Ein Präsident als Kirchenverbesserer

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Weißrussland: Die durchaus loyale orthodoxe Kirche soll nach Lukaschenkos Willen noch staatsnäher werden

Als gut angepasst und staatstreu gilt sie, die Weißrussisch-Orthodoxe Kirche, der in etwa 80 Prozent der 9,5 Millionen Menschen in Weißrussland angehören. Doch neuerdings ist der Präsident missgestimmt, wenn es um »seine« Kirche geht.

Trotz aller Verbundenheit: In einer jüngst gehaltenen Rede äußerte Staatspräsident Alexander Lukaschenko erstmals deutliche Kritik an der Kirche. Wenn auch »konstruktive« Kritik: Die Gottesdienste und Predigten seien zu lang, moniert er. Aus Rücksicht auf die alten Mütterchen müsse man sie kürzen. Auch sollten keine zu großen Kirchengebäude mehr gebaut werden, die würden die Menschen »erdrücken« und, was wohl am schwersten wiegt, die Kirche müsse »staatsnäher« sein.

Präsident mit unbegrenztem Selbstbewusstsein: Alexander ­Lukaschenko bei einer Pressekonferenz, nachdem er im Dezember 2010 zum vierten Mal in Folge gewählt wurde. Foto: picture alliance

Präsident mit unbegrenztem Selbstbewusstsein: Alexander ­Lukaschenko bei einer Pressekonferenz, nachdem er im Dezember 2010 zum vierten Mal in Folge gewählt wurde. Foto: picture alliance

Inspiriert sei Lukaschenko, der sich selbst »der letzte Diktator Europas« nennt, durch die Reformbemühungen des neuen Papstes. Befürchten muss er von der Kirche, die formal dem Patriarchen von Moskau untergeordnet ist, kaum etwas. Die Russisch-Orthodoxe Kirche, deren sakrale Gebäude in den 30er Jahren in der Sowjetunion vielerorts in die Luft gesprengt wurden, überlebte durch Anpassung an den Staat. Ihre Geistlichen wurden durch den KGB überwacht, zum Bespitzeln gezwungen und unter Druck gesetzt.

Der »orthodoxe Atheist« ist seit 1994 Präsident

Mit Lukaschenkos Amtsantritt als Präsident 1994 trat in Weißrussland nach einer kurzen Phase der Demokratie wieder ein repressives System in Kraft, mit dem aus der Sowjetunion bekannten Personenkult. Alexander Lukaschenko bezeichnet sich zwar selbst als Atheisten, jedoch einen »orthodoxen Atheisten«. Was gesellschaftliche Moralvorstellungen angeht, gilt er klar als ein Konservativer. Das zeigt beispielsweise seine strikte Ablehnung von Homosexuellen. Zwischen Staat und orthodoxer Kirche besteht zudem ein Konkordat.

Die Kirche akzeptierte ihre Rolle als eine Institution, die sich aus der Politik heraus hält aber zugleich ein wichtiger Bestandteil der Kultur des Landes ist. Dennoch nannte Lukaschenko sie schon den »Chefideologen des Landes«.

Und auf der anderen Seite bedachte die Kirche etwa 2006 den ­Präsidenten auch schon mal mit kirchlichen Auszeichnungen. So im Jahr 2006, als der Minsker Metropolit Filarek Lukaschenko mit dem hohen Orden des »Kyrill von Turau« bedachte, benannt nach einem ortho­doxen Theologen aus dem Hochmittel­alter. Verbunden mit der Bitte um »weiteres Mühen um das Wohl des Vaterlandes«. Und in diesem Jahr tat sich ein Mönch namens Mikolaj hervor, der eine Monarchie in Weißrussland forderte und Lukaschenko für das Amt des Zaren vorschlug.

Katholische Spione und westliche Verderbtheit

Den anderen Religionsgemeinschaften in Weißrussland ergeht es allerdings anders. Die katholische Kirche wurde lange toleriert, ihr gehören ­immerhin etwa zwölf bis 14 Prozent der Bevölkerung an. Auch stellt sich der Vatikan gegen die »Verderbtheit der modernen Gesellschaft«, gegen die Lukaschenko vorgeht. Allerdings gehören viele Katholiken der polnischen Minderheit an, die eine potenziell oppositionelle Haltung gegenüber der Regierung einnimmt. Derzeit hält der weißrussische KGB einen Jesuiten fest und Lukaschenko feierte dessen Verhaftung als Erfolg gegen ­einen »Spion«.

Noch problematischer ist die Situation der unierten Kirche, die einen orthodoxen Ritus pflegt, jedoch dem Vatikan untersteht. Ihre wenigen verbliebenen Besitztümer sind ständig in Gefahr, der Russisch-Orthodoxen Kirche überschrieben zu werden und ihre Mitglieder sind auf Spenden aus dem Ausland angewiesen. Von Enteignung sind auch die protestantischen Gruppen bedroht, die dem Staat als unerwünschte Repräsentanten des fremden Westens gelten.

Doch was treibt nun Lukaschenko, die orthodoxe Kirche in seinem Land neuerdings an die kurze Leine nehmen zu wollen? »Lukaschenko ist beleidigt, da er zur 1025-Jahrfeier der Christianisierung in Kiew nicht eingeladen wurde«, so Alaksei Dzikavitski, Nachrichtenchef des regimekritischen Senders »Belsat« im Gespräch. Diese Information habe er aus informellen Quellen. Vor 1025 Jahren hat sich der russische Fürst Wladimir taufen lassen. Die Feier am 27. Juli dieses Jahres wurde von der Russisch-Orthodoxen Kirche unter dem Moskauer Patriarch Kyrill I. ausgerichtet.

Der seit 1994 ununterbrochen ­regierende weißrussische Präsident steht aber auch wirtschaftlich unter Druck. Das Land leidet seit 2011 unter einer Krise. Innerhalb eines Jahres ging das Exportgeschäft mit EU-Ländern um die Hälfte zurück. Dies führt zu mehr Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

Um nun die orthodoxe Kirche noch mehr an den Staat zu binden, soll ihr der staatsnahe »Weißrussisch-Republikanische Bund der Jugend« unter die Arme greifen, wie es die weißrussischen Medien Anfang August vermeldeten. In gemeinsamen Projekten sollen Restaurierungen von Kirchengebäuden umgesetzt sowie Wanderwege zu heiligen Stätten ausgebaut werden. Denn für die weißrussische Jugend sei es »höchste Zeit«, mit dem kulturellen und geistlichen Erbe der orthodoxen Kirche vertrauter zu werden, hieß es in einer gemeinsame Erklärung von Kirche und Jugendverband.

Jens Mattern

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