katastrophe in Fukushima wurde bis heute so gut wie nichts darüber bekannt, wie und wo im Erdbebengebiet Japans der Atommüll entsorgt wird. Sichere Endlager gibt es dort genauso wenig wie hier, und es wird sie nie geben. Es ist erstaunlich, dass die hoch subventionierte Kernkraft von den meisten Menschen überhaupt so lange akzeptiert wurde. Und noch akzeptiert wird, weil die Werke ja nicht von heute auf morgen vom Netz kommen.

Seit 35 Jahren gibt es die deutsche Anti-AKW-Bewegung – die Anfänge reichen gar in die frühen siebziger Jahre zurück. »Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv!«, war ein Leitmotiv der vom Staat massiv bekämpften Widerständler – eine Minderheit. Für das Aufschrecken der Mehrheit musste erst wieder ein GAU passieren – Tschernobyl lag (zu) lange zurück. Vor drei Jahren hieß es »Abschalten! Fukushima ist überall!« Plötzlich sind sichere Atomkraftwerke Schrottmeiler und einstige Bürgerwehr ist Chefsache.

Das Umdenken und -planen zur »alternativen Energieerzeugung« haben weder drastische Roman- und Filmszenarien über verheerende Reaktorkatastrophen noch Warnungen von Wissenschaftlern allein vermocht. »Die Vorstellung, dass in einem einzigen Kraftwerk das radioaktive Inventar von mehr als 1 000 Hiroshima-Bomben lauert, ist ebenso unheimlich wie die Halbwertszeit der radioaktiven Spaltprodukte«, so der Journalist Manfred Kriener.

Wenigstens tat ein großes Industrieland vorbildhaft diesen Schritt – die Physikerin-Kanzlerin und ihre Regierung und große Teile der Bevölkerung standen dahinter. Kollektives Bewusstsein scheint hier entwickelter als in manch anderem Land. Oft genug werden die Bundesbürger dafür belächelt, verspottet. »German Angst« ist so ein Hohnsynonym für die Sorge um den Fortbestand der Wälder, das Bedenken der Folgen von Schadstoffen in der Luft, im Wasser und Erdreich. Und diese berechtigte Sorge motiviert oft zu »umweltbewusstem« Handeln, fördert Entscheidungen beim Kauf von Lebensmitteln, Möbeln, Geräten, Fahrzeugen, beim Energieverbrauch.

Der Ausbau erneuerbarer Energien geht voran, doch Energiewende ist mehr. Foto: Gerhard Sybert – fotolia.com

Der Ausbau erneuerbarer Energien geht voran, doch Energiewende ist mehr. Foto: Gerhard Sybert – fotolia.com

Im März 2011 tönte es: »Fukushima verändert die Welt!« Genauso klang es nach Tschernobyl. Vergeht Zeit, vergeht Bewusstsein. Die Halbwertszeit von Schlagzeilen und Schreckensbildern ist kurz. Manchmal noch Meldungen: Radioaktives Wasser fließt in den Pazifik. Notunterkünfte. Kontaminierung. Evakuierung. Sperrzone. Flucht. Die Atomruine strahlt und strahlt. Der Menschheit droht ja nicht nur Gefahr durch die sogenannte friedliche und immer noch bestehende kriegerische Atomkraft: Das Klima ändert sich beängstigend. Die Schadenshöhe durch Indus­trie und Verkehr ist umstritten; unstrittig ist, dass wir nicht folgenlos unbegrenzt Treibgase ausstoßen dürfen. Die Emissionen steigen ständig. Der so löbliche Atomausstieg ist nur ein Teil des Wegs.

»Wir verbrennen in einem Jahr so viel Öl, wie in 5,3 Millionen Jahren entstanden ist. Wir plündern zugleich Vergangenheit und Zukunft für den Überfluss der Gegenwart – das ist die Diktatur des Jetzt«, sagt der Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber. Die Energiewende muss zu einer Energieverbrauchswende werden. Bisher versagte die Weltgemeinschaft beim Klimaschutz. Denn wo sind im Alltag Veränderungen spürbar? Sind nicht weiterhin Wachstum und »Konsumfreudigkeit« gefragt? Besänftigt nicht schon die Energiesparlampe, von »sauberem« Strom gespeist im Passivhaus das Gewissen? Noch ist Energie Spekulationsobjekt profitgieriger Stromkonzerne und wird verschleudert.

