»Das Vaterunser bleibt deutsch«

25. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Russland: Zwischen Traditionsbewahrung und Umbruch – Russlands Lutheraner sind eine winzige Minderheit

Dietrich Brauer ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Russland (ELKER). Der 31-jährige Russe ist der erste Einheimische, der dieses Amt bekleidet. Andreas Steidel sprach mit ihm über die Situation der evangelischen Kirche in Russland, die Orthodoxie und Präsident Putin.

Herr Bischof Brauer, Sie haben einen deutschen Namen und sprechen perfekt deutsch. Wie kommt das?
Brauer:
Ich bin ein Russlanddeutscher, wie so viele hier. Noch immer bilden Russlanddeutsche den Kern unserer Gemeinden. Die geistliche Gemeinschaft hilft dabei, die Sprache und die Traditionen zu erhalten.

Bischof Dietrich Brauer leitet seit 2010 die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland, seine Vorgänger kamen aus Deutschland. Foto: ELKER

Bischof Dietrich Brauer leitet seit 2010 die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland, seine Vorgänger kamen aus Deutschland. Foto: ELKER

Wie ist das im Gottesdienst: Findet der auf Deutsch oder auf Russisch statt?
Brauer:
Immer häufiger Russisch. Die Predigt wird fast überall auf Russisch gehalten. Die deutsche Sprache bleibt als liturgische Sprache in Verwendung. Kyrie Eleison, Herr, erbarme dich, das wird auf Deutsch gesprochen. Und natürlich das Vaterunser.

Und bei den Liedern?
Brauer:
Da wird oft eine Strophe auf Deutsch und eine Strophe auf Russisch gesungen. Das ist eine gute Lösung für alle.

Wie hoch ist der Anteil Deutschstämmiger heute noch bei Ihnen?
Brauer:
Das ist schwer zu sagen, die meisten Familien sind gemischt. Unser Land ist multikulturell und war es eigentlich schon immer.

Wie ist das bei Ihnen zu Hause, Herr Brauer?
Brauer:
Meine Frau ist auch gemischt in ihrer Herkunft. Meistens sprechen wir Russisch. Aber wir möchten auch, dass die deutsche Tradition erhalten bleibt bei unseren Kindern. Wir beten und singen auf Deutsch oder sprechen kurze Gedichte. Und wir haben oft Gäste aus Deutschland.

Welche Auswirkung hat die Abwanderung der Russlanddeutschen?
Brauer:
Zweieinhalb Millionen Russlanddeutsche sind gegangen. Das war für die Gemeinden ein gewaltiger Einschnitt. Inzwischen hat es sich stabilisiert. Die, die noch da sind, werden uns erhalten bleiben. Das Gemeindeverständnis hat sich dabei verändert: Wir sind nun nicht mehr ausschließlich eine Kirche für Russlanddeutsche, sondern für alle die, die sich mit der lutherischen Tradition identifizieren.

Wie viele Evangelisch-Lutherische gibt es denn heute in Russland?
Brauer:
Etwa 40 000 in allen lutherischen Gemeinden der ehemaligen Sowjetunion, 15 000 im Bereich der europäischen Kirche. Vor der Russischen Revolution waren es 1,5 Millionen. Nach der Perestroika haben wir gehofft, dass es wieder genauso viele werden würden, aber das war eine romantische Vorstellung. Einige haben unsere Gemeinden auch nur genutzt, um nach Deutschland auszuwandern.

Wie kommen Sie über die Runden? Eine Kirchensteuer gibt es ja nicht.
Brauer:
Die Finanzierung ist in der Tat ein Problem. Wir haben große alte Kirchen, deren Unterhalt teuer ist. Vielen Absolventen unseres Theologischen Seminars können wir nicht versprechen, dass sie danach eine bezahlte Anstellung als Pfarrer bekommen.

Wie ist das Verhältnis zwischen der ELKER und dem Staat?
Brauer:
Das ist je nach Region verschieden. Wo die Orthodoxie nicht so stark ist und es viele ethnische Gruppen gibt, ist es einfacher. In anderen Regionen, wie in Südrussland, wo die Olympischen Spiele stattfinden, ist es schwieriger. Manchmal gibt es staatliche Inspektionen, bei denen die Prüfer die Hand aufhalten, frei nach dem Motto: Das ist eine deutsche Kirche, die bekommen Geld aus Deutschland.

Bekommen Sie denn Unterstützung aus Deutschland?
Brauer:
Weniger als früher, hauptsächlich dann, wenn wir Projekte haben. Für uns ist es wichtig, dass wir bei politischen Besuchen aus Deutschland erwähnt werden. Da hören auch die Russen hin.

Was ist mit der Ökumene? Reden die Orthodoxen mit Ihnen?
Brauer:
Es gibt Gespräche, persönliche Kontakte, letztes Jahr war sogar der Metropolit von Moskau in unserer Kirche und hat sehr freundliche Worte gesprochen. Gemeinsame sakrale Handlungen wie Gebete sind aber nicht möglich, das ist streng untersagt.

Ist die orthodoxe Kirche eine Staatskirche?
Brauer:
Nicht offiziell. Aber es werden Kirchenbauten finanziert oder diakonische Projekte bezahlt. Die Kontakte zu den Regierungsbeamten sind eng, diese Möglichkeiten haben wir nicht.

In Deutschland wird Putin sehr kritisch gesehen. Wie sehen Sie ihn?
Brauer:
Gute Frage. Es gibt zwei Wege für Russland. Zum einen als eine Konföderation mit Freiheiten und Selbstständigkeit. Aber viele träumen hier in Russland von einem großen Russischen Reich, einem Imperium, und dafür braucht man einen Anführer. Der ist Putin, er füllt diese Rolle aus.

Träumen Sie auch von diesem Reich?
Brauer:
Wir sind anders geprägt, setzen eher auf den einzelnen Menschen. So wie Luther.

Partnerschaft mit Sachsen

Foto: privat

Foto: privat

Im Rahmen einer Besuchsreise vom 6. bis 11. Februar unterzeichneten Sachsens Landesbischof Jochen Bohl (r.) und ELKER-Bischof Dietrich Brauer (l.) in Moskau eine Partnerschaftsvereinbarung zwischen beiden Kirchen. Sie sieht unter anderem den regelmäßigen Austausch über die Entwicklungen des spirituellen Lebens, die Ausbildung von Mitarbeitern sowie über alle wichtigen Vorgänge in Kirche, Diakonie und Gesellschaft vor. Außerdem sind gegenseitige Besuche der Synodentagungen vorgesehen. Beide Kirchen verpflichten sich zudem, den Ausbau der bereits bestehenden Partnerschaftsbeziehungen zwischen Gemeinden beziehungsweise Kirchenbezirken und Propsteien zu unterstützen.







Russlands Lutheraner

Foto: ELKER

Foto: ELKER

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Europäisches Russland (ELKER) hat etwa 15 000 Mitglieder, 170 Gemeinden und elf Propsteien. Bischofssitz ist Moskau, Hauptkirche die Moskauer evangelische St.-Peter-und-Paul-Kirche (Foto).

Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS) heißt der Dachverband aller lutherischen Kirchen in Russland. Zusammengefasst sind dort sieben Teilkirchen der früheren Sowjetunion und des Russischen Reiches. Der ELKRAS steht ein Erzbischof vor. Auch dieses Amt bekleidet seit kurzem Dietrich Brauer, nachdem der bisherige Erzbischof August Kruse vorzeitig ausgeschieden war.

High Tech als »Ersatzreligion«?

25. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Warum die digitale Revolution auch theologisch eine kritische Wahrnehmung braucht

Die digitale Revolution ist dabei, alle Lebensbereiche grundlegend zu verändern. Neben Begeisterung werden auch kritische Stimmen laut. Darunter die des Erlanger Theologen Werner Thiede. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Professor Thiede, warum kritisieren Sie die digitale Revolution?
Thiede:
Ich übe da keine Pauschalkritik. Mir geht es um die Frage, ob die unbestreitbaren Vorteile der voranschreitenden Digitalisierung nicht auch mit ernst zu nehmenden Nachteilen verknüpft sind. Bisher hat man die bedenklichen Seiten gern und geschickt verdrängt. Aber seit den Enthüllungen über die weltweiten digitalen Ausspähungsaktivitäten ist die Öffentlichkeit auf breiter Front alarmiert. Erst kürzlich hat der US-Sicherheitsexperte und Obama-Berater Richard Clarke in einem Interview mit dem ZDF eingeräumt, dass im Grunde die technischen Möglichkeiten für die Schaffung eines Überwachungsstaates vorhanden sind. Demnach hängt es nur noch von den ethischen oder unethischen Entscheidungen mächtiger Regierungen ab, ob und wie weit von dieser gefährlichen Fähigkeit Gebrauch gemacht wird. Trotz der demokratischen Verfasstheit unserer Staaten verliert unser aller Freiheit ihre Selbstverständlichkeit.

Werner Thiede lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg Systematische Theologie. oto: privat

Werner Thiede lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg Systematische Theologie. oto: privat

Oft hört man das Argument, wer nichts zu verbergen habe, brauche doch auch nichts zu befürchten …
Thiede:
Es gibt den Wert der Privatsphäre: Wer will schon andauernd beobachtet werden? Dem Bestreben mancher Digitalisierungsfanatiker, Privatheit als überholt auszugeben, liegt ein fragwürdiges Menschenbild zugrunde. Ich betrachte es mit Sorge, dass die digitale Revolution in dieser Richtung erfolgreich ist. Zum Beispiel hat die weltgrößte Elektronikmesse in Las Vegas Anfang 2014 ein Gerät namens »Sense Mother« präsentiert, das der Beobachtung des eigenen Privatraums dienen soll. So kann man beispielsweise kontrollieren, ob die Kinder im Bad tatsächlich Zähne putzen. Mit Recht kommentiert ein deutsches Wochenmagazin: »Diese Mother ist Big Brother.« Fatalerweise sind immer mehr Zeitgenossen willens, ihre Freiheit zu Gunsten digitaler Beobachtung jeder Art abzugeben.

Ihr neuestes Buch heißt »Die digitalisierte Freiheit. Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion«. Kann man denn Freiheit digitalisieren?
Thiede:
Tatsächlich erstreckt sich der technische Fortschritt nicht bloß auf die Welt der Dinge. Die sogenannte digitale Revolution ergreift immer mehr auch seelische und geistige Bereiche. Das hat beispielsweise schon der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Bestseller »Digitale Demenz« dargelegt. Wie stark die rasante technische Entwicklung unser Ich zu manipulieren versucht, wird besonders in Frank Schirrmachers Büchern deutlich. In meinem Buch zeige ich, dass verschiedene Freiheitsfallen im Aufbau sind. Die »Digitalisierung aller Dinge« betrifft schließlich sogar das religiöse Gebiet.

