Christen bauen die »Mafia des Guten«

29. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: In den Kirchen entsteht eine Diakonie für die Ärmsten – Vorreiter für den fehlenden Sozialstaat

Rumänien ist eines der ­ärmsten Länder der EU. Die Kirchen übernehmen eine soziale Vorreiterrolle und kämpfen gegen Geldmangel und Bürokratie.

Georgiana will später mal Polizistin werden. Ein erstaun­licher Wunsch für ein achtjähriges Roma-Mädchen im siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu). Sie erlebt häufig, wie bettelnde Straßenkinder aus ihrer Nachbarschaft in Konflikt mit den Ordnungshütern kommen. Doch Georgiana verbringt ihre Tage nicht auf der Straße, sondern im »Offenen Haus« der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde – gemeinsam mit 19 anderen Kindern. Dass diese diakonische Arbeit finanziert werden kann, ist nicht zuletzt der evangelischen Initiative »Hoffnung für Osteuropa« zu verdanken.

»Hoffnung für Osteuropa«: Das achtjährige Roma-Mädchen Georgiana aus dem siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu) verbringt ihre Tage nicht auf der Straße, sondern gemeinsam mit anderen im »Offenen Haus« der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Foto: epd-bild/Andrey Kolobov

»Hoffnung für Osteuropa«: Das achtjährige Roma-Mädchen Georgiana aus dem siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu) verbringt ihre Tage nicht auf der Straße, sondern gemeinsam mit anderen im »Offenen Haus« der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Foto: epd-bild/Andrey Kolobov

Rumänische Roma-Kinder erleben bereits in der Schule Diskriminierung. Manche von ihnen leben mit ihrer zehnköpfigen Familie in einem einzigen Raum, fließend Wasser steht nicht immer zur Verfügung, warmes Wasser fast nie. In der diakonischen Einrichtung können die jungen Menschen duschen und ihre Kleider waschen lassen.

»Alle Kinder haben Verhaltensauffälligkeiten«, sagt die Leiterin des ­»Offenen Hauses«, Monika Brandsch. Deshalb gibt es seit vergangenem Herbst eine Therapiegruppe mit zwei Psychologen. Die Eltern motivieren nur selten zum Schulbesuch. Eine Mutter, die weder lesen noch rechnen gelernt hat, verstehe oft nicht, wozu die Kinder das brauchten, sagt die ­Sozialarbeiterin.

Keine Staatsgelder für kirchliche Armenarbeit

Im »Offenen Haus« erhalten die ­Mädchen und Jungen kostenlos ein Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Anregungen zum gemeinsamen Spiel. 55000 Euro braucht die Einrichtung dafür pro Jahr – vom Staat bekommt sie nichts. Dafür müsste sie den Status einer Stiftung oder eines Vereins haben. Die staatliche Förderung eines Arbeitszweiges der Kirchengemeinde sieht das rumänische Recht nicht vor.

Armut ist in dem südosteuropä­ischen Land weitverbreitet. Der Durchschnittslohn liegt zwischen 300 und 350 Euro. Die Sozialausgaben ­lagen 2011 prozentual niedriger als
bei jedem anderen EU-Mitglied – und Bukarest arbeitet weiterhin mit dem Rotstift. Im vergangenen Jahr mussten die Ämter die Vorgabe umsetzen, die Zahl der Empfänger von Sozialleistungen um 100000 zu reduzieren.

Das alles geht einher mit einer überbordenden Bürokratie. Davon berichten die Betreiber eines evangelischen Altenheims in Hetzeldorf (Atel) bei Mediasch. Um an Zuschüsse aus dem Arbeits- und Sozialministerium zu kommen, müssen sie alle drei Jahre einen Antrag im Umfang von 90 Seiten stellen.

Andere Rumänen berichten von unglaublichen Kontrollen: Ein Blinder müsse jährlich nachweisen, dass er nichts sehen kann. Eine Frau mit einer verkrüppelten Hand, an der drei Finger fehlen, müsse jedes Jahr beim Amt vorzeigen, dass die Gliedmaßen inzwischen nicht nachgewachsen sind.

Frustrierender Kampf gegen die Bürokratie

Um die diakonische Arbeit der Konfessionen besser zu koordinieren und auch die Fördertöpfe der Europä­ischen Union anzuzapfen, baut die junge katholische Betriebswirtin Zsu­zsa Laszlo in Klausenburg (Cluj) ein Netzwerk zur Projektentwicklung auf. Ihr Start war allerdings von frustrierenden Erfahrungen geprägt. »Ich empfehle derzeit keine EU-Projekte«, sagt sie. Der Grund dafür liege am ­Unvermögen der rumänischen Bürokratie, die entsprechenden Gelder zu beantragen. Gemeinnützige Einrichtungen leiden aber auch unter der ­verzögerten Auszahlung zugesagter Gelder. Dadurch müssten sie Personal- und Sachkosten selbst vorfinanzieren, was in Einzelfällen bereits zum Ruin geführt habe, sagt Zsuzsa Laszlo.

Eine medizinisch-soziale Beratungsstelle betreibt die rumänisch-­orthodoxe Kirche in einer riesigen Plattenbausiedlung in Klausenburg. Motor ist die orthodoxe Nonne und Apothekerin Mavra Mirela Epure. Hier bekommen soziale Härtefälle eine kostenlose ärztliche Untersuchung, Medikamente, aber auch Hilfen im Umgang mit Behörden sowie Suchtberatung. Die Nonne hat inzwischen ein Netz in der ganzen Stadt gesponnen, in dem sich ehrenamtliche Helfer, darunter auch Mediziner, verbinden.

Der orthodoxe Theologieprofessor Radu Preda nennt diesen Verbund die »Mafia des Guten«. So bekommen bedürftige Patienten ärztliche Hilfe, ohne die üblichen 50 Euro an Bestechungsgeld mitbringen zu müssen.
(epd)

Marcus Mockler

www.diakonie-sachsen.de/oekumenische-diakonie-hoffnung-fuer-osteuropa.html
www.diakonie-mitteldeutschland.de/diakonie-weltweit-hoffnung-fuer-osteuropa-netzwerk-der-hilfe.html

Zeitreise ins Mittelalter

28. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt feiert ihr 20-jähriges Bestehen

Sachsen-Anhalt feiert in diesem Jahr seine Geschichte. Und das von Mai bis Oktober an 80 Orten mit einer Zeitreise zurück in das Mittelalter. »80 Tage an der Straße der Romanik«, heißt eine Veranstaltungsreihe, mit der die Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen begeht und ihre einzigartigen Baudenkmäler verstärkt in das Blickfeld rückt. An jedem der 80 Tage steht ein Ort der insgesamt 80 Stätten im Mittelpunkt. So viele sind es genau, die mittlerweile die Route zwischen dem Benediktiner-Nonnenkloster in Arendsee im Norden und der Moritzburg in Zeitz im Süden, zwischen der Klosterkirche Ilsenburg im Westen und dem Figurengrabstein in Genthin-Altenplathow im Osten umfasst.

»Die Straße der Romanik ist eine Erfolgsgeschichte«, sagt Andrea Meyer, Geschäftsführerin des Saale-Unstrut-Tourismusvereins. Sie zähle nicht nur zu den vier touristischen Marken im Land, sie gehöre auch zu den Top zehn der Tourismusstraßen in Deutschland. Der Anteil der Gäste, die sich bei einem Besuch den historischen Baudenkmälern widmen, sei in den vergangenen Jahr gestiegen, zog die Vereinschefin weiter Bilanz. Von 29 Prozent und rund 468000 Besuchern im Jahr 2007 auf 34 Prozent und 554000 Besuchern im Jahr 2012. 1993 auf Initiative des Wirtschaftsministe­riums gegründet, eröffnete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 7. Mai 1993, am Todestag von Kaiser Otto des Großen, im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg die Straße der Romanik. Die Route verbindet Dome, Burgen, Klöster und Kirchen, die zwischen dem 10. und der Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden sind. Die Straße der Romanik markiert auf 1200 Kilometern mit einer Nord- und einer Südroute und Magdeburg als Schnittpunkt die Form einer Acht.

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Die Veranstaltungsreihe als Initiative des Landes wird unter anderem in der Saale-Unstrut-Region mit insgesamt 17 Angeboten gefüllt, koordiniert von der Arbeitsgruppe Romanik. »Als das Konzept erarbeitet wurde, haben wir überlegt, welche Veranstaltungen in die Reihe passen. Ein runder Geburtstag soll besonders gewürdigt werden«, betont Kerstin Wille, Sprecherin der Domstifter. Dabei stehen nicht nur Führungen auf dem Programm. Eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen wird aufgefahren – mit zum Teil besonderen Gästen und speziellen Angeboten. Im Merseburger Dom und in der Ägidienkurie am Naumburger Dom wird die Klangvielfalt des Mittelalters und die Akustik der romanischen Räume erlebbar. Mit kulinarischen Raffinessen warten die Eckartsburg und die Rudelsburg auf. Während im Kloster Memleben an der Grenze zu Thüringen Pater Anselm Grün am 18. September zu einem Vortrag mit dem Titel »Leben im Angesichts des Todes« erwartet wird, gastieren die Neue Elbland Philharmonie und der Meißner Domchor am 7. September im Naumburger Dom. Auf Schloss Goseck findet am 5. Oktober die fünfte Novalisnacht statt. Zudem heißt es mit mehreren Ausstellungen »Neue Kunst in alten Mauern«. »Diese Vielfalt sollte rege genutzt werden«, meint Kerstin Wille und bemerkt: »Hinter jedem Ort steht nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten von engagierten Menschen.«

Wer die Saale-Unstrut-Region besucht – der kann in diesem Jahr noch weitere besondere Angebote wahrnehmen. Innerhalb der Bewerbung zum Titel Weltkulturerbe der UNESCO wurde ein Programm mit ­Erlebnisführungen gestrickt. Und mit der Weinstraße an Saale und Unstrut begeht eine weitere Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen.

Constanze Matthes

www.sachsen-anhalt-tourismus.de

Ein Jahr im Pfarramt mit Lust und Frust

27. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Thema: Pfarrerinnen und Pfarrer im Entsendungsdienst treffen Strukturveränderungen mit besonderer Härte

Nach dem Vikariat werden junge Theologen von ihren Landeskirchen in eine Pfarrstelle entsendet. Dieser Entsendungsdienst dauert in der Regel 30 Monate. Die veränderten Verhältnisse vor Ort erfodern viel Liebe zum Beruf und jeden Menge Geduld.

