Untreue ist nicht genetisch bedingt

30. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Partnerschaft: Üb’ immer Treu und Redlichkeit – Gelingende Beziehungen gibt es nicht zum Nulltarif

Eines hat die umstrittene Orientierungshilfe der evangelischen Kirche auf jeden Fall erreicht: Die Diskussion um Ehe und Partnerschaft ist neu ­entbrannt. Und darum, was Beziehungen stabil macht.

Treue (lat. fides), im Gegensatz zur Anhänglichkeit (franz. attachement, Hundetreue), der unwillkürlichen und unbegründeten Ergebenheit gegen andere, das bewußte, im Pflichtbewußtsein begründete Festhalten an derselben.« So heißt es in Meyers Konversationslexikon von 1897, Band 16.

Trotz aller Beschädigungen durch schlimmen Missbrauch (»Meine Ehre heißt Treue«) hat der Begriff und was sich damit verbindet, nicht ausgedient. Und das nicht nur bei den allgegenwärtigen »Treueprämien« der Kaufhäuser und Tankstellen. Fragt man die Deutschen, was wohl der wichtigste Grundstein für eine gelingende Beziehung zwischen zwei Menschen ist, fällt die Antwort eindeutig aus: Für fast zwei Drittel, Männer und Frauen dabei nahezu gleichauf, ist es die Treue. Seit Jahren ist diese Gewichtung stabil. Treue bedeutet uns viel, zumindest grundsätzlich. Zugleich verraten Umfragen auch, dass es viele Zeitgenossen, dabei allerdings besonders die Männer, mit der Treue im konkreten Fall durchaus nicht immer so genau nehmen.

Foto: mma23 – fotolia.com

Foto: mma23 – fotolia.com

Sogar die Behauptung, dass Untreue bei Männern genetisch bedingt sei, macht immer wieder einmal die Runde. Sie seien evolutionsbiologisch darauf programmiert, möglichst viele Nachkommen zu zeugen. Und Monogamie widerspräche dieser Aufgabe. Doch: »Dass Untreue an den Genen liegt, ist ein Entscheidungsmuster, das vor allem von Männern kommt und mich immer unsäglich geärgert hat«, monierte der Berliner Psychologe und Autor Wolfgang Krüger in einem Beitrag der »Zeit«. 30 Jahre hat er das Phänomen erforscht und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: In 60 Prozent der Fälle sei der Seitensprung Folge einer unglücklichen Beziehung. Umgekehrt zeigt etwa eine kanadische Studie auch, dass Menschen in glücklicher Paarbeziehung sich nicht so schnell verführen lassen. Sie entwickelten geradezu einen unbewussten »Schutzmechanismus« gegenüber Menschen und Situationen, die zur potenziellen Bedrohung ihrer Partnerschaft werden könnten.

Doch Treue fordert einen persön­lichen Preis. Das Problem vieler Beziehungen sei, dass »die Erwartungen an den Partner höher sind als die Bereitschaft, selbst Entsprechendes zu leben«, konstatiert die Erfurter Paarberaterin Ev-Kristin Seifert. Auch die Toleranz zu Kompromissen, die Bereitschaft, »eigene Wünsche um der Beziehung willen sterben zu lassen«, sei deutlich gesunken. Zudem fehlten im Blick auf Treue vielfach Vorbilder, die zeigen, »dass man es schaffen kann«.

Eine negative Vorbildwirkung bescheinigt Seifert dabei den Medien: »In Filmen, Büchern Zeitungen wird ständig gezeigt, wie ‘normal’ es ist, aus Beziehungen herauszugehen.« Vom »verheerenden Einfluss« der inzwischen überall zugänglichen Pornografie ganz zu schweigen. Besonders die Männer neigten dazu, hier vieles an körperlichem wie auch emotionalem Treuebruch zu rechtfertigen.

Überhaupt, die Männer. Sie reden sich nicht nur zu oft, sondern auch zu lange ihre Situation gut. »Wenn ein Mann um einen Termin für eine Paarberatung nachsucht, dann sitzt erfahrungsgemäß die Frau schon zu Hause auf gepackten Koffern«, weiß Ev-Kristin Seifert. Viel zu spät suchten leider viele Paare professionelle Hilfe oder würden zumindest mit Freunden offen über ihre Probleme reden. Wenn gegenseitige Enttäuschungen und Verletzungen sich über Jahre angestaut haben, wird es auch für professionelle Berater schwer, Hilfen zu vermitteln.

Und noch eine bedenkliche Erfahrung hat Seifert, die als Beraterin vom Thüringer Gemeinschaftsbund angestellt ist, gemacht: Neuanfang in einer Beziehung geht nur über den Weg der Versöhnung und Vergebung. Doch gerade hier, wo der Kernbereich christlichen Selbstverständnisses berührt wird, tun sich Christen unerwartet schwer. »Vielleicht, weil sie ein besonders überhöhten Bild von einer Ehe ›unter Gottes Segen‹ haben und deshalb Enttäuschungen um so schwerer wiegen«, vermutet die Beraterin.

»Treue und eine gute Beziehung sind keine Selbstläufer«, so Seiferts Fazit. Sie braucht Investition: Zeit, Offenheit, und den Willen, sich den ­Herausforderungen zu stellen.

Harald Krille

Der bauende Hilfspriester aus Böhmen

29. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Mit einem renovierten Wegekreuz fing alles an – bald soll die 16. Kirche im neuen Glanz erstrahlen

Marcel Hrubý hat in Nordböhmen schon 14 Kirchen vor dem Verfall gerettet. Doch nicht jeder sieht das gern.

Fährt man auf der Nationalstraße von ˇDeˇcín (Tetschen) Richtung Liberec (Reichenberg), passiert man bald rechter Hand das Dorf Markvartice (Markersdorf). Die dem heiligen Martin geweihte Barockkirche ist schon von Weitem zu sehen. Sie strahlt in zitronengelber Farbe. Doch das ist noch nicht lange so. Bereits seit zehn Jahren wird die Kirche saniert.

Durch die neuen Bleiglasfenster fällt Sonnenlicht auf schmucklose Wände, Baumaterial, Mischertrommel und zusammengeschobene Kirchenbänke. Sieht nach viel Arbeit aus, zumal der Bauherr ein ehrgeiziges Ziel vorgegeben hat: »2015, nach zwölf Jahren, soll die Kirche wieder geweiht werden. Das wäre die erste Messe seit 1966«, sagt Marcel Hrubý.

Der Pfarradministrator – so in Tschechien die offizielle Bezeichnung eines nicht ordinierten Priesters der katholischen Kirche – hat schon ganz andere Wunder vollbracht. Seit 25 Jahren richtet er Gotteshäuser her, die in der Zeit des Sozialismus zielgerichtet vernachlässigt wurden, um sie abreißen zu können. »Es gibt viele Menschen, die mich anfangs als ­Träumer abgetan haben und mir inzwischen glauben«, erzählt Hrubý.

14 Kirchen verhalf er wieder zu alter Pracht. Markvartice soll seine 16. Kirche werden. Im Schnitt jedes zweite Jahr feiert der emsige Bauherr eine Kirchweihe.

Anfangs war es die »pure Begeisterung«, wie er sagt. Der angehende Tschechisch- und Geschichtelehrer studierte noch, als er 1986 mit Freunden begann, in der Nähe seines Geburtsorts Rybništˇe (Teichstatt), Wegkreuze in Ordnung zu bringen. »Beim örtlichen Parteisekretär kam das nicht gut an«, erinnert er sich. Doch er ließ sich nicht abbringen und wagte sich in Doubice (Daubitz) bei Krásná Lípa (Schönlinde) bald an seine erste Kirche. »Ich steckte die örtlichen Wochenendhäusler mit meiner Begeis­terung an und noch vor der Wende feierten wir den ersten Gottesdienst in der erneuerten Kirche«, erinnert er sich begeistert. Auf die vielen Freiwilligen konnte er sich auch dann verlassen, als er nach der samtenen Revolution als Pfarradministrator in kirchlichen Dienst trat.

Nicht nur auf der Kanzel aktiv: Der Laienprediger Marcel Hrubý ist zugleich ­leidenschaftlicher Baumeister. Foto: Jan Škvára

Nicht nur auf der Kanzel aktiv: Der Laienprediger Marcel Hrubý ist zugleich ­leidenschaftlicher Baumeister. Foto: Jan Škvára

Doch freiwillige Helfer allein reichen auf Dauer nicht aus. Hrubý muss auch immer wieder kämpfen, um genug Geld zur Deckung der Baukosten zu erhalten. »Eine der Hauptquellen ist das tschechische Kulturministerium. Aber das reicht nicht einmal zur Hälfte«, winkt er ab. Also schreibt er Anträge an den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds oder wirbt um Fördermittel der Europäischen Union. Er reicht Kostenvoranschläge ein und stellt ­Dokumentationen zusammen. Dann geht er auf »Betteltournee«, wie er es nennt. In den ­mährischen Landesteil, wo das Glaubensleben noch intakter ist, und in die deutschen katholischen Bistümer, die einen erheblichen Teil der Kosten tragen.

Manchmal ist er wochenlang unterwegs. Unterstützung erfährt er nicht nur von den jetzigen, sondern auch den früheren Bewohnern dieses Landstrichs, die 1945 nach Deutschland vertrieben wurden. »Ich bewundere, dass sie trotz des Leids, das ihnen angetan wurde, nicht verbittern«, weiß er diese Hilfe besonders zu schätzen.

Doch Hrubý muss sich auch heftige Kritik anhören, gerade auch aus den eigenen Reihen. Nicht nur einmal dachte er schon ans Aufhören, zumal ihm vor Jahren die Priesterweihe ohne Nennung von Gründen versagt wurde. »Für einige Kollegen ist das weggeworfenes Geld, da die Kirchen später gar nicht genutzt werden.« Hrubý kennt das ­Argument nur zu gut. »Anfangs war auch ich enttäuscht. Ich hatte gehofft, dass nach der Sanierung mehr Menschen die Gottesdienste besuchen«, gibt er zu.

Doch für ihn lässt sich eine renovierte Kirche nicht nur auf Teilnehmerzahlen an der Messe reduzieren. »Schauen sie, wie die Kirche in der Landschaft leuchtet, dem kann sich keiner entziehen. Selbst Menschen, die nicht an Gott glauben, sind hier wieder stolz auf ihre Kirche«, ist er überzeugt.

Ans Aufhören denkt er gelegentlich auch heute noch. Aber dann tut es ihm leid um die Kirchen, die noch nicht fertig sind. »Ich kann mich einfach nicht davonstehlen«, sagt er und setzt sich ins Auto. In Verneˇrice (Wernstadt) wartet schließlich schon die nächste Kirche, die restauriert werden will.

Steffen Neumann

Sensationelle Weltliteratur

29. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologe übersetzt Bibel als Lese-Roman

Dass Theologen sich mit der Bibel beschäftigen, ist nichts Ungewöhnliches. Aber so, wie Peter Fahr es macht, schon: Er übersetzt sie neu, weil er einen Schmöker daraus machen will. »Die Bibel ist vor allem eine literarische Fundgrube«, sagt der 52 Jahre alte Pastor aus Hamburg. Darum werde es Zeit, dass aus ihr wieder ein Buch wird, das sich lesen lässt wie ein Roman.

Nur wenige Menschen hätten die Bibel jemals ganz gelesen, weiß der Theologe aus langjähriger Erfahrung. Die Schrift sei meistens zu klein, das Papier zu dünn, und das zweispaltige Layout pro Seite sehe auch nicht aus wie gewohnter Lesestoff. Auch auf die übliche Nummerierung der einzelnen Verse hat Fahr verzichtet: »Wir brauchen sie nicht, und sie stören beim Lesen.« Zwar ermöglichten die Ziffern ein schnelles Auffinden bestimmter Sprüche und Passagen, aber genau das lasse die Bibel eher zu einem ausschließlich frommen Glaubensbuch werden.

