»Luther« auf Kurs 2017

30. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum: Das Lutherhaus in Eisenach wird saniert, umgebaut und erweitert


Das Lutherhaus in Eisenach geht seiner Zukunft als modernes Museum entgegen. Bevor es jedoch dem zu erwartenden Ansturm im Lutherjahr 2017 gewappnet ist, muss das historische Gebäude umgebaut, saniert und erweitert werden.

Am 1. Januar beginnen die Bauarbeiten, die Grundsteinlegung für den angrenzenden Neubau erfolgte im August. Ab 30. November ist das Lutherhaus geschlossen. Anfang Februar soll ein Ausweichquartier im Haus gegenüber bezogen werden. Hier werden bis zur Eröffnung des neuen Museums das Bibelcafé, der Shop sowie museumspädagogische Angebote wie der Altschulunterricht weitergeführt.

Das Lutherhaus ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser Eisenachs. Martin Luther soll während seiner Eisenacher Schulzeit 1498 bis 1501 hier gewohnt haben. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Bombenschäden beseitigt und das Haus 1956 von der Thüringer Landeskirche als Luthergedenkstätte eröffnet. Damals sei das Gebäude entsprechend den Verhältnissen in der DDR nur provisorisch aufgebaut worden und habe auch in den Folgejahren keine grundlegende Sanierung erfahren, erklärt Dr. Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach«, die ab 2014 das Lutherhaus als kulturhistorisches Museum betreibt.

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Jochen Birkenmeier, Wissenschaftlicher Leiter und Kurator der »Stiftung Lutherhaus Eisenach« mit einer Lutherfigur – Foto: Sabine Kuschel

Die dringend erforderlichen Baumaßnahmen dienen dem Erhalt des historischen Gebäudes und der Umgestaltung zu einem modernen Museum. Der angrenzende Neubau, im Wesentlichen bestehend aus Treppenhaus und Fahrstuhl, sei vor allem nötig, um das historische Gebäude barrierefrei erschließen zu können. Dieses ist künftig auf jeder Ebene mit dem Rollstuhl erreichbar. Das Lutherhaus werde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege saniert, teilweise historische Durchbrüche wiederhergestellt, die Raumstruktur etwas verändert, so Birkenmeier.

In einer weiteren Bauphase sollen neben dem neuen Gebäude zwei Wohnblocks entstehen, die ein privater Investor baut und die die Baulücke am Lutherplatz schließen. Das Erdgeschoss des vorderen Wohngebäudes wird dann mit vom Museum genutzt. Hier sollen Kasse, Museumsshop, Garderobe, Toiletten und Technik ihren Platz finden.

Neben der baulichen Umgestaltung ist das neue Konzept der Ausstellung eine Herausforderung für den Leiter des Museums ebenso wie für die Mitarbeiter, die in die Planung mit einbezogen werden.

Mit Birkenmeier hat das Lutherhaus erstmals hauptamtlich einen promovierten Wissenschaftler an der Spitze. Er studierte Geschichte und Germanistik, arbeitete nach der Dissertation in verschiedenen Museen, unter anderem bei den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Bevor er Anfang dieses Jahres nach Eisenach kam, war er in Eisleben verantwortlich für die Gestaltung der neuen Dauerausstellung in Luthers Sterbehaus. Birkenmeier ist 40 Jahre alt und, wie er selbst sagt, der jüngste Museumsdirektor in Thüringen. In seinem Büro steht eine gelbe Lutherfigur, daneben ein zusammenklappbares Fahrrad. Der Chef des Lutherhauses wohnt in Erfurt, er kommt täglich mit dem Zug zur Arbeit und fährt jeweils mit dem Fahrrad von seiner Wohnung zum Bahnhof, von dort zum Lutherhaus und zurück. »Das funktioniert gut.« Mit dem Rad verkürzen sich die Fahrtzeiten und »man kriegt auch den Kopf frei«.

Weil Eisenach – international gedacht – immer in Verbindung gebracht werde mit Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, so der Historiker, soll das Thema der Dauerausstellung im neu eröffneten Museum »Luther und die Bibel« sein. Warum und wie hat Luther die Bibel übersetzt? Warum hat die Lutherbibel als eine von vielen Übersetzungen solche Bedeutung? Was macht sie besonders? Mit wem hat der Reformator zusammengearbeitet? Und welche Folgen hatte das Ereignis auf Literatur, Sprache und Musik? Um diese und andere Fragen wird es in der neuen Schau gehen. Wer auf der Wartburg war, solle beim Besuch des Lutherhauses weiterführende Informationen erfahren, so der Museumsleiter. Die Geschichte des Pfarrhauses, die derzeit im Mittelpunkt der Ausstellung im Lutherhaus steht, wird dann nicht mehr Thema sein. Aber sie solle nicht vergessen werden, betont Birkenmeier. Zukünftig wird das Landeskirchenarchiv, dem alles Material der bisherigen Ausstellung übergeben wird, für die wissenschaftliche Benutzung offen sein. Außerdem könnten diese und andere Themen in den Sonderausstellungen, die höchsten Erwartungen genügen sollen, aufgenommen werden. Für diese halte das neue Museum Raum und Möglichkeiten bereit, so Birkenmeier.

Das inhaltliche Konzept des neuen Museums – eine spannende und zugleich ambitionierte Aufgabe, denn eine Ausstellung soll wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden und der Besuch soll Freude machen, ein Erlebnis sein. »Inhalt und Form sollen eine Einheit bilden«, präzisiert der Kurator. Er fühle sich wie ein Dirigent, so Birkenmeier, »der dafür sorgt, dass der Wohlklang entsteht.«

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie von einem Ausstellungsbüro, ein auf Präsentationen spezialisiertes Team von Innenarchitekten, Grafikdesignern und Museologen. Mitte Dezember fällt die Entscheidung, welches Unternehmen dies sein wird.

Birkenmeier weist noch auf eine weitere Bedingung hin, die bei der Planung zu berücksichtigen sei. Eine Dauerausstellung kostet viel Geld und werde deshalb für die Zukunft geplant, mit einer Lebensdauer von 15 Jahren. Wichtig sei ihm, so Birkenmeier, dass über das Lutherjahr 2017 hinaus gedacht wird. Denn bald gibt es erneut ein Jubiläum zu feiern: 2021 jährt sich Luthers Übersetzung des Neuen Testaments zum 500. Male.

Nicht nur die ältere, auch die jüngere Generation möge den Weg ins Museum finden, wünscht sich der Kurator. Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern kommen. Und: Das Lutherhaus – ein Ort der Traditionspflege – wolle ferner ein niederschwelliges kulturhistorisches Angebot machen für Menschen, die mit Kirche und Glauben nicht vertraut sind. Als eine von wenigen Lutherstätten in kirchlicher Trägerschaft habe die Einrichtung in Eisenach die Chance, andere, christliche Akzente zu setzen.

Sabine Kuschel

Polen: Die neue Religionssteuer freut nicht alle

27. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Polens Gläubige können im Frühjahr 2015 ein Zeichen setzen – mit dem Kugelschreiber auf der Steuererklärung. Dabei sollen sie 0,5 Prozent der Einkommenssteuer ihrer Glaubensgemeinschaft abgeben. Sie sollen es, aber sie müssen es nicht.

Der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz der römisch-katholischen Kirche und der Verwaltungsminister Michal Boni haben sich als Vertreter von Kirche und Staat nach langem Ringen Ende Oktober auf diese Quote einigen können. Der grundsätzliche Beschluss zur Einführung der Kirchensteuer fiel bereits im März.

Die neue Abgabe soll die bisherige staatliche Beihilfe, die Kirchenfonds, ablösen. Diese wurden 1950 eingerichtet, nachdem die kommunistischen Machthaber die katholische Kirche, die anderen Konfessionen sowie Juden und Muslime enteignete. Der polnische Staat rekompensierte diese Enteignungen nach der Wende 1989 durch die Errichtung von Vermögenskommissionen, die finanziell entschädigten oder die Rückgabe von Grundstücken umsetzten.

Allerdings kam es im Umfeld der katholischen Kirche immer wieder zu Skandalen. So bekam der Klerus Grundstücke zugewiesen, die er mit hohem Gewinn wieder verscherbeln konnte. Auf Anraten der Behörde »Antikorruptionsbüro« (CBA) schloss die Regierung die Kommission für die katholische Kirche, während die Kommissionen für die anderen Glaubensgemeinschaften noch arbeiten.

Die katholische Kirche in Polen finanziert sich bisher zu 80 Prozent aus Spenden, von den Kirchenfonds konnte sie im letzten Jahr umgerechnet 22 Millionen Euro beziehen. Mit dem neuen Modell wären es 33 Millionen Euro – vorausgesetzt, 40 Prozent der Katholiken leisten tatsächlich die Abgabe, so eine Berechnung der Zeitung Gazeta Wyborcza.

Die Minderheitenkirchen, wie Orthodoxe und Protestanten, fühlen sich von den Verhandlungen zwischen Regierung und katholischer Kirche ausgegrenzt und versuchen derzeit selbst günstigere Bedingungen auszuhandeln. Für sie steht viel auf dem Spiel, galt doch der Kirchenfonds als verlässliche Unterstützung. Bisher will der polnische Staat für eine Übergangszeit von drei Jahren finanziell noch eingreifen, falls durch schwache Kirchensteuereinnahmen finanzielle Engpässe entstehen sollten.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Gerade die orthodoxe Kirche, deren 500 000 Mitglieder vor allem im ärmlichen Nordosten wohnen, sieht sich durch die neue Kirchensteuer benachteiligt. Viele Gläubige sind Bauern, die eine Art Pauschale als Steuern zahlen werden und darum kaum viel beitragen können.

Die evangelisch-augsburgische Kirche mit ihren rund 70 000 Lutheranern sieht sorgenvoll auf die vielen konfessionsverbindenden Ehen. Da dort in der Praxis zumeist der katholische Glaube dominiert, befürchtet die Kirchenleitung auch eine Dominanz in Sachen Abgabe. Ein besonderes Modell der Abrechnung lehnt das Finanzministerium bislang jedoch ab. Bis im April 2014 soll verhandelt werden.

Die katholische Kirche will demnächst schon mal eine Kampagne starten, um ihre Gläubige einzustimmen, das richtige Kreuz für das Kreuz zu machen.

Jens Mattern

»Ich habe mich entschieden zu glauben«

26. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit der Schriftstellerin Esther Maria Magnis

In ihrem Buch »Gott braucht dich nicht« beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie nach dem Tod ihres Vaters und Bruders mit Gott bricht und dann wieder nach ihm sucht. Mit der Autorin sprach Sabine Kuschel.

Frau Magnis, die angekündigte und von manchen entdeckte Religionskritik habe ich in Ihrem Buch nicht wahrgenommen?
Magnis:
Nein, es geht mir nicht darum, Verbesserungsvorschläge zu machen, ich habe auch keine. Das Buch als Religionskritik zu verstehen, kam vom Verlag.

