»Niemand hilft uns«

26. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Erzbischof Mor Dionysios Isa Bürbüz sieht seine Glaubensbrüder in Syrien von der Welt verlassen

Zu den großen Verlierern des Bürgerkriegs in Syrien gehören jetzt schon die Christen. Fabian Kramer sprach ­darüber mit dem ­syrisch-orthodoxen Erzbischof der Schweiz und Österreichs, Mor Dionysios Isa Gürbüz.

Seit über 50 Tagen befinden sich der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo und sein griechisch-ortho­doxer Amtsbruder in der Gewalt von Entführern. Gibt es irgendeinen Kontakt zu den beiden?
Mor Dionysios:
Nein. Es heißt lediglich, dass sie am Leben sein sollen. Ansonsten gibt es keine Neuigkeiten.

War dies das erste Mal, dass Ihre Kirche oder deren Vertreter in Syrien direkt angegriffen wurden?
Mor Dionysios:
Keineswegs. Es wurden schon viele Priester gekidnappt und ein, zwei auch getötet. Manche sitzen im Gefängnis. Außerdem wurden eine Kirche in Deir ez-Zor und die Kathedrale von Homs zerstört, eine der ältesten Kirchen der Welt. Andere Sakralbauten wurden entweiht oder beschädigt.

Wer steckt hinter diesen Anschlägen?
Mor Dionysios:
Wir wissen es nicht. Es gibt mittlerweile so viele Parteien, die gegeneinander kämpfen, sowohl bei den Rebellen als auch in den Reihen der Regierung. Jeder macht, was er will.

Besteht überhaupt noch so etwas wie ein kirchliches Leben in Syrien?
Mor Dionysios:
Es ist sehr gefährlich geworden, eine Kirche zu besuchen. Kürzlich wollten unsere Leute in Aleppo ein Gebet abhalten und haben sogar Flugblätter mit Einladungen verteilt. Doch dann explodierte am Morgen vor der Veranstaltung eine Bombe vor der Kirche. Am Ende ist niemand gekommen. Die meisten christlichen Schulen, die früher auch von muslimischen Kindern besucht wurden, sind geschlossen. Unser Priesterseminar bei Damaskus arbeitet allerdings noch.

Mor Dionysios Isa Gürbüz ist Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Christen in der Schweiz und in Österreich. Foto: Fabian Kramer

Mor Dionysios Isa Gürbüz ist Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Christen in der Schweiz und in Österreich. Foto: Fabian Kramer

Der armenische Patriarch sagte kürzlich über seine große syrische Gemeinde: »Unser Ende ist nur eine Frage der Zeit.«
Mor Dionysios:
Ja. Uns droht dieselbe Situation wie im Irak. Dort gab es vor 20 Jahren zwei Millionen Christen. Heute sind es noch 500000. Alle anderen sind geflohen.

Haben Sie Zahlen, wie viele syrische Christen auf der Flucht sind?
Mor Dionysios:
Die Lage ist sehr unübersichtlich. Bestimmt sind es Hunderttausende. Die meisten halten sich in den Nachbarländern auf. Einige Tausend haben in der Osttürkei Zuflucht gefunden, auch in unseren dortigen Klöstern. Fünfhundert haben es bis nach Griechenland geschafft. Außerdem gibt es große landesinterne Flüchtlingsströme von Christen in die Kurdengebiete und nach Damaskus, weil dort die Lage noch sicherer ist.

Wo stehen die Christen politisch in dem Konflikt?
Mor Dionysios:
Ich denke, sie unterstützen mehrheitlich die Regierung. Aber auch Millionen sunnitischer Muslime tun dies.

Wird dies Ihren Glaubensbrüdern nun zum Verhängnis?
Mor Dionysios:
Das mag einer der Gründe für die Gewalt sein. Doch der wichtigere Grund ist die Feindseligkeit gegenüber Christen allgemein. Es ist dasselbe wie in Ägypten.

Gab es solche Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften schon früher?
Mor Dionysios:
Ich habe acht Jahre in Damaskus gelebt, wo ich unser Priesterseminar leitete. Es war ein wundervolles Leben. Wir konnten unseren Glauben frei ausüben, Kirchen bauen, unsere Religion unterrichten. Nachdem, was ich gesehen habe, war es besser als überall sonst im Nahen Osten, was die Freiheit betraf. Der Umgang mit den Muslimen war brüderlich. Doch seit zwei Jahren hat sich alles geändert. Die Gründe dafür sind allein politischer Natur.

Der neue Präsident des oppositionellen Nationalrates, Georges Sabra, ist griechisch-orthodoxer Christ. Wie sehen Sie seine Rolle?
Mor Dionysios:
Sein Einfluss scheint gering zu sein. Wir vermuten, dass er nur gewählt wurde, um bei der Europäischen Union und den USA einen guten Eindruck zu erwecken.

Was erwarten Sie denn vom Westen?
Mor Dionysios:
Wir wünschen uns vor allem politische Unterstützung, sodass unsere Leute in ihrer Heimat bleiben und in Sicherheit leben können. Es braucht Druck, auch auf die Opposition, damit alle Religionsgemeinschaften geschützt werden. Bisher hat die Europäische Union nur die Opposition unterstützt. Niemand hilft uns. Wir erwarten von den Christen, dass sie ihren Brüdern und Schwestern in Syrien helfen.

Reformation in neuem Sound

26. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Uraufführung von Luther-Musical im Landestheater Eisenach

Mit der landläufigen Vorstellung von Musicals hadert er. »Ich denke dabei vor allem an einen weich gespülten und immer irgendwie ähnlichen Sound«, sagt der Komponist Erich Radke. Seine Skepsis ist ­dabei nicht zu überhören. Deshalb will der Musiker mit seinem jüngsten Werk andere Akzente setzen: Das Stück »Luther! Rebell wider Willen« solle als ein Rock-Musical die alten Gedanken mit neuen Melodien erklingen lassen. Am 15. Juni ist das ­Musical »Luther! Rebell wider Willen« im Landes­theater Eisenach uraufgeführt worden.

Fünf Jahre nach der Erfurter Open-Air-Produktion »Martin L.« vor der imposanten Dom-Kulisse der Thüringer Landeshauptstadt erscheint Martin Luther (1483–1546) nunmehr in seiner »lieben Stadt« Eisenach ein weiteres Mal auf der Musicalbühne. Während sich Radke für seine ­Kom­positionen lange Zeit mit den alten Kirchenliedern herumquälte, rang ­Librettistin und Regisseurin Tatjana Rese jahrelang um eine bühnentaugliche Geschichte über die große Zeitenwende vor 500 Jahren.

»Der Mensch Luther ist es, der für uns im Fokus steht«, beschreibt sie das Ergebnis ihrer Arbeit und spricht von einer modernen Spurensuche zu den Wurzeln, die den Mann aus der Provinz zum Reformator und zum Veränderer der Weltgeschichte werden ließen. Luther versteht sie dabei als einen Menschen, »der aus dem Mittelalter kommt, das ihn nie ganz verlässt, und in die Neuzeit geht, in der er nie ganz sein wird – ein Mensch voller Widersprüche, die ihn manchmal zu zerreißen drohen«.

Die theologische Auseinandersetzung mit der damaligen Kirche und dem Ablasshandel habe ihn in den ­sozialen und politischen Konflikten seiner Zeit zu einer Galionsfigur werden lassen, die er nie sein wollte, sagt Rese. Sie ist derzeit Schauspieldirektorin am Landestheater Detmold.

In Eisenach erzählt sie Luthers Geschichte aus der Perspektive des alten Reformators, der als Modell in der Wittenberger Werkstatt von Lucas Cranach zurückblickt auf sein bewegtes Leben. Der Maler-Freund und Chronist der Reformation, dessen Bilder für die Nachwelt die Vorstellung vom Aussehen der damals führenden Köpfe maßgeblich prägten, will wiederum so etwas wie »den ganzen Luther« abbilden, mit aller seiner Wut und seinen inneren Kämpfen.
So führt die Bühnenerzählung vom schicksalhaften Gewittererlebnis des Erfurter Studenten bei Stotternheim und dem nachfolgenden Gang ins ­Augustinerkloster über Wittenberg und Worms bis in die Studierstube von Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach.

Stefan Poslovski als Teufel und Matthias Jahrmärker als Martin Luther (vorn), Tänzerinnen und Tänzer des Balletts ­Eisenach in dem Musical »Luther! Rebell wider Willen«. Foto: Landestheater Eisenach www.theater-eisenach.de

Stefan Poslovski als Teufel und Matthias Jahrmärker als Martin Luther (vorn), Tänzerinnen und Tänzer des Balletts ­Eisenach in dem Musical »Luther! Rebell wider Willen«. Foto: Landestheater Eisenach www.theater-eisenach.de

Natürlich kommt auch Katharina von Bora zu ihrem Recht – schließlich begründete Luther mit ihr das evangelische Pfarrhaus, das über die Jahrhunderte eine Vielzahl großer Geister hervorbringen und damit zu einem einzigartigen Brunnquell der deutschen Kulturgeschichte werden sollte. Luther-Kenner im Parkett können sich freuen auf viele bekannte Zitate des Reformators – egal, ob sie authentisch sind oder aber das Ergebnis späterer Legendenbildung.
Als neuen Soundtrack der Reformation verwendet Radke Klangbilder von der Renaissance bis zur Gegenwart an – mit dramatischen Chören, innigen Soli und Duetten, die begleitet werden von großem Orchester oder von hartem Rock. Einbezogen ist auch das Ballett, das die Umbruchszeit des 16. Jahrhunderts mit einem »danse macabre« charakterisiert. Doch wer auf schmissige Varianten der populären Luther-Lieder wartet, wird am Ende wohl enttäuscht sein. Dafür taucht »Ein feste Burg« gleich fünf Mal auf – wenn auch bisweilen hörbar verfremdet.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Im Landestheater Eisenach steht das Musical bis 14. Juli jeweils an den Wochenenden freitags bis sonntags auf dem Spielplan.

www.theater-eisenach.de

Im Visier der Neonazis

24. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Gesellschaft: Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter, die sich aktiv dem Neonazi-Treiben entgegenstellen, brauchen Mut und Ausdauer

Neonazis und die damit verbundene Musikszene fühlen sich in Thüringen offenbar nach wie vor pudelwohl. Doch es gibt Menschen, die sich damit nicht abfinden wollen.

