Stille Nacht, heimliche Nacht

29. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Laos: Offiziell herrscht Religionsfreiheit – doch leiden die wenigen Christen immer wieder unter Übergriffen


Nur 1,5 Prozent der Bewohner des buddhistisch geprägten Laos sind Christen. Die »Stille Nacht« der Weihnacht ist für sie oft nur eine heimliche Nacht.

Kein fließend Wasser, kein Stromanschluss – nicht einmal einen Namen hat der Fleck auf der Landkarte, der Alines Heimat ist. Der 35-Jährige lebt mit Frau und Kindern im Süden von Laos. Mit der Außenwelt sind sie hier nur über eine unbefestigte Straße verbunden. Doch im bitterarmen Bergland nahe der Grenze zu Vietnam ist das nichts Besonderes.

Besonders ist stattdessen der Glauben von Aline und den Seinen – sie gehören zur verschwindend kleinen Minderheit der Christen. Zwar garantiert ihnen die Verfassung des Landes Religionsfreiheit. Dennoch werden sie von der kommunistischen Regierung immer wieder schikaniert oder gar inhaftiert. Umso vorsichtiger feiern die Gläubigen die Geburt Jesu. Und während sich in diesen Dezembertagen viele Menschen in aller Welt auf das Weihnachtsfest vorbereiten, scheint dies an Alines Dorf spurlos vorüberzugehen.

Zeichen des Glaubens: ein kleines silbernes Kreuz auf der Brust des siebenjährigen Man Dang – Foto: Peter Beyer

Zeichen des Glaubens: ein kleines silbernes Kreuz auf der Brust des siebenjährigen Man Dang – Foto: Peter Beyer

Wie die meisten Menschen in der abgeschiedenen Region leben auch Aline und seine 26-jährige Frau Nan Hong von der mühsamen Bewirtschaftung eines kleinen Reisfelds. Ihre Hütte liegt in einer malerisch anmutenden Berglandschaft. Doch das Idyll trügt, der Alltag ist hart. Die Menschen bearbeiten hier seit jeher die steilen Hänge, bauen den arbeitsintensiven, aber wenig ertragreichen Bergreis an. Wer sein oft Stunden entfernt liegendes Feld nicht ständig jätet, büßt die halbe Ernte ein. Die reicht in den meisten Familien ohnehin höchstens für sechs Monate. Zudem gibt es heute kaum mehr Land, um genug Reis anzubauen – ausländische Unternehmen haben sich im großen Stil Land gesichert, um darauf Plantagen anzulegen.

Umgeben ist der Binnenstaat Laos von den aufstrebenden »Tigerstaaten« Thailand, Vietnam und China. Deren Hunger auf Land, Wasserkraft, Bodenschätze und Arbeitskräfte lässt in Laos vor allem die städtischen Eliten profitieren. Auf dem Land hingegen, wo Jagd- und Sammlertätigkeit nach wie vor wichtige Einkommensquellen für große Teil der Bevölkerung sind, wächst die Armut häufig. Davon betroffen sind vor allem die Bewohner des schwer zugänglichen Berglands.

Auch Aline und die Seinen leben inmitten einer Bananenplantage. Je weniger Anbauflächen den Kleinbauern verbleiben, umso wichtiger wird deren intensive Nutzung. Um die Betroffenen vor Ort zu beraten, sind seit einigen Jahren Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe in den Dörfern unterwegs. In Absprache mit Regierungsbeamten helfen sie beispielsweise Fischteiche, Gemüsegärten und ergiebigere Nassreisfelder anzulegen, damit genug und abwechslungsreiches Essen auf den Tisch kommt.

Und so bekommen heute auch Aline und seine Nachbarn hohen Besuch aus der fernen Provinzhauptstadt. Ob sie aus diesem Anlass ihre besten Kleider angelegt haben oder wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes, ist unklar. Jedenfalls empfangen sie die Delegation herzlich. Fragen zu Landwirtschaft und Leben beantworten sie bereitwillig – aber auch vorsichtig. Über ihren Glauben jedenfalls verlieren sie in Anwesenheit der Beamten kein Wort. Nur das silberne Kreuz an der Kette des siebenjährigen Man Dang verrät den jungen Christen.

Doch wenn die Besucher von der Regierung verschwunden sind, so flüstert ein älterer Hirte einem der Besucher zu, beginnt im Kreis der Ihren ein heimliches Weihnachtsfest. Auch wenn es weit und breit keine Kirche gibt und kein Priester eine Messe lesen wird – die Geburt Christi wird nicht spurlos an den Bewohnern des kleinen Dorfes ohne Namen vorbeigehen.

Peter Beyer


Hintergrund: Die Situation der Christen in Laos

Offiziell herrscht in Laos Religionsfreiheit. 2002 wurde in dem südostasiatischen Land das sogenannte Dekret 92 verabschiedet. Es erweckte den Eindruck von mehr Freiheit, gestattete aber auch, dass die Regierung die religiösen Aktivitäten kontrolliert und sich einmischt. Durch das Dekret wurden Tätigkeiten, die zuvor als illegal galten, legalisiert. Darunter die Verbreitung von Glaubensinhalten, das Drucken religiöser Literatur, Eigentum und Bau von Gottesdienststätten und die Bildung von Vereinigungen mit religiösen Gruppen aus anderen Ländern. All dies bedarf jedoch staatlicher Genehmigung. Und genehmigt wird wenig. Tatsächlich legen die Behörden dem Ausbau kirchlicher Infrastruktur und dem Anwerben neuer Gemeindemitglieder möglichst viele Steine in den Weg. Und immer wieder kommt es in Laos zu Inhaftierungen von Christen nach gemeinsamen Gottesdiensten. Zudem verschwinden auch Pfarrer und Priester zuweilen für Jahre hinter Gittern.

Auf dem Weltverfolgungsindex der christlichen Hilfsorganisation Open Doors steht Laos derzeit auf Platz 18 der 50 Staaten mit der stärksten Christenverfolgung bzw. -unterdrückung.

(GKZ)

Wirklich geschehen – und gedeutet

25. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Evangelium nach Lukas ist weder Berichterstattung noch Legende

Die Mehrheit wissenschaftlicher Theologen hält die Bezeugung der Geburt Jesu bei Lukas (2,1-20) für eine Legende. Eine Legende ist eine dem Märchen und der Sage verwandte Textsorte. Ihr »Realienhintergrund« könne nicht ausgemacht werden, wird gesagt. Das sei auch nicht nötig, denn das Interesse eines Evangelisten bei der Konstruktion und Verwendung einer Legende diene vorwiegend dem Erbaulichen.

Nun hat Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger den dritten Band seines Jesus-Buches herausgebracht, in welchem er die Weihnachtsevangelien (Matthäus 1 + 2 und Lukas 2) auslegt. Ein elementares Buch. Hier ist eine andere Stimme zu hören:

»Matthäus und Lukas wollten in ihrer je eigenen Art nicht ‚Geschichten‘ erzählen, sondern Geschichte schreiben, wirkliche, geschehene Geschichte, freilich gedeutete und vom Wort Gottes her verstandene Geschichte. Das bedeutet auch, dass es nicht um ein vollständiges Erzählen ging, sondern um das Aufzeichnen dessen, was im Licht des Wortes Gottes und für die werdende Gemeinde des Glaubens als wichtig erschien. Die Kindheitsgeschichten sind schon gedeutete und von der Deutung her geschriebene, konzentrierte Geschichte.«

Nach dem Bericht des Lukas schuf der venezianische Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (1518–1594) sein Gemälde "Die Anbetung der Hirten".

Nach dem Bericht des Lukas schuf der venezianische Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (1518–1594) sein Gemälde »Die Anbetung der Hirten«. – Repro: Archiv

In der Konsequenz dieser Grundlegung liest man dann u. a., dass Bethlehem uneingeschränkt der ausgewiesene Geburtsort Jesu ist – und nicht, wie die meisten wissenschaftlichen Bibelausleger meinen, Nazareth. Benedikt geht dann beispielsweise auch aus von einer sehr wahrscheinlichen Abstammung Jesu aus der Nachkommenschaft des Königs David und nicht von einem künstlich entworfenen Bezug Jesu zur davidischen Familie. Andere Aspekte der historisch-kritischen Forschung bedenkt der Papst und kommt zum Ergebnis, dass »die wesentlichen Inhalte der von Lukas berichteten Vorgänge historisch glaubhaft bleiben«.

Rückwärts und vorwärts gewandte Prophetie

Das alles sind Töne, die seit Jahren in der theologischen Hochschullehre in unserem Land kaum zu hören waren. Und die überwiegende Mehrheit der Neutestamentler kann über diese benediktinischen Auskünfte nur bedenklich den Kopf schütteln.

Nun behauptet Benedikt XVI. seine Erkenntnisse nicht nur, sondern er begründet sie. Dem Vorwurf, er bahne einem fundamentalistischen Bibelverständnis den Weg, kann gerade im Blick auf die Auslegung des Weihnachtsevangeliums widersprochen werden:

Dass – zum Beispiel – die »Heerscharen« von Engeln über den Hirtenfeldern das Lob Gottes gesungen haben, will der Neutestamentler im Vatikan natürlich nicht dingfest machen, sondern auslegen. Was in den Deutungen vom Evangelisten gesagt wird, interpretiert der Theologe und versucht nicht, historische Begründungen vorzutragen, wo sie weder möglich noch notwendig sind.

