Gläubigenschwund? Fehlanzeige!

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Orthodoxie in Rumänien: Der Mehrheitskirche geht es besser denn je – doch auch die Kritik wird lauter

Pilgerreisen, eine zunehmende Zahl an Sozialeinrichtungen und der Bau ­einer imposanten Kathedrale mitten in Bukarest: Die ­Popularität der Rumänisch-­Orthodoxen Kirche ist hoch.

Im Morgengrauen schon bilden die Pilger eine Schlange. Menschen aus allen Ecken des Landes sind in die Hauptstadt Bukarest gereist und warten ruhig in der frischen Herbstluft. »Der Heilige wird uns das ganze Jahr über segnen«, erhofft sich die 67-jährige Florica Badea, die über 400 Kilometer zurückgelegt hat, um wie immer an dem jährlichen Festtag von ­Dimitrie Basarabov (Demetrios aus Basarabov), dem Schutzheiligen Bukarests, teilnehmen zu können.

Die Techniker von Trinitas TV installieren ihre Kameras und Mikrofone. »Bald fängt der Morgengottesdienst an und dann, während der ­Liturgie, werden die Gebeine des Heiligen aus dem Altar herausgeholt«, freut sich Florica Badea. »Das geschieht nur einmal im Jahr und deshalb ist für uns dieser Tag, an dem wir die Reliquien verehren dürfen, ein ganz besonderer.«

Auch die Vertreter der orthodoxen Kirche freuen sich über diesen Tag – und über die Hunderttausende Gläubigen, die an jedem 27. Oktober den Heiligen Dimitrie und damit auch das Bukarester Patriarchat feiern. Gläubigenschwund? Fehlanzeige! »Nach 45 Jahren offiziellen Atheismus erlebte unsere Kirche nach der Wende eine wahre Auferstehung«, sagt Vater Constantin Stoica, Pressesprecher des Patriarchats.

Hunderttausende Pilger aus ganz Rumänien reisen jedes Jahr Ende Oktober nach Bukarest, um am Festtag des Schutzheiligen Dimitrie Basarabov teilzunehmen. Der Tag des Heiligen ist gleichzeitig der Tag der rumänischen Hauptstadt. Fotos: George Popescu

Hunderttausende Pilger aus ganz Rumänien reisen jedes Jahr Ende Oktober nach Bukarest, um am Festtag des Schutzheiligen Dimitrie Basarabov teilzunehmen. Der Tag des Heiligen ist gleichzeitig der Tag der rumänischen Hauptstadt. Fotos: George Popescu

Laut jüngsten Umfragen geben 95 Prozent der Rumänen zu Protokoll, dass sie an Gott glauben, und fast 85 Prozent bezeichnen sich als orthodox. Auch die Popularität und das Vertrauen in die orthodoxe Kirche bleiben mit über 60 Prozent hoch, obwohl diese Werte in den 1990er Jahren noch höher waren. »In der schmerzhaften Phase des Übergangs von einer sehr konservativen Form von Staatssozialismus zu einem System der deregulierten Marktwirtschaft hat die Kirche eine wichtige Rolle gespielt«, erklärt Kultur- und Kultusminister Daniel Barbu, der früher an der Bukarester Universität Politologie unterrichtete.

Weltliches Engagement ist in der Kirche umstritten

Doch der Staat ist in Rumänien traditionell schwach. In den 1990er Jahren konnten mangels Gelds seine Kernfunktionen kaum erfüllt werden. Eine sich ausbreitende Korruption zerstörte das Vertrauen in die Justiz und Polizei. Perspektivlosigkeit und bittere Armut waren Konstanten der Lebenswelt vieler Rumänen bis kurz vor dem EU-Beitritt des Landes 2007. Und auch in den Jahren danach blieb die Situation vor allem in Dörfern und Kleinstädten trotz des raschen Anstiegs der Einkommen kompliziert.

Um die Armut einigermaßen zu lindern, gründete das Patriarchat soziale Einrichtungen und baute damit einen Bereich wieder aus, den die ­Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu Gunsten des Staats abtreten musste. Das weltliche Werk der Kirche floriert seitdem wie nie zuvor: Kinder- und Seniorenheime, Lebensmittelausgaben für die Bedürftigen, Kleidungssammelstellen für die Opfer von Hochwasser, die wegen der maroden Infrastruktur und der massiven Abholzung in jährlichem Takt gerettet werden müssen.

Allerdings gilt vielen Traditionalisten im Synod, dem Leitungsgremium der orthodoxen Kirche, ein systematisches weltliches Engagement, das eine gewisse Autonomie von den missionarischen Aufgaben und vom liturgischen Leben genießt, als fremd und umstritten. Patriarch Daniel gilt als guter Manager und Vertreter der »liberalen« oder »weltlichen« Strömung, die in den letzten Jahren eine Mehrheit unter den Bischöfen gewonnen hat. Doch vor allem im klösterlichen Milieu wird diese »Verweltlichung« der Kirche kritisch beobachtet und manchmal sogar laut als »Anpassung« und fauler Kompromiss mit der westlichen, katholisch und protestantisch geprägten Tradition denunziert.

Pressesprecher Stoica spricht ungerne über diesen strukturellen Konflikt: »Die Klöster sind das Rückgrat der Orthodoxie. Jeder Bischof ist letztendlich ein Mönch und muss es auch bleiben. Es kann keine Abteilung der Kirche geben, in der das liturgische Leben plötzlich aufhört. Trotzdem müssen wir im Gegensatz zu den Pharisäern Verantwortung für unsere Nächsten übernehmen und Antworten auf die Herausforderungen von heute finden.« Tatsächlich hat die Kirche versucht, auf ihre Art und Weise diesen Herausforderungen gerecht zu werden.

Den Vorwurf, dass sie zu Zeiten von Sparmaßnahmen üppige Projekte betreibe, weist die Kirche von sich ­zurück. »Wegen der Wirtschaftskrise kürzt die Regierung Löhne und Sozialleistungen, Krankenhäuser und Schulen werden geschlossen. Gelder für neue Kirchen aber gibt es immer: Insbesondere dann, wenn sich die Wahlen nähern«, mokiert sich der linke Publizist und Blogger Costi Rogozanu. »Und die Arbeiten an der neuen imposanten Kathedrale mitten in Bukarest laufen auf Hochtouren, während fast alle anderen Bauprojekte eingestellt wurden.«

Freiwillige Kirchensteuer mehrheitlich abgelehnt

Die Vertreter des Synods betonen hingegen, dass die neuen Kirchen immer voll sind. »Das zeigt, dass viele Rumänen dieses Bedürfnis haben, und es wäre undemokratisch, sich dem Willen der Mehrheit zu widersetzen«, so Stoica. Die Umfragen und Statistiken geben ihm recht, doch die direkte ­Finanzierung der Kirche aus Steuergeldern bleibt umstritten, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung diese Lösung nach wie vor bevorzugt.

Linksliberale Kritiker dieses Systems prangern die »Geiselnahme der Politik und des Staats durch die orthodoxe Kirche« an. Doch die jüngste ­Initiative des grünen Abgeordneten Remus Cernea, ein freiwilliges kirchensteuerbasiertes Finanzierungssystem nach deutschem Vorbild einzuführen, fand im Bukarester Parlament keine Mehrheit.

Silviu Mihai

Paläste in der Bibel

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom Glanz und Elend der biblischen Bauherren und ihrer stolzen Werke

Nicht nur die Fürsten der Renaissance oder die Bauherren heutiger Zeit stecken Unsummen in wertvolle Prachtbauten – schon die Mächtigen der Bibel ließen sich Paläste errichten. Mal erheischten sie damit Bewunderung, mal ernteten sie Kritik.

Jeremia warnt vor Prunksucht

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Durch den Propheten Jeremia teilte Gott König Jojakim mit, was er von Prunksucht hielt: »Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht«, heißt es da. Wer sich »denkt: ›Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer‹, und lässt sich Fenster ausbrechen und mit Zedern täfeln und rot malen«, der solle lieber noch einmal in sich gehen. »Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst?«, fragt Gott König Jojakim. Und droht: »Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.« (Jeremia 22,14ff)

13 Jahre Bauzeit: Salomos Palast

Den in der Bibel am ausführlichsten beschriebenen Palast ließ König Salomo errichten. Dreizehn Jahre lang wurde an dem Königshaus gebaut, das aus mehreren Gebäuden bestand. Das »Libanon-Waldhaus« errichtete er aus kostbarem Zedernholz. Es gab große Hallen »mit Säulen und einem Aufgang davor«. Die »Thronhalle, in der er Gericht hielt«, war »vom Boden bis zur Decke« mit Zedernholz getäfelt. Außerdem ließ er sowohl für sich als auch für seine Frau ein eigenes Wohnhaus bauen. »Der König machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit dem edelsten Gold.« Das »Libanon-Waldhaus« ließ er mit Gold verzieren und auch alle Gefäße dort bestanden »aus lauterem Gold; denn das Silber achtete man zu den Zeiten Salomos für nichts«. (1. Könige 7,1ff)

König David: Import von Material und Fachleuten

Nachdem König David Jerusalem erobert hatte, ließ er sich einen Palast bauen. Unterstützung erhielt er von Hiram, dem König von Tyrus. Er schickte einige Ladungen Edelholz und stellte Handwerker zur Verfügung. Der Reichtum, der David plötzlich zur Verfügung stand, war für David ein Beweis dafür, dass Gott auf seiner Seite stand. Als die Boten mit dem kostbaren Baumaterial eintrafen, erkannte er, »dass der Herr ihn zum König über Israel bestätigt und sein Königtum erhöht hatte«. Auch auf die Frauenwelt scheint der Prunk gewirkt zu haben, denn »David nahm noch mehr Frauen und Nebenfrauen in Jerusalem.« (2. Samuel 5,11)

Wenig rühmlich: Ahab und sein Elfenbeinhaus

Auch König Ahab schien eher von Besitzgier geleitet als von Gottesgehorsam. Sein Palast stand in Jesreel. In der Nähe befand sich ein Weinberg, den er unbedingt besitzen wollte. Als der Eigentümer sich auf keinen Handel einließ, legte Ahab sich beleidigt ins Bett. Seine Frau nahm die Sache in die Hand und denunzierte den Weinbergsbesitzer, der daraufhin gesteinigt wurde. Die Strafe Gottes folgte einige Zeit später. Ahab zog gegen Gottes Willen in den Krieg, wurde angeschossen und verblutete elendig. Auch er hatte versucht, seinen Einfluss durch rege Bautätigkeiten zu unterstreichen. Von einem »Elfenbeinhaus, das er baute«, ist da die Rede und von Städten, »die er ausgebaut hat«. (1. Könige 21,1ff; 22,34ff)