Es sind erschütternde Bilder, die die Medien in den vergangenen Tagen von der diesjährigen Hochwasser-Katastrophe zeigten. Auch die ostthüringische Stadt Gera war davon betroffen, und zwar so sehr, dass Stadtjugendpfarrer Michael Kleim spontan im Pfarrhaus Notunterkünfte zur Verfügung stellte.

Doch mindestens ebenso betroffen macht ihn und andere, dass seine Stadt seit 2003 Jahr für Jahr Veranstaltungsort für »Rock für Deutschland« (RfD) ist. Die Veranstaltung ist – typisch für die Szene – ein Mix aus NPD-Demagogie und Musik extrem rechter Bands und zieht bis zu 5000 Neonazis und ihre Sympathisanten an.

Jugendpfarrer Kleim organisierte Widerstand dagegen, und zwar nicht nur, weil die Neonazi-Treffen zunächst im Stadtpark und damit direkt vor seiner Haustür stattfanden: »Der menschenverachtende Hass dieser Leute ist einfach widerlich«, meint Kleim. Hinzu kommt: »White Youth« (Weiße Jugend), die Jugendorganisation des Neonazi-Netzwerkes »Blood & Honour« (Blut und Ehre), wurde in Gera gegründet. Ebenso der Neonazi-Versand »Aufruhr« mit zeitweilig 33000 Kunden (darunter auch aus bürgerlich-konservativen Kreisen) sowie die Rechtsrock-Labels »Ewiges Eis« und »Donnerschlag«. Und bis heute ist die Stadt Heimat für mehrere Neonazi-Bands, bei deren Konzerten Nachwuchs rekrutiert wird.

Bei der Zahl der Rechtsrock-Konzerte liegt Thüringen deutschlandweit an der Spitze. Zudem ist Rechtsrock »mittlerweile ein Millionengeschäft«, wie die Experten Christian Dornbusch und Jan Raabe schon 2006 in ihrer Broschüre »RechtsRock – Made in Thüringen« konstatierten.

Das martialische Auftreten mancher Neonazis ist nicht nur äußerlich: Wer sich ihrem Treiben dauerhaft entgegenstellt, riskiert unter Umständen durchaus ­etwas. Foto: picture alliance

Das martialische Auftreten mancher Neonazis ist nicht nur äußerlich: Wer sich ihrem Treiben dauerhaft entgegenstellt, riskiert unter Umständen durchaus ­etwas. Foto: picture alliance

Könnte es sein, dass der Geraer Jugendpfarrer mit seinem Engagement den Neonazis den potenziellen Nachwuchs abspenstig macht und den Umsatz verhagelt? Jedenfalls begann schon im Jahre 2000 für ihn ein Martyrium, das bis heute anhält: Auf NPD- und anderen Neonazi-Websites wird er angepöbelt; die »Kameradschaft Gera« veröffentlicht einen Steckbrief von ihm, der Polizeischutz für Gottesdienste und Jugendfreizeiten sowie die Warnung vor Briefbomben zur Folge hat. Er und seine Familie werden auf offener Straße beschimpft, erhalten Drohanrufe. Schaukästen und Plakate, die zum Friedensgebet während des RfD-Treffens aufrufen, werden systematisch beschädigt oder mit Hetz-Aufklebern versehen. 2011 verwüsten zwei extrem rechte Jugendliche den Vorraum des Gemeindehauses; kurz darauf wird das Jugendhaus »Shalom« mit Farbe und Nazisymbolen beschmiert. Als der Geraer Pfarrkonvent sich hinter Kleim stellt, wird auch dieser auf der Neonazi-Website »altermedia« angepöbelt.

Schließlich zeigt Kleims Superintendentin Gabriele Schaller den Betreiber von »altermedia«, Axel Möller, einen bereits vorbestraften Neonazi, an. Woraufhin auch sie im Internet wüst beschimpft wird. Besonders tut sich dabei der braune Jurist Frank Kretzschmar aus Leipzig hervor, der beleidigende E-Mails an alle Pfarrämter des Kirchenkreises Gera schickt. Als sich einige Pfarrer dagegen verwahren, diffamiert er sie bei »altermedia« unter dem Titel »Pfarrer Kleim, Kurzke, Hock und Hiddemann: Teufel im Christen-Gewand an der Geraer Antifa-Front« weiter. Und ein Internetnutzer kommentiert: »Wir hätten das Pfaffenpack vor 1500 Jahren auch ausnahmslos totschlagen sollen!«

Und »altermedia«-Betreiber Axel Möller? Sitzt bereits wegen Volksverhetzung eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren ab, zu der nun ein weiteres Jahr dazu kam. Opferberatungen kritisierten das Urteil allerdings als »zu milde«, da es die Bedeutung der Plattform »altermedia« für die Neonazi-Szene verkenne. Auch sei ein Zusammenhang zwischen der dortigen Hetze und Straftaten lokaler Neonazis nicht auszuschließen.

Michael Kleim ist jedoch kein Einzelfall: Wer sich Neonazis entgegenstellt, riskiert etwas. Das hat inzwischen auch die EKM-Kirchenleitung erkannt, zumal es kirchliche Mitarbeiter gibt, die allein durch ihre Hautfarbe zur Zielscheibe von Neonazi-Angriffen werden können. »Sie reagiert vorbildlich«, meint Kleim dazu. Und Bildungsdezernentin Martina Klein stellte kürzlich ein System der Krisenintervention in Aussicht, das Betroffenen schnell und gezielt helfen soll. Als Sofortmaßnahme empfiehlt sie bei entsprechenden Problemen die Kontaktaufnahme mit der von der EKM getragenen Opferberatung EZRA.

Am 6. Juli soll das nächste »Rock für Deutschland« stattfinden – kurz nach dem »Thüringentag der nationalen ­Jugend« am vergangenen Sonnabend in Kahla. Und nachdem auch der »Nationalsozialistische Untergrund« aus dieser Gegend stammte und weiter östlich Unterschlupf fand, sollten sich Politiker und Zivilgesellschaft von Ostthüringen und Westsachsen dringend überlegen, was ihre Region ­eigentlich seit Jahren zum Eldorado für Neonazis macht.

Rainer Borsdorf

Kontakt Opferberatung:
Telefon (03 62 02) 77 13-510


www.ezra.de


Kein Röslein ohne Läuschen

23. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ob die Rose die Königin aller Blumen ist – darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich kann das Entzücken nicht teilen, wenn in Rosarien, Parkanlagen und privaten Gärten quadratmeterweise ›Gloria Dei‹, ›Superstar‹ oder ›Queen Elizabeth‹ mit zig anderen Sorten wachsen. Vom Anspruch her allerdings könnte der Titel passen. Man muss ihr erhöhte Aufmerksamkeit widmen, der stolzen Rose. Was es nicht alles für Krankheiten gibt, die es abzuwehren gilt: Sternrußtau, Mehltau und Rosenrost sind nur die bekanntesten. Zahllose Schädlinge zeigen keinerlei Respekt und haben es besonders auf Ihre Hoheit abgesehen: Gefurchte Dickmaulrüssler, Spinnmilben und Blattläuse, die Rosenblattrollwespe, die Gemeine Rosenlaubzikade und der Rosentriebbohrer, wobei zwischen dem Aufsteigenden und dem Absteigenden zu unterscheiden ist. Und denken Sie nicht, dass ein neuer Rosenstock auf den alten Platz gesetzt werden könnte. Die Erde ist rosenmüde und muss ausgetauscht werden.

»Wem Mutter Natur ein Gärtchen gibt und Rosen, dem gibt sie auch Raupen und Blattläuse, damit er’s verlernt, sich über Kleinigkeiten zu entrüsten«
Wilhelm Busch

Andererseits: Wenn sich ›Bobby James‹ in alte Bäume schlingt, ›Golden Gate‹ Spaliere erobert, sich ›Veilchenblau‹ über eine Mauer ergießt oder die gestreifte ›Variegata di Bologna‹ als großer Strauch süß duftet – dann ist man voller Bewunderung über so viel Schönheit. »Oh, wer um alle Rosen wüsste, die rings in stillen Gärten stehn – oh, wer um alle wüsste, müsste wie im Rausch durchs Leben gehen«, reimt Christian Morgenstern. Kein Wunder, dass sie als Königin der Blumen in unzähligen Gedichten und Geschichten, Liedern und Poesiealben besungen wird, makellos, duftend, ein Symbol für die Liebe.

Christine Lässig

Christine Lässig

Die Dornen kommen auch vor. Zwiespältig ist Schönheit, mit Gefahr verbunden – Anlass für weise Sinnsprüche über das Leben. Von Gefurchten Dickmaulrüsslern und Co. redet allerdings keiner. Höchstens Wilhelm Busch, der die Realität nicht ganz aus dem Auge verliert: »Dass keine Rose ohne Dorn/bringt mich nicht aus dem Häuschen./Auch sage ich ganz ohne Zorn:/Kein Röslein ohne Läuschen.« Da ist Gelassenheit gefragt und das Bemühen, den Ansprüchen dieser besonderen Pflanze Genüge zu tun. Geduld bringt Rosen.

Christine Lässig

Dreisamkeit der Konfessionen

19. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökumene: An der Münchener Universität gibt es ein Miteinander der drei großen christlichen Glaubensrichtungen

In München steht die einzige Universität der Welt, die ­zugleich katholische und ­orthodoxe Priester sowie evangelische Pfarrer ausbildet. Eine Hochschule als Hochburg der Ökumene.

Georgios Siomos ist 25 Jahre alt und verkörpert ganz das Bild eines ostkirchlichen Würdenträgers, wenn er in seinem schwarzen Chorgewand, mit dunklem Vollbart und halblangem Haar dasteht. Jeden Sonntag begleitet er singend die Heilige Messe. Unter der Woche bereitet er sich auf sein Diplom in orthodoxer Theologie vor. Doch wenn man ihn ­einen »Theologen« nennt, winkt er ­lachend ab. Diesen Ehrentitel tragen nach seiner Tradition nur der Apostel Johannes und zwei Kirchenväter.

Bis vor Kurzem saß Siomos als offizieller griechisch-orthodoxer Vertreter in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Bayerns. Ein junger Student in diesem wichtigen ökumenischen Gremium, das ist ziemlich ungewöhnlich. Aber ungewöhnlich ist auch der Ort, an dem der Norddeutsche mit Wurzeln am Schwarzen Meer studiert, die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) von München. Einst ein Hort der Gegenreformation, herrscht an der Hochschule heute ein Miteinander der drei großen christlichen Glaubensrichtungen, das seinesgleichen sucht.