Vor allem aber hat er alle langatmigen Stammbäume, Gesetze oder Kultvorschriften vom Fließtext kenntlich abgesetzt. »So lässt sich schnell überblicken, wo die Erzählgeschichte weitergeht.« Anmerkungen, die zum besseren Verständnis nötig sind, finden sich direkt unten auf der Seite, nicht wie meist üblich in einem unübersichtlichen Anhang am Ende des Buches.

Peter Fahr in seinem Büro hinter einer Biblia Hebraica. Foto: epd-bild

Peter Fahr in seinem Büro hinter einer Biblia Hebraica. Foto: epd-bild

»Die biblischen Texte sind Weltliteratur«, sagt Fahr. Wenn er in seiner gemütlichen, mit Büchern vollgestopften Studierstube sitzt, fühlt er sich eher wie ein Übersetzer und nicht als Pastor. Alte Sprachgewohnheiten will er durchbrechen, manchen Staub von Jahrhunderten kirchlicher Praxis aus den Sätzen blasen und die »poetische Qualität wieder deutlich machen«. Darum gibt es in seiner Übersetzung auch einige Besonderheiten: Die klassischen »Psalmen« werden zu »Tempelliedern«, das »Buch der Richter« wird zum »Buch der Ordnungskräfte«.

In jeder freien Stunde greift der Pastor nach der hebräischen Bibel und dem dicken schwarzen Lexikon. Das griechische Neue Testament hat er in seinem Computer schon fertig abgespeichert, zwei Bände sind es geworden, die »Jesusgeschichte« und »Briefe der Schüler Jesu«. Doch als er endlich eine Verlegerin von seinem Projekt überzeugen konnte, wollte die unbedingt mit dem Alten Testament anfangen. So machte sich Fahr an die Übersetzung der ersten fünf Bücher Mose, die mit der berühmten Schöpfungsgeschichte anfangen: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde …«

Der erste Band seiner Bibel-Roman-Übersetzung ist jetzt unter dem Titel »Thora und Heiliges Land« erschienen. In Vorbereitung sind zwei weitere Bände »Erzählungen aus Israel«, zwei Bände über die Propheten mit dem Titel »Stimmen Gottes« und zwei Bände »Poesie in der Bibel«.

Peter Fahr, in Hamburg geboren, studierte evangelische Theologie und vergleichende Sprachwissenschaften in Hamburg und Tübingen. Nach seinem Vikariat in Hamburg-Eppendorf übernahm er seine erste Pfarrstelle in Kiel. Seit 1993 ist er Gemeindepastor an der Cantate-Kirche in Hamburg-Duvenstedt.
Klaus Merhof (epd)

»Thora und Heiliges Land«, neu übersetzt und eingerichtet von Peter Fahr, Turmhut-Verlag, 542 Seiten, ISBN 978-3-936084-45-0, 16,90 Euro

Unsere Existenz – Gottes Treuebeweis

28. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Von der Treue im Kleinen und von Gottes großer Treue

Unübersehbar erinnert ein großes Transparent vom Kirchturm in Borna bei Leipzig an: »500 Jahre Martin Luther – 1517 – Thesenanschlag zu Wittenberg.« Das nenne ich »Treue«! Treue des Protestantismus. Unsere evangelische Kirche bekennt sich also bis heute zu den Protesten Luthers, die sich gegen Verzerrung und willkürliche Auslegung biblischer Lehren richteten. Luther weist auf die Bibel. Die Treue zur Heiligen Schrift bedeutete dem Reformator alles. Er war dafür bereit, in Worms sein Leben aufs Spiel zu setzen. Nur ein biblischer Gegenbeweis hätte ihn zum Widerruf bewegt. Welch Lehrstück!

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Sein »Vierfaches Allein« prägen den Protestantismus wie den Pietismus bis heute: Allein die Gnade; Allein Jesus Christus; Allein der Glaube; Allein die Heilige Schrift.

Bei aller Positionssuche heute hat sich diese Lutherposition nicht geändert. Unter dem Wort »Treue« im Internet steht: »fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen«. Treue wird als eine Tugend bezeichnet, welche Verlässlichkeit einem anderen gegenüber ausdrückt.

In der revidierten Fassung der Lutherbibel von 1984 begegnet »Treue« im Guten etwa 220-mal, wobei die Treue Gottes überwiegt. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch beide Testamente. Das »Lied des Mose« in 5. Mose 32,3/4, jubelt: »Denn ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.«

Treue in Familie und Gesellschaft

Paulus schreibt als erstes den Korinthern (1. Kor. 1,9): »Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.«

Ein Treuebeweis Gottes ist unsere Existenz. Hätte Gott nicht allen Grund, die Geduld mit uns Menschen zu verlieren? Wie oft schenkte er uns eine »zweite Chance« und wie selten haben wir aus Erfahrung gelernt. In den Klageliedern Jeremias 3,22f heißt es: »Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.« Wir haben unser Leben der Treue Gottes zu verdanken!

Treue ist der biblische Qualifikationsmaßstab für Mitarbeiter. »Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.« (1. Korinther 4,2) Dazu gehört die Treue im Alltag, im Miteinander der Familie, Gemeinde und Gesellschaft. »Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.« (Lukas 16,10)

Als Junge musste ich einmal auf Anweisung meiner Mutter fünf Pfennige, die ich beim Wechseln vom Bäcker zu viel erhalten hatte, zurückbringen. Das war ein heilsames Lehrstück für mein ganzes Leben.

Die »Treue im Kleinen« ist ein Übungsfeld für große Aufgaben.

Zur Treue gehören noch andere göttliche Eigenschaften. Was wäre Liebe ohne Treue? Schwächelt die Liebe, stabilisiert die Treue oder umgekehrt. Schon Jakob bat seinen Sohn Josef ihn aus Liebe und Treue nicht in Ägypten zu begraben (1. Mose 47,29).

Als David seinen Gegner Saul zur Rede stellt, spricht er von Gerechtigkeit und Treue. Ein andermal von Barmherzigkeit und Treue oder von Gnade und Treue. Die Psalmen erzählen von Güte und Treue Gottes. Welch ein treuer Gott!

Wie lange hält er das durch? Wird unsere Untreue seine Treue begrenzen? Paulus klärt das: »Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? Das sei ferne!« (Römer 3,3/4a)

Dennoch gilt hier Dietrich Bonhoeffers Warnung von der »Billigen Gnade«. Jesus stand als Einziger zur Ehebrecherin, aber er sagte ihr auch: »Tu’s nicht wieder.« (Johannes 8,11)
Unmissverständlich steht in der Bibel: »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.« (1. Johannes 1,9)

Hervorzuheben ist auch Gottes Treue zu seinem Wort und zu seinem Volk. »Denn der HERR wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch einmal erwählen und sie in ihr Land setzen.« (Jesaja 14,1) – Welch eine Liebes­erklärung!

Weil Gottes Treue berechtigte Hoffnung bewirkt, abschließend ein Vers aus dem Hebräerbrief 10,23: »Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.«

Stefan Püschmann

Der Autor lebt in Chemnitz. Vor dem Eintritt in den Ruhestand war er Referent im Sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« des sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

Bauchtanz unter der Lutherrose

25. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Der Apostel Thomas soll einst das Christentum gebracht haben – heute kämpfen Christen gegen das Kastenwesen


Zwischen Hindus und Muslimen leben in Indien auch drei Prozent Christen, darunter die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien.

Der »ungläubige« Thomas wehrte sich mit Händen und Füßen gegen seinen Auftrag, zur Missionsreise nach Indien aufzubrechen. Bis der auferstandene Christus persönlich eingreift und kurzen Prozess macht: Er verkauft seinen Apostel im Handumdrehen an einen indischen Sklavenhändler und sorgt so dafür, dass Thomas nach Indien kommt. Und mit ihm das Christentum.

Diese etwas skurrile Geschichte eröffnet die sogenannten Thomasakten, einen christlichen Text aus dem frühen dritten Jahrhundert, der aus gutem Grund nicht im Neuen Testament steht. Und doch sind die Erzählungen vom Apostel Thomas und seiner Indienmission für Christen auf dem Subkontinent der Anfang von allem. Thomas, so sagen sie, hätten sie es nämlich zu verdanken, dass im Land der Götter Brahma, Shiva und Vishnu Menschen auch an Jesus Christus glauben.

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Und das tun heute mindestens drei Prozent der indischen Bevölkerung. Eine Minderheit nur, zwischen Hindus, Buddhisten und Moslems, aber so bunt wie das Land selbst: Neben den Thomas-Christen tummeln sich Orthodoxe, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Presbyterianer und Pfingstler. Lutheraner gibt es auch, seit zu Beginn des 18. Jahrhunderts August Hermann Francke von Halle aus Missionare nach Südindien geschickt hat. Heute finden sich lebendige lutherische Gemeinden in ganz Indien. Zu ihnen gehört auch die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien, Partnerkirche des Leipziger Missionswerkes.

Unter Palmen, bei 35 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit wie im Treibhaus, klingt »Ein feste Burg ist unser Gott« auf Tamil mehr als ungewohnt in deutschen Ohren. In der Peniel-Church in Chennai, dem ehemaligen Madras, singen die Menschen den Choral aus vollem Herzen. »Unsere Gemeinde wächst«, freut sich Pastor Davis Jeyakar. »Wir sind eine junge Gemeinde.« Das ist offensichtlich: In der Kirche sitzen Kinder in den ersten Reihen, zwei Jungen spielen Geige, Mädchen und Frauen in blauen Saris stimmen Lieder an, Mütter mit ihren Neugeborenen blättern in der Bibel.

Jeden Sonntag ist die Kirche voll, es wird gesungen, gebetet, miteinander gefeiert. Und getanzt. Denn gleich nach dem Gottesdienst bringt sich die Tanzgruppe in Stellung, Jungen und Mädchen tanzen unter der Lutherrose. »Tanzen können wie die Großen im Kino – davon träumen nicht nur die Kleinen. Und das können sie bei uns lernen«, sagt Pastor Jeyakar. Beten und diskutieren, feiern und einander helfen, tanzen und singen – in der Kirche hat all das seinen Platz. Kein Wunder, dass für viele der Sonntagvormittag der Höhepunkt der Woche ist.

Doch auch an den normalen Wochentagen haben die Christen Südindiens alle Hände voll zu tun. »Wir bekämpfen das Kastensystem«, sagt H. A. Martin, Bischof der Evangelisch-Tamilischen Kirche. Er selbst gehört zu den Kastenlosen, wie 80 Prozent seiner Gemeindeglieder. »Indien ist stark hierarchisch«, erklärt er. »Hier gibt es höhere und niedere Kasten, in die du hineingeboren bist. Wenn du zu gar keiner Kaste gehörst, hast du Pech: Dann behandeln dich die anderen oft wie den letzten Dreck«, sagt er und fügt hinzu: »Aber Gott macht keinen Unterschied. Jeder Mensch hat den gleichen Wert!« Und so kümmern sich die christlichen Gemeinden in sozialen Projekten, in Schulen und in den Slums mit viel Liebe um die Kastenlosen.

»Incredible India« – »unglaubliches Indien«, so lockt ein Werbespot Touristen ins Land. Unglaublich ist in Indien vieles, es ist ein Land von unendlicher Buntheit und immenser Gegensätze. Eines aber ist das unglaubliche Indien auf keinen Fall – ungläubig! Ein Inder ohne direkten Draht zum Himmel – unvorstellbar! Denn in Indien gehört Religion zum Leben wie die Luft zum Atmen. Ob als Hindu, ob als Moslem, ob als Buddhist oder Christ – hier fängt selbst der ungläubigste Thomas an zu glauben.