Was habe ich nach dieser Lektüre über das Weihnachtsevangelium gelernt? Etwas Neues, das ich noch nicht wusste, und etwas Bekanntes, das mich in meinem bisherigen Verständnis jenes alten Textes gefestigt hat:

Das Weihnachtsevangelium ist weder Berichterstattung noch Legende. Es ist ein Drittes, nämlich eine hoch durchdachte Botschaft des Geschehenen, des Gegenwärtigen und des Zukünftigen. Diese Botschaft ist gleichsam eine nach rückwärts und nach vorwärts gewandte Prophetie. Ihre theologische Voraussetzung ist, dass sie im Glauben an den Auferstandenen geschrieben wurde. Alles geht von der Gewissheit aus: Der gekreuzigte Jesus Christus ist auferstanden und in ihm war und ist Gott gegenwärtig. Lukas 2 ist mithin eine Osterbotschaft, die den Anfang bedenkt und Akzente setzt: Die Geburt Jesu ist ein Vollzug der Israel gegebenen Verheißungen: Jesus ist der Heiland (Retter) Israels und als solcher – nicht an Israel vorbei – Heiland der Welt. Seine Armut in Krippe und Windeln versinnbildlicht seine künftige Existenz in Niedrigkeit – bis zum Kreuz. Die Hirten sind auch Gestalten religiösen Elends. In ihnen begegnen uns die ersten »Lehrer« (Calvin) des Evangeliums. Die Krippe ist Schatten des Kreuzes, der von Golgatha nach Bethlehem fällt. Der Himmel, – d. h. die lichte Wohnstätte Gottes – öffnet sich in der Nacht der Welt. In ihr wird Jesus nicht der Sohn Gottes, er ist es.

Das Wichtigste: Das Evangelium bezieht sich auf ein wirkliches Geschehen und ist schon im Entstehen eine gedeutete Botschaft. Ein wirkliches Geschehen? Ja. Eine deutende Versinnbildlichung? Ja. Und nicht voneinander zu trennen.

Und das, was Christen zu Weihnachten feiern, muss unabhängig von ihren eigenen Empfindungen an und für sich geschehen sein im Raum der Realität und des Glaubens. Andernfalls ist der christliche Glaube eine unter vielen Sinndeutungen, nicht aber gelebte Überzeugung in der Konsequenz eines wirklichen Geschehens und eines Glaubens, der seinen Grund hat in IHM.

Rolf Wischnath

Ratzinger, Joseph (Benedikt XVI.): Jesus von Nazareth. Prolog – Die Kindheitsgeschichten, Verlag Herder, 172 S., ISBN 978-3-451-34999-7, 20,00 Euro

Esels Ohr auf halb sieben

24. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Sabine Hoffmann

Auf mich hört ja keiner! Ich bin ja nur die Schwiegermutter. Abgeschoben hat man mich. In einen Verschlag nahe dem Stall. Weil ich nichts mehr kann und nur noch Ballast bin. Aber jahrzehntelang die Wäsche machen in der Herberge und in der Küche die Töpfe putzen. Das durfte ich. Mein lieber Herr Schwiegersohn denkt, er macht alles richtig. Aber diesmal hat er mal wieder nicht so weit gedacht, wie ein kleines Kind springen kann. Zuerst hörte ich immer nur dieses Wimmern und Klagen. Zuerst dachte ich: Wieder diese Bettler, die ein wenig Brot zur Nacht wollen. Meine Ohren sind ja nicht mehr so gut. Aber dann war das Klagen doch zu weinerlich. Nur wegen Brot so ein Aufstand, das konnte nicht sein!

In meinem Verschlag nahe am Stall sehe ich die Tür zur Herberge nicht. Die Neugier trieb mich auf die alten Beine und ich humpelte zur Stalltür. Da sah ich die beiden. Er war ein einfacher Mann, der seine Frau stützte. Und jetzt sah ich auch warum. Die Frau keuchte und japste, der Bauch war nicht zu übersehen. Sogar ich mit meinen alten Augen sah den bebenden Leib. Da war ganz eindeutig ein Kindlein unterwegs und nicht erst in ein paar Monaten. Was schleppt der Mann denn seine hochschwangere Frau durch die Weltgeschichte! Da bleibt man doch zu Hause.

Foto: openlens – fotolia.com

Foto: openlens – fotolia.com

Diesmal tat mein Schwiegersohn recht daran, dass er die beiden abwies. Wer soll denn bitteschön diese Schweinerei wegmachen? Ein Lamm schlachten ist dagegen gar nichts. Ist die Herberge denn ein Hospital? Auf dem Bett will doch keiner mehr schlafen! Wer ersetzt uns denn den Schaden? Nein, da hatte er mal ausnahmsweise recht.

Aber er hatte ein Erbarmen. Er zeigte zum Stall. Schnell humpelte ich in meinen Verschlag zurück und schob die Decke vor. Die sollten sich ja nicht einbilden, ich mache da noch die Hebamme. Kluge Ratschläge habe ich in meinem Leben genug gegeben. Und was ist der Dank? Ein Verschlag hinten am Stall. Ich war auch meist alleine bei den Geburten und habe mich nicht so geziert.

Bei dem Gelärme wurden die Tiere ganz unruhig. Nur der Esel stand ruhig. Ist halt der Esel. Die sind töricht, wenn es ihnen passt. Zuerst weiß das Dummchen nicht, wie sich legen. Und ob überhaupt. Der Mann ist ja auch keine Hilfe. Wie denn auch, er ist ein Mann. Ein Glück, dass er nicht noch Hilfe bedurfte. Aber irgendwie schaffte sie es. Das war ein Gestöhne. Endlich klatscht da was ins Stroh und gleich hört man es schreien.

Ich sage es ungern, aber da hüpfte mein Herz schon. Neun Monate schleppt man da was im Leib herum, man weiß nicht, was es ist, ob es einen zerreißt und ob man es später satt bekommt. Aber wenn es dann da ist – unbeschreiblich. Ach, da heulten sie beide, Arm in Arm, mit dem Kindchen. Ich wischte mir auch drei Tränen weg, aber mehr waren es wirklich nicht gewesen.

Der Esel trat an das Trio heran und schnupperte ganz vorsichtig. Sonst immer der Tölpel, aber jetzt ganz elegant. Einfach mal so eine Geburt mitzuerleben, das ist schon ein Erlebnis. Mir wurde richtig blümerant. Nur vom Zuschauen. Irgendwie rennt einem da das eigene Leben durch den Kopf. Sieben Kinder habe ich geboren, vier davon sind noch im Kindbett gestorben. Da war das Nächste schon im Bauch unterwegs. Es blieb keine Zeit zum Trauern.

Kinder sind schon was Schönes. Warum lebt man sonst? Mein Mann war gut und hatte goldene Hände. Ein Stück Holz und er baute daraus Bett und Truhe. Der Ackerboden warf das ab, was wir brauchten, hungern mussten wir nicht. Meine älteste Tochter hat mich zu sich geholt als er starb. Die Söhne sind weit fort. Habe keinen mehr gesehen. Die erste Zeit in der Herberge von meinem Schwiegersohn war schwer. Mein Mann hat mir gefehlt. Da nützt die Tochter nichts. Vielleicht habe ich zu viel geschimpft und mich immer eingemischt. Aber was macht mein Schwiegersohn auch immer für Dusseleien! Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man doch nicht ruhig sein. Der Mund ist zum Reden da, nicht nur zum Essen. Jedenfalls bei mir ist das so. Die Tochter sagte dann immer: »Mutter, gib Ruh.« Nun ja. Sie stand zu ihrem Mann. Habe ich aber keine Ruh gegeben. Und irgendwann reichte es dem Schwiegersohn. Er wies mir den Anbau am Stall zu und verbot mir das Haus.

Dreimal am Tag kommt die Tochter mit Essen und schaut nach mir. Jetzt laufen mir schon wieder die Tränen, diese fremden Leute machen mich noch ganz kirre. Ich bin doch sonst nicht so. Das Baby schmatzt jetzt schon an der Brust und eigentlich würde ich schon gern wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tippe auf Junge. Ist ein ziemlicher Brocken. Es ist so ruhig im Stall. So friedvoll. Also, die Schafe können ganz schön spinnen. Wenn mal ein Lamm geschlachtet wird, dann blökt die Mutter drei Tage. Und alle anderen im Chor. »Böhhh. Böhhh.« Und drei Nächte dazu. Bis es dem Esel zu viel wird und er selber schreit. Dann geben die Schafe Ruhe. Aber jetzt ist es still und irgendwie komisch. Sie sollen das Baby nur ja gut einwickeln.

Die Schafe scharen sich jetzt um die drei. Sonst sind sie Angsthasen in Person. Mir soll es recht sein. Die Schafe wärmen gut. Der Esel posiert am Kopf der Frau. Das eine Ohr hängt auf halb sieben, das andere steht aufrecht wie ein Soldat. Na, das ist ein Bild. Jetzt kichere ich leise vor mich hin. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Mit meinem Mann habe ich gelacht. Da wackelte das ganze Haus. Aber später konnte ich nicht mehr. Meine Tochter hat keinen Humor, die hat nur Verständnis. Und mein Schwiegersohn hat Humor, aber den will ich nicht. Mit dem Humor ist das so eine Sache.

Vielleicht schaut meine Tochter später noch vorbei. Und wenn ich Lust habe, erzähle ich ihr von dem Bild mit dem Esel und der Frau. Vielleicht lacht sie dann auch. Sie kann dann gleich Milch und Suppe bringen. Die sollen sich nicht so haben. Suppe ist immer genug da. Und Milch auch. Wenn ich so drüber nachdenke, es ist bestimmt besser, dass das Kindchen im Stall zur Welt gekommen ist. In der Herberge sind manchmal harte Gesellen. Die haben kein Gefühl. Hier im Stall ist es doch gut.

Jetzt habe ich den Namen gehört: Jesus. Ich wusste es – ein Junge. Jona wäre mir ja persönlich lieber, aber mich fragt ja keiner. Mir wird richtig warm ums Herz. Irgendwie komisch. Da sind wildfremde Leute. Die kriegen ein Kind. Vor meinen Augen. Und mir laufen die Tränen, als ob ich Zwiebeln schäle. Das kann nur ein Zeichen sein. Wenn mein Schwiegersohn kommt und sie verscheuchen will, dann werde ich ihm aber …! Man kann sie nicht wegjagen. Es ist irgendwie etwas Heiliges darum.