Ob in der Landeskirche Anhalts, im Norden oder Süden der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) – die jungen Theologinnen und Theologen lieben ihren Beruf und engagieren sich in ihren Kirchengemeinden. Doch oft genug stoßen sie an ihre Grenzen. Die Strukturreformen der vergangenen Jahre fordern eine neue Arbeitsweise, die viele Menschen in den Kirchengemeinden nicht gewöhnt sind und schon gar nicht verinnerlicht haben. Wenn ein junger Pfarrer in Thüringen eine Pfarrstelle mit 13 Orten, drei Gemeindekirchenräten (GKR) und sechs Kirchen übernimmt, die zuvor mit zwei 75-Prozent-Stellen besetzt war, ist das eine gewaltige Aufgabe. »Die Gemeindeglieder sind da nicht begeistert«, sagt er. Und wie sich die Landeskirche das wünsche, viele selbstständige Ehrenamtliche, das erlebe er nicht. Natürlich gebe es überall engagierte Ehrenamtliche, »aber die stoßen irgendwann an ihre Grenzen«.

Die Entwicklung eines regionalen Denkens, schätzt der junge Pfarrer ein, daure mindestens noch zehn Jahre. Und es seien ja nicht nur drei GKR und die sechs Kirchengemeinden zu bedenken, sondern er müsse genauso zu vier Bürgermeistern Kontakt pflegen. Frau und Kinder, so der Familienvater, kommen viel zu kurz. »Ich wünsche mir das von meiner ­Kirche, was diese von der Gesellschaft verlangt: Familienfreundlichkeit.« Trotz allem ist von den Berufsanfängern zu hören, dass sie ihre ­Arbeit gern machen und ihren Beruf lieben. »Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, sagt einer.

Der Umbau scheint besonders in Thüringen schwierig, ist aus der Diskussion während der Regionaltreffen der Pfarrerinnen und Pfarrer, die seit einem Jahr im Entsendungsdienst sind, herauszuhören. Nicht nur, weil der Pfarrer in vielen Thüringer Dörfern noch eine zentrale Figur ist, sondern auch, weil die Regionalisierung bisher noch nicht so vorangeschritten war. »Ich mache ganz viel mit Freude und versuche, neue Akzente zu setzten, aber der Gemeinde ist ihre traditionelle Arbeit wichtig.« So sieht es auch die junge Pfarrerin, die – wie sie es ausdrückt – ein Mischmodell ausprobiert, das sowohl der verstärkten Zentralisierung, aber auch der Tradi­tionspflege gerecht wird. Ein Spagat, wie ihn viele leisten müssen.

Das Privatleben der Theologen, die Pflege von Freundschaften schätzt Pfarrer Thomas Zaake schwierig ein. Er ist einer der Moderatoren für Pfarrer in den ersten Dienstjahren. »Wir müssen kollegiale Strukturen schaffen, damit ein Pfarrer auch mal ein Wochenende frei haben kann.« Und wenn es gelänge, Sonnabende von Beerdigungen und Taufen freizuhalten, sei das sehr erleichternd. Denn an den Sonnabenden sind Konfirmandentreffen, Hochzeiten, Vorbereitung auf den Gottesdienst – und hoffentlich auch mal Zeit für die Familie.

Foto: Photo-K – Fotolia

Foto: Photo-K – Fotolia

Die Regionalgruppe um den Schönebecker Pfarrer Johannes Beyer klagt ebenso über wenig Zeit für die Familie. Aber eins scheint im Norden der EKM leichter. In der Altmark zum Beispiel sei man schon über Jahrzehnte große Pfarrbereiche gewöhnt. »Es geht mir sehr gut in meinem Pfarrbereich«, bestätigt eine der Pfarrerinnen. »Die Stelle war drei Jahre vakant. Nun sind die Leute froh, dass wieder jemand da ist.« In der Vakanzzeit habe der GKR viel selbst organisiert und ­gestaltet, was er nun auch weiterhin tut. Trotzdem schätzt sie ein, dass das theologische Arbeiten viel zu kurz kommt. Für eine gründliche Exegese zur Predigtvorbereitung fehlt auch ihren Kollegen die Zeit. Ihre Pfarrstelle mit vier Dörfern, die knapp 1300 Gemeindeglieder zählt, soll zudem mit Ablauf ihrer Entsendungszeit erweitert werden. »Sechs zusätzliche Dörfer sind im Gespräch«, sagt sie. Dabei würde die Gemeinde kaum schrumpfen. Deshalb hofft sie mit ihrer Gemeinde, dass nicht alle Dörfer zum Kirchengemeindeverband hinzugeschlagen werden. Denn eigentlich habe sie Lust, auch nach dem Entsendungsdienst dort zu bleiben.

Fast paradiesische Verhältnisse hat der Pfarrer aus Bernburg in Anhalt. Er absolviert seine Entsendungszeit auf einer Stelle, die er mit einem erfahrenen Pfarrer teilt. 750 Gemeindeglieder gehören dazu. Der ältere Pfarrer ist noch Sonderseelsorger und der junge hat Reli­gionsunterricht in einer Förder- und einer Grundschule. Anfangs befürchtete er, dass ihn die Gemeinde nicht akzeptieren würde. Doch das bestätigte sich nicht. »So konnte ich erst einmal gucken, wie es so läuft«, bekennt er. »Das erste Jahr nur gucken, das konnte ich mir nicht leisten«, wirft eine junge Frau ein. Sie hatte gleich »volles Programm« und neue Strukturen in ihren Kirchspielen.

Drei Kritikpunkte schälen sich heraus: Die Gemeinden brauchen Zeit, um mit den neuen Gegebenheiten ­zurechtzukommen. Dann die erwähnte mangelnde Familienfreundlichkeit und die Residenzpflicht. »Die muss abgeschafft werden«, ist die einhellige Meinung. Weil zum Beispiel eine 150-Quadratmeter-Wohnung ungeeignet für Alleinstehende ist.

Im Landeskirchenamt Erfurt werden die Probleme sehr wohl gesehen. »Unser Augenmerk muss auf Fami­lienfreundlichkeit gerichtet sein«, sagt Michael Lehmann, Personaldezernent der EKM. »Da geht es um den Arbeitsplatz des Partners, um die schulische Bildung für Kinder, es geht um Pflegebedürftigkeit der Eltern. Solchen Fragen müssen wir uns stellen.« Die jungen Theologen jedenfalls wünschen sich Flexibilität seitens ihres Arbeitgebers. Damit sie ihre Freude am Amt und ihre Visionen für die Zukunft nicht verlieren, ist zwischen Landeskirchen, Amtsträgern und den Kirchengemeinden viel zu bereden.

Dietlind Steinhöfel

Gärtnern macht offenbar glücklich

26. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn ich mit einem intellektuellen Freund spreche, festigt sich in mir die Überzeugung, vollkommenes Glück sei ein unerreichbarer Wunschtraum. Spreche ich dagegen mit meinem Gärtner, bin ich vom ­Gegenteil überzeugt«, so Bertrand Russell, der britische Philosoph und Schriftsteller. Mir fällt dazu Schmidt von Werneuchen ein, der 1764 als Sohn eines brandenburgischen Landpastors geboren wurde, in die Fuß­stapfen seines Vaters trat und bis zu seinem Tode 1838 mit großer Begeisterung auf dem Dorfe lebte. Offenbar war er mehr Gärtner als Intellektueller – seine Gedichte jedenfalls hat ein glücklicher Mensch geschrieben.

Christine Lässig

Christine Lässig

Von theologischen Gedankenflügen ist nichts zu finden, umso mehr von dem herzlichen Vergnügen, die Natur vor der Haustür zu haben und alle Jahre wieder ihr Erwachen und Vergehen zu beobachten. Das hat er in Verse gegossen, die seinerzeit durchaus populär waren. Von den Dichterkollegen allerdings haben sie ihm überwiegend Hohn und Spott eingebracht. Wie kann man poetisch über Alltägliches schreiben! Selbst Goethe amüsierte sich in einer Parodie über die »Musen und Grazien in der Mark«.

»Kein Mensch auf Erden hat mir so viel Freude gemacht als die Natur mit ihren Farben, Klängen, Düften, mit ihrem Frieden und ihren Stimmungen«
Peter Rosegger

Schmidt von Werneuchen hat das wenig angefochten. Überzeugt davon, mit dem einfachen Leben auf dem Lande das bessere Teil erwählt zu ­haben, reimt und gärtnert er unverdrossen vor sich hin: »Komm her zu uns, wenn Winterstürme tosen, / Komm her im Lenz, komm um die Zeit der Rosen, / Komm, wenn der Herbst die Feldgewebe spinnt, / Und sieh, wie froh wir hier im Flecken sind. / Ja, gute Frau, die Stadt ist mir ein Kerker; / Nie tausch’ ich drum der Hütte kleinen Erker, / Das Gärtchen nie mit bogigtem Stacket, / Wo schwesterlich Ebresch’ und Linde steht. / Nie tausch’ ich drum mein Lusthaus unterm Schatten / Des Austbirnbaums, der Lehmwand Rebenlatten, / Mein Bienenhaus voll gelber Körbe, nie / Mein Beet, geschmückt mit Boll’ und Sellerie.«

Theodor Fontane hat den Pfarrgarten 23 Jahre nach dem Tod von Friedrich Wilhelm August Schmidt besucht und rühmt seine Rosen, Fliederlauben und den uralten Birnbaum. »In diesem Garten arbeiten war unseres Freundes Lust«, schreibt er in seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« – und bringt ein Hoch aus auf einen glücklichen Menschen.