Solange Steigerung des Bruttosozialprodukts Kennzeichen des Wohlstands ist, ist auch Verschwendung von Energie Ausdruck des Wohlstands. Die Haltung der Risikogesellschaft »immer mehr immer schneller« ist selbstzerstörerisch und mörderisch gegenüber nächsten Generationen. Ein Appell der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung nach der Fukushima-Katastro­phe spricht von narzisstischer Selbst­überschätzung, von Verdrängungen und psychischen Abwehrmechanismen, die uns daran hindern, den in uns selbst angelegten Vernichtungskräften Einhalt zu gebieten. Negative Kräfte zu bannen, sollten sich Kirche und Christen stärker zur Aufgabe machen.

Christoph Kuhn

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Unterm Sternenhimmel Gott nahekommen

9. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Prominente erzählen, wann sie sich in Gottes Nähe fühlen


Gott nahekommen – das können Menschen auf ganz verschiedene Weise. Evangelisch.de hat namhafte Zeitgenossen zur Jahreslosung 2014 befragt. Diese lautet: »Gott nahe zu sein ist mein Glück.« Prominente erzählen in dieser und der nächsten Ausgabe, wann sie sich Gott nahe fühlen und wie man ihrer Meinung nach Gott nahekommt.

Rüdiger Nehberg, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist schildert: »Geradezu körpernah zur Schöpfungskraft des Universums fühlte ich mich, als mein Freund Michael vor meinen Augen am Blauen Nil in Äthiopien aus zwei Metern Entfernung von einem Dutzend Räubern erschossen wurde und die Kugeln, die mir und meinem zweiten Begleiter gegolten hatten, danebengingen. Dass es uns dann mit der unerwartet großen Kraft, die ein Körper in solchen Situationen entwickelt, gelang, den Verfolgern zu entkommen, war das nächste Wunder. Die Wunderserie hielt an. Dass ich gezielt auf die Angreifer zurückgeschossen und dennoch in der chaotischen Hektik niemanden getroffen hatte, hatte zur Folge, dass sie später nach ihrer Ergreifung nicht sagen konnten, wir hätten den Streit begonnen. Sonst wäre ich in irgendwelchen Gefängnissen verendet.

Rüdiger Nehberg. Foto: Nehberg

Rüdiger Nehberg. Foto: Nehberg

Ich ahnte nicht, dass das Leben mich noch mit einer beispiellosen und lebenserfüllenden Aufgabe konfrontieren würde. Es wurde der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Meine Frau und ich sind Augenzeugen dieses Verbrechens geworden. Als wir erfuhren, dass 90 Prozent der Opfer Muslimas sind (zu den Übrigen zählen auch Christen) und der Brauch meist und falsch mit dem Koran gerechtfertigt wurde, war unsere Vision die, ihn mit der Kraft und Ethik der Weltreligion Islam zur Sünde erklären zu lassen. Das ist gelungen. Auf der von uns am 24. 11. 2006 durchgeführten »Internationalen Gelehrtenkonferenz« erklärte die geistige Elite des Islam den Brauch in einer Fatwa zu einem ›Verbrechen gegen höchste Werte des Islam‹. Diese revolutionäre Entscheidung nun in die Köpfe der Betroffenen zu zwingen, ist zu unserer derzeitigen größten Herausforderung geworden.

Wenn dieser mein Lebenslauf nicht ›gott‹gesteuerte Fügung ist, weiß ich nicht, wie man es sonst nennen sollte. Denn um das zu erreichen, mussten wir sogar eine eigene Menschenrechtsorganisation, »TARGET« gründen. Andere deutsche Organisationen, mit denen wir kooperieren wollten, hatten die Idee, es ausgerechnet mit der Kraft und Ethik des Islam zu versuchen, als absurd abgelehnt. Der Islam sei ›nicht dialogfähig‹, hatten sie argumentiert.«

