Wenn Väter im Knast sitzen

30. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Berichtet: Einen ungewöhnlichen Familientag organisierte Pfarrerin Barbara Sonntag in der Hallenser Justizvollzugsanstalt

Kinder brauchen Väter. Väter, die Geborgenheit und Liebe schenken, die aber auch stark sind, mutig und ­gerecht. Väter, die da sind, wenn Kinder sie brauchen. Doch was ist, wenn Papa im Gefängnis sitzt?

Kinder erziehen, ihnen Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben, ist schon unter »normalen« Umständen kein leichtes Unterfangen. Um wie viel schwieriger jedoch, wenn Väter als verurteilte Straftäter im Knast sitzen, während Frauen und Kinder versuchen müssen, »draußen« allein über die Runden zu kommen. Zudem: Viele Inhaftierte hatten selbst keinen solchen Vater oder eine Familie, die Rückhalt bot. Sie wissen oft nur wenig darüber, wie Partnerschaften und Familie harmonisch und gut funktionieren können.

Die Einsamkeit der Frauen und Kinder sowie die Hilflosigkeit der Väter, bewegten die Hallenser Pfarrerin Barbara Sonntag zu einem Familientag im Knast. Ein gemeinsamer Nachmittag, in lockerer Runde, mit Zeit für die Kinder. Das Familientreffen entstand aus einer Seminarreihe für inhaftierte Väter. In der Vätergruppe lag der Schwerpunkt darauf, die Kinder sachlich zu informieren, ihnen Vorbehalte zu nehmen und Selbstwertgefühl zu geben. Sie sollen wissen, wo ihre Väter sind und warum. Vor allem sollen sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren.

»Es sind nicht nur die Väter bestraft, sondern leider auch die Frauen und Kinder«, resümiert Pfarrerin Sonntag. Nicht selten ziehen sich Freunde und Verwandte zurück, Geldnöte machen den Müttern zu schaffen. Die Kinder sehen sich in Schule und Freizeit mit Fragen konfrontiert oder werden von anderen ­herabgesetzt. Hier die Familien zu stärken ist das Ziel des Familientags.

Am vergangen Sonnabend, 21. September, war es schließlich soweit. Am Haupttor der Justizvollzugsanstalt »Roter Ochse« in Halle sammelten sich um die Mittagszeit junge Mütter mit ihren Kindern. Kaum eines älter als zehn Jahre. Sie warten, bis sie eingelassen werden in das riesige rote Gebäude, in dem hohe Mauern und Gitter dominieren. Eine kleine Schar ist es, rund 20 Väter, Mütter und Kinder werden es am Ende sein.

Vergittert: Die Justizvollzugsanstalt in Halle wird im Volksmund schon seit dem 19. Jahrhundert als »Roter Ochse« bezeichnet. Foto: picture alliance

Vergittert: Die Justizvollzugsanstalt in Halle wird im Volksmund schon seit dem 19. Jahrhundert als »Roter Ochse« bezeichnet. Foto: picture alliance

Die Justizvollzugsbeamten führen die Frauen und Kinder hoch hinauf unter das Dach. Dort befindet sich die große Halle, in der die Kirche ihren Platz hat. An diesem Tag sind die Stuhlreihen zum Teil weggeräumt. An die freie Stelle wurden Tische und Stühle so verteilt, dass jede Familie ­einen eigenen hat. Die Tische sind ­geschmückt. Für jeden haben die Männer ein entsprechendes Namensschild, Malsachen und bunte Servietten vorbereitet.

Die Frauen und Kinder sitzen an diesem Sonnabend zunächst in den verbliebenen Stuhlreihen. Endlich werden die Väter heraufgeführt, und es gibt Szenen liebevoller Umarmungen und Küsse. Babys werden geherzt, Kinder gedrückt und gestreichelt. Paare liegen sich in den Armen.

Dann ergreift Pfarrerin Barbara Sonntag das Wort. Sie begrüßt die ­Familien herzlich und stellt ihre Mitarbeiterinnen vor. Ein christliches Kinderlied wird angestimmt und alle singen mit. Es herrscht eine heitere Stimmung. Die vergitterten Fenster und die Vollzugsbeamten, die den Raum bewachen, geraten in Vergessenheit. Es fühlt sich an wie überall, wo Familien sich treffen, um Gemeinschaft zu haben.

Barbara Sonntag und ihre Mitarbeiterinnen möchten genau dieses Gefühl erzeugen. Ein Stück Normalität und ein Rahmen familiärer Nähe. »Für viele Insassen ist der Knast nicht nur eine Bestrafung«, sagt sie »oft sind sie hier nach langer Zeit zum ersten Mal wieder clean.« Das heißt, ohne ­Alkohol oder andere Drogen. Viele haben einen schwierigen sozialen Hintergrund, kommen aus der Beschaffungskriminalität und von der Straße. Doch manch einem Vater wird hier auch bewusst, wie viel ihm die Familie bedeutet. Die Sehnsucht nach einem normalen Leben mit Frau und Kindern keimt auf. Die Sehnsucht nach Veränderung und Erneuerung.

Dafür sieht Pfarrerin Sonntag eine reelle Chance. Sie als Person steht dabei vor allem für menschliche Nähe, Vorurteilslosigkeit und Verlässlichkeit. Die Gefangenen respektieren sie, vertrauen ihr und suchen ihre Hilfe. Allerdings bewegen sich die Dinge in sehr irdischem Rahmen. Die Frage nach Gott oder nach Schuld und Sühne steht nicht im Vordergrund. In den Gesprächen, die die Insassen mit der Pfarrerin suchen, geht es vielmehr um menschlichen und sozialen Kontakt. Es geht um den Haftalltag und um die Sorge, wie es draußen werden wird.

Micha Willmer sitzt am Tisch mit seiner Lebensgefährtin und den beiden gemeinsamen Kindern. Sein Sohn ist zehn und seine Tochter noch ein Kleinkind. Er ist für zwei Jahre ­wegen wiederholter Trunkenheit am Steuer inhaftiert. In der Vätergruppe ist er besonders aktiv. Er will es schaffen und in Zukunft ein normales Leben führen. Sich eine Arbeit suchen und seine Familie versorgen. Auch ein anderer Vater zeigt sich optimistisch: »Es ist alles schon geplant. Sobald ich draußen bin, nehme ich mein Leben in die Hand, und es soll ein gutes Leben werden.« Er wünscht sich noch ein Kind. Inhaftiert wurde er wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung unter Alkoholeinfluss.

Nach einer gemeinsamen Zeit verlassen die Frauen den Kirchenraum zu einem Erfahrungsaustausch. Die Väter spielen derweil mit ihren Kindern. Dazu bekommen sie zusätzliche Anregungen und Ideen von den Sozialarbeiterinnen und Ehrenamtlichen aus dem Team um Pfarrerin Sonntag. In ihrer Frauenrunde haben die ­Mütter die seltene Gelegenheit, mit Gleichgesinnten zu sprechen. Hier kommen endlich einmal all die Sorgen und Nöte auf den Tisch, für die sonst kaum jemand Verständnis hat.

Zu einem Straftäter zu halten, kostet die Frauen Mut und Kraft. Und welche Wahl haben die Kinder? Die Stimmung unter den Frauen erscheint nicht so positiv wie die der Männern. Sie leiden unter der Situation und ­haben wenig Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. Natürlich hoffen sie, dass ihre Männer sich ändern und es für alle ein »Happy End« gibt. Doch mancher Mann ist nicht zum ersten Mal im Knast. Sicherheiten gibt es nicht.

Pfarrerin Barbara Sonntag und ihr Team bleiben jedoch weiter am Ball. Gern wollen sie weiterhin alle bestehenden Möglichkeiten ausschöpfen, um für die Familien, die Väter und Mütter, vor allem die Kinder, den Grundstein zu einem sozialen und liebevollen Miteinander zu legen.

Petra Franke

Gemüse im Sack macht mehr als nur satt

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Gärtnern auf kleinsten Flächen hilft den Slumbewohnern Kenias ihre Ernährung zu verbessern

In Europa und den USA stillt »Urban Gardening« die Sehnsucht hipper Städter nach Selbstversorgung und Bodenständigkeit – in Kenia sichert es die Existenz von Slumbewohnern.

Der Weg zu Alfred Dagadwa führt durch enge Gassen. Der Abstand zwischen den rissigen Lehmmauern ist kaum breiter als die eigenen Schultern. In der Mitte fließt ein schmutziges Rinnsal, auf dem ölige Flecken schimmern. Um nicht in die graue Brühe aus Abwaschwasser und dem Inhalt ausgekippter Nachttöpfe zu treten, eilen die Menschen breitbeinig wie torkelnde Seemänner über die Ränder der ausgetretenen Wege. Auch Dagadwa hat diesen Gang. Lächelnd streckt er die Hand aus. »Kommen Sie hier entlang.«

Hinter ihm führt eine Sackgasse noch weiter hinein in den Slum. »Das ist mein Gemüsegarten«, sagt Alfred Dagadwa und zeigt auf die Säcke mit Kürbis, Spinat und Kelipflanzen. Dann stellt er eine klapprige Holzleiter an die verbogene Dachkante. Weit überragen die Stängel und Blätter der Sukuma-Wiki-Pflanzen die rostigen Blechdächer. Dagadwa klettert hinauf und bricht ein tellergroßes Blatt ab. Es hat ausgeprägte Adern und ist an den Rändern ausgefranst.

Die auch Keli genannte Pflanze ist in der kenianischen Küche weitverbreitet. Das Blattgemüse ist kräftig im Geschmack, nahrhaft und robust. Und es wächst schnell. Dagadwas Augen leuchten: »Einige werden zweieinhalb Meter hoch.« Drei Jahre lang kann er die Blätter abbrechen, bei jeder Pflanze etwa zweimal pro Woche. Schnell bilden sich neue. Sie ernähren nicht nur den 35-Jährigen, seine Frau und die drei Kinder. Auch die Nachbarn bekommen regelmäßig etwas ab.

Gärtnern ohne Garten: Ein alter Zuckersack wird mit Erde gefüllt und in Löcher werden die Sämlinge gepflanzt. Foto: Martin Egbert

Gärtnern ohne Garten: Ein alter Zuckersack wird mit Erde gefüllt und in Löcher werden die Sämlinge gepflanzt. Foto: Martin Egbert

Alfred Dagadwa lebt in Kibera, ­einem der größten Slums der Welt. Er liegt an den Gleisen der noch von den Briten gebauten Eisenbahnlinie zwischen der kenianischen Hafenstadt Mombasa und der ugandischen Hauptstadt Kampala. Der Bahnhof ist nicht weit, um den herum Nairobi ­damals entstand. Nah ist auch das Zentrum mit seinen neuen Bürotürmen, wo Kenias wachsende Mittelschicht über die breite Kenyatta Avenue flaniert. Neue Sport-Geländewagen und glitzernde Auslagen zeugen nicht nur dort von Wirtschaftswachstum und Wohlstand in Kenia.

Die Menschen in Kibera leben zwar dicht an dieser Welt – aber gleichzeitig sehr weit von ihr entfernt. »Im Slum sind alle Ressourcen knapp: Geld, Wasser, Essen und Platz«, sagt Keith Porter von der französischen Nichtregierungsorganisation Solidarité. Projekte zur Ernährungssicherung gebe es meistens auf dem Land aber selten in städtischen Armutssiedlungen, wo sie ebenso dringend nötig seien.

Ernährungsprojekte gibt es sonst nur auf dem Land

Um das zu ändern, hat die Organisation Menschen in Kibera und einem weiteren Slum Nairobis mit Säcken, Setzlingen und Erde ausgestattet und ihnen die Grundlagen des »Urban Gardening«, der gärtnerischen Nutzung kleiner und kleinster städtischer Flächen beigebracht. Seitdem pflanzen die Menschen in Kibera Gemüse und Kräuter, hauptsächlich in Säcken aber auch in kleinen Beeten am Bahndamm, am Rande von Bolzplätzen oder in aufgebrochenen Fundamenten zusammengefallener Häuser.

Das ähnelt der »Urban Gardening«-Bewegung in unseren Breitengraden. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: Das, was in Hinterhofgärten, auf Verkehrsinseln, Brachgrundstücken oder Flachdächern in Berlin, Hamburg, Amsterdam oder New York die Selbstversorgerträume hipper Urbanisten erfüllt und befeuert, sichert in Kenias Hauptstadt die nackte Existenz.

»Die Lebensmittelpreise sind in den letzen Jahren sehr gestiegen, und in unruhigen Zeiten explodieren sie fast«, sagt Alfred Dagadwa. »Schon in normalen Zeiten spare ich durch den Anbau meines Gemüses mindestens 500 Schilling im Monat.« Das sind umgerechnet knapp fünf Euro. Dafür muss der Familienvater mindestens einen ganzen Tag arbeiten – wenn er denn Arbeit findet. Zwar wartet Dagadwa fast täglich an einem der bekannten Treffpunkte auf den Arbeitsvermittler. Aber selbst in guten Monaten klettert er höchstens zehn Mal auf die Ladefläche des klapprigen Lastwagens, der ihn auf irgendeine Baustelle der Metropole karrt.