Konstantin Rost

Im Frühjahr dieses Jahres besuchte eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien. Veranstaltet wurde die Studienreise vom Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und dem Leipziger Missionswerk.

www.lmw-mission.de

»Es kommt immer wieder ein Sommer«

24. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Mit Gottvertrauen durch die Flut – Familie Kropa aus Kabelitz ist noch enger zusammengerückt


Vor fünf Wochen standen die überschwemmten Orte an der Elbe im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit. Nun sind die Menschen mit ihren traumatischen Erlebnissen wieder allein.

Einige Kilometer von der Deichbruchstelle bei Fischbeck entfernt steht das Haus von Susanne und Jens Kropa, etwas zurückgesetzt auf dem Familienhof in Kabelitz. Dass jemals Elbewasser bis zu ihnen vordringen könnte – das war bislang unvorstellbar. Doch 23 Zentimeter hoch stand dann das Wasser im Haus. Mehr als eine Woche brauchte es, um wieder zurückzugehen.

Inzwischen sind mehr als vier Wochen vergangen, etwas Normalität hat wieder Einzug gehalten. Und doch: Seit dem Deichbruch ist alles anders, sagt Jens Kropa. Gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern Sarah (14) und Jannes (11) sitzt er auf der Terrasse – und denkt zurück an die schlimmsten Tage ihres Lebens. An die Sorge und die Hoffnung seiner Frau, als sie nur wenige Stunden vor dem Deichbruch mit den Kindern und Eltern zum Cousin nach Storkau auf der anderen Elbseite fuhren, fest überzeugt, die angeordnete Evakuierung würde höchstens ein paar Stunden anhalten, der Deich halten. Sie erinnert sich an die Fassungslosigkeit am Morgen danach, als das Wasser unaufhaltsam stieg – und auch Kabelitz zur Insel wurde. An die Hilflosigkeit, dass auch fünf Tage nach dem Deichbruch die Fluten nicht zurückgingen. Und an die Hoffnung: »Gemeinsam schaffen wir das.«

Wieder auf dem Trockenen: Familie Kropa vor ihrem Haus in Kabelitz. Das Boot war für Jens Kropa wichtigstes Verkehrsmittel während des Hochwassers. – Foto: Doreen Jonas

Wieder auf dem Trockenen: Familie Kropa vor ihrem Haus in Kabelitz. Das Boot war für Jens Kropa wichtigstes Verkehrsmittel während des Hochwassers. – Foto: Doreen Jonas

Jens Kropa gehörte zu den zehn Männern im Dorf, die trotz Evakuierungsaufruf geblieben waren, sich um die Versorgung der Tiere kümmerten und bei den Häusern nach dem Rechten schauten. Doch die Familie, das Wichtigste, war auf der anderen Elbseite, Telefonate mit dem Handy für kräftigende, liebevolle und tröstende Worte für den anderen und die Kinder waren kostbar. Denn Energie gab es nur vom Notstrom-Aggregat – und das benötigte das rare Benzin.

Und dann die Rückkehr, da war die Evakuierung noch längst nicht aufgehoben. »Mach dir keine Vorstellungen, es ist schlimmer«, hatte Jens Kropa seiner Frau gesagt. Da war das Wasser sogar schon raus. »Wir hatten kein Schlafzimmer mehr, das gesamte Erdgeschoss war hinüber«, sagt sie. Zunächst fiel es schwer, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. »Aber wir waren wieder zusammen, endlich«, sagt ihr Mann. Jetzt können sie schon fast lachen, wenn sie ans kalte Duschen denken – und an die Euphorie, als nach zwei weiteren Tagen der Strom wieder lief.

Das Hochwasser hat die Familie noch enger zusammengeschweißt, räumlich in der obersten Etage, aber auch im Herzen und im Glauben. »So ist ja auch unser Trauspruch«, sagt Jens Kropa: »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« Viel gebetet hätten sie in der Zeit, für Kraft und Durchhaltevermögen, auf dass das Wasser endlich zurückgehen möge. Und, sagt Jens Kropa, seit dem Hochwasser hängt zum ersten Mal ein Kruzifix im Wohnzimmer. Wie viele Menschen haben auch die vier eine große Hilfsbereitschaft erfahren, von wildfremden Menschen, von fernen Verwandten. »Man kann gar nicht sagen, wie man sich da fühlt«, meint Susanne Kropa: »Alle sind etwas mehr zusammengerückt.«

Auch ihr Haus war nicht gegen Elementarschäden versichert. »Wir machen das einfach so, den großen Schaden verdrängt man«, sagt Susanne Kropa. Und ihr Mann fügt hinzu: »Den Kopf in den Sand stecken geht nicht.« Auch wenn es manchmal Momente gebe, wo man fix und fertig ist, nicht so viel Zeit hat für die Kinder. Wenn die Ungewissheit und das Warten beim Trockenlegen unerträglich sind. Aber: »Es gibt wieder lichte Tage.« Große Hilfsbereitschaft gibt es nach wie vor, der Estrichleger machte einen Extra-Flutopfer-Preis.

Eigentlich wollte die Familie vorigen Sonntag in den Urlaub an die Ostsee fahren. Der ist abgesagt, aber eins ist sicher: »Es kommt immer wieder ein Sommer.« Und vielleicht bleibt der derzeitige Sommer schön – und die Mücken werden gnädiger. Wie bei vielen Menschen im Elbe-Havel-Winkel ist auch bei ihnen die Hoffnung: Weihnachten soll alles wieder fertig sein.

Doreen Jonas

»Ich will dazugehören«

21. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Antje Grigoleit war Atheistin und fand den Glauben verstaubt – jetzt wird sie mit ihrem Enkel getauft

Der 21. Juli wird für Antje Grigoleit ein besonderer Tag. Nicht nur weil Otto, das jüngste ihrer drei Enkelkinder, an diesem Sonntag getauft wird. Sie selbst wird sich – 51-jährig – auch taufen lassen. Seit sie diese Entscheidung getroffen hat, sagt sie, seien ihr Wurzeln und Flügel zugleich gewachsen. »Ich dachte immer, Kirche ist etwas Verstaubtes, Einschränkendes. Das Gegenteil ist der Fall.«

Antje Grigoleit, 1962 in Wernigerode geboren, wächst in einem atheistischen Elternhaus auf. Es gibt zwar einige Berührungspunkte zur Kirche, aber die sind flüchtig.

Sie singt schon lange in einem nicht kirchlichen Chor, der zuweilen auch geistliche Literatur einstudiert und mitunter in Kirchen auftritt. Aber diese Kontakte seien kunsthistorischer Art.

Antje Grigoleit – Foto: Sabine Kuschel

Antje Grigoleit – Foto: Sabine Kuschel

Nach dem Abitur 1981 will sie Lehrerin für Geschichte und Deutsch werden. Wie nicht anders zu erwarten, ist das Studium an der Leipziger Universität, noch dazu in einem Fach wie Geschichte, ideologiebehaftet. Schwerpunkte der Geschichtsvermittlung sind die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die DDR, die Sowjetunion sowie die Kommunistische Partei der Sowjetunion. Die Bibel, Grundlage der abendländischen Kultur, kommt nicht vor. Aus ihrer heutigen Sicht sehr befremdlich.

Nach dem Studium bekommt sie eine Stelle als Lehrerin an einer Neubauschule in Erfurt, wo sie noch heute unterrichtet. Sie heiratet, 1986 wird ihre Tochter, 1989 ihr Sohn geboren.

Ein eindrückliches Erlebnis ist für sie der Gottesdienst am Martinstag in Erfurt, an dem sie 1988 erstmals teilnimmt. Als sie am 11. November auf den Domplatz kommt, ist dieser voller Menschen. »Eine tolle Atmosphäre.« Sie spürt, die Menschen führt etwas anderes zusammen als bei den vom DDR-Staat verordneten Massenveranstaltungen. Der Gottesdienst rührt sie zu Tränen. Er gehört seither am Martinstag zu ihren festen Terminen.

Sie nähert sich ihrerseits dem christlichen Glauben allmählich. Und er kommt einen Schritt auf sie zu – in Gestalt ihres Schwiegersohnes. Der Glaube heiratet sozusagen in ihre Familie ein.

2004 geht ihre Tochter zum Germanistikstudium nach Leipzig und lernt dort ihren Mann kennen, einen Theologiestudenten, heute Pfarrer in Sachsen.

Tochter Sabine findet wie ihre Mutter erste Anknüpfung zur Religion über die Musik – durch die Mitarbeit in einem Chor. Vielleicht wird bei ihr die christliche Orientierung noch beflügelt durch die Liebe zu einem Mann, für den der Glaube an Gott Grundlage seines Berufes werden soll. Himmelfahrt 2006 lässt sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegervater taufen. Er ist Pfarrer im Rheinland. Die ganze Familie fährt zur Taufe nach Viersen nahe der holländischen Grenze. »Ich war überrascht, wie normal es dort im Pfarrhaus zuging«, sagt Antje Grigoleit. Erstaunt ist sie auch, wie vertraut ihrer Tochter die kirchlichen Rituale sind. Sie kennt die Lieder alle und singt sie mit. Die Taufe ihrer Tochter wird ein schönes Fest. Ein Jahr später feiert das Paar Hochzeit.

Ihre Tochter gründet eine Familie, zu der mittlerweile drei Söhne gehören, Antje Grigoleits Ehe geht in die Brüche. Sie und ihr Mann trennen sich. Sie sucht sich eine Wohnung in Erfurt und zieht aus dem gemeinsamen Haus aus. In der folgenden Zeit organisiert sie ihr Leben neu. »Ich habe mich freigeschwommen.«

Bei den vielen Gesprächen, die sie mit ihrer Tochter führt, erzählt diese ihr, wie schön es sei, bei Gott Halt zu haben. Parallel erlebt sie das abwechslungsreiche, kurzweilige Leben der Familie ihrer Tochter in einem Oberlausitzer Pfarrhaus. Ihr Schwiegersohn, Friedemann Bublitz, hat seine erste Pfarrstelle in Bischdorf-Herwigsdorf bei Löbau bekommen.

Antje Grigoleit beschäftigt sich viel mit religiösen Fragen, liest christliche Bücher, fragt nach bei ihrem Schwiegersohn. Und wächst so schrittweise hinein in den Glauben.

Anfang 2013 nimmt sie in der Erfurter Andreasgemeinde an einem Glaubenskurs teil. »Das war sehr sehr schön.« Wie die meisten der sechs Teilnehmer im Alter von Mitte 20 bis Anfang 60, die sich Ostern taufen lassen, will auch Antje Grigoleit zur Kirche gehören. Das Besondere ist, dass der zehn Monate alte Enkelsohn und die Großmutter in einem Gottesdienst in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen werden. Ihr Schwiegersohn wird die beiden am Sonntag in Herwigsdorf taufen. Und weil sie dank ihrer bisherigen Begegnungen mit Christen ihre Vorurteile von einer verstaubten, einengenden Kirche über Bord geworfen hat, den Glauben zudem als befreiend erlebt, entscheidet sie sich für einen Taufspruch aus dem 2. Korintherbrief 3, Vers 17: Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.«

Sabine Kuschel

»Friede, Sohn der Freiheit«

20. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 100. Geburtstag des Religionsphilosophen und Schriftstellers Schalom Ben-Chorin

Eines der meistgesungenen Lieder auf den Kirchentagen der 1980er und 1990er Jahre war bereits 40 Jahre alt, als es 1982 erstmals vertont wurde. Es hieß »Das Zeichen« und begann mit den Worten »Freunde, dass der Mandelzweig / Wieder blüht und treibt, / Ist das nicht ein Fingerzeig, / dass die Liebe bleibt«. Geschrieben hatte es ein Jude, als er »in den düstersten Jahren des Zweiten Weltkriegs und der beispiellosen Verfolgungen« getröstet wurde durch den Mandelbaum im Nachbargarten: Schalom Ben-Chorin, der am 20. Juli 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren worden war.