Paläste werden vom Feuer verzehrt

Was Gott mit den Palästen derer anstellen will, die ihn über all dem Größenwahn beim Bau ihrer Luxusvillen vergessen haben, lässt er durch seine Propheten verkünden: »Israel vergisst seinen Schöpfer und baut Paläste, und Juda macht viele feste Städte«, klagt er durch Hosea. »Aber ich will Feuer in seine Städte senden, das soll seine Paläste verzehren.« Und Jesaja ergänzt: »Wilde Hunde werden in ihren Palästen heulen und Schakale in den Schlössern der Lust.« (Jesaja 13,22; Hosea 8,14)

In einem Palast wird Jesu Tod geplant

Die Grenze zwischen größeren Wohnhäusern, Villen und Palästen war in biblischer Zeit fließend. Es waren also nicht nur Könige, die in Palästen wohnten. Auch andere hochrangige Personen wie Priester stellten ihren Status durch luxuriöse Gebäude zur Schau. Und sie waren oft auch Orte der Diskussion. So heißt es im ­Matthäusevangelium zum Beispiel, die Verschwörung gegen Jesus habe im Palast eines Hohepriesters stattgefunden: »Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.« (Matthäus 26,3)

Völlig überirdisch: Gottes Palast

Von einem Palast ganz anderer Art ist beim Propheten Amos die Rede. Er beschreibt die Macht Gottes, der von seinem himmlischen Palast aus regiert, mit folgenden Worten: »Denn Gott, der Herr Zebaoth, ist es, der die Erde anrührt, dass sie bebt.« Und er fährt fort: »Er ist es, der seinen Saal in den Himmel baut und seinen Palast über der Erde gründet.« (Amos 9,5f)
Uwe Birnstein

»Ich habe erlebt, wie der Glaube Brücken baut«

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Militärseelsorge: Vier Monate im Kosovo – Erfahrungen eines Militärseelsorgers aus Mitteldeutschland

Pfarrer Andreas Kölling aus Burg bei Magdeburg war von Mai bis September dieses Jahres mit der Bundeswehr im Kosovo. Harald Krille sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Militärseelsorger.

Herr Kölling, wie haben Sie den Kosovo erlebt?
Kölling:
Sehr gegensätzlich. In dem Land – etwa so groß wie Sachsen-Anhalt – gibt es schöne Berge von 2000 Meter Höhe und mehr. Doch die Bäche werden als Kloaken benutzt. Die Menschen sind sehr freundlich, aber im Straßenverkehr gibt es außer dem Halten an roten Ampeln praktisch keine Regeln.

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Wie schätzen Sie die Situation im Kosovo ein und welche Rolle spielt die Bundeswehr dort?
Kölling:
Ich kann mich dazu nur privat äußern. Die Kosovaren, die ich getroffen habe, sind sehr zufrieden mit dem, was die Bundeswehr erreicht hat. Die Zahl der Soldaten geht auch seit Jahren zurück. Das Ende von KFOR kommt wahrscheinlich in wenigen Jahren. Trotzdem ist das Land natürlich von deutschen Verhältnissen weit entfernt, was zum Beispiel die Wirtschaftsleistung oder den Sozialstaat betrifft.

Was gehörte zu Ihren Aufgaben als Militärseelsorger?
Kölling:
Ich habe die knapp 800 deutschen Soldaten betreut. Mein Dienstsitz war in Prizren im Süden des Landes, wo die Bundeswehr ein großes Lazarett betreibt. Außerdem habe ich als »Theatre Chaplain« die Arbeit aller Militärseelsorger bei der KFOR koordiniert und nach außen vertreten.

Gab es ein Ereignis, dass Sie besonders beeindruckte oder bewegte?
Kölling:
Ich traf einen Kosovo-Serben, dessen Sohn im Krieg 1999 erschossen wurde. Wir beide gingen zum Grab und haben dort gemeinsam gebetet und uns umarmt. Da habe ich erlebt, wie der Glaube Brücken baut über Kulturen, Generationen und Konfessionen hinweg.

Ein Militärpfarrer ist ein Armeeangehöriger, aber er ist kein Soldat?
Kölling:
Das ist richtig. Während für einen Soldaten im Einsatz an allen sieben Tagen der Woche während 24 Stunden die Befehle gelten, war bei mir der kirchliche Auftrag entscheidend. Aber ich habe erlebt, wie es den Soldaten geht, die vier Monate lang das Lager nicht ohne dienstlichen Grund verlassen dürfen, deren Alltag bis in private Dinge hinein reglementiert wird. Meine persönliche Einstellung zur Bundeswehr ist dadurch kritischer geworden.

Inwiefern?
Kölling:
Weil ich diese Probleme, die Soldaten in der Bundeswehr haben können, zwar schon kannte, aber im Einsatz viel unmittelbarer und authentischer damit konfrontiert war.

Haben Sie selbst früher Militärdienst geleistet?
Kölling:
Nein.

Wie hat sich die Situation im Einsatz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Kölling:
Ich konnte die Soldaten besser erreichen als Zuhause, weil wir uns besser kennenlernen und vertrauen konnten. Neben Gottesdienst und Seelsorge habe ich einen Glaubenskurs durchgeführt, in dem wir uns zehn Wochen lang intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt haben. Außerdem habe ich einige ­Betreuungsfahrten organisiert. Dabei ging es darum, nicht nur etwas vom Land kennenzulernen, sondern auch mit Einwohnern ins Gespräch zu kommen, vorzugsweise zu religiösen Fragestellungen.

Sie haben viel mit Soldaten aus den neuen Bundesländern zu tun, denen man allgemein religiöse Ignoranz nachsagt. Was sind Ihre Erfahrungen?
Kölling:
Es gibt die ganze Bandbreite, auch Ignoranz. Oft liegt das daran, dass keine eigenen Erfahrungen mit Kirche vorliegen. Bei einer Runde mit 20 Soldaten fragte ich einmal, wer denn außerhalb der Bundeswehr schon mal einen Pfarrer getroffen habe. Vier meldeten sich.

Ihren Worten kann man entnehmen, dass die Arbeit der Militärseelsorge in der Bundeswehr große Freiheit ­genießt?
Kölling:
Das stimmt. Ich treffe aber auch auf Vorgesetzte, die nicht recht wissen, wie sie mit der Militärseelsorge umgehen sollen. Da wird dann beispielsweise ein Antreten auf die Gottesdienstzeit gelegt.

Und wie reagieren Sie darauf?
Kölling:
Ich muss dann sehr deutlich und selbstbewusst für meinen Auftrag eintreten. Auch einen Konflikt darf ich nicht scheuen. Aber mir ist es wichtig, dass mein Handeln nachvollziehbar ist, dass klar wird, warum ich mich so verhalte.

Von Gegnern der Militärseelsorge ist gelegentlich der Vorwurf zu hören, Militärpfarrer sollen ja nur den Soldaten die moralischen Skrupel zum Töten nehmen – was sagen Sie darauf?
Kölling:
Schaut euch eure Pfarrer an! Wir sind berufen zum Dienst unter den Kindern Gottes. Bei Bestattungen werden wir unmittelbar mit der Trauer konfrontiert. Wie sollen wir es dann fertigbringen, Menschen das Töten zu erleichtern?

Die KFOR-Truppe ist International – welche Rolle spielt die Ökumene?
Kölling:
Als Gemeindepfarrer habe ich nie so viel Ökumene erlebt, wie in der Militärseelsorge. Und jetzt im Einsatz war es noch intensiver: Da war täglich die Zusammenarbeit mit dem deutschen katholischen Militärseelsorger. Wir wurden bei den Soldaten als ein Team wahrgenommen. Dann waren da die anderen Militärseelsorger aus zehn verschiedenen Nationen, darunter ein orthodoxer Priester. Am stärksten haben mich unsere gemeinsamen Gottesdienste beeindruckt.

Wie ging es Ihnen persönlich im Einsatz?
Kölling:
Vier Monate weg von der ­Familie waren nicht schön, und für meine Frau mit den zwei Kindern schwerer als für mich. Ich selber wurde durch mein Kirchenamt bei der Bundeswehr hervorragend betreut und sogar im Einsatz besucht. Der Glaubenskurs, den ich den Soldaten anbot, war auch für mich selbst gut, um mir immer wieder deutlich zu machen, aus welchen Quellen ich lebe und glaube. Insgesamt war es für mich eine gute Zeit, weil ich als Seelsorger dicht an den Menschen dran sein konnte. Und mit einer Soldatentaufe beim letzten Gottesdienst hatte ich noch ein richtiges Highlight zum Schluss.

Hintergrund: Die KFOR im Kosovo

Blick-2-Logo-43-2013Die Kosovo-Truppe (englisch Kosovo Force oder kurz KFOR) ist die 1999 nach Ende des Kosovokrieges aufgestellte internationale militärische Schutztruppe unter ­Führung der NATO. Sie hat die Aufgabe, im Namen des UN-Sicherheitsrates Recht und Ordnung, insbesondere den Schutz der Zivilbevölkerung und die Rückkehr der Flüchtlinge in der ehemaligen serbischen Provinz sicherzustellen. Daneben soll sie für die Demilitarisierung der Region sorgen. In diesem Zusammenhang wurden bereits viele Tonnen an Waffen und Munition in der Region aufgespürt und eingezogen. Das KFOR-Hauptquartier befindet sich in der Hauptstadt Priština. Derzeit umfasst die KFOR Soldaten aus 31 Nationen, Deutschland stellt mit 741 Soldaten das größte Kontingent.
(mkz)

Einst ertragen, jetzt geliebt

26. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Schatz der Moderne: Karl Völkers Schmirmaer Kirchenbilder in der Moritzburg

Dieser Wucht kann sich wohl keiner entziehen, der den Sonderausstellungssaal der Hallenser Moritzburg betritt: In expressiver Farbigkeit mit Rot- und Ocker- vor Blau- und Grüntönen leuchtet links die Kreuzigungsszene und rechts die Himmelfahrt Jesu auf. Optisch verbunden sind die monumentalen Werke durch eine geradezu transzendent wirkende blaue Fläche. Entstanden, lange bevor Yves Klein mit seinen monochromatischen »I.K.B.«-Bildern die Kunstszene begeisterte.

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Der Schöpfer dieser und weiterer an den Seitenwänden zu sehender Werke mit Darstellungen aus dem Leben Jesu, ist der Hallenser Künstler Karl Völker. 1889 geboren und 1962 ­gestorben, vom Expressionismus und der neuen Sachlichkeit geprägt, musste er alle Verwerfungen der jüngeren deutschen Kunstgeschichte hautnah erleiden. Im Nationalsozialismus als »entartet« diffamiert, in DDR-Zeiten von der unseligen »Formalismusdebatte« betroffen, später mit dem Etikett der »proletarisch-revolutionären Kunst« versehen, wehrte er sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen.