Inwiefern?
Thiede:
Schon der Begriff der Freiheit selber zeigt das: Von ihr kann man in einem psychologischen Sinn reden, aber auch in politischem und ebenso in spirituellem Sinn. Die geistliche Dimension kommt ins Spiel, weil sich Freiheit als innerer Wert stets auch daran orientiert, was oder wen wir als den letzten Horizont unseres Daseins verstehen. Die digitale Revolution droht Gott als den letzten Horizont abzublenden, weil sie die Menschen zunehmend in virtuelle Welten verstrickt und von faszinierenden Geräten abhängig macht. Vernetzung kann eine gute Sache und mitunter sogar religiösen Interessen dienlich sein. Sie bringt aber auch mancherlei Versuchungen und spirituelle Gefahren mit sich.

Protest gegen »digitale Demenz«: »Wir denken nicht! Wir googlen!« als Graffiti auf einer Hauswand. Foto: picture alliance/Martin Schutt

Protest gegen »digitale Demenz«: »Wir denken nicht! Wir googlen!« als Graffiti auf einer Hauswand. Foto: picture alliance/Martin Schutt

Steckt dahinter nicht eine gehörige Portion Kulturpessimismus??
Thiede:
Darüber lässt sich streiten. Jedenfalls gebe ich in meinem Buch nicht nur meine subjektive Meinung wieder, sondern auch zahlreiche kritische Diagnosen namhafter Philosophen, Mediziner, Naturwissenschaftler und Pädagogen. Überhaupt beruht Kulturpessimismus oft durchaus auf klaren Analysen, während optimistische Zeitgenossen gern die problematischen Seiten der Entwicklung verdrängen. Mir geht es aber keineswegs um Pessimismus, sondern ganz positiv um den urprotestantischen Begriff der Freiheit: Er sollte nicht im Sog technizistischer Überwucherungen ins Hintertreffen geraten. Allzu optimistisch bin ich da allerdings wirklich nicht.

Gehört zum christlichen Glaubens nicht die Hoffnung, auch im Blick auf die Entwicklungen in dieser Welt?
Thiede:
Unser Glaube ermöglicht nüchterne Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die christliche Hoffnung richtet sich weniger auf menschliches Gelingen als vielmehr auf das Kommen des Reiches Gottes – hier und heute, vor allem aber in der zukünftigen Vollendung aller Dinge durch den Schöpfer selbst. In der noch unerlösten Welt ist der Mensch Sünder: gefangen in einer tief greifenden Entfremdung von Gott, von dem er doch nicht losgelassen ist. Anders meint beispielsweise der Google-Chef Eric Schmidt, der Mensch sei von Grund auf gut. Wenn derart von der Entfremdung des Menschen abgesehen wird, läuft man Gefahr, auch die Risiken der rasanten technischen Entwicklung kleinzureden. Und man läuft außerdem Gefahr, technologische Möglichkeiten im Sinne einer Ersatzreligion zu überhöhen.

Ist »Ersatzreligion« nicht ein polemischer Ausdruck?
Thiede:
Ich verstehe ihn ganz sachlich. Eine Ersatzreligion ist keine echte Religion, sondern ein künstliches Gebilde, das an die Stelle echter Spiritualität tritt. Ein Beispiel wäre heute das technologische Bestreben, früher oder später die Unsterblichkeit der Seele, ja die Auferstehung der Toten digital, durch fortentwickelte Computer herzustellen. Auch lässt die zunehmende Vergötzung von technischen Geräten Züge einer Ersatzreligion erkennen. Kirchen sollten deshalb unbedingt wachsamer wahrnehmen, wohin die digitale Revolution führt.

Was kann und sollte aus Ihrer Sicht der einzelne Christenmensch tun?
Thiede:
Zur Struktur von Freiheitsfallen gehört es, das Bewusstsein für entsprechende Verluste zu betäuben. Digitale Demenz breitet sich aus, man wird gleichgültig gegenüber dem Schwund von Alternativen. Christen sollten sich im Umgang mit den technologischen Dingen des Alltags für Wege und Möglichkeiten entscheiden, die nicht einfach mehr Bequemlichkeit bieten, sondern Wahlfreiheit und Rücksichtnahme zulassen. Sie sollten auf der Basis der »Freiheit eines Christenmenschen« wachsam bleiben gegenüber den unverschämten digitalen Durchlöcherungen des Datenschutzes, gegenüber dem schamlosen Energieverbrauch der digitalen Systeme der Zukunft und überhaupt gegenüber einer Vergötterung der technokratischen Möglichkeiten. Ich meine, gerade Kirchen können und sollen Raum dafür eröffnen, einzeln oder miteinander gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen.

www.digitalisierte-freiheit.de

Buchtipp:
Thiede, Werner: Die digitalisierte Freiheit. Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion, Lit-Verlag, 258 Seiten, ISBN 978-3-643-12401-2, 24,90 Euro

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Fastenaktion

23. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskurs der freien Geister

Mit ihrem diesjährigen Motto »Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten« ermutigt die Fastenaktion der evangelischen Kirche unumstößliche Gewissheiten anzuzweifeln, Bekanntes zu hinterfragen und den eigenen Verstand zu gebrauchen. Das zentrale Element der Aktion ist der traditionelle Fastenkalender. Er begleitet die Teilnehmer mit Texten aus Kirche, Kultur und Alltagsleben durch die Fastenzeit und ermutigt in diesem Jahr dazu, die Dinge nicht so hinzunehmen, wie sie einem vorgesetzt werden. Die sieben Wochenthemen lauten diesmal: »Selber denken«, »Selber suchen«, »Selber reden«, »Selber handeln«, »Sich selber prüfen«, »Selber bekennen«, »Selber leuchten«.

Glaube-Alltag-8-2014Sieben Wochen lang, von Aschermittwoch, dem 5. März, bis zum Ostersonntag, dem 20. April 2014, ruft die Fastenaktion »7 Wochen Ohne« in bester reformatorischer Tradition zum Diskurs der freien Geister auf. Der Auftaktgottesdienst findet am Sonntag, dem 9. März, in der Martin-Luther-King-Kirche in Hürth bei Köln statt und wird ab 9.30 Uhr live im ZDF übertragen.

Wie in den vergangenen Jahren wird die Aktion wieder von einem zentralen Projektbüro in Frankfurt am Main koordiniert. Das Team bietet den Fastenden Begleitung an, beantwortet Fragen und betreut die Internetseite www.7-wochen-ohne.de. Dort können auf einer interaktiven Landkarte Fastengruppen veröffentlichen, wo sie fasten und was sie konkret tun. (mkz)

Sieben Wochen anders leben

Die Fülle des Lebens neu zu entdecken – dazu lädt der ökumenische Verein Andere Zeiten mit seiner Fastenaktion »7 Wochen anders leben« ein. Er begleitet alle, die von Aschermittwoch bis Ostern fasten möchten, mit wöchentlichen, persönlich gestalteten Briefen.

Glaube-Alltag-2-8-2014Worauf die Fastenden verzichten, entscheiden sie selbst. Um auf ihre Erlebnisse und Fragen eingehen zu können, werden die Fastenbriefe aktuell von Woche zu Woche geschrieben, gedruckt und versendet. Tipps helfen beim Durchhalten, Stimmen von anderen Fastenden laden zum Dialog, Gedichte zum Träumen ein. In den Briefen wird eine biblische Geschichte meditierend nacherzählt. Cartoons von Thomas Plassmann erinnern daran, dass auch in der Fastenzeit gelacht werden darf. Eine Broschüre stimmt vorab ins Thema Fasten ein und zeigt Ideen für Fastenvorhaben auf. Die Fastenaktion steht in diesem Jahr unter dem Motto: Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu (Ödön von Horváth).

Möglichkeit zum Austausch mit Fastenden gibt es während der Fastenzeit auch im Internet. Auf der Seite www.anderezeiten.de bietet der christliche Verein ein begleitendes Fastenforum an.

Die Teilnahmegebühr für die Aktion »7 Wochen anders leben« beträgt 9,50 Euro inklusive Versandkosten.
(mkz)

Anmeldung: Andere Zeiten e.V., Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Telefon (040) 47 11 27-27, E-Mail vertrieb@anderezeiten.de

www.anderezeiten.de

Ohne Taten – keine Hoffnung

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Osteuropa: Die ukrainische Protestbewegung hat inzwischen auch in Polen ihre Anhänger gefunden

Allein rund 10 000 junge Ukrainer studieren im westlichen Nachbarland Polen. Und sie organisieren auch dort Proteste gegen die ukrainische Führung.

Schtsche ne wmerla Ukrajina« (Noch ist die Ukraine nicht gestorben) – die ukrainische Nationalhymne wird auf dem Schlossplatz von Warschau angestimmt. Dann ist die Manifestation zu Ende, die blau-gelben Fahnen und die Anti-Janukowitsch-Karikaturen werden eingepackt. Die 150 Menschen zerstreuen sich. Der »Euro-Majdan«, der Protest gegen den ukrainischen Staatspräsidenten Wiktor Janukowitsch, der in Kiew seit Ende November anhält, hat auch in Polens großen Städten seine Ableger.

Blau-gelbe Fahnen auf Warschaus Schlossplatz: Auch in Polen rufen junge Ukrainer zum Protest gegen die Regierung von Wiktor Janukowitsch. Foto: Jens Mattern

Blau-gelbe Fahnen auf Warschaus Schlossplatz: Auch in Polen rufen junge Ukrainer zum Protest gegen die Regierung von Wiktor Janukowitsch. Foto: Jens Mattern

Ukrainer und Polen fordern mehr Solidarität mit den Ukrainern, die für einen europafreundlicheren Kurs und für Neuwahlen in der früheren Sowjetrepublik kämpfen. Über das wie ist man allerdings unterschiedlicher Meinung. »Wir müssen das aus eigener Kraft schaffen«, meint Vladimir Honika aus Ternopil. Er ist einer der 10 000 jungen Ukrainer, die in Polen studieren. Und wie viele Ukrainer in Polen, dem »westlichen Nachbarn«, ist er gegen Wiktor Janukowitsch. Doch auch von der Opposition in der Ukraine oder von westlicher Hilfe hält der Wirtschaftsstudent nichts. Er glaubt, dass junge Menschen wie er das Land endlich voranbringen können, die Politiker dächten doch nur an ihren Vorteil. Das sei die Gunst der Stunde: »Ich muss noch einige Prüfungen an der Uni ablegen, dann geht es nach Kiew.«

Der ukrainische Politologe Olekksii Polegyi aus Kiew wärmt sich bei einem Tee in einem Warschauer Lokal auf. Zuvor hat er über das Mikrofon Sanktionen der EU-Staaten gefordert. Er glaubt an die Hilfe von außen. »Hätte die EU früher Druck ausgeübt, gäbe es keine Toten bei den Demonstrationen.«

Sanktionen seien ein gutes Druckmittel, falls sich Janukowitsch nicht weiterbewege. Denn sollten die Oligarchen in der Ostukraine, die über die Ukraine bestimmen, ihre Geschäfte nicht weiterführen können, träfe sie das empfindlich.