Bereicherung statt ­Bedrohung

Schon die Gründung der evangelisch-theologischen Fakultät der LMU im Jahr 1967 war ein Akt der Ökumene. Sie geschah auf ausdrücklichen Wunsch der katholischen Professoren, die sich nach den innerkirchlichen Reformen in Rom um den interkonfessionellen Dialog auf akademischer Ebene bemühten.

Georgios Siomos und seine Kommilitonen aus den Ostkirchen verdanken ihren Studienplatz indirekt sogar dem Papst persönlich. Denn es war unter anderem der damalige Erzbischof von München und Freising ­Joseph Ratzinger, der die Schaffung ­eines Lehrstuhls für orthodoxe Theologie in der bayerischen Landeshauptstadt vorantrieb, aus dem später eine Ausbildungseinrichtung entstand.

Theologiestudierende dreier Konfessionen: Michael Bartl, Martina Edenhofer und Georgios Siomos (von links). Fotos: Fabian Kramer

Theologiestudierende dreier Konfessionen: Michael Bartl, Martina Edenhofer und Georgios Siomos (von links). Fotos: Fabian Kramer

Inzwischen ist die fakultätsübergreifende Zusammenarbeit längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Als »Bereicherung, nicht Bedrohung« empfindet der katholische Dekan Professor Knut Backhaus den vertrauten Kontakt. Er hielt beispielsweise schon ein Hauptseminar zur Bergpredigt Jesu mit zwei Neutestamentlern der anderen Konfessionen. Die jeweiligen Profile würden durch die Ausein­andersetzung nicht abgeschliffen, sondern beibehalten, ist Backhaus überzeugt. Sein evangelischer Kollege Professor Christoph Levin spricht in diesem Zusammenhang vom Ideal ­einer »versöhnten Verschiedenheit«. Er schätzt an den Partnerkirchen besonders die »spirituelle Andersartigkeit« ihrer Gottesdienste.

Trotzdem zeichnet sich in kirchenpolitischen Streitfragen wie der gemeinsamen Eucharistiefeier auch unter dem Universitätsdach kein schneller Schulterschluss ab, wie eine Diskussion im Studentenkreis deutlich macht. Allerdings scheint der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu neuen Sichtweisen anzuregen. So äußert der evangelische Fachschaftsvertreter Michael Bartl, der nach seinem Zweitstudium mit Mitte 40 noch Pfarrer werden möchte und bereits als Laienprediger tätig ist: »In der Auffassung des Abendmahls sind die Differenzen zwischen Lutheranern und Reformierten mindestens so groß wie diejenigen zwischen Lutheranern und Katholiken. Erstere konnten überwunden werden. Wieso sollten letztere nicht überwunden werden können?«

Unterschiede treten auch im Theologieverständnis der Traditionen auf, was sich schon darin zeigt, dass ein ­orthodoxer Priester nicht zwingend ein abgeschlossenes Studium braucht. Diplomand Siomos kann dazu eine kleine Anekdote erzählen. Als er vor einiger Zeit in einem Seminar aus ­einem biblischen Paulus-Brief zitierte, entgegnete ihm die katholische Dozentin direkt: »Sie wissen schon, dass dieser Brief eigentlich nicht von Paulus stammt?!« Eine solche Feststellung wäre im Osten keinesfalls als theologisches Argument denkbar, obwohl sie dem aktuellen Stand der historisch-kritischen Forschung entspricht. Dafür sitzt der Respekt vor der ­Über­lieferung zu tief. Dennoch fühlt sich Georgios Siomos im Wissenschaftsbetrieb wohl.

Die 22-jährige Martina Edenhofer, die den Titel einer »Ökumene-Beauftragten« der katholischen Fachschaft trägt, findet sogar, dass sie erst durch ihre Ausbildung richtig in Kontakt mit den anderen Konfessionen gekommen ist. In dem bayerischen Dorf, aus dem sie stammt, gab es das kaum. Es stört sie nicht, dass sie nie ein Priesteramt wird bekleiden dürfen wie manche ihrer männlichen Kollegen, die gleich auf der anderen Straßenseite im zweitältesten Priesterseminar der Welt wohnen. »Die Debatte um die Frauenordination gibt es eigentlich nur im deutschsprachigen Raum«, meint sie. Für die Zukunft plant sie, als Religionslehrerin zu arbeiten.

Fabian Kramer

Der große Denker und Redner

18. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Rhetorikers und Schriftstellers Walter Jens

Walter Jens zählte einst zu den großen Denkern und wortgewandten Intellektuellen in Deutschland. Am 9. Juni verstarb der eloquente Gelehrte in Tübingen im Alter von 90 Jahren.

Es war leise geworden in den letzten Jahren um den schwer an Demenz erkrankten Mann. Zuletzt sorgte sein Sohn Tilman vor vier Jahren für Wirbel um seinen Vater. Er veröffentlichte ein Buch, in dem er Jens für dessen spät entdeckte Mitgliedschaft in der NSDAP rügte.

Jens, am 8. März 1923 in Hamburg geboren und von 1989 bis 1997 Präsident der Akademie der Künste in Berlin, war ein hochkarätiger Denker und Redner. Er galt vielen als moralisches intellektuelles Gewissen des 20. Jahrhunderts. Im Hörsaal erlebten ihn Studierende mit dem cicerohaft wirkenden Duktus eines Staatsmannes agierend. Die Tübinger aber sahen auch einen »ganz normalen« älteren Herren, wenn Walter Jens auf dem Wochenmarkt einkaufte, die Taschen voller Gemüse nach Hause trug, den Arm eingehakt bei seiner Ehefrau Inge.

Walter Jens: Gelehrter, Schriftsteller, Christ und Pazifist. Foto: epd-bild

Walter Jens: Gelehrter, Schriftsteller, Christ und Pazifist. Foto: epd-bild

In Tübingen, in der Nähe seiner »großen Toten« Schelling, Hölderlin und Hegel, war er Professor für Rhetorik. Ein Fach, das es in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gab. Wer hätte es auch so markant ausfüllen können wie Walter Jens? Seine akademischen Pflichtübungen – mit 21 Jahren Promotion, mit 26 die Habilitation – absolvierte er mit beneidenswerter Reibungslosigkeit, um sich in der Folge seiner Kür zuzuwenden. Der 1988 emeritierte Professor der Redekunst verstand Rhetorik nicht als »Rednerschule« im Sinne der antiken Ausbildung von Politikern, sondern als einen Versuch, »Fachfragen in Sachfragen und Sachfragen in Lebensfragen zu verwandeln, um auf diese Weise aus einem Monolog einen Dialog zu machen«.

In diesen Dialog brachte er sich nicht allein mit brillanter Wortkunst ein. Als es ihm nötig schien, beteiligte er sich als Christ und Pazifist in den 1980er Jahren unter anderem an einer Sitzblockade vor dem US-Raketendepot im schwäbischen Mutlangen oder versteckte während des zweiten Golfkrieges im Jahr 1990 desertierte US-Soldaten in seinem Haus. Lange vor diesen Aktionen wurde er schon als »Radikaler im öffentlichen Dienst« und »Fortschrittsopernsänger« beschimpft oder aber als »Protagonist der kritischen Intellektuellen« und »republikanischer Redner« geachtet.

Aufsehen erregte Jens auch durch seinen Roman »Der Fall Judas« im Jahr 1975, in dem er einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas Ischariot beschreibt. Überhaupt schien der Rhetoriker Aufsehen oder Streit um seine Person zu genießen: so etwa bei den Querelen um seine Tübinger ­Ehrenbürgerschaft Anfang der 90er Jahre, in denen Tübinger Kommunalpolitiker um eine Bürgermedaille für ihn und seine Ehefrau Inge Jens stritten. Damals bekannte Jens: »Das gefällt mir gut« und »wie immer sie abstimmen, wir werden zufrieden sein.«

Auch an die heutige Predigt legte Jens sein Maß an. »Markt der Nation« sei sie einmal gewesen, die deutsche Kanzelpredigt. Das Niveau der deutschen Sprache habe sie bestimmt. Nun aber sei sie in Routine eingefahren und »verkarstet«. Die Prediger, forderte er einmal, müssten sich in Konkurrenz zu Parlament, Fernsehen und Rundfunk ihren einstigen Rang zurückgewinnen. Er selbst äußerte sich nicht nur im Hörsaal. Er sprach genauso auf Parteitagen und auf evangelischen Kirchentagen.

Fußball war eine Leidenschaft, die dem unterkühlt wirkenden Hochintellektuellen Bürgernähe garantierte. Schließlich war Jens in den 30ern zehn Jahre lang ein erfolgreicher Torhüter in einem norddeutschen Fußballclub. Unvergessen sind auch seine scharfzüngigen Analysen bei Fußball-Weltmeisterschaften. Noch im Jahr 2006 schlug er eine neue Nationalhymne mit einem Text von Bertold Brecht vor.

Während des Dritten Reiches war Jens Mitglied in der Hitlerjugend und im NS-Studentenbund, darüber war die Öffentlichkeit schon länger informiert. Spät hingegen wurde im Jahr 2003 außerdem bekannt, dass Jens seit dem 1. September 1942 als Mitglied der NSDAP geführt wurde.

Die fortschreitende Demenz-Erkrankung hatte Walter Jens zuletzt zu einem Mann gemacht, der sich selbst und sein Umfeld nicht mehr kannte. Er sei nicht mehr ihr Mann und in einer Welt, zu der sie keinen Zugang habe, sagte seine Ehefrau, die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Inge Jens, vor ein paar Jahren in einem Interview.

Am 17. Juni soll Walter Jens in ­Tübingen beigesetzt werden. Bei der Trauerfeier in der evangelischen Stiftskirche solle auf Wunsch der ­Familie Jens auf Nachrufe verzichtet werden. Stattdessen werde das Requiem von Wolfgang ­Amadeus Mozart aufgeführt, das Jens literarisch kommentiert hatte.

Ralf Schick (epd)

Frei, ohne moralischen Druck eine Entscheidung treffen

17. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Betroffene, Befürworter und Zweifler kommen zu Wort – Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende

Ich habe eine Zukunft« – In dieser lapidaren Äußerung schwingt Freude mit – Jubel – über das Glück, am Leben zu sein und eine Zukunft vor sich zu sehen. Diese vier Worte sind Ausdruck eines Triumphes. Dem Mädchen, von dem dieser Satz stammt, wurde im Alter von elf Jahren eine Niere transplantiert und damit ein »zweites Leben« geschenkt. Das Kind hat diese Chance erhalten, weil ein anderer Mensch Ja gesagt und sich ­damit bereit erklärt hat, eines oder mehrere Organe zu spenden.