Sein Tipp, wie man Gott nahekommen kann: »Wer Gott ›nah‹kommen möchte, sollte sich einmal unter einen sternenklaren Himmel legen und sich vorstellen, wie dieses unvorstellbare Mosaik Weltengefüge zustande gekommen ist, wer sich das ausgedacht hat, und wie ein solches Genie dann auf die fatale Idee gekommen ist, die Erde mit der Spezies Mensch zu bevölkern. Ob ihm das wohl leid tut? Ich werde es sicher bald erfahren. Ich werde 79.«

Rüdiger Nehberg, ist Abenteurer, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist. Bei seinen Expeditionen fuhr er zum Beispiel alleine in einem Tretboot über den Atlantik und durchquerte zu Fuß und ohne Ausrüstung den brasilianischen Regenwald. Von seinen Erlebnissen berichtet er in zahlreichen Büchern und Vorträgen. Für sein Engagement erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz.

www.evangelisch.de

»Gedenk, o Mensch, dass du Staub bist«

5. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Was hinter dem Aschermittwoch steckt – Bruch, Umkehr, Innehalten, Befreiung und Hoffnung für Burn-out-Kranke

In der Domkirche von Halberstadt trieb sich vor gar nicht so langer Zeit an jedem Aschermittwoch ein zerlumpter, vermummter Mensch herum, den man nach dem Gottesdienst auf die Straße jagte. Bis Mitternacht musste dieser »Adam«, wie man ihn nannte, barfuß durch die Gassen laufen und sich vor jeder Kirche verneigen. Das wiederholte sich nun täglich bis zum Gründonnerstag; da wurde »Adam« feierlich wieder in die Gemeinde aufgenommen und erhielt eine schöne Stange Geld, das man für ihn gesammelt hatte. »Adam« diente den Halberstädtern buchstäblich als Sündenbock, denn man glaubte, dass er mit seinem unentwegten Herumpilgern die Schuld der ganzen Stadt abgebüßt hatte.

So streng und finster ging es einstmals zu in der Fastenzeit. Fleisch zu essen und Tanzveranstaltungen abzuhalten, war vielerorts gesetzlich verboten und wurde von der staatlichen Obrigkeit geahndet.

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Der barfuß durch die Straßen laufende »Adam« von Halberstadt erinnert an eine drakonische Sitte: die Austreibung der sogenannten öffentlichen Sünder am Aschermittwoch. Mörder, Gottesleugner, Ehebrecher bekannten im frühen Mittelalter ihre Schuld nicht privat im Beichtstuhl, sondern in der Kirche vor der ganzen Gemeinde. Während der Fastenzeit mussten sie dann ein Bußgewand tragen, durften sich nicht waschen und rasieren, stellten sich bisweilen auch am Sonntag vor das Kirchenportal, wo sie von den Gottesdienstbesuchern mit einer Rute geschlagen wurden – wenn auch sanft und dezent, in der Regel. Erst am Gründonnerstag nahm sie der Bischof wieder in die kirchliche Gemeinschaft auf.
Das heute noch im katholischen Aschermittwochsgottesdienst übliche Aschenkreuz ist eine schwache Reminiszenz an solch strenge Bräuche. Den Ritus gibt es seit dem zehnten Jahrhundert, die Asche gewinnt man aus den im Vorjahr bei der Palmprozession geweihten Zweigen. Der Priester segnet die Asche und streut sie den Gottesdienstbesuchern aufs Haupt oder er zeichnet ihnen ein Aschenkreuz auf die Stirn. Dabei zitiert er einen Satz aus der Schöpfungserzählung der Bibel: »Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris – gedenk, o Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub wirst du zurückkehren.«

In der Bibel und im Volksmärchen – Stichwort Aschenputtel – bedeuten Staub und Asche dasselbe: etwas Flüchtiges, völlig Gewöhnliches, komplett Wertloses. Hiob sitzt traurig in der Asche, nachdem er alles verloren hat, seine Habe und seine Familie. Wenn ein neuer Papst in sein Amt eingeführt wird, verbrennt ein Kardinal vor seinen Augen einen Wollfaden, um ihn daran zu erinnern, dass alle Herrlichkeit der Welt vergeht und auch die Papstwürde nur auf Zeit verliehen wird.