Den Rücktritt von Premier Nikolai Asarov und seiner Regierung will er nicht überbewerten. Vielleicht sei das eine Grundlage für Verhandlungen, vielleicht aber auch eine »Falle«. Die faktische Macht liegt ja beim Präsidenten.

Hoffnung, dass die Jugend die alte Politikergarde ablösen kann: Der Wirtschaftsstudent Vladimir Honika, hier mit seiner Freundin Tatjana, will nach Abschluss seiner Prüfungen so schnell wie möglich nach Kiew. Foto: Jens Mattern

Hoffnung, dass die Jugend die alte Politikergarde ablösen kann: Der Wirtschaftsstudent Vladimir Honika, hier mit seiner Freundin Tatjana, will nach Abschluss seiner Prüfungen so schnell wie möglich nach Kiew. Foto: Jens Mattern

Gerüchte gehen um unter den Ukrainern in Warschau. So soll Wiktor Janukowitsch immer wieder ins zentralasiatische Altai-Gebirge jetten, da er von dem Rat dortiger Schamanen abhängig sei. »Das Land ist vollkommen korrupt, das System muss von Grund auf erneuert werden«, meint Vitali aus Lwiw, ebenfalls Wirtschaftsstudent. Wie das umgesetzt werden soll, weiß er auch nicht. Für die »Nascha Ukrajina«, die Partei des ehemaligen Präsidenten Viktor Juschtschenko, habe er 2007 sehr jung für die Parlamentswahlen kandidiert. Dabei sei es nur ums Geld gegangen. Er hat darum Verständnis für diejenigen, die Molotowcocktails werfen, für den »Rechten Sektor«, für die Nationalisten, wenn er auch nicht sagt, dass er sie direkt unterstützt. Auch Vitali will bald nach Kiew zurück.

Das Interesse in Polen an Nachrichten an den Geschehnissen in der Ukraine ist groß. Der neue Nachrichtensender »TVN24 Bis« erreichte mit seiner umfassenden Berichterstattung aus Kiew Traumquoten. Polen sehen zunehmend eine Parallele zum Kriegszustand in ihrem Land, der im Dezember 1981 ausgerufen wurde – als Regierungschef Wojciech Jaruzelski staatsstreichartig die freie Gewerkschaft Solidarnosc verbieten und die wichtigsten Mitglieder inhaftieren ließ. Darum trommelt auch die aus der Gewerkschaftsbewegung entstandene Gazeta Wyborcza, Polens größte überregionale Tageszeitung, für die Manifestationen in Polen.

Doch bislang rafften sich nicht allzu viele Polen auf, um auf die Straße zu gehen. Bei der bisher größten Aktion in Warschau waren es gerade mal etwas über 1 000 Teilnehmer. Es liege wohl auch daran, dass Demonstrationen heute eher auf Facebook stattfinden, meint der politische Aktivist und Gesellschaftswissenschaftler Mateusz Klinowski.

Wohl stößt auch der westukrainische Nationalismus der Swoboda-Partei in Polen unangenehm auf. So wurden von Seiten der Nationalisten wieder Forderungen nach polnischen Gebieten im Osten des Landes laut. Die Ukrainer in Polen haben darum Überzeugungsarbeit zu leisten. Derzeit sprechen einige mit Plakaten an den wichtigsten Verkehrsknoten Warschaus die Passanten an.

»Jeder sollte ein Verantwortungsgefühl entwickeln«, so die ukrainische Künstlerin Anna Kosarevska, die in Warschau bleiben will. Sie plant Happenings für die Straße. Auf ihrer Jacke hat sie einen Sticker in blau-gelb: »Ohne Taten – keine Hoffnung«.

Jens Mattern

Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

»Der Heilige Geist lehrt keine Physik«

17. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren

Der italienische Mathematiker und Astronom Galileo Galilei (1564 bis 1642) war ein exakter Beobachter. Mit einem selbst umgebauten Fernrohr betrachtete er die Himmelskörper und war sich sicher: Das, was die Menschen seit jeher geglaubt hatten, war falsch. Die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt, sondern sie dreht sich gemeinsam mit anderen Planeten um die Sonne. 1633 zwang die Kirche ihn, die These zu widerrufen. Erst 1992 rehabilitierte sie ihn formal.
Vor 450 Jahren, am 15. Februar 1564, wurde Galileo Galilei in Pisa geboren. Nach seinem Widerruf vor der Inquisition soll er im Hinausgehen gemurmelt haben: »Und sie (die Erde) bewegt sich doch.« Allerdings gibt es für den berühmten Ausspruch keinerlei Belege. Er ist wohl auch nicht gefoltert worden, und seine Haft bei den Glaubenswächtern der Inquisition war nur kurz. Er hat sich in etlichen Behauptungen geirrt und seine Gegner sehr unklug provoziert.

Aber das Leben des Galileo Galilei erschüttert die Menschen noch heute. Er beobachtete die Milchstraße, die Oberfläche des Mondes – und sah, wie Monde den Jupiter umkreisten.

Galileo Galilei – Porträt von Justus Sustermans, 1636. Foto: Wikipedia

Galileo Galilei – Porträt von Justus Sustermans, 1636. Foto: Wikipedia

Damit war klar: Es dreht sich nicht alles im Universum um die Erde. Auf Basis des Weltbildes von Nikolaus Kopernikus (1473–1543) kam Galileo Galilei zu dem Schluss, dass die Sonne im Mittelpunkt steht. Die Kirchenoberen aber wollten die – von Gott geschaffene – Erde im Zentrum sehen, auf der die Papstkirche ihre von Gott verliehene Macht ausübte.

1633 dann war es soweit: Galilei wurde festgenommen und von der Inquisition verhört. Eine Kardinalskommission verurteilte – keineswegs einstimmig – sein Weltbild. Unter diesem Druck widerrief der Forscher und stand bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 nahe Florenz unter Hausarrest. Dort konnte er sein Lebenswerk vollenden, die »Discorsi«, die zur Grundlage für die Gravitationslehre Newtons werden und den letztgültigen Beweis für Kopernikus erbringen sollten.

Galilei wurde fortan zur Legende, zum Heiligen der verweigerten Meinungsfreiheit, zum Symbol des beschämenden Triumphs der Macht über die Argumente. Dabei ist er alles andere gewesen als ein skeptischer Atheist und Rebell gegen die Lehrautorität der Kirche. Und seine mit dem Fernrohr gemachten Entdeckungen faszinierten auch Kirchenleute: Als er 1611, schon ein gefeierter Gelehrter, in Rom eintraf, ließen sich zahlreiche Kardinäle von ihm mit astronomischen Beobachtungsinstrumenten versorgen.

Aber im Gegensatz zu vielen Kirchenoberen beharrte Galilei darauf, die göttliche Offenbarung in der Natur sei an strenge Gesetze gebunden und erfordere exakte Beobachtung – nicht den Rückzug auf Bibelsätze. »Mir scheint«, erklärte er 1615, »wir sollten in der Diskussion von Naturproblemen nicht von der Autorität der Bibeltexte ausgehen, sondern von der Sinneserfahrung und von notwendigen Beweisführungen. … Natürlich ist es nicht die Absicht des Heiligen Geistes, uns Physik oder Astronomie zu lehren oder uns zu zeigen, ob sich die Erde bewegt oder nicht.«

Doch die Kirchenoberen fürchteten sich vor den Naturgesetzen und klammerten sich an die Bibel als zuverlässige Autorität in sämtlichen Fragen. Denn: Musste mit der Fehlbarkeit der Bibel bei naturwissenschaftlichen Themen nicht das ganze Glaubensgebäude zusammenstürzen? Auch der Reformer Martin Luther hatte sich über den »Narren« Nikolaus Kopernikus entrüstet, der »die ganze Kunst Astronomiae umkehren« wolle.

Dennoch: Kopernikus’ System mit der Sonne im Zentrum und der Erde als kleinem Mitläufer im All wurde in den Jahren nach Galileis Verurteilung überall als Arbeitshypothese verwandt, sogar am römischen Jesuitenkolleg. Heute ist längst klar, dass die Bibel keine naturwissenschaftlichen Lehrsätze enthält, dass die zeitlose Botschaft von der Liebe Gottes etwas ganz anderes ist als die in der Heiligen Schrift enthaltenen zeitbedingten Weltbilder.

Doch erst 1992 rehabilitierte Papst Johannes Paul II. den Gelehrten. Unter seinem Nachfolger Benedikt veröffentlichte das Päpstliche Geheimarchiv eine historisch-kritische Ausgabe der Prozessakten und wies wieder einmal darauf hin, dass der damalige Papst Urban VIII. das Urteil gegen Galilei gar nicht unterzeichnet habe. Und der langjährige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone pochte darauf, Galilei habe als gläubiger Wissenschaftler die Natur als ein von Gott geschriebenes Buch betrachtet. Und der Heilige Geist lehre die Menschen bekanntlich, »wie man in den Himmel kommt, nicht, wie der Himmel sich bewegt«.

Christian Feldmann (epd)

»Ja, mit Gottes Hilfe«

16. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Heiraten: Ein Paar aus Mitteldeutschland erzählt, warum ihnen die kirchliche Trauung wichtig war und was ihnen der Segen Gottes für ihre Ehe bedeutet

Zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes traten die Hallenser Caroline und Robert Günther im September 2013 vor den Traualtar.

Robert: Wir saßen mit Jogginghose am Frühstückstisch und schauten noch etwas verschlafen in unsere Kaffeetassen. Unser Sohn lachte auf dem Schaffell vor sich hin. Der Tag im März 2012 begann wie viele in den drei Jahren unseres Zusammenwohnens.