Immerhin kritisieren Sie die symbolische Auslegung biblischer Gleichnisse und Wunderheilungen. Sie wollen diese Geschichten wörtlich nehmen und trotz Ihrer gegenteiligen Erfahrungen darauf vertrauen, dass Gott heilen kann?
Magnis:
Ja, ich glaube, dass Gott das kann. Ich würde meinem Kind diese Geschichten so erzählen, wie sie in der Bibel stehen. Ich bin bereit, dass mein Kind enttäuscht wird von diesem Jesus, genauso wie ich enttäuscht wurde. Ich habe auch geglaubt, dass Gott meinen Vater heilen kann, so wie Jesus die Kranken geheilt, die Toten auferweckt hat. Trotz meiner Erfahrungen glaube ich, dass das wahr ist, dass er das kann. Zum Glauben gehört auch das Risiko, dass er zerstört wird. Voreilig für Gott Ausreden zu finden, das ist falsch. Zum Beispiel die Geschichte von Jesus, der übers Wasser geht! Zu sagen, Jesus, ein Mensch wie du und ich konnte nicht über das Wasser gehen. Da war eine Sandbank. Eine solche Interpretation macht Gott klein und ist spießig.

Als ich Ihr Buch las, hatte ich den Eindruck, es ist leichter, im Leid den Glauben zu Gott zu finden. Ist das so?
Magnis:
Ich habe keine Ahnung, wie mein Glaube aussehen würde, wenn mein Vater und mein Bruder nicht gestorben wären. Ich glaube, ich würde in einer seltsamen Indifferenz leben. Diese Erfahrungen mit Krankheit und Tod haben mich an die Kernfragen des Lebens geschleudert. Ich konnte nicht weggehen, ich musste dableiben. Vielleicht hätte ich nicht mit dieser Radikalität gefragt.

Aber ich würde niemals sagen: Es war gut, dass das passiert ist. Das war zu traurig. Und ich glaube, dass Gott auch anders handeln kann am Menschen. Es gibt Menschen, die machen solche Erfahrungen nicht und haben trotzdem einen tiefen Glauben.

Ester Maria Magnis. Foto: Paul Badde

Ester Maria Magnis. Foto: Paul Badde

Sie schildern, wie Sie gemeinsam mit Ihren Geschwistern auf dem Dachboden beten, dass Ihr krebskranker Vater wieder gesund wird. Ihre Gebete werden nicht erhört. Ihr Vater stirbt und Sie brechen mit Gott. Wie haben Sie sich ihm wieder genähert?
Magnis:
Als mein Vater starb, habe ich gezweifelt, ob das Leben einen Sinn hat und gefragt, wenn es keinen Sinn hat, wie kann man dann trotzdem gut leben? Aber alle meine Antworten mündeten in einen totalen Nihilismus. Ich war mir der Welt nicht mehr gewiss. Was ich aber nicht wusste, ich hatte keine Ahnung, dass ich mein Weltbild auf der altmodischen Vorstellung aufgebaut hatte, dass es eine absolute Wahrheit gibt. Der wandte ich mich dann wieder zu. Es war eine Entscheidung von mir, an Gott zu glauben.

Ihr Buch ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Gott. Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass Gott nicht sein könnte. Sie beschreiben den Weg aus Ihrer Verzweiflung und Ihrem Nihilismus hin zu der Gewissheit: Wir brauchen Gott.
Magnis:
Ich würde mich nicht trauen, das so zu formulieren, weil ich glaube, dass es Menschen gibt, die glücklich sind ohne Glauben. Für mich ist die Frage auch nicht relevant, ob ich Gott brauche, sondern allein: Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Entweder Gott ist oder er ist nicht. Wenn er ist, dann muss ich mich dazu verhalten, dann muss ich beginnen, ihn zu suchen. Dann ist diese Frage das Wichtigste in meinem Leben.

Wie geht es Ihnen heute mit den Erfahrungen von Krankheit und Tod?
Magnis:
Ich bin darauf angewiesen, dass Gott meinen Glauben aufrechterhält. Wenn ich nicht hoffen würde, dass ich meinen Bruder wiedersehe, könnte ich das nicht aushalten. Ich habe unterschiedliche Phasen, solche, in denen ich glaube, und andere, in denen ich nur noch weiß, dass ich glauben will. Ich muss an Gott glauben. Alles andere, ich habe das ausprobiert, ist nur destruktiv und macht unfrei.

Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung, Rowohlt Verlag, 238 S., ISBN 978-3-498-06406-8, 16,95 Euro

Zur Person
Esther Maria Magnis, Jahrgang 1980, studierte Religionswissenschaft. Sie ist katholische Christin. Als sie im Teenageralter war, starb ihr Vater an Krebs. Einige Jahre später starb auch ihr jüngerer Bruder. In ihrem Buch »Gott braucht dich nicht« beschreibt sie mit sprachlicher Präzision, in welch eine tiefe Krise sie diese Schicksalsschläge stürzten. Ihr Weg zum Glauben ist nicht geradlinig, sondern es wechseln Phasen der Gewissheit und des Zweifelns. Die Autorin lebt in Berlin.


Leise nahm er Raum in meinem Herzen

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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So kam Gott in meine Welt

Gott war irgendwie schon immer da. Das Vaterunser lernte ich am schummrigen Abendbrottisch meiner Großeltern. Aber der Kindergottesdienst und diese Bilder bärtiger Männer auf blauen Wolken haben mich gelangweilt. Irgendwann weigerte ich mich, dort hinzugehen. Noch als Jugendliche schrieb ich im Gemeindebrief meiner Heimatgemeinde einen Artikel darüber, wie sehr mich Predigten anödeten, weil sie mit Gott und meinem Leben nichts zu tun hatten.

Gott war irgendwie schon immer da, aber er kam in seltsamen Verkleidungen daher. In Liedern wie »Wir sind die Kleinen in den Gemeinden« und »Laudato si«, lustig gemeinten Anspielen, in mir fremden Liturgien und Predigten ohne Gott.

Foto: Buriy-Fotolia.com

Foto: Buriy-Fotolia.com

Nach einem Jahr in Indien, einem Land voller Altäre, Tempel und Gottheiten, habe ich mich zum Theologiestudium eingeschrieben. Ich wollte diesem Gott auf die Spur kommen, der mir so unvertraut vertraut war und mich nicht losgelassen hat. Ich wollte die kirchlichen Verpackungen abkratzen und zum Kern vorstoßen. An der Uni stieß ich dann allerdings nicht auf Gott, sondern auf Dogmatik. Ich lernte, dass es nahezu unverantwortlich sei, einfach von ihm zu reden ohne jegliches biblisches und kirchengeschichtliches Wissen. Und ich verstummte verschämt. Ich lernte, dass ich nicht einfach nur evangelisch sei, sondern lutherisch. Und dass es eine Rechtfertigungslehre gäbe die zentral sei für meine lutherische Identität. Über das Wort musste ich lachen. Ich lernte es abends beim Theologenstammtisch in einer Kneipe, zum Glück lernte ich da auch Pfeife rauchen. Die Rechtfertigungslehre beschäftigte mich noch einige Jahre lang. Mein damaliger Freund studierte an der Musikhochschule Gesang und die tägliche Begegnung mit der Welt des Schönen und Schöngeistigen machte mir deutlich, dass wir Theologen auf der anderen Seite standen. Mit meinen Natur-Boots, lila Halstuch und beschränkten musikalischen Kenntnissen fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, quasi die personifizierte Rechtfertigungslehre. Ein Gott, der so gütig ist, auch über das Mittelmaß seine Gnade auszuschütten, schien mir damals ziemlich unattraktiv.

Was ich schon lange gesucht hatte aber nicht wusste, dass ich es suche, fand ich im Kreuz. Es war in einer Systematik-Vorlesung und mir liefen die Tränen. Gott durchkreuzt die Welt und kommt mir näher als ich es für möglich halten kann. Endlich war Gott aus seinem fernen Wolkendasein, den Kindergottesdienstliedern und weltfernen Predigten befreit und ich hatte ein Gegenüber gefunden. Glückerfüllt rannte ich nach der Vorlesung durch den Park.

Gott war mir schon nähergekommen, aber ich konnte ihn noch nicht in mir fühlen. Dann gab es die Stunde Null in meinem Leben – ein ärztlicher Kunstfehler. Mehrere Wochen lag ich mit drei Frauen in einem Zimmer in der Medizinischen Hochschule. Und sie fragten mich, die kleine Theologiestudentin, wieso Gott so unbarmherzig das kleinste Glück zerstöre. Ich selbst, durch Schläuche ans Bett gefesselt, stritt mit diesem Gott, der mir so fern schien angesichts des Leids in mir und um mich herum. Wir vier Frauen haben über ihn geredet. Nächtelang. Und ich weiß nicht wieso, in mir wuchs ein großer Frieden mit dem, der keine Antwort gab. Im Nachtschrank lag das kleine Holzkreuz, das ich von meinem Großvater geerbt hatte, es war mit ihm während des Krieges in Russland und in Frankreich gewesen. Oft presste ich einfach meine Finger um das Kreuz, die scharfen Kanten schnitten mir in die Haut. Etwas war gut geworden. Gott war angekommen in mir und ich in ihm. Es musste nichts beschönigt werden.

Einige Zeit später stand eine Riege von Ärzten um mein Bett. Einer meinte, dass ich wohl einen guten Draht zu dem da oben haben würde. Ich schaute ihn an und wusste, dass er keine Ahnung hat. Den bärtigen Opa auf der Wolke hatte ich lange hinter mir gelassen.

Gott kam leise, es gab keine Explosion und kein Bekehrungserlebnis. Fast unbemerkt hatte er im Krankenzimmer und in meinem Herzen Raum genommen.

Nora Steen

Das neue THEMA-Heft


Diese Geschichte von Nora Steen ist in dem neuen THEMA-Heft »Jesus – Gott kommt in die Welt«, das »Glaube und Heimat« pünktlich zum Advent herausgibt, nachzulesen. Darin enthalten sind beeindruckende Lebensgeschichten und berührende Glaubenszeugnisse.

»Christus ist das klare Ja Gottes« meint Theologieprofessor Eberhard Jüngel in einem Interview, in dem er sich zur Weihnachtsbotschaft äußert. Der Archäologe Dieter Vieweger erklärt die Welt und die Zeit, in die Jesus Christus geboren wurde. Die Philosophin Katharina Ceming denkt über die Geburt Gottes in uns nach.

Das Themenheft ist auch als Geschenk oder als Weihnachtsgruß geeignet.

Thema »Jesus – Gott kommt in die Welt«, jeweils bis 9 Exemplare 3,50 Euro, 10 bis 49 Exemplare 3 Euro, ab 50 Exemplare 2,50 Euro
Zu bestellen bei: Wartburg Verlag GmbH, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar, Telefon (0 36 43) 24 61-44; Fax (0 36 43) 24 61-18; E-Mail <buch@wartburgverlag.de>


Trauerkultur im Wandel

24. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tod und Trauer: Friedhöfe sind nicht nur konkrete Orte der Trauer und der Erinnerung, sondern auch des Trostes

Noch ist die Beisetzung eines Verstorbenen auf einem Friedhof die Regel. Doch verändernde Lebensbedingungen stellen immer mehr Traditionen infrage.