Vor drei Jahren hat Dagadwa mit drei Säcken angefangen. In der Mitte der ausrangierten Reis- oder Zuckersäcke hat er eine kleine Säule aus ­Steinen geschichtet und den verbleibenden Platz mit Mutterboden aufgefüllt. Die Drainage ermöglicht den sparsamen Einsatz von Wasser. Wasser ist teuer in Kibera. Es gibt Tanks von der Stadt. Dort stehen die Menschen mit gelben Zwanzig-Liter-Kanistern Schlange, um sie für umgerechnet fünf Eurocent zu füllen. Oft aber gibt es dort kein Wasser mehr und sie müssen bei privaten Händlern den drei bis vierfachen Preis bezahlen. Das Abwasser, das durch die offenen Kanäle und Gassen des Viertels fließt, ist zu schmutzig.

Die Setzlinge seiner Pflanzen steckt Alfred Dagadwa nicht nur in die obere Öffnung des Sackes, sondern auch in kleine Löcher an den Seiten, die er mit dem Messer hineinschneidet. Aus allen Öffnungen strecken sich die Kelipflanzen, die entfernt an Grünkohl erinnern, der Äquatorsonne entgegen. In einen 50-Kilogramm-Sack pflanzt er so viel, wie auf einem Beet von vier bis fünf Quadratmetern. »Wo sollte ich so ein Beet hier anlegen?« Dagadwa zieht die Schultern hoch.

Für jeden Quadratmeter kassieren die Slum-Lords

Jeder Quadratmeter wird in Kibera genutzt. Und bezahlt. Für sein zehn Quadratmeter großes Haus muss Alfred Dagadwa umgerechnet um die zwanzig Euro im Monat berappen. Die bekommt sein Slum-Lord. Die Vorfahren dieses alteingesessenen Bewohners von Kibera hatten das Land noch von den Briten zugeteilt bekommen – als Belohnung für ihren Kampfeinsatz im Zweiten Weltkrieg. Alfred Dagadwa ist erst vor fünfzehn Jahren aus seinem Dorf nach Nairobi gezogen. Nur in Kibera kann er sich eine Bleibe leisten.

Die Slumlords holen so viel wie möglich aus ihren Grundstücken heraus. Sie bauen so eng, dass von oben kaum die Gassen zwischen den Blechdächern der Häuser zu sehen sind. Alle zwei bis drei Meter führt eine grobe Holztür direkt in das Haus einer Familie. Im Inneren findet alles in ­einem Raum statt. Jacken, Hosen und Schuluniformen hängen über Leinen an den Wänden. Die Schlafmatratzen sind zu einem Sofa zusammengeschoben. In einer Ecke steht ein Gaskocher, auf dem Bord darüber Töpfe, Teller und ein Fernseher. Bewegt sich einer in dem Raum, müssen sich alle bewegen.Kib

Vor der Tür funktioniert es nicht anders. Platz für seine zwanzig Säcke mit den Pflanzen findet Alfred Dagadwa nur, weil er sie die Gasse entlang zwischen den Holztüren der anderen Familien an die Mauern stellt. Deshalb muss er auch seine Nachbarn mit Gemüse versorgen: »Ich pflanze direkt vor ihrer Tür, da kann ich es ihnen ja schlecht verkaufen.« Zu seinem Bedauern aber ist er der Einzige, der sich um die Pflanzen kümmert. Er tauscht zerschlissene Säcke aus, reichert die Erde mit Kompost an, gießt die Pflanzen oder schneidet sie zurück. Außerdem mischt er ein Pflanzenschutzmittel aus Knoblauch, den Früchten des Niembaumes und Chilis an. »Viel Arbeit für einen alleine.« Den Anbau von Tomaten hat Alfred Dagadwa deshalb wieder aufgegeben.

Klaus Sieg

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Die leisen Kräfte tragen das Leben

23. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Komisch. Wenn ich mich an vergangene Tage erinnere, fallen mir weniger die großen Worte ein und die geschichtsträchtigen Fakten. Dabei habe ich viele bedeutende Reden gehört und manches wichtige Ereignis miterlebt. Vielmehr sind mir kleine Randbemerkungen und eher beiläufige Begebenheiten lebendiger geblieben: die Marotten eines Lehrers, der Geschmack eines Gravensteiner Apfels, der salzige Geruch der Ostsee oder die Stimmung eines Sommer­tages am Müggelsee. Vielleicht liegt es ja daran, dass mein Gedächtnis nicht besonders gut ist und das Verhältnis zu Zahlen schon immer zu wünschen übrig ließ. Vielleicht zeigt es aber auch, dass unsere Seele andere Prioritäten kennt als unser Verstand, und dass manche Nebensächlichkeiten offenbar gar nicht so nebensächlich sind.

»Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben weiß, hat ein Vermögen«
Jean Anouilh

»Glaube mir, es kommt im Leben auf Kleinigkeiten an«, behauptet der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi. Und ganz ähnlich denkt der Religionsphilosoph Romano Guardini: »Die ­leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen.« So gesehen ist die Freude daran, dass manches, was wir säen, blüht, wächst und gedeiht von Bedeutung. Da hat selbst ein Schrebergärtner, von so manchem belächelt, seinen Verächtern etwas voraus. Und wenn auch die neugegründete Gartenpartei der Magdeburger Kleingärtner eine etwas überzogene Reaktion auf Überlegungen der Stadt ist, aus ­einigen Pachtzellen Bauland für Eigenheime zu machen, kann ich doch verstehen, wie wichtig den Betroffenen ihr Stückchen Erde ist.

Christine Lässig

Christine Lässig

Gärten bieten eine Menge kleiner Freuden, die das Leben bereichern und Sorgen mildern. An der Mauer duften die gelben Rosen, die im September zum zweiten Mal blühen. Hummeln hängen an den blauen Blüten der Kräuter. Die Rispenhortensie ist besonders schön dieses Jahr, und der späte Phlox zieht die Blicke auf sich. Die Herbsthimbeeren sind groß und aromatisch, und die Tomaten schmecken natürlich ganz anders als die aus dem Supermarkt. Mag der Tag bringen, was er mag – ganz schlecht kann er nicht werden nach diesen ­erfreulichen Momenten im Garten.

Christine Lässig

Leben ermöglichen

20. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch mit dem Gynäkologen Ekkehard Schleußner über Pränataldiagnostik

Wenn Eltern vom Arzt hören, dass ihr ungeborenes Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen wird, ist das für sie ein schwerer Schock. Was sollen sie tun? Die Schwangerschaft abbrechen? Sich für das behinderte Kind entscheiden? »Ich bin froh über jedes Paar, das sich der Aufgabe stellt«, sagt Professor Ekkehard Schleußner, Direktor der Abteilung Geburtshilfe im Universitätsklinikum Jena. Ein befreundetes Ehepaar habe eine erwachsene Tochter mit Down-Syndrom. An ihr sehe er: »Es sind glückliche Menschen, weil – sie bleiben Kinder.« Der Gynäkologe weiß auch, dass die Akzeptanz für Behinderungen in der Gesellschaft leider nicht groß ist. Etwa 93 Prozent der Schwangerschaften würden nach einem diagnostizierten Gendefekt abgebrochen.

Für den Gynäkologen und Leiter der Geburtshilfe im Uniklinikum Jena will Pränataldiagnostik zum Leben helfen und nicht einer Selektion Vorschub leisten. Foto: Sabine Kuschel

Für den Gynäkologen und Leiter der Geburtshilfe im Uniklinikum Jena will Pränataldiagnostik zum Leben helfen und nicht einer Selektion Vorschub leisten. Foto: Sabine Kuschel

Manche Christen lehnen Schwangerschaftsabbruch prinzipiell ab, weil sie darin einen Verstoß gegen das fünfte Gebot »Du sollst nicht töten« sehen. Schleußner, der auch Christ ist, kennt den Vorwurf: »Das ist Mord.« Voriges Jahr habe er auf einer Tagung zu diesem Thema Stellung genommen und sich dabei auf Martin Luther berufen. Dieser erklärt das fünfte Gebot so: »Wir sollen … unserem Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.« In ­diesem Sinne versteht der Arzt seinen Auftrag. Wenn die Aussicht auf ein ­behindertes Kind für eine Mutter nicht auszuhalten ist und sie sich deshalb zu einem Abbruch der Schwangerschaft entschließt, sei das für ihn eine respektable Entscheidung, so Schleußner. »Ich habe die Verantwortung für Mutter und Kind.« Er ärgert sich, wenn Ärzte für Schwangerschaftsabbrüche und Spätabtreibungen verantwortlich gemacht werden. »Es wird immer so getan, als wären wir daran schuld, dass sie durchgeführt werden. Das ist aber nicht so.« Weder werde eine Frau zur pränatalen Diagnostik noch zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen. Mediziner seien zwar gehalten, alle diagnostischen Maßnahmen anzubieten, ob sie angewendet werden, das sei die freiwillige Entscheidung der Schwangeren. Gedrängt werde niemand.

Unsichtbare Fehlbildung wird eher akzeptiert

Pränatale Diagnostik ist sehr oft dem Vorwurf ausgesetzt, sie diene dazu, behinderte Kinder zu selektieren. Diesen Vorwurf weist Schleußner entschieden zurück. »Pränataldiagnostik ist keine Selektion für gesunde Kinder.« Der Gynäkologe wertet solche Beschuldigungen als Projektionen oder als Ausdruck missglückter Trauerarbeit. »Die Gesellschaft überträgt ihren Wunsch nach Eugenik (Red.: siehe Kasten) auf die Ärzte.« Denn die Angst vor Behinderungen, der Wunsch nach einem gesunden Kind, begegne ihm in seiner Praxis alltäglich. Wobei die Akzeptanz von Auffälligkeiten sehr unterschiedlich sei, erläutert Schleußner. Eine ­unsichtbare Fehlbildung, obwohl sie möglicherweise schwerwiegender ist, könne leichter angenommen werden als sichtbare Auffälligkeiten wie etwa ­fehlende Gliedmaßen. »Ein Herzfehler wird eher akzeptiert als eine fehlende Hand«, so die Erfahrung des Arztes. Er stellt jedoch klar: »Eine fehlende Hand ist kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch.« Sollte dieser Anspruch vonseiten der Eltern geäußert werden, sei er aus medizi­nischer Sicht abzulehnen.

In der pränatalen Diagnostik erkennt der Gynäkologe »Wege zum ­Leben«, die Chance, Leben zu ermöglichen. Mittels Ultraschall und einer Palette weiterer Methoden können neben Gendefekten Fehlbildungen am Fetus wie Herzfehler oder eine offene Bauchwand festgestellt werden. Wenn Auffälligkeiten entdeckt werden, berät an der Jenaer Uniklinik die Schwangere und ihren Partner ein perinatologisches Konsil, ein Team von Geburtshelfern, Kinderärzten, Psychologen und anderen Spezialisten. Sie besprechen miteinander, welche Behandlungsmöglichkeiten für das Kind bestehen und wie die weitere Schwangerschaft, die Geburt und die Betreuung des Kindes unmittelbar nach der Entbindung und im weiteren Leben geplant werden können. »Uns ist es wichtig, den Schwangeren Informationen, aber auch Beistand in dieser schwierigen Situation zu geben«, betont Schleußner.

Sabine Kuschel

»Im Spannungsfeld von Medizin und Ökonomie – christliche Verantwortung heute« ist das Thema einer Veranstaltung zum Kirchentag in Jena, 22. September, 13 Uhr, Ort: Hochschulhof, Johannisstraße 13


Eugenik
Eugenik bezeichnet die Anwendung theoretischer Konzepte auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.

Das Wunder von Quedlinburg

18. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Vor 20 Jahren kehrten verschollene Teile des Domschatzes in die Quedlinburger Stiftskirche zurück

Eine Sonderausstellung im Quedlinburger Domschatz erzählt mit Hilfe von Zeitzeugen und einer Fülle bislang noch nie öffentlich gezeigter Dokumente die Geschichte des Verlustes und der Rückkehr.

Fast alle der im Zweiten Weltkrieg verloren gegangenen Stücke des Domschatzes der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg sind vor 20 Jahren in die Kirche zurückgekehrt. Und Friedemann Goßlau, Pfarrer i.R., ist derzeit ein gefragter Interviewpartner: Dabei habe ich nur zufällig an dem Schreibtisch gesessen, über den alles lief, »Entschieden hat die Regierung in Bonn. Wenn die sich nicht eingemischt hätte, wäre der Schatz nicht hier«. Ganz so war es denn wohl doch nicht. Schließlich verhandelte er 1991 mit über die Rückgabe und das zu zahlende »Lösegeld« und flog schließlich 1992 in die USA, um die Kostbarkeiten zurückzuholen.

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Sogenannter Bartkamm Heinrichs I., Prunkkamm aus Elfenbein mit Gold und Edelsteinen, 12. Jahrhundert. Foto: Jürgen Meusel

Damals war Friedemann Goßlau schon seit 25 Jahren Pfarrer in Quedlinburg, kannte den Domschatz und wusste um den Verlust aus dem Jahr 1945. Einst war er zum Schutz vor Kriegsschäden in Höhlen ausgelagert. Im April 1945 kamen die Amerikaner nach Quedlinburg und Joe Tom Meador wurde zur Bewachung abkommandiert. Der Offizier hatte Kunstgeschichte studiert und wusste um den Wert der Stücke. Zwölf wählte er aus und schickte sie nach Texas. Nach dem Krieg erfreute er sich an der Beute und zeigte sie in seiner Wohnung Freunden. Nach seinem Tod versuchten seine Geschwister als Erben, sie auf dem Kunstmarkt loszuwerden, offenbar zunächst ohne ihren Wert zu kennen. Doch dann wussten sie Bescheid und der Schatz war für die Familie Sicherheit für Kredite und lag im Banktresor.