Caroline: Und dann hat mir Robert einen Antrag gemacht. Ich glaube, einen überraschenderen Moment hätte er sich nicht ausdenken können.

Robert: Schon bevor es Thema wurde, war uns klar, dass wir Ehe und Familie wollen. Beides gehört für uns zusammen. Nur die Reihenfolge war uns egal. So war es dann auch: Erst kam unser Sohn im Juli 2011 zur Welt und gut zwei Jahre später folgte die Hochzeit.

Caroline (27) und Robert (28) bei Ihrer Hochzeit in Schenkenberg bei Delitzsch. Foto: Lukas Becker

Caroline (27) und Robert (28) bei Ihrer Hochzeit in Schenkenberg bei Delitzsch. Foto: Lukas Becker

Caroline: In der ersten Zeit der Partnerschaft will man für den Anderen etwas Besonderes sein, für Schwächen ist noch wenig Platz. Aber wir konnten und wollten das nicht lange aushalten. Wir lernten uns kennen und gaben viel von uns preis. Als wir uns dann noch in die Augen sehen und sagen konnten: Ich liebe dich so, wie du bist, dann war auch die Gewissheit da: Mit dir will ich alt werden.

Robert: Wir wissen nicht, wie es uns ergangen wäre, hätten wir nicht beide ein so stabiles und liebevolles Elternhaus gehabt. Bei ihnen haben wir immer wieder erlebt, dass vieles ins Wanken geraten kann und es dennoch eine Verbindung gibt, die das aushält. Es hat uns immer beeindruckt, dass sie vieles in ihrem Leben infrage gestellt haben und vieles auch infrage gestellt wurde. Aber an ihrer Entscheidung füreinander haben unsere Eltern nie gezweifelt.

Caroline: Auch ohne Ehe wären wir überzeugt, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen werden. Aber wir wollten für uns und nach außen hin unsere Beziehung bestätigen. Und vielleicht ist dieses Versprechen etwas, das uns in Krisen trägt. Doch dann kamen plötzlich noch andere Gründe hinzu, an die wir vorher nie gedacht hatten. Unser Sohn kam zu früh zur Welt und seine Situation war lange kritisch. Nun dachten wir auch an die rechtlichen Sicherheiten, die eine Ehe bietet.

Robert: Für Caroline ist die kirchliche Trauung wichtiger als das Standesamt. Sie sagt, dass sie sich durch den Segen Kraft erhofft: Für uns beide, unseren Sohn Paul und unsere gemeinsame Zukunft. Die Worte »Bis dass der Tod euch scheidet« klangen für sie nie bedrohlich, sondern wie eine Verheißung. Ich selbst bin nicht getauft. Aber auch ich wollte die kirchliche Trauung. Nicht nur ihretwegen. Und dann vor dem Altar hat sich alles richtig angefühlt. Es war feierlich und wunderschön. In diesem Moment konnte ich guten Gewissens und zu meiner und zur Verwunderung des Pfarrers sagen: Ja, mit Gottes Hilfe. Diesen Satz hatte ich nicht eingeplant. Aber ich konnte ihn mit Überzeugung sprechen.

Notiert von Stefan Körner

Gottesdienste für Verliebte am Valentinstag
Zum Valentinstag an diesem Freitag, 14. Februar, laden mehrere Gemeinden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu Segnungsgottesdiensten für Verliebte ein. Ökumenische Feiern gibt es unter anderem in Erfurt, Gera, Jena, Kloster Volkenroda, Halle, Merseburg und Kloster Drübeck. In Dessau wird sich ein Gottesdienst im Bauhaus-Café dem Thema widmen. Bei den Veranstaltungen in den Kirchengemeinden sind frisch Verliebte ebenso willkommen wie langjährige Eheleute. Die Einladung gilt selbstverständlich auch für Christen mit Partnern, die keiner Kirche angehören. In mehreren Kirchengemeinden sind nach den Gottesdiensten zudem Begegnungen und Gespräche in Pfarrhäusern und Gemeindezentren vorgesehen.

Der seit dem vierten Jahrhundert gefeierte Namenstag erinnerte ursprünglich an Bischof Valentin von Terni, der am 14. Februar 268 hingerichtet worden sein soll. Er hat der Legende zufolge trotz kaiserlichen Verbots Verliebte, darunter auch Soldaten und Sklaven, getraut. Zudem soll er frisch vermählten Paaren Blumen aus seinem Garten geschenkt haben. Wegen der unklaren historischen Herkunft wurde der Gedenktag jedoch 1970 aus dem Römischen Generalkalender der katholischen Kirche gestrichen.

Solche Menschen braucht das Land

12. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Zentralafrikanische Republik: Wenn Christen und Muslime gemeinsam der Gewalt widerstehen

Ein blutiger Bürgerkrieg tobt in der Zentralafrikanischen Republik. Doch es gibt  Menschen, die der Gewalt widerstehen.

Der katholische Pfarrer Xavier Fagba ist ein mutiger Mann. Rund 850 Muslime in der Stadt Boali in der Zentralafrikanischen Republik verdanken ihm ihr Leben. Mit seinem entschlossenen Eingreifen verhinderte er ein Massaker an Angehörigen der muslimischen Minderheit.

Es ist Mitte Januar 2014 und es hatte Übergriffe muslimischer Kämpfer auf Christen gegeben. Nun drohen Milizen mit Rache. Pfarrer Fagba erkennt, wie gefährlich die Lage für die Muslime in Boali ist. Seit zwei Monaten gibt es keine Polizei mehr in der vom Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt. Es ist niemand mehr da, der die Zivilisten schützen könnte.

Pfarrer Xavier Fagba setzt Zeichen gegen den auflodernden Hass: Als christliche Milizen im zentralafrikanischen Boali Racheakte an der muslimischen Bevölkerung verüben wollen, nimmt er rund 850 Menschen in seine Kirche auf und bewahrt sie so vor der Gewalt. Foto: FRANCE24 (Screenshot)

Pfarrer Xavier Fagba setzt Zeichen gegen den auflodernden Hass: Als christliche Milizen im zentralafrikanischen Boali Racheakte an der muslimischen Bevölkerung verüben wollen, nimmt er rund 850 Menschen in seine Kirche auf und bewahrt sie so vor der Gewalt. Foto: FRANCE24 (Screenshot)

Am 17. Januar wirft sich Fagba seine Soutane über und geht in den Stadtvierteln der Muslime von Haustür zu Haustür. Er bietet den Menschen Schutz in seiner Kirche an. Auch in die Moscheen geht der Pfarrer und lädt eindringlich dazu ein, nicht zu zögern, sondern vor den mordenden Milizen in sein Gotteshaus zu flüchten.

Fast alle Muslime folgen seinem Ruf. Tatsächlich werden die Moscheen und die Häuser der Muslime von den Milizen verwüstet. Doch in der Gemeindekirche Sankt Peter, in der die muslimischen Zivilisten und rund 200 Christen Schutz gesucht haben, kommt niemand zu Schaden. Pfarrer Fagba hat sie vor dem Schlimmsten bewahrt.

Mutige Taten wie diese braucht die Zentralafrikanische Republik, um den Hass zwischen Christen und Muslimen zu überwinden. Christen stellen rund 80 Prozent der Bevölkerung, während 15 Prozent Muslime sind. Muslimische Seleka-Milizen haben in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder Christen angegriffen und Massaker begangen. Mit dem Ende der von Seleka-Milizen gestützten Übergangsregierung wittern nun andere Milizen die Chance, sich für diese Verbrechen zu rächen.

Ulrich Delius ist Leiter des Asien-/Afrikareferates der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Postfach 20 24, 37010 Göttingen, E-Mail:   www.gfbv.de

Ulrich Delius ist Leiter des Asien-/Afrikareferates der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Postfach 20 24, 37010 Göttingen, E-Mail: www.gfbv.de

Der Kreislauf der Gewalt wird nur schwer zu durchbrechen sein. Schon warnen die Vereinten Nationen vor einem Religionskrieg, der Züge eines Völkermordes annehmen könne. Zwar betonen führende Vertreter beider Glaubensgemeinschaften, dass Christen und Muslime in der Zentralafrikanischen Republik traditionell in Frieden miteinander leben. Erzbischöfe und Imame weisen aber auch darauf hin, dass Religion in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Land von Milizen missbraucht wird, um neuen Hass zu säen. Armut, politische Machtkämpfe und Hoffnungslosigkeit bei der Bevölkerung schüren die Auseinandersetzungen zusätzlich.

So wird der Weg zu einer Versöhnung zwischen Christen und Muslimen in der Zentralafrikanischen Republik lang und steinig sein. Es braucht nicht nur viel Austausch und Kooperation, sondern auch internationale Friedenstruppen, die sich zwischen die verfeindeten Gruppen stellen und für den Wiederaufbau eines funktionierenden Staatswesens sorgen.

Ulrich Delius

»Alle reden über sie, keiner mit ihnen«

11. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Zuwanderer: Nicht nur die Politik muss sich ändern, auch die Kirchengemeinden haben Nachholbedarf

Einwanderer und Asylbewerber sind eine Herausforderung – auch für die Kirchen. Propst Johann Schneider, Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, hat selbst einen Migrationshintergrund. Dietlind Steinhöfel sprach mit dem promovierten Theologen.

Herr Propst Schneider, Sie sind in Siebenbürgen geboren und haben dort Kindheit und frühe Jugend verbracht, sind sozusagen auch ein Zuwanderer. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?
Schneider:
Aus politischen Gründen. Eine Junge-Gemeinde-Gruppe aus Radebeul war in Siebenbürgen. Ich erlebte eine unwahrscheinliche Redefreiheit bei den Jugendlichen aus der DDR. Ich wollte genauso frei leben können. Ich wollte in die DDR auswandern, aber das war verboten – von einem sozialistischen Land in ein anderes. Es blieb nur die BRD. Doch meine Eltern waren strikt dagegen. Mein Bruder und ich haben viele Abende heftig mit ihnen gerungen. Mein Vater sagte: »Ich gehe hier nicht weg, unser Herrgott gibt uns jeden Tag zu essen, Gott hat uns an diesen Ort gewiesen. Von Politik und Freiheit wirst du nicht satt.« Auch ich bin der Meinung, dass man seine Heimat nicht leichtfertig aufgibt. Aber wir sind schließlich 1985 doch nach Würzburg gezogen.