Seit Gott in Jesus Mensch geworden ist, vergänglicher, verwehender Staub, besteht allerdings Hoffnung, dass dieses nichtige Menschenleben geliebt ist, gerettet werden wird und eine Zukunft über den Tod hinaus hat. Burn-out, Tristesse, Depressionen, der Verlust von Schwung und Daseinsfreude, die bittere Sehnsucht nach Visionen und Perspektiven: Viele Menschen leiden heute darunter, dass unter der Asche ihres Lebens jede Glut erloschen ist. Das Bild hat aber auch eine positive Seite: Asche reinigt, wäscht den schmutzigen Belag ab, der vielleicht auch die Seele verkleistert und behindert.

Harte, provokante Bibeltexte sind am Aschermittwoch in den Kirchen zu hören: »Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen (…) und kehrt um zum Herrn, eurem Gott!« – »Hab Mitleid, Herr, mit deinem Volk und überlass dein Erbe nicht der Schande.« – »Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung. (…)

In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Güte.«

In alten Bräuchen, die anscheinend halb zum Fasching und halb zur Fastenzeit gehören, ist der Bruch spürbar: etwa im Geldbeutelwaschen am Morgen des Aschermittwoch. Die Symbolik ist klar: trauriger Abschied vom großzügigen Herumlumpen während der tollen Tage, aber auch Befreiung vom Besitzdenken und Materialismus. Oder am selben Tag das Fischessen: Schließlich ist der Fisch die älteste Chiffre für Christus, ein geheimes Erkennungszeichen aus der Zeit der Katakomben, denn die griechischen Anfangsbuchstaben der Formel »Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter« ergeben das Wort »ichthys«, Fisch. Wenn man das weiß, dann kann dieses Fischessen ein sprechendes Zeichen der Umkehr zu Christus sein.

Viele Menschen – und auch immer mehr Mediziner – entdecken das Fasten heute neu als einen Weg der inneren Freiheit. »Verzichten ist ein Zeichen von Stärke«, sagt der Benediktiner Anselm Grün und zitiert Sigmund Freud: Wer nicht verzichten kann, vermag kein starkes Ich zu entwickeln. Grün: »Und wer immer sofort jedes Bedürfnis befriedigen muss, der kann nicht wirklich genießen.«

Verzicht als Ermöglichung von Freiheit. Befreiung vom Zwang, dauernd zu trinken, klingt doch schon viel besser als Alkoholverbot. Wer Handy und PC nicht auch mal ausschalten kann, wird Schwierigkeiten im direkten Kontakt mit Menschen bekommen. Der Workaholic, der keine Erholung kennt, geht kaputt, seelisch und körperlich. Der Kontrastbegriff zum Verzicht heißt Sucht.

Fastenzeit: Sich von Überflüssigem trennen. Abhängigkeiten überwinden. Sich wieder an einfachen Dingen freuen. Die Lebensmitte wiederfinden. Das Sein höher schätzen als das Haben. Umkehren, sich aus Schuldverstrickungen lösen ist nichts Lebensfeindliches. Und die Einschränkungen beim Essen und Trinken sind nur Chiffre, Symbol für das, was eigentlich gemeint ist: Neuorientierung, Bewusstseinsveränderung, Kehrtwende.

Auch die Muslime kennen eine solche Zeit der Umkehr, arabisch Ramadan genannt, »der heiße Monat«. Muslime kombinieren das Fasten mit Meditieren, Schweigen, Koranlesen. Christen fasten ebenfalls, um Heilung für ein verwundetes, krankes, desorientiertes Leben zu finden und für Gott frei zu werden – aber sie haben noch eine zusätzliche Motivation: Sie fasten, wie es Jesus getan hat; und sie bereiten sich damit auf Ostern vor, das Fest der Auferstehung, wo die Fülle des Lebens gefeiert wird und alle Grenzen überschritten werden, auch die des Todes.

