Vom Sektenmeer zum Massenphänomen

30. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökumene: Neue christliche Gemeinschaften und Bewegungen fordern weltweit die traditionellen Kirchen heraus

Noch bis zum Beginn der 90er des vergangenen Jahrhunderts beurteilten große Kirchenversammlungen Pfingstler, Charismatiker und Evangelikale abschätzig als Sekten. Das hat sich geändert.

Die Flut hebt alle Boote«: Mit diesem Bild fasste der Religionssoziologe Philip Jenkins die Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren der Auseinandersetzung mit dem rapiden Anwachsen neuer Kirchen bei einer Tagung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Rom zusammen. Denn mittlerweile werten die traditionellen christlichen Konfessionen die neuen religiösen Bewegungen differenzierter: teils als positive Herausforderung und Ansporn zur Selbstkritik, teils als Dialogpartner, teils als konfessionellen Gegner, der jede Form der Ökumene ablehnt.

Auf Anregung des damaligen Bischofs und späteren Vorsitzenden des päpstlichen Einheitsrats, Walter Kasper, starteten die katholischen Bischöfe in Deutschland bereits in den 90er Jahren ein Forschungsprojekt über die neuen kirchlichen Bewegungen. Wie wichtig ihre Ergebnisse und der Austausch mit anderen Experten über das vor allem – aber nicht nur – in Lateinamerika und Afrika starke Phänomen auch für den Vatikan sind, demonstrierte die Bischofskonferenz mit der Ortswahl der hochkarätig ­besetzten Konferenz. Kaspers Nachfolger als vatikanischer Ökumene-­Minister, Kardinal Kurt Koch, gestand denn auch als Schirmherr der dreitägigen Begegnung in Rom ein, dass die neuen Bewegungen eine »wirklich große Herausforderung« für die katholische Kirche seien.

Eine »vierte Grundform des Christseins«

Für den protestantischen Ökumene-Experten Christoph Raedel von der Kasseler CVJM-Hochschule erwies die Tagung die verbreiteten Klagen über einen angeblichen Untergang des Religiösen als Trugschluss. Protestanten und Katholiken stimmten mit Koch und der von ihm zitierten Dogmatikerin Margit Eckholt vielmehr darin überein, dass es sich um eine neue, »vierte Grundform des Christseins« handelt, die zu einer »Pentekostalisierung« (Verpfingstlichung) der alten Kirchen führt.

Herausforderung für traditionelle Kirchen: Volkstümlich und emotional geht es in einem pfingstkirchlichen Gottesdienst in der chilenischen Bergbaustadt Lota zu. Foto: epd-bild

Herausforderung für traditionelle Kirchen: Volkstümlich und emotional geht es in einem pfingstkirchlichen Gottesdienst in der chilenischen Bergbaustadt Lota zu. Foto: epd-bild

Die neuen Kirchen zählen mittlerweile 400 Millionen Mitglieder, rund ein Drittel der Zahl der Katholiken weltweit. Neben der katholischen, ­orthodoxen und den klassischen evangelischen Kirchen bilden sie inzwischen eine vierte Grundform christlichen Glaubenslebens. Koch rief die katholische Kirche bei der Konferenz mit dem Titel »Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker« zur Selbstkritik auf. »Die katholische Kirche muss sich die Frage stellen, was machen wir falsch, warum verlassen die Gläubigen uns?«

Priestermangel einerseits und mangelnde Antworten der Traditionskirchen auf die Lebenssituation von Migranten und einer zunehmend in die Städte ziehenden Landbevölkerung wurden bei der Konferenz als Hauptmängel der traditionellen Kirchen ausgemacht. Evangelikale und Pfingstkirchen geben von ihren alten religiösen Traditionen entwurzelten Menschen ein starkes Gemeinschafts- und Familiengefühl. Gleichzeitig verheißen sie oft Wohlergehen nicht erst im Jenseits, sondern auch materiellen Wohlstand im Diesseits.

Soziale Verantwortung und starke Rolle der Frauen

Für westliche Beobachter zunächst überraschend klangen Untersuchungsergebnisse, nach denen die Zugehörigkeit auch zu solchen christlichen Gemeinschaften, die materiellen Reichtum versprechen, verantwortliches Handeln und die Rolle der Frauen stärken. Letztere freuen sich etwa in Afrika, in Pfingstkirchen Männer zu finden, die ihr Geld nicht in Alkohol oder Glücksspiel investieren, sondern in das Wohlergehen der Familie.

Protestantische Kirchen seien im Vergleich zur katholischen auf zwei wesentliche Elemente besser vorbereitet, die den Erfolg der neuen Bewegungen ausmachen, konstatiert der Kasseler Ökumeniker Raedel. Ebenso wie die Evangelikalen und die Pfingstler spielten Frauen und Laien bei ­ihnen eine wichtige Rolle. Dass für die katholische Kirche eine Eucharistiefeier die Anwesenheit eines Priesters voraussetzt, erschwert deren Überleben vor allem in Lateinamerika, wo es vielen Gemeinden an Geistlichen fehlt.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick übte in Rom, angesichts der ­Abwanderung von Katholiken hin zu den neuen Bewegungen, zwar auch Selbstkritik. Mit Blick auf deren teils aggressive Praktiken bei der Anwerbung von Gläubigen forderte er jedoch: »Wir müssen kritische Fragen an die pfingstkirchlichen und evangelikalen Bewegungen stellen.«

Bei der Tagung wurde anhand der Ergebnisse des Forschungsprojekts der Deutschen Bischofskonferenz sowie von Teilnehmern aus den betroffenen Ländern deutlich, dass ein Teil der Bewegungen zum Dialog bereit ist. Andere Gruppen verstünden sich als grundlegende Opposition zu den traditionellen Kirchen, hieß es. Mit ­gefühlsbetonten Feiern wirken sie auf viele gerade auch für eine starke Frömmigkeit offene Gläubige jedoch attraktiver denn die vielfach als zu ­trocken und institutionalisiert wirkenden traditionellen Großkirchen.

Bettina Gabbe

Schätze finden und heben

30. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Jascha Nemtsov, Lehrstuhlinhaber des ersten Lehrstuhls für Geschichte der jüdischen Musik in Europa

Mit dem neuen Lehrstuhl wird Weimar Teil des ­Zentrums für jüdische ­Studien Berlin-Brandenburg, wo Rabbiner und Kantoren ausgebildet werden. Jascha Nemtsov hielt in Weimar seine Antrittsvorlesung.

Jascha Nemtsov spricht mit einem verhaltenen Lächeln über seinen Geburtsort. Magadan in Sibirien entstand 1929 zunächst als Zwangsarbeitslager für Häftlinge, die von Wladiwostok per Schiff eintrafen. Hier war Jascha Nemtsovs Vater ein Gulag-Häftling und an diesem Ort wurde er 1963 geboren, wie er selbst sagt, in einem Gefängniskrankenhaus, weil es keine andere Klinik gab.

Jascha Nemtsov hat sich gleichermaßen als Solist und hervorragender Kammermusiker einen Namen gemacht. Foto: Victor Virtus

Jascha Nemtsov hat sich gleichermaßen als Solist und hervorragender Kammermusiker einen Namen gemacht. Foto: Victor Virtus

Der Pianist und Musikwissenschaftler hielt am 11. April seine Antrittsvorlesung an der Weimarer Musikhochschule. Er ist Lehrstuhlinhaber des ersten Lehrstuhls für Geschichte der jüdischen Musik in Europa. Die Instrumente, mit denen Joshua die Mauern von Jericho zum Einsturz brachte, so Nemtsov, seien keine Posaunen gewesen, sondern Widderhörner, deren Klang schwer ­erträglich sein könne. Er wolle vermitteln, dass jüdische Musik sich nicht reduzieren lässt auf gängige Klangbilder.

Jascha Nemtsov hat sich gleichermaßen als Solist und hervorragender Kammermusiker einen Namen gemacht. Von 1965 an lebte er in Leningrad. Er absolvierte dort die Spezialmusikschule und setzte danach seine musikalische Ausbildung am St. Petersburger Staatlichen Konservatorium fort. 1992 kam er als sogenannter Kontingentflüchling nach Deutschland.

Das Repertoire des Pianisten ist ­außerordentlich breit und vielseitig: neben den klassisch-romantischen Werken widmet er sich besonders der Musik des 20. Jahrhunderts bis hin zum 21. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf russischer Musik, unter anderem auf der von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, Vsevolod Zaderatsky und Mieczyslaw Weinberg. Außerdem gestaltete er mehrere Programme mit Werken von jüdischen Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Bis jetzt nahm Jascha Nemtsov insgesamt 26 CDs mit zahlreichen Weltersteinspielungen auf.

Ein weiteres Spezialgebiet ist die jüdische Kunstmusik Anfang des 20. Jahrhunderts, die er gleichermaßen als Pianist und als Musikwissenschaftler wiederentdeckt hat. Der Musiker gibt Konzerte als Solist und in verschiedenen Kammermusikformationen in Europa, Nordamerika, Israel und Russland. Er ist nebenbei ein begnadeter Erzähler und begleitet seine Konzerte oft mit lebendigen Kommentaren.

Der Lehrstuhl für Geschichte der jüdischen Musik ist eine Besonderheit, denn er ist der erste seiner Art in Europa. Damit wird Weimar Teil eines Netzwerkes, des Zentrums für jüdische Studien Berlin-Brandenburg, wo Rabbiner und Kantoren ausgebildet werden. Während die theologische Ausbildung am Geiger-Kolleg Potsdam erfolgt, ist Nemtsov der Mann für die musiktheoretische Ausbildung. Er promovierte 2004 und wurde 2007 habilitiert.

Sein Lehrstuhl ist, anders als die theologische Ausbildung, nicht konfessionell gebunden. Das bedeutet, dass die Geschichte der jüdischen Musik, die weit über ihr eigentliches Fach hinausweist, ein Angebot ist, das allen Studierenden der Weimarer Hochschule zur Verfügung steht. Das Interesse dafür, so Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Hochschule, sei jetzt schon beträchtlich.

Ein einzigartiger Musikkosmos, so nennt der neue Lehrstuhlinhaber Jascha Nemtsov das reiche Programm in Weimar. Seine Professur sei in Europa einmalig und es gebe nur noch in Jerusalem eine vergleichbare Disziplin.

Ein großer Teil der jüdischen Musiktradition sei durch den Holocaust zerstört und verdrängt worden, sagte er bei seiner Antrittsvorlesung. Jetzt gelte es, diese Schätze zu finden, zu heben und erklingen zu lassen.

Victor Virtus

»Gemeinden sind ›walpurgisfreie‹ Räume«

29. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Propst Christoph Hackbeil sieht das Hexentreiben zunehmend kritisch

Zehntausende Teilnehmer erwartet der Harzer Tourismusverband auch in diesem Jahr zu den Walpurgis­feiern. Sie finden in mehr als 20 Harzorten und natürlich auf dem Brocken selbst statt. Harald Krille sprach darüber mit Regionalbischof Christoph Hackbeil.