Wie sind Sie damals in Deutschland empfangen worden?
Schneider:
Wir wurden sehr reserviert aufgenommen. Es hat niemand auf uns gewartet. Ich konnte mein Abitur nachholen in einem »Sonderlehrgang für Spätaussiedler-Abiturienten aus ehemaligen deutschen Ostgebieten«. Dabei gehörte Siebenbürgen nie zum Deutschen Reich. Die BRD hatte sich jedoch bereit erklärt, deutschsprachige Menschen als Kriegsfolge aufzunehmen. In Siebenbürgen haben wir gesagt: Wir wandern aus; aber »einwandern« durften wir in Deutschland nicht sagen, nur Einreise.

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Johann Schneider kam selbst als junger Mann 1985 aus Rumänien nach Deutschland. Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Erste, was ich gelernt habe: nicht auffallen, keinem meine Lebensgeschichte erzählen. Niemand interessierte sich für den realen rumänischen Sozialismus oder die Junge Gemeinde aus Radebeul.

Als noch verschlossener als die Gesellschaft habe ich die Kirchengemeinden wahrgenommen. Bis heute sind unsere Kirchen kaum zugänglich für Außenstehende. Wenn jemand nach Deutschland kommt und Kontakt zur Kirchengemeinde möchte, muss er die Tür sehr fest in die Hand nehmen und sie kräftig öffnen. Wir pflegen keine Einladungskultur. Bei uns muss jemand von selbst kommen. Einladungen habe ich nur von national orientierten Verbänden bekommen. Doch da habe ich lieber Distanz gehalten.

Wie geht es Ihnen heute? Berührt Sie die Debatte um Zuwanderer und Asylbewerber?
Schneider:
Oft denke ich: Soll ich überhaupt was dazu sagen? Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland, bin hier zu Hause. Soll ich mich bekennen, dass ich woanders herkomme? Die Situation erinnert mich an die Erfahrung der ersten Monate und Jahre, in denen ich wenige getroffen habe, die mir mit einem gewissen Verständnis begegnet sind. Ich bin gelassen und empfinde es überhaupt nicht als Katastrophe, dass Menschen zu uns kommen. Sie kommen, weil sie bei uns eine Perspektive für ihr Leben sehen. Leider wissen sie meist gar nichts über unser Land.

Es gibt aber auch eine Distanz vonseiten der Einwanderer. Wir haben in unseren Gemeinden in Nordsachsen relativ viele Russlanddeutsche. Die allermeisten von ihnen haben keinerlei Beziehungen zur Kirchengemeinde Torgau, die ihre Türen für sie öffnet. Die Russlanddeutschen treffen sich im selben Haus, aber es kommt kaum zu einer Kommunikation. Es gibt Grenzen, die schwer zu überwinden sind.

»Sozialtourismus« wurde das Unwort des Jahres 2013. Ausdrücke wie Armutszuwanderung oder Freizügigkeitsmissbrauch richten sich speziell gegen Menschen aus Rumänien oder Bulgarien, die jetzt innerhalb der EU Freizügigkeit genießen. Ich höre auch in christlichen Kreisen oft den Satz: Wir können doch nicht alle aufnehmen. Was sagen Sie dazu?
Schneider:
Die allermeisten Menschen, die nach Deutschland kommen, finden mehr oder weniger problemlos hier Arbeit. Die privaten Pflegefirmen zum Beispiel rekrutieren ganz gezielt ihr Personal aus Rumänien. Diese Schlagworte, die im Wesentlichen negativ und abwehrend kommentieren, sind für mich Ausdruck einer Angst vor dem Unbekannten und vor einer eigenen Verarmung. Die Menschen fürchten, wenn andere Arme kommen, reicht es für uns nicht mehr. Ich möchte jene, die ihre Angst aussprechen, nicht als rassistisch diffamieren. Es ist eine Reaktion auf mediale Schlagworte. Sie kommt aus dem politischen Diskurs, nicht aus der Alltagsbegegnung mit Zuwanderern.

Für mich ist es ganz natürlich, dass Menschen auf einem Kontinent von einem Ort zum anderen gehen. Sie nehmen ihr Schicksal in die Hand. Man kann auch sagen: Europa gibt den Armen eine Chance. Insgesamt ist das für mich ein sehr künstlicher Diskurs, denn mit den Einwanderern redet kaum jemand, sondern es wird über sie geredet.

Wird Deutschland nach Ihrer Beobachtung fremdenfeindlicher?
Schneider:
Ich nehme deutlich wahr, dass die Aggression im öffentlichen Diskurs zunimmt. Aber unter der Bevölkerung wurde die Distanz schon immer kultiviert. In Deutschland wartet niemand auf Zuwanderer. Das hängt mit der Geschichte unseres Landes zusammen. Bereits in der alten BRD wurde Zuwanderung diffamiert durch Vokabeln wie Gastarbeiter. Die sollten nur auf Zeit hier arbeiten. Wir bleiben unter uns! In der DDR kam die Abwehrhaltung, weil man die Ausländer kaserniert hat. Doch die Begegnung mit dem Fremden kann nur dann gelingen, wenn Verständigung möglich ist. Natürlich nehme ich auch in unseren Kirchengemeinden eine Angst vor Fremden wahr.

Was müsste da anders laufen?
Schneider:
Wir müssen Gelegenheit der Begegnung schaffen. Und was Arme betrifft, sollten wir im Gottesdienst nicht über Armut reden, sondern mit Armen feiern. Ich kenne einen emeritierten Pfarrer, der nimmt aus Barmherzigkeit obdachlose junge rumänische Familien bei sich auf, die hier um ihren Lohn betrogen worden sind. Er vermittelt und hilft, weil sie ihre Rechte nicht kennen und nicht wissen, dass man Arbeitgeber, die nicht zahlen, verklagen kann. Wir in Mitteldeutschland sind nicht gerade geberfreundlich. Wir haben eine klare Sozialgesetzgebung, die auf gut jüdisch-christlicher Tradition beruht. Und darauf verlassen wir uns. Aber die beiden Roma-Frauen, die draußen vor der Kirche betteln, kennen ihre Rechte nicht. Sie kennen unsere Sprache nicht und können nicht lesen. Aber es gibt genügend Leute bei uns, die Rumänisch sprechen und dolmetschen können. Wir haben vergessen, dass die christliche Gemeinde immer aus sehr vielen Kulturen bestand: Sklaven und Freie, Griechen, Juden, Äthiopier …

Fromm heißt, tauglich fürs Leben sein

10. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Kloster Petersberg

Den Alltag unterbrechen, innehalten, die Antenne zu Gott ausfahren. Wie wichtig und heilsam das sein kann, darüber sprach Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Klosterberg Petersberg, mit Sabine Kuschel

Bruder Johannes, wie sieht Ihr Tag hier im Kloster aus?
Bruder Johannes:
Das »Gerüst« bilden die drei Gebetszeiten. Wir laden ein zu Einkehrzeiten am Wochenende, Exerzitien, Bete-und-arbeite-Wochen, zu Gottesdiensten. Dazukommen Führungen in der Stiftskirche. Der Petersberg ist auch ein Kulturort, der von Schulklassen, Gemeindegruppen und Touristen besucht wird, die wir führen.

Bruder Johannes. Foto: privat

Bruder Johannes. Foto: privat

Ich stehe zwischen sechs und halb sieben Uhr auf. Dann habe ich eineinhalb Stunden Zeit für Frühstück, persönliche Stille, Bibellese und wenn nötig nach der Heizung zu schauen. Acht Uhr ist das gemeinsame Gebet – eine halbe Stunde. Anschließend Tagesbesprechung mit den Schwestern und Brüdern. Die Zwischenzeiten sind sehr unterschiedlich gestaltet, je nachdem ob wir Gäste haben oder nicht. Wenn nicht, erledige ich Post, E-Mails und bereite mich auf die Predigt oder biblische Impulse vor. Zwischendurch möchte ich auch mal etwas Praktisches machen: Holzhacken oder mit der Kettensäge arbeiten.
Mittagspause darf auch sein.

An den Abenden haben wir relativ viel Zeit für uns, zum Lesen, zum Spazierengehen, für Begegnungen oder auch zum Vorbereiten. An einem Abend in der Woche treffen wir Brüder uns zum Gespräch, zum Austausch und Erzählen. Alle zwei Monate haben wir einen stillen Tag, an dem wir schweigen.

Was halten Sie davon, ständig und überall erreichbar zu sein?
Bruder Johannes:
Es ist eine missliche Sache, immer erreichbar zu sein. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich auch gerne meinen Brüdern melden, wenn der Zug Verspätung hat und sie mich später abholen müssen.

Aber: Ständig erreichbar zu sein ist für Menschen eine Belastung. Wir können uns dadurch überfordern.

Das Kloster bietet die Möglichkeit, Gewohnheiten zu unterbrechen, aus dem Alltag auszusteigen …
Bruder Johannes:
Ja, die Menschen, die zu uns kommen, wollen bewusst aus ihrem
normalen Arbeitsrhythmus aussteigen. Es tut ihnen gut, dass sie sich hier einfügen können, nicht müssen, in einen Tagesrhythmus, der durch drei Gebetszeiten geprägt ist.

Wie können die Menschen diese ruhigere Gangart nach dem Klosterbesuch in ihrem Alltag fortsetzen?
Bruder Johannes:
Ich finde es wichtig, dass der Tag nicht zu vollgepackt ist, dass wir uns einen Tagesrhythmus schaffen, der auch Freiräume bietet. Hier im Kloster haben wir dafür besondere Bedingungen. Bis morgens acht Uhr die Glocke läutet, haben wir Zeit, die Bibel zu lesen, zu beten und uns in den Tag einzustimmen. Das ist so im Alltag nicht für alle möglich. Aber wir machen immer wieder die Erfahrung: Wenn Menschen einige Tage mit uns gelebt haben, sagen sie: »Ach ja, solch ein Rhythmus täte mir gut.« Nun ist es ihre Aufgabe, das, was möglich ist, zu übernehmen, auf ihre Verhältnisse umzugestalten.

Kein leichtes Unterfangen!?
Bruder Johannes:
Eine ganz wichtige Frage ist: Will ich mir denn überhaupt Zeiten der Stille nehmen, in denen ich keine Ablenkung habe? Denn wenn ich mir Zeit für mich nehme, dann kommen die unerledigten Aufgaben, Spannungen und Konflikte, die sonst beiseitegeschoben werden, die ich aber eigentlich lösen müsste. Es kommen die normalen Sorgen um die Kinder und die Gesundheit, um den Arbeitsplatz.