Alljährlich im November herrscht auf den Friedhöfen reges Treiben. Gräber werden ausgebessert, abgedeckt und für den Winter vorbereitet. Noch sind es in Mitteldeutschland vor allem die Friedhöfe mit ihrem alten Baumbestand und ihren parkähnlichen Anlagen, die als letzte Ruhestätte und Orte der Erinnerung dienen. In Deutschland besteht ein allgemeiner Bestattungszwang, der in den einzelnen Bundesländern durch Gesetze festgelegt ist. Diese Bestattungsgesetze unterwerfen alle menschlichen Überreste dem Friedhofszwang, das heißt, sowohl Erdbestattungen als auch Urnenbeisetzungen dürfen nur auf kommunalen oder kirchlichen Friedhöfen oder auf speziell genehmigten privaten Bestattungsflächen wie zum Beispiel Friedwäldern erfolgen.

In anderen Ländern ist das anders und Hinterbliebene dürfen die Urne mit den sterblichen Überresten Angehöriger auch in der privaten Wohnung aufbewahren. Bremen plant derzeit als erstes Bundesland eine Gesetzesnovelle, die es ermöglichen soll, zumindest für einen gewissen Zeitraum die Asche von Verstorbenen mit in das häusliche Umfeld zu nehmen. Diese Nähe soll den endgültigen Abschied und das Loslassen erleichtern.

Es besteht einerseits der Wunsch nach sehr persönlich gestalteten Trauerfeiern und Begräbnisstätten. Durch den Einfluss russischer Spätaussiedler beispielsweise nahmen in den letzten Jahren auf den Grabmalen Mitteldeutschlands Bildnisse der Verstorbenen in Form gebrannter Medaillons zu.

Auf der anderen Seite erlebt die Bestattungskultur aber auch den Trend zur anonymen Bestattung, zur »grünen Wiese«. Die stille Beisetzung, in der die Urne wortlos im Kreise der engsten Angehörigen beigesetzt wird, ist keine Seltenheit. Ebenso die anonyme Bestattung auf Gemeinschaftsgrabstätten ohne jegliche Kennzeichnung und Namenstafel.

Noch bildet die traditionelle Trauerfeier mit Trauerflor, Blumen, Kerzen und Musik den Schwerpunkt heutiger Trauerkultur. Allerdings werden die einst kirchlichen Rituale zunehmend säkularisiert. Auch die Rahmenbedingungen verändern sich: Bis vor 150 Jahren war die Bestattung ausschließlich Sache der Kirchen. Danach kamen kommunale Friedhöfe und Trauerhallen hinzu. Heute gibt es in diesem Bereich einen offenen Wettbewerb. Die Trauerkultur ist in Deutschland ein hart umkämpftes Gewerbe, in dem es um viel Geld geht.

Eine weitere Ursache für Veränderungen in der Bestattungskultur: Lebens- und Sterbemittelpunkt stimmen in vielen Familien nicht mehr überein. Familien driften räumlich weit auseinander und es stellt sich die Frage, wer das Grab Pflegen soll, wenn niemand mehr vor Ort wohnt? Auch die Abschaffung des Sterbegeldes erschwert für manche Familie ein würdiges Begräbnis.

Der »Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands« möchte mit seiner aktuellen Kampagne »Trauer braucht Orte der Erinnerung« vor allem der Anonymisierung menschlicher Begräbnisstätten entgegenwirken. Ein bestimmter Ort, an dem sich tatsächlich die sterblichen Überreste der geliebten Angehörigen befinden, bleibe für die Hinterbliebenen von Bedeutung. »Es besteht hier eine große Nachfrage nach neuen Formen«, sagt Michael C. Albrecht, Pressereferent des Bundesvorstandes des Verbandes. Während die alten Strukturen zerfallen, fehle es auf den Friedhöfen noch an entsprechenden Alternativen.

Zwei gegenläufige Trends bestimmen derzeit die Trauerkultur: Auf der einen Seite eine zunehmende Sehnsucht nach individuellen Formen des Abschiedes und der Trauer, auf der anderen Seite steht eine zunehmende Anonymisierung des Todes, von Kritikern auch als »Entsorgungsmentalität« gegeißelt. Foto: racamani – Fotolia.com

Zwei gegenläufige Trends bestimmen derzeit die Trauerkultur: Auf der einen Seite eine zunehmende Sehnsucht nach individuellen Formen des Abschiedes und der Trauer, auf der anderen Seite steht eine zunehmende Anonymisierung des Todes, von Kritikern auch als »Entsorgungsmentalität« gegeißelt. Foto: racamani – Fotolia.com

Der Trauerprozess bleibe aber auch in Zukunft ortsgebunden, und es sei Aufgabe insbesondere der Kirchen, in der Bestattungskultur nach neuen Möglichkeiten zu suchen und dabei zu »umsorgen« statt zu »entsorgen«, betont Albrecht.

Die Tage am Ende des Kirchenjahres gemahnen an Sterben und Tod. Tränen und Schmerz bleiben Teil dieser Welt. Und doch ist das nicht das letzte Wort, weil Jesus durch seine Auferstehung den Tod überwand. Advent und Weihnachten werden trotz aller Trauer auch in diesem Jahr wieder Ausdruck der Sehnsucht sein, dass Gottes Verheißung sich erfüllt, die Tränen getrocknet, der Schmerz weggenommen und der Tod im Reich Gottes abgeschafft wird. Bis dahin bleibt die Liebe zu den Verstorbenen und die Erinnerung, die Teil jeden Lebensweges ist.

Augustinus von Hippo sagte: »Unsere Toten sind nicht abwesend, sie sind nur unsichtbar und sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Tränen.« In diesem Sinne sind die Orte der Trauer immer auch Orte des Trostes.

Petra Franke

Im radikalen Umbruch

20. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Russland: Die Euphorie des Neuanfangs ist vorbei – Königsbergs Lutheraner kämpfen gegen die Finanzkrise

Ein Vierteljahrhundert nach den großen politischen Umwälzungen ist es um die Lutheraner in der russischen Enklave Kaliningrad/Königsberg still geworden. Die Touristenströme haben nachgelassen und die Kirche kämpft gegen die Krise.

Nicht zuletzt durch Leitungsprobleme hat in den letzten Jahren das Spendenaufkommen in der Kaliningrader Propstei stark nachgelassen. Ein Ergebnis davon ist, dass sie seit Oktober 2013 über ein neues Finanzierungskonzept verfügt. Es beinhaltet eine Verschlankungskur ersten Ranges. Wie Pröpstin Maria Goloschapowa erläutert, habe man von den Kirchen in Deutschland noch einmal einen besonderen Kredit erhalten. Er kann unter der Voraussetzung, dass ein realistischer und ausgeglichener Haushalt vorgelegt werde, in eine Spende umgewandelt werden.

Am 30. September 2012 war der Pfälzer Pfarrer und Dekan Thomas Vieweg als letzter aus Deutschland entsandter und besoldeter Propst eingeführt worden. Bereits am 9. Juni 2013 wurde dann die aus Astrachan am Kaspischen Meer stammende Maria Goloschapowa Pröpstin. Sie wurde somit zum ersten einheimischen Geistlichen, der dieses Kaliningrader Amt bekleidet. Bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland im Sommer 2015 bleibt Vieweg ihr Stellvertreter und Mentor.

Vieweg hatte die Aufgabe, eine umfassende Erhebung durchzuführen und ein neues, finanziell nachhaltiges Konzept vorzulegen. Mitarbeitern aus Technik und Verwaltung wurde gekündigt, selbst Pastoren und Pastorinnen mussten entlassen werden. Für die Verbliebenen wurden bei gewachsener Arbeitsbelastung die Gehälter um fünf Prozent gekürzt. Und auch die diakonische Arbeit ist kleiner geworden: Aus Spendenmangel musste Ende Februar dieses Jahres etwa das bekannte Kaliningrader Straßenkinderprojekt »Jablonka« (Apfelbäumchen) geschlossen werden.

Die 1999 fertiggestellte Auferstehungskirche ist das geistliche Zentrum der Propstei Kaliningrad/Königsberg, die zur Evangelisch-Lutherischen Kirche im Europäischen Russland (ELKER) gehört. Foto: William Yoder

Die 1999 fertiggestellte Auferstehungskirche ist das geistliche Zentrum der Propstei Kaliningrad/Königsberg, die zur Evangelisch-Lutherischen Kirche im Europäischen Russland (ELKER) gehört. Foto: William Yoder

Gottesdienste auf den Dörfern werden nun nur noch 14-tägig durchgeführt. Ein Ausbildungskurs für freiwillige Lektoren wird Anfang Dezember anlaufen. Er soll dafür sorgen, dass auch auf den Dörfern wieder mehr Gottesdienste stattfinden. Noch vor wenigen Jahren wurde von 46 Ortsgemeinden gesprochen; heute wird die Zahl 37 angegeben bei einer gesamten Mitgliederzahl von circa 1000.

Und eine weitere Neuerung wurde eingeführt: Die Kirchenmitglieder sollen einen festen monatlichen Beitrag zur Finanzierung der Kosten zahlen.

50 Rubel je Monat und Mitglied sind dafür veranschlagt, umgerechnet etwa 1,14 Euro. In Härtefällen sind Ausnahmen möglich. Dennoch gibt es einige wenige Kritiker. Ihnen fällt es schwer einzusehen, dass man selber zu spenden habe, wo doch die Besucher aus dem Westen sehr viel mehr auf dem Konto haben.

Keine Abwicklung, aber eine Neuausrichtung

Pröpstin Goloschapowa erläutert: »Wir erbitten westliche Spenden nur noch für konkrete Projekte.« Gemeint sind damit die Sonderprojekte der Diakonie, die Kinder- und Jugendarbeit sowie Baumaßnahmen. Pfarrer Vieweg fügt hinzu: »Hier handelt es sich nicht um eine Abwicklung, sondern um den Umbau auf ein Maß, das auch für die heimischen Kräfte tragbar ist.« Und die Pröpstin stellt erleichtert fest: »Jetzt können wir unsere Leistungen für die verbliebene Arbeit garantieren. Wir haben endlich ein Budget, das übersichtlich, transparent, bezahlbar und stabil ist.«

Kritisch wird inzwischen eingeräumt, dass gutwillige, heimatverbundene Ex-Königsberger aus Deutschland mit ihrem Wunschdenken von einer aufblühenden deutschen-lutherischen Gemeinde auch Geld in den Sand setzten. Im Gebiet gab es nicht immer ausreichend seriöse, ortsfeste Menschen, die das investierte Geld hätten richtig umsetzen können. Für viele Deutschstämmige war die Königsberger Region nur Zwischenstation zur Aussiedlung nach Deutschland.

Dennoch: Für Maria Goloschapowa ist eins sicher: Diese Kirche im Gebet Kaliningrad hat eine Zukunft – aber es wird russischer zugehen. »Wir haben viele Jugendliche, doch sie kommen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland. Und für den Dienst auch mit Kindern werden wir weiterhin ausländische Unterstützung benötigen. Wir dürfen nicht offen missionieren, doch über diese Projekte haben wir Zugang zu vielen Menschen.«

Immerhin gibt es auch weiterhin nirgendwo in Russland eine Gegend, die eine höhere Dichte an lutherischen Gemeinden aufweist als das Gebiet Kaliningrad. In ihm gibt es neben Orthodoxen auch noch etwa 2000 Katholiken sowie zusammen rund 1000 Pfingstler und Baptisten.