Bis dahin galten die Stücke als verschollen. »Wir machten bei Führungen darauf aufmerksam und haben vor allem Westdeutsche ermuntert, aufmerksam zu sein, weil wir sie dort vermuteten. Dass die Russen nicht als Diebe infrage kamen, wussten wir: Als die in Quedlinburg eintrafen, war der Diebstahl schon bekannt«, erinnert sich Friedemann Goßlau.

Dass vor mehr als 30 Jahren die Spur des verlorenen Schatzes aufgenommen wurde, ist dem Kunsthistoriker Willi Korte zu verdanken. »Der ließ nicht locker, nachdem das Samuhel-Evangeliar aufgetaucht war. Ohne irgendeinen Auftrag, ganz auf sich gestellt und auf eigenes Risiko hat er geforscht. Und schaffte es, dass in der National Bank in Texas das Fach der Meadors geöffnet wurde«, zollt Pfarrer Goßlau dem Schatzjäger hohen Respekt. Willi Korte wird auch zum Festakt anlässlich des Jubiläums erwartet.

Eine weitere wichtige Figur in der Rückkehr-Geschichte ist der Journalist William H. Honan von der New York Times. »Der holte mit seinem Buch die Meador-Familie aus der Anonymität. Als er in Quedlinburg zum Recherchieren war, ergab es sich, dass er in einem Gottesdienst die Lesung hielt. Ein ganz reizender Mensch«, erzählt Friedemann Goßlau. So hat die Rückkehr des Schatzes auch persönliche Bande zwischen Deutschland und Amerika geknüpft.

Zu den wichtigen glücklichen Fügungen gehörte zweifelsohne die Wende. Ohne die Euphorie der Nachwendezeit, ohne die neu gegründete Kulturstiftung der Länder wäre es wohl nie oder nicht so schnell zu dem Ergebnis gekommen, ist der ­Pfarrer überzeugt. Allein 10000 Dollar »Kaution« waren bereits Mitte 1990 von der Bundesregierung und der Kulturstiftung der Länder aufzubringen, um überhaupt die Rückkehr-Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg beginnen zu können. Für drei Millionen Dollar gaben die Meador-Erben in ­einem außergerichtlichen Vergleich schließlich die zehn noch vorhandenen Stücke zurück; zwei bleiben verschollen. Doch nicht nur das »Lösegeld« war nötig. Die Schatzkammer in der Stiftskirche entsprach nicht den notwendigen konservatorischen und Sicherheitsanforderungen, sodass weitere Zigtausende nötig waren, damit sie modernen Ansprüchen genügt. Hinzu kamen Kosten für die Restaurierung sowohl der gestohlenen Stücke als auch der am angestammten Platz verbliebenen.

So ist es nachvollziehbar, dass die Rückkehr und Präsentation des Domschatzes in Quedlinburg vor 20 Jahren vielen Menschen als Wunder erscheint.

Renate Wähnelt

Festakt anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Rückführung des Quedlinburger Domschatzes am 15. September, um 17 Uhr, in der Stiftskirche.
Sonderausstellung bis zum 15. Dezember 2013

www.domschatzquedlinburg.de

Quedlinburger Domschatz
Mehr als 50 Werke mittelalterlicher Kunst gehören zum Quedlinburger Domschatz. Sie sind aus Gold und Silber, aus Elfenbein und Bergkristall gearbeitet, mit Edelsteinen reich verziert und zeugen von großer Kunstfertigkeit. Er steht in engem Zusammenhang mit dem deutschen Königtum. Nach dem Tod ­König Heinrich I. (936) errichtete Königin Mathilde, ein Kanonissenstift auf dem Burgberg. Sie ließ über dem Grab ihres Gemahls eine Kirche errichten, die der Muttergottes, dem heiligen Servatius und dem heiligen Dionysius geweiht war. Ihr Sohn, Otto I., der Große (936–973), beschenkte das Stift großzügig mit Reliquien. Über 100 Jahre waren ausschließlich Töchter des regierenden ­Königshauses Äbtissinnen des Quedlinburger Stifts und nahmen auch Einfluss auf die Politik. Das Stift wurde weiterhin reich beschenkt. Vermutlich ließ ­Äbtissin Agnes II. (1184–1203), Tochter des Markgrafen Konrads von Meißen, den »Zitter« als Schatzkammer einbauen.

Der Papst mit den großen Schuhen

17. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Papst Franziskus geht auf Reisen, wie jeder andere: Als er die Gangway zum Flugzeug hinaufsteigt, trägt er eine dicke Aktentasche als Handgepäck unter den Arm geklemmt bei sich. Bei der Ankunft in Rio de Janeiro geht er die Treppe nicht wie seine Vorgänger schreitend, sondern mit riesigen schwarzen Orthopädie-Schuhen eilig hinab, wie um nicht zu viel Aufhebens um seine Person zu machen. Keine roten Schuhe, die zwar nicht von Prada stammten, aber dennoch äußerst auffällig waren, sondern klobige Treter. Denn der Papst aus Argentinien will seine Botschaft nicht nur als Aufforderung zu Armut und Nächstenliebe an die anderen verstanden wissen, sondern selbst vorleben und sich Entscheidungen nicht von der Kurie vorschreiben lassen. Deshalb trägt er seine wichtigsten Akten lieber selbst und überlässt sie nicht seinem Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein. Dieser begleitet seinen obersten Dienstherrn zwar weiterhin. Seinen Terminkalender bestückt Franziskus jedoch persönlich. Damit hat er Gänswein einen wichtigen Teil seiner Aufgaben als Präfekt des päpstlichen Hauses entzogen.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bereits das erste »Buona sera!« am Abend der Papstwahl machte vor einem halben Jahr klar, dass Franziskus nicht von oben auf die Menge der Gläubigen herab predigen will. Er bat sie an jenem Abend vor sechs Monaten vielmehr um ihren Segen.

Die Rechnung für die Unterkunft in einem Gästehaus für Geistliche während des Vorkonklaves beglich er hernach persönlich. Ein Zeitungsabonnement sagte er ebenso selbst ab wie er beim Zahnarzt und in der Telefonzentrale der Jesuiten anrief, um sich mit dem Generaloberen seines Ordens verbinden zu lassen. Sein Verzicht auf prunkvolle Karossen machte schnell Schule im Vatikan. Der nur noch wenige Tage lang amtierende Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone stieg daraufhin umgehend auf ein moderates Mittelklassemodell der wenig glamourösen Marke Ford um. Bei seiner Reise nach Brasilien setzte sich der Papst bei der Fahrt vom Flughafen von Rio de Janeiro in die Stadt nicht in die bereitstehende ­Luxuslimousine, sondern nahm einen unscheinbaren Kleinwagen und ließ das Fenster herunter. Von der unbequemen Rückbank aus nahm er fröhlich die Grüße zahlloser überraschter Brasilianer entgegen, denen er im Stau begegnete. Denn der Wagen fuhr vor Überraschung nicht die geplante Papststrecke, sondern blieb im Verkehr von Rio einfach stecken.

Jeden Morgen feiert der Papst, der nicht in der päpstlichen Wohnung, sondern gemeinsam mit anderen Kurialen im vatikanischen Gästehaus wohnt, eine Messe mit Vatikanmitarbeitern. Nicht mit Kardinälen, sondern mit Büroangestellten oder Reinigungskräften. Diese erfrischende Normalität lässt im Vatikan viele um ihre Pfründe bangen. In der westlichen Welt weckt er so Interesse auch bei kirchenfernen Menschen.

Bettina Gabbe

Höhen und Tiefen durchlebt

17. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Country-Sänger Johnny Cash – In seinen Liedern geht es um Verstrickung, Sünde und Vergebung

Vor zehn Jahren starb der Country-Star Johnny Cash. Das Leitmotiv seines Lebens und Werks war der feste Glaube an göttliche ­Erlösung.

Manchmal bin ich zwei Personen: Johnny ist der Nette, und Cash macht all den Ärger. Sie kämpfen miteinander!« Der Musiker, der am 12. September 2003 mit 71 Jahren starb, war ein Mensch mit zwei Gesichtern. Hier die populäre Country-Ikone, ein Hüne mit markantem Bassbariton und einem missionarischen Glauben. Dort der raue Rebell, launische Egoist und Drogensüchtige, der mit dem Gesetz in Konflikt kam, mit Schuldgefühlen, Depressionen und Schmerzen rang, sich umbringen wollte, seine Vorsätze verriet und längst am Ende schien.

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt: Cash hat alle Höhen und Tiefen durchlebt. Sein geliebter Bruder Jack stirbt jung einen schrecklichen Unfalltod, und der gewalttätige Vater gibt Johnny die Schuld daran. Die erste Ehe zerbricht am kometenhaften Ruhm, endlosen Tourneen und ungezügelter Tablettenabhängigkeit. Dann wieder schicksalhafte Fügungen. June Carter, die er 1968 heiratet, ist die Liebe seines Lebens, eine Seelenverwandte, ein fester Halt. Auch dank ihr entbrennt sein Glaube neu – er studiert die Bibel, nimmt Gospel-Alben auf und produziert 1973 einen Jesus-Film, in dem er als Erzähler sowie June als Maria Magdalena mitwirken – laut eigener Aussage das »wichtigste Projekt« seines Lebens. Seit Anfang der 70er tritt Cash nur noch als »Man in Black« auf – mit seiner schwarzen Kleidung trauert er um die Armen, Vergessenen – und auch um die, »die Gottes Wort nicht kennen oder hören wollen«. Später schreibt Cash, der durch June und seinen Halt im Glauben seine Süchte in den Griff bekommen hat, einen Roman über den Völkerapostel Paulus (»Der Mann in Weiß«), mit dessen Wandlung, Heilserfahrung und Missionsbereitschaft er sich identifiziert.

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Doch nach neuen Hits und einer eigenen Fernsehshow beginnt sein Stern Mitte der 70er langsam zu sinken – in der Countryszene setzt man auf neue, seichtere Töne. Der »Man in Black« mit seinen ernsten Liedern von Liebe, Gott, Verbrechen und Gerechtigkeit wird zum Auslaufmodell – und steht ­irgendwann ohne Plattenvertrag dar.

Da nimmt sein Leben eine weitere ungeahnte Wendung: der gerade mal 30-jährige Rick Rubin, zottelbärtiger Gründer der durch Rap- und Hardrock-Alben bekannten Plattenfirma »American Recordings«, spricht Cash 1993 an und bittet, ihn produzieren zu dürfen. Akustisch, nur mit Gitarre, aufs Wesentliche reduziert – Lieder, die dem Musiker am Herzen liegen, eigene und fremde Songs, die zu seinem düsteren Mythos passen. Rubin sei für den damals 62-Jährigen ein Geschenk des Himmels gewesen, »wie ein Engel, der in sein Leben herabkam«, sagt Cash-Tochter Rosanne. Das Ergebnis – eine kleine Auswahl aus 218 Studio-Aufnahmen – klang so eindringlich, so klar und authentisch, dass die schlicht »American Recordings« genannte Platte das wohl größte Comeback der Musikgeschichte einleiten sollte.

Dass sie nicht nur von Kritikern hochgelobt, sondern auch und gerade von vielen jungen Leuten außerhalb der Country-Szene geliebt wurde, ist ein kleines Wunder – auch, weil das Leitmotiv so uncool daherkommt: Es geht um Verstrickung in Sünde und Schuld – und die Hoffnung auf göttliche Vergebung. »Redemption«, Erlösung, ist denn auch eines der eindrucksvollsten Stücke. Als Cash das Lied 1994 in Montreux singt, herrscht stille Ergriffenheit. Er sagt: »Wenn es keine Vergebung gäbe, wäre ich jetzt nicht hier!« Schuld und Erlösung – dieses Themenfeld sollte auch die fünf weiteren »American«-Alben dominieren.

Ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt

Mit weiter spärlicher Instrumentierung arrangiert Cash alte Lieder neu oder macht sich moderne Stücke zu eigen – wie »Personal Jesus«: Von »Depeche Mode« als Wunderheiler-Verulkung gedacht, macht der Baptist ein Zeugnis persönlicher Gottesbeziehung daraus und wirbt für einen Glauben, der greifbar real ist: »Reach out and touch faith!« Und bei »Hurt«, das in der Ursprungsversion der »Nine Inch Nails« vom Elend eines Heroin-Junkies erzählt, reflektiert Cash gegenüber Gott, seinem »süßesten Freund«, über Sterblichkeit, Einsamkeit und die Schmerzen, die seinen Körper unablässig peinigten. In »Meet Me in Heaven«, der Grabinschrift seines Bruders, zeigt er sich überzeugt von einem Wiedersehen nach dem Tod, und »The Man Comes Around« (Wenn der Herr wiederkommt) bereitet mit apokalyptischer Metaphorik aufs Jüngste Gericht vor.