Christine Lässig

Griechenland: Neonazis auf dem Vormarsch

22. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erschreckende Meldungen – die gibt es im Zuge der Wirtschaftskrise in Griechenland seit Jahren. Und es kommen neue hinzu: In Umfragen rangiert die rassistische Neonazi-­Partei »Goldene Morgendämmerung« mittlerweile auf Platz drei – mit Werten zwischen zehn und zwölf Prozent. Bei der letzten Parlamentswahl im Juni 2012 hatten die Rechtsextremen 6,92 Prozent erhalten. Seither stellt die Partei mit dem Mäander-Symbol, das an ein Hakenkreuz erinnert, 18 Abgeordnete. Und sie hat für etliche negative Schlagzeilen gesorgt.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Extreme Gewalt gegen Linke und Immigranten durch Schlägertrupps, Einschüchterungen von Journalisten und anderen Kritikern, Hetzreden auf öffentlichen Versammlungen – damit hat die »Goldene Morgendämmerung« Angst, Schrecken und Abscheu verbreitet. Und dennoch: Zugleich steigt der Zuspruch für die Neonazis in der Bevölkerung. Sogar ehemalige Links-Wähler zählen zu ihren Anhängern.

Besonders unter Polizisten soll es Sympathisanten geben, wie die Zeitung »To Vima« schrieb. Empirisch klar belegbar ist das nur schwer. Doch in einem Staat, der von vielen seiner Bewohner als chaotisch und sogar inexistent empfunden wird, geriert sich die »Goldene Morgendämmerung« als Ordnungsmacht. Paramilitärische Patrouillen durch prekäre Stadtviertel, Fahrdienste für Senioren und Essensausgaben »nur für Griechen«, – in ­Zeiten massiver sozialer Not findet das immer mehr Zustimmung.

Auch an Schulen agitieren die Neonazis und ihre Unterstützer, verbreiten Propagandamaterial mit falschen Geschichtsbildern. Die griechische Antike wird platt idealisiert – und wird herangezogen, um den Hellenen ein Überlegenheitsgefühl zu vermitteln. Da Griechen ohnehin stolz auf ihre Vergangenheit sind, trifft das auf einen ausgeprägten Nährboden. Vor allem, weil sich das Volk vom Sparprogramm der EU und des IWF gedemütigt fühlt.

Die Regierungskoalition aus Konservativen, Sozialisten und Demokratischer Linker ist ebenso alarmiert wie die orthodoxe Kirche. Der Metropolit der Hafenstadt Piräus, Serafim, warnte kürzlich öffentlich vor der »Goldenen Morgendämmerung«. Er charakterisierte sie als heidnische Bewegung – in der Tat geben einige der Neonazis an, dem alten griechischen Zwölf-Götter-Pantheon zu huldigen.

Premierminister Antonis Samaras wiederum will ein neues Anti-Rassismus-Gesetz durchboxen, das viele der Aussagen und Taten von Mitgliedern der »Goldenen Morgendämmerung« unter Strafe stellen würde. Aber ausgerechnet die Kirche und die Beamtenschaft protestiert gegen einzelne Passagen des Entwurfs. Bleibt zu hoffen, dass hier schnell eine wirksame Lösung gefunden wird. Denn das Erstarken der Neonazis ist für das Geburtsland der Demokratie ein weiteres Armutszeugnis. Aber Demokratie wird von vielen Griechen mittlerweile mit Korruption und Klientelwirtschaft gleichgesetzt. Auch in Brüssel und Berlin, wo das Sparpaket mitgeschnürt wurde, hätte klar sein müssen, dass auf eine wirtschaftliche Krise stets eine politische folgen kann, die extremistischen Kräften Auftrieb verleiht. In Griechenland ist das jetzt der Fall.

Giorgio Tzimurtas

Fegefeuer und Paradies zugleich

21. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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200. Geburtstag: Richard Wagner – Für seine Musik vergöttert, für seine theoretischen Schriften verteufelt

An Richard Wagner scheiden sich die Geister wie an ­keinem anderen Künstler – und das seit mehr als ­anderthalb Jahrhunderten. Vor 200 Jahren, am 22. Mai 1813, wurde Wagner in ­Leipzig geboren.

Wer sich dem Phänomen Wagner nähern will, betritt gefährliches Gelände. Wagners Welten: Das ist emotionaler Treibsand, ideologischer Irrgarten, musi­kalische Hypnose, Fegefeuer und Paradies zugleich. Kein Wunder, dass Wagner bis heute so stark polarisiert wie keine zweite Figur der Kultur­geschichte: für seine Musik geradezu vergöttert, für seine theoretischen Schriften verteufelt. Ein Genie mit, vorsichtig formuliert, fragwürdigem Charakter und stets an der Schwelle zum Größenwahn. Sein Ausspruch »Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche!«, überliefert von seiner Bekannten Eliza Wille, wurde zum geflügelten Wort.

Richard Wagner. Foto: akg-images

Richard Wagner. Foto: akg-images

Der ständig am finanziellen Abgrund balancierende Künstler fand in Bayerns schwärmerischem »Märchenkönig« Ludwig II. den einflussreichen Gönner, der ihm nicht nur einen luxuriösen Lebensstil finanzierte, sondern letztlich auch den Traum des Bayreuther Festspielhauses verwirklichen half, das ausschließlich für die Aufführung von Wagners Opern errichtet wurde. Und die Chronik des Wagner-Clans liest sich – nicht nur, aber in exemplarischer Weise – durch die einzigartige familiäre Beziehung zu Adolf Hitler geradezu wie ein Lehrstück deutscher Geschichte.

Sich im wagnerschen Spinnennetz, gewebt aus nordischer Mythologie, kompositorischen Grenzüberschreitungen, moralischen Wechselbädern und religiös-philosophischen Gedankenkonstruktionen, nicht zu verheddern, ist eine Kunst für sich. Allerdings lässt sich auch in diesem Netz so ­etwas wie ein roter Faden finden, der sich vor allem mit zwei Begriffen verknüpft: Erlösung und Mitleid.

In nahezu allen großen Opern Wagners geht es um »Erlösung«, um ein Opfer, das für ein höheres Ziel gebracht wird. 1882, ein Jahr vor seinem Tod, teilt Wagner mit dem »Bühnenweihfestspiel« Parsifal seine Heilsbotschaft für die Menschheit mit: Die aufrichtige Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen (»durch Mitleid wissend«) ist Voraussetzung für eine »entsündigte« und vom Bösen befreite menschliche Gemeinschaft.

Diese Befreiung schien Wagner bitter nötig. Er war Zeitzeuge, wie sich Mitteleuropa durch die industrielle Revolution auf den Weg in den Kapi­talismus begab, wie die schlesischen Weber 1844 einen blutig niedergeschlagenen Aufstand gegen die wachsenden Textilfabriken unternahmen, war 1849 in Dresden persönlich Beteiligter bei revolutionären Straßenkämpfen (weshalb er steckbrieflich gesucht wurde und in die Schweiz flüchtete). Und nach dem deutsch-französischen Krieg erlebte er die Gründung des Deutschen Reichs mit – Kaiser Wilhelm I. sollte 1876 einer der Ehrengäste bei der Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele sein.

Vor dem Hintergrund solcher unruhigen Zeiten, die alte Werte fundamental erschütterten, war es wohl kein Zufall, dass Wagner mit den Themen Erlösung und Mitleid zwei zentrale Begriffe der christlichen Lehre in den Mittelpunkt stellte – nicht nur in seinen Bühnenwerken, auch in vielen seiner philosophischen Aufsätze. Zeitlebens hatte er sich an der christlichen Religion, ihren Symbolen und ihren Ritualen buchstäblich abgearbeitet, sie infrage gestellt.

Mithilfe der Kunst – und damit meinte Wagner vorrangig die Oper und die von ihm geschaffene Form des »Gesamtkunstwerks« – könne so etwas wie eine Reformation des Christentums stattfinden, das er durch die in ihren Strukturen erstarrten Kirchen am Rand der Dekadenz sah. Und er war sogar bereit, die von ihm oft und übel beschimpften Juden auf diesem Weg mitzunehmen – wenn sie sich christlich taufen lassen würden.

Hartnäckig hält sich die These, Wagner habe mit seinem »Bühnenweihfestspiel« Parsifal den Grundstock für eine eigene, neue »Kunstreligion« legen wollen, und das Festspielhaus in Bayreuth als dessen Tempel errichtet. Nun erwartet sich eine bestimmte Spezies unter den Wagnerianern in einer Parsifal-Aufführung in Bayreuth tatsächlich ein seelisches Hochgefühl, das einem Pontifikalamt als spiritueller Höhepunkt einer Wallfahrt vergleichbar sein könnte. Und Szenen wie das »Liebesmahl« der Gralsritter mit seinen ausgiebigen ­Parallelen zur (evangelischen) Abendmahlsfeier bedienen diese Sehnsucht auf den ersten Blick nur allzu offensichtlich. Wagner hatte die katholische Praxis als »Verwandlung des Abendmahles zur Theater-Vorstellung der Messe« verabscheut, wie Gattin Cosima in ihren Tagebüchern protokollierte; die Tochter des Klaviervirtuosen und katholischen Abbés Franz Liszt konvertierte übrigens 1872 zum lutherischen Glauben.

Der Marburger Theologieprofessor Peter Steinacker, von 1993 bis 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, kommt in seinem Buch »Richard Wagner und die Religion« zu dem Schluss, dass der Schöpfer des Parsifal mit diesem Werk »wirklich eine neue Religion mit Ritus, Kultus und Mythos gründen wollte«. Ein Indiz: Die Titelfigur Parsifal zeige vorbildhaft den Weg in eine Nachfolge, »nämlich die moralische Verpflichtung zu Askese und Mitleid, ­analog zur Religion Jesu«. Jan Rohls, evangelischer Theologieprofessor in München, sieht das anders. Wagner habe den »Geist des Christentums« durchaus positiv gedeutet, jedoch als ein Christentum »jenseits der Konfessionen, Dogmen und Kirchen«. Dabei habe sich Wagner zwar mit einer gewissen Distanz, doch sehr bewusst als Protestant gefühlt, wie er auch laut Rohls den Parsifal »keineswegs als ­katholisierend, sondern als durch und durch protestantisch« empfunden habe.

Der Tod des Komponisten 1883 in Venedig war für die internationale Wagner-Gemeinde der Beginn einer kaum zu fassenden »Heiligenverehrung«. Während sich die Karikaturisten wenig pietätvoll den Einzug Wagners in den Musikhimmel ausmalten, arbeitete in Bayreuth ein eingeschworener Zirkel von Getreuen um die Witwe Cosima und Hans von Wolzogen, Herausgeber der »Bayreuther Blätter«, eifrig an einem Wagner-Denkmal, für das sie die Maßstäbe vorgaben.

