Die Armen bleiben die Betreuten

22. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Ehrenamt: Immer mehr Menschen engagieren sich in der Kirche – allerdings vor allem aus der Mittelschicht

Beim Ehrenamt sind die ­Kirchen in Deutschland Spitze. Das ergibt eine neue Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Über die ­Ergebnisse sprach Benjamin Lassiwe mit SI-Direktor ­Gerhard Wegner.

Foto: Photo-K/Fotolia.com

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Herr Professor Wegner, wie geht es dem Ehrenamt in der evangelischen Kirche?
Wegner:
Im Ganzen ist die Situation gleichbleibend positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche. Und wir ­erleben eine insgesamt große Zufriedenheit der Ehrenamtlichen mit ihrer Kirche. Es hat sich eine Menge Gutes getan in diesem Bereich. Als wir vor fünf, sechs Jahren die erste Studie zum Thema Ehrenamt gemacht hatten, gab es noch eine erhebliche Unzufriedenheit und Kritik – etwa zur Informationsweitergabe und dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das hat sich alles gebessert.

Wo ist das Ehrenamt in der Kirche stark?
Wegner:
Vor allem in den Gemeinden: 70 Prozent der 2,2 Millionen ­Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind direkt in einer Gemeinde tätig. Das sind enorme Zahlen. Und gerade die älteren Menschen, wo wir die ­Zuwächse bei den Ehrenamtlichen haben, sind ganz überwiegend in den Gemeinden tätig.

Was bedeutet Ehrenamt für Kirche?
Wegner:
Das Ehrenamt ist die Basis der Kirche. Die Hauptamtlichen sind dazu da, die Ehrenamtlichen zu qualifizieren und zu fördern. Kirche ist im Sinne des Priestertums aller Gläubigen eigentlich eine Sache der Mitglieder – und viele Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Und dass die Zahl der Ehrenamtlichen in den Gemeinden immer weiter steigt, führt dazu, dass die Situation in den Gemeinden immer lebendiger wird.

Früher fühlten sich Ehrenamtliche oft nicht genug wertgeschätzt. Wie ist das heute?
Wegner:
Das hat sich vielfach geändert. In den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren eine Anerkennungskultur entwickelt: Man sagt den Ehrenamtlichen auf besonderen Veranstaltungen »Danke« oder vermittelt ihnen den Ehrenamtspass einer Kommune. Ohnehin lebt das kirchliche Ehrenamt ja nicht davon, dass Menschen dafür gedankt wird: Es lebt von der Angebundenheit der Menschen an die Kirche. Es lebt von der Nähe der Menschen zu christlichen Werten: Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, engagiert sich auch mehr.

Gilt das nur für die Kirche?
Wegner:
Nein. Wir können deutlich zeigen, dass Menschen, die sich in der Kirche engagieren, auch stärker in anderen Bereichen der Gesellschaft engagiert sind. In politischen Parteien, in Gewerkschaften, in karitativen Organisationen sind Christen stärker engagiert als Konfessionslose. Das ist statistisch belegbar und ein großer Schatz für die Gesellschaft.

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Überlasten sich die Menschen gerne auch für ­andere?
Wegner:
Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass sich jeder Ehrenamtliche in der Kirche im Schnitt in vier Ehrenämtern engagiert. Der Trend geht dahin, dass Einzelne mehrere Ehrenämter ausfüllen. Wer eine Sache macht, hat Spaß dran, findet darin Bestätigung und macht noch mehr. Worauf man achten muss, ist, dass das nicht zu heftig wird – wenn einzelne Ehrenamtliche so viele Tätigkeiten anhäufen, dass sie zu kleinen Pastoren werden, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Aus welchen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Ehrenamtlichen?
Wegner:
Das Ehrenamt ist quer durch die Gesellschaft eine Domäne von Menschen, die eine höhere Bildung haben, und eher besser verdienen. Das ist ein Paradox und ein Problem: Wer ohnehin schon mehr Anerkennung bekommt als andere, kriegt das dann auch noch durchs Ehrenamt.

Hat nicht die Kirche den Anspruch, für die Armen da zu sein?
Wegner:
Das stimmt. Das Problem, wie man Arbeitslose, Arme und ­Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft für das Ehrenamt ­gewinnt, ist vorhanden – und in der Kirche nicht gelöst. Frische Blumen auf den Altar stellen oder im Gottesdienst die Kollekte einsammeln kann eigentlich jeder. Dafür braucht es keine Ausbildung. Trotzdem erreichen wir auch im Bereich des Ehrenamts nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht.

Aber die Kirche steht doch über ihre Diakonie mit zahllosen Armen im Kontakt?
Wegner:
Arme Menschen werden von unseren Gemeinden und Einrichtungen betreut, sie werden aber nicht ­eingeladen, mitzumachen. Bisher ist nicht zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich darum bemüht, solche Menschen im Sinne des »Priestertums aller Gläubigen« einzubinden. Es wäre eine wichtige diakonische Aufgabe der Kirche, hier für mehr Teilhabe
zu sorgen.

Die Ergebnisse der Studie sind unter Projekte/abgeschlossene Projekte auf der ­Internetseite des Sozialwissenschaftlichen Instituts:

www.si-ekd.de

Rente für Ehrenamtliche?

Der Wirtschaftsprofessor Stephan Thomsen schlägt vor, ehrenamtlichen Helfern eine steuerfinanzierte Rente für ihre freiwillige Arbeit zu zahlen. Damit könne das Ehrenamt attraktiver werden, sagte der Direktor des in Hannover ansässigen Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der demografische Wandel führe dazu, dass die Menschen immer weniger Zeit hätten, sich freiwillig zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit habe jedoch eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Deshalb müsse sich die Gesellschaft in Form eines finanziellen Anreizes solidarisch zeigen, forderte der Forscher in dieser Woche am Rande des Frühjahrsempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Ein Rentenanspruch auf ehrenamtliche Arbeit könnte auf die persönliche ­Altersrente angerechnet werden und sollte aus Steuern finanziert werden. Vorbild für die Höhe könnten die Minijobs sein. Bei einer 40 Jahre dauernden Freiwilligenarbeit könnten so bis zu 200 Euro Ehrenamtsrente gezahlt werden: »Das Ehrenamt bleibt somit Ehrenamt, weil die Arbeit nicht direkt in der ­Gegenwart vergütet wird.«

(epd)

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