Die Faszination der Sterne

23. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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»Die Weisen aus dem Morgenland«: Sie glaubten an ihre Kunst der Sterndeuterei und fanden den Messias


Bis in die Weihnachtsgeschichte hat es die Sterndeuterei geschafft: in Gestalt der »Weisen aus dem Morgenland«.

Weder dass sie zu dritt waren, noch dass es sich um Könige handelte wird in der Bibel berichtet. Sicher scheint: Es waren Sterndeuter, Astrologen, irgendwoher aus dem Osten. Wahrscheinlich von dorther, wo die Astronomie und Astrologie, ihren frühen Höhepunkt hatte: aus dem alten Babylonien.

Vielen rational denkenden oder auch tiefgläubigen Menschen sind »Astrologen« in der Weihnachtsgeschichte ebenso suspekt wie die Astrologie selbst. Vielleicht werden sie auch deshalb gern als »Könige« tituliert. Dabei darf nicht übersehen werden, dass bis in das 19. Jahrhundert hinein Astronomie und Astrologie auch im christlichen Mitteleuropa als zwei Seiten einer Medaille gesehen wurden. So mag es überraschen, dass nicht nur Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin (1225–1274) die Sterne als Werkzeuge Gottes sahen, die seinen Willen anzeigen und auf den Menschen Einfluss haben. Auch Luthers wohl vertrautester Mitarbeiter, Philipp Melanchthon (1497–1560), befleißigte sich eifrig der Berechnung von Horoskopen. Unter seinem Einfluss wurde die Universität Wittenberg nicht nur eine Hochburg reformatorischer Theologie, sondern auch der Astrologie.

Foto: picture alliance

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Der geniale Astronom, Mathematiker und Theologe Johannes Keppler (1571–1630) entdeckte nicht nur die Gesetze der Planetenbewegung um die Sonne. Er war zugleich zutiefst davon überzeugt, dass der ganze Kosmos von einem geistigen Prinzip durchdrungen und gelenkt wird und dass die menschliche Seele auf die »göttliche Harmonie« der Planetenbeziehungen reagiert.

Freilich hat es an Kritik an der Astrologie nicht gefehlt. Unter dem Einfluss von Aufklärung und wissenschaftlichem Denken wurde sie zunehmend verdrängt, konnten ihre behaupteten Wechselwirkungen doch bis heute nicht mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden. 1816 hielt der Erlanger Professor Johann Wilhelm Pfaff die letzte Vorlesung über Astrologie an einer deutschen Universität.

Doch die »entzauberte Welt« schafft es offensichtlich nicht, die seelischen Bedürfnisse der Menschen zu füllen. So sehen manche Beobachter in der aufblühenden Esoterik- und Beraterszene, in einer neuen Attraktivität von Astrologie bis hin zur täglichen »Vulgär-Astrologie« in Zeitungen und Fernsehen auch einen Ausdruck der Sehnsucht nach neuer »Verzauberung« der Welt. Menschen wollen sich wieder als Teil eines großen, den gesamten sichtbaren und unsichtbaren Kosmos umfassenden Ganzen sehen und erleben. Und selbst zwischen Theologie und der sogenannten »seriösen« Astrologie gibt es erste zaghafte Gesprächsansätze. Ein Beispiel ist der vor wenigen Wochen verstorbene Benediktinerpater Gerhard Voss, der unter anderem ein Buch mit dem Titel »Astrologie – christlich« veröffentlichte.

Die Bibel beteiligt sich allerdings auf ihre Art auch an der »Entzauberung« der Welt. So macht schon der Schöpfungsbericht deutlich, dass es sich bei den Gestirnen nicht um Gottheiten handelt, die das Leben der Menschen bestimmen. Es sind lediglich von Gott geschaffene Lichter, »die da scheinen Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre« (1, Mose 1,14).

Von Martin Luther wird berichtet, dass ihn, als er mit einem Boot über die Elbe setzen wollte, Melanchthon warnte. Er habe ein schlechtes Horoskop errechnet. Luther aber sprang in den Kahn mit den Worten: »Dominus sumus!« – »Wir sind des Herrn!«

Harald Krille

Glauben macht innerlich reich

18. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

In der Adventszeit begleitet uns das Thema Armut. Im Gespräch mit Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, geht es um die Frage, inwieweit Armut und Wohlstand Voraussetzungen zum Glück sind. Mit der Politikerin sprach Sabine Kuschel.

Christine Lieberknecht

Christine Lieberknecht

Frau Ministerpräsidentin, werfen wir zuerst einen Blick in die Vergangenheit, als Pfarrer in der DDR in bescheidenen Verhältnissen lebten. Sie sind in einem Pfarrhaus aufgewachsen und waren dann selbst Pfarrerin. Wie war das damals?
Lieberknecht:
Ich bin in materiell durchaus bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Wir waren vier Kinder. Vater Alleinverdiener. Aber das Materielle hat für uns überhaupt keine Rolle gespielt, weil wir zu Hause musiziert haben, wir haben gebastelt, wir haben Weihnachtsgeschichten und biblische Geschichten gelesen und sie gespielt. Wir hatten Kinderreichtum, wir waren vier Geschwister. Und wo im Dorf Kinder sind, kommen andere dazu. Wir hatten nicht viel, aber das Leben war schön und reich und wir waren glücklich. Wir hatten einen großen inneren Reichtum.

Und die schönsten Geschenke waren die selbst gebastelten?
Lieberknecht:
Es war bei uns verpönt, Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Sie wurden prinzipiell selbst gebastelt. Natürlich gab es auch mal ein großes Geschenk. Mein erstes Fahrrad musste natürlich gekauft werden. Aber im Großen und Ganzen bestand die Adventszeit darin, dass wir alles selber machten, Geschichten erzählten und spielten. Dadurch sind wir, glaube ich, sehr kreativ und zupackend geworden alle miteinander.
Ein kleines bisschen privilegiert waren wir auch. In den 80er Jahren, als ich und mein Mann Pfarrer waren, gab es die Partnerschaften mit Kirchengemeinden im Westen. Die waren sehr eng und wurden gepflegt und dadurch bekamen wir auch Westpakete. Das war schön.

Was ist für Sie die schönste Weihnachtstradition?
Lieberknecht:
Mir gefällt, wie unsere Tochter mit ihrer Familie Weihnachten feiert. Am Heiligabend stehen die Familie, das Miteinander und die Weihnachtsgeschichte im Mittelpunkt. Sie stellen einen ganz hohen Baum auf. Am Heiligen Abend machen sie nichts anderes, als sich über den Baum zu freuen. Die Eltern tanzen mit ihren drei kleinen Mädchen um den Baum herum, sie essen festlich, singen Lieder, machen Spiele. Die sind so glücklich. Die Geschenke gibt es dann erst am ersten Feiertag. Meine Tochter hat mit ihrer Familie das aufgenommen, was wir unseren Kindern haben vorleben wollen. Obwohl uns dies nie so gut gelungen ist wie unserer Tochter jetzt. Sie hat für das, was sie bei uns erlebt hat, die vollendete Form gefunden.

Es gibt in unserem reichen Land auch Armut. Wie kann die Schere zwischen Arm und Reich, von der gesagt wird, dass sie weiter auseinandergeht, geschlossen werden?
Lieberknecht:
Dass sie weiter auseinandergeht, wird immer wieder behauptet. Die Zahlen sagen allerdings, dass sich diese Schere zumindest bei den Einkommen in den letzten Jahren ein bisschen geschlossen hat. Noch nicht weit genug, wie ich ausdrücklich hinzufüge. Der Schlüssel, um die Unterschiede zu überwinden, ist Bildung. Aber das Wichtigste ist, dass wir miteinander das Leben teilen.

Vieles, wovon die Leute heute meinen, es sei ihnen ein Bedürfnis, kannten wir gar nicht. Wir hatten dafür Eltern, die sehr viel Zeit für ihre Kinder hatten. Das ist heute zu oft nicht mehr so. Also dass Kinder ohne Schulbrot von zu Hause weggehen, ist nicht in erster Linie eine materielle Frage, es ist eine Kulturfrage. Überhaupt etwas selber zu machen, das stärkt das Selbstbewusstsein. Wenn Menschen Fantasie haben, kreativ sind, können sie auch mit sehr wenig Geld auskommen. Wo jedoch eine innere Leere ist, kann man noch so viel Geld geben, es wird die Menschen nicht glücklich machen.

Also Wohlstand ist keine Voraussetzung für ein zufriedenes, glückliches Leben?
Lieberknecht:
Natürlich: Wer ausreichend Geld hat, hat viele Sorgen nicht, die Menschen haben, denen es an Geld mangelt. Diese Sorgen will ich gar nicht schönreden. Doch Geld macht nicht automatisch glücklich und ein schmales Budget nicht automatisch unglücklich. Es gibt Menschen mit großen Sorgen, die wenig haben und arm sind. Es gibt aber auch glückliche Menschen, die sehr bescheiden leben. Es gibt Menschen, die haben viel Geld und sind auch glücklich. Aber auch andere, die haben viel Geld und Riesensorgen. Das heißt, der Schlüssel zum Glück sind nicht die materiellen Dinge. Entscheidend ist der innere Reichtum. Der kommt für mich wirklich aus dem christlichen Glauben.

Schwungvolles Plädoyer für die vernetzte Generation

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Dieses Buch, von einem Großvater geschrieben, einem in den USA und in Frankreich lehrenden Professor, sollten alle Großeltern und Eltern lesen. Hier erfahren sie von einem der Ihren, der ihre Sprache spricht und ihre Erfahrungen teilt, in welcher Welt Kinder und Enkel leben: in einer vollständig vernetzten Welt, in der alles bisherige Wissen jederzeit für jeden Menschen verfügbar ist. Durch ihre Handys sind ihnen alle Menschen erreichbar, durch GPS alle Orte. Seit den 70er Jahren habe sich die Welt so verändert, dass die junge Generation tatsächlich in einer anderen Welt lebe.