Der »Bayreuther Kreis« sicherte sich derweil die Meinungshoheit darüber, wie die Öffentlichkeit Wagners Werk korrekt zu deuten habe. Dabei zementierten Wolzogen und seine Mitstreiter auch die völkischen Theorien und den Antisemitismus in Wagners Schriften als sakrosankte Wahrheiten und legten unter anderem damit einen Stein für das ideologische Fundament des aufkeimenden Nationalsozialismus.

Was dann kam, hatte mit Wagners Idee der Erlösung nichts mehr zu tun.

Wolfgang Lammel

Er bewegt, er duftet, er klingt

20. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Geist Gottes ereignet sich in vielen Augenblicken, wenn wir ihm Raum geben

Zum St.-Wiprecht-Gymnasium in Groitzsch im Leipziger Land fährt man durch weite Landstriche, die der Kohle weichen mussten.

Gerades flaches Land, wieder aufgeforstet, jedoch noch immer verwundet. Es ist kurz vor Mittag. Religionsunterricht in der 8. Klasse.

Ach, die Achte. Die ist ein Problem. Das hatte mir auch schon mein Vorgänger prophezeit. Und tatsächlich. Das Problem kam gewaltig.

Mit Schießpulverstreifen in der Hand kommen sie, mit Handys und jeder Menge schiefer Ideen. Reli ist eben Ausnahmesituation, und irgendwo muss der Druck raus. Ich spüre mein Scheitern. Und dann der Lehrplan: Propheten. Was macht man nur mit einer rebellischen Klasse zu diesem Thema?

Nach dem zweiten Versuch räume ich das Klassenzimmer um. Der Stuhlkreis lässt wenig Distanz.

»So geht es nicht mehr weiter. Ich mache so nicht mehr weiter«.

Mein Telefon klingelt. Diese Störung kommt von mir. Jetzt sind die Jugendlichen am Ball. »Wir sollen das Handy ausmachen, und bei Ihnen klingelt’s.« Ein wenig Zeit bleibt mir zu erklären, warum das Telefon klingeln darf, dass ich keine leichte Situation zu Hause habe und jederzeit erreichbar sein muss.

In der Kunst wird der heilige Geist gern in Anlehnung an die Bibel gern symbolisch als Taube dargestellt – wie hier einem Fresko aus der  Wiener Karlskirche. Foto: wikipedia

In der Kunst wird der heilige Geist gern in Anlehnung an die Bibel gern symbolisch als Taube dargestellt – wie hier einem Fresko aus der Wiener Karlskirche. Foto: wikipedia

Jetzt ist es still im Raum. Das erste Mal. Und wirklich, wir kommen ins Gespräch. Über uns und unsere Situation. Und über die Propheten, die nun mal dran sind, weil sie im Lehrplan stehen. »Wenn doch Reli das wär, dass wir einmal im Leben in der Schule ­etwas machen, was wir uns bis ans ­Lebensende merken.«

»Ja, ein Film«, meint Robert.

»Drehen wir einen Film.« Alle sind begeistert. In der nächsten Stunde entsteht das Drehbuch. Gar nicht so unfromm und irgendwie berührend.

Der Prophet, von Gott gerufen, geht so ganz und gar nicht seinen Weg, bis Gott ihn schließlich wiederfindet. Nicht spektakulär, aber von uns selbst und von daher besonders.

Immer noch haben es die Jugendlichen schwer, sich einzubringen, sich Gehör zu verschaffen. Doch ein Eis scheint gebrochen. Den Film wollen alle.

»Merken, bis ans Ende unseres Lebens«, geht mir durch den Kopf, als die gefolterte Landschaft wieder an mir vorbeizieht.

Und ich habe sie alle vor Augen, so ganz anders, eben bewegt und dabei so schön und strahlend in ihrer eigenen Idee. Vom Geist bewegt. Vielleicht ist der Geist Gottes gar kein Sturm, sondern ein Bewegtsein in eigenen Schritten?

Dienstag, 10.30 Uhr: Gottesdienst im Pflegeheim. Einige Frauen und Männer werden bewegt und herangefahren in Rollstühlen. Nur wenige kommen selber. Wenn es gelingt, spüren wir einander ein wenig.
Doch es ist nicht leicht, genau ihr Leben zu erahnen. Leben, das allzu oft den Bewegungen schwerer Zeiten ausgeliefert war, Leben, das standhalten musste, alledem, Leben, dass kaum zur Ruhe kommen konnte, sondern tätig war bis jetzt, bis zuletzt.

Und nun die Zeit, all die Zeit, die in aller Begrenzung der Grenzenlosigkeit entgegensieht, manchmal auch entgegenhofft.

Frau S., sonst still und in sich gewandt, hat jetzt ihre Stunde, ihre Zeit. Sie singt. Jede Zeile, jede Strophe, gelernt ist gelernt. Es ist, als ob die Texte der Lieder ihre Sprache und Tiefe erst jetzt entfalten. So wie eine Rose, die erst so richtig duftet, wenn sie ein ­wenig verblüht ist. Der Geist Gottes duftet, denke ich, als ich sie zum Abschied umarme. Und er klingt wie ein Lied, das erst erahnt werden kann, wenn wir blühen und verblühen.

Am Abend das Telefon. Immer mal ruft er an, die vertraute Stimme ist mir nah. Heute erzählt er. Von seinem Herzinfarkt mitten am Tag auf einem Bahnsteig. Von seiner Angst und dem Wissen, dass Leben so schnell gelebt sein kann. Doch gerade in diesem Moment kam ein Rettungswagen vorbei, auf dem Rückweg von einem anderen Transport. Der Rettungsdienst hat sich gleich um ihn gekümmert, das Fahrzeug ist in rasender Geschwindigkeit mit ihm losgefahren – an die richtige Stelle, an den richtigen Ort.

»Ist das nicht ein Wunder, vom Geist Gottes bewegt?«, fragt er am anderen Ende der Leitung.

Der Geist Gottes bewegt, er duftet und kennt Wunderbares. Er ereignet sich in ungezählten Augenblicken, wenn wir ihm Raum geben. Ach, könnten wir das jetzt einander er-
zählen …

Beate Schelmat-von Kirchbach

Die Autorin ist Pfarrerin in Grimma und im Leipziger Land.

Schwarz, bunt, schrill

17. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Subkultur: Jedes Jahr zu Pfingsten steht Leipzig im Zeichen des Wave-Gotik-Treffens

Zum 22. Leipziger Wave-Gotik-Treffen werden wieder Zehntausende schrill kostümierte Anhänger erwartet. Im Mittelpunkt des Festivals der schwarzen Szene steht die Musik.

Das Porträt Richard Wagners ziert in diesem Jahr das Vier-Tage-Ticket des Leipziger Wave-Gotik-Tref­fens (WGT), die größte Zusammenkunft der Gothic-Szene in Deutschland. Doch, wie passen Wagner und Gothic ­zusammen?

Zumindest finden zeitgleich zum WGT die Richard-Wagner-Festspiele in der Messestadt statt. Die Organisatoren des Treffens haben deshalb das WGT-Programm an vielen Stellen mit dem Wagner-Programm verwoben. Mehrere Wagneropern sind über die Tage im Opernhaus zu erleben. Durch die mystisch dramatische Handlung passt Parsifal ganz recht in das Schema eines ­Treffens der schwarzen Subkultur. Als ­Eröffnung werden deshalb, auch in Erinnerung an das 100-jährige Bestehen, am Freitagabend in einem Open-Air-Konzert Ausschnitte aus dem Parsifal vor der Kulisse des Völkerschlachtdenkmals aufgeführt.

Aufwendige Kostüme mit Anleihen aus dem Mittelalter bis zum viktorianischen Zeitalter prägen die Erscheinung der Gothics – ein Bild vom vergangenen Jahr. Foto: Wolfgang Hesse

Aufwendige Kostüme mit Anleihen aus dem Mittelalter bis zum viktorianischen Zeitalter prägen die Erscheinung der Gothics – ein Bild vom vergangenen Jahr. Foto: Wolfgang Hesse

Als 1992 das 1. Wave-Gotik-Treffen mit rund 2000 Grufties und einer Handvoll Bands am Stadtrand von Leipzig stattfand, ahnte wohl keiner, dass sich das Treffen binnen weniger Jahre zum weltweit größten Familientreffen der Szene entwickeln würde. Ihre Wurzeln hat die Gothic-Subkultur im Punk und New Wave Anfang der 80er Jahre, brachte jedoch bald eine eigene Identität hervor. Die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, das Nachdenken über ernste Dinge, das kritische Betrachten von Staat und Gesellschaft sowie das friedliche ­Mit­einander zeichnen diese Subkultur aus.

Mittlerweile erwartet Leipzig alljährlich 20000 Gothics aus aller Welt. Bizarre Outfits, schwarz, bunt, teilweise provokant, jedoch mit viel Fantasie erdacht, werden auch in diesen Jahr das Stadtbild beherrschen. Beim »Viktorianischen Picknick« im Clara-Zetkin-Park zeigen kreative Leipziger und WGT-Gäste ihre aufwendig und liebevoll angefertigten historischen Kostüme.

Über 30 Veranstaltungsorte, verteilt über das ganze Stadtgebiet, und etwa 200 Szenebands zählt das Programm des Leipziger Treffens. Von Future-Pop bis Goth-Metal, von EBM (Electronic Body Music) bis Folk, von mittelalterlichen Klängen bis elektronischem Industrial reichen die Facetten der musikalischen Veranstaltungen. Dabei legen die Veranstalter viel Wert auf wenig bekannte Untergrund-Bands. So unterschiedlich wie die Musik, so differenziert hat sich in all den Jahren auch die Szene selbst entwickelt. Viele langjährige Anhänger finden die Ideale aus der Anfangszeit nur noch bedingt wieder. Dennoch vereint alle ­Besucher der Gedanke, zu einer großen Familie Gleichgesinnter zu gehören.