Herr Hackbeil, in wenigen Tagen sind im ganzen Harzgebiet wieder die Hexen los. Beunruhigt Sie das?
Hackbeil:
Ich beobachte das mit einem wachen und zunehmend auch kritischen Interesse. Die Walpurgis­feiern als Volksfeste haben einen sehr langen historischen Hintergrund. In diesen Feiern lebte ein Überrest der heidnischen Naturreligion unserer Vorfahren weiter. Sie wurden offensichtlich von der damaligen mittel­alterlichen Kirche zugelassen. Man ließ das Treiben gewähren, wie man auch den Karneval nicht verboten hat. Allerdings gibt es heute noch weitergehende Entwicklungen, die es sich lohnt, kritisch anzuschauen.

Kritischer Beobachter: Christoph Hackbeil ist Regionalbischof der Propstei Stendal-Magdeburg. Foto: EKM

Kritischer Beobachter: Christoph Hackbeil ist Regionalbischof der Propstei Stendal-Magdeburg. Foto: EKM

Um welche Entwicklungen geht es dabei?
Hackbeil:
Da ist zum einen besonders in den Großstädten eine Zunahme des Neuheidentums zu beobachten. Von daher kommen Menschen aus allen Teilen Deutschlands in den Harz, nicht nur um ausgelassen zu feiern, was ja einer der Hauptaspekte der ­traditionellen Walpurgisfeiern ist, sondern um bewusst religiöse Feiern durchzuführen. Da gibt es etwa einen Verein in Düsseldorf, der heißt »Die Düsselhexen«, die regelmäßig nach Wernigerode kommen. Das ist ein Phänomen, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

Und was stört Sie noch?
Hackbeil:
Walpurgis ist ein großflächig beworbenes Mega-Event der Tourismusbranche geworden. Diesem Event kann man praktisch im Harz nicht entkommen. Da gibt es schon beispielsweise in manchen Kindergärten einen Gruppendruck, dass zu Walpurgis alle als Hexe oder Teufel angezogen kommen sollen. Und das macht dann christlichen Eltern, die diese heidnischen Bräuche bewusst ablehnen, zunehmend Probleme. Dazu kommt, dass man bei der Werbung nicht unterscheidet zwischen den Hexen und dem Teufel. Die satanischen Elemente sind in der Werbung deutlich im Vormarsch.

In mittelalterlichen Zeiten wurden die sogenannten Hexen ja auch von der Kirche gern als Dienerinnen Satans bezeichnet …
Hackbeil:
Da hat die Kirche ganz sicher große Schuld auf sich geladen. Wobei man bei genauerer Untersuchung der Prozesse vor allem im 17. Jahrhundert immer wieder feststellt, dass es zumeist nicht die Kirchen waren, die Menschen wegen ­Hexerei anklagten. Der Hexenwahn war eher ein Phänomen der Gesamtgesellschaft, oft durch ökonomische und soziale Probleme ausgelöst. Zum Beispiel wurden im Dorf Drübeck bei Wernigerode einst sechs sogenannte Hexen aufgrund familiärer Zerwürfnisse denunziert und verbrannt. Dass es dabei Frauen traf, liegt sicher an der Frauenfeindlichkeit der damaligen Zeit, die die Kirche natürlich mitgetragen hat. Wenn man heute den historischen Hexenwahn in diesen Feiern übergeht und Walpurgis mit Satan in Verbindung bringt, verteufelt man die zu Opfern gewordenen Frauen erneut.

Worin sehen Sie in diesem Zusammenhang die konkrete Herausforderung für die Kirche?
Hackbeil:
Zum einen in der selbstkritischen Aufklärungsarbeit über die Vergangenheit der Hexenverbrennungen, die man eben durch solche Walpurgis-Events bagatellisiert. Zum anderen müssen wir die Entwicklung in der heutigen religiösen Szene sehr ernst nehmen und als Gesprächspartner für suchende Menschen zur Verfügung stehen. Aber wir sind auch das frohe Bekenntnis schuldig, dass Jesus Christus uns aus der Macht des Bösen befreit hat. Und Satan ist ja der zusammenfassende Begriff des personifizierten Bösen. Und ganz praktisch sind unsere Kirchengemeinden glücklicherweise »walpurgisfreie« Räume, die es Menschen ermöglichen, Distanz zu dem ganzen Rummel zu gewinnen.

Mein Kampfplatz für den Frieden

28. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Mein Kampfplatz für den Frieden.« Einst war diese Losung auf Transparenten und Wandzeitungen ziemlich weitreichend gemeint. Da ging es um den Arbeitsplatz eines Werktätigen und um nichts Geringeres als den Weltfrieden. Ein paar Nummern kleiner gedacht könnte ich die Parole auch persönlich nehmen und in meinem Garten anbringen. Um dort friedlich sitzen zu können und beschaulich in die Runde zu schauen, muss vorher der Boden ­bearbeitet werden, findet der Kampf gegen Unkraut und Schädlinge statt, kann ohne Mühe und Schweiß nichts werden. Mein Kampfplatz für den Frieden. Aber das Ziel ist realistisch ganz im Unterschied zum Weltfrieden, der leider mehr braucht als ein vorbildliches Berufsethos.

Christine Lässig

Christine Lässig

Allerdings ist der grüne Friede hinterm Haus bedroht vom Unfrieden auf dieser Welt. Johann Rist (1607–1667), Dichter, Gärtner, Apotheker und Pfarrer in Wedel bei Hamburg, hat dies schmerzlich erfahren. Im Dreißigjährigen Krieg zerstörten schwedische Soldaten den berühmten Südergarten, das bewundernswerte Ergebnis seiner Gartenkunst und langjährigen Sammlerleidenschaft. Dieser Ort des Friedens für ihn, seine Gemeindeglieder und Gartenfreunde wurde ein Opfer des Krieges wie viele andere von langer Hand angelegte Parkanlagen, Obstbaumwiesen und Hausgärten. Sicherlich wiegt das nicht so schwer wie der Tod von Menschenleben, aber wer wie Rist den Garten liebt, versteht seine Trauer.

Gärten geben Frieden, aber sie brauchen ihn auch für Wachstum und Gedeihen. So sind sie zum Inbegriff für friedliche ­Zeiten geworden: »Denn ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten anlegen und Früchte daraus essen«, so der Prophet Amos. Johann Rist hat nach der Zerstörung unverdrossen wieder von vorn angefangen: »Auf, ihr Gärtner, senket Reben, / Impfet Bäume mancher Art, / Pflanzet Kraut und Obst daneben, / Das sich fein zusammenpaart. / Lasset an einander wohnen / Rosen, Liljen, Nägelein, / Hyazinthen groß und klein, / Tulipen und Anemonen, / Daß ihr ja den Friedenschatz / Schön bekränzet auf dem Platz!«

Christine Lässig

Geld ohne Arbeit? Ein Modellversuch

23. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Herbert Jauch organisierte in Otjivero in Namibia ein Leben mit dem bedingungslosen Grundeinkommen

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wird in Kirchen, Parteien und Gewerkschaften kontrovers diskutiert. In einem Dorf in Namibia war es über vier Jahre lang Realität. Renate Wähnelt sprach mit dem ­Gewerkschafter Herbert Jauch auf seiner Vortragsreise durch Deutschland.

Warum bekamen die etwa 1000 Einwohner von Otjivero ab 2008 ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Jauch:
Es gibt in Namibia schlicht nicht genug Lohnarbeit. Eine von der Regierung eingesetzte Steuerkommission hatte 2002 als Lösungsmöglichkeit für die Probleme ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle empfohlen. Das traf auf viel Skepsis, ­sodass die Kirche, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften die Grundeinkommens-Koalition gründeten und es einfach in einem Dorf zwei Jahre lang ausprobierten. In Otjivero, 120 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt, herrscht brutalste Armut.

Der Gewerkschafter Herbert Jauch lebt seit 1988 in Namibia, war Mitglied der Namibischen Grundeinkommenskoalition und begleitete das Modellprojekt von Otjivero. Foto: Viktoria Kühne

Der Gewerkschafter Herbert Jauch lebt seit 1988 in Namibia, war Mitglied der Namibischen Grundeinkommenskoalition und begleitete das Modellprojekt von Otjivero. Foto: Viktoria Kühne

Konnte das Grundeinkommen die beseitigen?
Jauch:
Spürbar mildern. Jeder, ob Baby oder Erwachsener unter 60 Jahre – ab 60 bekommt jeder Namibier eine Rente – erhielt 100 Namibische Dollar pro Monat, das sind knapp zehn Euro. Binnen eines Jahres sank die Arbeitslosigkeit von 60 auf 45 Prozent, weil die Leute in größerem Umkreis Arbeit suchen konnten oder kleine Betriebe aufmachten, schneiderten, Brötchen backten, Schuhe flickten. Denn plötzlich gab es dafür einen Markt. Fast alle Schüler beendeten das Schuljahr. Vorher nur gut die Hälfte, weil sie zu hungrig waren, um dem Unterricht zu folgen. Die Leute waren weniger krank, weil sie jetzt Geld hatten, um zum Arzt zu gehen. Das kostet zwar wenig, aber selbst die paar Cent fehlten. Die Kriminalität sank, weil Vieh- und Feuerholzdiebstahl nicht mehr nötig waren.

Das Modellprojekt ging in eine zweijährige Verlängerung, für die es Spendenaufrufe gab. Im letzten Jahr lief es aus. Sind die Effekte nachhaltig?
Jauch:
Manche der Verbesserungen konnten sich noch halten. Aber die Armut und Abgelegenheit des Dorfes sind so groß, dass es noch keine selbsttragende Entwicklung geben konnte.

Namibia führte trotz positiver Effekte und entgegen der Anfangsplanung das Grundeinkommen nicht im ganzen Land ein, warum?
Jauch:
Ich vermute zwei Gründe: ein konservatives Menschenbild. Das beschrieb auch der Präsident, als er sagte, das bedingungslose Grundeinkommen mache die Menschen faul, nehme den Anreiz zum Arbeiten. Und gegen den Präsidenten sagt in Namibia kaum einer etwas. Und zweitens kam Widerstand von außen. Weltbank und Internationaler Währungsfonds sind dagegen und berechneten die Kosten falsch, zu hoch, haben beispielsweise die Rentner einbezogen, und halten trotz unseres Hinweises daran fest.

Warum soll das Grundeinkommen bedingungslos an alle gezahlt werden, ohne Rücksicht auf die Bedürftigkeit?
Jauch:
Die Prüfung der Bedürftigkeit ist teurer, als wenn es auch Reiche kriegen. Von denen holt es sich der Staat elegant mit der Steuer zurück. Und wenn sie nach Bedürftigkeit zahlen, aber jemand verdient dazu und kommt über die Grenze, dann nehmen sie es ihm weg – bestrafen ihn dafür, dass er arbeitet. Übrigens habe ich als Gewerkschafter anfangs auch meine Zweifel gehabt und geglaubt, es ginge nur über Arbeitsplätze, damit die Leute ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Und was hat Sie überzeugt?
Jauch:
Die Idee kam aus der evangelischen Kirche in Namibia. Mit Bischof Kameeta habe ich viel diskutiert. Zur Armutsbekämpfung macht das Sinn, stellte ich fest, da sehr viele Menschen in einer Familie von nur einem Lohnarbeiter abhängig sind. Es ist keine ­alleinige Maßnahme, der Kampf um einen Mindestlohn und strukturelle wirtschaftliche Veränderungen muss weitergehen.