Deshalb sprechen die Katholiken heute lieber von »österlicher Bußzeit« als von Fastenzeit; die Protestanten halten am Begriff »Passionszeit« fest. Dem einen großen Gedanken der Umkehr, der Lebenswende dienen all die uralten und großteils vergessenen Riten und Bräuche in diesen Wochen, in denen zu besonderen »Fastenpredigten« und »Bußgottesdiensten« eingeladen wird und deren Sonntage geheimnisvolle Namen tragen: Okuli, Lätare, Judika nach den lateinischen Anfangsworten der uralten Eingangsgesänge Fastenzeit, Passionszeit, österliche Bußzeit: ein Weg der Umkehr, eine Entdeckungsreise in das eigene Innere, ein Abenteuerurlaub von den eingefahrenen Gewohnheiten, eine aufregende Suche nach neuen Möglichkeiten und Visionen. Die Suche beginnt mit der Frage, woran unser Herz hängt, was wir aufzugeben bereit sind, wonach wir uns sehnen, wo wir eigentlich hin wollen.

Wie es der protestantische Theologe Jörg Zink einmal ganz einfach und doch ziemlich poetisch ausgedrückt hat: »Herr, in deiner Hand verwandelt sich die Welt. Du sprichst: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Und alles ändert sich vor unseren Augen. (…) In Christus ist die Erde auferstanden.«

Christian Feldmann

»Wir hoffen auf den Segen für Ägypten«

4. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltgebetstag: Frauen aus Ägypten laden die Christen in aller Welt zum Weltgebetstag ein – im Gespräch mit einer der Autorinnen der Liturgie

Die Liturgie des diesjährigen Weltgebetstages am 7. März wurde von Ägypterinnen verfasst und steht unter dem Eindruck der Umbrüche dort. Salwa Seif aus Kairo hat daran mitgearbeitet.

Christen haben in den letzten Jahrzehnten ein dreigeteiltes Leben geführt«, sagt Salwa Seif aus Kairo. Sie ist studierte Pharmazeutin und Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theologischen Hochschule. Bis zur ersten Revolution des Arabischen Frühlings, an deren Ende im Jahr 2011 die Absetzung Präsident Mubaraks stand, habe der Präsident das ganze Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern kontrolliert, so Seif. »Christliche wie muslimische Familien wurden in der gleichen Dunkelheit gehalten, die keinerlei Demokratie und Menschenrechte zuließ«, sagt die 56-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne.

Salwa Seif, Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theolo- gischen Hochschule, gehört zu den ägyptischen Frauen, welche die diesjährige Weltgebetstagsliturgie vorbereiteten. Foto: factum/simon granville

Salwa Seif, Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theolo- gischen Hochschule, gehört zu den ägyptischen Frauen, welche die diesjährige Weltgebetstagsliturgie vorbereiteten. Foto: factum/simon granville

1980 wurde der Islam Staatsreligion. Artikel 18 der ägyptischen Verfassung habe zwar Religionsfreiheit gewährt, aber die christliche Minderheit sei gegenüber den 90 Prozent Muslimen im Land benachteiligt worden. »Christen haben nie eine leitende Stellung in der Politik eingenommen, und wir hofften, dass sich diese Situation nach der Absetzung Mubaraks ändern würde«, sagt Salwa Seif. Ihre ganze Familie habe sich an den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz beteiligt, ihr Sohn sei dafür extra aus Kanada angereist.
Dass die Demonstranten bei ihren Protesten je nach Religionszugehörigkeit Koran und Kreuz in die Höhe hielten, missfiel vor allem den Islamisten. »Und dann kam die Stichwahl am 24. Juni 2012, bei der Muslimbrüder und Salafisten siegten und Mohammed Mursi mit 51,7 Prozent zum Präsidenten gewählt wurde«, berichtet die Ägypterin. Und auch, dass damit eine der schlimmsten Zeitphasen für Christen gekommen sei.

Die Zahl der Muslimbrüder in Ägypten werde auf etwa eine Million geschätzt. »Meine Erfahrung sagt mir, es müssen weit mehr sein«, sagt Seif. Sie seien bewaffnet und »supergut vernetzt«. Üblicherweise sei das nachbarliche Verhältnis zwischen den »Muslimen in der Mitte« und Christen in Ägypten gut. »Mein Mann ist Arzt, in seiner Klinik werden alle Patienten behandelt, die Hälfte unserer Nachbarn im Häuserblock ist muslimisch, es gibt keine Probleme«, sagt die 56-Jährige.