Die Gruftis der Anfangszeit sind erwachsen geworden. Das WGT hat sich zu einem multikulturellen Ereignis entwickelt. Oper, Literatur, Theater, Kunst und Diskussionen gehören seit Langem in den festen Programmplan des Treffens. Freien Eintritt ins Museum der Bildenden Künste und in die Grassi-Museen, sowie Führungen auf Leipzigs Südfriedhof, einem der größten und schönsten Parkfriedhöfe Deutschlands, werden auch in diesem Jahr wieder angeboten. Zwei öffentliche Mittelaltermärkte mit Musik, Ritterspielen und deftigem Essen an der Moritzbastei und am Torhaus ­Dölitz runden das Programm ab.

Wolfgang Hesse

www.wave-gotik-treffen.de

Gothic – was steckt dahinter?

Vier Fragen an Pfarrer Sören Brenner, Schulbeauftragter in Halle und Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Herr Brenner, was steckt hinter Gothic?
Brenner:
Der englische Begriff Gothic steht im Grun­de für eine Kultur, die einer gewissen Weltabgewandtheit, Melancholie, ja Todessehnsucht frönt. Eine Kultur, die sich damit bewusst und oft sehr kreativ von der herrschenden Erlebnis- und Spaßkultur abhebt. In den Anfängen wurden die Anhänger meist als »Gruftis« bezeichnet, weil sie sich schwarz gekleidet gern auf Friedhöfen trafen, um ­Rituale zu veranstalten.

Sören Brenner

Sören Brenner

Das gibt der Befürchtung von satanis­tischen Tendenzen Raum.
Brenner:
Die gibt es, aber sie stehen nicht an erster Stelle. Im Vordergrund der Szene steht die Musik, die Gothic-Musik. Satanistische Elemente sind nur ein ganz, ganz kleiner Teilbereich und gehören für viele Gothic-Anhänger absolut nicht dazu.

Würden Sie dennoch eine potenzielle Gefahr in dieser Szene sehen?
Brenner:
Es gibt zwei Bewegungen mit Schnittmengen zur Gothic-Szene, die ­besonders kritisch zu sehen sind. Zum einen das Neuheidentum, vor allem in seiner rassistischen und rechtsradikalen Form, und natürlich der Satanismus, der ebenfalls eine sehr aggressive und gewaltverherrlichende Tendenz hat. Beide werden allerdings auch in weiten Teilen der Gothic-Szene kritisch gesehen.

Wie sollten Kirchen und Christen darauf reagieren?
Brenner:
Ich würde dringend davon abraten, in der Gothic-Kultur einen generellen Angriff auf den christlichen Glauben zu sehen. Es gibt in der Szene nicht wenige Menschen, die aus einer christlichen Sozialisation kommen und diese auch weiterhin nicht ablehnen, es gibt zum anderen – gerade hier im Osten – ­einen großen Teilbereich der religiös Indifferenten. Daneben gibt es einen bewusst religionskritisch und atheistisch eingestellten Bereich. Man darf die Szene deshalb nicht pauschal als antichristlich diffamieren. Deshalb sollte man etwa beim Leipziger Wave-Gotik-Treffen differenziert wahrnehmen, was sich dort auch an lebensbejahendem Potenzial findet. Und man sollte auf jeden Fall immer ­wieder das Gespräch mit diesen Jugendlichen suchen.

(GKZ)

Schweden: Vom Bildungsparadies zur Baustelle

14. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Was ist nur aus unserem einst so vorbildlichen Schulsystem geworden? Das fragen sich schon seit Monaten nicht nur die schwedische Schulbehörde, der Bildungsminister und Lehrergewerkschaften, sondern auch verunsicherte Lehrer und Eltern. Fast wöchentlich erscheinen neue Studien, die dem einstige Bildungsparadies im Norden immer neue Mängel ankreiden. Dabei geht es nicht nur um die sinkende Allgemeinbildung der schwedischen Schüler, die in den PISA- und TIMSS-Studien der vergangenen Jahre immer schlechter abgeschnitten haben. Sondern um die Frage, was generell falsch läuft in Schweden.

Maxie Hochmuth  berichtet für unsere Zeitung aus Schweden.

Maxie Hochmuth berichtet für unsere Zeitung aus Schweden.

Viele machen die Dezentralisierung des Schulsystems für die Probleme verantwortlich. Seit 1991 liegt die Schulbildung in den Händen der 290 Kommunen des Landes, seit 1992 dürfen Schüler ihre Schule frei wählen. Eigentlich wollte man mit Letzterem das Ausbildungsangebot erweitern und einen Wettbewerb um pädagogische Qualität anregen. Doch Realität ist, dass sich neben den kommunalen Einrichtungen viele Freischulen etabliert haben, die mit öffentlichen Geldern zum Teil gewinnorientiert ­arbeiten. Solche privaten Schulträger haben beispielsweise versucht, Schüler mit geschönten Zensuren zu locken. Andere sparen an ausgebildeten Lehrern. Diese privaten Träger, darunter auch konfessionelle, werden nur unzureichend kontrolliert, was jüngst sogar vom Europarat kritisiert wurde. Man öffne damit Sekten Tür und Tor.

Die freie Schulwahl hat außerdem dazu geführt, dass Kinder verschiedener sozialer Schichten mehr und mehr in getrennten Schulen lernen mit entsprechend unterschiedlichen Lernergebnissen. Ein Widerspruch zum in Schweden stark verankerten Gleichheitsgedanken.

Selbst die bisherige Experimentierfreude im Unterricht wird nun hinterfragt. Wurde in den vergangenen Jahren vor allem auf das Konzept des selbstbestimmten Lernens gesetzt, besinnt man sich heute allmählich auf den Frontalunterricht zurück. Der liberale Bildungsminister Jan Björklund versucht die Schulbildung insgesamt zu straffen: mit einem neuen Notensystem, das ab diesem Schuljahr schon ab der sechsten Klasse gilt, oder mit erweiterten nationalen Zwischenprüfungen. Unseriöse Schulträger, die den Gewinn über das Schülerwohl stellen, sollen zukünftig besser überwacht werden. Außerdem müssen Lehrer demnächst eine pädagogische oder fachliche Ausbildung nachweisen.

Vor allem von deren Motivation wird die zukünftige Qualität des schwedischen Schulsystems abhängen. Doch die fehlt momentan. Der Beruf ist unattraktiv geworden: immer weniger junge Menschen wählen Lehramt als Studienfach, Lehrer und Rektoren wechseln häufig den Arbeitsplatz und fühlen sich schlecht bezahlt. Unter all diesen Umständen werden die Schweden in den nächsten Jahren dafür kämpfen müssen, um irgendwann wieder als Bildungsparadies gelten zu können.

Maxie Hochmuth

Bonhoeffer auf der Opernbühne

13. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Premiere: Eine vom Deutschen Evangelischen Kirchentag in Auftrag gegebene Oper wurde in Hamburg uraufgeführt

Die Oper »Vom Ende der ­Unschuld« ist ein Gleichnis mit Motiven aus dem Leben des Theologen und ­Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.

Dass Kunst und Kirche noch ­immer und seit Langem ein spannungsvolles Verhältnis zueinander haben, mag im Alltag zutreffen. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) im Hamburg jedoch war davon nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es gibt kaum einen Ort, wo Kunst und Kirche so versöhnt miteinander umgehen wie auf Kirchen­tagen. Nirgendwo tritt so klar zutage, dass Kunst und Kirche aufeinander angewiesen sind. Viele Konzerte verschiedener Gruppen führen ein ­Eigenleben auf dem Kirchentag, mit ­einem begeisterten Publikum. Was wären Andachten und Gottesdienste ohne musikalische Ausgestaltung durch Solisten und Bands. Rock, Pop und Klassik – auf dem Christentreffen sind auch die modernen Stilrichtungen herzlich willkommen. Die vielen Botschaften, die Kirchentag vermitteln will – er könnte es kaum, würde er sich nicht vieler Genres bedienen: Theaterstücke, Filme, Bilder, Videos.

Szene in der Kirchentagsoper »Vom Ende der Unschuld«. Ferdinand von Bothmer als Heman (Mitte) und Krzysztof ­Szumanski als Drako (re.). Foto: epd-bild

Szene in der Kirchentagsoper »Vom Ende der Unschuld«. Ferdinand von Bothmer als Heman (Mitte) und Krzysztof ­Szumanski als Drako (re.). Foto: epd-bild

Überdies überraschte in Hamburg in punkto Kunst etwas, was es bisher noch nicht gab: eine eigens für den Kirchentag in Auftrag gegebene Oper. Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat damit Neuland betreten, indem er – die Idee stammt von Kirchentagspräsident Gerhard Robbers – »Vom Ende der Unschuld« in Auftrag gab. Die Oper über Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945) entstand unter der Regie von Kirsten Harms, ehemalige Intendantin der Deutschen Oper in Berlin. Komponist ist Stephan Pfeiffer, Jahrgang 1985, den Text verfassten Theresita Colloredo und David Gravenhurst.

Bonhoeffer – ein Opernheld? Wenn in der evangelischen Kirche Heilige verehrt würden, wäre er vielleicht ein Anwärter. Der Theologe leistete gegen die Nationalsozialisten Widerstand und wurde deshalb kurz vor Kriegsende am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet. Er gehört in der evangelischen Kirche zu den Vorzeigefiguren, ist in den verschiedenen christlichen »Fraktionen« unumstritten konsensfähig. Aber eine Figur für die Oper?

Wer sich am 2. Mai auf den Weg machte in die ehemalige Fabrikhalle Kampnagel – die 1865 gegründete Maschinenbaufabrik ist heute Aufführungsort für zeitgenössische darstellende Kunst –, war gespannt auf die ­Uraufführung.

Auf der Bühne sitzen verteilt zwischen dem Orchester Chormitglieder, auf ihrem Schoß Decken, die sie auseinanderfalten und über den Kopf ziehen. »Herr, wir rufen zu dir, komme und eile zu uns, wir warten auf dich!«, klingt es durch die große Halle.

Die Oper gestaltet das Leben Diet­rich Bonhoeffers nicht nach, sondern verdichtet das Zeitgeschehen in Anlehnung an dessen Biografie zu einer Familiengeschichte.

Ein landwirtschaftliches Unternehmen ist infolge von Trockenheit in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Angathea, die verwitwete Gutsherrin, sorgt sich um den Hof und um ihre Tochter Germa, die Erbin des Betriebes. Germas Bruder ist Heman; die Figur bildet Bonhoeffer nach. Die Geschwister haben ein inniges Verhältnis. Das ändert sich, nachdem Drako, ein entfernter Verwandter, auf dem Hof erscheint und einen Ausweg aus der Not verspricht. Er schlägt vor, eine Staumauer zu bauen und den Nachbarn das Wasser abzuschneiden – ein Vorhaben, das Heman als verantwortungs- und rücksichtlos ablehnt. Seine Schwester Germa verliebt sich in Drako.