Der erfolgreichste und erst posthum erschienene fünfte Teil der »American Recordings« entsteht zwischen dem Tod seiner geliebten June im Mai 2003 und dem eigenen vier Monate später. Fast blind und im Rollstuhl sitzend bittet Cash den Produzenten, ungeachtet der Umstände weiterzumachen: »Gib mir zu arbeiten. Wenn ich an June denke, sterbe ich!« Mit brüchiger, aber würdevoller Stimme und im Wissen, dass ihm nur wenig Zeit bleibt, singt der Schwerkranke zwölf Lieder über Rückblick, Dankbarkeit, Tod und Erlösung – ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt. »Mit demütigem Herzen und gebeugten Knien flehe ich Dich an: Bitte, hilf mir. Steig von Deinem goldenen Thron tief herunter zu mir – ich brauche die Berührung Deiner sanften Hand!« (»Help Me«). Und mit Blick auf June: »Eines sonnigen Morgens werden wir auferstehen, und dann treffe ich Dich wieder – ein Stück weiter die Straße hoch« (»Further on up the Road«). Tief anrührend auch ein Lied, das man im Wissen um Cashs düstere Zeiten nur als demütiges Credo verstehen kann: »Ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich / ich kam zu der Einsicht, dass ich Hilfe brauchen würde, um durchzukommen / in kindlichem Glauben lenkte ich ein und gab Ihm eine Chance. Und ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich« (»I Came to Believe«).

Die Liebe überwindet den Tod

Cash war todkrank, einsam, unendlich traurig – aber er war mit sich, Gott und der Welt im Reinen, wie sein Sohn John Carter berichtet: »Er hatte einen Sinn, er hatte Glauben, und er hatte ohne sein Zutun einen Frieden, den Gott ihm schenkte. Ich glaube, das war die Gnade in seinem Leben, und darin lag die Erlösung.« Der bibelfeste Christ, war fest überzeugt, dass die Liebe den Tod überwindet und den Weg freimacht für ein neues Leben. Das letzte Lied, das der Paulus-Bewunderer vor seinem Tod schrieb und das ihm besonders am Herzen lag, verdeutlicht dies mit einem Zitat aus dem 1. Korintherbrief: »Tod, wo ist dein Stachel? … Leben, du bist ein leuchtender Pfad – und die Quelle der Hoffnung wird auf ewig sprudeln, wenn mein Erlöser mich zu sich winkt«.

Tobias Wilhelm

Pluralität anstatt christlicher Prägung

15. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bundestagswahl: Was die Wahlprogramme der Parteien zum Verhältnis von Staat und Kirche sagen

Nicht ganz einträchtig saßen sie auf dem Podium beieinander. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl hatte die Evangelische Akademie ­Berlin Vertreter aller fünf
im Bundestag vertretenen ­Parteien eingeladen.

Dinge, die einst selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Die Christdemokraten müssen in eigenen Veranstaltungsreihen über das C in ihrem Parteinamen philosophieren; und in der einst von Gustav Heinemann, Johannes Rau und den Wende-Pfarrern in der DDR geprägten SPD bildet sich ein Arbeitskreis von Konfessionslosen und Atheisten. Ebenso wie bei den Grünen – auch wenn deren Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt Kirchentagspräsidentin in Dresden war und ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland derzeit nur ruhen lässt. »Sich explizit auf Religion zu berufen ist in dieser Republik nicht mehr gang und gäbe«, sagte der Historiker Thomas Großbölting zu Beginn der Veranstaltung in Berlin.

Bild: VRD/Fotolia

Bild: VRD/Fotolia

Doch in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl tauchen die Kirchen durchaus an prominenter Stelle auf. Vor allem das kirchliche Arbeitsrecht zieht sich wie ein roter Faden durch. Es wird wohl in der nächsten Legislaturperiode noch für heiße Debatten sorgen. Denn einzig CDU und CSU bekennen sich in ihrem Wahlprogramm »zur christlichen Prägung unseres Landes« und wollen den Status der Kirchen uneingeschränkt erhalten. »Zahlreiche Leistungen kirchlicher Einrichtungen für unser Gemeinwesen sind nur möglich, weil die Kirchen in erheblichem Umfang eigene Mittel beisteuern und Kirchenmitglieder sich ehrenamtlich engagieren«, heißt es im Programm der CDU. Dennoch unterstütze auch der Staat die entsprechenden Aktivitäten der Kirchen umfangreich. »Dabei achtet er die kirchliche Prägung der entsprechenden Einrichtungen, die auch im kirchlichen Arbeitsrecht zum Ausdruck kommt.«

Dagegen setzt sich die SPD in ihrem »Regierungsprogramm 2013 – 2017« dafür ein, dass in kirchlichen Einrichtungen ein Streikrecht möglich wird. »Gleiche Arbeitnehmerrechte für Beschäftigte bei Kirchen sind vereinbar mit dem kirchlichen Selbstverwaltungsrecht«, heißt es. Die kirchenpolitische Sprecherin der SPD, Kerstin Griese, sprach sich in Berlin zudem für die Schaffung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands aus. »Das wäre ein Zeichen von Pluralität, und es stände den Kirchen gut an, so ein Projekt partnerschaftlich zu unterstützen.« Die Kirchen und die in ihnen Engagierten sieht die SPD jedenfalls weiter als »wichtige Partner« auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Bei den Liberalen wiederum steht die Gleichbehandlung von Kirchen, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften durch einen neutralen Staat im Wahlprogramm. »Staat und Religionsgemeinschaften arbeiten nach dem Kooperationsprinzip zusammen«, wird betont. »Staat und Kirchen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften sind je eigenständig und zugleich im Sinne des Gemeinwohls aufeinander bezogen.«

Zum kirchlichen Arbeitsrecht trifft die FDP in ihrem »Bürgerprogramm« keine Aussage, wohl aber zu einer Erhöhung der staatlichen Mittel für kirchliche Entwicklungshilfsorganisationen, die man als einen politischen Erfolg bezeichnet. Und der kirchenpolitische Sprecher Pascal Kober betonte, dass man auch am Einzug der Kirchensteuer durch den Staat weiter festhalten wolle.

Im Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird explizit die Abschaffung des kirchlichen Arbeitsrechts »jenseits der Verkündigung« gefordert. »Wir wollen, dass die kirchlichen MitarbeiterInnen außerhalb der Verkündigungsbereiche die gleichen Rechte bekommen wie andere ArbeitnehmerInnen auch«, heißt es dort. »Dazu gehört das Recht zur Bildung von Betriebsräten und das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit einschließlich der Streikfreiheit.« Und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das unter anderem ein Verbot der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität enthält, »werden wir mit dem Ziel ändern, dass seine Bestimmungen wie in anderen Tendenzbetrieben auch auf Beschäftigungsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen Anwendung finden«. Was im Klartext bedeutet, dass eine Kirchengemeinde künftig gezwungen werden könnte, einen transsexuellen Organisten zu beschäftigen. Zudem wollen die Grünen einen Prozess zur Ablösung der altrechtlichen Staatsleistungen an die Kirchen anstoßen und mehr Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugestehen. Denn eines der wichtigsten Ziele der ­Grünen ist eine Abschaffung von Diskriminierungen: Der Begriff »Religion« taucht im Wahlprogramm jedenfalls fast immer nur in einem Zusammenhang auf, der beschreibt, dass niemand wegen seiner Religion benachteiligt werden dürfe.

Deutlich kirchenkritischer präsentiert sich die Linkspartei. Wie Grüne und SPD ist man offen gegen das ­geltende kirchliche Arbeitsrecht – das Betriebsverfassungsgesetz müsse »uneingeschränkt für alle Kirchenbeschäftigten« gelten. Kirchliche Einrichtungen, die öffentliche Zuschüsse empfangen, müssen für alle als Beschäftigte sowie Nutzer zugänglich sein. Was bedeutet, dass auch Muslimen oder Atheisten alle Karrierewege offen­stehen müssen. Daneben setzt sich die Linkspartei für eine Abschaffung der Kirchensteuer und die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen ein. Ihre Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig sprach sich sogar für eine flächendeckende Ablösung des staatlichen Schulfachs Religion durch einen Philosophieunterricht aus – freilich ohne zu berücksichtigen, dass Bildungspolitik zunächst Ländersache ist.

Benjamin Lassiwe

Im Ernstfall auf sich allein gestellt

11. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der blutige Machtkampf im Nachbarland Syrien wird zum Testfall für die Verlässlichkeit des Westens

Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen in Syrien auch ein Testfall für das Problem eines Irans mit Atomwaffen.

Das offizielle Israel schweigt zu dem blutigen Drama im nordöstlichen Nachbarland, baut seine Grenzanlagen aus und gönnt seinen Nachrichtendiensten keine Atempause. Hin und wieder wird das Schweigen durchbrochen von der als Feststellung verkleideten Drohung in Richtung arabische Nachbarn, die wohl auch als Beruhigung für das eigene Volk gedacht ist: Man sei auf jede Eventualität vorbereitet. Reservisten werden eingezogen und wieder nach Hause geschickt. In aller Stille werden verletzte Syrer in israelischen Krankenhäusern behandelt.

Syriens Präsident Assad wird von der libanesischen Hisbollah, dem Iran und Russland unterstützt. Dieses »schiitische Bündnis« wird von der Freien Syrischen Armee und sunnitischen Gruppierungen bekämpft: Muslimbrüder, Salafisten, Dschihadisten aus aller Welt, »al-Qaida-nahestehende« Kämpfer. Der gemeinsame Feind eint und bringt die Sympathie Saudi-Arabiens, Qatars, der Türkei und Ägyptens, vor allem aber des Westens ein. Ansonsten ist die syrische Opposition heillos zerstritten. Fachkundige Beobachter spekulieren: Wenn Assad fällt, geht der Krieg erst richtig los!

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Israels Medien zeigen lange Schlangen an den Verteilstellen für Gasmasken, berichten von Ärger und Panik. 40 Prozent der Israelis haben keine Gasmasken zur Verfügung. Aber ein Wachmann vor einem großen Einkaufszentrum in der neu erbauten Stadt Modiin winkt lachend ab: »Wir haben den Krieg doch auf die Zeit nach den Festen verschoben!« Im Norden Israels sind Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels bis auf den letzten Platz ausgebucht. Niemand will sich den Urlaub während des jüdischen Neujahrsfestes (5. und 6. September), dem großen Versöhnungstag (14. September) und dem Laubhüttenfest (19. bis 25. September) verderben lassen. Nur die infolge der Syrienkrise steigenden Treibstoffpreise sind ein Wermutstropfen in der aufkommenden Festzeitstimmung.

Doch bei alledem verfolgt Israel das Zaudern Obamas mit Stirnrunzeln. Man fragt sich, ob Amerikas rote Linien mehr sind als heiße Luft? Mit Blick auf die atomaren Ambitionen des Iran, der den »Schandfleck Israel« lieber früher als später »von der Landkarte verschwinden« sehen will, ist Syrien ein Testfall. Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen ein weiterer Beweis dafür, dass man im Ernstfall ganz auf sich allein gestellt ist. Die Glaubwürdigkeit des Westens – nicht nur Amerikas! – steht auf dem Spiel. Und nicht nur in Israel! Im ­syrischen staatlichen Fernsehen wird satirisch der Sieg Assads über Obama gefeiert, während der syrische Präsident strahlend eine Delegation des iranischen Parlaments empfängt.

Ganz unversehens habe sich der glorreiche arabische Aufstand als apokalyptisches Inferno erwiesen, stellen liberale Kommentatoren in Israels Medien fest. »Das Ende der Welt hat in Damaskus begonnen«, titelt die Tageszeitung HaAretz: »Wenn 2013 Zivilisten vergast werden dürfen, bedeutet das ein Ende der Welt, die sich für moralisch und aufgeklärt hält.« In Damaskus würden nicht nur Vergaste zu Grabe getragen, folgert der Journalist Ari Schavit, sondern auch der aufgeklärte arabische Nationalismus, die Hoffnung auf das Gewissen der Welt, der Traum von einer Weltgemeinschaft, die Illusion von internationalem Recht.

Selbst linke Friedensbewegte sind sich einig, dass man von Glück reden kann, dass Israel die Golanhöhen nicht im Tausch für »Frieden« an ­Syrien abgegeben hat. Der jeglicher ­Netanjahu-Bewunderung völlig unverdächtige Schavit kommt zu dem Schluss: »So sehr man Netanjahu ­(Israels amtierender Ministerpräsident – d. Red.) im Westen auch verachten mag, der überwältigenden Mehrheit der israelischen Bevölkerung ist mittlerweile klar: Der Mann hat Recht! Die größte Gefahr im 21. Jahrhundert ist die Kombination von unkonventionellen Waffen mit unkonventionellen Regimes.«

Israels ehemaliger Oberrabbiner Israel Meir Lau wurde selbst als Achtjähriger von Amerikanern aus dem Konzentrationslager Buchenwald in der Nähe von Weimar befreit. Er beklagt die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Leiden des Nächsten. »Uns fehlt heute eine Persönlichkeit wie die Tochter Pharaos.« Sie öffnet das Körbchen im Schilf des Nils, entdeckt darin ein drei Monate altes Baby und – die Tora bezeugt: ›Sie hatte Mitleid mit ihm und sagte: Das ist eines der Kinder der Hebräer!‹« Rabbi Lau kommt zu dem Schluss: »Das Blut der Opfer des Massakers von Damaskus schreit uns vom Erdboden an!«

Rabbi Juwal Scherlow wurde von einem seiner Schüler gefragt, wie man sich im Blick auf die Krise in Syrien verhalten solle. Er antwortet mit einem Verweis auf die Macht des Gebets. Besonders die Psalmen 37 und 120 passten für die Lage in Syrien. Allerdings hat er auch ein eigenes Gebet verfasst für die Notleidenden in dem Land, das seinen eigenen Staat seit Beginn seiner Existenz bekämpft. Scherlow ist überzeugt, das Gebet ­eines Einzelnen wird von Gott erhört – aber auf dem gemeinsamen Gebet liege eine besondere Macht.

