»Ich feiere oben, ihr feiert unten«

26. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Siegertyp: Der begeisterte Kanute Paul Beßler in seiner typischen Siegerpose nach einem gewonnenen Wettkampf. – Fotos: privat

Siegertyp: Der begeisterte Kanute Paul Beßler in seiner typischen Siegerpose nach einem gewonnenen Wettkampf. – Fotos: privat

Schicksal: Ein Siegertyp wird todkrank und findet dabei zu Gott – vom kurzen Leben und getrosten Sterben des Paul Beßler


Gott und der Glaube kamen im Leben von Paul Beßler lange Zeit nicht vor. Doch wenige Monate vor seinem Tod lässt sich der krebskranke junge Mann im Hallenser Uniklinikum taufen.

Man hätte meinen können, die zahlreichen Menschen in ihren farbenfrohen Kleidern wollten eine Gartenparty feiern. Wären da nicht die ernsten Gesichter, die gedämpften Stimmen – und die Kreuze. Sonnabend, 17. August, auf dem Friedhof der kleinen Gemeinde Döllnitz, südlich von Halle. Angehörige und viele Freunde, darunter die Sportkameraden des Halleschen Kanu-Clubs 54 sind gekommen, um Abschied zu nehmen. Abschied von Paul Beßler, der am 31. Juli im Alter von 24 Jahren einer Krebserkrankung erlegen ist.

Dass die meisten Menschen nicht in Schwarz erschienen sind, entspricht der ausdrücklichen Bitte von Paul: »Erscheint nicht in Schwarz, sondern in Bunt. Denn ich bin ja dann im Himmel, wo es mir gut geht. Ich bin jetzt ein Kind Gottes. Jetzt will ich mit meinem Vater im Himmel zusammen sein. Ich feiere oben, ihr feiert unten«, sagte Paul, der noch vor wenigen Monaten von Gott und der Bibel, vom christlichen Glauben und der Ewigkeitshoffnung keine Ahnung hatte, wenige Tage vor seinem Tod.

»Ich möchte einmal das Gefühl haben, dass ich gehalten werde,
dass ich geborgen sein kann«

Paul Beßler wächst in einem behüteten Elternhaus auf. Es gehört zu seinen Wesenszügen, dass er das, was er macht, voll und ganz macht. Das erleben auch die Mitglieder des Kanu-Clubs, in dem Paul sich schon in früher Jugend engagiert. Mittelmaß ist nicht sein Ding, selbst das Training ist bei ihm Wettkampf. Dennoch bleibt er immer Kamerad, ist allseits beliebt. Ob im Kanu oder im Drachenboot – »unser Pauli«, wie ihn die Sportfreunde nennen, heimst nationale und internationale Titel ein. Sein zum Zeichen des Sieges in den Himmel gereckter Zeigefinger wird geradezu zu seinem Markenzeichen.

Paul Beßler vor wenigen Wochen mit seiner Ärztin Ivonne Hasche im Hallenser Uniklinikum – auf dem Weg zum bewussten Sterben im Vertrauen auf Gott. – Fotos: privat

Paul Beßler vor wenigen Wochen mit seiner Ärztin Ivonne Hasche im Hallenser Uniklinikum – auf dem Weg zum bewussten Sterben im Vertrauen auf Gott. – Fotos: privat

Das Leben scheint für den jungen Mann ein einziges Siegertreppchen zu sein. Sein Abitur schafft er 2010 locker, will Neues ausprobieren und arbeitet ein Jahr auf Viehfarmen in Australien. Danach beginnt er ein Studium an der Technischen Universität Ilmenau, bleibt daneben seinem Verein und dem von ihm betreuten Wassersport-Nachwuchs treu.

Im Juli 2012 der Schock: Paul erleidet an einem Wochenende zweimal hintereinander epileptische Anfälle. Die Ärzte stellen einen Gehirntumor fest. Sofortige Operation; Chemotherapie, Bestrahlungen und Reha folgen, dazwischen wegen Komplikationen eine weitere Kopfoperation.

Im November hat er plötzlich starke Schmerzen im Rücken, kann ein Bein nicht mehr richtig bewegen. Im Hallenser Uni-Klinikum stellt man fest, dass sich in seinem Körper überall Metastasen des Krebses gebildet haben. Es folgen Operationen und weitere Komplikationen. Ein Neurochirurg eröffnet ihm im Januar dieses Jahres, dass er noch drei Tage zu leben habe. Sein Vater, leitender Angestellter in der Baubranche, und seine Mutter, Leiterin einer Kindertagesstätte, kümmern sich rührend um Paul, aber sind verzweifelt wie er selbst: »Ich bin noch zu jung, um schon zu sterben.«

Die Krebsexperten der onkologischen Station sehen eine kleine Chance in einer weiteren Chemotherapie. Zum Team der behandelnden Ärzte gehört jetzt Ivonne Hasche. Die junge Ärztin ist dem innerkirchlichen Pietismus verbunden, hat ihre geistliche Heimat in der Gemeinde auf dem Petersberg bei Halle, auf dem die evangelische Communität der Christusbruderschaft ein kleines Kloster unterhält. Paul spürt, wie er später berichtet, dass die Ärztin einen ihm unbekannten tiefen Frieden ausstrahlt. Sie kommen ins Gespräch; er fragt nach; sie erzählt von ihrem Glauben und Paul fragt immer weiter.

»Wir dachten, wir geben Paul Kraft, aber jetzt gibt er sie uns«

Sie lädt ihn ein, selbst im Gebet Gott zu suchen. »Wie soll das denn gehen? Was muss ich denn da sagen?«, fragt Paul. Ivonne Hasche setzt ihn in den Rollstuhl, fährt mit ihm in den Raum der Stille des Klinikums und fragt, was er sich denn von Gott wünsche? »Ich möchte einmal das Gefühl haben, dass ich gehalten werde, dass ich geborgen sein kann«, sagt Paul und spricht sein erstes Gebet. Paul kämpft weiter gegen die Krankheit und immer, wenn die trotz Chemotherapie wiederkehrenden Tumore ihm Angst machen, betet er mit »seiner« Ärztin. Als diese ihn eines Tages fragt, ob er sein Leben nicht ganz Jesus anvertrauen möchte, sagt er »Ja, ich will«. Und er erfährt tatsächlich selbst den gewünschten tiefen Frieden.

Am 7. Juni erlebt Paul den ersten und einzigen Gottesdienst in seinem diesseitigen Leben. Ivonne Hasche nimmt ihn im Rollstuhl mit auf den Petersberg. Prior Johannes Wohlgemuth predigt über die Taufe. Hinterher steht für Paul fest, dass er getauft werden möchte. Die Taufe, so vereinbaren sie, soll gefeiert werden, wenn es ihm wieder besser geht.

Doch als sich Pauls Zustand am 18. Juli dramatisch verschlechtert, erinnert sein Vater die Ärztin an den Taufwunsch. Mitten in der Nacht ruft sie Bruder Johannes auf die Intensivstation. Eine Nierenschale wird zum Taufbecken, eine Kerze sorgt inmitten der technischen Apparaturen mit ihrem Piepsen und Lichterflackern für eine »heilige« Atmosphäre. Paul hat ein neues Sehnsuchtswort: Erlösung. Bruder Johannes wählt als Taufspruch Jesaja 43, Vers 1: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!«

Am vergangenen Sonnabend auf dem Döllnitzer Friedhof: Abschied von Paul Beßler – auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht in schwarzer, sondern in bunter Kleidung. – Foto: Harald Krille

Am vergangenen Sonnabend auf dem Döllnitzer Friedhof: Abschied von Paul Beßler – auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht in schwarzer, sondern in bunter Kleidung. – Foto: Harald Krille

Für das Klinikum ist die Taufe eines Todkranken auf der Intensivstation eine kleine Sensation. Für Paul Beßler ist es der Höhepunkt seines Lebens. »Gott hilft in schwierigen Situationen, und man kann im Glauben an Jesus Christus getröstet sterben.« Das möchte er möglichst vielen noch erzählen. Und was Paul Beßler macht, das macht er ganz und gar: Ausdrücklich bittet er Ivonne Hasche und seine Eltern darum, sein Leben und Sterben und seinen Weg zum Glauben öffentlich zu machen.

Sein neues Leben verändert auch das Leben seiner Eltern, hat Einfluss auf den Freundeskreis. »Wir dachten, wir geben Paul Kraft, aber jetzt gibt er sie uns«, sagt seine Mutter. Eltern und Großeltern sitzen abends auf der Terrasse und lernen das Vaterunser auswendig. Es ist Pauls Lieblingsgebet. Als er am 24. Juli zum Sterben nach Hause kommt, lädt er täglich seine Freunde und Kanu-Kameraden zu sich. Sein Wunsch: Sie sollen ihm aus der Bibel vorlesen, selbst wenn er schlafe. Viele halten so zum ersten Mal das Buch der Bücher in den Händen.

Am 31. Juli geht es ihm immer schlechter. Eine Palliativärztin ist um ihn, um die Schmerzen erträglich zu halten. Am Abend kommt »seine« Ärztin Ivonne Hasche dazu. Eltern und Ärzte beten gemeinsam mit Paul. Ivonne Hasche spricht ihm den Segen Gottes zu, zeichnet ein Kreuz auf seine Stirn. Wenig später ist Paul Beßler friedlich eingeschlafen.

»Dass die Krankheit den jungen Mann auszehrt und er nicht in Hoffnungslosigkeit versinkt, das ist Gottes große Tat in diesem Leben«, sagt Bruder Johannes auf dem Döllnitzer Friedhof. Und ein tief bewegter Vertreter des Kanu-Clubs ist überzeugt, Paul werde wohl jetzt in seinem geliebten »Craft«-Shirt (Funktionsunterwäsche) »im Himmel weiterpaddeln«. Beim Abschied am Urnengrab reckt einer der Kanuten den Zeigefinger in Richtung Himmel. Dahin, wo Paul jetzt feiert.