Mit ihren flinken Fingern steuern sie ihre Smartphones, kommunizieren und informieren sich. Serres schreibt: »Nachdem ich voller Bewunderung gesehen habe, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je vermöchte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken, habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, auf die Namen Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.«

Kultur-50-2013

Buch-Cover

Die alten Zugehörigkeiten wie Gewerkschaften, Kirchengemeinden oder Familienverbände seien weithin zerfallen. Die junge Generation suche sich ihre »Freunde« virtuell über Facebook. Der Autor sieht eine komplexe, freiheitliche Gesellschaft entstehen, in der das Individuum zu seinem Recht kommt, ohne dass sie dadurch weniger sozial oder weniger solidarisch würde.
Das ganze Buch ist ein schwungvolles Plädoyer für die Lebensweise und die Chancen der jungen Generation.

Freilich verklärt und beschönigt Serres einiges: die durch Facebook zusammengetrommelten Tausende sind durchaus nicht nur friedlich – wie die nordafrikanischen Revolutionen gezeigt haben. Und durch das schnell verfügbare Wissen erlangt kein Mensch höhere Entscheidungskompetenz. Wenigstens das Denken und der gründliche Austausch müssen gelernt werden. Und für die Lösung der großen Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung genügt es nicht, unverbindlich mit der halben Welt vernetzt zu sein.

Trotz dieser einschränkenden Bemerkungen bleibe ich dabei: Alle vor 1970 geborenen sollten dieses Buch lesen.

Jürgen Israel

Serres, Michel: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, 76 S., ISBN 978-3-518-07117-5, 8,00 Euro

Ein Land sucht seine Vision

17. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Der Tod Nelson Mandelas wird für die Republik am Kap der guten Hoffnung zur großen Herausforderung

Nach dem Tod des Nationalhelden wird Südafrika zum Land auf der Suche nach seiner neuen Identität.

Schon lange war Nelson Mandela aus der Öffentlichkeit verschwunden, und doch blieb er mitten dabei. Überall in Südafrika ist »Madiba« noch immer zu sehen und zu spüren. Statuen wurden schon zu Lebzeiten errichtet, sein Gesicht ziert Geldscheine, Straßen tragen seinen Namen. In seinem Heimatland hat der Freiheitskämpfer Heldenstatus. Seine Ideale sind der Leitfaden, seine Werte die Basis des heutigen Südafrikas. Doch nach Mandelas Tod muss das Land am Kap lernen, ohne ihn zu leben – und sucht ein neues verbindendes Element.

Südafrikaner versammeln sich am vergangenen Sonntag vor dem »Mandela Haus«-Museum im Stadtteil Soweto von Johannesburg, um ihre Hochachtung vor dem verstorbenen ANC-Führer und ersten schwarzen Präsidenten zu bekunden. Foto: picture alliance/Erhan Sevenler Anadolu Agency

Südafrikaner versammeln sich am vergangenen Sonntag vor dem »Mandela Haus«-Museum im Stadtteil Soweto von Johannesburg, um ihre Hochachtung vor dem verstorbenen ANC-Führer und ersten schwarzen Präsidenten zu bekunden. Foto: picture alliance/Erhan Sevenler Anadolu Agency

»Madiba«, wie ihn die Südafrikaner bei seinem Clannamen nennen, hat nach der Apartheid einen Staat und eine mächtige Partei aufgebaut. Er gilt als Vater der Nation, der das Land mit seinen elf offiziellen Sprachen und vielen Völkern zusammengehalten hat. Sein Lebenswerk, der Kampf für Freiheit, Gleichheit und Demokratie, ist ein Maßstab über alle ethnischen und politischen Grenzen hinweg.

Politischen Einfluss hatte Mandela in den vergangenen Jahren nicht mehr. Nach fünf Jahren als Präsident gab er 1999 das Amt ab und erklärte 2004 seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit. In Debatten konnte er sich wegen seiner Krankheit schon länger nicht mehr einmischen. Trotz seiner Abwesenheit blieb allerdings sein gesellschaftlicher Einfluss.

Manche sehen Südafrika nun in ethnische Gruppen zerfallen. Dass dem Land eine Identifikationsfigur, ein gemeinsames Projekt, Ziel oder eine Vision fehle, meint etwa Politik-Professor Daryl Glaser von der Witwatersrand-Universität Johannesburg. Doch das Festhalten an Mandela hat Südafrika auch gelähmt. Besonders deutlich wird das an seiner Partei: Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) hat bisher kein richtiges politisches Programm gebraucht, denn »Madiba« war das Programm. Heute weiß niemand genau, wofür die Partei unter der Führung von Jacob Zuma eigentlich steht.

Zwar sei ein Sieg des ANC bei den 2014 anstehenden Wahlen bisher noch nicht ernsthaft in Gefahr, glaubt Politik-Professor Glaser. »Es werden aber nach Mandelas Tod wohl einige Sympathie-Stimmen wegfallen.« Manche Wähler empfänden nicht mehr die innere Verpflichtung, ANC zu wählen, so Glaser. Hinzu kommt die wachsende Nach-Apartheid-Generation, die »Generation born free«: junge Erwachsene, die das System der Rassentrennung und der brutalen Unterdrückung der Schwarzen nicht mehr oder nur als Kleinkinder erlebt haben. Mandela ist für sie eine Figur der Geschichte, sie wählen nicht mehr automatisch ANC. Neue Parteien könnten bei ihnen Chancen haben. Glaser betont deshalb: »Der ANC braucht mittelfristig eine Strategie.«

Politiker auf der ganzen Welt mahnten denn auch zu einem Festhalten an Mandelas Vermächtnis: »Wir werden Leute wie Mandela wahrscheinlich nicht mehr sehen, deshalb ist es an uns, seinem Erbe zu folgen«, sagte US-Präsident Barack Obama. Und der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton, ein enger Freund der Familie Mandela, fügte hinzu: »Nelson Mandela hat uns so viele Dinge gelehrt.« Die vielleicht wichtigste Lektion vor allem für junge Leute sei, erklärte Clinton, dass man immer die Freiheit und die Verantwortung habe, etwas gegen Ungerechtigkeit, Grausamkeiten und Gewalt zu unternehmen.

Der südafrikanische Journalist Branko Brkic schrieb 2011, »Madibas« Leben sei ein moralischer Leitfaden, den das Land brauche. »Sein Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber er hat seinen Job bereits gemacht.« Nun sei es an allen, seine Ideale zu verwirklichen.

Benjamin Dürr (epd)

Im Einsatz für den Nächsten

16. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Asta Sibylle-Schröder – die erste und bisher einzige Frau mit dem Ehrenritterkreuz des Johanniter-Ordens

Ihr Ehrenamt steht nicht unter dem Kronenkreuz der Diakonie, sondern unter dem achtzackigen Kreuz der Johanniter. Doch die Richtung ist die gleiche: Es geht um Hilfe für Menschen.

Das Äußeres ist Abbild innerer Haltung: Asta-Sibylle Schröder hat ihr ganzes Leben den sprichwörtlichen »aufrechten Gang« geübt, sich mit Aufrichtigkeit gegen jeden Versuch des Verbiegens zur Wehr gesetzt. Das begann für die am 28. Juni 1940 im thüringischen Ranis als Tochter von Arthur von Breitenbuch und Asta, geborene Gräfin von der Schulenburg, zur Welt gekommene spätestens in der Schulzeit. Der Vater ist Pfarrer und Rektor des Weimarer Sophienhauses, einer diakonischen Einrichtung mit Schwesternschaft und Krankenhaus. Adlige Herkunft und kirchliche Bindung stehen fortan als doppeltes Verdikt über Asta-Sibylles Leben im DDR-Staat.

Die Erweiterte Oberschule kann sie nur nach Intervention durch den damaligen Landebischof Moritz Mitzenheim besuchen. Ihre Bewerbung zum Medizinstudium wird abgelehnt. Stattdessen erlernt Asta-Sibylle den Beruf einer Krankenschwester im Eisenacher Diakonissenkrankenhaus. Erst als 1962 der Ärztemangel akut wird, darf sie ihr Wunschstudium aufnehmen. Doch die kleinen und großen Tritte linientreuer Vorgesetzter begleiten sie ihren ganzen Berufsweg lang in den verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesen.

Aber auch das Standvermögen der inzwischen mit einem Arzt verheirateten Frau wird gestählt. Dies bleibt auch nach der friedlichen Revolution erhalten. So legt sie 1991 nach Kontroversen ihr Amt als Dezernentin für Soziales, Jugend und Sport der Stadt Weimar nieder, ebenso ihr Ehrenamt als Kirchenälteste nach einem Streit um eine geplante Predigt von Gregor Gysi 1999 in der Weimarer Stadtkirche.

Ehrenamtlich engagiert bleibt Schröder freilich dennoch. Auch nach ihrer Pensionierung 2003. Dafür sorgt ihre alte Verbindung zu den Johannitern – war ihr Vater doch letzter Ritter des protestantischen Ordens der Nächstenliebe in der DDR. 1990 gründet sie den Kreisverband der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), seit 1993 gehört sie dem Präsidium der JUH an, ist von 1997 bis vor wenigen Tagen sogar deren ehrenamtliche Vizepräsidentin.

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«.  Foto: Harald Krille

Asta-Sibylle Schröder ist als Ärztin seit 2003 im Ruhestand – als Johanniterin lebt sie freilich noch immer im beständigen »Unruhestand«. Foto: Harald Krille

Doch das Engagement beschränkt sich nicht auf Ämter. Vielleicht weil sie selbst nur unter so vielen Schwierigkeiten Ärztin werden konnte, nimmt sie die Probleme von zugewanderten Ärzten in Deutschland besonders wahr. Es beginnt in den 1990er Jahren mit »einer Welle von sehr unterschiedlich ausgebildeten Ärzten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion«, wie sie sich erinnert. Diese wollten gern arbeiten, mussten sich aber zunächst einer Gleichwertigkeitprüfung ihrer Abschlüsse unterziehen. Und das bei oft nur eingeschränkten deutschen Sprachkenntnissen und ohne Erfahrung mit der speziellen deutschen Krankenhauskultur.