Wir müssen lernen, uns die Angst vor dem Alleinsein und vor der Stille einzugestehen und sie auszuhalten. Entscheidend dabei: Alles, was mir zu schaffen macht, kann ich im Gebet an Gott abgeben, ich darf es loslassen. Damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Aber es hilft mir, das Alleinsein, die Einsamkeit, die Stille auch als eine Chance zu sehen. Ich brauche stille Zeiten, um mir immer wieder bestimmte Fragen stellen zu können. Zum Beispiel: Wo stehe ich heute? Was will ich mir in der nächsten Zeit vornehmen? Dieses Innehalten ist wichtig, damit ich mich nicht nur vom Alltagsgeschehen bestimmen lasse. In einem Vortrag habe ich ein Zitat des katholischen Theologen Johann Baptist Metz gehört. Er sagt: »Religion definiere ich mit Unterbrechung.« Das finde ich hochinteressant. Das heißt, Religion ist, wenn ich mich nicht nur vom linearen, vom alltäglichen Geschehen bestimmen lasse, sondern wenn ich innehalte und meine Antenne nach oben ausfahre. Wenn ich mich frage, was gibt es noch außer Beruf, Familie und Freizeit?

Theologisches Wissen ist erst ein Gewinn, wenn es das Lebensgefühl bestimmt. Wie vermitteln Sie den Menschen, die zur Unterbrechung ihres Alltags ins Kloster kommen, Ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Ihren Glauben?
Bruder Johannes:
Ich denke, in unserer Gästearbeit sind persönliche Gespräche ein wichtiges Element. Wir Christen brauchen immer wieder einen Ort, wo wir schwach sein dürfen, über Zweifel reden können.

Kann ich sagen: Ich weiß mich angenommen, ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren?

Wenn sich Vertrauen bildet, dann können die Menschen sich auch in ihrer Schwäche zeigen, darüber sprechen, dass sie teilweise ungesund leben, unter Konflikten und Minderwertigkeitsgefühlen leiden und zur Selbstannahme finden wollen.

Wir bieten den Menschen persönliche Segnung mit Handauflegung an. Wir sprechen ihnen den Segen Gottes zu. Sie können auch sagen, wofür sie sich diesen besonders wünschen.

Und nach einer solchen Pause können die Menschen sich wieder ihren Aufgaben widmen und sich ins Leben schicken?
Bruder Johannes:
Das ist mir die wichtigste Aufgabe hier auf dem Petersberg. Dass sich die Menschen wieder neu dem Leben stellen können, in das, was kommt. Das ist der ursprüngliche Sinn von Frömmigkeit: tauglich fürs Leben sein. Fromm sein heißt, tauglich fürs Leben. Das kann ich im Grunde nur aus der Gottesbeziehung heraus. Und – nun mache ich einen großen Sprung – wenn ich gelassen leben, mich nicht nur von der Arbeit bestimmen lassen will, muss ich den ganzen Lebensbogen sehen, der von heute bis in die Ewigkeit hinein gespannt ist, der in die neue Welt Gottes führt. Ich habe nicht nur diese Lebenszeit, es gibt die neue Welt Gottes. Ich muss hier nicht alles perfekt fertig kriegen. Ich kann in der neuen Welt Gottes ankommen auch mit dem, was hier in diesem Leben nur bruchstückhaft war. Ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren.

Freilich: Den Glauben an die Auferstehung habe ich nicht in der Hand. Den muss ich immer wieder ergreifen. Aber es gibt Hilfen, die Jesusgeschichten, wie Menschen durch ihn verändert worden sind, damals und heute. Und das Geheimnis der Schöpfung kann mir helfen, an die Auferstehung zu glauben.

Die Granaten-Bibel

9. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die digitale Bibliothek Europeana zeigt private Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg

Der Infanterist Kurt Geiler schlief fest, als die Granate in den Unterstand einschlug. Seit fast vier Jahren lag Geiler in den Schützengräben von Verdun im Nordosten Frankreichs, wo sich der deutsche Angriff in einem Stellungskrieg festgefahren hatte. Die Granate explodierte und verteilte ihre tödlichen Splitter.

Über Geiler brach das Inferno aus. Stützbalken zerbarsten, Erde und Dreck krachten herunter. Schlaftrunken rettete sich der 23-Jährige ins Freie. Überall lagen Tote und Verwundete, aus dem Inneren des Unterstandes ertönten die Schreie der Verschütteten. Nur Geiler blieb unverletzt.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv zu sehen. Foto: epd-bild

Später sammelte er seine Habseligkeiten in den Trümmern zusammen und fand dabei auch seine Bibel wieder. Ein zwei Finger breiter, scharfkantiger Granatsplitter hatte sich in das Buch gebohrt. Wie immer hatte Geiler das Buch zum Schlafen unter seinen Kopf gelegt. Das hatte ihm das Leben gerettet. Das war 1917.

Die Fotos von der Bibel sind in dem digitalen europäischen Archiv »europeana1914–1918.eu« zu sehen. Mit dem im März 2011 gestarteten Projekt »Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten« will die europäische digitale Bibliothek Europeana die privaten Erinnerungen von Menschen verschiedener Nationen an diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« sichern und öffentlich zugänglich machen. Zum Jubiläumsjahr wurde das Portal in Berlin offiziell freigeschaltet.
Unter Federführung der Staatsbibliothek Berlin wurden seit 2011 europaweit Hunderttausende Zeitdokumente aus der Zeit des Ersten Weltkrieges digitalisiert und eingestellt. Allein 400 000 Dokumente kommen aus zehn europäischen Nationalbibliotheken und Archiven. Zudem sind 90 000 private Dokumente und Erinnerungsstücke aus zwölf europäischen Ländern sowie über 660 Stunden Filmmaterial aus 21 europäischen Filmarchiven zu sehen.

Für die Digitalisierung privater Erinnerungsstücke und Dokumente wurden bislang über 130 Aktionstage, sogenannte collecting days, veranstaltet, darunter in Deutschland, England, Luxemburg, Irland, Slowenien, Dänemark, Belgien, Zypern, Italien, Frankreich, Rumänien und der Slowakei. Koordiniert wird das Projekt in Deutschland von dem Historiker Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin.

Seit 2011 wirbt Drauschke unermüdlich in zwölf europäischen Ländern dafür, private Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg digitalisieren zu lassen oder sie eigenständig in der Datenbank online zu stellen. Gesucht und erfasst wird alles: Feldpostbriefe, Orden, Tagebücher, Fotos, Filme, Tonaufnahmen und die dazugehörigen persönlichen Geschichten. »Jeder, der persönliche Erinnerungsstücke an die Zeit zwischen 1914 und 1918 besitzt, ist weiterhin eingeladen, sich zu beteiligen«, sagt Drauschke.

Die Geschäftsführerin der Europeana Foundation, Jill Cousins, spricht von einer Ressource, die es in diesem Ausmaß in Europa bisher noch nicht gegeben habe. »Zudem hat es unsere Länder in bemerkenswerter Weise zusammengebracht«, betont Cousins. Die ursprüngliche Idee für die virtuelle Sammlung stammt von der Oxford University, die 2008 in Großbritannien dazu aufrief, das Great War Archive um private Exponate zu ergänzen. Finanziert wird die Europeana aus EU-Mitteln und Mitteln der jeweiligen Länder.

»Mein Vater war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen«, erinnert sich der Sohn des Infanteristen Kurt Geiler, Gottfried Geiler, heute in Leipzig. Dass die Bibel ihn »im wörtlichen Sinne rettete«, habe ihn natürlich darin bestärkt, auch wenn er später noch zweimal verwundet werden sollte, davon einmal schwer. Aber Kurt Geiler überlebte den Krieg. Die Bibel mit dem Granatsplitter bewahrt sein Sohn sorgfältig in einer Kiste auf. Dass sie und diese Geschichte seines Vaters durch das Internetportal nun zum Teil eines europäischen Gedächtnisses geworden ist, findet der 86-Jährige großartig.

Christoph Roch (epd)

www.europeana1914-1918.eu

Auf der Suche nach dem »wahren Leben«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die junge Generation hat es schwer, ihren Weg zu finden

Über zwei Millionen Menschen haben sich das Gedicht der jungen Psychologiestudentin Julia Engelmann im Internet angeschaut. Bis in die Hauptnachrichten hat es dieser kleine Film auf der Internet-Plattform YouTube geschafft. Dabei ist es kein heiterer Film. Vielmehr handelt er – sehr berührend – von verpassten Chancen und Lebensträumen einer jungen Generation. Die Aussage des Gedichtes, das sich gegen die Lethargie junger Menschen wendet, lässt sich in einer Liedzeile bündeln, die sehr nachdenklich macht: »Eines Tages werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.«

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.«   www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Im Mai 2013 trat die Bremer Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann beim Poetry Slam, einem Dichterwettstreit, an der Universität Bielefeld auf. Mit ihrem Aufruf, das Leben besser zu nutzen, hat sie einen Internet-Hit gelandet. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie- Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor. Sie spricht über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. »Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können«, sagt sie. »Ich würde gerne so vieles tun«, setzt sie nach. »Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.« www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8. Foto: picture-alliance/dpa

Man könnte meinen, einer jungen, schlauen und gut aussehenden Frau stände die Welt offen und das Leben läge ihr zu Füßen. Hört man aber einmal bewusst dieser Generation zu, wird man bemerken, dass eine tiefe Traurigkeit und Angst in ihnen ist. Dass sie nach außen vor Selbstbewusstsein strotzt, aber tief in ihrem Inneren von Selbstzweifeln zernagt ist. Woran mag das liegen, hab ich mich oft gefragt, wenn ich diese Mitzwanziger treffe und ihnen im Gespräch begegne.