Johannes Gerloff

In der Niederlage nicht alleingelassen

10. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zwischen den Zeilen des dritten Johannesbriefes ist von der Freundschaft zwischen dem Ältesten und Gajus zu lesen

Die Bibel hält viele Geschichten über Liebe parat. In einer losen Folge ­veröffentlichen wir eine Serie mit Liebesgeschichten, die von der Bibel inspiriert sind.

Großer Kummer machte ihre Freundschaft tief. Das lässt sich zwischen den Zeilen eines Briefes lesen, des einzigen Privatbriefs im Original, der in der Bibel enthalten ist. »Der Älteste an Gajus, den Lieben, den ich lieb habe in der Wahrheit. Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.« (3. Johannes 1,2) Auffällig, mit wie viel Liebesworten der Älteste den Briefempfänger Gajus überhäuft. Der Absender, wohl Chef eines bislang ­gefeierten Missionsunternehmens, erhält allerdings nicht mehr die Achtung, die er – gemessen an seinem würdevollen Titel »Ältester« – eigentlich erfahren müsste. In der Gemeinde, der der Briefempfänger Gajus nahe steht, besteht für ihn seit neuestem gar Hausverbot, obwohl er dort großen Einfluss hatte. Er schreibt: »Diotrephes, der unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht auf. Darum will ich ihn, wenn ich komme, erinnern an seine Werke, die er tut; denn er macht uns schlecht mit bösen Worten.« (3. Johannes 9,10)

Seltsam defensiv klingt der Älteste, wenn er über Diotrephes, das Oberhaupt der Gemeinde, schreibt. Dieser hat ihm die Gastfreundschaft gekündigt, es scheint Differenzen, womöglich einen harten Machtkampf gegeben zu haben. Der Älteste spürt Gegenwind. Seine Ideen sind nicht mehr gefragt. Das lässt sich fast überall entdecken: Lange ist jemand dafür bewundert worden, was er als Nummer eins alles fertigbrachte, nun ist es nichts mehr wert. Eine neue Philosophie ergreift die Firma. Der gerade noch gelobte Trainer wird gefeuert. Alles erscheint nun besser, weil es anders ist.

Nicht anders scheint es dem Ältesten zu ergehen, der an Gajus schreibt. Stets hat er sich für diese Gemeinde ins Zeug gelegt, nun steht er fast allein. Der Abgang steht bevor. Den Stab zum Dirigieren wieder in die Hand zu bekommen, daran glaubt er kaum. Schon greift die Leere nach ihm. Eigentlich müsste man unter Christen zusammenhalten! Nur scheint es zu sein wie überall. Viele in der Gemeinde des Diotrephes haben sich vom Ältesten losgesagt. Sie schneiden ihn, erfinden miese Geschichten. Die einst lächelten, winken ab. Zumindest einer aber, so hat es der Älteste von seinen Mitarbeitern erfahren, hält noch zu ihm: Gajus. »Denn ich habe mich sehr gefreut, als die Brüder kamen und Zeugnis gaben von deiner Wahrheit, wie du ja lebst in der Wahrheit. Ich habe keine größere Freude als die, zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit leben.« (3. Johannes 3,4) Viele sind es nicht mehr, die dem von ihm geprägten Glaubensstil anhängen. Sie hören unterdessen fast alle auf den Neuen. Die Freude des Briefschreibers über Gajus ist umso größer: »Mein Lieber, du handelst treu in dem, was du an den Brüdern tust, zumal an fremden, die deine Liebe ­bezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst gut daran tun, wenn du sie weitergeleitest.« (3. Johannes 5,6) Freund Gajus handelt noch immer im Sinn des Ältesten, mag es ihm nützen oder eher schaden. Er kann nicht anders, will es auch nicht. Beide werden von der Begeisterung für die gleichen Ideen getrieben. Sie vertrauen einander, was auf tiefe Freundschaft schließen lässt. Gajus und seiner Karriere wird das keinen Aufwind geben, wenn er zum Absteigenden hält. Fast alle sagen über das, wofür er sich noch immer einsetzt: »Klingt verdächtig nach Sondermeinung! Sagt auch unser neuer Chef, Diotrephes.« Gajus aber ist treu, obwohl man ihm zuraunt: »Verpasse nicht, das sinkende Schiff zu verlassen!« Man müsse sich auch ändern können, flexibel sein. Für Gefühle sei da kein Platz.

Gajus aber hängt seine Fahne nicht nach dem Wind. Der Brief des Ältesten klingt geschäftlich, in Wahrheit ist er privat. »Grüße die Freunde, jeden mit Namen.« (3. Johannes 15) Es sind wenige, die in traurigen Zeiten zum Verlierer halten. Der Älteste spricht jetzt von Freunden, nicht mehr von Gemeindegliedern, auch nicht von Brüdern und Schwestern. Alle Amtlichkeit lässt er hinter sich, die Amtsperson wird Mensch. »Ich hätte dir viel zu schreiben; aber ich wollte nicht mit Tinte und Feder an dich schreiben. Ich hoffe aber, dich bald zu ­sehen; dann wollen wir mündlich miteinander reden.« (3. Johannes 13, 14)
Georg Magirius

Literaturempfehlung
Magirius, Georg: Traumhaft schlägt das Herz der Liebe. Ein göttliches Geschenk, Echter Verlag, 156 S., ISBN 978-3-429-03585-3, 14,90 Euro

»Jena ist offensichtlich eine gesegnete Stadt«

10. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wenn ein Politiker für seine Stadt betet – im Gespräch mit Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter

»Mit einem Fuß im Paradies« lautet das Motto des Mitteldeutschen Kirchentages in zwei Wochen in Jena. Harald Krille sprach im Vorfeld mit ­Ober­bürgermeister Albrecht Schröter über »seine« Stadt und seine Erfahrungen.

Jena gilt als eine der wenigen Boom-Regionen im Osten Deutschlands, es gibt echtes Wirtschaftswachstum, geringe Arbeitslosigkeit – es scheint, als wären Sie der Oberbürgermeister des Jena(er)-Paradieses?
Schröter:
(lacht) Die positive Entwicklung Jenas will ich nicht bestreiten, aber ich muss dazu sagen, ich bin Nachfolger meines Vorgängers! Ich hatte das Glück, bei meiner ersten Wahl 2006 schon ein sehr gut gepflügtes Feld vorzufinden und habe natürlich versucht, den erfolgreichen Weg Jenas weiterzuentwickeln. Wobei ich als Christ sage, die Stadt ist offensichtlich auch eine gesegnete Stadt.

Blick-36-2013Jena wirbt seit einiger Zeit mit dem Begriff »Lichtstadt«. Was sind denn die Glanzlichter?
Schröter:
Der Begriff »Licht« hat zunächst einen unmittelbaren Bezug zur optischen Industrie. Also Carl Zeiss Jena und die Glasindustrie von Schott spielen da eine wichtige Rolle. Aber wenn man die Gedanken weiter ausführt, dann spielen natürlich auch lichtvolle Gestalten der Geistesgeschichte eine Rolle: Von Schiller und Hegel bis hin zu Naturwissenschaftlern, Nobelpreisträgern und der heutigen Forschungslandschaft. Aber ich sag immer gern, man findet das Licht auch in den Augen der Kinder und überhaupt der Menschen, die in Jena leben und denen es hier gut geht.

Wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Was würden Sie denn als Schattenseiten Jenas bezeichnen?
Schröter:
Jena ist in den 90er Jahren stark im Zusammenhang mit Rechtsextremismus ins Gespräch gekommen. Und zu den Schattenseiten gehört ganz zweifellos, dass drei, die aus dieser Stadt stammen, eine sehr unheilvolle Entwicklung genommen und Morde begangen haben – Stichwort »NSU«. Ein anderer Schatten ist, dass es natürlich auch in Jena Menschen gibt, die arbeitslos sind. Es gibt Altersarmut hier. Das belastet mich schon. Und ein kleiner Schatten ist sicherlich auch, dass das Mietniveau in dieser Stadt relativ hoch ist. Wir versuchen jetzt gegenzusteuern durch Mietspiegel, durch verstärkten Wohnungsbau.

Stichwort Rechtsextremismus – welche Rolle spielt er heute in der Stadt?
Schröter:
Es gibt in Jena eine sehr aktive zivilgesellschaftlich und bürgerschaftlich engagierte Szene. Unser Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus spricht viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und ein ganz breites Altersspektrum an. Dieses Netzwerk hat es gemeinsam mit vielen Jenaer Bürgerinnen und Bürgern geschafft, dass es seit 2007 keine Nazi-Demonstration mehr in der Stadt gab.

Der Widerstand gegen rechte Tendenzen ist auch ein Anliegen von Stadtjugendpfarrer Lothar König. Wie schätzen Sie als Bürgermeister seine Arbeit ein?
Schröter:
Sie ist manchmal anstößig. Und das hat wie jede Münze zwei Seiten: Manche verstehen Lothar König und die Aktivitäten seiner Jungen Gemeinde als anstößig im Sinne von Bürgerschreck, von Verletzung ungeschriebener Normen. Das gilt auch für den kirchlichen Bereich. Aber die andere Seite: Es gibt Anstöße im positiven Sinn. Wenn beispielsweise mitten im Stadtzentrum im Rahmen einer Jugendwerkstatt ein Autowrack zerkloppt wird, dann mag das anstößig sein, weil Öl ausfließen kann und Lärm erzeugt wird und man überhaupt kein Wrack im wohlgestalteten städtischen Innenraum sehen möchte. Aber es gibt auch den Anstoß, über unsere Verbrauchermentalität nachzudenken.

Manchmal sage ich auch, Lothar, so geht es gar nicht. So offen ist unser Verhältnis. Aber ich stehe zu ihm, weil er eine Persönlichkeit ist, die junge Menschen erreicht. Sicher auch nicht ungefährdet von Eitelkeiten, von etwas Guruhaftem. Ich hab es für mich auf die Formel gebracht: Lothar geht mit den Jugendlichen, die sich ihm anvertrauen, einen weiten Weg mit, damit sie nicht zu weit gehen.

Wie haben Sie den bisherigen Prozess gegen Lothar König vor dem Dresdner Amtsgericht wegen des Vorwurfs des schweren Landfriedensbruchs wahrgenommen?
Schröter:
Ich bin ziemlich erschüttert ­darüber, dass das, was die Staatsanwaltschaft dort vorlegt, so wenig wirkliche Substanz hat. Nach meinem Eindruck liegt bisher nichts vor, was eine Verurteilung von Lothar König rechtfertigen könnte.

Was würden Sie den Dresdnern aufgrund ihrer Erfahrungen aus dem Engagement gegen Neonazis empfehlen?
Schröter:
Man sollte auf jeden Fall nicht die Menschenkette um die Altstadt und die anderen Demonstrationen und Blockaden gegeneinander ausspielen. Nach dem Motto: Das eine sind die friedlichen Bürger, die ihre Stadt schützen, das andere sind die Krawallmacher. Ich habe vor beidem eine hohe Achtung. Aber die Menschenkette verhindert nicht die Nazi-Aufmärsche. Ich würde mich schon freuen, wenn man in Dresden, im Rathaus und auch im Landtag, akzeptierte, dass es ein legitimes bürgerschaftliches Engagement gibt, welches Kirchen und Gewerkschaften, Parteien aller Couleur und eben auch ausgesprochen linke Kräfte umfasst.

Albrecht Schröter. Fotos: Harald Krille

Albrecht Schröter. Fotos: Harald Krille

Wie sehen Sie in dem Zusammenhang die Haltung der Kirche?
Schröter:
Also ich bin im Großen und Ganzen zufrieden, besonders was die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland betrifft.

Das heißt, es gibt schon noch Verbesserungswürdiges …
Schröter:
Ohne jemanden anzugreifen: Aber ich würde mir auch von der Kirchenleitung in Sachsen eine stärkere Unterstützung wünschen. Ich glaube, man braucht da mehr Mut, sich um der Sache willen auf die Seite derer zu stellen, mit denen man vielleicht sonst nicht täglich zusammenarbeiten würde.

Sie sind von Haus aus Theologe, waren etliche Jahre Pfarrer in Jena, jetzt sind Sie seit Jahren Lokalpolitiker. Welcher Bereich war bzw. ist der schönere?
Schröter:
Das ist eine ganz, ganz schwierige Frage, weil ich das, was ich mache, grundsätzlich gern tue. Ich war mit Leib und Seele Pfarrer. Und es ist für mich
eine große Freude, dass ich trotz meines Amtes außerhalb meines Wahlkreises im Kirchspiel Magdala noch einen Predigtauftrag haben kann. Da komme ich im Jahr so auf etwa 20 Gottesdienste und Amtshandlungen.