William Yoder

Gott in der Finsternis

20. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Depression: Ein Betroffener schildert, wie er in eine Depression fiel und wie er in der Therapie die Hilfe Gottes erfuhr

Depression ist eine weit verbreitete Krankheit. Ein Pfarrer erzählt, welche Lektion zu lernen ihm die Depression aufgab.

Meine Depression fing damit an, dass mich die Schönheit der Schöpfung völlig kalt ließ. Mir wurde alles egal, auch mir selbst wurde ich gleichgültig. Ob eine Sache so oder so entschieden wurde – was ging mich das an! Später ließen meine Einsatzbereitschaft und meine Arbeitskraft immer mehr nach.

Ich musste mich regelrecht zwingen, wenigstens das Nötige zu tun und zu entscheiden. Meine Frau und gute Freunde merkten es. Sie sagten es mir auch. Ich wehrte mich dagegen und leugnete meinen Zustand. Ich war eben nur verdrießlich, dachte ich, wie man halt manchmal verdrießlich ist. Ich verlernte völlig das Lachen und wurde des Lebens überdrüssig. Ich lebte nur noch wie einer lästigen Pflicht gehorchend dahin. Wie um der Müdigkeit, der schlechten Laune und der Verdrießlichkeit etwas entgegenzusetzen, tauchten Suizidgedanken auf. Keineswegs quälend, sondern als befreiende Möglichkeit, den unhaltbaren Zustand Leben zu beenden. Zugleich wusste ich, dass diese Lösung für mich nicht in Frage kam. Ich blieb davon überzeugt, dass ich Verantwortung für mein Leben trug. Doch hoffte ich, von einem niederfallenden Ast erschlagen, von einem Auto totgefahren zu werden oder, noch besser, abends einzuschlafen und morgens nicht mehr aufzuwachen.

Zweifel, Wut und Lebensüberdruss

Dies war die erste Phase meiner Depression. Schon hier kam meine Praxis des Glaubens fast vollständig zum Erliegen. Über meinen Glauben legte sich eine Art Dämmerung. Gott trat in den Schatten und ich erlebte eine Zeit des Zweifelns, wie sie wohl jeder Glaubende bisweilen erlebt. Ich riss mich zusammen. Es gehörte zu meinem Beruf, die Zweifel und Fragen, die der christliche Glaube aufwirft, am eigenen Leib zu spüren. So dachte ich.

Zum Lebensüberdruss gesellten sich wenig später Aggressivität und Wut. Der geringste Anlass genügte für einen Wutausbruch. So schleppte ich in meiner Depression die Last der Tage dahin, bis ich des Schleppens müde wurde und mich einfach in mein Schlafzimmer verkroch. Das heißt, ich stand morgens nicht mehr auf, sondern verdunkelte das Zimmer so gut es ging und verbrachte den Tag im Dunkeln.

Nach drei Tagen sah ich es ein: Ich war krank! Ich brauchte Hilfe. Ich suchte meine Hausärztin auf und erhielt eine Überweisung an einen Neurologen und Psychiater. Also, ein Termin beim Neurologen musste her, aber das war gar nicht so einfach. Zwei Monate Wartezeit! Es waren zwei Monate meines seelischen Niederganges. Ich musste mich krankschreiben lassen. Das war auch gut so, denn ich hatte meiner Gemeinde nichts mehr zu sagen.

Mein Lebenshaus brach zusammen

In der nächsten Phase meiner Krankheit erfasste mich tiefe Trauer über mein verpatztes und verschleudertes Leben. Was war ich mir selbst und meinen Mitmenschen nicht alles schuldig geblieben! Wie hatte ich unter meinen Möglichkeiten gelebt! Und nun war ich schon so alt, zu spät, um noch irgendetwas nachzuholen. Die Trauer ging über in Selbstmitleid. Am meisten beunruhigte mich, dass mir mein Glaube abhandengekommen war. Das bedeutete für mich den Zusammenbruch meines ganzen Lebenshauses. Dass ich auch den Beruf eines Pastors nicht mehr würde ausüben können, war mir klar, war aber bei weitem nicht das Entscheidende. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen und ich baumelte mit den Beinen meiner Seele über dem Nichts. Gottesfinsternis breitete sich aus.

Foto: picture-alliance/dpa

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Ich wandte mich Hilfe suchend an einen Freund – ein Theologe und Psychotherapeut. Er sagte: »Du glaubst nicht mehr an Gott? Das ist in deinem Zustand völlig normal. Wer in einer Depression gefangen ist, kann nicht mehr glauben. Das gehört sozusagen zum Wesen der Depression dazu. Du trägst keine Verantwortung dafür. Du bist unschuldig.« Ich atmete tief auf. Das war eine durch und durch befreiende Botschaft. Wenn ich keine Schuld an meinem Unglauben trug, dann brauchte ich mich nicht zu fürchten, vor gar nichts.

Die zwei Monate waren um, und ich ging zu meinem Arzt. Er stellte die erwartete Diagnose: Depression. Er verschrieb mir ein Medikament, das den zu schnellen Abbau des Serotonins verzögerte, und verschaffte mir eine Therapie bei einem Psychotherapeuten. Dort konnte ich mein Leben ausbreiten, meine Fehler zugeben, über meine enttäuschten Hoffnungen sprechen und Kraft schöpfen für das Weiterleben. Langsam ging es aufwärts. Der Himmel bekam sein Blau zurück, die Bäume ihr Grün und die Blumen ihre Farbe. Und ganz langsam, mit dem Auftauchen aus der Dunkelheit, konnte ich wieder fühlen – Freude, Trauer, Ärger und Wut, Liebe.

Entscheidend aber war, dass auch mein Glaube wiederkam. Im Nachhinein begriff ich den Sinn meiner Krankheit. Ich hatte in meiner Depression eine Lektion zu lernen, die ich nur dort lernen konnte: Gott ist größer als mein Glaube und größer als mein Unglaube, größer vor allem als meine Depression. Ich konnte Gott nicht mehr festhalten; aber ich wusste später: Er hatte mich festgehalten. Gott ist nicht abhängig davon, ob ich die Kraft habe, an ihn zu glauben. Denn das ist gerade der Sinn und der Kern des evangelischen Glaubens an Gott: dass er für mich da ist, bevor ich überhaupt glauben kann, bevor ich lieben und etwas leisten kann. Ich erkannte fast wie zum ersten Mal: Gott ist für den Menschen da. Allein aus Gnade schenkt Gott den Glauben, und wenn man den Glauben nicht halten kann, ist Gottes Gnade nicht zu Ende. Sie bleibt, wenn alles andere schwindet. Christlicher Glaube ist nicht das Sahnehäubchen auf der Torte eines gelingenden Lebens, sondern ist Gnade für den, der glauben möchte und nicht kann, ist Trost für den, der Gott halten möchte und ihn nicht halten kann.

Aus der Versenkung ans Licht gekommen

Die Voraussetzung für diese Mut machenden Gedanken war allerdings, dass ich mich nicht scheute, fachliche Hilfe anzunehmen. Drei Dinge waren besonders hilfreich, um aus der Versenkung wieder ans Licht zu kommen: eine fachlich kompetente Seelsorge durch einen Kollegen, die Psychotherapie durch einen Therapeuten und die medizinische Versorgung durch einen Psychiater und Neurologen. In diesen drei Hilfsangeboten zusammen habe ich Gottes Hilfe erfahren.

Diederich Lüken

Sehnsucht nach Gott

19. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 50. Todestag des Schriftstellers Clive Staples Lewis

Ob er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Angst verspürt hätte, fragte man ihn. Und er antwortete: »Immerzu, aber ich sank nie so tief, dass ich gebetet hätte.« Der Mann, der damals noch über seinen Unglauben Auskunft gab, stieg später auf zu einem der meistgelesenen christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Clive Staples Lewis, meist abgekürzt »C. S.« Seine Freunde riefen ihn ohnehin beim Spitznamen »Jack«. Der 22. November in diesem Jahr ist sein 50. Todestag.

Gewiss war er kein Heiliger – aber ein einflussreicher Denker, der Millionen von Christen mit Scharfsinn und Humor inspiriert hat.

Sein Brot verdiente Lewis als Professor für Literatur in Oxford und Cambridge. Doch berühmt machten ihn die mehrfach verfilmten Narnia-Bände: Narnia ist eine Parallelwelt unserer Erde, jünger, blühender. Einige haben das Glück, von dieser Welt in jene entrückt zu werden und dort echte Abenteuer zu erleben. Besonders im englischsprachigen Raum kennt jedes Kind C. S. Lewis: Über 100 Millionen verkaufte Bücher sprechen für sich.

Daneben stehen Bücher für Erwachsene: Sachbücher zu Glaube und Spiritualität wie auch Romane. In »Überrascht von Freude« erzählt er teilweise sehr rührend von seiner eigenen Entwicklung und wie Gott den einst erklärten Atheisten schachmatt gesetzt hat: »Ein junger Mann, der Atheist zu bleiben wünscht, kann nicht vorsichtig genug mit seiner Lektüre sein. Überall lauern Fallen – ›aufgeschlagene Bibeln, Millionen Überraschungen, feine Netze und Finten‹. Gott ist, wenn ich das sagen darf, sehr skrupellos.«

Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren. Der frühe Tod der Mutter warf einen Schatten auf sein Leben. Mit dem Bruder Warren wuchs er beim ebenso wohlhabenden wie überforderten Vater auf. Die Schulzeit war bestimmt von einem Wechsel verschiedener Internate. Der fantasievolle und unsportliche Junge geriet unter die Räder. Damals entschied er sich bewusst gegen den christlichen Glauben. Schon die Konfirmation ließ er als bloße äußerliche Handlung über sich ergehen. Der Erste Weltkrieg zwang ihn 1917 an die Front.

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Seinem Kameraden Paddy versprach er, sich dessen von ihrem Mann getrennt lebenden Mutter anzunehmen, falls ihr Sohn sterben würde. Lewis hielt Wort und nahm die Mutter viele Jahre zu sich, wobei die Beziehung zu der älteren Frau anfangs mehr war als eine moralische Pflichtübung. Eine eigene Familie hat Lewis nicht begründet. Gleichwohl hat seine späte Liebe zur Schriftstellerin Joy Davidman viele Menschen berührt. Der damals schon prominente Junggeselle heiratete die schwer kranke Joy 1957 am Krankenbett. Welcher Zauber dieser Liebe inne wohnte, beweist die Verfilmung »Shadowlandes« mit zwei Oskarnominierungen und Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle als Lewis!

Dabei wäre beinahe seine Universitätslaufbahn an der Mathematik gescheitert. Doch als Kriegsveteran wurde ihm die Algebraprüfung erlassen und Lewis konnte sein Studium in Oxford aufnehmen, stieg auf zum Philosophie-Dozenten und schließlich zum Professor für Literatur. Das war die Zeit, in der Lewis ins Nachdenken über seine Lebensphilosophie geriet – beeinflusst von nächtlichen Debatten mit seinen teils christlichen Freunden. Zu den bedeutendsten Weggefährten zählt der katholische Schriftsteller Tolkien, bekannt als Schöpfer des »Hobbits« und des »Herrn der Ringe«. Zug um Zug näherte sich für Lewis das Eingeständnis, es müsse tatsächlich Etwas geben, etwas Absolutes, einen Geist – und schließlich Gott. Dies schien Lewis so zwingend, dass seine Bekehrung ihn zunächst nicht mit Freude erfüllte: Im Sommersemester »1929 lenkte ich ein und gab zu, dass Gott Gott war, und kniete nieder und betete; vielleicht in jener Nacht der niedergeschlagenste und widerwilligste Bekehrte in ganz England.«

Seine Logik und die Kraft seiner Bilder rufen bis heute zur Lektüre seiner Werke. Lewis zeigt sich darin als ringender Mensch, der Versuchung und Zweifel kennt, aber bestimmt ist von der Sehnsucht nach Gott, die alle anderen Sehnsüchte und Freuden übersteigt.