Zweites Leben

Sterzik, Sibylle (Hg.): Zweites Leben. Organe spenden – ja oder nein? Erfahrungen, Meinungen & Fakten. Mit Beiträgen u. a. von Frank-Walter Steinmeier und ­Eckhard Nagel, Wichern-Verlag, 168 S., ISBN 978-3-88981-353-4, 14,95 Euro

Organspende – ja oder nein? Mit dieser Frage wird sich bald jeder auseinandersetzen müssen. Denn nach dem neuen Transplantationsgesetz sollen künftig alle Krankenversicherten ab dem 16. Lebensjahr regelmäßig gefragt werden, ob sie nach ihrem Tod zur Organspende bereit sind. Mit ­einem Ja kann ich Leben retten, darf ich mich dem verweigern? Kann ich sicher sein, dass mit dem Hirntod ­alles aus ist? Auf diese und andere Fragen eine Antwort zu finden, ist nicht leicht. Das Buch »Zweites Leben«, in dem Betroffene, Mediziner, Juristen und Theologen ihre Sicht darlegen, bietet eine Hilfe bei der Entscheidung. Zu lesen sind Geschichten von Menschen, die eine Transplan­tation hinter sich oder die stellver­tretend für Angehörige nach deren Tod einer Organentnahme zugestimmt haben.

Berührend die Schilderung einer Mutter, die ihr Kind verlor und dessen Organe spendete. Sie erzählt, was in ihr vorging, als ihr in einem Brief mitgeteilt wurde, wer die Organe ihrer Tochter bekommen hatte, ohne Namen. »Wir konnten ein anderes Kind glücklich machen«, schreibt sie. »Das Herz war an ein sechsjähriges Mädchen gegangen. Zwei Männer im Alter von sechzig Jahren bekamen die Leber, die geteilt wurde.«

Eine andere Autorin erinnert sich an ihren kranken Freund, dem im Abstand von vier Jahren drei Organe, ein Herz und zwei Lungen transplantiert wurden. Er starb kurz nach der zweiten Operation. Viele Geschichten sind als Ermutigung zur Organspende zu verstehen. Doch die Publikation dokumentiert nicht nur die Haltung Betroffener und Befürworter, sondern es kommen auch Menschen zu Wort, die zweifeln oder eine Organspende ablehnen.

»Nein, ich werde keinen Organspendeausweis bei mir tragen«, akzentuiert eine Pfarrerin. Sie begründet, warum sie weder ein Organ gespendet noch selber spenden will. »Es gibt für diese Entscheidungsfindung zu einem Ja oder Nein zur Organspende kein absolutes Richtig oder Falsch«, schreibt sie und empfiehlt, jeder und jede möge eine eigene Entscheidung treffen.

Das 168 Seiten umfassende Buch bietet eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema, erörtert gleichermaßen das Für und Wider. Neben Beiträgen, die ein Ja zur Organspende nahelegen, betonen andere Stimmen, dass auch ein Nein eine ­respektable Entscheidung darstellt und moralischer Druck unterbleiben sollte.

Ein Rechtswissenschaftler und Staatsrechtslehrer in etwa stellt die Konzeption vom Hirntod infrage. Und eine Krankenhausseelsogerin ­äußert sich kritisch zur Auffassung von der Organspende als Akt christlicher Nächstenliebe.

Sabine Kuschel

Sterzik, Sibylle (Hg.): Zweites Leben. Organe spenden – ja oder nein? Erfahrungen, Meinungen & Fakten. Mit Beiträgen u. a. von Frank-Walter Steinmeier und ­Eckhard Nagel, Wichern-Verlag, 168 S., ISBN 978-3-88981-353-4, 14,95 Euro

Junge Gemeinde im Strudel

16. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchengeschichte: Ein Gespräch zwischen Kirche und DDR-Regierung im Frühsommer 1953 verschaffte eine Atempause

Am 10. Juni 1953 wurden leitende Vertreter der EKD von DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl überraschend zum Gespräch geladen. Das Einlenken bedeutete jedoch vor allem eine andere Taktik.

Mittwoch, der 10. Juni 1953, mithin eine Woche vor dem Aufstand am 17. Juni, ist ein denkwürdiges Datum der jüngsten Kirchengeschichte: An diesem Tage enden – jedenfalls vorübergehend – die schwersten Verfolgungen der kirchlichen Jugendarbeit. Der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, hatte überraschend zu einem Gespräch eingeladen: Die leitenden Geistlichen der evangelischen Kirche (bzw. ihre Vertreter) waren sämtlich erschienen. Der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in ­Deutschland (EKD), Propst Heinrich Grüber, hatte in einer 22 Punkte umfassenden Liste die Beschwernisse
der Kirche zusammengestellt. Sie reichen von der Behinderung der kirchlichen Jugendarbeit, den Verhaftungen kirchlicher Mitarbeiter (zum Beispiel des halleschen Studentenpfarrers Johannes Hamel), der Beschlagnahme diakonischer Einrichtungen (Neinstedt, Magdeburg) und Rüstzeitheime (Schloss Mansfeld), der Verhinderung nötiger Bauvorhaben, der Verweigerung von Zuzugsgenehmigungen nach Ostberlin bis hin zur Gefängnisseelsorge.

Die Jugendarbeit spielt dabei eine herausragende Rolle. Gegen sie gab es eine wüste Pressekampagne, vor allem in der FDJ-Zeitung »Junge Welt«. Junge Gemeinde (JG) und Studentengemeinde waren als »Tarnorganisation für Kriegshetze und Spionage im USA-Auftrag« betitelt worden. Viele Schüler und Studenten, die sich weigerten ihren »Austritt« aus der JG zu erklären, wurden exmatrikuliert. In ­öffentlichen Protestversammlungen in Schulen und Universitäten wurden sie vor eine tobende Menge gestellt: »Entfernt die Eiterbeulen des Sozialismus aus unserer Schule.«

Die Kirchen hatten dagegen natürlich protestiert, allerdings ohne Erfolg. Bischof Otto Dibelius hatte sogar Strafanzeige gestellt, erhielt aber die lapidare Antwort des Generalstaatsanwaltes: »… weise ich darauf hin, dass die Organisation ›Junge Gemeinde‹ bei dem dafür zuständigen Vorgang im Staatssekretariat … nicht registriert ist … Ich habe darum keine Veranlassung, ihren Vorbringungen betreffs der Jungen Gemeinde nachzugehen.«

Demonstranten in Berlin mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durchschreiten, vom sowjetischen Sektor kommend, das Brandenburger Tor. Die Staatsflagge ist 1953 in Ost und West noch identisch. Eine Ausstellung in Magdeburg dokumentiert das Geschehen um den 17. Juni 1943 (siehe unten). Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Demonstranten in Berlin mit schwarz-rot-goldenen Fahnen durchschreiten, vom sowjetischen Sektor kommend, das Brandenburger Tor. Die Staatsflagge ist 1953 in Ost und West noch identisch. Eine Ausstellung in Magdeburg dokumentiert das Geschehen um den 17. Juni 1943 (siehe unten). Foto: Bundesregierung/Perlia-Archiv

Ein Schlüssel zum Verständnis des Ganzen ist die 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952: Hier wurde der »Aufbau des Sozialismus« beschlossen und in radikalen Maßnahmen eingeleitet. Dazu gehören: die Auflösung der Länder und die Bildung von 15 Bezirken; die Schaffung der Grenzsperrgebiete (und die damit verbundene überfallartige Ausweisung von Bewohnern); die Zentralisierung des gesamten kulturellen Lebens (Sport, Theater, Film usw.) durch die Schaffung »staatlicher Komitees«. Dazu kam die marxistische Ideologisierung (etwa die Umbenennung der Stadt Chemnitz in Karl-Marx-Stadt) sowie eine ständige Erhöhung der Arbeitsnormen und damit eine Absenkung der Reallöhne. Außerdem eine Militarisierung durch die massive Werbung für Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und Kasernierte Volkspolizei, einer Vorläuferin der Nationalen Volksarmee (NVA). Die Folge der Aktionen war die wachsende Unzufriedenheit der Bürger und die massiv zunehmende Zahl der Flüchtlinge aus der DDR. Allein im März 1953 flohen mehr als 59000 Menschen!

Die kirchliche Jugendarbeit war in den Strudel geraten, weil die Partei feststellte, dass die FDJ als einzige ­Jugendorganisation nicht erfolgreich genug den Sozialismus unter den ­Jugendlichen propagiere. Der FDJ-Vorsitzende, Erich Honecker, beschuldigte die kirchliche Jugendarbeit, sie spalte die »Einheit« der Jugend und trenne die Jugendlichen von der FDJ. Hier leuchtet ein ungeklärtes Verhältnis zwischen Junger Gemeinde und FDJ auf: Die kirchliche Jugendarbeit (evangelisch und katholisch) war durch einzelne Vertreter bei der Gründung der FDJ als einer »überpartei­lichen« Jugendorganisation im Jahre 1946 dabei gewesen. Es gab kirchliche Vertreter in den FDJ-Leitungen. Das alles war eine Episode geblieben. 1952 hatte die FDJ sich selbst als »Kampf­reserve der Partei« bezeichnet. Sie erhob aber immer noch den Anspruch, auch christliche Jugendliche zu vertreten, und beargwöhnte jedes Zusammentreffen von Jugendlichen unter dem Dach der Kirche. Besonders das kleine Bekenntniszeichen, das Kreuz auf der Weltkugel, wurde zum Gegenstand der Polemik.

Nach alledem musste das Gespräch bei Grotewohl – ein Kommuniqué dazu wurde in allen Zeitungen veröffentlicht – mehr als erstaunlich erscheinen. Heute wissen wir: Die Regierung lenkte auf eindeutige Weisung aus Moskau ein: »Mit einem nackten Administrieren in Bezug auf die Geistlichen ist Schluss zu machen. Und die schädliche Praxis der groben Einmischung der Behörden in die Angelegenheiten der Kirche ist einzustellen.« Gleichzeitig wurde angewiesen: »Darum muss das Hauptkampfmittel gegen den reaktionären Einfluss der Kirche und der Geistlichen eine tüchtig durchdachte Aufklärungs- und Kulturarbeit sein.« Entsprechend erschien schon im Sommer 1953 die erste atheistische Propagandaschrift und 1954 wurde die zuvor verbotene Jugendweihe mit Macht wieder eingeführt. Nahtlos schloss sich also die nächste Behinderung der kirchlichen Arbeit an. Den Kirchen war im Frühsommer 1953 nur eine Atempause eingeräumt worden. Freilich: Schon damals haben viele Hundert christliche junge Menschen die DDR verlassen. Sie und ihre Kinder fehlen unseren Kirchen bis heute.