Ich glaube, dass die mittlere und ältere Generation es einfacher hatte, ihren Lebensweg zu beginnen. Es gab klare Strukturen, Menschen und Institutionen, an denen man sich reiben konnte und eine Welt, die es einem nicht immer einfach gemacht hat. Wir, die Älteren von uns, lernten Fahrradfahren ohne Helm, man konnte auf Bäume klettern ohne Väter und Mütter, die unten standen und besorgt nach oben schauten. Die Wege unserer Kindheit hörten nicht 500 Meter hinter dem Elternhaus auf. Wer sich verletzte, wurde meist erst ausgeschimpft und bekam dann ein Pflaster. Wer Ärger in der Schule hatte, musste sehen, wie er selber damit klar kam. All das ist den jungen Erwachsenen versagt geblieben. Unter den besorgten Blicken der Eltern wachsen die meisten überbehütet auf. Sie werden verteidigt und umsorgt, wo es nur geht. Sicherheitsmaßnahmen werden überall ergriffen, dass keinem ein Leid geschieht. Eine Rechtschutzversicherung haben viele, damit sie gegen Lehrer und Institutionen klagen können. Vom »wahren Leben« werden sie gerne abgeschirmt. Alltagstauglichkeit steht bei den wenigsten im Erziehungsprogramm. Der Glaube als Lebensbegleiter findet nur noch selten statt.

Natürlich liegt es in der Natur der Eltern, dass sie wollen, dass es dem Nachwuchs gut geht. Aber wo endet es, wenn man versucht, alles Leid und Komplikationen des Lebens von ihnen fernzuhalten? Sind sie erwachsen, sind sie zutiefst verunsichert, was denn das nun eigentlich ist – das Leben. Selbst gemachte Probleme – mag man denken. Aber die Uhr zurückdrehen kann man ebenso wenig, wie den Lauf und den Geist einer Zeit.

Was wir aber machen können ist, dieser Generation zur Seite zu stehen. Ihnen – im besten Falle – als Vorbild dienen und sie unterstützen bei der Suche nach dem »wahren Leben«. Ihnen bei ihrer Angst beistehen, wenn sie vor all den Möglichkeiten, die sie heute haben, den Weg nicht finden. Und ihnen auch die Geborgenheit und den Trost in Gott vorleben.

Inge Wollschläger

»Wie ein Kriegsgebiet«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Die Katastrophe von Lærdal – von der Welt kaum beachtet, zerstörten Flammen ein Kleinod

In der Nacht zum 19. Januar zerstörte eine Feuersbrunst weite Teile des kleinen Ortes Lærdal an einem Seitenarm des Sognefjords. Die Ereignisse wecken zugleich Erinnerungen an 1904.

Nicht viel ist von dem schmucken kleinen Städtchen Lærdal übrig geblieben. Norwegens Königin Sonja sagte nach einem Besuch in der Gemeinde, es sähe aus »wie ein Kriegsgebiet«. Dabei war der Ort an den imposanten Fjorden zwischen Ålesund und Bergen ein Idyll aus traditionellen Holzhäusern. Viele davon waren denkmalgeschützt, die Gemeinde bei Touristen entsprechend bekannt und beliebt.

Doch am Morgen des 19. Januar 2014 wurde sichtbar, dass der nächtlichen Feuersbrunst 40 Gebäude völlig zum Opfer gefallen und viele andere abrissreif sind. Fast 100 Menschen wurden mit Rauchgas- und Brandverletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Viele mussten mit ansehen, wie all ihr Hab und Gut und ihre Erinnerungen verbrannten. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind. Und auch die 1868 aus Holz erbaute »Hauge Kirke« hat das Inferno in unmittelbarer Nähe zum Flammenmeer unbeschädigt überstanden.

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Vielen Menschen wird dabei wieder einmal bewusst, wie ohnmächtig sie den Naturgewalten und Unglücksfällen gegenüberstehen: ein kleiner Brand in einem einzelnen Haus, trockene Kälte und dazu ein Wind, der die Funken wie eine Brandfackel von einem Haus zum nächsten trieb. So wurde ein Brand entfacht, den die Feuerwehren nicht mehr kontrollieren konnten und der ihre Stadt in Schutt und Asche legte.

Nun besuchen Königshaus und Regierung den Ort des Geschehens. Dabei werden Erinnerungen wach: Fast genau vor 110 Jahren, am 23. Januar 1904, brannte nur wenige Kilometer weiter nördlich die Stadt Ålesund fast vollständig nieder. Auch damals war es der Wind, der den Brand erst vorantrieb und dann immer und immer wieder entfachte. Die Bürger Ålesunds bekamen damals nach der Katastrophe unerwartet schnelle Hilfe aus Deutschland: Kaiser Wilhelm II., großer Norwegenliebhaber, der oft im nahe gelegenen Hjørundfjord Urlaub machte, hörte von der Katastrophe und handelte spontan.

Vier Schiffe, die Baumaterial in die deutschen Kolonien transportieren sollten, wurden umgehend nach Norwegen umgeleitet. Finanziert aus dem Privatvermögen des Hohenzollern. Schon am 26. Januar, keine drei Tage nach dem Brand, konnten die kombinierten Fracht- und Passagierdampfer »Weimar« und »Prinz Heinrich« in den Fjorden bei Ålesund die Anker fallen lassen. An Bord hatten sie auch medizinische Ausrüstungen sowie dringend benötigte Lebensmittel. Der Wiederaufbau konnte umgehend beginnen, und die Schiffe selbst dienten vorübergehend sogar als winterliche Notquartiere für die Bevölkerung.

Heute ist das Zentrum von Ålesund, in dem alle Häuser nun aus Stein gebaut werden mussten, als eine Perle des damals herrschenden Jugendstils bekannt. Auch wenn der deutsche Kaiser nicht der Einzige war, der half, so hat sein Ruhm in den Fjorden doch seine politische Karriere und die deutschen Kolonien um vieles überdauert. Noch heute steht sein Standbild in Ålesund und eine Hauptstraße trägt seinen Namen, ebenso wie ein Ausflugsdampfer in der Bucht. Sogar eines der Fenster der Hauptkirche zeigt bis zum heutigen Tag das preußische Wappen. Deutsch hat in und um Ålesund nicht nur den Klang der Besatzer des 2. Weltkriegs, sondern eben auch des Retters der Stadt von 1904.

Ein ähnlicher Retter ist 110 Jahre später für Lærdal nicht in Sicht. Heute hat Norwegen das Geld und die Ressourcen, sich selbst und dem Städtchen im Sognefjord zu helfen. Doch es wird Zeit brauchen, bis die Häuser wieder stehen. Und bis vor allem nicht nur die äußeren Wunden verheilt sind. Für viele, die alle Erinnerungstücke verloren haben, ist es umso mehr ein Trost, dass zumindest ihre Kirche noch steht.

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann

Die Stadt der Bibel und ihre Schätze

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Die Heilige Schrift: In Stuttgart befindet sich die drittgrößte Bibelsammlung der Welt

Hinter einer dicken Panzertür lagern alte Drucke mit Millionenwert. Ein Besuch im unterirdischen Reich der überirdischen Schriften.

Nur zwei Worte brauchte ein britischer Experte im Herbst 1996, um den Sensationsfund zu bestätigen, der bald darauf die Fachkreise in Aufruhr versetzte: »No doubt.« –

»Kein Zweifel.« Soeben hatte man die einzige vollständige Ausgabe der ersten gedruckten englischen Bibel entdeckt, die schon Shakespeare verwendete. Sie lag in der Württembergischen Landesbibliothek und war über Jahrhunderte hinweg unerkannt geblieben. Seither ist die Übersetzung des Neuen Testaments von William Tyndale aus dem Jahr 1526 wohl das wichtigste Buch von Stuttgart. Doch das Wertvollste ist es keineswegs.

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Christian Herrmann, Leiter der Abteilung Alte und Wertvolle Drucke, mit einer kolorierten Koberger-Bibel (Nürnberg 1483). Foto: Fabian Kramer

Umgeben von grünen Metallgittern erstreckt sich der Bereich der berühmten Bibelsammlung im zweiten Untergeschoss des Bibliotheksgebäudes. Die Luft ist 18 Grad kühl. Besucher haben hier keinen Zutritt. Mehr als einen Laufkilometer an Regalen füllen die fast 20 000 Bände. Lediglich in London und Cambridge gibt es noch größere Bestände. Den Grundstein für diese einzigartige Kollektion legte der württembergische Herzog Karl Eugen (1728–1793), der ein notorischer Bücher- und Frauennarr war. »Böse Zungen behaupten, dass er bei seinem Tod 8 000 Bibeln und 250 uneheliche Kinder hinterließ«, meint der jetzige Abteilungsleiter Christian Herrmann schmunzelnd.

Und er erzählt, wie die Sammlung weiter wächst. Das liegt vor allem an der langen Tradition der Bibelherstellung in dieser Gegend, die mit dem schwäbischen Luthertum und Pietismus begann und bis heute andauert. Ungefähr drei Viertel aller deutschsprachigen Ausgaben der Heiligen Schrift stammen aus Stuttgart, das sich selber »Stadt der Bibel« nennt. Die ortsansässige Deutsche Bibelgesellschaft, die 2012 ihren 200. Geburtstag feierte, gibt neben unzähligen Übersetzungen nicht zuletzt jene Editionen des hebräischen und griechischen Originaltextes heraus, mit denen Wissenschaftler in aller Welt arbeiten. Auch das Katholische Bibelwerk hat sich am Neckar niedergelassen.

Deshalb findet man das göttliche Wort in den Stuttgarter Katakomben in mehr als 640 Sprachen. Seine kostbarsten Schätze verbirgt Bibliothekar Herrmann in einem mehrfach gesicherten, extra klimatisierten Tresorraum, den er nur ausnahmsweise öffnet. Dort liegt auch ein Band aus den Anfangsjahren der Druckkunst, dessen bloßer Kurzname das Herz von Philologen höher schlagen lässt, eine »B36«. So lautet der Fachbegriff für eine 36-zeilige Bibel, die um 1461 in Bamberg entstand. Aufgrund ihrer Seltenheit ist sie wahrscheinlich das teuerste gedruckte Buch überhaupt. Der Versicherungswert beträgt 15 Millionen Euro.

Für den Fall, dass eines der Sammlungsstücke alterungs- oder benutzungsbedingt beschädigt ist, betreibt die Bibliothek eine eigene Restaurierungswerkstatt. Dort werden mit Zahnarztbesteck Wurmlöcher gefüllt, mit selbst gekochtem Weizenkleister Buchrücken geklebt, mit Pergamenten aus Schafs-, Ziegen- und Kalbsleder Seiten ausgebessert. Doch eigentlich sind die Bände von früher oft langlebiger als solche jüngeren Datums, da das Papier ehemals nicht aus säurehaltigem Holzstoff, sondern aus gebrauchten Textilien, mittelhochdeutsch »Hadern«, hergestellt wurde.