Der Staudamm wird gebaut, und tatsächlich erlebt der Betrieb einen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit Drako ziehen technische Erneuerungen ein, mehr und mehr übernimmt der zukünftige Schwiegersohn die Verantwortung für das Familienunternehmen. Heman sieht den Untergang des Hofes voraus. Er will seiner Schwester die Augen öffnen, doch er steht allein inmitten einer Gesellschaft, die dem neuen Heilsbringer begeistert zujubelt. Nur Mete, die Köchin, tritt in Opposition zu den herrschenden ­Verhältnissen.

Bald wird Hochzeit gefeiert. Als einige Knechte Jagd auf einen Schäfer machen, der wegen eines belanglosen Delikts einer grotesk unangemessenen Strafe zugeführt werden soll, bezieht Heman öffentlich Position gegen seine Schwester. Er wird vom Hof gewiesen.

Unter Drako entsteht eine Schreckensherrschaft, geprägt von Tyrannei, Misstrauen und Willkür. In dieser Situation kehrt Heman unerwartet und in friedlicher Absicht zurück. Er will nicht tatenlos zusehen, wie das Familienunternehmen in den Abgrund stürzt. Die Nachbarn haben sich gegen Drako verschworen und wollen den Staudamm sprengen. Heman entschließt sich entgegen seiner christlichen Überzeugung zur Gewalt, um den Hof zu retten.

Als Drako erscheint, schießt er auf ihn. Aber die Kugeln töten Drako nicht. Höhnisch lachend lässt er Heman abführen. Gefesselt verbringt dieser die Nacht, sein Ende vor Augen, hoffend auf die Versöhnung mit Gott. Am frühen Morgen bricht die Katastrophe herein. Der Staudamm wird gesprengt, die Fluten reißen alles mit sich.

Die Handlung, die die Biografie Bonhoeffers verarbeitet, befremdet ­einerseits. Zugleich stellt die Oper überzeugend und anrührend dar, wie der Theologe aus seinem christlichen Glauben Kraft zum Widerstehen empfängt.

Das letzte Bild – Heman kurz vor seinem Tod, andächtig im Gebet und in Ergebenheit gegenüber Gott – erinnert an die Kreuzigung Jesu. Während die Transformation des Geschehens in eine Familiengeschichte nicht überzeugt, tut dies umso mehr die musikalische Umsetzung. Der Komponist Stefphan Pfeiffer, der sich als Anti-Avantgardist versteht, schöpft aus verschiedenen Musikepochen, verknüpft alte und neue Stilrichtungen miteinander. Zu hören sind Psalmenklänge, Gregorianik, Anklänge an Gustav Mahler und Dmitri Schosta­kowitsch, Kinderlieder und Marschmusik.

Die Darsteller und Musiker wurden für ihre brillanten Leistungen vom Publikum mit viel Applaus und stehenden Ovationen bedacht.

Sabine Kuschel

Gottesdienst im Grünen macht die Sache rund

12. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Es kann einem richtig andächtig zumute werden im Wald und auf der Heide, auf dem Berg und im lieblichen Tal, unter einem blühenden Apfelbaum und mitten im lachenden Frühling. Natur tut der Seele gut. Und wenn sie in frischem Grün daherkommt, erst recht. »Eine Blume kann fromm machen, sie kann spüren lassen, Gott hält zu seiner Schöpfung«, meinte sogar Bertolt Brecht, der nun wirklich nicht der Gefühlsduselei und Frömmelei verdächtig ist. Man muss kein zartbesaiteter Mensch sein, um zu spüren, dass sich hier etwas Wunderbares vor unseren Augen abspielt. Manches lässt sich nüchtern erklären, doch das Staunen über so viel Schönheit und die Erkenntnis, dass alles so wohl geordnet ist, ist alle Jahre neu. Die ganze Schöpfung sei ein Lobpreis Gottes, fand die grüne Heilige Hildegard von Bingen, deren spezielle Kenntnisse über die Heilkräfte der ­Natur noch heute von großem Interesse sind.

»Groß und kleiner Blumen Pracht zeugen all von Gottes Macht«
M. Daniel Pfisterer

Christine Lässig

Christine Lässig

Dass Berge, Bäume oder Felsen göttlich sind und anbetungswürdig, hat das Christentum hinter sich gelassen. Im Unterschied zu den Naturreligionen gründet es sich auf die ­Offenbarung Gottes in einer Person. Wer wissen will, wie man nach Gottes Willen leben soll, muss die Bibel zur Hand und Christus zum Vorbild nehmen. Und doch ist seit jeher mit der Schöpfungstheologie die Natur als zweite Offenbarung im Spiel. Sie ­spiegelt die Güte Gottes und seine ­Allmacht. »Herr, wie sind deine Werke so groß und viel«, staunt schon der Beter des Schöpfungspsalms 104.

Schief wird’s freilich, wenn die Liebe zur Natur die Nächsten- und Gottesliebe vergessen lässt, wenn sie als Kirchenersatz dient. Die Gleichung Wald- und Wiesenspaziergang gleich Gottesdienst stimmt nicht. Glaube ist mehr als Freude an der Schöpfung. Da geht es ums ganze Leben, um Mitmenschlichkeit und Liebe, Krankheit und Tod, Schuld und Vergebung und was das menschliche Dasein sonst noch ausmacht. Wald- und Wiesenspaziergang mit Gottesdienst wie zu Himmelfahrt oder Pfingsten macht die Sache rund und bringt augenfällig zusammen, was zusammengehört.

Christine Lässig

Nicht im offiziellen Programm: »Kirchentag für Mensch und Tier«

12. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ein Hund bellt. In der großen, hellen Kirche in Hamburg-Langenfelde sitzen rund 30 Besucher. Einige von ihnen haben ihre Haustiere dabei. Die Hunde liegen brav auf den mitgebrachten Decken zwischen den »normalen« Besuchern. Die Kirchengemeinde hatte zum Vortrag »Wie viel Tier braucht die christliche Ethik?« von Christian Müller einge­laden. Der Philosoph und Ethiker ist Lehrbeauftragter mit Schwerpunkt Tierethik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Geduldig wartet Hundchen in der Kirchenbank, während Frauchen dem Vortrag lauscht. Foto: Markus Kowalski

Geduldig wartet Hundchen in der Kirchenbank, während Frauchen dem Vortrag lauscht. Foto: Markus Kowalski

Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe »Kirchentag für Mensch und Tier«. Damit wollen die Akteure der »Aktion Kirche und Tiere« (AKUT) die Mitgeschöpflichkeit aller Kreaturen zum Ausdruck bringen. Und so sind hier ausdrücklich auch tierische Besucher erwünscht.

Gehörten »Gottesdienste für Mensch und Tier« bis 1997 zum festen Bestandteil des Kirchentagsprogramms, wird das Angebot seitdem von der Kirchentagsleitung immer wieder abgelehnt. Was Pfarrer Ulrich Seidel, Vorsitzender von AKUT, kaum nachvollziehen kann: »Wir eilen von Lebensmittelskandal zu Lebensmittelskandal und unser Verhältnis zum Tier soll kein Thema für Kirchentage sein?«, fragt er verwundert. Doch: Auf dem offiziellen Kirchentag in Hamburg scheinen alle Glaubensrichtungen und Strömungen vertreten zu sein. Nur die Tiere müssen draußen bleiben.

Die ankommenden Besucher werden von Jörg Heß herzlich begrüßt. Auch er kann nicht verstehen, wieso der geplante Gottesdienst nicht ins ­offizielle Programm aufgenommen wurde: »Es ist doch ein ureigenes Thema der Kirche, die Schöpfung und alle Kreaturen zu bewahren und zu schützen.«

In Hamburg wird unter anderem für eine Petition an die Leitung der im vergangenen Jahr gegründeten Nordkirche geworben, dass diese ihr Land, ähnlich wie bereits in der sächsischen Landeskirche, nicht mehr zur industriellen Massentierhaltung zur Verfügung stellt. Denn diese verletze die gottgewollte Schöpfungsgemeinschaft von Mensch und Tier. Noch immer sei der Fleischkonsum und dessen globale Auswirkungen kaum ein Thema unter Christen. Das möchte die Kirchengemeinde mit der Petition ändern.

Im Vortrag macht Christian Müller eine gedankliche Reise durch die Geschichte der Tierethik. Der langjährige Veganer spricht stets von »menschlichen« und »nichtmenschlichen« ­Tieren. An die Leinwand werden die Theorien großer Wissenschaftler und Denker der Aufklärung gebeamt: ­Immanuel Kant, Henry Stephens Salt, Charles Darwin.

Nun kommt eine Frau mit ihren beiden Dackeln herein. Die andere Hunde schrecken auf, bellen wieder und verteidigen ihren Platz in der Kirchenbank. Der Vortrag muss unterbrochen werden, das scheint aber kein Problem zu sein. Denn schließlich ist es eine willkommene Pause, lockert die Stimmung und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

Am Ende der Veranstaltung fragen sich manche, ob sie Vegetarier werden sollten. Wichtiger scheint aber die Frage, wann das Thema »christliche Tierethik« ein Teil des Kirchentags wird. Nur wenn das Problem eine größere Aufmerksamkeit bekommt, können auch Veränderungen bei vielen Christen und in den Landeskirchen bewirkt werden. Für die Kirchengemeinde in Hamburg-Langenfelde, die regelmäßig »Gottesdienste für Mensch und Tier« durchführt, sind die Vierbeiner, die in den Reihen sitzen, ­genauso Geschöpfe Gottes wie wir Menschen.

Markus Kowalski

Wenn Panik(mache) überhand nimmt

6. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Der Anschlag von Boston und die zwiespältige Diskussion um Terrorismus und Sicherheit

Vor knapp drei Wochen ­explodierten beim Boston-Marathon zwei Bomben. Die Täter wurden schnell gefasst. Doch die Diskussion um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit ist noch lange nicht beendet.