Aber andererseits ist das, was ich im Augenblick mache, wirklich irre, irre schön. Ich nehme dieses Amt als engagierter Christ wahr. Und wenn man als Christ für seine Stadt betet und Gottes Segen erbittet und merkt, dass Dinge dann auch wirklich gelingen, dann ist das eine wunderschöne Erfahrung. Aber auch, wenn es manchmal schwer wird und wenn man angegriffen wird von der Opposition, was natürlich nicht ausbleibt und zum Geschäft dazugehört, dann hat man eben noch ganz andere Kraftquellen, wenn man sagen kann: Du, Herr, bist mein Hirte, du weidest mich auf einer grünen Aue und bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde …

Und ich bin deswegen auch so gerne Oberbürgermeister, weil man ein kleines Zeichen geben kann, dass es notwendig ist, dass Christen in der Politik aktiv sind.

Viele Menschen sind ja eher skeptisch gegen »die da oben«. Spüren Sie als Oberbürgermeister Unterstützung durch Jenas Christen?
Schröter:
Absolut! Es gibt in den Kirchengemeinden, in der Landeskirchlichen Gemeinschaft und in freien Gemeinden Haus- und Gebetskreise, die mir signalisieren: Du und die Stadt sind regelmäßig in unsere Gebete eingeschlossen. Das ermutigt und bestärkt ungemein.

Und was erwartet das Stadtoberhaupt vom EKM-Kirchentag?
Schröter:
Die wichtigste Erwartung: Dass die Teilnehmer gute Gemeinschaft erleben und in ihrem Glauben gestärkt aus Jena wegfahren. Aber genauso wünsche ich mir, dass die Menschen in Jena, die den Kirchentag mitgestalten und ausrichten, Ermutigung erfahren, gestärkt werden. Wie heißt es im Hebräerbrief: Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.


Albrecht Schröter wurde 1955 in Halle an der Saale geboren. Aus ­politischen Gründen blieb ihm die Erweiterte Oberschule (Abitur) verwehrt. Er erlernte den Beruf eines Krankenpflegers und studierte Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Nach einer Zeit als Assistent an der Uni sowie einem Vikariat in der Jugendarbeit übernahm er 1984 ein Pfarramt in Jena. 1996 promovierte er in Halle mit einer Arbeit zur Geschichte der Neuapostolischen ­Kirche in Europa.

Schröter gehörte 1989 zu den Mitbegründern des »Demokratischen Aufbruchs« in Berlin. Wegen des Zusammengehens mit der CDU verließ er die Partei und trat 1990 in des SPD ein. Er wurde Mitglied des Jenaer Stadtrates und war von 2000 bis 2006 Dezernent für Soziales und Kultur der Stadt Jena. 2006 setzte er sich in der Stichwahl zum Oberbürgermeister gegen seinen Amtsvorgänger Peter Röhlinger (FDP) durch und wurde 2012 mit 72,8 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.

Für sein jahrelanges Engagement gegen Neonazis erhielt Schröter 2011 den »Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus« des »Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas«.

Unbequem, aber ein guter Ort

9. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tag des offenen Denkmals: Die Geschichte der Johanneskirche in Weimar ist mit der Ära der Deutschen Christen verbunden

Der Tag des offenen Denkmals am 8. September steht unter dem Motto: »Jenseits des Guten und Schönen: ­Unbequeme Denkmale?« Von ihrer ­Entstehungs­geschichte ist die Johanneskirche in Weimar ein ­unbequemes Denkmal.

Es ist spröde, das diesjährige Denkmalmotto mit seiner harten Feststellung und der bohrenden Frage. Können Denkmale denn überhaupt bequem sein? Wer beispielsweise für eine uralte Kirche Verantwortung trägt, weiß um finanzielle Belastungen und mancherlei Probleme. Bequem ist so ein Erbe nicht, aber geliebt und ein Stück greifbarer Ortsgeschichte. In der Erklärung zum Motto des Denkmaltages 2013 schreibt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz: »Zu den ›unbequemen Denkmalen‹ zählen viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit ein gewisses Unbehagen auslösen.« Eine Kirche ist nicht unter den genannten Beispielen und doch gibt es auch hier bauliche Zeugen:

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche Weimar – der Ort für kirchliche Kinder-, Jugend- und Familienveranstaltungen. Foto: Maik Schuck

Die Johanneskirche in Weimar. Sie macht weder durch Turm noch Glocken auf sich aufmerksam. Derweil liegt sie an exponiertem Ort oberhalb des Goethe- und Schillerarchivs mit Sichtbeziehung hinüber zum Ettersberg, wo der Glockenturm an das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald mahnt. Die Geschichte der Johanneskirche ist eng mit der Ära der Deutschen Christen verbunden – ein dunkles Kapitel Thüringer Kirchengeschichte.

Als in Weimar das Evangelische Gemeindehaus an der Carl-August-Allee den nationalsozialistischen Großbauten des »Gauforums« weichen muss, wird ein Ersatzbau beschlossen. Im April 1938 beginnt der Weimarer Architekt Hans Vogel mit den Planungen für ein Gemeindezentrum mit Pfarrhaus, Garten, Vorplatz, Mitarbeiterwohnung und großem Gemeindehaus an der Tiefurter Allee, auf den Bauzeichnungen »Osthalle« genannt. Die Bauarbeiten gehen schleppend voran. Am 2. Juni 1941 wird das Gemeindehaus als »Herzog-Bernhard-Kirche« mit einem Gottesdienst in einer »der Kriegszeit angemessener schlichter Weise« eingeweiht, so ein Vermerk in den Kirchenakten. Der Zweite Weltkrieg hatte neben Materialmangel auch dem Raumprogramm seinen Stempel aufgedrückt: Notbeleuchtung an den Türen und unter der Kirche Luftschutzkeller mit Belüftung für den Fall eines Giftgasangriffs.

Weitgehend unbeschadet übersteht der Gebäudekomplex den Krieg. Bis zum Wiederaufbau der Stadtkirche finden hier Kirchenkonzerte statt. 1947 erfolgt die Umbenennung in
»Johanneskirche« – Ausdruck von Umkehrwille und Neubesinnung. Der große rechteckige Versammlungssaal mit Steinboden und einfacher Holzbalkendecke, hohen Fenstern und einem Altarraum, der zur Theaterbühne umfunktioniert werden kann, strahlt Kühle aus. Doch es gibt Toiletten, Teeküche und seit 1953 auf der Empore eine Winterkirche samt Kachelofen.
Mit Immo Nieländer und seiner Frau Ingrid kommt dann 1972 eine Pfarrersfamilie, die das Potential dieses Komplexes für ein lebendiges ­Gemeindeleben erkennt und etabliert. Bald treffen sich hier regelmäßig viele christliche Gruppen und im einstigen Luftschutzkeller richtet sich die Junge Gemeinde ihre »Katakombe« ein. Es wird getanzt, gefeiert und diskutiert. Die Weimarer Staatskapelle nutzt die gute Akustik der Kirche für Tonaufnahmen.

Seit drei Jahren ist die Johanneskirche zentraler Ort für Projekte und Veranstaltungen der Kinder-, Jugend- und Familienkirche im Kirchenkreis Weimar. »Die Johanneskirche hat nach wie vor eine hohe Veranstaltungsdichte«, sagt Pfarrer Sebastian Kircheis, der jetzt mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnt. Er könne eine gewisse Distanz zu diesem Gebäude verstehen, aber er wisse auch um die Verbundenheit der Gemeinde mit diesem Ort. »Wenn hier die Orgel spielt, der Altar festlich geschmückt ist und sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, dann ist der Raum ganz Kirche.«

Die Johanneskirche ist von ihrer Planung her ein unbequemes Denkmal, doch ihre Nutzung hat sie zu einem guten und schönen Ort werden lassen.

Uta Schäfer

Ein Präsident als Kirchenverbesserer

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Weißrussland: Die durchaus loyale orthodoxe Kirche soll nach Lukaschenkos Willen noch staatsnäher werden

Als gut angepasst und staatstreu gilt sie, die Weißrussisch-Orthodoxe Kirche, der in etwa 80 Prozent der 9,5 Millionen Menschen in Weißrussland angehören. Doch neuerdings ist der Präsident missgestimmt, wenn es um »seine« Kirche geht.

Trotz aller Verbundenheit: In einer jüngst gehaltenen Rede äußerte Staatspräsident Alexander Lukaschenko erstmals deutliche Kritik an der Kirche. Wenn auch »konstruktive« Kritik: Die Gottesdienste und Predigten seien zu lang, moniert er. Aus Rücksicht auf die alten Mütterchen müsse man sie kürzen. Auch sollten keine zu großen Kirchengebäude mehr gebaut werden, die würden die Menschen »erdrücken« und, was wohl am schwersten wiegt, die Kirche müsse »staatsnäher« sein.

Präsident mit unbegrenztem Selbstbewusstsein: Alexander ­Lukaschenko bei einer Pressekonferenz, nachdem er im Dezember 2010 zum vierten Mal in Folge gewählt wurde. Foto: picture alliance

Präsident mit unbegrenztem Selbstbewusstsein: Alexander ­Lukaschenko bei einer Pressekonferenz, nachdem er im Dezember 2010 zum vierten Mal in Folge gewählt wurde. Foto: picture alliance

Inspiriert sei Lukaschenko, der sich selbst »der letzte Diktator Europas« nennt, durch die Reformbemühungen des neuen Papstes. Befürchten muss er von der Kirche, die formal dem Patriarchen von Moskau untergeordnet ist, kaum etwas. Die Russisch-Orthodoxe Kirche, deren sakrale Gebäude in den 30er Jahren in der Sowjetunion vielerorts in die Luft gesprengt wurden, überlebte durch Anpassung an den Staat. Ihre Geistlichen wurden durch den KGB überwacht, zum Bespitzeln gezwungen und unter Druck gesetzt.

Der »orthodoxe Atheist« ist seit 1994 Präsident

Mit Lukaschenkos Amtsantritt als Präsident 1994 trat in Weißrussland nach einer kurzen Phase der Demokratie wieder ein repressives System in Kraft, mit dem aus der Sowjetunion bekannten Personenkult. Alexander Lukaschenko bezeichnet sich zwar selbst als Atheisten, jedoch einen »orthodoxen Atheisten«. Was gesellschaftliche Moralvorstellungen angeht, gilt er klar als ein Konservativer. Das zeigt beispielsweise seine strikte Ablehnung von Homosexuellen. Zwischen Staat und orthodoxer Kirche besteht zudem ein Konkordat.

Die Kirche akzeptierte ihre Rolle als eine Institution, die sich aus der Politik heraus hält aber zugleich ein wichtiger Bestandteil der Kultur des Landes ist. Dennoch nannte Lukaschenko sie schon den »Chefideologen des Landes«.

Und auf der anderen Seite bedachte die Kirche etwa 2006 den ­Präsidenten auch schon mal mit kirchlichen Auszeichnungen. So im Jahr 2006, als der Minsker Metropolit Filarek Lukaschenko mit dem hohen Orden des »Kyrill von Turau« bedachte, benannt nach einem ortho­doxen Theologen aus dem Hochmittel­alter. Verbunden mit der Bitte um »weiteres Mühen um das Wohl des Vaterlandes«. Und in diesem Jahr tat sich ein Mönch namens Mikolaj hervor, der eine Monarchie in Weißrussland forderte und Lukaschenko für das Amt des Zaren vorschlug.

Katholische Spione und westliche Verderbtheit

Den anderen Religionsgemeinschaften in Weißrussland ergeht es allerdings anders. Die katholische Kirche wurde lange toleriert, ihr gehören ­immerhin etwa zwölf bis 14 Prozent der Bevölkerung an. Auch stellt sich der Vatikan gegen die »Verderbtheit der modernen Gesellschaft«, gegen die Lukaschenko vorgeht. Allerdings gehören viele Katholiken der polnischen Minderheit an, die eine potenziell oppositionelle Haltung gegenüber der Regierung einnimmt. Derzeit hält der weißrussische KGB einen Jesuiten fest und Lukaschenko feierte dessen Verhaftung als Erfolg gegen ­einen »Spion«.

Noch problematischer ist die Situation der unierten Kirche, die einen orthodoxen Ritus pflegt, jedoch dem Vatikan untersteht. Ihre wenigen verbliebenen Besitztümer sind ständig in Gefahr, der Russisch-Orthodoxen Kirche überschrieben zu werden und ihre Mitglieder sind auf Spenden aus dem Ausland angewiesen. Von Enteignung sind auch die protestantischen Gruppen bedroht, die dem Staat als unerwünschte Repräsentanten des fremden Westens gelten.

Doch was treibt nun Lukaschenko, die orthodoxe Kirche in seinem Land neuerdings an die kurze Leine nehmen zu wollen? »Lukaschenko ist beleidigt, da er zur 1025-Jahrfeier der Christianisierung in Kiew nicht eingeladen wurde«, so Alaksei Dzikavitski, Nachrichtenchef des regimekritischen Senders »Belsat« im Gespräch. Diese Information habe er aus informellen Quellen. Vor 1025 Jahren hat sich der russische Fürst Wladimir taufen lassen. Die Feier am 27. Juli dieses Jahres wurde von der Russisch-Orthodoxen Kirche unter dem Moskauer Patriarch Kyrill I. ausgerichtet.