Gregor Heidbrink

Kein Ende, sondern Aufbruch

18. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationsdekade: Das Jubiläum 2017 braucht einen ökumenischen Horizont

Die Reformationsdekade ist zur Hälfte vorbei. Das  500. Jubiläum von Luthers Thesenanschlag rückt näher. Wie soll es gefeiert werden?

Wir feiern kein deutsches Lutherjubiläum, sondern ein Reformationsjubiläum mit ökumenischem Horizont.« Für die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, ist dies ein zentraler Punkt. Um den bevorstehenden 500. Jahrestag des Thesenanschlags und die Ehrung zu Martin Luthers 500. Geburtstag 1983 in der DDR ging es am 8. November in Vorträgen und einer Gesprächsrunde in der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg. Eingeladen hatten das Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, der Kirchenkreis Berlin-Mitte und die Berliner Thomasgemeinde. Außer Margot Käßmann sprachen Bischof a. D. Axel Noack, Honorarprofessor an der Universität Halle-Wittenberg im Fach Kirchengeschichte, und der Kirchenhistoriker Peter Maser, der seit diesem Jahr dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade angehört.

Die Lutherbotschafterin Käßmann nannte in ihrem Vortrag zehn Gründe für die Feier des Jubiläums 2017. Reformationsjubiläen seien immer auch »heikle Zeitpunkte«, sagte sie. Wie wurde gefeiert? An erster Stelle steht deshalb für sie, dass auch die Schattenseiten gesehen werden müssten. »Das ist unsere Freiheit 2017«, so Käßmann. Gefragt sei der kritische Rückblick und keine Profilierung auf Kosten anderer. Mit Blick auf die über 100-jährige weltweite ökumenische Bewegung sprach sie sich weiter dafür aus, dass Christen ein einheitliches Zeugnis geben sollten. »Die Evangelischen sind nicht die Spalter«, stellte sie klar. Vor 500 Jahren sei eine Kirche zwei Wege gegangen. »Uns verbindet aber mit den Katholiken mehr, als uns trennt.« Sie befürwortete den Dialog der Religionen. Der Antijuadismus habe in die Irre geführt. Es sei eine bittere Lerngeschichte gewesen bis zu der Erkenntnis, dass Christen und Juden Geschwister im Glauben sind.

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Lutherbotschafterin Margot Käßmann 2012 vor der »Thesentür« der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Reformationsjubiläum solle zudem Anlass sein, sich mit Luthers Sprachfähigkeit und Sprachkraft zu befassen (»Die fehlt uns heute manchmal.«) und mit der Rolle der Frauen in der Kirche. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für Margot Käßmann die Überwindung der Spaltung unter reformatorischen Kirchen. Diese sei ein negatives Kennzeichen. So gebe es allein in den USA heute über 200 evangelische Denominationen. In Europa sei mit der Leuenberger Konkordie (1973) die Spaltung der reformatorischen Kirchen nach dem Marburger Religionsgespräch von 1529 überwunden worden. Beim Reformationsjubiläum sei auch die – hochaktuelle – reformatorische Forderung nach Bildung für alle zu feiern. Sie verwies darauf, dass Glaube gleich gebildeter Glaube sei, der Fragen und Debatten zuließe. Oder die Freiheit: Die Tatsache, dass ein Christ aus Gewissengründen widerstehen und widersprechen darf, wie Luther es auf dem Reichstag zu Worms tat, habe zum Beispiel in der DDR Menschen Räume der Sprach- und Gewissensfreiheit eröffnet. Zur Rechtfertigung sagte sie: »Heute ist der Erfolg die Kategorie für die Würde des Menschen geworden.« Vor Gott aber sei jeder Mensch anerkannt. Das sei in die Gesellschaft zu vermitteln. Von Wittenberg sei eine weltweite Bewegung ausgegangen. Schon das sei Grund zum Feiern.

Altbischof Axel Noack erinnerte an die Luther-Ehrung in der DDR im Jahr 1983, das zuerst zum Karl-Marx-Jahr (100. Todestag) erklärt worden war. Luther habe im letzten Jahrzehnt der DDR eine Aufwertung erfahren – wie zum Beispiel auch Friedrich der Große oder Karl May. Bis zu diesem Zeitpunkt sei Thomas Müntzer der Held, Luther aber Verräter an den Bauern gewesen. Noack verwies auf die regionalen Kirchentage 1983 in Eisleben, Erfurt, Frankfurt an der Oder, Magdeburg, Rostock und Wittenberg unter dem Motto »Vertrauen wagen«. Er erinnerte an das Umschmieden eines Schwertes zur Pflugschar in Wittenberg, an die Gründung der Gruppe »Frauen für den Frieden« 1983 und an die Diskussionen über gesellschaftliche Probleme in den kirchlichen Gruppen in den 1980er Jahren. »Bei den Kirchentagen«, so Noack, »merkte man den Unterschied zwischen offizieller Ehrung und der Basis.«

Professor Peter Maser verwies auf die internationale Dimension des Reformationsjubiläums 2017. Besonders die Kirchen des östlichen Europas sollten mit hineingenommen werden. »Sie waren die Hüter des Erbes unter schwierigen Bedingungen«, so der Kirchenhistoriker. »Mir ist es ein Herzensanliegen, sie und ihre Erfahrungen mit zu beteiligen.«

Margot Käßmann hofft, dass die Themenjahre der Reformationsdekade nicht nur binnenkirchliche Anknüpfungspunkte geben, sondern auch eine Chance sind, mit Menschen außerhalb der Kirche in Dialog zu treten. Zudem hofft sie, dass viele Christen die Reformationsdekade als Chance zur Erneuerung und Ermutigung begreifen und sagen: »Die Reformation muss weitergehen. 2017 soll kein Ende sein, sondern ein Aufbruch.«

Angela Stoye

USA: Die Gläubigen und die Sache mit dem Geld

12. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Franziskus, Papst mit zehn Millionen »Followern« auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, kommt auch in den USA »an«. 88 Prozent der US-Katholiken und 58 Prozent der Bevölkerung sagten bei einer kürzlichen Umfrage, sie hätten einen guten Eindruck vom ersten jesuitischen Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Doch es stellt sich die Frage: Hören die Menschen wirklich hin, wenn der Papst vom »Weg der Bescheidenheit« predigt, dass die Gier nach Geld den Menschen krank mache, und dass Geld dienen müsse und nicht ­regieren dürfe?

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Die Realität der USA bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl der Millionäre und Milliardäre wächst gen Himmel. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes leben in den USA gegenwärtig 442 Milliardäre, ein neuer Rekord. 45000 der 310 Millionen US-Amerikaner verfügten über jeweils mehr als 50 Millionen Dollar, so der jüngste globale Reichtumsbericht von Credit Suisse. Doch ein Fünftel ­aller Kinder wächst in den USA nach Regierungsangaben in Armut auf. 47 Millionen Menschen sind auf staatliche Lebensmittelhilfe angewiesen. Auch ein neuer Rekord.

Der Aufschwung seit der Rezession von 2008/09 kommt in den USA fast ausschließlich den Top-Verdienern zugute. Die Ursachen: Steuer­gesetze zum Wohle derer ganz oben, ein Mangel an Maßnahmen zur Konjunkturbelebung. Und die Löhne ­stagnieren oder fallen sogar. Mehr als die Hälfte der neuen Arbeitsplätze ist im Niedriglohnsektor angesiedelt, ­berichtet das Wirtschaftsforschungsinstitut »National Employment Law Project«.

Von kirchlicher Seite kommt wenig Empörung über diese Zustände. Etwas Lobbyarbeit wird gemacht für ­Soziales und gegen die – dann doch im Kongress beschlossene – Kürzung der Lebensmittelhilfe. Doch grundsätzliche Worte gegen Habsucht und Gier hört man kaum. Und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist definitiv kein großes Thema in kirchlichen Kreisen. Über Geld sprechen ohnehin vor allem die ungern, die viel davon haben.

Es sei denn, man schimpft über Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der Bischof aus Limburg ist selbst in den USA bekannt geworden. »Protz-Bischof« (»bishop of bling«) wird er in den US-Medien genannt. Dass es da einen Kirchenmann gibt, der anscheinend in großer Opulenz lebt, das befreit dann irgendwie von der eigenen Verantwortung und vom schlechten Gewissen wegen der eigenen Liebe zum Geld. Da kann man getrost den zweiten, dritten oder vierten Stein werfen und weiterhin die Stars aus Sport und Medien mit ihrem pompösen Lebensstil verehren.

Es ist halt eine schwierige Sache mit dem Geld. Auf protestantischer Seite verkünden in den USA vielerorts Prediger immer noch ein »Wohlstandsevangelium«, demzufolge materieller Besitz eine Gabe Gottes sei für besonders gläubige Menschen. Und manche dieser Prediger leben in einem Luxus, der Tebartz-van Elst’s Behausung weit übertrifft.

Konrad Ege

Liebt eure Feinde! Das ist möglich

12. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Seine Familie musste aus Deutschland fliehen, trotzdem wirbt Paul Oestreicher heute für die Feindesliebe

Der Theologe Paul Oestreicher (82) engagiert sich seit Jahrzehnten für Versöhnung und Frieden. Mit ihm sprach Susanne Sobko

Der 1931 im thüringischen Meiningen geborene anglikanische Friedensaktivist Paul Oestreicher war Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England. Er gründete unter anderem den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden beisteuerte. Foto: Jürgen Scheere

Der 1931 im thüringischen Meiningen geborene anglikanische Friedensaktivist Paul Oestreicher war Domkapitular und Leiter des Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry in England. Er gründete unter anderem den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden beisteuerte. Foto: Jürgen Scheere

Herr Oestreicher, seit Jahrzehnten kämpfen Sie für Frieden und Gerechtigkeit, doch immer wieder gibt es neue Krisenherde. Ist das nicht ein Grund zur Resignation?
Oestreicher:
Wenn man als jüdisches Kind ausgegrenzt wurde, mit den Eltern flüchten musste und am anderen Ende der Welt in Neuseeland ankommt; wenn man dann plötzlich der deutsche Ausländer ist, den die anderen Kinder als Feind um den Schulhof jagen; und wenn man dann erfährt, dass sich die jüdische Großmutter vor der Deportation nach Polen das Leben genommen hat; dann weiß man, wie es um diese Welt bestellt ist. Doch wenn man trotzdem so viel Liebe erlebt hat, dass man selbstsicher geworden ist und einen Sinn im Leben sieht, dann wirft einen nichts zurück. Dann erweist sich mir in jedem kleinen Liebeszeichen, dass das Leben lebenswert ist.