Doch dann hätten Muslimbrüder sofort die politische Leitung in den Provinzen besetzt. Die Reaktion der Christen: »Wir haben ein 24-Stunden-Gebet in der Höhlenkirche von Mokattam organisiert«, erzählt Seif. Es sei das erste ökumenische Treffen aller Christen der Orthodoxie, der Katholiken und der Protestanten gewesen. Alle hätten für ein Wunder gebetet – das Wunder der Absetzung von Mursi. 12 000 Menschen fasst die Höhlenkirche, doch auch vor dem Platz des Gotteshauses hätten Menschen gebetet. Als Mursi tatsächlich am 3. Juli 2013 abgesetzt worden sei, hätten viele – vor allem auch im Ausland – geglaubt, das sei das Ergebnis eines Militärputsches gewesen. »Aber es war der Volkswille«, ist die Christin überzeugt. Und nie werde sie müde, das zu sagen. »Denn wir wissen, wenn die Muslimbrüder einmal an der Macht sind, geben sie ihre Macht nie wieder her«, zeigt sich Salwa Seif überzeugt.

Die Liturgie für den Weltgebetstag wurde im Frühjahr 2011 verfasst und stand unter dem Eindruck der politischen Veränderungen seit der Absetzung Mubaraks und den Forderungen der ägyptischen Bevölkerung nach Freiheit, Brot und Gerechtigkeit. Die politische Lage hat sich seither mehrfach verändert, doch die Liturgie wurde nicht umgeschrieben. Denn die Forderungen und Hoffnungen der Ägypter bleiben aktuell.

»In der Bibel steht, gesegnet sei mein Land Ägypten, und deshalb ist unsere Hoffnung auf diese Segnung gerichtet«, sagt Salwa Seif. Mitte Januar haben die Ägypter nun über eine neue Verfassung abgestimmt. Zwar ist der Islam weiter Staatsreligion, doch sollen die Christen mehr Rechte bekommen und die Religionsfreiheit garantiert sein. Zudem wurde das Parlament verpflichtet, in seiner ersten Legislaturperiode ein Gesetz zum Kirchenbau zu verabschieden. Denn allein während der Unruhen im vergangenen Sommer wurden mehr als 80 Kirchen zerstört.

Brigitte Jähnigen

www.weltgebetstag.de

Mit Bibel, Kreuz und Ikonen

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ukraine: Die teilweise zerstrittenen Kirchen der Ukraine rückten in den Tagen der Gewalt enger zueinander

Immer wieder waren in den vergangenen Wochen auf den Bildern der Proteste und Straßenkämpfe in der Ukraine Priester und Pfarrer zu sehen. Ein Hintergrundbeitrag zur Rolle der Kirchen in dem zerrissenem Land.

Mit großer Achtung sehe ich die jungen Leute, die für unsere Zukunft kämpfen, unsere Geistlichen sind heute mit ihnen auf dem Majdan«, sagte Wlodomir Wojtoschiun, Erzbischof der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche am Donnerstag der vergangenen Woche gegenüber einer polnischen Zeitung. An diesem Tag hatte es über 70 Tote gegeben, zumeist Demonstranten, die von Scharfschützen der Regierung erschossen wurden.

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Immer wieder zeigten in den vergangenen Tagen und Wochen Fernsehaufnahmen Geistliche, die den Demonstranten auf dem Kiewer »Majdan Nesaleschnosti«, dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der Stadt ihren Segen gaben oder gar selbst sich bei den Kämpfern an den Barrikaden einreihten. Doch wie sieht die Kirchenlandschaft in der Ukraine überhaupt aus – und wer steht auf welcher Seite?

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche ergreift am dezidiertesten Partei für die Majdan-Protestanten. Sie ist Teil der römisch-katholischen Kirche, hat aber ihren orthodoxen Ritus beibehalten. Ihr gehören von den rund 45,5 Millionen Einwohnern der Ukraine mehr als fünf Millionen Menschen an. Allerdings ist sie allein im Westen des Landes einflussreich. Und gerade die westukrainischen Studenten starteten Ende November die Proteste als Janukowitsch das Handelsabkommen mit der EU in Vilnius nicht unterschrieben hatte.