Für Schröder ist klar: »Uns muss etwas einfallen.« 1996 beginnt sie in Thüringen mit dem Aufbau eines bis heute bundesweit einmaligen Weiterbildungsprogramms für zugewanderte Ärztinnen und Ärzte aus Nicht-EU-Staaten. Es umfasst die Sprachausbildung ebenso wie die Vermittlung von fachlichen Praktika in Krankenhäusern. Doch es geht um mehr. Es geht auch um kulturelle und soziale Kompetenz. »Denken Sie nur an die Probleme, die unter Umständen ein traditioneller arabischer Arzt mit einer Stationsschwester oder gar einer Chefärztin hat«, berichtet Schröder.

Nachdem eine Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds auslief, hat die Thüringer JUH kurzerhand die Trägerschaft übernommen. Mehr als 200 Ärzte haben dieses »Anpassungsjahr« bisher durchlaufen und anschließend erfolgreich ihre Gleichwertigkeitsprüfung bestanden. »Aber die JUH in den neuen Bundesländern ist an der Grenze ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit«, konstatiert Schröder. Unermüdlich ist sie deshalb auf der Suche nach Finanzierungstöpfen beim Bund, bei der EU oder bei privaten Sponsoren. Denn im Frühjahr 2014 soll der nächste Kurs starten. Er ist bereits voll ausgebucht mit Bewerbern.

»Wir können sie schließlich nicht sitzen lassen«, resümiert die Ärztin, die für ihr Engagement im Frühjahr dieses Jahres vom Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und die als bisher einzige Frau zudem Trägerin des Ehrenritterkreuzes der Johanniter ist.

Harald Krille

Weithin zufrieden

11. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Politik: Was die Vertreter der beiden großen Kirchen vom neuen schwarz-roten Regierungsprogramm halten

Viel Zeit haben sich die Politiker für ihren Koalitionsvertrag genommen. Doch zumindest die beiden großen Kirchen sind weithin zufrieden mit dem, was Schwarz-Rot beabsichtigt.

Es ist das erst Mal, dass der evangelische Theologe Martin Dutzmann einen kompletten Koalitionsvertrag durchlesen und bewerten muss. Denn der bisherige Landessuperintendent der Lippischen Kirche und nebenamtliche Militärbischof ist erst seit gut zwei Monaten als Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland tätig.

Am 27. November unterzeichneten der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (v. l.) den Koalitionsvertrag. Die Kirchen finden eine Reihe ihrer Wünsche in der Absichtserklärung wieder. Foto: picture alliance

Am 27. November unterzeichneten der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, die amtierende Kanzlerin Angela Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (v. l.) den Koalitionsvertrag. Die Kirchen finden eine Reihe ihrer Wünsche in der Absichtserklärung wieder. Foto: picture alliance

Nach der Lektüre der 185 dicht beschriebenen Seiten ist Dutzmann allerdings zufrieden. Anders als in früheren Koalitionsverträgen wird dem Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften eine breite Erwähnung eingeräumt und das gute Miteinander betont. »Die Kirchen sind gestärkt worden in diesem Koalitionsvertrag. Das geltende Staatskirchenrecht ist bestätigt worden. Auch am Kirchensteuereinzug soll festgehalten werden«, konstatiert der EKD-Bevollmächtigte.

Begrüßenswert ist für ihn auch das Bekenntnis zu erneuerbaren Energien und der Ausstieg aus der Kernenergie. Besonders lobt Dutzmann, dass die neue Regierung das sogenannte Fracking unter verschärfte Beobachtung stellen will. Bei dieser Methode der chemischen Gewinnung von Erdöl und Erdgas muss der Schutz der Umwelt und besonders des Trinkwassers garantiert sein.

Doch es gibt auch Kritikpunkte. So ist für die Evangelische Kirche der Klimaschutz nicht ausreichend berücksichtigt, liest Dutzmann zumindest im Koalitionsvertrag: »Und dann heißt das hier: ›National wollen wir die Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Stand 1990 reduzieren.‹ Hier hat die Synode der EKD unlängst erst gesagt, dass 40 Prozent nicht ausreichend sind, es müssten 55 sein.«

Ganz im Sinne kirchlicher Position ist, dass die so genannte Optionspflicht entfällt und die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt wird. Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können nun beide kulturelle Identitäten leben. Die Asylverfahren sollen auf drei Monate beschränkt werden. Das sogenannte »Resettlement«-Verfahren erlaubt die direkte Aufnahme besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge. Union und SPD haben sich auf eine stichtagsunabhängige Bleiberechtsregelung für Menschen geeinigt, die lange Zeit von den Ausländerbehörden nur geduldet wurden. Auch die geplanten Erleichterungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt und die Lockerungen der sogenannten Residenzpflicht, die es Asylsuchenden verbietet, ihre Stadt oder ihren Landkreis zu verlassen, begrüßt Dutzmann ausdrücklich.

Dass die Länder Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien nun aber pauschal als sichere Herkunftsstaaten klassifiziert werden, trifft auf Kritik. Denn Menschenrechtsexperten würden immer wieder darauf hinweisen, dass in diesen Ländern bestimmte Volksgruppen wie etwa die Roma nicht den nötigen Schutz finden.

Auch gibt es von Seiten der evangelischen Kirche Fragen bei der Migrationskontrolle, die in die Herkunfts- und Transitstaaten vorverlegt werden soll. »Was natürlich, wenn ein Staat sich Menschenrechtsverstöße zu schulden kommen lässt, ein problematisches Unterfangen ist. Menschen müssen in der Lage sein, auf legalem Wege nach Europa zu kommen, damit hier die Schutzbedürftigkeit geprüft wird«, kritisiert Dutzmann.

Insgesamt ist auch Prälat Karl Jüsten, Leiter des katholischen Büros in Berlin, mit dem neuen Regierungsprogramm zufrieden. So begrüßt er etwa beim Thema Arbeitsmarktpolitik, dass die Förderung von Langzeitarbeitslosen gleich an die erste Position gestellt wird.

Positiv sei weiterhin die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes bis 2017 und die sogenannte Mütterrente, von der auch Väter profitieren. Ab dem 1. Juli 2014 werden allen Müttern oder Vätern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, die Erziehungsleistung mit einem zusätzlichen Entgeltpunkt in der Alterssicherung berücksichtigt. Der Pflegebürftigkeitsbegriff wird neu bewertet, um damit auch die Versorgung dementer Menschen zu verbessern. Allerdings hat etwa der Caritasverband bereits moniert, dass dieses Verfahren zu lange dauert, um dem Pflegenotstand effektiv entgegenzuwirken.

In der Wertschätzung der Familien sieht sich die katholische Kirche ausdrücklich bestätigt. Die Elternzeit von 36 Monaten soll künftig flexibler gestaltet werden. Dazu sollen auch ohne die Zustimmung des Arbeitgebers nach angemessener vorheriger Anmeldung zukünftig 24 statt 12 Monate zwischen dem dritten bis achten Lebensjahr des Kindes von Müttern und Vätern in Anspruch genommen werden können. Zur Weiterentwicklung des Elterngeldes soll das »Elterngeld Plus« eingeführt werden. Dies soll Eltern für die Dauer von bis zu 28 Monaten die bestmögliche Inanspruchnahme des Elterngeldes in Kombination mit einer nicht geringfügigen Teilzeittätigkeit ermöglicht und damit den Wiedereinstieg, vor allem für Alleinerziehende, erleichtern.

Aber es hätte nach katholischem Geschmack durchaus noch etwas mehr sein können: »Wir freuen uns, dass das Elterngeld und die Elternzeit ausgeweitet werden. Gleichwohl kritisieren wir, dass entgegen den Wahlversprechen der Union das Kindergeld und die Elternfreibeträge nicht angehoben werden«, beklagt Jüsten.

Frauen sollen nach dem Willen der Koalition vor Menschenhandel und Zwangsprostitution besser geschützt werden. Die katholische Kirche begrüßt es daher sehr, dass das einst von der rot-grünen Regierung eingeführte Prostitutionsgesetz nun korrigiert wird. »Die Grünen sind da ihrer alten Freiheitsideologie in Fragen der Sexualität aufgesessen, haben aber nicht bedacht, dass hier die Menschenwürde der Frau mit Füßen getreten wird. Man hat gemeint, wenn man den normalen Beruf der Prostituierten schafft, dass man den Bereich des Schmuddeligen bekämpft. Aber es ist genau das Gegenteil eingetreten«, erklärt Karl Jüsten.

Nicht zuletzt folgt die schwarz-rote Regierung langjährigen Forderungen der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung GKKE nach einer transparenteren Waffenexportpolitik. Der neue Koalitionsvertrag verspricht, dass militärisches Gerät nicht in Krisengebiete geliefert werden soll. Außerdem will die neue Regierung zeitnah über die Rüstungsexporte informieren.

Thomas Klatt

Norwegen: Der Ärger um das »Kreuz auf den Hals«

10. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kors på halsen« – Kreuz auf den Hals, dieser Ausdruck bedeutet im Norwegischen die starke Bestätigung einer Wahrheit. Im Deutschen ist es vielleicht am ehesten mit »beim Leben meiner Großmutter« zu vergleichen. Das Kreuz auf den Hals ist das Gegensymbol zum Lügenkreuz, den gekreuzten Fingern hinter dem Rücken beim Schwur.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Doch ein Kreuz auf dem Hals kann einem auch jede Menge Probleme bescheren und eine Mediendebatte über viele Wochen hinweg auslösen, selbst wenn es mit Diamanten besetzt und kaum 1,4 cm groß ist. Ein solches Kreuz trug die Journalistin Kristin Sællmann im Herbst während einer Sendung des Staatsfernsehens NRK, bei dem sie die Lokalnachrichten für Südnorwegen moderiert.

Einige Zuschauer konzentrierten sich wohl mehr auf den Hals als auf die Lippen der Moderatorin und beschwerten sich über das kaum als solches zu erkennende Kreuz. Dies führte zu einem ernsthaften Gespräch zwischen der Leitung des Senders und der Journalistin. Danach wurde ihr und allen anderen Mitarbeitern noch einmal ausdrücklich das Tragen jeglicher religiöser Symbole während ihrer Arbeitszeit untersagt.

