Die verschollen geglaubte Stimme

4. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Liebesgeschichten der Bibel: Eli und Samuel – zwei Verlassene, die ausharrten bis zuletzt

Die Bibel hält viele Geschichten über Liebe parat. In einer losen Folge ­veröffentlichen wir eine Serie mit Liebesgeschichten, die von der Bibel inspiriert sind.

Mit Priester Eli, diesem alten Geistlichen am Tempel von Silo, ging es zu Ende. Er war dort eine Art Bischof, Kirchenpräsident oder wie immer man auch heute sagen würde. Seine Augen aber hatten angefangen schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte. (1. Samuel, Kapitel 3) Nicht nur seine Augen waren schwach geworden. Auch das Glaubensleben, das Eli zu verantworten hatte, ließ nach. Längst hätte er alles hingeworfen, wenn nicht der kleine Junge Samuel etwas Licht im Tempel verbreitet hätte. Verglichen mit anderen Landstrichen gab es noch immer genug Steuereinnahmen und Spenden, doch Elis Söhne, auch sie Priester am Tempel, waren Betrüger. Dabei fischten sie aus dem Spendentopf längst die besten Stücke heraus: Denn wenn jemand ein Opfer bringen wollte, so kam des Priesters Diener, wenn das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zacken in seiner Hand und stieß in den Tiegel oder Kessel oder Pfanne oder Topf, und was er mit der Gabel hervorzog, das nahm der Priester für sich.

Samuel hört die Stimme Gottes – eine Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Samuel hört die Stimme Gottes – eine Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Oberpriester Eli versuchte, seine Söhne zur Vernunft zu bringen. Das klang freilich müde, wie ein Lehrer, der vergeblich gegen eine toll gewordene Schulklasse ankämpft. Seine Söhne lachten nur. Am schlimmsten aber war, dass Gott selbst müde geworden schien, nichts war mehr von ihm zu hören. Aber es standen ja auch immer nur Finanzen, empirische Milieustudien und Gedenkfeiern auf der Tagesordnung. Einige Geistliche sprachen zwar von »Spiritualität«, vermutlich aber deshalb, weil das Wort in Mode war und womöglich neue Gelder bringen konnte. Die Wahrheit aber lautete: Des Herrn Wort war selten, und es gab kaum noch ­Offenbarung (1. Samuel 3,1).

Einsam war Eli geworden, von seinen Söhnen und auch von Gott im Stich gelassen. Nur Samuel entlockte ihm zuweilen ein Lächeln. Er war der einzige Kandidat der einst gut besuchten Priesterschule am Tempel von Silo. Wie Eli war auch Samuel, dieser kleine Junge, auf sich gestellt. Seine Eltern sah er gerade einmal im Jahr. Beide waren Verlassene: die letzten, die im Tempel ausharrten. Der Abwesenheit Gottes wichen sie nicht aus. Und indem sie ihn vermissten, wurden sie zu Freunden.

Eines Nachts hörte Samuel, wie er gerufen wurde. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich! und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen (1. Samuel 3,4.5). Mehrere Male hörte Samuel eine Stimme im Tempel, die aber nicht von Eli war. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben rief. Der alte Geistliche war aufgeregt wie ein Kind. Er wies den Jungen an, sich Gottes Klang zu stellen. Und der junge Samuel hörte den Höchsten persönlich reden: »Die Betrügereien der Söhne Elis will ich richten.« Ihnen und der gesamten Familie Eli wollte Gott Einhalt gebieten.

Samuel aber fürchtete sich, Eli anzusagen, was ihm offenbart worden war (1. Samuel 3,15). Denn für den kleinen Jungen war der Greis der wichtigste Mensch geworden. Dieser aber drängte seinen Schüler, ihm zu sagen, was er erfahren habe. Da sagte Samuel alles und verschwieg ihm nichts (1. Samuel 3,18).

Und Eli willigte ein – in den Niedergang seiner eigenen Familie. Neues brach an, spürte er. Zugleich merkte Eli, wie Samuels Lust, im Tempel zu dienen, immer größer wurde – und das ohne jedes Taschengeld. Da freute er sich im Stillen, dass es mit seinen eigenen Kindern nichts mehr würde und Gott die von seinen Söhnen eingeplanten Renten und Reisepläne zunichtemachte. Eli und Samuel jedoch, die im Tempel ausgeharrt hatten bis zuletzt, hatten sich gefunden – und eine verschollen geglaubte Stimme.

Georg Magirius

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Die verschollen geglaubte Stimme”
  1. Diese sind nicht überraschende meine mehr, aber Dank.