Harald Krille
Helmut Matthies

Zielscheibe frustrierter Islamisten

25. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ägypten: Enttäuschte Anhänger der Moslembrüder gehen in beispielloser Willkür gegen die koptischen Christen vor


Mehr als 60 Kirchen wurden in den vergangenen Tagen Ziel von islamistischen Anschlägen. Die Christen am Nil sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die aktuellen Bilder aus Ägypten sind wieder einmal bedrückend. Statt Deeskalation scheint die Gewalt nicht abzureißen. Verzweiflung, Hass, Angst und Trauer prägen die Stimmung der Bevölkerung in diesen Tagen. Der demokratisch gewählte Präsident Mursi hatte sich während des einen Jahres seiner Herrschaft auf ganz undemokratische Weise überhöhte Vollmachten angeeignet und alle Kontrollinstanzen aufgelöst.

Die anfänglich versprochene Partizipation aller gesellschaftlichen Gruppierungen an der Neugestaltung der Zukunft Ägyptens war einer islamistischen Dominanz gewichen. Gezielt hatte Mursi als Vertreter der Moslem-Bruderschaft den Umbau der ägyptischen Gesellschaft in einen islamistischen Staat eingeleitet und betrieben. Die wirtschaftliche und soziale Talfahrt wurde für viele Ägypter schmerzlich spürbar. Neben einem wachsenden Versorgungsengpass und ständig steigenden Preisen für Grundnahrungsmittel zogen sich ausländische Investoren zurück. Die notwendigen Finanzspritzen aus dem Westen blieben aus und die Zahl der Touristen sank empfindlich.

Als dann vor einigen Monaten die »Tamarrud-Bewegung« (Rebellion) ins Leben gerufen wurde, gab man ihr wenig Chancen auf eine nachhaltige politische Wirkung. Es handelte sich anfänglich um eine Unterschrifteninitiative, die anlässlich der einjährigen Amtseinführung zur Absetzung von Präsident Mursi führen sollte. Doch das, womit wenige gerechnet hatten, trat am 3. Juli ein: Die Armeeführung, sicher nicht ohne Eigeninteresse, folgte dem Wunsch von etwa 22 Millionen Ägyptern und setzte Präsident Mursi ab.

Gerald Lauche ist Mitarbeiter der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten mit Sitz in Wiesbaden und arbeitet als Theologe seit 26 Jahren in Assuan und Kairo. – Foto: Archiv

Gerald Lauche ist Mitarbeiter der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten mit Sitz in Wiesbaden und arbeitet als Theologe seit 26 Jahren in Assuan und Kairo. – Foto: Archiv

Deshalb ist es verfehlt, hier von einem klassischen Militärcoup zu sprechen. Seitdem atmeten viele junge Ägypter, liberale Muslime und Christen wieder auf. Jubel und Hoffnung bestimmten die ersten Stunden nach dieser Maßnahme. Ein Neuanfang, an dem alle politischen Kräfte beteiligt werden sollten, schien möglich.

Allerdings machten die entmachteten Moslembrüder aus ihrer maßlosen Enttäuschung über das Vorgehen der Armee keinen Hehl. Sie wollten die Absetzung Mursis nicht akzeptieren, entzogen sich dem neuen politischen Diskurs, kündigten friedlichen, aber auch gewaltsamen Widerstand an. Die Bereitschaft der Salafisten, sich an den Gesprächen mit der Übergangsregierung zu beteiligen, führte zu einer weiteren politischen Isolation der Moslem-Bruderschaft.

Als dann der Aufforderung der Regierung, die Lager der Pro-Mursi-Demonstranten freiwillig und friedlich zu räumen, nicht nachgekommen wurde, kam es zu einer erschreckenden Eskalation der Gewalt. Bis heute mussten etwa 750 Menschen ihr Leben lassen. Das ägyptische Volk ist tiefer gespalten als je zuvor.

Bedauerlicherweise entlädt sich nun die Wut der Islamisten zunehmend auch an den ohnehin schon diskriminierten Christen des Landes. Man sieht in ihnen Verbündete der Armee und der Übergangsregierung. In Ägypten leben etwa acht Millionen Christen, die vor allem der koptisch-orthodoxen Kirche angehören. Etwa zehn Prozent der ägyptischen Christen gehören einer der protestantischen oder der katholischen Kirche an.

In den letzten Tagen wurden mehr als 60 christliche Kirchen angezündet oder stark beschädigt. Erstmalig in der Geschichte der ägyptischen Bibelgesellschaft wurden in Minya und Assiut zwei Bibelläden in Brand gesteckt. Geschäfte und Privathäuser von Christen sowie christliche Schulen wurden angegriffen und angezündet. Es bleibt sehr zu wünschen, dass es der Regierung und der Armee gelingt, in deeskalierender Weise Ruhe und Ordnung wieder herzustellen, die islamistischen Gruppierungen in den politischen Diskurs zu integrieren und die Christen als Teil der ägyptischen Gesellschaft zu schützen.

Gerald Lauche

www.emo-wiesbaden.de

Brot eintauchen statt Wein trinken?

24. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Verhalten im Gottesdienst: Über die beim Abendmahl häufig geübte Praxis der Intinktion

Statt aus dem Kelch zu trinken, tauchen manche beim Abendmahl die Hostie in den Weinkelch – eine richtige und sinnvolle Praxis oder unerwünscht? Um diese Frage geht es im dritten und letzten Teil unserer Beitragsserie über den Gottesdienst. Mit Dr. Erik Dremel vom Institut für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Halle sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Dremel, es ist oft zu beobachten, dass beim Abendmahl die Hostie in den Wein eingetaucht wird. Was hat es damit auf sich?
Dremel: Es handelt sich um die sogenannte Intinktion (lat. Intinctio = eintauchen, eintunken). Anstatt direkt aus dem Kelch zu trinken, taucht der das Abendmahl empfangene Kommunikant das ausgeteilte Brot in den Weinkelch: So nimmt die Hostie etwas Wein auf, und beides zusammen kann verzehrt werden.

Meistens geschieht das, um zu vermeiden, aus demselben Kelch zu trinken, aus dem viele andere Menschen auch trinken. Entweder weil man selbst krank ist und andere nicht anstecken möchte (Grippe, Herpes usw.) oder aus Furcht, sich durch Krankheitserreger der anderen selbst anzustecken. Ich glaube, vielen Menschen geht es dabei nicht nur um die akute Infektionsgefahr, sondern sie finden es auch ein bisschen unappetitlich. Aufgrund unseres heutigen Hygienebewusstseins trinkt man ja auch im Alltag aus demselben Glas eher nur mit Familienangehörigen oder sehr engen Freunden.

Erik Dremel – Foto: Archiv

Erik Dremel – Foto: Archiv

Gehören Brot und Wein unbedingt zum Abendmahl?
Dremel: Brot und Wein sind die zeichenhaften Elemente, die beim Abendmahl verwendet werden, wie sie auch Jesus beim letzten Abendmahl, der Eucharistie, am Gründonnerstag verwendet hat (vgl. Matthäus 26,26 und 1. Korinther 11,23). Um das Verhältnis dieser Lebensmittel zu ihrer symbolischen, theologischen Bedeutung wurde in der Geschichte viel diskutiert und gestritten, aber eine Abendmahlsfeier ohne beide Elemente ist nicht vorstellbar.

In der römisch-katholischen Kirche werden oft nur die Hostien ausgeteilt …
Dremel: Bereits im Mittelalter wurde tatsächlich aus praktischen Erwägungen der Kelch immer seltener an die Laien ausgeteilt, vor allem weil man Angst hatte, dass von dem gewandelten Wein etwas verschüttet würde. Im Spätmittelalter galt das Trinken aus dem Kelch zunehmend als ein Vorrecht der Priester, wodurch sie sich eben von den Laien unterschieden.

Theologisch gesehen galt und gilt, dass jeweils in beiden Elementen »wahrer Leib und Blut Christi« vollgültig enthalten ist – eine Lehre, die von Martin Luther in seinem Sermon von dem hochwürdigen Sakrament (1519) und anderen reformatorischen Schriften bestätigt wurde. Man kann also auch heute nur das Brot zu sich nehmen, und es ist dennoch ein echtes und gültiges Abendmahl.

Aber auch später stritten sich Protestanten und Katholiken über den Kelch?
Dremel: Auf dem Konzil von Konstanz (1414–18) wurde der Kelch für Laien, also Nicht-Priester, verboten, und das war etwas Neues, denn zuvor wurde der Wein einfach nicht ausgeteilt. Gegen dieses Verbot regte sich viel Widerstand, namentlich von den Anhängern des Reformators Jan Hus (ca. 1369–1415), die das Recht forderten, aus dem Kelch trinken zu dürfen.

Nachhaltig durchgesetzt hat sich diese Forderung in der Reformation Martin Luthers, die die Kelchkommunion unter Berufung auf Jesu Weisung »trinket alle daraus« (Matthäus 26,27 u. ä.) grundsätzlich wieder einführte: Sie wurde geradezu zu einem maßgeblichen Unterscheidungskriterium zwischen »Evangelisch« und »Katholisch«. Gerade in den 1520er bis 1560er Jahren wurde die Einführung der Reformation in einzelnen Ortschaften daran datiert, wann die Kommunion unter »beiderlei Gestalt« ausgeteilt wurde.