Die jetzt in Halle gezeigten Werke entstanden 1921 bis -22 als Deckengemälde für die kleine Dorfkirche von Schmirma bei Mücheln im Geiseltal. Es ist schon ein kleines Wunder für sich, wenn ein Künstler in jüngerer Zeit mit einen Bilderreigen einen ganzen sakralen Raum ausgestalten konnte. Dass dieser, wahrscheinlich sogar deutschlandweit einzigartige Bildereigen der Moderne aber bis heute erhalten geblieben ist, darf als wirklicher Glücksfall bezeichnet werden. Nicht zuletzt auf Grund aktueller Diskussionen um zeitgenössische Kunst in Kirchen (Stichwort Baselitz) kann man erahnen, welcher Schock diese Darstellung des Heiligen für die Schmirmaer Gemeindemitglieder Anfang des vergangenen Jahrhunderts wohl war.

Klaus Völker, Enkel des Künstlers und Initiator einer Initiative zur Erhaltung des Gesamtkunstwerkes, dankte deshalb bei der Eröffnung auch den anwesenden Mitgliedern der Kirchengemeinde, dass sie die Bilder »anfangs geduldet, ertragen und dann sogar geliebt haben«. Dass diese jetzt in der Moritzburg in einmaliger Weise erstmals seit ihrer Entstehung auf Augenhöhe betrachtet werden können, ist der notwendig gewordenen Restaurierung geschuldet. »So Gott will« soll der Schatz ab 2014 ­wieder in das ebenfalls »restaurierte Schatzkästlein«, zurückkehren, wie der zuständige Pfarrer Hans-Jakob Schröter es ausdrückte.

Harald Krille

Die Sonderausstellung »Karl Völker. Heilige Geschichten« ist bis 5. Januar im Kunstmuseum der Moritzburg in Halle zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

»Eine Sünde, was hier passiert«

23. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Auch auf dem schwarzen Kontinent werden Lebensmittel verschwendet – eine Initiative steuert gegen

Nirgendwo ist der Hunger so schlimm wie im südlichen Afrika. Zugleich werden auch dort Lebensmittel weggeworfen. Wie passt das ­zusammen? Ein Besuch bei einer von Afrikas ersten Tafel-Initiativen.

Ein Lastwagen rollt rückwärts. Dann spuckt er Kisten mit Salatköpfen und Äpfeln aus. 124,5 Kilo insgesamt. Danach 113 Kilo Brötchen und drei Baguettes. Mpho Putu trägt die Zahlen in eine Tabelle ein. Die Luft ist kühl, nur das Licht eines Deckenstrahlers erhellt die Halle im Norden der südafrikanischen Metropole Johannesburg.

Hier baut Putu eine Bank auf, die Lebensmittel umverteilt – die Foodbank ist eine der ersten Tafeln in Afrika. Damit soll die Zahl der Hungernden gesenkt und die Menge der verschwendeten Lebensmittel reduziert werden. Nirgendwo auf der Welt ist der Hunger schlimmer als im südlichen Afrika. Doch gleichzeitig sind die Müllhalden und Straßenränder voll mit verrottenden Lebensmitteln.

Der Foodbank-Manager Putu schlurft um einen Stapel aus Schoko-Karamell-Creme-Dosen und zeigt auf eine LKW-Palette mit Keks-Packungen. Nestlé und Kellogg’s lieferten regelmäßig Produkte an, die sie zu viel produziert haben oder deren Schachteln eine Delle haben, erklärt er. Zwei Lagerhallen hat die Foodbank in Johannesburg gemietet und drei Lastwagen gekauft. Von 22 Supermärkten in Johannesburg werden morgens ­Lebensmittel abgeholt. Danach kommen Mitarbeiter von Schulen, Altersheimen und Hilfsprojekten, um sie abzuholen. Die Idee der Foodbank ist ähnlich wie die der Tafeln in Deutschland.

Herr über zwei Lagerhallen und drei LKW: Foodbank-Manager Mpho Putu in Johannesburg. Foto: Benjamin Dürr

Herr über zwei Lagerhallen und drei LKW: Foodbank-Manager Mpho Putu in Johannesburg. Foto: Benjamin Dürr

Allein in Südafrika wissen elf Millionen Menschen nicht, wo ihre nächste Mahlzeit herkommen soll. Das ist knapp ein Viertel der Bevölkerung. Jedes fünfte Kind bleibt in seiner Entwicklung zurück, weil es zu wenig oder das Falsche zu essen bekommt. Gleichzeitig werden in Südafrika nach Schätzungen jedes Jahr neun Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet oder verrotten.

Der Widerspruch kennt noch eine Steigerung: »Südafrika ist eines der wenigen Länder, das selbst für seine Bewohner sorgen könnte«, sagt Foodbank-Chef Putu in Johannesburg. 300 Gramm Gemüse, 150 Gramm Fisch und Fleisch, dazu 600 Gramm Brot, Kartoffeln und Mehl produziert das Land täglich umgerechnet für jeden. Weil davon bis zu ein Drittel verschwindet, reicht es nicht mehr.

»Was heute passiert, ist eine Sün­de«, sagt Putu. Die Verschwendung von Reis und Brot sei nicht nur moralisch und wirtschaftlich bedenklich, sondern auch politisch: »Essen ist ein Menschenrecht.« Auch die Ernte-Forscherin Elke Crouch von der Universität Stellenbosch sagt: »Wir müssen nicht mehr Lebensmittel produzieren, sondern mit dem, was wir haben, besser umgehen.«

Während es in Europa vor allem Konsumenten sind, die Lebensmittel verschwenden, sind es in Entwicklungsländern meist die Erzeuger und Händler, wie Crouch erklärt. Es fehle an Wissen, wie man Obst lagert, an Strom für die Kühlketten und an Straßen für den zügigen Transport von frischem Fleisch und Gemüse. Mit dem Anstieg des Lebensstandards wachsen die Ansprüche: Auch in Südafrika sortieren Händler inzwischen Gemüse und Obst mit Schönheitsfehlern aus. Konzerne stoßen Dosen ab, auf denen das Etikett falsch herum klebt.

6000 Tonnen Lebensmittel rettet Putus Organisation jedes Jahr, das entspricht etwa 20 Millionen Mahlzeiten. Nur ein Bruchteil dessen, was verrottet. Aber mehr schafft sein Team nicht. »Wir haben nicht genug Lastwagen, um zu allen Supermärkten zu fahren«, sagt Putu. Doch mittlerweile dehnt die Initiative ihre Arbeit über Johannesburg hinaus aus. 2009 wurde die erste Foodbank in Kapstadt gegründet, insgesamt gibt es derzeit neun Standorte in Südafrika.

Benjamin Dürr (epd)

www.foodbank.org.za

Falscher Mythos

23. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 200 Jahren tobte die »Völkerschlacht bei Leipzig«

Die Schlacht vor den Toren Leipzigs im Jahr 1813 gilt vielen als nationale Erhebung gegen die Unterdrückung Napoleons. Mit der historischen Realität hat dies aber nicht viel zu tun.

Es war eine Schlacht von gigantischen Dimensionen. Französische, russische, österreichische und schwedische Uniformen wechselten einander ab. Mehr als eine halbe Million Soldaten nahmen an dem Kampf teil, der später »Völkerschlacht bei Leipzig« heißen sollte. Bis zum ­Beginn des Ersten Weltkrieges blieb sie die gewaltigste militärische Auseinandersetzung der europäischen Geschichte.

Für die Deutschen hat die Schlacht zwischen dem 16. und 19. Oktober 1813 eine besondere Bedeutung. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft war zuvor etwas erwacht, das es vorher so nicht gegeben hatte: das deutsche Nationalbewusstsein. Dass alle Deutschen in einem Staat zusammenleben sollten, war ein Gedanke, den bis dahin noch niemand gedacht hatte. Die Leipziger Völkerschlacht wurde im Nachhinein zum Symbol für den gemeinsamen Freiheitskampf gegen Napoleon gemacht, zu einem der Grundsteine des jungen deutschen Nationalgefühls. Die Kriegsherren der Schlacht selbst waren jedoch von solchen Ideen weit entfernt.

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Nach der katastrophalen Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug 1812 hatte das Bündnissystem, mit dem der Korse die politische Landkarte Europas neu geordnet hatte, erste Risse bekommen. Preußen und Österreich waren – halb freiwillig, halb gezwungen – Verbündete Napoleons gewesen. Nun aber schlossen sie mit Russland einen Waffenstillstand, Preußen erklärte Frankreich nur wenig später sogar den Krieg. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Widerstand gegen die französischen Besatzer auf.

Noch allerdings hielt die Mehrzahl der kleinen Rheinbund-Staaten zum Kaiser der Franzosen, insbesondere Bayern und Sachsen. Napoleon hatte damit auch nach dem Untergang der »Grande Armée« in Russland noch genug Soldaten – denn die Rheinbund-Staaten mussten Truppenkontingente stellen.

Im August gab dann auch die Großmacht Österreich ihre Neutralität auf und trat in den Krieg gegen Napoleon ein. Zuvor waren schon Schweden, Spanien und Portugal übergelaufen. Frankreich war damit weitgehend ­isoliert. Aber immer noch stand ­Na­poleons gewaltige Armee in Sachsen. Bei Leipzig trafen sie und die Verbände der Verbündeten aufeinander.

Am 16. Oktober, als die Schlacht begann, waren beide Seiten noch etwa gleich stark. Die Armee der Verbündeten gegen Napoleon war aber sehr ­zersplittert. Der Kaiser der Franzosen ging forsch gegen seine Gegner vor. Es sah zunächst recht gut aus für den Korsen. In Leipzig ließ er schon die Siegesglocken läuten. Während der Nacht aber strömten lange Reihen von Soldaten als Verstärkung zu den Linien der Preußen, Österreicher, Russen und Schweden. Am Morgen des 17. Oktober war ihre vereinigte Armee doppelt so stark wie die Kräfte Napoleons, der keine Verstärkung bekommen konnte. Für den Kaiser der Franzosen kam es sogar noch schlimmer: Tausende seiner eigenen Leute gingen von den Fahnen und liefen zum Gegner über. Vor allem Truppen der Rheinbund-Staaten wechselten die Seiten.

Die Lage wurde aussichtslos für Napoleon. Am Abend des 18. Oktober befahl er den Rückzug. Der wurde noch einmal sehr blutig: Der französische Kaiser schickte polnische und deutsche Rheinbund-Verbände, um seinen Abzug zu decken. Nachdem eine wichtige Brücke über die Elster gesprengt worden war, war diesen Soldaten der Rückweg abgeschnitten.

Schnell nahm die Erinnerung an die Völkerschlacht eine bedeutende Stellung in der deutschen Geschichte ein: Bei den Festen der jungen deutschen Nationalismus- und Liberalismus-Bewegung auf der Wartburg und am Hambacher Schloss 1832 spielte sie eine zentrale Rolle. Das Gedenken an die Schlacht gab ihnen und damit auch allen Deutschen eine gemeinsame Identität – nicht jedoch die Schlacht selbst. Dieser Mythos ist falsch.