Diese kleinen Liebeszeichen sind für Sie sicher mehr als ein Kuss Ihrer Frau?
Oestreicher:
Es gibt sie ständig – man erfährt sie im Alltag im Kleinen wie im Großen. Wenn man zum Beispiel entdeckt, dass Menschen fähig sind, ihre Feinde zu lieben. Von wem haben wir das? Von einem jungen, radikalen Rabbiner aus einer kleinen Stadt in Palästina, der sogar noch für seine Feinde gebetet hat als sie ihn kreuzigten. Seine Predigt in der Synagoge ­seiner Heimatstadt ging zum Herz der Dinge: Gott liebt euch, sein Volk, nicht mehr als andere Völker, die Fremden. Das gilt gleichermaßen für uns Christen heute. Wenn man versucht, diesem Jesus zu folgen, dann verzweifelt man nicht.

Auch der überall aufkeimende Antisemitismus und Neonazismus lässt Sie nicht am Menschen verzweifeln?
Oestreicher:
Nein. Neonazis und ihresgleichen in jedem Volk auf Erden sind die Kehrseite dessen, was ich über die Liebe gesagt habe. Aber auch sie müssen als Menschen geachtet werden – sie einfach auszugrenzen, dient dem Frieden nicht. Diese Menschen zeigen im geistigen Sinne Krankheitserscheinungen einer Gesellschaft, und wir müssen lernen, friedlich damit fertigzuwerden. Auch hier ist Heilung möglich.

Aber mal ganz ehrlich, können Sie wirklich jemanden lieben, der kaltblütig mehrere Menschen ermordet hat?
Oestreicher:
Ja. Zum Beispiel liebe ich die Verantwortlichen für den Tod meiner Großmutter. Wie hat Jesus auf die römische Besatzung Palästinas reagiert? Er hat ein Kind der feindlichen Soldaten geheilt – das war seine Antwort auf die Aggression.

Woher schöpfen Sie die Kraft für solches Denken?
Oestreicher:
Das habe ich von meinem Vater gelernt. Ich bin so erzogen worden, und ich habe meine Kinder auch so erzogen, dass jeder Mensch geachtet werden muss – egal was er tut. Sündig sind wir schließlich alle in irgendeinem Maße, und unter anderen Einflüssen könnte ich vielleicht auch ein Neonazi sein. Deswegen muss ich natürlich die falschen Ideen bekämpfen, aber den Menschen habe ich zu lieben.

Also sollte Liebes- und Friedenserziehung zum Pflichtfach an allen Schulen werden?
Oestreicher:
Unbedingt. Gerade auf dem Schulhof können Kinder gut lernen, wie man einen Konflikt schlichtet. Ich kenne Schulen, wo das schon sehr erfolgreich umgesetzt wird. Und wenn die Kirchen die Friedenserziehung nicht praktizieren können oder wollen, dann haben sie nichts zu sagen.

Leben und Alltag im evangelischen Pfarrhaus

10. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kulturgeschichte: Ein Gang durch die Sonderausstellung »Leben nach Luther« im Deutschen Historischen Museum

»Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« ist das Thema einer Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Ein großes Gemälde gegenüber dem Eingang lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Im Vordergrund die Gestalt eines Pastors in ­Talar, im Hintergrund zwei weitere Pastoren. Das Bild, entstanden 1646, Leihgabe einer evangelisch-lutherischen Gemeinde in den Niederlanden, stellt den Pfarrer inmitten einer Herde von Schafen als Hirten dar und veranschaulicht so dessen Aufgabe. »Pastor« ist die lateinische Bezeichnung für Hirte. Das Deutsche Historische Museum in Berlin präsentiert im Rahmen der Lutherdekade die Ausstellung »Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses«. In sechs Abteilungen beleuchtet sie die Geschichte des Pfarramtes seit der Reformation. Zu sehen sind Porträts von Pfarrern und Pfarrfrauen, die auf den Ursprung von Pfarrfamilie und Pfarrhaus im theologischen Kontext der Reformation hinweisen.

 Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Gemälde (1646): Pastor Otto Clemens van ­Bijleveld als evangelischer Hirte.

Um Amt und Habitus geht es im nächsten Raum. Gezeigt wird eine Kollektion an Amtstrachten und Talaren, unter ihnen ein Exemplar in knallrot, das Amtskleid eines Pfarrers, der mit der Studentenbewegung von 1968 sympathisierte. Die provokante Farbe des Talars habe eine Predigt im Geist der 68er Bewegung unterstrichen, erläutert der Begleittext. Zu sehen sind auch Entwürfe für die Amtstracht der Vikarinnen. In diesem Zusammenhang informiert die Schau über den weiten Weg der Frauen ins Pfarramt. Theologinnen arbeiteten zunächst als Religionslehrerinnen, Gemeindehelferinnen oder Vikarinnen, bevor sie erst Mitte des 20. Jahrhunderts als Pfarrerinnen ordiniert wurden.

Die protestantischen Rituale

Im Mittelpunkt stehen die protestantischen Rituale. Zu den wesentlichen Aufgaben des Pfarrers zählen die geistlichen Amtshandlungen, die Kasualien. Gemälde zeigen ihn bei Taufe und Abendmahl oder beim Besuch am Sterbebett. Ein weiteres Bild hält den Empfang des Pfarrers und seiner Familie in der neuen Gemeinde fest.

Zudem werden ein Eindruck vom Leben der Gemeinde und der einzelnen Christen sowie Kenntnisse über Regeln und Konventionen vergangener Zeiten vermittelt. So war es zum Beispiel üblich, dass die Gemeindemitglieder je nach ihrem sozialen Stand einen festen Sitzplatz in der ­Kirche besaßen, für den sie bezahlt hatten. Eine Konfitentenlade, in die der Beichtgroschen entrichtet wurde, erinnert daran, dass bis ins 18. Jahrhundert die Beichte am Sonntag vor dem Abendmahl auch in der evangelischen Kirche obligatorisch war.

Dass zum Pfarramt auch Verwaltungsaufgaben gehören, dokumentieren Kirchenbücher und –register. Und die vielen Bücher zeugen von der Bildung des Pfarrers.

Protestantismus in Schweden

Die Schau wirft auch einige Seitenblicke auf das protestantische Europa, auf hierzulande unbekannte Traditionen, die zuweilen kurios anmuten. In der schwedischen Kirche war es Aufgabe des Kirchenaufsehers, darüber zu wachen, dass während der Predigt im Gottesdienst niemand schlief. Dazu diente ihm ein zwei ­Meter langer Stock mit Glöckchen. Diese klingelten, sobald der Aufseher den Stock, den Kyrkstöt, auf den Boden stieß, um eingeschlafene Gottesdienstbesucher aufzuwecken. Ein Bild und ein Kyrkstöt illustrieren diese Geschichte. In Schweden gab es auch das Hausverhör, wie ein weiteres Gemälde erzählt. Beim Hausverhör besuchte der Pfarrer die Familien seiner Gemeinde, um zu prüfen, wie es um deren Kenntnisse des Katechismus, der Bibel, des Gesangbuches und um die Lesefähigkeit bestellt war. Zugleich sollten bei einer solchen Stippvisite Ehe und ­Familienleben überwacht werden.

Mit der Aufhebung des Priesterstandes im Zuge der Reformation musste die Stellung des Pfarrers in der Gesellschaft neu definiert, Statusfragen geklärt werden. Auf dem Dorf sollte er nicht Bauer unter Bauern sein, sondern ein Vorbild für bürgerliche Gesittung abgeben. In der Stadt hingegen lebte er als Bürger unter Bürgern. Deren allzu weltliche Zerstreuungen galt es zu meiden. Die Gefahr, dass der mondäne Lebensstil künftig auf den Pastor abfärben könnte, drohte, wenn dieser in adligen und großbürgerlichen Familien Dienst als Hauslehrer tat. Ein Bild deutet diese Problematik an.

Zur Geschichte der Kirche gehört die Mission, die sich im 19. Jahrhundert etablierte. Sie führte Pfarrers­familien oft unter extremen Bedingungen in weit entfernte Weltregionen. Auch dies wird in einer Nische beleuchtet.

Der Lebenswandel von Pfarrern kann Zündstoff für heftige Diskussionen bieten. Dass dies keine Erscheinung der Neuzeit ist, sondern an die Vorbildlichkeit des Pfarrers schon immer hohe Anforderungen gestellt wurden, wird in dem Raum deutlich, wo es um die Lebensführung im Pfarrhaus geht. Die Präsentation stellt dar, dass die Pfarrersfamilie über Jahrhunderte das Idealbild der bürgerlichen Familie blieb. Es begegnen Fragen nach Moral, angemessenem Verhalten und nach dem richtigen Maß an Bescheidenheit.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bewegte sich der Pfarrer in seiner Gemeinde mit eigenem Gespann oder Pferd, beziehungsweise wurde von den Bauern mit Pferd und Wagen ­kutschiert. Diese Spanndienste fielen mit der Erfindung des Fahrrads weg, wobei zunächst Bedenken bestanden, ob das Radfahren mit der Würde des geistlichen Amtes vereinbar sei. Die Zweifel lösten sich schließlich auf zugunsten der Mobilität der Pfarrer, die später gern auch das Auto nutzten, und sich in den 1920er Jahren dann die Pfarrer-Kraftfahrerversicherung gründete.

Wovon ernährte der Pfarrer seine Familie? Auch dieser Frage geht die Ausstellung nach. Bis ins 19. Jahrhundert hinein lebte er mit seiner Familie von Pfründen, die er selbst bewirtschaftete. Seine Haupteinkünfte erzielte er durch Gebühren für kirchliche Amtshandlungen und die Zehntabgaben der Gemeindemitglieder. Und der Pfarrgarten versorgte mit seinen Früchten die Pfarrhausbewohner.

Forscherdrang und Experimentierfreude

»Gelahrtheit« ist das Thema eines weiteren Raumes. Hier begegnet der Pfarrer als Gelehrter, der sich neben seinen pfarramtlichen Aufgaben der Forschung und Wissenschaft widmete. Theologen profilierten sich in Fragen der Haus- und Landwirtschaft, der Bienenkunde und Botanik. Sie ­betätigten sich auf den Gebieten der Physiognomie, Statistik, Medizin bis hin zur Astronomie. So gehört zu den Exponaten eine Waschmaschine, die Erfindung eines Superintendenten. Ein Pfarrer experimentierte mit toten Vögeln und entwickelte ein Pulver gegen Epilepsie. Mit diesen Voraussetzungen bot das Pfarrhaus einen weiten Bildungshorizont und vielfältige Anregungen auch für den Nachwuchs. Dass Pfarrerskinder sich in verschiedenen Disziplinen einen Namen machten, ist bekannt. Zahlreiche Künstler, Wissenschaftler und Politiker stammen aus einem Pfarrhaus. Dies trifft zum Beispiel auf Johannes Rau zu, ein Name aus der ersten Reihe der Politik in Deutschland.

Zwei Reiche: Kirche und Staat

Abschließend beleuchtet die Präsentation das Verhältnis des Protestantismus zu Staat und Politik. Wie das Pfarrhaus im 20. Jahrhundert auf totalitäre Herausforderungen reagierte, stellen Fotos, Ton- und Filmdokumente dar. Themen sind der »Kirchenkampf« in der Zeit des Nationalsozialismus sowie Repression, Anpassung und kirchliche Opposition in der DDR. Dabei wird die Rolle des Pfarrhauses während der Friedlichen Revolution 1989 ebenso beleuchtet wie das politische Engagement der westdeutschen Kirchen in der Friedens­bewegung der 1980er Jahre.