Der seit 1994 ununterbrochen ­regierende weißrussische Präsident steht aber auch wirtschaftlich unter Druck. Das Land leidet seit 2011 unter einer Krise. Innerhalb eines Jahres ging das Exportgeschäft mit EU-Ländern um die Hälfte zurück. Dies führt zu mehr Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

Um nun die orthodoxe Kirche noch mehr an den Staat zu binden, soll ihr der staatsnahe »Weißrussisch-Republikanische Bund der Jugend« unter die Arme greifen, wie es die weißrussischen Medien Anfang August vermeldeten. In gemeinsamen Projekten sollen Restaurierungen von Kirchengebäuden umgesetzt sowie Wanderwege zu heiligen Stätten ausgebaut werden. Denn für die weißrussische Jugend sei es »höchste Zeit«, mit dem kulturellen und geistlichen Erbe der orthodoxen Kirche vertrauter zu werden, hieß es in einer gemeinsame Erklärung von Kirche und Jugendverband.

Jens Mattern

Nachruf auf meinen Vater

3. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Theodor Weißenborn

Anlässlich des Weltfriedenstages am 1. September ­veröffentlichen wir eine ­Erzählung des Schriftstellers Theodor Weißenborn (Jahrgang 1933). Er schildert die dramatische Geschichte ­einer verunglückten Vater-Sohn-Beziehung.

Mein Vater unterrichtete Sport, in der Unterstufe – es war in den frühen 30er Jahren –, hatte ich das Unglück, ihn als Lehrer zu haben. Ich war der einzige Schüler, den er schlug. Er ohrfeigte mich mit Vorliebe in der Gegenwart meiner Mitschüler, damit, wie er sagte, niemand auf die Idee komme, dass er seinen Sohn bevorzuge.

Außer Sport hatte er Biologie als Fach. Mitte der 30er Jahre promovierte er mit einer Arbeit über »Rassenkunde«. Wenn meine Mutter musizierte, pflegte er zu lesen. Seine besondere Verehrung galt Nietzsche und Charles Darwin. Später kamen Spengler und Rosenberg hinzu. Nach dem Krieg dann wohl Udo Walendy.

Zeichnung: Klaus Bose

Zeichnung: Klaus Bose

Eines Tages, noch in der Sexta, war es soweit, dass wir schwimmen lernen mussten. Die Klasse marschierte ­unter dem Kommando meines Vaters im Gleichschritt zum Freibad. Wir standen aufgereiht am Rand des Schwimmbeckens, und mein Vater ­erklärte: »Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedes Säugetier, wenn es ins Wasser fällt, schwimmen kann. Das gilt auch für den Menschen, denn der Mensch ist ein Säugetier, und er braucht nichts zu lernen, was er von Natur aus schon kann. Probandum est!« Und mit den Worten: »Ich mach euch das jetzt mal vor«, packte er mich an den Oberarmen und warf mich ins Wasser, wo ich, wild um mich schlagend und schreiend, sogleich versank. Und wenn ich auch wieder auftauchte und aus eigener Kraft den Rand des Beckens erreichte, wo meine Klassenkameraden mich an Land zogen, so war doch meine Angst vor dem Wasser von Stund an so groß, dass ich’s niemals als bergend und tragend empfand und nur ein einziges Mal und nur in größter Not mich ihm preisgab: im Krieg, bei einem Feuergefecht vor Dünaburg, als ich, um mich zu retten, in die Winisja sprang.

Als Kind, nach jenem Schulvormittag, floh ich aus meiner Verstörung in die Arme meiner Mutter, die mich auffing und barg und der ich alles Vertrauen danke, ohne dass ich nicht hätte sein können, weder damals noch später. Und ich erinnere mich, dass sie meinem Vater an jenem Tag beim Mittagessen die heftigste Szene machte, die ich je mitbekam. Mit einem ganz bestimmten Satz, genauer: einer ganz bestimmten Frage, die sich mir einprägte, vertrieb sie ihn so nachhaltig vom Tisch, dass er das Haus verließ und – wahrscheinlich weil er sich betrunken hatte – die nächste Nacht in einem Hotel verbrachte. Die Frage hatte gelautet, ob er mit Brutalität seine Potenzschwäche kompensieren wolle.

Das hatte nicht nur ihm, sondern auch mir zu denken gegeben, und so gewitzt war ich schon mit meinen zehn Jahren, dass ich mich unter Benutzung des stets unverschlossenen Bücherschranks meiner Eltern sogleich sachkundig machte. Und wenn auch mein Vater mich »Muttersöhnchen« schalt und wenn schon der Pimpf, der ich war, ihm nicht hart, zäh und flink genug schien, um eine Zierde der HJ zu werden – dem Wesen und Verhalten meiner Mutter danke ich’s, dass mein Gott weibliche Züge trägt und dass gleichwohl Tatkraft in meiner Vorstellung mit Weiblichkeit gepaart ist. Und ich wusste, um mit Adorno zu reden, wo einzig ich geliebt war: da, wo ich Schwäche zeigen durfte, ohne Stärke zu provozieren.

Ich bin nicht sicher, dass meine Mutter meinen Vater zu jener Zeit noch zur Familie zählte.

Er war ohnehin wenig zu Hause, sondern entweder in der Schule oder im Parteibüro. »Er gehört nach Cayenne!«, sagte meine Mutter, und wenn jemand nicht gleich verstand und nachfragte, sagte sie: »Weil da der Pfeffer wächst.« Später kam er mit der Waffen-SS an die Ostfront, und als er wenige Tage vor Unterzeichnung der Kapitulation in Zivil vor unserer Wohnungstür stand – er hatte von Stuttgart aus vorher angerufen –, da fand er keinen Einlass, aber seine Koffer vor der Tür, und er begriff und trollte sich und sah meine Mutter nur noch ein einziges Mal: beim Scheidungsprozess.

Dies erfuhr ich, als ich aus der ­Gefangenschaft heimkam, aus den ­Erzählungen meiner Mutter. Sie war inzwischen selbst in den Schuldienst gegangen – ihr Fach war Musik –, und über den Verbleib meines Vaters wusste sie wenig zu sagen. Einmal war sein Name in einer Pressemeldung aufgetaucht, im Zusammenhang mit einer »Wehrkampfgruppe«. Seine Ehre hieß Treue. Jahre später erzählte mir eine Cousine meines Vaters, zu der ich Tante sagte, dass er »unrühmlich« gestorben sei: bei einem »Kampfsporteinsatz«, infolge eines Unfalls, dessen Ursache nie völlig geklärt wurde. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein.

Natürlich hätte ich Spuren suchen und das Leben, vor allem die Kindheit meines Vaters erforschen können. Er war, nach dem frühen Tod seiner ­Eltern, kraft Autorität seines Onkels, der ihn adoptierte, in einer Kadettenanstalt erzogen, nein, deformiert worden. Aber um dem nachzugehen, hätte ich ihn lieben müssen.

Ich liebe meine Mutter. So wie Konfuzius nicht seine Feinde, sondern seine Freunde liebte.

Ich war vaterlos.

Theodor Weißenborn

Gott hat die Ewigkeit ins Herz gelegt

2. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Beerdigung eines Goldfisches – Wie ein Pfarrer mit einem besonderen Kinderwunsch umging

Es klingelt. Ich öffne die Tür. Heulend kommt Yvette hereingestürzt. »Sie sind doch Pfarrer – können Sie auch einen Fisch beerdigen?«, schluchzt sie. »Na, setz dich erst mal. Und dann erzähl mir – was ist passiert?«, sage ich und warte ab bis Yvette sich ein bisschen beruhigt. Sie ist ungefähr zwölf Jahre alt, wohnt mit ihren Eltern eine Etage unter uns in ­einem Neubauwohnblock. Ihr Vater ist Polizist, die Mutter arbeitet auch bei der Polizei. Beide, Vater und Mutter, kennen weiter nichts als die Ideologie des DDR-Sozialismus. Sie sind aber tolerant genug, um zuzulassen, dass Yvette öfters mal zu uns kommt, wenn sie ein Problem hat.

Es ist das Jahr 1986, und Yvette hat ein Problem. Sie hat einen Goldfisch, den sie liebt. Arthur heißt er. Er schwimmt in einer großen Kugelvase.

Nun schwimmt er plötzlich nicht mehr. Er ist tot.

Yvette rennt zu ihrer Mutter und klagt ihr Leid. Die Mutter sagt: »Ach hab dich nicht so! Wir schmeißen den Fisch ins Klo und spülen ihn runter, und damit ist’s erledigt.« Yvette ist im Herzen getroffen. »Nein, dass kannst du doch nicht machen«, widerspricht sie ihrer Mutter.

Glaube-Alltag-35-2013Nun sitzt sie tief betrübt da und ­erzählt mir alles. Alles über Arthur und vieles über ihre Eltern und ihren großen Bruder. »Der hat mich bloß ausgelacht«, jammert sie. »Können Sie meinen Arthur beerdigen?« Das ist ihre große Bitte. Von Religion oder Kirche hat sie auf Grund ihrer Erziehung keinen blassen Schimmer. Oder vielleicht doch, so, wie es Prediger Salomo in Kapitel 3, Vers 11 beschreibt: »Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.« Hat sie doch eine Ahnung? Nachdem sie sich ausgesprochen hat, tritt ein Schweigen ein. Yvette schaut mich erwartungsvoll an. Ich überlege: Keinesfalls darf ich Yvette enttäuschen. Es geht nicht nur um den Fisch, es geht um Yvette. Sie braucht Trost, damit sie nicht Schaden nimmt an ihrer Seele. Und Arthur, der Goldfisch, ist dabei jetzt sehr wichtig. Was kann ich machen?

Endlich sage ich: »Also pass auf, Yvette! Wir wollen es so machen: Du bastelst aus Pappe ein kleines Kästchen, wo Arthur hineinpasst. Dann werden wir das Kästchen unter einen Rosenstrauch tun, der neben der Kirche steht. Ist dir das recht?«

Erleichtert schaut sie mich an. »Ja«, sagt sie, »so machen wir das.« »Gut«, sage ich. »Morgen Nachmittag gehen wir zusammen mit Arthur zur Kirche hin. Bring auch ein Schäufelchen mit!« Yvettes Tränen sind nun versiegt, sie geht.

Am nächsten Tag. Warmer heller Sonnenschein. Yvette und ich gehen zur Kirche. Ach was, wir schreiten! Es ist fast so feierlich wie bei einer Prozession. Yvette trägt ihren Arthur in ­einer Schachtel auf beiden Händen vor sich her. Der Weg dauert ungefähr zehn Minuten – normalerweise. Ich habe das Gefühl, dass wir viel länger unterwegs sind. Wir kommen zu dem Rosenstrauch. Ich bitte Yvette, mit dem Schäufelchen, dass sie nicht vergessen hat, unter dem Strauch eine kleine Grube auszuheben. Als sie tief genug ist, legt Yvette die Schachtel ganz behutsam hinein. Sie schaut mich an. Ich muss jetzt etwas sagen. Es muss nichts Frommes, Biblisches, Kirchliches sein, aber es muss überzeugend, glaubwürdig sein. Ich sage: »Yvette, hier ist dein Arthur gut aufgehoben. Nun kann ihm niemand mehr etwas zuleide tun. Ist nun alles gut?« Sichtlich erleichtert und dankbar schaut sie mich an und nickt nur mit dem Kopf. Weiterer Worte bedarf es nicht.

Auch ich bin erleichtert. Ich will nicht verschweigen, dass ich das wohltuende Gefühl habe, etwas Richtiges und Hilfreiches getan zu haben – und das ist kein alltägliches Gefühl.
Auf dem Heimweg reden wir nicht viel, aber unser Schritt ist nicht mehr so feierlich, sondern eher etwas heiter.

Einen Tag später stelle ich fest, dass an dem kleinen Fisch-Grab unter dem Rosenstrauch ein kleines Kreuz steht, schlicht zusammengebunden aus zwei kleinen Zweigen. Ich weiß, das hat sich Yvette ausgedacht. Ich spreche mit meinem engsten Mitarbeiter über das alles und bitte ihn dringlich, nicht an diesem kleinen Grabmal zu rühren. Nach ein paar Wochen haben Wind und Wetter das ihrige getan, und nun ist die Geschichte zu Ende – fast zu Ende.

Wenige Jahre später geht die DDR zugrunde und mit ihr die gottvergessene Ideologie des Marxismus-Leninismus. Yvette besucht ein Gymnasium und nimmt am Religionsunterricht teil. Ganz aus eigenem Antrieb strebt sie danach, getauft zu werden. Ihre Eltern haben es ihr untersagt. Aber als Yvette 18 Jahre alt ist, setzt sie ihren Willen durch. Die Taufe findet statt an einem Ostermorgen um sechs Uhr.

Hans-Peter Steinhäuser

Der Autor ist Pfarrer i. R. in Gera

»Welch eine andere Welt«

1. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Russlanddeutsche: Ihre Vorfahren wurden einst als Kolonisatoren gerufen – seit Jahrzehnte kommen sie zurück in die fremde alte Heimat

Von Scharapowka nach Eckernförde: Ein heute 29-Jähriger beschreibt seinen Weg vom fernen Sibirien nach Deutschland – in die fremde Heimat seiner Vorfahren.