Schalom Ben-Chorins Name war Programm: »Friede, Sohn der Freiheit«, lautet er übersetzt – und mit den Worten »Frieden« und »Freiheit« lässt sich das zusammenfassen, was ihm am Herzen lag. Er hatte den hebräischen Namen gewählt, als er 1935 nach schweren Misshandlungen durch die Nationalsozialisten seine Heimatstadt verlassen musste und nach Palästina emigrierte. Seine »geistige Heimat zwischen Jordan und Isar«, sagte Ben-Chorin einmal, sei ein »besonderes Zweistromland«.

In diesem »Zweistromland« suchte der Religionsphilosoph und Schriftsteller den Frieden und jagte ihm nach, wie es in einem Psalm heißt, den er gerne zitierte. Ben-Chorin wurde zu einem der großen Versöhner des 20. Jahrhunderts, zu einem Brückenbauer zwischen Völkern und Religionen und nicht zuletzt zum »Baumeister des christlich-jüdischen Dialogs«. Bereits elf Jahre nach dem Untergang des »Dritten Reiches«, lange bevor die offiziellen diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel aufgenommen wurden, hatte er erstmals wieder sein Geburtsland aufgesucht. In den 1960er Jahren organisierte er mit seiner Frau Avital die ersten Austauschfahrten israelischer und deutscher Jugendlicher. In ungezählten Vorträgen auf Kirchentagen und Gemeindeabenden fesselte er seine Zuhörer, als Gastprofessor wies er seine Studenten auf die jüdischen Wurzeln des Christentums hin. Seine in zahlreiche Sprachen übersetzten rund 30 Bücher wurden in Deutschland zu Bestsellern.

Ben-Chorin selbst war vor allem sein Buch »Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht« (1967) wichtig. Wie sein Lehrer und Freund Martin Buber (1878–1965) verfolgte auch er die Idee der »Heimholung Jesu in das jüdische Volk«. Verständigung zwischen den Religionen ja, Religionsvermischung nein – das war die Botschaft der beiden. Für Ben-Chorin war Jesus zwar sein »ewiger jüdischer Bruder«, aber keinesfalls der Messias: Die Welt habe sich schließlich nach dem Opfergang von Golgatha nicht zum Besseren verändert. »Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns«, lautet der wohl meist zitierte Satz Ben-Chorins.

Wer ihn in Jerusalem treffen wollte, musste nicht lange suchen. Jeden Freitag, vor Beginn des Schabbat, saß Schalom Ben-Chorin im Café Atara, um dort mit Freunden, Pilgern und Touristen zu plaudern. Er tat dies am liebsten in der Sprache, in der er auch die Bücher verfasste: in seiner deutschen Muttersprache. »Aus einem Land kann man auswandern, aus seiner Muttersprache nicht«, pflegte er zu sagen.

Der kleine Mann mit der großen Hornbrille und dem mächtigen weißen Schnauzbart, der 1958 die erste reformierte Synagoge in Jerusalem gegründet hatte, blieb in seiner neuen Heimat ein Außenseiter. Die bescheidene Wohnung, in der sich die Bücher bis unter die Decke stapelten, war bis zuletzt ein Hort deutsch-jüdischer Kultur in Israel. Als Schalom Ben-Chorin am 7. Mai 1999 starb, hatte sie ihren letzten großen Protagonisten verloren.

Uwe von Seltmann

»Kopfjäger« aus Spree-Athen

16. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Der Berliner Künstler Harald Birck sucht die Begegnung auf Augenhöhe

Köpfe haben es ihm angetan. In seinem Atelier in einem ehemaligen DDR-Kraftfahrzeugbetrieb direkt an der früheren Mauer an der Spree gelegen, stehen sie dicht an dicht. Gerade trocknet Heinrich-Bedford-Strohm, der bayerische evangelische Landesbischof. Doch die Büsten prominenter Zeitgenossen sind die Ausnahme. Dem 1960 im württembergischen Heidenheim geborenen Harald Birck geht es nicht in erster Linie um Berühmtheiten. Im Gegenteil, er stellt eher Menschen vom Rande der Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner plastischen Kunst. Obdachlose, Gescheiterte, schrullige Typen, die man meint, gerade erst an der Pommes-Bude gesehen zu haben.

Die gelegentlichen Promis dienen vor allem dazu, sich »auf Augenhöhe« mit den anderen messen zu lassen. Und seine »Kopfprojekte«, die er meist mit sozialen Trägern wie etwa der Stadtmission in Berlin oder derzeit gerade mit einem bayerischen Diakoniewerk umsetzt, bekannt zu machen und Sponsoren zu gewinnen.

Nicht die Prominenten stehen im Mittelpunkt: Harald Bircks Tonplastiken laden zur Begegnung »auf Augenhöhe« mit den einfachen Menschen ein. – Foto: Harald Krille

Nicht die Prominenten stehen im Mittelpunkt: Harald Bircks Tonplastiken laden zur Begegnung »auf Augenhöhe« mit den einfachen Menschen ein. – Foto: Harald Krille

Was es für Menschen bedeutet, von Birck porträtiert zu werden, haben erst vor wenigen Monaten 16 Jugendliche des Evangelischen Bildungswerkes Dortmund erlebt. Schülerinnen und Schüler mit gebrochenen Biografien, oft mit Migrationshintergrund, auf dem Weg ihren Schulabschluss nachzuholen, saßen ihm Modell. Parallel dazu schrieben sie unter Anleitung autobiografische Geschichten und Lyrik. »Kopfgeschichten« nannte sich das Projekt, an dessen Ende die überlebensgroßen Büsten in der Dortmunder St.-Petri-Kirche ausgestellt und dazu anonym die Texte gelesen wurden.

»Das waren alles Jugendliche die keine 1-A-Lebensläufe haben. Doch die Erfahrung, Wert geachtet zu sein um porträtiert zu werden, dazu die Erkenntnis, dass die eigenen Geschichten interessant für andere sind – Sie glauben gar nicht, wie das die jungen Menschen aufgebaut hat«, ist Birck noch nach Wochen begeistert.

Augen öffnen, Verborgenes zum Vorschein bringen, den eigentlichen Menschen zeigen – darum geht es Birck. Auch als 2009 bis 2010 das bronzene Lutherdenkmal für das Lutherhotel in Wittenberg entstand. Nicht als Heroen, nicht als Überflieger wollte er den Reformator zeigen. Sondern als den Angefochtenen, den Zweifelnden, der den Menschen im Foyer des Wittenberger Hotels »auf Augenhöhe« begegnet. Klar, dass die herkömmlichen Lutherbilder als Modell keine Verwendung finden konnten. »Ich will nicht äußere Ähnlichkeit zelebrieren, sondern das Innere eines Menschen sichtbar machen«. Seinen »Luther« fand er im Berliner Bekanntenkreis: Ein Mensch, der gerade selbst durch eine Krise ging, Mobbing und Burn-out erlebte.

Harald Birck wurde in einem evangelischen Pfarrhaus geboren. Der christliche Glaube ist für ihn ein wichtiger persönlicher Bezugspunkt. Versteht er sich als »christlicher« Künstler? »Nein«, wehrt er vehement ab. Aber als Profikünstler verstehe er sich. Und das heißt für ihn vor allem, »den Menschen das Beste geben«. Allerdings: Kunst gehöre unbedingt in und zur Kirche. Denn ob Musik oder Malerei und Plastik – sie ist »Predigt mit anderen Worten«, kann auf andere Weise Inhalte vermitteln, Menschen ansprechen und in ihnen etwas zum Schwingen bringen.

Vieles geht Harald Birck durch den Kopf. Etwa die Idee eines Projektes zum Thema Demenz. »Eine große Herausforderung unserer Zeit.« Warum nicht Porträtbüsten Demenzkranker in einer Kirche ausstellen? »Menschen, die sozusagen weg sind, wieder in unsere Gemeinschaft zurückholen.« Doch bisher sind die nötigen Sponsoren dafür noch nicht gefunden.

Ein Projekt im mitteldeutschen Raum aber nimmt langsam Gestalt an: In der Stadtkirche St. Jakob von Köthen sollen 2015 zum 900-jährigen Stadtjubiläum Büsten von Köthener Senioren das Gebäude schmücken. Der spätgotische Kathedralbau »ruft geradezu nach Figuren«, so Birck. Ein Probekopf soll demnächst entstehen. Und dann hoffen Pfarrer und Künstler auf Menschen und Institutionen, die das Projekt finanziell mittragen.

Harald Krille

www.harald-birck.de

Demokratie oder Militärputsch

14. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kommentar: Ägypten befindet sich in einer Zerreißprobe – für viele scheint die Macht des Militärs das kleinere Übel


Von den einen hoffnungsvoll begrüßt, von den anderen sofort mit Sorge gesehen: Seit 3. Juli hat in Ägypten das Militär die Macht übernommen. Was ist davon zu halten?

Militärs als Hüter der Demokratie? In der politischen Kultur des Westens schließen Demokratie und Militärjunta einander aus. Die Entwicklungen in Ägypten, wie in anderen Ländern des Orients, können und dürfen jedoch nicht an europäischen Vorstellungen von Demokratie, freien Wahlen und der Entfaltung des Volkswillens gemessen werden. »Die Revolution frisst wie Saturn ihre eigenen Kinder«, hatte Pierre Victurnien Vergniaud 1793 auf dem Schafott im Paris der Französischen Revolution gesagt. Europa benötigte 200 Jahre, bis es die »beste aller schlechten Regierungsformen«, Demokratie, perfektioniert hatte. Das krasseste Beispiel lieferte Deutschland. Der heutigen Demokratie ging die schlimmste aller Diktaturen voraus.

Dem Orient sind moderne Vorstellungen wie Nationalstaat, Volkswille und demokratische Institutionen fremd. Sogenannte Nationalstaaten wie Irak, Syrien, Libyen und sogar Ägypten sind keine durch die Jahrhunderte »natürlich« gewachsenen Länder mit »Nationalbewusstsein«. Und selbst im ach so stabilen Europa ist der Kampf um nationale Identität noch längst nicht abgeschlossen. Das ehemalige Jugoslawien oder die frühere Tschechoslowakei liefern dazu treffende Beispiele aus jüngerer Zeit.

Ulrich W. Sahm arbeitet seit mehr als 30 Jahren als freier Nahost-Korrespondent in Jerusalem.

Ulrich W. Sahm arbeitet seit mehr als 30 Jahren als freier Nahost-Korrespondent in Jerusalem.

Die Staaten des Orients, von Marokko bis Afghanistan, sind 1920 künstlich mit dem Lineal von einem britischen Kolonialminister namens Winston Churchill am grünen Tisch in Kairo auf die Landkarte gemalt worden, ohne Rücksicht auf Topografie oder auf die bunt gewürfelten Ethnien, Religionen und Völker.

Und: Anders als in Europa, wo mit der Aufklärung die Religionen entmachtet worden sind, hat es im Islam bisher keine Aufklärung gegeben. Unsere Vorstellung von Toleranz, Diskussionskultur, Meinungsfreiheit und damit auch Rücksicht auf Minderheiten und Andersdenkende setzt voraus, dass alles hinterfragt werden darf. In der islamischen Welt ist jedoch Allah bis heute Alleinherrscher. Der Koran ist die Verfassung. Kritik ist Blasphemie oder Gotteslästerung und wird entsprechend bestraft.