Wer schon länger lebt in der US-Hauptstadt, erinnert sich gut und mit ungutem Gefühl an den »Washington Sniper«, den Scharfschützen von Washington. Es war eine beunruhigende Zeit, damals im Oktober 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon: Jemand schoss mit nicht erkennbarem Muster und aus großer Entfernung auf Menschen in Washington und Umgebung. Auf ­einen Gärtner beim Rasenmähen, eine junge Frau in einer Bushaltestelle, mehrere Menschen beim Auftanken ihrer Autos, einen Jungen auf dem Schulweg, eine Frau nach dem Einkauf im Baumarkt. Drei Wochen ging das. Zehn Menschen kamen ums Leben, drei wurden verletzt.

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Die Polizei nahm John Allen Muhammad (40) fest und dessen Helfer, den 17-jährigen Lee Boyd Malvo. Die beiden hatten aus dem umgebauten Kofferraum ihres PKWs geschossen. Die bekannt gewordenen Motive waren kaum nachvollziehbar. Bei Muhammad anscheinend ein diffuser Hass, angereichert mit Verschwörungsthesen und gemischt wohl mit psychischen Problemen. Bei Malvo ­offenbar extreme Loyalität zu der manipulierenden Vaterfigur. Muhammad wurde zum Tod verurteilt und 2009 hingerichtet, Malvo verbringt den Rest seines Lebens in Isolationshaft.

Der »Washington Sniper« machte große Angst, weil er seine Opfer anscheinend so willkürlich aussuchte. »Unschuldige Opfer«, heißt es oft in den Medien – als ob Opfer eines ­Mordes auch schuldig sein könnten. Die drei Bombenopfer beim Boston-Marathon, der achtjährige Martin ­Richard, die Restaurant-Managerin Krystle Campbell (29) und die Studentin Lu Lingzi (23) starben bei einem Sportfest. Den Tätern war es egal, wen sie töteten. Ziel war offenbar, möglichst viel Blutvergießen anzurichten.

Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie damit leben will, dass es trotz aller polizeilicher Arbeit keine absolute Sicherheit gibt. Vor allem, wenn es um den »Terrorismus« geht. Mit diesem Begriff hat man freilich Probleme in den USA. Der »Sniper« galt nicht als Terrorismus-Fall. Ebenso ­wenig vergangenen Dezember das Massaker an der Schule in Newtown in Connecticut mit 26 Toten; da sprach man von einem Amokläufer. Oder das Morden eines weißen Rassisten in einem Sikh-Tempel in Ohio im August 2012 mit sechs Toten. Der Anschlag auf den Boston-Marathon aber schon. Da waren Muslime mit ausländischen Hintergrund tätig gewesen.

Und dann droht in den USA der Verlust der Verhältnismäßigkeit. Der 11. September 2001 hat US-Amerikaner bewegt, zu Hause weitreichende Überwachung hinzunehmen. Im Namen der Terrorismusbekämpfung sind bei Kriegen im Ausland Hunderttausende Menschen umgekommen. Präsident Barack Obama hat nun Besonnenheit signalisiert. Doch bei der Verfolgungsjagd wurde eine Millionenstadt dicht gemacht. An die zehntausend Polizisten waren im Einsatz, über Twitter und im Internet konnte der Bürger sich an der Suche betei­ligen. »Sicherheitsexperten« warnen, das Modell des Anschlags werde Schule machen.
Rund 30000 Menschen kommen jedes Jahr in den USA durch Schusswaffen ums Leben. Doch die nach dem letzten Schulmassaker mit viel präsidialem Elan angegangenen Schusswaffenkontrollgesetze sind diesen Monat im Kongress gescheitert.

Konrad Ege

Der Weg aus der »Krankheit zum Tode«

5. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 200 Jahren wurde der Existenzphilosoph und Theologe Sören Kierkegaard geboren

Entweder – oder«, hieß der zweibändige Wälzer, der im Jahr 1843 in Kopenhagen erschien; schwer verdauliche philosophische Kost, doch beim Publikum schlug das Buch wie eine Bombe ein. Dem Leser wurde die Entscheidung zwischen verschiedenen Lebensformen abverlangt: der ästhetischen, der ethischen, der religiösen. Ein klarer Entschluss, keine Halbheiten mehr. Die Leser waren erschlagen von der Wucht dieses geballten Angriffs und fasziniert von der funkelnden Sprache. Der Verfasser versteckte sich zwar hinter mehreren fiktiven Autoren und Herausgebern, aber das passte zum Buch: Nicht um einen Schriftsteller ging es, sondern schlicht und einfach um die Wahrheit.

Gott hören Beten heißt nicht sich selbst hören, sondern verstummen und warten, bis der Betende Gott hört. Sören Kierkegaard

Gott hören Beten heißt nicht sich selbst hören, sondern verstummen und warten, bis der Betende Gott hört. Sören Kierkegaard

Die Wahrheit bildete den Lebensinhalt des jungen Kopenhagener Philosophen Sören Kierkegaard, von dem der Bestseller stammte. Kierkegaard: ein psychopathischer Einzelgänger, krankhaft misstrauisch, nachtragend, ein Unglückswurm im Umgang mit anderen. Aber er hat der Welt Denkanstöße geschenkt, die zu den klarsten Ideen des 19. Jahrhunderts zählen.

Sören (dänisch für Severin) Kierkegaard kam am 5. Mai 1813 in Kopen­hagen als Sohn eines reichen Wollhändlers zur Welt, der sich vom kleinen jütländischen Schäfer hochgearbeitet hatte und in dessen Haus die feine Gesellschaft verkehrte, auch Wissenschaftler und hohe Geistliche. Ihm verdankte er hervorragende geistige Anregungen, aber auch ein verpfuschtes Seelenleben voller Ängste und Schuldgefühle.

Zwischen drückender Schwermut und dandyhafter Lebenslust schwankt Sören auch noch als Theologiestudent, sarkastischer Ironiker und reiner Parzival zugleich und auf jeden Fall ein schrecklich komplizierter Mensch: Er verlobt sich mit einer 16-jährigen Schönheit, entsagt ihr nach wenigen Monaten, weil er ihr seine ­inneren Konflikte nicht eingestehen will; aber als sie einen anderen heiratet, flüchtet er sich in eine abgrundtiefe Frauenverachtung und erklärt sie fortan alle für treulose Wesen.

Doch ausgerechnet dieses scheinbar nie aus der Pubertät herausfindende Nervenbündel, dieses Musterexemplar eines selbstzerstörerischen Neurotikers wird zum großen Mutmacher unter den Existenzphilosophen. Klar wie kaum ein zweiter sieht er die tausend Verstrickungen des Menschen in Schuld und Angst – und ­erklärt ihn unverdrossen für fähig, ­gerade im Annehmen seiner Grenzen und Belastungen das Leben zu bewältigen.

Er beendet sein Studium in kürzester Zeit, liefert eine brillante Doktor­arbeit über die Ironie bei Sokrates, wechselt nach Berlin, lernt Deutsch und trinkt alle möglichen Vorlesungen in sich hinein. Wieder daheim in ­Kopenhagen, nimmt er den Kampf gegen alle »Ismen« und starren Denksysteme auf – vor allem gegen Georg Friedrich Hegel, den Philosophengott seiner Zeit.

Für den Beruf eines Geistlichen hielt er sich immer weniger geeignet – kein Wunder bei seiner Skrupulanz. Viel lieber als die Predigten, die er als Kandidat der Theologie zu halten hatte, verfasste er denn auch von Kampfeslust sprühende philosophisch-theologische Polemiken. In den zwölf Jahren bis zu seinem frühen Tod hat er Bücher geschrieben, die 15 großformatige Foliobände füllen. Wie ein Besessener soll er geschrieben haben, an mehreren Manuskripten gleichzeitig, während er um einen großen papierübersäten Tisch herumwanderte und vom Tisch zum Stehpult lief – oder zwischendurch auch einmal schnell ins Theater eilte, sich eine Mozart-Ouvertüre anhörte und so beflügelt zu Hause weiterschrieb.

Gegen die Vermassung, das Abwälzen der Verantwortung auf anonyme Instanzen, gegen die seichte Unverbindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft setzt er ein neues individuelles Bewusstsein: den »Mut, ein Einzelner zu werden«. Jeder Mensch sei aufgefordert, sich seiner selbst bewusst zu werden, Verantwortung für sich und die anderen zu übernehmen. Er leugnet keineswegs die Fremdeinflüsse, denen jeder Mensch ausgesetzt ist, Schuldverstrickungen und die Macht der Triebe. Aber er hält ihn für fähig, sich sein Selbst zu schaffen – besser gesagt zu erkennen, was er vom Schöpfer an Individualität empfangen hat.

Damit rettet Kierkegaard dem zum Rädchen im Getriebe degradierten Menschen der Neuzeit seine Würde. Die Menschen sieht er zur Gemeinschaft bestimmt – aber eben zur Gemeinschaft bewusster Einzelner, was etwas ganz anderes ist als die namen- und gesichtslose Masse.

Zu dieser bewussten Existenz gehört auch die Angst; denn sie ist das Wissen um die Möglichkeit, die eigene Bestimmung zu verfehlen. Angst kann erlösend wirken, weil sie den Menschen an sein höheres Ziel erinnert. Angst kann aber auch zur dumpfen Verzweiflung werden, zur fatalistischen Idee, verloren zu sein, sich selbst zu verfehlen. »Krankheit zum Tode« nennt das Kierkegaard. Der Mensch kann nicht er selbst sein; er leidet darunter, so zu sein, wie er ist; er möchte sich selbst loswerden.

Die einzige Rettung aus der Verzweiflung an der eigenen Existenz ­besteht für Kierkegaard darin, mich selbst im Gespräch mit dem wiederzufinden, der mich ins Dasein gesetzt hat. Wenn ich nicht verzweifeln will, muss ich mich in die Arme Gottes ­fallen lassen – auf Gedeih und Verderb, auf ­eigenes Risiko. Es ist eine Entscheidung, die Kierkegaard selbst als Zumutung bezeichnet, als Paradox; aber es führt kein Weg an ihr vorbei. Denn der Mensch ist an das Ewige gebunden.

Man könne sich für eine ästhetische Lebensauffassung entscheiden, sagt Kierkegaard, für eine ethische oder eine religiöse. Letztlich gebe nur die religiöse Entscheidung eine wirklich angemessene Antwort auf die Befindlichkeit des Menschen.