Dem Gedenken an Oskar Brüsewitz, dem evangelischen Pfarrer, der sich 1976 in Zeitz aus Protest an den politischen Verhältnissen verbrannte, widmet die Schau Aufmerksamkeit.

Ebenso erinnern Buttons der Friedensbewegung, unter anderem das mit dem Symbol der »Schwerter zu Pflugscharen«, an die Friedensbewegung der 1980 er Jahre in der DDR.

In kaum einem anderen Berufsstand ist die Verflechtung von Privat und Öffentlichkeit, von Arbeit und Familie so eng wie bei dem des Pfarrers. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, dass sie die reiche Geschichte des Pfarrhauses mit seinen vielen Facetten würdigt. Sie wendet fast ausschließlich den Blick zurück. Zu kurz kommt die Zeit seit der Wende vor fast 25 Jahren und die gegenwärtige Situation des Pfarramtes mit seinen vielfältigen Herausforderungen.

Fazit: eine lohnenswerte Ausstellung, insofern sie die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses über fünf Jahrhunderte reflektiert und dabei einen komplexen Einblick in das Leben des Pfarrers und seiner Familie gewährt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Deutschen Historischen Museums, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Internationalen Martin Luther Stiftung.
Die Ausstellung »Leben nach Luther. eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses« im Deutschen Historischen Museum ist bis 2. März 2014 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Gottvertrauen und Würde inmitten der Hölle

10. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Gedenken: Was mit Entrechtung begann, endete mit dem Tod im Vernichtungslager – wie für die Niederländerin Etty Hillesum

Mit den antijüdischen ­Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ­begann das Kapitel der ­offenen Gewalt gegen Juden in Deutschland und bald im ganzen besetzten Europa. Beispielsweise auch in den Niederlanden.

Wir haben das Lager singend verlassen«, kritzelte sie auf eine Postkarte und warf das Stück Papier aus dem Zugfenster, als sie im September 1943 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde. »Die Güterwaggons sind gar nicht so schlecht.« Nicht einmal jetzt ließ sie sich die Freude an der Schönheit der Welt und an den Menschen austreiben; wer den Hass in sich wachsen lasse, verhalte sich im Grunde nicht anders als die »Nazi-Barbarei« und verliere die Fähigkeit, »diese Welt wieder aus dem Abgrund zu ziehen«.

Die Sätze stammen aus dem Tagebuch, das die 1914 in Middelburg (Niederlande) geborene jüdische Lehrerin Etty Hillesum in ihren letzten Lebensjahren führte: neun unscheinbare Hefte, erst 1981 veröffentlicht, als das etwa zur selben Zeit entstandene »Tagebuch der Anne Frank« längst ein Welterfolg geworden war, aber von einzigartigem Rang als Dokument existenzieller Betroffenheit und menschlicher Größe.

Esther Hillesum, die alle »Etty« nannten, wurde am 15. Januar 1914 in ein liberales, intellektuelles, religiös nicht mehr gebundenes jüdisches ­Milieu hineingeboren. Sie kam nie in Versuchung, die langweilige Rolle der höheren Tochter zu ­spielen. Sie las Rilke, Puschkin, Augustinus, Philosophen, Mystiker, diskutierte über jüdische Geschichte und die »Frauenfrage«, lernte alte Sprachen, Deutsch und Russisch, übersetzte Lermontow und Dostojewski. In Amsterdam studierte sie Slawistik, Psychologie, dann auch Jura. Eine wissenschaftliche Karriere scheiterte an den Rassegesetzen der Deutschen, die 1940 die Niederlande besetzt hatten.

Etty beobachtet genau – und hinterfragt sofort. Sie schildert eine völlig aus den Fugen geratene Welt, in der alle Maßstäbe verrückt und alle Werte ins Gegenteil verkehrt sind – und forscht unbeirrt nach einem Sinn. Ein Gestapo-Mann hat sie bedroht und angebrüllt. Statt empört zu sein, empfindet sie eher Mitleid: »Er sah gequält und aufgeregt aus, übrigens auch recht unangenehm und schlapp. Am liebsten hätte ich ihn gleich in psychologische Behandlung genommen.«

Und die Schlussfolgerung? »Ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äußeren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben. Das scheint mir die einzige Lehre dieses Krieges zu sein. Dass wir gelernt ­haben, das Übel nur in uns selbst zu suchen und nirgendwo anders.«

In ihrem Eifer, anderen Menschen beizustehen, hat Etty 1942 eine Stellung beim »Joodsche Raad« angenommen, beim Judenrat, den die deutschen Besatzer als Auskunfts- und Verwaltungsbehörde eingerichtet haben. Wer hier arbeitet, darf sich selbst auch ein wenig sicher fühlen. Die ­unbestechlich ihre Möglichkeiten ­einschätzende Etty Hillesum kündigt dennoch schon nach zwei Wochen, weil sie die tatsächliche Funktion des Judenrats – nämlich die Vernichtung besser zu organisieren – durchschaut. Jetzt tut Etty Hillesum den entscheidenden Schritt. Bis zum Letzten solidarisch mit ihrem Volk, schließt sie sich freiwillig den ins Transitlager Westerbork Deportierten an; von August 1942 bis September 1943 arbeitet sie dort im Krankenhaus, verbreitet Hoffnung und eine trotzige Fröhlichkeit.

Unbestechliche Beobachterin: Etty Hillesum. Foto: Archiv

Unbestechliche Beobachterin: Etty Hillesum. Foto: Archiv

»Ich möchte das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein«, wünscht sie sich. Ein Herz, das andere stützt und trägt und starkmacht. »Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein«, das sind die letzten Worte in ihrem Tagebuch. Noch nicht einmal 30 Jahre ist sie alt, aber viel weiter auf dem Weg zu Gott, der seine Menschen leidenschaftlich liebt und aus irgendeinem merkwürdigen Grund nicht retten kann oder will, als all die schlauen Gottesgelehrten aller Religionen.

»Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt«, betet Etty, »aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu ­retten, Gott.«

Wer so frei und aufrichtig mit Gott reden kann, bringt es auch fertig, auf die ganz normale Bitterkeit und Wut der Verfolgten zu verzichten. »Und sollte es nur noch einen einzigen anständigen Deutschen geben, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden gegen die ganze barbarische Horde«. Um dieses einzigen anständigen Deutschen willen dürfe man seinen Hass nicht über ein ganzes Volk ausgießen.

Anders als viele jüdische Zeugen und Opfer der Schoah klagt Hillesum Gott nicht an, sie kommt gar nicht auf die Idee, wortreich mit ihm zu rechten und zu hadern, sie will ihn nicht als Ausrede benutzen: »Gott ist nicht verantwortlich für das sinnlose Leid, das wir einander zufügen. Wir sind vor Gott dafür verantwortlich.«

Am 7. September 1943 wird die ­Familie Hillesum nach Auschwitz ­deportiert. Eine russische Grammatik und eine Bibel soll Etty noch schnell eingepackt haben. Auf einer der aus dem Zug geworfenen Postkarten vertraute sie ihrer Freundin Christine van Nooten an: »Christine, als ich die Bibel aufs Geratewohl öffnete, fand ich dies: ›Der Herr ist mein hoher Hort.‹« Etty Hillesums Leben endete am 30. November 1943 in den Gaskammern von Auschwitz. Ihre Asche streute man in den Fluss Wisla.

Christian Feldmann

Hinweis: Eine Auswahl aus Etty Hillesums Tagebüchern erschien 1981 in Haarlem und 1983 in deutscher Übersetzung. Der Herder-Verlag bringt das längst vergriffene Buch im Januar unter dem Titel »Das denkende Herz der Baracke« neu heraus.

Gottesdienst mit Klapperschlange

5. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Glaubenstest per Giftschlange – wer gebissen wird und stirbt, war eben dazu bestimmt

In einigen Kirchen in den USA gilt es als Glaubensbeweis, im Gottesdienst giftige Schlangen zu berühren.

Wenn Pastor Andrew Hamblin aus LaFollette im US-Bundesstaat Tennessee sonntags zum Gottesdienst geht, bringt er die Bibel mit – und ein paar Klapperschlangen. Das ist definitiv exotisch und theologisch fragwürdig. Aber es ist verwurzelt in der Tradition mancher pfingstkirchlich geprägter Gemeinden in den Bergen der Appalachen, in den südöstlichen Bundesstaaten Tennessee, Kentucky und West Virginia. Der US-Fernsehsender »National Geographic« zeigt zurzeit eine Realityshow über Christen, die beim Gottesdienst Giftschlangen berühren: »Snake Salvation« (Schlangenrettung) heißt die Serie.

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Begründet wird die Praxis mit dem 16. Kapitel im Markus-Evangelium, Vers 17 und 18: Gläubige würden »in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben«, und selbst, wenn sie etwas tödliches trinken, schade es ihnen nicht, heißt es dort. Das mit den Schlangen sei »ein Gebot genauso wie das Gebot, ›Du sollst nicht ehebrechen‹«, erklärte Hamblins Kollege Jamie Coots, Pastor in Middlesboro in Kentucky. Die Giftschlangen zeigten Ungläubigen die Macht Gottes.

Die Bergkette der Appalachen ist eine unwegsame Region, die Böden karg, die Wälder dicht. Früher wurde viel Kohle gefördert, doch der Bergbau hat nachgelassen. Die Einwohner mit ihrem langsamen Südstaaten-Dialekt haben in den USA eher das Image von Hinterwäldlern. In LaFollette lebt nach Regierungsangaben rund ein Drittel der 8000 Bewohner unter der offiziellen Armutsgrenze.

In dieser Gegend und im gesamten ländlichen Südosten der USA feiern mehr als 100 Kirchen mit Hilfe giftiger Schlangen Gottesdienst. Die Musik ist laut, Bassgitarren, Schlagzeug, Keyboard, das Gebet inbrünstig, Hände fliegen hoch im Lobpreis. Und dann werden die Holzkästen mit den Schlangen geöffnet. Betende, Singende und Tanzende heben die Schlangen hoch, reichen sie weiter, manche scheinbar in einer Art Trance. Beim Umgang mit den Schlangen verspüre sie unermessliche innere Freu­de, sagte eine Frau in »Snake Salvation«. Nicht alle Anwesenden berühren die Schlangen. Er riskiere es nur, wenn er in diesem Augenblick ­einen besonderen göttlichen Schutz empfinde, sagt Pastor Hamblin, 23, verheiratet, fünf Kinder.

Ralph Hood ist Professor für Psychologie der Religion an der Universität von Tennessee in Chattanooga und befasst sich seit 25 Jahren mit den »Schlangenkirchen«. Er selber lasse die Finger von den Reptilien, versichert er. Ab und zu habe er den Eindruck, einigen Schlangenbetern ginge es um eine Show. Doch er habe viele hochanständige, tiefgläubige Menschen in den Gemeinden kennengelernt. Der Umgang mit den Giftschlangen gebe den Gläubigen offenbar ein Gefühl der Ermächtigung. In ihrem Glauben hätten sie damit die Angst vor dem Tod überwunden.