Kristin Sællmann selbst bezeichnet das Kreuz – ein Geschenk ihres Mannes – als ihr Lieblingsschmuckstück und möchte es auch als solches verstanden wissen. Sie ist praktizierende Christin, möchte es aber nicht als religiöse Botschaft verstehen. Eine solche könnte die Zuschauer an ihrer Neutralität als Journalistin und Nachrichtensprecherin zweifeln lassen. Als Schmuck und Geschenk ihres Mannes hingegen versteht sie es einfach als einen Teil ihrer Identität. Sie selbst hat die Anordnung ihrer Vorgesetzten akzeptiert und das kleine Kreuz wird in Zukunft wohl nicht wieder so schnell öffentlich an ihrem Hals erscheinen.

Vielen ihrer Zuschauer und Kollegen fällt es wesentlich schwerer, die Entscheidung der Verantwortlichen im Fernsehsender anzunehmen. Sie fragen sich, wie weit man im Namen der Neutralität in die Identität und Religionsfreiheit von Journalisten eingreifen darf, indem man jedes noch so kleine religiöse Symbol verbietet. Die Frage ist berechtigt, ob eine solche Haltung nicht Ausdruck eines falschen Verständnisses von Neutralität ist? Viele empfinden das Fehlen oder das Verbot solcher Symbole als Ausdruck einer Haltung, die Religion grundsätzlich ablehnt und einen öffentlich sanktionierten Atheismus propagiert.

Sicher sollte ein religiöses Symbol bei Journalisten nie so dominant sein, dass seine Botschaft den eigentlichen Nachrichten im Wege steht. Dennoch hat das kleine Kreuz am Hals eine wichtige Debatte angeschoben, die jetzt schon einige Wochen die Zeitungen beschäftigt und die hoffentlich zur weiteren Verbreitung zweier Einsichten führen wird: Glaube ist Teil der menschlichen Identität und auch das Fehlen religiöser Symbole ist ein Symbol.

Michael Hoffmann

Die Leidtragenden sind die Kinder

10. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Christliche Kinder- & Jugendwerk »Die Arche« hilft Kindern, die unter materieller und emotionaler Armut leiden

In der Adventszeit soll uns das Thema Armut begleiten. Im zweiten Beitrag geht es um Kinderarmut. Nach Angaben des Christlichen Kinder- & Jugendwerkes »Die Arche« sind in Deutschland etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche von materieller und emotionaler Armut betroffen.

In dem großen Gemeinschaftsraum im Obergeschoss der Scheibestraße in Leipzig sitzen Kinder in Zweier- oder Dreiergruppen. Sie malen und spielen Schach. In einem benachbarten Raum haben sie Ruhe, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auf einem Tisch stehen belegte Brote, geschnittenes Obst und Saft bereit, damit die Kinder, die nach der Schule in die Einrichtung der Arche kommen, etwas essen und trinken können. Für viele sei dies die erste Mahlzeit am Tag, sagt Sozialarbeiterin Adrienn Szivos. Dass Kinder ohne Frühstück und ohne Pausenbrot von zu Hause weggehen, sei keine Seltenheit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arche werden fast jeden Tag mit diesem Problem konfrontiert. An mittlerweile 15 Standorten in Deutschland will das 1995 von Pastor Bernd Siggelkow gegründete Hilfswerk der Armut von Kindern begegnen. In ihren Einrichtungen bietet die Arche den Kindern kostenlos eine Mahlzeit, hilft bei den Hausaufgaben, lädt zu Sport, Spiel und anderen Freizeitbeschäftigungen ein. Dazu gehen die Leipziger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in Schulen.

Daniel Zinser. Foto: privat

Daniel Zinser. Foto: privat

Kleidung muss kein Indiz für Reichtum oder Armut sein. Wenn jedoch Kinder seit zwei Wochen dieselbe Hose tragen, die Kleidung schmutzig ist und Löcher aufweist, sei das oft ein Indiz für Armut. Verhaltensauffälligkeiten, blasse Gesichter, schlechte Zähne seien weitere Anzeichen, so Daniel Zinser, Leiter der Einrichtung in Leipzig, die im März ihre Arbeit aufgenommen hat.

Wer wenig Geld zur Verfügung hat, muss gut haushalten und auf dies und jenes verzichten. Dass das Geld in manchen Familien knapp ist, mag ein Problem sein. Ein weiteres ist, dass oft die falschen Prioritäten gesetzt würden. Er beobachte, so Zinser, dass in manchen Elternhäusern außer dem modernen Flachbildfernseher zusätzlich drei weitere Geräte stehen, die teilweise auch eingeschaltet sind und Strom verbrauchen. Die Kinder jedoch bekommen kein Frühstück, weil das Geld nicht für Essen reicht – ein Widerspruch, den Arche-Mitarbeiter oft wahrnehmen. Ebenso erlebe er, dass sich Hartz-IV-Empfänger einen Sky-Fernsehanschluss leisten, der Gebühren kostet.

Die Leidtragenden, wenn es im Elternhaus nicht rund läuft, sind die Kinder. Zum »täglichen Brot« der Arche-Mitarbeiter gehört neben der materiellen Armut noch eine andere Form von Armut, die vielleicht noch schlimmer ist: die emotionale. Betroffen sind Kinder und Jugendliche, deren Eltern – sie müssen nicht zwangsläufig unter Geldnot leiden – keine Zeit für ihren Nachwuchs haben. Die Eltern sitzen den ganzen Tag vor dem Computer oder haben Alkoholprobleme, die Kinder verbringen ihre Zeit auf der Straße. Sie von hier wegzuholen und ihnen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung anzubieten, ist eines der Ziele der Arche.

Zinser erlebt oft zu Herzen gehende Einzelschicksale. Eine traurige Geschichte erzählt er von einem der Feriencamps, zu denen die Arche zweimal im Jahr einlädt. Bei einer dieser Freizeiten lautete das Motto »Lebensträume«. Die Kinder sollten aufschreiben, wonach sie sich sehnen, wovon sie träumen. Ein Junge, Förderschüler, habe auf dem Papier herumgekritzelt, ohne dass das Geschriebene zu entziffern war. Gefragt, was sein Text zu bedeuten habe, antwortete er: »Tot«. Er wünschte sich, tot zu sein, wusste jedoch nicht, wie das Wort geschrieben wird.

Ein anderer Junge sei durch seinen übertriebenen Hang zu Statussymbolen aufgefallen, erinnert sich Zinser. Er prahlte immer, er habe zu Hause einen neuen Computer sowie zwei neue Handys. Mit seiner Angeberei vor Gleichaltrigen habe er sich selbst ins Abseits manövriert. Einmal habe er berichtet, er sei in den Ferien gemeinsam mit seinem Vater verreist gewesen. Wie sich herausstellte, entsprach nichts von dem, was der Junge erzählte, der Wahrheit. Er litt darunter, dass der Vater keine Zeit für ihn hatte, und flüchtete aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt.

Mittlerweile habe er sich sehr verändert. Er ist jetzt 16 Jahre alt, kommt regelmäßig in die Arche und möchte sich hier gern ehrenamtlich engagieren. »Es war schön zu beobachten, wie er immer seltener diese übertriebenen Geschichten erzählte«, so Zinser. In der Arche habe er gespürt, dass er so angenommen wird wie er ist.
Sabine Kuschel

Philatelistisches Kunstwerk

8. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Die Künstlerin Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gestaltet

Millionen Briefe werden sie demnächst zieren, die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie sind das Motiv auf der Briefmarke von Kitty Kahane.

Zehn Millionen Auflage: Ganz schön viel für eine Grafik. Auch für eine erfolgreiche Künstlerin wie Kitty Kahane. Unzählige Menschen kennen ihre Bilder. Ihr Name hingegen ist nur wenigen bekannt. Denn auf Briefmarken ist kein Platz für eine Signatur. Kitty Kahane hat die diesjährige Weihnachtsmarke der Post gemalt. Die drei Weisen aus dem Morgenland: Bunt gekleidete schlanke Gestalten zwischen drei Palmen. Sie tragen goldene Geschenke in der Hand und folgen dem Stern von Bethlehem. Millionen Briefe werden sie demnächst zieren. Und darüber hinaus Wohltätigkeitsorganisationen, auch die Kirchen, unterstützen. Denn zu dem normalen Briefporto von 58 Cent zahlen die Postkunden 27 Cent Aufschlag für einen guten Zweck. Nass- oder selbstklebend, je nach Belieben. Kitty Kahanes kleines Kunstwerk ist nicht in einer Galerie oder im Designshop erhältlich, sondern in jedem Postamt Deutschlands. Auch in dem um die Ecke von Kitty Kahanes Atelier, mitten im Prenzlauer Berg, dem Ostberliner Szene-Kiez.

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Kitty Kahane in ihrem Atelier. Foto: Uwe Birnstein

Wie die zierliche Künstlerin diesen Auftrag bekommen hat? »Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, Entwürfe einzureichen«, erinnert sie sich. Sportarten sollten sie briefmarkenfähig machen. Die Bilder, die sie malte, kamen in die engere Auswahl. Gedruckt wurden allerdings andere. Doch die Briefmarkenjury des Bundesfinanzministeriums war aufmerksam geworden auf die Kreative mit dem so ganz eigenen Strich. Weitere Entwürfe folgten, 2012 dann die erste Briefmarke. Anlass war das 100-jährige Bestehens der »Domowina«, des Dachverbandes der Lausitzer Sorben. Kitty Kahane malte ein Vogelpaar, das fröhlich tanzt und die sorbische Fahne schwingt: ein Motiv aus dem sorbischen Brauch der Vogelhochzeit. Anfang 2013 folgte die zweite Marke, diesmal zum 50-jährigen Jubiläum von »Jugend musiziert«: Ein rothaariges Mädchen in gelbem Kleid traktiert ihr Cello, sie sitzt auf einer Bühne, die wie ein Siegerpodest anmutet. Das besondere beider Marken: Die Schrift ist nicht mit Druckbuchstaben nachgetragen, sondern von Hand gezeichnet und somit künstlerischer Teil des Bildes. So ist es auch bei der diesjährigen Weihnachtsmarke. Die drei Worte »Stern von Bethlehem« wirken wie goldene Strahlen.