Das Engagement der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche ging der Janukowitsch-Regierung zu weit – das Kulturministerium drohte der Kirche, die in der Sowjetzeit im Verbotenen operieren musste, mit einem erneuten Verbot. Auch Wladimir Putin warnte vor ihr und griff in Brüssel Äußerungen eines einzelnen Geistlichen auf, um der Kirche Antisemitismus vorzuwerfen. Problematisch ist freilich, dass dieser Kirche die Mitglieder der nationalistischen Partei Swoboda (Freiheit) angehören. Dennoch konnte die Griechisch-katholische-Kirche Mitte Januar mit Unterstützung der anderen Kirchen zu ökumenischen Gebeten aufrufen.

Bis auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats, die von der Anzahl der Anhänger zweitgrößte Religionsgemeinschaft, unterstützten alle anderen Kirchen die Protestierenden auf dem Majdan. Dennoch ist diese russlandnahe und auch russischsprachige Kirche keine »Staatskirche« wie sie der abgesetzte Präsident Wiktor Janukowitsch gerne gehabt hätte. Der aktuelle Patriarch Wolodymyr pflegt zur Macht in Kiew ein eher distanzierteres Verhältnis. So unterschrieb er ein Schreiben, das ein Assoziierungsabkommen mit der EU befürwortet – worauf der Moskauer Patriarch Kyrill I. ihn mit einer zünftigen Strafpredigt bedachte.

Bilder von drei Priestern dieser Kirche gingen um die Welt, als diese mit Ikonen und Kreuzen zwischen den Demonstranten und der Miliz standen und so zwischen dem 21. und 22. Januar die Auseinandersetzung stoppen konnten. Das russische Fernsehen zeigt allerdings bevorzugt Priester dieser Kirche, die sich über die Demonstranten ereifern. Am Ende des Konflikts waren auch mehr Geistliche zu sehen, die zu den Milizeinheiten hielten. Moskau wird sicher versuchen, hier weiter Einfluss auszuüben.

In der Ablehnung der Gewalt konnten sich alle Kirchen nochmals am 20. Februar unter dem Allukrainischen Rat der Kirchen zu einer gemeinsamen Erklärung zusammenfinden. Dies ist zugleich ein wichtiges Zeichen der Annäherung der ukrainischen Kirchen. Denn es gibt in der Ukraine noch zwei weitere orthodoxe Kirchen, die sich von der Moskauer abgespalten haben und miteinander um den Anspruch der »Nationalkirche« konkurrieren. Im derzeitigen Konflikt eine eher marginale Rolle spielte dabei die kleinere Ukrainische Autonome Orthodoxe Kirche, die seit 1921 existiert.

Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat hat demgegenüber die größere Mitgliederschaft. Sie verselbstständigte sich 1991 anlässlich der Unabhängigkeit der Ukraine. Ihr Patriarch Filaret forderte Janukowitsch explizit zum Rücktritt auf, er sah in den Demonstrationen auf dem Majdan »den Volkswillen verkörpert«. Als Reaktion auf die Schüsse stellte diese Kirche sogar die Fürbitten für die Regierung ein. Was Zeichen für einen deutlichen Bruch ist, denn in den orthodoxen (National-)Kirchen ist eine Trennung zwischen Kirche und Staat nicht vorgesehen.

Wie erwähnt erheben alle drei Kirchen den Anspruch, die alleinige orthodoxe Kirche der Ukraine zu sein. Diese offene Frage und auch gegenseitige Ansprüche auf Besitztümer werden, trotz mancher Annäherungen in der derzeitigen Krise, nicht so schnell aus der Welt zu schaffen sein.

Auch die römisch-katholische Kirche, ihre etwa eine Million Anhänger sind vornehmlich polnischstämmig, war auf dem Majdan vertreten. Wichtig war jedoch vor allem ihr Kirchengebäude: In der geräumigen St.-Alexander-Kirche wurde in den Tagen der Gewalt ein Feldlazarett eingerichtet.

Und nicht zuletzt spielte auch die St.-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine eine wichtige Rolle. Unter der Leitung des engagierten Pfarrers Ralf Haska diente sie als Ruhepol und Zufluchtsort für Protestler wie Milizen. Hier wurden Getränke und Essen ausgegeben sowie ebenfalls Verwundete gepflegt.