Entscheidend für das Funktionieren einer Demokratie ist die Bereitschaft der physischen Macht im Staat, also Armee, Polizei und andere bewaffnete Elemente, sich dem Volkswillen, also dem demokratisch gewählten Parlament, zu unterwerfen. In Ägypten hat sich in Folge des »Arabischen Frühlings« gezeigt, dass das Ideal demokratischer Wahlen (noch) nicht funktioniert. Ähnlich wie in der Türkei in den 1970ziger Jahren erweist sich die ägyptische Armee als einzige Ordnungsmacht, die einen blutigen Bürgerkrieg verhindern kann. Der Militärputsch gegen den legitim gewählten, aber inzwischen unter Hausarrest stehenden Präsidenten Muhammad Mursi ging nicht von den Militärs aus. Die haben sich nicht an die Macht geputscht, sondern mit Panzerdivisionen erst einmal verhindert, dass Moslembrüder und weltlich ausgerichtete Demonstranten weiter mit Waffen aufeinander losgehen. Ein Gegenbeispiel liefert Syrien, wo das Militär auf Seiten des Diktators steht und einen blutigen Bürgerkrieg gegen das eigene Volk ausficht.

Solange das ägyptische Militär sich gemäß dem türkischen Modell als Hüter der Demokratie und der öffentlichen Ordnung versteht, sollte der Militärputsch in Kairo wohl eher als Segen für Ägypten und den ganzen Nahen Osten gesehen werden. Wer sich instinktiv dagegen ausspricht, scheint blindes Blutvergießen vorzuziehen.

Ulrich W. Sahm

Mehr als nur ein bisschen Getrommel

14. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Jugendarbeit: Die in Thüringen entstandene Bewegung »Escola Popular« braucht dringend eine sichere Perspektive


Seit 19 Jahren gibt es in Thüringen eine faszinierende kirchliche Jugendarbeit mit einer Mischung aus Bibel und brasilianischen Kulturelementen. Inzwischen ist sie sogar ein Exportschlager.

Als der ordinierte Gemeindepädagoge Hans-Jürgen Neumann 1993 damit begann, eine neue Form von Jugendbildungsarbeit in Thüringen zu entwickeln, hat keiner einen solchen Erfolg voraussehen können. Mutete sein Konzept doch reichlich exotisch an. Elemente der brasilianischen Kultur sollten mit christlichen Inhalten verbunden werden und Jugendliche auch außerhalb der Kirche ansprechen. Es entstand die »Escola Popular«, eine »Schule von unten und für alle«, wie Neumann das Projekt frei übersetzt. Sie vereint Elemente der Capoeira, einer in den brasilianischen Elendsvierteln von afrikanischen Sklaven entwickelte »Kampfkunst«, mit den besonders in Deutschland derzeit so populären Samba-Rhythmen.

Rhythmus, Lebensfreude, Körperbeherrschung, aber auch Friedensethik, Abbau von Aggressionen und die Vermittlung christlicher Werte gehören zu den ­Bausteinen der »Escola Popular«, einer in Thüringen entstandenen Jugendbewegung. – Foto: Escola Popular

Rhythmus, Lebensfreude, Körperbeherrschung, aber auch Friedensethik, Abbau von Aggressionen und die Vermittlung christlicher Werte gehören zu den ­Bausteinen der »Escola Popular«, einer in Thüringen entstandenen Jugendbewegung. – Foto: Escola Popular

Doch wie passen »Kampfkunst« und christliche Erziehungsideale zusammen? Hans-Jürgen Neumann, der als Pazifist in der DDR auch den waffenlosen Dienst bei den Bausoldaten ablehnte, lernte diese Art von »kanalisierter Gewalt« durch sein Interesse am Konziliarer Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung kennen. Und er erkannte das Potenzial, dass diese »Mischung aus ritualisiertem Kampf und Improvisation, aus Bewegung und Musik, die nonverbale Interaktion und Dialog umfasst«, für Jugendliche bei entsprechender Begleitung hat. Das Ausleben des jugendlichen Bewegungsdrangs steht für ihn dabei ebenso im Mittelpunkt wie der gezielte Abbau von Aggressionen oder auch der Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Selbstbeherrschung, Nächstenliebe, Augenmaß beim Umgang mit Gewalt, gegenseitiges Vertrauen und Gemeinschaftssinn gehören für Neumann zu den »Trainingszielen«. Ob bei Schulprojekten oder, wie erst kürzlich, bei einem Workshop in der Bundeswehrkaserne in Bad Salzungen.

Mit Erfolg: Rund 150 feste Mitglieder hat seine Netzwerkgemeinde inzwischen. Durchaus nicht mehr nur Jugendliche. Besonders die Samba-Musikgruppen üben auch auf ältere Semester große Faszination aus. Über Schulprojekte wurden und werden unzählige Jugendliche erreicht. So mancher ließ sich in den vergangenen Jahren taufen und ist heute ehrenamtlich in der »Escola Popular« engagiert. Nicht zuerst über den Kopf, sondern über den Körper, über Musik und Lebensfreude wird in den Gruppen der christliche Glaube vermittelt.

Feste Gruppen, die nach dem von Neumann entwickelten Konzept arbeiten, gibt es mittlerweile in Arnstadt, Erfurt, Eisenach, Pößneck und Weimar. Darüber hinaus auch im hessischen Gießen, im polnischen Lodz – und in Brasilien! 2010 kam Neumann in Kontakt mit der Evangelisch Lutherischen Kirche in Paraná, einem brasilianischen Bundesstaat. Gegründet und geprägt wurde die Kirche von deutschen Einwanderern der letzten 180 Jahre. Mit der fatalen Folge, dass sich besonders die Jugendlichen der Gemeinden in einer Art kulturellem Zwiespalt befinden, wie Neumann erfuhr. Zwar leben sie in der brasilianischen Kultur, sprechen schon lange kein Deutsch mehr, doch hatten sie weithin keinen Zugang zu dieser Alltagskultur. Das in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland »erfundene« Modell der »Escola Popular« begeisterte deshalb. »Die Jugendlichen sehen plötzlich, dass sich christlicher Glaube und brasilianische Kultur verbinden lassen«, berichtet Neumann. Inzwischen gehört »Escola Popular« als eigene Ausbildungsabteilung zur Kirchenmusikschule im fernen Paraná. Über das Projekt »Brücken bauen« stehen Neumann und seine Netzwerkgemeinde im festen Kontakt und Austausch mit den brasilianischen Geschwistern.

Doch die Erfolgsgeschichte ist getrübt. »Wir legen besonders im Bereich der Musikgruppen Wert auf Qualität«, betont Neumann. Die Samba-Gruppen, die schon manche Demo gegen rechte Einfältigkeit mit ihrer multikulturellen Vielfalt und ihren bunten Rhythmen begleiteten, sollen auch auf professionellen Bühnen bestehen können. Auf 50 bis 60 Auftritte kommen die Gruppen pro Jahr, ein bis zwei Proben pro Woche verlangen einen hohen Einsatz der Freizeitmusiker. Innerhalb der Bewegung gibt es eine Reihe qualifizierter und bewährter Leiter für diese spezielle Form von »Kirchenmusik«. Doch ist es bisher nicht gelungen, die Mittel und Möglichkeiten für eine Festanstellung zu finden, beklagt Neumann. Die Arbeit in diesem Bereich wird deshalb durch berufsbedingten Wegzug wohl im kommenden Jahr ruhen müssen.

In Deutschland, weiß Neumann, gibt es die größte Samba-Szene nach Brasilien selbst. »Was für eine Chance für uns als kirchliche Bewegung!« Inständig hofft er deshalb darauf, dass die Landeskirche Mittel und Wege findet, die sei 19 Jahren kontinuierlich gewachsene Arbeit künftig auf eine breitere Basis zu stellen. Denn »Escola Popular« ist weit mehr als nur ein bisschen Samba-Getrommel.

Harald Krille

Zivilcourage oder zu viel Fantasie

13. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine wahre Geschichte über Vertrauen und Misstrauen, Verantwortung, Gewissen und Gewissensbisse im Alltag

Gewöhnlich laufe ich zweimal wöchentlich am Abend meine Runde durch den Wald. Das hält fit, und ich bekomme den Kopf frei, schalte den Alltag aus. Dabei genieße ich die Schönheit der Natur; die frische, saubere Luft bläst die festgefahrenen Gedanken und Probleme davon. Die Vögel singen nur für mich ihre Abendlieder. Fast nie begegnen mir andere Sportler.

Aber heute ist etwas anders. Es ist Mittwochabend gegen 20 Uhr, die Sonne macht sich allmählich auf den Heimweg. Ich bin nicht allein. In der Ferne sehe ich zwei Gestalten. Als ich näher komme, erkenne ich einen Mann in Begleitung eines kleines Jungen, der höchsten fünf Jahre alt sein kann. Der Mann, mit großem Rucksack auf dem Rücken, läuft neben dem Jungen und sie scheinen sich zu unterhalten.

Grafik: Saschi 79 – Fotolia.com

Grafik: Saschi 79 – Fotolia.com

Erst einmal sehe ich die beiden nur, hänge noch meinen eigenen Gedanken nach und schenke ihnen wenig Beachtung. Mit jedem Schritt, den ich auf die beiden zukomme, verändert sich meine Aufmerksamkeit und richtet sich immer mehr auf den kleinen Jungen. Ich frage mich, was die beiden um diese Zeit, mitten in der Woche, fernab der Stadt machen? Wohin sind sie unterwegs?

Schritt für Schritt verringert sich die Distanz. Mir gehen schauerliche Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn es gar nicht der Vater ist, wenn ich morgen schlimme Sachen in den Nachrichten höre? Mein Herz schlägt schneller, Angst und Besorgnis machen sich in mir breit. Wie verhalte ich mich? Soll ich den Mann ansprechen? Aber was frage ich? Oder laufe ich einfach weiter, schaue weg – es wird schon alles gut sein?

Ganz dicht laufe ich jetzt hinter den beiden her, kann sie sprechen hören, spitze die Ohren, ob der Junge vielleicht Papa sagt. Während ich sie überhole, schlägt mir das Herz bis zum Hals. Ich schwitze, aber nicht nur aus sportlichen Gründen. Die Vögel und alles ringsherum kann ich kaum mehr wahrnehmen. Der Mann hat eine Flasche Bier in der Hand, die Unterhaltung erscheint mir nicht sehr vertraut.

Ich laufe weiter. Doch mein Gewissen lässt mir keine Ruhe. Nein, ich könnte nicht damit leben, wenn dem Jungen ein Unglück geschieht. Es ist doch meine Pflicht als Mitmensch, als Christ, als Mutter zu helfen. Ich bleibe in einer Entfernung von 30 bis 40 Metern stehen und schaue zurück. Da bleiben sie auch stehen, was mich nur noch mehr verwirrt und schließlich bestärkt zu handeln. Ich greife zum Handy und frage die Polizei um Rat, schildere die Situation.

War das die richtige Entscheidung? Tu ich dem Mann Unrecht? Ich bin hin und hergerissen. Ein Polizist hält den Mann an einer nahe gelegenen Straße an, fragt nach Papieren, nach dem Namen des Kindes, nach dem Ziel und so weiter. Derweil halte ich mich im Hintergrund, weil es mir unangenehm ist.

Zum Glück: Alles ist in Ordnung. Es ist der Vater des Kindes, alleinerziehend, auf dem Weg nach Hause ins Neubaugebiet der Stadt. Jetzt gehe ich auf den Mann zu, um ihm mein Vorgehen zu erklären. Er scheint sehr durcheinander, erzählt von Liebeskummer. Die Polizei fährt die beiden nach Hause.

Und ich? Ich laufe weiter meinen Weg durch den Wald. Ganz langsam beruhigt sich mein Puls, aber die Fragen bleiben. War es die richtige Entscheidung? Kann ich meinen Mitmenschen noch trauen? War es mutige Zivilcourage oder einfach nur zu viel düstere Fantasie?

Nicole Elß

Anmerkung der Redaktion:
Liebe Leserinnen und Leser, waren Sie selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation? Wie haben oder wie hätten Sie sich verhalten? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

In Noahs Arche

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Aufführung von Benjamin Brittens Oper in der Johanniskirche Gera

Als Benjamin Brittens Kirchenoper »Noahs Flut« für den aktuellen Spielplan ausgewählt wurde, ahnte wohl niemand, dass die biblische Geschichte über die Sintflut solch eine brennende Aktualität zum Zeitpunkt der Aufführung erhalten würde.