Später kippte das Andenken ins Völkisch-Nationalistische, jeder nutzte es für seine politischen Zwecke. Genau 100 Jahre nach der Schlacht ließ Kaiser Wilhelm II. am 18. Oktober 1913 bei Leipzig ein Denkmal einweihen – als Symbol des angeblichen Kampfes aller Deutschen gegen den französischen »Erbfeind«. Dass rund um Leipzig vor allem Deutsche gegen Deutsche gekämpft hatten, fiel dabei unter den Tisch.

Die siegreichen Fürsten und Könige hatten nach 1813 alles andere im Sinn als eine deutsche Einheit. Nachdem sie Napoleon endgültig besiegt hatten, teilten sie die deutschen Länder wieder wie gehabt unter sich auf – ohne Einheit, ohne Freiheit, ohne Bürgerrechte.

Nils Sandrisser (epd)

Das Leipziger Gemetzel und sein umstrittenes Gedenken


Die Völkerschlacht bei Leipzig dauerte vom 16. bis zum 19. Oktober 1813. Zwischen 60000 und 100000 Menschen starben. Bei den riesigen Abmessungen des Schlachtfelds und der enormen Zahl der Toten war es unmöglich, sie alle genau zu zählen. Nach der Schlacht ging das Sterben weiter: Allein die Franzosen hatten rund 23000 Verletzte in den Leipziger Lazaretten zurückgelassen, von denen viele in den Tagen danach starben. Die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar schlecht, eine Typhus-Epidemie raffte nicht nur die geschwächten Verletzten dahin, sondern auch viele Leipziger Zivilisten.

Die Stadt erinnert vom 16. bis 20. Oktober mit einem ­Friedensgebet, Diskussionen und einem Festakt an das ­Ereignis. Hinzu kommen die Darbietungen von rund 6000 »Freizeitsoldaten«, sogenannten Gefechtsdarstellern, die Teile des Gemetzels rund um Leipzig nachspielen. Ein von ihnen ursprünglich geplanter »Feldgottesdienst« wurde ­allerdings – obwohl historisch durchaus »korrekt« – ­ab­gesagt, weil sich kein Leipziger Pfarrer dafür hergeben wollte. »Ich finde diese Gefechtsdarstellungen unmöglich, man kann Krieg nicht spielen«, sagte Leipzigs Superintendent Martin Henker im Vorfeld.
(GKZ/epd)

»Mut zur Brache« haben

22. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht« – in Halle diskutierten Fachleute über die Zukunft der Kirche auf dem Lande

Dörfer werden kleiner, ­Kirchen bleiben leer. Wie kann religiöses Leben und Lernen dennoch gelingen? Tagungsteilnehmer in Halle suchten Antworten.

Wir haben einen Problemvorsprung gegenüber Westdeutschland.« Spätestens mit diesem Satz war Michael Domsgen die Aufmerksamkeit des Publikums ­sicher. Der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg führte am 9. Oktober in Halle in eine Tagung ein, deren Thema großes Interesse gefunden hatte. Es lautete »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht. Religiöse Bildung in der Peripherie« und widmete sich dem Land als Lernort des Glaubens mit dem Schwerpunkt auf Mitteldeutschland. Eingeladen hatte die Forschungsstelle »Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse« der Fakultät. Wie unter den Bedingungen von Bevölkerungsschwund und Säkularisierung Angebote für den geringen Anteil Jugendlicher auf dem Land aussehen können, kam beispielhaft zur Sprache.

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Michael Domsgen verwies zunächst auf den Bevölkerungsschwund und die Änderung der Alters- und ­Sozialstruktur durch die Abwanderung junger Menschen. »Sachsen-­Anhalt ist nur ein Hotspot dieser Entwicklung«, so der Theologieprofessor. Das Land habe auch die niedrigste Quote an Kirchenmitgliedern in Deutschland. »Diese Minorisierung wirkt sich auf dem Land noch stärker aus als in der Stadt«, umriss er die ­Problematik. »Kirche kann schnell alt aussehen, wenn sie sich nicht umstellt.«

Der Leipziger Theologieprofessor Frank Lütze hat Beispiele dafür gesucht, wie die Kirche jung bleiben kann, wenn der Ort alt wird. Eines hat er in der Weinberggemeinde Garitz bei Zerbst in der Landeskirche Anhalts – 600 Einwohner, ein Drittel Evangelische, vier Kirchen, fünf Dörfer – gefunden. Hier sind die Kirchen in das Dorfleben eingebunden: Dorffeste werden wieder mit Gottes-
diensten eröffnet, an denen viele konfessionslose Menschen teilnehmen. Einwohner aus den jeweiligen Orten gestalten Andachten.

Für Kinder und die 18 Jugendlichen der Weinberggemeinde allerdings gibt es Angebote überwiegend in der Stadt Zerbst, wo sie Grund- und weiterführende Schulen besuchen. Zeitlich schließen sie an das Ende des Schulunterrichts an, manchmal werden sie in Zusammenarbeit mit Schulen angeboten. Die kirchenmusikalische Arbeit hat dort Tradition. »Allerdings«, so Frank Lütze, »sind die Fahrten vom Dorf in die Stadt und zurück ein Problem.« Zudem konkurrierten kirchliche und profane Anbieter. »Und eine Bedrohung ist immer da: Wie lange läuft ein Angebot bei drei bis fünf ­Teilnehmern?«
In Gerbstedt im Mansfelder Land, einer Region, die sich seit 1990 wirtschaftlich nicht erholt hat, ist kirchliche Jugendarbeit ein Alleinstellungsmerkmal neben Sport und Jugendfeuerwehr. Teilweise leben nur noch sieben Prozent evangelische Christen in den kleinen Dörfern. Gottesdienste gibt es auf ­Bestellung, die Mehrzahl der Kirchengebäude sind stumme Zeugen.

In der Christenlehre und bei den Pfadfindern sind zur Hälfte konfes­sionslose Teilnehmer. Die Konfirmandenarbeit ist regional organisiert. Kernstücke kirchlicher Jugendarbeit, wie Junge Gemeinde, Jugendkreuzweg, »Church Night« und der klassische Konfirmandenunterricht, finden sich im benachbarten Hettstedt, wo es auch weiterführende Schulen gibt. Frank Lütze würdigte die Breite des kirchlichen Engagements in der Gemeinde Gerbstedt, schätzte aber angesichts der Situation in von Abwanderung geprägten Gebieten ein: »Gefragt ist eine Kirche, die bereit ist zu säen, ohne die Ernte einfahren zu können.«

Der Geograf und Theologe Karl Martin Born (Vechta) forderte in seinem Vortrag dazu auf, Kirche und ­Gemeindehaus als Ankerpunkt zu erhalten. Auch Gebäude seien identitätsstiftend. Gemeindeleben mit Kinder- und Jugendarbeit, Seelsorge und Angeboten für alte Menschen sei ein weicher Standortfaktor. Zudem warnte er vor der überall anzutreffenden »Kenngrößengetriebenheit« – in der Kirche die Zahl der Gemeindemitglieder je Pfarrer, die immer weiter erhöht wird. »Die Folgen solcher Entscheidungen werden nicht bedacht.«

Dass das Land und kirchliches Leben dort oft aus einem defizitären Blickwinkel wahrgenommen werden, hat der Praktische Theologe Gerald Kretzschmar (Mainz) festgestellt. »Aber: Das Land ist ein Lebensraum, für den sich viele Menschen bewusst entscheiden«, sagte er. Die Dorfkirche verweist auf die Geschichte, in ihr kreuzen sich die Wege der Bewohner. Kommuniziert wird durch Kasualien, die Gottesdienstkultur, durch Aufbau von Nähe und Teilhabemöglichkeiten, durch Orientierung auf bestimmte Themen.

Kretzschmar verwies in seinem Vortrag auf den Marburger Theologen Henning Luther (1947–1991). Der habe Kirche als fortlaufenden Kommunikationsprozess gesehen. Kirche in ihrer pluralen Verfasstheit und der Vielzahl religiöser Überzeugungen sei nicht etwas, wohin Menschen integriert werden müssten. »Wo sich religiöse Kommunikation zwischen Menschen ereignet, da ist – nach Ansicht Hennig Luthers – Kirche.«

In der abschließenden Diskussion wünschten sich Zuhörer eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die sogenannte Peripherie. Es wurde die Sorge laut, dass von der Stadt aus die Dorfgemeinden lediglich »mitversorgt« würden. Und Pfarrer Steffen Weusten aus Gerbstedt rief dazu auf, zu aktiven Gemeindegliedern Vertrauen zu haben, sie machen zu lassen und es auszuhalten, dass in einem Dorf nichts passiert. Auch Ulrich Hahn, Vorsitzender der Weinberggemeinde Garitz, äußerte sich ähnlich. Er forderte, den »Mut zur Brache« zu haben, »damit Felder sich erholen können, damit dort wieder etwas wächst«.

Angela Stoye

Von Splittern und Balken im Auge

20. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Was die Bibel zu unserem Sehorgan sagt

Auge um Auge, Zahn um Zahn« – das Bibelzitat wirkt zunächst grausam. Ist es eine Aufforderung, Gewalt mit Gegengewalt zu vergelten? Ursprünglich sollte dieser Spruch die Gewalt eindämmen. Erlittenes Unrecht sollte nur durch eine gleich schwere Bestrafung des Gegners vergolten werden. Es sollten keine noch grausameren Taten begangen werden: »Wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun.« Jesus ging einen Schritt weiter. Er forderte dazu auf, überhaupt nicht zurückzuschlagen. Konnte der Gegner so vielleicht zum Nachdenken bewegt werden? »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.« (3. Mose 24,20, Matthäus 5,38f.)