Über ein Grundeinkommen auch in Deutschland wird diskutiert. In Otjivero hatte es positive Effekte – aber lässt sich das übertragen?
Jauch:
Nicht hinsichtlich der wirtschaftlichen Möglichkeiten und der Höhe. In den Industrieländern ist einfach eine andere Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht. Es ist hier niemand damit vollauf beschäftigt, Nahrung für den nächsten Tag zu ­beschaffen. Übertragbar aber ist das Prinzip, dass das Notwendigste finanziell abgedeckt ist. Ohne Abhängigkeit von Lohnarbeit entfaltet das Grundeinkommen hier wie da ein wichtiges emanzipatorisches Element: Die Menschen können sich entscheiden, etwas zu lassen oder vor allem das zu tun, wofür sie Talent haben. Eine Frau in Otjivero musste nicht mehr mit ­verdienenden Männern schlafen, um ihre Familie ernähren zu können. Eine andere konnte einen schlechten Job aufgeben und sich einen besseren ­suchen. Das bedingungslose Grundeinkommen eröffnet Möglichkeiten. Es kann ein Baustein für eine andere Gesellschaft sein.

Hintergrund: »BGE«

Nach dem Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) soll jedem Bürger unabhängig seiner eigenen wirtschaft-lichen und sozialen Lage eine ­gesetzlich festgelegte Geldsumme ohne Gegenleistung vom Staat zur Verfügung gestellt werden. Deren Höhe soll in der Regel die ­Existenzsicherung garantieren. ­Entsprechende Ideen und Modellversuche werden seit Jahrzehnten weltweit immer wieder kontrovers diskutiert.
Auch beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg vom 1. bis 5. Mai beschäftigen sich verschiedene Veranstaltungen mit dem BGE. Darunter am 4. Mai von 14.30 Uhr bis 16 Uhr eine öffentliche Diskussion auf der Bühne am Rathausmarkt.

www.grundeinkommen.de

Ausgezeichneter Kirchenraum

23. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Taufzentrum in der Lutherstadt Eisleben erhielt den Architekturpreis

Macht Luther innovativ? Es scheint so. Die Umgestaltung der St.-Petri-Pauli-Kirche in Eisleben zum Zentrum Taufe war ein Experiment. Und wie es scheint ein gelungenes. Längst sind fast alle kritischen Stimmen verstummt. Ein Jahr nach der Fertigstellung dominiert der Optimismus. Jetzt eine zusätzliche Aufwertung. Der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013 ging nun an den Sakralbau. Das Projekt behauptete sich unter 60 Bewerbungen.

Am 12. April wurde der Preis in Magdeburg überreicht.

Blick in die St.-Petri-Pauli-Kirche in der Lutherstadt Eisleben. Foto: Klaus-Peter Voigt

Blick in die St.-Petri-Pauli-Kirche in der Lutherstadt Eisleben. Foto: Klaus-Peter Voigt

Zum zweiten Mal bei einer solchen Ehrung, die alle drei Jahre vergeben wird, ist der Reformator mit im Spiel. 2007 war es das Luthergeburtshausensemble, dass von der Jury ausgewählt wurde. Nun hat die Umgestaltung seiner Taufkirche nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros AFF überzeugt. »Es fällt nicht leicht, einen auratischen Raum wie die ­Hallenkirche St.-Petri-Pauli in seiner räumlichen Wirkung noch zu steigern«, heißt es in der Begründung der Jury. Den Architekten gelinge dies mit vergleichsweise einfachen, jedoch weitreichenden Eingriffen. So prägt das in seiner Dimension bescheidene Taufbecken den kompletten Kirchenraum. Konzentrische Kreise gehen von dort aus, setzen den Eindruck vom sich leicht bewegenden Wasser fort. Der symbolhafte Eindruck schafft Effekte. Selbst die fast experimentelle Ausstattung des Fußbodens der ­Kirche mit Beton ordnet sich diesen Gedanken unter. Eine opulente Beleuchtung, eine Bestuhlung mit modernen Kirchenbänken und das in sich geschlossene Gesamtkonzept schaffen einen eindrücklichen Sakralraum.

Für die Architekten ist dieser Fußboden ein zentrales Element. Die ­Fläche aus oberflächenbehandeltem Beton schlägt zeitlich eine Brücke in die Gegenwart und stellt räumlich eine Verbindung der wichtigsten Raumteile dar. Chor und Kirchenhalle werden stufenlos zusammengeführt.

Pfarrerin Simone Carstens-Kant weist besonders auf den einzigen Taufbrunnen in einer evangelischen Kirche in Deutschland hin. Er wurde während der Sanierungsarbeiten in den Boden eingelassen und bildet mit seiner modernen Form einen reizvollen Kontrast zur dreischiffigen Hallenkirche aus dem Mittelalter. 14 Taufen gab es im ersten Jahr im neuen Zentrum, davon zwei im Brunnen, berichtet sie. Das widerlege die beim Projektstart geäußerten Befürchtungen, es entstehe möglicherweise so etwas wie ein Tauftourismus. Wer sich für den Schritt entschließt, der soll das nicht losgelöst von seinem Lebensumfeld machen. »Wir wünschen uns, dass potenzielle Täuflinge Gläubige aus ihrer Gemeinde und natürlich ihre Familie mitbringen, um das Gemeinschaftsgefühl zu betonen«, sagt die Pfarrerin.

Zunehmend kommen »ganz normale« Besucher in die verlässlich geöffnete Kirche. Seit April 2012 waren es schätzungsweise 26000, im Jahr vor der Umgestaltung etwa 15000. Im Moment erleben sie noch eine Baustelle. Im Blick auf das ­Reformationsjubiläum 2017 sollen bis zum kommenden Jahr das Dach und die Fassade grundlegend saniert werden.

Im Vorgängerbau der St.-Petri-Pauli-Kirche wurde Luther 1483 getauft. Der mächtige Turm blieb bei den späteren Veränderungen erhalten, das Schiff wurde deutlich vergrößert. Unter anderem findet sich heute wieder der Taufstein des Reformators in dem Gotteshaus. Viele Jahrzehnte stand er in einem Garten, war Wind und Wetter ausgesetzt. Die ­erhaltenen Rudimente bilden heute den Kern einer schlichten Rekonstruktion.

Klaus-Peter Voigt

Die Armen bleiben die Betreuten

22. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ehrenamt: Immer mehr Menschen engagieren sich in der Kirche – allerdings vor allem aus der Mittelschicht

Beim Ehrenamt sind die ­Kirchen in Deutschland Spitze. Das ergibt eine neue Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), die dieser Zeitung vorab vorliegt. Über die ­Ergebnisse sprach Benjamin Lassiwe mit SI-Direktor ­Gerhard Wegner.

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Foto: Photo-K/Fotolia.com

Herr Professor Wegner, wie geht es dem Ehrenamt in der evangelischen Kirche?
Wegner:
Im Ganzen ist die Situation gleichbleibend positiv: Immer mehr Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche. Und wir ­erleben eine insgesamt große Zufriedenheit der Ehrenamtlichen mit ihrer Kirche. Es hat sich eine Menge Gutes getan in diesem Bereich. Als wir vor fünf, sechs Jahren die erste Studie zum Thema Ehrenamt gemacht hatten, gab es noch eine erhebliche Unzufriedenheit und Kritik – etwa zur Informationsweitergabe und dem Verhältnis von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das hat sich alles gebessert.

Wo ist das Ehrenamt in der Kirche stark?
Wegner:
Vor allem in den Gemeinden: 70 Prozent der 2,2 Millionen ­Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche sind direkt in einer Gemeinde tätig. Das sind enorme Zahlen. Und gerade die älteren Menschen, wo wir die ­Zuwächse bei den Ehrenamtlichen haben, sind ganz überwiegend in den Gemeinden tätig.

Was bedeutet Ehrenamt für Kirche?
Wegner:
Das Ehrenamt ist die Basis der Kirche. Die Hauptamtlichen sind dazu da, die Ehrenamtlichen zu qualifizieren und zu fördern. Kirche ist im Sinne des Priestertums aller Gläubigen eigentlich eine Sache der Mitglieder – und viele Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Und dass die Zahl der Ehrenamtlichen in den Gemeinden immer weiter steigt, führt dazu, dass die Situation in den Gemeinden immer lebendiger wird.

Früher fühlten sich Ehrenamtliche oft nicht genug wertgeschätzt. Wie ist das heute?
Wegner:
Das hat sich vielfach geändert. In den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren eine Anerkennungskultur entwickelt: Man sagt den Ehrenamtlichen auf besonderen Veranstaltungen »Danke« oder vermittelt ihnen den Ehrenamtspass einer Kommune. Ohnehin lebt das kirchliche Ehrenamt ja nicht davon, dass Menschen dafür gedankt wird: Es lebt von der Angebundenheit der Menschen an die Kirche. Es lebt von der Nähe der Menschen zu christlichen Werten: Wer sich dem christlichen Glauben verbunden fühlt, engagiert sich auch mehr.

Gilt das nur für die Kirche?
Wegner:
Nein. Wir können deutlich zeigen, dass Menschen, die sich in der Kirche engagieren, auch stärker in anderen Bereichen der Gesellschaft engagiert sind. In politischen Parteien, in Gewerkschaften, in karitativen Organisationen sind Christen stärker engagiert als Konfessionslose. Das ist statistisch belegbar und ein großer Schatz für die Gesellschaft.

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Professor Gerhard Wegner leitet das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD. Für die aktuelle ­Studie wurden 1878 Ehrenamtlichen aus 1353 ­Kirchengemeinden befragt. Foto: epd-bild

Überlasten sich die Menschen gerne auch für ­andere?
Wegner:
Wir haben in unseren Studien festgestellt, dass sich jeder Ehrenamtliche in der Kirche im Schnitt in vier Ehrenämtern engagiert. Der Trend geht dahin, dass Einzelne mehrere Ehrenämter ausfüllen. Wer eine Sache macht, hat Spaß dran, findet darin Bestätigung und macht noch mehr. Worauf man achten muss, ist, dass das nicht zu heftig wird – wenn einzelne Ehrenamtliche so viele Tätigkeiten anhäufen, dass sie zu kleinen Pastoren werden, dann ist das eine Fehlentwicklung.

Aus welchen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Ehrenamtlichen?
Wegner:
Das Ehrenamt ist quer durch die Gesellschaft eine Domäne von Menschen, die eine höhere Bildung haben, und eher besser verdienen. Das ist ein Paradox und ein Problem: Wer ohnehin schon mehr Anerkennung bekommt als andere, kriegt das dann auch noch durchs Ehrenamt.