Die Gottesdienste mit den Schlangen haben ihren Ursprung Anfang vergangenen Jahrhunderts in der pfingstkirchlichen Erneuerungsbewegung: In diesen charismatischen Kirchen ist Glaube nicht nur Wort, sondern etwas Gefühltes, das mit dem ganzen Leben zum Ausdruck gebracht wird, sagt Hood. Der Umgang mit den Giftschlangen habe viele Außenseiter beeindruckt, und anfangs wesentlich zum Wachstum der Pfingstkirchen beigetragen. Doch die Praxis sei seltener geworden.

Manchmal beißen die Schlangen nämlich. In »Snake Salvation« zeigt Pastor Coots seine Hand mit einem verstümmelten Finger. Hamblin ist auch schon gebissen worden. Und es gibt sogar tödliche Bisse. Der letzte bekannte Todesfall stammt vom Mai 2012: Pastor Mack Wolford aus Matoaka in West Virginia starb nach achtstündigem Todeskampf, nachdem ihn eine Klapperschlange gebissen hatte. Wie sein Vater 30 Jahre davor, hatte Wolford ärztliche Hilfe verweigert.

Die Todesfälle stünden für die Gläubigen nicht im Widerspruch zur Bibel, erläutert Hood. Denn jeder Mensch müsse sterben. Und wer durch einen Schlangenbiss sterbe, für den sei halt die Zeit gekommen.

Konrad Ege (epd)

Der Philemonbrief: Ein alter Mann bittet

4. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Der Philemonbrief ist in mancherlei Weise einzigartig. Er ist der kürzeste Brief des Paulus. Ganze 25 Verse. Und er ist der einzige Privatbrief im Neuen Testament. Vielleicht ist er aber gerade darum so ein ergreifendes Glaubenszeugnis.

Paulus ist alt geworden. Er ist in Gefangenschaft. Nun schreibt er einen Brief an seinen Freund Philemon, um sich für dessen entlaufenen Sklaven einzusetzen.

Was war geschehen? Philemon hatte einen Sklaven namens Onesimus (zu Deutsch: der Nützliche). Onesimus war seinem Herrn entlaufen und hatte Zuflucht gefunden bei Paulus. Paulus ist gefangen. Sicherlich handelt es sich hier um seine letzte Gefangenenzeit in Rom (V 10). Als Onesimus bei ihm ist, kommt der Sklave zum Glauben. Nun schickt Paulus ihn mit einem Empfehlungsschreiben zurück zu seinem Herrn Philemon.

Als entlaufener Sklave hätte Onesimus schwere Strafe zu erwarten. Paulus bittet, darauf zu verzichten. Sogar den wirtschaftlichen Schaden, der Philemon entstanden ist, will Paulus ersetzen (V 18-19).

Paulus bittet Philemon nicht, Onesimus freizulassen. Die Sklaverei als solche steht für Paulus nicht zur Debatte. Da ist Paulus ganz Kind seiner Zeit. Insofern ist der Philemonbrief kein sozialkritisches Schreiben. Sklaverei ist unmenschlich und abzulehnen, das ist keine Frage. Aber mit dem Philemonbrief kann man diese Haltung nicht begründen.

Michael Greßler

Michael Greßler

Natürlich weiß Paulus, dass »In Christus« alle Unterschiede aufgehoben sind: »Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus« (Galater 3,28). Doch das gilt für das geschwisterliche Miteinander in der Gemeinde und die Gleichheit aller vor Gott. Die weltliche Alltagspraxis sieht leider oft anders aus. Das muss auch Paulus zur Kenntnis nehmen.

Von Rechts wegen könnte Philemon seinen zurückgekehrten Sklaven behandeln wie zuvor. Und doch setzt sich Paulus für ihn ein. Als Apostel könnte er Befehle geben und Weisungen erteilen. Aber das tut er nicht. Es bleibt bei seiner Bitte. »Philemon, nimm Onesimus als Bruder auf und behandle ihn so. Es ist deine Entscheidung. Du kannst auf deinem Recht beharren. Oder du verwirklichst, was Christus uns geschenkt hat: Die brüderliche Liebe«. Der christliche Glaube kann weltliche Verhältnisse nicht immer so ändern, wie es gut wäre. Aber er kann immer dafür sorgen, dass die Stimme der Liebe nicht verstummt

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Kampf gegen Windmühlen

3. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Hilfe konkret: Wie eine Weimarer Familie zwei jungen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien eine neue Perspektive bietet

Die Augen von Riem und Riad ­strahlen: Sie sind der Hölle des ­Bürgerkriegs in Syrien entronnen. Doch der Reise in die Sicherheit ­gingen neun Monate Kampf gegen behördliche Gleichgültigkeit und Unwissenheit voraus.

Die Geschichte reicht zurück bis in die Tage der DDR. An der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen, der heutigen Bauhaus-Universität, studieren seit Mitte der 80er Jahre auch junge Menschen aus Syrien. Darunter nicht wenige Christen, die der syrisch-orthodoxen Kirche angehörten. Die in Weimar lebende Pfarrerin Marie-Elisabeth Lüdde und ihr Mann Horst, ein Apotheker, freunden sich mit einem jungen syrischen Paar an. Maher und May Kara lernten sich beim Sprachkurs in Dresden kennen, heirateten und studieren zusammen Bauingenieurwesen in Weimar. Hier kommen auch die Tochter Riem und der Sohn Riad zur Welt. Nach dem Abschluss ihrer Promotionen geht die junge syrische Familie 1990 zurück in die Heimat. Doch die Freundschaft zwischen den Lüddes und den Karas bleibt bestehen. Man hält Kontakt, die neue Reisefreiheit lässt gegenseitige Besuche zu.

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

In Sicherheit: Riad und Riem Kara zwischen ihren Gastgebern Marie-Elisabeth und Horst Lüdde. Foto: Harald Krille

Während die Eltern Maher und May inzwischen an der Universität der Stadt Homs im ­Westen Syriens arbeiten, gehen auch die Kinder ihren Weg. Tochter Riem eröffnet eine eigene Zahnarztpraxis, was in Syrien bereits mit einem Bachelorabschluss möglich ist. Sohn Riad beginnt ein Pharmaziestudium. Alles scheint auf bestem Weg, bis der »arabische Frühling« in ­Syrien zum blutigen Bürgerkrieg mutiert.

Von heute auf morgen Flüchtlinge im eigenen Land

In und um Homs toben die Kämpfe zwischen Regierungssoldaten, Rebellen und Banden ­unterschiedlichster Couleur. Leidtagende sind die Zivilisten und darunter zunehmend vor ­allem die Christen. Schon kurz nach Beginn des Bürgerkrieges 2011 werden bei einem Rebellenüberfall die Zahnarztpraxis von Riem und die Wohnung der Karas zerstört. Die Familie kann kaum mehr als das nackte Leben retten, wird von Stund an zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Von all dem wissen Lüddes zunächst nichts, der Kontakt ist abgerissen. Sorge treibt die Weimarer Freunde um, sie bitten Kontaktpersonen um Nachforschungen. Anfang dieses Jahres kommt die erlösende Mail: Familie Kara ist am Leben! Aber die Zukunft sieht trübe aus, besonders für die Kinder. Für Lüddes steht fest: Wir holen die beiden hierher. Nicht als Flüchtlinge in ein Asylbewerberheim, sondern mit einem ­Visum, das es ihnen ermöglicht, hier weiter zu studieren. Sie sind bereit, die gesamten Kosten für Unterhalt, Versicherungen und Studium von Riem und Riad zu übernehmen. Keine kleine Summe. Doch wer glaubt, damit seien die wichtigsten Voraussetzungen erfüllt, irrt. Die praktische Umsetzung wird zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Wenn selbst Botschaften erst Nachhilfe brauchen

Den Flüchtlings-Hilfsorganisationen fehlt in dieser Frage die Kompetenz. Ausländerbeauftragte bei Stadt und Land geben völlig abwegige Auskünfte über das Prozedere. Die deutsche Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut, zuständig für Visafragen für Syrer, lehnt ein Visum für Riem ab. Mit der Begründung, die junge Frau habe doch bereits ein abgeschlossenes Studium. Ein offizielles Schreiben der Universität Jena muss die Vertreter Deutschlands im Ausland darüber aufklären, dass hierzulande wie in vielen anderen Ländern ein Bachelorabschluss in Medizin nicht für die Praxiszulassung ausreicht.

Dann fordert die Botschaft plötzlich Originaldokumente aus Deutschland an, die innerhalb von drei Tagen in Beirut sein müssen. Die Auskunft der Post: Nach Beirut geht gar nichts, das muss über den Zoll laufen. Der Zoll in Erfurt ­erklärt, Dokumente seien Wirtschaftsgüter, ­deshalb müsse eine Ausfuhrgenehmigung beantragt werden. Bei der Industrie- und Handelskammer die Auskunft, dass dies möglich sei, aber circa sechs Monate Bearbeitungszeit brauche …

Hektischer Mailverkehr nach Syrien, dort findet man den Weg: Mit dem Logistikdienstleister DHL geht die Sendung innerhalb von 48 Stunden unter Angabe der Telefonnummer eines Vertrauten an die Beiruter DHL-Zentrale. Von dort wird der Vertraute angerufen und kann die Dokumente in Empfang nehmen. Auch diese Herausforderung wird gemeistert. Ebenso, wie nach wochenlangem Kampf die Weimarer Ausländerbehörde überzeugt werden kann, ihren unbegründeten Widerstand gegen die Einreise beider Geschwister aufzugeben.

Mitte September sind Riem und Riad endlich in Weimar, können mit dem Sprachstudium an der Bauhaus-Universität beginnen, um sich nach eineinhalb bis zwei Jahren und bestandener Prüfung dann um ein Fachstudium zu bewerben. »Wir sind bei all den Problemen auf viele verständnisvolle und hilfsbereite Menschen in Ämtern, Behörden und Universitäten gestoßen, aber auch auf Unwissen und auf ­unbegreifliche Ignoranz«, resümiert Marie-Elisabeth Lüdde. Es waren harte Monate. Doch jetzt will sie gemeinsam mit ihrem Mann alles daran setzen, auch die Eltern von Riem und Riad nach Deutschland zu holen.

»Gehen Kirchengemeinden auf Ausländer zu?«

Was ihr über den eigenen Fall hinaus dabei unter den Nägeln brennt, ist die Rolle der Kirchengemeinden angesichts der Bürgerkriegs- und anderen Flüchtlingen oder auch der ausländischen Studenten. Durch ihre Kontakte und Freundschaften wissen die Lüddes, wie die Gäste sich oft Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und vor allem auch zu Glaubensgeschwistern wünschen. »Besonders aus Syrien, aber auch aus Korea und China kommen viele Christen. Ich möchte den Studentengemeinden und Kirchengemeinden gern Mut machen, auf diese Menschen zuzugehen«, sagt Lüdde.

»Gerade die syrischen Christen haben einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie wir, sie feiern die gleichen Feste, es gibt keine beson­deren Speisevorschriften zu beachten«, setzt sie hinzu. Einer gegenseitig bereichernden Begegnung stehe also nichts im Wege. »Gehen wir auf diese Menschen zu, laden wir sie ein, schaffen wir wenigstens in unseren Gemeinden eine Willkommenskultur«, so Lüddes Wunsch.

Harald Krille