Es gehört schon großes Können dazu, auf 35 mal 35 Millimetern ein erkennbares Bild mit so vielen Details zu zaubern. Kitty Kahane hat viele Jahre Erfahrungen gesammelt. Geboren wurde sie 1960 in Ostberlin, wuchs atheistisch auf. Glaube und Kirche waren für sie tabu. Die Jugendweihe erlebte sie im damaligen Prestige-Kino »International«. Nach dem Abitur 1978 machte sie ein Praktikum in der Porzellanmanufaktur zu Meißen, arbeitete dann als Buchgestalterin im Verlag der Nation. Das Studium an der Kunsthochschule schloss sie 1989 ab. Die politische Wende ging für Kitty Kahane einher mit einer Lebenswende: Von nun arbeitete sie freiberuflich als Illustratorin. Unterschiedlichste Unternehmen nahmen ihr Können in Anspruch, darunter so illustre Design-Firmen wie Koziol, SIGG und JAB-Anstoetz. Über die Jahre reifte Kitty Kahanes Stil zu einer ganz eigenen Bildsprache. Verspielte Figuren mit Herz und klaren Konturen; mal romantisch verschlungen, aber nie kitschig; mal böse lächelnd, aber nie unmenschlich. Es ist, als banne Kitty Kahane die ganz normalen Menschen mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Oberflächlichkeiten und Abgründen aufs Papier. Und als halte sie den Betrachtern einen barmherzigen Spiegel vor.

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Die von Kitty Kahane gestaltete Briefmarke. Foto: Uwe Birnstein

Seit einigen Jahren wendet sich Kitty Kahane verstärkt biblischen Figuren zu. »Das hängt auch mit meiner Heirat zusammen«, erklärt sie. Durch die Familie ihres Ehemannes habe sie den jüdischen Glauben kennen- und schätzen gelernt. Langsam tastete sie sich an die Themen und Stoffe der Bibel heran und entdeckte deren Tiefen. Mittlerweile hat sie viele biblische Geschichten illustriert. Der christliche Verlag »edition chrismon« entdeckte das Können und die überbordende Fantasie Kitty Kahanes. Er brachte die Künstlerin mit bedeutenden Schriftstellern zusammen; zusammen sollten sie biblische Geschichten neu in Bild und Wort erzählen, mit allen literarischen und künstlerischen Freiheiten. Mit dem russischstämmigen Erfolgsautor Wladimir Kaminer fand sich Kitty Kahane im Paradies ein, zeichnete Adam und Eva (»Das Leben ist kein Joghurt«). Der moderne Hiob heißt im Buch Roger Willemsen »Herr Gottlieb« und ist Zirkusdirektor – Kitty Kahane setzte ihn farbig in Szene, Titel: »Das müde Glück«. Mit Margot Käßmann konzipierte sie die Geschichte von Josef und seinen Brüdern (»An Vaters Rockzipfel«), mit Sibylle Berg, Alina Bronsky und Thomas Brussig ergründete sie Mose, Jakob und Esau und den Turmbau von Babel.

Mit der Weihnachtsmarke wagt sie sich nun erstmals auf neutestamentliches Terrain. »Ich habe intensiv die Geschichte im Matthäusevangelium studiert«, erzählt sie. Auch in die christliche Kunst ist sie abgetaucht, Botticellis Gemälde der »Anbetung der Heiligen Drei Könige« beeindruckte sie, noch mehr ein Wandmosaik aus Ravenna, entstanden im 6. Jahrhundert. Wer es mit der Weihnachtsmarke vergleicht, erkennt Ähnlichkeiten.

Nun freut sich Kitty Kahane auf den 3. Dezember. Dann wird ihr philatelistisches Kunstwerk offiziell präsentiert: In der Berliner Friedrichstadtkirche, gleich neben dem Adventstreiben auf dem Gendarmenmarkt.

Währenddessen arbeitet sie in ihrem Atelier schon am nächsten Mini-Gemälde. Auch diesmal ist wieder eine Millionenauflage zu erwarten. »Das Thema darf ich noch nicht verraten«, sagt sie. Fest steht: Es wird Zacken haben.

Uwe Birnstein

Krieg, Frieden, Zivilcourage und die Kirche

3. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zwei wichtige Tagungen wollen im kommenden Jahr das kritische Nachdenken fördern

Das Jahr 2014 hat unter anderen zwei Gedenktage, die sich um Krieg, Frieden und Zivilcourage drehen. Im Sommer 1914, mithin vor 100 Jahren, brach, ausgelöst durch einen regionalen Konflikt zwischen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und dem Königreich Serbien, der Erste Weltkrieg aus. Das vierjährige Ringen mit seinen grausigen Erfahrungen des technisierten Krieges, der Materialschlachten und des Stellungskampfes wird von Geschichtswissenschaftlern inzwischen als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« gesehen.

Am 7. September 1964 wiederum ordnete der »Nationale Verteidigungsrat der DDR« die Aufstellung von Baueinheiten im Bereich des »Ministeriums für Nationale Verteidigung« an. Fortan bestand die Möglichkeit, innerhalb der Strukturen der DDR-Armee den Wehrdienst zumindest ohne Waffe zu leisten. Die Absolventen dieses Kompromissdienstes zwischen Wehrdienst und einem echten Zivildienst wurden ihrer Schulterstücke wegen auch als »Spatensoldaten« oder kurz »Spatis« bezeichnet. Die DDR war im übrigen der einzige Staat im gesamten Ostblock, der diese Möglichkeit bot.

 Zwei Tagungen befassen sich im kommenden Jahr mit diesen beiden Jubiläen und wollen dabei ausdrücklich den Bogen zu aktuellen Herausforderungen spannen. Zum einen lädt die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 15. und 16. Januar zu ihren Theologischen Tagen ein unter dem Thema »Kirche und Krieg. Ambivalenz in der Theologie«. In Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wird dabei unter anderem der Zusammenhang von Reformation und Krieg und das Verhältnis von Lutherrenaissance zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Erstem Weltkrieg beleuchtet. Workshops zu Kriegspredigten, den Bausoldaten in der DDR, zu Luthers Soldatenschrift und zum Streit um die Militärseelsorge ergänzen das Programm des ersten Tages. Am zweiten Tag steht unter anderem eine Podiumsdiskussion zwischen dem Völkerrechtler Christian Walter, dem Soldatenseelsorger Wolfram Schmidt, dem Theologen und Friedensforscher Joachim Garstecki und dem ehemaligen Bundeswehrgeneral Andreas Wittenberg auf dem Programm. Anmeldungen zur Tagung sind bis zum 13. Dezember unter der folgenden Adresse möglich: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Theologische Fakultät, Kennwort: Theologische Tage 2014, 06099 Halle (Saale), Telefon (03 45) 5 52 30 50.

Um zeitgeschichtliche wie aktuelle friedenspolitische Fragen geht es dann auch vom 5. bis 7. September beim Bausoldatenkongress 2014 in der Lutherstadt Wittenberg. Es ist der zweite überregionale Kongress dieser Art nach dem ersten Treffen 2004 in Potsdam.

Vorbereitet wird er von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, deren Direktor Friedrich Kramer selbst von 1983 bis 1985 seinen Bausoldatendienst in Prora auf der Insel Rügen ableistete, sowie einer Arbeitsgruppe weiterer ehemaliger Bausoldaten. Informationen dazu sind unter der Internetadresse http://ev-akademie-wittenberg.de/bausoldatenkongress zu finden. Ausdrücklich ruft die Akademie weitere ehemalige Bausoldaten und Interessenten zur Mitarbeit bei der Vorbereitung des Treffens auf.

Harald Krille

»Wir fühlten uns reich«

2. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Um ihrer Berufung willen lebten Pfarrer in der DDR in materiell bescheidenen Verhältnissen

In der Adventszeit soll uns das Thema Armut begleiten. Im ersten Beitrag geht es um eine Berufsgruppe, die in der DDR in materiell bescheidenen Verhältnissen lebte: die Pfarrer.

Anderen Menschen eine Freude bereiten, mit Spenden etwas Gutes tun, dieses Bedürfnis ist in der Adventszeit groß. Das war auch in der DDR nicht anders. Eher ungewöhnlich nur, dass damals eine Pfarrersfamilie Adressat einer großzügigen Geldspende wurde.

Von 1962 bis 1985 war Siegfried Fallenstein, Jahrgang 1931, Pfarrer im sächsischen Berggießhübel. Eine Begebenheit ist ihm im Gedächtnis geblieben. Die Familie lebte mit ihren sieben Kindern im Pfarrhaus, wo es damals nicht leicht war, mit dem schmalen Gehalt des Theologen über die Runden zu kommen. Damit das Geld bis zum Monatsende reichte, musste klug gewirtschaftet werden. Seine Frau, erzählt Fallenstein, hatte diverse Kuverts, in denen das Geld für Winterkartoffeln, Heizung etc. gesammelt wurde. »Jeden Monat haben wir das Konto total leergeräumt – bis auf eine Mark.« Immerhin: eine Mark. Keine Schulden! In einem Jahr erlebten die Fallensteins ein »kleines Wunder«, wie es der Ruheständler ausdrückt. Im Ort wohnte eine katholische Christin, eine Ärztin, die im Advent gern spenden wollte. Das Geld sollte wirklich bedürftigen Menschen zugutekommen. Irgendwie hatte die Frau erfahren, dass im Pfarrhaus am Ende des Monats das Geld immer knapp war. Eines Tages vor Weihnachten besuchte sie die Fallensteins und schenkte ihnen 1 000 DDR-Mark. Die Spenderin, die im Stadtrat gewesen sei, so der Pfarrer, wusste, dass bedürftige Familien staatliche Unterstützung bekamen, nicht jedoch kirchliche Mitarbeiter. Jedenfalls kannte sie niemanden, der bedürftiger gewesen wäre als die Pfarrersfamilie.