Axel Noack

Der Autor ist Professor für Neuere Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war bis 2009 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Tauziehen um die »Marke«

12. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Nelson Mandela gilt als Ikone der Gleichberechtigung – und bürgt zugleich für Millionenumsätze

Der Nationalheld ist zwar noch am Leben, doch zwischen Freunden und Familie tobt längst ein Streit um die Vermarktung der »Marke Mandela«.

Nelson Mandela gibt es als Salzstreuer, als Magnetfigur für den Kühlschrank, als Poster, als Fernseh-Serie, als Mode-Label und als Wein. In den Regalen von Südafrikas Souvenirshops liegen Armbänder, T-Shirts und Puzzles aus. Sie zeigen das Gesicht Mandelas oder die Nummer 46664, die der einst berühmteste politische Gefangene der Welt in seiner 27 Jahre dauernden Haft trug. Der Name des Expräsidenten ist eine Geldmaschine, um deren Einnahmen nun ein Streit zwischen Familie und Freunden entbrannt ist. Das Tauziehen um das Erbe des Freiheitskämpfers hat begonnen – obwohl Mandela noch lebt.

Als Marke auf Platz zwei gleich hinter Coca-Cola

Bisher haben Familie und Freunde zumindest bei den offiziell lizenzierten Produkten darauf geachtet, den Namen des mittlerweile 94-Jährigen zurückhaltend zu vermarkten. Jetzt deutet einiges darauf hin, dass sich das ändern könnte. Zwei Töchter des gefeierten Politikers, Makaziwe Mandela und Zenani Dlamini, zogen gegen drei von Mandelas engsten Freunden vor Gericht. Konkret geht es bei dem Streit um zwei Firmen, in denen der Anwalt George Bizos und zwei weitere bisherige Vertraute der Familie im Aufsichtsrat sitzen. Die Unternehmen vertreiben Kunst mit Mandelas aufgedruckter Signatur – bisher in streng ­limitierter Auflage. Sollten die Töchter gewinnen, würden sie wahrscheinlich die Kontrolle über die Firmen bekommen und könnten so die Produktion steigern.

Ob als Salzstreuer oder Schneekugel, Gipskopf, Poster oder Eierbecher – mit dem Konterfei von Nelson Mandela lässt sich wohlfeil Geld verdienen. Foto: epd-bild

Ob als Salzstreuer oder Schneekugel, Gipskopf, Poster oder Eierbecher – mit dem Konterfei von Nelson Mandela lässt sich wohlfeil Geld verdienen. Foto: epd-bild

Wäre Mandela eine Marke, würde sie laut einer Studie in Bekanntheit und Wert weltweit auf Platz zwei liegen, hinter Coca-Cola. »Mandela ist der Prototyp einer Marke«, sagt HB Klopper, Marketing-Professor an der Universität ­Johannesburg. »Bei ihm decken sich Außenwirkung und Realität, die Leute verbinden mit ihm genau das, was er ist.« Hinter anderen Persönlichkeiten stecke eine Marketing-Strategie – hinter Mandela nicht: »Er wurde zufällig so berühmt.«

Nelson Mandela ist eine lebende Legende, in Südafrika nennt man ihn liebevoll nur »Madiba«. Viele reagieren deshalb mit einer Mischung aus Ärger und Scham auf den aktuellen Rechtsstreit: »Es ist gerade­zu peinlich, mit ansehen zu müssen, wie der Vater der Nation auseinandergenommen wird von den Leuten, die ihm am nächsten stehen«, schrieb die »Sunday Times«. »Kinder und Enkel haben begonnen, um sein mutmaßliches Erbe zu kreisen, habgierig darauf bedacht, eigenen finanziellen Nutzen daraus zu ziehen.«

Völlig unklar dagegen ist, wie viel es überhaupt zu verteilen gibt. Nelson Mandela wird so verehrt, dass sich bisher niemand zu fragen traute, was er eigentlich besitzt. Schätzungen reichen von fast gar nichts bis zu mehreren Millionen Euro. »Ich weiß nicht«, sagt Sello Hatang von der Nelson-Mandela-Stiftung nur.

Mandela selbst sieht und hört kaum noch etwas

In ihrem Rechnungsbericht schreibt die Stiftung, die über das finanzielle und geistige Erbe des Freiheitskämpfers wacht, im Jahr 2012 rund 55 Millionen Rand (etwa 4,6 Millionen Euro) eingenommen zu haben. Das meiste davon sind Spenden, mit denen Hilfsprojekte gefördert werden. In einer Fußnote werden umgerechnet rund 252000 Euro für »den Gründer« aufgeführt. Was damit passiert, kann ­Hatang aber nicht sagen. »Madiba« selbst soll inzwischen kaum noch hören und sehen können. In den vergangenen Monaten wurde er mehrmals im Krankenhaus behandelt.

Am 18. Juli wird der Held Südafrikas 95. Mehrere Familienmitglieder nehmen den Tag auch zum Anlass fürs Marketing: Zwei Enkel wollen an diesem Tag einen Boxwettkampf in Monaco veranstalten. Erst vor wenigen Wochen ist zudem die Reality-­Serie »Being Mandela« im US-Fern­sehen angelaufen – in der zwei Enkelinnen ihr Luxusleben präsentieren.

Benjamin Dürr (epd)

Nelson Mandela
Nelson Mandela gilt als prominentester Kämpfer für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen. Sein Einsatz gegen die Apartheid in Südafrika brachte ihm 1993 den Friedensnobelpreis ein, nach dem Ende der Rassentrennung wurde der Nationalheld 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt. Das Amt hatte er bis 1999 inne. Zuletzt lösten Gesundheitsprobleme des 94-Jährigen weltweit Sorge aus.
Mandela wurde 1918 in einem Dorf zwischen Durban und Port Elizabeth geboren. In den 40er-Jahren begann er seine politische Karriere im Afrikanischen Nationalkongress (ANC), dessen Vorsitzender er später wurde. Weil er sich entschlossen gegen die Rassentrennung und das Apartheid-System stellte, wurde er 1964 mit weiteren ­Aktivisten zu lebenslanger Haft ver-urteilt. Die längste Zeit davon verbrachte Mandela auf Robben Island bei Kapstadt. Nach 27 Jahren Haft wurde er 1990 entlassen. Seine Freilassung markierte die politische Wende Südafrikas.

»Wenn ich nicht tanze, bin ich tot«

10. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Mohammad Reza Golemohammad tritt in Kirchen auf  – ein Porträt

Mohammad Reza Golemohammad betritt leichtfüßig die Bühne. Er lächelt und beginnt zu tanzen. Erst langsam, dann immer schneller dreht er sich, breitet die Arme auseinander, streckt sie nach oben, zur Seite, dreht sich langsamer, verdreht seinen Körper: Die Beine über Kreuz, die Fußspitzen zeigen aufeinander, Beine und Oberkörper formen ein C. Der rechte Arm geht nach oben, der linke ist am Körper.

Golemohammad bleibt in dieser Pose stehen und lächelt. Lächelt auch, als er wieder anfängt sich zu bewegen, den Kopf und die Arme in einer groß ausladenden Geste nach hinten wirft, sich weiter dreht. Bei dieser Vorstellung, die nur dem Fotografen gilt, ist es ganz still, keine Musik ist zu hören, nur das Klicken des Kameraverschlusses. Die Musik hat der 35-Jährige im Kopf. Er wiegt sich zum Takt dieser Melodien, wird langsam, wird schnell, verharrt.

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Foto: factum

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Foto: factum

Der Betrachter bekommt eine Ahnung davon, welchen Rhythmus die Musik haben mag oder welche Geschichte das Märchen erzählt, zu dem Golemohammad sich bewegt. Märchen, getanzt? Ja, genau.

Vor zehn Jahren kamen ­Mo­hammad Reza Golemohammad und seine Mutter als Asylbewerber nach Deutschland. Ursprünglich auf dem Weg vom Iran nach Kanada, blieben sie im Schwäbischen »hängen«. Sie durften nur mit Genehmigung der ­Behörden den Landkreis verlassen, arbeiten und studieren war nicht erlaubt. Für den damals 25-Jährigen, der voller Tatendrang und Ideen steckte, eine Katastrophe. »Deutschland war am Anfang für mich wie ein Gefängnis, nur ohne Gitter«, sagt der Tanzchoreograf. Die Erfahrung, im Gefängnis zu sitzen, hat Mohammad Reza Golemohammad im Iran gemacht. Bei einer Demonstration, die sich kritisch mit der Regierung auseinandersetzte, wurde er verhaftet. Fünf Monate saß er ein, wurde geschlagen und ausgepeitscht. Nachdem er wieder freikam, beschloss er, mit seiner Mutter das Land zu verlassen. Denn eine berufliche Perspektive war schwierig zu finden. Vor seiner Inhaftierung hatte Golemohammad heimlich als Tanzlehrer gearbeitet. Heimlich, »weil Tanzen im Iran nicht erlaubt ist«. So wurden die Tanzstunden an wechselnden Orten abgehalten. Dennoch flog er auf. Bußgeld war die Folge. Nicht nur das Tanzen sei im Iran nicht erlaubt: Das Regime schreibe vor, ­welche Musik gehört werden darf und in welcher Lautstärke. Es gebe nur staatliche Fernsehsender – und wenn dort Schauspieler auftreten, dann dürften sie posieren, aber nicht tanzen. In Deutschland, so glaubte er, würde er seine Begabung ausleben können. Doch so einfach war das nicht. Solange ein Asylbewerber nicht als solcher anerkannt ist, gelten strenge Regeln. Das »Gefängnis ohne Gitter« führte zum Zusammenbruch. Depression. In der Klinik bekam er Hilfe: Einerseits durch seine Musiktherapeutin. Sie machte ihm Mut, seine Begabung weiter auszuleben und ermunterte ihren Patienten dazu, zu singen, zu tanzen, zu springen, aber auch zu weinen. Das hat geholfen. Geholfen hat ihm auch die Kirche: Der Arbeitskreis Asyl kümmerte sich um ihn, unterstützte ihn bei Anträgen, bei Behördengängen.