Kürzlich lag hier auf der Werkbank eine der neuen Bibliothekserwerbungen, die sogenannte Prinzessinnenbibel von 1591, mit abgeschabtem Ledereinband, angebrochener Deckelverbindung und Wasserschäden. Inzwischen ist sie restauriert und in den Bestand aufgenommen. Eine Eigentümerliste auf der ersten Seite erinnert noch immer an die bewegte Vergangenheit des Folianten, der einst von einer hiesigen Adelstochter an eine Schweizer Familie verkauft worden war.

Allerdings gab es auch Zeiten, in denen die Herkunft mancher Heiligen Schrift bewusst verschleiert wurde, gerade wenn es sich um eine jener landessprachlichen Fassungen handelte, welche vielerorts die Reformatoren anfertigten. Sammlungsleiter Herrmann erläutert, wie einige dieser Ausgaben, die anfangs kirchlich verboten waren, zur Tarnung ein falsches oder gar kein Titelblatt trugen. Inzwischen kann man bisweilen anhand von Illustrationen oder Ähnlichem nachvollziehen, wer die Urheber waren.

Von den Wirren der Epoche der Kirchenspaltung zeugt ein kleines, unscheinbares Bändchen, das Christian Herrmann aus dem Regal zieht. Es ist ein kroatisches Neues Testament, geschrieben im ersten slawischen Alphabet, aus einer schwäbischen Druckerei. Sein Übersetzer Primus Truber musste nach Deutschland fliehen, nachdem er in seiner Heimat Slowenien exkommuniziert worden war. Er starb in Tübingen bei Stuttgart. »Und Truber ist der einzige Theologe, dessen Gesicht eine Euro-Münze ziert«, ergänzt Herrmann.

Weniger Glück hatte der zu Beginn erwähnte William Tyndale. Ihn ereilte am Ende dasselbe Schicksal wie die meisten seiner Bibelübersetzungen vor ihm: Er wurde verbrannt. Indes fanden seine letzten Worte Erhörung: »Herr, öffne die Augen des Königs von England!« Mittlerweile ist die 1611 erschienene King James Bible, die zu 80 Prozent auf Tyndales Version beruht, wohl das meistgedruckte Buch der Welt.

Fabian Kramer

Herr Pfarrerin, Frau Bischof …

3. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Pro und Kontra: Ausdruck von mehr Gerechtigkeit oder nur Genderwahn?

Foto: detailblick – fotolia.com

Foto: detailblick – fotolia.com

Sollen künftig die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und anderen Gesetzestexten grundsätzlich »geschlechtergerecht« formuliert werden? Helfen andere Formulierungen zu mehr Gerechtigkeit? Die Kirchenzeitung befragte zwei Frauen mit unterschiedlicher Meinung.

Pro

Pro  Christa-MariaSchaller, Kirchenrätin und Gleichstellungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Christa-MariaSchaller, Kirchenrätin und Gleichstellungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Sprache ist ein Abbild der Wirklichkeit und verändert Wirklichkeit! Darum ist es hilfreich, eine geschlechtergerechte Sprache in allen Bereichen des Lebens, auch in Gesetzen und Verordnungen, einzusetzen.
Sprache schafft Beziehungen, Sprachlosigkeit zerstört Beziehungen. Wenn Frauen direkt benannt und angesprochen werden, haben sie gleichberechtigten Zugang zum Beziehungsgeflecht unserer Gesellschaft.
Unsere Sprache spiegelt Jahrtausende alte Traditionen wieder, in denen Frauen keine Rechte hatten und als Besitz des Mannes sprachlich und tatsächlich nur mitgemeint waren. Diese Wirklichkeit hat sich verändert. Das zeigt sich auch in der Sprache. Beispielsweise würde heute niemand mehr von der Kanzel herunter »liebe Brüder« sagen. Diese bereits vorhandene mündliche Sprachentwicklung sollte auch in der Schriftsprache sichtbar sein.

Sprache verändert Wirklichkeit. Gewaltfreie Kommunikation wird geübt, um Konflikte friedlich zu lösen. Auch im biblischen Kontext lesen wir von der verändernden Kraft des Wortes. Jesus lehrt die Menschen eine andere Sprache. Seine Aufforderung, Gott »Abba« (lieber Vater) zu nennen, war revolutionär. Sprachveränderung kann demzufolge auch Geschlechtergerechtigkeit stärken.

Beschlüsse implementieren eine sich verändernde Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat sich in Deutschland sichtbar gewandelt. Die Vielfalt innerhalb eines Teams wurde als Chance zur Verbesserung der Arbeitsergebnisse erkannt. Geschlechtergerechte Sprache in Formularen, Beschlüssen oder einer Verfassung ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Schriftsprache, auch juristische Sprache, kann sich entwickeln! Momentan ist es für viele Menschen mühsam und manchmal auch grammatikalisch problematisch, wenn sie Schriftstücke lesen sollen, in denen Leserinnen und Leser oder Leser/innen oder gar Leser_innen steht. Das spricht sich zugegebenermaßen schwer. Außerdem stellt sich die Frage, ob die juristische Person, beispielsweise der Bischof, nicht etwas völlig anderes ist als die natürliche Person, zum Beispiel unserer Bischöfin. Aber auch die Sprache von Gesetzen und Verordnungen kann sich entwickeln. Das beweisen alle, die ihre Gesetze und Ordnungen bereits geschlechtergerecht umgeschrieben haben.

Geschlechtergerechte Sprache verändert Wirklichkeit. Studien zeigen, wie das generische Maskulin dazu führt, dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern, dass sie sich weniger für »typische Männerberufe« interessieren und traditionelles Rollenverhalten in Beziehungen verfestigt wird, statt sich weiterzuentwickeln. Wenn Frauen sichtbar werden auch in der Sprache einer Verfassung, hilft das nachweisbar zur Chancengleichheit in Beruf und Gesellschaft.

Kontra

Silke Boß, Landwirtin  und ehrenamtliche Präses der Kreissynode Halle-Saalkreis

Silke Boß, Landwirtin und ehrenamtliche Präses der Kreissynode Halle-Saalkreis

So banal es klingt – Sprache dient zuerst der Verständigung. Der Autor muss sein Anliegen präzise benennen und der Leser muss verstehen können, was der Autor meint. Bei Rechtstexten kommt noch etwas anderes hinzu: Oft komplizierte Sachverhalte müssen so klar formuliert werden, dass damit gearbeitet werden kann und insbesondere in strittigen Fragen daraus belastbare Schlussfolgerungen gezogen werden können. Im Fall von Rechtstexten der Kirche ist zudem der Anwender häufig kein Jurist, sondern ein Ehrenamtlicher, zum Beispiel im Gemeindekirchenrat. Es gilt also, größtmögliche Klarheit und Eindeutigkeit mit ebenso größtmöglicher Lesbarkeit zu verbinden. Für mich ist leicht zu erkennen, dass diese Klarheit und Lesbarkeit durch die Formulierungen der geschlechtergerechten Sprache beeinträchtigt wird: Entweder stolpert man beim Lesen über Doppelbezeichnungen, Unwörter mit einem großen I in der Mitte, den Wechsel der Geschlechter von Satz zu Satz (wer ist eigentlich gemeint?) oder Wortschöpfungen aus dem Partizip, die das Subjekt des Handelns förmlich entpersonalisieren. Damit wird der Lesefluss unterbrochen und die Lust an der Beschäftigung mit dem Text gemindert. Von sprachlicher Schönheit, die ein Sachtext, ja sogar ein Rechtstext außerdem haben könnte, ist schon gar keine Rede mehr.

Dass es im Deutschen das »generische Maskulinum«, also laut Duden das »nicht spezifische, beide Geschlechter umfassende Maskulinum« gibt, ist offenbar in Vergessenheit geraten. Dabei bietet genau diese Form den Ausweg aus dem oben genannten Dilemma, weil sie die Konzentration auf den Inhalt einer Aussage erlaubt.

Nun geht es aber vermutlich nicht in erster Linie um Verständlichkeit oder gar Schönheit, sondern um Erziehung. Die These lautet offenbar, dass man die (auch von mir zugestandene und zuweilen beobachtete) Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft und wohl auch in der Kirche dadurch bekämpfen könnte, indem man alle Beteiligten ständig zwingt, sowohl an Männer als auch an Frauen zu denken.

Mir erscheint das nicht nachvollziehbar, zumal ich an mir selbst zwei Reaktionen auf solche Erziehungsversuche beobachte: Entweder widerspreche ich laut oder leise einer Haltung, die mir offen unterstellt, unfähig zum verantwortungsvollen Umgang mit meinen Mitmenschen jederlei Geschlechts zu sein. Oder ich füge mich der geäußerten Erwartung und bediene diese formal. Mit meinem Denken hat das dann nichts zu tun, es ist im Grunde fast eine
Missachtung des Anliegens. Wenn also die geschlechtergerechte Sprache, insbesondere in den Rechtstexten unserer Kirche, deren Akzeptanz verschlechtert und die Haltung der Leser nicht verändert – wozu soll man sie dann verwenden?

PS: Alle Personenbezeichnungen gelten selbstverständlich für Frauen und Männer gleichermaßen.

Die Kirche und der »Sprachpapst«

Der Journalist und Sprachexperte Wolf Schneider, der gern auch als »Sprachpapst« tituliert wird, hat die Sprache von Predigern und Bischöfen scharf kritisiert. Sie benutzten oft »akademische Imponiervokabeln«, die von maximal fünf Prozent der Bevölkerung verstanden würden, sagte Schneider kürzlich beim Christlichen Medienkongress in Schwäbisch Gmünd. Formulierungen von Kirchenleitern wie »Apostolizität«, »kybernetisch-missionarische Kompetenz« oder »situationsbezogene Flexibilität« seien Wörter, »vor denen es einer Sau graust«. Er frage sich, ob die Mehrheit der kirchlichen Würdenträger in ihrer Sprache so weit hinter dem Bibelübersetzer Martin Luther (1483–1546) zurückbleiben müsse.

Zugleich erneuerte Schneider seine Ablehnung einer geschlechtergerechten Sprache. Sie führe zu einer »lächerlichen Verumständlichung« von Texten und werde auch nicht konsequent umgesetzt. So sei weiterhin in Wörterbüchern vom Sündenbock, aber nicht von der »Sündenziege« die Rede.

Die übermäßige Verwendung englischer Wörter in den Texten und in der Werbung ist  zudem nach Schneiders Worten eine »Mode des Irrsinns«. Rund 60 Prozent der Deutschen beherrschten kein Englisch, an diesen Menschen schreibe man vorbei.
(GKZ/idea)