Die Fehler anderer fallen einem schnell auf. Die manchmal viel größeren eigenen Schwächen übersieht man lieber. Das wusste auch Jesus und fragte: »Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge.« Was also tun? »Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines ­Bruders Auge ziehst«, rät Jesus. (Matthäus 7,3-5)

Begehrlichkeiten werden oft durch das geweckt, was wir mit den Augen sehen. Jesus schlägt eine radikal ­klingende Lösung vor, um von den Versuchungen loszukommen. »Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.« Auch für diejenigen, die sich nicht gleich die Augen ausreißen wollen, gilt also: Wehret den Anfängen. (Matthäus 5,29)

Bildnachweis: rangizzz-Fotolia.com

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»Wer ein gütiges Auge hat, wird gesegnet; denn er gibt von seinem Brot den Armen.« Seine Augen nicht zu verschließen, kann Auswirkungen auf das eigene Wohl haben. Das wusste auch Jesus: »Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.« (Sprüche 22,9, Matthäus 6,22)

Die schönen Augen seiner Freundin Sulamith bringen Salomo zum Schwärmen: »Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen.« Verliebt gesteht er ihr, wie sehr sie ihn ­bezaubert: »Du hast mir das Herz ­genommen, meine Schwester, liebe Braut, du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen.« Ihre Augen betören ihn so, dass er nicht mehr klar denken kann: »Wende deine Augen von mir, denn sie verwirren mich.« Kurz darauf schwärmt er weiter: »Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche von Heschbon.« (Hoheslied 1,15)

»Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, des Herrn Thron ist im Himmel. Seine Augen sehen herab, seine Blicke prüfen die Menschenkinder«, meint ein Psalmbeter. Augen wie Menschen und Tiere hat Gott sicher nicht. Irgendwie muss er aber mitbekommen, was auf seiner Erde vor sich geht. Die Bibel betont: »Die Augen des Herrn sind an allen Orten, sie schauen auf Böse und Gute.« (1. Mose 6,11, Sprüche 15,3, Psalm 11,4, 2. Chronik 16,9)

Die Sprüche Salomos empfehlen, die Augen immer offenzuhalten: »Lass deine Augen stracks vor sich sehen und deinen Blick geradeaus gerichtet sein«, lautet seine Mahnung. Mancher bindet sich durch Versprechen an andere. Dann solle man nicht die Augen verschließen und untertauchen, rät die Bibel. Man solle sich aus der Verpflichtung befreien: »Geh hin, dränge und bestürme deinen Nächsten! Lass deine Augen nicht schlafen noch dei­ne Augenlider schlummern.« (Sprü­che 4,25, 6,4)

Uwe Birnstein

Tschechien: Der Rassismus gegen Roma greift um sich

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Als Ende Mai bekannt wurde, dass die 23-jährige Tschechin Alexandra Kinová Fünflinge erwartet, war sie der Liebling des Landes. Kein Wunder, Fünflinge, noch dazu wie in Kinovás Fall auf natürlichem Wege empfangen, kommen in einem Zehn-Millionen-Staat wie Tschechien nur einmal in 480 Jahren vor. Trotzdem mehrten sich die bösen Kommentare zu den Zeitungsartikeln über die »Supermama«. Denn Kinová ist Roma und das ist für eine Mehrheit der Tschechen, die ohnehin von Zigeunern sprechen, ein Schimpfwort. Der jungen Mutter blieb nichts erspart: angefangen von der Feststellung, sie sei keine Tschechin, über die sinnfreie Behauptung, »die vielen Kinder wären nur angeschafft worden, um noch mehr Sozialhilfe abzuzocken«, bis hin zu Todesdrohungen.

Diese Episode sagt viel über den Alltagsrassismus, der in Tschechien immer mehr um sich greift. Er macht sich inzwischen beinahe wöchentlich auf Straßen und Plätzen tschechischer Kleinstädte vor allem im Grenzgebiet Luft. Nur ein massives Polizeiaufgebot sorgt dafür, dass solche »Protestmärsche« nicht in einem Pogrom enden. Die Teilnehmer sind nur zu einem kleinen Teil Rechtsradikale, die meisten sind ganz normale Bürger. Sie ­fühlen sich im Stich gelassen von der Politik. Das gilt aber auch für die Roma selbst.

70 Prozent ihrer Kinder werden grundlos in Sonderschulen für Lernbehinderte gesteckt. Dass dieser Hilfsschulabschluss wertlos und den Kindern die

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

»Sozialhilfe-Karriere« ihrer Eltern vorgezeichnet ist, ist offenbar zweitrangig. Nachdem Roma nach 1989 die ersten waren, die dem Ende der Vollbeschäftigung zum Opfer fielen, sind sie bis heute die letzten, die bei einem Stellenangebot zum Zuge kommen. Das hat mit Rassismus zu tun, aber nicht nur. Für die meisten Arbeitgeber sind Bewerber mit einem Hilfsschulabschluss schlicht wertlos. Dazu kommt eine gezielte Vertreibung von Roma-Familien an die sozialen Ränder der Städte und des Landes.

Dabei würden wenige Schritte ­reichen, um die Probleme der nicht einmal 300000 Roma Tschechiens wirklich anzugehen. Die Sonderschulen abschaffen und die Schulpflicht durchsetzen, Wucher verhindern und den Metallankauf kontrollieren um Metalldiebstahl einzudämmen, und die Polizeipräsenz stärken, sind nur einige Vorschläge. Sie werden auch schon umgesetzt, aber für viele Medien ist es lukrativer über kriminelle Roma zu berichten, als über das gelungene Zusammenleben von Tschechen, egal welcher Abstammung.

Mehr denn je fehlt heute in Tschechien die Überzeugung, dass Roma auch tschechische Staatsbürger sind. In einem anderen Land hätte Alexandra Kinová den Ministerpräsi­denten zum Paten ihrer Fünflinge ­gewonnen. Dann hätte er erfahren, dass ihr Freund wie andere Tschechen einer normalen Arbeit als Verkäufer nachgeht, deren Lohn aber inzwischen nicht mehr zum Leben reicht. Und dass ein Elterngeld für fünf ­Kinder genauso hoch ist, wie für ein Kind.

Steffen Neumann

Wenn uns die Wahrheit abhandenkommt …

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Der Theologe Michael Trowitzsch sieht in der gegenwärtigen Toleranzdiskussion die Wahrheit der christlichen Botschaft bedroht

Im Rahmen der Reformationsdekade steht das Jahr 2013 ­unter dem Thema »Reformation und Toleranz«. Wo beginnt Toleranz, wo hat sie ihre Grenzen? Für den Theologen ­Michael Trowitzsch gibt es beim Dialog mit anderen ­Religionen klare Grenzen. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Trowitzsch, im Themenjahr »Reformation und Toleranz« wird auch das Miteinander der Religionen beleuchtet. Wo sehen Sie im interreligiösen Gespräch die Grenzen der Toleranz?
Trowitzsch:
Ich möchte einfach eine Sorge zum Ausdruck bringen: dass uns nämlich über den Begriff der ­Toleranz die Wahrheit abhandenkommt. Ich rede jetzt nicht vom Staat. Der hat sich »weltanschaulich neutral« zu verhalten. Gemeint sind Theologie und Kirche. Das heißt, wenn in Theologie und Kirche »Toleranz« auf Kosten der Wahrheit propagiert wird, dann verlieren zentrale Perspektiven des Neuen Testaments ihre orientierende Kraft. Das wiederum bedeutet, dass wir dann eine ganze Reihe von tragenden, erfreulichen, herrlichen Aussagen des Neuen Testaments einfach ignorieren müssen oder ihnen geradezu widersprechen, etwa: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.«

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Also, wenn Toleranz heißen sollte, dass dieser Anspruch Jesu relativiert oder durchgestrichen wird, dann müssen Christen, Theologen sagen: In aller Ausdrücklichkeit: Nein. Wohin man schaut im Neuen Testament: Es wird – mit Freude! – von der Offenbarung Gottes selbst geredet: »Das Wort ward Fleisch.« Und Christus ist »das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt trägt«. Die der Welt! Alles das sind Aussagen, die einfach von einer letzten, guten, unüberbietbaren Wahrheit wissen, vom Evangelium Gottes.

Wo genau sehen Sie diese Gefahr?
Trowitzsch:
Etwa beim Gespräch mit dem Islam. Ich beobachte auch unter Christen die verbreitete generelle Meinung, dass die Offenbarung in Jesus Christus nur eine von vielen religiösen Wahrheiten ist. Hier muss ich sehr deutlich sagen: Das ist unerträglich, das geht gar nicht. In diesem Sinne läge mir an einer klaren Bestimmung des Begriffs und der Sache der Toleranz. Die Grenzen sind dort überschritten, wo der einfache, deutliche, überaus positive Wahrheitsanspruch des Neuen Testaments über den Haufen geworfen wird.

Was bedeutet das für das christlich-islamische Gespräch?
Trowitzsch:
Natürlich hat das dann Konsequenzen. Wir Christen sagen: Jesus Christus, das ist die (unantastbare) Wahrheit, der Weg (zum ewigen Leben), das (wache irdische) Leben. Von dieser Erkenntnis aus muss dann ein – sicher kontroverses und konfliktreiches – Gespräch geführt werden. Von diesem guten Anspruch können wir aber nicht abrücken, wenn wir nicht unsere Sache, wenn wir nicht Christus selbst verraten wollen. Auf der anderen Seite vertreten auch die Muslime ihre Wahrheit. Also, es gibt in diesem Sinne keine Möglichkeit, sich zu einigen. Die zentralen Punkte des Glaubens bleiben kontrovers. Friedrich der Große vertrat ja den Grundsatz: »Jeder soll auf seine Fasson selig werden.« Nun gut, das ist der Staat. Dem wird man als Christ, als Theologe, entgegenhalten: Jeder soll auf die Fasson Gottes selig werden. Darauf kommt dann natürlich sofort der Einwand: »Meinst du denn zu wissen, was die Fasson Gottes ist?« Antwort: Ja! Mit dem Neuen Testament geredet: Jeder soll auf die Fasson Jesu Christi selig werden.

Die Frage ist also, ob es eine defi­nitive, universale Offenbarung gibt, ausnahmslos für alle Menschen bestimmt. Im Neuen Testament wird ­genau das – mit Freude! – behauptet. Niemand ist ausgeschlossen, Gott sei Dank! Eine Offenbarung Gottes, die nicht überholt werden kann. Im Islam hingegen wird gesagt: Sie ist überholt worden durch Mohammed und den Koran. Das ist einer der wesentlichen Konfliktpunkte.

Im Gespräch mit dem Islam ist ein weiterer Streitpunkt, ob wir an einen Gott glauben oder nicht. Ist der christliche Gott derselbe, den Muslime anbeten?
Trowitzsch:
Nein. Wer Gott sei, wird im Christentum und im Islam sehr unterschiedlich gesehen. Ob der maßgebliche Prophet, Mohammed, als Heerführer hervortritt oder ob Christus, Gottes Sohn, wehrlos am Kreuz stirbt – das ist eine fundamentale Differenz, die sich im Gottesbild unmissverständlich ausprägt. Man kann natürlich sagen: Jeder Mensch, der sich irgendwie nach einer »Transzendenz« ausstreckt, meint Gott. Nur, der Begriff der Offenbarung sagt: Umgekehrt! Von dort nach hier. Gott hat sich sozusagen zu uns hin ausgestreckt, Gott sei Dank! Das ist die alles entscheidende Differenz. Das Neue Testament weiß: Gott selber wird menschlich bis zum Tod am Kreuz. Das ist die wunderbare, definitive und unüberholbare Bewegung Gottes auf den Menschen zu. Und das geschieht in Jesus Christus.

Der Auffassung mancher Theologen, die die Weltreligionen als verschiedene Wege zu Gott betrachten, können Sie sich nicht anschließen?
Trowitzsch:
Nein.