Hat nicht die Kirche den Anspruch, für die Armen da zu sein?
Wegner:
Das stimmt. Das Problem, wie man Arbeitslose, Arme und ­Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft für das Ehrenamt ­gewinnt, ist vorhanden – und in der Kirche nicht gelöst. Frische Blumen auf den Altar stellen oder im Gottesdienst die Kollekte einsammeln kann eigentlich jeder. Dafür braucht es keine Ausbildung. Trotzdem erreichen wir auch im Bereich des Ehrenamts nur Menschen aus einer bestimmten sozialen Schicht.

Aber die Kirche steht doch über ihre Diakonie mit zahllosen Armen im Kontakt?
Wegner:
Arme Menschen werden von unseren Gemeinden und Einrichtungen betreut, sie werden aber nicht ­eingeladen, mitzumachen. Bisher ist nicht zu erkennen, dass sich die Kirche wirklich darum bemüht, solche Menschen im Sinne des »Priestertums aller Gläubigen« einzubinden. Es wäre eine wichtige diakonische Aufgabe der Kirche, hier für mehr Teilhabe
zu sorgen.

Die Ergebnisse der Studie sind unter Projekte/abgeschlossene Projekte auf der ­Internetseite des Sozialwissenschaftlichen Instituts:

www.si-ekd.de

Rente für Ehrenamtliche?

Der Wirtschaftsprofessor Stephan Thomsen schlägt vor, ehrenamtlichen Helfern eine steuerfinanzierte Rente für ihre freiwillige Arbeit zu zahlen. Damit könne das Ehrenamt attraktiver werden, sagte der Direktor des in Hannover ansässigen Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der demografische Wandel führe dazu, dass die Menschen immer weniger Zeit hätten, sich freiwillig zu engagieren. Ehrenamtliche Arbeit habe jedoch eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Deshalb müsse sich die Gesellschaft in Form eines finanziellen Anreizes solidarisch zeigen, forderte der Forscher in dieser Woche am Rande des Frühjahrsempfangs der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Ein Rentenanspruch auf ehrenamtliche Arbeit könnte auf die persönliche ­Altersrente angerechnet werden und sollte aus Steuern finanziert werden. Vorbild für die Höhe könnten die Minijobs sein. Bei einer 40 Jahre dauernden Freiwilligenarbeit könnten so bis zu 200 Euro Ehrenamtsrente gezahlt werden: »Das Ehrenamt bleibt somit Ehrenamt, weil die Arbeit nicht direkt in der ­Gegenwart vergütet wird.«

(epd)

»Castingshow« für Konfirmationssprüche

21. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Konfirmandin überlegt, welcher Bibelvers am besten zu ihr passen könnte

Für viele Jugendliche ist die Konfirmation ein aufregendes Erlebnis. Erst der Unterricht, dann die Vorbereitung auf den Festtag: Von der Kleidung über die Gäste bis hin zum Konfirmationsspruch.

Eine 14-jährige Konfirmandin berichtet, welche Gedanken sie beschäftigen.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen, mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Lisa stößt ein triumphierendes Lachen aus und fällt dabei fast vom Fahrrad. »Ich kann ihn!«, jubelt sie und grinst mich auffordernd an. »Jetzt du!«

So geht das seit Wochen: Psalm 23, Vaterunser, Glaubensbekenntnis. Jeden Morgen auf dem Schulweg fragen wir einander gnadenlos ab. Und das ist auch bitter nötig: Nur noch wenige Konfirmanden-Treffen einschließlich der Prüfung, dann werden wir endlich konfirmiert. Dabei gibt es noch so viel zu besorgen und zu organisieren! Welches Kleid? Wie feiern? Alles hoch dramatisch.

Doch eine Frage beschäftigt mich ganz besonders: Welcher Konfirma­tionsspruch? Ich habe die Bibel und das Internet durchforstet und die Hälfte meiner Verwandtschaft um Rat gefragt. Nun liegt eine Liste von neun Sprüchen über Glauben, Liebe und Leben vor mir.

Ich versuche, so etwas wie eine Vorentscheidung durchzuführen. Eine »Castingshow« für Konfirmationssprüche. Kriterien für die Kandidaten: Mein Konfirmationsspruch sollte sich gut anhören, zu mir und meinem Lebensgefühl passen und meinen Glauben wiedergeben. Doch da taucht schon das erste Problem auf. Was ist eigentlich mein Glaube?

Ich erinnere mich an die Zeit vor anderthalb Jahren, als der Konfir­mationsunterricht für mich begann. Damals befand ich mich in einer ziemlich kritischen Phase, was den Glauben anging. Ich war in meiner Kindheit immer fest von Gott ausgegangen, doch als diese sich langsam dem Ende neigte, bröckelte auch mein vertrauensvoller Glaube nach und nach dahin.

Foto:Sascha Bergmann – Fotolia.com

Foto:Sascha Bergmann – Fotolia.com

Dies sollte sich erst ein halbes Jahr später wieder ändern, als unsere Gruppe zum »Konficamp« aufbrach – einer einwöchigen Konfirmationsfreizeit im sommerlichen Berlin. Tagsüber machten wir spannende Aktionen zu verschiedenen kirchlichen Themen wie Jesus, Gottes Liebe, das Alte Testament und Vergebung, aber auch Persönliches wie »mein Lebensweg« oder »meine Vorstellung von Gott«. Auch für Spaß und Freizeit war gesorgt und unsere Gruppe wuchs eng zusammen. Ich weiß nicht genau, woran es lag, aber danach war meine Begeisterung für den christlichen Glauben wieder geweckt. Die alten Propheten würden vielleicht ­sagen: »Der Heilige Geist hat mich ­ergriffen.«

Nach unserem Krippenspiel zu Weihnachten (in dem ich den bösen Herodes spielte) ging es bereits in ­großen Schritten auf die Konfirmation zu. Der letzte lange Unterrichtsblock, die letzte wirkliche Stunde, bald die letzte Prüfung und schließlich der letzte und zugleich größte gemeinsame Tag als Gruppe: die Konfirmation.

An diesem Tag werde ich mich, wird jeder Einzelne von uns sich zu Gott bekennen. Wir werden überzeugte, selbstentschiedene Christen sein. Je länger ich darüber nachdenke, desto skeptischer werde ich. Kann ich mich zu einem Gott bekennen, an dem ich manchmal zweifle? Kann ich mich konfirmiert nennen, wenn ich so vieles nicht begreifen kann? Hm. Ja, ich glaube schon. Ich glaube, ich muss nicht aufhören zu zweifeln, um eine Christin zu sein. Das wäre gegen die Sache mit dem freien Willen. Und auch irgendwie unmenschlich. Selbst in der Bibel heißt es ja, dass wir Gott nicht begreifen können. Dazu ist er zu groß. Aber eines Tages werden wir es mit eigenen Augen sehen, und sei es nach unserem Tod.

Was ich allerdings jetzt schon sehe oder besser gesagt spüre, sind meine Gefühle: Liebe, Schmerz, Trauer, Wut, Hoffnung, Freundschaft, Glück … Und ich kann mir nicht vorstellen, wie diese Emotionen in einer rein naturwissenschaftlichen Welt entstehen könnten. Ebenso wie die Musik. Ich glaube, das ist der Kern meines Glaubens: Dass es etwas gibt, das uns zu mehr macht als Maschinen aus Fleisch und Blut. So viel zum Glauben.

Jetzt komme ich zum Lebensgefühl. Tja. Das ist schwierig zu beschreiben, vor allem weil es so häufig wechselt. In meinem Leben gab es ­bereits viel Glück, tolle Menschen und viele schöne Momente, aber auch sehr dunkle Zeiten, Verzweiflung und Trauer. Begeisterung und Mitgefühl spielen eine große Rolle, ebenso wie die Liebe.

Ich werde wohl alle neun Sprüche wieder und wieder durchgehen. Und ich werde mit meinen Eltern und Freunden reden. Ehrlich gesagt bin ich selbst gespannt, für welchen Vers ich mich dann entscheide.

Leonie Rosenstock

»Wir müssen an unserem Profil arbeiten«

16. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweden: Besonders im Süden des Landes fordern Freikirchen die lutherische Staatskirche heraus

Freikirchen beflügeln seit Langem das religiöse Leben in der Region Småland. Als Zentrum des »Bibelgürtels« gilt dabei Jönköping – auch »Smålands Jerusalem« ­genannt.

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Im Städtchen Vetlanda, zwischen Ostsee und der Südspitze des Vättersee gelegen, ist der Begriff Bibelgürtel wörtlich zu nehmen, jedenfalls wenn man der Beschreibung von Pfarrer Peter Åström auf der Karte folgt. Wie ein breiter Gürtel ziehen sich die Glaubensgemeinschaften vom Osten bis in den Nordteil der Stadt: vom Bibelcenter der neuen Pfingstgemeinde vorbei an der Missionskirche ins Stadtzentrum zur alter Pfingstgemeinde und der Heilsarmee. Auf der anderen Bahnhofsseite vorbei an Freier Gemeinde und Allianzkirche. Schließlich endet der Gürtel nördlich der Methodisten beim Gemeindehaus der Schwedischen Kirche. Hier sitzt Pfarrer Peter Åström und rechnet zusammen: auf knapp 13000 Einwohner kommen acht verschiedene Glaubensgemeinschaften; Zeugen Jehovas und syrisch-orthodoxe Kirche ausgenommen.

Die Gemeinde Vetlanda, zu der Åströms Kirchspiel gehört, ist tiefes Småland, umgeben vom ganzjährigen Grün der Nadelwälder. Laut einer Untersuchung der Schwedischen Kirche besuchte hier an einem normalen Wochenende im Herbst 1999 rund ­jeder Sechste Einwohner (mehr als 16 Prozent) einen Gottesdienst in einer der Glaubensgemeinschaften. Im Regierungsbezirk Jönköping, zu dem Vetlanda gehört, waren es ähnlich viele. Der schwedische Durchschnitt lag dagegen gerade einmal bei 6,2 Prozent.

Herrnhuter Pietisten brachten die Erweckung

Der südschwedische Bibelgürtel mit Zentrum in Jönköping, auch »Smålands Jerusalem« genannt, ist kein Phänomen der Schwedischen Kirche, sondern eines der zahlreichen Freikirchen. Sie entstanden im 18. Jahrhundert infolge der schwedischen Erweckungsbewegung. Herrnhuter Pietisten waren es, deren Schriften Laien dazu ermutigten, Gottes Wort in kleineren Kreisen zu predigen. Aus Angst um den eigenen Status verbot die Schwedische Kirche diese Treffen ­zunächst. Trotzdem machten ein paar engagierte Laienprediger weiter. Nachdem das Verbot 1858 aufgehoben wurde, bildeten sich im Laufe weiterer Jahrzehnte mehrere Freikirchen und kirchennahe Gemeinden heraus, die bis heute bestehen. Doch warum sich der Bibelgürtel ausgerechnet hier gebildet hat, wagt keiner mit Sicherheit zu sagen.