Während die Proben auf Hochtouren laufen überschwemmen reißende Wassermassen der Weißen Elster gro­ße Teile der Ostthüringer Stadt. In den Folgewochen melden ganze Landstriche in Sachsen und Sachsen-Anhalt Land unter.

»Der verantwortungsvolle Umgang mit der Erde war von Anfang an Kernpunkt und aktueller Bezug des Stückes«, erklärt Julia Ackermann, die als Dramaturgin an der Umsetzung der Oper beteiligt ist. »Menschen und Tiere solidarisieren sich in der Arche und diese gemeinsamen Anstrengungen lassen sie die Katastrophe überleben«.

Genau diese Gemeinschaft versucht die Inszenierung von Chefdramaturg Felix Eckerle in die Kirche zu transportieren. Die Besucher werden sich als Insassen der Arche wiederfinden, erleben hautnah theatralische Effekte und werden zum Mitsingen der Choräle in der Oper eingeladen. Kulissen und Ausstattung aus Recyclingmaterial sprechen für sich und jede Menge Zeitungspapier symbolisiert die Informationsflut der heutigen Zeit.

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

In der Johanniskirche Gera wird die Kirchenoper Noahs Flut von Benjamin Britten geprobt. Foto: Wolfgang Hesse

Noahs Flut wurde anlässlich des 100. Geburtstages von Benjamin Britten in den Spielplan des Geraer Theaters aufgenommen. Grundlage für die Oper bildet ein Mysterienspiel aus dem 17. Jahrhundert. Brittens Erfahrungen mit der sogenannten »Community Opera« in den USA während der 30-er und 40-er Jahre lassen mehrere Stücke für Profis, Laien- und ­Kinderdarsteller entstehen. An der Inszenierung in Gera sind neben drei ausgebildeten Darstellern rund 150 Schüler aus Chören von Schulen und Gymnasien beteiligt. Im Orchester musizieren Mitglieder des Philharmonischen Orchesters gemeinsam mit Musikschülern.

»Es ist eine großartige Veranstaltung, wir werden gute Gastgeber sein und erwarten viele Theaterbesucher«, freut sich Martin Hesse, Kantor der Johanniskirche. Der Handglockenchor der Johannisgemeinde und Martin Hesse an der Orgel wirken bei den Aufführungen musikalisch mit.

Zusammen mit Theaterschaffenden wurde am 30. Juni in der Kulisse von Noahs Flut ein Theatergottesdienst mit der Johannisgemeinde gefeiert. »Es hört nicht auf.« Pfarrer ­Mathias Hock stellte dabei die Worte Gottes nach der Rettung in den Mittelpunkt seiner Predigt. Er sprach über die biblische Wahrheit vom Werden und Vergehen menschlicher Existenz, vom Leid, das die Menschen während der aktuellen Flutkatastrophe erfahren mussten, dankte aber auch gemeinsam mit der Gemeinde für alles, was unser Leben reich macht. Der Regenbogen, das Zeichen Gottes für den Bund mit den Menschen, charakterisierte über dem Altarraum dieses Versprechen. Während des Gottesdienstes wurde die biblische Geschichte der Sintflut durch Schauspieler und Lektoren vorgetragen und Choräle aus der Kirchenoper gesungen.

Wolfgang Hesse

Neben der Premiere am 4. Juli um 19.30 Uhr, gibt es nur noch drei weitere Aufführungstermine: 5. Juli, 10.00 und 19.30 Uhr, 6. Juli, 16.00 Uhr.


USA: Obrigkeitsgläubigkeit und Telefonüberwachung

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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1931 wurde Carl Zuckmayers Theaterstück »Der Hauptmann von Köpenick« uraufgeführt, 1933 wurde es von den Nazis verboten, 1956 wurde es verfilmt und für den Oscar nominiert. »Der Hauptmann von Köpenick« mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle wird noch heute immer wieder im Fernsehen gezeigt. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im uniformverliebten Preußen: Der wegen seiner Vorstrafen in aussichtsloser Situation steckende Schuster Wilhelm Voigt besorgt sich eine Hauptmannsuniform, stellt zwei vorbeimarschierende Wachmannschaften kurzerhand unter seinen Befehl, besetzt das Rathaus von Köpenick. Er verhaftet den Bürgermeister sowie einen weiteren Stadtbeamten und »beschlagnahmt« die Stadtkasse. Weil er Uniform trägt, wird ihm widerstandslos gehorcht. Er handle »auf allerhöchsten Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs«, sagt er.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Heute lacht und schmunzelt man beim Film. Wie konnten die Leute nur so obrigkeitsgläubig die Hacken zusammenschlagen und salutieren? Wir, Bürgerinnen und Bürger einer internet-vernetzten Welt, wollen da viel schlauer sein, skeptischer halt. Doch die jüngsten Enthüllungen vor allem im britischen »Guardian« über die umfassende geheimdienstliche Überwachung der Welt wecken Zweifel an dieser Selbstzufriedenheit. Deutschland empört sich öffentlich über die Telefon- und Internetüberwachung des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA (National Security Agency) und des britischen GCHQ (Government Communication Headquarters). In den USA hält sich die Entrüstung etwas zurück. Der Chef der NSA, General Keith Alexander, hat doch versichert, mit Hilfe der Späheprogramme habe der Geheimdienst mehr als 50 Terroranschläge vereitelt. Muss man halt glauben, wenn er das so sagt.

Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City im September 2001 nehmen Menschen nicht nur in den USA außerordentliche Eingriffe in ihr privates Leben in Kauf.

Ziehen ihre Schuhe aus vor der Durchleuchtung im Flughafen, akzeptieren zahllose »Sicherheitskameras« in fast allen Lebensbe­reichen, erlauben den Aufbau eines riesigen Sicherheitsapparats. Die NSA hat angeblich 35000 Mitarbeiter. In meinem Heimatstaat ist die NSA der größte Arbeitgeber. Wie nun bekannt ist, speichert der Dienst alle Telefonverbindungsdaten. Natürlich geheim, der Bürger weiß ohnehin nicht, was sonst noch alles passiert. Seit wenigen Wochen dürfen in den USA Polizeistellen die DNA von Festgenom­menen nehmen und speichern. Die ersten Polizeibehörden rüsten sich mit Drohnen aus. Die Terrorismus­bekämpfer brauchen nicht mal eine Uniform.

Europäische Politiker haben sich beschwert über den »großen Bruder«. Ihre vorgebliche Unwissenheit kann man nun glauben oder bezweifeln. Die Überwachung geschieht, angeblich um die Freiheit zu bewahren, und die Sicherheit. In der Illusion, der Mensch könne seine Zukunft kontrollieren. Auch wenn, zumindest in den doch recht frommen USA, viele Menschen behaupten, sie legten ihr Leben in Gottes Hände.

Konrad Ege

Schöne Blumen wachsen langsam

7. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Schöne Blumen wachsen langsam, nur das Unkraut hat es eilig, hat William Shakespeare festgestellt. Jeder wird ihm beipflichten, der ein Stück Land bearbeitet. Wer es nicht betonieren will, muss damit leben. Und selbst dann würde ein Löwenzahn genug Platz finden, sich fröhlich zu entwickeln. Es ist ganz erstaunlich, wie viel Überlebenswille in diesen Pflanzen steckt. Niemand will sie haben. Wenigstens auf dem Blumenbeet nicht und auch nicht im Rasen. Aber ungeachtet aller Unkrautvernichter, ständigem Jäten und böser Blicke ­gedeihen sie allerorten, überwuchern teuer erstandene Pflanzen und stören das Bild. Da mag die Vogelmiere noch so hübsche kleine Blütchen haben und wie Giersch und Brennnesseln essbar sein – sie hat im Kübel der Blaulilie nichts zu suchen. Auch nirgendwo anders im Garten an Stellen, wo schöne Blumen das Herz erfreuen sollen. Zum Teufel mit Winden, Quecken, Scharbockskraut und allen Unkräutern, deren Namen ich nicht mal wissen will.

»Aus derselben Ackerkrume wächst das Unkraut wie die Blume«

Natürlich lässt sich einwenden, dass »Wildkräuter« die treffendere Bezeichnung ist, dass nicht nur Kaninchen und Meerschweinchen sie zum Fressen gern haben und Insekten auf sie fliegen. Ohne sie würde manches Stück Erde ziemlich kahl aussehen. Man könnte auch sagen, dass wir den natürlichen Pflanzenwuchs mit unseren Gärtnereien stören statt umgekehrt, und die ungebetenen Gäste nur Besitz von dem nehmen, was ihnen eigentlich gehört. Ihre erstaunliche Vitalität, die wir ihnen vorhalten, zeigt, dass sie unseren Züchtungen eben überlegen sind. – Alles schön und gut. Sollen sie woanders wachsen!

Christine Lässig

Christine Lässig

Im Unterschied zum ständigen Jäten auf irdischen Beeten kann sich Pastor Thomas Schleiff aus Heide den Himmelsgarten nur unkrautfrei vorstellen. Paradiesische Zustände sozusagen. »Der Gärtner ist ein Traumberuf, den Gott im Paradies schon schuf«, beginnt er sein Gedicht über den »Gärtner im Himmel«. Und er fragt sich: »Muss er, wie hier auf dieser Welt, / dereinst auch in den Himmelsbeeten / noch stets und ständig Unkraut jäten? / Nein, diese Gärtnertätigkeit/gehört laut Mosebuch erst seit / der paradiesischen Vertreibung / zu seiner Arbeitsplatzbeschreibung.«

Christine Lässig

Der Talar im Rucksack

7. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Die Weimarer Pfarrerin Karin Krapp hat seit einem halben Jahr kein Auto mehr

Ohne Auto? Geht doch nicht. Es dennoch zu probieren, lohnt sich, wie Pfarrerin ­Karin Krapp erfahren hat.

Die Pfarrerin legt den Fahrradhelm auf den Stuhl und schüttelt die letzten Regentropfen von der Kleidung. Die Gemeindekirchenratssitzung hat gerade begonnen. Karin Krapp hat es geschafft, zwischen zwei sehr heftigen Regengüssen von Niedergrunstedt bei Weimar pünktlich ins Herderzentrum der Innenstadt zu radeln.

Seit einem halben Jahr besitzt sie kein Auto mehr und hat seitdem allerhand neue Erfahrungen gemacht. Als ihr Auto kaputtging, entschloss sie sich spontan, es mal ohne eigenen PKW zu versuchen. »Das war ganz ­allein meine Entscheidung«, sagt sie, »auch wenn die Familie das natürlich mittragen muss.« Die 44-jährige Mutter zweier Kinder hat eine halbe Pfarrstelle mit vier Predigtstätten: Weimar-West, Tröbsdorf, Daasdorf am Berge und Gaberndorf. Zudem gibt es einige Aufgaben in Weimar selbst zu erledigen, unter anderem eben die GKR-­Sitzung und die Pfarrkonvente. Für die drei Kilometer bis in die Stadt, so meint sie, braucht sie weniger Zeit als mit dem Auto. Den Feininger-Radweg entlang von Niedergrunstedt bis Weimar kann man die Natur genießen – auch bei mindestens 23 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit.

Beim Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche (oben) ist Karin Krapp ganz bei ihrer Gemeinde.

Beim Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche (oben) ist Karin Krapp ganz bei ihrer Gemeinde.