Was heißt das konkret für das Gespräch mit dem Islam?
Trowitzsch:
Der Islam irrt, wenn er die im Neuen Testament bezeugte Offenbarung in Jesus Christus durch Mohammed und den Koran überholt sieht. Entsprechendes wird uns vom Islam natürlich genauso entgegengehalten. Die Differenz ist auch nicht auszuräumen. Das heißt nun aber nicht, dass beide sich nicht um Dialog bemühen sollten, um zu verstehen, was die jeweils andere Seite meint. Man kann miteinander auskommen. Und – Christen und Muslime können gemeinsame Projekte in Angriff nehmen. Gegen eine Art Koalition für praktische, ethisch orientierte Zwecke und hilfreiche Maßnahmen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil.

Also Christen und Muslime können gemeinsame Feste feiern oder Projekte planen, aber wenn es um das Allerheiligste geht, darf nichts vermischt werden?
Trowitzsch:
Nein. So viel Begegnung wie möglich, aber von der Wahrheit darf man nicht abrücken. »Multikulti« darf im religiösen Sinne niemals auf Kosten der Wahrheit gehen.

Und die Toleranz?
Trowitzsch:
Ich denke dabei an das treffende Wort Carl Friedrich von Weizsäckers: »Ich werde niemanden zwingen, zu sagen, dass zwei mal zwei vier ist. Ich werde aber auch nicht davon abrücken.« Das ist meines Erachtens eine sehr brauchbare Definition von Toleranz.

Was wünschen Sie sich diesbezüglich für das Reformationsgedenken?
Trowitzsch:
Die Erinnerung an die Reformation ist sehr hilfreich. Es gibt bei Luther eine heftige, bewundernswerte Leidenschaft für die Wahrheit, eben für den Kernpunkt des Neuen Testaments. Insofern muss die heutige Reforma­tionsfeier immer wieder unbedingt den selbstkritischen Rekurs auf die Grundlage des Neuen Testaments enthalten. Dass faule Kompromisse nicht in Kauf genommen werden dürfen, das kann man nun wirklich bei Luther lernen. Für uns als evangelische Christen gilt keine Unfehlbarkeit, weder die der Kirche noch die von Konzilien oder die des Papstes, sondern nur die Unfehlbarkeit der Wahrheit, Jesu Christi, Gottes. Und darum darf und muss immer erneut aufs Neue Testament zurückgegangen werden – so wie es die Reformation intensiv und leidenschaftlich getan hat. Und dort findet sich die zentrale Botschaft: ­Jesus Christus, Mensch und Gott.

Unser tägliches Brot gib uns heute

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ob reales Grundnahrungsmittel oder Symbol: Brot spielt in der Bibel eine wichtige Rolle

Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein«, lehren Mose und ­Jesus. Was keinesfalls heißt, dass das Brot unwichtig ist. Das Gegenteil ist der Fall. Brot spielt in der Bibel eine wichtige Rolle.

Bildnachweis: HLPhoto-Fotolia.com

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Das tägliche Brot: Hierzulande werfen wir genießbare Nahrungsmittel häufig schon in den Müll, weil sie nicht mehr so hübsch aussehen wie gewünscht. Die Erfahrung, dass es mühsam sein kann, sich das tägliche Brot zu erarbeiten, kennen die meisten kaum noch. Menschen in anderen Regionen der Welt erleben diese Mühsal jedoch täglich. Und auch Adam und Eva bekamen sie zu spüren, nachdem sie aus dem Paradies hinausgeworfen wurden. Von nun an hieß es nämlich: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du ­genommen bist.« Hier wie in der Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser geht es nicht einfach um eine schmackhafte Mahlzeit oder darum, satt zu werden. Das Brot steht vielmehr symbolisch für all das, was wir brauchen, um auf dieser Welt (über-) leben zu können. (1. Mose 3, Vers 19, Matthäus 6, Vers 11)

Manna, Manna: Als Mose das Volk durch die Wüste führte, wurde es ­immer unruhiger. Die Leute murrten sogar: Wären wir doch in Ägypten geblieben, »als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu ­essen«. Als Gott mitbekam, dass das Volk Hunger hatte, gab er ihnen trotz der undankbaren Murrerei ein merkwürdiges Brot zu Essen: »Siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israe­liten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu?« – Was ist das? Und Mose antwortete Ihnen: »Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat.« Das Himmelsbrot »war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig«. (2. Mose, 16)

Ungesäuertes Brot: Zum Passahfest essen die Juden in Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten bis heute ungesäuertes Brot. Das zweite Buch Mose schreibt vor: »Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Schon am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern tun.« Erinnern soll dieser Brauch daran, dass den Israe­liten vor ihrer Flucht nicht einmal ­genug Zeit blieb, den Brotteig zuzubereiten: Denn »die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande. Und das Volk trug den ­rohen Teig, ehe er durchsäuert war, ihre Backschüsseln in ihre Mäntel gewickelt, auf ihren Schultern«. (2. Mose 12, Vers 15ff)

Das Reich Gottes gleicht einem Sauerteig: Die einfachsten Beispiele sind oft die eindrücklichsten. Das wusste Jesus und griff in seinen Gleichnissen immer wieder auf Beispiele zurück, die die Menschen aus ihrem Alltag kannten. »Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen?«, fragte er einmal und fuhr fort: »Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.« Für die Menschen damals ein alltäglicher Vorgang, ein klein wenig Sauerteig reicht für eine große Menge Brotteig, lässt ihn schön locker werden und verbessert Geschmack und Verdaulichkeit. Beruhigend die Vorstellung, dass das Reich Gottes unter den Menschen ähnlich wirkt. (Lukas 13, Vers 20ff)

Brotvermehrung: Als Jesus in einer abgelegenen Gegend vor vielen Leuten gepredigt hatte, sagten seine Jünger zu ihm, es ist schon spät und die Menschen sind hungrig, wir aber haben nur fünf Brote und zwei Fische, das reicht nicht für alle. Was sollen wir tun? Jesus jedoch war überzeugt, dass für alle genug da sei. »Er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, ­damit sie unter ihnen austeilten.« Die Menschen aßen gemeinsam und ­wurden alle satt, ja es blieb sogar noch etwas übrig. (Markus 6, Vers 37ff)

Abendmahl: Jesus scheint ein geselliger Mensch gewesen zu sein, der sich mit anderen auch gerne bei einem gemeinsamen Essen unterhielt. Kurz vor seiner Gefangennahme setze er sich noch einmal mit seinen Jüngern zusammen und aß und trank mit ihnen. Bei jeder Abendmahlsfeier ­erinnern sich Christen bis heute an das, was Jesus damals tat und sagte: »Er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.« (Lukas 22, Vers 19)

Uwe Birnstein

Eine Predigt aus Stein

14. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Magdeburg: Domweihe vor 650 Jahren – Deutschlands erste gotische Kathedrale

Mit einer Festwoche erinnert die Domgemeinde Magdeburg ab 18. Oktober an die Weihe ihres Gotteshauses vor 650 Jahren.

Der Grundstein für das monumentale Bauwerk wurde 1209 gelegt. An gleicher Stelle hatte eine romanische Kirche gestanden, bis ein Stadtbrand sie am Karfreitag des Jahres 1207 zerstörte. Ein großer Teil der Ausstattung wurde gerettet und in den Nachfolgebau integriert. Erzbischof Albrecht von Käfernburg legte den Grundstein für den neuen Dom St. Mauritius und Katharina, der den damals modernen, gotischen Formen folgt. Der Magdeburger Dom gilt als erster gotischer Sakralbau auf deutschem Boden. Bedeutung hatte und hat er auch als Grablege Kaiser Ottos I. Zu den jüngeren Erkenntnissen über die Geschichte des Dombaus, die archäologische Grabungen in den vergangenen Jahren erbrachten, gehört die Tatsache, dass im Sarkophag im Chorumgang tatsächlich Ottos erste Gemahlin Editha bestattet ist.

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

Gern wird erzählt, dass Albrecht ­eigens die Achse des Neubaus gegenüber dem Vorgängerbau ein Stück verlegen ließ, damit auch wirklich gotisch gebaut wird. In der Tat lässt sich am Magdeburger Dom gut ein Übergang von romanischen zu gotischen Formen von unten nach oben und von Ost nach West verfolgen. Den Ostabschluss des Chores prägen noch die schweren romanischen Formen, während sich nach oben, im sogenannten Bischofsgang, und dann weiter nach Westen immer mehr die aufstrebende, leichtere Gotik durchsetzt. Albrecht hatte vor dem Dom-Neubau in Frankreich die moderne Bauweise kennengelernt und sie wohl in Magdeburg für »seine« Kirche haben wollen. Mit einer Länge von 120 Metern und einer Deckenhöhe von 32 Metern beeindruckt das Gotteshaus seine Besucher noch heute – wie eine Predigt, in Stein gemeißelt.

Es gelang jedoch nicht, das Bauwerk in einem Zuge zu errichten. Ein Schicksal, das der Magdeburger Dom mit vielen Kirchen teilt. Schriftlich belegt ist eine Bauunterbrechung Ende des 13. Jahrhunderts.

Es dauerte 154 Jahre, bis Chor und Langhaus vollendet waren. Am 22. Oktober 1363 weihte Erzbischof Dietrich von Portitz den Dom. Erzbischof Otto von Hessen, der zwei Jahre zuvor gestorben war, hatte den Bau maßgeblich vorangetrieben. Sein Bild ist auf dem letzten Schlussstein vor der großen Orgel verewigt. Und am Eingang des südlichen Chorumgangs ist seine Grabplatte zu finden. Dietrich von Portitz stiftete und weihte den Hochaltar und das Chorgestühl und veranlasste den Einbau farbiger Fenster. Diese sind nicht mehr vorhanden, während das geschnitzte Gestühl noch heute die Besucher mit seinem reichen figürlichen Schmuck fasziniert. Erzbischof Dietrich ist im Hohen Chor bestattet.

Die Vollendung des Domes mit der Westfassade und den beiden 100 Meter hohen markanten Türmen dauerte bis 1520. Da hatte sich Erzbischof Ernst von Sachsen (1464–1513) bereits seine Grablege direkt hinter dem großen Westportal in die Turmvorhalle bauen lassen.

Seitdem ist das Westportal nur noch selten geöffnet worden; der Haupteingang befindet sich im nördlichen Seitenschiff. Nach langer Tradition zieht die Gemeinde nur zur Osternacht und zur Amtseinführung eines neuen Bischofs durch das ehemalige Hauptportal. Allerdings war das vor vier Jahren, als Landesbischöfin Ilse Junkermann eingeführt wurde, wegen Bauarbeiten nicht möglich. Erst zu Ostern 2013 fielen nach acht Jahren die Baugerüste an der Westfassade.

Die 650-Jahr-Feier der Domweihe ist nun wieder ein Anlass, das Westportal zu öffnen. Zum Festgottesdienst am 20. Oktober zieht die Gemeinde wie vor 650 Jahren durch ­dieses prächtige Tor in den Dom.