Wirtschaftliche Gründe vermutet Curt Dahlgren, emeritierter Professor am Zentrum für Theologie und Religionsgeschichte in Lund: »Es gab damals viel kleinteilige Industrie in Småland. Vielleicht sind Unternehmertum und Freikirchlichkeit ja Hand in Hand gegangen im Sinne von Selbstständigkeit, die sich gegen die Schwedische Kirche durchsetzte.«

Wo auch immer der schwedische Bibelgürtel seine Ursprünge hat, es gibt Dinge, die hier bis heute anders laufen. Das erfuhr auch Pfarrer Peter Åström, als er vor fünf Jahren seine Stelle in Vetlanda antrat. In seinen vorherigen Gemeinden, nahe der Stadt Kalmar und auf der Insel Öland, war er als Pfarrer der Schwedischen Kirche erster Ansprechpartner zum Beispiel wenn Polizei oder Krankenpflege dringend einen Seelsorger brauchten. »Hier sind die Freikirchen in mancher Hinsicht tonangebender. Mein Kollege von der Missionskirche ist schon seit 1986 hier. Den kennen alle, also wird er natürlich zuerst angerufen.« Dennoch sieht Åström die Gemeindevielfalt in Vetlanda positiv. »Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern im Gegenteil führt diese Ökumene doch dazu, dass wir alle ein bisschen deutlicher an unserem Profil arbeiten müssen.«

Religiosität färbt auch auf die Staatskirche ab

In Vetlanda gibt es, genau wie in Jönköping und Huskvarna, auch den Rat zur christlichen Zusammenarbeit, in dem sich die Pfarrer aller acht Gemeinden einmal im Monat treffen und austauschen oder beispielsweise den jährlichen ökumenischen Freiluftgottesdienst planen. Dass die Freikirchen das religiöse Leben in Småland ­ins­gesamt anregen, davon können auch die vielen ehrenamtlichen Helfer in Åströms Gemeinde zeugen. Rund 20 Jugendliche und noch einmal so viele Senioren engagieren sich regelmäßig in der kleinen Gemeinde. Und: Auf etwa 10500 Gemeindeglieder kommen rund 70 Konfirmanden. Der schwedische Bibelgürtel, er bleibt eben ein Phänomen für sich.

Maxie Hochmuth

Vorläufer der Klassik

16. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 325. Geburtstag von Johann Friedrich Fasch

Er war ein Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach und gilt als Vorläufer der musikalischen Klassik: Johann Friedrich Fasch, der am 15. April 1688 in Buttelstedt (nördlich von Weimar) das Licht der Welt erblickte und am 5. Dezember 1758 in Zerbst verstarb, wo er 36 Jahre das Amt des Hofkapellmeisters ausübte. Anlässlich seines 325. Geburtstages wird dort vom 18. bis 21. April zu den 12. Internationalen Fasch-Festtagen eingeladen. Zu den Höhepunkten gehört dabei das Konzert des Dresdner Kreuzchors am 20. April (18 Uhr, Trinitatiskirche). Außerdem erfolgt am 21. April die Enthüllung eines Gedenksteines (11.30 Uhr, Neuen Brücke).

Johann Friedrich Fasch

Johann Friedrich Fasch. Bildnachweis: akg-images

Die früheste biografische Nachricht über Fasch findet sich 1732 im »Musikalischen Lexicon« des Weimarer Stadtorganisten Johann Gottfried Walther, dem zu entnehmen ist, dass sein Vater Friedrich Georg Fasch als Schulrektor in ­Buttelstedt wirkte und danach in Schleusingen und Suhl tätig war. Nach dessen frühen Tod wurde Johann Friedrich Fasch 1700 Diskantist der Hofkapelle in Weißenfels. In diese Zeit fällt die musikalische Förderung durch den Komponisten Johann Philipp Krieger und eine mögliche Begegnung mit Erdmann Neumeister, dem Begründer der Kantatenform. 1701 wechselte er als Alumne an die Thomasschule in Leipzig, wo er ab 1707 die Universität besuchte und ein Collegium musicum gründete. Weitere Lebensstationen führten ihn nach Bayreuth, Gera, Greiz und ins böhmische Lukawitz (Lukavice), bis er 1722 seine Lebensstellung als Hofkapellmeister im Dienst des Fürsten Johann August von Anhalt-Zerbst antreten konnte. Seine Hauptaufgabe war hier die ständige Bereitstellung von Kirchenmusik für die höfischen Gottesdienste in der Schlosskirche.

Hier schrieb er wöchentlich eine Kantate zur Sonnabend-Vesper und eine doppelte Kantate für die sonntäglichen Gottesdienste am Vor- und am Nachmittag. Von den vermutlich 1000 Kantaten, die seiner Feder entflossen sind, blieben nur etwa 90 erhalten. Seine Partituren versah Fasch – ähnlich wie J. S. Bach – in der Kopfzeile mit den Initialen »J.N.J.« für »Jesus Nos Juva« (Jesus hilf uns) und am Schluss mit »S.D.G« für Soli Deo Gloria (Gott allein zur Ehre).

Johann Sebastian Bach schätzte den Zerbster Kollegen so sehr, dass er eigenhändig eine Abschrift von dessen fünf Orchestersuiten anfertigte. Obwohl Fasch zu den erfolgreichen deutschen Komponisten des 18. Jahrhunderts gehörte, gelangte sein Schaffen bald wieder in Vergessenheit. Das hing sicherlich damit zusammen, dass seine Wer­ke nur in bescheidenem Umfang gedruckt vorlagen. Erst der Musikgelehrte Hugo Riemann machte an der Schwelle zum 20. Jahrhundert mit Vehemenz auf Fasch aufmerksam und wies ihm einen ebenbürtigen Platz neben Bach, Händel und Telemann zu.

Die 1991 gegründete Internationale Fasch-Gesellschaft Zerbst bemüht sich um die weitere Popularisierung seines Schaffens.

Michael von Hintzenstern

www.fasch.net

Es geht auch ohne Beet

15. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Topfgärten sind in Mode. Mit ihnen lässt sich auf kleinem Raum viel gestalten. Ob Beton oder unfruchtbarer Erdboden, ob Terrasse oder Balkon, gepflasterter Hauseingang oder Fenstersims – überall lassen sich Pflanzen ziehen. Und das nicht nur in Töpfen, sondern auch in Kisten und Kasten, in ausrangierten Suppenschüsseln, vom Holzwurm angefressenen Backmulden, geflochtenen Weidenkörben und was Flohmarkt,

Christine Lässig

Christine Lässig

Gebrauchtwarenhändler und Großmutters Dachboden noch so hergeben. Fantasie ist gefragt. Hauptsache, das Gieß- oder Regenwasser kann durch Drainage und Abzugslöcher ­ablaufen, damit keine Staunässe ­entsteht. Gar manche Blume kommt an solch herausgehobener Stelle viel besser zur Geltung. Unansehnlich Gewordenes kann beiseite gestellt, Blühendes in den Vordergrund gerückt werden. Und ein gewisser Schutz gegen Schnecken ist auch gegeben. Gegossen werden muss allerdings öfter, und die Gefäßgröße muss stimmen. Eine Kletterrose im Eimer wird nicht alt.

»Ein Garten kann eine Welt für sich werden, dabei ist ganz gleich, ob dieser Garten groß oder klein ist«
Hugo von Hofmannsthal

Gemüse oder gar Obst auf einem Balkon anzubauen, wie das überall nahegelegt wird, hat nicht allzu viel Sinn, finde ich. Es sei denn, man will Kindern demonstrieren, dass Andenbeeren auch hierzulande reifen, Möhren nicht an Bäumen wachsen und Tomaten ganz anders schmecken können. Auch wenn der rotstielige Mangold sehr attraktiv aussieht – für die Küche müssen schon andere Flächen her. Was soll da eine Apfelsäule mit zwölf Früchten, die man nicht essen mag, weil sie so schön aussehen. Oder der Kartoffelanbau im Eimer, der höchstens für zwei Mahlzeiten reicht. Wenn auf so kleinem Raum Nährwert und Zierwert im Streit liegen, ist das unbefriedigend. Hat ersterer Vorrang, ist die Zierde dahin, und im umgekehrten Falle wird es mit der Ernte nichts.

Was sich allerdings immer lohnt, sind Kräuter aller Art. Da merkt keiner, wenn ein paar Salbeiblätter im Tee landen, Rosmarinnadeln auf den Ofenkartoffeln oder Basilikum im ­Tomatensalat. Hier kann man beides genießen, ohne sich für das eine oder andere entscheiden zu müssen: die gesunde Würzkraft im Essen und den erfreulichen Anblick im Kübel.

Christine Lässig

Bildung ist mehr als nur Schule

14. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Alle fordern bessere Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche – doch wie sollen diese aussehen und was gehört zur Bildung?

Seit Jahren ist das Thema ­Bildung ein Dauerbrenner. Doch dabei geht es um mehr als nur um effektivere ­Wissensvermittlung.

Der Schock der Pisa-Studie hat hektische Diskussionen ausgelöst, wie die schulischen Leistungen verbessert werden können. Europaweite Initiativen wie der Bologna-Prozess sollen Bildungs- und Studienabschlüsse vergleichbar machen. Im Blick ist dabei vor allem die bessere und einheitliche Vermittlung von Wissen in den »Bildungsinstituten« – vom Kindergarten bis zur Hochschule.

Foto: Chepko Danil/Fotolia.com

Foto: Chepko Danil/Fotolia.com

Doch Bildung ist mehr als Schule. Für den Philosophen und Biologen Andreas Weber etwa gehört die unmittelbare Naturerfahrung, das freie Spiel und Abenteuer in Dreck und Schlamm, auf Brachflächen, Wiesen und in Wäldern, unabdingbar zur gesunden Persönlichkeitsentwicklung. »So wie Kinder ihr Modell von Menschlichkeit von jenen übernehmen, die sie lieben, so übernehmen sie von anderen Lebewesen das Gefühl gelingender Lebendigkeit. Andere Wesen, ja selbst Flüsse, Steine und Wolken lehren die Kinder eine Form der Selbsterkenntnis, die sie in einer allein menschengemachten Welt nicht erwerben können«, schrieb Weber bereits vor fast drei ­Jahren in einem Beitrag für die Zeitschrift Geo.

Doch immer mehr Eltern entziehen ihre Kinder bewusst oder unbewusst der unmittelbaren Naturerfahrung. Eine Umfrage des Marburger Natursoziologen Rainer Bremer etwa ergab, dass nur fünf Prozent der deutschen Schüler zwischen zwölf und 15 Jahren wussten, dass Hagebutten die Früchte der Rose sind. Und 25 Prozent sind noch nie über ein Stoppelfeld ­gegangen. Stattdessen beherrschen Kinder ihre Spielekonsole, surfen stundenlang im Internet. Ein Grund ist Angst und übertriebenes Schutzbedürfnis. Kein Wunder: Ob Zecken, Fuchsbandwurm oder Vogelgrippe – Natur gilt als gefährlich. Oder auch – Stichwort »Verbotsnaturschutz« – als viel zu gefährdet, um einfach darin zu toben, auf Bäume zu klettern, gar ein Baumhaus zu bauen.

Webers Resümee: »Dass Kinder sich der Natur zunehmend entfremden, hat somit das Potenzial einer ­zivilisatorischen Katastrophe.« Seine Erkenntnisse hat Weber in einem Buch mit dem provokatorischen Titel »Mehr Matsch!« zusammengefasst (siehe Buchtipp).

Alarm schlug kürzlich auch der Deutsche Bundesjugendring. Die zunehmende zeitliche Belastung von Schülern durch den Trend zur Ganztagsschule und die verkürzte Abiturzeit raube Kindern und Jugendlichen immer mehr die zeitlichen Ressourcen für Natur- wie Sozialerfahrungen in Freizeitgruppen oder beim ehrenamtliches Engagement.
Das bestätigen auch die Mitarbeiter christlicher Jugendverbände in Mitteldeutschland. Die Ortsvereine des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Thüringen spürten seit Jahren die zunehmende Überlastung Jugendlicher durch schulische Anforderungen, berichtet Jugendreferent Samuel Pfendt. Wochentags seien oftmals kaum noch Gruppenangebote möglich. Auch René Markstein vom CVJM-Landesverband Sachsen-Anhalt beklagt, dass Jugendliche sich aus nachvollziehbaren Zeitgründen kaum noch für ein längerfristiges Programm gewinnen lassen.

Zwei Alternativen sehen er und sein Kollege aus Thüringen: Zum einen die Betonung von Projektarbeit. Für zeitlich überschaubare Aktionen, zumal an Wochenenden, seien sowohl Teilnehmer als auch ehrenamt­liche Mitarbeiter eher zu gewinnen. Der andere Weg ist eine verstärkte ­Kooperation mit den Schulen selbst.

Eine Form, die auch im Landes­jugendpfarramt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland favorisiert wird. In vielen Schulen werde das kirchliche Angebot für Freizeitprojekte gern angenommen, berichten die Referenten Jürgen Vogel und Stefan Brüne-Wonner. Allerdings gebe es auch etliche Schulen in Mitteldeutschland, die eine solche Koope­ration strikt ablehnen. Oft unter ­Berufung auf die gebotene weltanschauliche Neutralität. »Doch laut Schulgesetz sind kirchliche Angebote ausdrücklich möglich, solange die Teilnahme freiwillig ist«, betont Brüne-Wonner.

Zugleich machen beide die Beobachtung, dass die Schullandschaft derzeit in einem gewaltigen Umbruch stecke. Immer mehr Schulen begriffen sich selbst nicht mehr nur als Lernort, sondern als ganzheitlichen Lebensort. Dies sei eine wunderbare Gelegenheit, sich als Kirche an diesem Prozess zu beteiligen.

Was zugleich aber auch die Frage nach den zeitlichen und ­finanziellen Ressourcen der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit stellt. Doch Bildung, der sich die Kirchen nach eigenem ­Bekenntnis besonders verpflichtet sehen, ist eben mehr als nur Schule.

Harald Krille

Buchtipp:
Weber, Andreas: Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur, Ullstein Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-548-37451-2, 9,99 Euro

Der »German Mullah« von Kabul

9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Militärseelsorger Friedrich von Kymmel kümmert sich in Afghanistan um die deutschen Soldaten

Er wartet nicht darauf, dass die Soldaten zu ihm kommen und von »Psycho-Gedöns« hält er nicht viel. Beliebt ist der Pfarrer umso mehr.

Die Dienstkleidung des 54 Jahre alten Pfarrers ist der Tarnanzug. An seiner Schulter prangt ein Aufnäher mit »A negativ«. Seine Blutgruppe. Am Ärmel klebt die Deutschland-Flagge, der ISAF-Schriftzug in lateinischen Lettern und in den Dari-Schriftzeichen. Darunter prangt ein Kreuz und »Domini Sumus« (Wir sind des Herren), ein Spruch aus dem Römerbrief, den die evangelische ­Militärseelsorge als ihren Leitspruch verwendet.

Auch wenn es in Kabul vergleichsweise sicher ist: Der Weg zu einem Gottesdienst bedeutet für Friedrich von Kymmel auch Gefahr. Davon zeugen manche ­Einschusslöscher im Panzerglas der Transportfahrzeuge. Fotos: Helmut Frank

Auch wenn es in Kabul vergleichsweise sicher ist: Der Weg zu einem Gottesdienst bedeutet für Friedrich von Kymmel auch Gefahr. Davon zeugen manche ­Einschusslöscher im Panzerglas der Transportfahrzeuge. Fotos: Helmut Frank

Schon im Morgengrauen erschallt in der ganzen Stadt der tägliche Ruf des Muezzin, der auch im Lager zu vernehmen ist. Freitag ist der Sonntag in Afghanistan. Von Kymmel bricht um neun Uhr zum Gottesdienst auf. Im Panzerfahrzeug, mit Helm, Gehörschutz und Splitterschutzweste. Geschützt von zwei Soldaten und einem weiteren Begleitfahrzeug, fährt er vom Camp Warehouse im Nordosten der Stadt bis ins ISAF-Hauptquartier im Zentrum.

Als Pfarrer ist von Kymmel unbewaffnet. Wenn er das Camp verlässt, trägt er nur seine Gitarre bei sich. In der Luft hängt der typische Kabuler Smog, eine Mischung aus feinem Sandstaub und Abgasen. Das Hauptquartier, HQ genannt, liegt gegenüber der stark gesicherten amerikanischen Botschaft.

Obwohl zehn Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen sich die Lage in Kabul einigermaßen entspannt hat, gelten die Militärs als besonderes Anschlagsziel der Taliban. Einen Tag später wird sich ein Fahrradfahrer vor dem afghanischen Verteidigungsministerium in die Luft sprengen und zehn Menschen mit in den Tod reißen.

Auf der Dachterrasse eines Containers hält er den Gottesdienst. Fünf Offiziere sind gekommen. Sie sind jedes Mal da. Von Kymmel hebt an: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …« Der Rest geht im Lärm zweier US-Hubschrauber unter.

Seit vier Monaten kümmert sich der Pfarrer als Seelsorger um die deutschen Soldaten in der Hauptstadt Afghanistans. In seiner Stube in einem der sieben deutschen Container arbeitet und schläft er. Daneben ist der Gemeinschaftsraum der Militärseelsorge, »das Wohnzimmer«, wie es von Kymmel nennt. Zwei Ledersofas, ein Fernseher, auf dem Couchtisch stehen Kekse, Gratis-Coladosen im Kühlschrank. In der Ecke verstaubt ein Karton voll unberührter Gideon-Bibeln. Freitagabends schaut von Kymmel mit seinen Soldaten einen Film oder Fußball, dazu gibt es Pizza und Dosenbier.

»Der Fritz« ist beliebt im Camp. »Ich setz mich nicht in meine Bude und warte bis die kommen.« Sein Vorteil: Er habe »keinen Stock im Arsch«, sagt von Kymmel über sich selbst. Er spricht die Sprache seiner Gemeinde. Und bei einem Bier lässt es sich mit vielen leichter ein seelsorgerliches Gespräch führen als mit »Psycho-­Gedöns«.

Ein Pfarrer ohne »Stock im Arsch«

Ein Einsatz im Ausland ist eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten. Ein »psycho-soziales Netzwerk« aus Ärzten, Therapeuten und Seelsorgern kümmert sich um die Soldaten. Dennoch gibt es einen Unterschied: Mit dem Pfarrer können die Soldaten einfach so sprechen – ohne dass es irgendwo schriftlich festgehalten wird. Der größte Teil der Soldaten im Einsatz ist mit alltäglichen Problemen ­beschäftigt. Vor allem damit, getrennt zu sein vom Partner und der Familie. Von Kymmel hat schon etliche Beziehungen hier zerbrechen sehen. Nur ein kleiner Teil der Soldaten sind an vorderster Front eingesetzt. Wenn sie zurückkommen, steht er zum Gespräch bereit.

Von Kymmel wollte nie Militärseelsorger werden. Zu DDR-Zeiten entging er als Bausoldat dem Dienst bei der Nationalen Volksarmee. »Das kannst du voll vergessen, ist nicht mein Ding«, entgegnete er vor vier Jahren noch einem Studienfreund, der ihn fragte, ob er seine Stelle als ­Militärseelsorger übernehmen wolle. Als dann kurz drauf ein guter Freund an einem Herzinfarkt starb, schickte von Kymmel die Bewerbungsunter­lagen im brandenburgischen Holzdorf ab.

In einigen Wochen wird er wieder nach Holzdorf zurückkehren. Zurück zu seiner Frau Elke und den drei Kindern. Von Afghanistan selbst hat er kaum etwas gesehen. Die Wege zu den Gottesdiensten sind für ihn eine der wenigen Gelegenheiten, Eindrücke zu bekommen. »Beeindruckend und deprimierend zugleich, die Slums am Rande der Stadt – ein riesiges Meer von Lehmhütten und Zeltplanen«, beschreibt er, was er im Vorbeifahren durch das Panzerglas sieht.

Kontakt zu Afghanen hat er meist nur im Camp. Sie nennen ihn den »German Mullah«. Einmal hat von Kymmel einen Repräsentanten der ­afghanischen Armee kennengelernt, der ihm erklärte, warum der Islam gegenüber dem Christentum die wahre Religion ist. »In so einer Situation muss ich mich immer freundlich zurückhaltend verhalten.«

In den Gesprächen mit den Soldaten spielt die Religion meist keine besondere Rolle. Es gebe sogar Soldaten, denen ganz wichtig ist zu betonen, dass sie Atheisten sind, erzählt er. »Ich hab dann immer den Spruch drauf: Du weißt bloß nicht woran du glaubst.«

Nadja Alexander Mayer

»Die entweihte Kirche«

9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Quedlinburger Stiftskirche erinnert an Vertreibung der Kirchengemeinde

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Die entweihte Kirche«, heißt eine Ausstellung in Quedlinburg, die am Ostermontag in der Stiftskirche St. Servatius eröffnet wurde. Sie erinnert an die Vertreibung der Kirchengemeinde St. Servatii aus ihrem Gotteshaus durch die SS. Ostermontag 1938 feierte die Gemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. Dann übernahm die SS die Schlüsselgewalt. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Stiftskirche zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte für das ganze deutsche Volk machen. Ohne Wissen und Mitwirkung der Gemeinde sei der Vertrag über die künftige Nutzung der Kirche geschlossen worden, erläutert Ekkehard Steinhäuser, der heutige Pfarrer. Die Kirchenführung sei der Gemeinde in den ­Rücken gefallen, die Denkmalpfleger hätten mit den braunen Machthabern paktiert. »Das Kreuz wurde abgehängt, die Bibeln verschwanden, vom Turm der Kirche wehten die Fahnen der SS«, umreißt er die Situation vor einem Dreivierteljahrhundert.

Nach acht schrecklichen Jahren feierte man erst am 3. Juni 1945 wieder einen Gottesdienst. Die Schau in der Kirche schlägt den Bogen von Heinrich I. über den Staatsakt der NS-Prominenz am 2. Juli 1936 zu dessen 1000. Todestag, über Entweihung und Vertreibung bis zum Aufbau eines Kulttempels brauner Ideologie. Neben Text- und Fotomaterial werden in Vitrinen die Rede Himmlers, das Programm zur 1000-Jahr-Feier und Briefe gezeigt. Dazu kommen die Originaltagebücher des damaligen Pfarrers der Stiftskirche, Rudolf Hein.

Pfarrer Steinhäuser, Theologischer Vorstand der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg, publiziert zur Ausstellung ein gleichnamiges Buch, das anhand bisher unerschlossenen Archivgutes die gesamte Verstrickung bei der »feindlichen Übernahme des Gotteshauses« dokumentiert.

In den Archiven fand Steinhäuser die Schriftwechsel des damaligen ­Superintendenten Johannes Schmidt, des Konsistoriums in Magdeburg und des Oberkirchenrats in Berlin mit den Reichsbehörden, insbesondere der SS. In diesen Akten werde deutlich, was sich zwischen Juli 1936, der Heinrichsfeier der SS, und Ostern 1938, der Vertreibung der Kirchengemeinde aus der Stiftskirche in Quedlinburg, abspielte.

Die Ausstellung konzipierte der Historiker Steffen Jindra. Das Thema Heinrich I., das Treiben der SS und Heinrich Himmlers beschäftigten ihn seit 15 Jahren immer stärker. Kritisch merkt der Filmemacher an, dass »keine dunkle Macht plötzlich auf Quedlinburgs Stiftskirche hinunterstürzte, niemand wurde mit Peitschen getrieben. Es war kein Alleingang Himmlers. All das gelang nur, weil alle an einem Strang zogen.« Der Großteil der Quedlinburger standen den Tätern zur Seite oder »ließen es lethargisch geschehen«. Jindra fügt an: »Widerstand war in Quedlinburg die absolute Ausnahme.«

Was damals an der Stiftskirche geschah, sei »ein Drama ohne Helden« gewesen. »Hier mischten sich Täter, Opportunisten, Mitläufer und Gleichgültige.«

Uwe Kraus

»Gott schenkte mir das Lachen«

8. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Sein Gottvertrauen hilft ihm, schwierige Phasen durchzustehen – Der TV-Komiker Markus Maria Profitlich

Er ist überzeugt: »Gott und Jesus haben ziemlich viel Humor!« Dass Glaube und Spaß auch ­beruflich zusammenpassen, hat Markus Maria Profitlich als Sprecher des Hörbuchs »Tagebuch eines frommen Chaoten« von Adrian Plass oder als Stimme des Propheten Micha in der »Großen Hörbibel« demonstriert.

Seit 1999, als Profitlich zur Sat-1-»Wochenshow« stieß und zwei Jahre lang neben Stars wie Anke Engelke oder Bastian Bastewka unter anderem als »Erklärbär« oder »Baby Markus« glänzte, ist der gebürtige Bonner aus der Riege deutscher Fernsehspaßmacher nicht mehr wegzudenken.

Für seine eigene ­Sendung »Mensch Markus«, die noch immer regelmäßig wiederholt wird, produzierte er zwischen 2002 und 2007 80 Folgen mit über 1500 Sketchen – und heimste gleich drei Deutsche Comedypreise ein. Ob als Schauspieler, Synchronstimme, Produzent oder auf Tournee mit eigenen Bühnenprogrammen – der 52-Jährige kommt gut an und ist ­beliebt.

Markus Maria Profitlich. Foto: SchwerlustigTV

Markus Maria Profitlich. Foto: SchwerlustigTV

Doch der Erfolg war Profitlich nicht in die Wiege gelegt. Schon mit 14 Jahren ging er von der Schule ab, wo er »nicht unbedingt erwünscht« gewesen sei. »Das war schlimm – einer der Lehrer hat mich ein paar Mal vor der Klasse blutig geprügelt. Das war damals noch üblich«, erinnert er sich. Von da an hielt sich der jüngste von fünf Geschwistern mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete auf dem Bau, einer Werft, als Lastwagen-Fahrer, »Bofrost«-Mann, an der Müllpresse. Im Alter von 29 Jahren begann Profitlich dann eine Schreinerlehre, die er trotz Prüfungsangst erfolgreich beendete.

Auf eine TV-Karriere deutete bis dahin nur wenig hin. Aber: »Alles, was ich gemacht habe, diente meiner Ausbildung zum Komiker. Ich habe es mit interessanten, aber auch verrückten Leuten zu tun bekommen und dabei fürs Leben gelernt«, bilanziert der Komiker. Erste Meriten als Unterhalter hatte er sich bereits beim »Christlichen Verein Junger Menschen« in Siegburg verdient, wo er zehn Jahre Kinderfreizeiten leitete und für die Kleinen »den Clown« machte.

1988 gründete er mit zwei Freunden die Spaßtruppe »Magic Marabus«, die auf Hochzeiten, Geburtstagen und Firmenfeiern für gute Laune sorgten. 1997 gelang der Sprung ins Fernsehen mit der RTL-Comedyreihe »Happyness«.

Dass wenig später mit der »Wochenshow« der große Erfolg begann, war eine von zwei glücklichen Fügungen. Die andere: seine Frau Ingrid Einfeld, die er bei einem Bühnenauftritt kennenlernte. Sie wurde Sketch- und Lebenspartnerin sowie die Mutter seiner Töchter Marilena und Jonna. Die in den USA geborene Schauspielerin ist auch mit dafür verantwortlich, dass Profitlich neu zum Glauben fand. »Sie hat mir klargemacht, worum es dabei wirklich geht: Gott ist da und will unser Freund sein«, sagt der Komiker. Die Familie gehört einer freien evangelischen Gemeinde an. Sonntags geht es gemeinsam zum Gottesdienst, und vor dem Essen und Schlafengehen wird gebetet.

Der Glaube wirke sich auch auf den Beruf aus: »Christ ist man ja immer – auch auf dem Klo oder in der Badewanne. Ich versuche, das mit reinzubringen«, sagt Profitlich, der zum Beispiel nicht mehr gerne Witze unterhalb der Gürtellinie macht: »Lieber auf der Gürtellinie – mein Gürtel ist ziemlich breit, da ist die Bandbreite groß.«

Wie es ist, ernsthaft krank zu sein, hat der voluminöse Spaßmacher am eigenen Leib erfahren: Nach einer Kehlkopf- und beidseitigen Lungenentzündung 2009 fiel er ein Jahr lang aus, musste mühsam wieder neu ­atmen lernen. Seitdem versucht er, beruflich zurückzuschalten und mehr Ruhe ins Leben zu bringen. Sein Glaube hat ihm dabei geholfen, diese Krise zu überstehen: »Ich habe viel Vertrauen in Gott und sage mir, es wird schon wieder. Mein ganzes Leben war so – ein Gottesgeschenk!«

Profitlich ist ein »Stehaufmännchen« – nicht zufällig auch der Titel seiner witzigen Autobiografie sowie des aktuellen Bühnenprogramms. Sein Motto: »Nur wer fällt, weiß, wie aufstehen funktioniert.« Nach vorn schauen, nie den Humor verlieren – das ist sein Tipp, um auch schwere Zeiten zu überstehen. Ein Ratschlag, der sehr gut zur Lieblingsbibelstelle des Komikers passt: »Gott schenkte mir das Lachen« (Gen 21, 6).

Tobias Wilhelm

Profitlich, Markus Maria: Stehaufmännchen. Markus Marias Tagebuch, Verlag Bastei Lübbe, 272 S., ISBN 978-3-404-60667-2, 8,99 Euro

Das Prinzip Nachhaltigkeit

7. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 300 Jahren entstand in Mitteldeutschland die moderne Waldwirtschaft

Auf der Ostermesse 1713 in Leipzig erschien ein Buch mit dem Titel »Von der wilden Waldaufzucht«. Es legte den Grundstein zu dem, was wir heute Nachhaltigkeit nennen. Sein Autor: Hans Carl von Carlowitz.

Hans Carl von Carlowitz, aus uraltem Adel, wird 1645 auf der Burg Rabenstein am westlichen Rand von Chemnitz geboren. Noch ist der 30-jährige Krieg nicht beendet. Sein Vater ist kurfürstlicher Oberaufseher des Floßwesens im Erzgebirge, Oberforst- und Landjägermeister. Der junge Hans von Carlowitz erhält sein Rüstzeug auf dem Gymnasium zu Halle an der Saale, auf  der Universität Jena und während einer »grand tour« quer durch Europa. Hans Carlowitz – ein mitteldeutscher Weltbürger.

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Ein besonderes Problem drückte damals europaweit die Wirtschaft: Holzmangel. Die leidige Energiefrage, uns gut bekannt. Die Holznot bedrohte um 1700 auch den sächsischen Silberbergbau mit den zugehörigen Schmelzhütten in seiner Existenz. Die Umgebung der Bergstädte war entwaldet. Die Holzpreise stiegen unaufhörlich. Das Silber aus dem Erzgebirge aber war der Treibstoff der unstillbaren Baulust wie Prunksucht August des Starken. Der Edle von Carlowitz, als Oberberghauptmann und damit Rohstoffminister, dachte staatstragend aber auch sozial: Handel und Wandel, die »florirenden Commercia« müssten »zum Besten des gemeinen Wesens« dienen. Auch die »armen Untertanen« hätten ein Recht auf »sattsam Nahrung und Unterhalt«. Aber dasselbe Recht stehe »der lieben Posterität«, den Nachkommen in Generationen ebenfalls zu.

In klaren Umrissen wird schon das Dreieck der modernen Nachhaltigkeit sichtbar: Die Ökonomie hat der »Wohlfahrt« des Gemeinwesens zu dienen. Sie ist zu einem schonenden Umgang mit der »gütigen Natur« verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden. Von Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn, auf »Geld lösen«, ausgerichtete Denken. Gegen den Raubbau am Wald setzt von Carlowitz die ­eiserne Regel: »Daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe.«

Dabei ist für den frommen Lutheraner die Natur kein bloßes Ressourcenlager, sondern zunächst das Werk göttlicher Allmacht und Vorsorge (»Providentia«): Der Mensch müsse in dem »grossen Welt-Buche der Natur studiren«. Er müsse erforschen, wie »die Natur spielet«, und dann »mit ihr agiren« und nicht wider sie und gegen Gott.

In seinem Buch plädiert von Carlowitz für ein Bündel von Maßnahmen: Eine – modern ausgedrückt – Effizienzrevolution schwebt ihm vor. Zum Beispiel durch die Verbesserung der Wärmedämmung beim Hausbau und die Verwendung von energiesparenden Schmelzöfen und Küchenherden, die planmäßige Aufforstung durch das Säen und Pflanzen von Bäumen, die Suche nach »Surrogata« (Ersatz) für das Holz. Bei der Erörterung, »wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe«, taucht dann zum ersten Mal der uns heute so geläufige Begriff auf.