Seit dem II. Vatikanischen Konzil dürfen auch katholische Laien wieder die Kelchkommunion erhalten, auch wenn es in der Praxis längst nicht immer geschieht – das wird dann aber nicht theologisch, sondern organisatorisch-praktisch begründet: Es ist eben viel einfacher handhabbar, nur die Hostien auszuspenden.

Die Intinktion ist also sinnvoll und zulässig?
Dremel: Ich finde, es spricht theologisch gesehen gar nichts gegen die Intinktion. In bestimmten Situationen ist das eine gute und angemessene Praxis. Übrigens heißt das im Griechischen verwendete Verb einerseits trinken, aber auch grundsätzlich: in sich aufnehmen, aufsaugen – also muss der Imperativ »trinket« auch sinngemäß verstanden werden.

Lediglich in einer Hinsicht finde ich persönlich die ausschließlich praktizierte Intinktion etwas defizitär: Beim Abendmahl geht es doch darum, die Fülle der Freundlichkeit Gottes zu schmecken und leiblich zu spüren. Ein voller Schluck guten Weins gibt einfach ein anderes Gefühl als eine mit ein paar Tropfen benetzte Oblate.

Kunst soll Türen öffnen

23. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Kirchenkreis Halle-Saalkreis hat zum ersten Mal einen Medienkunstpreis vergeben

Was bedeutet heute Glaube? Welche Bedeutung hat er in der Gesellschaft? Diese Fragen stellte der Kirchenkreis Halle-Saalkreis in seinem erstmals ausgeschriebenen Medienkunstpreis, bei dem junge Künstler bis 29 Jahre Fotos zum weitgefassten Thema unter dem Motto »Prozess« einreichen konnten. Damit wolle die Kirche in Halle über die moderne Kunst Türen in die Gesellschaft öffnen, so Superintendent Hans-Jürgen Kant. Am 17. August wurden im Rahmen der Kirchennacht die Berliner Fotografin Lioba Keuck und der Hallenser Thomas Nauhaus ausgezeichnet. Beide teilen sich den mit 2000 Euro dotierten Preis – und damit den zweiten Platz. Die Jury hatte sich unter den fünf Nominierten nicht auf einen Sieger festlegen können.

Preisverleihung: Lioba Keuck und Thomas Nauhaus teilen sich den 2. Platz. – Foto: Silvia Zöller

Preisverleihung: Lioba Keuck und Thomas Nauhaus teilen sich den 2. Platz. – Foto: Silvia Zöller

Die beiden Gewinner haben das Thema »Prozess« auf völlig unterschiedliche Weise interpretiert. Thomas Nauhaus (29), der gerade an seiner Abschlussarbeit im Rahmen seines Soziologiestudiums schreibt und im Studentenfotoclub »Conspectus« mitmacht, zeigt auf einem Schwarz-Weiß-Foto ein nacktes, eng umschlungenes Paar im Bett. Eigentlich sind es drei Personen: Die Frau ist schwanger. »Hier ist das Thema Prozess auf den Punkt gebracht. Mutter, Vater und Kind sind im Prozess vereinigt«, sagte Jury-Mitglied Theo Immisch – Kurator der Fotografie-Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg – in seiner Laudatio. Das Bild, so Immisch, sei ein Bild der Hoffnung und Zuversicht.

Lioba Keuck, die als freiberufliche Fotografin in Berlin arbeitet, verfremdet in einer ursprünglich aus acht Bildern bestehenden Reihe Porträts von Männern und Frauen durch Glaselemente: Auf einem Bild sticht ein Glasdreieck in das Auge eines Mannes, auf einem anderen Foto wird der Kopf durch eine Glashalbkugel vergrößert. »Es gibt keine Realität ohne Filter, jeder ist von seiner eigenen Wahrnehmung geprägt«, sagt die 29-Jährige. Das Glas sei hier der Filter. Interessant: Das Thema »Prozess« hat die Künstlerin gleich zweifach umgesetzt, denn sie hat die Glaselemente der Fotoserie im gleichen Verfahren, nach dem Kirchenfenster gefertigt werden, hergestellt.

Silvia Zöller

Noch bis zum 29. September sind die ausgezeichneten Bilder und die nominierten Werke der usbekischen Fotografin Alexandra Polina, des hessischen Fotografen Christian Huhn und der halleschen Studentin Hanna Sass in der Hallenser Marktkirche zu sehen. Auch wenn es zu diesem ersten Medienkunstpreis des Kirchenkreises nur 19 Einsendungen gab, so soll es auch im kommenden Jahr wieder einen solchen Wettbewerb geben.

Schweiz: Wo sich Asylsuchende aufhalten dürfen …

21. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagelang hat die Schweiz in der vergangenen Woche ein de facto Randthema beschäftigt: Das westlich von Zürich gelegene und zum Kanton Aargau gehörende Städtchen Bremgarten war Objekt nationaler Schlagzeilen. Das Bundesamt für Migration hatte die Stadtbehörden dafür gewinnen können, die lokale Truppenunterkunft für ein Asylzentrum für 150 Asylsuchende zu nutzen. Das Bundesamt machte dabei die Konzession, dass die Stadt ein »Rayonverbot« (in Deutschland Haus- oder Platzverbot) für ­sensible öffentliche Plätze verhängen durfte. Das heißt, die in Bremgarten untergebrachten Asylsuchenden dürfen bestimmte Plätze, wo sich insbesondere Kinder aufhalten – Schulen und das lokale Schwimmbad – nicht, oder nur in Begleitung von Betreuern betreten.

In ersten Medienmitteilungen hieß es, auch Kirchen und ihre Vorplätze dürften von den Asylsuchenden nicht betreten werden. Doch dagegen nahmen – eher untypisch für das aufgeheizte Klima gegenüber den jungen Männern aus Nigeria und Nordafrika, welche im Zentrum des Interesses ­stehen – sogleich die Landeskirchen Stellung. Es kam zu einem Disput. ­Lokal- und Bundesbehörden sowie Medien meldeten Widersprüchliches. Menschenrechtler wandten ein, es fehlte an den rechtlichen Grundlagen für ein solches Verbot.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Das Beispiel Bremgarten macht den Konflikt und die Misere deutlich, in der die Schweiz aktuell steht. Sie sieht sich ihrer humanitären Tradition verpflichtet, hat es aber öfters mit jungen männlichen Asylbewerbern, die mit Drogenhandel und Kleinkriminalität auffallen, zu tun. Jedes neue ­Projekt, eine größere Zahl von Asylbewerbern lokal unterzubringen, führte daher bislang zu Ressentiments und organisiertem Widerstand der Bevölkerung. Dem wollten die Behörden in Bremgarten vorbeugen.

Das Schweizer Radio SRF wollte schließlich wissen, wie die Bevölkerung von Bremgarten selbst über die Sache denkt und holte Statements von Passanten ein. Die Überraschung war perfekt. Nicht einer der Angesprochenen fand die Aufenthaltsbeschränkungen für die zukünftigen Bewohner der Truppenunterkunft nötig oder sinnvoll. Auch die lokalen Kirchengemeinden nahmen dezidiert Stellung und lehnten die Einschränkungen ab. Die kantonalen Landeskirchen ihrerseits hatten schon zuvor beschlossen, einen Beratungsdienst für die ­Asyl­suchenden aufzubauen. Zwei Fachpersonen der Landeskirchen für interkulturelle und soziale Arbeit und Seelsorge sollen die Menschen im Asylzentrum begleiten und auf ihre sozialen und persönlichen Bedürfnisse und Fragen eingehen.

Haben die Behörden somit in ­vorauseilendem Gehorsam restriktive Maßnahmen beschlossen? Ist die ­Bevölkerung aufgeschlossener als es Behörden und politische Parteien zu wissen meinten? Die nahe Zukunft wird es zeigen.

Fritz Imhof berichtet für unsere Zeitung aus der Schweiz.

Zum Leben gehören Brot und Rosen

18. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Blumen sind Luxus. Wir geben viel Geld aus für einen Strauß, der nach kurzer Zeit die Blütenblätter fallen lässt und nach Fäulnis riecht. Verschwenderisch schmücken Blumen die Geburtstagstische, Hochzeitstafeln und Särge. Zu Einladungen aller Art, Krankenbesuchen und Liebeserklärungen gehören sie einfach dazu. Wie verlassen würde eine Kirche ohne Altarschmuck wirken und wie kulturlos der Tisch im Café. Blumen sprechen ihre eigene Sprache, Blumen begleiten Leben und Tod, Blumen müssen sein. Ihre vergängliche Schönheit macht sie kostbar und sichert besondere Aufmerksamkeit.

»Ach der eitlen Blumenfreude und der kurzen Augenweide! Heute blühet sie noch schön, morgen pflegt sie abzugehn.«
M. Daniel Pfisterer

Natürlich könnte man stattdessen nützliche Dinge kaufen, die ein langes Leben haben. Wir gehen ja sonst sehr preisbewusst um mit den Angeboten in Einkaufszentren, Märkten und Gasthäusern. Vielleicht sollte man eher ein Küchengerät schenken statt roter Rosen. Da hätte man länger etwas davon. Vielleicht hätte Rainer Maria Rilke der Bettlerin in Paris besser ein Geldstück in ihre Hand fallen lassen statt einer weißen Rose. Der tiefe Eindruck, den er damit hinterlässt, zeigt freilich, dass er genau das Richtige getan hat. »Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot«, sagt er zu seiner irritierten Begleiterin.

Christine Lässig

Christine Lässig

Keine Frage, dass man beides braucht: Brot und Rosen, genug zum Lebensunterhalt und daneben immer wieder Zeichen der Wertschätzung, der Anteilnahme oder Mitfreude. Ob auf der Wiese gepflückt, im Garten ­geschnitten oder im Laden ­gekauft, bescheren Blumen Augenblicke voller Schönheit, Duft und ­Farbenrausch. Gut angelegtes Geld für – wenn auch flüchtige – Glücksmomente. Manchmal haben sie sogar Bestand. Ich kann die Maiglöckchen auf dem Geburtstagstisch meines Vaters und die sommerlichen Wickensträuße meiner Mutter noch heute sehen und riechen. Der Hochzeitsstrauß meiner Schwiegertochter hängt schon viele Jahre in der Wohnung, und in den vergilbten Liebesbriefen meiner längst verstorbenen Großeltern liegen gepresste Veilchen.

Christine Lässig

Kirche im Wohnzimmer

18. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hauskreise: Sie gehören zum »Ökosystem der Fürsorge und Erneuerung« in den christlichen Gemeinden

Für viele gehören feste ­Gesprächsgruppen in den Wohnzimmern selbstverständlich zur Gemeindearbeit. Doch waren und sind solche Hauskreise nicht ­unumstritten. Ein Theologe sagt, warum sie dennoch wichtig sind.

Seit einigen Jahrzehnten sind in vielen Kirchengemeinden Hauskreise entstanden. Sie bilden eine Art »missing link« (»fehlende Verbindung«) zwischen dem Einzelnen und der häufig eher anonymen Gesamtgemeinde. In der Regel handelt es sich dabei um Gemeinschaften von sechs bis zwölf Personen, die sich ­regelmäßig für zwei bis drei Stunden in der Wohnung eines der Teilnehmenden treffen, um über Glaubens- und Lebensfragen zu sprechen. Im Mittelpunkt des Treffens, das von einem engagierten Gemeindeglied geleitet wird, steht meist ein Bibeltext. Häufig bilden Lied und Gebet einen ­liturgischen Rahmen.

Hauskreise sind keine Erfindung der Neuzeit! Ihre Wurzeln liegen bereits in der frühen Christenheit. In der Apostelgeschichte heißt es, dass sich die Mitglieder der Jerusalemer Ur-
gemeinde in ihren Häusern zur Feier des Abendmahls versammelten (Apostelgeschichte 2,46). Martin Luther schwebte eine Erneuerung der Kirche mithilfe von Hauskreisen vor. In der Vorrede zu seiner »Deutschen Messe« schrieb er, dass sich Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, hin und her in den Häusern versammeln sollten, um Gottesdienst zu feiern, aneinander Seelsorge zu üben und den Alltag miteinander zu teilen. Luther selbst verzichtete auf die Einrichtung solcher Hauskreise, weil er meinte, dass die Gemeindeglieder dazu noch nicht bereit wären. Erst im Pietismus kam es zur Gründung der »collegia pietatis«, der Bibelbesprechstunden.

Kirche im Wohnzimmer: Gemeinsames Bibellesen, Diskutieren und Beten, aber auch die erfahrbare persönliche Nähe und gegenseitige Fürsorge machen für viele den Reiz eines Hauskreises aus. Foto: justinkendra/Fotolia.com

Kirche im Wohnzimmer: Gemeinsames Bibellesen, Diskutieren und Beten, aber auch die erfahrbare persönliche Nähe und gegenseitige Fürsorge machen für viele den Reiz eines Hauskreises aus. Foto: justinkendra/Fotolia.com

Auch wenn die Hauskreise im Verlauf der Geschichte sehr unterschiedlich aussahen und sich nicht ohne Weiteres mit den heutigen vergleichen lassen, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten: Die Zusammenkünfte finden gewöhnlich in Privathäusern statt und es handelt sich um kleine überschaubare geistliche Gemeinschaften.

Dabei waren Hauskreise von Anfang an nicht unumstritten. In neuerer Zeit wird ihnen vorgeworfen, dass sie elitäre Cliquen von Leuten seien, die sich ausschließlich um ihr persönliches Seelenheil kümmerten. Für die Nöte der Gesellschaft hätten sie kein Gespür. Überdies begünstigten sie die Trennung ihrer Mitglieder von der Ortsgemeinde.

Sind diese Vorwürfe berechtigt? Ich will nicht bestreiten, dass sie auf manche Hauskreise zutreffen. Empirische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die weit überwiegende Anzahl von Pfarrern und Gemeindegliedern Hauskreise als wichtigen Baustein der Gemeindearbeit betrachten. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich. Die Reformatoren haben das sogenannte all-
gemeine Priestertum wiederentdeckt. Allerdings wurde es in der evangelischen Kirche kaum praktisch umgesetzt. Hauskreise stellen ein Übungsfeld dafür dar: Hier können Laien lernen, theologisch sprachfähig zu werden und geistliche Verantwortung für andere zu übernehmen. Das gilt nicht nur für die Hauskreisleiter, sondern für alle Teilnehmenden.

Evangelisches Christsein wurde lange Zeit mit Individualismus, Subjektivismus und Innerlichkeit gleichgesetzt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den gelebten Glauben wurde unterschätzt. Die christliche Gemeinde ist ein »Ökosystem der Fürsorge und Erneuerung« (James W. Fowler, US-amerikanischer Theologe). Damit das keine bloße Wunschvorstellung bleibt, ist der Aufbau tragfähiger sozialer Beziehungsnetze in der Gemeinde nötig. Hauskreise gehören dazu. Angesichts des Abbaus der Bedeutung von Familie, Nachbarschaft und Freundschaften wird die seelsorgerliche Dimension der Gemeinde immer wichtiger. Das Bedürfnis nach vertrauensvoller Aussprache wächst. Hauptamtliche Seelsorger kommen zeit- und kräftemäßig schnell an ihre Grenzen. Wenn die ­Atmosphäre der Hauskreise von Liebe und Humor geprägt ist, kann zwischen den Mitgliedern Vertrauen wachsen und in ihnen ein Stück weit die seelsorgerliche Gemeinde Wirklichkeit werden.

Peter Zimmerling

Peter Zimmerling ist Professor für praktische Theologie in Leipzig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Seelsorge und evangelische Spiritualität.

Unterstützung für Hauskreise
»Hauskreise sind eine Form, wie Kirche konkret Gestalt gewinnt«, heißt es auf der für Hauskreisarbeit bestimmten Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie »können Menschen in ihrer Mündigkeit und Motivation stärken, das Leben ­einer Kirchengemeinde verantwortlich mitzugestalten«. Damit dies gelingt, werden auf der Internetseite neben guten Argumenten für die Hauskreisarbeit auch viele wertvolle praktische Tipps und Arbeitsmaterialien angeboten:
www.a-m-d.de/hauskreise

Mit und ohne Hut in die Kirche

15. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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So verhalte ich mich richtig – Knigge für den Gottesdienst

Darf ich schulterfrei eine Kirche betreten? Ist Fotografieren im Gottesdienst erlaubt? Diese und andere Fragen zum richtigen Verhalten im Gottesdienst beleuchtet eine dreiteilige Beitragsserie. Mit Dr. Erik Dremel vom Institut für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Halle sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Dremel, eine Kleiderordnung für den Gottesdienst gibt es nicht, also ist es egal, was ich anziehe?
Dremel:
Ja! Sie können in den Gottesdienst kommen, wie Sie mögen und sich wohlfühlen. Um die Begegnung mit Gott zu suchen, müssen Sie sich nicht speziell kleiden. Bedenken Sie aber dabei: Unsere Kleidung hat auch Einwirkungen darauf, wie wir uns fühlen. Ob wir die Gartenhose anziehen oder eine weiße Bluse, macht etwas mit uns. Das gilt es, sich bewusst zu machen. Aber wenn Sie beispielsweise am Sonntagmorgen in der Trainingshose vom Brötchenholen kommen und die Glocken der Kirche läuten, und Sie verspüren den inneren Wunsch, hineinzugehen – sind Sie gern gesehen, egal was Sie anhaben.

Erik Dremel – Foto: Archiv

Erik Dremel – Foto: Archiv

Minirock und Trägertop sind allerdings nicht so gern gesehen?
Dremel:
Traditionell würde man antworten: Ja, Schultern und Knie sollten bedeckt sein, das gilt insbesondere in mediterranen Kulturen. Dort werden Sie im Mini vom Küster (lat. Wächter) gar nicht erst in die Kirche hineingelassen – aber auch nicht ins Museum oder Theater. Ich finde es ganz heilsam, darüber nachzudenken, welche Signale wir eigentlich mit unserer Kleidung senden, und auch wie man durch vermeintliche Äußerlichkeiten wie Kleidung auf die Würde eines Ortes oder einer Veranstaltung antworten kann. Ein Gottesdienst ist eben ein Fest, und dazu mag man sich auch festlich anziehen.

Aber noch mal: Wenn Sie mit dem tiefen Wunsch zu beten, mit Gott Kontakt aufzunehmen, eine Kirche aufsuchen, wird Sie kein evangelischer Küster hinauswerfen – egal was Sie anhaben.

Wie ist es mit der Kopfbedeckung?
Dremel:
Klassisch gilt: Wenn ein Mann eine Kirche betritt, nimmt er seine Kopfbedeckung, den Hut, die Mütze, ab. Das gilt als Erweis von Respekt und Hochachtung, denn allgemein ist es höflich, den Hut zu ziehen: zum Gruß eines anderen Menschen, beim Eintritt in ein Haus und eben besonders in ein Gotteshaus. Schon Paulus kritisierte das Beten der Männer mit bedecktem Haupt (1. Korinther 11,4), wobei die Barhäuptigkeit insgesamt als Geste der Demut zu verstehen ist. Auch heute gilt es allgemein als angemessen, dass ein Mann in der Kirche sein Haupt entblößt.

Genau umgekehrt ist es bei Frauen, bei ihnen gilt es als Zeichen der Ehrerbietung, den Kopf zu bedecken – das gilt insbesondere in katholischen und vor allem in orthodoxen Kirchen, dort ist eine fehlende Kopfbedeckung bei Frauen ein grober Verstoß gegen die gute Sitte. Und schauen Sie mal die TV-Gottesdienste mit dem englischen Königshaus: Sie werden dort kaum eine Frau finden, die nicht das Haupt bedeckt.

Aber auch im mitteldeutschen Protestantismus ist es noch nicht lange her, dass diese Regel so unkompliziert gehalten wurde wie heute. Noch in den 1950er und 60er Jahren hätten Sie keine Frau ohne Hut oder Kopftuch in einer Kirche gefunden. Heute gibt es bei uns diesbezüglich keine feste Pflicht zur Kopfbedeckung mehr. Wenn Sie aber an Gottesdiensten anderer Konfessionen teilnehmen oder nur deren Kirchen besichtigen, sollten Sie diese Regeln beachten.

Gibt es feste Regeln, wann die Gemeinde aufsteht und sitzenbleibt?
Dremel:
Nein. Schauen Sie einfach, wie es andere machen und vollziehen es mit. Außerdem wird Sie keiner komisch angucken, wenn Sie auch mal sitzenbleiben, während die anderen aufstehen – es gibt viele ältere Gemeindemitglieder, denen Aufstehen oder Stehen schwerfällt, deshalb bleiben sie natürlich sowieso sitzen.

Es gibt zwar Regeln, aber die sind innerhalb der Landeskirchen und sogar unter verschiedenen Gemeinden uneinheitlich. Grundsätzlich gilt: Man steht zur Lesung des Evangeliums und zum Segen auf, aber darüberhinaus gibt es viele detaillierte Gewohnheiten, sodass Sie mit der Nachahmungsregel am besten fahren.

Mit Schwert und Wort

14. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie wurde aus der kleinen Bewegung der Urchristen eine Weltreligion? Eine große Ausstellung in Paderborn versucht, diese Frage zu beantworten. Dabei bleiben auch die Schattenseiten nicht unerwähnt.

Es war ein klares Bekenntnis: Als die römischen Kaiser Konstantin und Licinius mit der Mailänder Vereinbarung im Jahr 313 das Christentum tolerierten, veränderte sich in den folgenden Jahrhunderten die religiöse Landkarte. Die Botschaft Jesu sollte die ganze Welt erreichen, statt vieler Götter regierte nur noch einer. Wie die Menschen auf diesen einschneidenden Wandel reagierten und wie sich im Laufe der Zeit geistliche Eliten, Herrscher und Institutionen herausbildeten, das zeigt die Ausstellung »CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter« bis 3. November in drei Museen in Paderborn.

Für diese groß angelegte Schau haben die Kuratoren des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, des Museums in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie am Abdinghof mehr als 800 hochkarätige Exponate von Museen, Bibliotheken und Leihgebern aus aller Welt zusammengetragen. Zu den Glanzstücken gehören das Papyrusfragment des Paulusbriefes an die Christengemeinde in Rom, die goldene Sonnenscheibe von Limons sowie Kultgefäße und Opfergaben aus der jüngst entdeckten skandinavischen Tempelanlage von Uppakra.

Spiegelinstallation zur Frage der heutigen Christenheit in der Städtischen Galerie in Paderborn. – Foto: epd-bild

Spiegelinstallation zur Frage der heutigen Christenheit in der Städtischen Galerie in Paderborn. – Foto: epd-bild

Im Gegensatz zu den bekannten Vorgängerausstellungen »Kunst und Kultur der Karolingerzeit« (1999) und »Canossa – Erschütterung der Welt« (2006) sowie »Franziskus – Licht aus Assisi« (2011) steht dieses Mal nicht ein historisches Ereignis oder eine Persönlichkeit im Fokus, sondern das große Panorama einer über 1000 Jahre umfassenden Geschichte. »Es ist eine Schau der Superlative, so etwas hat es bislang noch nicht gegeben«, erklärt der Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, Christoph Stiegemann.

Unter dem Titel »Lux mundi« geht es im Diözesanmuseum um die Anfänge des Christentums, von einer kleinen Bewegung zum Aufstieg als Weltreligion. Wer das Museum betritt, hat sofort den Eindruck, das antike Rom im Miniaturformat habe sich in Paderborn angesiedelt.

Kunstschätze und archäologische Funde wie Altarfragmente, Mosaike und Wandmalereien, heidnische Götterbilder, aber auch frühe Darstellungen von Jesus Christus und der Apostelfürsten Petrus und Paulus machen mit den ersten christlichen Spuren im damaligen Römischen Reich vertraut. Veranschaulicht werden die unterschiedlichen Missionskonzepte vom heiligen Patrick in Irland, die des angelsächsischen Wandermönchs Willibrords, der die Reichsabtei Echternach in Luxemburg gründete, und ebenso jene Bemühungen von Bonifatius im fränkischen Reich.

Im Museum der Kaiserpfalz ändert sich die bislang hell strahlende Perspektive. Der Gang durch den inszenierten dunklen Wald bereitet darauf vor, dass der Prozess der Christianisierung nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Schwert geführt wurde. Herrscher wie Karl der Große oder Otto der Große wollten – das macht die Ausstellung unter dem Motto »In hoc signo« deutlich – einerseits ihre Territorien erweitern, anderseits auch die Ausbreitung des christlichen Glaubens vorantreiben. »Taufe oder Tod« steht in großen Lettern mitten über dem Ausstellungsteil. Wer sich der sogenannten »Schwertmission« widersetzte, dem drohte die Vernichtung.

Auch in der Kaiserpfalz glänzen spektakuläre Exponate, darunter viele prachtvolle kunsthistorische Schätze wie die goldene Schale von Nagyszentmiklos, dem sogenannten Awarenschatz aus dem heutigen Rumänien. Zu sehen sind außerdem wertvolle Handschriften. Dazu gehört das bedeutende Aachener Karlsepos aus der Stiftsbibliothek St. Gallen. Dieser zeitgenössische Bericht beschreibt das wichtige Treffen zwischen Karl dem Großen und Papst Leo III. zu Missionsfragen im Jahr 799 in Paderborn. Unter dem Motto »Quo Vadis« geht das Museumsteam in der Städtischen Galerie am Abdinghof der Frage nach, wie nachfolgende Generationen mit der Christianisierung umgingen. An mehreren Stationen wird beleuchtet, wie sich konkrete Geschichtsbilder im Laufe der Zeit änderten und verschieden gedeutet wurden. Mit dem Blick auf das vereinte Europa und der Frage nach dem heutigen Stellenwert der christlichen Wurzeln endet die umfangreiche und komplexe Ausstellung.

»Der Besucher sollte sich Zeit nehmen«, rät Martin Kroker vom Museum in der Kaiserpfalz. Um einer Ermüdung wirksam vorzubeugen, sei es am besten, ein paar Tage Aufenthalt in Paderborn einzuplanen, meint der Museumsdirektor.

Martina Schäfer (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.
www.credo-ausstellung.de

»Guck mal, wie schön arm die sind«

11. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Slum-Tourismus: Armut als Attraktion – zwischen echtem Interesse und billigem Voyeurismus


In Metropolen des Südens boomt der Slum-Tourismus: Reiche Europäer besuchen die Armenviertel. Ist der neue Reise-Trend eine Art Entwicklungshilfe oder blanker Voyeurismus?

Die Haustür ist nur angelehnt. Kenny Tokwe klopft kurz und steht nach einem Schritt schon im Wohnzimmer. Er weist links in die Ecke zu einem Doppelbett und zeigt seinen Begleitern dann, wo auf der anderen Seite die Kinder schlafen. Es ist dunkel, weil es nur ein Fensterchen gibt. Die Luft ist stickig und riecht leicht faulig. Mehrmals pro Woche besucht Tokwe das Haus eines Nachbarn in der Schwarzensiedlung Imizamo Yethu im südafrikanischen Kapstadt – mit einer Gruppe Touristen im Gefolge.

Er führt Amerikaner und Europäer durch sein Viertel. Slum-Tourismus heißt die Branche, in der Tokwe eine Arbeit gefunden hat: Weltweit zieht es Touristen in die Armenquartiere der Metropolen, um Land und Leute kennenzulernen. Südafrika ist der Schwerpunkt des Reise-Trends.

Blick auf die Armut: Besonders in den Siedlungen an den Rändern der großen südafrikanischen Städte, den sogenannten Townships, blüht das Geschäft mit den Slum-Touristen. – Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Blick auf die Armut: Besonders in den Siedlungen an den Rändern der großen südafrikanischen Städte, den sogenannten Townships, blüht das Geschäft mit den Slum-Touristen. – Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Rund 800000 Besucher kommen jährlich in die Townships, wie die Schwarzensiedlungen in Südafrika genannt werden, allein in Kapstadt sind es Schätzungen zufolge 400000. In Soweto bei Johannesburg sollen inzwischen tausend Jobs davon abhängen. Doch der Slum-Tourismus wirft auch eine moralische Frage auf. Tragen die Besucher dazu bei, die Armut in den Vierteln zu lindern? Oder sind sie einfach Voyeure?

»Die Vergleiche mit einer Menschen-Safari sind weitverbreitet«, sagt Malte Steinbrink von der Universität Osnabrück. »Meine Beobachtungen und Gespräche geben aber kaum Hinweise darauf, dass die Touristen von den Bewohnern als Voyeure wahrgenommen werden – den meisten ist deren Anwesenheit ziemlich egal.« Manche entwickelten auch Stolz auf ihr Viertel. »Anders ist es, wenn in die Privatsphäre eingedrungen wird oder beim hemmungslosen Fotografieren.«

Tokwe sagt, man freue sich über jeden Besucher, der sich für das Leben im Township interessiert. Es gebe allerdings Touren, bei denen Urlauber im Auto durch die Armenviertel gefahren werden und auf Abstand bleiben. »Wir machen alles zu Fuß, die Besucher kommen in Kontakt mit den Menschen – sonst ist es wie im Zoo.«

Die Einnahmen aus Tokwes Führungen bleiben im Township und fließen nicht in die Kasse eines großen Veranstalters. Besucher zahlen knapp sechs Euro für einen zweistündigen Rundgang. Mit der Hälfte davon werden Projekte in Imizamo Yethu finanziert. Die Familien, deren Hütten besichtigt werden, bekommen am Monatsende knapp einen Euro pro Tourist.

Unterstützung für die Armen als Hauptgrund der Touren lässt Forscher Steinbrink allerdings nicht gelten. »Der Aspekt der Hilfe wird von Tour-Anbietern und Touristen häufig als Rechtfertigung angeführt, um ethischen Zweifeln zu begegnen«, sagt er. »Aber wer ›helfen‹ möchte, braucht wirklich keine Slum-Tour zu machen.« Die Hoffnung, Armutstourismus sei ein Mittel zur Armutsreduzierung, teilt er nicht. Meist profitierten nur Einzelne.

Steinbrink hält auch eine Entpolitisierung als Folge des Slum-Tourismus für problematisch. Vorher verbinden die meisten Ausländer Schmutz, Elend und Gewalt mit Slums. »Nach einer Tour sind die meisten aber richtig beseelt und berichten von intensiven, positiven Erlebnissen.« Slums würden nicht mehr als Orte extremer sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit wahrgenommen, sondern als exotischer Ausdruck einer kulturellen Eigenart.

Benjamin Dürr (epd)

Hintergrund


Slum-Tourismus

Der Slum-Tourismus hat seinen Ursprung im England des 19. Jahrhunderts. Angehörige der Mittel- und Oberschicht besuchten die örtlichen Elendsviertel, man nannte diesen Zeitvertreib »slumming«. Die Armenquartiere galten als Hort von Lüsternheit und Verbrechen, der Besuch versprach eine Portion Nervenkitzel.

Heute suchen die Touristen meist nach Echtheit und Authentizität, sie wollen einen tieferen Einblick in ihr Reiseland gewinnen. Elendsviertel kann man in Südafrika und Rio de Janeiro schon seit rund 20 Jahren besichtigen. Mittlerweile haben Städte wie Mumbai (Bombay), Jakarta, Nairobi, Bangkok oder Manila nachgezogen.

Die Arbeitsstelle »Tourism Watch« bei »Brot für die Welt« empfiehlt Urlaubern, sich für solche Ausflüge Zeit zu nehmen. Ein Slum sei nicht irgendeine Touristenattraktion, sondern erfordere Fingerspitzengefühl. Man sollte möglichst auch in dem Viertel einkaufen oder essen gehen, damit die Menschen dort viel von den Besucher-Touren profitieren. Keinesfalls sollte man ohne zu fragen in Häuser hineingehen oder Fotos machen. Bettelnden Kindern sollten Urlauber kein Geld geben, sondern lieber ein Kinderhilfswerk unterstützen.

Weitere Informationen gibt es auf den Internetseiten von »Tourism Watch« und beim Sonderforschungsbereich zu Slumtourismus an der Universität Osnabrück.

www.tourism-watch.de

www.slumming.de

Stacheldraht und Schmetterling

10. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Stift und Kamera: Beobachtungen bei der Glaubenskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg


Viele Teilnehmer der Allianzkonferenz sind jährlich wiederkehrende Dauergäste. Doch wie erlebt jemand einen Konferenztag, der ohne frommen »Stallgeruch« erstmals in Bad Blankenburg ist?

Schon in den frühen Morgenstunden des Sonnabends brennt die Sonne heiß. Kühle erwartet mich erst in der alten Konferenzhalle, in die ich eintrete. Idyllisch gelegen über den Dächern der Bad Blankenburger Altstadt, mit Blick auf den Kirchturm von St. Nicolai und die Ausläufer des Schwarzatals. Mein Begleiter ist fast ein wenig stolz, als er mir erklärt, dass die Holzstuhlreihen Originale aus dem letzten Jahrhundert sind. Und er weist mich auf ein Detail hin: Hier und da seien unter den Klappsitzen noch immer Haltebügel für die früher üblichen Zylinder der Herren zu finden.

Zeichen gegen Menschenhandel: Tauben und 1500 weiße Luftballons ließen Konferenzteilnehmer und Einwohner in den Himmel über Bad Blankenburg ­steigen – als Zeichen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel in Deutschland und Europa. – Foto: Thomas Kretschel

Zeichen gegen Menschenhandel: Tauben und 1500 weiße Luftballons ließen Konferenzteilnehmer und Einwohner in den Himmel über Bad Blankenburg ­steigen – als Zeichen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel in Deutschland und Europa. – Foto: Thomas Kretschel

Nach und nach füllt sich die Halle. Bald schon tummelt sich eine bunte Menge vor und zwischen den Sitzplätzen: Junge, Ältere, Muntere, Verschlafene, Familien mit Nachwuchs an den Händen, selbst Babys in der Tragetasche. Treffen der Generationen. Die Menschen lächeln, grüßen einander, Blicke werden getauscht. Manche tragen Bibeln in der Hand und Schreibzeug. Man kennt sich. Der Diakonissenchor mit Schwestern aus verschiedenen Mutterhäusern quer durchs Land singt zwischen den einzelnen Bibelarbeiten. Fast alle erheben sich, Hunderte Menschen stehen beieinander, um gemeinsam in die Lieder einzustimmen. Da klingt aus allen Kehlen »Herr, dein Name sei erhöht«. Das macht Eindruck, auch bei mir. Ich kenne das Lied, kann den Text nach etwas Übung wieder mitsingen.

Stark geworben wird für die Unterzeichnung der europaweiten Petition »Einer von uns«. Mit ihr soll die EU aufgefordert werden, keine Gelder mehr für menschliche Klonversuche, für Embryonenforschung und zur Finanzierung von Abtreibungen im Gesundheitswesen und in der Entwicklungspolitik zu zahlen.

Doch kann man Klonen, Präimplantationsdiagnostik und Abtreibung über einen Kamm scheren? Hier wäre eine Differenzierung dringend nötig. So simpel ist die Welt nicht, wie sie manche Christen auf der Allianzkonferenz gern sehen würden.

Auf dem Gelände, zwischen Gästehäusern und Café, herrscht eine ruhige Stimmung unter dem flirrenden Sonnenlicht. Einige Teilnehmer finden sich zu Gesprächen zusammen. Kinder sitzen oder spielen auf den Treppenstufen. Jugendliche schlafen vor ihren Zelten, Menschen in Rollstühlen sind unterwegs, andere entspannen unter Schirmen vor Wohnwagen. Lena (11) steht an der hölzernen Druckerpresse vor dem Bibelmobil der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Der Bibelspruch, den sie sich ausgesucht hat und den man sich hier eigenhändig herstellen und mit nach Hause nehmen kann, ist der Psalm 23: »Der Herr ist meine Hirte.« »Den mag ich«, sagt sie, »der gibt mir immer Hoffnung, wenn ich mal traurig bin.«

Der Gemeinschaftsgedanke trägt nicht nur in den Konferenzveranstaltungen Früchte, man ist sich nah, auch darüber hinaus. So erfahre ich von Claudia Lutz, die aus dem Stuttgarter Raum angereist ist, dass sie während der vergangenen Allianzkonferenzen Kontakte geknüpft hat zu Menschen, die ebenso wie sie gern gemeinsam Musik machen. Heute ist sie Chormitglied und dankbar für die Impulse, die ihr dieses Hobby gibt.

Blick in die historische Konferenzhalle während des Vorprogramms – da waren die Gänge noch frei. – Foto: Harald Krille

Blick in die historische Konferenzhalle während des Vorprogramms – da waren die Gänge noch frei. – Foto: Harald Krille

Ich setze mich ins Zelt, das die Deutsche Zeltmission auf dem Allianzhausgelände aufgebaut hat. In ihm findet einer der Brennpunkt-Vorträge am Nachmittag statt. Eberhard Heiße, bekanntes Urgestein der kirchlichen Jugendarbeit in Sachsen, spricht von seinen Erlebnissen aus zwei Diktaturen. Vor allem erzählt er von dem beklemmenden Gefühl, das ihn zu DDR-Zeiten permanent umgab, von seinem Unmut über die eingeschränkte Religionsausübung. Er zeigt den Anwesenden die Kreuze aus Stacheldraht, die er immer wieder fertigt als Zeichen: »Vergiss nicht!«

Mir kommt dabei die groß angelegte Aktion kontra Menschenhandel wieder in den Sinn. Am Freitag auf dem Marktplatz. Bei der man weiße Tauben und Luftballons in den Himmel steigen ließ. Eine lobenswerte Sache. Das steht außer Frage. Doch geht man bei all der Symbolik auch den Schritt der konkreten Verwirklichung? Wie wird den unmittelbar von Unfreiheit Betroffenen geholfen? Das habe ich nicht erfahren.

Es ist gut zu beten, Solidarität zu üben im Geiste, aber eine stärkere Kraft entsteht aus einem aktiven Handeln. Die Substanz liegt in der Tat. Ein paar Minuten kreist ein Sommerfalter über die Köpfe der Zuhörer. Nicht lange und er findet den Weg zurück ins Freie. Unbemerkt von den Besuchern im Zelt. Das Tier rührt mich. Auf seine Weise.

Ulrike Unger

Die Autorin ist Germanistin und absolvierte in den vergangenen Wochen ein Praktikum bei »Glaube+Heimat«.

Mut zur Vision

6. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Menantes-Literaturgedenkstätte Wandersleben entsteht ein Buchpavillon

Die Begeisterung steht Pfarrer Bernd Kramer ins Gesicht geschrieben, wenn er von dem neuen Projekt spricht, das er mit ­tatkräftiger Unterstützung seiner ­Kirchengemeinde, dem Menantes-Förderkreis und vieler ehrenamtlicher Helfer etabliert hat. Kreativität und Eigeninitiative sind keine Fremdwörter im Kirchengemeindeverband Apfelstädt (Kirchenkreis Gotha). Seit vielen Jahren hat sich der kleine Ort Wandersleben einen Ruf über Thüringens Grenzen hinaus geschaffen. Zuerst mit der Einrichtung der Menantes-Literaturgedenkstätte auf dem Hof des Pfarrhauses Wandersleben, mit regelmäßigen Konzertreihen, Lesungen, Vorträgen, mit wissenschaftlichen Tagungen, Schülerprojekten, Workshops und dem alle zwei Jahre ausgeschriebenen Menantes-Literaturpreis für erotische Dichtkunst. Außerdem existiert ein Menantes-Dichterweg zwischen Wandersleben und den Drei Gleichen. Bronzebüsten Thüringer Barockdichter machen den Kultur-Pfarrhof zu einem Barockdichtergarten.

Optimismus und kreatives Klima

Erstaunlich ist dabei, mit welcher Ernsthaftigkeit und Unermüdlichkeit sich die Akteure um eine reichhaltige, umfassende Thematisierung von Literatur und Kunst bemühen. »Wir wollen nicht bei dem Perückenträger Menantes hängen bleiben«, sagt Bernd Kramer und verweist auf das sich ­aktuell im Bau befindende Vorhaben eines Buchpavillons, der auf dem Wanderslebener Pfarrhof als außerschulischer Bildungsort entstehen soll. In der vierjährigen Vorbereitungszeit waren der Pfarrer und seine Mitarbeiter vielen bürokratischen Geduldsspielen ausgesetzt, bevor das Unternehmen »Liebe zum Buch-Lesen ist Zukunft« mithilfe von 40000 Euro Fördermitteln aus dem europä­ischen Fonds für die Entwicklung des ländlichen Raums endlich realisiert werden konnte. Kramer weiß, Visionen darf man nicht sofort aufgeben, gerade wenn einem die Umsetzung nicht leicht gemacht wird.

Die Büste des Barockdichters vor der Baustelle des werdenden Buchpavillons. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Die Büste des Barockdichters vor der Baustelle des werdenden Buchpavillons. Fotos: Dietlind Steinhöfel

In den fertigen Räumen sollen ­später an einem digitalen Wissens­vermittlungsportal und verschiedenen Mitmachstationen Interesse und Freude am Lesen sowie am Medium Buch bei Kindern und Jugendlichen geweckt werden. Mithilfe der Stationen erhalten die Besucher Einblicke in all die Handwerke, die die Buchherstellung früher nötig machte. Wie Kramer erklärt, diene das Projekt ­hervorragend zur interdisziplinären Wissensvermittlung an Schulen. Ein funktionstüchtiger Nachbau einer ­Gutenberg-Druckpresse ist bereits vorhanden. Die Anschaffung wurde durch die Kinderbuchautorin Cornelia Funke unterstützt. Um das Gelände des Buchpavillons soll außerdem ein Druckpflanzengarten angelegt werden, der die in Vergessenheit geratenen Nutzpflanzen des Buchdruckhandwerks erfahrbar machen wird.

Die Kirchengemeinde und ihr Pfarrer gehen längst Wege, die ihr Engagement aus dem Dorf hinaus- und weit in die Öffentlichkeit hineintragen. Optimismus und kreatives Klima stecken an. Die Menschen sind neugierig geworden, lassen sich mitreißen, setzen sich ein. Bernd Kramers Anliegen einer »Kommunikation über die Kirche hinaus« gelingt. Ihm liegt sehr daran, die Kirche nicht als isolierte Institution zu betrachten, sondern als Vermittlerin, damit die unterschiedlichsten Individuen innerhalb und außerhalb der Kirche in einen Dialog treten können.

Ulrike Unger
Die Autorin ist Germanistin und zurzeit Praktikantin bei »Glaube+Heimat«.

»Ich erteile den Segen, der Weihbischof macht die Arbeit«

5. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: Der älteste amtierende Bischof der Welt wirkt in der Rumänisch-Orthodoxen Kirche

Es gibt Kollegen, die bereits länger im Amt sind. Aber mit 99 Lebensjahren ist ­Erzbischof Gherasim wohl der weltweit hochbetagteste amtierende Bischof.

Sie sind sehr jung.« Mit diesem Satz auf Deutsch begrüßt der hochbetagte Hausherr mit dem weißen Patriarchenbart und den immer noch hellwachen Augen den Gast aus Deutschland. Er selbst ist es beileibe nicht mehr: Erzbischof Gherasim von Râmnic in Rumänien ist mit bald 99 Jahren wohl der älteste amtierende Bischof der Welt. Im November 1914 geboren, ist er seit 1970 Bischof. Seine 43 Dienstjahre sind zwar durchaus zu toppen, aber sicher nicht sein Alter als amtierender Bischof.

Zeuge der Verfolgungszeitund des Wiederaufblühens

Erzbischof Gherasim freut sich über Besuch aus Deutschland. »Die deutsche Ordnung und Disziplin, das ist schon etwas Besonderes. Und die Städte in Deutschland sind wunderschön«, schwärmt er. Er erinnert sich gerne an Regensburg, München und Köln. Städte, die er 1969 als erster ­rumänischer Stipendiat des Ostkirchlichen Instituts (OKI) in Regensburg persönlich kennengelernt hat. »Ich spreche gerne Deutsch. Aber jetzt fehlt mir die Übung, hier sprechen nur wenige Deutsch«, ergänzt er augenzwinkernd.

In seiner kirchlichen Laufbahn hat der heutige Erzbischof viel erlebt. Er wurde zum Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, in dem die Kirchen in ­Rumänien unter Diktator Ceausescu besonders heftiger Verfolgung ausgesetzt waren. Auch wenn die orthodoxe und die evangelische Kirche immerhin staatlich anerkannt waren. Seine Kirche hat viele Märtyrer hervorgebracht, Tausende von Priestern und Mönchen kamen in den kommunis­tischen Gulags des Regimes in Haft, viele ums Leben.

Neben dem bei den Gläubigen besonders beliebten früheren Kirchenoberhaupt der Rumänischen Orthodoxen Kirche, Patriarch Teoctist (1914 bis 2007), und dem nicht weniger charismatischen Mönchsvater Arsenie Papacioc (1914–2011) zählt Gherasim Cristea zu den Großen des Jahrgangs 1914 in seiner Kirche. Alle drei scheinen extra lange den Kommunismus überlebt zu haben, um das neue Aufblühen der Kirche selbst noch möglichst viele Jahre mitzuerleben.

Geboren in einem Dorf im Buzau-Gebirge nördlich von Bukarest tritt Gheorghe Cristea mit 20 Jahren in das berühmte Kloster Cernica bei Bukarest ein. Nach drei Jahren wird er zum Mönch geweiht und erhält den Mönchsnamen Gherasim. Er studiert an der renommierten Orthodoxen ­Fakultät von Bukarest Theologie und wird 1940 zum Mönchspriester geweiht.

1943 bis 1952 wirkt er als Mönchs­priester im Bukarester Kloster Antim, dann wird er Abt in Caldarusani, einem Kloster in der Walachei im Süden Rumäniens. Bis 1970 bleibt er dort
und versucht, unter den schwierigen Bedingungen der Zeit das klösterliche Leben aufrechtzuerhalten. Die Klöster bieten in jener Zeit für viele Menschen Halt und Orientierung. Deswegen hatten die Kommunisten auch 1959 in einem Dekret die Auflösung der meisten katholischen und orthodoxen Klöster verfügt. Nur 114 orthodoxe Klöster blieben in Rumänien bis 1989 übrig, heute sind es wieder über 600.

Seine Liebe gilt bis heute den Klöstern der Region

Im Jahr 1970 ereilt Gherasim Cristea der Ruf ins Bischofsamt. Er wird zunächst Weihbischof des Bistums von Tomis (Konstanza) am Schwarzen Meer, 1975 dann Weihbischof von Râmnic und 1984 dort Bischof. 2009 wird das Bistum südlich von Hermannstadt zum Erzbistum erhoben, er selbst dadurch zum Erzbischof. Dazwischen liegt ein Vierteljahrhundert rumänischer Geschichte: die starre Phase des späten Kommunismus in Rumänien, der Sturz des Ceausescu-Regimes 1989, der Wiederaufbau der Kirchen, der Beitritt des Landes zur NATO 2004 und zur EU 2007. 1999 ­erlebte der Bischof den Papstbesuch in Rumänien, 2007 die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung/EÖV 3 im siebenbürgischen Hermannstadt.

