Digitale Kommunikation

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Tagung: Über die Gefahren und Risiken von online-Beziehungen

Welche Auswirkungen hat die moderne Kommunikation und Erreichbarkeit rund um die Uhr? Wie geht es den Seelen im Netz? Um diese Fragen ging es bei einer ­Tagung der Evangelischen Akademie Berlin.

Schon lange wird nicht mehr nur über die phantastischen Möglichkeiten des world-wide-web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich jetzt die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, sind die neuen Medien ein zweifach Ding. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das aktuelle Hochwasser habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines »Empathie-Netzwerkes«.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, facebook und andere Social Media. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten eine neue Dynamik. Kommunikation ist derzeit global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles ­sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

»Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen. Aber Shitstorms generieren große Mengen extremer Haßkommentare. Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung«, warnt der Bischof.
Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen facebook-account gelöscht. Er möchte lieber analog Aug in Aug kommunizieren statt via Social Media.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch persönlichen Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den Alltag, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der heilige arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

»Der Sonntag ist der stärkste Tag im Online-Einkauf. Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten 24 Stunden zu warten. Natürlich wird die Auftragsbearbeitung sofort erfolgen und natürlich wird ein Logistik-Zentrum auch am Wochenende bedient und dort wird gearbeitet. Das ist heuchlerisch zu ­sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter«, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Wer Sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppe, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine ­sinnvolle Antwort finden. Durch die modernen Rund-um-die-Uhr-Medien wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Sabria David betreibt in Bonn das Slow Media Institut. Sie rät Firmen: weniger Kommunikation sei oft mehr.
»Das berufliche Feld ist über die ­digitalen Techniken auf 24 Stunden,

7 Tage die Woche ausgeweitet. Es gibt keine privaten Rückzugsmechanismen mehr. Es wird permanente Erreichbarkeit verlangt. Wenn Sie in so einem ständigen Grundzustand von Alarmbereitschaft sind, dann hat das nachweisbar gesundheitsschädliche Auswirkungen«, warnt David.

Verantwortungsvolle Chefs sollten von ihren Untergebenen nicht den ­totalen stand-by-Modus fordern. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme sinnvoll reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Be-
arbeitung der elektronischen Post ­beschäftigt waren.

»Die kommunizieren wieder wie früher ganz analog, face to face oder per Telefon«, weiß Unternehmens­beraterin Sabria David.

Der hannoversche Landesbischof Meister rät dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden. Wer ein Mal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch 7 Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Mensch stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur ­analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe!

Thomas Klatt

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