Es bleibt zu wünschen, dass die gelebte Ökumene und die christliche Nächstenliebe der vergangenen Wochen noch lange in Erinnerung bleibt. Denn einfach wird die kommende Zeit für die Ukraine und ihre Kirchen nicht.

Jens Mattern

Die deutsche Gemeinde in Kiew

Die Sankt-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Kiew (www.katharina.kiev.ua) liegt nur 200 Meter vom Präsidentenpalast und dem Zentrum der Proteste entfernt. Gemeinsam mit den Gemeindegliedern stellte sich Pfarrer Ralf Haska immer wieder der ausufernden Gewalt auf beiden Seiten entgegen und öffnete die Kirche als Zufluchtsort für Demonstranten wie Polizisten. Seit Wochen wurden ohne Ansehen der Person Essen und heiße Getränke ausgegeben, Schlafmöglichkeiten und Decken bereitgestellt, die Versorgung von Verletzten organisiert. Dieser diakonische Dienst stellte die kleine Gemeinde mit ihren rund 300 Mitgliedern vor enorme finanzielle Probleme.

Spendenmöglichkeit: Deutsche Ev.-Luth. Gemeinde Kiew, Konto 51 860 80, BLZ 520 604 10, Evangelische Kreditgenossenschaft eG


Mutter der Collage

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Herzoglichen Museum wird an die vor 125 Jahren in Gotha geborene Hannah Höch erinnert

Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands«, lautet der Titel ihres vielleicht bekanntesten Werkes, das 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin gezeigt, später zu einer Art »Ikone des Dadaismus« wurde und inzwischen in der Deutschen Nationalgalerie Berlin hängt: Hannah Höch (1889–1978). Sie war die erste Dadaistin und gilt als Wegbereiterin der Collage.

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Hannah Höch: Vor der Kathedrale, 1950, Collage auf Karton. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Lutz Ebhardt

Der 125. Geburtstag der aus Gotha stammenden Künstlerin bietet den äußeren Anlass, ihr facettenreiches Werk stärker ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und in umfangreichen Ausstellungen zu würdigen. Den Anfang machte im Januar die Londoner Whitechapel Gallery, in der bis 23. März mehr als 100 Arbeiten aus dem 60-jährigen Schaffen der Künstlerin gezeigt werden.

Unter dem Titel »Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne« folgte Mitte Februar das Herzogliche Museum ihrer Geburtsstadt mit einer Auswahl, die von frühen Versuchen bis hin zu späten Kreationen reicht und bis 4. Mai zu sehen ist. Auch das dritte Themenjahr der »Dada-Dekade 2022« ist der Jubilarin gewidmet. Es steht unter dem Motto »Hoch – Höher – Höch! Dada mit Hannah aus Gotha« und gipfelt am 10. Mai in einem klingenden Umzug durch die Residenzstadt.

Hannah Höch verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Gotha. Danach ging sie nach Berlin, um sich ganz der Kunst zu widmen. Dort lernte sie 1915 den bereits verheirateten Raoul Hausmann kennen und ging mit ihm eine siebenjährige Liebesbeziehung ein. In dieser Liaison entwickelten sie stilistisch die Fotomontage. Diese erschien ihnen als geeignetes Mittel, den politischen Zeiterscheinungen mit Spott zu begegnen und bissig den Geist der Zeit zu attackieren.

Für Hannah Höch war die Collage ein Arbeitsmittel, das sie durchgängig bis in ihre späten Jahre nutzte. Zu den Glanzlichtern gehört dabei das 1950 entstandene Bild »Vor der Kathedrale«. Den besonderen Reiz der Gothaer Ausstellung macht aus, dass nicht nur die Avantgardistin Hannah Höch zu erleben ist, sondern auch die bodenständige Zeichnerin und Malerin, die es schon in jungen Jahren verstand, Motive aus der Natur und dem Alltag stimmungsvoll mit Farbstiften, Tusche oder Pastellkreide »einzufangen«.

Besonders eindrucksvoll ist das Aquarell »Fackelzug« (1906/08), das eine in Richtung Horizont wegziehende Menschenmenge zeigt.

Michael von Hintzenstern

Herzogliches Museum Gotha, Bis 4. Mai, täglich 10 bis 16 Uhr, ab 1. April: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr