Organspende – Akt der Nächstenliebe?

12. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Einladung zur Diskussion: Pro und Kontra Organspende – zwei Theologen geben unterschiedliche Antworten

Pro

Ulrich H. J. Körtner

Theologe und Medizinethiker, Vorstand des ­Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der ­Universität Wien

Ulrich H. J. Körtner

Ulrich H. J. Körtner

Organspenden können Leben retten. Die großen Kirchen werben für die Organspende als Akt der Nächstenliebe. Das ist grundsätzlich gut so. Die Toten brauchen ihre Organe nicht mehr, und die christliche Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben wird durch die Organentnahme nicht infrage gestellt. Sie richtet sich nicht auf die Wiederbelebung unseres Leichnams, der im Grabe verwest, sondern auf die Neuschöpfung der Verstorbenen durch Gott. Aber auch die Lebendspende, zum Beispiel einer Niere, kann ein verantwortungsvoller Akt der Nächstenliebe sein, sofern der Spender dabei nicht sein eigenes Leben mutwillig aufs Spiel setzt.
Von einer allgemeinen moralischen Pflicht zur Organspende kann jedoch nicht die Rede sein, da niemand außer mir selbst ein Recht an meinen Körper hat. Das deutsche Transplantationsgesetz trägt diesem Grundsatz Rechnung.

Dem christlichen Menschenbild widerspricht auch nicht die Bereitschaft, sich ein fremdes Organ einpflanzen zu lassen. Wohl ist der Mensch eine leiblich-seelische Einheit. Die Person lässt sich nicht vom Körper abspalten. Was dem Leib geschieht oder angetan wird, das geschieht der ganzen Person. Jeder medizinische Eingriff, zumal eine Organtransplantation, berührt daher mehr oder weniger massiv die eigene Identität. Wir sind aber nicht nur Leib, sondern wir haben einen Leib, zu dem wir uns in Freiheit und Verantwortung verhalten müssen.

Ob jemand glaubt, mit dem Organ eines anderen Menschen, insbesondere eines Verstorbenen, leben zu können, ohne es dauerhaft als Fremdkörper zu empfinden, und ob jemand auch all die gesundheitlichen Nebenfolgen auf sich nehmen möchte, die schon allein mit der Einnahme von Medikamenten verbunden sind, welche die Abstoßung des Organs verhindern sollen, muss jeder Betroffene für sich entscheiden. Aus christlicher Sicht ist die Annahme ­einer Organspende aber grundsätzlich zulässig.

Wir ehren das Leben als gute Gabe Gottes durch das Bemühen, Krankheiten zu verhüten oder zu heilen und dem Tod zu widerstehen, wenn dazu die Möglichkeit besteht. Auch wenn das irdische Leben nach biblischen Verständnis nicht verabsolutiert werden darf, weil sich die Hoffnung des Glaubens auf das ewige Leben richtet, ist es doch zu achten, zu schützen und zu erhalten.

Die Möglichkeiten der Transplantationsmedizin grundsätzlich gutzuheißen, bedeutet nicht, ihre Probleme und Schattenseiten zu leugnen. Dazu gehört die strittige Definition des Hirntodes ebenso wie die Gefahren des Organhandels und Mängel bei der Kontrolle.

Dazu gehören die Nöte der Angehörigen, wenn sie der Organentnah­me bei einem Hirntoten zustimmen sollen, aber auch die psychische Belastung, unter der manche Pflegepersonen und Ärzte bei der Versorgung von Hirntoten und bei der Organentnahme leiden.

Solange ein möglicher Organspender noch lebt, hat er Anspruch auf eine würdevolle Begleitung und Pflege. Auch ist die Praxis der Organentnahme kritisch zu prüfen, inwieweit sie für den Organspender und seine Angehörigen mit einem Sterben in Würde im Einklang steht und auch der Trauer und dem Abschiednehmen Raum lässt.
Die Transplantationsmedizin muss sich solchen kritischen Fragen stellen. Grundsätzlich verdient sie jedoch unsere Unterstützung.

Kontra

Ilse Junkermann

Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ilse Junkermann

Ilse Junkermann

Warum ich keinen Organspendeausweis ausfülle, was mich dabei bewegt und was ich zu bedenken gebe:

Erstens: In der öffentlichen Diskussion geht es hauptsächlich um die ­Organspende. Organspende rettet Leben. Im Spenderausweis geht es um zwei Spenden, um Organ- und Gewebespende. Über die Gewebespende wird wenig informiert und diskutiert, das nährt meine Skepsis. Im Fall der Gewebespende können Haut, Knochen, Sehnen, Augenhornhaut entnommen werden.

Sie werden nicht direkt verpflanzt, vielmehr werden diese Körperteile aufbereitet und über Kataloge zur Auswahl (etwa als Knochen mit und ohne Sehnen) Ärzten zur Verfügung gestellt. Auch Knochenmehl wird aus Knochen hergestellt, das als Arzneimittel eingesetzt wird. Das ist eine Verwertung des menschlichen Organismus in »Stückelungen«, in der meines Erachtens nicht mehr die Würde des Menschen geachtet wird. So ist die Gewebespende keine Spende, die Leben rettet, eher eine Spende von Teilen von sich selbst als Ersatzteil­lager für andere.

Zweitens: Voraussetzung für die Organentnahme ist die Feststellung des Hirntodes in einem mehrstufigen Verfahren. Aber: Sind Hirntod und Tod das Gleiche? Auf der Homepage einer Krankenkas­se heißt es: »Hirntod bedeutet, dass das gesamte Gehirn seine Funktionsfähigkeit für immer verloren hat.« Bei den Verfahren wird »das Erlöschen der elektrischen Hirnaktivität oder das Erlöschen der Hirndurch­blutung geprüft«.

Als medizinischer Laie nehme ich wahr, dass es international unterschiedliche Standards für die Feststellung des Hirntodes gibt. Die wissenschaftliche Definition von Tod hat sich im Lauf der Zeit geändert, leider immer mit medizinischen Interessen verbunden. So wurde die Definition des Hirntodes nach der ersten gelungenen Herztransplantation eingeführt.

Klar ist: Auch bei Hirntoten funktioniert manches noch. So kann auch bei Hirntod eine Schwangerschaft weiter ausgetragen werden, Hirntote können Fieber bekommen, in der Schweiz werden beispielsweise bei Organentnahmen Narkose- und Schmerzmittel verabreicht.

Der US-amerikanische Ethikrat hat in einer Untersuchung bereits im Dezember 2008 festgestellt, dass die Gleichsetzung von Hirntod und Tod nicht mehr aufrechterhalten werden könne, denn: »Das Gehirn sei vielmehr nicht der Integrator der verschiedenen Körperfunktionen; vielmehr sei die Integration eine emergente Eigenschaft des ganzen Organismus.« Damit einher geht die philosophische Wertung, dass das bewusste Leben einen höheren Wert als das unbewusste Leben habe. Daraus wird für mich deutlich: Die Bewertung von Leben und Tod gilt weniger dem sterbenden Menschen als vielmehr dem Empfänger.

Drittens: Der Prozess des Sterbens wird unterbrochen. Der Organismus von Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wird, wird mit Apparaten aufrechterhalten. Der Sterbende beziehungsweise der Hirntote muss im Blick auf die mögliche Organentnahme weiter medizinisch behandelt werden. So wirkt er oder sie nicht sterbend. Das erschwert den Abschied von ihm oder ihr. Und: Wir wissen nicht, was im Sterben geschieht, welche Schichten des Bewussten und Unbewussten noch wach und lebendig sind. Zur Würde des Menschen gehört nach meiner Überzeugung auch eine Würde des Sterbens, eine Würde, die sich im Abschiednehmen ausdrückt.

So kann meines Erachtens eine Organ- und Gewebespende ein Aspekt von Nächstenliebe sein. Sie als Akt der Nächstenliebe quasi zu empfehlen, dazu kann ich mich angesichts dieser drei Gesichtspunkte nicht durchringen. Vielmehr stellt sich mir neu die Frage: Wie gelingt es uns, angemessen, menschlich mit Leid umzugehen – ohne unnötiges Leiden zu fordern oder zu fördern?

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Organspende – Akt der Nächstenliebe?”
  1. uwe alberti sagt:

    Sehr geehrte Frau Landesbischöfin,
    zu Ihrer Meinung, die Sie als Bischöfin in Glaube+Heimat zum Thema Organspende geäußert haben, bleibt mir als Organempfänger einfach die Luft weg.
    Aus, wie mir scheint völliger Unkenntnis heraus, bringen Sie eine Meinung in Umlauf, die tausende totkranken Menschen wie ein Schlag ins Gesicht empfinden werden.
    Haben Sie sich mal einen Organspendeausweis angesehen? Wohl nicht! Dann wüssten Sie, dass es 5 Punkte gibt, von denen man einen ankreuzen kann. 1. Ja, ich will Organe spenden, 2. Nein ich will nicht spenden, 3. Ich will nur…Organe spenden, 4. Ich will …Organe nicht spenden, 5. Die Entscheidung soll… treffen.
    Ja, sie können, und das sei jedem Menschen völlig frei gestellt, alle oder bestimmte Organe NICHT für eine Spende zur Verfügung stellen. Diese Entscheidung ist immer und von jedem uneingeschränkt zu akzeptieren.
    Sind Sie sich überhaupt im Klaren darüber, dass der Ausweis gar nicht für Sie bestimmt ist? Er ist für Ihre Angehörigen, damit die im Fall des Falles wissen, wie Sie sich zu Lebzeiten entschieden haben.
    Das Thema Organspende derart zu verteufeln schlägt nur in die Kerbe des Voyeur-Journalismus, der sich in letzter Zeit auf eine ganz geringe Minderheit krimineller Chirurgen eingeschossen hat.
    Diese Stimmungsmache gegen Organspenden in den Medien führt dazu, dass die wenigen Organe noch weniger werden und dass noch mehr sterbenskranken Menschen keine Chance zum Überleben gegeben wird.
    Auch ich musste lange auf eine Leber warten und bekam Keine. Deshalb hat sich meine Frau aus bloßer Nächstenliebe entschlossen, ihre Gesundheit zu riskieren, um mir ein Weiterleben zu ermöglichen. Sie spendete mir einen großen Teil ihrer gesunden Leber.
    Doch eine solche Tat, müsste nicht sein, gäbe es genügend Organe. Und die gibt es nur, wenn aufgeklärt wird, wenn Menschen sich –rechtzeitig- mit ihrem eigenen Tod beschäftigen und über eine Organspende nachdenken.
    Jeder – auch Sie Frau Junkermann – erwarten ganz selbstverständlich wie jeder andere auch, dass Sie im notwendigen Fall ein Organ zur Verfügung gestellt bekommen.
    Die immer wieder zitierten Gaben von Beruhigungs- und Schmerzmitteln während der Organentnahme haben im Übrigen einen einfachen Grund: Da das Gehirn keinen Einfluss mehr auf die Muskulatur hat – es ist schließlich tot – kann es Interaktionen zwischen Rückenmark und Muskulatur nicht mehr unterbinden. Dadurch kommt es zu Verkrampfungen und Zuckungen. Um diese zu minimieren und die Organe medizinisch perfekt zu erhalten, werden derartige Mittel gegeben. Das sollten Sie auch kennen, wenn Sie mal einen ausgenommenen Karpfen mit nach Hause genommen haben. Der springt auch mal aus dem Beutel raus.
    Letzten Freitag habe ich in der Apoldaer Lutherkirche aus meinem Buch „LTx – Tagebuch einer Transplantation“ gelesen. Weit über einhundert Besucher haben hier gehört, was Verzweiflung heißt, was Nächstenliebe heißt und was es heißt, wieder am Leben teilnehmen zu dürfen.

    Uwe Alberti
    Apolda
    http://www.uwe-alberti.de/organspende

  2. Ursula Zscherpe sagt:

    Sehr geehrte Frau Junkermann,
    ich wünsche Ihnen und Allen, die einer Organspende noch ablehnend gegenüberstehen, dass Sie nie auf ein Spenderorgan für sich oder Angehörige (was ich genauso schlimm finde) angewiesen sein werden.
    Vielleicht ändern Sie und andere dann Ihre Meinung und das Thema Organspende wird zum Thema Organempfang.

    Ursula Zscherpe
    Apolda

  3. Christiane Meyer-Koch sagt:

    Liebe Frau Junkermann,
    ich persönlich verstehe die Diskussion nicht. Sie haben als Aspekt die Würde des Menschen genannt. Meine persönliche Meinung ist die, dass es mir so ziemlich egal sein kann, was nach meinem Tode mit meinen Organen passiert. Es ist doch schön, wenn nach meinem Ableben ein Mensch sein eigenes Leben verlängern kann, durch meine Organe. Was will ich denn noch mit meiner Augenhornhaut oder meinen Nieren, die als wichtige und lebensrettende Ressource sowieso in der Erde verfaulen?
    Ich betone es nochmal: Ich verstehe die Diskussion nicht. Wer selbst nicht spendet (vorsätzlich und wissentlich), sollte auch keinen Anspruch auf ein Organ haben. Dann wären vielleicht mehr Menschen dazu bereit, diesen Schritt zu gehen.