Wer Golemohammad aber noch viel mehr unterstützt hat, ist der persische Märchenerzähler Reza Maschaikhi. Maschaikhi erzählte seinem Landsmann ­fantastische Geschichten – und Golemohammad, der schon seit seinem fünften Lebensjahr tanzt, stellte das Gehörte mit seinem Körper dar. Der Märchenerzähler war ­be­geistert, das Publikum auch. Selbst Menschen, die das Märchen nicht kennen, würden die getanzte Geschichte verstehen, erzählt Golemohammad. Für ihn öffneten die Märchen eine neue Welt. »Das Tanzen hat mich befreit«, sagt er. »Ich kenne Menschen, die kosten die Freiheit in Deutschland gar nicht aus«, sagt Mohammad Reza Golemohammad. Er fragt sich, warum das so ist – und findet keine Antwort. Nur eine gewisse Trauer darüber, dass sich nicht alle so freuen können wie er.

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die ­bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Nachdem er als Asylbewerber anerkannt war, bekam er eine Arbeitserlaubnis. Seit zwei Jahren ist er auch deutscher Staatsbürger. Inzwischen studiert er Eurythmie auf Master, gibt Tanzunterricht, tritt in Kirchen auf und natürlich bei Veranstaltungen des Arbeitskreises Asyl. Das Tanzen, das weiß Mohammad Reza Golemohammad inzwischen, ist sein Lebenselixier. Er drückt es drastischer aus: »Wenn ich nicht tanze, bin ich tot.« Und meint damit vor allem, dass etwas in ihm verkümmert, wenn er nicht tanzen darf.

Nicole Marten

Schau an der schönen Gärten Zier

9. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Wenn es am schönsten ist im Garten und die Sommerblumen und Stauden üppig daherkommen, Gehölze in Saft und Kraft stehen und der Rasen noch frisch und grün ist, öffnen Hunderte von Gärten ihre Türen, um interessierten Besuchern einen Blick in ihre privaten oder halböffentlichen Refugien zu ermöglichen. Organisiert vom Bund Deutscher Landschafts­architekten und der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und

Christine Lässig

Christine Lässig

Landschaftskultur präsentieren Hobbygärtner und Profis an einem Tag im Juni, was sich hinter ihren Zäunen, Hecken und Mauern verbirgt. Die Open Gardens gibt es in England schon seit 1927. Mittlerweile haben die Deutschen nachgezogen und unter dem Slogan »Offene Gärten«, »Gartenwelten – Gartenspaziergänge« oder die »Offene Gartenpforte« an diese Erfolgsgeschichte angeknüpft. In jedem Jahr machen mehr Gartenbesitzer mit, und die Besucherzahlen steigen ständig.

»Zum schönsten Erlebnis des Gärtners ­gehört die Erfahrung, dass Pflanzen- und Gartenfreude in hohem Maße menschenverbindend wirkt«
Karl Foerster

Mir gefällt das Projekt über alle Maßen. Es ist vergnüglich zu sehen, was andere gestaltet haben, und lehrreich, weil persönliche Erfahrungen ausgetauscht und jede Menge Anregungen gegeben werden. Was gibt es für einen Gärtner Schöneres, als anderen zu zeigen, wie gut die blauen Schwertlilien zur weißen Edelpfingstrose ­passen, wie ertragreich die Gemüsebeete zu werden versprechen und wie verlockend der Sitzplatz zum Aus-
ruhen einlädt. Wie lässt sich ein Innenhof gestalten, wie ein 1000-Quadratmeter-Garten? Was tun, wenn das Grundstück am Hang liegt oder im Schatten alter Bäume? Welche Gartengestaltung passt zu modernen Stadthäusern und welche zu alten Bauernhöfen?

Gärten anschauen verbindet. Man trifft Gesinnungsgenossen und kommt leicht ins Gespräch. Fachsimpeln ist angesagt. Zwischen wortlosem Vorbeigehen und intimer Einladung ins Haus wird hier eine offene Kontaktaufnahme unter Gartenfreunden angeboten. »Komm in meinen Garten, ich möchte, dass meine Rosen dich kennenlernen.« (Richard B. Sheridan)

Christine Lässig

Loslassen im Leben und im Sterben

6. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Sterbehilfe: Die Grenzen des eigenen Lebens akzeptieren – Interview mit Landesbischöfin Ilse Junkermann

Die moderne Medizin kann einerseits Leben verlängern. Andererseits wird eine Diskussion über die Möglichkeit der Sterbehilfe geführt. Dietlind Steinhöfel sprach mit Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Viele Menschen sagen, sie haben weniger Angst vor dem Tod als vor dem Sterben. Verstärkt sich diese Angst angesichts der Diskussion um Sterbehilfe?
Junkermann:
Ja, ich denke, sie verstärkt sich, weil man nicht weiß, ob Sterbehilfe auch gegen meinen Willen angewendet wird. In einer Patientenverfügung kann ich zwar festlegen, ob lebensverlängernde Maßnahmen eingesetzt werden sollen. Ob das in der konkreten Situation noch mein Wille ist, kann man nicht abschätzen. Wir kennen die Situation nicht, das macht Angst. Und wir wissen: Sterben heißt, das Leben loslassen. Ich habe keine Gestaltungsmacht mehr.

Deshalb ist Sterbehilfe so ein Versuch, bis zum Schluss selbst zu bestimmen, nicht nur die Art, sondern auch den Zeitpunkt. Aber selbst Sterbehilfevereine machen das von ärztlichen Gutachten abhängig. Folglich ist es nicht wirklich selbstbestimmt.

Die Gesetzeslage ist für einen Normalbürger schwer zu durchschauen. In Deutschland sind die Regeln relativ streng. Da darf ohne Einwilligung des Patienten oder der Angehörigen auch die künstliche Beatmung oder Ernährung nicht beendet werden. Greift hier der Mensch nicht unzulässig in den Sterbeprozess ein, zögert ihn hinaus? Oder zwingt andererseits die moderne Medizin Menschen zum Weiterleben, die gar nicht mehr wollen?

Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Junkermann: Ich denke, es ist die größte Angst, dass die Ärzte den Patienten sozusagen künstlich am Leben halten. Doch Ärzte sagen, das sei eine unbegründete Befürchtung. Die Palliativbewegung hat den Ärzten und Pflegekräften ihre Verantwortung im Sterbeprozess deutlich gemacht, gerade wenn sie nichts mehr tun können. Die Einsicht, nichts mehr tun zu können, ist dann gebotenes verantwortliches Handeln.

Es ist die ärztliche Pflicht und auch die ärztliche Kunst, immer das Individuelle anzuschauen und zu beraten, was der mutmaßlich letzte Wille ist. Da sind die Angehörigen mit einzubeziehen. Es gehört viel Gespür dazu zu sagen: Wir machen jetzt noch eine Versorgung, die das Sterben leichter macht, aber weder hinauszögert noch beschleunigt. Und dafür brauchen Ärzte eine gute Wahrnehmung. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel geändert.

Früher, als die Angehörigen zu Hause gestorben sind, kannten die Menschen die Anzeichen des Todes. Das wird wieder neu entdeckt in der Palliativmedizin. Heute sterben 80 Prozent der Menschen nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus, im Pflege- und Altersheim oder durch Unfälle.

Was ist denn heute zu Hause, ist nicht auch das Altersheim dann das Zuhause, wo ich jetzt die letzten Jahre gelebt habe?
Junkermann:
Ich denke, das Zuhause hat ganz viel mit Beziehungen zu tun. Es ist ein Ort, wo ich mich Menschen anvertrauen kann, wo vertraute Menschen da sind, die meine Menschenwürde respektieren, selbst wenn ich sie nicht mehr einfordern kann. Ich glaube, das ist ganz entscheidend. Das ist im Sterben nicht anders als im Leben. Wenn Menschen einsam und alleine leben, sterben sie auch einsam und alleine. Ganz gleich, ob es ihre Wohnung ist oder ein Altersheim. Diese Bitternis der Einsamkeit ist dadurch nicht weggenommen.

»Mir ist alles erlaubt, es dient aber nicht alles zum Guten«, heißt es im 1. Korintherbrief. Die Sterbehilfe ­definieren Diskutanten sehr unterschiedlich, was dem Guten dient, was nicht. In den Niederlanden gibt es europaweit die weitestgehende Regelung, wo aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Ist das jetzt eine Lizenz zum Töten?
Junkermann:
In einer Gesellschaft, in der aktive Sterbehilfe freigegeben ist, besteht die Gefahr, dass eine Erwartungshaltung entsteht. Menschen geraten unter Druck, von sich aus diese Entscheidung zu treffen. Wir haben das genauso bei den Schwangerschaftstests, also am Anfang des Lebens.

Das sind ganz ähnliche Fragestellungen. Je mehr wir wissen oder meinen zu wissen, desto mehr Verantwortung übernehmen wir. Wenn beim ­gezeugten Leben Downsyndrom oder eine andere Behinderung bei 80 Prozent liegt, muss das Paar entscheiden, weil es dieses Wissen hat.

Ähnlich ist es am Ende des Lebens. Wenn ich weiß, ich kann dem auch ein Ende setzen oder setzen lassen, dann muss ich mich vielleicht von Angehörigen fragen lassen: »Was machst denn du noch?« Oder ich empfinde: »Ich falle den anderen zur Last.« Ich sehe eine große Gefahr, dass sich eine Gesellschaft dorthin entwickelt zu entscheiden: Was ist und wer ist lebenswert? Und dass die Menschen auch selber ihr Leben nur lebenswert empfinden, wenn sie noch tätig sein können. Die Erfahrung, Leben hat seinen Wert und ich hab meine Würde, weil Gott mich ansieht und mein Leben achtet, die geht dabei verloren. Genau deshalb spitzt sich in unserer Gesellschaft diese Frage so zu.

Angesichts der Hightech-Medizin fragen Trauernde: Ja, hätten die Ärzte nicht noch mehr tun können, damit der Vater, die Mutter, das Kind noch überlebt hätten?
Junkermann:
Ja, das ist die andere Seite. Deshalb ist zu lernen, dass ­unser Leben auf jeden Fall begrenzt ist und auch unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir müssen dafür Gespür entwickeln. Nicht meinen, ich habe die falsche Entscheidung getroffen, bei einer anderen wäre es besser gegangen. Sondern sagen, es gibt eine grundsätzliche Begrenzung unseres Lebens im Tod.

Uns fehlt diese öffentliche Kultur dafür. Jeder muss es sozusagen für sich selbst entscheiden. Das macht es so schwer. Je mehr Menschen Grenzen erweitert haben, steht die Frage: Warum musste jetzt dort die Grenze sein, hätte sie nicht noch verschoben werden können? Die Menschen wollen sein wie Gott, das erzählt uns die Bibel von Anfang an. Aber das funktioniert nicht.