An diesem Sonntag ist der Himmel wieder freundlich. Karin Krapp packt den Talar in den Rucksack, die Regensachen vorsichtshalber in die Packtasche, und radelt zunächst ins fünf ­Kilometer entfernte Evangelische Gemeindezentrum Paul Schneider nach Weimar-West. »Die Fahrt«, sagt sie später, »ist schon eine Predigt gewesen.« Das Paul-Gerhardt-Lied »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« umrahmte die Gottesdienste der Pfarrerin. Sie habe unterwegs Schafe und Blumen gesehen, die Vögel gehört … »in dieser lieben Sommerzeit«.

Karin Krapp schließt das Fahrrad an, schnappt sich den Rucksack und geht ins Gemeindezentrum, wo schon die Ehrenamtlichen warten, um mit ihr den Gottesdienst vorzubereiten. Die Pfarrerin ist eine halbe Stunde vor Beginn da und kann alles in Ruhe ­ordnen und besprechen. Nach dem Gottesdienst ist noch Zeit für kurze Gespräche, bevor sie den Talar wieder zusammenlegt und den Fahrradhelm aufsetzt. Bis Tröbsdorf, wo sie an ­diesem Sonntag den zweiten Gottesdienst hält, sind es knapp drei Kilometer. Die zarte Frau tritt kräftig in die Pedalen, vorbei an den Wohnblocks von Weimar-West bis ins Dorf mit seinen Gärten und Blumen. Wieder eine »kleine Predigt«

Bei schlechtem Wetter nimmt Karin Krapp den Bus. »Ich treffe Gemeindeglieder im Bus, und es entstehen viele Kontakte«, beschreibt sie eine positive Erfahrung. Aber es sei auch schon vorgekommen, dass der Anschlussbus von Weimar aufs Dorf weg war. Da nahm die Pfarrerin kurzerhand ein Taxi. »Das Verrückte ist, dass du in so einem Falle überlegst, ob du die 10 Euro fürs Taxi ausgibst. Bei den Kosten für ein eigenes Auto zahlst du fraglos schnell mal 100 Euro für eine Reparatur, die jährlichen Steuern und die Versicherung werden abgebucht. Eigentlich kommst du preiswerter, wenn du dir immer mal ein Auto leihst oder ein Taxi nimmst.« Zudem habe sie einen sehr lieben Kollegen, mit dem sie sich die Pfarrstelle teilt. Er leihe ihr auch manchmal seinen Wagen.

Neben der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und dem Fahrrad ist die Pfarrerin auch bei »Teil-Auto« angemeldet. Als Wenigfahrerin hat sie 100 Euro Kaution gezahlt und 25 Euro Anmeldegebühr. Allerdings sei dann die Fahrt selbst teurer als bei jemandem, der monatlich 9 Euro Beitrag zahlt. Zudem habe sie sich für ein zusätzliches Sicherheitspaket entschieden. Wenn man mit einem fremden Auto unterwegs ist, könne doch schon eher mal was passieren, meint sie.

Feierabend. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Feierabend. Fotos: Dietlind Steinhöfel

Früher, als die Kinder noch klein waren, wäre es ohne Auto nicht gegangen, gibt sie zu. Jetzt sind sie sieben und neun Jahre alt und haben gelernt, allein mit dem Bus zur Schule zu fahren. Anfangs sei das schwierig gewesen. »Einmal haben sie eineinhalb Stunden an der Bushaltestelle gestanden, weil sie nicht wussten, ob das der richtige Bus ist«, erzählt sie und ist dann hingeradelt. »Sie standen ganz brav an der Bushaltestelle.« Lehrgeld eben. Das Busfahren habe die Kinder selbstständiger gemacht und ein wenig von der ständigen Aufsicht befreit. Auch sie selbst habe erst lernen müssen, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Das förderte zudem die Kommunikation. Eine ältere Frau aus der Kirchengemeinde habe ihr nach der Taxi-Fahrt einen Tipp gegeben: Man könne den Busfahrer bitten, dass er dem Fahrer des Anschlussbusses Bescheid gebe, dass er wartet. Und die »Schleichwege«, die man mit dem Fahrrad nehmen kann, erkundet sie auch erst nach und nach.

»Ohne Auto ist der logistische Aufwand größer«, gibt die Pfarrerin zu bedenken. Früher habe sie oft den Organisten mitgenommen. Nun muss sie das anderweitig organisieren, zum Beispiel einen Kirchenältesten ansprechen, der ihn abholt.

Das Einkaufen mit dem Fahrrad geht auch nur bedingt. Einen Korb Erdbeeren musste sie kürzlich in die Schule zu ihren Kindern bringen, damit sie ihn mit dem Bus transportieren. Aber da ihr Mann noch ein Auto besitzt, kann er die größeren Einkäufe erledigen. Der Klinikseelsorger ist jedoch den ganzen Tag unterwegs, sodass sein Wagen nicht zur Verfügung steht.

Noch ist Sommer. Wie das im Winter wird, kann sie noch nicht abschätzen. Außerdem, so räumt Karin Krapp ein, habe sie nur eine halbe Pfarrstelle. Ob das so mit einer Vollzeitstelle ginge, bezweifelt sie, wenn sie das Pensum sieht, was manche Landpfarrer zu bewältigen haben.

Dietlind Steinhöfel

Deutsches Abi in Palästina

3. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wo junge Christen und Muslime gemeinsam lernen – was Talitha Kumi so besonders macht

Erstmals wurde im Bildungszentrum Talitha Kumi im Westjordanland das Deutsche Internationale Abitur abgelegt. Der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig nahm an der Abiturfeier teil. Dietlind Steinhöfel sprach mit ihm.

Herr Kirchenpräsident Liebig, was macht das Bildungszentrum Talitha Kumi in Beit Jala so besonders?
Liebig:
Talitha Kumi hat eine sehr lange Tradition, gegründet durch die Kaiserswerther Diakonie Mitte des 19. Jahrhunderts und seit 50 Jahren in der Trägerschaft des Berliner Missionswerkes. Junge Leute aus Palästina – Christen und Muslime – werden hier zusammengeführt. Theoretisch würden auch jüdische Kinder aufgenommen, aber ihnen ist das Betreten der palästinensischen Gebiete ja verboten. Unter dem Dach der Schule gibt es unterschiedliche Einrichtungen: an der Spitze das Gymnasium, zudem eine Berufsfachschule und ein Gästehaus, das im Augenblick mit Mitteln aus Deutschland unter der Leitung eines Dessauer Architekturbüros mit einem lokalen Partner grundlegend saniert wird.

Welche Abschlüsse können die Schülerinnen und Schüler erwerben?
Liebig:
Hier kann ein arabisches Abitur abgelegt werden, und zum ersten Mal wurden in diesem Jahr Zeugnisse nach deutschen Abiturstandards vergeben – also auch auf Deutsch. Der Abschluss an der Berufsfachschule entspricht einem Sekundarschulabschluss mit angeschlossener Berufsausbildung für die Bereiche Wirtschaft und Tourismus, also Köche oder Restaurantbetreiber. Tourismus ist eines der wenigen wirtschaftlich erfolgreichen Felder in Palästina. Im gymnasialen Zweig kann das übliche arabische Abitur abgelegt werden. Die Absolventen können damit in Palästina und anderen arabischen Ländern ein Studium aufnehmen. Palästinenser gelten wegen ihres hohen Bildungsniveaus im arabischsprachigen Raum ohnehin als die Intellektuellen.

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Welche neuen Möglichkeiten bietet das deutsche Abitur?
Liebig:
Mit dem Deutschen Internationalen Abitur können sie sofort ein Studium an einer deutschen Universität oder auch im gesamten EU-Raum aufnehmen. Allerdings: Ein deutsches Abitur abzulegen ist das eine. Doch sie haben kaum Möglichkeiten, dann wirklich hierherzukommen, weil das Geld fehlt. Da müssen wir noch weitere Wege öffnen.

Welche Berufsziele haben die jungen Leute?
Liebig:
Sie bevorzugen die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Information, Naturwissenschaft, Technik) und Medizin. Ich hatte allerdings auch mit einer jungen Frau Kontakt, die möchte gerne Politik studieren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise eine der parteinahen Stiftungen interessiert wäre, so eine junge Palästinenserin zu fördern.

Spielt es noch eine Rolle, dass Talitha Kumi als Mädchenschule gegründet wurde?
Liebig:
Nein, denn es wurde sehr zeitig der gemeinsame Unterricht eingeführt. Das ist einer der Aspekte, die das Besondere ausmachen: eine gemischte Schule in einer arabischen, islamisch geprägten Umgebung. Und daran halten wir weiterhin fest, weil es zu unserem Standard gehört, selbstverständlich auch gemeinsame Sportveranstaltungen und ähnliches durchzuführen.

Haben die Absolventen Nachteile, weil sie sicher auch anders erzogen werden als in einer arabischen Schule?
Liebig:
Das ist genau der Punkt. Sie kommen aus zum Teil sehr traditionellen Elternhäusern, überwiegend aus dem Westjordanland, aber auch Israelis arabischer Herkunft aus Jerusalem sind dabei. Die Schule hat einen vorzüglichen Ruf. Deswegen ist es für viele Eltern eine große Freude und Ehre, dass ihre Kinder hier unterrichtet werden. Und sie stoßen auf ein ­europäisches Bildungsideal, das sie prägt. So gebildet kommen sie zurück in ihre traditionell geformten Elternhäuser. Das ist mitunter eine große Diskrepanz, die sie da überbrücken müssen. Aber sie tun das in bewundernswerter Weise, indem sie sich sowohl hier wie dort anpassen und beides miteinander verbinden.

Wie sieht das konkret aus?
Liebig:
Ein Beispiel: In der Schule sind alle zur Abiturfeier ganz unglaublich gut angezogen. Die jungen Frauen mit bester Frisur, lackierten Fingernägeln und hohen Absatzschuhen. Und dann, zum Frühstück zwei Tage darauf, kommen sie mit Kopftuch, weil eben die Feier vorbei ist. Und ich kann nur zur Kenntnis nehmen, dass es offensichtlich möglich ist, beides zu leben.

www.talithakumi.org
www.berliner-missionswerk.de

Erster Korintherbrief: Was Gemeinde ausmacht

3. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gab regen Kontakt zwischen den Korinthern und Paulus. Briefe gingen hin und her. Gemeindeglieder besuchten den Apostel. Er hatte großes Interesse am Ergehen dieser Gemeinde, die ihm so viele Sorgen machte wie keine andere.

Doch gerade die Probleme in Korinth nötigten Paulus zu der Frage:
Was ist eigentlich Gemeinde? Worauf kommt es an, wenn Christen zusammenleben, zusammen glauben, zusammen Gottesdienst feiern?

So hat der erste Korintherbrief die Praxis des Gemeindelebens im Auge – mehr als alle anderen Briefe des Apostels.
Es gab in Korinth gravierende Missstände. Paulus erfuhr davon, als eine korinthische Delegation ihn besuchte (Kapitel 1). Spaltungen, Parteien und Grüppchen, die sich gegenseitig verachteten. So, wie das manchmal unter Christen geschieht. Unsicherheiten in der Sexualethik. Chaotische Zustände im Gottesdienst. Ja, für manche Korinther war sogar die Auferstehung Jesu fraglich.

Michael Greßler

Michael Greßler

Paulus setzt sich Stück für Stück mit den Fragen und Problemen auseinander. Aber er verliert sich nicht in Einzelheiten. Kein Problem ist so alltäglich, dass er es nicht ganz grundsätzlich angehen würde. Und für Paulus gibt es nur einen Grund: Jesus Christus (Kap 3,11) und die Verkündigung von ihm, das »Wort vom Kreuz« (Kapitel 1 und 2). So steigert sich der Brief bis zum 12. Kapitel, wo Paulus zum ersten Mal den Gedanken formuliert: Kirche ist der Leib Christi. Wenn Christen zusammenleben, dann nicht wegen ­ihres guten Willens, sondern weil ihr Herr sie verbindet.