Kierkegaard gibt sich erst gar keine Mühe, zu beweisen, dass die Entscheidung für den Glauben etwa ein Gebot der Vernunft oder aus der historischen Entwicklung ableitbar wäre. Nein, es geht um die Zumutung, »den Verstand fahren zu lassen, um den Sprung zu machen ins Religiöse.« – »Siehe, Gott wartet! So spring zu in Gottes Arme.«

Am Ende ist der schwierige Philosoph komplett isoliert. Mit sich, den Frauen und der Welt zerfallen, voller Wut auf die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche mit ihrer Beamtenmentalität, zieht er sich völlig zurück. Im Oktober 1855 bricht er auf der Straße zusammen, wird in ein Krankenhaus gebracht, wo sich die Ärzte vergeblich um eine Diagnose bemühen. Am 11. November 1855, mit 42 Jahren, ist Sören Kierkegaard tot. Vermutlich hat er ganz einfach keinen Lebenswillen mehr gehabt.
Christian Feldmann

Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit

5. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Inklusion: Es geht nicht um Besitzstandswahrung, aber um die Suche nach der beste Lösung

In der Diskussion um die ­Inklusion werden auch ­spezielle Schul- und Arbeitsbereiche für Behinderte infrage gestellt. Betroffen davon ist nicht zuletzt die Diakonie.

Die aktuelle Inklusions-Debatte ist ein Beispiel dafür, dass sich Sozialgesetz und staatliches Haushaltsrecht in einen großen Zielkonflikt ­hineinmanövriert haben. Auf der einen Seite steht hier die Wertorientierung. Beim Thema Inklusion ist das die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die Bundesrepublik ist in eine Verpflichtung eingetreten, deren Dimension uns vielleicht allen noch nicht so recht bewusst ist. Was wir aber heute schon wissen – Inklusion als gleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle kann nicht zuerst von den Kosten her definiert werden, dem anderen Teil der Debatte.

Wunschziel Inklusion: Die Illustration verdeutlicht auf einfache Weise das Ziel – selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Foto: Zerbor/Fotolia.com

Wunschziel Inklusion: Die Illustration verdeutlicht auf einfache Weise das Ziel – selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Foto: Zerbor/Fotolia.com

Auf welchem Weg bekommen Menschen mit Nachteilen und Behinderungen mehr Selbstbestimmung, mehr Zugänge, mehr persönliche Freiheit, verbunden mit Chancengleichheit? Etwa indem wir Förderschulen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen als Auslaufmodelle betrachten? Natürlich kann man diesen Einrichtungen den Vorwurf machen, dass sie »aussondern« und trennen. Doch die Kritik negiert die Erfolge spezifischer Förderung, und, was noch schwerer wiegt: Sie zeigt keine echte Alternative auf. Wer die Schließung von Werkstätten fordert, hat deshalb noch keine Angebote für behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wer bei den Förderschulen kürzt und streicht, bleibt bislang den Nachweis schuldig, dass im gemeinsamen Unterricht eine gute individuelle Förderung finanziert und geleistet wird.

Inklusion ist eine zivilgesellschaftliche Aufgabe, und damit weit mehr als nur ein Arbeitsauftrag an die Politik. Die Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände bündeln nicht nur professionelle Erfahrungen, sondern auch den Dialog mit den Selbstvertretungen der Menschen mit Behinderungen und mit ihren Angehörigen.

Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind schon heute leistungsfähige Zentren der beruflichen Förderung, Ausbildung und Rehabilitation. Sie bieten mit ihrer Vielfalt an Arbeitsmöglichkeiten zum einen für Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, einer sinngebenden Beschäftigung nachzugehen und sich als selbstwirksam, nutzbringend und hilfreich für die Gesellschaft zu erleben. Zu ihren Aufgaben gehört es aber auch, die berufliche Weiterentwicklung der Menschen zu begleiten. Viele Werkstätten bieten heute Außenarbeitsplätze und Praktikumsmöglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt an. Auch einige Integrationsfirmen sind entstanden, die Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit eröffnen, einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachzugehen und auch reale Löhne zu verdienen.

Die Frage, wie die berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen weiter vorangebracht werden kann, kann nicht von den Werkstätten beantwortet werden. Die Gesellschaft muss Antworten finden und vor allem Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes in die Pflicht nehmen. Landes- und Bundesregierung sind in der Verantwortung, wirklich wirksame Fördermöglichkeiten zu finden.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg ist Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg ist Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland.

Ich trete in der Inklusions-Debatte nicht an als Besitzstandswahrer von Sozialeinrichtungen, die mehrfach unter Beweis gestellt haben, dass sie sowohl ­eigenständig neue Konzepte entwickeln als auch gesetzliche Veränderungen umsetzen können. Es geht angesichts einer übermächtigen Einspardebatte heute für die Diakonie darum, als Anwalt der Benachteiligten dafür einzutreten, dass ihnen Kürzungen von staatlicher Förderung nicht zynisch als »Gleichheit« angepriesen werden. Ich befürchte eine Entwicklung, die dann, wenn sie ihre negativen Auswirkungen in Gänze zeigt, nicht mehr rückgängig zu machen ist. Wer Selbstbestimmung, Wahlfreiheit und Teilhabe ernst meint, der nutzt das gewachsene Know-how in der Sozialen Arbeit, um es weiterzuentwickeln. Die Kosten-Nutzen-Rechnung könnte dann noch besser ausfallen – billiger wird es sicher nicht!

Eberhard Grüneberg

Der Musikant vom Kirchentag

2. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Seit Jahrzehnten prägt Fritz Baltruweit die Musik der Christentreffen

Er ist der Mann mit der Gitarre. Wenn abends die Besucher des Deutschen Evangelischen Kirchentags zum Nachtgebet mit Kerzen vor einer Bühne stehen, stimmt der Hannoversche Pastor Fritz Baltruweit die Lieder an. »Gott gab uns Atem, damit wir leben« oder auch »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« – einige der bekanntesten Kirchentagslieder stammen aus seiner Feder. Fritz Baltruweit ist Kirchentag, und das schon seit Jahrzehnten.

»Rechnet man alle Kirchentage zusammen, an denen ich teilgenommen habe, ist das jetzt der 25.«, sagt er, »die DDR-Kirchentage eingeschlossen.« 1977 in Berlin hat er erstmals als junger Liederdichter ein Christentreffen begleitet. »Damals hatten wir ein Konzert im Sommergarten unter dem Berliner Funkturm und einen Auftritt in der Deutschlandhalle«, erinnert sich der Mann mit der weißen Künstlerfrisur. Und eines seiner Lieder von damals, »Wo ein Mensch Vertrauen gibt«, hat es heute in unzählige kirchliche Gesangbücher geschafft. Denn bei Kirchentagen wird viel gesungen: Zu Beginn der morgendlichen Bibelarbeiten ebenso wie bei Gottesdiensten und Andachten, oder auch beim »Offenen Singen«, zu dem sich Kirchentagsbesucher mit ihren Gesangbüchern in der Mittagspause des Christentreffens versammeln.

Fritz Baltruweit. Foto: epd-bild

Fritz Baltruweit. Foto: epd-bild

Und die eingängigen, einfach zu singenden Lieder des Christentreffens nehmen Pfarrer und Ehrenamtliche dann gerne mit in ihre heimatlichen Gottesdienste. »Es braucht eben in der Kirche auch Lieder, die jeder singen kann«, sagt Baltruweit. Seine Lieder erinnern eher an deutschen Schlager oder an Liedermacher wie Reinhard May. »Viele engagierte Kirchenmitglieder hören privat keine Klassik, sie finden deutschen Schlager toll. Für diese Menschen wird in der oft auf Hochkultur, auf Johann Sebastian Bach und schwere Orgelkonzerte setzenden Kirchenmusik viel zu wenig gemacht.« Baltruweit ist da das personifizierte Gegenprogramm – und hat sich damit durchgesetzt.

Selbst bei den Vollversammlungen des Lutherischen Weltbundes, der weltweiten Dachorganisation lutherischer Christen, stand er für die ­liturgische Ausgestaltung der Gottesdienste. Und auch hinter dem Eisernen Vorhang trat er auf: Als in den 1980-er Jahren in der DDR die Kirchentage zum Sammelbecken der Bürgerrechtsbewegung wurden, waren Baltruweit und seine Studiogruppe zu Gast bei den Christentreffen. »Ich erinnere mich noch an Wittenberg, wo die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet wurden«, sagt der Liedermacher. Doch damit dieser kirchenhistorische Moment zu Stande kommen konnte, brauchte es die Hilfe der Musiker aus dem Westen. »Wir waren damals kurzfristig für Gerhard Schöne eingesprungen, und hatten unsere ­Instrumente in einem VW-Bus dabei«, erzählt Baltruweit. »Mit dem haben wir dann den Amboß von einem befreundeten Schmied geholt – für einen Trabbi war der schlicht zu schwer.«

»Es fasziniert mich immer wieder, welche Klänge sich entwickeln, wenn tausend oder fünftausend Menschen gemeinsam singen«, sagt der Liedermacher. So etwas gebe es nur beim Kirchentag. »Und manchmal wird man von der Schönheit fast besoffen, wenn eine ganze Messehalle singt und akustisch fast schon abhebt.« Das Liedgut der Kirchentage habe sich dabei durchaus verändert: Auch in den 70er Jahren gab es Liederwerkstätten, und neue Lieder – heute aber wird bei Kirchentagen auch gerappt und im Liederbuch gibt es sogar einen Shanty. »Die Bandbreite ist größer ­geworden.« Nur der Pastor aus Hannover blieb eine Konstante im Programm des Kirchentags.

Benjamin Lassiwe

Fritz Baltruweit ist beim Kirchentag in Hamburg unter anderem beim »Kirchentags-Lieder-Bogen« am 2. Mai, beim Bonhoeffer-Forum und beim Feierabendmahl mit dem Grünen-Politiker Volker Beck am 3. Mai sowie bei einer »Feier für werdende Eltern und Familien« am 4. Mai zu hören. Zudem spielt er mit seiner Band vom 2. bis zum 4. Mai jeweils um 22 Uhr beim Nachtgebet auf der Bühne am Rathausplatz.