Wir leben mitunter, als ob wir nicht sterben müssten. Wie können wir als Kirche in diesen Fragen noch offensiver in der Gesellschaft wirken?
Junkermann:
Gott begegnet uns im Leben und im Sterben und gibt uns das Leben, bewahrt es uns, auch wenn wir sterben. Das ist sozusagen unsere Hoffnung und unser Trost. Wie üben wir das ein? Wie gehen wir selbst mit dem Loslassen und Abschiednehmen im Leben um, das uns begleitet von Anfang an mit schmerzlichen Prozessen: vom Kindsein über die Pubertät und viele Veränderungsprozesse.

Wie gelingt es uns als Christen, das Abschiednehmen zu leben und zu sagen: Gott hält mich. Er will unser Leben und bewahrt es, auch wenn es für uns ein Geheimnis ist, wie das gehen kann. Die Selbstbestimmung ist kein absoluter Wert. Die Selbstbestimmung braucht das Gespräch mit den anderen. Das ist keine einsame Entscheidung, sondern ich muss meine eigenen und die Grenzen und das Recht des anderen sehen. Auch in der nichtchristlichen Gesellschaft können wir den grundlegenden gemeinsamen Wert der Menschenwürde stark machen: dass die Würde nicht an der Tat und der Leistung hängt, sondern unverletzlich ist. Und auch durch meine Selbstbestimmung nicht verletzt werden darf.

Ich denke, das ist im Blick auf Sterben, Tod, Umgang mit Krankheit, mit Behinderung etwas ganz Wichtiges.

Neue Zukunft Eigenheim

5. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation der Roma-Minderheit eine Perspektive gibt

Viele suchten anderswo Asyl, aber wurden zurück­­geschickt: Angehörige der Roma leben in Serbien am Rande der Gesellschaft.

Fast mannshoch sind die Wände schon. Ein Mann in blauem T-Shirt schichtet Ziegel auf. Zadik ist 36 Jahre alt und Roma. Dies, sagt er, solle einmal das neue Haus für seine Familie werden. 40 Quadratmeter Grundfläche für ihn, seine Frau und die sechs Kinder. Groß nicht gerade, gibt er zu. Aber sein Eigentum. Seine Mutter im Kosovo habe Grund und Boden verkauft. So hat er das Geld für das Grundstück zusammenbekommen. Das befindet sich zwischen zwei kleinen, schmucken Einfamilienhäusern in einer Siedlung am Stadtrand von Novi Sad, Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina.

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«, sagt Zadik und tippt sich an die Brust. Unterstützt hat ihn die Ökumenische Hilfsorganisation (EHO), eine Initiative von Kirchen verschiedener Konfessionen in dieser multiethnischen Provinz. 2000 Euro für Baumaterial hat er bekommen. Geld aus Spenden von evangelischen Kirchen in Norwegen, der Schweiz und von der Diakonie in Württemberg. Hilfe für Rückkehrer wie Zadik. Zweimal hat er Asyl in der Schweiz beantragt. Jedes Mal ist er nach elf Monaten wieder abgeschoben worden. Zuletzt im November 2012.

Warum er weg wollte? An Stelle ­einer Antwort zeigt er seine jetzige Unterkunft, ein Stück entfernt. Eine niedrige Hütte, gedeckt mit Well­asbest. »Mein Geburtshaus«, sagt er. Ein kleiner Raum, in der Ecke ein ­Kohleherd. Die Decke hängt gefährlich durch. An einigen Stellen fehlt Putz. Er hofft, das neue Haus so weit fertigzubekommen, dass sie noch vor dem nächsten Winter wenigstens in einen Teil einziehen können. Geld wolle er sich als Taxifahrer verdienen, wie früher. Seine Zukunft, die sehe er jetzt hier.

Ortswechsel. Adice, eine von mehreren Roma-Siedlungen. Hier leben Osmani Sabri und seine Frau Vesira. Sie sind Muslime. Ihnen hat EHO geholfen, ein Bad in ihr kleines Haus einzubauen und eine Klärgrube im Hof auszuschachten. Eine von 54 Roma-Familien, die sie so unterstützt haben. »Das Prinzip dabei: Unsere Meister zeigen, wie es geht. Bauen müssen die Familien dann selbst«, erläutert Vladislav Iviciak. Der Pfarrer der slowakisch-lutherischen Kirche ist Direktor von EHO.

Inzwischen steuern vier Kommunen sogar etwas Geld zur Arbeit mit den Roma bei. »Geradezu unvorstellbar«, sagt Iviciak. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen. Freilich unterstütze die Stadt Novi Sad nur Projekte, die auf ein Jahr befristet sind. »Weil wir als privater sozialer Dienstleister gelten«, sagt Iviciak. Etwa 20 Prozent mache die staatliche Hilfe so inzwischen aus. »80 Prozent des Geldes kommt von unseren ausländischen Partnern.«

Stammgäste sind Roma-Familien auch in der Kleiderkammer von EHO. Stadtbewohner spenden die Second-Hand-Sachen. »Viele von denen, die von uns etwas bekommen, sind Flüchtlinge«, berichtet eine Mitarbeiterin. »Sie sind einigermaßen integriert in die Stadtbevölkerung, allerdings sehr arm.« Im Erdgeschoss eines Zwölfgeschossers hat EHO einen Zufluchtsort für Straßenkinder eingerichtet, die meisten davon stammen aus Roma-Familien. Hier können sie sich duschen, ihre Wäsche waschen, unter Anleitung von Sozialarbeitern in Workshops malen, basteln oder sich im Jonglieren üben. Betreut werden sie von Ehrenamtlichen, Psychologen, Lehrern, dazu zwei Frauen aus den Roma-Siedlungen, erläutert Leiterin Daliborka Batrnek Antonic. Regelmäßig kommt eine Krankenschwester.

Zu etwa 500 Straßenkindern haben sie Kontakt. »Sie betteln, klauen in ­Supermärkten, sammeln Pappe und Plastikflaschen, manche bieten sich für Sex-Dienste an.« Alle von der Straße zu holen, sei nicht zu schaffen, sagt Daliborka Batrnek Antonic. »Aber zumindest können wir Risiken minimieren.«

Mit einigen Nothilfeprojekten hat EHO die Arbeit vor 20 Jahren begonnen. Mittlerweile ist eine diakonische Organisation daraus geworden, die außer Roma auch Senioren, Behin­derten und anderen Menschen mit sozialen Problemen längerfristig hilft. »Die akute Not ist gelindert«, sagt ­Vladislav Iviciak. »Jetzt ist die Zeit, den Ärmsten zu helfen und so eine gerechtere Gesellschaft zu bauen.«

Tomas Gärtner

Die verschollen geglaubte Stimme

4. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Liebesgeschichten der Bibel: Eli und Samuel – zwei Verlassene, die ausharrten bis zuletzt

Die Bibel hält viele Geschichten über Liebe parat. In einer losen Folge ­veröffentlichen wir eine Serie mit Liebesgeschichten, die von der Bibel inspiriert sind.

Mit Priester Eli, diesem alten Geistlichen am Tempel von Silo, ging es zu Ende. Er war dort eine Art Bischof, Kirchenpräsident oder wie immer man auch heute sagen würde. Seine Augen aber hatten angefangen schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte. (1. Samuel, Kapitel 3) Nicht nur seine Augen waren schwach geworden. Auch das Glaubensleben, das Eli zu verantworten hatte, ließ nach. Längst hätte er alles hingeworfen, wenn nicht der kleine Junge Samuel etwas Licht im Tempel verbreitet hätte. Verglichen mit anderen Landstrichen gab es noch immer genug Steuereinnahmen und Spenden, doch Elis Söhne, auch sie Priester am Tempel, waren Betrüger. Dabei fischten sie aus dem Spendentopf längst die besten Stücke heraus: Denn wenn jemand ein Opfer bringen wollte, so kam des Priesters Diener, wenn das Fleisch kochte, und hatte eine Gabel mit drei Zacken in seiner Hand und stieß in den Tiegel oder Kessel oder Pfanne oder Topf, und was er mit der Gabel hervorzog, das nahm der Priester für sich.

Samuel hört die Stimme Gottes – eine Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Samuel hört die Stimme Gottes – eine Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Oberpriester Eli versuchte, seine Söhne zur Vernunft zu bringen. Das klang freilich müde, wie ein Lehrer, der vergeblich gegen eine toll gewordene Schulklasse ankämpft. Seine Söhne lachten nur. Am schlimmsten aber war, dass Gott selbst müde geworden schien, nichts war mehr von ihm zu hören. Aber es standen ja auch immer nur Finanzen, empirische Milieustudien und Gedenkfeiern auf der Tagesordnung. Einige Geistliche sprachen zwar von »Spiritualität«, vermutlich aber deshalb, weil das Wort in Mode war und womöglich neue Gelder bringen konnte. Die Wahrheit aber lautete: Des Herrn Wort war selten, und es gab kaum noch ­Offenbarung (1. Samuel 3,1).

Einsam war Eli geworden, von seinen Söhnen und auch von Gott im Stich gelassen. Nur Samuel entlockte ihm zuweilen ein Lächeln. Er war der einzige Kandidat der einst gut besuchten Priesterschule am Tempel von Silo. Wie Eli war auch Samuel, dieser kleine Junge, auf sich gestellt. Seine Eltern sah er gerade einmal im Jahr. Beide waren Verlassene: die letzten, die im Tempel ausharrten. Der Abwesenheit Gottes wichen sie nicht aus. Und indem sie ihn vermissten, wurden sie zu Freunden.

Eines Nachts hörte Samuel, wie er gerufen wurde. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich! und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen (1. Samuel 3,4.5). Mehrere Male hörte Samuel eine Stimme im Tempel, die aber nicht von Eli war. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben rief. Der alte Geistliche war aufgeregt wie ein Kind. Er wies den Jungen an, sich Gottes Klang zu stellen. Und der junge Samuel hörte den Höchsten persönlich reden: »Die Betrügereien der Söhne Elis will ich richten.« Ihnen und der gesamten Familie Eli wollte Gott Einhalt gebieten.

Samuel aber fürchtete sich, Eli anzusagen, was ihm offenbart worden war (1. Samuel 3,15). Denn für den kleinen Jungen war der Greis der wichtigste Mensch geworden. Dieser aber drängte seinen Schüler, ihm zu sagen, was er erfahren habe. Da sagte Samuel alles und verschwieg ihm nichts (1. Samuel 3,18).