Renate Wähnelt

Die Festwoche

18. Oktober, 12.30 Uhr: »Klick – Der Dom im Kleinformat« – Eröffnung ­einer Ausstellung mit Fotos, mit denen Abiturienten des Ökumenischen Domgymnasiums im Kunstunterricht ihre Sichten auf den Dom zeigen; Ausstellung der 1612 und 1613 gedruckten prächtigen Gottesdienstbücher
20. Oktober, 10 Uhr: Festgottesdienst, gestaltet von Domprediger Giselher Quast und Prädikant Stephen Gerhard Stehli
20. Oktober, 20 Uhr: »Das Spiel vom Magdeburger Dom« – Theateraufführung des Ensembles der Magdeburger Domgemeinde über das Baugeschehen im 13. Jahrhundert (Hoher Chor)
22. Oktober, 18 Uhr: Vespergottesdienst am Tag der Domweihe; Beginn im Hohen Chor, dann der Baugeschichte folgend an der Turmvorhalle endend
22. Oktober, 19 Uhr: Vortrag des Architekturhistorikers Dr. Joachim Todenhöfer (Halle) über die Ausstattung eines Domes im 14. Jahrhundert (Große Sacristei)

www.magdeburgerdom.de

Polen: Evangelische Kirche in 24 Stunden erbaut

9. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Man nehme 100 Helfer plus einige Baumaschinen plus Baumaterial mal 24 Stunden und erhält eine Kirche. Diese Rechnung ging kürzlich in dem polnisch-pommerschen Städtchen Skarszewy (Schöneck) auf. Von Freitag, 14. September, kurz vor Mitternacht bis zum darauffolgenden Tag um Mitternacht wurde der Nachbau einer evangelischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert erstellt. Das Gotteshaus besteht, wie es auf Polnisch heißt, nach »preußischer Art« aus einem Sockel aus Ziegelstein und einem Oberbau aus Fachwerk. Das Original wurde ursprünglich 1741 erbaut – ebenfalls in 24 Stunden.

Damals war ein Vorgängerbau durch einen Brand zerstört worden. Der verantwortliche Prediger Johann Christoph Weise fürchtete jedoch, dass August III., Sohn August des Starken, der das polnische und katholische Königreich regierte, den Bau eines evangelischen Gotteshaus nicht erlauben würde. Weise bat die Lutheraner der freien Stadtrepublik Danzig um Hilfe. Der Rat der Stadt zeigte sich kooperativ und spendete 900 Floren (Gulden). Das Baumaterial auf 131 Fuhren verteilt, wurde aus dem 40 Kilometer entfernten Danzig geliefert, bewacht von 94 Soldaten, die gleichzeitig Arbeiter waren, hinzu kamen 24 Zimmerleute, zwölf Maurer und weitere 20 Helfer aus der Hansestadt.

Fertig in 24 Stunden: der Kirchennachbau von Skaszewy. Foto: R.L i M. Miskow

Fertig in 24 Stunden: der Kirchennachbau von Skaszewy. Foto: R.L i M. Miskow

Die Nachricht vom unerlaubten Schnellbau machte schnell die Runde in der Region. Die Kunde drang auch zum aus Sachsen stammenden König. Dieser konnte jedoch mittels einflussreicher Persönlichkeiten von Maßnahmen gegen die Gemeinde abgehalten werden. Im Jahre 1881 wurde der zwölf Meter lange und 27 Meter hohe Kirchbau dann doch abgerissen, da er zu klein war und einer großen Backsteinkirche weichen musste.

Diese Geschichte, die lange nur einen Legendencharakter hatte, wurde vor zehn Jahren durch Nachforschungen von Ewald Zimmermann, eines Einwohners von Skarszewy, in verschiedenen Archiven dokumentiert. Den derzeitigen örtlichen katholischen Propst Dariusz Leman begeisterte der Husarenstreich derart, dass er die Kommune überzeugen konnte, den 24-Stunden-Bau zu wiederholen. Für die Aktion waren monatelange Vorbereitungen nötig.

Der Geistliche hofft nun, dass die geleistete Arbeit das Gemeinschaftsgefühl der Bewohner stärken werde. Die Kirche selbst wird zu einem katholischen Gotteshaus geweiht und soll als solches genutzt werden. Allerdings will Leman »mindestens einmal im Jahr« auch einen ökume­nischen Gottesdienst mit den Lutheranern feiern, wie er auf Nachfrage versichert.

Von einem eher monetären Nutzen schwärmen dagegen mittlerweile der Bürgermeister und einige Bewohner des Ortes. »Eine fantastische Visitenkarte« für die Kleinstadt mit rund 15000 Einwohnern sei das Gebäude, das Touristen in das strukturschwache Gebiet locken könne. Das Guinness-buch der Rekorde wurde schon benachrichtigt, Multimediavorführungen innerhalb des Kirchbaus sind geplant.

Jens Mattern

Die Bockwurst auf dem Erntedank-Altar

9. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Schöpfung: »Herr, du hilfst Menschen und Tieren …« – Tierschutz ist auch eine geistliche Herausforderung

Am 4. Oktober, zwei Tage vor dem diesjährigen Erntedankfest, am Tag des heiligen Franziskus von Assisi, ist Welttierschutztag.

Tierasyle tragen den Namen des Franz von Assisi und er ist jener, der den Auftrag Jesu, »Gehet hin und predigt das Evangelium aller Kreatur«, ganz wörtlich nahm. Er predigte Vögeln und Fischen die Liebe des Schöpfers. Der rationale Mensch von heute mag fragen, ob denn die Geschöpfe den Franziskus auch »verstanden« hätten. Zweifellos haben Tiere eine Gottesbeziehung: Die Kreatur lobt und preist den Schöpfer in den Psalmen und nur zu oft im geistlichen Lied: »Zu dir, zu dir ruft Mensch und Tier« (EG 509). Doch die Lieder sind fromme Übung, mehr nicht. Ein Gefühl der Solidarität mit der Mitkreatur ist daraus nicht erwachsen.

Foto: racamani – Fotolia.com

Foto: racamani – Fotolia.com

Zum Welttierschutztag finden seit einigen Jahren landesweit Friedensgebete oder Mensch-Tier-Gottes­dienste statt: Mensch und Hund oder wer immer das Leben mit uns teilt, vereint vor dem Schöpfer. Tiere sind uns Menschen tief verwandt. Was für die moderne Biologie eine Binsenweisheit ist, hat Luther bei seinem Hund Tölpel gelernt: »Das allertreueste Tier ist der Hund, er kommt dem Menschen in Weisheit und Gelehrigkeit am nächsten, er versteht menschliche Worte und wenn er sprechen könnte, was fehlte ihm dann?« Und ­jeder, der zu Hause ein Tier hat oder als Kind das Glück, mit einem solchen aufzuwachsen, kann die Seelenverwandtschaft erfahren. Schöpfungsgottesdienste künden etwas vom Universum des Lebens, zu dem auch der Mensch gehört, als nur eine Art unter vielen. »Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat, samt allen Kreaturen …«: Worte des Katechismus gewinnen sichtbare Gestalt.

Aber Tiere in der Kirche? Manch christlicher Seele ist das ein Affront. Akzeptiert sind sie allein im Bockwurstglas auf dem Erntedankaltar. Tiere gehören in den Stall, nicht in die Kirche, auf den Teller und nicht in die Moral. »Mitgeschöpfe« nennt sie das säkulare Tierschutzgesetz würdevoll und ist der Religion weit voraus, denn kirchlicher Sprache ist dieses Wort fremd. Die christliche Kultur, so Albert Schweitzer, »hat zwischen uns und die Tiere eine chinesische Mauer gebaut«.

»Dass einmal das Wort Tierschutz erfunden werden musste, ist eine der blamabelsten Angelegenheiten menschlicher Entwicklung«, so Theodor Heuss. Wovor sollten Tiere geschützt werden? Vor Naturkatastrophen etwa? Es ist der Schutz vor der Grausamkeit des Menschen. Sie sind die Schwächeren und bekommen die volle Gewalt des biblischen Gebotes »Macht euch die Erde untertan« zu spüren. In der industrialisierten Landwirtschaft sind Tiere bloßes Objekt: »Tierproduktion«, »Tiermaterial« – das ist die kalte Sprache der Ausbeutung! Puten, die von ihren Fleischmassen zu Boden gedrückt werden oder das Brüllen der Kälbchen, die sofort nach der Geburt von den Müttern getrennt werden: In den Gottesdiensten zum Welttierschutztag kommt dieses Elend zur Sprache.

Es haben sich mittlerweile Liturgien entwickelt: Der 36. Psalm als Schöpfungsdank, dieser steht am ­Anfang. Im Kyrie wird die Klage der geschundenen Kreatur hörbar, das Gloria sind Hoffnungsgedanken, oft aus Literatur und Poesie, denn die sind voller Gefühl für die Kreatur. Das Lied Reinhard Meys, »Die Würde dies Schweins ist unantastbar«, kann tief berühren. Biblische Texte werden neu entdeckt, vom Noahbund bis zum ­Samariter, der sich des Gewaltopfers erbarmt. Im diesjährigen Friedens­gebet am Montag, 7. Oktober, in der Nikolaikirche in Leipzig ist es die fundamentale Goldene Regel Jesu: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.« Die Fürbitten geben im wahrsten Sinne des Wortes »Stimmlosen eine Stimme« (Sprüche 31,8) und die Gottesdienste sind seit Jahre getragen von der Hoffnung, dass sich das Menschenherz erweichen lässt.

Ulrich Seidel

Dr. Ulrich Seidel ist Pfarrer in Brandis bei Leipzig und 1. Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere (AKUT).

www.aktion-kirche-und-tiere.de

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

Mehr als Äpfel und Kartoffeln

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ernte-Dank: Wenn die Bibel von Ernte spricht, dann ist oft anderes gemeint als Feldfrüchte

Alle Jahre wieder: Unsere Kirchen werden wunderbar geschmückt! In den Dörfern bringen die Menschen, die das »Leben auf der Scholle« noch kennen, dankbar ihre Gaben aus Garten und Feld in die Gemeinden. Und in den Städten werden die Supermärkte nach BIO-Gemüse durchsucht, um für die Ausschmückung der Kirche einen adäquaten Schmuck ­beisteuern zu können. Viele unserer Kirchen verwandeln sich dank des enormen Engagements unserer Gemeindeglieder in liebevoll gestaltete Abbilder einer wunderbaren Schöpfung.

In Medien und Kirchennachrichten tauscht man sich über »biologischen oder nichtbiologischen Anbau« von Kartoffeln etc. aus oder diskutiert die Frage, ob der Genuss von Fleisch für Christen okay ist. Ja es ist Erntedankfest, das Highlight des Jahres, um sich mal wieder über Ernährungsgewohnheiten und den sachgerechten Umgang mit der Schöpfung einen Kopf zu machen. Zu Recht!

Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Matthäus 9,37-38. Foto: ARTENS – Fotolia.com

Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Matthäus 9,37-38. Foto: ARTENS – Fotolia.com

Doch die Bibel verwendet »Ernte« eben nicht nur für das Einbringen der Feldfrüchte, vielmehr reden die Propheten des Alten Bundes genauso wie der Stifter des Neuen von der »Ernte von Menschen«. Jesus hält lange Reden darüber, wie denn diese »Ernte am Tag des Herrn« aussehen mag und er schreibt seinen engsten Mitarbeitern ins Poesiealbum: »Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.« (Matthäus 9,38, Lukas 10,2)

Jesus geht es darum, dass Menschen durch ihn und seine Mitarbeiter den Weg zu Gott als Vater, Freund und Schenker ewigen Lebens finden und er macht kein Hehl daraus, dass sich dies in seiner Gemeinde, unter seinen Nachfolgern abspielt. Wenn er also von Ernte redet, dann meint er damit die Antwort auf die Frage: Wen habt ihr mit meiner Frohen Botschaft erreicht, wer hat sein Leben geändert und ist Teil meiner Gemeinde geworden?

Mich macht es traurig, dass wir in unseren Landeskirchen von dieser Ernte im Sinne von Jesus immer weniger reden. Wir finden uns damit ab, dass wir weniger werden und benennen durchaus plausible Gründe dafür: die Demografie, den Wertewandel und die Emanzipation einer postmodernen Gesellschaft. In Pfarrkonventen und Mitarbeiterbesprechungen wird das Wort Ernte im Sinne der Neu- oder Wiedergewinnung von Menschen für Jesus und unsere Gemeinden gern ausgespart, weil wir ja »nicht auf Zahlen schauen« wollen.

Jesus ist da anders. Er tut es. Er geht Menschen nach, er fordert seine Mitarbeiter auf, Jünger/Nachfolger zu »machen« (Matthäus 28,19) und hat dabei ebenso wenig ein schlechtes Gewissen wie der Schreiber der Apostelgeschichte als er von den Missionserfolgen der ersten Gemeinden berichtet.

Wir hingegen tun uns schwer damit, darüber zu reden, ob und wie unsere Gemeinden wachsen. Es gibt keine konsequente Aufarbeitung zurückgehender Gemeindegliederzahlen außer der, dass es alle paar Jahre eine »Strukturanpassung« gibt, in der dann die Stellen der Verkündigungsdienstmitarbeiter zusammengestrichen werden.

Jeder Landwirt ist angehalten, seine jährliche Ernte genau zu benennen und niedrigeren Erträgen im kommenden Jahr mit strategischen Entscheidungen für eine bessere Ernte entgegenzusteuern. Tun das ­unsere Kirchengemeinderäte und Kirchenvorstände? Passiert das in Kirchen­bezirks- und Landessynoden? Erarbeiten wir Konzepte für eine »bessere Ernte«? Meine Beobachtung ist: Flächendeckend tun wir das nicht, eher sogar noch auf »höheren Ebenden« als in den Gemeinden vor Ort!

Unserem »Gemeindeführungspersonal« – gut ausgebildet und meist hoch motiviert – wird nur wenig Evaluation und Innovation abverlangt. Eine Auswertung rückläufiger Zahlen in der Gemeindearbeit geschieht nur bedingt und Wachstum gegen den Trend erfährt schnell Beargwöhnung.

Dabei bedeutet eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen kein kapitalistisches Wirtschaftsdenken, sondern eine zutiefst geistliche Ausrichtung der Gemeindearbeit: Traue ich a) Gott zu, dass er auch heute noch Menschen mit dem Evangelium erreichen kann und streben unsere Gemeinden b) nach einem Umfeld, in dem das in der Postmoderne möglich ist?

Da ich ahne, dass meine Zeilen auch Widerspruch hervorrufen, lade ich uns alle trotzdem weiter zum Gebet ein, dass »der Herr der Ernte« nicht nur Arbeiter in diese sende, sondern dass er eine Ernte im beschriebenen Sinne in Mitteldeutschland wieder schenken möge.

Jens Buschbeck

Der Autor ist Pfarrer in Zwickau.

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Das Hemd des Glücklichen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bühnenkunst: Premiere auf dem Kirchentag in Jena – das Theater der Generationen aus Halberstadt

Wie die gemeinsame Arbeit an einem Bühnenstück zur erfolgreichen Begegnung der Generationen wird, zeigt ein Theaterprojekt aus Halberstadt.

Ich trage schwer an meinem Glück!«, ruft der eben von seinem Meister entlassene Handwerksgeselle aus, als er seinen Lohn, einen Goldklumpen, nach Hause schleppt. Nach und nach verliert der Tollpatsch all seine Habe, die er immer wieder gegen andere ihm lohnenswerter erscheinende Dinge eingetauscht hat und steht am Ende ohne jegliche materielle Güter da. Jedoch: Erst jetzt fühlt er sich als der glücklichste Mensch der Welt. Doch damit nicht genug, er kann auch noch einen kranken König heilen, indem er ihm sein Hemd vermacht.

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Von Grundschülern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen beteiligt: Das Theater der Generationen aus Halberstadt hat seine eigene Adaption des Märchens vom Hans im Glück erarbeitet. Foto: Jürgen Scheere

Die Anleihen bei den Brüdern Grimm sind unschwer zu erkennen, aber da ist etwas, das diese Aufführung des Theaterzirkels des evangelischen Kirchenkreises Halberstadt zu etwas anderem macht als eine klassische Märcheninszenierung. So sind durch die beteiligten Konfirmanden durchaus moderne Themen aus schulischem Alltag und Freizeit eingeflossen. In den miteinander verwobenen Spielsequenzen klingen Probleme wie Mobbing, Außenseitertum, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit an, gleichzeitig auch der Wunsch junger Menschen nach Veränderungen alter Strukturen.

Vom Grundschüler bis zur Rentnerin sind alle Altersklassen auf der Bühne vertreten. Christa Strube (77), eine der Darstellerinnen aus dem Theaterkreis, berichtet: »Wir wollten den Bezug zu Gegenwart und Zukunft haben. Wir haben uns gegenseitig befragt: Wo drückt dein Schuh? Und durch diese Gruppenarbeit haben wir das Stück wachsen lassen.«

Dass jede Generation ihre eigenen Sorgen hat, sich die Vorstellungen von einem glücklichen Leben aber ähneln, war eine Erkenntnis, die die Schauspielerinnen und Schauspieler im Austausch miteinander als Bereicherung sehen konnten. Theaterpädagogin Anja Grasmeier betont, man habe das Theaterstück extra für den Kirchentag einstudiert. Des Mottos »Mit einem Fuß im Paradies« haben sich die Laienschauspieler angenommen, um ihre ganz eigene Bühnenfassung des Hans-im-Glück-Märchens zu entwickeln.

Die Synergieeffekte der generationenübergreifenden Arbeit hebt auch der mit dem Theaterkreis aus Halberstadt angereiste Gemeindepädagoge Christian Lonzek hervor. Jede Gene­ration bringe ihre Stärken und Erfahrungen in die Runde ein. Wichtig sei ihm: »Man nimmt sich wahr.« Da komme es schon des Öfteren vor, dass die Jungen und die Alten gemeinsam Kuchen essen, den die Senioren vorher gebacken haben, so Lonzek.

Die Idee eines Theaters der Generationen stammt vom Halberstädter Pfarrer Torsten Göhler, den die stete Trennung nach Altersgruppen in der Gemeinde störte. Hier würden viele Potenziale, wie die des gemeinschaftlichen Bühnenspiels, nicht genutzt. Dass mit einer altersgemischten Begegnung auch Hemmschwellen abgebaut und Toleranz füreinander aufgebaut werden, sind langfristig ein sinnvoller und freudiger Zusatzgewinn.

Es sind die kleinen scherzhaften Einlagen, die neckischen Kostüme und das Ineinanderfließen aktueller Stoffe in Kombination mit dem Märchenhaften, die diese Theaterinszenierung auszeichnen. Das Konzept geht auf und findet Interessenten. Anja Grasmeier erzählt stolz: »Wir ­haben schon weitere Anfragen, unser Stück aufzuführen.«

Ulrike Unger

Grün ist meine absolute Lieblingsfarbe

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorige Woche hätte ich noch unter dem Verdacht verdeckter Wahlwerbung gestanden – jetzt kann ich der Hildegard von Bingen offen zustimmen: »Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün. Aus lichtem Grün sind Himmel und Erde geschaffen und alle Schönheit der Welt.« Das hat die wieder sehr populär gewordene Mystikerin vor 1000 Jahren gesagt und es wird – wenn diese Erde dann noch steht – auch in 1000 Jahren seine Gültigkeit haben. Nicht rot, gold, blau oder gelb, die ­bevorzugten Farben der mittelalterlichen Malerei, spielen bei ihr eine Rolle. Für sie ist grün die heilige Farbe. Sie steht für die Schöpfung, für Zeugung und Heilung und kommt vor in allem, was lebt. Hildegard von Bingen spricht von der »Grünkraft Gottes«, der »Herzkraft himmlischer Geheimnisse«.

Christine Lässig

Christine Lässig

Grün ist für die Augen gut, hat unsere Idel-Oma immer gesagt. Und das galt bei ihr für Spinat ebenso wie für den Blick ins Freie. Dabei hätte sie sich direkt auf die heiliggesprochene Nonne und Kirchenlehrerin beziehen können – wenn sie die Frau gekannt hätte. »Es soll der Mensch hinaus gehen auf eine grüne Wiese und sie so lange anschauen, bis seine Augen wie vom Weinen nass werden: Das Grün dieser Wiese nämlich beseitigt das Trübe in den Augen und macht sie wieder sauber und klar.« Vielleicht gilt ja nicht nur für gestresste Augen, sondern auch für gestresste Seelen, dass sie dann wieder klar sehen können. Naturliebhaber und Gartenfreunde sind jedenfalls überzeugt davon.

»Die ganze Natur ist eine Melodie, in der eine tiefe Harmonie verborgen ist«  Johann Wolfgang von Goethe

Hildegard von Bingen ist eine Mystikerin aus dem Mittelalter und für nüchterne Leute von heute schwer zu verstehen. Aber die Grünkraft Gottes ist ein Thema, zu dem Menschen aller Zeiten und jeder Generation Zugang haben – mehr oder weniger. Das ist ein weites Feld, und man könnte jahrelang darüber schreiben. Muss es aber nicht. Deswegen setze ich meinerseits einen Punkt und beende nach 40 Folgen die Reihe der kleinen Gärtnereien. Genießen Sie Gottes schöne Welt, freuen Sie sich über die Oktobersonne, bunte Blätter und reife Früchte. Und seien Sie versichert: Nach ein paar Monaten wird alles wieder grün.

Christine Lässig