Hellwache Augen, weißer Patriarchenbart und ein verschmitztes Lächeln – Erzbischof Gherasim freut sich besonders über Besuch aus Deutschland. Foto: Jürgen Henkel

Hellwache Augen, weißer Patriarchenbart und ein verschmitztes Lächeln – Erzbischof Gherasim freut sich besonders über Besuch aus Deutschland. Foto: Jürgen Henkel

Das Bistum Râmnic zählt zu den traditionsreichsten der Kirche mit ­einer beeindruckenden Klosterlandschaft. Klöster wie Cozia oder Turnu im malerischen Alttal gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück und ziehen bis heute Touristen wie Pilger in Scharen an. Der Erzbischof selbst besucht trotz seines hohen Alters bis heute gerne Klöster, nimmt an den stundenlangen orthodoxen Gottesdiensten teil und gilt als graue Eminenz im rumänischen Episkopat. Akten finden sich auf dem Schreibtisch des Erzbischofs nur wenige, dafür viele Bücher in mehreren Sprachen in den Regalen. Seit 2009 hat der 98-jährige einen Weihbischof. Er selbst umschreibt die Arbeitsteilung schmunzelnd mit den Worten: »Ich erteile den Segen, der Weihbischof macht die Arbeit.«
Er freut sich schon auf seinen 99. Geburtstag im November, »wenn Gott mir die Tage schenkt, denn ich bin nicht mehr ganz jung«, wie er mit verschmitztem Lächeln sagt. Aber dann ist er doch wieder optimistisch, denn zum Abschied lädt er ein: »Besuchen Sie mich ruhig wieder …«

Jürgen Henkel

Präsident mit beschränkter Haftung

5. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Zum Problem werden für die Nahost-Friedensverhandlungen nicht nur der israelischen Siedlungsbau oder die Jerusalemfrage

Mit einem gemeinsamen Abendessen begannen am Montag in Washington ­direkte Verhandlungen ­zwischen Israelis und ­Palästinensern. Doch die Probleme sind groß, wie ein Blick allein auf die Situation der ­palästinensischen Seite zeigt.

Die Freude über die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen nach fünf Jahren Pause blendet die internen Spannungen unter den Palästinensern aus. Die Spaltung der Palästinenser in Westbank und Gazastreifen, in Fatah-Partei und Hamas, ist seit 2007 fast perfekt. Alle vermeintlichen Versöhnungsbemühungen sind gescheitert oder nicht umgesetzt worden. Die Hamas kritisiert die erneuten Friedensgespräche schon aus ideologischen Gründen, wegen ihrer bekannten Feindseligkeit gegenüber den Amerikanern und ihrer Nicht-Anerkennung einer »zionistischen Entität« (frei übersetzt »dem zionistische Ding«) in Palästina.

Entscheidender noch ist ihre Ablehnung des Präsidenten und PLO-Chefs Mahmoud Abbas. Da Israel und die USA die PLO (Palästinensische ­Befreiungsorganisation) als offizielle Vertretung der Palästinenser und so als Verhandlungspartner anerkannt haben, tritt Abbas in Washington nur als PLO-Chef auf und nicht als Präsident der Autonomiebehörde. Diese oft übersehene Formalität bedeutet, dass die Hamas ausgeschlossen ist, weil sie nie Mitglied der PLO geworden ist.

Abbas vertritt die PLO, nicht die Palästinenser

Zu Recht erinnert die Hamas zudem daran, dass Abbas gar keine Legitimität mehr habe, nachdem seine Amtszeit schon vor drei Jahren abgelaufen ist. Die letzten Wahlen haben 2006 stattgefunden. Seit 2007 ist das Parlament aufgelöst. Nachdem die Hamas jene Wahlen vor sieben Jahren mit einer Mehrheit gewonnen hat, können die Islamisten sogar behaupten, dass Abbas gar nicht die Mehrheit seines Volkes repräsentiere.

Die mehrfachen Rücktritte der von Abbas ernannten Ministerpräsidenten, darunter des Salam Fajad, zeugen von Spannungen innerhalb der Regierungsspitze in Ramallah. Abbas gilt als schwach und wenig populär in den palästinensischen Autonomiegebieten. Ihm fehlt das Charisma des Jassir Arafat.

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Die Verhaftung von Hamasleuten kürzlich in Yatta im Westjordanland bringt Abbas zudem in den Ruf, Handlanger der Zionisten zu sein. Der Präsident kann sich nur dank einer stillschweigenden Zusammenarbeit der israelischen und palästinensischen ­Sicherheitskräfte halten. Gleichwohl steht er innenpolitisch vor großen Problemen. Mit der palästinensischen Wirtschaft geht es abwärts, unter anderem, weil die ausländischen Spender weniger Geld in die Autonomie pumpen. Abbas kann kaum noch die Gehälter der öffentlichen Bediensteten bezahlen. Kritisch war für ihn auch die zeitweilige Einstellung israelischer Überweisungen (Zölle und Steuern) als Sanktion wegen seines »Alleingangs« bei der UNO, als Staat anerkannt zu werden. Schädlich für sein Ansehen war ­zudem Israels Bereitschaft, über Tausend palästinensische Häftlinge im Tausch für die Hamas-Geisel Gilad Schalit freizulassen. Um diesen Trumpf der Hamas auszugleichen, musste er darauf bestehen, jetzt wenigstens 104 lang einsitzende Gefangene freizuschlagen. Abbas sorgt zwar dafür, dass es fast keine Terroranschläge mehr gegen Israelis gibt, aber er kompensiert das mit antisemitischer Hetze in palästinensischen Medien und mit der Ehrung von »Freiheitskämpfern«, die Hunderte Israelis durch Terror und Selbstmordanschläge ermordet haben. Abbas besucht deren Angehörige und beteiligt sich an der Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen nach diesen »Kämpfern«. Israelis bezeichnen sie als »Kriegsverbrecher«, weil sie überwiegend Zivilisten umgebracht haben.

Schädlich für das Ansehen von Abbas in der eigenen Bevölkerung ist ­zudem der fortgesetzte israelische Wohnungsbau in den umstrittenen Siedlungen. Israelische »Gesten« wie der Abbau von Straßensperren, die Verteilung Tausender Passierscheine an palästinensische Gastarbeiter oder die Öffnung der Grenzübergänge während des Ramadan werden Abbas nicht angerechnet, aber auch nicht den Israelis, weil die Palästinenser Freizügigkeit in ganz Palästina für ihr natürliches Recht halten.

Vorwurf: Verhandlungen ohne Gegenleistungen

Der Gang nach Washington ist für Abbas auch deshalb problematisch, weil es wirkt, als hätte er amerikanischem Druck ohne Gegenleistung nachgegeben. Zwar hat er die Israelis zur Freilassung von 104 Gefangenen gedrängt, aber weder einen Baustopp in den Siedlungen noch eine israelische Verpflichtung zum Rückzug hinter die Grenzen von 1967 erzwingen können.
Einzige Hoffnungsschimmer für Abbas und seine Stellung sind der Sturz der Islamisten in Kairo und – in der Folge – eine Schwächung der ­Hamas im Gazastreifen. Die Ägypter haben offensichtlich in den vergangenen Wochen zudem alle Schmugglertunnel zerstört, sodass der Gaza­streifen künftig allein über Israel mit Strom, Benzin und Nahrungsmitteln versorgt wird. Daran verdient die ­Hamas nichts im Gegensatz zu den früheren Abgaben der Schmuggler.

Die Friedensverhandlungen werden am Montag wieder aufgenommen. Sollte es am Ende tatsächlich zu einem Vertrag kommen, fragt sich angesichts der Zustände auf der palästinensischen Seite, wer die politische Kraft und die praktische Möglichkeit hat, ein Abkommen umzusetzen. Nicht nur im Westjordanland, sondern auch in dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen.

Ulrich W. Sahm

Wie sieht’s bei Ihnen rund um die Kirche aus?

4. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Gasthausessen mag gut sein – wenn die Topfpflanzen an Fenstern kränkeln und verstaubte Plasteblumen die Tische zieren, schmeckt es mir nicht besonders. Das Auge isst mit. Wenn öffentliche Anlagen verunkrauten, ist das schlecht fürs Image der Stadt. Und wenn der Kirchgarten sich Gottesdienstbesuchern und neugierigen Touristen ungepflegt präsentiert, kommt der Verdacht auf, dass die Gemeinde wenig Interesse an ihrer Ortskirche hat. Vertane Chance.

»Wo Blumen blühen, da lächelt die Welt«
Ralph Waldo Emerson

Dabei lässt sich einiges denken, wie man den Weg zur Kirchentür einladend gestalten kann: mit grünem Rasen, Bodendeckern, blühenden Sträuchern und robusten Stauden, mit einer Bank, einem Kunstwerk – oder was die Gegebenheiten sonst noch nahelegen. Man könnte auch überlegen, ob die Bepflanzung nicht nur schön aussehen soll, sondern auch mit dem Gebäude eine innere Beziehung eingehen kann. Vielleicht ist es eine alte Klosterkirche, zu der ein kleiner Klostergarten mit vielen Kräutern passen würde. Oder es werden christliche Symbolpflanzen gezeigt, die in der Kunst des Mittelalters mit frommen, manchmal auch kuriosen Erklärungen der Dreieinigkeit und allen Heiligen zugeordnet wurden. In manchen Orten gibt es einen Bibelgarten, in dem der Betrachter seine Kenntnisse des Alten und Neuen Testamentes überprüfen kann.

Christine Lässig

Christine Lässig

In meiner Gemeinde haben wir uns dafür entschieden, auf den Beeten an der Eingangstür alles zu pflanzen, was den Kirchenbezug schon im Namen trägt. Und das ist nicht wenig. Im Frühling blühen Christrosen, Himmelschlüsselchen und Osterglocken, gefolgt von Pfingstrosen, Jakobsleiter und Salomonssiegel, Kerzenkreuzkraut, Passionsblume und Glockenblumen aller Art, Heiligenkraut, Johanniskraut und Judassilberling, Kapuzinerkresse und Kartäusernelke, Engelwurz und Engelsüß, Madonnenlilie, Mariendistel und Marienglockenblume, dazu Gottesaugen und Gloria Dei, die meistverkaufte Rose der Welt. Gut beschildert und in einem Faltblatt erklärt, erschließt sich der tiefere Sinn. Im Team angelegt, im Team gepflegt – anders geht das nicht. So wird es keinem zu viel. Gemeindeglieder und Besucher freuen sich daran.

Christine Lässig