Und Eli willigte ein – in den Niedergang seiner eigenen Familie. Neues brach an, spürte er. Zugleich merkte Eli, wie Samuels Lust, im Tempel zu dienen, immer größer wurde – und das ohne jedes Taschengeld. Da freute er sich im Stillen, dass es mit seinen eigenen Kindern nichts mehr würde und Gott die von seinen Söhnen eingeplanten Renten und Reisepläne zunichtemachte. Eli und Samuel jedoch, die im Tempel ausgeharrt hatten bis zuletzt, hatten sich gefunden – und eine verschollen geglaubte Stimme.

Georg Magirius

»Jetzt ist alles da, wo es hingehört«

3. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Greiz kauft Sammlung aus dem Nachlass der Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher

Ihren Holzplastiken ist jede Form von Manierismus fremd. Den Kern bildete für die Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher (1913–2000) stets das Elementare. Die Stadt Greiz, in der die Künstlerin den Großteil ihres Lebens verbrachte, erwarb nun eine umfangreiche Sammlung aus dem Nachlass einer der bedeutendsten christlichen Bildhauerinnen des vergangenen Jahrhunderts. »Jetzt ist alles da, wo es hingehört und in guten Händen.

Es ist, als sei sie wieder nach Greiz ­zurückgekehrt«, sagte Silke-Viola Weißker, Tochter der Künstlerin, am 22. Mai anlässlich der offiziellen Übergabe der Sammlung an den Bürgermeister der Stadt, Gerd Grüner, und den Direktor der Museen der Stadt Greiz, Rainer Koch.

Ausdrucksstarke Formensprache: Vor allem ihre christlichen Holzplastiken wie diese Madonnenskulptur prägten das Schaffen der Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher. Foto: Karsten Schaarschmidt

Ausdrucksstarke Formensprache: Vor allem ihre christlichen Holzplastiken wie diese Madonnenskulptur prägten das Schaffen der Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher. Foto: Karsten Schaarschmidt

Die künstlerische Ausbildung der am 27. Mai 1913 in Gera geborenen Bildhauerin begann 1934 mit einer Lehre bei der Reichs-Limes-Kom­mission in Freiburg/Breisgau, wo sie unter anderem von Prof. Ernst Fabricius unterrichtet wurde. 1939 erhielt sie die Anerkennung als Bildhauerin. Fasziniert von Arbeiten von Edvard Munk, Hans Arp oder Ernst Barlach gelang Elly-Viola Nahmmacher zu ihrem eigenen Stil. Einem bildhauerischen Verständnis, das niemals das Material verletzt. Die im Holz gewachsenen Strukturen weisen die von der Schöpfung vorgegebenen Wege, denen es beim Umsetzen der Idee zu folgen gilt. Vor allem christliche Werke, ihre »Rosenmadonnen«, »Kreuzwege« und expressionistische Arbeiten, sind es, die seit 1950 ihr Schaffen bestimmen und bis heute in zahlreichen evangelischen wie katholischen Kirchen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus zu bewundern sind.

Die christliche Aussage ihrer Werke bescherte ihr in der DDR den Unmut der Kulturfunktionäre. 1975 wurde sie aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Ihre Plastik für Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich 1976 aus Protest gegen die Kirchenpolitik des Arbeiter- und Bauernstaates DDR in Zeitz öffentlich verbrannte, trieb sie in die Fänge der Stasi. Eine gerechte öffentliche Anerkennung ihrer Kunst erhielt die Bildhauerin erst nach dem Fall der Mauer. Anlässlich ihres 80. Geburtstages ehrte sie die Stadt Greiz mit der Bürgermedaille in Gold, 1994 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen, und seit 2004 trägt eine Straße in Greiz ihren Namen.

Im Gedenken des 100. Geburtstags von Frau Nahmmacher plant die Stadt Greiz im Oktober 2013 eine Sonderausstellung mit ihren Werken.

Karsten Schaarschmidt

Die Rückkehr des Bösen?

3. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Theologie: Teufel und Dämonen – eine theologische Klärung jenseits von Wegrationalisierung oder Übertreibung ist nötig

Während Engel als gute Mächte seit Jahren einen ­regelrechten Boom auch in evangelischer Spiritualität ­erleben, wird der Gedanke an Mächte des Bösen weithin noch negiert.

Seit Jahren lässt sich in Kirche und Gesellschaft eine Rückkehr des Bösen beobachten. Nach Jahrzehnten eines ausschließlich von der Vernunft geprägten Verständnisses der Wirklichkeit hat die Kulturentwicklung in den westlichen Industriegesellschaften transrationale Wirklichkeitsbereiche wiederentdeckt. Kinofilme, die den Bereich des Übersinnlichen einbeziehen, sind ein Beleg dafür. Eine zunehmende Zahl von Menschen beschäftigt sich, beeinflusst durch die Medien, mit okkulten beziehungsweise parapsychologischen Dingen.

Die amerikanische Kulturanthropologin Felicitas D. Goodman plädiert dafür, im Westen die »Realität von Geisterwesen« ernst zu nehmen, allein schon um der Achtung vor der Würde von Menschen aus anderen Kulturkreisen willen. Für viele Religionswissenschaftler stellen Magie und Religion ein und dasselbe Phänomen dar. In den USA hat eine Bewegung unter Psychiatern eingesetzt, die mit einer dämonischen Dimension psychischer Krankheiten rechnen. Sie sind der Auffassung, dass sich auf diese Weise bestimmte Krankheitsbilder besser erklären lassen als mit den herkömmlichen psychiatrischen Ansätzen.

Der heilige Antonius wird von Dämonen geplagt – ein Kupferstich von Martin Schongauer (1430–1491)

Der heilige Antonius wird von Dämonen geplagt – ein Kupferstich von Martin Schongauer (1430–1491)

In pfingstlich-charismatischen Bewegungen macht der sogenannte Befreiungsdienst immer wieder von sich reden. Charismatiker lehnen die Entmythologisierung des Bösen entschieden ab. Sie verstehen die biblischen Aussagen über Satan und Dämonen wörtlich und rechnen mit deren Einfluss im Alltag.

Eine theologische Klärung dämonischer Phänomene wird dadurch erschwert, dass die westliche Kultur keine aussagekräftigen Begriffe mehr besitzt, um von geistigen Mächten sprechen zu können, die den Alltag beeinflussen. Trotzdem führt für die kirchliche Seelsorge kein Weg daran vorbei, mit okkulten Phänomenen in angemessener Weise umgehen zu lernen. Die Autoren des Neuen Testaments rechnen nicht nur mit einer sichtbaren, sondern auch mit einer unsichtbaren Wirklichkeit. Das Interesse an den dämonischen Mächten ist dabei ausschließlich auf ihre Entmächtigung, nicht etwa auf ihre Existenz an sich oder ihre Beschreibung gerichtet.

Deshalb ist auch die Forderung, man müsse an den Teufel glauben, absurd. Wer so redet, hat weder das Wesen des Glaubens, noch das Wesen des Teufels erkannt. Manche charismatischen Theologen erwecken den Eindruck, als bestehe zwischen guten und bösen unsichtbaren Mächten praktisch ein Dualismus. Dadurch gerät der Geist Gottes mit den geschaffenen Mächten der unsichtbaren Welt auf die gleiche Ebene: Er wird zum Geist unter Geistern. Die Folge ist eine Uminterpretation des Evangeliums: Es wird aus einer Botschaft von der Überwindung der lebenszerstörenden Mächte zu einer Botschaft von den Gefährdungen der Welt und des Einzelnen durch Satan und seine Dämonen. Der Christ wird zum Spielball des Teufels; Krankheiten und moralische Entgleisungen sind unmittelbar satanischen Ursprungs. Für Teile der pfingstlich-charismatischen Bewegung folgt daraus, dass alle Menschen dämonisch belastet sind und ständig des Befreiungsdienstes bedürfen.

In Zukunft geht es darum, einen seelsorgerlichen Weg zu finden, der Extreme vermeidet. Betroffenen Menschen ist nicht durch die Wegrationalisierung der dämonischen Dimension geholfen. Genauso wenig hilft aber die Vorstellung, dass böse Geister ein weitverbreitetes Phänomen sind. Ein erster Schritt sollte darin bestehen, die Wirklichkeit der Engel, also der guten Mächte Gottes, wiederzuentdecken. Frühere Generationen ­haben mehr über die Welt der Engel gewusst als wir heute. Martin Luther hat noch täglich in seinem Morgen- und Abendsegen gebetet: »Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.« Das Gebet hilft, der Faszination durch die dämonische Welt zu entgehen.

Zur Person: Der Autor, Peter Zimmerling, ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit dem Forschungsschwerpunkt Seelsorge und evangelische Spiritualität.

Zur Person: Der Autor, Peter Zimmerling, ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit dem Forschungsschwerpunkt Seelsorge und evangelische Spiritualität.

Ein nächster Schritt ist, sich neu mit den alten Seelsorgemitteln der evangelischen Kirche im Hinblick auf böse Mächte zu beschäftigen. Exorzismus und Abrenuntiation (Absage an den Teufel) wurden erst Jahrhunderte nach der Reformation in den meisten Landeskirchen abgeschafft. Beide Seelsorgemittel waren für Luther selbstverständliche Bestandteile kirchlichen Handelns, wie auch seine Theologie nur auf dem Hintergrund seiner ständigen Auseinandersetzung mit dem Bösen zu verstehen ist.

Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung besteht darin, dass Psychiater und Seelsorger gemeinsam an der Frage arbeiten, auf welche Weise sich Einflüsse des Bösen auf psychische, parapsychische und psychopathologische Krankheitsbilder auswirken.

Eduard Thurneysen, der Klassiker der Seelsorge im 20. Jahrhundert, schrieb im Hinblick auf den seelsorgerlichen Umgang mit dämonischen Belastungen: Keine Beschäftigung mit dem Bösen aus bloßer Neugier! Nur angesichts des Sieges Jesu Christi über die Mächte und Gewalten soll vom Bösen geredet werden. Im Zentrum jedes Exorzismus steht die Vergebung der Schuld durch Jesus Christus. Vergebung verstanden als Herrschaftswechsel: Sie befreit aus der Knechtschaft des Bösen und führt zur Hingabe des Lebens an Gott.

Peter Zimmerling

Buchtipp: Zimmerling, Peter: Charismatische Bewegungen, Verlag UTB, 293 Seiten, ISBN 978-3-8252-3199-6, 23,99 Euro