Ich wurde 1984 in der Siedlung Rosa Luxemburg in Kasachstan ­geboren, wohin meine Großeltern 1941 deportiert worden waren. Bis zum Kriegsbeginn hatten meine aus Süddeutschland ins Zarenreich eingewanderten Vorfahren an der Wolga gelebt.

Auf der Suche nach besserem Verdienst zog meine fünfköpfige Familie zusammen mit vier anderen Familien 1994 von Kasachstan nach Sibirien in das Dorf Scharapowka bei Omsk – die weite menschenleere Landschaft und die neuen Städte in Sibirien versprachen wirtschaftliche Entwicklung. Mein deutscher Vater Eduard arbeitete als Traktorist, meine russische Mutter als Lehrerin – und später als meine Klassenlehrerin – in der örtlichen Mittelschule.

Kühemelken und Butterstampfen

In Scharapowka wohnten wir in einem Holzhaus mit kleinem Anbau, einem Garten und einem Stall. Aus dem Dorfbesitz erwarben wir ein Stück Land, auf dem wir vor allem Kartoffeln anbauten. Bevor ich morgens zur Schule ging, musste der Stall ausgemistet werden; ich fütterte die Hühner und melkte die Kühe. Mehrmals im Jahr half ich Vater beim Schweineschlachten. Eine Schuluniform besaßen wir nicht, aber in der Schule trugen wir »gute Sachen«. Wenn wir vom Unterricht nach Hause kamen, zogen wir sie sofort aus und legten sie sorgfältig zusammen.

Die deutschstämmigen Familien im Dorf halfen sich gegenseitig, meine Freunde waren wie ich deutschsprachig. Mit meinen Eltern und Geschwistern sprach ich meist Russisch, mit meinen Großeltern Deutsch. Meine Großmutter redete ein seltsames Gemisch aus Russisch und Deutsch, wobei sie die grammatischen Formen und Endungen oft verwechselte. In der Zeit, in der sich meine Mutter auf das Lehrerexamen vorbereitete – ihre Fächer waren Biologie, Chemie und Kunst –, waren wir Geschwister oft bei Oma. So lernten wir die deutschen Festtagsbräuche kennen, aßen deutsche Gerichte und lernten einige Kindergedichte.

Im Grunde genossen wir Kinder alle Freiheiten; von den täglichen Sorgen und der harten Arbeit unserer Eltern bekamen wir nicht viel mit. Bereits mit 13 Jahren konnte ich Traktor fahren, streifte manchmal den ganzen Tag durch die weite Natur und angelte leidenschaftlich gern in den umliegenden Flüssen und Seen.

Viele Freiheiten, wenig Bestimmungen

Als ich bereits in Deutschland lebte und mich dort nach einem Angelschein erkundigte, musste ich erst einmal hundert Bestimmungen durchlesen – sogar die Handbewegung, mit der die geangelten Fische zu töten sind, wurde beschrieben. Welch eine andere Welt! In Russland gab es weniger Gesetze, weniger Begrenzungen, weniger Vorschriften. Wenn wir uns als Jungen prügelten und mit einem blauen Auge nach Hause kamen, rief niemand gleich nach einem Schuldigen oder gar nach der Polizei. Im Winter verbrachten wir ganze Tage mit selbst gebauten Schlittschuhen auf den zugefrorenen Seen, oder wir ­zogen dick gestrickte Wollstiefel mit einer Sohle aus Filz an und rutschten übers Eis, bis sie durchgerieben waren. Mindestens einmal in der Woche gingen wir in die Sauna, Frauen und Männer getrennt; dort tranken wir Tomatensaft und manchmal – als Höhepunkt der Woche – einige Schlucke Bier.

Oft genug mit Misstrauen und Ablehnung konfrontiert: Besonders junge Spätaussiedler stehen in der Gefahr, sich in kulturelle Gettos zurückzuziehen. Foto: epd-bild

Oft genug mit Misstrauen und Ablehnung konfrontiert: Besonders junge Spätaussiedler stehen in der Gefahr, sich in kulturelle Gettos zurückzuziehen. Foto: epd-bild

Vieles, was ich in Russland und Kasachstan erlebt habe, unterscheidet sich stark von meinen Eindrücken in Deutschland. So wurde in Kasachstan und in Sibirien alles Technische hoch geschätzt. Wer das Glück hatte, als Kind ein Fahrrad zu bekommen, nutzte es sein Leben lang: Der Rahmen war zuerst noch zu hoch, und wir fuhren »unter dem Rahmen«; erst beim Älterwerden konnte man richtig treten. War das Rad nach vielen Jahren defekt, wurde es repariert. Fahrrad fuhren wir oft zu dritt: einer auf dem Sattel, der Zweite auf dem Gepäck­träger, ein Dritter auf dem Rahmen.

Fassungslos: Fahrräder landen auf dem Sperrmüll

Fassungslos sah ich, dass es in Deutschland Fahrräder für verschiedene Altersstufen gibt – und das alte Rad gleich auf dem Sperrmüll entsorgt wird. Auch wunderte ich mich, dass in der Grundschule Fahrradprüfungen abgenommen werden, dass es Kindersitze und Sturzhelme zu kaufen gibt.

Außerdem fiel mir auf, dass die Eltern und Großeltern in Russland mehr respektiert und wohl auch mehr geliebt werden als in Deutschland. Meine Großmutter liebte ich über alles. Noch heute kommt die gesamte nach Deutschland ausgewanderte ­Familie an wichtigen Feiertagen – am 1. Januar, zu Ostern, Geburts- und ­Jahrestagen – aus allen Himmelsrichtungen, selbst aus dem 800 Kilometer entfernten Ingolstadt, in Eckernförde zusammen und feiert.

Unsere Ausreise nach Deutschland hatte mehrere Gründe: Wegen der ­unruhigen politischen Entwicklungen ab 1985 und dann besonders ab 1992 wurden die Lebensverhältnisse in Sibirien immer schlechter, die Zukunftsaussichten für uns heranwachsende Kinder waren düster. Meinem ältesten Bruder drohte die Einziehung zum Wehrdienst und damit ein möglicher Einsatz in Tschetschenien, was in Russland jeder fürchtete. Inzwischen lebten auch zahlreiche Verwandte in Deutschland und ermunterten uns zu kommen.

Der Neuanfang in Deutschland war mit vielen Unsicherheiten verbunden. Vom Flughafen Hannover aus schickten uns die deutschen Behörden zuerst in das Auffanglager in Bramsche und dann in das Aussiedlerlager Carlshöhe in Eckernförde, eine ehemalige Bundeswehrkaserne. Da bereits einige Verwandte in der Ostseestadt wohnten, hatten wir unseren Antrag zur Weiterreise dorthin gestellt.

In Russland »Deutscher«, in Deutschland »Russe«

Auch meine Schulzeit in Deutschland unterschied sich von der Schulzeit in der mir bisher vertrauten sibirischen Welt. Wer in Eckernförde im Aussiedlerlager Carlshöhe wohnte, kam in die Fritz-Reuter-Schule mit einem hohen Prozentsatz von »Ausländerkindern«, vor allem Russlanddeutschen und Türken. Wenn ich in Kasachstan und Sibirien manchmal »Deutscher« genannt oder geschimpft wurde, war ich in Deutschland auf einmal »einer der Russen«. Die Lernbedingungen an dieser Schule waren denkbar schlecht, die Schüler lernunwillig, die Lehrer frustriert.

Vor allem die Russlanddeutschen schlossen sich zu Gruppen, ja Banden zusammen, sprachen ausdrücklich nur Russisch untereinander und bildeten in den Pausen eigene »russische Blöcke«, die feindselige Bemerkungen über die Aufsicht führenden Lehrer machten. Ohne Deutschkenntnisse kamen die Schüler kaum voran, sie verloren die Lust am Lernen; die ­Lehrer ihrerseits verloren die Lust zu unterrichten. Die eingewanderten Schüler beherrschten nur wenige Sätze, wie »Ich hab verschlafen« oder »Ich versteh dich nicht«. Mit der Zeit lernten die deutschen Lehrer auch russische Sprachfetzen, vornehmlich aber die üblichen Verwünschungen und Flüche.

»Ich wollte lernen und kein Außenseiter sein«

Ich war todunglücklich, denn ich wollte etwas lernen und zugleich kein völliger Außenseiter an der Schule sein. Zu meinem großen Glück fand meine Familie nach einem halben Jahr eine eigene Wohnung in einem anderen Stadtviertel, sodass ich in eine neue Schule, die Albert-Schweitzer-Schule, gehen konnte. Die Verhältnisse dort empfand ich als paradiesisch; in meiner Klasse war nur noch ein deutsch-russischer Mitschüler, die Lehrer gaben sich besondere Mühe mit uns. Besonders gut war ich in ­Mathematik, einem Fach, in dem die deutsche Sprache nicht die wichtigste Rolle spielt; mit der Zeit integrierte ich mich in die Klasse, fand deutsche Freunde und schaffte den Hauptschulabschluss.

Eines Tages bat mich der Schuldirektor in sein Büro und schlug mir vor, mich an der Berufsschule anzumelden, wo ich die mittlere Reife machen könnte. Niemals hätte ich diesen Schritt in Erwägung gezogen. Der Anmeldetermin war bereits um Monate verstrichen, doch der Direktor tele­fonierte mit der Berufsschule und ­ermöglichte mir die nachträgliche Aufnahme, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. Zwei Jahre später erwarb ich einen guten Schulabschluss.

Bei der Stadt Eckernförde absolvierte ich eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Tiefbauzeichner. Als ich das erste Mal mit einer Zeichnung zum Chef des Tiefbauamtes gerufen wurde und mit »der Unterschrift« zurückkehrte, standen meine Kolleginnen und Kollegen im Vorzimmer und applaudierten mir – für mich ein großer Ansporn.

Nach meinem Abschluss konnte ich nur sechs Monate beim Tiefbauamt weiterarbeiten, eine feste Stelle war nicht vorgesehen. Doch ich wollte ohnehin weiterlernen – und ging
nach Flensburg, um am Beruflichen Gymnasium das Abitur nachzuholen. Außerdem bestand ich die Aufnahmegespräche im Studiengang Industriedesign an der Muthesius-Kunst-Hoch­schule in Kiel.

Wie eine kasachische »Disko« das Herz berührt

In Deutschland liegt meine Zukunft. Aber auch nach Russland und Kasachstan, wo meine Wurzeln sind, will ich künftig öfter reisen. Mein erstes Wiedersehen mit meiner kasachi­schen Heimatsiedlung Rosa Luxemburg im Jahr 2007 war tief bewegend. Zunächst flogen wir bis Tscheljabinsk am westlichen Rande Sibiriens und reisten anschließend nachts mit der Eisenbahn weiter. Von meiner alten Heimat war ich sehr enttäuscht: überall verwahrloste Wege, verlassene Häuser und nicht bestellte Felder. Nur noch drei deutschstämmige Familien lebten dort.

Aber ein Erlebnis brachte mir die verlassene Welt doch wieder nahe. Da es in dem entlegenen Dorf keine Diskothek gab, bauten sich die Jugend­lichen eine eigene. Sie gruben Holz-
tische und -stuhle fest in den Boden ein, damit sie nicht schon am nächsten Tag gestohlen wurden, und stellten einen uralten Kassettenrekorder darauf. Der Elektriker des Dorfes stellte den Strom für zehn Minuten ab; einer der Jungen kletterte auf den Strommast und montierte einen Draht daran, der unserem Gerät den Strom lieferte. In dieser kasachischen »Disko« kam die Dorfjugend zusammen, die Mädchen setzten sich auf die Bänke, amerikanische Popmusik schallte über den dunklen Dorfplatz, die Älteren tanzten dazu. Kein Vergleich mit der lichtüberfluteten und mit modernster Technik ausgestatteten Diskothek in Kiel, die ich manchmal besuche – und doch erlebte ich diesen Abend in dem kleinen Dorf weit hinter dem Ural mit ganzem ­Herzen.

Ich hoffe, dass es für Rosa Luxemburg und auch für Scharapowka eine Zukunft gibt. Mein Wunsch ist, dass meine künftige Frau sowohl Russland als auch Deutschland kennt, und meine Kinder sollten auch Russisch lernen.

Alexander Ebel

Buchtipp:

Dyck, Larissa; Mehl, Heinrich (Hg.): Mein Herz blieb in Russland. Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben, Zeitgut Verlag, 484 Seiten, ISBN 978-3-86614-145-2, 12,90 Euro

Dyck, Larissa; Mehl, Heinrich (Hg.): Mein Herz blieb in Russland. Russlanddeutsche erzählen aus ihrem Leben, Zeitgut Verlag, 484 Seiten, ISBN 978-3-86614-145-2, 12,90 Euro

Der vorstehende Beitrag entstammt – leicht gekürzt – dem gerade im Zeitgut Verlag neu erschienen Buch »Mein Herz blieb in Russland«. Mehr als 30 russlanddeutsche Frauen und Männer, alte und junge, schildern darin ihre ganz persönlichen Erinnerungen an die alte Heimat, ihre Erfolge und ihre Schwierigkeiten beim Einleben in der neue Heimat. Schicksale, die bewegen und die von der deutschen Gesellschaft kaum wahrgenommen werden. Ein Buch mit mehr als 60 Fotos und Abbildungen, einer Zeittafel sowie ­einem kleinen Russland-Lexikon, Karten und einem Ortsverzeichnis.