Foto: matd – fotolia.de

Foto: matd – fotolia.de

Sein Anfangsgehalt betrug 250 DDR-Mark, erinnert sich Pfarrer i. R., Günter Buchenau, Jahrgang 1932. Er war unter anderem in Schwarzheide in der Niederlausitz Gemeindepfarrer und Kreisjugendpfarrer im Kirchenkreis Elsterwerda. Danach übernahm er das Provinzialjugendpfarramt der Kirchenprovinz Sachsen, bevor er später als Pfarrer und Superintendent in Magdeburg und Halle wirkte. Nach 20 Dienstjahren, so Buchenau, steigerte sich sein Verdienst auf 680 Mark. Hinzu kamen kirchlicher Kinderzuschlag und staatliches Kindergeld in Höhe von 75 bis 80 DDR-Mark für jedes seiner fünf Kinder.

Die finanzielle Situation sah in den Pfarrhäusern unterschiedlich aus, je nachdem ob die Pfarrfrau arbeitete und in welchem Beruf und ob Verwandte aus Westdeutschland Pakete schickten beziehungsweise finanziell halfen. Alle kirchlichen Angestellten bekamen einmal im Jahr von der »Westkirche« einen Geldbetrag in harter Währung, die sogenannte Bruderhilfe, die tatsächlich eine große Hilfe bedeutete. Dennoch: Mit dem wenigen Geld Monat für Monat zurechtzukommen, war ein Kunststück.

»Wir haben den Beruf nicht wegen des Geldes gewählt«, sagt Fallenstein. »Wir waren gezeichnet vom Krieg.« Für ihn und seine Frau, die bittere Zeiten und Hunger überstanden hatten, sei es kein Problem gewesen, in ärmlichen Verhältnissen anzufangen. Später profitierte die Familie von der Unterstützung aus dem Westen.

»Außerdem hatten wir 1945 gelernt, mit allem zu sparen, nichts wegzuwerfen, sondern aus allem, was anfiel oder übrig blieb, etwas zu machen«, berichtet Buchenau.

Und auch Wieland Graubner, Jahrgang 1941, erzählt: »Für uns galt der Grundsatz: Es darf nicht mehr gekauft werden als Geld zur Verfügung steht.« Ein Prinzip, das heute leider vergessen scheint. Graubner war in Sachsen Pfarrer, zuletzt bis 2003 Oberlandeskirchenrat.

Sich in materiell bescheidenen Verhältnissen einzurichten – es traf eine Generation, die es gelernt hatte, mit wenig auszukommen. Die damaligen Pfarrer erleben heute das Glück, dass sie als Ruheständler finanziell wesentlich besser gestellt sind als damals und als sie jemals erwartet hätten. Die meisten sind von Dankbarkeit erfüllt.

War es der Glaube, der dieser Pfarrergeneration in komplizierter Zeit Kraft gab?

»Es gab das Evangelium«, sagt Buchenau heute. »Und die Gemeinde, in der wir uns wie in einer großen Familie aufgehoben wussten. Wir haben uns nicht als arm empfunden«, resümiert er. Im Gegenteil: »Wir fühlten uns auf eine andere Weise reich.« Der Theologe spricht von seiner Arbeit in der Gemeinde, vom Evangelium sowie von der Musik, dem Hören und Musizieren. »Das alles hatten viele nicht, denen wir diesen Reichtum nahezubringen suchten.«

Sabine Kuschel

Kleinkredite für den Wiederaufbau

1. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Philippinen: Der Taifun hat auch viele Entwicklungsprojekte von Mikrofinanzorganisationen zunichte gemacht


Sie gelten als wirksames Mittel nachhaltiger Entwicklung: Kleinkredite, die Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Die Katastrophe auf den Philippinen fordert zwei christliche Kreditgeber besonders heraus.

Von den Meteorologen wird er prosaisch als »1330« bezeichnet, in den Medien hat sich der chinesische Name »Haiyan« durchgesetzt, was »Sturmschwalbe« bedeutet. Gemeint ist der Taifun, der zwischen dem 3. und 11. November mit Spitzenwindgeschwindigkeiten von bis zu 315 Kilometer pro Stunde über die Inselwelt der Philippinen zog. Der dreißigste Wirbelsturm dieses Jahres in der Region war zugleich einer der stärksten jemals beobachteten und hinterließ vor allem auf den Inseln Leyte und Samar eine Schneise der Verwüstung. Mehr als 4000 Todesopfer wurden bisher registriert, rund zwei Millionen Menschen verloren ihr Obdach.

Betroffen von den Zerstörungen sind auch viele über Mikrokredite finanzierte Entwicklungsprojekte. Sowohl die im Bereich der Kleinkredite engagierte Hilfsorganisation Opportunity International als auch die entwicklungspolitische Genossenschaft Oicocredit berichten von verheerenden Schäden bei Kreditnehmern beziehungsweise bei Partnerorganisationen.

Neuanfang mit kleinen Schritten: Ein Mann zimmert sich auf einer kleinen Philippinen-Insel eine neue Behausung. Mikrofinanzorganisationen wollen besonders den Wiederaufbau unterstützen. – Foto: picture alliance/Gavin John

Neuanfang mit kleinen Schritten: Ein Mann zimmert sich auf einer kleinen Philippinen-Insel eine neue Behausung. Mikrofinanzorganisationen wollen besonders den Wiederaufbau unterstützen. – Foto: picture alliance/Gavin John

Pressesprecher Kai Becker von Opportunity International Deutschland (OID) informiert, dass 17 Mitarbeiter vermisst werden und viele Büros zerstört wurden. Das Schlimmste aber: Mehr als 50000 Philippinos, die durch die Hilfe von Kleinkrediten der Hilfsorganisation eine selbstständige Existenz aufgebaut hatten, haben alles verloren. Die Philippinen sind eines der wichtigsten Partnerländer von OID: 1,1 Millionen Kleinkreditempfänger von insgesamt 2,7 Millionen, die das Werk weltweit unterstützt, leben auf den Philippinen. 70 Prozent der Darlehn gehen an Kleinbauern, die dafür Werkzeuge, Nutztiere oder Saatgut kaufen.

Spender für neue Kredite gesucht
Zeichen für den Erfolg der Idee ist, dass 97 Prozent der Empfänger ihre Kredite pünktlich zurückzahlen. »Das ist eine Rate wie in Deutschland«, freut sich Becker und verweist auf die umfangreiche Begleitung der Geldempfänger durch Berater vor Ort. Und: »85 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen, die vielfach zuverlässiger als Männer sind.«

Der Wirbelsturm ist für die betroffenen Kreditnehmer und Opportunity International eine Art »Supergau«. Weshalb die Organisation unverzüglich die Rückzahlungen der Altkredite stornieren und neue Darlehn zur Verfügung stellen will. »Die Menschen brauchen jetzt sofort Hilfe, um die verwüsteten Felder instand zu setzen und neues Saatgut kaufen zu können«, betont der deutsche Pressesprecher. Da Opportunity die Kredite aus Spenden finanziert, ist man nunmehr auf neue und zusätzliche Unterstützer angewiesen. Ziel der deutschen Partner ist es, als Zeichen der Solidarität eine Million Euro einzuwerben. Auf seiner Website hat das Hilfswerk inzwischen ein Spendenbarometer eingerichtet, an dem der aktuelle Stand abzulesen ist.

Auch für Oikocredit sind die Philippinen eines der wichtigsten Partnerländer. Acht ihrer Partnerorganisationen auf der Inselgruppe sind akut betroffen, wie Pressesprecherin Ulrike Haug bestätigt. Dabei handelt es sich um mit Darlehn unterstützte örtliche Mikrofinanzinstitute ebenso wie um landwirtschaftliche Genossenschaften, die Kredite zu fairen Konditionen von der ökumenischen Genossenschaft erhalten haben.

Allein von den 290000 Kunden der größten Partnerinstitution in der Region sei über die Hälfte von den Auswirkungen der Naturkatastrophe berührt. Besonders betroffen ist unter anderem auch eine Genossenschaft, die neue und bestehende Bananenanbaubetriebe unterstützt und fördert. Die mithilfe von Oikocredit neu gepflanzen Stauden sollten im Januar ihre ersten Früchte tragen, doch die Pflanzungen sind vernichtet. »Wir sind dabei, ein sofortiges Nothilfepaket zu schnüren, und bereiten die weitere Unterstützung beim Wiederaufbau vor«, betont Haug. Dazu gehört, dass finanzielle Sofortmittel bereitgestellt und die Kredite von betroffenen Partnerorganisationen umgeschuldet werden, um so die Rückzahlung auf die Zeit nach dem Wiederaufbau zu verschieben.

Wo Anleger faire Rendite erhalten
Im Gegensatz zu Opportunity investiert Oikocredit nicht Spendengelder, sondern Geld individueller oder institutioneller Anleger, die eine nachhaltige Geldanlage suchen. Ab 200 Euro Mindestbetrag kann jedermann Mitglied eines regionalen Förderkreises werden. Die eingezahlten Gelder können jederzeit ganz oder teilweise zurückgerufen werden. Und sie bringen dem Anleger zwar keinen großen, aber einen fairen Gewinn: In den vergangenen Jahren wurde eine Dividende von zwei Prozent ausgezahlt.

»Um den Wiederaufbau auf den Philippinen zu finanzieren, sind dringend neue Mitglieder beziehungsweise neue Anteilskäufe der bisherigen Mitglieder nötig«, betont Dieter Kerntopf. Der Pfarrer aus Colbitz, nordwestlich von Magdeburg, gehört zu den Mitbegründern des Oikocredit Förderkreises Mitteldeutschland, der die Gelder der Anleger aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verwaltet.

Harald Krille

www.oid.org

www.oikocredit.de