Die Kapitel 9 bis 11 geben Aufschluss über das gottesdienstliche Leben in der Frühzeit der Kirche. Auch hier beruft sich Paulus auf grundlegende Überlieferungen des Glaubens. So werden in 11,23-25 die Abendmahlsworte Jesu zitiert.

Einen weiteren Höhepunkt erreicht der 1. Korintherbrief in Kapitel 13. Das »Hohelied der Liebe« – es fasst alle bisherigen ­Gedanken des Apostels zusammen: Die Liebe Christi ist der Königsweg, wenn Menschen von einer Gemeinschaft zur Gemeinde werden sollen.

Am Ende des Briefes steht der Blick auf die Auferstehung. Das 15. Kapitel gehört zu den grandiosesten Texten im Neuen Testament. Doch bei allem Scharfsinn und aller Beredtheit: Paulus sagt nichts Neues, sondern greift wieder zurück auf den Grund. Er zitiert das wohl älteste christliche Glaubensbekenntnis (Kapitel 15, 3-5). Grundsätzlicher geht es nicht. Gemeinde ist, was sie ist, weil sie dem auferstandenen Jesus Christus gehört – und nicht sich selbst.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Digitale Kommunikation

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: Über die Gefahren und Risiken von online-Beziehungen

Welche Auswirkungen hat die moderne Kommunikation und Erreichbarkeit rund um die Uhr? Wie geht es den Seelen im Netz? Um diese Fragen ging es bei einer ­Tagung der Evangelischen Akademie Berlin.

Schon lange wird nicht mehr nur über die phantastischen Möglichkeiten des world-wide-web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich jetzt die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, sind die neuen Medien ein zweifach Ding. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das aktuelle Hochwasser habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines »Empathie-Netzwerkes«.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, facebook und andere Social Media. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten eine neue Dynamik. Kommunikation ist derzeit global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles ­sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen.

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

Sie kommunizieren, aber höchstwahrscheinlich nicht miteinander. Foto: Robert Kneschke – Fotolia.com

»Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen. Aber Shitstorms generieren große Mengen extremer Haßkommentare. Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung«, warnt der Bischof.
Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen facebook-account gelöscht. Er möchte lieber analog Aug in Aug kommunizieren statt via Social Media.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch persönlichen Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den Alltag, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der heilige arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

»Der Sonntag ist der stärkste Tag im Online-Einkauf. Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten 24 Stunden zu warten. Natürlich wird die Auftragsbearbeitung sofort erfolgen und natürlich wird ein Logistik-Zentrum auch am Wochenende bedient und dort wird gearbeitet. Das ist heuchlerisch zu ­sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter«, weiß Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.

Wer Sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppe, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine ­sinnvolle Antwort finden. Durch die modernen Rund-um-die-Uhr-Medien wandelt sich die Arbeitswelt radikal. Sabria David betreibt in Bonn das Slow Media Institut. Sie rät Firmen: weniger Kommunikation sei oft mehr.
»Das berufliche Feld ist über die ­digitalen Techniken auf 24 Stunden,

7 Tage die Woche ausgeweitet. Es gibt keine privaten Rückzugsmechanismen mehr. Es wird permanente Erreichbarkeit verlangt. Wenn Sie in so einem ständigen Grundzustand von Alarmbereitschaft sind, dann hat das nachweisbar gesundheitsschädliche Auswirkungen«, warnt David.

Verantwortungsvolle Chefs sollten von ihren Untergebenen nicht den ­totalen stand-by-Modus fordern. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme sinnvoll reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Be-
arbeitung der elektronischen Post ­beschäftigt waren.

»Die kommunizieren wieder wie früher ganz analog, face to face oder per Telefon«, weiß Unternehmens­beraterin Sabria David.

Der hannoversche Landesbischof Meister rät dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden. Wer ein Mal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch 7 Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Mensch stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur ­analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe!

Thomas Klatt

»Walter, die Kinder!«

2. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Kleinbürger, Stalinist, Diktator – am 30. Juni vor 120 Jahren wurde Walter Ulbricht geboren

Vielen ist er vor allem durch seine geradezu den Volksspott herausfordernde sächselnde Fistelstimme in Erinnerung. Doch hinter der äußeren ­Lächerlichkeit des Walter ­Ulbricht steckte auch eine Menge Bösartigkeit.

Als ich ihm das erste und einzige Mal in meinem Leben persönlich begegnete, am 15. Juni 1963, wusste ich zwar, wie er hieß und dass er etwas Besonderes war; aber wer er wirklich war, wusste ich, der zwölfjährige Junge aus Wismar an der Ostsee, natürlich nicht. Allerdings sollte es nur noch wenige Jahre dauern, bis auch für mich in dieser Hinsicht restlose Klarheit herrschte. Doch der 15. Juni 1963 war mit solch einer Perspektive noch nicht belastet, war es doch ein Tag, an dem wir Schüler der Stadt Spalier stehen mussten: Spalier für Walter Ulbricht, den Ersten Sekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, wie die titulierende Wortgirlande lautete, die man in seinem Zusammenhang regelmäßig las oder hörte.

Der Anlass, meine Heimatstadt zu besuchen, war der Stapellauf eines Schiffes – des ersten einer Serie von eleganten Seefahrgast-Linern, die zu diesem Zeitpunkt die größten auf einer deutschen Werft gebauten waren. Aber was da an diesem Tag von der Helling der Matthias-Thesen-Werft im Beisein der Partei- und Staatsführung der SED-Diktatur ins Wasser der Ostsee glitt, war kein Luxusschiff für die werktätigen Massen der DDR, sondern der Sowjetunion: sein Name »Iwan Franko«.

Warum ich am Ende der Zeremonie zu denen gehörte, die bis in die unmittelbare Nähe Ulbrichts, seiner Frau und des Trosses aus Funktionären und Sicherheitsleuten gekommen waren, weiß ich nicht mehr – aber plötzlich standen wir vor ihm, der gerade dabei war, in seiner sowjetischen Luxuslimousine zu verschwinden, als Lotte Ulbricht, seine zweite Frau, unsere Erregung sah und spontan ausrief: »Walter, die Kinder!« Als hätte ihn ein ­Befehl erreicht, drehte Ulbricht sich um, kam näher, bot seine Hand an und fragte mit sächselnder Fistelstimme: »Nu, liebe Kinder, wie geht’s denn hier oben an der Ostsee? Waren eure Zeugnisse gut?« Natürlich ging es uns gut, und natürlich waren auch unsere Zeugnisse nicht schlecht, und natürlich war der ganze Spuk bald darauf vorbei: Ein letztes ­Winken aus der Staatskarosse, dann zog sich die Gardine im Fond des Wagens zu, und Walter Ulbricht war verschwunden.

Montage: GKZ

Montage: GKZ

Aber nicht aus meinem Leben. Dort sollte er erst noch ankommen, der 1893 in Leipzig geborene Handwerkersohn und spätere Tischlergeselle, der jugendliche Sozialdemokrat, Infanterist des Ersten Weltkrieges, Mitglied des Soldatenrates und Revolutionsagitator der USPD, dessen rhetorische Künste allerdings schon damals als »trocken und hölzern« geschmäht wurden. Mitglied der KPD wurde er erst 1920, als sich die linke Abspaltung der SPD mit der Partei der deutschen Bolschewisten vereinigte. Bald schrieb er für die »Rote Fahne« und »Der Klassenkampf«, wurde auffällig für die Militärbehörden. Im November 1919 wird er kurzzeitig festgenommen. 1920 heiratet er erstmals, eine Tochter wird geboren. Ein neuer Haftbefehl zwingt ihn allerdings in den Untergrund. Ulbricht wird nun Berufsrevolutionär.

1921 beginnt seine wirkliche Karriere im Apparat der KPD – 1928 wird er für sie Reichstagsabgeordneter –, die ihn ein Vierteljahrhundert später, nach Exil in ­Paris und der Sowjetunion, Komintern-Tätigkeit und der Rückkehr in das besiegte, stark zerstörte und von den Alliierten besetzte Deutschland, zum mächtigsten Mann der KPD/SED, werden lässt. Bis er 1971 von Erich Honecker, seinem politischen Ziehsohn, als Parteichef gestürzt wird, um bis zu seinem Tode 1973 nur noch als machtloser Staatsratsvorsitzender zu agieren. Es war die Karriere eines Mannes, vor dem Clara Zetkin, weibliche Legende der KPD, mit den Worten gewarnt hatte: »Ein gütiges Schicksal bewahre die KPD davor, dass dieser Mann mal an die Oberfläche gespült wird … ­Sehen Sie in seine Augen, und Sie werden erkennen, wie verschlagen und unaufrichtig er ist.«

Ulbrichts Genossin sollte nicht nur recht behalten, ihre präzise Charakterisierung erklärt auch die Tatsache, dass er im sowjetischen Exil zu den ganz wenigen Spitzengenossen der KPD gehörte, die Stalins Terror überlebten, weil Stalin ihm vertraute und deshalb die Macht in der von ihm besetzten Zone Deutschlands anvertraute, die Ulbricht mit einer Gruppe anderer Genossen noch im Mai 1945 antrat, unter der von Wolfgang Leonhard kolportierten Maßgabe: »Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.«

Seine Verschlagenheit war fortan das Markenzeichen nicht nur seiner brutalen Politik zur Durchsetzung der zweiten und kommunistischen deutschen Diktatur; mit ihrer Hilfe überlebte er auch alle Veränderungen im Kreml nach Stalins Tod 1953, überstand den 17. Juni im selben Jahr sowie den XX. Parteitag der KPdSU, auf dem Chruschtschow Stalin, Ulbrichts Abgott, demontierte. 1968 war er einer der bösartigsten Wortführer gegen den Reformkurs der CSSR unter Alexander Dubcek; sieben Jahre zuvor hatte er mit seinem Adlatus Honecker den Mauerbau exekutiert, in dessen Folge über 1000 Menschen gewaltsam ums Leben kamen.

Schon Anfang der fünfziger Jahre war er mit äußerstem Terror, zu dem eigenhändig von ihm verfügte Todesurteile ­gehörten, gegen jede Form politischer Opposition vorgegangen, gegen die evangelische Kirche und ihre Junge Gemeinde, gegen private Bauern und Betriebe. Bis er, unmittelbar nach Stalins Tod, ausgerechnet von dessen langjährigem Geheimdienstchef Lawrenti Berija zurückgepfiffen wurde und eine Korrektur seines vor allem im Westen abschreckend wirkenden politischen Kurses und der damit verbundenen Massenflucht aus der SBZ/DDR, die Moskaus Deutschlandstrategie zuwiderlief, einleiten musste.
Berija konstatierte nach dem Vergatterungsgespräch im Kreml über Ulbricht: »Ich habe noch nie im Leben einen solchen Idioten gesehen.« Dessen Sturz wiederum und der Aufstand vom 17. Juni retteten Ulbricht ein weiteres Mal, der nun sein Zerstörung-»Werk« des Aufbaus des »ersten Arbeiter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden« und einer »sozialistischen Menschengemeinschaft« ungehindert fortsetzen konnte.
Ich selber war siebzehn, als ich diesem Mann, der mir als Kind einmal die Hand gereicht hatte, meinen Widerstand bis zum Untergang seiner Diktatur schwor. Dieser Widerstand, inspiriert von meinem christlichen Glauben und dem Geist des »Prager Frühlings« 1968, führte 1973 zu meiner Verhaftung und Verurteilung zu vielen Jahren Gefängnis. Vom Tod des ersten Diktators der zweiten deutschen Diktatur am 1. August 1973 erfuhr ich in einer Zelle des MfS. Bis zum Tod seines Systems dauerte es da noch sechzehn Jahre.

Ulrich Schacht

Der Publizist und Schriftsteller Ulrich Schacht wur­de 1951 im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck, in dem seine Mutter inhaftiert war, geboren und lebt heute in Schweden.