Das Buch entfaltete eine beachtliche Tiefenwirkung. Für die Kameralisten der deutschen Kleinstaaten wird es Pflichtlektüre. In den Harzforsten der Grafen Stolberg-Wernigerode tauchte der Carlowitzsche Begriff 1757 in den »Grundsätzen der Forst-Oeconomie« auf. Und nur drei Jahre später unterzeichnet in Weimar die blutjunge wie bildschöne herzogliche Witwe Anna Amalia eine sanfte »Taxation« der herrschaftlichen Wälder und damit Finanzpfründe. »… diese sollten geometrisch gemessen und forstmäßig beschrieben werden und eine auf richtigen Grundsätzen der Forstwissenschaft festgesetzte neue und nachhaltige Forsteinrichtung erhalten.«

Diese Unterschrift gilt als Start der ­ersten flächendeckenden Forstreform, die sich ausdrücklich auf das Prinzip Nachhaltigkeit beruft. Wenig später beginnt Minister Goethe mit der systematischen Umsetzung. Nachhaltigkeit erlangte im Laufe des 19. Jahrhunderts weltweite Geltung. Absolventen deutscher Forsthochschulen wirkten in Russland, in Frankreich, selbst in Indien und in den USA. Sie machten »sustained yield forestry«, »nachhaltige Forstwirtschaft« zu einem Schlüsselbegriff.

Bis zu »sustainable development«, der »nachhaltigen Entwicklung«, des globalen Diskurses an der Schwelle zum 21. Jahrhundert war es zumindest begrifflich dann nur noch ein kleiner Schritt. Der für die aktuelle Diskussion maßgebliche Brundtland-Bericht der Kommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung aus dem Jahre 1987, benannt nach der taffen Protestantin und damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, die ihre Sozialethik beim Ökumenischen Rat der Kirchen gelernt hatte, beschrieb »nachhaltige Entwicklung« in Anlehnung an Carlowitz: »Im wesentlichen ist dauerhafte bzw. nachhaltige Entwicklung ein Wandlungsprozess, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potenzial vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.«

Freilich: Guter Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen und Rücksichtnahme auf Nachkommende gab es schon vor Carlowitz und in vielen Kulturen. Eine sehr frühe Nachhaltigkeitsregel ist in der Heiligen Schrift enthalten. Sie steht im 5. Buch Mose, Kapitel 22, Verse 6-7, und beschreibt ganz unromantisch, wie tragfähige Ressourcenschonung praktiziert werden sollte, damit Segen bleibt. »Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf ­einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen ­nehmen, sondern du darfst die Jungen ­nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest.«

Hans-Joachim Döring

Der Autor ist Umweltbeauftragter der EKM und Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezen­trums in Magdeburg.

www.carlowitz-gesellschaft.de

Literaturtipp: Grober, Ulrich: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, Kunstmann Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3-88897-824-1, 14,95 Euro

Finnland: Konfirmiert wird erst im Sommerlager

2. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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In Deutschland wird just an den Sonntagen zwischen Palmarum und Trinitatis Konfirmation gefeiert. Nicht so in Finnland. Hier ticken die Uhren etwas anders. Erst im langen finnischen Sommer beginnen die meisten lutherischen Gemeinden überhaupt mit dem Konfirmandenunterricht. Zwar kennt man auch hier die wöchentliche Unterweisung in Form von Unterrichtsstunden am Nachmittag oder Abend nach dem Schulunterricht. Auch Konfirmandentage und -wochenenden während der Schulzeit sind nicht unbekannt. Doch 92 Prozent aller Konfirmandinnen und Konfirmanden opfern lieber zwei Wochen ihrer zehnwöchigen Sommerferien, um an einem der unzähligen Konfirmandenlager im Land teilzunehmen.

Erik Panzig kommt aus ­Sachsen und ist Pfarrer der ­Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Finnland.

Erik Panzig kommt aus ­Sachsen und ist Pfarrer der ­Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Finnland.

Das finnische Kirchengesetz legt fest, dass 80 Stunden Konfirmandenunterricht zu erteilen sind und dass ein Jugendlicher erst in dem Jahr, in dem er seinen 15. Geburtstag feiert, konfirmiert wird. 86,2 Prozent aller
15-jährigen Finnen ließen sich im Jahr 2011 konfirmieren, wobei die Zahlen zwischen Süd und Nord sowie Stadt und Land deutlich schwanken. Im liberaleren Helsinki wurden 2011 nur noch 70 Prozent der 15-Jährigen konfirmiert. Im ländlichen und pietistisch geprägten Bistum Oulu sind es dagegen 95 Prozent. In einigen Gemeinden liegt der Prozentsatz sogar über 100, wenn einzelne Jugendliche zum Konfirmandenunterricht hinzukommen, die nicht als Kinder getauft wurden und somit noch keine Gemeindeglieder waren. Mit diesen ­Zahlen liegt Finnland weit vor den anderen lutherisch geprägten Ländern Nordeuropas (Dänemark 73 Prozent, Norwegen 65 Prozent und Schweden 32 Prozent), was auf mehrere positiv wirkende Faktoren zurückgeführt wird.

Neben der nicht zu unterschätzenden Tatsache, dass der lutherische Glauben nach wie vor identitätsstiftend in der finnischen Gesellschaft wirkt, sind es folgende finanzielle, ­personelle und lokale Quellen, aus welchen die finnische Kirche schöpfen kann: Um einen Jugendlichen zu konfirmieren, werden zwischen 300 und 500 Euro im Jahreshaushalt einer Kirchengemeinde budgetiert. Die Konfirmation und der vorausgehende Unterricht werden zwar von den örtlichen Pfarrern und Pfarrerinnen geleitet und verantwortet, die konkrete Ausgestaltung liegt aber bei den sogenannten »Isoset« (den »Großen«). Das sind Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren, deren Konfirmation selbst erst ein, zwei oder drei Jahre zurückliegt. Jeder zweite Konfirmand möchte selbst »Isonen« werden, um als Hilfsleiter auf die Sommerlager mitfahren zu können. Und jede finnische Kirchengemeinde hat mindestens eines davon an einem der Tausenden von Seen oder auf den Inseln in herrlicher natürlicher Umgebung.

In den Sommerlagern, die neben der obligatorischen Sauna immer auch eine eigene Kapelle haben, finden schließlich auch die Konfirmationen statt, zu denen die Familien dann anreisen. Und – auch das ist anders als in Deutschland – alle jungen Frauen und Männer tragen im Gottesdienst die gleiche weiße Albe. Doch die Frage, ob das neue Kleid gut aussieht oder der ungewohnte Anzug tatsächlich sitzt, stellen sich auch finnische Jugendliche. Und auch ihre materiellen Erwartungen sind mit denen deutscher Konfirmandinnen und Konfirmanden vergleichbar: Das Geld für den neuen Computer oder den Führerschein sollte am Tag der Konfirmation schon zusammenkommen.

Erik Panzig

Rückkehr der Cranachs

1. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Kliekener Altar ist wieder komplett

Knapp 33 Jahre, nachdem zwei kostbare Altartafeln aus der Dorfkirche im anhaltischen Klieken geraubt wurden, sind sie zurückgekehrt. Am 24. März stellte die Kirchengemeinde in dem Dorf bei Coswig die knapp 500 Jahre alten Kunstwerke von Lucas Cranach dem Älteren wieder in ihren Dienst. Der Altar, der aus einem geschnitzten Mittelteil, den beiden Tafeln, einer Predella und einem aufgesetzten Kruzifix besteht, ist nun wieder vollständig. Auf diesen Anblick hatte sich die Gemeinde seit Jahren gefreut. Dabei sah es anfangs so aus, als wären die Kunstwerke für immer verschwunden.

Rückkehr der Geraubten: Die beiden Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren schmücken nun wieder den Altar der Kirche in Klieken bei Coswig. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Rückkehr der Geraubten: Die beiden Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren schmücken nun wieder den Altar der Kirche in Klieken bei Coswig. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Im Mai 1980 brach ein Dieb ein kleines Kirchenfenster auf, riss die zwei Tafeln aus den Scharnieren und verschwand damit. Auf dem Altartuch blieb der Abdruck eines Sportschuhs der Größe 42 zurück. Die Ermittlungen der Polizei blieben ergebnislos. 2007 entdeckte der Münchner Kunsthistoriker Professor Johannes Erichsen die verloren geglaubten Tafeln in einem Bamberger Auktionshaus. Sie waren 1990 auf dem Kunstmarkt angeboten worden und zwischenzeitlich für Jahre in Privatbesitz gelangt. Das Bayerische Landeskriminalamt bewahrte sie bis zur Lösung des Streites, wem die beiden Tafeln denn gehören, fachgerecht auf. Nach einem juristischen Vergleich ist die Hoffnungsgemeinde Zieko, zu der Klieken ­gehört, wieder rechtmäßige Eigentümerin der Kunstwerke. Die Landeskirche Anhalts half, ebenso das Land Sachsen-Anhalt und die ­Kulturstiftung der Länder mit großzügiger finanzieller Unterstützung. Am 26. März 2009 kehrten die Cranach-Tafeln für einen Tag nach Klieken zurück. Danach begann in drei Bauabschnitten die Sanierung der Kirche und die Restaurierung der Tafeln.

Die dendrochronologische Untersuchung des Holzes, das zum Bau der Kliekener Fachwerkkirche verwendet wurde, ergab, dass die Bäume 1544 gefällt wurden. Damit handelt es sich bei dem Gebäude um die älteste bekannte Fachwerkkirche in Sachsen-Anhalt. Bauherren waren die Herren von Lattorf, denen seit dem 15. Jahrhundert das Rittergut Klieken gehörte. Wann der Altar in die Kirche kam, ist nicht bekannt. Landeskonservatorin Friederike Wendland trug am Sonntag die Forschungsergebnisse von Matthias Prasse vor. Der Kulturhistoriker habe ermittelt, dass der Altar aus Aken an der Elbe stammen könnte, wo der deutsche Orden eine Kommende betrieb. Eine der Tafeln zeigt einen Beter im Ordensgewand und ein Wappen. Als 1540 Hans von Lattorf Komtur der desolaten Kommende Aken wurde, ließ er einige Jahre später den Altar nach Klieken bringen. Das Bildprogramm weist ihn als Annenaltar aus. Im Schrein stehen eine große Skulptur der Anna mit dem Jesuskind auf dem Arm, sowie Maria und Christophorus. Die linke Tafel zeigt auf ihrer Festtagsseite die Eltern Marias, Anna und Josef, ihnen zu Füßen den betenden Ritter, die rechte die Geburt der Maria. Friederike Wendland verweist auf die hohe Qualität der vorreformatorischen Malerei und Schnitzarbeit. »Der Altar wird alle Generationen angesprochen haben, sodass man ihn später nicht ersetzt hat«, sagt sie.

Angela Stoye